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Verspielte Leute

Helene Böhlau: Verspielte Leute - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVerspielte Leute
authorHelene Böhlau
year1898
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleVerspielte Leute
pages96
created20140418
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Von dem jungen Privatdozenten Oelwein wissen wir bisher also gar nichts, als daß Söphchen mit ihm »ganste«.

Ich will von ihm in aller Eile verraten, daß er nicht nur ein reputierlicher, sondern auch ein recht schöner Mensch war, schlank, braunäugig, mit Gesichtszügen, die seiner bürgerlichen Reputierlichkeit und seiner untadelhaften hohen Halsbinde etwas mißtrauen ließen. Es waren die weichen, großen, leidenschaftlichen Züge eines Menschen, der, wenn er nicht Professor Oelweins Sohn und Professor Schmidtscher Enkel gewesen wäre, von der Schnaaseschen Art instinktiv mißtrauisch aufgenommen worden wäre. So aber, bei dieser durchaus professorlichen Familienabstammung, waren alle Bedenken ausgeschlossen.

24 Außerdem war der junge Mann bekannt als Mustersohn und hatte eine brillante Carriere vor sich auf dem vom Vater und Großvater breitgetretenen Weg.

Es war etwas Schnaasesches auch in dieser Familie, etwas durch und durch Vertrauenswürdiges.

Dieser junge Mann aber schrieb am Tage nach dem Abend bei Madame Schopenhauer an seinen Freund und Herzensbruder, den Sohn von Madame Schopenhauer.

Die heftige Freundschaft zu diesem war die einzige Unbegreiflichkeit, die dem jungen Privatdozenten, dem Sohn Professor Oelweins und dem Enkel Professor Schmidts, wie ein Schatten anhaftete.

Er schrieb:

»Lieber Prachtkerl – Herzbruder!

Ich hab' das weiße Blatt gefunden! Du weißt, was das zu bedeuten hat. Ich seh' Dein Gesicht vor mir, wenn Du dieses Wort liest. – Spöttisch, von oben herab, eine ganze Welt voller Zweifel. ›Ist es denn nötig, daß du dieses weiße Blatt zwischen uns schiebst, Lieber?‹ frägst Du – ›wirklich?‹

Wir standen uns nah – es war gut so.

›Weißt du, was Freiheit heißt, Unsinniger?‹

Das hör' ich Dich fragen, und weiter:

Du sagst: ›Schaff dir, wenn's dich danach verlangt, ein Liebchen an, Hans Narr, – aber du schaffst dir ein Eheweib an – ein wirkliches, wahrhaftiges Eheweib! – legst dir eine echte, rechte Hemmkette bei, eh du überhaupt ins Fahren gekommen bist.

›Unsinniger!

›Ein Liebchen, meinetwegen! und ein Blatt, so weiß wie Schnee, wenn dir's so gefällt.

›Du schwärmtest davon. Du wolltest dich selbst im Weibe sehen. Du fürchtetest das fremde Geschöpf in ihr. Sie sollte dein Geschöpf werden. – Proste Mahlzeit!

25 ›Was hast du eigentlich daran?

›Schererei, wenn du es dir im Grunde bequem machen willst, und schließlich mörderische Langeweile! Du willst das Weib – das köstliche weiße Blatt, von dem du dir Liebesglück versprichst, aus Dankbarkeit fürs Leben versorgen. – Ausgezeichnet, wohlanständig – du gehst in die Falle – du wirst ein vorzüglicher Familienvater werden; – aber mir bleib dann vom Leibe und verschon mich mit deinem weiblichen Abklatsch – ekelhaft!‹

Ja, so hör' ich Dich, Lieber – und hört' ich Dich. So kannst Du sprechen – Du hast auch ganz recht: Es ist eine Eselei! Aber Eselei oder nicht! Die, um die es sich hier handelt, ist so göttlich, verteufelt blond und rosig – fest und gesund. Sie entzückt mich – als Mensch und als Arzt. – ›Blondes Weib!‹ Dies Wort allein – für mich wie eine volle, weiche Melodie – zum Hinsterben in einer blödsinnig göttlichen Stunde.

Sie ist rein – ein Kind – leidenschaftslos.

Seelenruhig wie eine Kuh. Klare, etwas vorstehende Augen. Nebenbei gesagt: Ich beneide das Weib, dies Weib, weiß Gott, nicht um die Art Liebe, mit der sie geliebt wird – eigentlich schimpflich – und in den meisten Fällen lieben und ahnen sie das Beste in uns. Sophia heißt sie. Was sie fürs erste in mir ahnt, weiß ich nicht. Ich gestehe es, augenblicklich ist's mir auch gleichgültig. – Später!

