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Verspielte Leute

Helene Böhlau: Verspielte Leute - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVerspielte Leute
authorHelene Böhlau
year1898
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleVerspielte Leute
pages96
created20140418
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

In einem echten, rechten Froschteich, da lebt der Frosch in Frieden; alles lebendige Wasser ist fern, kein Zufluß und kein Abfluß; weder bedroht ihn ein überschwellender Strom, noch verderbliche Dürre.

Da leben die Frösche von Generation zu Generation als uralt angesessenes Geschlecht.

Ihr Teich ist ihre Welt, und so bevölkern sie ihre Welt – und sind große, stolze, vertrauenswürdige Leute. Ein jeder kennt den andern bis zu dessen Urgroßvater hinauf, und so durch und durch, so ganz und gar, so nackt und bloß, daß kein Verstellen, keine Maske, keine Perücke ihm auch das Geringste nützen würde.

Alle Fröschlein wissen von jedem einzelnen, was er zum Beispiel als Abcschütze für Erfolge hatte, ob ihm in frühester Jugend die deutschen Aufsätze gelangen oder mißlangen, und wie oft er Strippse kriegte. Nichts wird vergessen, alles, was solch ein Fröschlein je beging oder nicht beging, ist einregistriert, mit Strenge und Genauigkeit, die dem gewandtesten Polizeispitzel Ehre machen würde. Jedes Fröschlein lebt unter einer Last von Akten, die über sein Thun und Lassen geführt werden. Und dieses Fröschlein führt wieder Akten über jedes Haus und jedes elende 6 Fröschlein darin. Die gegenseitige Beaufsichtigung im Froschteich ist einfach großartig.

Aber sie leben und quaken und hüpfen und lieben auch alle im stolzen Bewußtsein dieser Aktenbündel, die sie zu führen haben und die über sie geführt werden, und bestreben sich, ihr Froschdasein so ausgezeichnet und makellos als möglich zu gestalten, schon um die lieben Nebenfrösche zu ärgern, denn sie wissen aus Erfahrung, wie ungern die übrigen das Glück und die Vorzüge eines Mitbürgers eintragen. Je miserabler aber und leichtsinniger sie das thun, desto mehr ärgern sie sich – und das wieder freut den tugendhaften Frosch.

Was hat sich in einem solch segensreichen Froschteich alles ausgebildet – eine ganze Welt von allen möglichen Dingen, die nur dazu dienen, den einzelnen Frosch zum Aerger der andern auszustaffieren, zu gar nichts weiter. Als ob das nicht genug wäre?

Und weil ihre segensreiche Vermehrung immer gleichmäßig und durch fremde Einflüsse ungestört von Generation zu Generation stattfand, haben sich gar viele Eigentümlichkeiten eingefunden, die sich im Laufe meiner Geschichte ergeben werden.

Sie quaken alteingesessen, und ein feiner Beobachter würde bemerken, daß eine jede bessere alte Froschfamilie ihren alterworbenen Quakdialekt hat – Witze vom Urgroßvater her, unendliche Ueberlieferungen hochangesehener Erbtanten.

Aber ich will nicht vorgreifen.

Sie hießen Schnaase. Sie waren glücklich. Sie waren »die glückliche Familie«. Das war schon immer so gewesen von alters her. Vom Großvater und Urgroßvater wußten sie es noch ganz bestimmt, daß sie wohlsituiert und zufrieden waren. Und vom Ururgroßvater konnte man es ruhig 7 annehmen, denn auch er war Beamter gewesen – ein angesehener Beamter in demselben Froschteich, ja in derselben Stellung wie der Urenkel Schnaase.

Der Urgroßvater, Großvater und Vater Schnaase, jedenfalls auch der Ururgroßvater waren einst flotte, ja sehr flotte Studenten gewesen; ein jeder der echte Student seiner Zeit. Sie hatten sich in dieser Beziehung nichts vorzuwerfen gehabt, waren alle »prächtige« Kerle gewesen, hatten gesoffen, gebrüllt, gequakt, den Comment ehrlich gehalten, hatten sich eine unantastbare Studentenehre angeschnallt, die beste, aus dem ff, die überhaupt zu haben war, und standen bei ihresgleichen immer besonders hoch im Ansehen. Es hatte während dieser Jahre den Anschein, als wären die Schnaases »rechte Sapperloter«, wie sie im Froschteich sagen. Sie bekamen einer wie der andre über Weiber, Geld und so weiter die vielversprechendsten Ansichten, lumpten und verschwendeten und benahmen sich wie rechte Sorgensöhne. Wunderlicherweise aber grub das Treiben der Söhne in keiner Generation Kummerfalten in die väterlich Schnaasesche Stirne, Väter und Söhne wußten von jeher, wie die Sache verlaufen würde.

