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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 5
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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IV.

Fast ein Jahr war dahingegangen, seit der Commerzienrath das Kind in das Sorgenthal'sche Institut gebracht, welches dort unter dem Namen Meta Dalwing als eines der fleißigsten und gehorsamsten Mitglieder bekannt war. Erst in der Mitte des Winters hatte sich die Krankheit gebrochen; nur die gesunde Natur der Patientin überwand die gefährliche Krisis. Daß unter der Behandlung eines Sandelholz derlei Kuren doppelt angreifend und langwierig sein mußten, bedarf keiner besonderen Betonung. Es war eine Seltenheit, daß überhaupt eins der ernsthaft erkrankten Kinder wieder genaß und wenn dieß einmal geschah, so behauptete der fromme Candidat, es wäre dieß »Wunder« nur durch die gemeinsame Fürbitte seiner Pfleglinge geschehen. Bei jedem Krankheitsfall nämlich wurde von ihm in den Betstunden eine solche Fürbitte anbefohlen und vier Mal täglich wiederholt. Sorgenthal vermerkte es sehr übel, wenn sein Arzt in solchen Fällen immer von der »gesunden Natur« sprach, die sich Bahn gebrochen!…

Zugleich mit der Wiederkehr körperlicher Kraft erfolgte auch bei der Reconvalescentin die Rückkehr ihrer geistigen Kräfte und die Erinnerung an die schrecklichen Verluste trat nun erst in vollends drückender Schwere an sie heran! Der Zuspruch des Candidaten vermochte sie wenig zu trösten. All' diese äußere Frömmigkeit widerstrebte gar bald dem wahrhaft von Innen heraus frommen Mädchen. Bei all' diesen mit militärischer Disciplin anberaumten Bußübungen und Betstunden fand sie wenig Genüge für ihr Gemüth und ihr Herz, das so ganz anders sich vordem mit dem gütigen Schöpfer Himmels und der Erde ausgesprochen. Ward ihr doch in diesem Institute dieser Gott nur als strenger, drohender Richter abgeschildert, vor dem man allzeit zittern müsse und trauern in Sack und Asche; gab es hier doch keine höhere Aufgabe als in völliger Zerknirschung sich unwürdig aller Gnade zu erkennen und zu der Erkenntniß zu gelangen, daß alles irdische Thun und Lassen selbst bei bestem Wollen und redlichstem Streben nur sündhaft sei und alles Ruhmes ermangle, den wir an Gott haben sollten. Wie so ganz andere Begriffe von der Allgerechtigkeit, Weisheit und Güte des höchsten Wesens, wie so ganz entgegengesetzte Vorstellungen von Menschenwürde, Lebenszweck und Lebensfreude hatte die Mutter schon im zartesten Alter in ihr geweckt und mit der Entwicklung ihrer Fassungskraft in ihr weiter und weiter entwickelt. Das Alles stieß nun in grellem Gegensatz auf das, was hier »ein verordneter Diener des Wortes der Versöhnung und Gnade« ihr in diesem Institute aufdringen wollte und ein Zwiespalt, ein innerer Kampf entspann sich in dieser jungen Seele, der fast gefährlicher ward, als jene physische Krankheit, die sie durch ihre »gute Natur« überwunden. – Obgleich die Opposition wider solche Lehren des Kandidaten niemals laut ward, hatte dieser doch bald von deren Vorhandensein Kunde und des besonderen Schutzes ihres hochstehenden Gönners mochte Meta es danken, daß Sorgenthal nicht andere Mittel anwendete, »dieses Haidenkind« zu bekehren. Sie blieb von den strengen Strafen verschont, die den anderen Zöglingen bei jedem Vergehen (man sieht, wie ungeheuer weit der Begriff dieses Wortes bei dem ehrenwerthen Institutsvorsteher war!) auf das rücksichtsloseste und unbarmherzigste zu Theil wurde.

Bald nach ihrer Genesung, da sie den übrigen Kindern zugesellt ward und ihre Lebensweise der strengen allgemeinen Hausordnung folgen mußte, hatte der Commerzienrath Meta zum erstenmal besucht. Er erschien vor ihr mit jenem mildlächelnden Gesichte, jener ruhigen zu Herzen redenden Stimme, dem Vertrauen erweckenden gütigen Lächeln, welches ihm eigen war. Meta mußte ihm haarklein erzählen, was sie über ihre Vergangenheit wußte. Das war wenig genug und sehr unzusammenhängend. In früherer Zeit sei sie viel herumgezogen in der Welt. Die Mutter habe Comödie gespielt, was der Vater ursprünglich gewesen, wußte sie nicht. Endlich hätten sie sich in B. domicilirt, doch sei es ihnen gerade hier am schlechtesten ergangen. Aus Familienrücksichten habe die Mutter die hiesige Bühne nicht betreten wollen (der Commerzienrath schien bei diesem Theil ihrer Mittheilungen besonders aufmerksam und – unruhig) und endlich habe der Vater den Entschluß gefaßt auszuwandern. Sein Ziel sei dabei zunächst New-York gewesen, doch erinnere sie sich öfters den Namen eines Plantagenbesitzers in den Südstaaten gehört zu haben – Frederigo Jannos – von dem ihr Vater als von einem alten Universitätsfreund besondere Unterstützung hoffte. Die Plantage dieses Frederigo liege – so weit sie sich erinnere – in Ohio

