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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 4
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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III.

Als Meta erwachte, befand sie sich in einem kleinen Stübchen, dessen freundlicher Raum mit all' seinen sauberen aber einfachen Zierrathen und Meubeln die Herbstsonne golden durchstrahlte. Sie selbst lag auf einem weichen Bettchen, das hohe, schneeweiße Gardinen umgaben. Vor ihr stand ein Tisch, darauf ein allerliebstes Theeservice und ein Gebetbuch mit blitzendem Goldschnitt. Ihr gegenüber an der mit dunkelgrüner Tapete bedeckten Wand hingen mehrere Bilder aus der heiligen Geschichte und zwischen beiden ein Crucifix.

Erst allgemach überzeugte sich die Wachende, daß ihr jetziger Zustand nicht der leere Wahn eines Traumbildes sei! Wie aber kam sie hieher? War's kein Traum, so war es ein Wunder! Wie warm, wie hell, wie freundlich und friedlich war's rings um sie her. Von weiter Ferne klang ein frommes Kirchenlied, von vielen, vielen Kinderstimmen andachtsvoll gesungen. Sie erhob sich, stützte das Lockenhaupt auf den Arm und lauschte den leisverhallenden Klängen. Ihr war's, als höre sie die Stimmen seliger Engel. Alte Märchen wurden wach in ihr, welche die Mutter ihr an langen Winterabenden zur Belohnung ihres Fleißes erzählt. Eine alte Frau mit schneeweißen Haaren saß am Fenster und nickte wie im Schlaf über eine grosse Hauspostille. Sie wagte nicht, zu rufen! Verwunderungsvoll starrte sie noch immer die lieblichen Wunder an, die sie hier umgaben.… Der Gesang war zu Ende. Sie lehnte sich zurück. Das angestrengte Lauschen hatte sie erschöpft… ihre Stirn brannte und in den Schläfen fühlte sie einen stechenden Schmerz.… Ein leiser Schmerzensruf entfloh ihren zuckenden Lippen. Die Alte am Fenster fuhr empor und trippelte eiligst zum Bette ihrer Pflegbefohlenen.

»Endlich wach, mein Püppchen?« rief sie Meta mit freundlichem Lachen zu und dabei nickte auch jetzt das altersmüde, weiße Haupt wie im Schlaf. »Wie steht's denn?«…

Meta reichte der Fremden die Hand und ein unaussprechlicher Ausdruck ihres blauen Augenpaares sagte mehr als alle Dankesworte.

»Wo bin ich?« flüsterte sie dann.

»Gleichviel – wenn's Dir nur hier gefällt und Du gesund bist,« meinte ausweichend die Alte.

Wieder erneute sich der stechende Schmerz in den Schläfen, unwillkürlich preßte das Mädchen den Kopf in die Händchen und diese Bewegung sowie der überaus leidende und schmerzliche Ausdruck ihres Gesichtes gaben der Alten eine ausreichende obschon keineswegs erfreuliche Antwort auf ihre letzte Frage.

Sie bot der Kranken den Thee. Meta lehnte den Trunk ab. Sie sank erschöpft und gebrochen in die Kissen zurück. Ihr Auge schloß sich – vor den Wimpern aber floß Alles in feurigen Gluthen hin und her. Im Kopfe pochte es unaufhörlich und hämmerte und war dort so schwer und doch auch so wirr und wüst! – Sie fühlte sich todtmüde und nur das Eine mochte ihr Leiden mindern, daß die volle Schrecklichkeit ihrer Lage – der Verlust der Eltern – in ihrem Bewußtsein zurücktrat und ganz vergessen schien. Alles Denken und Wollen schien todt in ihr – wirre und niegeahnte Vorstellungen dagegen schossen blitzschnell daher durch das Hirn, während das unmässig schnell zum Herzen strömende Blut die schrecklichste Beängstigung bei ihr hervorrief.

