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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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V.

Es war am Abend desselbigen Tages. Die Andacht war vorüber. Im Sommer folgten noch ausnahmsweise einige Freistunden. Die Gartenarbeit war wichtig und die Knaben mußten nach leiblicher und geistiger Atzung abermals hinaus in's freie Feld.

»Für Dich hab' ich ein besonderes Amt,« sagte Mutter Gertrud zu Meta, als Beide vom Tisch aufstanden, »folge mir!«

Mit dem schweigenden Gehorsam, der im Paulinum gefordert wurde, folgte Meta der rüstig vorantrippelnden Wärterin. Sie schritten durch die Flur den Schulsälen zu. Das Abendroth glänzte schon auf den hohen Bogenfenstern und warf seinen rosigen Schimmer über den stillen Raum. Durch einen niedrigen Gang gelangten sie in die Todtenkammer, welche wir schon in einem früheren Abschnitte unserer Erzählung kennen gelernt.

»Hier soll aufgeräumt und gesäubert werden,« sagte die Alte. »Die Fenster sind voll Spinneweben und die Meuble bestäubt. Der Doktor hat schon oft darüber gescholten. Mach' dich d'ran, in einer halben Stunde ist's gethan!«

Damit ging sie.

Die Arbeit war leicht. Meta folgte ungesäumt dem Befehl. Es war unheimlich in dem einsamen Gemach, das sie nie zuvor betreten. Desto mehr erzählten sich die Mitschülerinnen des Paulinums in unbeobachteten Augenblicken von diesem abgelegenen Orte. Auch Meta hatte Dies und Jenes davon behalten. Das tauchte jetzt urplötzlich in ihrer Erinnerung auf. Hier war's, wo alle Leichen aus der Anstalt aufgestellt wurden. Ein scheintodtes Mädchen sollte einmal wieder erwacht sein. Umsonst pochte es an die Thür und rief nach Hülfe. Als der Doktor am andern Morgen kam, lag es todt vor der Schwelle. Auch von unterirdischen Gängen wurde gesprochen, die von der Todtenkammer tief in die Erde führen sollten. Was dort verborgen sei, wußte Niemand, aber desto lebhafter beschäftigte sich mit diesem grausigen Räthsel die krankhaft erregte Phantasie der armen Geschöpfe, die im Paulinum Aufnahme fanden. Gleich einer Tradition war von den älteren Zöglingen eine lange Schreckensgeschichte den jüngeren überliefert, die eben hier in der Todtenkammer und den unterirdischen Gängen gespielt haben sollte…

Das Fenster war gesäubert. Durch die bleigefaßten Scheiben sah Meta in den Garten hinunter, wo die Knaben noch mit ihren Hacken und Spaten in vollster Arbeit beschäftigt waren. Ein Unterlehrer beaufsichtigte sie. Wie eine doppelt Gefangene erschien sie hier. Eine Ahnung von bevorstehendem Unglück überkam die Arme. Ohne daß sie wußte, warum, füllte sich ihr Auge mit Thränen.

Plötzlich tönten Schritte auf dem Gange. Sie fuhr erschreckt zusammen. Das Tuch, mit dem sie die Bleifenster gereinigt, entfiel ihrer Hand. Die Thür öffnete sich… Es war der Candidat, der eintrat. Eine lebhafte, unnatürliche Röthe lag auf dem nichtssagenden starren Gesicht. Sein Gang war leichter als sonst, seine Bewegungen zeugten von einer Elasticität, die dem verknöcherten Pedanten nicht eigen war.

»Du hier?« rief er mit gutgespieltem Erstaunen.

Meta berichtete, welcher Auftrag ihr geworden sei.

»Immer fleißig – das muß man sagen, immer willig – das muß man loben,« meinte der Vorsteher und trat mit sichtlichem Schwanken näher heran. »Du bist die beste Schülerin, die ich je gehabt! Werde auch in Zukunft für dich sorgen, denn solch' ein Fleiß muß anerkannt werden. Du bist die älteste im ganzen Institut – solltest eigentlich schon ausgeschieden sein. Bist ja kein Kind mehr – könntest bereits selbstständig sein… So viel ich weiß, hat dein Gönner, der Commerzienrath auch die Absicht, dir eine Stelle in der Stadt zu verschaffen – nicht wahr?«…

Er hatte diese Anrede schnell und hastig hervorgestoßen, als recapitulire er etwas auswendig Gelerntes. Als er geendet, wischte er mit der flachen Hand die Schweißtropfen von der niedrigen Stirn. Meta war überrascht und erstaunt über diese gütige Anrede des sonst so strengen Mannes.

»Der Herr Commerzienrath hat bereits eine solche Stelle gefunden und zwar in dem Hause des Kirchenbauvorstehers Mosevius,« erwiederte sie.

»Wie, bei dem Herrn Mosevius?« rief er mit ungewöhnlicher lauter Stimme, die bei seinem ohnehin hochklingenden Diskant um so unangenehmer und schneidender klang. »Das kann ich nicht zugeben – unmöglich!«

»Der Herr Commerzienrath meint, es seien gütige und fromme Leute!« wandte sie schüchtern ein und trat unwillkürlich von dem sich allmälig Nähernden einen Schritt zurück.

»Der Herr Commerzienrath irrt sich! das ist ein Haus der Weltlichkeit, der Heuchelei, auf dem der Segen des Höchsten nicht ruhet! Es ist gebaut auf dem Sande des Unglaubens und sein Herr ist einer von denen, die abfielen von den Erwählten.«

Er hatte die letzten Worte wieder ganz in jenem salbungsvollen Ton gesprochen, der ihm einmal zur Gewohnheit geworden. Nur mühsam mochte er denselben bei'm Anfange dieses Gespräches vermieden haben. Jetzt da er den weltlichen Ton, welchen ihm der Doktor empfohlen, verloren, fühlte er seine Schwäche in dieser verhängnißvollen Situation doppelt. Sein Herz war nicht gewohnt, etwas Anderes zu fühlen als das, was ein solcher orthodoxer Pedant eben fühlen und fassen kann – von rein menschlichen Neigungen war ihm bis dahin nichts bewußt. Nun aber war's über ihn gekommen, »wie höllisches Feuer!« Und in der That war ja diese rein menschliche Neigung – gleichsam zur Strafe für den Heuchler – eine verdammliche, da seinen Lüsten jedwede ernste Neigung fremd blieb. Halb Kind halb Jungfrau war das Opfer des Wollüstlings, der vor den Augen der Welt alle seine verdammenswerthen Schwächen so überaus geschickt durch scheinbare Demuth und Frömmigkeit, keusche Sittenstrenge und christliche Einfalt verbarg, und selbst die jetzt bis auf's Aeußerste gereizte Sinnlichkeit des elenden Gesellen erkannte mit Schaudern, daß seine Neigung nicht nur mit seiner erheuchelten Heiligkeit, sondern auch mit allen äußeren und inneren Naturgesetzen auf's grellste und schreiendste in Widerspruch stehe! Gleichwohl folgte er der Stimme des Versuchers. Den letzten Rest von Vernunft und Ueberlegung raubte ihm der auf Anrathen des Doktors übermäßig genossene starke Wein.

