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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 9
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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VIII.

»Nun noch ein Gläschen, lieber Herr Fischering! Da steht die Rumflasche und die Zuckerdose dicht dabei. Bedient Euch nach Belieben! Herrliches Getränk, diese Mischung! Ja, die Leute in Amerika wissen zu leben. Auch noch ein wenig Sherry? Ihr dürft nur befehlen.«

»Schon gut,« erwiederte ziemlich unwirsch der also Angeredete, welcher diese fast übertriebene Gastfreundschaft des sonst sehr knickerigen Kirchenbauvorstehers keineswegs überschätze. Er lehnte sich in das altmodische Ledersopha zurück und blies den Dampf seiner Papyros in dicken Wolken von sich.

Der kleine Mosevius schien bereits sehr erheitert durch den Genuß den neuen Sherry Punsches, dessen Recept er so eben mit einer auffallenden Beredtsamkeit gelobt. Seine kleinen Augen funkelten wie Glühwürmchen aus den tiefen Höhlen. Einzelne tiefrothe Flecken auf Stirn und Backen verriethen, daß ihm die Spirituosa für gewöhnlich fremd waren.

»Auf gute Kameradschaft! rief er mit lauter Stimme und liebäugelte mit dem dampfenden, dunkeln Naß in seinem weitbäuchigen Glase, das er schmunzelnd dem Gaste entgegenhielt.

»Meinetwegen!« gab der Andere zur Antwort, doch der Ton zeigte zur Genüge, wie wenig er diese Ehre zu würdigen wußte.

Während die Gläser hell und lustig zusammenklangen, ward ein weiblicher Kopf mit einer ungeheuren Spitzenhaube in der Thüre sichtbar.

»Du trinkst zu viel, Eusebius!« rief eine kreischende Stimme. »Hüte dich, mein Schätzchen.«

»Keine Angst, du liebes Täubchen,« lallte Mosevius. Das Täubchen trat ein und präsentirte sich als eine Fünfzigerin mit sehr determinirtem Wesen.

»Willst du auch 'mal trinken, mein Mäuschen?« rief der Kirchenbauvorsteher und beeilte sich, der holden Gattin sein Glas hinüberzureichen. Das Mäuschen hatte, nebenbei bemerkt, fast das Militärmaaß für die Garde. Ihr Gesicht glühte so rosig wie die blutrothen Bänder ihrer hohen Haube, deren sauberes Weiß äusserst wohlthätig abstach gegen diesen echauffirten Teint des grobgeschnittenen Gesichts.

»Seid Ihr mit Allem in Ordnung, Madame?« fragte Fischering, der ziemlich leichthin grüßte.

»Gewiß! Seit einer Stunde! Das Stübchen ist gar behaglich!« – Fischering lachte laut auf.

»Es ist noch zu hell,« meinte Mosevius.

»Ein Gewitter steht im Osten,« sagte die Hausfrau und trat zum Fenster.

»Besser dort als über meinem Kopf,« meinte Mosevius leise zu seinem Nachbar mit einem vielsagenden Blicke auf die treue Genossin seiner irdischen Pilgerfahrt. Er schien selbst erstaunt über diesen seinen Muth und blickte auf Fischering mit dem Gefühle innerlichster Befriedigung seines männlichen Stolzes.

»Ich scheine hier überflüssig« – meinte sehr spitz die Alte und warf drohende Blicke zu ihrem Gatten, der ihr auf's Neue mit einem devoten Grinsen das Glas hinhielt…

»Ich mag nicht,« sagte sie kurz und ging. Dröhnend flog die Stubenthüre hinter der Xantippe zu.

Fischering schien durch dieses Intermezzo plötzlich in eine heiterere und behaglichere Stimmung versetzt zu sein. Er begleitete den Rückzug der Madame mit einem überlauten, rohen Gelächter, welches den auf einmal sehr unruhigen und kleinlauten Mosevius noch mehr in Angst setzen mochte.

»Auf Eure glückliche Ehe,« rief Fischering spottend und klopfte dem kleinen Kirchenbauvorsteher so massiv auf die Schultern, daß dieser in ein lautes Schreien ausbrach.

»Es ist noch nicht aller Tage Abend und Ihr werdet's wohl auch noch kennen lernen,« meinte er mit leiser Stimme (als fürchte er, sein Hauskreuz möge vor der Thüre lauschen). »Vor der Ehe sind sie alle Engel, aber –aber hernach wird's anders! Ich glaubte auch in meiner Barbara ein gar holdselig, lammfrommes Mägdelein heimzuführen! O Verstellung, dein Name ist Weib.«

Fischering schien sich über das Lamento des bigotten Pantoffelhelden zu amüsiren.

»Ich würd' an Eurer Stelle,« sagte er mit einem überaus schalkhaften Lachen, »doch mein Hausherrnrecht mir nicht so ganz und gar vergeben. Zeigt einmal nur, daß Ihr opponiren könnt, so gibt sie klein bei! Riskirt's doch einmal, Euch als starkes Geschlecht zu zeigen! Zum Donner, seid Ihr ein Kerl!«

»Ja – ich will's auch – will's auch mit Nächstem,« rief Mosevius, der sich völlig beruhigte, daß die Barbara nicht lausche.

»Ei was mit Nächstem – gleich jetzt! Gleich heute!«

»Gleich jetzt? Ja aber – wie so denn?« –

»Wir wollen lustig sein, laut singen und anstoßen: Sie gönnt Euch die paar warmen Schlucke nicht – hab's wohl bemerkt! Pfui Teufel, wenn ich meine Frau erst um Erlaubniß bitten sollte, einmal ein Gläschen über den Durst trinken zu dürfen! Stoßt an: es lebe die Freiheit, der ledige Stand.«

Die Gläser klangen hell zusammen und Mosevius hatte den Muth, den Toast seines Gastes zu wiederholen. Es war als ob der Punsch seine Courage wunderbar erhöhte.

»Wir haben noch zwei Stunden Zeit, bis es völlig dunkel wird und wir unser Vorhaben ausführen können. Bis dahin wollen wir lustig sein! Noch eins zusammengebraut. Nicht zu wenig Sherry und ebenso viel Rum!«

»Es ist doch etwas höchst Seltsamliches um solche Spirituosa,« meinte Mosevius, dessen funkelnde Augen immer kleiner wurden. »Es kommt eine eigene Lustigkeit in des Menschen Herz – und doch sollte ein guter Christ sich davor hüten.«

»Zum Henker, was Ihr da wissen wollt'! Sagte doch Luther selbst: Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein Lebelang!«

»Den Spruch kenne ich noch gar nicht, aber er gefällt mir ganz absonderlich wohl! Nur die Weiber hätte er weglassen müssen, wie ich vermeine.«

»Ei was, es sind nicht alle Evatöchter Barbara's! Stoßt an: Es lebe Wein, Weib und Gesang!«

»Wein und Gesang,« lallte Mosevius, der sich mühsam emporrichtete und den Nachbar umarmte.

