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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 90
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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An Louis Boulanger.

Die Legende von der Nonne.

Acabose vuestro bien
Y vuestros males non acaban.

Reproches al rey Rodrigo.

Elfte Ballade.

Ihr, denen warm die Herzen schlagen,
Kommt her und leiht mir Euer Ohr.
Ich will Euch die Geschichte sagen
Von Donna Padilla del Flor.
Alanje hat ihr einst das Leben,
Die waldumkränzte Stadt, gegeben. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Wohl gibt es in Granada Mädchen
Und in Sevilla ohnehin,
Die für ein Ständchen schon am Fädchen
Sich lassen von den Freiern ziehn,
Die Rittern im Vorüberwallen
Am Abend um die Hälse fallen. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn!

Doch von Padilla spricht, der reinen.
In so frivolem Ton man nicht.
Ein spanisch Mädchenauge scheinen
Saht nie ihr in so keuschem Licht.
Nie ließ sie sich durch Serenaden
Abwenden von der Tugend Pfaden. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Sie wollte keinen Honig saugen,
Sie scheuchte jeden Schmeichler fort,
Man weiß, ein Blick aus schönen Augen,
Aus schönem Mund ein freundlich Wort
Macht toll die Ritter und die Knappen,
Und alle tragen Narrenkappen. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn.
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Und Seufzer klangen, nicht zu zählen.
Als sie den Schleier nahm im Wahn.
Muß, wer nicht häßlich ist, vermählen
Sich drum mit Gott denn? Geht das an?
Toledo weinte um die Schöne,
Die ältsten Greise, wie die Söhne. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

»Der Welt und ihren eiteln Dingen
Fern leb' ich hier, wo mir's gefällt.
In Ruh und Frieden will ich singen
Und beten für die schlechte Welt.
Hier, sprach sie, darf kein Teufel walten,
Da Engel vor den Schild uns halten.« –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Kaum war im Kloster sie gefangen.
Als sich die Lieb' ins Herz ihr schlich.
Ein stolzer Räuber kam gegangen.
Trat vor und sagte: »Hier bin ich!«
Oft stolzer sind die Räuber, kecker
Als Cavallier' und noble Schäcker. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Und häßlich war er zum Erstaunen,
Und rauh die Hand und schlecht sein Hut.
Allein die Lieb' hat ihre Launen: –
Nie Nonne war dem Räuber gut.
Oft vor den Hirschen fliehen Hinden,
Nie einen Eber schöner finden. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn.
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Wie er den Eingang sich erstritten
Ins Kloster? – Leise schlich hinein
Er im Gewand des Eremiten,
Der kommt aus fernen Wüstenei'n,
Manchmal wohl auch im Ordenskleide
Der Templer kam der freche Heide. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Die Nonne glüht' in Höllenflammen,
Und kam, so sagt die Chronika,
Mit ihrem Räuber einst zusammen
Beim Bilde,der Veronika,
Nachts, in der Stunde der Gespenster,
Wo Eulen krächzen um die Fenster. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Padilla wollte, sie, die Nonne,
Die Heilge, fröhnen arger Lust,
Und schwelgend in verfluchter Wonne
Den Räuber drücken an die Brust,
Bis rings herum an den Altären
Erloschen alle Kerzen wären. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Doch als sie trat in die Kapelle,
Und dem Banditen rief, erscholl
Ihr seine Stimme nicht, doch grelle
Antwort gab ihr des Himmels Groll.
Ein Blitz, ein Donner, und sie lagen,
Die beiden Sünder da erschlagen. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn!

Wenn heut der Hirt von den Verfluchten
Erzählt, und Donner rollen läßt,
Dann zeigt er Euch am Rand der Schluchten
Noch schwarzer Mauern letzten Rest,
Zwei Thürme mit zerstörten Hallen,
Die täglich mehr in Trümmer fallen. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn.
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Wenn Nachts die Stern' in bleichem Schimmer
Auf das zerfallne Kloster sehn,
Und hoch der beiden Thürme Trümmer,
Zwei Riesen gleich, im Dunkel stehn.
Dann, in der Stunde der Gespenster,
Wo Eulen krächzen um die Fenster,...
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Dann steigt die Nonn' aus ihrer Zelle,
Macht durch die Trümmer ihren Gang
Und ein gespenstischer Geselle
Folgt ihr die Mauerwand entlang.
Sie trägt die Lampe, Ketten klingen.
Es steckt der Hals in Eisenringen, –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn.
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Die Lampe kommt, verschwindet, funkelt
Am Fenstergitter, blitzt empor,
Birgt hinter'm Pfeiler sich verdunkelt.
Und zittert hoch am Thurm hervor.
Bei ihrem wirren Strahl entfalten
Sich Heere flatternder Gestalten. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn.
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Doch wechseln unter ihren Schritten
Die Treppen, kommen und vergehn,
Im Keller wandelt er inmitten
Von Trümmern, sie auf Thurmes Höhn.
Und Trepp' und Stockwerk, Thurm und Wände
Verschieben gaukelnd sich ohn' Ende. –-
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Sie schweben auf und ab die Stufen
Sich suchend ohne Rast und Ruh'.
Sie strecken aus die Arme, rufen
Sich leis mit Geisterstimmen zu.
So hetzen sich bis zum Ermatten
Im Kreise die unsel'gen Schatten. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Und schwere Tropfen fallen nieder,
Durch alle Ritzen pfeift der Sturm,
Heult in Gewölben heis're Lieder,
Es stöhnt und ächzt der Glockenthurm,
Und schrille Jammertöne schallen
Und wildes Lachen durch die Hallen. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn.
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Zwei Stimmen wechselnd leise sprechen
Und laut: »Ist unser Ziel noch weit?
Schwer büßen wir für das Verbrechen,
Weh, weh, in alle Ewigkeit!
Müd werden selbst der Geister Hände,
Die drehn das Stundenglas ohn' Ende. ..«
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Die Hölle läßt sich nicht erweichen,
Sie suchen jede Nacht, wie's heißt,
Sich, ohne je sich zu erreichen,
Der weiße und der schwarze Geist,
Bis ausgelöscht die Lichter alle,
Und Morgenluft durchsaust die Halle. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Und wenn bei Nacht die Schauerklänge
Der Wandrer hört und bebend fragt:
Wen wohl der Herr in seiner Strenge
Mit solcher harten Strafe plagt,
Dann glühn in geisterhaftem Feuer
Der Beiden Namen am Gemäuer. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

Sankt Ildefons, der Abt, er wollte,
Daß die Geschichte allen kund
Den Klosterfräulein werden sollte
Durch der Aebtissin frommen Mund,
Um sie vor Sünde zu bewahren,
Damit sie nicht zur Hölle fahren. –
Laßt, Mädchen, hier, wo Stiere gehn,
Nie Eure rothen Schürzen sehn.

April, 1828.

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