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Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Friedrich von Hagedorn: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen - Kapitel 33
Quellenangabe
typefable
booktitleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
authorFriedrich von Hagedorn
firstpub1738
year1974
publisherJ. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
addressStuttgart
isbn3-476-00300-0
titleVersuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
created20041129
sendergerd.bouillon
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Der Adler, die Sau und die Katze.

        Tyrannin! die du jung und alt
Mit unumschränkter Macht regierest!
Dich mit der weiblichen Gestalt
Der meisten Modelaster zierest,
Und bald des Stolzes, bald der List,
Auch oft der Einfalt Zuflucht bist,
Verläumdung! deren Mund die Wahrheit selbst betäubet,
Der Mund, den Zucht und Unschuld scheut;
Dir sey zum erstenmal ein Blat von mir geweiht,
Das itzt ein Meisterstück, das du vollführt, beschreibet!

Es hatt' auf einem hohen Baum
Der Vögel Königinn den Obersitz genommen.
Die Katze wählte sich der Eiche mittlern Raum.
Den untersten hatt' eine Sau bekommen.
Die hielten gute Nachbarschaft;
Durch Argwohn war noch nie die Eintracht unterbrochen;
Doch endlich trennte sie der Bosheit Höllenkraft.
Die Katze kam zum Adler hingekrochen,
Und sprach. Hört! unsrer Kinder Tod,
Wo nicht der unsere, (doch, das zu unterscheiden,
Fällt Mutterherzen schwer) scheint gar nicht zu vermeiden.
Ein guter Freund warnt in der Noth.
Seht, ach! ich bitte, seht! wie wühlt die wilde Sau!
Sie gräbt und will den Baum ganz aus der Wurzel heben.
Trau, schaue wem; wie muß ich arme Frau
An unsern Kindern das erleben!
Ihr kennt nicht die Gefahr; mir aber, mir ist bange!
So bald die Eiche fällt, die schon beschädigt ist,
So seh ichs, wie die Sau die lieben Kätzgen frisst,
Die ich verlassnes Weib noch voller Furcht umfange.
Ich bin den Lügen gram; ich suche keinen Zwist;
Nein, ehrlich, ehrlich währet lange.

    Nachdem sie das gesagt, und mit verstelltem Sinn
Den Argwohn gleich erweckt, auf den ihr Reden zielte,
So schlich die arme Frau stracks zu der Bache hin;
Die unten ihre Wochen hielte.

    Ach! allerliebste Nachbarinn,
Euch ahnts wol nimmermehr, warum ich traurig bin.
Die Kinder jammern mich, die eure Brüste saugen.
Man traue keinen Adleraugen!
Könnt ihr auch schweigen? Gebt doch Acht,
Wie über uns der böse Vogel wacht.
Ich weiß es nur zu wol, er schärfet schon die Klauen,
Und raubet, wenn ihr euch aus eurem Lager macht,
Die schönen Kinderchen; doch alles im Vertrauen.
Nur sagt mir nicht hernach: Das hätt' ich nicht gedacht!

    Dieß wiederholt sie oft, wünscht seufzend gute Nacht,
Und klettert in ihr Loch zurücke,
Und freut sich der gelungnen Tücke.

    Der Adler hütet stets das Nest,
Damit der Bache Wuth nicht seine Jungem spiesse,
Wie gegentheils die Sau die Eiche nicht verlässt,
Damit der Adler nicht auf ihre Ferkel schiesse.
So groß nun beider Mangel war;
So fürchteten sie doch der Ihrigen Gefahr,
Und, da sie iederzeit in ihrer Wohnung blieben,
Wo iedem Kost und Aetzung fehlt;
So wurden auch, wie Phädrus uns erzehlt,
Sie insgesamt vom Hunger aufgerieben,
Und die Betrognen dienten bald
Dem falschen Katzenmaul zum neuen Unterhalt.

*
    Was können böse Zungen nicht
Leichtgläubigen für Stacheln hinterlassen?
Was richten sie nicht an! Wer ist wol mehr zu hassen,
Als der von Frommen übel spricht?
O könnt' ich dieses hier in kurze Worte fassen!
Doch hat nicht Sirach Recht? der ungeheuchelt schrieb:
Wer lüget, wer verläumdt ist ärger, als ein Dieb.
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