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Versuche

Josef Hofmiller: Versuche - Kapitel 16
Quellenangabe
typeessay
authorJosef Hofmiller
titleVersuche
publisherKarl Rauch Verlag, Leipzig
seriesWanderbilder und Pilgerfahrten
volume3. Band
printrunSechste Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071017
projectid97b4ca38
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Burghausen

(1928)

Die Salzach ist ein herrliches Wasser. Schon wie sie einherstürmt, ein jüngeres, schlankeres Geschwisterkind des Inns, blitzend, unbändig, morgenschön! Die Innlandschaft ist bereits halb südlich, das breite Tal sendet laue Schwaden föhniger Milde noch in die höhern Seitengründe, feierlich durchwallt der alte Strom in tiefem Bett das weite Becken seiner langen Bahn. Die Salzachufer gemahnen an die edelsteinleuchtenden Hintergründe altdeutscher Tafeln. Das Grün ihrer Wiesenhänge ist frisch wie eine Buchenhalde im Mai. Wie im Morgenglanz schimmern die weißen Würfel ihrer reinlichen Häuser. Perlmutterkühl ist der zarte Hauch, der körperlos darüber schwebt. Die Schönheit des Inntals ist abendlich, sie ist wie eine Traube im Herbst. Die der Salzachlandschaft holdselig wie das Erröten eines blühenden Apfelzweigs. Es ist ein Unterschied wie zwischen der ersten Arie der Gräfin im »Figaro« und Schuberts »Forelle«.

Eh sich die Salzach dem Inn für immer stürmisch an die Brust wirft, eine gute Meile etwa Burghausen abwärts, spielt sie geschwind noch drei Trümpfe aus, als wollte sie dartun, was sie ganz allein vermag, aus eigener Kraft, ohne das fürstliche Salzburg, ohne die Zinnen des Unterbergs, selbst ohne den wipfelgrünen Buckel des Kapuzinerhügels. Den ersten Rank wagt sie bei dem Städtchen Laufen und schnellt eine silberne Schlinge herum wie der Inn um Wasserburg; aber das Hochufer gerät ihr nicht ganz nach Wunsch, unwirsch schiebt sie sich weiter. Bei Tittmoning nimmt sie den zweiten Anlauf, da stemmt sie vor lauter Eifer die Hochufer mit aller Gewalt auseinander vom Burgberg bis Radegrund, aber wieder scheint sie mit ihrem Werk nicht ganz zufrieden. Sie besinnt sich, sammelt ihre Kraft, läßt die Ufer in Ruhe, fließt sittsam eingeschnürt zwischen steilen Wänden bis kurz vor Burghausen. Was die wilde Pinzgauerin hier zu guter Letzt angestellt hat, können wir nur erschließen aus dem abenteuerlichen Befund des Geländes. Offenbar hat ihre eisklare Strömung in Urzeiten das ganze breite Tal eingenommen, bis sie auf einmal nicht mehr weiter konnte; murrend bog sie wieder um nach Süden, schliff und wetzte zurück den langen Burgberg entlang, staute ihre Wucht, grollte und schwoll, bis sie sich in einer neuen Stoßschleife gegen Norden den Durchbruch ertrotzte, ihren letzten, endgültigen. Aber als hätte diese schöne Lau als Dank für ihre Befreiung auf ewige Zeiten ein freundliches Denkmal ihrer einstigen Herrschaft stiften wollen, breitete die Gletscherfei zum Abschied in die höhere Mulde auf der Abendseite der Burg das samtene Grün eines menschenliebenden Gewässers, des dunkeln Wöhrsees.

