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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 8
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung unüberlegter Gelübde

Wenn ein wohlgestellter, moderner Mensch mit Zylinder und Gehrock sich vor allen seinen Angestellten und Freunden verpflichten würde, die Blätter auf jedem dritten Baum Unter den Linden zu zählen, auf einem Bein jeden Donnerstag in die Stadt zu hüpfen, Kants ganze »Kritik der reinen Vernunft« sechsundsiebzigmal zu wiederholen, dreihundert Löwenzähne auf Feldern zu sammeln, die irgend einem des Namens Schulze gehören, einunddreißig Stunden lang sein linkes Ohr mit der rechten Hand zu stützen, die Namen all seiner Tanten dem Alter nach von einem Omnibus herunter zu singen oder sonst etwas derartig Ungewöhnliches zu unternehmen, würden wir sofort schließen, daß der Mensch toll wäre, oder wie man es manchmal ausdrückt, daß er ein »Lebenskünstler« wäre. Und doch sind diese Gelübde nicht außerordentlicher als die Gelübde, die im Mittelalter und in ähnlichen Perioden getan wurden, nicht allein von Fanatikern, sondern von den bedeutendsten Gestalten bürgerlicher und nationaler Zivilisation – von Königen, Richtern, Dichtern und Priestern. Einer gelobte, zwei Berge zusammenzuketten, und die große Kette, heißt es, hing da durch Menschenalter als Denkmal rätselhafter Narrheit, Ein anderer gelobte, mit verbundenen Augen seinen Weg nach Jerusalem finden zu können und starb auf der Suche dahin. Es ist nicht leicht, einzusehen, daß diese beiden Heldentaten, von einem streng rationellen Standpunkt beurteilt, irgendwie vernünftiger sind als die oben angedeuteten Handlungen. Ein Berg ist meistens ein feststehendes und zuverlässiges Objekt, das nicht angebunden werden muß des Nachts wie ein Hund. Und es ist auf den ersten Blick nicht leicht einzusehen, daß ein Mensch der Heiligen Stadt eine große Ehre erweist, wenn er unter Bedingungen aufbricht, die es im letzten Grade unwahrscheinlich machen, daß er jemals dahin gelangen wird.

Doch dabei muß eine auffallende Tatsache berücksichtigt werden. Wenn Menschen in unserer Zeit sich so betragen wollten, würden wir sie, wie gesagt, als »Dekadenzerscheinungen« betrachten. Aber die Menschen, die solche Dinge taten, waren nicht dekadent. Sie gehörten meist zu den kräftigsten Menschen einer Zeit, die allgemein als Kraftperiode gilt. Wieder wird man behaupten, wenn vollkommen normale Menschen solche Verrücktheiten aufführten, so geschah es nach dem eigensinnigen Geheiß eines abergläubischen Religionssystems. Auch das ist nicht stichhaltig; denn in den rein irdischen, in selbst sinnlichen Bezirken des Lebens, wie Liebe und Lust, zeigen die mittelalterlichen Prinzen die gleichen tollen Versprechungen und Taten, die gleiche, mißgestaltete Phantasie und die gleich erstaunliche Selbstaufopferung. Hier haben wir einen Widerspruch, zu dessen Erklärung wir das ganze Wesen der Gelübde von Anfang an durchdenken müssen. Und wenn wir ernstlich und richtig das Wesen der Gelübde überlegen, werden wir, wenn mich nicht alles trügt, zu dem Schluß kommen, daß ein Gelübde, Berge aneinanderzuketten, ganz normal, ja verständlich ist, und daß, wenn Verrücktheit überhaupt im Spiel ist, es ein bißchen verrückt ist, nicht so zu handeln.

