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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 13
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung der Heraldik

Die moderne Ansicht über Heraldik ergibt sich ziemlich richtig aus den Worten eines berühmten Rechtsanwaltes, der nach längerem Kreuzverhör mit einer ehrwürdigen Koryphäe von Heralds' College seine Ergebnisse in die Bemerkung zusammenfaßte, »daß der dumme, alte Kerl nicht mal sein eignes dummes, altes Geschäft verstünde«.

Heraldik im eigentlichen Sinne war natürlich etwas ganz Abgegrenztes und Aristokratisches; diese Formulierung aber verlangt eine Modifikation, die gewöhnlich nicht erkannt wird. Es gab nebenher eine plebejische Heraldik; denn jeder Laden war wie jedes Schloß nicht durch einen Namen, sondern durch ein Zeichen unterschieden. Das ganze System datiert aus einer Zeit, da die Bilderschrift tatsächlich noch die Welt regierte. In jenen Tagen konnten wenige lesen oder schreiben; sie zeichneten ihre Namen mit einem bildlichen Symbol, einem Kreuz – und ein Kreuz ist weit besser als der meisten Menschen Namen.

Da muß nun etwas über den merkwürdigen Einfluß der bildlichen Symbole auf den Geist der Menschen gesagt werden. Alle Buchstaben, lernen wir, waren ursprünglich bildlich und heraldisch: so ist der Buchstabe A das Porträt eines Ochsen, aber das Porträt wird jetzt in so impressionistischer Manier wiedergegeben, daß sich beim Betrachten nur wenig von der ländlichen Atmosphäre einfangen läßt. Aber solange eine bildliche und poetische Eigenschaft im Symbol zurückbleibt, muß der ständige Gebrauch etwas zur ästhetischen Bildung jener beitragen, die es verwenden. Wirtshäuser sind jetzt beinahe die einzigen Geschäfte, die die alten Wahrzeichen benutzen, und die geheimnisvolle Anziehungskraft, die sie ausüben, mag (optimistisch) so gedeutet werden. Es gibt Schenken mit so traumhaften und erlesenen Namen, daß selbst Sir Wilfrid Lawson (der große Temperenzler) einen Augenblick stehen bleiben würde, um den Dichter in sich mit dem Moralisten streiten zu lassen. So war es mit den heraldischen Bildern. Es ist unmöglich zu glauben, daß der rote Löwe von Schottland auf jene, die ihn im Schilde führten, bloß als einfache Bequemlichkeit wie eine Zahl oder ein Buchstabe wirkte; es ist unmöglich zu glauben, daß die Könige von Schottland freudig ein Schwein oder einen Frosch als Ersatz dafür eingetauscht hätten. Es gibt, wie gesagt, gewisse tatsächliche Vorteile in bildlichen Symbolen und einer davon ist der, daß alles, was bildlich ist, suggeriert, ohne zu nennen oder zu definieren. Es gibt einen Weg vom Auge zum Herzen, der nicht durch den Intellekt geht. Die Menschen hadern nicht um die Bedeutung von Sonnenuntergängen: sie disputieren niemals, ob der Hagedorn die besten und witzigsten Dinge über den Frühling sagt.

So existierte in den alten, aristokratischen Tagen dieser ausgedehnte bildliche Symbolismus aller Farben und Stufen der Aristokratie. Als die große Posaune der Gleichheit geblasen wurde, beging man fast unmittelbar hinterher einen der größten Irrtümer in der Geschichte der Menschheit. Denn all dieser Stolz und diese Lebhaftigkeit, all diese turmhohen Symbole und flammenden Farben hätten über die Menschheit ausgebreitet werden sollen. Der Trafikant hätte ein Wappen, und der Käsehändler einen Kriegsruf haben sollen. Der Kaufmann, der Margarine für Butter verkaufte, hätte fühlen sollen, daß da ein Fleck auf dem Schilde der Higginses war. Statt dessen begingen die Demokraten den erschreckenden Fehler – einen Fehler an der Wurzel des ganzen modernen Krankseins –, die menschliche Pracht der Vergangenheit zu entgrößern statt zu vergrößern. Sie sagten nicht, wie sie es hätten tun sollen, zu dem gewöhnlichen Bürger: »Du bist ebensogut wie der Duke of Norfolk sondern gebrauchten jene billige demokratische Formel: »Der Duke of Norfolk ist nicht besser als du.«

