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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 15
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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XIV.

Schon dreimal hatte der Portier des Eremiten den Maler abgewiesen, dessen übervolles Herz sich darnach sehnte, dem väterlichen Freunde sein Glück mitzutheilen. Leicht war zwischen ihm und der Jugendgeliebten eine gegenseitige Erklärung alles dessen erfolgt, was dunkel und räthselhaft über der langen Trennungszeit gelegen. Der alte Bund ward erneuert und die Sonne eines neuen Lebens stieg glückverheißend auf vor dem Liebespaare! Nur eine Wolke verfinsterte sie: das räthselhafte Schicksal des geraubten Kindes! Noch immer hatte man trotz aller Nachforschungen, zu der Richard jetzt auch die Hülfe der Staatsbehörden requirirte, nicht die geringste Spur entdeckt.

Es war acht Tage nach dem in aller Stille erfolgten Leichenbegängniß des Commerzienraths, als der Maler abermals vor dem einsamen Waldschloß Einlaß begehrte. Nicht nur die glückliche Wiedervereinigung mit der geliebten Gabriele wollte er dem alten Herrn melden – es drängte ihn auch, dem tiefgebeugten Vater Trost zu spenden. Wußte er doch, wie sehr das Herz des Alten an dem Sohne gehangen; ahnte er doch die übertriebenen Vorwürfe, die der Eremit sich bei den schrecklichen Enthüllungen jenes Selbstmordes gemacht!

Zu Gabrielen hatte er von dem Eremiten zeither nicht gesprochen. So gewiß er auch des wärmsten Antheils war, den der Alte an Allem nahm, was ihn selbst interessirte – so zweifelhaft erschien es ihm, ob der tiefsinnige, seltsame Mann es erlauben werde, daß eine neue Persönlichkeit in jenen ängstlich bewachten Zauberkreis einträte, den er um sein Grab (so nannte er das einsame Schloß) gezogen.

Zu seiner großen Freude wies man ihn heute nicht ab. Er durfte daraus entnehmen, daß die eigentliche Krisis bereits überstanden sei und daß der tiefgebeugte Vater auch über diesen Schicksalsschlag sich getröstet. Die früheren Abweisungen des Stetswillkommenen nahmen den Maler bei dem eigenartigen Character seines Freundes kaum Wunder, da er dessen Grundsatz kannte: theile deine Freuden mit Allen, die derselben würdig – deinen Schmerz trage allein!

Der alte schweigsame Portier flüsterte ihm bei'm Eintreten zu: »unten im Schachspielzimmer! Es geht besser mit ihm – und doch ist noch nicht alle Furcht beseitigt. Es waren bitterböse Tage, junger Herr. Daß ich Sie auch abweisen mußte. Sie hätten gewiß dem alten Herrn – und uns Allen – manche Unruhe erspart. Von einem Doktor will er nichts wissen – und doch thät' der so noth! So kann's nicht lange mehr gehen! Ueberzeugen Sie sich selbst – reden Sie dem Herrn zu, daß er einen Arzt beordern lasse!«

Diese beunruhigenden Worte trieben den Maler an, den väterlichen Freund ohne Aufschub aufzusuchen.

Als er eintrat, saß der Alte an der gewohnten Stelle und spielte mit sich selbst das geliebte Schach – seine einzige Arznei wider alle bösen Träume, wie er oftmals gesagt.

Die Nachmittagssonne fiel mit schrägen Strahlen in das dunkle Gemach. Sie schienen das ehrwürdige Haupt des Alten wie mit einem Glorienschimmer zu umstrahlen. Richard bebte zurück, da er das todtbleiche, abgemagerte Gesicht erblickte. Das schneeweiße Haupt senkte sich todtmüd und kraftlos tief herab auf die hochgewölbte Brust. Das glanzlose Auge war auf das Schachbrett geheftet. Er winkte dem Gast, sich zu setzen und spielte noch eine Weile mit sich selber weiter. Dann plötzlich warf er die Figuren durcheinander und wollte sich erheben. Die Kräfte aber gestatteten es dem Greise nicht. Er fiel zurück und streckte die zitternden Hände dem jungen Mann wie hülfeflehend – einem Versinkenden gleich – entgegen. Richard eilte auf den Alten zu und kniete stillweinend vor ihm. So verharrten sie in tiefer, feierlicher Stille eine lange, lange Weile.

