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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 14
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung häßlicher Dinge

Es gibt Leute, welche behaupten, daß das Äußere, das Geschlecht, das Physische einer Person ihnen gleichgültig ist, daß ihnen nur an der Gemeinschaft von Geist mit Geist etwas liegt; aber diese Leute dürfen uns nicht abhalten. Es gibt Behauptungen, die zu glauben niemandem einfällt, wie sie auch gestellt werden mögen.

Aber während nichts in dieser Welt uns überzeugen könnte, daß ein guter Freund von Alexander Moissi etwa kein Erstaunen oder Unbehagen verspürte, wenn er ihn in der körperlichen Hülle des Herrn Zobeltitz ins Zimmer treten sähe, wird doch eine beständige Verwirrung angerichtet zwischen der Anziehungskraft des Äußeren, die natürlich und allgemein ist und der Anziehungskraft der sogenannten physischen Schönheit, die gar nicht natürlich und nicht im geringsten allgemein ist. Oder besser, um genauer zu sein, der Begriff physischer Schönheit ist zur Bedeutung einer bestimmten physischen Schönheit verengert worden, die die Möglichkeiten äußerer Anziehung nicht mehr erschöpft als die Achtbarkeit eines Lichterfelder Baumeisters die Möglichkeiten moralischer Anziehung erschöpft.

Die Tyrannen und Betrüger der Menschheit in dieser Sache sind die Griechen gewesen. All ihre herrliche Zivilisationsarbeit hätte uns nicht ganz blenden sollen für die Tatsache ihrer großen und schrecklichen Versündigung an der Vielfältigkeit des Lebens. Es ist ein merkwürdiges Faktum: während man seit langem gegen die Juden hetzte und sie anklagte, sie verdürben die Welt durch ein beschränktes und einseitiges ethisches Maß, hat niemand bemerkt, daß die Griechen uns einem unendlich entsetzlicheren Aszetentum ausgeliefert haben – einer Aszese der Phantasie, der Verehrung eines einzigen ästhetischen Typus. Jüdische Strenge hatte wenigstens gesunden Verstand als Basis; sie erkannte, daß die Menschen in einer Welt der Tatsachen lebten und daß, wenn ein Mann in der Blutsverwandtschaft heiratete, sich gewisse Folgen ergeben konnten. Aber sie hungerten nicht ihren Instinkt für Kontraste und Kombinationen aus; ihre Propheten gaben dem Ochsen zwei Flügel und dem Cherubim beliebig viele Augen, mit dem ganzen, verschwenderischen Genie eines Paul Scheerbart. Aber die Griechen übertrugen ihre Polizeivorschriften auch ins Feenreich; sie legten kein Veto ein gegen die tatsächlichen Ehebrüche auf Erden, wohl aber gegen die wilden Ehen der Ideen und untersagten das öffentliche Aufgebot der Gedanken.

Es ist etwas Eigenartiges, die fortschreitende Entmannung der griechischen Mythenungeheuer unter dem pestartigen Einfluß des Apollo vom Belvedere zu beobachten. Die Schimäre war ein Geschöpf, auf das sich jedes gesund denkende Volk hätte etwas einbilden können; aber wenn wir sie auf griechischen Bildern sehen, fühlen wir uns immer versucht, ihr ein Bändchen um den Hals zu binden und ihr einen Teller Milch vorzusetzen. Wer hat je das Gefühl, daß die Riesen in griechischer Kunst und Poesie wirklich groß sind – groß wie es manche Sagenriesen gewesen sind? In einem skandinavischen Märchen wandert der Held meilenweit auf einem Bergrücken, der sich als eines Riesen Nasenbein entpuppt. So etwas können wir mit ruhigem Gewissen einen großen Riesen heißen. Aber diese Erdbebenphantasie schreckte die Griechen, und ihr Schrecken schreckte die ganze Menschheit aus ihrer natürlichen Liebe für Größe, Lebendigkeit, Verschiedenheit, Energie und Häßlichkeit. Die Natur wollte, daß jedes menschliche Gesicht, wenn es nur kräftig, individuell und ausdrucksvoll wäre, so verschieden von allen andern aussähe, wie eine Pappel von einer Eiche verschieden ist und ein Apfelbaum von einer Weide. Aber was die holländischen Gärtner den Bäumen taten, taten die Griechen der menschlichen Gestalt; sie schnitten ihr die lebendigen und unregelmäßigen Züge ab, um ihr eine gewisse akademische Form zu geben; sie hackten Nasen ab und glichen Kinne aus mit einer gräßlich gartenbauerischen Ruhe. Und sie haben uns tatsächlich mit Erfolg so weit gebracht, daß wir manche von den ausdrucksvollsten und einschmeichelndsten Gesichtern häßlich, und manche von den dümmsten und abstoßendsten Gesichtern schön finden. Dieser schändliche Mittelweg, dieser erbärmliche Sinn für Würde hat sich weit tiefer in die Seele moderner Zivilisation hineingefressen als der äußerliche und praktische Puritanismus Israels. Im schlimmsten Fall ließ der Jude einen Menschen in Fesseln tanzen; der Grieche setzte ihm eine köstliche Vase auf den Kopf und verbot ihm, sich zu bewegen.

