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Verspielte Leute

Helene Böhlau: Verspielte Leute - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVerspielte Leute
authorHelene Böhlau
year1898
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleVerspielte Leute
pages96
created20140418
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Dies »eben deshalb komisch« hatte es ihm angethan. Was war das für ein wunderlicher Ausdruck? Was lag darin?

Unbildung?

Nein!

Eine gewisse Roheit? Stumpfsinn?

Nein.

Aber was?

So sinnierte er beim Nachhausegehen.

Etwas Kühles lag darin, sagte er sich zu guter Letzt, – etwas Kühles.

Das, was er unter dieser Bezeichnung verstand.

Etwas sehr Merkwürdiges.

Sein Freund konnte diese herbe »Kühle« auch haben, sonst hatte er sie noch nirgends angetroffen. Wie kam das junge Ding dazu?

Sonderbar.

Er selbst war unruhig, erregt, weil Unannehmlichkeiten aller Art ihm bevorstanden. Er war bereit, sich aus einem Lebensstrudel, der ihn gepackt hatte, wütend herauszuarbeiten.

Dem Mädchen, das in seinem rührenden Sommerkleid in der dumpfen Stube lag, stand die ernsteste Unannehmlichkeit bevor, schwere, unheilbare Krankheit, die zum Tod führen mußte; – und sie war kühl dabei. Welch ein Unterschied zwischen ihnen beiden!

Er ging langsam der Wohnung seiner Eltern zu, um sich äußerlich wenigstens zur Ruhe zu begeben.

Das kranke Geschöpf war in seine jetzt eben verworrenen Lebenskreise getreten – und er hielt sich diesen Augenblick 44 zu ihr – sie lenkte ihn von sich selbst und seiner Unruhe ab. Er setzte sich vor, ihr zu helfen, soweit es in seinen Mitteln stand. Er wollte ihr Gutes thun – und verdankte ihr somit einen tiefen, guten Schlaf.

Als er am andern Morgen zu ihr kam, fand er sie auf den Füßen.

Sie ging müßig im Zimmer umher, und er unterbrach durch sein Kommen ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Die Näherin saß am Fenster und flickte und weinte.

Sie mußte in ihrer Jugend der Tochter geglichen haben: der feine Knochenbau, das kleine Haupt und das reiche Haar. – Das Gesicht war jetzt das eines verkümmerten, in Sorgen gealterten zarten Weibes.

Die Tochter aber hatte etwas ganz Eigentümliches in den Zügen. Es war eine Art geistreiches Gesicht, ein Gesicht, das sich in vornehmer Umgebung bestrickend ausnehmen mußte. Sie trug ihren linken Arm in einer Schlinge. Er hatte ihr das am Abend zuvor gesagt; sie sollte so den Arm ganz ruhig halten, um das Herz nicht zu reizen.

Ihr Atem hatte etwas Bedrücktes.

Nachdem sie dem Arzt auf seine Fragen geantwortet, und sich dabei auf den Bettrand niedergesetzt hatte, sagte sie mit jener herben Kühle: »Ich bitt' Sie, Herr Doktor, wenn Sie uns wirklich helfen wollen, sagen Sie meiner Mutter, sie soll sich beruhigen. Ganz einfach – sie glaubt, ich schäme mich ihrer und ich wäre nicht gern hier. Mir glaubt sie nicht – und wenn sie wüßte, wie froh ich bin – –«

»Ach, Lori!« schluchzte die Näherin, »wie sollst du froh sein!«

»Herr Gott, Mutterchen,« sagte sie lächelnd, »das laß 45 doch meine Sorge sein! Du hast mich lang genug in der Welt herumlaufen lassen. Man ist einmal, was man ist. Draußen kommt man dazu, zu lügen. Jetzt, wenn ich nicht krank wäre, wer weiß, ob du nicht recht hättest, Mutter.«

Sie stand auf und ging wieder im Zimmer umher.

»Dank du Gott, daß es so abgelaufen ist. Du hättest auch mehr vom Leben gehabt, wenn du mich bei dir behalten hättest.«

»Das wohl, du mein Gott,« schluchzte die gedrückte Person.

Lori ging zu ihrer Mutter und klopfte sie auf die Schulter.