Als der Maler endlich sein Haupt emporhob, fühlte er wie eine heiße, schwere Thräne auf seine Stirn herniederfiel. Des Alten Hände waren über ihn gefaltet wie zum Gebet. Ihm war's, als flüsterte die bleiche Lippe stille Segensworte über ihn, und trotz der rinnenden Thränen glänzte es in dem bleichen Gesichte des Alten wie ein schwacher Freudenschimmer. Endlich erhob er den Knieenden und zog ihn sanft an sich, indem er kaum vernehmbar flüsterte:

»Nur Du – nur Du! Gott war gnädiger als ich's verdiente – Er hat Dich mir gelassen!… Kein Wort, Richard. Sprich nicht, mein Sohn!«

Dann lehnte er sich erschöpft zurück, doch nur für eine kurze Weile.

»Höre mich an, mein Freund,« begann er dann wieder und seine Stimme klang voller und sicherer. »Du weißt, was mich betroffen! Fast wäre ich dem Schlage erlegen – war's doch wie der Streich der Mordaxt an meinem eigenen morschen Lebensbaum! Du weißt, welche Vorwürfe mich peinigen mußten, da ich das Entsetzliche vernahm, mich, der ich den Sohn zu diesem Lebensweg gezwungen, den er wider Willen betrat! Ich glaubte mich verantwortlich machen zu müssen für das, was ich als die letzten Folgen des aufgezwungenen Berufes ansah! Doch der Himmel nahm diese Last von mir! Insgeheim verließ ich dies Grab und mischte mich unbekannt unter die Lebenden, um die Neige des Wehrmuthsbechers zu trinken, um Alles genau zu erkunden, was jenen Unglückseligen betraf!… Er ist meiner Thränen nicht werth, Richard!… Dazu durfte selbst ein verfehlter, aufgezwungener Beruf, den er haßte, ihn nicht führen! An solchen Werken habe ich keinen Theil! Mein Wort und das Vorbild im Elternhaus erzogen den andern Sohn gleich ihm und säten doch kein solch' giftiges Unkraut in dem Herzen!… Der Heuchler, der Unwürdige – verdient unsere Thränen nicht!… Laß fahren dahin!… Du – Du bist mir ja geblieben! Mein Sohn – o jetzt darf Dich mit unbeschränktem Recht mein Herz so nennen!…Mein Tag geht zur Rüste – gleich der Sonne dort – Du bist dann an meinem einsamen Sterbelager – und drückst das lebensmüde Auge zu!«

»Und wenn Dein Sohn Richard nun hofft« – –

»Keine Hoffnung mehr – keine! Ich fühl's! Schon sitzt der Tod im Herzen – seine kalten Schauer durchrieseln mich – der stärkende Schlaf flieht – es geht zu Ende mit mir – und das bald – recht bald!«

»Nicht doch, mein Vater! Mir wird es vergönnt sein, dieses scheinbare Abendroth in die Frühröthe eines neuen Tages umzuwandeln. Im Glück Deines Sohnes sollst Du noch lange Dich dieses neuen Tages freuen.«

»Es gibt für mich nur – das eine Frühlicht– das des ewigen Tages dort oben! Mir ist's bisweilen – als sehe ich seine goldigen Strahlen herniedersteigen – liebende Arme wollen mich emporziehen! Still, still, mein Sohn. Gar Manches habe ich Dir zu sagen, ehe ich scheide. Wer weiß wie kurz die Frist ist – ich muß sie nützen, ehe dieser Mund auf ewig verstummt! Noch manches Geheimniß aus vergangenen Tagen muß an das Licht. Dir will ich meine letzte Beichte thun – Dir, dem Einzigen, von dem die Trennung mir schwer fällt. Was das Glück und mein Fleiß mir an irdischen Besitzthümern verlieh, ist Dein. Dir brauche ich die Miterben nicht zu empfehlen – alle armen Menschenbrüder sollen sich theilen mit Dir in diese Erbschaft! Du hast Dich nach so manchen schmerzlichen Täuschungen in das heitere Reich der Kunst hinübergeflüchtet. Dort suchte Dein vielgeprüftes Herz Trost! Es konnte ihn dort suchen – denn es ist jung und das Schicksal ließ nicht alle Hoffnungstriebe in ihm ersterben. Möge die Kunst Dir erfüllen, was so mancher glaubensstarke Jünger umsonst von ihr erhoffte! –

Was ich Dir hinterlasse, gewährt Dir materielle Selbstständigkeit – jede, auch die bitterste Enttäuschung, trägt sich leichter, wenn wir unabhängig sind und die Wunden der Seele in sorgenfreier Zurückgezogenheit heilen können, ohne daß auch das leibliche Bedürfniß uns darin stört!… Kein Wort – mein Freund! Mein Auge liest in Deiner Seele alle Einwendungen, alle Erwiederungen! Still davon!… Du hörst den letzten Willen eines Sterbenden!…

