Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Verspielte Leute

Helene Böhlau: Verspielte Leute - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVerspielte Leute
authorHelene Böhlau
year1898
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleVerspielte Leute
pages96
created20140418
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Er rannte nach dem »Elefanten«, ließ das Kütschchen anspannen und fuhr nach Jena zurück, ganz stumpf und gebrochen und betäubt, und kam spät abends dort an, fragte bei Lori vor und erfuhr, daß sie schon in eine 78 Studentenwohnung vor der Stadt gezogen waren. Er kannte die kleine Behausung und den Garten. Die Alte hatte gut gewählt.

Und etwas wie Befriedigung erfüllt ihn. Alles, was mit Lori zusammenhängt, ist ihm wie Aufatmen.

Und nun zu ihr!

Eine Zusammengehörigkeit.

Bei ihr ist alles Heimische bei einander.

Mit ihr sprechen, noch in dieser Stunde, die einzige Erlösung.

Und so stürzt er, wie ein Verdurstender zur nahen Quelle stürzt, durch die dunklen Straßen und unter den hohen Bäumen hin, die an der Saale stehen.

Der Mond geht über einer scharfen Bergkante auf. Auf den Wiesen, die sich längs der Saale hinstrecken, liegen flache Nebelschichten. Die Weiden ragen daraus hervor.

Er läuft weiter und weiter, immer wie ein Verschmachtender, der die nahe Quelle weiß und schon fühlt.

Sein Blut kocht, seine Pulse schlagen.

Jetzt geht er über taunasse Wiesen. Das Mondlicht ist silbern darüber ausgegossen.

Er geht querfeldein.

Zwei alte Linden – ein Gartenpförtchen!

Da ist er am Ziel.

Er steht schwer atmend. Wird sie schlafen? – Wie wird er sie finden?

Er tastet nach dem Thürschloß. Das Pförtchen ist nur angelehnt.

Er betritt den Garten. Tiefer, dunkler Schatten unter den mächtigen Bäumen.

Er steht still. Das Herz schlägt ihm wie ein Hammer.

Heftiges, neues leidenschaftliches Empfinden!

79 Er ist da, wo ein Stück Welt ihm gehört.

Er betritt sein heiliges Eigentum. – Alles andre fremd – kalt – feindlich.

Jedes Gesicht, an das er denkt, graust ihn.

Sie wollen nicht, wie er will – und er nicht, wie sie wollen.

Das ist das Tödliche, das Vernichtende.

Hier, wo er jetzt eingetreten ist – da will er sein. Hier ist der große Friede.

Hier läßt sich's atmen – tief aus voller Brust – unbeengt.

Hier hat er sich selbst wiedergefunden.

Fremd und schimmernd im Mondlicht liegt sein Eigentum, in das er sich geflüchtet hat, vor ihm.

Er betrat es noch nie.

Ein wundervoller Duft, der ganze Garten steht in Blüte. Man sieht nichts deutlich, aber man empfindet alles. Stark duftende Blumen, wie Reseda und die zarten Verbenen, spürt man am vollsten heraus.

Und den geraden Weg entlang, der von der Pforte dem Hause zuführt, leuchten hochaufgeschossene weiße Lilien im Mondlicht unter den andern, dunklen Blumen und den kugeligen Gestalten der Beerensträucher hervor. Lauch und Zwiebeln spürt man deutlich. Fruchtbäume silbern vom Mondlicht übergossen.

Ein Garten, wie er sein soll, ein echter, wonnevoller Garten.

Er tritt aus dem tiefen Schatten und geht behutsam vorwärts.

Da liegt das kleine Haus zwischen Bäumen.

Im Erdgeschoß ein erleuchtetes Fenster.

Er steht still – und lauscht, und seine Blicke hängen an dem hellen Fenster.

80 Da, fast neben ihm – ein leichtes Bewegen, ein Rascheln – ein Schritt.

Und er hält einen zarten, bebenden Körper in den Armen.

»Hier bist du!« jauchzt er mit verhaltener Stimme auf.

»Gewartet,« sagt sie leise und hängt sich an ihn und drängt sich an ihn.