»Kopf oben!« sagte sie. »Ich bin wahrhaftig gescheiter als du. Wenn du ihn nun auch geheiratet hättest, hieß ich jetzt statt Lori Estl ›Knaack‹ und jedenfalls nicht Lori, so einen netten Papageiennamen hätte er mir nie geben lassen. Gott weiß, wie er mich genannt hätte. Wer einmal so schon ›Knaack‹ heißt –« sie machte eine kleine, wegwerfende Grimasse und klopfte wieder wie ein guter Kamerad ihre Mutter auf die Schulter. »Wahrhaftig, es ist doch schon lange genug her, um immer noch darüber zu jammern. Ich könnte mich auch hinsetzen und heulen, daß ich krank bin, daß ich nun sicher keinen Mann krieg', daß ich von meiner guten Stelle fortgemußt hab', daß deine Stube so winzig ist, daß mich die Leute nun erst recht für einen Affen angaffen und daß meine Mutter so eine Trauerweide ist, aber fällt mir nicht ein. – Ich bitt' dich! – Wenn ich's damit besser machen könnte – ich heulte wie um Taglohn. – Der Knaack war jedenfalls ein sehr vernünftiger Mann. Das merk' ich an mir. Nicht wahr, Schnaase hieß der andre, der liebe Mensch,« sagte sie wohlgelaunt, »der ihn dir abspenstig gemacht hat?«

»Schnaase,« sagte die Näherin schluchzend.

46 »Herr Gott! auf den bist du auch immer noch wütend, Mutter? Geh! Ganz dasselbe noch wie vor so und so viel Jahren. Was meinst du, der hat sein Lebtag nicht wieder an dich gedacht, – der sitzt im Fett. Weißt du, alle einseitigen Geschichten hol' der Kuckuck – das ist Verrücktheit. – Ich will einen Menschen schon lieben und hassen, so gut wie irgend jemand, aber er muß mitthun.«

Unser Freund hörte ihr gespannt zu und verschlang sie wahrhaft mit den Augen, denn sie war eine reizende Person.

Eine neue Spezies Weib, dachte er, – so herb. – Und was hatten Schnaases dabei zu thun?

»Verzeihen Herr Doktor,« sagte die Näherin, »er ist der Vater Ihrer Fräulein Braut.«

»Nu ja, und was weiter?«

»Das – daß er ihn gegen mich aufgehetzt hat,« sagte sie bitter. »Er war seiner Zeit ein sehr flotter junger Herr.«

»Und weshalb denn aufgehetzt?«

»Ich war ein armes Mädchen – Gott im Himmel – von geringer Abkunft, und unsre kleine Lori war schon auf dem Wege. – Das deuchte ihm alles zusammen ›saudumm‹. Ich weiß es noch wie heute, ›saudumm!‹ hat er's genannt.« Die Näherin sprach immer schluchzend. »Und mein Bräutigam hörte ja gar so leicht auf andre –«

»Mutterchen!« sagte Lori ernst und weich.

»Na ja, hat mich denn in der langen Zeit je einer danach gefragt? Kein Mensch! – Und drüben, der ist zu Ehren gekommen – daß man einem armen Mädchen das Leben verhunzt hat, das wiegt kein Gran in dem seiner Wage.«

»Mutterchen, laß doch das!« sagte das Mädchen wieder.

»Und nun muß er gar Ihr Herr Schwiegervater werden! Die Leute haben Glück!« Das sagte sie unaufhaltsam, bitter und gehässig.

47 In der Unbeachtetheit hatte das Gift Zeit gehabt, in der ärmlichen Person weiterzufressen.

Und äußerlich schien sie so demütig und geduldig! Ihr Zuhörer war seit vierundzwanzig Stunden wie ausgewechselt und dachte nur daran, wie er seine Freiheit wiedergewinnen könne.

Das lange Sprechen hatte die arme Lori angestrengt. Man sah dem Gesicht die Qual an, die sie litt. Mit einem tiefen Seufzer sank sie aufs Bett. Er nahm sie, als könnte es nicht anders sein, in seine Arme und sprach ihr zu, und hielt sie sorgsam und behutsam an sich gedrückt und strich ihr über das Haar.

»Es soll besser werden,« sagte er, »es soll ganz rasch besser werden.«

Die Näherin warf wie verstohlen hin und wieder einen gedankenbeschäftigten Blick auf das Paar.

