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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 18
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
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Verteidigung des Patriotismus

Der Verfall des Patriotismus in England in jüngster Zeit ist eine ernste und verstimmende Angelegenheit. Nur als Folge eines solchen Verfalls konnte das übliche Gelüst nach Landbesitz mit der alten Liebe zum Lande zusammengeworfen werden. Wenn es in der Welt nicht mehr so etwas wie ein Liebespaar gäbe, könnten wir uns vorstellen, daß das ganze Wörterbuch der Liebe ohne Widerspruch auf das niedrigste und selbstverständlichste Begehren angewendet würde. Wenn kein Vorbild ritterlicher und läuternder Leidenschaft zurückbliebe, könnte auch niemand davon reden, daß Wollust keins von den Zeichen der Liebe trüge, daß Wollust räuberisch und Liebe mitleidsvoll, daß Wollust blind und Liebe wachsam wäre, daß Wollust sich selbst sättigte und Liebe unersättlich wäre. So ist es mit der Liebe zur Vaterstadt, jener hehren und uralten geistigen Leidenschaft, die mit rotem Blut auf die gleiche Tafel geschrieben ward wie die ursprünglichen Leidenschaften unserer Natur. Auf allen Seiten hören wir heutzutage von unserer Liebe zum Vaterland, und doch müßte jeder, der tatsächlich solche Liebe fühlt, über dieses Gerede verwirrt sein wie ein Mensch, der alle Menschen sagen hört, daß der Mond bei Tag und die Sonne bei Nacht scheine. Er müßte schließlich zu der Überzeugung kommen, daß diese Menschen sich nicht klar werden, was das Wort »Liebe« bedeutet, daß sie unter der Liebe zum Lande nicht meinen, was ein Mystiker unter Liebe zu Gott meinen könnte, sondern etwa das, was ein Kind unter Liebe für Schlagobers meinen könnte. Für jemanden, der sein Vaterland liebt, beispielsweise, ist unsere prahlerische Gleichgültigkeit der Ethik eines Völkerkriegs gegenüber bloß geheimnisvolles Kauderwelsch. Als ob man jemandem sagen würde, ein Junge habe einen Mord begangen, aber es brauchte ihn nicht weiter zu bekümmern, weil es ja nur sein Sohn wäre. Ganz klar ist das Wort »Liebe« hier ohne Bedeutung gebraucht. Das Wesen der Liebe ist es, empfindsam zu sein, das gehört zu ihrer Bestimmung; und jeder, der gegen das eine spricht, muß sicherlich sich auch vom andern lossagen. Diese Empfindlichkeit, manchmal fast bis zu einer kränklichen Empfindlichkeit gesteigert, war das Kennzeichen aller großen Liebhaber wie Dante und aller großen Patrioten wie Pitt. »Mein Land, im Recht oder Unrecht«, ist etwas, was einem Patrioten nie einfiele zu sagen, höchstens in einem verzweifelten Falle. Als ob man sagte: »Meine Mutter, betrunken oder nüchtern.« Kein Zweifel, wenn eines anständigen Mannes Mutter sich dem Trunk ergäbe, er würde ihre Sorgen bis zuletzt teilen; aber zu reden, als ob er in einem Zustande heiterer Gleichgültigkeit wäre, ob seine Mutter sich dem Trunk ergäbe oder nicht, ist sicher nicht die Sprache von Menschen, die das große Geheimnis kennen.

Was uns wirklich nottut zur Vereitelung und Abschüttelung eines tauben und heiseren YingoismusChauvinismus der Tory-Partei. ist eine Renaissance der Vaterlandsliebe. Wenn die kommt, werden alle lauten Schreier plötzlich aufhören. Denn das erste aller Kennzeichen der Liebe ist Ernst: Liebe wird nicht Lügenberichte oder leeren Sieg der Worte anerkennen. Sie wird immer den aufrichtigsten Ratgeber als den besten schätzen. Liebe wird zur Wahrheit hingezogen durch den sicheren Magnetismus des Schmerzes; es gewährt dem Liebhaber kein Vergnügen, zehn Doktoren mit lautschreiendem Optimismus um ein Sterbebett herumtanzen zu sehen.

