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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 7
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung der Demut

Wer heutigestags eine der Kardinaltugenden zu verteidigen unternimmt, der wird mit einem Ergötzen vernommen, als handelte es sich um ein Laster. Moralische Gemeinplätze sind so viel angezweifelt wurden, daß sie zu sprühen anfingen wie glänzende Paradoxe. Vollends in unserer Zeit der Verherrlichung des Ego hat einer, der zugunsten der Demut spricht, etwas unbeschreiblich – Gaunerhaftes. Ich will hier nicht aus praktischen Gründen die Demut verteidigen. Praktische Gründe sind uninteressant, obwohl sich auch aus praktischen Gründen die Demut mächtig empfiehlt. Wir wissen alle, daß die »göttliche Glorie des Ego« eine soziale Plage ist; wir schätzen alle unsere Freunde um ihrer Bescheidenheit, Einfachheit und Gemütlichkeit willen. Was immer unsere Gründe sein mögen, wir haben alle eine lebhafte Anerkennung und Sympathie für die Demut – anderer Leute.

Aber wir müssen hier der Sache tiefer auf den Grund sehen. Wenn die Demut nur aus sozialen Gründen befürwortet würde, so könnte der Fall sehr wohl anders liegen, und die Egoisten sich als die edlen Märtyrer und Kämpfer um ein höheres Ideal herausstellen. Es ließe sich hier ein recht annehmbarer Schluß aus ihrer verhältnismäßig geringen Weitläufigkeit ziehen.

Aber bei einer Betrachtung der Demut muß vor allen Dingen eine ewige und rein innerliche Seite ins Auge gefaßt werden. Die neue Philosophie der Selbstwertung und Selbstbehauptung erklärt die Demut als ein Laster. Wenn dem so ist, dann geht unleugbar hervor, daß sie zu jenen Lastern gehört, die ein unlöslicher Bestandteil der Erbsünde sind. Klipp und klar gehen alle großen Freuden des Daseins daraus hervor. So ist keiner noch verliebt gewesen, ohne eine wahre Orgie der Demut zu feiern. Alle temperamentvollen und natürlichen Leute kosten die Demut schon als Schulknaben aus, vom Moment an, wo sie anfangen, sich für einen Helden zu interessieren. Die Demut wird sowohl von den Freunden wie von den Feinden des Christentums als eine ganz spezifisch christliche Qualität hervorgehoben; nur wird der wahre und einleuchtende Grund hierfür des öfteren übersehen. Die Heiden optierten für eine starke Behauptung des eigenen Selbst, weil es zur Wesenheit ihres Glaubens gehörte, daß sie die Götter zwar für gerecht und stark, aber auch für flüchtig, launisch und gleichgültig hielten. Aber das Wesen des Christentums war im buchstäblichen Sinne das Neue Testament – ein Bund mit Gott, der dem Menschen klare Aussicht auf eine Befreiung erschloß. Sie fühlten sich gedeckt: da forderten sie denn Paläste aus Perlen und Silber unter dem Schwur und Siegel des »Allmächtigen«; sie erachteten sich als durch eine unwiderrufliche Verheißung befugt, über die Sterne erhoben zu werden, und gleichzeitig entdeckten sie die Demut. So wurde nur ein neues Beispiel desselben unabänderlichen Paradoxes gestellt. Es sind stets die Sicheren, die Selbstbewußten, welche die Demütigen sind.

