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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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II.

»Und ich sage, daß ich die Sachen nicht herausgebe, bis die Miethe bezahlt ist!«

»Es ist aber die höchste Zeit. In zwei Stunden segelt der ›Arion‹ ab.«

»Thut nichts, lieben Leute, dann segelt er ohne die Bagage und meinetwegen auch ohne den Herrn Doktor!«

»Wir sind aber herbestellt und wer zahlt uns die Wege, wenn es nichts zu transportiren gibt?«

»Was kümmerts mich, haltet Euch an den Doktor!«

»Wo ist der Doktor?«

»Weiß ich's? Vor einer Stunde rannte er davon und hat droben geprahlt: er schaffe das Geld in einer Stunde! O ich Narr, daß ich ihn gehen ließ. Davon gerannt ist der saubere Patron –jetzt fällt's mir wie Schuppen von den Augen. Weib und Kind hat er im Stich gelassen und ist mir und ihnen durchgebrannt! O der vermaledeite Scribifax! Wie komme ich jetzt zu meinem Gelde? Aber wie… der ›Arion‹ ist ja doch da! Ich laufe auf die Polizei – zu dem Kapitain! Ich bin Hausbesitzer und Bürger, man muß mir zu meinem Rechte helfen. So ein Ausreißer, so ein Spitzbub' will mich über den Löffel barbieren? Oho, ich bin auch nicht von gestern!«

»Still mit dem Larifari! Hier bring ich das Geld! Geht hinaus Ihr Leute und holt die Effekten.«

Mit diesen Worten war der Winkeladvokat zu der lautperorirenden Gruppe getreten, welche sich so eben in dem angeführten Gespräch auf der Hausflur von Dalwings Wirth über dessen Miethsmann in nicht allzu schmeichelhaften Ausdrücken erging.

Dalwing ergriff den plötzlich kriechend höflichen Wirth bei'm Arm und zog ihn in die nächste Fensternische.

»Haben Sie die Rechnung?« fragte er hastig.

»Ganz zu Befehl, Herr Doktor! Hier ist sie. O, ich wußte es wohl, daß Sie mich doch noch bezahlen würden! Ein so solider Mann, ein so akkurater Mann wie Sie – o ich habe nie gezweifelt.«

Das Geldgeschäft war bald beendigt. Der Auswanderer nahm wenig Notiz von den Complimenten und Redensarten des plötzlich wie umgewandelten Hauswirthes. Er preßte, indeß Jener seine Rechnung mit einer Bleifeder quittirte, den glühenden Kopf an die Fensterscheiben. Sein Auge starrte in's Leere. Obschon er äußerlich so ziemlich wieder eine ruhige Fassung erlangte, verkündete dieser irre Blick und die zuckenden Lippen, sowie die hochaufgeschwollene Stirnader die tiefe innere Bewegung des Mörders. Inzwischen kamen die Träger mit den Sachen und mit diesen auch die bleiche Frau und ihr Kind. Mit einem freudigen Lächeln flog sie auf den Gatten zu. Er zitterte, da sie ihn fast stürmisch umarmte.

»Ich that Dir Unrecht vordem« – flüsterte die bleiche Frau. – »Vergib es mir, Adolar. Inzwischen fiel es mir bei, wohin Du Dich gewendet! Warum verschwiegst Du mir's? Es kam Dir schwer genug an, o das fühle und begreife ich. Gleichwohl hättest Du mir's gleich sagen müssen! Also er half? Der brave, redliche Mann! Wir wollen ihm stets ein herzliches Angedenken bewahren! Gott segne ihn, den edlen Pfarrer!«

Er schaute sie bei dem letzten Wort mit ungewissen Blicken an. Sein böses Gewissen glaubte nicht anders, als daß sein Weib durch diese auf's Gerathewohl hin ausgesprochene Vermuthung ihm listig den Namen dessen entlocken wolle, der dieses Mal – »geholfen«! Die kleine Meta umklammerte indeß seine Kniee, und die bleiche Frau ergriff seinen Arm.