Sie halten sich fest umfangen und sind im Augenblick in dem großen Meer versunken, das über jedes Geschöpf einmal hinflutet und ihm die ganze Welt verbirgt, es von ihr ausscheidet und mit Einsamkeit umgibt.

Sie nimmt ihn bei der Hand und zieht ihn mit sich, läßt sich wie selig matt auf einer Gartenbank nieder, die unter einem alten blühenden Jasminstrauch steht.

»Hier hab' ich auf dich gewartet,« sagt sie warm.

Er zieht sie zu sich heran.

Das helle Mondlicht fiel voll auf ihr Gesicht.

Jetzt ist es, wie er gewollt: das kühle, lebenabgewandte Gesicht leuchtend in Liebe. Das tapfere Geschöpf ist ganz überwältigt von Glückseligkeit.

Er starrt sie an, versenkt sich ganz in ihren Anblick. Die durchsichtigen, leidensvollen Züge erscheinen ihm wie geisterhaft.

Das Glück, die Erdenwonne steht ihr unbeschreiblich.

Sie hat etwas so unsäglich Rührendes, Herzbewegendes.

Wie er sie so in den Armen hält, ist sie ganz sein – nichts Fremdes, auch nicht ein Hauch, der fremd ist.

»Lori!« flüstert er glühend, leise. »Lori!«

Und das befriedigt ihn.

Da schmiegt sie sich ihm an wie ein abgeschiedener Geist, der gierig Leben trinken will.

Ihre Liebkosungen haben etwas Banges, heftig Zartes.

Er ist hingerissen und überflutet sie mit tollen Küssen 81 und vergißt im Rausch der hilflosen Zartheit des süßen Körpers und vergißt, wie lose das Leben an ihr hängt.

Er vergißt alles: daß sie seiner Sorge empfohlen ist, daß er es ist, der ihr das Leben vielleicht halten kann durch Ueberwachung und sorgsame Behutsamkeit.

Und hält den Augenblick – und rast.

Die Welt versinkt.

Das Sich-eins-miteinander-fühlen, das ist das Unwiderstehliche: so unwiderstehlich wie das Eingehen in das ewige Ganze in der Todesstunde – ganz so unwiderstehlich.

Sie flüstern leise wie im tiefen Traume miteinander.

Sie ist jetzt ganz verstummt, zitternd, aufgelöst. Und immer noch wie ein abgeschiedener Geist, der gierig irdisches Leben in sich trinkt.

»Wie ist dir's gegangen?« fragt er endlich.

»Ich weiß nicht – weiß nicht,« sagt sie verwirrt. »Ach du –!« und sie sinkt wieder an seine Brust.

»Dir war's nicht gut?« fragt er besorgt.

»Nein,« sagt sie, aber lächelt glückstrahlend dabei.

»Nicht gut?« sagt er hastig.

»Und dir?«

»Nicht gut.«

»Armer Kerl. – Erzähl mir alles!«

Er fühlt ihr Herz an dem seinen schlagen, die schweren, zitternden, unbezähmbaren Schläge, die den ganzen Körper durchdröhnen – und er empfindet die Schläge wie in seinem eigenen Körper.

»Fühlst du dich kränker?« fragt er entsetzt.

»Nein! – nein! – nein! – nein!« schreit sie bedrängt auf.

Und wie ein schlanker Fisch, mit einem Zuck schnickt sie ihm aus den Armen und fällt über ihn her – und 82 preßt ihn wieder an sich und küßt ihn mit einer Raserei, jubelnd, hingerissen – und verzweifelt.

»Ich war den Tag so in Todesängsten,« sagt sie atemlos. »Wenn ich dich nun doch nicht wiedergesehen hätte! – du! du!« Sie streckt den zierlichen Kopf vor und beißt die Zähne aufeinander. »Solang du leben wirst, so wird sich doch kein Mensch wieder nach dir sehnen, wie ich mich heut nach dir!«

Jetzt bricht bei ihr ein glühender Thränenstrom hervor.

Und: »Um Gottes willen, Lori!« ruft er entsetzt. »Lori!«

»Ich bin aus der Stube geschlichen. Die Mutter schläft. Ich mußte und mußte auf dich warten!« Das alles unter tief erregten Thränen. »Ach, du Mensch!«

Und zwischen Küssen und verzehrenden Liebkosungen, da fragten sie einander und antworteten einander.