Wohl denen, die ihre Familientraditionen heilig bewahrt haben: für die gibt es keine Ueberraschungen.

Schon bei der Geburt eines echten Schnaase konnte man das vorherwissen und durfte getrost für ein paar künftige ausschweifende Jahre des Wickelkindes mit Sparen und Zurücklegen beginnen.

Das Zurückgelegte aber zahlte sich aus. Es war kein verlorenes Kapital, sondern half einem Ehrenmanne auf die Beine. Vater Schnaase, der zu den Helden unsrer Geschichte sich mitzählen darf, erschreckte durch sein plötzliches Ausschlüpfen alle Welt, nur sich, seinen Vater und seinen damals noch lebenden Großvater nicht.

8 Die beiden letzteren nickten verständnisvoll und dachten: Aha! Jetzt also! Ganz wie bei uns damals. Der jüngste Schnaase hatte gelumpt, gebrüllt, gequakt, gesoffen, über Weiber, Geldausgaben und so weiter die vielversprechendsten Ansichten gehabt und bethätigt, hatte den Comment ehrlich gehalten, sich die unantastbarste Studentenehre aus dem ff angeschnallt, die beste, die zu haben war, hatte wegen all dieser Vorzüge hoch in Ehren gestanden bei seinesgleichen, hatte zu guter Letzt mit Ach und Krach die Examen bestanden und war angestellt worden – und damit plötzlich ausgekrochen.

Eigentlich war eine so plötzliche Umwandlung nur Sache der Pastoren, aber auch die echten Schnaases hatten diese altüberkommene Eigentümlichkeit.

Zu dieser Zeit trafen ihn, wohlverstanden, ein paar Tage nach der Anstellung, in der kleinen Weinstube, die für die Studenten, die aus Jena kamen, als Absteigequartier galt, einige Kameraden. Er saß wohlfrisiert, geschniegelt und gebügelt im Staatskleid und trank in aller Ehrbarkeit sein Schöppchen.

Sie brachten ihm die funkelnagelneue Neuigkeit, daß ein gewisser Peter Knaack – du weißt doch – endlich seine »saudumme« Verlobung aufgelöst habe. »Was sagst du dazu, Alter? Das ist dein Werk, du hast ihm das Mädchen verekelt – mit deiner scheußlichen Schnauze!«

Aber der neugebackene wohlbestallte Beamte zupfte würdevoll am Jabot und erwiderte mit überraschend kühler Würde, die ihn später sehr auszeichnete: »Dessen wird er keinen Frieden haben,« und setzte dazu eine Miene auf, die besagte: Ihr irrt euch in der Person, ich bin der nicht mehr, der ich war, ich weiß von dem nichts mehr, was ich that und sagte.

Er war jetzt ausgekrochen.

9 »Pfui Teufel!« sagten die Unausgekrochenen zu einander, als sie gleich darauf draußen vor der Thüre standen. »Pfui Teufel!«

Und er blieb ausgekrochen. Jetzt erst war er ein ganz echter Schnaase, der angestellte Schnaase. Alle Stadien vordem waren nur Vorbereitung. Jetzt erst gesellte er sich würdig zu Vater und Großvater.

Und die Zeit brach an, in der drei fix und fertige Schnaase, drei Generationen auf einmal im Froschteich lebten, ein pensionierter, ein hoher Beamter und ein junger hoffnungsvoller Mann, der sich daran machte, sich ein Ehegespons zu suchen – und es auch fand.

Ein Jahrzehnt lebten diese drei Schnaase, gottergeben und zur Freude und Erbauung aller ihrer Mitbürger, ein unsträfliches, vortreffliches Leben, da trugen sie den Pensionierten ordnungsgemäß zu Grabe. Der hohe Beamte nahm bald darauf des Pensionierten Stelle ein – und der junge Mann stieg würdig Staffel für Staffel empor, zum hohen Beamten.

Damit war aber das Uhrwerk der Schnaaseschen Familie, wie es den Anschein hatte, abgelaufen – denn es fehlte an einem jüngsten Schnaase, an dem es bisher noch nie gefehlt hatte, der die alte Familienuhr weiter in Gang erhalten hätte.