»Geben Sie mir die Arznei,« sagte Heinrich Oelwein, »und holen Sie ein Stück Eis.«

Er gab ihr selbst ein und ließ den zarten zuckenden Körper währenddem nicht aus dem Arm.

Die Näherin ging. –

»Armes Kind!« sagte er. »Aber nur Geduld. Was wir thun können, das wollen wir thun. Sie sollen gepflegt werden wie ein Königskind.«

»Weshalb denn?« flüsterte sie kurz und mit vor Qual bedrückter Stimme.

»Ja, weshalb denn?« fragte er sich selbst.

Weil sie ihm gefiel, weil sie ihm als Weib gefiel – weil sie ihn Söphchen für den Augenblick vergessen ließ.

Sehr einfach.

»Weshalb thun Sie das?« sagte sie müde, als er ihr übers Haar strich.

Er errötete.

48 »Wie ist Ihre Braut?« flüsterte sie kaum hörbar.

»Ja, wie denn? Blond. Blond, sonst nichts weiter.«

Sie machte sich schwer atmend aus seinen Armen los.

»Das ist nicht hübsch von Ihnen – wenn ich nun darüber lachen wollte – wie dumm.« Sie preßte beide Hände auf ihr Herz. »Herr, mein Gott!« sagte sie, »weshalb bin ich so geplagt!«

Sie hatte sich von ihm weggewendet und saß auf dem Bettrand. Ihr Puls flog.

Ganz verwirrt von all den Dingen, die ihm durch den Kopf schwirrten, fuhr es ihm heraus: »Kurz und gut – sie ist meine Braut gar nicht mehr, seit gestern schon nicht mehr.«

Sie sah nicht auf.

»Und weshalb?«

»Weil sie nur blond ist, ganz wie ich sagte.«

»Nicht möglich.«

»Nur blond zu sein, meinen Sie? Ich hab's auch nicht für möglich gehalten. Es ist aber so.«

»Was sagt sie dazu?«

»Sie weiß noch nichts!«

»O, Gott!« sagte das Mädchen.

Und er wußte nicht, ob nur vor Schmerz und Qual. Dann saß sie still. Das bleiche Gesicht tief herabgeneigt – und die Hände krampfhaft fest ineinander gefaltet.

Er wagte nicht, sie zu stören, fühlte sich aber zu ihr hingezogen.

Die reichte, so schien es ihm, kein trockenes Lebensbrot, und es war ihm, als verlange ihn unwiderstehlich nach einem Liebesaufleuchten in diesem schmerzvollen jungen Gesicht.

»Fürs erste,« sagte er, »denken Sie nicht schlecht von mir. Ich muß wieder frei werden. Glauben Sie mir.«

Sie sah zu ihm auf, sagte aber nichts.

49 Die Mutter kam und brachte das Eis.

Als er sich anschickte, fortzugehen, fragte er sie: »Was denken Sie des Nachts, wenn Sie nicht schlafen können? Regen Sie sich auf?«

»Wohin sollt' ich dabei kommen?« sagte sie. »Nein, da hab' ich allerhand Gedankenspiele – da frag' ich mich und halte Examen mit mir. Und wenn ich sehr müde bin und doch nicht schlafen kann, kenn' ich Verse, die sind so, als wäre man draußen im ›Freien‹.«

»Was ist denn das?« fragte er.

»Verstehen Sie Tirolerisch? Ich hab's gelernt, als ich mit meiner Schülerin in Tirol bei den Verwandten zu Besuch war.«

Er bat um so einen Vers.

Sie lachte und sagte: »Da ist so einer:

Wo isch en die Bäurin, die dicka und die broata?
Sie isch in der Kammar und flickat die Pfoata.«

»Pfoata heißt Hemd,« sagte Lori.

      »Grüaß die Gott, du Dicka, du Broata,
      Doank du Gott, du flickscht die Pfoata,
      Mit deinen silbern Nodalein
      Flickascht du halt die Pfoata.

Was moacht en der Bauer, der oarma, oarma Monn?
Er isch in der Stuba und ziaht si on.
      Grüaß di Gott, du oarmer Monn,
      Doank du Gott, du ziahst di on,
      Dein gaflicktas Pfoatalein
      Ziahst du on.