Schon durch ihre Länge nimmt die Herzogsveste das Auge so gefangen, daß es zuerst die Stadt kaum gewahrt vor lauter Burg. Und doch, wie sehenswert ist es, wie mittelalterlich deutsch, dies altertümliche Nest, das sich an die Morgenseite der Burg hinschmiegt, wie der Wöhrsee an die nachmittägige! Scheint es nicht gar, als wollt' es mit seinen bürgerlichen Mitteln aus Stein und Mörtel mit dem Durchbruch wetteifern, den sich die Salzach im Maßstab der Edda erzwungen hat? Immer schmäler, eingeklemmter wird die Straße, die lange Grüben – warum nur hat man sie in Herzog-Georgstraße umgetauft? Ist sie mit den geraden Stirnmauern ihrer schmalen hohen Häuser nicht richtig wie ein Laufgraben? Mit knapper Not, daß sich zwei Fuhrwerke ausweichen können. Sie verengt sich zur Klamm, Schwibbögen spreizen sich von Hauswand zu Hauswand, endlich hat auch sie ihre Mündung gefunden und verschnauft sich in dem hellen Saal eines schönräumigen Platzes, dessen edle Weite freilich nur noch geahnt wird; denn zwei gutgemeinte Doppelreihen von Kastanien geben von den Häusern auf der Gegenseite nur die Sockel frei und die Stirn. Durch dies dunkle Laubgebüsch wird der Raum zerstört; an keiner Stelle kann man ihn als Ganzes erfassen, als Platz, mit einem Blick. Man muß an baumlose Platzgebilde denken, an den sperrangelweiten Stadtplatz von Tittmoning, an den Max-Josefplatz in Rosenheim mit seinen Lauben, an die noble Altstadt in Landshut, die wahrhaft kaiserliche Maximiliansstraße in Augsburg, um sich über den Unterschied klar zu werden. Mit grausamer Lieblichkeit sprengen große Bäume alles Menschenwerk aus Stein; außer sie werden streng in die Architektur einbezogen: dann unterwerfen sie sich dem baumeisterlichen Willen. Freilich wenn die Burghauser sagen: »Wir lieben unsern Platz so, wie ihn unsre Väter bepflanzt haben, wir wollen uns den labenden Schatten dieser Bäume nicht wegdenken, an heißen Tagen bieten sie uns Schutz, wenn's regnet ein angenehm tropfendes Parapluie« – müßte man nicht sozusagen ein Fanatiker des Städtebaues sein, um diese Gewächse umzusägen? Bei uns Oberbayern schlägt immer wieder ein Rest uralt heidnischen Baumkults durch und wirft alle künstlerischen Einwände übern Haufen, Und welch zahllose Gaben verschwiegenen Glücks haben diese Baumreihen Bürgertöchtern, lateinischen Schülern und zweifarbigem Tuch freundlich gespendet! Nein, wir wollen nicht einrissig sein: diese Bäume sind illegitim, aber sie sind heilig.

 

Wie getreulich das Burghausen von heut ein Stadtbild bewahrt, das fast vierhundert Jahr älter ist, zeigt ein Blick auf sein altersbraunes lindenes Urgeschnitz im Münchner Nationalmuseum. Durch den Straubinger Drechslermeister Jakob Sandtner nämlich ließ der Herzog Albrecht V. für seine Kunstkammer in den Jahren 1568 bis 157, – das Burghausner war das letzte – von seinen fünf Wittelsbachischen Residenzen München, Ingolstadt, Landshut, Straubing und Burghausen ansehnliche Holznachbildungen schneiden, etwa im Maßstab 1 zu 750, mit ganz leichter Überhöhung der Straßenzüge. Diese Holzmodelle sind unschätzbar, denn sie überliefern die Städte körperhaft, nicht nur ihre Blendrisse in Form von Kupferstichen oder Holzschnitten, nicht nur Veduten. Sandtners Modell hat uns das Burghausen der spätmittelalterlichen Zeit erhalten, es ist ein rechtschaffner Zeuge, wie unverfälscht diese Doppelstadt sich selber bewahrt hat bis auf den heutigen Tag. Denn der Klein- und Feinmeister Sandtner begnügt sich nie mit einem Ungefähr: gewissenhaft schnitzt er jedes Haus nach, Giebel und Laube, Turm und Tor, Erker und Hof, Gestalt der Türen, Anzahl der Fenster, deren Einteilung und Zwischenwände. Zugleich bezeugen seine Modelle die Zusammengehörigkeit des bayrisch-österreichischen Stamms von Passau bis Sterzing und Bozen: ob die Bogengewölbe dieser Laubengänge im Kern des alten München standen (»die finstern Bögen« waren der erste, beglückende städtebauliche Eindruck meiner Knabenjahre: neben dem Beisel »Zum ewigen Licht« gab's einen märchenhaften Spielkramladen) oder ob sie noch heute stehn, in Wasserburg, Rosenheim, Bozen, sie sind süddeutsches Gewächs und Gebild, und die Laubenhöfe sind es auch, ob sie zur Karmeliter-Apotheke auf dem Münchner Promenadeplatz gehören oder zu Krems in der goldnen Wachau, zu Bechelaren im Nibelungengau oder zur glorreichen Rebenwallfahrt Eppan, Girlan, Terlan, Andrian, Meran. Süddeutsch sind die Giebel: Treppengiebel, Zinnengiebel, geschweifte Giebel, waagrechte Stirnmauern vor flachen Dächern in Tölz, Pfarrkirchen, Deggendorf, Sulzbach, Dingolfing, Rosenheim, die ganze Salzach hinauf, hinunter, den Inn entlang von Innsbruck bis Passau, und wiederum vom Brenner, Eisack und Etsch entlang, bis zur Klause von Salurn.