Ein Geräusch wie von fallenden Stühlen erscholl aus dem Nebenzimmer.

»Auch das Weib soll leben,« rief Mosevius mit überlauter Stimme, um den unruhigen Geist im Nebenzimmer zu besänftigen. »Auch das Weib!« wiederholte er mit schwerer Zunge.

»Ausgenommen das Eheweib!« fügte Fischering mit tiefem Baßton hinzu.

Der Kirchenbauvorsteher hatte sich in das Ledersopha fallen lassen und stierte mit gläsernen Augen auf den Nachbar.

»Es dreht sich Alles um mich herum,« sagte er mit heiserer, unsicherer Stimme. »Das Licht auf dem Tische vor mir tanzt auf und nieder. Hihihi, das ist gar curios! Meine Beine sind so leicht, als zählte ich erst Sechszehn – aber der Kopf ist schwer, als läge Blei darin! Blei! Hihihi! Altes Blei wird theuer bezahlt… So ein tausend Pfund fallen schon ab bei'm Kirchenbau! Alles für mich – für mich! Hihihi! das Blei wird versilbert. O ich bin nicht von gestern!«

Die Geständnisse dieser schönen Seele schienen den Zecher in der rothen Jacke ganz absonderlich zu interessiren. Immer mehr fühlte Fischering mit dem Kirchenbauvorsteher, den er früher nur für einen »Langhaarigen,« gehalten, eine tiefinnerliche Wahlverwandtschaft.

»Was hätte man auch sonst vom Leben, wenn sich das Herz nicht… nicht an den blanken, blinkenden Geldhaufen erfreuen könnte! Hihihi!… Und darin stimmt nun die Barbara ganz mit mir überein – ganz und gar… Wie oft sitzen wir nebenan vor dem braunen Nußbaumschrank. Wer sollt's dem schäbigen Meubel ansehen, daß es solch' einen Schatz bewahrt! Hihihi… Weggeben thu' ich nichts – gar nichts! Wer kann sich jetzt auf Treue und Glauben der Menschen verlassen? Es sind alle gar arge Heuchler! Arge Heuchler und gehen aus auf Raub und Betrug und haben allerhand Listen und böse Kniffe. Da bewahr' ich's lieber bei mir – da ist's sicher und mich erfreut – hihihi – erfreut das blinkende Metall.«

»Wollen uns diese Data auf alle Fälle merken,« dachte Fischering, welcher des geschwätzigen Nachbars Glas immer eifrig wieder füllte.

»Ja – wie ich sage – Eins muß man doch haben für all' die Mühe und Plage des Lebens! Meint – – – Ihr nicht auch, Kamerad?… Ich – seht Ihr – ich halt's mit dem Geld!… Es steht freilich geschrieben: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon – das ist lächerlich – man kann's doch doch doch… Hihihi, doch!« …

Und zurück in die harten Lederkissen sank das schlummernde Haupt des frommen Mannes. Die Stube war erfüllt von dem Rauche, den Fischering unaufhörlich aus seinen Papyros aufsteigen ließ. Eröffnete das Fenster. Da zucken ihm schon aus der Ferne die Blitze entgegen und ein unheilverkündender Wind strich durch die öden Gassen. Noch schwieg der Donner, aber die ersten schweren Regentropfen schlugen ihm in's heiße Gesicht. Er legte sich auf das Gesimse und starrte hinaus in die Dunkelheit. Die kühle Luft und der Regen schien ihm wohlzuthun.

»Die Witterung ist dem Unternehmen günstig,« sagte er in seiner wahrhaft teuflischen Laune. »Wär' ein Narr gewesen, hätt' ich die Proposition des Commerzienrathes nicht angenommen. Will's och mitnehmen. Dann aber basta! Da sind mir curiose Aufklärungen gekommen bei meinem letzten Besuche. Ich glaube, ich könnte mit meinem Rapport aus Amerika viel mehr verdienen, wenn ich mich an den alten Stolterfoth gewendet hätte. Es soll schwer halten bei ihm Zutritt zu haben! Schließt sich ein wie ein Seidenwurm! Lebt wie ein Eremit fern von aller Welt! Das Alles stimmt trefflich zu meinen Entdeckungen! Er selbst, der Alte ist die betreffende Persönlichkeit, die mit dem Sennor Jannos… hui, nun fällt's wie Schuppen von den Augen. Der Commerzienrath hat die Fährte des Alten gewittert, wollte ihm zuvorkommen, um ihm dann Daumenschrauben aufzusetzen! So ist's und nicht anders!…

Daß den Alten das Gewissen plagt, ist leicht zu sehen. Schleicht er doch umher wie ein Gespenst. Der Junge lebt wie Gott in Frankreich, lebt flott und sorglos ins Blaue hinein – das würd' er bleiben lassen – wenn … Pah wer weiß! Es gibt genug Leute, die sich diese nachschleifende Kette, die man Gewissen heißt – abgerissen und durchgefeilt haben! Warum sollte er nicht auch?…

Aber mit den Jahren stimmt's nicht. Wann war denn der alte Jannos … gut, daß ich mir das Alles genau notirte. Mein Tagebuch muß Auskunft geben – und dann damit zum Alten!…

Ich fühl' ein förmliches Heimweh nach Amerika. Sobald als möglich muß ich dorthin zurück. Ich denke meine Rolle hier ist bald ausgespielt. An gutem Profit wird's bei den letzten Geschäften nicht fehlen! Vielleicht giebt auch der betrunkene Narr da noch ein wenig Reisegeld! … ›Man muß doch Eins haben für all' die Müh' und Plage des Lebens!‹ Richtig gesprochen, alter Maulwurf… Ich hab's … hab's wirklich! Ich genieße mein Leben! Was ist mir das todte Metall im Kasten? Nur wenn's mir feurig durch die trockene Kehle rollt – wenn's mir die Lieb' einer schwarzäugigen Dirne verschafft – dann lob' ich's. Wein – Weib und Gesang!…

Wenn ich dran denk' wie ich vor zehn Jahren lebte und wie jetzt! Man sollt's nicht glauben, wie das Schicksal spielt mit dem Menschen. Freilich nicht Jeder findet es so! Man muß halt dem Glück auch ein wenig entgegen gehen, die krummen Wege nicht allzu gewissenhaft meiden, hier sich bücken, dort sich durchschmiegen können, dieses Hinderniß mit kräftigem Fußtritt aus dem Wege schleudern und jenes sachte nach und nach bei Seite schieben – wie's just Noth und Umstände allemal erheischen!…

In der Jugend wollt' mir so etwas nie in den Sinn. Ich lief in die Kirchen und konnte Abends nicht einschlafen, wenn ich nicht mein Gebet gesprochen. Der Vater war arm, aber kreuzbrav und ehrlich, gottesfürchtig und streng. Wären wir nicht freiwillig in die Kirche gelaufen, er hätt' uns mit dem Prügel hingetrieben!… was half's? .. Hunger, Noth, Elend bei aller Arbeit – bei allem Beten… Ich wuchs heran, ward breitschulterig und stark… das Essen war schlecht und knapp. Der Hunger that gar so weh… In der Predigt ward' ich nicht satt… Was thun? … Ich stahl endlich dem Alten einige Pfund alter Leinwandlappen und verkaufte sie bei'm Lumpenhändler für wenige Dreier… und aß mich satt!… Der Alte merkt's, schalt mich einen Dieb, schlägt mich blutig und schleppt mich in's Paulinum!