Die Alte zog alsbald eine Glockenschnur dicht neben der Thür. Mitleidsvoll legte sie die dürre und abgemagerte Hand auf die brennende Stirn der Fieberkranken. Meta sah das nicht; die kalte Hand aber that ihr wohl.

Nach wenig Minuten trat ein kleiner, ebenfalls schon ältlicher Herr in das Zimmer. Knisternd über den mit Sand bestreuten Fußboden näherten sich seine Schritte dem Bette. Nur durch Pantomimen verständigte er sich mit der Wärterin. Mit sichtlicher Teilnahme ergriff er die Hand der Kranken, schüttelte bedächtig mit dem Kopfe und setzte sich sodann an ein Tischlein in der Nähe des Fensters, um seine Recepte zu schreiben. Die Alte mußte inzwischen die dunklen Jalousien herablassen. Er gestikulirte heftig bei diesem Gebot. Ein ernster Vorwurf schien darin für die Wärterin ausgedrückt, daß sie dieß nicht aus eigenem Antrieb längst gethan. Die Alte zuckte demüthig die Achsel und trippelte wieder an das Bett, wo sie zu Häupten der Pflegbefohlenen in einem hohen Lehnstuhl Platz nahm.

Auf das grelle Licht folgte ein angenehmes Helldunkel im Gemach. Die Augen der Kranken öffneten sich. Die Veränderung der Beleuchtung schien ihr sichtlich wohl zu thun. Die Wärterin hatte das Gebetbuch ergriffen. Meta's Blicke schienen sie zu bitten, ihr vorzulesen. Indem erhob sich der alte Doktor. Wieder knisterten die hastigen, schweren Schritte über den Sandboden. Er entriß etwas unwillig das Gebetbuch der Alten und sagte:

»Gott wird auch ohne das helfen, Mutter Gertrud!… Du, Kindchen, Ruhe… hörst Du!«… Dann ging er mit seinen Recepturen zur Thür hinaus, die er sachte hinter sich zudrückte. – Kopfschüttelnd blickte die Alte ihm nach.

Meta's Zustand erlaubte ihr nicht, Reflexionen anzustellen über das, was sie hier Erlebte. Wie sie hieher gekommen – sie erinnerte sich an nichts. Immer wilder und unruhiger aber rollte das Blut durch ihre Adern, als sei es flüssiges Feuer. Auch der Trank der Alten kühlte nicht die innere Hitze. Sie fing an in unzusammenhängenden Sätzen laut und heftig zu sprechen. Wirre Vorstellungen aller Art schienen die Phantasie der Armen zu beschäftigen – staunend und kopfschüttelnd horchte die Alte. Endlich kam der Arzt zurück. Er selbst brachte die Medicamente, welche die Wärterin der Kranken, die sich sträubte, nur mit Mühe beibrachte. Kopfschüttelnd sah der Doktor dem Allen zu.

Bald nachdem Meta den Trunk genommen, fiel sie in einen sanften Schlaf. Nur selten hörte man jetzt irgend einen unverständlichen Ausruf der Schläferin. Die Alte zog sich mit dem Doktor in die Fensternische zurück.

»Schon wieder ein Pflegling des Herrn Senators?« kicherte die Alte, deren sonst so ehrwürdiges Antlitz alsbald einen überaus verschmitzten Ausdruck annahm.

Der Doktor nickte und nahm dabei mit einem sehr vielsagenden und pfiffigen Lächeln eine Prise aus seiner silbernen Dose.

»Freilich noch sehr jung,« flüsterte er.

Ein gemeines Lachen trat in das Gesicht der Alten, dessen lauten Ausbruch sie in Rücksicht auf die Schläferin kaum unterdrücken konnte.