Noch ein Geständniß habe ich Dir zu machen – ich wollt' es mit mir nehmen in die Gruft – doch es will sich nicht einschließen lassen in diesen Kerker! Das Bild, das Dir bleibt von Deinem zweiten Vater – vielleicht schmückt Deine künstlerische Phantasie es zu einem idealen Vorbild aus, Dein dankbar Herz für meine Liebe duldet keine schwarze Schattenseite. Das darf nicht sein. Ganz sollst Du mich kennen. Auch die vielen dunklen Fehler dürfen Dir nicht verborgen bleiben! Mögen sie Dich warnen, wenn auch über Dich die böse Stunde kommen sollte, wo Leidenschaft die Stimme der Vernunft erstickt! Kein Mensch darf sagen, er sei frei von solchen!… Das Geständniß peinigt mich – ich will's kurz machen!…

Ich hatte ein Weib, das ich liebte… Ich hätte mein Leben für sie dahingegeben… Du sollst das Bildniß dort – es ist das ihre – anschauen, wenn jene böse Stunde kommt und dabei dieser Worte gedenken… Ein Thorenspruch sagt: die wahre Liebe sei nie frei von Eifersucht! Auch mich beherrschte diese entsetzlichste aller Leidenschaften. Herz und Hirn waren von ihr erfüllt – ich litt unsäglich…

Ein reicher Spanier, dessen Vater in Amerika große Pflanzungen besaß und diesen Sohn nach Europa sandte, sich dort in befreundeten Geschäften auszubilden, arbeitete auf meinem Comptoir. Er war jung, schön und feurig. Er war es, der den grundlosen Verdacht in mir erweckte, der mich aller Vernunft beraubte. Mein Weib ahnte nichts… Je mehr ich mich bemühte, meine Leidenschaft sorgsam vor aller Welt zu verschließen… desto heftiger ward dieselbe… Sie regierte mich ganz und gar… alle Selbstbeherrschung war dahin!…

Ein Buchhalter drängte sich listig in mein Geheimniß – der Elende nährte meinen Verdacht durch erlogene Erzählungen und Berichte über die Aufmerksamkeiten, welche der Spanier meiner Gattin erwiesen haben sollte, er sprach von geheimem Briefwechsel – von Rendezvous!… welche Motive ihn dabei leiteten – ich weiß es nicht! Endlich brach der wahnsinnigste Groll gegen den vermeintlichen Verführer offen hervor… In meiner Raserei hatte die Vernunft keine Stimme mehr – blindlings folgte ich den Einflüsterungen jenes Elenden… Der Spanier ward durch eine schändliche List zum Dieb gestempelt und als ehrloser Betrüger aus dem Geschäft entfernt – ja bei der letzten Zusammenkunft zückte ich gegen ihn den Dolch. – – –

Zu meiner Frau konnte ich auch nach der Entfernung des Spaniers – trotz all' ihrer Versöhnungsversuche kein volles Vertrauen fassen!… Ich zog mich immer mehr in mich selbst zurück… Man schalt mich herzlos, geizig… Auch als die Kinder heranwuchsen, ward das eheliche Leben kein innigeres… Die Söhne wurden bald in die Fremde geschickt – und die Tochter – ein Ebenbild der Mutter – war mir verhaßt gleich jener! Mit finsterem Groll trat ich Allem in den Weg, worin beide ihre Erheiterung und ihren Trost fanden – ja ich gefiel mir in der Rolle des trocknen, herzlosen Geldmenschen!…

Die Tochter entfloh dem Elternhause… um einem aufgedrungenen Freier zu entgehen, mich ich damals ich associren wollte. Der Ruhm meiner Firma war mein Alles. Ihn zu mehren, scheute ich kein Mittel… Mein Fluch folgte der Tochter, die sich dem Vater nicht opfern wollte. Sie suchte Trost in… der Kunst! Ob sie ihn fand – ich weiß es nicht – – sie ist todt! …

Mein Weib siechte dahin! Die Söhne kehrten heim und mußten sich in den aufgedrungenen Stand finden… Erst nach dem Tode meiner Frau ward ich inne, wie schwer ich mich an diesem Engel versündigt hatte. Ich fand Briefe von dem Spanier vor, aus denen hervorging, daß an einen Verkehr, wie ich ihn argwohnte, nicht im Geringsten von beiden Seiten gedacht worden sei!… Umsonst suchte ich nun die mahnende Gewissensstimme durch jegliche Art von Buße zu versöhnen. Die Tochter wollte ich zurückrufen. Es war zu spät. Mein Sohn brachte mir von einer Reise die Todesnachricht der Armen!…