Ich lebe jetzt in ihrer Blondheit. – Du fragst: ›Wie steht's mit der Alten, der Mutter?‹

Ein kleines, fettes Weib.

›Also – sieh dir die Alte an,‹ sagst Du.

Das hab' ich gethan.

›Nun?‹

Was nutzt's. Da ist die Tochter mit der feuchtglatten Haut, der lebendigen jungen Brust, dem lebenausströmenden 26 blonden Zopf, den festen jungen Gliedern, der Gestalt, die so ganz und einzig vom jungen Weibe zeugt. –

Stell Dir im Sommer den Winter vor und im Winter den Sommer – Worte – Worte – Worte!

Also mit einem Wort, ich hab' mich verlobt, ehrbürgersam – basta!

Jawohl, ein Liebchen! – freilich ein Liebchen! so blond wie sie – weicher – schmiegsamer – nackt und bloß vom Sturmwind dahergetrieben – ohne Vettern und Basen – ohne Aussteuer – Versorgung – Visiten – Schneiderinnen, Einrichtungen und Gott weiß was sonst – vom Sturmwind, sag' ich, dem Glücklichen in die Arme getrieben. – Ja, Liebe! echte, rechte, – Liebe, eben nur Liebe! – Wahnsinn – ohne Pflicht – ohne Lohn – ohne Dank, verschwunden wie gekommen – Liebe unvermischt! Herr Gott, muß das ein Trank sein!

Dein Getreuer.«

Auf diese Epistel hin erhielt er seiner Zeit ein Schreiben.

Er kannte die Handschrift, eine lebendige Handschrift, die ihm den ganzen Menschen offenbarte. Erregt und voll Verlangen erbrach er das Siegel und faltete den festen Bogen auseinander.

Da stand »Esel« geschrieben. Nichts mehr und nichts weniger. Der Schreiber mußte diesen kurzen Inhalt des beträchtlichen Portos nicht unwert gehalten haben.

* * *

Bei Schnaases strahlten sie alle. – Es war so hergebracht, sie wußten es nicht anders. Man strahlt bei einer Verlobung. Sie hätten ebensogut darüber trauern können, daß der junge Privatdozent Oelwein ihnen ihr Söphchen, 27 das in seiner Blondheit das Licht im Hause war, entführen wollte. Sie blieben dann alle im dämmerigen Alter allein sitzen – aber sie strahlten. –

Mögen die einen es sich so vorstellen, daß sie dies aus innerer Vortrefflichkeit und Selbstlosigkeit thaten; andre wieder, weil sie auch gestrahlt haben ihrer Zeit, andre, weil sie strahlen möchten. Wieder andre, weil im Froschteich das Gute, was den einen trifft, von den andern zäh und ärgerlich eingetragen wird – und weil das zu wissen dem Glücksfrosch Spaß macht. Und so weiter.

Frag einer Leuchtkäfer, weshalb sie strahlen. Gerade so wenig sollte man Schnaases deswegen in Verlegenheit setzen.

Sie würden aber gesagt haben: »Weil wir's dem Kinde gönnen.«

Und damit wollen wir uns auch beruhigen.

Ueber den jungen Privatdozenten Heinrich Oelwein schlugen die Wogen der Verlobung zusammen.

Diners, große und kleine, Toaste, Visiten, offizielle Spaziergänge mit der bräutlich herausgeputzten Blondine, Landpartieen zu Ehren des Brautpaares. Kaffeebesuche der Freundinnen, Staatsbesuche – Staatsbesuche in Weimar und in Jena darauf. In Jena ganz dasselbe Chaos. Die Braut wurde von den Schwiegereltern auf ein paar Wochen eingeladen – sie waren ganz entzückt von ihr – also dort wieder Diners, große und kleine, offizielle und familienhafte Toaste über Toaste. Visiten, offizielle Spaziergänge, Landpartieen zu Ehren des Brautpaares. Kaffeebesuche – Staatsbesuche. –

Das bißchen Blond neben ihm verschwand ihm unter diesem Schwall.

Er träumte nachts von Vettern und Basen, von ganzen Heeren dieser Leute.

28 Die stillen Stunden mit der Braut wurden ihm zum Bedürfnis. Er mußte wieder zu sich selbst kommen.

So saßen sie acht Tage vor der Hochzeit an einem heißen Sommernachmittag in der dichten Geißblatt- und Pfeifenkrautlaube im hochgelegenen Garten.