Die jüngste Schnaasesche Ehe war nur mit einem Mädchen gesegnet. Das war ein Kummer, an dem jahrelang drei Generationen trugen. Als der Aelteste der drei Schnaase ins Grab sank, nahm er ein Drittel dieses Kummers mit.

Zwei Drittel aber blieben.

Frau Schnaase kam sich wie eine Art Verbrecherin vor, wenn sie daran dachte, daß durch sie gewissermaßen diese unvergleichliche Familie hingemordet wurde.

10 Sie war aber eine kleine, dicke Person, der es nicht gegeben war, sich ganz niederdrücken zu lassen. Und als das eine Drittel des Kummers und ihrer Schuld ins Grab gesunken war, fühlte sie eine große Erleichterung.

Der pensionierte, dann verstorbene Schnaase hatte aber auch wegen der stehengebliebenen Familienuhr am meisten gebrummt.

Die beiden andern Schnaase begannen nach und nach sich in das Geschick hineinzufinden, die letzten ihres Geschlechtes zu sein.

Das war auch etwas.

Und Frau Schnaases Töchterchen Söphchen war eine so echte Schnaase, daß durch sie das Familienbewußtsein seine schönste Stärkung erhielt.

Das Töchterchen wurde der Liebling von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter, von Tante Philomene Heimlich, der Stiefschwester der Mutter – vom ganzen Hause. Und das Haus, in dem sie alle wohnten, liegt heute noch in der Marstallstraße, die früher zwar ein ganz andres Gesicht als jetzt trug, aber doch denselben Namen führte.

Das Schnaasesche Haus ist in ein sonderbares Gehock hineingebaut und an die alte Stadtmauer angeklebt. Es sieht und sah immer sehr anständig und behaglich aus. Von der ersten Etage aus kann man ebenerdig in den Garten spazieren, der auf dem ausgefüllten Stadtgraben grünt und blüht. Das war und ist gewissermaßen das Wahrzeichen dieses Hauses, heute wie damals, vor sechzig Jahren.

Zu jener Zeit war der Marstall ein ganz poetischer Winkel mit Ställen und Scheuern, Brunnen und Bäumen, und auf dieses Idyll blickten Schnaases Fenster.

Der aktive Schnaase war so vortrefflich, wie man es 11 von einem Schnaase nur verlangen konnte. Außer seinem Amt war er Vorstand jeder erdenklichen Kasse, Vormund aller möglichen Witwen und Waisen, Ratgeber in Geldangelegenheiten älterer, alleinstehender Damen, kurz ein Vertrauensmann.

Der Vater Schnaase lebte bequem und sorglos in der oberen Etage. Wie alle Schnaases, machte er sich's im Alter auch geistig bequem und wurde ein ganz klein wenig schwachsinnig, gerade so viel, daß es seiner Heiterkeit zu gute kam und er dabei der alte prächtige Mann blieb.

Tante Philomene Heimlich hatte ein Stübchen im hochgelegenen Parterre inne.

Sie waren alle vortrefflich untergebracht und führten ein Familienleben, das im ganzen Froschteich anerkennend gelobt wurde.

Mit Schnaases zu verkehren, war eine Auszeichnung.

Sie waren, wie schon gesagt, »die glückliche Familie«.

Und wenn zu Geburts- und Hochzeitstagen die Tanten und Vettern kamen, um bei den wohlsituierten Verwandten ihre Glückwünsche anzubringen und ein Gläschen Malaga zu trinken und ein paar Datteln und Feigen und Frankfurter Brenten zu schnabulieren, sagte jedesmal ein alter Onkel, der ganz in seine mächtige weiße Halsbinde gerutscht war und ein blauschwarz gefärbtes Toupet trug: »Nu ja, so geht's! Da sind wir ma' wieder ein Jährchen älter geworden; aber Glück und Heiterkeit sind in der Marstallstraße treu geblieben. – Hoch lebe die glückliche Familie!«

Frau Schnaase erhob dann jedesmal ihr Gläschen und sagte: »Unberufen! Unberufen! – Mu' du nich' dhun das!« setzte sie in der Kleinkindersprache hinzu.

Und Söphchen sagte: »Dreima' geschnippelt, dreima' geschnappelt.«

12 Und Großvater sagte eifrig: »Holz anfassen! Holz anfassen! Kinderchen! Rinderchen!«

Wie schon gesagt, bei glücklichen, wohlsituierten, fetten, alteingesessenen Froschfamilien haben sich aus allerlei Gründen Familienjargons gebildet.