Ich hätt's damals, hol' mich der Schwarze, bereuen können und wär' vielleicht ein Kerl geworden wie der Alte, wenn er's mir nachgesehen hätte. Umsonst bat ich um Verzeihung… Im Paulinum empfing man mich wie einen Erzbösewicht. Das machte mich verstockt, heimtückisch! Ich lernte da nur das Eine, daß man durch Heuchelei und Verstellung am besten durch's Leben komme! Die Lektion war zu handgreiflich. Wer am meisten nachtrug, was hinter dem Rücken des Lehrers geschah, wer am lautesten sang bei'm Choral und am meisten die Augen verdrehte – bekam am meisten zu essen und die bequemste Arbeit in den Freistunden! Hussah das war bald gelernt… Später im Leben wandte ich das Prinzip in höherem Maaßstabe an und – es war nie zu meinem Nachtheil!

Der Vorsteher hatte mich als besten Schüler – hahaha – dem Herrn Commerzienrath empfohlen. Die Stadt nannte ihn schon damals den Vater der Wittwen und Waisen; er galt für den frömmsten Mann in der Stadt. Da kommst du mit deinem Prinzip in des Teufels Küche, dacht' ich. Aber fehlgeschossen. Ich merkte bald, wie's mit der Frömmigkeit stünde und mein System brachte mir da erst recht goldene Früchte! Holzhacken – sich schinden von früh bis spät und hungern! Herrlich, trefflich!… Ihrer ist das Himmelreich!… Hahaha! Ich für mein Theil schaff's mir hier auf Erden! Ich trau' den Wechseln nicht, die wir auf's Jenseits ziehen sollen!«…

So gab der Elende den innersten Gedanken seiner verworfenen Seele Audienz und kehrte, als habe er die erbaulichste Unterhaltung mit sich selbst gepflogen, zum Trinktisch zurück. Der fromme Mosevius lag noch immer regungslos auf dem Sopha.

Nachdem Fischering hastig ein Glas hinuntergegossen, rüttelte er den Kirchenbauvorsteher aus dem Schlafe.

»Es ist Zeit, Mosevius!« rief er.

»Laß mich noch schlafen, Barbara,« flehte er mit heiserer Stimme, ohne die Augen zu öffnen.

»Ach zum Teufel mit der Barbara, ich bin's, Fischering! Wacht auf!«

Endlich erholte sich der Trunkene. Erst allmälig kehrte seine Besinnung zurück. Der kurze Schlaf schien ihn ein wenig ernüchtert zu haben, doch schob er sein noch zur Hälfte gefülltes Glas mit einem so komischen Abscheu zurück, daß Fischering laut auflachen mußte.

Dann schlich er mit schwerem Schritte zu einem Eckschranke und zündete das Licht einer Blendlaterne an, die dort aus altmodischem Porzellan hervorblickte.

Als sie gemeinsam aus dem Parterrezimmer auf die Hausflur traten, öffnete sich die Thüre des Nebenzimmers und Dame Barbara ward auf der Schwelle sichtbar.

»Endlich!« rief sie aus. »Ich dachte, die Herren hätten bei'm Trinken ganz vergessen, was Sie vorhaben.«

»Nicht doch, mein Mäuschen,« flüsterte begütigend Mosevius und streichelte ihr die Wangen.

»Unverschämter!« zischte sie und umkrallte die streichelnde Hand, so daß der zärtliche Gatte die Lippen aufeinander biß. »Gieb Acht – ich vergesse dir den heutigen Abend nicht! Du –«…

»Genug der Zärtlichkeiten,« rief Fischering mit schlecht unterdrückter Schadenfreude. »An's Werk!« Die beiden Männer gingen über die dunkle Flur nach dem Garten. Dort war's stockfinster. Der Regen goß in Strömen. Mosevius trug die Blendlaterne.

»Mir nach,« flüsterte der Kirchenbauvorsteher und Klingelbeutelinspektor. »Ich bin ja hier zu Hause, drum laßt mich vorangehen. Da bei'm Bienenhäuschen biegt der Weg rechts ab.

»Der Satan sehe etwas vom Bienenhäuschen. Habt Ihr das Brecheisen?«

»Hier, Freund Fischering. Wir werden naß bis auf die Haut!«

»So sparen wir ein Bad! Was macht das?«

»Es ist eine unheimliche Nacht! Hört, wie's oben in den Bäumen ächzt und stöhnt – wie arme Seelen, die keine Ruhe im Grabe haben… Drüben ist der Kirchhof. Seht… da eben der Blitz darüber hinflog, konnte man die Grabsteine deutlich erkennen. Eine schaurige Nachbarschaft, so ein Kirchhof. Meint Ihr nicht auch, Freund Fischering?«…

»Ich meine, daß Ihr wie eine Schnecke daherkriecht! Vorwärts!«

»Ich gehe ja schon… Hu – war's mir doch eben als leuchtete es da aus dem Buchsbaum wie zwei feurige Augen… Richtig… da ist's wieder!… Seht, seht! O alle guten Geister, stehet uns bei!«

»Hansnarr – Euer Hauskater ist's, den Eure Barbara ausgesperrt hat.«

»Wirklich?… Nur ein Kater? Gott sei Dank! Aber geheuer ist's hier doch nicht! Laßt uns eilen!«

Am Bienenhäuschen wandten sie sich rechts ab und gelangten über ein aufgereihtes Kartoffelfeld zur kleinen Pforte, die in des Nachbars Garten führte.

Mosevius klagte über die Verwüstung, die Fischering's stampfender Fußtritt in den blühenden Erdäpfel-Stauden anrichtete. Jener stand bereits mit dem Brecheisen vor der Thür. Die morschen Planken gaben bald nach und er schlich in den anderen Garten. Behutsam folgte Fischering mit der Laterne. Als er eben eintrat, prallte er mit einem Angstschrei zurück. Die weiße Statue unter den Kastanien hatte den Abergläubischen dermassen erschreckt, daß er mehrere Minuten nach Athem rang.

»Geht jetzt voraus und recognoscirt, ob der Maler daheim ist!« rief Fischering, der die ganze Affaire mit einem gewissen Galgenhumor betrieb.

