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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 6
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung der Posse

Ich habe nie begreifen können, warum es gewisse Gattungen der Kunst geben soll, die als etwas Niedriges und Triviales abseits verwiesen werden. Eine Komödie wird als zur »Posse ausartend« bezeichnet; es wäre richtiger, von einer Umwandlung in die Posse zu sprechen; aber was das Ausarten betrifft, so könnte ebensogut von einem Ausarten ins Tragische die Rede sein. Von einer Geschichte heißt es wiederum, sie sei »melodramatisch«, und auch diese Bezeichnung gilt merkwürdigerweise für nicht schmeichelhaft. Etwas »pantomimisch« oder »sensationell« zu nennen, kommt einer beißenden Kritik gleich, weiß der Himmel warum, denn jede künstlerische Leistung ist eine Sensation, und eine gute Pantomime (allerdings gibt es keine) ist die denkbar angenehmste Sensation. »Dies Zeug ist recht für einen Kriminalroman« hört man öfters sagen, wie man etwa sagt, »Dies Zeug ist recht für ein Epos«.

Welches auch die Vorzüge und Fehler dieser Art von Klassifizierung sein mögen, jedenfalls haben sie eine höchst nachteilige Wirkung. Indem diese leichteren und weniger strengen Kunstformen eines höheren Zieles beraubt werden, fehlt ihnen natürlich auch jeder höhere Stolz, so daß sie tatsächlich ebenso schlecht zu werden drohen als sie zu sein gelten. Verwahrloste Kinder einer großen Mutter werden sie, schmutzig und ungebildet, in der Dunkelheit auferzogen, und wenn sie es einmal recht machen, geschieht es sozusagen im Zufall, infolge ihres eigenen Instinktes. Die gewöhnliche Detektivgeschichte mit ihren geheimnisvollen Moritaten scheint dem vernünftigen Leser weiter nichts als ein kurioser Ausblick auf einen Planeten der von gleichartigen Narren bevölkert ist, die die eigene Nasenspitze nicht finden und die Charaktere ihrer eigenen Frauen nicht erforschen können. Die gewöhnliche Pantomime ist uns wie das gräßliche satirische Bild einer Welt ohne Folge noch Ursache, eine Fülle »widerstreitender Atome«, eine in die Länge gezogene geistige Tortur. Die gewöhnliche Posse scheint eine Welt von geradezu kläglicher Trivialität. Dies alles läßt sich nicht leugnen, aber der Fehler liegt an nichts anderem als an der Haltung, die hier eingenommen wird, und die zu Anfang dieses Aufsatzes zitierten Sätze sind für diese Haltung bezeichnend. Ich zweifle nicht, daß andere Gebiete der Kunst ebenso herunter gekommen wären, hätten wir sie von vornherein ebenso sehr verachtet. Wenn wir von Sonetten in demselben Tonfall gesprochen hätten, wie wir von Café chantant-Liedern reden, so wäre ein Sonett etwas so Fürchterliches und Sonderbares geworden, daß es fast schade ist, daß wir keine Probe davon aufweisen können. Hätte es geheißen, daß die Epik eine Literatur für Kinder und Kinderwärterinnen sei, so würde man Miltons »Paradies« doch vielleicht unter die Pantomimen verwiesen haben. Der Titel wäre dann etwa: »Kasperl in der Unterwelt« gewesen. Denn wer ließe sich's angelegen sein, ein Werk zur Vollkommenheit zu bringen, wenn die Vollkommenheit selbst etwas Groteskes ist? Warum sollte Shakespeare den Othello schreiben, wenn selbst sein Triumph in dem Lobe gipfelte: »Herr Shakespeare taugt zu Höherem als zum Verfasser von Tragödien?« Die Art, wie man sich zur Posse und ihren wilderen Abarten stellte, mußte besonders verhängnisvoll sein. Daß solch hohe und berufene künstlerische Äußerungen einer so absoluten Nichtachtung verfielen, mag viele Ursachen haben: ich für meinen Teil bin überzeugt, daß sie infolge des ungeheuerlichen Mangels an Zuversichtlichkeit und Lebenslust entstand, die modernen Ästheten so sehr eigen ist, daß selbst die Revolutionäre (einst die hoffnungsvollste Klasse Menschen) davon ergriffen wurden, so daß selbst jene, die uns auffordern möchten, die Sterne ins Meer zu stürzen, nicht überzeugt sind, daß sie dort besser dran sein werden. Jede literarische Kunstform muß als Symbol für irgendeine Phase des menschlichen Geistes stehen; aber während eine Phase des menschlichen Lebens an sich selbst genügend überzeugend wirkt, bedarf sie, um zur künstlerischen Äußerung sich zu verdichten, einer gewissen Stilisierung und Schärfe, als Ersatz für ihre Unwirklichkeit. So kann ein vor seinem Herde einsam sitzender Alter die ganze tragische Größe eines König Lear oder Père Goriot verkörpern, soll er aber literarisch verwertet werden, so muß er noch etwas anderes tun, als nur vor seinen Herd hinstarren. Die künstlerische Rechtfertigung der Posse oder Pantomime muß also in den Gemütsbewegungen des Lebens beruhen und sich dazu verhalten. Und diese sind es, die von dem modernen Hang, nur die schmerzliche Seite des Lebens hervorzuheben, bis zu einem fast unglaublichen Grade überboten werden. Der Schmerz, heißt es, ist das im Leben vorwiegende Element; aber dies ist nur in einem sehr begrenzten Sinne wahr. Der Schmerz als die schwarze und furchtbare Seite des Lebens übt eine Anziehungskraft auf den jugendlichen Künstler aus, genau wie der Schulknabe Teufel und Skelette und Erhängte in seine Schulbücher zeichnet. Aber die Freude ist eine Sache, die viel täuschender und subtiler ist, da sie der Grund ist, warum wir leben, und ein sehr femininer Grund dazu; er ist mit jedem unserer Atemzüge verwoben, mit jeder Tasse Tee, die wir zu uns nehmen. Die Literatur der Freude ist unendlich schwieriger, seltener und triumphierender als die Literatur des Schmerzes, und von allen verschiedenen Formen der Literatur der Freude verdient die sogenannte Posse am meisten hochgehalten und gepflegt zu werden.

