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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 15
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung des Slang

Die Aristokraten des 19. Jahrhunderts haben ihre einzige Brauchbarkeit vollkommen vernichtet. Ihr Geschäft ist es, prunkhaft und arrogant zu sein; aber sie prunken unaufdringlich, und ihre Versuche von Arroganz sind niederdrückend. Ihre Hauptpflicht bisher ist die Entwicklung der Abwechslung, Lebhaftigkeit und Fülle des Lebens gewesen; Oligarchie war der erste Freiheitsversuch der Welt. Aber jetzt haben sie das entgegengesetzte Ideal der »guten Formen« angenommen, das als Puritanismus ohne Religion definiert werden kann. Gute Form hat sie alle in Schwarz geworfen wie das Läuten einer Begräbnisglocke. Sie veranstalten, wie Mr. Gilberts Kuraten, in einem Krieg der Milde einen regelrechten Wettbewerb der Zurückgezogenheit. In alten Zeiten strebten die Herren der Erde vor allen Dingen danach, voreinander ausgezeichnet zu sein; zu diesem Zweck setzten sie abscheuliche Figuren auf ihre Helme und malten alberne Farben auf ihre Schilde. Sie wollten es vollkommen klar machen, daß ein Norfolk so verschieden beispielsweise von einem Argyll war wie ein weißer Löwe von einem schwarzen Schwein. Aber heutzutage ist ihr Ideal gerade das umgekehrte, und wenn ein Norfolk und ein Argyll so ähnlich angezogen wären, daß man sie miteinander verwechselte, würden beide nach Hause gehen, vor Freude tanzend.

Die Folgen davon sind unvermeidlich. Die Aristokratie muß ihre Funktion verlieren, vor der Welt die Idee der Abwechslung, des Experiments und der Farbe zu vertreten, und wir müssen diese Dinge in einer andern Klasse suchen. Die Frage, ob wir sie in der Mittelklasse finden würden, hieße mit heiligen Sachen Possen treiben. Es bleibt nur der einzige Schluß übrig, daß es gewisse Schichten der niederen Klassen hauptsächlich sind, zum Beispiel Omnibuskutscher, mit ihrer reichen, rokokohaften Art des Denkens, nach denen wir um Führerschaft zu Freiheit und Licht aufblicken müssen.

Der einzige Strom der Poesie, der unversieglich fließt, ist der Slang. Jeden Tag webt ein namenloser Dichter irgendwelchen Märchenzierat volkstümlicher Sprache. Allerdings spricht die vornehme ebenso wie die demokratische Welt Slang; das ist wahr und stützt die vorgebrachte Anschauung bedeutend. Nichts ist überraschender als der Kontrast zwischen dem schwerfälligen, formellen, leblosen Slang des Weltmanns und dem leichten, lebendigen und geschmeidigen Slang des Straßenverkäufers. Der Gesprächston der oberen Gesellschaftsschicht der Gebildeten ist wohl das gestaltloseste, planloseste und hoffnungsloseste literarische Produkt, das die Welt je gesehen hat. Wieder deutlich, wie die oberen Klassen darin entartet sind. Wir haben ausreichende Belege, daß die alten Führer von Lehnskriegen gelegentlich mit einer gewissen natürlichen Symbolik und Beredsamkeit sprechen konnten, die sie nicht aus Büchern erlangt hatten. Wenn Cyrano de Bergerac in Rostands Stück Zweifel schleudert gegen das Vorkommen christlicher Dummheit und mangelnder Kultur, erwidert der letztere:

»Bah! on trouve des mots quand on monte à l'assaut;
Oui, j'ai un certain esprit facile et militaire;
«

und diese beiden Zeilen fassen eine Wahrheit über die alten Oligarchen zusammen. Sie konnten nicht drei leserliche Buchstaben schreiben, aber sie konnten manchmal Literatur reden. Douglas, als er das Herz des Bruce, der vor ihm stand, in seiner letzten Schlacht durchbohrte, rief aus: »Geh voran, großes Herz, wie du es immer gewohnt warst.« Ein spanischer Edelmann sagte, als ihm vom König befohlen ward, einen stellungsmächtigen, bekannten Verräter zu empfangen: »Ich will ihn in aller Ergebenheit empfangen und mein Haus nachher verbrennen.« Das ist Literatur ohne Kultur; das ist die Rede von Leuten, die überzeugt sind, daß sie stolz die Poesie des Lebens verfechten müssen.

Wer immer nach solchen Perlen in der Konversation eines jungen Mannes aus dem modernen Belgravia suchen wollte, hätte viel Kummer in seinem Leben. Es ist nicht nur unmöglich für Aristokraten, stolz die Poesie des Lebens zu verfechten; es ist für sie unmöglicher als für sonst jemand. Es gilt tatsächlich als pöbelhaft für einen Edelmann, sich seines alten Namens zu rühmen, was, wenn man es recht überlegt, der einzig vernünftige Zweck seines Daseins wäre. Wenn ein Mann auf der Straße mit roher, feudaler Rhetorik verkündete, er wäre der Earl of Doncaster, würde er als Irrsinniger eingesperrt werden; sollte es sich aber herausstellen, daß er der Earl of Doncaster wäre, würde man ihn einfach als ordinären Kerl schneiden. Man darf keine poetische Prosa von den Earls als Klasse erwarten. Der elegante Slang ist überhaupt kaum eine Sprache; er ist wie die unartikulierten Schreie von Tieren, die dunkel gewisse klare, leicht verständliche Gemütszustände andeuten.

