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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 3
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung des Schundromans

Bis zu welchem Grade wir das alltägliche Leben unterschätzen, zeigt sich am auffallendsten an der populären Literatur, deren große Masse wir immer als vulgär beschreiben. Des Knaben Geschichtenbuch mag ja literarischen Ansprüchen nicht gerecht werden, aber das heißt so viel wie vom modernen Roman sagen, daß der von der Chemie, der Astronomie, der Sozialökonomie nichts verstünde; dennoch ist es nicht vulgär an sich – vielmehr bildet es den tatsächlichen Mittelpunkt zahlloser feuriger Imaginationen.

In früheren Zeiten hatten die Gebildeten keine Kenntnis von der populären Literatur. Dadurch kam es auch zu keiner eigentlichen Geringschätzung. Wovon ich nichts weiß, und was mich gänzlich gleichgültig läßt, gibt mir zur Selbstüberhebung keinerlei Anlaß. Deshalb zieht noch keiner hochmütig die Straße hinab und dreht sich selbstgefällig den Schnurrbart in die Höhe, weil er sich seine Überlegenheit über irgendeine Gattung von Tiefseefischen zu Gemüte führt. In ähnlicher Ferne ließ das ganze Untergebiet der populären Literatur die gebildete Welt von ehemals.

Heutzutage hat sich dieser Grundsatz verschoben. Wir verachten zwar die vulgäre Literatur nach wie vor, aber wir ignorieren sie nicht. Wir sind auf dem Wege, trivial zu werden, so sehr befassen wir uns mit dem Studium der Trivialitäten; es lauert im Hintergrund das furchtbare Gesetz der Circe, daß die Seele, welche allzusehr sich herabläßt, um etwas zu erforschen, sich nicht mehr emporrichten kann. Keine Gattung populärer Schriften wird meines Erachtens zum Gegenstand so lächerlicher Übertreibungen und Mißverständnisse gemacht, wie die landläufige Knabenliteratur niedrigster Sorte. Diese Gattung hat vermutlich jederzeit existiert und mußte existieren. Sie darf ebensowenig Anspruch erheben, gute Literatur zu sein, als ihre Leser in den täglichen Gesprächen, die sie führen, auf große Rednertalente Anspruch erheben, oder die Klassenzimmer und Stuben, in welchen sie wohnen, architektonische Meisterwerke sein wollen. Aber deshalb müssen sie doch sprechen, in ihren Häusern weiterwohnen und ihre Lektüre haben. Das einfache Bedürfnis nach einer idealen Welt irgendwelcher Art, in der erdichtete Personen ungehindert sich entfalten können, ist viel tiefer eingewurzelt und viel älter als alle Gesetze der Kunst, und ist auch viel wichtiger. Ein jeder von uns hat in seiner Kindheit solch unsichtbare dramatis personae ins Leben gerufen, aber nie ist es unseren Kindsfrauen dabei eingefallen, diese Kompositionen auf Grund eines sorgfältigen Vergleiches mit Balzacs Schriften nachzukorrigieren. Im Orient wandert der Geschichtenerzähler von Beruf mit einem kleinen Teppich von Dorf zu Dorf; und ich hätte den aufrichtigen Wunsch, daß einer bei uns zulande den moralischen Mut besäße, diesen Teppich in Berlin N oder am Pariser Platz auszubreiten und Platz darauf zu nehmen. Aber die Geschichten jenes Teppichträgers werden schwerlich alle von höchster künstlerischer Vollendung sein. Literatur und Geschichten sind zwei sehr verschiedene Dinge. Die Literatur ist ein Luxus; die Geschichten sind eine Notwendigkeit. Ein Kunstwerk kann sozusagen nicht kurz genug sein, denn in seiner Klimax beruht sein Wert. Eine Geschichte kann nie zulange sich hinausspinnen, denn nur mit Bedauern sieht man sie ans Ende gelangen, und während der Künstler immer größere Gedrungenheit und Kürze anstrebt, ist größte Weitschweifigkeit ein Merkmal alles echt romanesken Plunders. Zwischen Kasperl und dem Polizisten kommt es nie zu einem Ende. Die beiden sind schlankweg als zwei unsterbliche Typen hingestellt.