Nachdem er lange Zeit mit seinen grauen und verglasten Augen das Mädchen angestarrt und dabei alle Rathschläge des Doktors bei sich recapitulirte, fuhr er also fort: »Nimmermehr werde ich zugeben, daß du, mein sanftes Schäfchen, in jenes sündhafte Haus kommst! Der Commerzienrath meint es nicht gut mit dir, wenn er solch' eine Stellung dir vorschlägt. Da wüßte ich bessere–weit bessere! Glaubst du mein Täubchen nicht, daß auch ich herzlichen Antheil an dir nehme? Weit innigeren Antheil als der egoistische Commerzienrath! Glaubst du das nicht?«…

– »Ich bin überzeugt, daß«…

»Ueberzeugt – das ist hübsch, mein Täubchen! Ja du darfst es auch sein! So ein liebes, sanftes Täubchen und das sollte – – nein! Ich werde dir einen andern Platz verschaffen, ich dein Lehrer, dein Freund!«…

Immer erstaunter wich das Mädchen vor dem auf sie Eindringenden zurück. Je mehr er sprach, desto röther ward das Gesicht, desto mehr entzündete sich in den sonst so starren und ausdruckslosen Augen ein wildverzehrendes Feuer, vor dem sie in tiefster Seele erbebte.

»Glaubst du nicht – daß ich dein Freund bin? Glaubst du nicht?« fuhr er mit unsicherer Stimme fort und suchte ihre Hand zu fassen.

»Ich werde Ihnen stets dankbar sein« – – hauchte das geängstigte Mädchen, welches jetzt schon dicht an der Wand im fernsten Winkel des unheimlichen Zimmers stand und mit Schrecken bemerkte, daß jeder fernere Rückzug unmöglich sei. Schon streifte sein heißer Athem ihre todtbleichen Wangen und ihre Hand lag festgeschlossen in der seinen. Sie kannte die Wirkung des Weins aus trüber Jugend. War doch der Vater oft in solchem Zustand heimgekehrt und ein Abscheu hatte sich in ihrer Seele festgesetzt, der auch dem Lehrer gegenüber durch kein Mitleid abgeschwächt wurde.

»Es bleibt dabei, mein Täubchen – es bleibt – dabei… ich sorge für deine Zukunft!«…

»Aber der Commerzienrath… mein Vormund«… Sie war keines weiteren Wortes mächtig. Das war der letzte Rettungsanker für die Geängstigte.

»Was Vormund?« rief der Candidat. »Wir sollen Vater und Mutter… verlassen… Nein… das gehört nicht hieher! O du liebes Mägdelein… du sollst zufrieden sein mit dem, was ich für dich thue! das sollst du, ich schwöre es dir bei der Sonne… von Gideon! Was Gideon!… Weg mit all' dem Larifari« – setzte er immer muthiger werdend hinzu – »ich schwöre es dir bei… hahaha… bei deiner Schönheit! Starre mich doch nicht so an! Bin ja auch ein Mensch… hab' doch auch Augen im Kopf… Freilich nicht so hübsche wie du, mein Engelchen!«

Er zog ihre Hand an seine Lippen und drückte heiße Küsse auf dieselbe. Mühsam behauptete der Wankende noch seine aufrechte Haltung. Immer mehr trat die Wirkung des Weins hervor. Dicke Schweißtropfen perlten auf der hochrothen Stirne und oft verlor sich seine Rede in unverständliches Murmeln. Die Schüchternheit, die sich bei'm Anfange der Unterhaltung an ihm gezeigt, war gänzlich verschwunden; es war, als besitze der Tartüffe ebenfalls jene »Routine,« auf die sich der prahlerische Doktor noch immer etwas einzubilden schien.

»Auch ausstatten will ich dich wie eine Prinzessin,« hub der Trunkene wieder an, und preßte die Hände des Mädchens ungestüm und hastig an sein Herz. »Glaube nicht, daß ich arm bin – glaub's nicht! Eine schöne Wohnung miethe ich dir in der Stadt … recht abgelegen und heimlich… da spielst du die Madame und trägst die schönsten Kleider und hast nichts zu thun, als dich zu putzen… Ausgehen darfst du, wohin du willst… sollst dein Leben genießen und Geld dazu im Ueberfluß bekommen! Abends aber… wenn's recht hübsch dunkel ist… hahaha… dann kommt… dein Freund und Lehrer, dem du überhaupt… nein… von dem du überzeugt bist – hahaha. Ja er kommt… und dann… du süsses Täubchen.«

Wieder erstarb der Schluß seiner Rede in unverständlichem Lallen und keines zusammenhängenden Wortes mehr mächtig, lehnte er sich dicht an das Mädchen, dessen todtbleiches Gesicht er an sich zog und mit Küssen bedecken wollte. In demselben Augenblick aber schleuderte ein kräftiger Stoß den Elenden zurück. Wie immer, so war auch jetzt erst im letzten äußersten Augenblick der Noth und Gefahr ein entschlossener Muth in ihr erwacht und die ängstliche Schüchternheit hatte einer Energie Raum gemacht, von der sie selbst, so lange die drohende Gefahr noch im Heranziehen begriffen war, keine Ahnung hatte.

Hochaufgerichtet stand sie da wie eine zürnende, strafende Gottheit. Jede Muskel schien größer – kräftiger an ihr, die ganze Gestalt schien um eine Fausteslänge gewachsen. Ihr muthig blitzendes Auge schaute voll Zorn und Verachtung auf den Elenden, der fast das Mädchen… Die letzten Strahlen des Abendrothes waren verglommen. Dunkler und dunkler ward es in dem unheimlichen Gemach. Schnell entschlossen schickte Meta sich an, den Ort zu verlassen. Der Trunkene hielt sie zurück. Mit seinen langen dürren Armen umklammerte er ihre Taille und sank, da sie heftig und schnell sich von ihm losreißen wollte, vor ihr zu Boden.

»Lassen Sie mich um Gotteswillen,« rief sie mit lauter Stimme und sträubte sich vergebens gegen seine Umarmungen.

»Nein – nein – nicht um Gotteswillen! Es ist Belzebub, der mich beherrscht. Aber gleichviel… mein Täubchen… wenn ich dich anschaue… da vergesse ich Alles… Alles! Bist du ein Teufel oder ein Engel… ich bin dein! Ich kann dich nicht lassen, kann nicht leben ohne dich! Siehst du es denn nicht, mein himmlisches Täubchen? Knieend… betheure ich dir die Schwüre… ja die Schwüre meiner Liebe!«…

Auf's Neue machte sie Anstalt sich ihm zu entwinden. Gewaltsam zog er sie zu sich hernieder und flüsterte dazu Liebesworte oder Flüche über ihre Zurückhaltung. Der fromme Mann schien so ganz außer sich, daß er selbst nicht wußte, was er sprach. Heiße Küsse brannten jetzt auf ihrer Stirne und immer enger fühlte sie sich umkrallt von seinen Armen. Da raffte sie auf's Neue sich empor und mit kühnerem Ruck schüttelte sie den Trunkenen von sich ab, der laut schreiend unter den Tisch fiel. Ohne sich umzuschauen flog sie der Thüre zu… Diese sprang auf, da sie eben sie öffnen wollte, und ihr entgegen trat der Doktor.

