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Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge - Kapitel 12
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authorGilbert Keith Chesterton
titleVerteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge
publisherVerlag der weißen Bücher
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Verteidigung nützlicher Information

Es ist nur natürlich und in der Ordnung, daß die Mengen von Explosivvorrat, die in den Detektivgeschichten aufgespeichert sind, und die gefüllten und gediegenen Konfektladen, die man sentimentale Novelletten nennt, bei den gewöhnlichen Literatur-Abnehmern populär sind. Es ist nicht schwer, sich bewußt zu werden, daß wir alle, Gebildete und Ungebildete, von Haus aus für Mord und Liebeserklärungen Interesse haben. Das wirklich Außerordentliche dabei ist nur, daß die blaßfärbendsten Romane in der Tat nicht so populär sind wie jene Literatur, die sich mit den unbestreitbarsten und niederdrückendsten Fakten beschäftigt. Die Menschen sind augenscheinlich für Mord und Liebeserklärungen nicht halb so interessiert wie für die Zahl der verschiedenen Formen von Hausschlüsseln, die es in London gibt oder für die Zeit, die eine Grille brauchen würde, um von Kairo nach dem Kap zu hüpfen. Die ungeheure Menge wahnwitziger und unnützer Wahrheit, die die verbreitetsten Zeitungen und viele der illustrierten Zeitschriften füllt, ist sicherlich eine der ungewöhnlichsten Arten seelischer und geistiger Nahrung, mit denen der Mensch je gefüttert wurde. Es ist beinahe unglaublich, daß diese albernen Statistiken tatsächlich populärer sein sollten, als die blutstockendsten Geheimnisse und die üppigsten Gefühlsschwelgereien. Als ob sich einer vorzustellen hätte, wie die humoristischen Stellen aus einem Eisenbahnkursbuch an Winterabenden laut vorgelesen werden. Als ob man sich einen Menschen ausdenken müßte, der eine Annonce von Dr. Hommels Haematogen nicht aus der Hand legen kann, ohne zu wissen, was aus dem jungen Mann wurde, der in Königsberg so schwer krank lag. Bei billigen Detektivgeschichten und billigen Novelletten haben die meisten von uns das Gefühl, gleichgültig, wie gebildet sie sind, sie könnten sie ganz gut lesen, wenn sie nur dem Niedrigen und Oberflächlichen in ihrer Natur nachgäben: und schlimmsten Falls könnte man sie ja genießen, wie wir Stierhetzen oder einen Schwips genießen würden. Aber die Informationsliteratur bleibt uns ein vollkommenes Geheimnis. Wir können uns mit ihr ebensowenig unterhalten als mit seitenlanger Lektüre eines Vororte-Adreßbuchs. Solche Sachen zu lesen würde keine gewöhnliche Befriedigung sein; es wäre ein überaus mühsames und verdienstvolles Unternehmen. Das ist es, was das tiefgründige und beinahe unermeßliche Interesse für diesen besonderen Zweig populärer Literatur ausmacht.

Fundamental wenigstens hat es eine besondere Bewandtnis, was zu ihrer Rechtfertigung gesagt werden muß. Man muß den Lesern dieser seltsamen Wissenschaft zugestehen, daß sie, dem Ganzen gegenüber, so uneigennützig sind wie ein Prophet, der Visionen hat, oder ein Kind, das Märchen liest. Hier finden wir wieder, wie so oft, welcher Anschauung wir in dieser Frage der populären Literatur auch Glauben schenken dürfen: am wenigsten von allen dürfen wir der Erklärung und Beurteilung glauben, die unter den Gemeingebildeten verbreitet ist. Die landläufige Version für den Grund dieses populären Informationsbedürfnisses, den eine Person mit etwas Kultur angeben würde, wäre, daß gewöhnliche Menschen vor allem an jenen dürftigen Tatsachen Interesse finden, von denen sie rings umgeben sind. Eine ganz oberflächliche Prüfung wird uns zeigen, was immer der Grund für die Popularität dieser verrückten Enzyklopädien sein mag, es kann nicht der Grund der Nützlichkeit sein. Die Version vom Leben, die eine Groschen-Novellette bietet, mag sehr mondsüchtig und unzuverlässig sein, sie wird aber wenigstens aller Wahrscheinlichkeit nach eher Tatsachen, die auf das tägliche Leben Bezug haben, enthalten als Berechnungen darüber, wie viel Kuhschwänze notwendig sind, um den Nordpol zu erreichen. Es gibt weit mehr Leute, die verliebt sind als Leute, die die Absicht haben, Kuhschwänze zu zählen und zu sammeln. Es leuchtet mir ein, daß die Gründe dieser weitverbreiteten Informationssucht um der Information willen in anderen und tieferen Schichten der menschlichen Natur gesucht werden müssen als in jenen täglichen Bedürfnissen, die so nahe an der Oberfläche liegen, daß selbst Sozialphilosophen sie irgendwo in jenem starken und ewigen Instinkt für Begeisterung und das Nasehineinstecken in anderer Leute Angelegenheiten entdeckt haben, der große Volksbewegungen wie die Kreuzzüge oder die Straßenaufstände zeitigte.