Was thuat en der Hirt, der Schlingl und der Schlanggl?
Ear isch im Stoal und schindat a Lampl.
      Grüaß di Gott, du Schlingl, Schlanggl,
      Helf dir Gott, du schindß a Lampa,
      Mit deinen silbern Mößerlein
      Schindaß du hoalt dös Lampl. 50

Wo isch en die Guaßl, die oarma, oarma Haut?«

»Guaßl heißt dort die letzte Hausdirne,« sagte Lori.

»Sie stoat ban Brunnan und waschat a Kraut.
      Grüaß di Gott, du oarma Haut!
      Doank du Gott, du waschascht dös Kraut,
      Mit deinen hölzern Schoafalein
      Waschasch' du hoalt a Kraut.«

»Das beruhigt Sie?«

»Ja.«

»Merkwürdig! Gibt's da nichts Besseres?«

»Genug,« antwortete sie. »Wissen Sie, man möchte dann aber leben wie andre Leute.«

»Das sollen Sie auch,« sagte er erregt.

»Ich?« antwortete sie ruhig. »Sie wissen's ja selbst, daß das nicht mehr geht.«

Da fuhr es ihm durch den Kopf, er mußte ihr von seinem Freund sprechen, und er that es.

Sie nahm, was er sagte, schweigend auf, und er sprach weiter mit einem eigenartigen Gefühl tiefinnerlicher Beglückung. Er fühlte, ohne daß sie etwas sagte, wie sie auf ihn hörte, wie ihre Blicke an seinen Lippen hingen, und es war in der winzigen Stube so still wie in einer Kapelle. Die Näherin hatte die Arbeit in den Schoß sinken lassen und betrachtete das Paar wieder mit gespanntem, gedankenbeschäftigtem Blick.

Sie hörte nichts, sie sah nur.

Und sie sah, daß ihre Tochter die Worte von den Lippen des jungen Mannes trank.

Als sie sich voneinander verabschiedeten, dankte ihm ihre Lori auf eine Art, als hätte er ihr Gott's Wunder was verehrt. Aber daß das arme Kind zu danken hatte, gleichgültig, für was, das that dem bedrückten, verbitterten Herzen der Näherin gut.

51 Und sie dachte sich so allerlei.

Heinrich Oelwein hatte aber gerade in dieser Stunde mit seiner Braut vollkommen gebrochen.

* * *

Was war das eigentlich für eine Thorheit, ein weißes Blatt zu suchen!

Wie kann ein Blatt weiß bleiben, wo jeder Tag seine Schriftzüge darein graben muß!

Was muß das für ein Blatt sein, das nichts annimmt, das seine leere Weiße bewahrt!

Freilich, »Esel«, dachte er, dieses kräftige Freundeswort war des beträchtlichen Portos wert gewesen.

Albernheit, sich selbst mühselig in ein solch hartes Blatt einkritzeln zu wollen. Und wozu?

Um es schließlich bequem zu haben?

In der Freude an sich selbst?

Aus Eitelkeit?

Das Weib gewissermaßen erst zu schaffen?

Gott weiß es, aus welcher Narrheit.

Er stürmte den alten, langgestreckten, lindenbepflanzten Graben auf und nieder. Es war schon Dämmerung. Die Linden rauschten, vom Winde leicht bewegt, im vollen wuchtigen Sommerlaub.

So eine kluge Weibesseele hatte sich ihm geoffenbart – eine Seele, vor der er Achtung hatte. Es war ihm wohl zu Mute bei allem, was sie that und sagte, und diese Ruhe mitten in ihrem Leiden – und das Aufnehmen – das Sich-in-andre-versenken!

Das war ein Meisterstück da oben in der winzigen Stube. –

Ein Meisterstück mit einem Sprung mitten hindurch.

Nie hatte er ein ähnliches Erbarmen gefühlt – ein 52 Mitleiden sondergleichen. Er wußte ihren Zustand zu beurteilen, ein schweres Herzleiden mit allen seinen Qualen und ein plötzliches Nachlassen der Widerstandsfähigkeit, ein Ueberhandnehmen des Leidens und der Lebensgefahr für jede Stunde.

Diesen schweren Dingen stand das Mädchen gegenüber. Sie erkannte ihren Zustand und kam nicht aus der Fassung.

Er war erregt – und fand eine nie gefühlte Wonne, als er den Gedanken immer tiefer faßte, ihr, soviel er konnte, zu helfen.