»Nun gehen wir mit leichtem Herzen!« sagte sie und streichelte schmeichelnd die erhitzten Wangen des Mörders. Wie lieblich sie war bei dem Ausdruck ihrer fast kindlichen Freude nach all' der Angst dieses verhängnißvollen Tages

Und er, der Mörder, hatte wirklich den Muth in der Begleitung dieser reinen und frommen Wesen dahinzugehen, von ihren Liebkosungen überhäuft, von ihrem süßen Schmeichelwort belobt, von ihren Armen umschlungen?… Er that's. Das Mädchen aus dem Arm, die Frau an der Hand verließ er ruhig und mit fast heiterem Lächeln das Haus. Sein vordem so irres starres Auge strahlte ruhig und klar, als spiegele sich die unschuldvollste Seele in derselben ab.…

Der Hafen war bald erreicht. Durch die Nebel stieg ihnen schon von weitem der Mastenwald entgegen. Bunte Wimpel und Flaggen wehte der Wind an den hohen Masten hin und her, die in der bedeckten nebeligen Luft dem Mädchen wie buntfarbige Vögelungethüme erschienen. Trotz des Regens herrschte auf den Quais ein wildes Leben und Treiben. Das Rufen und Schreien vom Lande wie von den Schiffen bewirkte ein ohrzerreißendes Chaos, in dem alle Sprachen der Welt wirr und disharmonisch durcheinander schwirrten. Dazu die Ausrufer, die rasselnden Wagen! Welch' buntes Bild in seiner Gesammtheit, wie anziehend selbst in der kleinsten Einzelgruppe. Am Ende der Quais standen unter einem Schuppen die Auswanderer, welche der »Arion« hinübertragen sollte in die neue Welt. Auch dort wie manches anziehende Genrebild – wie manche malerische Gruppe – aber zugleich wie viel Elend, Noth und Kummer! Bleiche Gesichter, aus denen der Hunger starrte; Lumpen und Fetzen, aus denen der Fluch der Armuth sprach! Und dann wieder neben all' diesem Elend wie viel rüstige Männerkraft, die dem Vaterlande verloren gehen sollte! Wie viel Hoffnungen in diesen Köpfen, die über das Weltmeer voll Sehnsucht hinüberschauen zum Lande der Freiheit! Werden sich alle erfüllen? Tractätchenspender drängen sich durch die eng zusammenhockenden Weiber und Kinder… der letzte Trost und letzte Gruß des Vaterlandes, der sich ihnen bietet. Sie nehmen die Blätter teilnahmslos entgegen.… Ihr Blick schweift über die Zeilen zu dem stolzen Dreimaster hinüber, der sie fortführt aus dem heimischen Elend in die neue Heimath.

Der »Arion« schaukelt mit vollgeblähten Segeln auf den gelblich trüben Wogen des grossen Stromes, an dem die Welthandelstadt liegt, in der unsere Erzählung spielen soll. Von dem Bord, auf dem die Matrosen geschäftig handthieren und dazu die üblichen kräftigen Lieder anstimmen, führt eine breite Brücke zu dem Quai. Der Schuppen, unter dem die Auswanderer zuletzt auf deutscher Erde ausruhen, steht in einiger Entfernung.

Gabriele und ihr Kind hatten sich, abgesondert von den Uebrigen, auf eine Bank gesetzt. Das Handgepäck, welches sie bei sich führten, lag vor ihnen auf der Erde. Beide sprachen kein Wort. Der Vater war zum Schiff gegangen, um seinen Freund Ströber aufzusuchen, der mit ihnen nach Amerika auswandern wollte.

»Auch der?« hatte die Frau des Winkeladvokaten gefragt, da ihr Mann sie verlassen wollte, Jenen aufzusuchen. Es lag in dem Ton am allerwenigsten Freude über diese Reisegesellschaft.

Der Advokat ging ohne zu antworten.