Da kam die ganze Geschichte zu Tage, seine Ratlosigkeit, seine Unfreiheit.

»Reiß aus,« flüstert sie heftig. »Reiß doch aus! Herr Gott, du wirst dich doch nicht fangen lassen? Laß sie nur alle über dich herfallen – das ist doch besser – als . . .«

Sie spricht wie im Fieber. Sie brennt. Seele und Körper sind in schwerem Aufruhr.

Plötzlich breitet sie beide Arme aus.

»Siehst du, ich wenigstens halt' dich nicht an einem Faden. – Lauf nur! Glaub mir, wenn du gehen willst, gehst du eben, ganz einfach. – Dich halten!«

Und sie wirft sich wieder an seine Brust, zitternd und bebend.

Ihr Körper zuckt. Er empfindet etwas in ihr, was ihn entsetzt!

»Lori, was ist dir?« ruft er.

Ein Stöhnen.

83 Ihre Hände klammern sich an seinen Arm in unsinniger Bangigkeit.

»Du! du!« kommt es wie in Liebesglut und Schreck von ihren Lippen.

Er nimmt sie ganz in seine Arme. Ihr kluger kleiner Kopf sinkt ihm auf die Schulter.

Leises Wimmern, Stöhnen, Sichaufbäumen in Qual.

Eisige Hände.

Kalte Lippen. Und die Lippen fühlt er an seinem Hals, und die Lippen küssen unsicher, heftig, und pressen sich an ihn.

Sie kann nicht sprechen; aber in dem schweren Herzkrampf, der sie überfallen, ist jede Bewegung, deren sie Herr wird, eine bange, bange Liebkosung, die ihm die Seele zerreißt.

Er hält sie betäubt vor Schreck.

Die kalten, steifen Finger suchen immer wieder zu streicheln. Sie ist trotz aller Qual ganz und gar in Liebe versunken, ganz für ihn nur da. Jeder Blick ist Liebe und Sorge für ihn.

Ein paarmal macht sie eine schreckvoll abwehrende Bewegung und schaut ihn dabei, ach wie! an.

Sie hat Todesangst um ihn. Er soll sich wehren, das nicht über sich ergehen lassen, was er nicht will.

»Reiß aus!« ringt es sich ihr schwer von den starren Lippen.

Und er fühlt jeden Zuck, jeden Krampf. Und immer haben die jammervollen Bewegungen etwas Kosendes, Seelenzerreißendes.

Ein gräßlicher Traum, der sich auf ihn gewälzt hat, der auf ihn drückt, der ihm Vernunft und Atem raubt. Unter seinen wirren, verzweifelten Liebkosungen kämpft sie. Und er empfindet mit einem Jammer sondergleichen ihre Tapferkeit.

84 Sie hält die bitteren Todesstöße, die sie treffen, aus, ohne sich gehen zu lassen.

Er soll's nicht fühlen, er soll's nicht wissen.

Ein starres, wehes Lächeln ist dem Gesicht eingeprägt und deckt für ihn die Qual.

Wie ihn das mondbeschienene geisterhafte Lächeln durchschüttert!

Er kann ihr nicht helfen, er kann nichts thun.

Er wagt es nicht, sie aus den Armen zu lassen.

So sitzt er und nimmt alles ganz in sich auf.

Wie ein gewaltiger, ihn erstickender Strom fährt es über ihn hin.

Er preßt sie vorsichtig an sich.

»Ich bin bei dir, Lori. – Ich bin bei dir,« sagt er bebend.

Große, starre Augen richten sich auf ihn, ein Zucken in dem schwer veränderten Gesicht.

Das so unendlich mühselige Lächeln soll wieder darauf erscheinen; statt dessen eine Verzerrung, ein unsäglicher Schreckensausdruck – Bewußtlosigkeit.

Ein Strecken – eine Schwere des Körpers. Da war es, das Gräßliche, mit einem Schlag. Er kannte es; er fühlte es; er wußte es! Da hatte er verloren, was so ganz und gar sein war.

Das war ja, was er gewünscht hatte!

