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Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Friedrich von Hagedorn: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen - Kapitel 72
Quellenangabe
typefable
booktitleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
authorFriedrich von Hagedorn
firstpub1738
year1974
publisherJ. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
addressStuttgart
isbn3-476-00300-0
titleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
created20041129
sendergerd.bouillon
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Die neue Eva.

        Nichts schmeckt so schön, als das gestohlne Brod.
Ein Sprichwort sagts, das ich nicht falsch befinde.
Man prüfe sich! Liegt etwann im Verbot
Die stärkste Kraft, die Würze roher Sünde?
Es wird kein Trank gleichgültig angesehn,
Wenn uns der Arzt ihn ernstlich untersaget.
Und mancher wird was strafbares begehn,
Nur weil sein Muth ein groß Verbrechen waget.
Zwar nenn' ich nicht der Eva Vorwitz schön;
Doch gleiche Lust verleitet ihre Kinder.
Wie manche wird die erste Mutter schmähn,
Und fehlte doch in gleichem Fall nicht minder.

    So sprach ein Mann, als, aus vermeinter Pflicht,
Sein junges Weib in strengem Zorn entbrannte
Und Evens Fall und blinde Zuversicht,
Voll Spötterey, ich weiß nicht wie benannte.
Wie sollt' ich doch, so fing sie nochmals an,
Aus Lüsternheit, am Apfel mich zu laben,
Nicht mich allein, auch einen lieben Mann
In solche Noth, wie sie, gestürzet haben?
Gewiß, mich deucht, man fängt uns nicht so bald;
Wer würde wol itzt einer Schlange trauen?
Ach Schade doch! die schlüpfrige Gestalt
Erweckt allein den Ekel blöder Frauen.
Nein, auf mein Wort! die Aepfel aller Welt
Sind ohne Kraft, dein Evgen zu verführen.
Was hat die Frucht, das uns so sehr gefällt?
Ist sie so süß, und muß man sie probiren?

    Süß oder nicht! erwiedert ihr Gemahl,
Der Apfelbaum ist nicht ihr Fall gewesen;
Nur das Geheiß, das Even anbefahl,
Von diesem Baum die Frucht nicht abzulesen.
Sollt' ich von dir, nur etwas nicht zu thun,
Das gar nicht schön, ja widrig scheint, verlangen;
Mein kluges Weib, du würdest weder ruhn,
Noch frölich seyn, bis du dich auch vergangen –
Wer? ich? mein Herr! – Ja, freilich, eben du.
Besinne dich; sonst wag' ich eine Wette. –
Gesagt, gethan. – Die Frau setzt hurtig zu,
Als ob ihr Geld sich schon verdoppelt hätte.

    Beschäme denn die Even unsrer Zeit;
Die Probe soll nichts schweres in sich fassen.
Was heute dir dein Heinrich hart verbeut,
Das hast du stets freiwillig unterlassen.
Wem ist nicht hier der Entenpfuhl bekannt,
Die dir, wie mir, so sehr verhasste Lache,
Wovon du sonst die Augen abgewandt?
Ich glaube nicht, daß die dich lüstern mache.
Nur diesen Pfuhl verwehrt dir mein Gebot:
Gehst du ins Bad, wie sonst, dich abzukühlen,
So hüte dich, in seinem Schlamm und Koth,
Von morgen an, mit blossem Fuß zu wühlen.
Ich sehe schon, das gehst du lächelnd ein;
Ich wollte nicht von dir zu viel begehren:
Doch soll auch dieß dir bald erlaubet seyn,
Denn mein Geheiß soll nur vier Wochen währen. –

    Vier Wochen nur? Wie kurz ist diese Zeit!
Wer meidet nicht von selbst die garstge Pfütze?
Fürwahr! mein Mann ist heute nicht gescheidt,
Und weiß noch nicht, daß ich Verstand besitze.
Ich nehme mir schon Kleid und Kopfputz aus;
Die Wette wird mir mehr als dieses bringen.
Mir soll gewiß der nächste Hochzeitschmaus
Der Damen Neid, der Männer Lob erzwingen.

