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Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Friedrich von Hagedorn: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefable
booktitleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
authorFriedrich von Hagedorn
firstpub1738
year1974
publisherJ. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
addressStuttgart
isbn3-476-00300-0
titleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
created20041129
sendergerd.bouillon
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Der Sultan und sein Vezier Azem.

            Es ward ein Sulimann nur durch den Krieg ergetzt,
Der seinen Roßschweif oft mit frischem Blut benetzt;
Sein und der Feinde Land ward siegreich aufgerieben;
(O lernten Helden doch die leichte Wolfahrt lieben!)

    Dem tapfern Pyrrhus gleich stritt er ohn Unterlaß;
Doch sahe der Vezier, ein andrer Cyneas,
Der wahren Grösse Freund, mit heimlichem Erbarmen
Der Herrschsucht Opferherd, das schöne Reich verarmen,
Hier Felder unbesät, dort Städt' in Flammen stehn
Und den kein Säbel fällt in Sclavenfesseln gehn.

    Dieß sah er seufzend an; nur durft er es nicht wagen,
Bey Kriegesrüstungen den Frieden vorzuschlagen.
Doch seines Sultans Huld half dieser Blödigkeit
Und gab auf einer Jagd hiezu Gelegenheit.

    Es hatte Sulimann die Beyen, Agas, Bassen,
Der ganzen Hofstat Zug, in schnellem Ritt verlassen.
Ihm folgte der Vezier, weil es sein Herr befahl,
Und beyde kamen bald in ein geweihtes Thal,
Wo noch zu OßmannsOßmann oder Othmann war der dritte Calif nach dem Mahomet, dessen beyde Töchter er geheirathet hatte und daher der Besitzer der beyden Lichter benannt ward. Er hat sich insonderheit durch seine Siege in den Geschichten bekannt gemacht. Zeit ein alter Santon wohnte,
Abdallah, der Prophet,Abdallah war, nach dem Berichte des Mr. d'Herbelot, in der Bibliotheque Orientale pag. 7 ein Sohn des Omar, lebte zu den Zeiten Mahomets, und ward, seiner Einsicht und Weisheit wegen, ein Saheb oder ein Gefährte des Propheten geheissen. in dem die Weisheit thronte,
Der Omars grosser Sohn, ein Haupt der frommen Schaar,
Der Todes-Engel Freund,S. Hadr. Reland, de Relig. Mohammed. L. I. p. 48. imgleichen p. 28 und d'Herbelot pag. 256. Azraels Liebling, war,
Der fast, wie Mahomet, die sieben Himmel kannte,
Und den ganz Asien vor vielen heilig nannte.

    Sie wuschen sich allhier Gesicht und Arm und Hand,
Nach Art des Muselmanns,S. Reland. de Relig. Mohammed. L. I. p. 82-85. mit dürrem reinen Sand,
Und ehrten andachtvoll, an der bestaubten Stäte,
Abdallahs hohen Ruhm mit eifrigem Gebete.