Ein Liebchen vom Sturm dahergetrieben, ohne Vettern und Basen, Visiten und Gott weiß was. Verschwunden wie gekommen. Ja, Liebe, eben nur Liebe! Wahnsinn ohne Pflichtgefühl, ohne Lohn, ohne Dank. – Liebe unvermischt!

Da hatte er's gehabt!

So aber sieht das Leben aus.

Elende Faselei, unsre Wünsche.

85 Erstarrt. – Gelähmt.

Er konnte sie nicht mehr in den Armen halten, sie versagten ihm. Er stand mit ihr auf und legte sie in das tauige Gras nieder. – Es war so ein schwaches graues Licht – und der Jasminstrauch duftete in des Menschen stummen Jammer hinein, so zudringlich – geheimnisvoll – so lebensfreudig – so sommerlich – so verheißend – so, als wenn noch etwas außer diesem Jammer auf Erden wäre.

Das riß ihm am Hirn, das erschütterte sein ganzes Wesen.

Empörung. – –

Er kauerte bei ihr.

Kein Laut.

Er kauerte und starrte.

Da kam die sonderbare Idee, daß er sie gemordet habe.

Sie kam so, als wenn sie gar nicht gekommen wäre, sie berührte ihn nicht.

Mit einemmal aber berührte sie ihn, doch so, als wenn sie an einem fühllosen Körper herumgetappt hätte und mit einemmal den Fleck gefunden hätte, wo der Körper noch lebt.

Und da empfand er, daß er gemordet hatte.

Er – sie.

Daß er schuld sei.

Schuld?

Das klang ihm dennoch tot und bedeutungslos.

Er fühlte nichts und gar nichts als den Verlust und fühlte ihn in seiner ganzen verzweiflungsvollen Wahrheit.

Da war nichts – gar nichts mehr – eine große schwarze Oede – eine grauenerregende Oede.

Und in die starrte er.

Tot! – Dies leere, unermeßlich leere Wort.

Sie hatte mutig diesen Tod erkannt, war vergangen 86 – vergangen – rätselhaft vergangen – und hatte die Kraft gehabt, mitten im Todeskampf Liebeswonne zu kosten. Sie hatte bis zuletzt von dem Trank getrunken. Ja – das hatte sie gethan, sonderbar schrecklich – das hatte sie gethan.

Sie hatte leben wollen. Wie stark das Lebenwollen, das Genießenwollen in ihr war, hatte er begriffen. – Und wie groß das Ueber-dem-Leben-stehen.

Das empfand er alles.

Er empfand ihre Küsse noch. Er sah sie mit dem vorgestreckten Hälschen, die Zähne aufeinandergebissen – wie sterbend im Uebergefühl – im Rausche stehen. Er sah, wie die feinen Nasenflügel bebten, wie die Augen seinen Anblick einsogen, wie alles an ihr von süßer, tiefinnerlicher Leidenschaft zeugte – vom Lebenwollen.

Und mitten in dieser übervollen Stunde den Tod und seine Schläge und Stöße gefaßt ertragen, ohne jedes Sich-gehen-lassen!

Eine Heldenseele.

Das hätte einen Kameraden fürs Leben abgegeben.

So alles in einem. Geliebte – und so fein – fein – so liebenswürdig, so begreifend wie ein unsäglich wohlgestimmtes Instrument – und Freund – Heimat! Alles in einem – ein Wunder!

Wie er sie verstanden hatte – jede Regung, jeden stummen Blick.

Ja, es war das Heimische für ihn in ihr, das er nie gefunden, nach dem er verlangend auf Erden gesucht hatte.

Die dumme Geschichte mit dem weißen Blatt, das war es ja nicht, was er gewollt.

Mißverständnis! – Unklar gedacht. – Sich selbst übertölpelt.

Er hatte Lori gemeint, nie etwas andres, das 87 Heimische in der Liebe, das Heimische im Weibe, das Nahegerücktsein.

Sie war ihm keinen Augenblick fremd gewesen.

Jetzt! Fremd. – Grauenhaft – eins mit der toten Erde, auf der sie so gestreckt, so leer, so dumm lag.