Ich gab mein Geschäft auf und floh aus meiner Vaterstadt. Ich wollte todt sein für Alle, die darin lebten, denn jedes Gesicht schien mich dort an mein unsühnbares Unrecht zu erinnern. Ich ging nach Amerika – den Mann zu suchen, dem ich das größte Weh angethan!… Vergeblich waren meine Nachforschungen. Er war gen Süden gezogen! Ich durchstreifte vergebens die Südstaaten; die entlegenen Farmen entzogen sich dazumal noch der Controle der Administration! .…

Gebrochenen Herzens kehrte ich zurück. Das Heimweh war allzumächtig in dem alten Herzen!… Ich vergrub mich in diese Einsamkeit… nur meine Söhne wußten, daß ihr Vater noch lebe… Selbst den alten Namen legte ich ab – Du weißt es – und ein Paß aus Amerika legitimirte mich hier als Bürger der Union!«

Erschöpft hielt der Alte auf's Neue inne. Die Augen hatten sich geschlossen und die marmorblassen und marmorstarren Züge nahmen wieder jenen schrecklichen Ausdruck an, der den Maler schon so oft mit Grausen erfüllt hatte. Die Erstarrung dauerte länger als gewöhnlich. Nur an einem leisen, schmerzlichen Zucken her Mundwinkel erkannte man, daß in diesem scheinbar leblosen Körper dennoch ein Leben sich rege. Ach welch' ein qualvolles Leben!

Schon wollte Richard dem alten Diener läuten, der in solchen Anfällen völliger Apathie dem alten Herrn den bekannten Trank zu reichen pflegte, als jener die Augen aufschlug, sich mit einer Elastizität emporrichtete, welche dem Maler auffallen mußte. Der Blick war voll, groß und klar. Ueber die eben noch so starren und ausdruckslosen Züge goß sich ein von innen ausströmendes, freudiges, friedensvolles Lächeln, das einer Verklärungswolke gleich das edle Angesicht des Dulders überzog.

»Du wirst,« begann er jetzt, als habe er in seiner Rede nicht die geringste Pause eintreten lassen, mit volltönender Stimme: »Du wirst in meinem Nachlaß jene Briefe finden, die mich von jenem Wahn leider zu spät geheilt haben. Auch der Dolch ist dabei, mit dem ich dem vermeintlichen Nebenbuhler das Herz durchbohren wollte – derselbe, den ich in einem Verzweiflungsanfall gegen die eigene Brust gezückt und den Du, mein Richard, mir damals entwandest! Bewahre ihn zum Andenken an jene Stunde, die uns zusammengeführt! Es war eine der dunkelsten in meinem Leben – und doch ging mir in ihr der einzige Hoffnungsstern auf– aus Deinen lieben Augen! – der dem freudlos dem Grabe Zuschleichenden den letzten Pfad so lieblich erleuchten sollte!…

Wie oft habe ich mit Schmerz und Reue jener Stunde gedacht! Der Tod des Commerzienrathes hat sie mir jüngst wieder so recht lebhaft in's Gedächtniß zurückgeführt! Der Selbstmord ist die abscheulichste aller Sünden! Tod und Missethat fallen zusammen! Es ist ein Frevel, zu glauben, daß wir Macht über unser Dasein besitzen! Hier ist die Grenze der freien Selbstbestimmung des Menschen!

Und doch – wer seines Kummers Endlosigkeit zu ermessen geglaubt – wie gar leicht geräth er auf diesen lockenden Abweg, wo er mit Eins von sich abschütteln zu können vermeint, was er nicht mehr zu ertragen glaubt! Man hat es oft als Heroismus bezeichnet, was im Grunde doch nichts als der erbärmlichste Kleinmuth ist! Größere Seelenstärke als die zu schnellem Tod erforderliche, besteht darin, ein Leben, das nichts als Leiden in der tiefsten Perspektive zeigt, dennoch zu ertragen und auszuharren bis an das Ende! Meine Leiden nun aber gar – selbstverschuldet wie sie sind – sind sie nicht eine gerechte Strafe des Himmels? und seiner gerechten Rächerhand wollte der Uebelthäter ihr Amt unmöglich machen? …

Ich trug von jener Stunde an, ohne zu murren und zu klagen, das selbstverschuldete Leid! Je länger die Marter sich fortspann – desto näher glaubte meine aufrichtige Reue der barmherzigen Vergebung des höchsten Richters entgegen gekommen zu sein!… Nicht ohne Hoffnung auf Verzeihung darf ich jetzt, da ich ruhig ausgeharrt bis an das Ende, hinübergehen und mich dem Gerichte stellen!… Du bist es, mein Freund, dem ich diese einzige und letzte Hoffnung zu verdanken habe! – Dir darum das letzte Dankeswort, der letzte Segensgruß!«

Seine Stimme ward immer leiser und verlor sich allmälig in ein kaum noch hörbares Flüstern!