Als sie so weit gekommen, hatte sich der vordem ruhig zuhörende Beschützer in sichtlicher Bewegung erhoben, war mehrere Mal durch das Zimmer geflogen und hatte den Namen jenes Plantagenbesitzers mit einer vor Furcht bebenden Stimme einige Mal schnell nach einander wiederholt. Lange dauerte es, ehe er seine frühere Fassung wieder gewann. Dann forschte er nach Details über den Vater, dessen Aussehen, Geschäft, Vergangenheit. Seine Fragen zeugten von dem ganz besonderen Interesse, welches er urplötzlich an dem Vater Meta's hegen mußte, doch sah diese sich zugleich außer Stand über diese Punkte aufklärende Details zu geben. Des Namens Delring schien ihr Gönner sich nicht erinnern zu können. Mehr als einmal drängte es sie, dem Commerzienrath jene seltsamen, ihr noch immer unerklärlichen Worte der Mutter mitzutheilen, zu denen sie kurz vor ihrer Abreise die plötzliche Erscheinung dieses Mannes veranlaßt. Das Vertrauen, welches sie im Uebrigen zu ihrem Beschützer gefaßt, kam lediglich durch diese beängstigende Erinnerung nicht zur vollen Entwicklung. Immer fühlte das Kind eine gewisse Kluft zwischen ihm und sich – der Geist der Mutter stand mit warnender Geberde zwischen ihnen. Lag doch in jenem Ton die herbste Anklage eines verschmähten zerrissenen Herzens! Noch jetzt klang es dem Mädchen im Ohre nach diesem schrecklichen Ton! – – »In der letzten Stunde kein Blick der Liebe!«…

Der Commerzienrath hatte versprochen, alle seine Connexionen in Amerika zu benutzen, um dem Mädchen baldmöglichst Nachricht von den Ihrigen zu verschaffen. Damit mußte sie sich vor der Hand beruhigen, obschon ihr Herz voll Sehnsucht war nach der unvergeßlichen Mutter! Gleichwohl half die allen wahrhaft frommen Gemüthern eigene gottergebene Resignation das Mädchen so sanft als möglich über alle qualvollen Stunden hinweg, welche ihr der unersetzliche Verlust der Eltern bereiten mochte! Im Laufe der Zeit befestigte sich durch die wirklich rührende Theilnahme ihres edelherzigen Beschützers und Vormundes (so mußte sie den Commerzienrath anreden) das immer noch unsichere Vertrauen zu ihm.

Was das Leben in dem »Paulinum,« so nemlich hieß die Anstalt des Candidaten Sorgenthal, anlangte, so mochte ein so wenig verwöhntes, bescheidenes Mädchen sich bald in dasselbe finden. Nur eines vermißte sie mit Schmerzen: die Gelegenheit sich in manchem Zweig des Wissens auszubilden, in dem ihre Wißbegierde sich weiter gefördert zu sehen wünschte.

Die Tagesordnung im »Paulinum« war klösterlich streng. Um sieben Uhr im Winter und um sechs Uhr im Sommer mußten sich die Zöglinge auf ein Glockenzeichen sofort erheben. Knaben und Mädchen reinigten vor Genuß des Frühstückes ihre gesonderten Schlafsäle. Um 8 Uhr begannen erst die Unterrichtsstunden mit Absingung eines vielstrophigen Chorales. Außer dem Candidaten ertheilten zwei Seminaristen Unterricht, an dem die Kinder ohne Unterschied des Geschlechtes Theil nahmen. Der Unterricht dauerte fünf Stunden unausgesetzt. Außer Lesen, Schreiben und Rechnen ward nur in der Religion unterrichtet, der jeden Tag zwei, oft drei Lehrstunden gewidmet wurden. Erklärung der biblischen Geschichte, Auswendiglernen unzähliger Bibelstellen und Uebung im Bibelaufschlagen (!) füllten diese Zeit aus. Geographie und Geschichte ward nur einigen Vorgerückten zwei Mal in der Woche vorgetragen und zwar in einer Freistunde der Jüngern. Am Nachmittag fanden häusliche Arbeiten statt. Die Mädchen mußten nähen und stricken. Eine Schwester der Mutter Gertrude präsidirte. Die Arbeiten wurden zu großen Verloosungen benutzt, welche eine Extra-Einnahme des Paulinum bildeten. Die ältesten Mädchen halfen auch wohl in der Küche und in der Waschkammer. Weltliche Gespräche waren streng untersagt. Auch das leiseste Zischeln mit der Nachbarin wurde unbarmherzig bestraft, meist durch Entziehung des ohnehin mageren Abendessen, das stets in den Ueberresten des ebenfalls nicht allzureichen oder kräftigen Mittagstisches bestand. Fleisch gab's allwöchentlich nur einmal und zwar am Sonntag. – Die Knaben arbeiteten in den Nachmittagsstunden in dem großen Garten und ersparten dem Candidaten den Tagelohn für Ackerleute. Auch bei diesem dem unruhigeren Geiste der männlichen Jugend sehr wohl zusagenden Geschäfte war jeder heitere weltliche Gesang oder Scherz verboten. Keine Minute waren die jungen Gärtner ohne Aufsicht. Körperliche (oft blutige!) Züchtigungen, Erbsenknieen, stundenlanges, lautes Vaterunserabbeten waren die häufigsten Strafen für das kleinste Versäumniß und die geringste Auflehnung gegen die strenge Disciplin. Um dieses Muster-Institut vollkommen zu machen, trugen die Zöglinge eine Art von Uniform, derjenigen ähnlich, welche im Mittelalter den Waisenkindern vorgeschrieben war;…