Schnaases schliefen – der ganze Froschteich schlief. Die Sonne brannte. Die matten Sommerblumen dufteten, warme, starke Düfte. – Im Marstallhof am Brunnen unter den Bäumen wurden ein paar schöne Isabellen geputzt und gewaschen. Der Sonnenschein lag über den königlichen Tieren, die weiche gelbe Farbe glänzte. Sie wieherten in ihrem Behagen, stampften mit den leichten Füßen den Boden, die langen, blonden Schweife berührten sanft den aufgestreuten Kies. Sie tänzelten. – Es war ihnen wohl.

Söphchen saß mit einer Häkelarbeit. Sie trug ein helles Sommerkleid. Die Haut war lebendig glatt und feucht, die ganze Person weich und warm, ihre Blondheit in der heißen Sommerluft in schönster Entfaltung. Er saß neben ihr und sah sie an und sah dann wieder den Isabellen zu.

»Solch blondes Volk!« Und er strich ihr über den mächtigen Zopf, den sie auf dem Wirbel zusammengedreht hatte. »Wie aus Stein,« sagte er.

Er lebte und atmete jetzt wieder in dieser Blondheit.

»Blondes Weib.« Das Zauberwort flutete wie eine weiche, volle Melodie in dieser heißen Sommerstunde durch seine Seele. Die goldigen Isabellen, die sich am Brunnen behaglich baden und striegeln ließen, mit den goldigen Schweifen den Sand fegten, die wieherten und tänzelten, denen die Sonnenlichter auf den herrlichen Leibern spielten, verstärkten ihm den Eindruck der Blondheit.

»Lös dein Haar,« bat er, »Sophia!«

»Ach gar,« sagte sie und häkelte weiter.

29 »Thu's!«

»Nee – nee,« wiederholte sie trocken und häkelte, ohne aufzublicken.

»Wenn ich dich bitte! Gönne mir's!«

»Dummes Zeig!« Sie war ungeduldig.

»Sophia!« Er nannte sie Sophia, was Söphchen noch sehr befremdete.

»Ach, hör auf!« Sie sagte das unfreundlich tugendhaft.

Er ärgerte sich wegen dieser Trockenheit. Das war nicht das Verschämte, Verschleierte. Ganz simpel – ohne alles Unaussprechliche. Er hätte hier vor ihr auf den Knieen liegen können, hinsterbend vor Leidenschaft – sinnlos nach dem Lösen des goldenen, sauber geflochtenen Haares verlangend, ihre Trockenheit, ihre Sicherheit, ihre Gewißheit wäre nicht geschmolzen – durch nichts –, denn sie war seiner und alles Kommenden sicher.

Er war geärgert, verstimmt, stand auf und wandelte im Gärtchen auf und nieder.

»So ein Weib in seiner Sicherheit!« murmelte er und sprach's nicht weiter aus.

Sie häkelte unbekümmert.

»Heinzemann,« rief's aus der Laube. Sie nannte ihn Heinzemann.

Er trat zu ihr.

»Soll ich 's Litzel ums Hemd noch breiter machen?«

»Wie du denkst,« sagte er.

Das war das weiße Blatt nicht, das er gesucht hatte. – Nein, das war's nicht.

Diese dürre Naivetät! Er konnte es sich vorstellen, daß ein junges Geschöpf in seiner Unschuld dasselbe sagte – und daß er es dafür in seine Arme gerissen und geküßt hätte.

Und was hatte sie eigentlich gethan, die Arme? Was 30 gab ihm das Recht, so zu denken? Das fragte er sich selbst. Und er wollte es gewissermaßen für sich selbst wieder gut machen – setzte sich wieder zu ihr, faßte ihre Hand und hielt sie in den seinigen.

»Sophia,« sagte er, »ich hab' dir nie von meinem Freund gesprochen.«

»Nee,« sagte sie. »Das wissen wir aber alle.«

»Was denn?«

»Na, mit der Schopenhauern ihrem Arthur.«

»Findest du den wirklich so extra?«

»Ich finde ihn – – na! – Großpapa nennt ihn Haarschopf und Planze – und wenn einer bei uns Planze genannt wird, so heißt das so viel, daß wir ihn nicht ausstehen können.«

Er ließ ihre Hand los.

»Aergert dich das?«

»Soll mir's vielleicht gleichgültig sein? Du weißt, daß er mein Freund ist.«

Sie sah ihn etwas verblüfft an; über Schopenhauers Arthur hatten sie in ihrer Familie immer gelacht und gewitzelt. Muzelchen hatte die Schopenhauern oft bedauert, und ihr Bräutigam wollte ihm eben, wie es schien, eine feierliche Lobrede halten. »Jedes Tierchen hat sein Manierchen,« sagte Söphchen. »Er kann ja ein ganz netter Mensch sein.«

»O – ja,« sagte er.