Durch was für Einflüsse? Da müßte ein Philosoph kommen und dem kurzsichtigen Erzähler die Sache erst erklären, damit dieser sie seinen hochangesehenen Lesern wieder erklären könnte.

Der Erzähler meint aus eigener Weisheit, ohne Hilfe des Philosophen, daß unsre Sprache im großen und ganzen seit Jahrtausenden hauptsächlich von armen Teufeln gesprochen, von ihnen erfunden wurde, von armen Teufeln, die es sich sauer werden ließen, die daher die Dinge bei ihrem Namen zu nennen gewöhnt sind, ohne viel Federlesens, schlicht, recht und hagebüchen. Von der Geburt bis zum Grab gab es Schmerzen, Arbeit, Entbehrung, Schaffen und Raffen, Jammer, Kämpfe und Wunden, mit einem Worte: Müh' und Not. Das Leben ging mit ihnen geradeaus und hart genug um. Und die Sprache wurde wie das Leben erschreckend für seine Ohren in Freud' und Leid.

Und als die Zeit kam, daß sich die feinen, wohlhäbigen Leute mit den fein gewordenen Ohren von den armen Teufeln absonderten, wie das Oel vom Wasser, da sonderte sich auch die Sprache der Wohlhäbigen von der Sprache der armen Teufel, die Fetten behingen ihre Sprache mit allerlei netten Dingen, polsterten das Harte, versteckten das Gräßliche, machten das Erhabene behaglich, das Rauhe höflich – machten das Leben und die Sprache zu zwei ganz verschiedenen Dingen, die Sprache gewissermaßen zu einer dicken Filzdecke, die ihnen das rapauzige Leben verbarg.

So thaten die feinen, wohlhäbigen Leute – und thaten 13 klug daran; denn ihr Sprachfilz war dicht genug, daß sie dasjenige, was er ihnen verdeckte, gar nicht mehr zu sehen brauchten. Es war für sie gewissermaßen nicht vorhanden. Die klugen Leute hatten sich das Unbequeme weggezaubert.

Aber in einem so echten, rechten Froschteich geht es so unendlich behaglich und so wohlsituiert zu, daß bei den jeher glücklichen Familien auch die Sprache der feinen Leute nicht mehr ausreicht, um das Gemütliche, Ausgepolsterte, Tugendsichere, Verhätschelte, Gedankenlose, Verzogene, das ein ganz klein wenig Schwachsinnige, Seelenfriedliche und Ruhige zum Ausdruck zu bringen. Da fingen sie hie und da an, die Worte kindisch auszuputzen, machten Schnörkel und Witze daran, behingen sie wie einen Christbaum mit Dingen, die sie vergnügten.

So kamen die gemütlichen Familien-Froschquakjargons zu stande, die dem Fremden wie Mysterien klingen, bei denen ihm der Verstand stillsteht, die aber die Eingeweihten so außerordentlich amüsieren.

So sagte man bei Schnaasens im teilnahmsvollsten fragenden Ton »Leberwürschtchen?«, wenn man sich nach dem Befinden erkundigen wollte. Niemand wußte, woher dies stammte und weshalb man das that; und »krankes Schalmeichen!« sagten sie sonderbarerweise, – wenn sie einem Familienmitglied Mitleid ausdrücken wollten.

In zärtlichen Augenblicken sagte Söphchen zu ihrem Vater: »Schlapperdons, Papelons, Papelorum,« Erfindung von Schnaase dem älteren. Der pensionierte Schnaase hatte, wie es schien, großen Spaß an diesem Froschjargon und war unerschöpflich in Neubildungen, Umdrehungen und so weiter, was nach Lombroso, der uns über die Eigentümlichkeiten und Entartungen des menschlichen Hirns eingehend unterrichtet hat, vollständig für den behaglichen geistigen Schnaaseschen Alterszustand in der Ordnung war. Er rief 14 seine Enkelin: »Söphchenböffchen«, seine Schwiegertochter: »Suselchen Schusselchen«, – Tante Philomene Heimlich aber rief er mit einem ganzen Arsenal von Namen: »Tante Philodendron«, »Venus von Philo«, »Tante Filu«, »Tante Philax«, »Heimlicherin« und so weiter mit Grazie in die Unendlichkeit.

Schnaase, der Vater, enthielt sich des Jargons, der um ihn her üppig grünte und blühte. – Wenn er aber, so weit seine Würde es gestattete, sich herabließ, in der Sprache der »glücklichen Familie« mitzureden, war der Jubel so allgemein, die Freude an dem köstlichen Witz und der Liebenswürdigkeit des vortrefflichen Mannes so groß, daß es für den aktiven Schnaase in Zukunft wahrscheinlich unmöglich wurde, sich den Einflüssen dieses Erfolges zu entziehen.