Wie schon oben betont, war der häufige Religions-Unterricht ein besonderer thätiger Faktor bei dieser Erziehungsmethode. Nicht ohne Bedenken und Scrupel erfuhr Meta bei diesem unter anderen zum ersten Mal in ihrem Leben von der Existenz eines persönlichen Teufels. Stundenlang brachte der fromme Candidat damit zu, die Gestalt Belzebubs seinen Zöglingen in der abschreckendsten Weise bis in das Detail zu schildern. Endlose Erzählungen von dem persönlichen Wirken des Höllenfürsten auf Erden, von den Qualen derer, die ihm verfallen waren, füllten zumal die Abend-Andachten aus, zu denen sich männliche wie weibliche Mitglieder nach ihren nachmittäglichen Freistunden vereinigten. Gleich nach denselben ging man auf Commando in's Bett und die erhitzte Phantasie der Kinder trug all' die Schreckbilder, die des Candidaten Erzählungen vor ihnen heraufbeschworen, hinüber in den sonst so heiteren Traum und sorglosen Schlummer der Jugend. Oft um Mitternacht erweckte Kettengerassel und wildes Geschrei die jungen Schläfer. Am andern Morgen erzählte ihnen der Candidat: daß der Teufel über Nacht durch's Haus gezogen sei! Welche Vorstellungen sich in den angsterfüllten Kinderherzen dadurch mit der Zeit festsetzen mußten, liegt auf der Hand. Ein panischer Schrecken erfüllte die eingeschüchterten Gemüther und erstickte jede Regung einer heileren Lebenslust! Nach Sklavenart verrichtete Jedes sein Geschäft. Das Schweigen des Todes herrschte in dem Hause der Jugend. Bleich, schüchtern, ängstlich und muthlos – Schatten gleich – schlichen sie all aneinander vorüber. Da war kein frisches, fröhliches Streben jugendlicher Kraft, die nach Selbstständigkeit ringt, kein froher Muth, der im Ueberströmen der Gefühle auch einmal seinen eignen Weg zu gehen wagt!…

Auch Meta blieb nicht gänzlich unberührt von diesem mit ebensoviel Consequenz als Raffinement erzwungenen Geist der Abhängigkeit, Furcht und Bigotterie. Mit Schaudern erinnerte sie sich einer Nacht, in welcher jener exaltirte Schwärmergeist, jene künstlich hervorgerufene Ueberreizung, zum fürchterlichsten Ausbruch kam.

In der Nacht zuvor hatte man auf den stillen Corridoren wieder jenes schreckliche Kettenrasseln und Stöhnen vernommen. Der Candidat hielt Tags darauf hieran anknüpfend eine besonders ergreifende Bußpredigt, bei welcher bereits einige Kinder in krampfhaftes Weinen ausbrachen.

Eine ganz besondere drückende Stimmung herrschte unter den Zöglingen, als sie sich am Abend nach der Andacht in die Schlafsäle zurückziehen mußten. Wand an Wand befanden sich die beiden großen, schmucklosen nicht allzu hohen Säle. Jeder bildete ein regelrechtes Viereck. An fünfzig gußeisernen Bettstellen, symmetrisch in gleichzähligen Reihen aufgestellt, bildeten nebst kleinen Waschtischen und Stühlen das Meublement. Licht gab's nur zehn Minuten, dann erlosch die Gasflamme.

Mit ganz besonderer Hast und Aengstlichkeit entkleideten sich an jenem Abend die Zöglinge. Hie und da vernahm man leises Stöhnen und Wimmern. Als die Flammen am Plafond erloschen, herrschte ein gespenstisches Zwielicht in den großen Sälen, denn der zunehmende Mond warf durch die gefängnißartig vergitterten Bogenfenster sein zweifelhaftes Licht. Ein frischer Frühlingswind wehte draußen und schlug die bereits knospenden Aeste der hohen Linden an die Gitterfenster. Murmelndes Beten… leises Weinen… tönte von allen Seiten. Lautes Sprechen während der Schlafzeit war verboten. Gleichwohl wagte eine der älteren Mädchen den Zuruf: seid still und schlaft!… Stunde verging um Stunde. Kein Auge hatte sich geschlossen. Eine unnennbare Angst hatte sich der jugendlichen Gemüther bemächtigt. Auch im Knabensaal herrschte Furcht und Aufregung… Je näher die verhängnißvolle Mitternachtsstunde kam, desto lauter ward das Wimmern, Schluchzen und Beten. Die scheußlichsten Schreckbilder, unter denen der persönliche Teufel sich nach des Candidaten Schilderung auf Erden zeigen könne, erfüllten die ohnehin krankhaft erregte Phantasie der Kinder. Von Minute zu Minute steigerte sich die allgemeine Angst. Endlich schlug es Mitternacht und aus dem Knabensaal schall ein lauter, herzzerreißender Schrei durch die stille Nacht. Er fand in jedem Herz ein noch zitterndes Echo und gab das Signal zu einem allgemeinen Aufruhr. »Der Teufel! der Teufel!« hieß es lauter und lauter hüben und drüben. Aus den Betten erhoben sich die weißen Gestalten der Muthigeren und erhoben die Hände zum Gebet. Einige Knaben stimmten Luther's feste Burg an. Dazu rüttelte heftiger denn zuvor der Wind an die Fenster, vorüberfliegende Wolken deckten den Mond und durch diese undurchdringliche Finsterniß hallten dumpf und schwer die zwölf ehernen Schläge, welche die gefürchtete Mitternachtsstunde anzeigten. Als der letzte Schlag verhallte, wuchs das Weinen und Schreien, das Wimmern und Beten, das Singen und Stöhnen in beiden Säälen zu einem chaotischen, wilden Tumult an. Die meisten Zöglinge krochen unter die Bettstellen, während andere mit flatterndem Haar, nur mit ihren Hemden bekleidet durch die engen Wege zwischen den Bettreihen dem äußersten Winkel des Saales zueilten und dort dicht auf einander gehockt sich gegenseitig umarmend und aneinander schmiegend den schreckensvollen Augenblick erwarteten, wo der Teufel leibhaftig unter sie treten werde. Laute Irrreden wurden ausgestoßen. Viele sahen den Raum von fliegenden Ungeheuern erfüllt und selbst die Muthigsten brachen zusammen bei dieser allgemeinen Verzweiflung und Angst. Endlich Schritte auf dem Corridor… Eine Minute lang todtbanges Aufhorchen – dann ein lautes herzerschütterndes Geheul und Weinen. Die Thür fliegt auf… heller Lichtglanz fällt in den dunklen Mädchen-Saal… Gestalten werden auf der Schwelle sichtbar… mit lautem Aufschrei sinken die Meisten ohnmächtig zusammen, zitternd, schweigend verhüllen sich die Kinder unter den Bettstellen, keine Lippe wagt sich zu rühren, keine Brust noch zu athmen.… Endlich erschallt die Stimme des Candidaten: »Wachet und betet, auf daß Ihr nicht in Anfechtung fallet!«… Niemand gibt Antwort. Kein Weinen mehr, kein Aechzen. Stumm ist alles wie in einem Grabgewölbe. Nur mit Mühe heben sie die Kinder vom Boden, die sich noch jetzt nicht beruhigen können. Die Meisten sind todtkrank.