»Was den Punkt anlangt, so kenne ich den Senator. Das ist so ganz sein Gusto,« flüsterte das Weib. »Ich dächte aber, die Dirn ist doch an die sechszehn?«

»Kaum – kaum, Frau Gertrud.«

»Mich wundert, daß sich der Herr Kommerzienrath noch nicht haben sehen lassen. Ist doch sonst immer sehr besorgt um derlei – – Schützlinge, der Herr Kommerzienrath.«

»Das Begräbnis hält ihn ab!«

»Hm – freilich. Daran dachte ich nicht. Du meine Güte, man verkommt hier ganz und gar in dem alten Kasten. Der Herr Candidat verbieten uns ja jede Unterhaltung. Die alte Köchin unten und die beiden Scheuerfrauen haben doch noch immer ihre Connaisancen in der Stadt und erfahren bald dieses, bald jenes! Aber zu mir kommt nichts dergleichen. Seitdem es nun auch mit dem Lesen nicht mehr recht geht, ist mir Alles fremd geworden, was in der Stadt passiren thut. Und doch sagt der Herr Candidat: ich schwatze. Du meine Güte, ich und schwatzen! Aber den ganzen Tag kann man sich doch das Maul nicht verbinden und etwas Neues will der Mensch doch erfahren, sonst vermodert er wie ein Kamelienbaum im Kellersand. Hab' ich da nicht ganz Recht, Herr Doktor?«

Der Arzt hatte den Redestrom der Alten ruhig und mit beneidenswerther oder bewunderungswerther Geduld über sich ergehen lassen. Offenbar beschäftigten sich die Gedanken – wenn er überhaupt welche hatte – mit etwas ganz Anderm. Die niedrige Stirn, das blöde Profil, die glanzlosen Mausaugen schienen indeß anzudeuten, daß der gute Mann nicht oft in die Verlegenheit kam, sich mit einem drückenden Plus im Gehirnkasten herumzuschleppen. Auch er gehörte zu jenen räthselhaften Existenzen der grossen Handelsstadt, von denen oben schon einmal die Rede war. Wie er trotz seines zweimaligen Durchfalls im Staatsexamen dennoch dazu kam, hier eine Anstellung zu finden, wird sich vielleicht im Verlauf unserer Erzählung ergeben. Für jetzt möge es dem Leser genügen zu erfahren, daß der ehrenwerthe Herr den Namen Baldrian Sandelholz trug.

Das Haus, in dem wir Meta in diesem Kapitel wiederfanden, war eine sogenannte Erziehungs-Anstalt für verwahrloste Kinder evangelischer Eltern. Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts (gleich nach den Befreiungskriegen) von einem reichen und sehr wohlhabenden Mann in der humansten und wohlwollendsten Absicht gestiftet, war dieselbe trotz aller Befürwortung gewisser klerikaler Kreise nicht durch städtische Subvention unterstützt, obschon der Stiftungsfonds im Laufe der Zeit und bei mancher Erweiterung der Anstalt kaum noch ausreichte. Auch der jetzige Vorsteher – ein Candidat Ephraim Gotthold Sorgenthal – führte die Anstalt als reines Privatunternehmen. Die ganz besondere Gottesfurcht und Frömmigkeit dieses braven Theologen war indeß die Veranlassung gewesen, daß man in letzten Zeiten aus ähnlichen städtischen (überfüllten) Instituten gegen ein pro Kopf fixirtes Jahrgeld eine bald grössere, bald geringere Zahl von Kindern beiderlei Geschlechts, dem Institute Sorgenthals zugewiesen. Auf diese Art war in Wahrheit die früher vergebens beanspruchte und oftmals von den Vorstehern dieser Stiftung nachgesuchte Subvention aus den Mitteln der Commune dennoch erreicht. Andere Subventionen wußte der für seinen frommen Stand überaus spekulative Candidat durch Haussammlungen zu erzielen, welche in jedem Quartal von frommen Bürgern im Interesse dieser Anstalt vorgenommen wurden. Ein ganz besonderes Verdienst um dieselbe hatte sich der schon oft genannte Commerzienrath erworben, den der Volksmund den »Senator« nannte. Stolterfoths Vater – Begründer der grossen Firma »Gustav Stolterfoth und Söhne« – hatte diese Würde inne gehabt. Ebenso der Groß- und Urgroßvater desselben. Bei den letzten drei Vacanzen höchster Würde hatte man ganz unbegreiflicher Weise den Nachkommen der angesehenen Familie übergangen und trotzdem prädestinirte der Volksmund »den Vater der Armen, der Wittwen und Waisen« noch immer mit der ihm eigenen Zähigkeit für jenen Ehrenposten bei der nächsten Wahl.