Es war vorauszusehen, daß auch er es sich einmal bequem machen würde. Ein Wunder, daß es noch nicht geschah.

Die männlich breitsocklige Würde hatte vorderhand von ihm so vollständig Besitz genommen, daß sich nichts andres in seine werte Person teilen konnte.

Er stand fest gegründet, und alle schauten verehrend zu ihm auf, Vettern und Basen. Seine Worte waren Orakelsprüche. Er war der Hort und die Kraft der Familie, benahm sich wie ein Götzenbild, um das her die Anbeter ihren Unsinn entfalten und ihren Dampf steigen lassen.

Solche Gleichmütigkeit wollte in diesem Fall etwas heißen, denn die rundliche, behende Frau Schnaase, die gewissermaßen die Schuld trug, daß die Familienuhr in absehbarer Zeit stehen bleiben mußte, war merkwürdig leichtlebiger Natur.

Herr Schnaase nannte dieses kleine Weib »mein Kind«.

Unbegreiflich, ja, wie Entweihung hätte es den Untergebenen des gestrengen Beamten gedeucht, wenn sie sich 15 hätten vorstellen können, welche Behandlung der ausgezeichnete Mann über sich hatte ergehen lassen müssen, ehe er seinen Weg zum Ministerium antrat, in das er wie die Personifikation hoher Würden kam.

Frau Schnaase weckte den hohen Beamten jeden Morgen, den Gott gab. Sie brachte ihm seine Schokolade ans Bett. Sie weckte ihn aber nicht, wie es sich für die Gattin eines Ehrenmannes zu jener Zeit gehört hätte: »Lieber Schnaase, es ist acht Uhr.« Bewahre, das wäre ihr ganz unmöglich gewesen, etwas so Unverschnörkeltes zu thun.

Es war nicht Schnaase, die zukünftige Excellenz, den sie weckte, sondern irgend ein durchaus niedrig stehendes Geschöpf Gottes, heute ein Karpfen, morgen ein Esel, ein Pferd, ein Hahn, eine Schlange, eine Kuh, ein Kalb, ein Wombat, ein Safrantier, das Frau Schnaase einst im Traum erfunden hatte, ein Regenwurm oder irgend sonst ein Insekt.

Und als was er geweckt wurde, als das mußte die zukünftige Excellenz sich behandeln lassen.

Erwachte er als Karpfen, so wurde er auf das liebreichste gefragt: ob er in seinem Schlämmchen gut geschlafen, ob er seine Tasse voll guter kleiner Würmer schnappen wolle, ob er Reißen in den Flossen habe und so fort. Sie fiel selten aus der Rolle; als Pferd bekam er Hafer, striegelte sich, wurde gesattelt und gezäumt. Sie brachte ihm statt der Stiefel Hufe, statt der Halsbinde einen Zaum, statt der Brille – Scheuleder.

Als Regenwurm ringelte er sich ins Ministerium, und sie bat ihn flehentlich, sich in acht zu nehmen, daß kein Hahn unterwegs ihn anpicke, daß er sich nicht zertreten lassen solle und daß er trinken – nein, saugen solle, um nicht zu vertrocknen. – »Regenwürmer vertrocknen so leicht!« sagte Frau Schnaase dann kummervoll bewegt.

16 Und das alles einem Manne, vor dem die Untergebenen in Ehrfurcht erstarben, einem Manne, der auf die Excellenz zusteuerte. Zu seiner Ehre sei gesagt, daß er so wenig wie der Müller auf das Mühlenklappern auf diese täglichen Vorstellungen seines kleinen, dicken Weibes achtete, die sie vor seinem Lager aufführte. Blieb aber einmal, was jedoch selten vorkam, das Karpfen-, Kälber- oder Wurmspiel aus, dann sagte er würdevoll: »Na?« oder etwas Aehnliches, was Frau Schnaase überglücklich machte. Nebenbei: Herr Schnaase nannte seine Gattin auch »Dicki«.

Sie lebten gut – sie aßen gut und tranken gut und gediehen daher.

Daß der Tod auch bei Schnaases von Zeit zu Zeit aufräumte, war Thatsache. – Schnaases konnten nichts dagegen einwenden.