Die Schrift sagt, daß ein Stern vor dem andern an Pracht verschieden sei, und dieselbe Vorstellung gilt von den Nasen. Darauf zu bestehen, daß ein Gesicht häßlich ist, weil es von dem der Venus von Milo verschieden ist, heißt, es in einem ganz irreführenden Licht betrachten. Es ist seltsam, daß wir es Menschen übelnehmen sollen, wenn sie von uns verschieden sind; wir sollten es ihnen weit heftiger übelnehmen, daß sie uns ähnlich sehen. Dieses Prinzip hat einen richtigen Mischmasch aus der literarischen Kritik gemacht, bei der es immer Sitte ist, in einem Märchen den Mangel gesunder Logik zu beklagen, und die gänzliche Abwesenheit echter Redegewalt in einer dreiaktigen Posse. Aber eines andern Menschen Gesicht häßlich heißen, weil es seine Seele ausdrückt, ist, als ob man sich beklagen würde, daß der Kohlkopf nicht zwei Beine hat. Täten wir das, so bliebe dem Kohlkopf nichts anderes übrig, als mit Ernst und einem gewissen Schein von Wahrheit darauf hinzuweisen, daß wir nicht überall schön grün waren.

Aber dieser frostigen Theorie des Schönen ist es nicht gelungen, die Kunst aller Völker zu erobern, höchstens dem Namen nach. In manchen Teilen hat sie überhaupt nicht geherrscht. Ein Blick auf chinesische Drachen oder japanische Götter wird zeigen, wie unabhängig die Orientalen von der konventionellen Idee der Regelmäßigkeit in Gesicht und Körper sind, und wie gierig und freudig ihr Vergnügen an wirklicher Schönheit ist, an Glotzaugen, ausgespreizten Klauen, an gähnenden Mündern und verzerrten Windungen. Im Mittelalter befreiten sich die Menschen von dem griechischen Ebenmaß der Schönheit und errichteten in Anbetung große Türme zum Himmel, die mit tanzenden Affen und Teufeln belebt schienen. Im Hochsommer technischer Kunstvollkommenheit ward die Revolution bis zu ihrer wirtlichen Erschöpfung im Studium des menschlichen Antlitzes getrieben. Rembrandt verkündete das gesunde und männliche Evangelium, daß ein Mann Würde besaß, nicht wenn er wie ein griechischer Gott aussah, sondern wenn er eine starke, vierschrötige Nase hatte wie einen Knüppel, einen Kopf wie einen kühn modellierten Helm und Kinnbacken wie eine Eisenfalle.

Dieser Zweig der Kunst ist gewöhnlich als grotesk fallen gelassen worden. Wir haben niemals verstehen können, warum es erniedrigend sein sollte, zum Lachen zu reizen, zumal da die Groteske andern ein erhöhtes künstlerisches Vergnügen bereitet. Wenn ein Herr, der uns auf der Straße sähe, plötzlich in Tränen ausbrechen wollte bei dem bloßen Gedanken an unsere Existenz, könnte es als beunruhigend und unhöflich angesehen werden; aber Lachen ist nicht unhöflich. In Wahrheit ist das Wort »grotesk« eine irreführende Beschreibung des Häßlichen in der Kunst. Daraus folgt nicht, daß die chinesischen Drachen oder die gotischen Wasserspeier oder die hexenartigen alten Frauen Rembrandts im geringsten komisch gemeint waren. Ihre Übertreibung war nicht die Übertreibung der Satire, sondern einfach die Übertreibung der Vitalität; und hier liegt der Schlüssel zur Stellung der Häßlichkeit in der Ästhetik. Wir sehen gern eine Klippe in schamloser Entschiedenheit hinausragen vom Riff, wir sehen gern die Rottannen kühn aufsteigen auf hohem Riff, wir sehen gern einen Abgrund von Bergrand zu Bergrand klaffen. Mit gleich edler Begeisterung sehen wir gern eine Nase entschieden hinausragen, sehen wir gern das rote Haar eines Freundes kühn aufsteigen in Borsten auf seinem Kopfe, sehen wir gern seinen Mund breit und klar geschnitten wie die Bergschlucht. Wenigstens manche von uns haben es gern; es ist keine Frage des Humors. Wir platzen nicht vor Heiterkeit, wenn wir die Tannen oder den Abgrund zum erstenmal sehen; aber wir haben sie gern, weil sie die dramatische Fülle der Natur ausdrücken, ihre kühnen Experimente, ihre entschiedenen Verderbnisse, ihren furchtlosen und wilden Stolz über ihre Kinder. In dem Augenblick, da wir den Zauber konventioneller Schönheit gebrochen haben, warten Millionen schöner Gesichter auf uns aller Orten, so wie es eine Million schöner Seelen gibt.

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