Die Jüngern zumal liegen sämmtlich in convulsivischen Krämpfen. Irre Phantasiereden tönen von hier und dort. Selbst die Aelteren durchwachen diese entsetzliche Nacht noch vollends. Erst der Morgen bringt Ruhe. Beinahe die Hälfte aller Zöglinge ist erkrankt. Doktor Sandelholz schreibt seine berühmten Recepte, indeß der Candidat von Bett zu Bett eilt und… Bibelsprüche austheilt.

Meta gehörte zu den wenigen älteren Pfleglingen, welche am andern Morgen der Mutter Gertrud bei der körperlichen Pflege der Kranken hülfreich zur Seite stehen konnten. Alles ward aufgeboten, die Folgen jener Nacht baldmöglichst zu beseitigen. Vierzehn Tage lang suspendirte der fromme Candidat die strenge Haus-Ordnung. Außer dem Morgen- und Abend-Choral keine Religionsübung, keine Unterrichtsstunde. Vom Teufel war auch nachher weniger die Rede.

Der Vorfall war in B. nicht unbekannt geblieben. Die Tagespresse hatte sich dieses dankbaren Stoffes bemächtigt, um einer gewissen klerikalen Parthei in krassen Zügen diese Folgen ihrer »christlichen Bestrebungen« vorzuhalten. Manches Andere kam dabei zur Sprache. Der Candidat konnte als Vorsteher eines nominell ganz privaten Institutes freilich nicht öffentlich zur Rechenschaft gezogen werden, desto feindseliger wurden die persönlichen Angriffe. Man sprach von »weißer Sklaverei im evangelischen Paulinum,« man schrieb Broschüren und Leitartikel und die erregte Stimmung der Bevölkerung schien einer eklatanten Demonstration nicht abgeneigt. Die angegriffene Parthei bot Alles auf, die fatale Affaire zu vertuschen und bei den reichen Hülfsmitteln, die ihr zu Gebote standen, blieb dieß Bemühen nicht ohne Erfolg. Gleichwohl wagten weder Vorsteher noch sonstige Angestellte des Paulinums nicht öffentlich sich zu zeigen, und Monate vergingen, bis neuere Ereignisse das Interesse der wankelmüthigen immer nur von augenblicklichen Eindrücken beherrschten Menge fesselten und die »Geschichte im Paulinum« wieder gänzlich in Vergessenheit gerieth.

Daß der Commerzienrath – wenigstens direkt und selbstthätig – jenen öffentlichen Kämpfen wider jene entsetzlichen Vorgänge fern blieb, war seiner weltmännischen Klugheit zuzutrauen. Desto mehr machte bei diesem eine andere Persönlichkeit von sich reden, die um so interessanter erschien, je mystischer dieselbe auftrat. In den gelesensten Blättern erschien eine eingehende und von Sachkenntniß zeugende Kritik der Sorgenthal'schen Erziehungsmethode, unterzeichnet: ein Eremit. Styl wie Kritik des Unbekannten machten Aufsehen. Es fehlte nicht an Seitenhieben auf die Communalverwaltung. Nur eine mit dem ganzen Staatsleben äußerst vertraute Feder konnte so schreiben. Hunderte von Vermuthungen tauchten über die Persönlichkeit dieses strengen Sittenrichters auf. Daß dieselbe bei der Verwaltung der Wohlthätigkeits-Institute früher selbst betheiligt gewesen sein müsse, unterlag keinem Zweifel, doch bezeugten einige statistische Daten, daß diese Verwaltung einer ziemlich entfernten Vergangenheit angehört haben müsse, und einzelne Neuerungen dem Schreiber fremd geblieben waren. Diese (indeß für das Ganze unwesentliche) Unkenntniß der jüngsten Zeiten stimmten für die gewählte Unterschrift: ein Eremit. Man fand es glaublich, daß jener geistvolle Mann in der That sich gänzlich auf sich zurückgezogen haben müsse und bei dieser Gelegenheit zum ersten Male wieder – wie ein Abgeschiedener – zurückkehre in die ihm ehedem so vertraute Welt. Nicht mit Unrecht mochten die dem Commerzienrath näher stehenden Freunde errathen, daß jener geheimnißvolle Eremit zu ihm in ganz besonderer Beziehung stehe. Dafür sprach das seltsam ängstliche und fremdartige Benehmen desselben, so oft die Rede auf Jenen kam.

Was Meta anbelangte, so wurde gegen sie das Benehmen des menschenfreundlichen Commerzienrathes immer vertraulicher. Selbst in dieser schwülen Atmosphäre entwickelte sich das reizende Mädchen von Tag zu Tag in einer überraschend schnellen Weise. Körperlich wie geistig knospete aus ihr die Jungfrau! Dieser wundersame Uebergang von der Knospe zur Blüthe, bildet im Entwicklungsgange jedes Wesens die schönste Phase! Zumal bei einem Mädchen. Mit heiliger Scheu wird jedes edlere Gemüth dieses fröhliche Aufschließen des Kelches betrachten, bis endlich in voller Schöne die Menschenblume entfaltet vor uns steht! Umflossen von Duft und Glanz, ihrer eigenen Schönheit unbewußt, steht sie da! Ueber ihr aber glänzt die Morgenröthe ihres Lebens in wundersamer Herrlichkeit und unsichtbar umschweben die Engel des Himmels die eben erschlossene Knospe, daß von dem nun beginnenden Tage ihres Daseins nur der warme Sonnenschein des Glückes einströme in die duftige Schaale!…

