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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 16
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung der Kinderanbetung

Die zwei Dinge, die beinahe jeden normalen Menschen bei Kindern anziehen, sind: erstens, daß sie sehr ernst, und zweitens, daß sie infolgedessen sehr glücklich sind. Sie sind so restlos lustig, wie es nur möglich ist, wenn der Humor aus dem Spiele bleibt. Die unergründlichsten Schulen und weise Männer haben niemals die Tiefe erreicht, die in den Augen eines drei Monate alten Kindes wohnt. Es ist die Tiefe des Staunens über die Welt, und Staunen über die Welt ist nicht Mystizismus, sondern transzendenter Menschenverstand. Darin liegt das Berückende an Kindern, daß mit jedem von ihnen alle Dinge neu geschaffen werden, und daß das Weltall wieder auf die Probe gestellt wird. Wenn wir auf der Straße gehen und auf diese entzückenden, rundlichen Köpfe herunterschauen, dreimal zu groß für den Körper, auf die Konturen dieser menschlichen Pilze, sollten wir uns immer zuerst erinnern, daß es in jedem von diesen Köpfen ein neues Weltall gibt, neu wie am siebenten Schöpfungstage. In jeder dieser Kugeln gibt es ein neues Sternensystem, neues Gras, neue Städte, ein neues Meer.

Im gesunden Denken ist immer ein dunkler Impuls vorhanden, daß Religion uns eher graben als klettern lehre; daß, wenn wir erst einmal das gewöhnliche Erdenleben verstünden, wir alles verstünden. Ähnlich ist unser Empfinden, daß wir keine zweite Apokalypse nötig hätten, wenn wir mit einem Schlag herkömmlichen Brauch vernichten und die Sterne sehen könnten, wie ein Kind sie sieht. Das ist die große Wahrheit, die immer hinter der Kinderanbetung verborgen ist und die sie bis ans Ende aufrecht halten wird. Reife, mit ihren endlosen Energien und Erwartungen, ist leicht davon zu überzeugen, daß sie neue schätzenswerte Dinge finden wird; aber niemals wird sie im Innersten überzeugt werden, daß sie das richtig geschätzt hat, was sie besitzt. Wir mögen die Himmel erstürmen und neue Sterne ohne Zahl finden, es gibt immer noch den neuen Stern, den wir nicht gefunden haben – jenen, auf dem wir geboren sind.

Doch der Einfluß der Kinder geht weiter als sein erstes spielerisches Bemühn, Himmel und Erde neu zu schaffen. Er zwingt uns wirklich, unser Betragen umzustimmen in Einklang zu dieser revolutionären Theorie von dem Wunderbaren aller Dinge. Wir betrachten (selbst wenn wir ganz simpel oder unwissend sind) – wir betrachten wirklich das Sprechen bei Kindern als etwas Wunderbares, das Gehen bei Kindern als etwas Wunderbares, das gewöhnliche Verständnis bei Kindern als etwas Wunderbares. Der zynische Philosoph dünkt sich darin überlegen – und macht sich lustig, indem er zeigt, daß Worte oder Spielereien des Kindes, so bewundert von seinen Anbetern, gewöhnlich genug sind. Tatsache ist, daß Kinderanbetung gerade damit so von Grund aus recht hat. Alle Worte und alle Spielereien in einem Lehmklumpen sind wundervoll, des Kindes Worte und Spielereien sind wundervoll, und es ist nur gerecht, zu sagen, daß des Philosophen Worte und Spielereien ebenso wundervoll sind.

In Wahrheit ist unser Verhalten zu Kindern richtig und unser Verhalten zu Erwachsenen falsch. Altersgenossen gegenüber besteht unser Verhalten in einer servilen Förmlichkeit, die ein beträchtliches Maß von Gleichgültigkeit und Verachtung übertüncht. Unser Verhalten zu Kindern besteht in einer herablassenden Verzärtelung, die einen ungeheuren Respekt übertüncht. Wir verbeugen uns vor Erwachsenen, nehmen die Hüte vor ihnen ab, halten uns zurück, ihnen schlechterdings zu widersprechen, aber eigentlich schätzen wir sie nicht. Wir machen Puppen aus Kindern, halten ihnen Strafpredigten, ziehen sie bei den Haaren und verehren, lieben und fürchten sie. Wenn wir etwas an den Gereiften verehren, sind es ihre Tugenden oder ihre Weisheit, und das ist eine leichte Sache. Aber wir verehren die Fehler und Dummheiten der Kinder.