Wie geruhsam geht sich's auf dieser hölzernen Brücke hin und her, zwischen dem oberösterreichischen Ach und dem bayrischen Burghausen – denn wahrhaftig, hier sind Grenzpfähle – wie konnte nur der Mensch scheiden, was Gott so sinnvoll, so unmißdeutbar zusammengefügt hat? Gibt es etwas, das herzlicher verbände als eine Brücke? Wie sinnlos stehen diese Grenzpfähle zwischen Laufen und Oberndorf, zwischen Tittmoning, und Radegund, zwischen Burghausen und Ach auf drei trennenden Brücken!

Welches Bild steigt doch hier vor uns auf beim Blick auf die alte Stadt? Meinen wir nicht in Sankt Achaz zu sein, und was vor uns liegt, sei Wasserburg? Für Wasserburg nämlich wie für Burghausen war die Wasserstraße so wichtig wie die Zufahrten vom Land. Jedes Haus hat seinen Ländegries – denn beide Städte liegen auf der flachen Strandseite, nicht auf dem steilen Bruchufer –, Pfähle sind eingerammt zum Festbinden der Lastzillen, schmalste Gäßchen laufen hinab zum Fluß – heut heißen sie noch Feuergäßchen, denn hier standen bei Bränden in langer Kette die Bürger an mit ledernen Löschkübeln –, jedes Fleckchen ist haushälterisch ausgespart zu schwebenden Gärten und Waschaufhängen, auf dieser unsrer hellen Flußseite sind die Häuserzeilen aufgelockert durch Galerien und Lauben, hier herrscht der gesellige Holzbau, die abweisenden steinernen Stirnseiten sind den engen Straßenschachten zugewandt. Ähnlich ist das Bild in dem ein paar Stunden südwestlich gelegnen Trostberg an der Alz, das auch nur der kennt, der sich dort in lauer Sommernacht im Pfaubräugarten eine gute Flasche zu Gemüt geführt hat. Von den Brücken aus gleichen sich Wasserburg und Burghausen wie Schwestern. Aber dann gleitet das Auge nach oben: in Burghausen erhebt sich über der Unterstadt eine zweite auf dem Berg, so lang wie sie, beherrschend, beschützend, drohend, denn unten war die Schirmbedürftigkeit, oben die Gewalt. Besäße Burghausen nichts als den Rücken dieses Schloßgrats mit den wohlerhaltenen Zeugen einer Burganlage, die ihresgleichen sucht in deutschen Landen, es wäre ein Kleinod. Hinter dem langen Bogen der hellen Häuser, die in Reih und Glied geschlossen eins neben dem andern der Salzach den Rücken wenden, gegen den hölzernen Brückenkopf zu allmählich höher, mit den Giebeltrakten des alten Jesuitengymnasiums und des Amtsgerichts nebeneinander stattlich abschließend, sehen wir von der Brücke aus die zweite Zeile der westlichen Häuser des Stadtplatzes, eine dritte dahinter, die Messerzeile schneidet mit ihren weißen Stirnmauern schon die Abdachung des Burgbergs, alle drei überragt vom hohen Langhaus der Pfarrkirche: genau am Angelpunkte der langen engen Grüben und des weiten Stadtplatzes gliedert sie die welligen Waagrechten der sich fortschwingenden Dächer und die langgestreckte Burghalde durch ihren Turm, der das Giebelgezack im Gleichgewicht hält und wie ein gestreckter Finger nach oben weist zur krönenden Burg.