Der Helfershelfer des Candidaten, der jetzt erst zu einer handelnden Person in dieser entsetzlichen Scene werden sollte, hatte auf dem Corridor lauschend Alles vernommen, was seither in der Todtenkammer gesprochen worden. Mit gesteigertem Schrecken und Unwillen hatte er daraus ersehen, daß die von ihm erhoffte Wirkung des Weines bei dem an dem Genuß geistiger Getränke ungewohnten Schwächling in das Gegentheil ausgeschlagen sei. So hatte sich der Liebesrasende in dieser Scene auf das schrecklichste compromittiren müssen, da er, aller Vorsicht, aller Ueberlegung baar, sich in seinem Rausche von den leidenschaftlichen Gefühlen hinreißen ließ. Was das Mädchen von ihm vernommen, wie sie es hatte vernommen – ließ sich nicht zurücknehmen, nicht ändern. Das entging dem nüchternen Verstande des Arztes nicht. Durfte man hoffen, daß sie schweigen werde? Nimmermehr. So stand Alles auf dem Spiele und ohne sich länger noch zu besinnen, eilte er seinem Freunde zu Hülfe. Nur ein Mittel gab es noch, das verlorene Spiel nicht ganz aufzugeben. Es war dasselbe, das er schon zuvor in so räthselhafter Weise dem Candidaten angerathen und er war nun entschlossen, sich dieses letzten Mittels zu bedienen.

Ohne ein Wort zu sprechen, griff seine markige Hand nach dem Arm des Mädchens, und zog die Arme schleifend durch das Zimmer an dem Trunkenen vorüber, der sich auf dem Boden krümmte, mit geschlossenen Augen um sich tastend und Flüche mit irren Liebesworten wechselnd. Eine Thür öffnete sich, die Meta in der Dämmerung gar nicht bemerkt. Ein kräftiger Stoß von des unbarmherzigen Doktors Hand – und sie befand sich in einem dunklen Raum. Hinter ihr schlug krachend die Thür zu. Das höhnische Lachen des Doktors tönte ihr nach. Betäubt von dem Falle auf den mit Ziegelsteinen überbrückten Fußboden, dauerte es eine lange Weile, bis die Aermste wieder zu sich kam und bemerken konnte, welche schreckliche Veränderungen mit ihr vorgegangen.

Da lag sie mühsam athmend in einer dumpfen Atmosphäre auf eisigkalten Steinen mit zerschlagenen Knieen und blutenden Armen! Dicht neben ihr kaltes Mauerwerk und – da sie sich stöhnend aufrichtete, dicht über ihrem Haupt die Decke des Ganges, in dem sie sich befand. Und doch – trotz aller Schrecknisse dieses unheimlichen Ortes erschien ihr derselbe anfänglich noch freundlich, da sie der ausgestandenen Angst in der Todtenkammer gedachte. Trennte sie doch eine Thür von jenem Rasenden, der sich der Schutzlosen in einer Weise genähert, die sie noch jetzt erbeben machte! War sie vor der Hand doch geschützt vor den Zudringlichkeiten dieses Mannes, der sich ihr heute zum ersten Mal in seiner wahren Gestalt gezeigt zu haben schien.

Sie fühlte sich freier – ruhiger! Nur das Jüngstvergangene beschäftigte ihr erregtes Gemüth und so sah sie trotz jener schmerzhaften und rücksichtslosen Entfernung den Doktor fast als einen Schutzengel an, der sich ihrer in der höchsten Angst erbarmt habe. Mit Schaudern überdachte sie jetzt die ganze Scene, die sie eben durchlebte! Welch' ein Abgrund war der Charakter dieses Heuchlers, dem so viele, viele junge Seelen vertrauensvoll übergeben wurden! Er der Hüter und Wächter von Zucht und Sitte, der das Wort Gottes stets auf den Lippen trug, der schändlichste Bösewicht, der ihr vorgekommen, ein zuchtloser Wollüstling, der sich nicht scheute, die heilige Unschuld durch teuflische List, ja durch Zwang zu bestricken! Jetzt erst erinnerte sie sich der ihr sonst so unverständlichen glühenden Blicke, die oft sogar in den Unterrichtsstunden der Schändliche auf die Arglose geworfen! Ein grauenvolles Ahnen ergänzte, was Lebensunerfahrenheit an dem ganzen Auftritte nicht völlig gefaßt! Zitternd und voll Abscheu zugleich fühlte das Mädchen instinktiv, was bedroht war in jener fürchterlichen Stunde und dankte Gott für die unverhoffte Rettung! … Rettung?…

Jetzt erst, da ruhiger das Blut durch die Adern floß, untersuchte sie den dunklen Ort, in dem sie sich befand. Kalt und feucht waren Fußboden und Wände, ihre tastenden Hände faßten glatte, schlüpfrige Thiere, die hurtig an dem Gestein hinaufkrochen. Sie wagte endlich vorwärts zu schreiten. Der Gang führte nicht gerade aus. Oft mußte sie den Kopf tief niederbeugen, denn die gewölbte Decke senkte sich oft bis zur Mitte des Ganges herab. Mehr und mehr schwand das Gefühl der Sicherheit, der Rettung und eine namenlose Angst ergriff ihr Herz. Die Geschichten der Gespielinen von den unterirdischen Gängen wurden wieder wach in ihr! Jetzt erst begriff sie das Entsetzliche in ihrer Lage. Eingekerkert… vielleicht dem qualvollen Hungertod bestimmt, auf ewig begraben in dieser feuchten Grabesnacht, die weit entfernt vom Licht des Tages jedem spähenden Auge verborgen bleiben mußte…

Kein Zweifel, der Doktor war mit dem elenden Verführer im Bunde! Aber ihr Gönner… der Commerzienrath! Wird er nicht forschen… nicht fragen? Wir leicht ist er durch eine Lüge zu täuschen – und was gilt diesen Menschen eine Lüge? Sie hat sie gesehen ohne ihre Larven, mit denen sie die Welt so geschickt täuschen – was gilt ihnen eine Lüge?… Und außer dem Commerzienrath ist Niemand – Niemand in der Welt, der ihr zu Hülfe eilen wird – Niemand, der daran denkt, daß sie hier voll Verzweiflung ringt im Gebete in dieser eisigkalten Grabeshöhle!

Aber nein – zu schrecklich ist dieser Gedanke! Sie kann solch' ein Uebermaaß von Bosheit nicht, fassen, nicht denken! Am nächsten Morgen wird man sie freilassen! Man wird es nicht wagen, sie hier zu begraben! – Nicht wagen?… Wie kann sie Mitleid hoffen von diesen Teufeln – aber Furcht vor der ewigen Strafe und ihr Gewissen werden sie zwingen, die Thore dieses entsetzlichen Kerkers dennoch zu öffnen!… Ihr Gewissen? … Sie schaudert selbst über die thörichte Voraussetzung.