Aber statt bei Erörterung des Problems von der offenkundigen Tatsache auszugehen, daß die Knaben aus dem Volke von jeher ungefüge und endlose romantische Lektüre pflogen, und dann für deren Sanierung Sorge zu tragen, – setzen wir gewöhnlich damit ein, daß wir in Bausch und Bogen alle derartige Literatur verdammen und uns höchlichst verwundert und entrüstet zeigen, weil die jungen Laufburschen, die hier in Frage kommen, nicht die »Wahlverwandtschaften« oder den »Baumeister Solneß« lesen. Besonders sind es Gerichtspersonen, welche die meisten Verbrechen der Großstadt der Schundliteratur zur Last legen möchten. Wenn ein Betteljunge einen Apfel stiehlt, wird darauf hingewiesen, daß er die Kenntnis von der Schmackhaftigkeit des Apfels allerlei ungesunden Büchern entnahm. Die Jungen selbst, wenn sie sich reumütig zeigen, berufen sich gerne mit heftiger Erbitterung auf Schauermären, wie es von Rangen, die einigen Humor besitzen, gar nicht anders zu erwarten ist. Aber die meisten Leute sind fest überzeugt, daß es eine Spezialität der Gassenbuben ist, die Hauptmotive für ihre Handlungsweise aus gedruckten Büchern zu schöpfen.

Nun bezieht sich aber jene von Gerichtspersonen gerne vorgebrachte Beschuldigung keineswegs auf den literarischen Unwert besagter Bücher. Schlecht geschriebene Bücher zu veröffentlichen ist kein Verbrechen. Da kämen gar viele Stilgebauer ins Gefängnis. Sondern man geht hier von der Theorie aus, daß die Masse der Knabenbücher niedrig und verbrecherisch ist, und den Instinkten niedriger Habgier und Grausamkeit schmeichelt. Dies ist die Theorie des hochlöblichen Gerichts und sie ist barer Unsinn.

Meine Erfahrungen betreffs der zerlumptesten Bibliotheken, die ich in den ärmsten Stadtvierteln vorfand, sind einfach folgende: Der ganze Wust von vulgären Knabenbüchern befaßt sich mit unzusammenhängenden endlosen Abenteuern und Wanderschaften. Leidenschaften spielen sich da keine ab, denn es kommen keinerlei Charaktere vor. Es dreht sich alles um gewisse lokale und hergebrachte Typen: den mittelalterlichen Ritter, den Duellisten des 18. Jahrhunderts, und den modernen Auswanderer, der sein Glück in den Goldgruben von Kalifornien suchen geht.