»Ich – vorausgehen – allein? Unmöglich!«

»Aber zum Teufel, ich kenne das Terrain nicht! Wollt Ihr oder nicht? Sagt's! Sonst kehre ich um und werde dem Commerzienrath melden, welch' sauberen Helfershelfer er mir durch Euch zugesellt!«

»Nur nicht gleich so hitzig, Freundchen! Ich gehe ja schon, – wimmerte der Klingelbeutelinspektor und schritt zagend dem inneren Theile des wüsten Gartens zu.

Fischering lehnte wartend sich an den Stamm der höchsten Kastanien. Er stand vor dem Regen geschützt und rauchte behaglich seine Cigarre.

»Es wär' ein Heidenspaß,« dachte er bei sich selbst, wenn jetzt der Maler dennoch daheim wäre und den Mosevius attrapirte!… Im Stich würde ich ihn freilich nicht lassen, aber ein wenig zappeln müßt' er doch. Auf den ersten Hülferuf käm' ich sicher nicht!… Zum Glück hab' ich mich auf den Nothfall übrigens vorgesehen.«

Er zog einen Revolver hervor.

»Die Ladung war für einen ganz Anderen bestimmt,« murmelte er und ein widriges Grinsen trat in das Gesicht. »Vielleicht treff' ich dich noch Freund Ströber! Werd' ich hier diese Ladung nicht los – so bringe ich sie für dich retour, darauf verlaß dich, mein Freundchen. Dein wackerer Cumpan, der Delring, hat bereits geschmeckt, wie meine Grüße aus dem Ding da schmecken. Ich denk', er hatte genug daran für alle Zeit! Glaubtet Ihr Schufte, in mir einen Milchbart zu fischen, den Ihr rupfen konntet?… Seht zuvor eure Leute an! Verwegene Schurken waren's, das muß ich ihnen nachrühmen.«

»Alles in Ordnung – nichts zu fürchten,« meldete Mosevius, der urplötzlich mit der Blendlaterne aus dem Dickicht auftauchte. Fischering barg den Revolver im Gürtel.

»Alle Fenster dunkel – nur bei ihr noch Licht. Sie liest oder … betet,« vervollständigte der Andere seinen Rapport.

»Gut, so laßt uns gehen!«

»Nur kein unnützes Geräusch, Freund Fischering. Es ist hier allerdings sehr abgelegen und öde, aber Vorsicht kann nicht schaden.«

»Keine Angst! Wie kommen wir zu ihr?«

»Das Zimmer liegt Parterre. Eine Glasthüre führt in den Garten.«

»Die wird verschlossen sein?«

»So fürcht' ich auch.«

»Wenn sie uns hört und Unheil wittert, wohin kann sie entfliehen?«

»Durch die Küche in's Vorderhaus!«

»Verdammt! Könnt' Ihr nicht da ihr den Weg verrennen?«

»Schwerlich! Die große Hofthüre ist verschlossen und nicht so leicht zu öffnen wie die Glasthüre des Gartenzimmers.« …

»Warum sagtet Ihr mir das nicht Alles schon früher?« …

»Der Wind und der Regen machen viel Geräusch – ich denke sie hört nichts, bis die Thür aufspringt – dann ist's zu spät.«

»Wollen's hoffen. Habt Ihr ein Tuch zur Hand, ihr den Mund zu stopfen?«

»Hier ist es!«

»Legt's mir um den Nacken. Sobald ich die Thüre aufgebrochen, laß ich das Eisen fallen, Ihr nehmt's auf und öffnet die Thür so weit als möglich. Ich ergreife die Dirn und stürze mit ihr davon. Ihr folgt und schließt sorgfältig die Thüre in der Mauer! Da wir dieselbe von Eurer Seite aus aufbrachen und das diesseitige Schloß unversehrt ist, wird der Maler kaum ahnen, daß die Diebe, die sein Täubchen holten, von dorther einbrachen… Spuren am Boden werden uns schwerlich verrathen. Der Weg ist mit nassen Blättern bedeckt. Alles gut!… Doch was zum Henker macht Ihr da?«

»Ich lege eine Maske vor's Gesicht!«

»Lächerlich. Sie bekommt Euch später ja doch zu sehen.«

»Vorsicht ist immer gut! Laßt mich nur!«

»Mir ist's recht. Aber jetzt vorwärts!«

Das Gartenzimmer war bald erreicht. Die Gardinen waren heruntergelassen. Fischering lugte durch eine derselben in's Innere.

»Ich sehe die Umrisse eines Mädchens. Sie sitzt am Tisch! An's Werk!«

Der Wind erhob sich mit verstärkter Gewalt. Der Regen schlug an die Fenster.

Fischering setzte das Brecheisen dicht unter das Schloß, das er mit einem kräftigen Ruck aus der weichen Holzthüre lostrennte. Die Thüre sprang auf. Einem Tiger gleich, der sich auf die Beute wirft, stürzte Fischering in's Zimmer.

Meta erhob kaum den Blick von ihrem Gebetbuch, als der Elende schon das nasse, dicke Tuch um ihren Mund geworfen und die leichte Bürde auf die Arme gehoben hatte.

»Keinen Laut,« schrie er »und dir geschieht nichts weiter!«

Er eilte mit der Beute in den Nachbarsgarten. Mosevius folgte mit dem Brecheisen und schloß sorgfältig die Thüre.

Der Raub war geglückt.

*§§§IX.

Fräulein Rosa Idali bezog als erste Solotänzerin des Stadttheaters in B. (wir wissen es ganz genau) eine Jahresgage von siebenhundert Thalern. Das ist für eine prima ballerina nicht viel. Eine Fanny Elzler, Ceritto, Lucilie Grahn bezog weit mehr. Ob der Theaterreferent der Morgenzeitung in B. Fräulein Idali mit diesen choregraphischen Celebritäten in gleichen Rang stellte (ob sein journalistisches Gewissen ihm darüber niemals Vorwürfe gemacht, wissen wir nicht) – oder nicht – sie hatte darum keinen Thaler mehr als eben die vorgenannten siebenhundert. Gleichwohl bewohnte sie eine der elegantesten Wohnungen in dem nobelsten Stadttheile. Eine Gräfin hätte nach ihr das Logis beziehen können, und wäre sicher zufrieden gewesen. Luxus und Geschmack hatten sich vereinigt die Bel-Etage, deren Fenster auf den Hauptplatz der Weltstadt hinausschauten, auf das Comfortableste herzurichten. Da gab's allerliebste Boudoirs, Eßzimmer mit einfallendem Lichte, kleine Salons à la Rococco, große Empfangszimmer, sogar einen Tanzsalon und ein Badezimmer. Daß man eine solche Wohnung mit 700 Thaler Einkommen bewohnen kann, ist keine Kunst – wohl aber sie zu zahlen und dennoch standesgemäß zu leben. Das eben war es, was den Neid aller Colleginen der Tänzerin wach rief, weniger ihre Leistungen als Jüngerin der Terpsichore.