Wir sehen es an den Fanatikern, die den evangelischen Gedanken auf offener Straße perpetuieren. Sie sind ja ärgerlich genug, aber keiner, der sie wirklich beobachtete, wird leugnen können, daß sie aus zweierlei Gründen Ärgernis erregen: ihrer ärgerlichen Heiterkeit und ihrer ärgerlichen Demut halber. Diese Vereinigung von Freudigkeit und Zerknirschung ist zu universal, als daß man sie übersehen könnte. Wenn die Demut heutigestages in ihrer Eigenschaft als Tugend in Mißkredit verfiel, so ist die Bemerkung nicht ganz unstatthaft, daß dieser Mißkredit zur selben Zeit fühlbar wurde, wie eine starke Abnahme der Freudigkeit in der Literatur und der Philosophie. Die Menschen sind zur stolzen Selbstbehauptung des antiken Griechen zurückgekehrt und gleichzeitig zur Bitterkeit des griechischen Pessimismus. Es trat eine Literatur ins Leben, die uns ein göttliches Selbstbewußtsein zum Gebote machte, und gleichzeitig die Menschen als jämmerliche Tollhäusler darstellte, die wie Hunde an die Kette gelegt zu werden verdienen. Sicherlich eine merkwürdige Sachlage: wenn wir von Herzen froh sind, glauben wir des Glückes nicht würdig zu sein; optieren wir aber für eine göttliche Emanzipation unseres Ichs, so scheinen wir ganz überzeugt zu sein, daß wir durchwegs wertlose Exemplare sind.

Die einzige Erklärung, die es da geben kann, ist, daß die Demut ungleich viel tiefere Wurzeln hat als die Modernen ahnen; daß sie eine metaphysische, ja fast mathematische Tugend zu nennen ist. Dies zeigt sich am besten, wenn wir diejenigen beobachten, die sich offen von der Demut abkehren und als oberste Tugend die Behauptung und umgehemmte Entfaltung des eigenen Ichs ausrufen. Diese Leute streben ganz natürlich nach einer möglichst großen Vervollkommnung ihrer angeborenen geistigen Gaben, und entziehen sich allem, was sie unter sich fühlen. Nun kann es mit dem Sich-Entziehen sehr wohl seine Richtigkeit haben, es ergibt sich aber daraus, daß allem, dem wir uns entziehen, wir auch selbst entzogen bleiben. Wenn wir die Türe vor dem Winde zuschlagen, so wäre es ebenso zutreffend, zu sagen, daß der Wind uns die Türe zuschlug. Welches immer die Tugenden sind, denen ein triumphierender Egoismus uns zutreibt, so ließe sich doch keineswegs vernünftigerweise behaupten, daß er einer größeren Erkenntnis zutreibt. Einen Bettler vor die Türe setzen, mag wohl berechtigt sein, aber vorzugeben, daß man all die Geschichten weiß, die der Bettler vielleicht zu erzählen hätte, ist barer Unsinn; und dies ist tatsächlich der Anspruch, den ein Egoismus erhebt: er vermeint, durch Selbstbehauptung wissend zu werden. Ein Käfer mag oder mag uns nicht inferior sein – aber wenn er es tausend und abermaltausend wäre, so bleibt die Tatsache, daß es wahrscheinlich eine Käferauffassung der Angelegenheit gibt, von der wir ewig nichts erfahren können. Wenn einer diese Auffassung ergründen will, wird es niemals dadurch geschehen, daß er hartnäckig sich brüstet, kein Käfer zu sein. Nietzsche, der glänzendste Vertreter der egoistischen Schule, hat mit todsicherer Logik und ehrenvoller Wahrheitsliebe zugestanden, daß die Philosophie des Selbstgenügens dazu führte, auf den Schwächlichen, Feigen und Unwissenden herabzusehen. Das Herabsehen mag ja eine sehr ergötzliche Beschäftigung sein, nur gibt es nichts, von einem Bergesgipfel bis zu einem Krautkopf, das man von einem Luftschiff aus wirklich sähe. Der egoistische Philosoph kann von himmlischen, verklärten Höhen aus sehen, nur sieht er es auch verkürzt oder verunstaltet.