Vom »Arion« tönte das erste Signal mit der Schiffsglocke. Wie immer verursachte dieses Zeichen des nahen Aufbruchs die größte Unruhe unter den Auswanderern unter dem Schuppen. Im bunten Knäuel fluchend, schreiend, weinend drängten sich Alle dem Ausgange zu, nicht achtend des Rufes, den die Stentorstimme eines Bootsmannes vom Arion den allzu Aengstlichen beruhigend ankündigte: daß man mehr als eine halbe Stunde noch Zeit habe. Das Lärmen und Schreien nahm indeß kaum ab. Selbst die Ruhigeren rafften das Handgepäck zusammen.

Meta hatte sich dicht an die Mutter gedrängt. »Bist Du ängstlich Kind?« fragte sie und versuchte zu lächeln. Ach erst jetzt, da sie sie lassen sollte, fühlte auch sie, wie schwer der Abschied sei von heimischer Erde, und eine grosse Thräne zitterte in ihren Wimpern.

»Nein, Mama,« erwiderte das Mädchen mit seltsam fester Stimme. »Ich ängstige mich jetzt nicht mehr! Gott ist überall zu unserm Schutz! Hier und dort, auf dem Schiff und weiter, so weit wir kommen! Jetzt ängstige ich mich nicht mehr… aber zu Hause, da war mir's recht schwer um's Herz. Nun aber, da es so weit ist, – bin ich ganz ruhig. Müssen wir noch nicht auf das Schiff gehen?«

»Der Vater holt uns ab, wenn's an der Zeit ist.«

»Die anderen Leute gehen doch schon!«

»Hast Du's jetzt so eilig auf das Schiff zu kommen und sprachst doch noch heute Morgen mit Bangen davon… O mein Gott! O Gott!« Sie sprach diese letzten Worte mit tiefster Erregung und wandte hastig den Kopf auf die andere Seite. Als Meta mit kindlicher Neugier und Verwunderung hinter sich sah, bemerkte sie einen hohen stattlichen Herrn in fast priesterlicher Kleidung, der eifrig mit den Colporteuren sprach, von denen auch die Mama zuvor die kleinen Erbauungsschriften empfangen. Der tiefste Schreck spiegelte sich noch jetzt, da der Mann verschwunden war im Volksgewühl, auf dem Gesicht der Mutter und ein eigenthümliches Zittern durchflog noch immer den zarten Körper.

»Was ist Dir, liebste, Mutter?« forschte besorgt die Kleine.

»Nichts! Frage nicht, Meta, Du würdest mich nicht verstehen, darfst auch davon nichts wissen. Es ist schon vorüber!«…

Das Kind aber sah nur zu wohl, daß es nicht vorüber sei mit diesem auffallenden Schreck der Armen. Das ganze Wesen derselben schien wie umgewandelt. Noch immer zitterte sie wie Espenlaub und ihre Lippen bewegten sich, als spräche sie mit sich selbst. Nur einmal verstand Meta die Worte: »Abschied für's Leben!… in der letzten Stunde sein Blick der Liebe.« Die Worte gruben sich tief ein in ihre Seele. Sie wußte selbst nicht, warum auch sie bei denselben zusammenschauerte.