Selbst den stillsten Menschen, der am ruhigsten dahin lebt, wird manchmal ein plötzlicher blinder Hunger nach den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Daseins anwandeln; er wird sich unvermittelt fragen, wie es wäre, wenn die Teekanne plötzlich Salzwasser oder Honig enthielte, wenn die Uhr auf alle Tagesstunden zugleich zeigte, wenn die Kerze grün statt rot zu flammen begönne, und die Türe auf einen See oder ein Kartoffelfeld, statt auf eine Berliner Straße sich öffnete. Wer nun einer solchen namenlosen Anarchie sich angeweht fühlt, den hat zeitweilig der Geist der Posse erfaßt. Wenn Kasperl den Gendarmen mit einem Hiebe entzwei spaltet, so verwirklicht er dabei (wir brauchen deshalb nicht an Schlimmes zu denken) einen unserer Träume. Und diese Qualität der Pantomime wird durch die gemeinplätzige Landschaft und Architektur, welche die Pantomime und Posse kennzeichnen, vortrefflich versinnbildlicht und aufrecht gehalten. Wenn der ganze Vorgang sich in einer fremden Atmosphäre abspielte, wenn ein Birnbaum mit Äpfeln behangen, ein roter Fluß und eine seltsame Fernlandschaft dastünde, so würde die Wirkung eine wesentlich andere sein. Die Gassen und Buden und Rinnsteine der Farce, die dem gewöhnlichen Ästheten so alltäglich erscheinen, sind hier in Wahrheit ein Hauptbestandteil der ästhetischen Voraussetzung. Man will hier eine wirkliche moderne Türe sehen, die auf- und zugeht, um fortgesetzt neue Ausblicke zu gewähren; und einen wirklichen Bäcker, dessen Wecken durch die Luft sausen, ohne daß er sie berührt; andernfalls wäre von der ganzen inneren Spannung über diesen geisterhaften Einbruch der Zivilisation, dies plötzliche Auftreten Pucks oder Rübezahls nichts zu verspüren. Wenn die gegenwärtige borniert ästhetisierende Richtung nicht länger maßgebend ist, dann vielleicht wird die Posse wieder zu Ruhm und Ehren gelangen. Wenn die Menschen ihre Häuser längst nicht mehr in grau und grün ausstatten und mit japanischen Rosen dekorieren, werden auch die Ästheten ihre Häuser im Stil der Pantomime erbauen mit Türen, die alle ihre Türklinken und Klopfer nach innen tragen, Treppen, die auf einen Druck hin versinken, und (humoristische) Mahlzeiten, die als »Tischlein deck dich« aus einer Versenkung in die Höhe schweben werden. Jedenfalls wird es ebenso vernünftig sein, unsere Wohnungen und unsere Lebensweise nach dieser Kunstart, wie nach irgendeiner anderen einzurichten. Diese ganze Auffassung der Posse und Pantomime mag unsinnig erscheinen, aber vielleicht sind wir es, die unsinnig sind. Denn nichts in unserer seltsamen transitorischen Epoche kommt so zu kurz, wie die Fröhlichkeit. Selbst die geistreichsten Leute der Gegenwart, wenn sie etwas Komisches zu schreiben unternehmen, tun es unter der falschen und deteriosierenden Voraussetzung, daß die komische Literatur irgendwie zur oberflächlichen zählt. Wenn wir aber aus einer Aufführung des »Sommernachtstraumes« kommen, fühlen wir uns ebenso erhoben, wie nach einer Aufführung des »König Lear«. Denn die Freudigkeit dieser Werke ist älter als der Schmerz, ihre Tollheit ist gesünder als Weisheit, ihre Liebe stärker als der Tod. Die alten Meister dieser gesunden Tollheit: Aristophanes, oder Rabelais oder Shakespeare hatten wahrscheinlich manche Reibereien mit den Aszeten und Rigoristen ihrer Zeit, aber vor ehrlicher Sittenstrenge und Aszese hatten sie sicherlich Respekt. Aber mit welch schneidendem Hohn, mit welch unerhörtem Gespött würden sie jene ästhetischen Typen und Richtungen verfolgen, welche die Unmoralität zum Schild erhoben, und nicht einmal ihr Vergnügen dabei fanden, unsinnig waren, ohne es bis zum Übermut zu bringen, Narrenkappen aufsetzten, die ohne Schellen waren.

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