Einen näheren Einblick in das Correktions-Institut für Kinder evangelischer (an dieser sektischen Beschränkung hielt der Herr Candidat Sorgenthal äußerst strenge fest) Eltern werden wir zuversichtlich noch im Laufe der nächsten Kapitel thun, wobei die übliche Hausordnung sowohl wie die ganze höhere pädagogische Tendenz dieser »gottwohlgefälligen Anstalt« näher geschildert und besprochen werden soll.…

Während die geschwätzige Krankenwärterin sich von dem mit ihr auf seltsam vertraulichem Fuße stehenden »Herrn Doktor« die in der Stadt über die Ermordung des Protonotar umlaufenden Gerüchte erzählen ließ, war unbemerkt von Beiden mit leisem Schritt eine kleine, spindeldürre, schwarzgekleidete Gestalt in das Zimmer getreten.

Kaum grösser wie ein fünfzehnjähriger Knabe und scheinbar ebenso unausgebildet, mit einem überaus nichtssagenden Gesicht, dem selbst die blaue Brille kein gelehrtes Ansehen geben konnte, die Hände auf der schäbigen, schwarzen Tuchweste gefaltet, das spitzige Kinn tief herniedergesenkt auf das breite, weiße Halstuch, das den übermässig langen Hals straff umschloß – trat diese seltsame Erscheinung, einer fleischgewordenen Karricatur aus einem Witzblatte gleich, auf die beiden Schwätzer zu.

»Stehlet nicht!« rief der Fremde mit einer sehr dünnen und spitzen Diskantstimme.

Die Beiden fuhren auseinander. Die Alte bekreuzte sich unwillkürlich, indeß der ehrenwerthe Doktor den »hochverehrten Candidaten« mit sehr devoten Complimenten begrüßte.

»Ei, du meine Güte, haben der Herr Candidat mich doch erschreckt,« rief die Wärterin und versuchte jetzt ein sehr vertrauliches Lächeln aufzusetzen. »Stehlen? Wir – und stehlen? O du meine Güte!« – Sie senkte heuchlerisch das Auge zu Boden.

Das Gesicht des kleinen Schwarzrockes blieb unverändert.

»Ihr stehlet Gott die Zeit« – begann er nach einer Weile, drohend den Zeigefinger emporhebend. »Nicht zu eitlem Müssiggang ward sie uns gegeben, sondern daß wir allzeit wirken sollen und schaffen im Namen des Höchsten und ihn lobsingen!«

»Amen!« riefen die Beiden in einem Tone und senkten dazu das Haupt.

»Wie stehts mit der Kranken?« fragte er nach einer langen Pause, welche er seinen Zuhörern höchst wahrscheinlich nur deßhalb schenkte, damit sie aus seiner frommen Vermahnung sich die passende Nutzanwendung extrahirten.

»Ein hitziges Nervenfieber ist im Anzug,« antwortete der Arzt, dessen sonst so volltönendes Baßorgan sich zu einem sehr devoten Lispeln herabstimmte.

»Wird viel Geld kosten,« meinte der fromme Mann.

»Der Herr Kommerzienrath wird ja schon –« warf Doktor Sandelholz schüchtern ein.