Meta war zu gehorsam, um nach der ersten Abweisung tiefer in das Geheimniß dieses Schmerzes der vielgeliebten, theuren Mutter durch unzeitige Fragen sich einzudrängen. Obschon äußerlich wenig entwickelt, schwächlich und klein für ihr Alter, besaß das vierzehnjährige Mädchen trotz der oberflächlichen Schulbildung (sie war hauptsächlich zu Hause von der Mutter unterrichtet) einen gewissen zartfühlenden Takt und richtig treffenden Scharfblick, der ihr angeboren schien. Dieser sagte ihr jetzt, daß es wohlgethan sei zu schweigen, so sehr auch ihre Neugierde und Theilnahme durch diesen seltsamen Auftritt erweckt worden war. Zudem war ihr ein Geheimniß der Mutter ein Heiligthum, in das sie nur durch diese selbst eingeführt werden dürfe. So beschied sie sich und lehnte den hübschen Lockenkopf träumerisch zurück an die gußeisernen Pfeiler, die das Dach des Schuppens trugen. Nur selten schweifte ihr zärtlich besorgter Blick von dem tieferschütterten Angesicht der Mutter über das bunte Gewühl der laut rufenden Menge der Arbeiter, Matrosen und Auswanderer, welch Letztere sich bereits in dichtgedrängten Schaaren über die Brücke auf das Deck des Arion drängten.… »In der letzten Stunde kein Blick der Liebe!«… Das Wort tönte fort und fort in's Ohr der Kleinen. Welchen Spielraum ließ dieß mystische Wort ihrer kindlichen Phantasie! Und sich – wiederum tauchte aus dem Volksgewühl jene stattliche Erscheinung auf. Wie ernst, wie würdevoll, wie liebreich schaute das graugelockte Haupt auf die tobende, wildgeschäftige Masse. Ihr war's, als erinnere sie sich eines solchen Kopfes.… Auf einem Altarbilde meinte sie's gesehen zu haben. So fromm, so lieb und sanft schaute das hellblaue Auge hervor unter der hochgewölbten Stirn. Frisch wie bei einem Jüngling glänzte die Farbe des etwas runden Gesichts. Ein schon in's Weiße spielender Backenbart umrahmte die rothen Wangen. Das sichtlich in diesem Gesicht sich abspiegelnde körperliche Wohlbehagen störte indeß keineswegs den wohlthuenden Eindruck durch prosaische Abschwächungen. Die Gestalt war hoch, imponirend, wie dir eines Herrschers und hoch über Alle ragte sie empor, da sie endlich dem Blick des Kindes auf dem Quai entschwand. Sie hätte den Mann jetzt unter Tausenden herausgefunden. Aber in welch' räthselhaftem Verhältniß stand derselbe zur Mutter? Er, den Meta nie zuvor gesehen, den sie nie hatte beschreiben hören unter so manchen Bekannten und Verwandten der Eltern? Auf's Neue beschäftigte sich ihre Einbildungskraft ausschließlich mit dieser neuen aber freundlichen Erscheinung, die erst jetzt in so seltsam mystischer Weise in ihren kleinen Lebenskreis trat!…

Das zweite Signal ertönte. Der Vater erschien und trieb zum Aufbruch. Auch Ströber war bei ihm. Es fiel Gabriele auf, daß dieser sich den blondrothen Vollbart abrasirt hatte, den er vordem getragen. Er sah im Uebrigen nicht nur sauberer, sondern auch wohlhabender aus als sonst. Die stereotype graue Sommerkleidung war verschwunden. Seine jetzige Garderobe war der Witterung und Reise entsprechender. Ein ganz neuer Regenrock hüllte zudem die lange und hagere Figur ein. Man konnte ihn, wie er neben Dalwing stand, fast für dessen Bruder halten. Nur die verschiedene Kopfbildung zerstörte diesen Wahn. Der spitze, nichtssagende Kopf Ströbers mit dem spitzen, weitvorgeschobenen Kinn und der kleinen aufgestülpten Nase, den gläsernen ausdruckslosen Augen ohne Laune contrastrirte allerdings seltsam zu dem starkmarkirten geistvollen Kopfe des Winkeladvokaten.

»Es ist Zeit!« – sagte Dalwing, indem er so heiter und sorglos wie in längstverschwundenen Zeiten die Hand auf Gabrielens Schulter legte. »Wir müssen jetzt der Heimath Ade sagen, mein Kind! Nehmt Eure Siebensachen zusammen und dann vorwärts! Hoffentlich sieht uns Deutschland nie wieder!«

Weib und Kind folgten ihm. Nur mit Mühe bahnten beide voranschreitenden Männer ihnen eine Gasse durch den Menschenknäuel, der zwischen dem Schuppen und der Landungsbrücke des Arion wie fest gekittet stand. Auch auf der Brücke selbst war das Gedränge arg. Dazu das Rufen der Schiffsleute, das Zischen der grossen Dampfschiffe, die mit dem Arion den Hafen verlassen wollten, und zur Rechten und Linken desselben bereits ihre Maschinen heizten, die Ausrufe der Scheidenden und Zurückbleibenden, das Kommando des Kapitains und in der Ferne das dumpfverhallende Treiben des Oberhafens und der lärmende Verkehr in den zum Strom hereinführenden Strassen. Ein wildes Bild! Ueber denselben der herbstgraue Himmel und drunten die unheimlich rauschenden gelben Wogen.