Der Mensch, der ein Gelübde tut, trifft eine Vereinbarung mit sich für irgendeinen fernen Zeitpunkt oder Ort. Die Gefahr liegt darin, die Vereinbarung mit sich selbst nicht zu halten. Und in neuerer Zeit hat diese Angst vor sich selbst, vor der Schwäche und Veränderlichkeit des Ichs, erschreckend zugenommen und ist der wahre Grund für einen Einwand gegen Gelübde jeder Art. Ein moderner Mensch hält sich zurück von dem Gelübde, die Blätter jedes dritten Baums Unter den Linden zu zählen, nicht weil es dumm wäre, so zu handeln – er tut viel dümmere Dinge –, sondern weil er die feste Überzeugung hat, ehe er zu dem dreihundertundneunundsiebzigsten Blatt auf dem ersten Baume käme, würde er die Sache gründlich satt haben und nach Hause zum Tee gehen wollen. Mit anderen Worten, wir fürchten, daß er um diese Zeit nach der landläufigen, aber gräßlich treffenden Phrase ein andrer Mensch sein würde. Dieses schauerliche Märchen von dem Menschen, der sich immer in einen andern Menschen verwandelt, ist die Seele der Dekadenz. Daß Laurenz Steinmüller dem mit sichtlicher Ruhe entgegenblicken sollte, am Montag ein General Kirchner, ein Dr. Farussi am Dienstag, Walter von Stubenrauch am Mittwoch und Max Schicketanz am Donnerstag zu sein, mag wie ein Alp erscheinen; aber diesem Alpdrücken geben wir den Namen: moderne Kultur. Ein großer Dekadent, der jetzt tot ist, veröffentlichte ein Gedicht, in dem er den ganzen Geist der Bewegung bedeutsam zusammenfaßte durch die Erklärung, daß er im Gefängnishof stehen und vollkommen die Gefühle eines Mannes, der gehängt werden solle, begreifen könne:

»Denn wer das Leben vieler lebt,
stirbt öfter als einmal.«

Und das Ende von all dem ist jener verrücktmachende Schauder der Unwirklichkeit, der die Dekadenten überkommt und im Vergleich zu dem selbst physischer Schmerz etwas jugendlich Frisches haben würde. Die höllischeste Hölle, die sich die Phantasie ausmalen könnte, ist ewig Theaterspielen ohne das kleinste und schmutzigste Garderobenzimmer, in dem man Mensch sein kann. Und das ist die Lage des Dekadenten, des Ästheten, des Apostels der freien Liebe. Immerwährend Gefahren durchmachen, von denen wir wissen, sie schaden uns nicht, Eide nehmen, von denen wir wissen, sie binden uns nicht, gegen Feinde kämpfen, von denen wir wissen, sie besiegen uns nicht – das ist die grinsende Tyrannei der Dekadenz, die Freiheit heißt.

Betrachten wir den Gelübde-Tuer wieder. Der Mensch, der einen weiß Gott wie wilden Schwur tat, lieh der Größe eines großen Augenblicks gesunden und natürlichen Ausdruck. Er gelobte beispielsweise zwei Berge zusammenzuketten, vielleicht das Symbol einer großen Erlösung oder Liebe oder Sehnsucht. Wie kurz auch der Augenblick seines Entschlusses gewesen sein mochte, er war, wie alle großen Augenblicke, ein Augenblick der Unsterblichkeit, und das Verlangen von ihm: exegi monumentum aere perennius zu sagen, war die einzige Empfindung, die seiner Vorstellung genügen konnte. Der moderne ästhetische Mensch würde natürlich die günstige Gelegenheit zur Emotion leicht einsehen; er würde geloben, zwei Berge zusammenzuketten. Aber dann würde er ebenso heiter geloben, die Erde an den Mond zu ketten. Und das vernichtende Bewußtsein, daß er nicht meinte, was er sagte, daß er, in Wahrheit, nichts sagte von irgendwelcher Bedeutung, würde ihm gerade den Sinn einer verwegenen Aktualität nehmen, die der Antrieb eines Gelübdes ist. Denn was könnte einen mehr entrüsten als ein Dasein, in dem unsere Mutter oder Tante die Nachricht, wir wären im Begriffe, den König zu morden oder auf dem Groß-Glockner einen Tempel zu bauen, mit der heitern Gemütsruhe der Gewohnheit hinnähme?

Der Aufruhr gegen Gelübde hat sich in unsern Tagen sogar bis zu einem Aufruhr gegen das typische Ehegelübde gesteigert. Es ist sehr unterhaltsam, die Ehegegner über dieses Kapitel sprechen zu hören. Sie scheinen sich einzubilden, daß das Ideal der Treue ein Joch war, das heimlich vom Teufel der Menschheit auferlegt wurde, indes es ja tatsächlich ein – Joch ist, das alle Liebhaber beständig sich selbst auferlegen. Sie haben eine Parole erfunden, eine Parole, die eine Schwarz-weiß-contradictio in zwei Worten ist – »Freie Liebe« – als ob Liebhaber je frei gewesen wären oder es sein könnten. Es ist die Natur der Liebe, sich selbst zu binden, und die Einrichtung der Ehe erwies nur dem Durchschnittsmenschen die Ehre, ihn beim Wort zu nehmen. Moderne Weise bieten dem Liebhaber mit üblem Grinsen die größten Freiheiten und die vollste Unverantwortlichkeit an; aber sie achten ihn nicht, wie ihn die alte Kirche achtete; sie schreiben seinen Eid nicht an die Himmel als Urkunde seines höchsten Augenblicks. Sie geben ihm jede Freiheit mit Ausnahme der Freiheit, seine Freiheit zu verkaufen, welche die einzige ist, die er braucht.