Sie sollte in heitere Umgebung kommen, die Berge vor sich sehen. Draußen vor dem Städtchen würde sich irgend ein Gartenhaus finden – frei und luftig – das würde ihr gut thun, so zu wohnen.

Er wollte dies Gesicht in der Sonne sehen – sie sollte sich freuen.

Er konnte täglich zu ihr hinauskommen, und sie sollte ihn bewillkommnen mit einem Ausdruck, den er deutlich vor sich sah – mit einem so zarten, liebesseligen Ausdruck, so heiter und klug, Geliebte und Freundin zugleich.

Er dachte an den Brief, den er vor nicht allzu langer Zeit an seinen Freund geschrieben hatte.

Umsonst trug er selbst nicht die weichen großen Gesichtszüge des Schwärmers.

Die Liebe zu diesem Mädchen that ihm wohl.

Es war wie ein Heimatsgefühl dabei, wenn er an sie dachte. – Es war da nichts Fremdes.

Und wie er so unter den großen Linden dahinging, fuhr es ihm mit einemmal durch den Kopf, daß er augenblicklich umkehren sollte, daß er sie jetzt sogleich wiedersehen mußte.

Mit langen Schritten läuft darauf einer durch die dämmerigen Straßen – stürmt drei hohe, dunkle Treppen 53 hinauf – klopft an die niedere Thür – öffnet – geht die paar Schritte vorwärts – und ein kluges, lebenabgewandtes Mädchen wird von zwei starken Armen umfaßt – Liebesübermaß flutet über sie hin.

»Ich kann einfach ohne dich nicht mehr leben, Lori,« sagt er.

Sie kommt nicht zu Wort und nicht zu Atem.

»Du sollst glücklich werden,« flüstert er ihr heiß zu.

»Mein Gott!« sagt sie verwirrt.

Er hat sie aus tiefem Schatten in die Sonne gerissen.

Das thut ihr weh –

Sie ist ganz still.

Er aber fühlt, daß sie sein ist.

Aber er will es hören.

Er drängt sie, es auszusprechen.

»Dein!« sagt sie leise, »ja – wenn du willst –«

Da lag es darin – das unendlich Rührende!

Und er empfand es.

Das war der Trank, nach dem ihn gedürstet hatte. Und er war wie berauscht davon.

Und ohne daß sie darauf geachtet, ging die Thür leise auf und die Alte trat ein.

»So–o?« sagte die fragend, und es lag in diesem »So–o?« endlich etwas Befriedigtes, Sattes. »Was soll denn das?«

»Frau Estl,« sagte er und faßte Loris Hände. »Wir lieben einander.«

»Ja, lieben,« sagte die Näherin, »das ist leicht gesagt – aber – aber – Herr, du mein Gott! – aber – – das andre! – Lori! – Nein – nein – ach nein – – die müssen Sie schon – verzeih'n Sie, Herr Doktor – das ist ein wohlerzogenes Mädchen. – Anders thu' ich's nich – der soll es doch nich wie mir gehen?«

54 Und somit war sie in das alte Geschluchze geraten.

Und jetzt wieder der große satte Ton, der bei dem schmächtigen Wesen sich so komisch ausnahm.

»Mögen die Schnaases nun auch seh'n, wie's thut! – Das sollen sie! – Vor der Tochter, der lumpigen, getretenen Person, soll Schnaases vornehmes Mädchen kriechen – aber« – und die Näherin schlug mit der dünnknochigen Faust auf den Tisch. »Wir geben nicht nach! – wir nicht! – wir sind die Leute nicht dazu!«

Das war unaufhaltsam von den schmalen Lippen gesprudelt.

Lori war zitternd aufgesprungen und hatte der Mutter den Mund mit der Hand geschlossen.

»Schweig doch!« sagte sie leise.

»Das thu' ich nich!« schrie die Näherin. »Ich will quitt werden.«

Jetzt reckte sich Lori auf und sagte ernst und ruhig: »Mutter! Verschon mich doch – du vergißt, daß ich so krank bin. – Was soll ich denn? Liebt er mich, so darf ich das Glück eben noch haben.«

»Lori!« und er faßte ihre beiden Hände, »du bleibst mein – und wirst meine liebe Frau.«

Da lachte sie eigentümlich auf – und schwieg.

»Was hast du denn?« fragte er.