Nur langsam hatten die vier Auswanderer den Weg bis zum Deck des Arion zurückgelegt. Dort sah der Kundige bereits die letzten Anstalten zur Abfahrt treffen. Gabriele und das Kind kauerten sich auf die Plätze nieder, die ihnen einstweilen angewiesen wurden. Wirre Unordnung schien dort zu herrschen und doch griff Alles wie ein Räderwerk in einander und löste das scheinbare Chaos in eine disciplinirte Thätigkeit auf.

»Polizei an Bord!«

Der Ruf schreckte Alle auf, die sich bereits an Bord befanden. Eine Patrouille schien geradezu auf den Arion loszumarschiren, die eben jetzt auf dem Quai sichtbar wurde.

Auch der Kapitän verließ seinen früheren Standort und näherte sich nicht ohne Aufregung der Landungsbrücke. Derlei polizeiliche Razzias gehören an einem Welthafen allerdings nicht zu den Seltenheiten. Dieses Militär-Aufgebot jedoch gab dem sonst Gewöhnlichen ein außergewöhnliches Ansehen. An der Spitze der Soldaten schritten zwei Polizeioffizianten höheren Grades. Auf dem Deck wie am Land schob, sich Alles bunt durcheinander. Dalwing und sein Freund Ströber hatten sich, urplötzlich entfärbend, auf das Hinterdeck zurückgezogen. Sie sprachen nur leise aber ungemein rasch und mit lebhaftem Mienenspiel, als gälte es für irgend einen jetzt drohenden Fall zwischen Beiden noch eine letzte Besprechung und Verständigung. Gabriele folgte im Gedränge ihrem Gatten. Sie ward gleich den übrigen anwesenden Frauenzimmern durch diesen Zwischenfall in die größte Aufregung versetzt; derlei Situationen kannte sie aus Romanen. Daß Ströber ihren Gatten bei dem Ausrufe: »Polizei!« sofort und auffallend hastig mit sich fortzog, beunruhigte sie ebenfalls, und eine ängstliche Ahnung flog durch ihren Geist, daß Adolar mit jenem Verhaßten zusammen, der jetzt so eifrig da in ihn hineinredete, durch jene Patrouille gesucht werde. Hatte sie doch die innere Ueberzeugung, daß Ströber ihren Gatten zum Theilnehmer von jenen »heimlichen Geschäften« gemacht, deren er selbst in letzter Zeit so räthselhaft erwähnte – von denen er im Schlaf in lauter Rede oftmals sprach! So bald die Gattin sich zu ernsten Vorstellungen und gründlichen Fragen anschickte, wich er aus oder läugnete geradezu.

Das Alles kam jetzt dem geängstigten Weibe durch den Sinn und nicht wissend warum – eilte sie den Beiden nach. Meta blieb allein. Sie rief nach der Mutter. Diese aber hörte nicht den im allgemeinen Stimmenchaos verhallenden Ruf ihres Kindes. Da Meta jetzt allein Hüterin des Handgepäckes war, gebot die Klugheit, den Platz nicht zu verlassen, nur mit den Augen folgte sie der Mutter. Da diese im dichten Gedränge verschwand, und die Kleine, unbekümmert um all' die ihr kaum verständliche Aufregung ringsumher ihre Habseligkeiten sogleich inspizirte, bemerkte sie plötzlich zu ihrem Schrecken, daß der Kober mit den Eßwaaren fehle, welche man zur Selbstverproviantirung mitgenommen. Sie erinnerte sich, vom Vater gehört zu haben, wie nöthig es sei, bei den hohen Preisen auf dem Schiff und warf sich ihre Unachtsamkeit und Nachlässigkeit doppelt vor. Unter der Bank im Schuppen war, sie wußte es genau, der Kober stehen geblieben bei'm hastigen Aufbruch. Nur sich maß sie alle Schuld zu und gedachte der aus Versäumniß für sie Alle entstehenden Unannehmlichkeit und Entbehrung. Vielleicht ist's noch Zeit – dachte sie bei sich selbst. Noch war ja die Passage zum Lande nicht abgebrochen. Ein vorübergehender Bootsmann hatte ihr gesagt: vor einer Viertelstunde würde das letzte Signal nicht gegeben. Sie faßte den schnellen Entschluß, noch einmal zu dem Schuppen zurückzukehren, und vertraute in ihrer Herzensangst und Aufregung einem neben ihr sitzenden alten Auswanderer ihre Habseligkeiten zur Obhut an. Der silberhaarige Greis hatte ein so offenes und ehrliches Gesicht, daß sie ihm auf den ersten Anblick trauen durfte. Eine grosse Thräne zitterte in seinen Wimpern und das Auge blickte mit unendlicher Schwermuth über diese nebelvolle Nordküste gen Süden zur sonnigwarmen Heimath, von der er doch nach des Lebens und der Natur Gesetzen nichts mehr als – ein Grab zu erwarten hatte. Und doch trieb es den Alten hinüber in die neue Welt? Wer versteht all das Weh, das tausendfach die armen Menschenherzen hienieden quält?…