    So schmeichelt sich das tugendhafte Weib.
Sie muß den Sumpf, wie sonst, vorübergehen;
Da wird der Sumpf nur seitwerts angesehen:
Dient auch ein Sumpf zur Lust, zum Zeitvertreib?
Doch bleibt sie bald bey dieser Pfütze stehen.
Sie ist damit zum erstenmal vergnügt;
Den dritten Tag spazirt sie auf und nieder;
Am vierten scheint was dort von Unflat liegt
Ihr allbereits viel weniger zuwider.
Bald reizet sie so gar das trübe Grün;
Sie fängt fast an, die Enten zu beneiden,
Und deren Trieb, dem Entrich nachzuziehn,
Begeistert sie mit nie gespürten Freuden.

    Des Menschen Herz wird stets ein Rätzel seyn;
Groß ist sein Muth, noch grösser seine Schwäche.
Ich schliesse hier mit Recht die Weiber ein,
Zum minsten halb, wenn ich von Menschen spreche.

    Begier und Wunsch nimmt stündlich bey ihr zu.
Der kleine Zwang wird nur zu früh zur Strafe.
Der Vorwitz wächst; er raubt ihr alle Ruh
Und stört sie oft des Nachts im ersten Schlafe.
Noch geht ein Tag, ein ganzer Tag! vorbey,
In stummer Furcht, den Unmuth anzuzeigen,
Bis Hannchen forscht. Die Zofe war getreu;
Sie sind allein; und wer kann ewig schweigen?
Sie hatte sonst ihr alles anvertraut.
Itzt, da sie ihr die Wette vorerzehlet,
Lacht ungescheut das Mädgen überlaut,
Daß ihre Frau nur dieses ihr verhehlet,
Und spricht hierauf: Madame zögern nicht
Und baden sich am ersten schönen Morgen.
Ein solcher Leib, ein herrschendes Gesicht
Lässt Häßlichen die Knechtschaft kleiner Sorgen.
In Spanien geht dieser Fußzwang an:
Doch wenn ich recht, nach meiner Einfalt, schliesse;
So denk' ich dieß: Dem Weib' ist hier ein Mann
Des Leibes Herr, doch nicht ein Herr der Füsse.
Erweisen sie ein echtes Frauenherz!
Ein hoher Geist ist selten zu geduldig.
Was andre schreckt ist ihm ein blosser Scherz;
Sie sind der Welt ein grosses Beispiel schuldig.

    Der Morgen kömmt; die Dame geht aufs Feld,
Bemerkt den Pfuhl, doch anfangs nur von weiten,
Weil Furcht und Geiz den Fuß zurücke hält,
Will gleich die Lust ihn hier ins Wasser leiten.
Sie kömmt zuletzt an den bemosten Strand,
Und hatte nun ihr Hannchen mitgenommen.
Die hält sie auf und zeigt ihr mit der Hand
Der Enten Zug, die schwimmend näher kommen;
Wie diese taucht; wie iene schnatternd ruht;
Wie im Morast die gelben Schnäbel spielen;
Und dieses macht der Frauen neuen Muth,
Von solchem Scherz den seltnen Reiz zu fühlen.
Sie sagt: Wolan! den Spas verstatt' ich mir;
Ich will dennoch die Wette nicht verlieren.
Ich darf den Sumpf, stünd' auch mein Heinrich hier,
Zum wenigsten mit einer Zeh berühren.
Das will ich thun und zwar den Augenblick:
Denn weisst du nicht, heut' ists am sechsten Tage?
Doch zeuch mich ja zu rechter Zeit zurück,
Dafern ich mich vergeß' und weiter wage.
Der Anschlag wird recht sinnreich ausgeführt,
Und sie will nichts, als den Pantoffel, netzen,
Und dreimal nur. Die Reue, die sie spürt,
Heisst sie den Fuß von selbst aufs Trockne setzen.

