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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 5
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung der Planeten

Ein Buch unter dem Titel: »Terra Firma: die Erde kein Planet«, erregte vor Jahren meine Aufmerksamkeit. Der Autor war ein gewisser Dr. W. Scott, und er zitierte ganz ernsthaft die Meinungen von einer ganzen Reihe anderer Leute, die uns gänzlich unbekannt, aber offenbar von großer Wichtigkeit waren; ein Herr Beach von Southsea z. B, ist der Meinung, daß die Erde flach ist; und vielleicht ist sie es in Southsea. Ich will hier nicht Herrn Scotts Argumente in ihren Einzelheiten anführen. Diesen Argumenten zufolge läßt sich nämlich die Erde ebensowohl als flach erweisen wie als dreieckig. Ich habe nur einen schwachen Widerstand, wenn einer sagt: Wäre die Erde eine Kugel, so hätten die Katzen nicht vier Beine. Aber sagt er: Wenn die Erde eine Kugel wäre, so hätten die Katzen fünf Beine, so bin ich geschlagen. Aber wie gesagt, die wissenschaftliche Seite seiner merkwürdigen Theorien kümmert mich keinen Augenblick. Mich interessiert hier der Unterschied zwischen einer flachen und runden Erde nur in Beziehung zur Kunst und zur Phantasie. Denn seltsamerweise ist keiner von uns ein wirklicher Kopernikaner in seiner Art und Weise, die Dinge ins Auge zu fassen. Wir sind intellektuell überzeugt, daß wir einen unansehnlichen provinzialen Planeten bewohnen, aber wir fühlen uns nicht im mindesten als Provinzler. So manche Männer der Wissenschaft haben schon mit der Bibel gezankt, weil sie mit dem wahren astronomischen System nicht im Einklang steht; aber die Orthodoxen dürfen sicher dagegen einwenden, daß, wenn dieser Einklang bestanden hätte, er doch niemals irgend jemanden überzeugt haben würde.

Ein einziges Gedicht, oder eine einzige, von dem kopernikanischen Gedanken wirklich durchdrungene Geschichte, wären ein wahrer Alp. Können wir uns eine Berglandschaft in feierlicher Stille und einen in Verzückung emporblickenden Propheten veranschaulichen und gleichzeitig uns vergegenwärtigen, daß dies alles mit höchster Geschwindigkeit wie ein Kreisel im Herumschwirren begriffen ist? Können wir uns einen mächtigen König vorstellen, der einen wichtigen Beschluß zur Verkündigung bringt, und zugleich eingedenk ist, daß er tatsächlich mit dem Kopf nach unten in den leeren Raum hinausragt? Es ließe sich eine gar seltsame Fabel von einem Manne erdichten, der, mit dem Auge des Kopernikus gesegnet oder verflucht, alle Menschen auf bei Erde als einem Magnet zustrebende Eisenstifte sähe. Es wäre kurios, sich vorzustellen, wie sehr verschieden eine aggressive Rede über die Selbstherrlichkeit und Göttlichkeit des Menschen erklänge, wenn man ihn zugleich mit seinen Schuhsohlen am Planeten hängen sähe. Denn, trotz Herrn Scotts Abscheu vor der Newtonschen Astronomie und ihrer Unvereinbarkeit mit der Bibel, liefert die ganze Unterschiedlichkeit ein gutes Beispiel für die Verschiedenheit zwischen Geist und Buchstabe; der Buchstabe des alten Testaments steht im Gegensatz zur Theorie des Sonnensystems, dem Geiste nach aber steht er dieser Lehre sehr nahe. Die Verfasser der Genesis kannten keine Lehre vom Schwergewicht, was der Norm ebenso wichtig erscheinen wird, wie daß sie keine Regenschirme hatten. Dennoch ist in der Lehre der Gravitation ein seltsam biblisches Element enthalten – ein Element der Sicherheit und zugleich Abhängigkeit, ein Ringen nach Einheit, wodurch alle Dinge an einem Faden hängen »Du hast die Welt auf nichts gebaut«, sagte der Autor des Buches Hiob, und in dieser Sentenz ist die ganze furchtbare Poesie der modernen Astronomie enthalten. Das Gefühl der Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit des Universums, das Gefühl, daß es von einem Moment zum andern zerstört werden kann, wird uns durch die runde und sich drehende Erde auf das mächtigste zum Bewußtsein gebracht. Herrn Scotts flache Erde wäre das geeignetste Terrain für einen gemütlichen Atheisten. Die alten Juden hätte das Problem, ob gerade aufwärts oder hängend hinunter ziemlich gleichgültig gelassen. Sie hatten keinerlei verdrehte Ansichten, was die Würde des Menschen betraf. Es wäre interessant, sich auszumalen, ob die Welt jemals eine kopernikanische Poesie und eine kopernikanische Ausdrucksweise zeitigen könnte; ob wir jemals von einem »frühen Erdenlauf« statt einem »frühen Sonnenaufgang« reden werden, oder von einem zu den Gänseblümchen Hinauf- und einem zu den Sternen Hinabsehen. Aber wenn es je dazu kommen sollte, so stehen uns wirklich sehr phantastische und monumentale Dinge in Aussicht, wohl geeignet, eine neue Mythologie ins Leben zu rufen. So äußert Herr Scott mit naiver, wenn auch unbewußter Einbildungskraft, daß, den Astronomen zufolge, »das Meer ein großer Berg sei, so und so viele Meilen weit«. Diesen Berg von bewegtem Kristall entdeckt zu haben, in dem die Fische gleich Vögeln sich nisten, ist wie die Entdeckung eines neuen Erdteils: und wohl geeignet, die alte Erde wieder zu verjüngen. In der neuen Poesie, die wir beantragen, werden junge Bergsteiger kräftig die Spitze des Meeres zu erklimmen suchen. Wenn wir uns diese ganze Erde so wie sie ist vergegenwärtigen, so würden wir uns in einem Wunderland befinden und einen neuen Planeten entdecken, im Moment, wo wir unsern eigenen entdecken. Unter all den denkwürdigen Dingen, die wir vergessen haben, ist der universalste und folgenreichste Lapsus der, welcher uns vergessen ließ, daß wir einen Stern bewohnen.