Er starrte. – Seine Gedanken waren hilflos – kindisch – ratlos, ganz zerdrückt – ein Lallen. Und nur der Schmerz – dieser unsinnige Schmerz, der alles verödet, der das Hirn ausbrennt.

Er war ganz in diesen Schmerz verwandelt. Ein Ekel vor der Welt, der leeren Welt, dem leeren Ich, ein Aufbäumen – und immer dasselbe Starren.

Jetzt kommt schwerfällig Bewegung in ihn, und bewußtlos, als wäre er eine Maschine, nimmt er die schlaffe Gestalt auf und trägt sie den Weg entlang dem Hause zu.

Er thut es, weil er etwas thun muß. Tritt mit ihr ins Haus ein, öffnet die Thür des Zimmers, in dem das Licht noch immer brennt. Alles in tiefer Stumpfheit.

Da fährt, durch das Geräusch geweckt, die Näherin aus ihrem Bette auf und springt schlaftrunken im groben Hemd und im blauen Nachtkamisol auf die Füße – so eine ärmliche, vom Leben ausgemergelte Gestalt.

Da steht sie und streckt die Arme vor und schreit schrill auf, als wäre er ein Mörder und Räuber und wollte ihr ans Leben.

Und er legt Lori stumm aufs Bett.

Die Näherin stürzt über sie her und schreit – und schreit – und schreit.

Dann kommen Laute, Worte, wie ein giftiger Regen.

Die ganze Stube ist erfüllt von diesem Regen.

Der sinkt auf die Tote nieder und übergießt den Lebenden. Es ist der Niederschlag eines gedrückten, beraubten, friedlosen, armseligen Lebens – so giftig und scharf und 88 beißend; trostlos, um der Welt, die solche Niederschläge erzeugt, den Rücken zu kehren.

Und er kehrt den Rücken, faßt die Thürschnalle und will gehen.

Nur fort – fort.

Der Regen drang ihm scharf und spitz und fressend bis in die innerste Seele. Er fühlte nichts als die große Oede in sich – in der Welt – und alles erfüllt von giftigem Regen.

Sie schrie ihm nach: Verwünschungen, Haß. Er hörte den Namen Schnaase – und Schnaase – und Gratulationen zur Hochzeit – und höhnisches Gelächter – und schrillen Jammer. – Es war ihm, als klammerte sich eine dünnknochige Faust wütend an ihn – als schüttelte er sie ab; – das war ihm alles so, Wirklichkeit war nur die große Oede in ihm und um ihn.

* * *

Grauer frühester Morgen. Nebel, die von der Saale aufsteigen. Alles ungeheuer fahl und leblos; vor – Sonnenaufgang. Da geht einer durch die ausgestorbenen Straßen, schleppend, haltlos im Schritt, der die grenzenlose Gleichgültigkeit ausdrückt, den nicht die leiseste Hoffnung spannt. – So ein toter, schlapper Schritt.

Dazu die urweltliche Morgendämmerstimmung, die keines Menschen Freund ist, die in ihrer ungeheuren Leere und Nüchternheit uns gewissermaßen aufsaugt, zu nichts werden läßt.

Diese rätselhafte Stunde. Diese lähmende Stunde.

Er geht im Banne seines Unglücks und dieser Stunde, – bleibt wie im Rausch vor einer Hausthür stehen, sucht in der Tasche, findet den Schlüssel, schließt auf und schließt die Thür hinter sich.

89 Und es währt nicht lange, da kommt er bleich und verstört zurück. Er war da oben im neuen Nest gewesen, das seine Mutter ihm geschäftig zubereitet hat.

Er war durch himmelblaue, frischgetünchte Zimmer gegangen. Blütenweiße Vorhänge, von der Mutter Hand gefältelt, Geruch nach neuen Möbeln und Lack, alles sauber, heiter, fast vollendet. Er mußte durch alle Zimmer hindurchgehen. Die Hoffnungsfreudigkeit der alten Frau sprach aus jedem unscheinbaren Ding zu ihm.

Da oben war eine Unmöglichkeit zu atmen. Jeder Gedanke peinigte ihn – alles Unmöglichkeiten – Unmöglichkeiten, lächerliche Unmöglichkeiten, mit denen nicht zu rechnen war. Und alles, was er mit den Gedanken berührte, fiel schwer und lähmend auf ihn, so lähmend, so schwer, daß das Handeln wie von selbst aufhörte.