Denn es kann nicht geleugnet werden, daß die Welt um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts eins endgültig und höchst bedauerlicherweise verloren hat. In früherer Zeit sah man die Masse des Volks als niedrig und gewöhnlich an, aber nur als verhältnismäßig niedrig und gewöhnlich; sie wurden verkleinert und ausgestochen durch gewisse hohe Stellungen und glänzende Berufe. Aber mit der Viktorianischen Ära kam ein Prinzip auf, das die Menschen nicht als verhältnismäßig, sondern als tatsächlich niedrig und gewöhnlich auffaßte. Ein Mensch irgendeines Standes wurde hingestellt als eine Person, die von Natur aus schmutzig und trivial war – eine Person, sozusagen, mit einem schwarzen Hut geboren. Man fing an zu glauben, es wäre lächerlich für einen Menschen, schöne Kleider zu tragen, statt das Lächerliche darin zu sehen – wie es tatsächlich der Fall ist, mit Überlegung häßliche zu tragen. Es ward als affektiert angesehen, wenn ein Mensch kühne und heroische Worte sprach, während selbstverständlich die gehobene Rede natürlich und die gewöhnliche Umgangssprache affektiert ist. Die ganzen Verhältnisse von Schönheit und Häßlichkeit, Würde und Schmach wurden von oberst zu unterst gekehrt. Schönheit wurde zur Überspanntheit, als ob Zylinder und Regenschirme nicht die wahre Überspanntheit wären – eine Landschaft aus dem Lande der Kobolde. Würde verwandelte sich in eine Art Narrheit und Schamlosigkeit, als ob nicht gerade das Wesentliche eines Narren dieser Mangel an Würde wäre. Und die Folge davon ist, daß es tatsächlich sehr schwer hält, modernen Menschen eine Verschönerung oder öffentliche Würde vorzuschlagen, ohne sie zum Lachen zu bringen. Sie lachen über die Idee, Schilde und Wappen zu tragen, statt über ihre Schuhe und Halsbinden zu lachen. Wir dürfen nicht verlangen, daß Handelsleute ihre eigne Poesie haben sollten, obgleich es nichts so Poetisches gibt als den Handel. Ein Kaufmann sollte ein Wappen haben, würdig seiner seltsamen Waren, die aus fernen und phantastischen Ländern stammen; ein Briefträger sollte ein Wappen haben, das die seltsame Ehre und Verantwortlichkeit des Mannes ausdrücken könnte, der Menschenseelen in seiner Tasche trägt; der Apotheker sollte ein Wappen haben, das etwas versinnbildlichte von den Geheimnissen der Stätte des Heils, der Höhle einer erbarmenden Zauberkraft.

In der französischen Revolution gab es eine Klasse von Menschen, die jeder verlachte, und denen gegenüber es offenbar von praktischen Gesichtspunkten aus schwer war, sich des Lachens zu enthalten. Sie versuchten mit Hilfe riesiger hölzerner Statuen und funkelnagelneuer Feste die ungewöhnlichsten neuen Religionen zu begründen. Sie verehrten die Göttin Vernunft, die sich, selbst wenn man den vielen Tugenden dieser Leute die vollste Anerkennung zuteil werden läßt, als die Gottheit zeigte, die ihnen am wenigsten zulächelte. Aber diese radschlagenden Wahnsinnigen, von der alten Welt so gut wie von der neuen verleugnet, waren Menschen, die eine große Wahrheit gesehen hatten, welche die alte Welt so wenig kannte wie die neue. Sie hatten das Etwas gesehen, das den Weisen und Verstehenden verborgen blieb, von der ganzen modernen demokratischen Zivilisation an bis in die Gegenwart. Sie begriffen, daß die Demokratie eine Heraldik haben muß, daß sie ein stolzes und leuchtendes Schaugepränge braucht, wenn sie sich stets ihrer eignen hohen Sendung bewußt sein soll. Zum Unglück für dieses Ideal ist die Welt darin eher der englischen Demokratie als der französischen gefolgt; und jene, die zurückblicken auf das neunzehnte Jahrhundert, werden sicherlich darauf zurückblicken wie wir auf die Herrschaft der Puritaner zurückblicken, als auf eine Zeit der schwarzen Röcke und des schwarzen Gemütes. Nach dem seltsamen Leben, das die Menschen jener Zeit führten, konnten sie ebensogut dem Begräbnis der Freiheit wie ihrer Taufe beiwohnen. Von dem Augenblick an, da wir wirklich an Demokratie glauben, wird sie zu blühen beginnen wie die Aristokratie blühte, in symbolischen Farben und Formen. Wir werden aus der Demokratie niemals etwas machen, solange wir nicht aus uns Narren machen. Denn, wenn ein Mensch wirklich nicht einen Narren aus sich machen kann, können wir ganz gewiß sein, daß die Anstrengung überflüssig ist.

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