Von Tag zu Tag wurden die Besuche des Commerzienrathes häufiger im Paulinum. Es mochte wohl mehr als Zufall sein, daß Meta zu den ziemlich feststehenden Besuchsstunden ihres vornehmen Protektors auf ganz besondere Veranstaltung des Candidaten immer bei einer ganz besonderen Arbeit und zwar allein beschäftigt war. Die damit verbundene grössere Freiheit that ihr wohl und nicht ohne Grund vermuthend, daß sie dieselbe ihrem edelmüthigen Gönner dankte, ward ihr Erkenntlichkeitsgefühl, ihre Dankbarkeit gegen denselben erhöht. Auffallend nur war es, daß Jener, so oft sie nach den Eltern forschte, immer kürzeren und ausweichenderen Bericht gab; beängstigend aber, daß er seine Freundlichkeit jetzt in einer Weise zu äußern begann, die längst nicht mehr, selbst von ihr der Arglosen, als väterliche Zärtlichkeit angesehen werden konnte. So oft er ging und kam, küßte er ihre Stirn, drückte ihre Hände und streichelte ihre Wangen. Ihr ward dabei so gar ängstlich zu Sinn und das kaum entschwundene abmahnende Bild der Mutter, das so lange zwischen ihm und ihr gestanden, tauchte wieder auf. Und doch hatte sie nicht den Muth, sich jenen Zärtlichkeiten zu entziehen. Was schuldete sie diesem Manne nicht Alles? – Gar bald brachte der Commerzienrath noch andere Beweise seines besonderen Wohlwollens: kleine Schmuckgegenstände, Bücher und Naschwerk aller Art. Er schien es ungern zu sehen, daß sie nur die Bücher mit besonderer Freude annahm. Auch von einer vortheilhaften Condition begann er zu reden, die er für sie wisse… Meta erfaßte diesen Gedanken mit besonderer Lebhaftigkeit. Seit jener Schreckensnacht sehnte sie sich fort aus diesem Hause. Es hatte ihr stets der Muth gefehlt, sich offen darüber auszusprechen und dem Manne, dem sie schon so unendlich viel verdankte, auch noch diesen Wunsch zu entdecken. Jetzt kam er ihr selbst damit entgegen. Es war als läse er in ihren Augen all' ihre Wünsche. So fühlte sie sich bald angezogen – bald abgestoßen von dem seltsamen Manne. Ihr Zustand beängstigte sie mehr und mehr. So oft er nicht bei ihr war, glaubte sie vor ihm ein Grauen, einen geheimen Abscheu sogar zu empfinden, den sie sich nicht erklären konnte und den ihr Dankbarkeitsgefühl verdammte. War er da, hörte sie die ewig ruhige, sanfte Stimme, sah sie in dieß fast noch jugendlichheitere Auge und auf das ehrwürdig weiße Haupt, so waren alle jene Scrupel wieder verschwunden! Was war das Alles? Woher dieser seltsame Zwiespalt?

Schneller, aber ganz anders als sie es nur denken konnte, sollte sich für Meta dieser qualvolle Zustand endigen, welcher einer dunklen Wetterwolke gleich sich über dem Morgenhimmel ihres jungen Lebens erhoben hatte.

Auch der ehrenfeste, gottesfürchtige Candidat schien sie in der letzteren Zeit mit Blicken anzusehen, die einem so frommen Manne, einem Lehrer, einem Gottesgelehrten und Erziehungsvorstande in keiner Weise ziemten. Meta fühlte sich vor ihm stets abgestoßen und so kam es, daß sie auf diese neue Belästigung und Bedrängniß nicht einmal sonderlich aufmerksam wurde, was natürlich zur Folge hatte, daß der durch solche Nichtachtung in seinen unlautern Absichten und Wünschen betrogene Mensch heimlich Rachepläne wider die Unglückliche faßte. Ein so kleinlicher und durch und durch heuchlerischer Charakter wie der unsers ehrenwerthen Candidaten der Gottesgelahrtheit vermochte indeß ohne Schwierigkeit derlei Machinationen geschickt genug zu verbergen und selbst Meta's Gönner hatte keine Ahnung von dieser in zweifacher Hinsicht für ihn unangenehmen und geradezu störenden Nebenbuhlerschaft…