Von der Salzachseite aus gesehen ist die alte Burg aufgelockert und kaum mehr erkennbar als das, was sie war: eine einheitliche sechsgliedrige Wehranlage. Was links ganz vorn nach Süden ragt, ist, aufeinander und ineinander gepelzt, schon für sich eine stattliche Burg, mit zinnengekrönter Brustwehr und Torriegel, Bergfried, Dürnitzstock und Schatzkammer, Burgkirche, zuletzt der Fürstenbau, der wiederum eine Burg für sich ist. Aber dann dehnt sich und streckt sich ein wunderhübsches mittelalterliches Städtchen, niedrige und höhere Speicher, Vorratskammern, Wohnhäuser, Mauern und immer wieder Tore und Türme mit Bäumen davor, dazwischen, dahinter, und verläuft sich ins Grün des Hinterlands. Kriegerischer wirkt die Burg von der Wöhrseite aus. Hier denkt man unwillkürlich an Rothenburg. Der stattliche Eindruck wird noch verstärkt durch die Schenkelmauer, zinnengekrönt strafft sie sich vom Fürstenbau hinab zum Wöhrsee, macht ein rechtes Eck, läuft ungegliedert weiter, sarazenisch detaillos bis zum klobigen runden Turm, der ebensogut in Nürnberg stehen könnte. Jetzt erinnern wir uns, daß auf Sandtners Modell der Burgberg auch nach Norden steil abbricht und sich gegen einen tiefen Graben noch einmal in einem turmhohen Querriegel senkrecht aufbäumt. Damals war der Burgkamm bedeutend länger als die Stadt; denn die Gebäude, in denen jetzt das Gymnasium und Gericht untergebracht sind, gehören, wie die Jesuitenkirche, erst dem 17. Jahrhundert an. Zu Sandtners Zeit duckten sich die Häuser der Bürger wie eine Schar junger Hühner eng und dicht unter die ausgebreiteten Fittiche der Burg, die mit ihren Zwingern, Streichwehren, Laufmauern und viereckigen Zelttürmen, mit Dienstklausen und Wohnhäusern, gedoppelten Tortürmen, Kirche und Kapelle erst die wahre Stadt schien, deren berühmter Uneinnehmbarkeit die dienende unten ihr Entstehen und Fortbestehen verdankte. Zu Sandtners Zeit muß der Kontrast stärker gewesen sein als heut, denn der größte Teil der untern Häuser war 1504 abgebrannt, die Bürgerstadt also funkelnagelneu im Vergleich mit der kriegerischen grauen auf dem Berg, die von der spätromanischen Zeit bis in die letzte Gotik reicht. Diese Feuersbrunst erklärt wohl auch die einzigartige Einheitlichkeit des untern Stadtbilds.

 

Das ist die mittägige Stunde, in der die Vögel schweigen und nur Grillengeschrill die flimmernde Luft durchschwirrt. Wie im Schlummer blinkt bleiern die Sichel des Wöhrsees, kaum sichtig steht ganz rechts die Wallfahrt Marienberg in weißem Dunst, kaum daß man noch den Dachreiter der alten Zisterzienserkirche von Raitenhaslach erkennt. Das ist die Stunde, in der man den schmalen Rücken des Burgbergs abpilgern soll. Sie ist nicht minder schweigsam und verträumt als die mitternächtige. Nur der baumumstandne Grasplatz vor dem sechsten Hof widerhallt von Kinderlust: ein Ball fliegt hin und her, und die Lehrerin im Nonnengewand spielt fröhlich mit den Fröhlichen. Aber dann begegnet uns kein Mensch mehr. Verlassen schlafen die Höfe, vom sechsten, in dem wir stehn, bis zum vordersten. Denn dies war der Gedanke der Verteidigungsanlage: unbezwinglich nach Süden abfallend, unüberrumpelbar von der Stadt aus, unzugänglich von der Seeseite, konnte die Burg höchstens von Mitternacht ernstlich bedroht werden, darum ist sie in sechs Höfe zerlegt, die von Nord nach Süd immer schmäler zusammenrücken, jeder vom andern geschieden durch einen tiefen Graben oder ein starkes Tor oder beides. Sechsmal sollte sich die Kraft des Angreifers brechen, bis er ermattet vor dem Fürstenbau stand. Diese sechs Höfe sind mit Ausnahme des ersten noch erhalten und deutlich unterscheidbar, wenn auch manche Bauten der Zeit zum Opfer gefallen sind und die tiefgeschnittnen Gräben zum Teil zugeschüttet. Was nicht mehr steht, ist der ungeheure Duerriegel des Kastens mit dem vorgelegten tiefen Halsgraben. Aber unversehrt steht noch der Curaturm, ehedem zum Öttinger Tor gehörig, das nicht nur zur Burg den Zugang sperrte, sondern von Norden her auch zur Stadt. Die Türme und Dienstbehausungen der herzoglichen Beamten und Bediensteten sind Wohnungen für kleine Leute geblieben, zum Teil dienen sie andern Zwecken, wie der Curaturm dem Messungsamt, das folgende Gebäude als Betsaal der evangelischen Gemeinde. Links unterhalb, längs zu unserem Weg, ist das Christophstor; zu ihm stieg, bis Ludwig I. die neue schuf, die alte Straße von der Stadt links neben der Jesuitenkirche steil und unbequem genug empor; sie allein verband Burg und Stadt und auch unten war sie absperrbar durch das Sporertor. Schon stehen wir vor der äußeren Burgkapelle von 1480. Sie ist sehenswert wegen ihrer geistreichen Netzgewölbe; leider sind sie recht eintönig übertüncht, statt daß die zierlichen Rippen, wie in der innern Burgkirche, durch kräftige Färbung hervorträten. Die erneuerten Fassungen und Ergänzungen der Altäre stammen aus den fünfziger Jahren, wo alle Kapläne wußten, was reine Gotik sei; zuviel Gold, Seitenaltäre mißlungen, Schnitzerei zu hoch, die predellenartigen Hauptdarstellungen gedrückt, der Rückgang des Handwerklichen gegenüber dem Mittelalter trotz dem königlichen Auftrag schauderhaft. Aber der Raum, der Raum ist reizend; schön die Tür mit den drei Rollenknäufen und der steinerne Baldachin mit den Gestalten der Verkündigung.