Meta flog schnell dem Lande zu. Niemand warnte sie. Im Gedränge verschwand gar bald die Kleine und arbeitete sich bittend, flehend und bald weinend durch die dichte Menschenmenge am Quai.

Wider alles Erwarten hatte die Patrouille sich nicht auf den Arion, sondern auf das grosse Dampfschiff zu dessen Rechten begeben. Ein englischer Regierungspostdampfer und – eine polizeiliche Razzia! Die Ideeverbindung war so seltsam, daß kein Mensch sie faßte. Dennoch war es so. Ungarische Flüchtlinge sollten – so sagte man – dort in allerlei Verkleidungen an Bord gekommen sein. Der Fang mußte der Mühe lohnen, da man solche besondere Anstrengungen machte. Der Kapitän des Arion gab, da die Patrouille der »Meerfrau« zuschwenkte, das Signal zur Abfahrt. Das Läuten der Schiffsglocken ward fast übertönt durch den Tumult am Hafen.

Meta hatte indessen in höchster Angst den Schuppen erreicht. Als sie sich der Bank näherte, unter welcher sich der Kober befunden hatte, sah sie denselben in den Händen eines dickköpfigen und stämmigen Burschen. Mit frostgerötheten Fingern suchte derselbe den Deckel des Kobers zu öffnen. Man sah es dem grinsenden Gesichte an, daß seine Nase bereits den Inhalt des Fundes witterte. Entschlossen trat das Mädchen auf ihn zu.

»Das ist mein!« sagte sie. Athemlos, erhitzt in höchster Angst und Erregung konnte sie kein Wort mehr hervorbringen, sondern langte hastig nach dem Kober.

»Oho, da könnte Jeder kommen,« rief der Bursch und versetzte dem Mädchen einen derben Schlag auf die Hand.

Gewaltsam preßte sie die Thränen zurück, richtete sich hoch auf, und strich die Haare aus dem Gesicht. Trotz aller Angst und Aufregung zwang sie sich zur Ruhe.

»Glaube mir, daß es mein ist,« sagte sie und streckte stehend noch ein Mal die geschlagene Hand nach ihrem Eigenthum aus. »Wir sind Auswanderer, in wenig Augenblicken fährt unser Schiff ab. Gieb mir, was mein ist! Du magst mitkommen und sehen, ob ich nicht Wahrheit rede! Gieb und laß mich gehen! Vor einer Viertelstunde saß ich hier mit den Eltern. In der Eile des Aufbruches vergaßen wir das mitzunehmen. Gieb, um Gottes Willen, gieb mir rasch mein Eigenthum.«

»Daß ich ein Narr wär!« stieß der rohe Bursch hervor und zog den Kober dicht an sich heran. »Eine Auswanderin willst Du sein? Hahaha! Laß doch Deine Eltern kommen und sagen, diese Kiste da sei ihr Eigenthum. Ich soll's hier hüten für meinen Seckel, dem gehört's, Du – Du!«…

Verzweifelt stand das Mädchen vor dem kecken Dieb. Sollte sie ihm, dem starken Knaben, das Gepäck entreißen? Die entsetzlichste Herzensangst trieb sie schon dazu an, als der Bursch seinen Raub schnell auf die Schulter hob, und mit wildem Lachen davon sprang.