Aber Fräulein Idali war nicht nur Tänzerin, sondern sie war auch hübsch, bildhübsch. Zu ihrem Aerger mußten das selbst ihre intimsten Feindinen eingestehen. Rosa wußte, nebenher bemerkt, daß ihr Spiegel nicht log. Weil sie das wußte – konnte sie das luxuriöse Logis nicht nur bewohnen, sondern auch – zahlen! – – das ist sehr logisch. Das mochte freilich auch das Einzigste sein, was die schöne Idali von der Logik wußte. Es war ausreichend genug. So dachte sie wenigstens über diesen Punkt. Eine Tänzerin braucht allerdings nicht Kant oder Aristoteles studirt zu haben, um ein liebenswürdiges Geschöpf zu sein, für das man sich mit Freuden ruinirt. So dachten wenigstens ihre Anbeter. Die böse Fama sagte freilich, sie haben deren wie Sand am Meere. Die Fama ist aber bekanntlich ein Frauenzimmer. Die sind immer neidisch und vielleicht – wir sagen vielleicht – konnte auch die schöne Idali trotz der neidischen Fama mit Maria Stuart ausrufen: »ich bin besser als mein Ruf!«… Jedenfalls wußte die Welt von ihr noch nicht das Aergste. Wir erinnern daran, daß Demoiselle Rigolboche ihre Collegin war. Freilich lebte diese in Paris! Was ist B… gegen Paris! …

Fräulein Idali hatte außer einer Köchin, eine Kammerzofe und einen Livreebedienten. Ihr ganzes savoir faire diesen Domestiken gegenüber bewieß, daß sie es gewohnt sei, einen solchen Hofstaat immer um sich zu sehen. Auch in dem Salon machte sie die Honneurs mit jener graciösen Sicherheit, welche sonst dem Parvenü gemeinhin unerreichbar ist. »Sie schien geboren, um mit Tresorscheinen wie mit Papierschnitzeln um sich zu werfen,« hatte einst ein renommirter Witzbold von ihr gesagt. Das glaubt nun freilich Mancher von sich; es sieht sich indeß leichter an, als es ist…

Die Tänzerin stand in völligem Promenadenanzug vor dem großen Stehspiegel ihres Boudoirs und bewunderte den Schnitt eines neuen Havannakleides, welches sie heut' zum ersten Male angelegt hatte.

Der Diener meldete Sennora Jannos.

»Sehr willkommen. Ich lasse hierher die Sennora bitten!«

Der Diener ging.

»Endlich einmal wieder,« sagte die Tänzerin sichtlich erfreut. »Es muß etwas Besonderes sein, das sie zu mir führt, diesen Tugendspiegel! Gleichviel! Ich muß Alles aufbieten, die hübsche Sennora an mich zu fesseln. Darum kein böses Gesicht gezeigt über diese Vernachlässigung!… Man sagt in der Stadt, mein Umgang sei kein löblicher, und spottet darüber, daß in meinen Albums nur männliche Portraits die Erinnerungsgallerie meiner Bekanntschaften repräsentiren!… Wenn sich die Jannos an mich attachirte, dürfte diese üble Nachrede doch wohl ein wenig eingeschüchtert werden. Sie hat, wie sie mir sagte, Empfehlungsbriefe an die ersten Häuser. Sie hat Geist und ist schön. Sie wird also bald eine Rolle spielen in den Salons, zumal man ihre doppelte Wittwenschaft dort für ein Martyrium ansieht – und nur wenige Sprossen der Himmelsleiter trennen sie von einer Heiligen!… Wenn sich eine solche Dame an mich anschließt – unabsehbar sind die Folgen!… Ich will meine Prinzipien ändern… Die Emancipation der Demi-Monde lockt wohl diesen und jenen blasirten Roué in unser Netz – die Heilige sieht dagegen ganze Schwärme von Anbetern zu ihren Füssen! Bekehren wir uns also! Diese Spekulation kann nicht fehlschlagen!«…

Die hübsche Sennora unterbrach diesen Monolog der leichtfertigen Tänzerin. Mit gutgespielter Zärtlichkeit umarmte diese ihren Gast und zog ihn zu sich auf ein Sopha, das dem Spiegel vis à vis stand.

»Die Freude, Sie endlich einmal wieder zu sehen,« begann sie, die Hand der Sennora nach Kinderart tätschelnd, »drängt jedes Wort des Vorwurfs über die lange Vernachlässigung zurück. Jetzt sind Sie da – ich habe Sie bei mir – und nicht sobald kommen Sie von mir los! Ich muß solche Gelegenheiten nützen, mich mit der alten Collegin einmal so recht auszuplaudern! Bei unserem ersten Wiedersehen erfuhr ich Ihre Lebens-Schicksale – lassen Sie mich heute so egoistisch sein, von den meinigen reden zu dürfen! Ach, theure Freundin, wie bunt, wie wechselvoll war dieses Leben! Sie erinnern sich, wie und wo wir uns zum ersten Male trafen. Sie spielten die Deborah als ersten theatralischen Versuch… Wir wollen nicht nachzählen, wie viele Jahre seitdem verflossen sind! So lange man prima ballerina ist, muß der Taufschein bei einem gewissen Jahre stillstehen!… Was Sie anlangt – in Wahrheit – die Jahre sind über diesen Scheitel dahingeflogen, ohne daß… Sie erröthen? Wir sind entre nous und wenn Sie in Ihrem Paß auch das richtige Lebensalter signalisirt haben – Niemand glaubt es Ihnen!«

Sie warf bei diesen Worten einen halb bewundernden, halb neidischen Blick auf das reizende Bild, welches der Spiegel von ihrer Nachbarin zurückstrahlte.

Die schwarze, schmucklose Wittwentracht stand der hohen, schlanken Figur überaus vortheilhaft und hob den weißen Teint des sanften und schwärmerischen Gesichts doppelt schön hervor. Dunkle üppige Flechten zierten die hohe Stirn. Ein unbeschreiblicher Ausdruck frommer Resignation lag ausgegossen über die reizenden, sinnenden Züge. In den dunklen Augen schwamm ein feuchtes Schimmern. Man sah es diesen Augen an, daß sie sich im Weinen geübt. Das Profil zeigte einen edlen, antiken Schnitt. Es stimmte jede Linie so harmonisch zum Ganzen, es war Alles so weich und jugendlich, und einer Aureole gleich floß um das Angesicht jener zaubervolle Duft edler und keuscher Weiblichkeit…

Nur die etwas eingesunkenen Schläfe mit dem blauen Geäder, das durch die zarte Haut leise hindurchschimmerte so wie die bleichen Lippen, denen das Inkarnat der Jugendblüthe fehlten, ließen errathen, was die Tänzerin nicht ohne Schadenfreude zur Sprache brachte.