Unter diesen Erzählungen gibt es eine Unzahl, die sich mit den Abenteuern der Räuber, Flüchtlinge und Piraten befassen und Diebe und Mörder in einem romantischen Licht hinstellen. Aber was tun die Romane von Walter Scott anderes, oder Byrons Korsar, oder eine Schar anderer Bücher, die unentwegt als »Preise« oder Weihnachtsgeschenke zur Austeilung gelangen? Niemand wird sich einfallen lassen, zu glauben, daß Schillers »Räuber« oder der »Götz von Berlichingen« einen Knaben zu wilden Ausschreitungen veranlaßten. Wo unsere eigene Klasse in Frage kommt, geben wir gerne zu, daß romantische Schicksale mit Vergnügen von der Jugend vernommen werden, nicht weil sie ihrem eigenen Leben ähnlich, sondern weil sie verschieden davon sind. So könnte uns doch auch der Gedanke kommen, daß, welches immer die Gründe seien, die den kleinen Laufburschen zur Lektüre des »Nik Carter« und derartiger Bücher bewegen, es doch gewiß nicht diese sind, daß er selbst von dem Blute seiner Freunde und Verwandten trieft. In diesen wie in allen ähnlichen Dingen entfernen wir uns gänzlich von dem richtigen Standpunkt, indem wir von den »niederen Klassen« sprechen, und dabei die Menschheit mit Ausnahme von uns selbst meinen. Diese triviale romantische Natur ist nicht ausschließlich plebejisch: sie ist einfach menschlich. Wir haben den ganzen Plunder dieser Sorte von Büchern als eine krankhafte Ungeheuerlichkeit hingestellt, während sie nichts anderes ist als törichtes, gesundes Menschentum. Gewöhnliche Leute werden stets zur Sentimentalität neigen: wer gefühlvoll, aber um keine neuen Ausdrucksmittel für seine Gefühle besorgt ist, ist ein Sentimentaler. Diesen populären Schriften haftet nichts wesentlich Böses an. Sie bringen die sanguinischen und heroischen Gemeinplätze zum Ausdruck, auf welchen die Zivilisation gegründet ist; denn so viel ist klar, daß die Zivilisation auf Gemeinplätzen gegründet ist, oder überhaupt der Grundlage entbehrt. Welche Sicherheit könnte eine Gemeinde haben, welche die Behauptung des Staatsanwaltes, daß der Mord ein Unrecht sei, als ein originelles und glänzendes Paradox empfände? Wenn die Herausgeber und Verfasser der Schundromane plötzlich die gebildete Klasse unter Kuratel stellen, unsere Romane konfiszieren und uns ermahnen wollten, ein besseres Leben zu führen, so würden wir dies sehr schief aufnehmen. Dennoch hätten sie dazu viel größeres Recht als wir; denn bei aller Dummheit sind sie normal, wir aber abnorm; und die moderne Literatur der Gebildeten, nicht der Ungebildeten ist es, die offenkundig und aggressiv eine verbrecherische ist. Bücher, die den Pessimismus und die Sittenlosigkeit befürworten, und vor welchen der hochherzige Laufjunge zurückschaudern würde, liegen in allen Empfangszimmern auf. Wenn der lumpigste Tändler sich vermessen wollte, Bücher in seiner Auslage zu haben, die den Selbstmord oder die Bigamie ausdrücklich verteidigen, so würde ihm der ganze Vorrat schleunigst von der Polizei beschlagnahmt werden. Denn solche Dinge werden nur als unser Luxusartikel geduldet. Und mit einer Heuchelei und einem Aberwitz sondergleichen verweisen wir den Gassenbuben ihre Unmoral, während wir die Frage aufwerfen, ob es überhaupt eine Moral gibt. Während wir die Schundliteratur verwünschen, weil sie das Volk antreibt, die Besitzenden ihres Eigentums zu berauben, erklären wir jeglichen Besitz für Raub. Und wir beschuldigen (ganz ungerechtfertigterweise) diese Bücher der Unsittlichkeit, während wir mit philosophischen Systemen uns vertraut machen, die alle Ausschweifungen geradezu glorifizieren; und wir legen ihnen die vielen Selbstmordfälle junger Leute zur Last, während wir ruhig die Frage erörtern, ob denn das Leben wert sei, daß man es erhalte.

Ja, wir sind die morbiden Ausnahmen, wir sind es, welche die Klasse der Verbrecher genannt zu werden verdient. Dies sollte uns zum großen Trost gereichen. Die große Masse der Menschheit ist es, die mitsamt ihrer Masse unnützer Bücher und Worte es nie in Zweifel zog und nie in Zweifel ziehen wird, daß der Mut etwas Herrliches, die Treue etwas Edles sei, daß man bedrängten Frauen beistehen und überwundene Feinde verschonen solle. Es gibt aber auch eine große Anzahl gebildeter Leute, die so alltägliche Grundsätze anzweifeln, wie es eine Anzahl Menschen gibt, die sich für den deutschen Kaiser oder König Eduard halten; und ich höre, daß beide Arten von Leuten sehr unterhaltende Reden vorbringen können. Die Norm aber schöpft aus ihren gewohnten überschwenglichen sogenannten Schundromanen eine bessere und gesündere Moral, als sie in den glänzenden ethischen Paradoxen zu finden ist, die bei der vornehmen Welt so rasch wie ihre Moden wechseln. Es mag von recht primitiver Moral zeugen, einen »abgefeimten Bösewicht« niederzuschießen, aber sicherlich taugt sie mehr, als die in so manchen modernen Systemen enthaltene, von d'Annunzios Büchern abwärts. Solange die grobe und seichte Schicht der gewöhnlichen populären Romantik von einer armseligen Kultur unberührt bleibt, wird sie nie wirklich unmoralisch sein. Sie steht immer auf der Seite des Lebens. Die Armen, die Sklaven, die in Wahrheit von der Last des Lebens gebeugten, sind oft kopflos, wild und grausam gewesen, aber niemals hoffnungslos. Letzteres war stets ein Vorrecht der Gebildeten, wie gute Zigarren. Die populäre Literatur mit ihrem »Donner und Blut« wird stets einfach sein wie der Donner unter dem Himmel und das Blut des Menschen.

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