Immer wilder und wirrer werden ihre Gedanken. Auch eine Nacht nur in diesem Gewölbe – und sie wird wahnsinnig. Das fühlt sie!… Sie schleppt sich tastend zurück zur Pforte. Sie schreit, weint und fleht. Niemand gibt ihr Antwort. Sie pocht mit den Händen, so lange diese Kraft haben. Umsonst! Ihre Stimme erstirbt in ein dumpfes Murmeln und die blutenden Hände fallen kraftlos zurück. So liegt sie da betäubt – mit Blut überdeckt, keines Lautes mehr mächtig und doch möchte sie aufschreien aus dieser Gruft bis zum Himmel, aufschreien vor dem entsetzlichen Weh, das ihr Herz durchwühlt und jede ruhige Ueberlegung jetzt schon unmöglich gemacht hat……

Die Jugendkraft kehrt ihr nach längerer Ohnmacht zurück. Die glühende Hitze ist aus den Wangen gewichen, ein kalter Todtenschauer durchrieselt die zarte Gestalt. Der Selbsterhaltungstrieb wird wieder lebendig. Auf's Neue tastet sie sich den schaurigen Gang entlang. Endlich erscheint ein Licht. Ein Fenster ist's oben unter der Wölbung. Sie sieht den sternenklaren Himmel. Dieser Anblick wirkt wundersam auf sie ein. Sie fühlt neuen Muth, neue Kraft und weiter setzt sie die Wanderung fort durch dieses schaurige Labyrinth. Auf's Neue verengt sich der Gang, auf den Knieen kriecht sie vorwärts. Wieder ein Fenster! Sie richtet sich ächzend auf und erstärkt sich wiederum an dem Anblick. Hell und tröstend winken die friedlichen Himmelsgestirne hernieder. Sie steht da im Anschauen verloren, die Hände gefaltet auf der pochenden Brust! Je weiter sie kommt, desto dumpfer die Luft. Schon wird ihr das Athmen schwer. Sie fühlt ein seltsames Brausen vor den Ohren, ihr ist's als sei's Blut, das langsam aus den Wimpern herunterrieselt. Wieder ein Fenster. Es ist zersprungen. Halb noch bedeckt es der Stein, dessen Wurf von Außen her dasselbe in Scherben warf. Ein frischer Luftzug dringt durch die Oeffnung und gierig haucht sie die warme, erfrischende Nachtlust ein…

Dann weiter mit neuer Kraft und immer weiter. Endlos scheint ihr der Weg. Ihr ist's, als sei es eine Ewigkeit, daß sie bald gehend, bald kriechend den Windungen des unterirdischen Ganges gefolgt sei. Ein eigenthümliches Rauschen jetzt über ihr, als ströme hoch oben ein Gewässer. Wie ein Regen tropft es herab von der Decke. Feuchter und damit auch leichter wird die Luft. Ihre blutigen Hände brennen, ihre Kraft scheint erschöpft. Sie hat die Zwischenräume zwischen den Fenstern unwillkürlich an ihren Schritten gemessen. Das vierte bleibt aus. Wieder umfängt sie nächtliche Finsterniß und die erstickende Atmosphäre erschwert auf's Neue das Athmen. Schon eine geraume Zeit – länger als je zuvor – kriecht sie auf den Knieen. Spitze Steine in der Deckenwölbung treffen ihre Stirne, so oft sie dieselbe erhebt. Da verläßt sie auf's Neue der Muth und die Kräfte schwinden. Ihre Gedanken gehen wirr durcheinander. Erschöpft kauert sie sich zusammen, die Brust stöhnt wie bei Erstickenden – zum letzten Gebet pressen sich ihre Hände zusammen…

Noch einmal tastet sie dann vorwärts – ihre Hände greifen auf eine feste Masse. Es ist nicht Steinwerk, nicht Erde. Sie schleppt sich vollends hinan. Es ist Holz… vielleicht eine Thür. Der Gedanke läßt sie noch einmal alle Kräfte aufraffen. Sie versucht sich zu erheben. Das Gewölbe scheint es zu gestatten. Wieder tönt das Wasserrauschen an ihr Ohr, aber näher und brausender. Das Holz ist feucht und morsch. Sie findet ein Schloß. Es ist verrostet. Ein glattes Thier entwindet sich der tastenden Hand. Sie rüttelt am Schloß; ein Riegel, der nur lose noch am Holzwerk zu hängen scheint, erleichtert die Arbeit… Die Thür gibt nach… sie fühlt wie bei jedem kräftigen Zug dieselbe nach außen zu nachgibt. Mit der ganzen Wucht des wie neu belebten Körpers stämmt sie sich an… ein Spalt öffnet sich… der helle Mondschimmer wird sichtbar .… noch eine Kraftanstrengung… die letzte… und sie sinkt mit den morschen Brettern hinaus in die duftig warme, mondhelle Nacht!

Freies Feld ringsumher. In weiter Ferne ragt das finstere Mauerwerk des Paulinums, das sich ausnimmt wie ein großer, unregelmäßiger Steinhaufen. Ihr zur Rechten fließt der Waldbach, dessen breite Silberstreifen sich durch unabsehbare Wiesen schlängeln. Nicht weit von ihr der Wald. Sie fühlt neue Kräfte bei diesem Anblick. Vorwärts eilt sie nach einem stummen, aber innigen Dank-Gebet. Der dunkle Wald nimmt sie auf. Wie ruhig und still, wie dunkel und einsam und doch ergreift sie kein Schauder – keine Angst. Sie fühlt hier ja die unmittelbare Nähe dessen, der sie soeben aus der schwersten Noth errettet. Hier weht der freie Gottesodem durch die leise rauschenden Wipfel und dankend blickt sie empor durch das Blätterdunkel zu den ewigen Augen der Nacht…

Kurze Rast unter einem Eichstamm auf dem weichen, trockenen Moosgrund … dann weiter… immer weiter hinein in den Wald. Wohin? Sie fragt sich selber nicht darnach. Wo sie auch ist, sie steht unter dem Schutze dessen, der seine Macht und Gnade heute wieder so wunderbar an ihr geoffenbaret hat. Fort nur aus dem Bereich jener Heuchler! das ist ihr einziger Gedanke.

Aber ihr Vormund der Commerzienrath? Was hat sie von ihm zu hoffen? Betrachtete nicht auch er sie mit jenen schrecklichen lasterhaften Blicken, die sie wie vergiftete Pfeile aus dem Auge ihres Lehrers trafen? Und jenes Gespräch des Doktors mit diesem, das sie zuvor ohne Wissen und Wollen belauscht – das ihr jetzt wieder beifällt – ist es nicht eine Warnung, nichts mehr von ihm zu hoffen.

So schließt sie ab mit dem Vergangenen. Nur fort von dieser Welt der Lüge, der Heuchelei, der falschen Demuth, in der selbst die edelste Tugend: Menschenliebe sich so schändlich in ihr Gegentheil umwandelt! Der Vorwurf der Undankbarkeit kann sie nicht treffen. Ihr Gewissen erhebt ihn nicht und so ist sie beruhigt. Fort aus dieser Welt – tönt es wieder und wieder durch ihre Seele und jeder Schritt vorwärts bekräftigt den schnell gefaßten Entschluß! Und welche Wahl bliebe ihr auch? So eilt sie, der inneren Abspannung nicht achtend weiter und weiter. Gott wird deine Schritte leiten – ruft es tröstend und ermuthigend in ihrer Seele…

Kühler wird der Nachtwind, doch die Sterne leuchten freundlich wie zuvor auf den Pfad der Flüchtigen. Sie streicht das blutige Haar zurück und ordnet den verwilderten Anzug, ohne sich Rast zu gönnen. Lichtungen durchkreuzen das Waldgebiet. Dort glänzt das helle und sanfte Licht des Vollmondes. Ihr ist als übe es auf sie eine magische Kraft aus. Mit elastischem Schritt verfolgt sie den Pfad, den Holzhauer oder Jäger hier gebahnt haben mögen. Wohin sie gelangt – sie weiß es nicht. Längst ist der Gränzfluß ihrem Blick entschwunden, ebenso das Paulinum.

