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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 2
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Einleitung

In endlosen, hügligen Gegenden – Gegenden gleich großen, schwindlig gewordenen Flächen, gleich Zangen, die der Idee, daß es überhaupt etwas wie Ebene gibt, zu widersprechen scheinen und uns allen vergegenwärtigen, daß wir auf einem Planeten mit abschüssigem Dach leben – trifft man von Zeit zu Zeit ganze Täler voll loser Felsen und Steinblöcke, so gewaltig, als wären es losgebrochene Berge. Das Ganze könnte ein mißglückter und aufgegebener Schöpfungsversuch sein. Oft hält es schwer, zu glauben, daß ein solcher kosmischer Auswurf anders als durch menschliche Mittel zustande gekommen sein kann. Die zahmste und beliebteste Vorstellung erfaßt die Gegend als Schauplatz irgendwelcher Gigantenkämpfe. Für mich ist sie mit einer Idee verbunden, die immer wiederkehrt und sich schließlich ganz instinktiv einstellt. Die Szene war der Schauplatz irgendeiner vorgeschichtlichen Prophetensteinigung, eines Propheten, der so viel riesenhafter war als die Propheten nach ihm, wie die Steinblöcke riesenhafter sind als Kiesel. Er redete einige Worte – Worte, die schändlich und fürchterlich schienen – und vor Schreck begrub ihn die Welt unter einer Wildnis von Steinen. Die Gegend ist das Denkmal einer uralten Furcht.

Wenn wir dieser phantastischen Laune nachgeben wollten, würde es schwerer halten, sich vorzustellen, durch welche entsetzliche Deutung oder welch wildes Bild des Weltalls diese erste Verfolgung heraufbeschworen ward, was für eines überraschenden Gedankens Geheimnis unter den grausamen Steinen begraben liegt. Denn in unserer Zeit sind die Lästerungen fadenscheinig. Pessimismus ist jetzt, was er von jeher eigentlich war, ganz offenkundig mehr Gemeinplatz als Frömmigkeit. Gottlosigkeit ist jetzt mehr als eine Affektiertheit – sie ist ein Übereinkommen. Der Fluch gegen Gott ist Übung I. im Elementarkurs der kleineren Dichtung. Gewiß nicht um solcher kindischer Ernsthaftigkeiten willen wurde unser vermeintlicher Prophet am Weltenmorgen gesteinigt. Wenn wir die Angelegenheit auf der unfehlbaren Wage unserer Vorstellung wägen, wenn wir sehen, wozu die Menschheit tatsächlich neigt, werden wir es sehr plausibel finden, daß er des Ausspruchs wegen gesteinigt wurde, das Gras wäre grün, und die Vögel sängen im Frühling; denn die Sendung aller Propheten von Anfang an ist nicht so sehr das Hinweisen auf Himmel und Hölle gewesen als vornehmlich das Hinweisen auf die Erde.

Religion mußte das längste und seltsamste Fernrohr beschaffen – das Fernrohr, durch das wir den Stern sehen können, auf dem wir wohnen. Für den Verstand und die Augen eines Durchschnittsmenschen ist diese Welt so verloren wie das Eden und so versunken wie Atlantis. Da läuft ein seltsames Gesetz durch die lange Dauer menschlicher Geschichte – daß die Menschen beständig danach trachten, ihre Umgebung zu unterschätzen, ihr Glück und sich selbst. Die große Sünde der Menschheit, die Sünde, die durch den Fall Adams gekennzeichnet ist, ist nicht das Streben nach Herrlichkeit, sondern nach unheimlicher und abscheulicher Erniedrigung.

Das ist der große Fall, der Fall, durch den der Fisch das Meer vergißt, der Ochs die Wiese vergißt, der Geschäftsmann die Stadt, jeder seine Umgebung vergißt und im vollsten und tatsächlichsten Sinne sich selbst vergißt. Das ist der wahre Fall Adams, und es ist ein geistiger Fall. Es ist ein eigen Ding, daß viele wirklich geistige Menschen wie General Gordon tatsächlich Stunden damit verbracht haben, über die genaue Lage des Gartens von Eden Betrachtungen anzustellen. Höchst wahrscheinlich sind wir immer noch im Eden. Nur unsere Augen haben sich geändert.