Es war aber immer in Ordnung vor sich gegangen. Er hatte es mit Achtung vor der ausgezeichneten Familie gethan: immer die Pensionierten, er hatte sie gewissermaßen nur vollends pensioniert. Nie hatte er sich an einem aktiven Schnaase vergriffen, wenigstens war dies nicht im Familienbewußtsein hängen geblieben, nie an einer Jungfrau Schnaase im Blütenalter, immer normal.

Der Tod war ihnen eigentlich daher nicht zum Schreckgespenst geworden. Das lag auch nicht in den Schnaases.

Als Söphchen im kindlichen Alter zum erstenmal deutlich vom Tode hörte und Mama Suselchen ihr eine Erklärung gab, sagte Söphchen: »Na, das is gut, wenn alle Leite immer dablieben un es kämen immer mehr, mer könnte ja auf'n Markte gar nich durch. – Nich, Mamelchen, mer würde erdrückt?« Sie waren vernünftige, beruhigte Leute von Kindesbeinen an.

Heute noch erzählt man sich in dem Kreis, dessen Vorfahren Schnaases nahe gestanden, wie kindlich und feierlich 17 sie sich damals benommen hatten, als der Urgroßvater von Söphchen starb – der, der über die stehen gebliebene Familienuhr die letzte Zeit seines Lebens gebrummt hatte. Niemand hatte damals das deutliche Gefühl, daß ein Toter im Hause lag. Sie waren alle so geschäftig gewesen, das Haus war grün ausgeschmückt, aus der Hofgärtnerei waren Orangenbäume angefahren gekommen, Blumen in Fülle, und die guten Leute hatten ihr ganzes Sinnen darauf gerichtet, das Haus recht weihevoll und freundlich für den lieben Vater herzurichten. Sie arrangierten und mühten sich und hörten und sahen nicht und rückten und schoben und änderten unaufhörlich.

Die Trauergäste bekamen ein Glas vom besten Malaga vorgesetzt, der eigentlich nur bei Geburtstagen angewendet wurde, und man sprach vom Verstorbenen mit großer Lebendigkeit. Sie erzählten liebe Anekdoten von ihm und lachten etwas verschleiert darüber. Es war ganz, als wenn er noch unter ihnen wäre und nur besonders gefeiert würde.

Er war ja auch noch nicht ganz fort. Nachmittags, den Tag vor der Beerdigung, gingen sie alle miteinander ins Webicht (ein stilles Wäldchen). Es war Frühling. Auf dem Heimweg begegnete ihnen ein Bekannter und sprach mit ihnen, wie es sich gehört, im weihevollen, teilnehmenden Ton – und sie erwiderten ihm auch, ganz wie es sich gehört, gefaßt und friedvoll.

»Recht so, daß Sie sich ein bißchen ergehen,« sagte der Bekannte.

»Ja, wir haben im Geiste des lieben Vaters alles gesehen und gehört – – der schöne Frühlingsabend! Jetzt gehen wir in unser Trauerhausel zurück,« sagte die junge Frau gefühlvoll und langgedehnt.

Im Trauerhaus empfing sie Orangenduft. Es war 18 alles so sauber, so blumengeschmückt, so friedlich und angenehm; auf einem Tisch im Wohnzimmer standen eine angeschnittene Sandtorte und ein paar Flaschen Malaga. Und in seinem Arbeitszimmer lag der liebe Vater so ungestört und freundlich.

Sie waren alle ganz gerührt, wie schön es bei ihnen sei – und so umstanden sie den Alten.

Da sagte Tante Heimlich, deren Eigentümlichkeit es war, daß sie in ihrer Jugend eine italienische Reise gemacht hatte und keine Fremdwörter richtig anwenden konnte: »Es fehlt dem lieben Vater noch etwas, ich glaube, wenn er eine Mütze auf hätte, würde er besser aussehen.«

Diese Bemerkung erschien allen sehr richtig. Und die junge Frau ging und brachte die Mützen und Hüte des Verstorbenen, und sie probierten sie ihm im Sarge auf, eine nach der andern, und hatten immer etwas auszusetzen. Er war ihnen nie schön genug.

Endlich wählten sie die, die er sich zuletzt gekauft hatte. Die sollte er tragen.

»Das ist die rechte!« meinten alle einmütig.

O Schnaases! Wer leben könnte, wie ihr lebt!