Der größte Theil des Sommers war indeß dahin geeilt! Noch immer keine Nachricht von Meta's Eltern, so oft sie auch ihren Gönner mit ängstlicher Besorgniß und kindlicher Liebessehnsucht nach den Fortschritten der Recherchen fragte, welche Jener nach seiner eigenen Behauptung so lange Zeit schon mit rastloser Energie angestellt haben wollte. Das Bild des Vaters war im Laufe der Zeit – wir müssen es gestehen – der Erinnerung des Kindes mehr und mehr entschwunden. Was an ihn erinnern konnte, waren es doch nichts, als trübdurchweinte Stunden – Nächte voll Kälte und Hunger – unbarmherzige Strafen für die geringsten Vergehen. Um so lebhafter trat das Bild der geliebten Mutter in ihr hervor. Oftmals flüchtete sich ihr Geist, beängstigt durch die Zärtlichkeit des Commerzienrathes, niedergebeugt durch die strenge Zucht im Paulinum – hinüber zu jenen unvergeßlichen Bildern aus ferner Jugendzeit. – Stundenlang konnte sie oftmals in schlaflosen mondhellen Nächten zum Himmel aufschauen und ihren einsamen Phantasien nachhängen. Sie versetzte sich dann zurück in jene wechselnden Situationen des wilden Nomadenlebens, das die Mutter in ihrer früheren theatralischen Periode geführt und welches sie mit derselben getreulich hatte theilen müssen. Auch jener lichtstrahlenden Räume hatte sie oft dabei gedenken müssen, in welchen die Mutter in prachtvollen, aber ganz fremdartigen Costümen, ihr erschienen war. Zwischen den buntbemalten Leinwand-Coulissen kauerte das Kind, mit der ihr schon damals eigenthümlichen Wißbegier all die Wunder anstarrend, welche ihr dort entgegentraten! Welch' eine seltsame Welt! Bald Kaiserin – bald Bettlerin, schien die geliebte Mutter bald lächelnd, bald weinend, und doch im Innern ewig dieselbe gutherzige, frohgelaunte, sorgenlose einzigste Freundin, welche die kleine Meta einzig und allein auf der Welt gehabt… Der bunte und verführerische Flitterstaat der weltbedeutenden Bretter hatte das Kind niemals mit jenen sehnsüchtigen, überspannten Gefühlen erfüllt, welche wir so oft in der Jugend von denselben aufzunehmen pflegen. Der allzu krasse Gegensatz von Licht und Schatten, von Glanz und Elend, von Lüge und Wahrheit, war seit Jugend her an Meta herangetreten. Im Hause Armuth, Kälte und Noth – dort erlogener Reichthum, scheinbarer Ueberfluß und erheuchelte Freude! Diese Contraste waren zu sehr in die Augen springend, als daß selbst ein Kind, das in denselben aufgewachsen, noch irgend etwas von jenem berauschenden Gefühle in sich tragen konnte, in die jenes verführerische Trugbild der Bühne alle uneingeweihten kleinen und – grossen Kinder hinüberlockt. Frühzeitig hatte sich das Mädchen auf und in sich selbst zurückgezogen. Dieses gefährliche Hinbrüten ward von den Eltern kaum bemerkt. Widmete die Mutter auch alle Freistunden der Erziehung ihres Kindes – wie viel Zeit blieb derselben bei alledem zur Selbsterziehung! Nur ein durch und durch gesunder, ureigenthümlicher, durch äußere Eindrücke nicht so leicht zu beseitigender innerer Fond hatte das Mädchen vor jenen Verirrungen bewahren können, in die so oft jene bemitleidenswerthe Selbsterziehung (d. h. jener völlige Mangel einer thatsächlichen Erziehung überhaupt) zu fallen pflegt. Neben jenem träumerischen Element, das ihr eigen blieb, offenbarte sich in ihr eine gewisse praktische Lebensanschauung, die in so zartem Alter und bei einem solchen Bildungsgang doppelt überraschen mußte, und diese letztere eben beförderte zumal in dieser neuen und keineswegs ermuthigenden Umgebung eine gewisse Selbstständigkeit und Energie. Schon einmal hatte sie in der bislang verhängnißvollsten Situation ihres Lebens – auf dem Schiffe – dieselbe bewährt. Sie sollte Gelegenheit haben, sich durch ebendieselbe auf's Neue in einen andern Lebenskreis zu versetzen, dem das Schicksal sie zu fernerer Erziehung übergab…

Immer mehr und mehr hatte der Commerzienrath von verschiedenen überaus vortheilhaften Konditionen gesprochen, um die er sich für seinen Pflegling bemüht. Besonders empfahl er ihr eine Stellung bei einem Klingelbeutel- und Kirchenbauinspektor Mosevius, dessen kränkliche Frau durchaus eine Stütze bedürfe zur Aufrechthaltung des Hausstandes. Meta wagte nicht zu widersprechen. Die Aussicht, aus dem Paulinum befreit zu werden, lockte sie. Zudem berichtete der Commerzienrath fast täglich die rührendsten Züge von Wohlthätigkeitssinn, Menschenfreundlichkeit und frommer Denkungsart ihrer künftigen Brodherrschaft. Der Lohn war beträchtlich zu nennen. Die Idee, selbstständig ihren Unterhalt zu verdienen, anstatt ihn wie hier größtentheils aus Gnade und Barmherzigkeit zu genießen, wirkte mächtig auf sie ein und machte sie der Proposition ihres Wohlthäters geneigt.

»Ich selbst werde Dich ausstatten, mein gutes Kind,« sagte der Commerzienrath, da er wieder einmal von diesem Projekt sprach und streichelte, dicht an sie herantretend, die Wange des hocherröthenden Mädchens. »Du wirst hübsche Kleider bekommen und niedliche Häubchen, wie sie alle Mädchen und Mamsells in den Stadthäusern tragen müssen. Am Sonntag hast Du freie Zeit zum Ausgehen! Da wirst Du die hellen Lichtseiten des Lebens kennen lernen! Wirst auf die Promenaden gehen, in das Theater wohl gar und vielleicht auch zu Tanz! Der Herr Mosevius ist wohl ein frommer aber kein bigotter Mann und weiß sehr wohl, daß in der Schrift geschrieben steht: Freu't Euch mit den Fröhlichen!«…

»Aber auch: weinet mit den Weinenden,« fiel Meta bescheiden ein. »Und« – fuhr sie langsam fort – »und das scheint mir noch viel schöner als das Erste. Weiß ich doch selbst, wie wohl es thut, wenn wir in Noth und Jammer noch Jemand neben uns wissen, dessen Augen aus Mitgefühl und warmer Teilnahme auch übergehen!«…

»Sehr recht – sehr schön« – meinte der Commerzienrath. Es lag in dem Ton, mit dem er diese Worte sprach, etwas Verlegenes. Offenbar hatte ihm die Antwort Meta's nicht gefallen. Schon seit langer Zeit hatte er – entgegen seiner ganzen sonstigen Art und Weise – bei jedem Zwiegespräch mit ihr vermieden, irgend welche fromme Ermahnungen oder Bibel-Citate in seine Reden aufzunehmen; ja er leitete das Gespräch oft geradezu auf rein weltliche Themata über und schien mit besonderer Absicht von den »freundlichen Lichtseiten des Lebens« ganz besonders lockende Schilderungen zu geben. Je mehr er sich selbst bei diesen letzteren oftmals erhitzte und hinreißen ließ, desto zärtlicher wurde der fromme, alte Herr gegen seinen Schützling…