»Was ist der Mensch mit all' seinem eitlen Selbstbewußtsein?« – sagte er nach einer längeren Pause. »Mein Leben war Müh' und Arbeit. Ich habe geschafft vom Morgen bis zum Abend meines Lebens im Schweiße meines Angesichts und ehe es mir wie Schuppen von den Augen fiel, glaubte ich in stolzer Selbstgerechtigkeit: nichts gethan zu haben, was mir zum Vorwurf gereichen könnte!… Ein ebenso guter Vater und Gatte wähnte ich gewesen zu sein als ein guter Bürger, als ein wahrer Menschenfreund und frommer Christ!…

O ich Thor! Trug ich den Hauptspruch aller Christenlehre wohl im Herzen: liebe deine Feinde?… Vergab ich denen, von denen ich mich beleidigt glaubte?… Ach, ich prüfte nicht einmal ihre Schuld, sondern rief in unwürdigem Jähzorn: Aug um Auge – Zahn um Zahn! … Mein Wille– mein irrender, befangener, vorurtheilsvoller Wille galt mir für ein Gesetz, dem jedes Mitglied des Hauses blindlings sich fügen müsse!… So stieß ich Weib und Kinder selbst von mir! Ich kehrte mir selbst ihre Liebe in Haß!…

Jetzt da ich bereuend die Hände nach ihnen ausstrecke, da ich sie weinend an das Herz drücken möchte, greifen die Hände in die Leere – und das öde Herz sehnt sich vergebens nach dem der Kinder!… Oftmals traten sie an mich heran im wahren Traum – Abgeschiedenen gleich, die mit drohender Geberde vom Jenseits heimzukehren schienen, um mir zu sagen: fürchte das Wiedersehen, das Du wünscht! Fürchte es, denn unsere Anklage wird Dich zermalmen!…

Ach wie oft begeht doch der irrende Mensch, der im besten Recht sich wähnt, das heilloseste und unsühnbarste Unrecht!… Die Folgen seiner Thaten, stünden sie klar vor ihm, wann er sie bezahlt, müßten ihm ein donnerndes ›Halt inne‹ zurufen – doch sein irrbefangenes Auge verschließt sich dem Vorwärtsschauen! Tritt dann endlich die Summe seiner Vergehen vor ihn hin – muß sich widerstrebend der Blick öffnen – ach dann ist die Reue zu spät, die Sühne nur zu oft unmöglich!«

So erging sich der Alte in den endlosen Selbstanklagen. Der Maler versuchte umsonst dem Aermsten Trost einzusprechen. Schon verzweifelte er, daß es ihm gelingen werde, dem väterlichen Freunde heute mitzutheilen, wovon sein Herz überströmte, als dieser selbst ihm unverhofft dazu Anlaß bot… Er kam auf das Schicksal des geraubten Kindes, forschte nach den Fortschritten, welche die polizeilichen Recherchen gemacht und äußerte, wie unendlich glücklich es ihn machen würde, vor seinem Ende noch an der armen Waise ein letztes gutes Werk zu thun! Richard erzählte, daß er zwar für die Entdeckung des so geheimnißvoll und räthselhaft entschwundenen Mädchens bis jetzt keine großen Hoffnungen habe, daß sich aber eine mächtige Bundesgenossin mit ihm vereinigt, dem unbekannten Schicksal der Armen nachzuspüren.«

»Eine Bundesgenossin?« fragte mit sichtlichem Erstaunen der Eremit.

»So ist es! Dein Staunen ist mir erklärlich – doch es wird sich steigern, wenn ich Dir sage – aus welchem Interesse dieselbe jene Entdeckung der Verschollenen mit mir so eifrig betreibt!

»Deine Augen leuchten, mein Richard – als spiegele sich in ihnen das Frühlicht eines glücklichen Tages.«

»Es ist jenes Frühroth, mein Vater, von dem ich schon vordem sprach – jenes Frühlicht, in welches das Abendroth sich wandeln soll, welches Dein thränenmüdes Auge jetzt vor sich zu sehen glaubt! Und lange, lange noch sollst Du mit uns im Verein Dich dieses glücklichen Tages erfreuen, den jenes Frühlicht mir verkündigte. Vernimm denn: jene Bundesgenossin ist die Mutter des armen Kindes, das wir schon so lange vergeblich suchen – ist Gabriele – die Freundin meiner Jugend – das Bild meiner Träume – das Ziel meiner Sehnsucht – die erste und einzige Geliebte meines Herzens!«

Die gewaltige Erregung hinderte ihn weiter zu sprechen. Mit thränenden Augen ergriff der Selige die Hände des Alten und zog sie an sein klopfendes Herz!