Die Sennora wollte darauf antworten. Das Thema mochte sie unangenehm berühren, da die mehr als emancipirte Freundin durch dasselbe zu einer Schmeichelei angeregt zu werden schien, die in jeder Weise bei ihr nicht angebracht sein mochte. Sie erröthete sichtlich und senkte den Blick zu Boden. Es lag eben nicht in ihrer Art sich von dem Spiegel oder einem Dolmetscher dieses stummen Schmeichlers derlei Elogen sagen zu lassen. Ein Weltkind wie die Idali, mochte das unbegreiflich finden.

Eine Pause entstand. Die Wittwe unterdrückte ihre Antwort. Die Tänzerin war schlau genug, um einzusehen, daß sie auf diesem Wege ihr Ziel nicht erreichen werde. Einen Charakter, der dem ihrigen so diametral entgegengesetzt war, für sich zu interessiren, und an sich zu attachiren, war allerdings keine so leichte Aufgabe. Mit plumper Schmeichelei war es hier nicht abgethan. Das fühlte sie. Mit Theaterpathos ebenso wenig. Sie mußte durchaus einen Ton anstimmen, der in diesem edlen, weichherzigen Gemüthe ein Echo fand. Nur eine recht natürlich gespielte Comödie konnte hier zum Ziele führen. Ihr Instinkt sagte ihr, es sei am leichtesten an das weiche Herz der ehemaligen Collegin zu appelliren. Wie das? Ein Roman mußte ersonnen werden. Ihre Phantasie war bald damit fertig. Sie begann also die Unterhaltung auf ihre Lebensschicksale zurückzuführen.

»Als die Saison in S. zu Ende war,« erzählte sie mit großer Unbefangenheit, »mußten wir Beide uns trennen! Wissen Sie noch, daß man uns bei der Gesellschaft den Namen: ›Stubenburschen‹ gegeben? Ach es waren herrliche, unvergeßliche Tage! Wie froh und zufrieden waren wir trotz mancher Entbehrung in dem kleinen Verhältniß. Noch manche Einzelheit ist mir erinnerlich!

Wissen Sie noch, wie Sie zum ersten Mal die Maria Stuart spielten? Wir hatten die ganze letzte Nacht an Ihrer Garderobe genäht. Ich spielte den Schreiber Davison, weil das Männerpersonal nicht reichte und hatte bei all' der Näherei meine Rolle nur flüchtig memorirt. Unbarmherzig ward ich ausgelacht, denn ich stockte ein über das andere Mal! Regisseur und Direktor tobten, mir standen die Thränen in den Augen. Sie kamen und trösteten mich. Sie hat gut trösten nach dreimaligem Hervorruf – dachte ich damals! Ich glaube fest, ich hatte Selbstmordgedanken, als ich mich auskleidete!…

Und dann erinnern Sie noch, wie es hieß: Ihr Vater sei gekommen, Sie heimzuholen… Ich wußte, daß Sie halbwegs wider den Willen des gestrengen Papas zum Theater gegangen. Drei Tage und drei Nächte bebten wie vor jener schrecklichen Familienscene, die zum Glück nicht in Scene ging, da Papa nicht kam!…

Von S. kam ich nach Wien. Dort wandte ich mich ausschließlich dem Ballet zu. Ich gefiel. Ich lebte nur der Kunst… ich war unendlich glücklich! Zu bald kam das Unheil über mich herein… Ich lernte einen jungen Mann kennen. Er gab sich für einen Maler aus und wohnte in meiner Nachbarschaft, wie er sagte… Wir liebten uns. Ich träumte von glückseligen Tagen. Er ward nicht müde, mir seine Liebe zu betheuern. Der Schändliche! Nur zu bald merkte ich den Betrug!… Er war nicht der arme Maler – er war der Sohn eines vornehmen Magyaren… Er vermählte sich mit einer Gräfin aus Mähren… Noch am Hochzeitstage war der Elende bei mir, der arglos Vertrauenden und schwor mir ewige Liebe!… Acht Tage nach der Hochzeit entdeckte ich durch Zufall den Verrath, den er gegen mein allzu leichtgläubiges Herz verübt!… Ich glaubte die Entdeckung nicht zu überleben. Ein hitziges Fieber brachte mich dem Tode nahe. O wäre ich gestorben… aber das Schicksal wollte es anders. Ich genaß – aber die Genesende trug den Tod noch immer im Herzen. Ich mußte leben – ich ging wieder zum Ballet.

Der an mir verübte Treubruch hatte mich verbittert. In jedem Mann sah ich einen Feind unseres Geschlechtes. Zur Manie ward dieser Gedanke in mir. Ein brennender Durst nach Rache an der falschen Männerwelt überkam mich. In dieser Rache allein glaubte ich Thörin all' jene Bitterkeit ausströmen zu lassen!… Leichtfertige Freundinen zogen mich vollends in diesen verderblichen Ideenkreis hinein und bestärkten dieses irrsinnige Rachegefühl!… O wie leicht sind in einem schwachen, betrogenen Frauenherzen alle besseren Regungen erstickt!«

Sie bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche.

Die Sennora ergriff theilnehmend die Hand der Lügnerin. Die Entdeckung, daß ihre List gelungen, machte es dieser leicht, durch einen Hauptcoup die Wirkung dieser Scene zu sichern.

Mit schluchzender Stimme fuhr sie fort:

»Lassen Sie mich schweigen, theure Freundin, über den wüsten, bösen Traum, der mich seitdem umfing!… Jetzt endlich bin ich erwacht… Was hilft aber meine Reue? Ich bin allein – und die Welt glaubt nicht an diese Reue! Unbarmherzig spricht sie ihr Verdammungsurtheil aus – und ach – in mir selbst ist kein Trost, keine Hoffnung. Eine entsetzliche Leere wohnt in meinem verödeten und gebrochenen Herzen! Nirgend ein teilnehmender Busen, an dem ich mich ausweinen könnte – nirgend ein liebend' Auge, das tief hineinschaut in mein Inneres, um dort zu lesen, was Reue und Verzweiflung auf die leeren Herzensblätter eingeschrieben!«…

Ihre Stimme schien erstickt durch Weinen.

Ueberwältigt von diesem Eindruck, beugte sich die Sennora zu der falschen Tänzerin und drückte sie zärtlich in ihre Arme.

»Sie stehen nicht allein,« sagte sie mit weicher, melodischer Stimme, in der ihre innere Erregung nachzitterte, – »wenigstens nicht mehr von heut' an! Erneuern wir den Freundschaftsbund vergangener Tage! Ich will mich des Vertrauens würdig zeigen, welches Sie mir geschenkt. Was auch die Welt sagt« – fuhr sie leiser fort – »ich glaube ihr nicht, da ich in Ihrem Herzen gelesen.«

»Dank – heißen Dank, meine theure Freundin!«

Sie schien keines weiteren Wortes mächtig und in aufrichtiger Rührung neigte sich die Sennora über die arme, tiefgebeugte Freundin.