Und dieses Söphchen, ein Mädchen wie ein Weizenbrot so rund und weiß und blond, feste Glieder, festes Fleisch, so fest, daß man mit dem Finger keinen Eindruck auf der prallen, reinen, kühlen Haut machen konnte, die blauen Augen etwas vorstehend. – Alles in bestem Zustande. »Aus guter Familie« war ihr am ganzen Wesen wie eine Etikette aufgedrückt. Die Zeit, die zwischen der Kindheit und zwischen der segensreichen Ausübung des Berufs, kleinen echten Schnaases unter anderm Namen das Leben zu geben, lag, brachte Söphchen, wie üblich, nützlich und erfreulich zu. Es wurde ein bißchen dies und jenes gethan, mit allerlei herumgetrödelt, wie das im 19 Zwischenreich, während eines Zustandes, der keine Dauer verspricht, gebräuchlich ist. – Sie malte ein wenig, stickte an einem Modelltuch, was nie fertig zu werden versprach, klimperte ein bißchen, guckte in der Küche nach, wurde aber von der Köchin, die aus irgend einem vergessenen Grunde »der Löwe« genannt wurde, hinausgejagt, denn das Kochenlernen sollte erst angehen, wenn der Freier da war. Bis dahin sollte das Kind seines Lebens froh werden.

Söphchen genoß also ihr Leben wie jede junge Fröschin, während die Mama offiziell Umschau nach einem passenden Schwiegersohn hielt.

Söphchen wurde auf Bälle und in Gesellschaften geführt, hübsch verziert, wie es üblich ist, ein wundernetter ausgeputzter Braten.

Es war alles so vertrauenswürdig, so in Ordnung. Die Ballmütter fühlten einen gewissen Herzensstich, als Frau Schnaase zum erstenmal mit dem Töchterchen antrat, denn denen konnte es nicht fehlen.

So waren sie einmal im ersten Winter, als Söphchen ausging, zu Madame Schopenhauer zu großer Fete geladen.

Mama, Großpapa und Söphchen gingen. Sie wechselten immer ab, einmal ging Papa, das andre Mal Großpapa.

Söphchen tanzen zu sehen war ihnen ein Hochgenuß.

Sie waren in dieser Beziehung aufeinander eifersüchtig.

Wenn Söphchen fertig angekleidet war, wurde sie wie ein Schaustück im Familienkreis ausgestellt, so auch diesmal.

Alle Lichter im Haus waren zusammengeholt – der Großvater Schnaase schneuzte sie sorgfältig, und wenn das geschehen war, trat Söphchen ein. Mama Schnaase und Tante Heimlich kamen hinter ihr drein.

Vater Schnaase erschien ebenfalls würdig und strahlend, und der »Löwe« mit aufgesteckter Schürze, das Zöpfchen 20 unternehmend auf dem Wirbel zu einem struppigen, haarigen Schneckchen genestelt, streckte mit langem Hals den Kopf durch eine Thürspalte und kam erst nach und nach in Zwischenräumen vollständig, stumm bewundernd, zum Vorschein.

Tante Heimlich, die kleine, häßliche Jungfer mit dem alten Schelmengesicht, sagte jedesmal mit stolzer Wehmut: »Ja, so is mir's a gangen.«

Der Großvater sagte: »Aeh, red Sie nicht so, Venus von Philo.«

»Ja, so is mir's gerad a gangen,« wiederholte Tante Heimlich, die mit dem Großvater immer in Kriegführung begriffen war.

»Am Morgen padronierten sie dann vor meinem Fenster.«

»Wer?« fragte der Großvater.

»Herren.«

»Philax! Philax! Diese Planzen hätt' ich sehen mögen.«

»Padronieren?« sagst du.

»Ja freilich!«

Der Großvater sagte: »Ohalalla!«

Während der Großvater das sagte, richtete Frau Schnaase ihm etwas an der gewaltigen Halsbinde.

»Wie späte, alte Kröte?«

So fragten sie immer bei Schnaases, wenn sie wissen wollten, welche Zeit es sei.

»Wir müssen gehen!«

Der Großvater sagte: »Schnelle, o Gazelle.« und fuhr eifrig in seinen Mantel. Er trieb schon seit Stunden zur Eile.

Bei der Schopenhauern war ein gewaltiges schöngeistiges Treiben.

Schnaases standen der geistigen Bewegung in Weimar vollständig kühl und erhaben gegenüber.

21 »In dieser Beziehung sind wir gottlob! ›hasenrein‹,« war des Großvaters Ausspruch – er dachte an Hunde, die auf keine Hasenfährte gehen. Tante Heimlich, Mama Suselchen, Söphchen, also alle inaktiven Schnaases waren durchaus derselben Meinung.