Nach Beendigung jenes oben zum kleinsten Theil nur angeführten Gespräches hatte der Commerzienrath Meta mit einem langen und zärtlichen Händedruck verabschiedet. Wie gewöhnlich hatten sie auch dieses Mal sich allein gesehen und gesprochen. Meta war bei einer leichten Arbeit im Gemüsegarten beschäftigt gewesen. Von widerstrebenden Gefühlen beherrscht, nahm sie ihre Salatkörbe in den Arm und schritt nachdenklich dem Hinterflügel zu, in welchem die Küche des Hauses sich befand. Ringsumher war alles voll Sommerduft und Farbenglanz. Vom blauen, unbewölkten Himmel lachte die warme Juliussonne herab auf die blühende Welt. Vogelsang tönte von dem Wäldchen herüber, das dicht an die ausgebreiteten Gärten des Paulinums stieß. Aus weiter Ferne klang ein heiterer Männergesang… Es klang wie ein Gruß der Freiheit zu ihr hinüber in ihr – Gefängniß! Höher und freudiger hob sich die Brust bei dem Gedanken, daß auch sie nun bald diesem öden unheimlichen Hause auf immer Lebewohl sagen werde.

Unwillkürlich blieb sie stehen und ließ den träumerischen Blick weit hinausschreiten in die weite, sommerhelle Welt! Wer möchte sagen, was in diesem Augenblick das junge Herz Alles bewegte? Ein seltsam süsses Sehnen zog durch ihre Brust… sie wußte nicht, von wannen es kam und wohin es sie lockte – aber es war da.

War da mit all' den Phantasien, die in solchen Stunden durch die von ungewissen Ahnungen durchschauerte Brust der Jugend ziehen; war da mit all' dem süssen Hoffen und Wünschen, das selbst in weitester Ferne goldige Luftschlösser zu schauen vermeint, wo das oft getäuschte Auge des Alters nur Schneeberge oder Gewitterwolken entdeckt!…

Zwei halblaute Männerstimmen, die hinter einer dichten Dornenhecke hörbar wurden, schreckten sie auf aus diesen süssen Träumereien. Sie erkannte sehr bald das hohe Organ des Candidaten und den tiefen Baß des Hausarztes.

»Und ich sage, daß ich nie und nimmermehr dazu meine Einwilligung gebe, rief der Erste« mit großer Lebhaftigkeit aus.

»Dann läßt der Commerzienrath durch mich Ihnen ankündigen, daß er«… die übrigen Worte verloren sich in ein unverständliches Murmeln.

»Damit macht er nicht Ernst« – meinte der Candidat nach einer Weile.

»Doch! Er will's durchsetzen! Also geben Sie nach. Was liegt Ihnen denn an dieser blonden Katze?« Er schlug eine laute Lache auf, als habe er statt einer Rohheit einen Witz hervorgebracht…

Meta besann sich erst jetzt darauf, welch üble Rolle die Horcherin unter allen Umständen spiele. Bei den letzten Worten des Doktors, dessen besonderer Gnade sie sich nicht eben erfreute, schritt sie eiligst dem Hause zu. Daß von ihr die Rede gewesen, daran zweifelte sie nicht im geringsten. Die erhobene Stimmung, die eben noch ihre Brust mit süssen Traumesahnungen er füllte, war wieder dahin. Ach, immer und immer mußte es ja die arme Waise mahnen, daß ihr Anspruch auf Lebensglück und Lebensfreude fort und fort bestritten werde von einem feindlichen Dämon, der sich an ihre Fersen geheftet zu haben schien…

Die Männer, welche sich völlig sicher glaubten, setzten indeß ein Gespräch fort, welches für uns interessant genug sein dürfte, um es zu belauschen.

»Sprecht nicht in solchen Worten von diesem holdseligen Mägdelein,« antwortete der Candidat auf die rohe Phrase des Arztes, dessen Gelächter urplötzlich abbrach, da er sah, wie wenig sein vermeintlicher Witz hier angebracht sei. »Ich muß es nur gestehen,« fuhr er nach einer kleinen Pause lebhafter fort, »daß mir dieses Kindlein nicht gleichgültig ist. Aus ihren Augen – ihren Lippen – ihren Mienen und Gliedern allen schwimmt's wie ein elektrischer Strom zu mir heran. Wochen lang habe ich gekämpft gegen diese weltliche Neigung – aber umsonst! Ich weiß, daß der Teufel mich lockt in Gestalt dieses Weibleins, aber dennoch folge ich der Lockung. Das Fleisch ist gar schwach, lieber Doktor! und wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir an Gott haben sollten! Ihnen darf ich's gestehen, vielbewährter und verschwiegener Freund! und ich mußte es gestehen – denn es drückt mir das Herz ab. So oft ich den Commerzienrath sehe, wenn er zu ihr geht, überschleicht mich giftiger Neid! Schon öfters habe ich mich leise herzugeschlichen, wenn beide mitsammen sprachen. Ich sah, wie er ihre Hand ergriff, ihre Wangen streichelte und… selbst die Stirne küßte. Sie ließ es geschehen – erröthend, verwirrt stand sie da: O Doktor, es war Höllenqual für mich, das sehen und dazu schweigen müssen! Statt jenes Gift zu meiden, suchte ich es! Ich selbst drückte den Stachel immer tiefer in mein Herzelein! Nun fühle ich, wie ich daran verbluten muß!«…