»Wie lebhaft fühle ich mit Ihnen!« begann die wohlmeinende Trösterin auf's Neue. »Auch mein Herz hat Erfahrungen gemacht, die den Ihrigen verwandt sind. O daß es mir gelänge, Sie zu trösten durch den Trost, der auch mich vor Verzweiflung rettete! Mein Leben war eine ununterbrochene Kette der trübsten Schicksale, der finstersten Verhängnisse! Es gibt kaum ein Leid, das eine Geliebte, eine Frau, eine Mutter hegt, das nicht auch mein Herz durchzitterte! Dürfte ich den Schleier heben von so manchem Geheimnisse meines unruhvollen Lebens, Sie würden begreifen, daß ich wie keine Zweite tiefinnerlich mitfühle, was Sie tragen! Aber Muth, meine Theure, Muth! Auch Sie werden überwinden und meine Aufgabe sei es hinfort, Sie über das scheinbar unbezwingliche Geschick dennoch triumphiren zu machen.«…

Diese aufrichtige Theilnahme überzeugte die Tänzerin, daß ihr Ziel völlig erreicht sei. In bewegten Worten ließ sie jetzt ihre Dankgefühle ausströmen.

Der Freundschaftsbund ward durch die zärtlichsten Küsse besiegelt. Die Tänzerin spielte die Rolle der büßenden Magdalena in der That mit großer Virtuosität. Ja als die neu gewonnene Freundin ihr im Verlaufe des Gespräches mit offenherziger Freimüthigkeit eingestand, daß auch sie durch das Urtheil der Welt an dem Charakter der früheren Collegin zu zweifeln begann, wußte sie den letzten leisen Zweifel derselben durch einen Thränenstrom niederzukämpfen.

»Jede deiner Thränen,« sagte diese »ist ein gerechter Vorwurf für meine Leichtgläubigkeit, die sich durch den Schein verleiten ließ! Meide in Zukunft auch diesen Schein, meine theure Freundin. Das Urtheil der Welt darf dir in deiner Stellung nicht gleichgültig sein. Kann der Künstler dasselbe durch ehrenwerthe Mittel erringen, so soll er dieses nicht versäumen. Kein Vorurtheil ist für den Jünger der Kunst gefährlicher, als das, welches das große Publikum gegen seinen bürgerlichen Charakter haben kann. Selbst die wirklich Genialen verachten dasselbe niemals ungestraft. Ihre Selbstüberhebung rächt sich früher oder später an ihnen selbst… Gestehen mußt du dir, der Schein, der dich umgibt, zeugt wider dich. Ein jeder Theaterhabitus kann Vergleiche ziehen zwischen deiner Logismiethe und deinem Gagenconto!«…

Die Tänzerin erbebte bei diesen Worten, obschon dieser Vorwurf so überaus nahe lag und jenes handgreifliche Mißverhältnis ihrer Lebensweise und ihrer Einnahme nothwendiger Weise zur Sprache kommen mußte.

Die Nothlüge, die sie um dem vorzubeugen, schon bei'm ersten Besuch der Sennora angewendet, schien bei dieser nicht völligen Glauben gefunden zu haben.

»Ich sagte dir ja schon von der Erbschaft –« entgegnete sie schüchtern.

»Sehr richtig. Aber was nützt es dir, daß ich durch diese Aufklärung beruhigt bin. Was weiß die Welt, die voreilig richtende, die schadenfrohe, scheingeblendete Masse davon? So wie diese über dich denkt – ich muß ganz offenherzig sein – fürchte ich, daß sie diese Wahrheit unbequem finden wird und ihre Verläumdungen nicht darum schweigen läßt… Trotz meines spanischen Namens, habe ich, wie du siehst, meine deutsche Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mir erhalten. Selbst in diesen delikaten Verhältnissen gebe ich sie nicht auf und glaube nicht von dir, daß du dieselbe taktlos schelten wirst! Wir müssen offen sein – ganz offen!«

»Wie wahre Freundschaft es bedingt und beansprucht,« fiel die Tänzerin demüthig ein und ergriff beide Hände der Freundin, um sie an ihr Herz zu drücken. »O wie viel darf ich,« fuhr sie mit einschmeichelndem Tone fort, »von einer solchen Freundschaft hoffen! Wie schmachtete ich nach einer solchen Freundschaft! O daß wir uns nie getrennt hätten, wie ganz anders stände es mit mir!… An dir werde ich mich jetzt aufrichten! Ein neues Leben beginnt für mich von diesem frohen Tage an, der mir das schönste Gut verlieh, das einem Sterblichen nur zu Theil werden kann! Bis auf diesen Tag versagte mir mein mehr als feindseliges Geschick dieses Gut!«…

Die Stunden schwanden in gegenseitigen Herzensergießungen. Die Sennora blieb bis gegen Abend. Da schlug die Tänzerin eine gemeinsame Spazierfahrt vor. Sie machte jede Ablehnung dadurch unmöglich, daß sie dieses öffentliche Beisammensein als ersten Beweis der neubeschlossenen aufrichtigen Freundschaft bezeichnete.

»Dadurch zeugst du für mich vor den Augen der Welt« – so sagte sie – »dir wird man glauben!«

Der Wagen kam. Die Tänzerin war schlau genug, dem Kutscher die belebtesten Stadtpromenaden zu nennen, durch die er fahren sollte. Arglos billigte die Sennora alle Anordnungen der Tänzerin.

Sie fuhren davon.

Gar bald überzeugte sich Rosa, wie richtig ihr Calcül gewesen. Die allgemeine Aufregung, welche unter den Promenirenden entstand, da sie neben der allzu bekannten Tänzerin die Tageskönigin der ersten Salons, die tugendhafte, fromme Sennora Jannos erblickten, gab Jener den Beweis in die Hand, daß ihr Spiel nicht ohne Folgen sein werde. Vermochte sie die schutzbare Freundin dauernd an sich zu fesseln, so würde diese den erwünschten Umschwung in der öffentlichen Meinung bald herstellen. Die ihr bis dahin verschlossenen Salons der sonst so exclusiven Plutokratie würden sich ihr öffnen. Unter der Maske einer verfolgten Unschuld, einer durch falsches Vorurtheil verdammten Tugend würde sie die Zahl ihrer Opfer verdoppeln – verdreifachen! Sie war entschlossen, die neue Rolle fortzuspielen, es möge ihr kosten, was es wollte. Sie verkannte nicht die ihr entgegentretenden Schwierigkeiten, aber diese erhöhten nur ihren Muth. Auf die vollständigste Diskretion ihrer Bevorzugten konnte sie sich verlassen. Der Commerzienrath würde – das durfte sie mit Sicherheit erwarten – sie wesentlich in dieser Rolle unterstützen. Die Schlaue hatte diesen Tartüffe zur Genüge erkannt!…

Die Aufmerksamkeit, welche die beiden Damen in dem offenen Wagen erregten, machte auf die Sennora gerade den entgegengesetzten Eindruck, wie auf die eitle und leichtfertige Ballerina. Sie fühlte sich gedrückt. Fast bereute sie jetzt ihre Nachgiebigkeit. Sie fühlte instinktiv, welch' besonderes Interesse man an ihrem heutigen Erscheinen nahm. Die Haltung der Tänzerin jedoch beruhigte sie wieder, indem dieselbe Alles vermied, das irgendwie ihre allerdings auffallende Erscheinung durch Künste der Koketterie noch auffallender machen konnte.