Ich hatte einmal das Vergnügen, einen Menschen zu kennen, der im privaten Leben tatsächlich in der Art dieser Zeitungen sprach. Seine Unterhaltung bestand in fragmentarischen Angaben über Höhe und Gewicht und Tiefe und Zeit und Bevölkerung, und diese Unterhaltung war eine Nachtmar von Dummheit. Während der kürzesten Pause konnte er fragen, ob seine Unterredner denn eine Ahnung hätten, wie viele Tonnen Rost jedes Jahr von der Menai-Brücke abgekratzt würden, und wie viele Konkurrenzläden Herr Whiteley aufgekauft hatte seit der Eröffnung seines eigenen Geschäftes. Das Verhalten der Bekannten zu diesem unerschöpflichen Schwadroneur schwankte je nach seiner An- oder Abwesenheit zwischen Gleichgültigkeit und Schrecken. Es war entsetzlich, zu denken, daß eines Mannes Hirn mit solchen unsagbar nutzlosen Schätzen vollgepfropft sein könnte. Es war, als ob man ein imponierendes Stadt-Museum besuchte und die Galerien und Glaskästen mit Proben von Straßenkot, gewöhnlichem Mörtel, zerbrochenen Spazierstöcken und billigem Tabak gefüllt fände. Jahre später entdeckte ich, daß dieser unerträglich prosaische, langweilige Mensch in Wirklichkeit ein Dichter gewesen war. Ich kam dahinter, daß jede Probe dieser vielseitigen Information absolut und unverschämt falsch war, daß er sich sie, so viel ich wußte, jedesmal erst im Gehen zurecht gelegt hatte; daß keine Tonnen Rost von der Menai-Brücke abgekratzt werden, und daß die Geschäftsrivalen und Herr Whiteley Schöpfungen seines Poetenhirns waren. Sofort spürte ich einen verzehrenden Respekt vor dem Mann, der ein so zufälliger, eintöniger, gänzlich zweckloser Lügner war. Er muß ein Fall von l'art pour l'art gewesen sein. Der Spaß, mit einem solchen Ernst durch eine ansehnliche Lebenszeit aufrecht erhalten, gehörte in jene Kategorie von Spaß, der sich mit Allwissenheit teilt. Was mir beim Nachdenken aber noch zwingender auffiel, war die Tatsache, daß diese fabelhaften Trivialitäten, die mich äußerst gemein und nüchtern berührten, sofort pittoresk und beinahe brillant wurden, als ich erkannte, sie waren Erfindungen des Menschenhirns. Und hier, wie mir scheint, legte ich den Finger auf einen Grundzug der kultivierten Klasse, der sie davon abhält und vielleicht immer abhalten wird, mit den Augen der volkstümlichen Vorstellungskraft zu sehen. Die bloß Gebildeten können schwerlich je dazu gebracht werden, zu glauben, daß diese Erde selbst ein interessanter Ort ist. Wenn sie ein Kunstwerk anschauen, ein gutes oder schlechtes, erwarten sie, davon interessiert zu werden, aber wenn sie eine Zeitungsannonce oder ein paar Leute auf der Straße anschauen, erwarten sie, genau und wörtlich genommen, nicht, dadurch interessiert zu werden. Doch für gewöhnliche und einfache Menschen ist diese Welt ein Kunstwerk, mag sie, wie viele große Kunstwerke, anonym sein. Sie erwarten vom Leben mit derselben Art behaglicher und unausrottbarer Zuversicht interessiert zu werden, mit der sie es von einer Komödie erwarten, für die sie an der Kasse ihr Eintrittsgeld bezahlt haben. Für die Augen blasierter Zeitgenossen ist das Weltall in der Tat ein verzeichnetes und übermaltes Bild, Zirkelkritzeleien eines Kindes auf der Schiefertafel der Nacht; die Sternenhimmel sind ein gewöhnliches Muster, das sie nicht als Tapete nehmen möchten, die Blumen und Früchte haben einen Pöbelglanz wie der Sonntagshut eines Blumenmädchens.