Jetzt faßte er wieder ihre beiden Hände, aber hastig und fest, und sah ihr in die Augen mit einem Ausdruck, der sie gewissermaßen entsetzte – das war nicht der junge, höfliche Privatdozent Oelwein, der Sohn von Professor Heinrich Oelwein, der die Veranlassung war, daß fünf Weißnäherinnen im unteren Zimmer bis an den Hals in weißem, kostbarem Leinenzeug steckten, Tag für Tag.

31 Das war ein Mensch mit zitternden Nasenflügeln, zornigen Augen und bleichem Gesicht, leidenschaftlich stumm.

Sie überlegte in aller Eile, während er sie noch an den Händen hielt, ob sie das Muzelchen sagen wollte, und kam zum Schlusse – nein, sie wollte das nicht sagen. Sie schämte sich.

»Du sollst nicht so albern reden,« sagte er gedämpft, »hörst du!«

»Sei doch still, was schreist du denn so! Drüben die hören dich ja.«

Ihre Stimme zitterte von verhaltenen Thränen. Ihr Gesicht wurde gleichmäßig rot – wie ein weinendes Kindergesicht.

»Wenn wir Freunde bleiben wollen, Sophia,« sagte er ruhig, »hast du, wenn du ihn auch nicht verstehst und ganz und gar nicht kennst, mit voller Achtung von ihm zu sprechen. Hörst du? Einer von euern Witzen – und du sollst mich kennen lernen! Einstweilen sage ich dir, daß er ein Mensch ist mit einer großen, gewaltigen Menschenliebe. Er kennt den Jammer der Welt, den niemand, trotzdem sie bis über die Ohren zum Ersticken darin stecken, stell dir das vor, anerkennen will. Er will ihn den Leuten vor die Augen halten, daß sie ihn nicht übersehen können, und ihnen sagen: Das ist eure Welt! Er will ihnen erst Bewußtsein geben und dann, wenn sie ihr ganzes großes eigenes Elend kennen – dann will er ihnen mit allen Mitteln in die stumpfen Ohren schreien: Eure Moral soll Mitleid sein! Nur Mitleid, nichts andres! Und so will er sie denken lehren. Tiermenschen! Sie glauben zwar längst, Menschen zu sein, weißt du; aber frag du den darüber, den ihr den Haarschopf und die Planze nennt. Wenn du wüßtest, was für ein Kerl er ist – und was er sich vorgesetzt hat. Ja, was ich dir gesagt habe, das ist so – ein kleiner Teil von 32 alledem – – ein Garnichts. Du würdest mich aber nicht verstehen, wenn ich dir mehr sagen wollte.«

»Nu,« sagte Söphchen, die ihre Schnaasesche Ruhe längst wieder gefunden hatte, »wenn er gar so schön alles weiß, soll er doch einmal zuerst bei sich selbst anfangen und nicht so unausstehlich gegen seine eigene Mutter sein. Wenn alle eure weisen Gedanken ihm selber nichts helfen – was sollen dann die andern Leute damit?«

»Was wirfst du ihm vor, Sophia, was thut er denn?«

»Er ist ekelhaft gegen seine Mutter,« sagte Söphchen.

»Nun, und was thut sie? Sie nörgelt an Dingen herum, die sie nicht versteht, sie macht sich wichtig und ahnt nicht, um was es sich handelt, sie reißt ihn an den Nerven und wundert sich, wenn er zuckt. Sie behandelt ihn wie ihresgleichen und weiß nicht, daß er in einer Welt lebt, die sie nicht ahnt. Da kommen Mißverständnisse – natürlich – gerade so, als wenn einer nur russisch und der andre nur deutsch sprechen kann. Verstehst du das?« sagte er bewegt.

Er sprach zum erstenmal zu ihr von seinem Heiligsten.

»Verdienen thut er auch nichts,« sagte Söphchen.

Heinrich Oelwein antwortete geduldig. »Weißt du, mein Kind – der arbeitet wie kein andrer Mensch sonst – mit jeder Faser – er ist eben nur Arbeit – er und seine Arbeit sind eins. – Und wenn's ihm gelingt, was er will – nur einigermaßen – – – Wenn Schweinen oder Gänsen ein Sack voll Kleie und Hafer zum Kauf angeboten würde und ein Sack voller Perlen und Edelsteine, was würden sie wohl kaufen?«

»Ach, weißt du, wenn du so kommst,« sagte Söphchen.

»Der, der ihnen den Sack voll Edelsteine zum Kauf angeboten hätte – würde ruhig verhungern können, wollte ich nur bemerken.«

33 »Freilich, wenn er ihn zu Gänsen und Schweinen trägt.«

»Ja, wenn überhaupt keine Käufer weiter da sind.«

»Ach geh!« sagte Söphchen.