Der Pessimist gilt gewöhnlich für einen Empörer. Er ist es nicht. Erstlich, weil einiger Frohsinn dazu gehört, in Empörung zu verharren, und zweitens, weil der Pessimismus an unsre schwächsten Seiten appelliert, und der Pessimist ein ebenso schreiendes Gewerbe treibt wie der Schenkwirt. Der wirkliche Empörer ist der Optimist, der gemeiniglich lebt und stirbt in einer verzweifelten und selbstmörderischen Anstrengung, alle andern Leute davon zu überzeugen, wie gut sie sind. Es ist mehr als hundertmal bewiesen worden: will man wirklich das Volk aufhetzen und sterbenswild machen, so ist der richtige Weg dazu der, ihnen zu sagen, daß sie alle Söhne Gottes sind. Jesus Christus ward gekreuzigt, man erinnere sich wohl daran, nicht wegen irgendetwas, das er über Gott sagte, sondern als Strafe für den Ausspruch, daß ein Mensch in drei Tagen den Tempel einreißen und wieder aufbauen könne. Alle großen Revolutionäre von Jesaia bis Shelley sind Optimisten gewesen. Sie waren unwillig, nicht über die Schlechtigkeit des Daseins, sondern über die Trägheit der Menschen, des Daseins Güte zu erfassen. Der Prophet, der gesteinigt ward, ist nicht ein Zänker oder Spielverderber. Er ist einfach ein abgewiesener Liebhaber. Er leidet unter einer unerwiderten Hingabe an Dinge im allgemeinen.

Es offenbart sich immer mehr, daß die Welt in einer beständigen Gefahr ist, falsch beurteilt zu werden. Daß das keine wunderliche oder dunkle Idee ist, mag durch einfache Beispiele belegt werden. Die beiden unbedingt grundlegenden Worte »gut« und »schlecht«, Bezeichnungen zweier ursprünglicher und unerklärbarer Empfindungen, werden nicht und sind niemals passend angewandt worden. Dinge, die schlecht sind, werden von niemand, der sie ausprobiert, gut geheißen; aber Dinge, die gut sind, werden im Gemein-Urteil der Menschheit schlecht geheißen.

Lassen Sie mich das etwas erklären: Gewisse Dinge sind, so weit man sehen kann, schlecht, wie Schmerz etwa, und niemand, nicht einmal ein Verrückter, heißt Zahnschmerz an sich gut; aber ein Messer, das plump und zur Not schneidet, heißt ein schlechtes Messer, was es gewiß nicht ist. Es ist nur nicht so gut wie andere Messer, an die sich die Menschen gewöhnt haben. Ein Messer ist niemals schlecht, höchstens in so seltenen Fällen wie denen, wenn es artig und wohl durchdacht mitten in jemandes Rücken gepflanzt wird. Das elendste und stumpfste Messer, das je einen Bleistift in Stücke brach statt ihn zu spitzen, ist ein gutes Ding insoweit es ein Messer ist. Es würde für ein Wunder gegolten haben in der Steinzeit. Was wir ein schlechtes Messer nennen, ist ein gutes Messer, nicht gut genug für uns; was wir einen schlechten Hut nennen, ist ein Hut, nicht gut genug für uns; was wir eine schlechte Küche nennen, ist eine gute Küche, nicht gut genug für uns; was wir eine schlechte Zivilisation nennen, ist eine gute Zivilisation, nicht gut genug für uns. Wir belieben das große Material der Menschheitsgeschichte schlecht zu nennen, weil wir besser sind. Das ist ein greifbar unanständiges Prinzip. Elfenbein mag nicht so weiß sein wie Schnee, aber das ganze arktische Festland macht Elfenbein nicht schwarz.

Nun ist es mir unbillig erschienen, daß sich die Menschheit andauernd damit beschäftigen sollte, alle jene Dinge schlecht zu heißen, die gut genug gewesen sind, andere Dinge besser zu machen, in einem fort die Leiter umzustoßen, auf der sie emporgestiegen ist. Es kam mir vor, daß Fortschritt etwas anderes sein sollte als ein fortwährender Vatermord; darum hab ich die Kehrichthaufen der Menschheit durchspürt und in jedem von ihnen einen Schatz gefunden. Ich habe gefunden, daß die Menschheit nicht zufällig, vielmehr ewig und planmäßig damit beschäftigt ist, Gold in die Gosse und Diamanten ins Meer zu werfen. Ich habe gefunden, daß jeder dazu neigt, das grüne Blatt des Baumes ein bißchen weniger grün zu nennen als es ist, und den Weihnachtsschnee ein bißchen weniger weiß als er ist; darum hab ich mir eingebildet, daß die Hauptaufgabe eines Menschen, so gering er auch sein mag, Verteidigung ist. Ich habe begriffen, daß ein Verteidiger besonders dann vonnöten ist, wenn Weltlinge die Welt verachten – daß ein Anwalt für die Verteidigung nicht am unrechten Orte gestanden hätte an jenem schrecklichen Tage, da die Sonne sich über Kalvaria verfinsterte, und der Menschensohn von Menschen verstoßen ward.

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