Ein zornig zurechtweisender Blick des Candidaten verwies ihn zur Ruhe. Der fromme Mann trat darauf zum Lager des schlummernden Mädchens, schob die Brille tief herab auf die spitze Nase und starrte mit feinem völlig ausdruckslosen Gesicht auf die schöne Schläferin. Allgemach entzündete sich auf dem blassen mit Sommersprossen übersäten Antlitz eine rosige Gluth. Auch das graue Auge begann zu funkeln und näher und näher trat er der Schlafenden, bis diese endlich im Traum eine Bewegung mit der Hand machte, die den Abwesenden zu sich brachte. Er trat schnell zurück, winkte den Arzt zu sich und verließ mit diesem in auffallender Hast das Krankenzimmer.…

Die Alte nahm jetzt wiederum ihren Platz im Lehnstuhl ein.

»Wie schön sie ist,« flüsterte sie, indeß sie über ihren Strickstrumpf auf die junge Schläferin hinüberschielte. »Wie fromm und unschuldig schaut das Gesicht aus. Fast könnt's Einem Leid thun – doch was kümmert's mich!« …

Sie nickte allgemach ein. Nichts war hörbar rings umher als der unruhige Athemzug der Kranken und das Tiktak einer Schlaguhr, die sich unmittelbar vor diesem Gemach auf dem Corridor befinden mußte.

Plötzlich fuhr das Mädchen auf aus ihren unruhigen Träumen und mit lauter Stimme rief sie nach Vater und Mutter. Das Auge funkelte von einem seltsamen Glanze und lag doch tief zurückgefallen in seiner Höhle. Dunkelroth glühte das Gesicht. Lebhaft focht die Fieber-Kranke mit den Händen in der Luft umher. Die Wärterin hatte sich rasch ermuntert. Doch was gab's da zu helfen? Nicht ohne Neugierde lauschte sie den verworrenen und unzusammenhängenden Worten der Irredenden.

In diesem Zustande, Speise und Trank unwillig zurückweisend, lag die Arme den ganzen Tag. Gegen Abend überkam sie auf's Neue ein Schlummer. Er schien ruhiger und sanfter. Dreimal noch war Doktor Sandelholz im Laufe dieses Tages bei der Kranken gewesen. Abends kam auch der Candidat und erfuhr mit Schmerzen, daß an ein Nachtgebet, wie das Hausgesetz es vorschrieb, bei dem Mädchen für heute nicht zu denken sei. Mutter Gertrud versprach ein Vaterunser mehr zu beten. Die gute Seele!

Als der Candidat in Begleitung des Doktors das Zimmer verließ, flüsterte er diesem zu: »Glauben Sie wirklich, daß sie zu retten?«

»Die gute Natur muß hier mehr thun als meine Kunst,« meinte der Doktor.

Sie schritten über die Corridore des Hinterflügels, in welchem die Krankenzimmer sich befanden, dem Vorderhause zu. Nur in weiten Zwischenräumen waren Laternen aufgehängt, deren flackerndes Licht nur spärlich die grossen und unheimlichen Räume erhellte. Obgleich eben erst die achte Abendstunde vorüber sein konnte, war's in den Schlafsälen der Kinder ganz still. Im Souterain allein herrschte noch ein lebhaftes Treiben, wo die Köchinen einige Vorbereitungen für die Mahlzeiten des andern Tages trafen, unterstützt durch einige ältere Zöglinge des Instituts. Einförmig und gefühllos sangen sie bei diesen Abendarbeiten uralte Choräle mystischen Inhalts. Man merkte es dem regelmässig sich ableiernden Vortrag an, daß sie nur mechanisch den Text auswendig gelernt. Es klang wie ein ferner unheimlicher Grabgesang. Sonst kein Laut in den halbdunkeln und weitläufigen Räumen.