Keine Thräne – kein Laut – wie gebrochen stand sie da, verzweifelnd über die Bosheit der Menschen, die sie heut' zum ersten Mal kennen gelernt. Das die erste Erfahrung, die das schüchterne Kind in der Welt machen sollte, da sie hinaustrat aus dem engen Kreis, in dem sie zuvor die freudlose Jugend verlebte. Auf's Tiefste empörte sich ihr frommer Sinn über diese Schandthat und keines Wortes mächtig stand sie da.

Doch jetzt – der Gedanke an die Eltern – giebt der Aermsten, der Erstarrten, Leben und Entschluß zurück… hin zum Schiff!… Sie eilt davon… Die dichte Menge achtet nicht des bleichen Kindes, welches nur mühsam durch den rohen Haufen vorwärts kommt. Endlich ist die Stelle am Quai erreicht, wo das Schiff gelegen Wo kam es hin?… Es ist verschwunden. Auch die Dampfschiffe zu beiden Seiten rauschen bereits dahin und ihre Umrisse verschwimmen in dem auf dem gelben Wasser schwimmenden Nebel … Noch hofft sie, sich zu irren… Weiter aufwärts liegen ja ähnliche Schiffe. Sie fliegt den Quai entlang. Sie starrt hinüber zu den dunklen Schiffen, die da kommen und gehen.… Das Schiff, auf dem die Eltern sich befinden, ist nicht da! Nirgends – nirgends erspäht es das starre, verzweiflungsvolle Auge des armen Kindes und jetzt, da sie mit einem Schlag ihrer entsetzlichen Lage eingedenk wird, fällt sie mit einem lauten Aufschrei zusammen. Die umstehende Menge achtet kaum darauf. Roh und gefühllos folgt sie ihrem Geschäft, auch manche der Müssiggänger gehen herzlos vorüber. Vielleicht ist's der oft probirte Coup einer raffinirten Bettlerin, die auf solche Art ein besonderes Mitleid erregen will – vielleicht eine Kranke, deren Berührung schon die eigene Gesundheit gefährdet?… Ein vorübergehender Träger bleibt endlich vor der Ohnmächtigen mitleidig stehen. Das schöne Kind mit den goldenen Locken und dem todtbleichen Angesicht, das leblos und starr auf den naßkalten Quadern liegt, mag ihn rühren. Er ruft einen Hafenpolizisten zu Hilfe. Der unthätige, gaffende Kreis der Neugierigen schließt sich bald um die Arme. Man befeuchtet ihre Stirn mit Wasser. Sie kommt zu sich, sie schlägt die Augen auf. Ein ängstlicher Blick fliegt aus den blauen Sternen rings umher auf die Gruppe, dann richtet sie sich hastig empor… das Gedächtniß kehrt zurück und mit demselben das Gefühl der gänzlichen Verlassenheit in all' seiner Schwere und Furchtbarkeit.

»Meine Eltern!«

Das ist das erste, herzzerreißende Wort, welches das fremde Mädchen hervorstößt. Es ist ein wilder Schmerzenslaut, der aus den tiefsten Tiefen dieses kleinen Herzens sich emporringt.

Man forscht – man fragt. Umsonst! Nach diesem einen Worte scheint sie auf's Neue wie erstarrt. Ihr Auge starrt wirr hinaus in die nebelige Ferne und dorthin weist auch die ausgestreckte Hand der Kleinen.

Der Hafenpolizist erräth, wie es scheint, den Zusammenhang.

»Wohl ein Auswandererkind, das sich verlaufen,« bemerkt er zu den Umstehenden, welche mehr und mehr dieser Scene ihre Aufmerksamkeit schenken. Der Zulauf mehrt sich. Die Vorstehenden geben den Hintermännern Auskunft. Hie und da regt sich Mitgefühl. Ein alter Mann veranstaltet eine Collekte, doch Mancher weiset auch jetzt noch den dargereichten Hut mit ungläubigem Kopfschütteln zurück.