    Ey nun! verflucht! hebt Hannchen an und lacht,
Hat ihnen doch kein Priester das befohlen.
Was ist es denn, das sie so schüchtern macht?
Der Henker mag dergleichen Wetten holen.
Sie setzen frey die netten Füßgen drein,
Und gönnen nur dem Rechten erst die Ehre;
Doch soll es nicht hiemit gemeinet seyn,
Als ob nicht auch ihr Linker artig wäre.

    Das gute Weib folgt diesem Schlangenrath.
Pantoffel, Strumpf und Band wird abgeleget.
Der schönste Fuß, der ie die Welt betrat,
Der einen Leib, der seiner werth ist, träget,
Entblösset sich und rennet durch den Koth,
Vertiefet sich und plätschert in der Lache,
Und wühlt und forscht, ob Vorwitz und Verbot
Den Ekel selbst zur Lust und Freude mache?

    Der Mann, der ihr von ferne zugesehn,
Den weder sie, noch ihre Zof', entdecket,
Wischt itzt hervor und eilt, ihr nachzugehn,
Da sein Gemahl noch in dem Pfuhle stecket.
Sie springt heraus; er aber hält sie an
Und spricht: Mein Schatz, ach schone deiner Füsse.
Vergib es mir, wenn ich mich nicht besann,
Daß hier der Schlamm nur gar zu reizend fliesse.
Erröthe nicht: die Lust vergönn' ich dir;
Du darfst hinfort die Wetten nicht mehr scheuen.
Nur bitt' ich dich, mein Kind, gelobe mir,
Der Even Schuld großmüthig zu verzeihen.Caesarius Heisterbachensis, Ordinis Cisterciensis, in Libris Illustrium Miraculorum & Historiarum Memorabilium, L. IV. C. 76. Henricus de Vuida miles fuit diues valde, habebat autem vxorem nobilem ac dilectam. Die quadam, dum sermo inter eos haberetur de culpa Euae, coepit illa, vt mos est mulieribus, eidem maledicere & de inconstantia iudicare animi, eo quod pro modico pomo, gulae suae satisfaciens, tantis poenis ac miseriis omne genus humanum subdidisset. Cui maritus respondit: Noli illam iudicare, tu fortasse in tali tentatione fecisses simile. Ego volo tibi aliquid praecipere, quod minus est, & propter amorem meum minime poteris custodire illud. Respondente illa: Quod est mandatum? Subiunxit miles: Vt die illa, qua balneata fueris, paludem curiae nostrae nudis pedibus non ingrediaris: aliis diebus, si libet, intres. Erat enim aqua putens, & fimosa, ex totius curiae sordibus collecta. Illa subridente, & praecepti transgressionem abhorrescente, subiunxit Henricus: Volo vt poenam addamus: si tu obediens fueris, quadraginta marcas argenti a me recipies; sin autem minus, totidem mihi solues. Et bene placuit ei. Ille vero, ipsa ignorante, secretos custodes paludi adhibuit. Mira res! Ab illa hora Matrona tam honesta & verecunda nunquam per curiam transire poterat, nisi ad praedictam paludem respiceret, & quoties balneabatur, toties de eadem palude tentabatur. Die quadam, exiens de balneo, dixit pedissequae suae: Nisi ingressa fuero paludem illam, moriar; statimque succingens se, cum circumspexisset, & neminem videre putaret, comitante ancilla, aquam illam foetidam vsque ad genua intrauit, &, huc illucque deambulando, bene concupiscentiae suae satisfecit. Qnod statim nunciatum est marito eius. Ille gaudens, mox vt eam vidit, ait: Quid est, Domina? fuistisne hodie balneata? Respondente illa; Fui; adiecit: in dolio, vel in palude? Ad quod verbum confusa tacuit, sciens eum suum excessum non latere. Tunc ille: Vbi est, Domina mea, constantia vestra, obedientia vestra, iactantia vestra? Eua vilius tentata fuistis, tepidius restitistis, turpius cecidistis. Reddite ergo quod debetis. Et cum non haberet illa quod solueret, omnia vestimenta eius pretiosa tulit, & per diuersas personas distribuit, sinens, eam per aliquod tempus bene torqueri.

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