»O Richard – Richard – Du hast Recht. Es leuchtet auch mir wie Frühlicht entgegen – Dein Glück macht mein todtmüdes Herz noch einmal jung – und ich höre tief von innen eine Stimme zu mir reden, die mir verkündigt: die Nacht muß weichen, die Du schon rings um Dich wähntest! Noch ist es Tag – noch darf sich meine Lebenssonne nicht neigen!… Gabriele… wie der Name mich mahnt an alte, vergangene Zeit – an alte Schuld! O könnte ich sie abtragen an der Freundin Deiner Seele! Gleich einer Tochter soll sie mir willkommen sein!«

»Ihr Schicksal wird Dich an die Verlorenen erinnern – ihre Liebe wird Alles aufbieten, der Tochter gleichzukommen.«

»Und warum zögertest Du, sie in meine Arme zu führen?«

»Du weißt –wie streng Dein oft wiederholter Befehl: Niemand Dir zuzuführen! Ich fürchtete, daß sie« –

»Nicht willkommen? Nein, nein, mein Freund! Ein neuer, lebensfroher Geist zieht bei mir ein! Sie soll kommen! Säume nicht! Denn nicht düster wie zuvor soll es um mich her sein – nicht mehr ein Grab! Ist mir's doch, als sei aus Deinem Glücke, mein theurer Richard, auch für mich neue Hoffnung erstanden! Mutter und Kind zu vereinen, welch ein herrlicher Vorsatz! Und dann Du mit der lang Verlorenen vereint im trauten Herzensbund – wirkend und schaffend, nicht nur träumend und grübelnd in einer Welt des Scheins – so schön sie auch ist – und ich in Eurer Mitte, besonnt von Eurem Glück, kann an Deinen Kindern gut zu machen suchen, was ich an den eigenen einst verbrach!…

O mein Gott, zu plötzlich und blendend fast strömt dieses lichthelle Glück auf mich ein – zu groß, zu unverdient ist diese Freude am Abend des Lebens zu dem Unwürdigen herabgestiegen vom Himmel! … O daß ich es als ein Zeichen begrüßen dürfte, daß meine Reue dort oben mich der ewigen Gnade empfahl als einen, der der Vergebung nicht unwürdig sei!… Gabriele nanntest Du sie! Ja ganz recht!… Schon früher erzähltest Du mir von ihr!… Gabriele Werner! Du sahst sie in einem kleinen Städtchen des Südens auf den weltbedeutenden Brettern. Die geheimnißvolle Sympathie, die ihr Band um alle wahlverwandten Künstlerherzen schlingt, zog Dich zu ihr… Doch … sie verließ Dich!… Deine Briefe wurden nach der Trennung nicht beantwortet«. –

»Der unselige Irrthum, der mich so viele Thränen gekostet, ist aufgelöst. Ein Elender unterschlug meine Briefe und ihre Antworten und gewann unter falscher Freundesmaske das arglose Herz der Armen. Nach einer freudearmen Ehe erfuhr sie – fast durch Zufall – wie schrecklich sie verrathen sei!… Als sie vor Jahren, arm und elend von hier mit dem schändlichen Gatten (den Leidenschaft und innere Haltlosigkeit schließlich zum Verbrecher gemacht) nach Amerika auswanderte, verlor sie das einzige Kind, das im Augenblicke der Abfahrt das Schiff verließ, um ein vergessenes Päckchen zu holen.

Ein vielbewegtes Leben voll Jammer und Elend führte die Aermste jenseits des Oceans. Als sie das schreckliche Verbrechen des Gatten inne ward, verfiel sie in Wahnsinn. Ein edler Menschenfreund nahm sich ihrer an. Bei ihm fand sie die sorgfältigste Pflege und ward so dem Leben erhalten. Aus Dankbarkeit für diesen edlen Mann reichte sie dem Sohn desselben, der, zu edelsinnig, ihr seine verzehrende Liebe aufzudrängen, dahinsiechte, ihre Hand und erhielt ihrem Wohlthäter sein einziges Kind, an dem mit überschwenglicher Liebe dessen ganze Seele hing. Ein Jahr kaum dauerte diese Ehe. Den Gatten und dessen Vater raffte ein epidemisches Fieber dahin.