Ein Fach seines Schreibtisches hatte er aufgeschlossen und ihm etwas entnommen.

* * *

So, und jetzt geht er wieder seines Wegs – zielbewußter – fester.

Er geht zurück, von woher er gekommen.

Die beiden Linden vor dem Gartenpförtchen rauschen im Morgenwind. Die Vögel zwitschern im ersten Erwachen. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen.

* * *

Die Näherin hat das Licht im Zimmer nicht gelöscht. Es leuchtet durchs Fenster in den grauen Morgen hinein wie ein roter Funke.

Und dieser rote Funke ist's, der seinen Blick gefangen hält.

Der rote Funke bezeichnet ihm, wo seine Welt erloschen ist.

90 Sie ist erloschen. Die Oede weicht nicht. Es ist wie Wahnsinn, der ihn gepackt hat!

Diese Oede! –

Wie ist es denn möglich, so mit einemmal?

Er war doch ein Mensch, dem es immer wohl ergangen ist? Es war ihm alles geglückt, was man so geglückt nennt. So mit einem Schlag ist das alles ausgelöscht.

Was hat er denn für eine unglückselige Veranlagung? Andern starben ja auch die hinweg, die sie liebten. Nun, sie fanden sich damit ab.

Sie mußten sich abfinden. Sie wurden gestützt, getragen von allerlei Gewohnheiten, Plänen, Freunden – und kamen darüber hinweg.

Und er suchte nach Plänen, Gewohnheiten, Freunden, da war aber alles tot und leer und weggewischt.

Und Schnaases? Sollte er sich etwa jetzt zu denen gesellen? Er gehörte ja ihnen. Er dachte an die klägliche Scene mit Sophie – an seinen Hohn, den sie eingesteckt, an das Dumpfe, Haustiermäßige ihres Wesens – das Entartete.

Es war ihm alles so widerlich – so unaussprechlich, undenkbar widerlich.

Seine Finger spielten in der Tasche mit der Pistole, die er sich geholt hatte.

Sie befühlten sie.

Dabei ging er im stillen Garten auf und nieder.

Er dachte nicht ernstlich daran, sich das Leben zu nehmen, er hatte nur nach so einer Art Halt verlangt.

Und alles war ihm unerträglich.

Die Vögel begannen freudiger zu singen; der Jasmin duftete so unverschämt lebensvoll, sommerlich.

An was er auch dachte, das verlangte einen ganzen, ungebrochenen Menschen zum Kampf und zum Genuß.

91 So ein Schleicher zu werden, der sein Elend in sich hineinfrißt, der heute, diesen selben Morgen, daheim bei den Eltern pünktlich zum Frühstück erscheint, der auf die besorgten Fragen über sein Aussehen eine nichtssagende Ausrede bereit hat, der sich bei Schnaases auch brav und pünktlich einstellt und ihnen die blonde Gans wegheiratet, mit ihr Kinder hat, Professor wird und Geheimer Hofrat.

Nein, dazu hat er kein Talent, das will er nicht.

Wozu solche Widersinnigkeit? Was thut er Gutes damit und wem? – Doch nur, um im alten Geleise zu bleiben.

Und was gab es weiter? Zu was hatte er im Augenblick Kraft?

Es war ihm alles zum Erbrechen ekelhaft.

Sein Schicksal mußte sich heute entscheiden, heute, gewissermaßen beim Frühstück.

Da hörte er Loris frisches, lebendiges: »Reiß doch aus!« Da hörte er das todesbange, mühselige Wort: »Reiß aus!«

»Ja, wohin, liebster Schatz?« sagte er laut. Es lag die ganze Lebensgleichgültigkeit über ihm.

Vielleicht zu dir, Lieber?

Und vor seiner Seele stand sein Freund.

Du gehst deinen ruhigen, festen Schritt, was sollst du eigentlich mit mir? Ja, wenn ich mit dir gehen könnte? Du bist dir selbst genug – und man soll dich auch nicht stören. Ob dir es einigermaßen gelingen wird – das, was du willst?