»Gelangweilt«, »kaput«, »nett«, »miserabel« und so fort sind wie die Worte irgendeines wilden Volksstammes, dessen Wortschatz nur etwa zwanzig solche Vokabeln umfaßt. Wenn ein Modemensch gegen irgendeinen Schnitzer eines andern Modemenschen protestieren wollte, würde seine Rede nur eine Schnur steifer Phrasen sein, leblos wie tote Fische an einer Schnur. Aber ein Omnibuskutscher (»des Gottes voll«) würde mit einem soliden literarischen Eifer loslegen: »Se sind man 'n feiner Herr, nich ... Ihre Stiebeln jlänzen mehr als wat Ihr Vastand is ... da is man nich viel von Ihn'n un det sind Kleder ... recht, steckn's 'n Jlimmstengel ins Jesicht, weil ick Ihn'n man nich sehn kann dahinter ... aha, Se jebn nen wieder raus. Schon jutt, Se sind man noch ze jung fors Rochen, ick hab schon nach Ihre Frau Mutta jeschickt ... Wat, Se jehn! ne, tun Se mir det doch nich an, fortlofn ... Se jlobn woll, ick tu Ihna wat ... Ick hab 'n jutes Herz, ja woll ... Fort mit de Tierquälerei, saje ick«, und so weiter. Es ist sonnenklar, daß diese Sprechweise nicht nur literarisch, sondern literarisch in einem sehr blumenreichen, beinahe künstlichen Sinne ist. Keats verwendet in einem Sonett niemals so weithergeholte Metaphern wie ein Straßenhändler zum Fluchen braucht, dessen Rede eine einzige, lange Allegorie ist wie Spensers »Feenkönigin«.

Ich halte es nicht für notwendig, beweisen zu müssen, daß diese poetische Bildlichkeit das Charakteristikum des echten Slang ist. Ein Ausdruck wie: »Behalten Sie Ihre Haare an« ist tatsächlich eines Meredith würdig in seiner verdrehten und geheimnisvollen Art, einen Gedanken auszudrücken. Die Amerikaner haben den bekannten Ausdruck »swelled head« (geschwollener Kopf) für jemand, der recht eingebildet ist auf sein eignes Handeln, und unlängst hörte ich eine bemerkenswerte Fantasie über dieses Lied. Ein Amerikaner sagte, daß die Japaner nach dem Kriege mit China »einen Schuhlöffel brauchten, um ihre Hüte aufzusetzen«. Das ist ein Denkmal der wahren Natur des Slang, die darin liegt, sich weiter und weiter von der ursprünglichen Vorstellung zu entfernen und diese mehr und mehr als eine Voraussetzung zu behandeln. Sie hat etwas von der literarischen Doktrin der Symbolisten.

Der wahre Grund dieser großen Entwicklung der Beredsamkeit bei den unteren Klassen bringt uns wieder zurück zu dem Kapitel der Aristokratie in früheren Zeiten. Die unteren Klassen leben im Kriegszustand, in einem Krieg der Worte. Ihre Schlagfertigkeit ist das Produkt des gleichen feurigen Individualismus wie die Schlagfertigkeit der alten kämpfenden Oligarchen. Jeder Kutscher hat mit seiner Zunge bereit zu sein wie jeder Edelmann des vergangenen Jahrhunderts bereit sein mußte mit seinem Schwert. Es ist ein Unglück, daß die Poesie, die sich durch diesen Prozeß entwickelt, bloß eine groteske Poesie sein soll. Aber da die höheren Stände der Gesellschaft vollkommen abgedankt haben von ihrem Recht, mit heroischer Beredsamkeit zu sprechen, ist es kein Wunder, daß die Sprache sich selbst in der Richtung zu einer Pöbelberedsamkeit hin entwickeln mußte. Der wesentliche Punkt ist, daß irgendwer am Werk sein muß, um eine Sprache mit neuen Symbolen und neuen Umschreibungen zu bereichern.

Aller Slang ist Metapher, und aller Metapher ist Poesie. Wenn wir eine Pause machten, um die billigsten Alltagsphrasen zu prüfen, die täglich über unsere Lippen gehen, würden wir finden, daß sie so reich und suggestiv sind wie eben so viele Sonette. Um ein einziges Beispiel anzuführen: wir sagen von einem Mann in sozialer Hinsicht »er breche das Eis«. Wenn das zu einem Sonett ausgestaltet werden sollte, hätten wir vor uns ein düsteres und erhabenes Bild eines Ozeans voll ewigen Eises, den finstern und höhnenden Spiegel der nordischen Welt, über den Menschen gingen und tanzten und leicht dahinglitten, unter dem aber das lebendige Wasser tobte und arbeitete – klaftertief. Die Welt des Slang ist eine Art Kopfstehertum der Poesie, voll blauer Wunder und weißer Elefanten, voll Menschen, die ihre Köpfe verlieren und Menschen, mit denen die Zungen davonlaufen – ein ganzes Chaos von Märchen.

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