Sie veräußerte die reiche Erbschaft und kehrte nun nach Europa zurück… Heimweh nach dem Vaterlande – Sehnsucht nach dem Kinde, dem sie von drüben durch Vermittlung jener Edlen schon lange nachgeforscht, zogen sie allmächtig zurück!… Auch für den unvergessenen Geliebten der Jugend sprach in ihrem Herzen manche Stimme – ein gütiges Geschick führte sie in dessen Arme und der Schwur ward erneut, den ein feindliches Schicksal nicht auf ewig zu trennen vermochte!«

»Und wie nennen – oder nannten sich jene Edelmüthigen, die in der Ferne sich der armen Verlassenen so großmüthig annahmen?«

»Sie führt als Gattin des Sohnes den Namen einer Sennora Jannos.«

Ein lauter Schrei folgte dem Namen. Wie durch einen Blitzstrahl berührt, zuckte der Alte zusammen. Hochaufgerichtet stand er vor dem erstaunten Maler. Das Auge schien weit hervorzutreten aus der Höhle – seine Arme streckten sich weit aus – Haupt und Brust wiegten sich weit vornüber – es war, als wolle er mit allen Sinnen zugleich den Namen noch einmal hören, ja fassen und sehen gleichsam, der diese seltsame Wirkung auf ihn ausgeübt.

»Wie – wie sagtest Du?« rief er mit einem fast gellend lauten Ton.

Richard wiederholte mit zitternder Stimme und schreckensbleich den Namen der Geliebten.

Und jetzt – als habe er vordem dem Gehör nicht trauen wollen – jetzt stürzte der Greis laut aufschreiend zusammen und lag regungslos vor dem Erstaunten.

Diener eilten herbei. Der Schrei des Herrn war, so schien es, in dem ganzen grabesstillen Gebäude wiederhallt. Das Aeußerste schien zu befürchten. Aschfarben und marmorkalt war das Gesicht des Greises. Entsetzt standen die Diener um ihn. Richard allein raffte sich auf, um zu helfen – wenn noch zu helfen sei. Erst nach langer Zeit gelang es den vereinten Bemühungen der Anwesenden, den Armen wieder zur Besinnung zu bringen. Allgemach nur kehrte Leben und Erinnerungsvermögen in ihm zurück.

Als sein Blick freier, der Athem regelmäßiger ward, winkte er dem Diener, sich zu entfernen… Richard mußte bleiben. Er forderte ihn durch eine stumme Bewegung auf, sich ihm zu nahen. Mehrere Male versuchte er zu sprechen, doch die Stimme versagte ihm. Gleichwohl schien er unwillig, daß Richard ihn eindringend bat, sich zu schonen.

»Ich bin stark,« sagte er endlich – doch die schwache Stimme schien das Bekenntniß Lügen zu strafen– »ich muß es sein! Gabriele Jannos – – sie ist – – o Himmel, wie wundersam – sie ist – –« wiederum stockte die Stimme. Ein schmerzliches Zusammenzucken der Gesichtsmuskeln verrieth den inneren Kampf des Armen, dessen übervolles Herz sich nicht durch Worte entlasten konnte. Doch Thränen sprechen statt der Worte… So ward er ruhig und ruhiger… Endlich hub er also wieder an:

»Jener Spanier – mein Freund – an dem meine grundlose Eifersucht so schrecklich gesündigt – führte den Namen, der mich vordem so gewaltig ergriffen. Es können dieses Namens Manche sein – doch schwerlich ist Einer dieses Geschlechtes so überaus edelsinniger Denkart wie Jener! Was er an Deiner Gabriele gethan – O wie stimmt es so ganz zu dem hochsinnigen und edelherzigen Charakter des von mir Verkannten!… Erzählte Gabriele Dir nicht – doch schwerlich, edle Seelen schweigen ja von dem, was ihr Lob am lautesten verkündigt!«

»Nur in flüchtigen Umrissen, mein Vater, entwarf sie mir ein Bild ihres wechselvollen Lebens… Das Schicksal der armen Meta beschäftigte uns Beide derart, daß jene ausführliche Erzählung auf spätere Zeiten der Ruhe verschoben ward.«

»Nanntest Du ihr den Namen des Eremiten – Deines einzigen Freundes?«

»Ich unterließ es. Ich fürchtete – –«

»Ich will Dich nicht tadeln, obschon mein Richard mehr Vertrauen haben dürfte zu meinem Herzen. Jetzt aber« – –

»O gewiß, mein Vater, ich werde sie von Allem in Kenntniß setzen und sie zu Dir führen, sobald Du wünschest!«

»Der Eremit – der Amerikaner James Jefferson erwartet sie morgen,« sagte er mit besonderer Betonung des angenommenen Namens, den er seit seiner Rückkehr vor der Welt und für dieselbe führte. (Nur im Paulinum war durch eine Indiskretion des Commerzienraths der wahre Name des Eremiten bekannt.)