Sie barg ihren Kopf an seiner Brust und sagte leise, kaum vernehmbar: »Das wäre viel zu viel Glück – ach, zu viel Glück! – So was mußt du nicht wieder sagen, du. Du weißt's ja ganz genau selbst, wie mir's ist. – Laßt mich doch in Frieden!« sagte sie herb.

Lori ging mit fliegendem Atem im Zimmer auf und nieder.

Niemand störte sie.

Dann blieb sie vor Heinrich Oelwein stehen, neigte sich 55 zu seinem Ohr und flüsterte: »Weißt du – es ist ein großes, großes Glück!«

»Ja, wahrhaftig!« sagte er.

Jetzt erzählte er ihr seinen Plan mit dem Gartenhaus.

»Himmlisch!« meinte Lori. »Das willst du für mich thun?«

»Ja, und was du nur irgend noch denkst.«

»Ach Gott – ach Gott!« Die Näherin brach in ein hysterisches Schluchzen aus.

»Ach, weshalb störst du so?« sagte Lori traurig.

Und wieder neigte sie sich zu seinem Ohr: »Weißt du, das hat dir Gott eingegeben, daß du mich liebst.«

Er war ganz berauscht von ihr.

Er fand sie schön wie einen Engel und so rein wie einen Engel und so eigentümlich.

Das starke Mädchen hatte sich vom Leben frei gemacht mit einer Kraft und Klarheit, über die er erstaunte.

»Weißt du, Lori, was ich ihm schrieb, so als Höchstes – Unerreichbares? Ein Lieb vom Sturmwind in die Arme getrieben ohn' alles elende Sack und Pack – ganz Liebe, ohne Lohn und Dank. Liebe unvermischt!«

»Das versteh' ich nicht,« sagte sie. »Solch ein Glück einer – die halb tot ist.«

»Lori!« rief er.

Sie schwieg.

»Haft du mit deiner Braut gesprochen?«

»Nein, noch nicht.«

»Thu's,« sagte sie.

»Ja, ich muß morgen dann hinüber nach Weimar,« antwortete er düster.

»Und wenn alles nicht so gehen sollte, wie du glaubst,« meinte sie zaghaft, »denk, daß ich wenigstens nichts von 56 dir will – vor mir brauchst du gar keine Furcht zu haben – in gar nichts.«

Er schloß sie in die Arme.

»Nein, zuerst müssen wir einen sonnigen Aufenthalt für dich finden und den Garten.«

»Das ist wahr,« sagte sie. »Besser ist's, wir verlieren keinen Tag. Die Mutter kann ja aber suchen gehen. Vertrödel du keine Zeit damit – lieber hab' ich dich hier – statt daß du wegen mir läufst.«

* * *

Am andern Tag nahm er Abschied von ihr, ehe er nach Weimar fuhr, fand sie aber sehr leidend und matt.

»Eine böse Nacht,« sagte sie lächelnd, als er eintrat. »Die Mutter hab' ich schon fortgeschickt, daß sie suchen gehen soll. – Weißt du, mir ist's gerade so zu Mute, als wenn ich vor dem Tode schon in den Himmel kommen sollte. – Dich immer sehen dürfen – und nicht hier in diesem Loch, sondern unter Bäumen und blauem Himmel.«

Er wollte nicht gehen.

»Um deinetwillen muß es geschehen,« sagte sie leise. »Du kannst doch mit so einer Lüge nicht länger herumlaufen. – Es wird eine große Geschichte geben; – aber sag mir nur alles. – Wenn man einen Menschen wirklich liebt und er liebt einen ebenso – ist eigentlich gar nichts schlimm. Mein Kranksein ist mir federleicht! – Du, ich werde doch aus Freude nicht wieder gesund werden?«

»Freilich,« sagte er, »das wirst du – du wirst ganz gesund werden!«

»Nein, ich will nicht!« meinte sie kurz. »Weshalb machst du mir 's Herz schwer?«

»Du bist ein wundervolles Ding, glaubst du, ich ließe dich wieder?«

57 »Ach geh, du nimmst mir die Ruh'. Geh nun – und Gott behüt' dich. – Wenn du wirklich die nicht liebst, mit der du dich verlobt hast, wie mir scheint,« sagte sie lächelnd, »so sollst du dich und sie frei machen.«

Er nahm wieder und wieder Abschied von ihr, bis sie ihn endlich fortschickte.