Wieder ein derbes Tor, rechts ein alter Sonnenuhrturm mit überdachtem Brunnenhaus: an dieser Stelle beginnt das spitzwegische Idyll der grünumsponnenen Festung mit Kanonenkugeln als Prellsteinen. Es begleitet uns bis zum vordersten Hof: vor allen Türmen, Häusern, Laufmauern liegen Gärtchen mit Beerensträuchern, Obstbäumen, Gemüsebeeten, in denen Hühner picken und Wäsche flattert. Zur Zeit, da der langgestreckte Bau links noch Fronveste war, der rechts Folterturm und Behausung des Eisenmeisters, mag es weniger idyllisch gewesen sein. In dem zweistöckigen Haus mit dem Treppengiebel rechts hauste, wie eine allerdings nicht alte Überlieferung will, der Ahnvater der bayrischen Geschichtsschreibung, jener Johannes Turmaier aus Abensberg, der sich Aventinus nannte, als Erzieher der jungen Prinzen Ernst und Ludwig, der unmündigen Söhne Herzog Albrechts, beide von ihrem frommen Vater dem geistlichen Stand vermeint; der dreizehnjährige Ludwig trug bereits die Tonsur und hatte es schon zum Propst des Freisinger Domkapitels gebracht.

Und wiederum ein Torbogen mit Zwillingstürmen, vordem die Wohnung des Zeugwarts. Rechter Hand führt eine kleine Tür zu einer schattigen Aussicht, ziemlich in der Mitte überm Wöhrsee. Es folgt das Zeughaus, ein mächtiges Gebäude, dessen oberstes Stockwerk vordem als Kornkasten diente. Dann stehn wir vor dem Georgstor, zu dem ein tiefer, überbrückter Graben führt. Hier öffnet sich überraschend der erste Blick auf die Stadt; unser Standort liegt in gleicher Höhe mit dem Helmansatz des Pfarrturms. Von hier oben offenbart sich die Einheitlichkeit des Stadtbilds: kein Haus fällt aus dem Rahmen, die ganze Stadt hat Stil. Das ist der zweite Hof, der einstige Burggarten, da ist abermals ein Graben, tief, breit, ausgemauert, überbrückt, und jetzt, erst jetzt stehn wir vor der eigentlichen Burg. Sie ist ein Baubrocken von ungefügen Ausmaßen, nach allen Seiten Zwinger bleckend, nach dem vierschrötigen Riegel der Torseite ein schachtartig gedrückter Vorhof, durch den wir erst in den innersten Burghof gelangen, dessen drei andre Seiten gebildet werden von Dürnitzstock, Schatzkammer und Burgkapelle links, dem für die Frauen bestimmten Längstrakt rechts und dem Fürstenbau dazwischen. Unwillkürlich denkt man an den ersten Akt des Fidelio. In der Höhe des dritten Stocks spannt sich von der Dürnitz zur Pallas ein Quergang, durch den die fürstlichen Frauen zur Tanzhalle im obersten Geschoß der Dürnitz wandelten. Der Rittersaal im Erdgeschoß ist zweischiffig und fünfjochig, gegliedert durch fünf runde Vollsäulen und vierzehn Halbsäulen; vier Fenster nach der Stadtseite, zu jedem Fenster führt eine kleine Treppe, neben jedem Fenster rechts und links gemauerte Bänke: einer der herbsten und darum eindrucksvollsten Profanräume aus hochgotischer Zeit in Südbayern. Das Gewölb der Schatzkammer der reichen Landshuter Herzoge ist seit Jahrhunderten leer; Heinrich der Reiche soll dort 500 000 Dukaten in gemünztem Gold gehamstert haben. Streng steinern, unerbittlich das alles, widerspenstigem Haustein abgetrotzt, dem spröden Moränenschotter der Nagelfluh und einem körnig bräunlichen Süßwassertuff.