    Drauf hebt sich ein Gespräch von dessen Wundern an;
Da lächelt der Vezier und spracht zum Sulimann:
Ich habe, grosser Held, bereits vor vielen Jahren
Die schwerste Wissenschaft des Orients erfahren.
Und welche? Die vielleicht kein ImamDie Muselmänner legen diesen Namen dem Vorsteher oder Obersten ihrer Versammlungen in den Moscheen bey, insonderheit aber den rechtmäßigen Nachfolgern ihres Propheten oder dem Oberhaupte ihrer Secte in geistlichen und weltlichen Dingen. Es führten daher die Califen diesen Titel. Unter denselben ließ Moctafi sich den einzigen wahren Imam nennen. Eine jede Stadt des türkischen Gebotes besitzet ihren besondren Imam; dieser aber hat nur die Aufsicht über geistliche Angelegenheiten. eingesehn,
Kein Mufti lehren kan: Die Vögel zu verstehn.
Der Schwanen Sterbelied, was Staar und Aelster schwatzen,
Der Adler heisern Ruf, die Straussen und die Spatzen,
Des Pelikans Geschrey, selbst des HumaiDie Morgenländer halten den Humai für den treflichsten Vogel in der ganzen Welt. Die Perser glauben, daß er nur von der Luft lebet. Er soll dem Adler am ähnlichsten seyn, und wird von demjenigen, über dessen Kopf er schwebet, als ein gewisser Vorbote eines nahen Glückes, angesehen. Stimm',
O Herr der Könige! versteht dein Ibrahim.
Ein DervisEin türkischer oder persischer Mönch. Diese sind von allen andern sehr unterschieden, indem die sogenannten Calenders zu ihnen gehören, welchen der berühmte Saadi, der selbst ein Dervis war, gewisse seltsame Eigenschaften beyleget. Il conclut par les Calenders, qu'il dit ne fortir jamais de table, tant que la respiration leur dure & qu'il y reste quelque chose à manger. II dit aussi dans un autre endroit, que deux fortes de personnes ne doivent pas être sans souci, à savoir un marchand dont le vaisseau s'est perdu, & un riche heritier qui est tombé entre les mains des Calenders.
d'Herbelot.
hat mir das in Bagdad einst entdecket,
In dem Abdallahs Geist und Kraft zu Wundern stecket,
Der kennt den Alcoran; und der besitzt dabey
Die etwas schwarze Kunst der Caballisterey.
Die Probe fällt mir leicht, und die soll nimmer trügen.

    Der Sultan höret dieß mit innigem Vergnügen,
Und kehrt bey Nacht zurück; da ihn Dianens Schein
Zwo Eulen sehen lässt, die unaufhörlich schrei'n.
Auf! ruft er; Ibrahim, du wirst dich zeigen müssen,
Was giebts? Was wollen die? Ich muß es alles wissen.

    Der Großvezier gehorcht, und thut, als gäb er Acht
Zu forschen, was allhier die Vögel schwatzen macht;
Und endlich kömmt er schnell, als höchst bestürzt, zurücke.
O, spricht er: daß dein Reich der Mahomet beglücke!
Ich küß in tiefem Staub, Herr, deines Rockes Saum:
Nur gib, dein Azem fleht, gib einer Bitte Raum.
Verändre das Gebot; will ihm dein Wink befehlen,
So sey es, was er hört, dir ewig zu verhehlen,
Und – –
              Was du itzt gehört soll mir verborgen seyn?
Mir! einem Sulimann! Nein, bey dem Allah!Die Araber und alle Mahometaner legen den Namen Allah dem höchsten Wesen bey. nein.
Sag an!
            Der ganze Lerm betrifft nur Heirathsachen.
Zwey Väter sind bemüht, den Mahlschatz aufzumachen,
Womit des einen Sohn, zu beider Häuser Wol,
Des andern einzig Kind in kurzem freien soll.
Er muß, spricht dieser Greis, vor allen andern Dingen
Der Braut ein Heirathgut von funfzig Dörfern bringen,
Nebst einer wüsten Stadt, die, raubt der Tod den Mann,
Ihr Witwensitz verbleibt. Und wie? (hebt jener an)
Nur funfzig? O wie leicht ist dieses einzugehen!
Zweyhundert sollen dir, mein Freund, zu Diensten stehen.
Seit des Propheten Flucht war keine bessre Zeit:
Der Janitschar verhert die Länder weit und breit.
Es lebe Sulimann! er müsse lange leben!
So wird uns jedes Jahr schon Wüsteneien geben.

    Hier schweiget der Vezier: der Kayser merkt es sich;
Er weiß ihm heimlich Dank, und folgt ihm öffentlich,
Beschleußt, der Menschen Werth nie weiter zu vergessen
Und lernt der Länder Heil nicht nach den Siegen messen.

*
              Ein guter Rath ist immer gut;
              Doch lerne man die Wahrheit klüglich sagen.
              Der Lehren Kraft und Glück beruht
              Nur auf der Kunst, sie vorzutragen.
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