Da kam der Großvater gerade angeschlichen, das rosige alte Gesicht unter dem weißen Toupet. Es lugte pfiffig in die Laube hinein.

»Leberwürschtchen?« frug er bedeutungsvoll und kniff Söphchen ins Ohrläppchen. »Gucke – Gucke – Liebe – Triebe! Ihr sollt zum Kaffee kommen – verliebte Leutchen!«

* * *

Gegen Abend dieses selben Tages machte Söphchens Verlobter sich auf, um den Weg von Weimar nach Jena zu Fuß zurückzulegen.

Er war den ganzen Abend zerstreut und gleichgültig gewesen.

Der Großvater hatte ihn auf die Schulter geklopft und hatte dabei auf seine gedankenlos heitere Weise »Heinerich Schweinerich« gesagt. Söphchen hatte ihn bei Tische sehr aufmerksam und klug behandelt, als wenn sie schon Ehefrau wäre, und etwas altbacken dazu: »Heinzemann, noch ein Kartöffelchen?« und hatte ihm die selbstgeschälte Kartoffel, als wollte sie damit etwas gut machen, auf der Spitze ihrer Gabel präsentiert. Es war sehr vertraulich zugegangen, sie hatten sich alle ganz gegeben, wie sie waren. Die Familienwitze und Familienangewohnheiten waren in ihr Recht getreten.

Der Großvater sagte: »Suselchen – Schusselchen, steck dir den Maulwisch vor, du betrippelst dir, meine Liebe.«

»Maulwisch« hatte sich, Gott weiß wie, bei Schnaases für Serviette eingestellt.

Söphchen goß dem Großvater »Weinchen Schweinchen« ein.

34 Frau Suselchen nannte den hohen Beamten »Lämmchen«.

Sie aßen »Sippchen!«

Der Großvater erfand eine neue Variation für Sophia und rief: »So – Viehchen«, was große Heiterkeit erregte.

Und sie schlürften ihre Suppe mit einer unglaublichen Vehemenz. Kein Mitglied der Schnaaseschen Familie brachte jemals den Löffel bis an die Lippen, sondern sie ließen immer einen kleinen Zwischenraum und beförderten die Suppe gewissermaßen mittels Luftdruckes in sich hinein, was ein gewaltiges Geräusch verursachte. Wahrscheinlich machte ihnen das Spaß oder hatte einem Urahnen seiner Zeit Spaß gemacht.

Jetzt war es ein Schnaasesches Familienwahrzeichen geworden.

Tante Heimlich verwechselte bei günstiger Gelegenheit Zement und Zenith, womit sie die Familie wahrhaft beglückte. Es wurde so gelacht, daß alles in ihnen durcheinander »lungte« und »leberte«.

Heinrich Oelwein, der Verlobte, war zum erstenmal ganz und gar bei Schnaases. Sie hatten sich bisher immer noch etwas zurückgehalten.

Der Großvater sagte: »Ja, so geht es bei uns zu, Geliebter, Betrübter, so geht es bei uns zu!«

Ihm war wohl.

Söphchen knackte »Schlapperdons – Papelons, Papelorum« eine Nuß auf.

Sie waren im vollsten Behagen bei sich selbst daheim.

Gegen ihren Bräutigam war Söphchen außerordentlich zärtlich.

Ihm aber war es dabei zu Mute, als wäre er Schnaasesches Eigentum geworden.

Sie waren in der Uebermacht!

Sein weißes Blatt! Sein weißes Blatt – das hatten sie ihm ganz verkritzelt. Das war kein guter Handel.

35 Der Großvater sagte: »Heinrich, was ist mich denn mit dir, du ißt mir nicht, du trinkst mir nicht – du bist mir doch nicht krank?«

Seine Nerven waren erregt, und er atmete erst auf, als er endlich mit großen, leichten Schritten bei hellem Mondschein die Jenaische Chaussee entlang ging.

Da war es ihm, als fielen Fesseln von ihm ab. Er reckte sich und streckte sich.

»Herr Gott, Freiheit!«

»So ein Narr! So ein Esel!«

Und er rannte vorwärts in einem ganz kuriosen Tempo.

Da blieb er stehen, schlug mit seinem Stock auf: »Jawohl!« rief er atemlos. »Ich heirate kein andres Tier, als ich selbst eins bin. – Ich heirat' überhaupt nicht! Ich nicht! Nein! Hol euch der Teufel!«

Es packte ihn mit einem Schlag eine wütende Sehnsucht nach seinem Freund, und er kam wieder ins Laufen und Rennen, daß ihm die Haare feucht an der Stirne klebten.

»Die für dich! – Nein! Wenn ich noch Vernunft in mir habe – nein!«

Und es war ihm zu Mute, als hätte er nachmittags in der Laube mit einer Kuh gesprochen.