Seine Finger befühlten die Pistole. Sie war so glatt und fest.

Es war des Freundes Waffe, eine gute Waffe.

So ein Mensch! So ein glücklicher Mensch! Wie der sein Leben hoch anschlägt!

92 Er dachte daran, wie sein Freund diese Pistole mit einer vortrefflichen englischen vertauscht hatte, weil ihm der glatte, feste Bursche nicht sicher genug schien. Und er wollte sein Leben mit den besten Mitteln verteidigen. Er war immer besorgt um sich. Er hielt etwas von seinem Dasein. Er wollte nicht über die Welt gehen, ohne in die Räder eingegriffen zu haben. Er wollte eine Spur hinterlassen, eine große, starke Spur.

Mag's dir gelingen. Schütz dich nur vor den groben Lebenspüffen, die bis ins Mark gehen.

Schütz dich mit allen Mitteln – und sei klug und laß dich nicht packen, laß dir das Hirn nicht anfressen von nichtigen Dingen.

Dann – dann – dann vielleicht gelingt dir's.

Stell dich über das Leben wie meine kleine Kluge – und schieß nieder, was dich hineinziehen will ins Elend. Glück auf, du Prachtkerl!

* * *

Da hatten seine Finger sonderbar gespielt.

Ein Schlag. – Eine innerliche Glut – Pulverdampf.

Das alles fühlte er ganz verblüfft, dann sah und empfand er sich stürzen. Also doch – dachte er.

Im Stürzen sah er alles im Nu: ein rundes Beet mit Sommerblumen, Flox, Reseda, Wicken. Das große Rote – Wuchtige? – Ein Busch voller Pfingstrosen. – – Und da – – da stürzte er auf etwas Hartes – – das war der grüne Gartenstuhl. – Da stürzten sie miteinander um, in die nassen, tauigen, stark duftenden Blumen hinein.

Da hatte er also wirklich recht, der Alte.

Da hatte es also seine Richtigkeit. – – – Richtigkeit – Rich–tig–keit. Das Wort dröhnte krankhaft nach.

93 Noch ein starker Blumenduft – – – etwas Unbeschreibliches – Weichliches – Herankriechendes – – – und das Fallen – das Fallen – das Fallen in die ewige Dunkelheit.

Einer hatte sich wieder davongemacht – dumpf, wie im Traume verloren – – so dumpf wie er gelebt – so dumpf, wie alle leben, Tier und Mensch.

Daß sie gelebt haben, werden sie erst inne, wenn das einzig Entscheidende geschieht, bei dem großen, einzigen Kontrast, bei dem Herankriechen des Nichts, das das Etwas auflöst und unheimlich, weichlich, übermächtig verdrängt.

* * *

Was nun noch von Schnaases? Das Entsetzliche wirkte auf Schnaases verblüffend, wie das Entsetzen, das die Herde befällt, wenn der Wolf eingebrochen ist und sich ein Stück gelangt hat. Dasselbe große Entsetzen, das bei der normalen Herde so lang währt, bis die Blutwellen, die der Schicksalssturm aufgeregt hat, sich beruhigt haben.

Sowie sie die Sache sich überlegen, verfallen sie in den gewohnten Trott: es muß so sein. – Gott hat's geschickt. – Gott gibt jedem zu tragen, was er tragen kann. – Es hat in Gottes Ratschluß gelegen. – Darf Söphchen um ihn Trauerkleider tragen oder nicht? Darüber wurde heimlich und wichtig unterhandelt, darüber wurden die Intimsten zu Rate gezogen, darüber kamen sie zu Schlüssen und verwarfen Schlüsse.

Das Außerordentliche wurde somit von Schnaases als etwas einfach Thatsächliches anerkannt und behandelt.

Das war beruhigend.

Die Bemühungen des hohen Beamten, das Begräbnis betreffend, demselben die einem Christenmenschen gebührenden Ehren zu verschaffen, das Grübeln von Tante 94 Heimlich und der guten Schnaase über den sonderbaren, nicht ganz unbedenklichen Zusammenhang der Geschichte, das Vertuschen vor Söphchen, die Schreibereien und Geschichten, um zu erreichen, daß die beiden Begräbnisse möglichst auseinander gehalten würden; das Drehen und Wenden der ganzen Sache, um sie den Freunden und Bekannten genießbar vorzusetzen, gab unendlich zu thun, zu bedenken, zu laufen und zu schreiben.