Wir würden offenbar dem wahren Erfassen der Dinge beträchtlich näher kommen, wenn wir alle erwachsenen Personen aller Titel und Typen genau mit jener dunklen Zuneigung und geblendeten Ehrfurcht behandelten, mit der wir kindliche Beschränkungen behandeln. Es macht einem Kinde Schwierigkeiten, das Wunder der Sprache zu erlangen, infolgedessen finden wir seine Schnitzer beinahe geradeso wundervoll wie seine Richtigkeit. Wenn wir nur das gleiche Verhalten gegen Ministerpräsidenten und Finanzminister annehmen wollten, wenn wir freundlich ihre stammelnden und entzückenden Versuche menschlicher Rede ermutigen wollten, würden wir in einer viel klügeren und toleranteren Gemütsverfassung sein. Ein Kind hat eine Fertigkeit, mit dem Leben Experimente zu machen, die zumeist gesund in den Motiven, aber oft unerträglich im häuslichen Gemeinwesen sind. Wenn wir nur alle kommerziellen Freibeuter und aufgeblasenen Wüteriche in der gleichen Weise behandelten, wenn wir ihnen ihre Brutalitäten sanft verwiesen als ziemlich komische Irrtümer in der Lebensführung, wenn wir ihnen einfach sagten, »sie würden es schon einsehen lernen, wenn sie erst älter wären«, zeigten wir wahrscheinlich das beste und erschütterndste Betragen gegen die Schwächen der Menschheit. In unseren Beziehungen zu Kindern beweisen wir, daß das Paradox vollkommen wahr ist, eine Verzeihung, die an Verachtung grenzt, mit einer Anbetung, die an Schrecken grenzt, vereinen zu können. Wir vergeben Kindern mit derselben Art lästernder Freundlichkeit, mit der Omar Khayyam dem Allmächtigen verzieh.

Die wesentliche Richtigkeit unserer Ansicht über Kinder liegt in der Tatsache, daß wir sie und ihre Art als übernatürlich empfinden, während wir aus irgendeinem mystischen Grund uns selbst und unsere Art nicht mystisch empfinden. Gerade die Kleinheit von Kindern macht es möglich, sie als Wunder zu betrachten; wir scheinen es mit einer neuen Rasse zu tun zu haben, nur sehen wir sie durch ein Mikroskop. Ich zweifle, ob irgendwer mit einiger Zartheit und Phantasie die Hand eines Kindes sehen kann, ohne dabei ein wenig zu erschrecken. Es erfüllt einen mit Ehrfurcht, sich die nötige menschliche Energie zu denken, die ein so winziges Ding bewegt; es ist wie die Vorstellung, daß die menschliche Natur im Flügel eines Schmetterlings oder im Blatt eines Baumes wohnen könnte. Wenn wir auf Leben herabblicken, so menschlich und doch so klein, ist es uns, als wenn wir selbst zu einer verlegen machenden Körpergröße emporwüchsen. Wir fühlen diesen Geschöpfen gegenüber die gleiche Art von Verpflichtung, die eine Gottheit fühlte, wenn sie etwas geschaffen hätte, das sie nicht verstünde.

Aber der komische Anblick der Kinder ist vielleicht das teuerste aller Bande, die den Kosmos zusammenhalten. Ihre schwerköpfige Würde ist rührender als ihre Demut; ihre Tiefe gibt uns mehr Hoffnungen zu allem als tausend Karnevale des Optimismus; ihre großen und glänzenden Augen scheinen in ihrem Staunen alle Sterne zu halten; die bezaubernde Abwesenheit ihrer Nase scheint uns der deutlichste Hinweis auf die Freude, die unser im Himmelreich harrt.

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