So durch die Kunst auf das Niveau der Kunst herabgedrückt, haben sie ganz und gar jenen primitiven und typischen Geschmack des Menschen verloren – den Geschmack für Neuigkeiten. Unter diesem eigentümlichen Geschmack für Neuigkeiten meine ich das Vergnügen am Hören der bloßen Tatsache, daß ein Mann im Alter von 110 Jahren in South Wales gestorben ist, oder daß die Pferde bei einem Begräbnis in San Francisco durchgegangen sind. Gar vieles aus den religiösen und politischen Anfängen der Welt, zahllose Wunder und Heldengeschichten gehen ursprünglich auf diese Liebe für etwas, das gerade passiert ist, zurück, auf diese göttliche Einrichtung des Klatsches. Als man das Christentum die gute, neue Lehre nannte, verbreitete es sich rasch, nicht nur weil es gut war, sondern auch weil es neu war. Daher kommt es, daß wir den Arbeiter, wenn wir einmal mit ihm im Eisenbahnzug über die Tagespresse sprachen, gewöhnlich nicht interessiert gefunden haben an jenen Kämpfen im Parlament und in den Gewerkvereinen, die ihm mitunter nützlich sind und jedenfalls immer dafür gelten; sondern interessiert an der Tatsache, daß ein ungewöhnlich großer Wal an der Küste von Orkney ans Land gespült worden ist oder daß es von irgendeinem führenden Millionär wie Mr. Harmsworth heißt, er zerbreche hundert Pfeifen im Jahr. Die gebildeten Stände, übersättigt und demoralisiert durch die völlige Hingabe an Kunst und Stimmung, können nicht länger die müßige und herrliche Uninteressiertheit eines gewöhnlichen Sonntagslesers verstehen. Der hat noch etwas von jenem Gefühl, das das Geburtsrecht der Menschen sein sollte – jenem Gefühl, daß dieser Planet wie ein neues Haus ist, in das wir gerade mit unserem Gepäck eingezogen sind. Jede Einzelheit darin hat Wert, und mit einem wahrhaft sportsmännischen Instinkt genießt der Durchschnittsmensch sein größtes Vergnügen an Einzelheiten, die höchst verwickelt, belanglos und dabei schwer und überflüssig zu entdecken sind. Jene Seiten der Zeitung, welche die Riesenerdbeere und die Froschregen annoncieren, sind in Wahrheit die Repräsentanten des volkstümlichen Triebes, der die Hydra, den Werwolf und die hundsköpfigen Menschen schuf. Das Volk im Mittelalter interessierte sich nicht für einen Drachen oder eine Teufelserscheinung, weil sie meinten, daß das ein wundervolles Prosa-Idyll wäre, sondern weil sie meinten, daß man das wirklich gerade gesehen hätte. Es war nicht wie so viele künstliche Literatur ein Zufluchtsort, der auf die Trübseligkeit der Welt hindeutete: es war etwas Wirkliches, das ausdrucksvoll die fruchtbare Poesie der Welt illustrierte.

Daß viel gesagt werden kann und gesagt worden ist gegen die Informationsliteratur, leugne ich keinen Augenblick, Sie ist gestaltlos, sie ist trivial, sie mag einen unwahren Anstrich von Wissen geben, sie unterliegt ohne Frage mit der übrigen populären Literatur der allgemeinen Beschuldigung, daß sie die Möglichkeit besserer Arbeit nimmt, sicherlich durch Zeitverschwendung, vielleicht durch Geschmacksverderbnis. Aber diese naheliegenden Vorwürfe sind die Vorwürfe, die wir so hartnäckig von jedem zu hören bekommen, daß man sich nur wundern kann, woher die fraglichen Zeitungen ihre Myriaden von Lesern hernehmen. Die natürliche Notwendigkeit und die natürliche Wohlfahrt, die so unreife Einrichtungen notwendig gemacht haben, ist weit weniger häufig Gegenstand der Betrachtung; und doch sind die gesunden Hungerbedürfnisse, die hinter den Gewohnheiten der Demokratie stecken, sicherlich des selben teilnahmsvollen Studiums wert, das wir den Dogmen längst entthronter Dogmatiker oder den Intrigen längst vom Erdboden verschwundener Republiken widmen. Und das ist die Basis und die Überlegung, die ich zu bieten habe: daß der Geschmack für Flicken und Lappen journalistischer Weisheit und Historie vielleicht nicht, wie man ständig behauptet, die vulgäre und senile Neugierde eines altgewordnen Volkes ist, sondern einfach die kindische und keinen Unterschied machende Neugierde eines Volkes ist, das noch jung ist und an die Geschichte zum erstenmal herantritt. In andern Worten, ich erkläre, man erzählt sich in den Zeitschriften nur die selbe Art von Geschichten abgedroschener Voraussagen und konventioneller Absonderlichkeiten, die man sich auf alle Fälle im Wirtshaus erzählen würde. Die Wissenschaft selbst ist nur eine Übertreibung und Spezialisierung dieses Durstes nach nutzlosen Tatsachen, der für die Jugend der Menschheit kennzeichnend ist. Aber Wissenschaft ist seltsamerweise geschieden worden von den bloßen Neuigkeiten und Verleumdungen, von Blumen und Vögeln; die Menschen haben aufgehört zu sehen, daß ein Pterodaktylus ebenso frisch und natürlich wie eine Blume war, daß eine Blume ebenso ungeheuerlich ist wie ein Pterodaktylus. Der Wiederaufbau dieser Brücke zwischen Wissenschaft und menschlicher Natur ist eine der größten Notwendigkeiten für die Welt. Alle haben wir zu zeigen, ehe wir zu irgendwelchen Visionen oder Schöpfungen übergehen, daß wir zufrieden sein können mit einem Planeten von Wundern.

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