Der aktive Schnaase hingegen mußte wohl oder übel einiges Interesse zeigen. Er kam mit den betreffenden Leuten gesellschaftlich und geschäftlich zu nah in Berührung. Aber in solche Häuser, wo die Schöngeister allzu dick saßen, ließ er die inaktiven Schnaases gehen und verstand sich zu drücken.

Die inaktiven Schnaases hingegen ließen sich absolut nicht verblüffen.

Und wie tadellos und respektabel sahen sie aus! Der alte, appetitliche, hochverdiente, prächtige Herr mit dem rosigen Gesicht, dem schneeweißen Toupet, der guten Haltung, der reichhaltigen Garderobe, – und Frau Schnaase – und Söphchen – vollkommen prächtige Leute.

Bei Schopenhauers war Büffett eingerichtet, eine Neuerung, über die man allgemein den Kopf schüttelte. – Ueberhaupt hatten die Gesellschaften bei dieser Dame etwas Eigenes an sich, man stand und saß umher, kam nicht recht zu einem festen Platz – eine Einrichtung für Schöngeister jedenfalls – aber auch die in dieser Beziehung »Hasenreinen« fanden schließlich dabei ihre Rechnung. Da man nicht angenagelt saß wie sonst überall, konnte man seine Leute aufsuchen und sich auf seine eigene Art vergnügen.

»Sieh einmal,« sagte der Großvater und tippte seine Schwiegertochter auf die runde, fette Schulter, »sieh einmal, mit wem ganst denn die da?«

»Ja,« sagte Mama Suselchen zufriedengestellt, »das ist der junge Heinrich Oelwein, mit dem sie da red't. Er hat sich mir schon vorgestellt.«

22 »Vom Jenenser Oelwein der Sohn?«

»Ja, Heinrich Oelwein, der Sohn von Professor Heinrich Oelwein.«

Der Großvater sagte: »Heinrich, Schweinrich,« gedankenlos heiter, noch einmal: »Heinrich, Schweinrich.«

»Na – na – na – na!«

»Ich wußt's ja, daß er heut da sein würde,« sagte Frau Schnaase.

»Da scheint ja ›Liebe, Triebe‹ in Gang zu kommen.«

»Sieh nur, so, dächt' ich, hätte sie noch nie geganst – der Racker.«

Der Großvater strahlte, und Mama Suselchen strahlte.

»Wie kommt er denn hierher?«

»Der Schopenhauern ihr Arthur ist mit ihm bekannt.«

Der Großvater sagte: »So, so, hat diese sonderbare Planze, der Haarschopf, so annehmbare Bekanntschaften?«

Als eine Pause in Söphchens lebhafter Unterhaltung entstanden war, schlich Großvater Schnaase zu ihr, zupfte sie am Ohrläppchen und fragte die Schnaasesche Frage, die Teilnahme am Ergehen ausdrücken sollte: »Leberwürschtchen?«

Und als Söphchen ihm in ihrer heiteren Jugendlichkeit zulächelte, stolz und zufrieden, denn auch sie wußte, daß der junge Oelwein ein durchaus reputierlicher Mensch sei, sagte der Großvater: »Ohalalla!« und machte sich wie auf den Socken davon.

Und Söphchen »ganste«, wie Schnaase dieses kindlich übermütige Gethue nannte, mit dem sie einen jungen Mann entzückte, munter weiter.

Und als sie diesen Abend mit hochklopfendem Herzen zu Bette ging, hatte sie das stolze Bewußtsein, einen wirklichen und wahrhaftigen Anbeter zu besitzen – und diese Sorte war im Froschteich ein rarer Artikel – einen Anbeter, der sich zu allem möglichen entwickeln konnte.

23 Und Mama Schnaase erzählte Papa Schnaase noch spät nachts ganz entzückt vom jungen Oelwein.

Schnaase aber brummte. Er wollte seine Nachtruhe haben.

Und Frau Schnaase legte sich mit Schwiegermuttergefühlen nieder.

»Der junge Oelwein wäre wie vom Himmel gefallen für Söphchen. Nicht, du, war nicht Professor Oelweins Großmutter eine geborene Schmidt?« – »Freilich.« bestätigte sich Frau Schnaase selbst, denn Schnaase schnarchte.

»Bär,« sagte sie mißbilligend zu ihrem in die Traumwelt entrückten Ehegemahl und hätte ihm am liebsten einen Rippenstoß gegeben.

Und anzunehmen war, daß der hohe Beamte nach bisherigen Erfahrungen beim Erwachen – als Bär erwachen würde.

 

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