Er war fertig mit der Geschichte – fertig – los und ledig, und stürmte dahin wie ein durchgegangenes Pferd.

Da sah er sich selbst daheim bei seiner Mutter ankommen; hörte im Geiste, wie sie in mütterlichem Entzücken nach ihrem Töchterchen fragte.

Das Mädchen und die ganze Angelegenheit war eitel Wonne für sie, ganz nach ihrem Herzen – untadelhaft. Es war das, was sie wollte. Das ganz und gar.

Er stockte. Wie sollte er zu ihr reden? Was war eigentlich geschehen? Gar nichts. Hatte je einer seine Braut 36 sitzen lassen – ja sitzen lassen –, weil ihm die Witze und Behaglichkeiten ihrer Familie mißfielen, und weil sie einen ihr völlig unbekannten Menschen nicht respektierte? Was sollte er sagen? Wie sollte er sich verständlich machen? Wie? Das wußte der Himmel.

Das kuriose Tempo, in dem er seinen Weg bisher zurückgelegt hatte, verlangsamte sich merklich.

Das Blut floß mit einemmal wie zäh durch die Adern.

»Ja,« sagte er und blieb stehen, »das wissen wir. Ich bin aus dem Holz, aus dem man die Pantoffelhelden schnitzt.« Er hatte sich die Verzweiflung, die Thränen seiner Mutter vorgestellt. Da war es ihm kalt über den Rücken gelaufen. Mut hatte er, so schien es ihm, zu allen möglichen Dingen – weshalb nicht? Natürlich. Dazu aber, was er sich eben vorstellte, gehört etwas andres als Mut, dazu gehört eine Kapsel, eine Art festschließender Schutzblechkapsel mit Mechanik, die sich, wenn es not thut, ums Herz legt. Und diese Kapsel, das wußte er, fehlte ihm.

Und wieder kam er ins Rennen und Rasen.

Während die »großartige« Blondine ihre rosigen Glieder ins weiche Federbett legte, dachte sie schwerlich daran, in was für Sprüngen und Kapriolen, mit was für langen Schritten ihr Herzallerliebster seine eigenen Wege ging, Wege, wie sie ein Professor Oelweinscher Sohn, ein Professor Schmidtscher Enkel, ein Geheimerat Schnaasescher Schwiegersohn sich schwerlich jemals zu gehen gestattet hatte.

Die lange Straße, die sich zwischen Weimar und Jena dehnt, trug einen sonderbaren Schwärmer, einen wirklichen und wahrhaftigen Durchbrenner, dessen Beine und Gedanken um die Wette rannten, einen Narren, der vor etwas davonlief, was er daheim nicht einmal bei Namen nennen konnte. Er hörte die Familie noch im Geiste ihre Suppe mit Luftdruck einziehen, auch Sophia that mit. Und seine 37 Nerven zogen sich bei dem gewaltigen Geräusche zusammen. Er sah in Söphchen, das jedermann unzweifelhaft als das wohlerzogene, vortreffliche junge Mädchen erschien, »das entartete Weib« – stumpf, unfrei, wie das Haustier, die natürlichen Empfindungen eingetrocknet, zäh geworden, entartet.

Im jungen Körper altbackene Gefühle. Berechnung! In jedem Ding Abwägen, ehrbußliche Klugheit, Schwachsinnigkeit. Dabei diese Blondheit.

Was hatte er sich eigentlich unter dieser Blondheit gedacht?

Ein urgesundes Weib.

Und was unter dem urgesunden Weib? Gott weiß. Irgend etwas! Eine Art Fabeltier, wie es in so manchem männlichen Gehirn lebt. Ein Geschöpf von sonderbarster Konstruktion. Kind – Engel. Zur rechten Zeit Genie der Liebeswonne – dabei unschuldig wie neugeboren – und wehe ihr, wenn nicht zugleich und zwar unmerklich raffiniert. Kokett zum Entzücken, ehrbar und vertrauenswürdig, um Häuser auf ihr zu bauen. Göttlich unwissend und alles begreifend, naiv und zugleich klug und weise, doch ohne es ahnen zu lassen und ohne unbequem zu werden. Zur rechten Zeit einfach dumm. Selbstlos wie ein Märtyrer, demütig wie eine Sklavin, geistreich, wie man einen zeitverplaudernden Freund sich wünschen möchte. Wahre Mutter, wahre Geliebte und brave Ehefrau zugleich. Sparsame Hausfrau, die mit den geringsten Mitteln Wunder thut; die Frau, die die Geselligkeit im Hause schafft und belebt, nachts die Kinder wartet und am Morgen mit hellen Augen und liebenswürdigem Scherz den Gatten weckt; die arbeitet, ohne daß man sie arbeiten sieht, und keinen Augenblick müßig ist. Kurz, ein so bequemes Wundertier, wie es gottlob in seiner ganzen Vollständigkeit nur im Hirn des großartig naiven 38 Geschlechtes lebt, das sein eigenes Riesengeschöpf, von dem es Unmenschliches erwartet, das schwache Geschlecht zu nennen beliebt.