In Bernard Shaws glänzendem Stück »Der Liebhaber« haben wir ein lebendiges Bild von diesem Stand der Dinge. Charteris ist ein Mann, der sich andauernd Mühe gibt, ein freier Liebhaber zu sein, was dem Bemühen gleichkommt, ein verheirateter Junggeselle oder ein weißer Neger zu sein. Er wandert in hungrigem Suchen nach einem gewissen Frohsinn, den er bloß haben kann, wenn er den Mut hat, vom Wandern abzulassen. In alten Zeiten wußten die Menschen besser Bescheid – in der Zeit beispielsweise von Shakespeares Helden. Wenn Shakespeares Menschen wirklich unverheiratet sind, preisen sie die unzweifelhaften Vorteile der Ehelosigkeit, Freiheit, Unverantwortlichkeit, eine Möglichkeit beständiger Veränderung. Aber sie waren nicht solche Narren, das Reden über Freiheit fortzusetzen, wenn sie sich in einer Lage befanden, daß ihr Glück und Unglück vom Brauenfurchen irgendeines andern abhing. Suckling reiht Liebe zur Schuld in seinem Lob der Freiheit.

»Und wer den Beiden heil entging,
der ist vor aller Welt beglückt.
Er lebt, wie in der goldnen Zeit,
wo jeder jedes haben kann.
Er nimmt die Pfeife, nimmt sein Glas
und hat nicht Angst vor Weib noch Mann.«

Das ist eine vollkommen mögliche, vernünftige und menschliche Stellung. Aber was haben Liebhaber mit lächerlichen Affektiertheiten zu tun, weder Weib noch Mann zu fürchten? Sie wissen, daß im Handumdrehen die ganze Weltmaschine bis zum fernsten Stern ein Musikinstrument oder ein Folterinstrument werden kann. Sie hören ein Lied, älter als Sucklings seines, das hundert Philosophien überlebt hat. »Wer ist, die hervorbricht wie die Morgenröte, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie die Heersspitzen?«

Wie wir gesagt haben: Gerade dieses Hintertürchen ist es, dieses Gefühl einer Rückzugsmöglichkeit, das für unser Denken der sterilisierende Geist modernen Vergnügens ist. Überall wird der hartnäckige und unsinnige Versuch gemacht, Vergnügen zu erlangen, ohne dafür zu zahlen. So sprechen in der Politik praktisch genommen die modernen Jingoes: »Laßt uns die Freuden der Eroberer haben ohne die Leiden der Soldaten; laßt uns auf Sofas sitzen und eine abgehärtete Rasse sein«. So sprechen in Religion und Moral die dekadenten Mystiker: »Laßt uns den Duft der heiligen Reinheit haben ohne die Qualen der Kasteiung; laßt uns abwechselnd der Mutter Gottes und dem Priapus Hymnen singen«. So sprechen in der Liebe die freien Liebhaber: »Laßt uns den Glanz haben, uns zu opfern, ohne die Gefahr uns bloßzustellen; laßt uns sehen, ob man nicht Selbstmord unzählig oft begehen kann«.

Mit Nachdruck: es wird nichts nützen. Es gibt ohne Zweifel erschütternde Augenblicke für den Zuschauer, den Amateur und den Ästheten; aber es gibt eine Erschütterung, die nur der Soldat kennt, der für seine eigne Fahne kämpft, nur der Ästhet, der für seine eigne Erleuchtung verhungert, der Liebhaber, der schließlich seine eigne Wahl trifft. Und diese umwandelnde Selbstsucht ist es, die aus dem Gelübde etwas wirklich Gesundes macht. Es muß selbst den Riesenhunger der Seele eines Liebhabers oder Dichters gesättigt haben, zu wissen, daß als Folge irgendeines plötzlichen Entschlusses jene seltsame Kette durch Jahrhunderte in den Alpen hängen würde, im Schweigen der Sterne und des ewigen Schnees. Um uns ist die Stadt der kleinen Sünden, voll Hintergäßchen und Schlupfwinkeln, aber sicherlich, früher oder später, wird die turmhohe Flamme vom Hafen schlagen, zu verkünden, daß die Herrschaft der Memmen um ist, und ein Mensch seine Schiffe verbrennt.

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