Noch immer steht das Kind in seiner angewurzelten Stellung. Endlich quillt Thräne um Thräne hervor und erleichtert dem jungen Menschenherzen durch deren Abstrom die schreckliche Wucht des Unheils, die auf ihm lastet.

»Wer sind Deine Eltern?« fragte der Polizist.

Sie nennt die Namen, doch Niemand versteht dieselben vor Schluchzen und Thränen.

»Auf welchem Schiffe sind sie?«

Sie weiß es nicht. Hat das Unglück plötzlich ihr Gedächtniß ausgelöscht oder stand der Name des Schiffes niemals zuvor in demselben?

Der Polizist zuckt die Achseln. »Was thun?«

Eine hohe imponirende Männergestalt in schwarzer Kleidung drängt sich jetzt in die Gruppe. »Der Kommerzienrath!« heißt's ehrerbietig ringsum und die Nächststehenden gaben Raum. »Platz dem Herrn Senator!« rufen Andere und ein gewisses respektvolles Schweigen tritt ein. Die Kleine hat ihr weinendes Gesicht in die dunkelfarbige Schürze gedrückt. Sie hat keinen andern Gedanken als ihr Elend. Der Senator forscht nach der Ursache des Auflaufes. Der Hafenpolizist gibt Auskunft, so gut er's vermag.

»Und nichts Näheres?« forschte der mildlächelnde, alte Herr.

»Nichts, Herr Senator. Das Schiff ist sicher längst aus dem Hafen. Sie zeigt weit hinaus. Den Namen weiß sie nicht.«

»Armes Kind!«

Er hat diese Worte nur leise, wie zu sich selbst, gesagt, schiebt die goldene Brille zurück und fährt mit einem blendendweißen Tuch über die Augen.

»Laßt mich nur machen. Ich nehme die Kleine mit mir und alle Verantwortung dieses besonderen Falls auf mich. Das arme Kind!« …

Man wiederholte die Worte.

»Der brave Herr«… »Der edle Menschenfreund!« so lautet die Kritik des herzlosen Haufens, der sich selbst nicht zur geringsten Hilfeleistung verstand.

»Was ist's?« fragen Fernstehende, denen man nicht ohne romantische Zusätze den Sachverhalt mittheilt.

»Der Senator Stolterfoth!«

»Ach der! Ja dann! Freilich der!« Und neue Ausrufe der Anerkennung und Hochachtung.…

»Der Vater der Armen, der Wittwen und Waisen!« – sagt ein alter, stelzfüssiger Seemann, der eben mit einem Stück Kautabak seinem Kameraden die Geschichte von der Auswandererstochter erzählt, welche der edelmüthige Senator mit sich nehmen und für sie sorgen will.…

Der also Gelobte und Verehrte war inzwischen zu der Kleinen getreten und legte sanft die Hand auf deren Schulter.

»Folge mir, mein Kind –« sagte er mit einer sanften Stimme, die Vertrauen erweckend und liebevoll, selbst auf einen ganz Fremden nicht ohne Wirkung bleiben konnte. »Hoffe auf Gott, dem wir zunächst dein Geschick anheimstellen müssen! Was in unsern menschlichen Kräften steht, soll geschehen, Dich den Eltern zurückzugeben. Bis dahin sollst Du nicht verlassen und hilflos sein! Habe Vertrauen und folge mir!«

Erst bei den letzten Worten wagte die schluchzende Kleine aufzuschauen. Ihr thränenumflorter Blick fiel zunächst auf den Mann, dessen weiche Stimme den Weg zu ihrem Herzen gefunden hatte… da sie aber voll und ganz das tiefblaue Auge aufschlug zu ihm… welch ein seltsames Zusammenzucken der zarten Gestalt… welch seltsamer Ausdruck der Mienen!

»In der letzten Stunde – kein Blick der Liebe!« rief das Mädchen und sank auf's Neue ohnmächtig vor ihrem neuen Beschützer zusammen.

*

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