Die innere Burgkapelle, Sankt Elsbethen und den »aindleftthausend Maid« geweiht, ist der älteste frühgotische Bau Altbayerns. Ihr Langhaus steht zum Chor in stumpfem Winkel wie beim Dom zu Chur. Als ihre größte Merkwürdigkeit erschien mir immer der Vers, den Hans von Trenbeck, der greise Hofmeister Ludwigs des Reichen, innen an ihre Tür schrieb und der noch heut an der Wand gemalt ist:

»Etwan hätt ich ain gewohnheit,
wann ich ausreuth,
daß ich Gott vast bath,
daß ich her wieder haim trath.
nun bitt ich Gott inniglich sehr,
daß ich herwiederkomm niemer mehr.«

Eines Morgens stand der Spruch da. Siebenundneunzig Jahr war Hans von Trenbeck im herzoglichen Dienst alt geworden, da war er, nachdem er sein Zeitliches in aller Stille geordnet, plötzlich verschwunden. Er ritt nach Gaming in Niederösterreich und trat als Laienbruder in den Kartäuserorden. Im neunzehnten Jahre seines klösterlichen Lebens schickte ihn der Prior zum Einheben der Gilt ins Ennstal, wo er bei Thorsbach mit dem alten Gaul stürzte und starb, über hundertfünfzehn Jahre alt.

Im Fürstenbau ist jetzt eine kleine Galerie älterer Meister untergebracht, und in der Kemenate das Ortsmuseum, das nette Stücke enthält und mit einer artigen Sammlung neuerer Gemälde abschließt. Was könnten diese dicken Mauern alles erzählen! Hier hat Herzog Ludwig der Gebartete von Bayern-Ingolstadt jahrelang in der grimmigen Haft seines Vetters Heinrich des Reichen von Landshut geschmachtet bis zum einundachtzigsten Jahre, hier hat desselben Heinrichs unglückliche Gemahlin ein paar Monate später ihr trauervolles Dasein beschlossen. Hierher verbannte Ludwig der Reiche seine Frau, Amalie von Sachsen. Hier versickerten der polnischen Königstochter, die Georg der Reiche auf der glanzvollen Landshuter Hochzeit gefreit hatte, mit unerträglicher Langsamkeit ihre Tage. Und hierher floh zu Tod geängstet die kurfürstliche Familie, als die Schweden gegen München rückten. Unwillkürlich kommt einem das Motto zu Stifters »Narrenburg« in den Sinn: »Sieh nur, welch düstere Geschichten diese Trümmer reden!« Düster sind auch für den Wissenden die Erinnerungen beim Blick aus dem Fenster auf das gegenüberliegende österreichische Hochufer: der meilenlange schwarze Wald ist kein anderer als der Weilhart, da drüben hat der Sohn des Meier Helmbrecht geraubt, da drüben war die ruchlose Hochzeit seiner Schwester Gotlind, dort ist er geblendet und verstümmelt worden, dort henkten ihn die ergrimmten Bauern an einem dürren Baum, nachdem sie ihm einen Brocken Erde in die Hand legten »für unsers Herren Leib«. Aber versäume niemand, auf die österreichische Seite hinüberzugehen, denn sowohl von Norden wie von Süden ist von diesem Ufer aus der Blick auf Burg und Stadt unbeschreiblich malerisch. Nur von hier aus sieht man beide und erfaßt sie als ein zusammengehöriges, zusammengewachsenes Stück mittelalterlichen Städtebaues, eine seltsame Mischung von Sterzing und Carcassonne, denn dieser Burgenstil ist ebensosehr französisch wie tirolisch; man denkt an die Tour de Nesles in Paris, denkt an Spinöl und Marsöl im alten Chur. Wie man gemächlich weiter bummelt, flußaufwärts, ein paar hundert Schritt weiter, auf einmal steht die Burg da wie ein Belagerungswidder aus dem Bellum Gallicum, klotzig und trotzig, als holte sie aus zu einem Stemm- und Remmstoß. Noch vierschrötiger muß es ausgesehen haben, als sie noch das zinnenstarrende Pultdach hatte. Die Entsprechung dazu muß man sich denken: gegen Mitternacht eine nicht minder geharnischte Trutzwehr, die nach rückwärts ausschlägt wie ein Brabantergaul, breithufig und eisern. Allmählich dämmert es einem auf: das war keine Spur von Idyll, das war alles dräuend, zweckgedacht, sachlich, das war, solang nicht mit Feuerwaffen geschossen ward, uneinnehmbar.