In früheren Zeitaltern folgte der Entdeckung einer naturgeschichtlichen Tatsache sofort deren Vergegenwärtigung als einer poetischen Tatsache. Als der Mensch zu seinem wahren Bewußtsein erwachte und zu erkennen anfing, daß der Himmel blau und das Gras grün ist, wurde ihm diese Erkenntnis alsbald zum Symbol. Das Blau der Himmelsfarbe wurde zum Symbol himmlischer Heiligkeit; das Grün ging in die Sprache über als ein Ausdruck für eine fast an Unverstand grenzende Frische. Wenn uns beschieden wäre, in einer Welt zu leben, in welcher der Himmel grün und das Gras blau wäre, würde die Symbolik eine andere gewesen sein. Infolge irgendeines geheimnisvollen Grundes fand diese Gewohnheit, wissenschaftliche Daten ins Poetische umzusetzen, mit dem Fortschritt der Wissenschaft ein plötzliches Ende, und all die überwältigenden Verkündigungen, die ein Galilei und ein Newton verkündeten, klangen an taube Ohren. Und dennoch malten sie eine Welt, mit der verglichen die Apokalypse mit ihren niederstürzenden Sternen die reine Idylle war. Sie stellten fest, daß wir alle an eine Kanonenkugel geklammert im Saus durch den leeren Raum dahinwirbeln, und die Dichter ignorieren dies, als wäre es eine Bemerkung über das Wetter. Sie teilten uns mit, daß eine unsichtbare Macht uns in unsere Lehnstühle bannt, während die Erde in heftigsten Schwingungen dahinbraust wie ein Bumerang; und trotzdem greifen die Menschen zu verstaubten Akten, um die Barmherzigkeit Gottes zu beweisen. Sie sagen uns, daß Herrn Scotts ungeheuerliche Vision von einem Wellengetürme, das, wie der gläserne Berg aus den Märchenbüchern, zu einem festen Gefüge sich erhebt, tatsächlich existiert, und dennoch greifen wir zu den Märchen zurück. Zu welchen hohen dichterischen Schilderungen würden wir es nicht gebracht haben, wenn wir die Naturgeschichte auch weiterhin poetisch verwertet hätten, und die menschliche Phantasie mit den Planeten ein ebenso natürliches Spiel getrieben hätte, wie zuvor mit den Blumen! Es wäre uns ein planetarer Patriotismus entstanden, in dem das grüne Blatt die Rolle der Kokarde übernommen hätte, und die See zur immerwirbelnden Trommel geworden wäre. Wir würden stolz sein auf alle die Phasen, durch welche unser Planet sich emporrang, und würden sein Banner in dem blinden Turnier der Sphären pietätvoll aufrechthalten. Dies alles können wir ja jederzeit noch tun; denn bei all unserem angehäuften Wissen ist doch eins, was zum Glück keiner weiß: ob die Welt alt ist oder jung.

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