Sie gingen jetzt durch die hohen Unterrichtszimmer, die im mittelalterlichen Klosterstyl errichtet waren. Eine dumpfe Luft herrschte in denselben, ähnlich derjenigen, die man in lang verschlossenen Kellern antrifft. Nur mit Mühe fand der Doktor durch die Tische und Bänke den ungewohnten Weg. Der Candidat öffnete dicht neben dem Katheder eine kleine Thüre. Sie traten in einen gewölbten Gang, der durch mehrere Glasglocken genügend erhellt war. Dröhnend schollen die Fußtritte in der Stille wieder. Eine zweite Thür. Zu dieser führte der Doktor den Schlüssel. Ein rundes, ebenfalls gewölbtes Gemach nahm Beide auf. Die Wände entbehrten jeglichen Schmucks. Nur unter dem einzigen, starkvergitterten Bogenfenster hing ein grosses Cruzifix auf der einfach getünchten Wand. Eine altmodische Ampel erhellte diesen Raum. An den Wänden sah man Leichenbahren, Tragkörbe und grosse grünangestrichene Kisten. In der Mitte des Gemaches stand ein ovaler Tisch von besonders grosser Dimension und demselben lag von Linnentüchern überdeckt ein junger, weiblicher Leichnam. Der Doktor trat zum Tisch und schlug die Linnen zurück

»Und Sie sind ganz sicher, daß sie todt ist?« fragte der Candidat, welcher die Augen absichtlich zur Seite wandte und ein wenig sich fern hielt von dem Tisch.

Der Arzt nickte.

»Dürften wir also das Geschäft riskiren?«

»Wenn Sie mit dem Todtenschein in Ordnung sind und Ihnen die Begräbnißfeier ohne Leiche keine Scrupel macht.«

»Dafür ist gesorgt. Der Professor B. an der Klinik bot eine ansehnliche Summe. Die Krankheit muß selten sein, sonst steht doch so ein Cadaver nicht in solchem Preis!«

»Mir ist's auch noch nicht vorgekommen!«

Nur mühsam unterdrückte der Candidat bei diesen mit besonderer Wichtigkeit gesprochenen Worten ein halb verächtliches, halb ironisches Lächeln. Es enthielt die herbste Kritik über die Fähigkeiten des Hausarztes.

»Aber die Eltern?« warf der Arzt nach einer Pause ein.

»Nur der Vater lebt. Ein alter Trunkenbold…

Wir füllen den Sarg mit Steinen und lassen den Deckel fest zunageln. Hat er den dummen Einfall, die Tochter noch einmal sehen zu wollen, so wird ihm gesagt, daß bei der seltsamen Krankheit die Verwesung so überraschend schnell ihre Zerstörung geübt, daß das Oeffnen des Sarges mehr als gefährlich sei!«…

»Ich verstehe.«

»Es ist nothwendig, daß Sie selbst den Transport der Leiche zu Professor B. begleiten. Am liebsten wäre es mir, falls Sie sich dazu verständen, den Körper in diese grüne Kiste zu legen. Der Hausknecht braucht dann nicht in's Vertrauen gezogen zu werden!«…

Der Doktor schien in dieser Zumuthung nichts Entehrendes zu finden – und nun dürften wohl des Lesers Zweifel gelöst sein, warum ein so unfähiges Subjekt in einem solchen Institute jene Stelle bekleidete! … Um den Hausknecht überflüssig zu machen, packte der ehrenwerthe Herr Doktor den todten Körper eigenhändig in die Kiste. Der Candidat holte sodann ein Körbchen mit Werkzeug herbei und Beide schickten sich an, die Holzkiste zuzunageln. Eine schrille Glocke, die so eben auf der vorderen Flur heftig angezogen wurde, störte sie in diesem Geschäfte.

»Das gilt mir. Es muß etwas Wichtiges vorgegangen sein!« rief der Candidat. »Vollenden Sie die Arbeit, lieber Doktor. Ich schicke Ihnen sogleich den Hausknecht und Sie machen sich dann sofort auf den Weg. Lassen Sie sich aber gleich bei Ablieferung das Geld auszahlen!« …

Er eilte davon.

Auf der Hausflur des Vordergebäudes kam ihm der Portier des Hauses entgegen. Höchst devot riß er beim Erscheinen seines Herrn und Gebieters die Pelzmütze vom Kopf.

»Was gibts so spät?« forschte unwillig der Institutsdirektor.