Er fluchte auf dem Weg zwischen Weimar und Jena aus Leibeskräften auf den Esel, den Dichter, den Schreiber, den er in seinem Zorn »Federvieh« nannte, oder auf das alte Weib, die ihm vielleicht alle miteinander in grüner Jugend den Schwindel »Blondes Weib« in den Kopf gesetzt hatten.

»Verdammtes Volk!«

Söphchens Großvater würde bei dieser Gelegenheit, wenn er Zeuge des Fluchs gewesen wäre: »Ohalalla!« gesagt haben – und er hätte recht gehabt.

»Herr Gott, ja!« dachte auch unser Freund im mild niederfließenden Mondlicht auf der Landstraße. »Schließlich waren es die künftigen kleinen Oelweins und Schnaases, die mir diesen Streich gespielt haben, und niemand andres. Die Sappermenter! Was im Grund gehen mich fremder Leute Wünsche an? Möglich, daß sie auf ihre Art vorsichtig in der Wahl ihrer Eltern sein wollten. Man kennt ihren Geschmack nicht. Dabei, meine Besten, haben auch noch andre Leute ein Wörtchen mitzureden, dächt' ich.

»Glaubt ihr,« und unser Freund blieb im kuriosen Tempo wieder stehen, schlug mit dem Stock auf einen mondbestrahlten Chausseestein, »glaubt ihr, daß ich, weil ihr es für gut findet, mein Lebtag Schnaases Suppe schlürfen hören soll? Daß ich mich von Sophia schulmeistern lassen will? Daß ich mich mit trockenem, würgendem Liebes- und Lebensbrot, mit dem sie mich füttern will, von ihr mein Lebtag füttern lasse? Daß ich wirklich ihr dürres Lebensbrot essen werde, das einem beim Kauen zu den Ohren herausstaubt?

»I Gott bewahre, da habt ihr euch stark verrechnet.

39 »Merkt's euch.

»Ich bin ich. Ich will leben – leben, wie mir's gefällt! Wie mir's paßt!

»Subordination in unserm Fall gefälligst!«

Er schlug wieder auf den mondbestrahlten Stein mit einem tüchtigen Schlag, daß die Funken sprühten.

»Merkt's euch.«

Dann setzte er seinen Weg fort – trunken in Gefühls- und Freiheitsüberschwall.

Und wie ein leuchtender Stern am Himmel stand ihm sein Freund vor der Seele – und seine Gedanken nahmen alle ihn zum Ziel.

Er war eins mit ihm – ob nah oder fern. Und wohlgemut und frei zog er im mondüberleuchteten Städtchen ein.

Tiefe, stille Sommernacht.

Da begegnete ihm in enger Straße eine Frauensperson, die das Umschlagtuch über den Kopf gezogen hatte, trotz der milden Nacht. Sie kam auf ihn zu und stand vor ihm im dämmerig schimmernden, stillen Licht und sagte: »Ach, Sie sind's, Herr Doktor. Ich lauf' in aller Angst umher und such' einen Arzt.«

Da erkennt er in der Fragenden die stille Näherin, die er gar oftmals in seiner Mutter Wirtschaftsstube, in der gebügelt und genäht wurde, hatte sitzen sehen.

»Gottlob!« sagte die Person.

»Wer ist denn krank?«

»Mein Mädchen.«

Da fiel ihm ein, daß sie eine Tochter hatte.

»Sie haben sie mir krank nach Haus geschickt!« schluchzte sie. »Krank und elend, Herr Doktor. So ein kluges, gutes Kind. – Kommen Sie gleich mit?« fragte sie bang und schluchzte dabei.

40 Er ging mit ihr.

Auf dem Weg sagte die Näherin hin und wieder etwas, das sich auf die Tochter bezog. »Sie war Erzieherin in einem vornehmen Haus. Wie sie sich heraufgearbeitet hat aus dem Elend! Und wie redlich hat sie mir geschickt, was sie nur irgend schicken konnte. Und nun ganz hinfällig.«

Dann wieder:

»In Not und Kummer geboren, Herr Doktor, das hängt ihr sehr an. Ein Wunder, daß ich sie aufgebracht habe. Sie hat's immer mit dem Herzen zu thun gehabt. Entsinnen sich Herr Doktor nicht, ich brachte früher manchmal ein kleines Mädchen mit, das saß so artig auf einem Stühlchen neben mir beim Nähen?«

Es war ihm, als wenn er sich an so etwas erinnerte. Ein kleiner Schatten tauchte unbestimmt auf.