Wir müssen also fragen, wie kommt es denn, daß diese jüngste Bewegung in England, die vielen ehrlich als eine Renaissance des Patriotismus erschien, für uns keins von den Kennzeichen des Patriotismus zu tragen scheint – wenigstens nicht des Patriotismus in seiner höchsten Form? Warum hat sich die Anbeterei unserer Patrioten ausschließlich Eigenschaften und Umständen zugewendet, die an sich gut, aber verhältnismäßig materiell und trivial sind: dem Handel, der Körperkraft, einem fernen Grenzscharmützel, einer Balgerei in einem fernen Erdteil? Kolonien sind Dinge, auf die man stolz sein soll; aber ein Land, das nur stolz auf seine Extremitäten ist, ist wie ein Mensch, der nur stolz auf seine Beine ist. Warum gibt es keinen erhabenen, zentralen geistigen Patriotismus, einen Patriotismus im Kopf und Herzen des Reichs und nicht nur einen seiner Fäuste und Stiefel? Ein roher atheniensischer Matrose mag höchst wahrscheinlich gedacht haben, daß der Ruhm Athens darin läge, mit der richtigen Art Ruder zu rudern oder ordentlich mit Knoblauch versorgt zu sein; aber Perikles dachte nicht, daß darin Athens Ruhm läge. Bei uns dagegen ist absolut kein Unterschied zwischen dem Patriotismus, den der tote Chamberlain gepredigt hat, und jenem eines Pat Rafferty, der singt: »Wie denken Sie über die Irländer jetzt?« Sie sind beide ehrenwert, frommer Denkungsart, billige Lobredereien über Trivialitäten und Binsenwahrheiten.

Ich habe, recht oder unrecht, eine Kenntnis der Hauptursache dieser Enge im englischen Patriotismus von heute und ich will versuchen, sie aufzudecken. Man kann für gewöhnlich annehmen, daß ein Mensch seinen eignen Stamm und seine Umgebung liebt, und daß er etwas darin des Lobes würdig finden wird; aber ob das gerade das lobenswerteste ist oder nicht, wird von des Mannes Aufklärung über die Tatsachen abhängen. Wenn Thackerays Sohn, sagen wir, in Unwissenheit von seines Vaters Ruhm und Genius aufwüchse, er würde nicht unwahrscheinlich darauf stolz sein, daß sein Vater über sechs Fuß groß war. Mich dünkt, daß wir als Nation genau in der Lage dieses hypothetischen Sohnes von Thackeray sind. Wir verfallen mit unserem Patriotismus auf plumpe und nichtige Dinge aus einem einfachen Grunde. Wir sind das einzige Volk in der Welt, dem nicht in der Kindheit seine eigne Literatur und seine eigne Geschichte beigebracht wird.

Wir sind als Nation in der wahrhaft außergewöhnlichen Lage, unsere eigenen Verdienste nicht zu kennen. Wir haben eine große und glänzende Rolle gespielt in der Weltgeschichte des Denkens und Fühlens; wir sind unter den Vordersten gestanden in jener ewigen und unblutigen Schlacht, in der die Schläge nicht töten, sondern Leben zeugen. In Malerei und Musik sind wir vielen anderen Nationen unterlegen; aber in Literatur, Wissenschaft, Philosophie und politischer Beredsamkeit können wir uns, wenn die Geschichte als Ganzes genommen wird, mit jeder Nation messen. Aber all dieses ungeheure Erbe geistigen Ruhms wird von unseren Schuljungen ferngehalten wie eine Ketzerei; und man läßt sie leben und sterben in der dummen und infantilen Art von Patriotismus, den sie aus einer Schachtel Bleisoldaten gelernt haben. Dabei ist nichts Schlimmes an der Schachtel mit Bleisoldaten; wir erwarten nicht von den Kindern, daß sie ebenso entzückt wären von einer schönen Schachtel Bleiphilanthropen. Sehr schlimm steht es aber damit, daß die zartere und kultiviertere Ehre Englands nicht so dargestellt wird, um mit dem sich erweiternden Geist Schritt zu halten. Einem französischen Jungen wird der Ruhm Molières so gut gelehrt wie der Turennes; einem deutschen Jungen wird seine eigene große Nationalphilosophie gelehrt, ehe er die Philosophie des Altertums lernt. Das Resultat ist, obwohl der französische Patriotismus oft verrückt und prahlerisch, der deutsche Patriotismus oft isoliert und pedantisch ist, keiner von beiden ist bloß dumm, gemein und brutal, wie es so oft das seltsame Schicksal der Nation eines Bacon und Locke ist. Das ist natürlich genug, ja, unter den Umständen sogar berechtigt genug. Ein Engländer muß England wegen irgendetwas lieben; infolgedessen will er stolz sein auf Handel oder Preisboxen genau so wie ein Deutscher auf Musik, oder ein Holländer auf Malerei stolz sein kann, weil er wirklich glaubt, daß es das Hauptverdienst seines Vaterlandes ist. Es wäre nicht im geringsten ungewöhnlich, wenn das Anrecht, Provinzen aufzuessen und Prinzen zu stürzen, der Hauptruhm eines Zulus wäre. Das ungewöhnliche ist nur, daß es der Hauptruhm eines Volkes ist, das sich eines Shakespeare, Newton, Burke und Darwin rühmen kann.