Eine Weile sah sie in weiter Ferne die Mauern der nahen Stadt und die hohen Kirchthurmspitzen, jetzt sind auch diese verschwunden. Der Wald liegt nördlich von B… das ist das Einzige, was sie weiß. Die Stämme sind uralt, oft ist das Laubgewölbe dicht ineinander gewachsen, nur selten trifft sie auf niedriges Buschwerk. Immer wilder und einsamer wird die Gegend. Ein breiter Bach sperrt endlich den Pfad. Sie sucht vergebens nach einem Steg. Drüben wird der Weg breiter. Dort lichtet sich der Wald. Einzelnstehende Tannen treten dort an die Stelle der knorrigen Eichen oder breitastigen Buchen.

In der Ferne glaubt sie eine Kirchthurmspitze glänzen zu sehen. Es schimmert dort wie erleuchtete Fenster. Sie strengt umsonst die Augen an, genauer zu unterscheiden… der Steg ist nicht zu finden, so weit sie dem gekrümmten Laufe des Baches folgt. Laut rauschend durch die stille Waldeinsamkeit tosen die Wasser in dem abschüßigen Bett dahin. Endlich sinkt sie ermattet zusammen. Ein Ahorngebüsch deckt seinen grünen Baldachin über sie aus. Vorjähriges Laub bildet dort ein einladendes Ruhekissen. Vor ihr rauschen die schäumenden Wellen des Baches … Bei der Musik läßt sich's gut schlafen – denkt sie – weit besser als drüben in den einsamen Sälen!…

Die entsetzliche Nacht steigt auf in ihrer Erinnerung, welche die Kinder durch übertriebene Angst in jene schreckliche Raserei stürzte. Schaudernd vor diesem qualvollen Bilde schließen sich die müden Augen… sie faltet die Hände auf der Brust… das Gebet erstirbt auf den Lippen… der Athen, wird stiller und stiller… Und endlich streut der Traumgott, barmherziger als die Frommen des Paulinums, seinen Mohn aus über das liebliche Haupt der armen Dulderin!

Welche Bilder zaubert er auf zu ihrem Troste?

Fernhin über das Weltmeer entführt er die träumende Seele.

Umgeben von wundersam geformten Blumen, überrauscht von fremdartigen Bäumen sah sie eine Einsiedlerhütte, auf die sie fliehend und ermattet hinzueilen schien. Lange pochte sie vergebens an die Thüre. Endlich ward dieselbe geöffnet. Eine hohe Frauengestalt trat ihr entgegen: es war ihre Mutter!…

Und weiter und weiter in lieblichen Bildern spann sich der Traum fort und das Bild der fernen, geliebten Mutter begleitete die Aermste, die all' ihr Elend, ihre Einsamkeit und Hülfslosigkeit vergaß, da sie sich vereint sah mit der Unvergeßlichen.

Und da das Frühroth die hohen Wipfel überstrahlte, war es dieser Name auch, mit dem sie erwachte: Mutter – Mutter!… Sie schlug verwundert die Augen auf und blickte erstaunt um sich, als umfange sie ein neues Traumbild. Doch nur zu schnell ward sie ihrer trostlosen Lage sich wieder bewußt! Jetzt aber da sie sich erhob… wie gefesselt blieb sie stehen vor dem unerwarteten Anblick.

Dicht hinter ihr stand ein Mann, hoch von Gestalt, in dunkler Kleidung mit übergeschlagenen Armen auf sie herabstarrend. Nur das Auge lebte in diesem ehernen Gesicht. Ein tiefer Gram lag in diesen bleichen Zügen, ein schmerzlich Weh, das sich hoffnungslos in sich selbst zurückzieht! Männlich schön war bei alledem dies große, edle Antlitz, welches ein kräftiger dunkler Vollbart umrahmte und trotz des Ernstes und der Schwermuth, die sich darin abspiegelten, so vertrauenerweckend! Meta's Blick war wie gebannt durch diese Erscheinung und schon bei'm ersten Anblick war es ihr, als flüstere eine innere Stimme das oft vom Vater vernommene Wort: auch ein Lieblingskind des Unglückes – dem darfst du trauen!…

Sie schüttelte das Laub aus ihren Kleidern und strich das lockige Goldhaar aus den Schläfen, leise erröthend über die Unordnung, in der jener schöne Fremdling sie im Schlafe wohl schon beobachtet haben möchte.

»Wer bist du?« fragte jetzt der Fremde mit tiefer aber wohllautender Stimme. Tief bis in's Herz drang ihr dieser Ton. Es lag in demselben ein so ganz eigenthümlich überraschtes Staunen, als habe er eine Erscheinung aus einer anderen Welt vor sich.

Das Mädchen schwieg eine Weile. Noch einmal flog ihr freier, unschuldsvoller Blick über dieses kummerbleiche, wehmuthsvolle Gesicht – dann entschloß sie sich, die Frage ohne allen Rückhalt zu beantworten.

»Und nun« – so schloß Meta – »wißt Ihr Alles; wer Ihr auch seid, nehmt Euch meiner an. Könnt oder wollt' Ihr's nicht, so laßt mich meiner Wege ziehen, sagt mir nur, wo ich zur nächsten Stadt oder zum nächsten Dorf mich hinwenden muß. Dort wird's Arbeit für mich geben und der liebe Gott wird mich nicht verlassen, wo ich auch bin!«

»Und du stehst ganz allein?« –

»Ganz allein, Herr. Ich habe Niemand!«

Er strich hastig mit der Hand über die hohe Stirn, als wolle er dort etwas wegwischen – vielleicht die ernsten Falten, die sich mehrten anstatt zu verschwinden.

»Komm mit mir. Ich will für dich sorgen,« sagte er nach kurzer Pause. Seine Stimme klang weicher, als zuvor. »Willst du?«…

»Ich will!«

Sie reichte ihm die Hand, als gäbe sie ihm dadurch ein Zeichen ihres unbeschränkten Vertrauens. Ein leises Lächeln flog über sein sonst so ernstes Gesicht. Sanft legte er die Rechte auf das Lockenköpfchen.

Sie gingen waldeinwärts.

Durch eine Lichtung bemerkte Meta jetzt – wie am Abend zuvor – die Thurmspitze gen Osten. Heller Sonnenschein umfloß die Gegend und in der krystallhellen Luft gränzten sich selbst die entferntesten Gegenstände klar und scharf ab. Ein altertümliches, schloßartiges Gebäude mit Thürmen, Balkon und Ringmauern stellte sich ihr dar, wo sie im ungewissen Mondlicht eine Kirche zu erblicken glaubte.

Der Fremde stand still. Auch seine Blicke wandten sich nach jener Richtung und zu jenem Gebäude hinüber. Mitten im Sonnenglanz lag es da wie ein düsteres Räthsel.

»Was ist das?« fragte die Kleine.

Er achtete nicht auf die Frage. Sie sah wie seine Lippen sich bewegten. Er schien mit sich selbst zu sprechen. Allmälig ward dies Selbstgespräch lauter und lauter. Gleichwohl verstand sie nur wenig. Das Wort: Eremit sprach er mehr denn ein Mal. Das vermehrte die verzeihliche Neugierde des Mädchens, die gleich ihrem neuen Gönner noch immer zu dem düsteren Gebäude hinüberblicken mußte. Dunkle Tannen umgaben es von allen Seiten, als sollten sie das dort geborgene Geheimniß hüten.