»Dann kam sie fort zu einer alten Verwandten, bei der sie's besser hatte als bei mir. Weggeben!« Die Person schluchzte laut auf.

»Sie wissen ja, Herr Doktor,« sagte sie zögernd.

Jetzt standen sie am Haus.

Ein Oellämpchen brannte auf der untersten Treppenstufe. Das hatte die Näherin vorsorglich hingestellt und nahm es jetzt auf, um dem Herrn Doktor hinaufzuleuchten.

Sie stiegen auf halsbrecherischer Treppe in den dritten Stock eines der uralten turmartigen Jenenser Häuser.

Die Näherin öffnete die Thür zu ihrem Stübchen.

Da lag beim Schein eines Talglichtes, das trüb am verkohlten Docht hinaufbrannte, eine junge Gestalt auf dem Bett, mit Kissen gestützt. Sie lag in einem hellen Sommerkleid. Der linke Arm war aus dem kurzen Aermel geschlüpft, und auf ihrer Brust war ein nasses Tuch gebreitet.

»Lori! Der Herr Doktor!« sagte die Näherin ängstlich.

Die Kranke öffnete die Augen. Sie hatte ermattet, 41 ohne sich von den kommenden Schritten aufrütteln zu lassen, dagelegen.

Jetzt sahen diese Augen mit der Schwere, die großer überstandener Schmerz auf den Blick drückt, auf die Eingetretenen.

»Mutterchen,« sagte sie, »jetzt ist's gerad vorüber.«

Der junge Arzt faßte ihre Hand, fühlte den Puls, that ein paar Fragen, schickte die Näherin zur Apotheke und blieb währenddem still neben dem stillen Mädchen sitzen. Die Ruhe in dem engen, eingeschlossenen Raum, das schweigsame, geduldige Leiden neben ihm, nach seinem stürmischen Lauf und den stürmischen Gedanken, dem übermütigen, leidenschaftlichen, leichtsinnigen Seelenkampfe, machte einen wunderlichen Eindruck auf ihn. Solche monddurchschienene Weite und solches lebensstarke, kräftige Bewegen, und diese bange Enge, das Bewegungslose. Er fühlte ein tiefes Erbarmen und betrachtete ihr Gesicht. Sie lag fortwährend mit geschlossenen Augen.

Es war ein feines Gesicht. Der Haupteindruck ein geduldiges Gesicht, an Leiden gewöhnt.

Er that einige Fragen

Sie öffnete die Augen.

In diesem stillen Gesicht riesig lebendige Augen!

»Mir ist's natürlich recht, wenn man noch etwas für mich thun könnte,« antwortete sie auf eine Frage hin. »Es kommt jetzt viel stärker und auch viel öfter. Ich weiß nicht, kann man da etwas machen? Wenn's nicht zu teuer ist?«

Es lag etwas in der Art, wie sie sprach, das ihn betroffen machte.

»Darf ich?« fragte er und nahm ihr das nasse Tuch, das sie auf dem Herzen trug, ab, neigte sich über sie und legte sein Haupt an die junge, kühle Brust und hörte auf die Schläge und Zuckungen des kranken Herzens.

42 Alles war lautlos um sie her.

»Soll ich das Tuch wieder anfeuchten?« fragte er.

»Nein,« sagte sie, »mich friert jetzt. Ich will erst wieder warm werden.«

Er hüllte sie in ein wollenes Tuch ein.

»Sie haben sich während Ihrer Krankheit viel angestrengt?«

»Ja,« sagte sie voll und ruhig, wie ein fleißiger, müd gewordener Arbeiter. »Mir lag daran, es so lange als möglich zu verschweigen.«

Wieder war er betroffen von dieser Aeußerung. Er wußte es sich nicht recht zu erklären, wodurch sie diesen Eindruck in ihm hervorbrachte.

In der Stimme lag es.

»Wenn der Anfall heut wiederkehren sollte,« begann er.

»Der kommt heut nicht wieder. Jetzt hab' ich Ruh. Und ich erhol' mich auch recht schnell davon.«

Sie erhob sich ein klein wenig.

»Komisch, so ein Leben, das zu Ende geht,« sagte sie bedächtig.

»Was gar! Es hat ja noch nicht einmal begonnen,« erwiderte er ihr beruhigend und zugleich betroffen, und sah auf sie.

»Eben deshalb komisch,« wiederholte sie.

Da trat die Näherin ein und brachte die Arznei. 43

 

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