Vorhin nannten wir die »Narrenburg«. Auch auf diesem, dem oberösterreichischen Ufer begegnet uns Adalbert Stifter. Der geliebte Dichter der »Narrenburg« ist die Straße gefahren, auf der wir wandeln, in einem Brief beschreibt er seiner Frau Burghausen, wie dieses seltsame Doppelgebild, Schicht um Schicht, wenn man von Linz her kommt, langsam auftaucht:

»Es war ganz heiter und kalt. Nach 12 Uhr sah ich die Stadt Burghausen vor mir. Eine seltsame Stadt. Lange, altertümliche, festungsartige Mauerwerke, hie und da ein viereckiger Turm, ein runder Turm, am linken Ende ein altes Schloß, von einer Kirche nur sehr wenig Kapellenartiges mit einem kapellenartigen Türmchen. Nun, es wird doch in diesen Mauern eine Unterkunft zu finden sein, dachte ich. Sie lagen gerade vor mir. Da machte der Weg eine Wendung nach rechts, dann wieder eine nach links, dann stand eine Tafel, auf der zu lesen war, daß der Radschuh eingelegt werden müsse. Der Kutscher legte nicht nur den Radschuh ein, sondern bremste auch noch die zwei Hinterräder. Wirklich begann der Weg sanft abwärts zu gehen.

Da sah ich ein neues Wunder. Auf dem Felde stand eine Kuppel, wie sie sonst auf großen Türmen sind, mit einem tüchtigen Turmkreuze, als wäre ein Kathedralturm bis auf die Kuppel in die Erde gesunken. Die Straße fing jetzt an steiler abwärts zu gehen. Plötzlich löste sich das Rätsel. Wir kamen ein wenig vorwärts, und zu unsern Füßen lag eine Schlucht und in derselben die Stadt. Was ich früher gesehen hatte, war das alte Schloß und die alte Festung gewesen, die auf einer langen Bergzunge in allerlei Gebäuden oberhalb der Stadt hinging. Jetzt sah ich allerdings eine große Kirche und einen großen Turm, auf dem die Kuppel statt auf dem Felde saß. Zwischen mir und der Stadt war an der Stadt auch noch der Salzachfluß. Die Stadt aber sieht nicht anders aus, als wäre sie aus einem altdeutschen Gemälde herausgeschnitten und hieher gestellt worden.«

Wenn die Bauweise der Stadt bayrisch ist, so ist es die der Burg noch ausgeprägter. Bayrisch in ihrem herrischen Willen zum Monumentalen, wie mit den verschämten Lieblichkeiten ihres Schmucks. So, genau so, ist das tirolische Runkelstein im Sarntal und die Trostburg ob Waidbruck. So ist die Hohensalzburg und so Parsberg in der Oberpfalz. Und so ist endlich, um das letzte und nicht nur geographisch Äußerste zu sagen, das Wiener Tor in Hamburg an der Donau, hart vor den Pforten Ungarns, ein schier schreckhaftes Trumm von solchen Riesenmaßen, daß der Beschauer an den grimmen Hagen denkt, der einst dort vorbeizog, auf der Nibelungenfahrt ins Heunenland.

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