Die letzte helle Abendröthe lag ringsumher ausgebreitet. Sie funkelte auf den Kirchthurmspitzen, in den Fenstern, auf dem Bassin. Der Großstädter kennt solcher Sommertage nicht viel. Man genießt ihre Herrlichkeit nicht unter dampfenden Maschinen, unter dem Marktgedränge oder im lauten Hafengewühl. Wo der Grundsatz gilt: Zeit ist Geld, da erscheint jede Naturschwelgerei als ein Raub an dem Gewinnconto des Tages. Gibt es doch für die Söhne von Soll und Haben ja auch keine andere Freude als die, welche sich in Zahlen ausdrücken läßt… Ein schöner Sommerabend ist nach ihrer Ansicht höchstens ein Genuß für Dichter und Phantasten, abgelebte Wittwen und Rentiers – und die vollständigste Emancipation von aller solcher Gefühlsschwärmerei der höchste Triumph für den Jünger Merkurs.

Aehnliche Grundsätze sah man deutlich genug ausgeprägt auf Gesichtern, die noch jetzt in geschäftsmässiger Eile durch die Schaaren der Müßiggänger sich drängten. Wenn es nun auch an diesen auf den breiten mit Alleen umgebenen Promenaden zumal in dieser Stunde nicht fehlte, so erkannte man doch, daß das Hauptelement der Bevölkerung, als dem Handel angehörend, selbst in den Abendstunden den gewinnbringenden Fleiß dem Müßiggange mit unbewußt zur Schau getragenem Selbstbewußtsein – vom Börsenkönige bis zum Lagerknechte – vorzogen. Es dient dieser hervorstechende Zug zur Charakteristik jeder großen Handelsstadt. Diese geschäftsmäßigen Schritte, diese vom Comptoirdienste erlahmten und nun in doppelter Beweglichkeit zu sich selbst kommenden Arme, dieses verächtliche Herabblicken auf die Herumschlenderer, diese Alles taxirenden Augen, dieses fortwährende Rechnen und Notiren und Handeln im Stehen wie im Gehen, diese starren Physiognomien, die den inwendigen Courszettel zu memoriren scheinen – findest du in keiner Residenz. Es verschwindet dort unter der behaglich sich gehen lassenden oder ängstlich zugeknüpften Noblesse, unter dem Müssiggange, der dort officiell und privilegirt auftritt, unter dem selbstbewußten Savoir vivre, das dir aus jeder Physiognomie der Residenzbewohner entgegentritt…

Ob die bleiche Sennora in der reizenden Wittwentracht, welche neben der pikanten Tänzerin im Wagen saß, solchen Gedanken nachhing? Schwerlich! Sie blickte ernst und düster. Die Umgebungen dieser neumodischen Boulevards schienen ihr nicht unbekannt, das Interesse, welches sie gleichwohl für dieselben zeigte, mußte besonderer Art, aber kein freudiges sein. Oft schüttelte sie das Haupt, wann ihr dies oder jenes neue Gebäude vor Augen kam, dann wieder konnte sie schmerzlich lächelnd vor sich hinnicken, als begrüße sie Altbekanntes, an das sich wehmüthige Erinnerungen knüpfen mochten.

Der leichtfertigen Tänzerin fiel dieses Mienenspiel nicht auf. Sie dachte nur an die Folgen der vordem gespielten Scene, die in dieser gemeinsamen Spazierfahrt schon so schöne Früchte getragen.

Als der Wagen aus einer älteren Allee abbog und in die Hauptstraße der Neustadt einbog, welche mit Prachtgebäuden geziert war, entfuhr der Sennora ein Laut der Bewunderung. Rings um einen weiten Platz, den zwei Springbrunnen und ein Marmormonument im Centrum zierten, lagen hier die Paläste der höchsten Plutokratie. Es war der Stadtheil, der nach einer Feuersbrunst ganz neu erbaut war und seltsam genug abstach gegen die winkelige, dunkle Altstadt mit ihren engen und abschlüssigen Gassen, ihren hohen gothischen Giebelhäusern und ihrer todesstillen Einsamkeit. Ein imponirender, überraschend schöner Anblick. Zumal jetzt! Die goldenen und rosigen Tinten der Abendröthe umflossen das Panorama, über welches sich der azurblaue Himmelsdom wie ein hoher Baldachin ausspannte. Von den grünen Alleen floß der würzige Lindenblüthenduft, die Springbrunnen rauschten. Die elegante Welt drängte sich zu Fuß und zu Wagen in den dreitheiligen Baumreihen auf und ab. Die ganze Pracht und Herrlichkeit der Weltstadt stellte sich hier dem entzückten Auge dar.

»Ist's hier nicht himmlisch schön?« rief die Tänzerin der Freundin zu. »So oft ich schon diesen Anblick genossen – immer erscheint er mir neu und selbst die Alles verkleinernde Gewohnheit vermag mir diese Schönheit nicht geringer erscheinen zu lassen!« …

Die Freundin gab keine Antwort.

Sie schien versunken in eine Welt von Gedanken.…

Der Wagen fuhr langsamer. Die mittlere Allee dehnte sich vor dem Monumente zu einem Rondell aus, in welches die übrigen Baumgänge von allen Seiten einmündeten. In diesem Kreise herrschte das dichteste Gedränge.

Als man in die Nähe des Monumentes kam, schien die Sennora aus ihren Träumen zu erwachen.

Sie fragte nach der Bedeutung der allegorischen Gruppe, welche sich auf einem Postamente von rothgesprenkelten Marmor erhob.

Die Tänzerin gab Auskunft, so weit sie es vermochte, indeß die Freundin durch ihr goldenes Lorgnon mit besonderer Aufmerksamkeit das schöne Kunstwerk betrachtete. Urplötzlich entfiel das Glas ihrer Hand. Todtenblässe überzog das Gesicht. Ihr starres Auge richtete sich auf eine Männergestalt, die zwischen den Kaskaden stehend mit übergeschlagenen Armen ebenfalls das Monument zu bewundern schien. Das ernste wehmuthsvolle Antlitz schien über die Marmorgruppe hinweg auf die Damen hinüberzuschauen; nochmals hob die Sennora mit zitternder Hand das Glas… ein lauter Schrei folgte… und bewußtlos sank sie zurück in die Kissen.

*

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