Ein triumphirendes Lächeln flog schnell über das feiste Gesicht des Doktors, der kaum seine Freude bergen konnte, der Vertraute einer so delikaten Schwäche seines Vorgesetzten geworden zu sein. In der That mußte der heuchlerische Candidat zu einer solchen offenen Herzensergießung nur durch die größte Liebesqual gebracht worden sein, wobei er nicht bedachte, daß dieselbe in der Hand des in so mancher Hinsicht von ihm abhängigen Doktors eine gefährliche Waffe werden könne. Das alte Wort: daß Liebe blind mache – schien auch hier, obschon nach einer andern Seite hin, zuzutreffen. Der in allen weltlichen Angelegenheiten unbeholfene Candidat bedurfte allerdings eines praktischen Rathgebers und Mithelfers, wollte er seine Absichten auf das hübsche Mädchen zu irgend welchem Ziele führen; dieser Rathgeber mußte in seiner beschränkten Sphäre gesucht werden – da war keine große Wahl und mit dem schnellen Entschluß eines bis zur Raserei Verliebten wählte er den gefährlichsten – den Doktor. Dieser konnte sich die Freude nicht versagen, den also im Netze Gefangenen die Historie seines Leidens und Lebens noch einmal bis in's Detail erzählen zu lassen. Es folgte darauf eine halb in salbungsvollem Predigerton halb in weltlicher Exaltation hervorgebrachte lange Herzensergießung von Seiten des Candidaten, die also schloß:

»Und nun theuerster Freund, da Sie Alles wissen – rathen und helfen Sie mir. Austreiben kann ich ihn nicht den Teufel, der sich in mein Herzlein geschlichen – selbst seine grausamlichste Peinigung ist Manna für mein Herz, in dem – ach! – nur noch das Bild jenes holdseligen Mägdeleins thronet! Ich kann sie nicht von hinnen scheiden sehen, kann sie dem Commerzienrath nicht ausliefern!«…

»Nun so behalten wir sie! An Vorwänden wird's dabei nicht fehlen.«

»Nicht fehlen? Theuerer Freund! ich finde keinen einzigen, der stichhaltig wäre. Zudem wissen Sie, wie sehr ich abhängig bin von diesem Nebenbuhler.«…

»Allerdings!… halt! ich hab's! das Mittel ist probat… Sie sagten mir neulich von dem Besuch des Eremiten. Sie kennen die Beziehungen desselben zum Commerzienrath. Könnten Sie ihm nicht mit diesem Schreckbild drohen?«…

»Mit ihm? Erinnern Sie sich denn nicht mehr, daß er öffentlich unser Feind geworden? Haben Sie nicht jene verruchten Artikel gelesen, die unser Paulinum zu einem Teufelhaus gestempelt?«…

»Um so besser!«

»Ich verstehe Sie nicht, bester Doktor! Ach all' mein ruhiges Denken und Ueberlegen und Combiniren ist dahin – eine Unruhe ist über mich gekommen und eine Verwirrung, wie nur der böse Feind und die Fleischeslust sie anrichten kann in unserm Herzen! Wie glühendes, flüssiges Feuer läuft es mir durch Herz und Hirn. Exponiren Sie mir, in welcher Weise für meine Pläne von dem Eremiten Rettung zu erhoffen sei?«…

»Heut' Abend ein Weiteres. Noch bin ich selbst mit mir nicht ganz im Reinen. Vor der Hand ist es wichtig, daß Sie sich einmal aussprechen mit dem Mädchen und das sobald als möglich.«

»Ich zittere, wenn ich daran denke!«

»Und doch muß es sein! Sie selbst müssen dadurch erfahren – was Sie zu hoffen haben. Das Kind ist unerfahren, ohne Energie so weit ich es beobachtet, – leicht zu bereden und zu gewinnen. Ueberbieten Sie die Versprechen des Commerzienrathes. Zeigt sie sich halbwegs geneigt – so haben wir ja Mittel, sie – verschwinden zu lassen. Dann ist der Commerzienrath geprellt. Wir erzählen ihm einen Roman von plötzlicher Flucht – oder Heimkehr der Eltern und er muß sich zufrieden geben! Das Letztere lassen Sie meine Sorge sein. Bei Ersterem kann ich freilich nicht helfen.«

»O Doktor, wie wird mir, wenn ich denke, daß ich, ich den Mund öffnen soll, um auszusprechen, was sich bisher als ängstliches Geheimniß tief in mir verborgen? Kein Wort wird mir zu Gebote stehen!«…

»Es wird besser gehen, als Sie denken. Zudem ist's ja eigentlich noch ein Kind.«

»Ein Kind!« wiederholte er fast mechanisch. Sein Gesicht war weiß geworden wie eine frischgetünchte Falkwand und das nichtssehende Auge starrte in's Leere. So stand er zitternd und sich schüttelnd da – halb komisch, halb verächtlich – und nur mit Mühe unterdrückte sein Vertrauter das Gelächter, welches dieser Anblick in ihm hervorrief.

»Kommen Sie!« rief er endlich und ergriff den Arm des Zaghaften. »Vielleicht gelingt es mir, an einige hübsche Phrasen zu erinnern, die ich selber früher bei ähnlichen Gelegenheiten mit Erfolg angewendet habe. Ich setze Ihnen daraus ein leichtfaßliches Recipe zusammen, welches Sie dann als heilsame Beruhigungspille zu sich nehmen mögen.«

»O Doktor, die Macht des Satans ist gewaltiger als wir sündhaften Menschen es nur denken können! Wie ein brüllender Löwe gehet er umher und suchet, wen er verschlinge! Umsonst suchte ich unter der Maske eines strengen Lehrers gerade ihr gegenüber zu verbergen, was ich fühlete für dieses holdselige Kindlein, auf daß es nicht ahne, daß es Gnade gefunden vor meinen Augen! Wird mir dadurch nicht ihr Herzelein erst recht abgewendet sein?! O welch ein qualvoller Zustand, amice! Immer neue Zweifel und Aengste!«

Er lehnte sich an den Arm des Freundes. Unter dem beruhigenden Zuspruch gingen Beide in's Haus, wo sich die Zöglinge eben zur Abendandacht zusammenfanden.

*

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