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Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Friedrich von Hagedorn: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen - Kapitel 59
Quellenangabe
typefable
booktitleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
authorFriedrich von Hagedorn
firstpub1738
year1974
publisherJ. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
addressStuttgart
isbn3-476-00300-0
titleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
created20041129
sendergerd.bouillon
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Der Blumenkranz.

              Dort, wo die Alster sich in engen Ufern krümmt,
Und rauschend ihren Lauf durch Busch und Wiesen nimmt,
Wo deutsche Treue sich beim deutschen Handschlag findet,
Des Landmanns froher Fleiß für sich die Garben bindet,
Und alte Freiheit noch den angeerbten Hut
Frisch in die Augen drückt und unbefehdet ruht;
Da ist ein kühler Ort, dem keine Schönheit fehlet,
Den Amor hundertmal der Eifersucht verhehlet,
Und dem allein entdeckt, der ihn zum Führer wählet.

    Der Zephyr folgt mit Lust den kurzen Wellen nach,
Die hier in grüne Tiefen fallen;
Die Schäfer nennens einen Bach,
Wir Dichter fliessende Crystallen.
Ein dick Gesträuch' umschränkt die innre Spur,
Wohin oft Wunsch und Sehnsucht leiten,
Auf diesen Platz lockt uns die Liebe nur
Und ihre Mutter, die Natur.

    Hier saß Matild'. Es eilet ihr zur Seiten
Ein kleiner Schwarm verbuhlter Frölichkeiten;
Der schlaue Scherz, die süsse Schmeicheley,
Die Hoffnung selbst und Reinhold kömmt herbey,
Der sie so oft besingt, so unverstellt verehret,
Und in der Einsamkeit sie blos aus Liebe störet.

    Auf seinen Wangen ist zu schaun,
An statt der Jugend Milch, ein lebhaft, männlich Braun.
Den Augen fehlt kein Geist, noch Ehrfurcht den Geberden.
Er hat, was man gebraucht, nie sehr gehasst zu werden.

    Dieß ist des Reinholds Bild, der seiner Schönen Hand
Voll auserlesner Blumen fand,
Woraus sie einen Kranz zu knüpfen angefangen,
Den unerkauften Schmuck, mit dem nur Hirten prangen.

    Allein, so bald sie hier den muntern Freund erblickt,
Will ihr die Arbeit nicht, so wie zuvor, gelingen.
Fast ieder Stengel wird durch ihr Versehn zerknickt,
Und Reinhold wird versandt, ihr frische herzubringen.
Er thut es; doch umsonst, und siehet mit Verdruß
Die Blumen, die er reicht, so wie die ersten, brechen.
Dieß, spricht er, ist zu viel! Ich will durch öftern Kuß
Die Unvorsichtigkeit bey ieder Blume rächen.
Sie lächelt und schweigt still, fängt auch von neuem an.
Wiewol, wer kan vorher des Schicksals Tücke wissen?
Da ihr auch der Versuch noch minder glücken kann,
So wird der ganze Kranz, voll Ungeduld, zerrissen;
Und Reinhold giebt nunmehr gerechter Strenge Raum.
Wem wird im Küssen nicht die Rache süsser schmecken?
Er nähert sich, sie seufzt: er straft, sie murret kaum.
Hier schliesst sich Busch und Wald, sie hülfreich zu verstecken.

    Man glaubt, sie thaten dieß, was einst Aeneas that,
Als Dido und der Held in einer Höle waren.
Was aber thaten die? Wer das zu fragen hat,
Der ist nicht werth, es zu erfahren.

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