»Komm!« rief er, nachdem er in seiner halblauten Ueberlegung zu einem Entschluß gekommen sein mochte. Sie gingen einen entgegengesetzten Weg, der sie gen Süden führte. Bald war das Schloß ihrem Blicke im Blätterdunkel völlig entschwunden. Meta wagte nicht die Frage zu wiederholen und doch war ihr Geist noch immer bei jenem räthselhaften Gebäude, das wie aus einem Wundermärchen hergezaubert schien. Ihr war's, als lebe in ihren Erinnerungen aus früherer Zeit ein ähnliches Bild. War's in einer jener alten Sagen, welche die Mutter ihr erzählte? Sie besann sich darauf vergebens. Das Vertrauen, welches Meta gleich bei'm ersten Anblick zu dem räthselhaften Fremden gefaßt, schwand nicht, obschon sich dieser immer düsterer, ernster und einsilbiger zeigte.

Der Weg durch den Wald war weit und ermüdend. Mehr als ein Mal machten sie Rast und lagerten sich auf dem Rasen.

»Du hast gar nicht gefragt, wer ich sei?« sagte nach langem Schweigen der Fremde. »Du hattest doch ein Recht zu dieser Frage, nachdem du mir so viele Antworten geben mußtest. Warum schwiegst du? Trauest du mir so sehr, daß diese Frage überflüßig schien?«

Sie schaute mit den tiefblauen Augen so fromm und lächelnd, so zutrauensvoll auf zu ihm, daß es keiner Worte bedurfte. In solchen Augen spiegelt sich in Wahrheit die Seele und bis zum Grund schaut man auf diese hinab!

»Du sollst dich nicht täuschen in mir,« sagte er und abermals legte sich wie zu einem feierlichen Segen seine Rechte auf ihr Haupt. »Von Stund' an bist du mein!«…

Weiter ging der Weg. Allmälig tauchten im fernen Hintergrunde die Kirchthurmspitzen von B… auf. Er schlug einen Feldweg ein, der dorthin führte.

»Dort wohnst du?« fragte sie zögernd und ängstlich.

»Fürchte nichts. Bei mir sucht dich Niemand! Und wenn auch … ich schütze dich gegen jene…«

Er vollendete den Satz nicht, sondern streckte drohend die Hand aus nach dem Paulinum.

Meta hatte noch von ihrem Vormund zu erzählen. Sie begann jetzt damit. Sobald sie den Namen des Commerzienrathes genannt, zuckte es wie Wetterleuchten in seinen dunklen Augen. Der träumerische, feuchte Glanz war verschwunden. Die höchste Erregung spiegelte sich in den sonst so unbeweglichen Zügen. Der Wahrheit gemäß berichtete sie, daß auch von diesem ihr Anerbietungen gemacht seien, welche das belauschte Gespräch zwischen dem Candidaten und dem Doktor sowie die Erklärungen des Ersteren in der Todtenkammer in einem zweideutigen Licht erscheinen ließ. Sie hatte das Alles mit einer kindlichen Freimüthigkeit erzählt, welche bei dem Hörer durch Mitleid und Rührung allgemach die drohende feindselige Erregung besiegen ließ.

»Fürchte nichts!« rief er noch einmal mit fester, feierlicher Stimme, da sie geendet. Dann schritt er voraus, wieder laut mit sich selbst sprechend. Oft hielt er inne, wartend bis sein Pflegling ihn erreicht und streichelte dann das Lockenhaar und wiederholte: fürchte nichts.

Es war noch früh am Morgen, als sie die Thore der Handelsstadt erreichten.

Bald war das Haus erreicht, in dem Meta ein neues Asyl finden sollte. Es lag in einer ziemlich abgelegenen Straße und schien bei'm ersten Anblick unbewohnt. Der treppenartig aufsteigende Vordergiebel des altgothischen Gebäudes mit seinen verschlossenen Lucken, die zahlreichen niedrigen Stockwerke, in deren obersten noch bleigefaßte Fenster saßen, das hohe Portal mit wundersamer Steinornamentik und dicht daneben zwei hohe kirchenartige Fenster mit erblindeten Scheiben – Alles das machte den Eindruck des Verwitterten, Vernachlässigten. Zudem sah das ganze Gebäude mehr einem alterthümlichen Waarenspeicher als einem Wohnhause ähnlich.

Auch die anderen Häuser dieser abgelegenen Gasse trugen denselben Stempel. Nirgends ein neugieriger Kopf, der zum Fenster hinauslugte – keine spielenden Kinder – kein Wagen – still und lautlos war's wie in einer Gräberstraße Thebens. Vor mehr denn zweihundert Jahren sah man hier Haus an Haus die größten Firmas dieser Weltstadt. Hoch an den Giebeln oder unter dem Portal sah man hin und wieder noch die uralten Wappen der Patrizier und fromme Denksprüche in längstverwitterter Inschrift der alten Vätersitte gemäß hätten die Alterthumsforscher in großer Anzahl entdecken können. Nichts war geblieben von dieser einstigen Herrlichkeit. Die Patrizier waren ausgestorben, ihre Firmen längst erloschen – nur die Stadtchronik und das Epitaphium ihrer Familiengrüfte im alten Dome sprach von ihnen. Ein neu Geschlecht beherrschte jetzt den Weltmarkt und aus den winkligen Gassen der Altstadt, zog es zum jenseitigen Flußufer hinüber, wo neumodische Paläste und volksbelebte Boulevards, elegante Bazars und großartige Waarenlager die jetzige Macht und Pracht der Welthandelsstadt in prahlender Ostentation repräsentirten.

Meta's Beschützer öffnete die hohe Thür aus schwerem Eichenholz. Eine hohe Hausflur nahm sie auf. Der Boden war mit Flinsen gedeckt. Durch die Fenster im Prospekt sah man in einen großen Garten. Zur Rechten neben der Hausthür befand sich ein kleines Zimmer. Vor dem Eingang stand auf einem schwarzen Schilde mit kaum lesbaren Goldbuchstaben der alte Spruch: »Bete und arbeite.« Es mochte ehedem die Schreibstube in dem alten Handelshause gewesen sein. Wo waren sie, deren Auge einst durch diesen Spruch sich stärken sollte zu unermüdlichem Fleiße, zu ächt christlicher Frömmigkeit?… dahin! Vergessen – verschollen!…

Ueber die Flur gelangten sie in einen Hinterflügel. Das waren die eigentlichen Wohnzimmer. Alles hoch und geräumig. Das erste mit alter Holzschnitzerei am Plafond geschmückt, die Wände mit braunen Holztäfelchen in einfacher Mosaik ausgelegt, der Fußboden parkettirt. Malergeräth stand da in wilder Unordnung umher, angefangene Bilder, Gypsbüsten, große Mappen mit Kupferstichen lagen auf einem staubigen Tische am Fenster. Auf einer Malerstaffelei stand ein eben begonnenes Madonnenbild. Meta's Blick fiel auf den skizzirten Kopf dieses Gemäldes, der ihre Aufmerksamkeit sofort von allem Anderen ablenkte. Mit einem leisen Ausrufe der Bewunderung trat sie auf das Gemälde zu. Ein freudiger Glanz trat in ihr Auge, da sie die lieblichen Züge näher betrachtete.