Gesetzt, es wollte einer wirklich, so weit nur möglich, alles sehen wie es ist, so würde er sicherlich nach einem anderen Grundsatz verfahren. Er würde trachten, sich zeitweilig von all den persönlichen Eigenheiten loszulösen, die ihn von dem Gegenstand seines Studiums entfernen. Wenn wir einen Fisch genau studieren wollen, dürfen wir dabei nicht stolz an unsere Füße denken, als wären sie das Allerhöchste persönlichen Schmuckes. Der ernsthafte Forscher einer Fischmoral wird – im geistigen Sinne – seine Beine abstreifen. So wird der Vogelliebhaber seine Arme eliminieren; der Froschliebhaber wird seiner Zähne uneingedenk sein, und wer all die Hoffnungen und Ängsten der Qualle ergründen will, wird seine persönliche Erscheinung bis zu einem beängstigenden Grade einschränken müssen. Es ist, als ob dieser unser imposanter Körper, auf den wir mit Recht stolz sind, uns eher im Wege wäre, vom Moment an, wo wir die Dinge wirklich so einschätzen wollen, wie sie tatsächlich sind und es vollzieht sich in uns ein Prozeß geistiger Aszese, eine Kastration unseres ganzen Wesens, wenn wir in die Fülle aller Dinge eindringen wollen. Es kann uns nur dienlich sein, wenn wir die Fähigkeit erlangen, manchmal nur mehr wie ein Fenster zu sein – so klar, so durchsichtig und so unsichtbar.

In einem sehr amüsanten Kinderbuch steht der Satz, daß ein Punkt keinen Raum einnimmt und in keine Teile zerfällt. Die Demut ist jene luxuriöse Kunst, sich selbst zu einem Punkt zu reduzieren, nicht zu einem großen oder kleinen Ding, sondern zu einem Ding, das überhaupt des Umfangs entbehrt, so daß, zu ihm gehalten, alle kosmischen Dinge das sind, was sie wirklich sind – von maßloser Größe. Daß die Bäume hoch sind und das Gras kurz, ist reiner Zufall; es gilt nur in bezug auf unseren eigenen Maßstab. Aber für den, welcher auch nur einen Augenblick dieses müßigen Maßstabes sich entledigen konnte, wird das Gras zum ewigen Wald, die Meilensteine der Landstraßen zu rätselhaften Bergen; die Kuhblumen werden zu gigantischen, weithin leuchtenden Freudenfeuern, und die Maßliebchen auf ihren Stengeln zu Himmelssternen, einer den anderen überragend. Zwischen einem Zaunpfahl und dem nächsten sind neue erschreckende Landschaften: hier eine Wüste, die nichts anderes enthält als einen mißgestalteten Felsen; hier ein wunderbarer Wald, dessen Bäume leuchtende Kronen mit allen Farben des Sonnenunterganges tragen; dort wieder eine See voll von Ungeheuern, wie ein Dante nicht gewagt hätte, sie zu erträumen. Das sind die Visionen desjenigen, der, wie das Kind im Märchenbuch, sich vor dem Kleinsein nicht fürchtet. Der andere Weise indes, dem Ehrgeiz und Größe als Richtschnur dienen, gleicht einem Riesen, der immer größer und größer wird, was nur so viel heißen will, als daß die Sterne immer kleiner und kleiner werden, Eine Welt nach der anderen zerrinnt ihm: das leidenschaftliche verworrene Leben der »Alltäglichen« geht ihm verloren, wie das Leben der Infusorien dem unkenntlich bleibt, der sie ohne Mikroskop beschaut. Er wandelt durch öde Ewigkeiten hin. Er mag neue Systeme gründen und sie vergessen; er mag neue Welten entdecken und sie wieder verwerfen. Aber die türmende und glühende Vision, wie sie wirklich sind: die gigantischen Maßliebchen, der feurige Löwenzahn, die ganze Odyssee seltsam farbiger Ozeane und phantastischer Bäume, – diese ganze ungeheure Vision wird zerrinnen mit dem letzten demütigen Menschen.

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