Der merkwürdige Mangel jeder Großmut und Feinheit in dem augenblicklichen englischen Nationalismus scheint keinen anderen möglichen Ursprung zu haben als in dieser Tatsache unserer einzig dastehenden Versäumnis, das Studium der Nationalliteratur als Erziehungsfaktor zu betrachten. Ein Engländer könnte nicht dumm genug sein, andere Nationen zu verachten, wenn er einmal wüßte, wie viel England für sie getan hat. Große Schriftsteller können nicht vermeiden, menschlich und universell zu sein. Das Fehlen des englischen Literatur-Unterrichts an unseren Schulen ist, wenn wir es recht überlegen, ein beinahe erschreckendes Phänomen. Ja, es ist noch erschreckender, wenn wir die Argumente hören, die von Schulmeistern und anderen konservativen Pädagogen wider das direkte Lehren des Englischen vorgebracht werden. Es heißt beispielsweise, daß eine riesige Menge englische Grammatik und Literatur während des Latein- und Griechisch-Unterrichtes erworben würde. Das ist vollkommen wahr, aber die Verkehrtheit der Idee scheint ihnen niemals aufzugehen. Es ist, als ob man sagen würde, ein Kind erwirbt die Kunst des Gehens, indem es springen lernt, oder ein Franzose würde mit Erfolg im Deutschen unterrichtet, indem er einem Preußen Ashanti lernen hülfe. Sicherlich, die naheliegendste Grundlage aller Erziehung ist die Sprache, der die Erziehung übertragen ist; wenn ein Junge nur Zeit hat, einen Gegenstand zu lernen, dann sollte er lieber den lernen.

Wir haben mit Überlegung dieses große Erbe erhabenen Nationalgefühls mißachtet. Wir haben unsere öffentlichen Schulen zu den stärksten Mauern gemacht gegen ein Flüstern von Englands Ehre. Und wir haben unsere Strafe gehabt in dieser seltsamen und verkehrten Tatsache – während eine einigende Vision von Patriotismus Horden von brutalen Wilden und farblosen Bürgern veredeln und ihnen das Teuerste im Leben sein kann – daß wir, die wir – die Welt sei Zeuge – menschlich, ehrenwert und persönlich ernst sind, einen Patriotismus haben, der das schlechteste in uns ist. Was haben wir getan und wohin haben wir uns verirrt, wir, die Weise hervorgebracht haben, die mit Sokrates hätten sprechen können, und Dichter, die mit Dante wandeln könnten, daß wir reden sollen, als hätten wir nichts anderes getan als Kolonien gegründet und Negern Fußtritte versetzt? Wir sind die Kinder des Lichts, und wir sind es, die im Finstern sitzen. Wenn wir gerichtet werden, so wird es nicht um des bloß verstandesmäßigen Vergehens willen geschehen, daß wir versagt haben, andere Nationen zu würdigen, sondern um des letzten geistigen Vergehens willen, daß wir versagt haben, uns selbst zu würdigen.

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