»Mutter! Meine Mutter!« rief sie leise.

»Unser Aller Mutter« sagte der Maler, der Meta's Beschützer geworden war mit dem Tone frommer Andacht.

Sie schüttelte das Haupt. Was der Katholik mit dem: »unser Aller Mutter« sagen wollte, war ihr unverständlich. Sie wußte nichts von dem Mariencultus der katholischen Kirche. Zudem stand, was sie an diesem Bilde so lebhaft interessirte, nicht in Verbindung mit der Religion. Waren es doch die leibhaftigen Züge ihrer eigenen, unvergeßlichen Mutter, die ihr aus der Leinwand so freundlich mild entgegenleuchten.

Und so wiederholte sie noch einmal: »meine Mutter!« Eine Welt voll Sehnsucht und Liebe lag in dem Tone. Erstaunt horchte der Maler auf, da das Kind wie abwesend und mit sich selbst redend also fortfuhr: ihr Haar – ihr Auge und ihr Mund. Ja, ja sie ist's! So sah sie aus, wenn sie freundlich sich zu mir niederbeugte und meine Wangen streichelte! So – ganz so!« …

Da sie endlich aufschaute stand der Maler neben ihr wie zuvor im Walde. Düster blickend, mit übergeschlagenen Armen – ein Bild tiefster Wehmuth.

»So fesselt uns denn Beide« begann er nach einer Weile – »an dies mein Werk ein ganz besonderes Interesse. Du siehst in dem Bilde das der verlorenen Mutter – ich das meiner verlornen Braut«… Er hatte das letzte Wort kaum hörbar noch hervorgebracht. Jetzt wandte er sich ab. Meta war's, als weine er.

Ein eigenthümlicher Friede herrschte in dieser stillen, abgelegenen Künstlerwerkstatt. Düster und schwermüthig – wie das Gemüth seines Herrn – schien diese Stätte just geeignet, den Freundlosen in sich aufzunehmen, der nichts suchte als Einsamkeit und Vergessen. Fern von dem unruhvollen Treiben des Marktes und des Hafens – weitab von dem lauten Zuruf der gewerkthätigen Menge – abseit von allem weltlichen Thun und Treiben mochte sich ein solches Herz in dieses stille Asyl absichtlich zurückgezogen haben; sei es nun, dort einsam in sich selbst zu verbluten an seinem unsagbaren Weh, sei es nun hier die Kraft zu finden, die schwere Last auch fernerhin geduldig zu tragen!

»Das ist meine Welt!« sagte er, da sie weiter schreitend die einzelnen Gemächer in Augenschein nahmen, die der Maler bewohnte. An das Atelier schloß sich ein Wohnzimmer und an dieses wiederum ein kleines Schlafkabinet. Alles düster aber keineswegs ärmlich und von Mangel zeugend. Man sah es den Räumen an, daß vielleicht in Jahr und Tag keine Frauenhand in derselben gewaltet.

»Nun sollst du auch deine neue Heimath sehen,« sagte er, da sie die stillen Räume, die er seine Welt genannt, verließen. Sie gingen zurück über die Hausflur und gelangten zu einem anderen Flügel, der sich, ebenfalls einstöckig, parallel mit dem anderen hinter dem Hause in den großen Garten hinausstreckte. Er war kleiner und umfaßte außer einer Küche und Vorrathskammer nur ein Stübchen. Auch hier sah es wüst und unordentlich aus. Gleichwohl ließ sich mit einiger Mühe Alles viel freundlicher einrichten. Zumal Meta's Stübchen, das gleichsam wie ein Gartenhäuschen mitten im Garten lag. Dunkle Jasminbouquets standen dicht vor den hohen Glasthüren, die unmittelbar in den Garten führten. »Gefällt es dir so?« fragte er.

Sie winkte ihm freundlich zu. Welch' ein Tausch gegen die öden Säle im Paulinum! Sie sah im Geist, wie sie in kurzer Zeit sich in dieser »neuen Heimath« würde eingelebt haben. Die Ausstattung aller Räume war zwar etwas alterthümlich, aber keineswegs armselig. Zumal ihr Stübchen versprach nach einer gründlichen Aufräumung ein gar anmuthiges Asyl zu werden.

»Hier magst du bleiben, so lange du willst! Nur einen Freund besitze ich auf dieser Welt – du hast sein Schloß gesehen, da wir durch den Wald gingen – und mit diesem will ich gemeinsam rathschlagen, was für dich zu thun sei! Bis dahin bist du hier unbeschränkte Herrin. Ich werde dich nicht stören da drüben – Schalte und walte dort, wie es dir gefällt.«

Was sonst den Hausstand betraf, war bald besprochen. Dann ging er in sein Atelier, wo Meta ihn bald hernach ein wehmüthiges Lied singen hörte. Von der Küche aus, wo sie zunächst aufräumte, konnte sie zu ihm hinüberschauen. Er saß vor der Staffelei und malte an dem Bilde der Madonna.

Seltsam, daß sie noch immer nicht jene auffallende Aehnlichkeit vergessen konnte, welche das Gemälde mit ihrer Mutter hatte. – »Meine Braut«… hatte er gesagt. Was hätte Meta darum gegeben, das Original jenes Bildes zu sehen!

Es war ihr gar eigen zu Sinn, da sie schnell geschäftig sich einrichtete in dieser neuen Heimath! Welch' mannigfache Räthsel umspannen sie hier schon bei'm Eintritt! Der düstere Maler – das abgelegene Haus – das Madonnabild – der Freund ihres Beschützers in dem einsamen Waldschloß – das Alles beschäftigte vollauf die Phantasie des Mädchens! Und doch fühlte sie sich nicht im Mindesten dadurch eingeschüchtert. Voll Vertrauen zog sie ein in dieses Haus des Friedens, um dieses einsame Leben mit einem Manne zu theilen, der bei'm ersten Anblicke ihr Herz erschloßen!…

Gegen Abend ging der Maler fort. Er gehe zu seinem Freunde, sagte er bei'm Abschied und werde erst spät heimkommen. Meta möge sich zur Ruhe begeben, sobald sie wolle. Das Haus schloß er ab. So blieb sie zurück einsam und allein in dem großen unbekannten Hause – wie eine Gefangene. Und doch – wie sicher, wie ruhig fühlte sie sich in diesem Asyl.

Ihr Stübchen war schon völlig eingerichtet. Durch die hellen Fensterscheiben fiel das heitere Sonnenlicht in den anmuthigen, behaglichen Raum. Dunkle Tapeten deckten die Wände. Große Kupferstiche in altmodischen Rahmen zierten dieselben. Ein hoher Schrank zeigte in seinem oberen Theile hinter grünverhangenen Fensterchen eine ziemlich reichhaltige Bibliothek. Sie nahm eines der Bücher nach dem anderen in die Hand. Die meisten Titel waren unverständlich für das Mädchen. Endlich fand Meta zu ihrer freudigsten Ueberraschung auch ein frommes Erbauungsbuch. Sie nahm es mit sich in den Garten.