Und der Vater, der gute Vater, daß der alles voraus gewußt hatte – so etwas! –

Das hätten sie gar zu gern gleich mitteilen mögen, das war so eigen; so als hätte der liebe Gott Schnaases doch noch extra berücksichtigen wollen, als hätte er es nicht übers Herz gebracht, so ohne weiteres einzugreifen. Sie sahen dies als eine ganz besondere Auszeichnung an.

* * *

Dann kam die alterierende Nachricht, daß es trotz aller Bemühungen, trotz allen bereitwilligsten Entgegenkommens nicht möglich war, dem Entschlafenen das Begräbnis des Selbstmörders ganz zu ersparen.

Aber es war alles so in Höflichkeit und Zuvorkommenheit eingehüllt, daß es wirklich kaum verletzend wirkte!

Und diese Teilnahme! Eine wahre Ueberschwemmung von Teilnahme. »Bei so einer Gelegenheit fühlt man doch, daß man was ist,« sagte Frau Schnaase bewegt.

* * *

Und das Begräbnis des Selbstmörders ging dann vor sich – ohne Glockengeläut und ohne Geistlichen.

Die Schmach aber war bedeckt von überreichen Blumenspenden und einer großen Menschenmasse. Das Schnaasesche Unglück hatte alles auf die Beine gebracht.

95 Das Schnaasesche Unglück nahm sich stattlich aus.

Und dazu geschah noch etwas, etwas, das ihnen deutlicher als alles andre sagte, daß sie wirklich etwas waren.

Das Glockengeläut hatten sie mit Gesetzesstrenge dem Selbstmörder verwehrt – als aber der Leichenzug in den Kirchhof einbog, da schlug die Turmuhr fünf Uhr nachmittags.

Sie schlug fünfmal – nein, sechsmal – nein, siebenmal.

Was war denn das?

Man horchte.

Sie schlug achtmal – neunmal – und weiter. Sie schlug ohne aufzuhören an die hundert Mal.

Es war an der alten Uhr etwas geschehen.

Die Menschenmasse horchte.

»Der läutet sich selbst ins Grab,« sagte ein Mensch.

Und das pflanzte sich fort und fort.

Auch Schnaases hatten staunend das Schlagen der Uhr gehört.

»Da läutet er sich wirklich selbst ins Grab,« sagte auch der Großvater gerührt.

Und nun war die Sache mit einemmal in Ordnung gebracht wie von höchster Hand.

Schnaases durchschauerte ihre eigene Vortrefflichkeit.

Die alte, tollwütig gewordene Uhr hatte ihnen einen großen Gefallen gethan.

Da hatten sie jetzt etwas Erbauliches, was ihnen bei dieser Geschichte durchaus gefehlt hatte – etwas, womit sie spielen konnten – was sie über den Ernst der Sache wegbrachte.

Und sie teilten diesen Hang nach »Erbaulichem« mit der ganzen armen, gedrückten Menschheit, mit dieser armen, verspielten Menschheit, die, wenn sie nicht von Grund aus 96 verspielt wäre, am gräßlichen Ernst des Daseins längst zu Grunde gegangen sein würde.

Sie hat aber gottlob immer etwas gefunden, gerade wie Schnaases, was sie erbaulich getröstet und unterhalten hat.

Seht euch nur gefälligst alles an, was ihr eure gesegnete Kultur nennt, euer Wichtigthun, euer Philosophieren, was ihr eure Sitten und Gebräuche und so weiter nennt.

Seht es euch einmal an in einem lichten Augenblick – aber ja nur in einem lichten Augenblick.

* * *

Uebrigens ist Schnaases die ganze Geschichte wohl bekommen.

Wenigstens kann ich versichern, daß Söphchens »leinenes Sakrament«, wie Heinrich Oelwein sagte, nicht in den Kisten verblieben ist, sondern seinen Zweck erfüllt hat.

Söphchen ist Urgroßmutter aller jetzigen Schnaases – und es ist alles voll von Schnaases.

 


 

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.