»Eine Equipage hält vor dem Hause,« entgegnete der alte Diener. »Ich weiß nicht, soll ich öffnen? Hören Sie, wie ungeduldig schon der Kutscher knallt.«

»Geh' hinaus, tritt an den Schlag und frag wer so spät noch käme und was man wolle.«…

Während der Candidat mit unruhigen Schritten auf den Flächen der Diele auf- und abging, folgte der Portier seinem Befehle und begab sich in's Freie zu dem späten Besuch. Er blieb lange. Sorgenthal trat endlich in die kleine Portierloge, wo der Hausknecht erschreckt aus einem Schläfchen auffuhr, das er vielleicht in Gemeinschaft mit dem Kameraden hier gemacht. Mit einer sehr geschickten Armbewegung praktizirte er eine Flasche mit dunkelbrauner Flüssigkeit, die vor ihm auf dem Tische stand, in seine Brusttasche.

»Der Doktor wartet auf Dich in der Todtenkammer,« sagte der Candidat, der nichts von dem bemerken zu wollen schien, was dicht unter seinen Augen soeben vorgegangen. »Geh, mein Sohn. Er wird Dir sagen, was zu thun. Im Uebrigen aber merke Dir das Wort der Schrift: Wachet und betet, auf daß Ihr nicht in Anfechtung fallet!«…

Der Hausjung machte sich mit sichtbarer Unlust auf den Weg, den unwillkommenen Auftrag auszuführen.

Inzwischen kehrte der Portier zurück und übergab dem Herrn eine Karte.

Dieser hatte kaum einen Blick auf dieselbe geworfen, als er erbleichend und in sichtlich angstvoller Aufregung dicht auf den Portier zutrat und mit stechenden Blicken wie ein strenger Examinator fragte: »Hast Du die Worte gelesen«?

Der Portier legte die Hand auf die Brust und schüttelte den Kopf. »Ich kann ja nicht« – – setzte er dummlächelnd hinzu.

Auch in des Candidaten Gesicht trat ein Lächeln. Er schien ruhiger und gefaßter.

»Führe den Herrn sogleich zu mir – in's grüne Zimmer,« gebot er. »Aber merke Dir's: ich will, daß Niemand von diesem Besuch erfahre!«

»Schon recht, Niemand,« brummte das alte Faktotum und ging auf's Neue dem späten Besuch entgegen, der selbst seinen immer ruhigen Herrn ein wenig außer Fassung zu bringen schien.

Als sich der Candidat in sein Arbeitszimmer begeben wollte, wo er diesen abendlichen Gast zu empfangen dachte, begegnete ihm der Transport der Leiche, welche Doktor Sandelholz eskortirte.

»Nicht dort hinaus!« rief er hastig.

Der Hausknecht, der die grüne Kiste stöhnend auf den breiten Schultern trug, stand still und lehnte sich schwerathmend an die Wand. Erst jetzt bemerkte auch der Doktor, wie schwer es dem Halbtrunkenen werde, das Gleichgewicht unter dieser drückenden Last aufrecht zu erhalten.

»Wartet – oder geht durch die Gärten!« befahl mit sichtlich steigender Angst der Institutsvorstand.

»Was gibts?« fragte der Doktor, dem diese ganz außergewöhnliche Aufregung des frommen Mannes nothwendiger Weise auffallen mußte.

Der Candidat näherte sich dem Arzte und flüsterte demselben hastig einige Worte in's Ohr. Auch dieser trat erschreckt zurück.

»Der Alte? Der Eremit?« fragte er erstaunt.

Der Andere aber gebot ihm mit einem vielsagenden Blick auf den Knecht, Stillschweigen.

»Fort also! Schnell!«

Mühsam machte sich der Hausknecht mit seiner ominösen Last auf den Weg nach den Gärten zu. Der Doktor unterstützte den Wankenden. Kaum hatten Beide die Thüre der Hausflur hinter sich geschlossen, als geräuschvoll die vordere Pforte geöffnet ward.

Der Candidat faltete die Hände auf die Brust und schickte sich an, den Eremiten zu empfangen.

*

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