Im großen Halbkreis umschloß derselbe das Hinterhaus. Jenseits der Mauer, die ihn umgab, bemerkte sie die höheren Bäume der ebenso weitläufigen Nachbarsgärten. Blumen gab es nur wenige in dem Revier. Die Beete waren meist von Schmarozerpflanzen und Unkraut überwuchert. Die Kieswege waren mit Gras überwachsen. Große Muscheln faßten die Beete ein. In einem Winkel fand sich eine künstliche Grotte. Sie war verfallen. Ein großer Stein aus der Decke hatte sich losgelöst und wehrte den Eingang. Der Epheu hatte das Ganze so dicht überzogen, daß man es aus der Ferne eher für einen hohen Leichenhügel halten konnte. Zwei heidnische Gottheiten aus Sandstein gehauen hüteten den Eingang. Ein schattiger Laubgang führte von der Grotte an der südlichen Gartenmauer entlang. Ueber dorische Säulen und Querbalken hatten sich dichte Schlinggewächse mit ihrem saftigen Blätterwerke so dicht ineinander geschlungen, daß selbst der Regen kaum durch dieses Laubdach dringen konnte.

Am Eingange fand sich auf dem ersten Querbalken eine Inschrift in fremden Schriftzügen. Ueber derselben stand abermals eine heidnische Gottheit. In der Mitte des Ganges sah sie einen Steintisch und hinter demselben einen Marmorblock, der als Sitz dienen konnte. Die Wand war mit grünem Blätterwerke kunstreich bemalt, um die Illusion eines von allen Seiten geschlossenen Laubganges durch den Anblick der grauen Quadermauer nicht zu stören.

In dem abgelegensten Theile des Gartens hinter dichten Fliederbüschen und hohen Kastanienbäumen sah sie eine Thüre. Auch da eine unverständliche Inschrift und zwei heidnische Götter auf hohen Postamenten, die der Regen schon bedeutend ausgehöhlt hatte. Als sie näher herzutrat, um die morschen Planken mit dem verrosteten Schloße und einem eigenthümlichen Wappen auf einer grünangelaufenen Kupferplatte in Augenschein zu nehmen, mußte sie unwillkürlich jener Thüre in dem unterirdischen Gange des Paulinums gedenken. Eine große Eidechse lag zusammengerollt auf dem eisernen Thürdrücker. Sie erinnerte sich des schlüpfrigen Thieres, das ihre tastende Hand gefaßt. Ein Schauer durchrieselte sie und mit eiligem Schritte ging sie zurück in den helleren, sonnigwarmen Theil des Gartens.

Sie hatte die Thüre kaum verlassen, als dicht über derselben aus dem jenseitigen Garten hinter den Zweigen des Kastanienbaumes gedeckt, der Kopf eines Mannes auftauchte, der halb argwöhnisch halb neugierig die ungemein beweglichen kleinen Augen rings durch den Garten schweifen ließ. Eine Pelzmütze deckte trotz der Sonnenhitze den kahlen Scheitel des Mannes. Das Gesicht war blaß und mager. Schlauheit und List funkelte aus den Augen.

Er hatte nicht sobald das Mädchen entdeckt, als er sich höher emporziehend mit unverkennbarem Interesse allen Bewegungen desselben folgte und dabei unartikulirte Laute ausstieß, welche dieser auffallenden Entdeckung jedenfalls nicht in gutem Sinne galten.

»Seltsam – höchst seltsam« flüsterte er. »Jetzt kehrt sie mir das Gesicht zu. Muß doch die Züge mir genau einprägen. Nichts ist unwichtig, was hier vorgeht bei dem Freunde des Eremiten… Wo kommt das Mädchen nur her?… Ohne sein Wollen und Wissen ist es nicht hier, das ist klar!… Eine ganz überraschende Entdeckung! – Sie setzt sich, um zu lesen. Desto besser! Bringen wir indessen ihr möglichst genaues Signalement zu Papier«…

Er zog eine fettige Brieftasche in rothem Ledereinband hervor und notirte darin mit sichtbarer Eile die ihm wichtigen Notizen, indem feine funkelnden Katzenaugen über die Blätter hinwegblinzelten und wie auf eine längst erhoffte Beute zu dem arglos lesenden Mädchen hinüberschweiften. Als er mit dem Signalement fertig geworden war – die unbequeme Stellung an der Mauer erschwerte ihm das Schreiben – steckte er mit triumphirender Miene die Brieftasche wieder zu sich und starrte mit aufgestemmten Armen, den Kopf hinter einem dicken Ast des Kastanienbaumes bergend unaufhörlich zu dem Mädchen hinüber.

»Endlich etwas!« murmelte er, nicht ohne Unbehaglichkeit in dieser Stellung verharrend. »Hoffentlich lohnt's der Mühe für so viele resultatlose Recherchen und Spionirung… Ob sie für immer da bleibt?… das wäre allerdings unbequem, falls ich wieder einmal dem lieben Nachbar einen heimlichen Besuch abstatten will. Verflucht, daß ich's nicht längst einmal viel gründlicher gethan. Die oberen Säle zu öffnen bedarf's nur eines Dietrich's. Selbst wenn der Maler mich überrascht… hören und sehen soll er mich nicht, viel weniger finden! Für eine Nacht und einen Tag kann ich mich leicht verproviantiren und oben auf den Böden campiren, ohne daß er nur eine Ahnung davon hat, daß Jemand bei ihm eine Schlafstelle sich gemiethet. Am andern Tag, sobald es den unruhigen Gast wieder hinausgetrieben hat zum Eremitenschloß, setze ich meine Nachforschungen in Muße fort… Irgend Etwas muß sich dort doch vorfinden! Es wird schon der Fang lohnend sein… Jetzt aber hat das Haus auch in seiner Abwesenheit eine Hüterin!… Verdammt!… da gibt's neue Hindernisse zu bewältigen, die Dirn' sieht resolut genug aus und scheint nicht dumm! Wie nachdenklich schaut sie da in's Buch hinein und dann wieder in's Blaue, als dächt' sie nach über das, was sie gelesen. Ein bildhübsches Ding!… Jetzt macht sie's Buch zu und steht auf. Wie sicher und fest sie dahin geht, als sei Alles dorten ihr Eigenthum… Halloh bald hätt' sie mich gesehen!«

Hastig duckte er sich zurück. Die Leiter, auf der er stand, machte bei dem eiligen Rückzug ein knarrendes Geräusch. Meta achtete nicht darauf. Tief in Gedanken verloren schritt sie ihrem Stübchen zu.

»Dort hat er ihr Quartier gemacht, der hübschen Hexe,« brummte der Späher, der vorsichtig umherlugend, langsam die Pelzmütze wieder über die Gartenmauer steckte. »Das ist mir lieb. Dort stört sie mich nicht, wenn ich auf Visite komme! Das Püppchen wird müd' sein und sich bald zu Bett legen. Vielleicht riskir' ich's noch in dieser Nacht. Er ist sicherlich nicht daheim.«

Ein frommes Lied ertönte jetzt aus dem Hinterflügel! Meta sang es. Es that ihr wohl, in dieser Einsamkeit in lauten Tönen ihr trübes Sinnen, ihr Zweifeln und Bangen ausströmen zu lassen – und sieh – eine Weise aus alten Kindertagen kam bei solchem Vorsatz in ihr Gedächtniß und trug auf den Wellen des Gesanges mit sich fort, was ihr Herz belastete! Wunderwirkend steigen ja oft in solcher Stimmung längst vergessene Melodieen urplötzlich in uns auf – das Lächeln erneuernd im Auge, wo noch jüngst die Thräne quoll!

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