* * *

Vor dem Haus seiner Eltern hielt der Einspänner, der ihn nach Weimar fahren sollte. Er sah ihn stehen, als er von Lori kam – und sah, wie seine Mutter allerlei Pakete hineinzuthun beschäftigt war. Die Köchin half ihr dabei.

Was thun die da? fuhr es ihm wie ein zweischneidiges Schwert durch und durch. – Da hatte die Mutter ihn schon erspäht und rief: »Ja, sput dich doch, Heinrich, daß du zum Essen noch zeitig genug nach Weimar kommst. Ich hab' da allerlei eingelegt. Für Sophia drei gestickte Unterröcke – darüber wird das liebe Kind eine Freude haben. Ich zeig' dir's nicht erst – schaut's euch miteinander an – und für die gute Schnaase einen Napfkuchen – nicht wahr, du gibst mir recht acht, und für den Großvater das Kirschwasser. Und grüß und küß mir mein Engelskind! Hörst du?«

Er hörte.

»Na, jetzt haben wir noch die paar Tage – dann ist's überstanden. Sag nur, daß die Wohnung wundernett wird – Schnaases sollen die Möbelwagen beruhigt abgehen lassen. Das Wetter ist ja auch gut. Ich mach' schon alles. Die gute Schnaase wird so jetzt alle Hände voll zu thun haben, wenn sie nur zuletzt einen Tag rüberkommt, ist's reichlich genug. – Hörst du, Käthe und ich, wir sind ja so den ganzen Tag bei euch drüben auf den Beinen. – Hast du dir denn den blauen Anstrich angesehen?«

»Nein.«

58 »Nein?« fragte die behäbige Frau. »Was soll denn das? Glaubst du, so ein Hausstand besteht nur aus Verliebtheit? Na, verzeih' dir's Gott – dein Vater war gerad' so. – Heinrich, siehst du,« sagte die Frau und schlang zum Abschied die Arme um die Schultern des Sohnes, »daß du mich das hast erleben lassen, so ganz nach meinem Herzen, so gut und klug gewählt, das dank ich dir, wenn dir auch schließlich nicht das Schlechteste dabei zufällt,« sagte sie und nickte ihm strahlend zu. »Herr Gott, ja – küß und grüß mir mein Kind. Sag ihr noch einmal, daß sie an mir eine Mutter finden wird, zu der sie so recht Vertrauen fassen soll – so recht, verstehst du? Ich lieb' da nichts Halbes – Heinrich, und daß der Napfkuchen mir nur gut ankommt; leider ist er noch ein bißchen reichlich frisch.«

Heinrich Oelwein lief es siedendheiß durch die Adern, und er vermißte in diesem Augenblick die Blechschutzkapsel, die sich ihm hätte ums Herz legen sollen, da war aber nicht der geringste Ansatz dazu da. Ja, es war ihm zu Mute, als fehlte ihm nicht nur die Blechschutzkapsel, sondern auch die notwendigste äußere Kapsel seiner Persönlichkeit. Er kam sich vor wie ein Mensch ohne Haut. Dazu fühlte er sich wie in einen Wasserstrudel gerissen.

»Mutter,« sagte er, »es können ja noch tausend Dinge dazwischen kommen.«

»I gar, wie soll denn das?« antwortete wohlgemut Frau Professor Oelwein. »Komischer Mensch.«

Und in ihrer Herzensfreude wurde sie nicht gewahr, daß ihr Sohn bleich und erregt in das Kütschchen stieg.

»Leb wohl – leb wohl!« rief und winkte sie ihm zu.

Und Heinrich Oelwein fuhr zwischen dem Napfkuchen und Sophias Unterröcken in schweren Sorgen den Weg, den er vor drei Tagen im Mondschein im übermütigen Freiheitsrausch dahingestürmt war. –

59 Das Ziel aber, dem er jetzt im Kütschchen entgegenholperte, war dasselbe geblieben – seine Freiheit! – Sophia war ihm seit jenem Nachmittag in der Laube zur Unmöglichkeit geworden. Die Augen waren ihm aufgegangen, der Zauber »Blondes Weib« war von ihm abgefallen, und er war wieder in den vollen Besitz seiner gesunden Sinne gekommen in Beziehung auf Sophia.

 

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