Richard begriff, was der Alte mit jener Betonung sagen wollte. Wußte Gabriele um die Schicksale ihres Schwiegervaters im Hause des alten Senators, so durfte der wahre Name desselben bei ihr Antipathieen hervorrufen, die er bei der Geliebten, in Bezug auf den Eremiten, am wenigsten geweckt wissen wollte.

»Wohl, mein Vater,« erwiederte er herzlich, »ich werde Gabriele morgen dem Bürger Jefferson zuführen!«

»Nicht Du!… Sie komme allein!… Ich bitte Dich darum, mein Sohn!«

»Auf morgen also, mein Vater!«

»Auf morgen!«

Er winkte ihm zu gehen. Sein herzlich bittender Blick, mit dem er diesen Wink begleitete, der warme Händedruck, mit dem er Abschied nahm, bestimmten Richard trotz der sichtlich fortdauernden Erregung und nicht ganz besorgnißlosen Abspannung des Alten, jenem Wink zu gehorchen.

Als er den Heimweg zur Stadt antrat, hüllte bereits das Abendgrauen Wald und Flur in seine halbdurchsichtigen Flore. Nebel stiegen auf aus den tiefen Niederungen und zogen sich von dort aus über die Getreidefelder und das Niederholz. Auf den westlichen Hügelreihen der letzte Schimmer des scheidenden Tages – gen Osten über dem dunkelen Buchenwald die blasse Mondscheibe. Die Purpurwolken, welche der Sonne das Geleit gegeben, tauchten sich allgemach in mattgelbe und violette Tinten. Sabbathstille ringsumher.

Auch Richard, dessen Stimmungen sich so leicht der Natur, die ihn umgab, anschmiegten, empfand, wie wohlthuend dieses feierliche Schweigen, diese heilige Stille ringsumher auf ihn einwirkte.

»Nach allen Stürmen des gluthversengten Tages,« dachte er, »wird in gleicher Ruhe der Abend Deines väterlichen Freundes sich herabsenken über sein weißes Haupt und wie hier mich tiefaufathmende Befriedigung umweht, so wird auch er versöhnt und ruhig den Blick einst schließen. Nur Eins bekümmert mich. Er will Gabriele allein – unvorbereitet sprechen! Darf ich nach diesem allzu deutlich ausgesprochenen Wunsche die Theure vorbereiten? Wenn sie nicht ahnt (wie aber sollte sie es?), daß Jefferson und Stolterfoth identisch sind, wird ihre Schilderung dessen, was sie von jenem edlen Spanier in Bezug auf den deutschen Handelsherrn vielleicht erfahren, nicht anders ausfallen? Der Eremit wünscht diese rückhaltslose Erklärung, das liegt klar am Tage! Ist Gabriele eingeweiht in Alles, so wird der Greis aus ihrem Munde sein Urtheil hören. Zwar darf ich erwarten, daß jener wahrhaft edelmüthige Mann ihm längst vergeben, daß er vielleicht auf dem Sterbebette noch segnend des armen alten Verblendeten gedachte – aber dennoch – dennoch!…

Wenn ich selbst wenigstens völlig eingeweiht wäre in alle die räthselvollen Schicksale, die das wechselnde Leben über meine Geliebte hüben und drüben verhängte – ich dürfte jenem Auftritt mit mehr Ruhe entgegen sehen. Gabrielens Takt und Zartgefühl wird, so darf ich sicher hoffen, bald das Interesse errathen, welches der Eremit an dem Namen Jannos nimmt; je früher Jener die Maske des falschen Namens fallen läßt, desto leichter wird Gabriele diese peinliche Scene zu Ende führen. Wüßte sie nur, welch' eine bedeutungsvolle Rolle sie in derselben spielt!… Fast drängt es mich, ihr Alles zu entdecken!…

Und doch – wenn es ein Irrthum wäre, wenn jener Jannos eine ganz andere Person gewesen als die, welche in des Eremiten Leben einst so verhängnißvoll eingriff? Würde ich in diesem immerhin denkbaren Fall nicht das Geheimniß des väterlichen Freundes entdecken, das ich gegen jeden Menschen treu zu bewahren schwor? Darf Gabriele bei diesem Eid der Freundschaft ausgeschlossen sein? Nimmermehr – auch sie nicht!… Wohlan, Gott wird es zu Ende führen nach seiner Weisheit! Ihm stelle ich den Ausgang anheim!«

Unter solchem Selbstgespräch war er durch die Lichtung des Waldes der Stadt zugeschritten. Rechts von dem breiten Sandweg, der zwischen Kornfeldern und Wiesen in vielfachen Krümmungen der Stadt zulief, zeigten sich bereits die düsteren Gebäude des Paulinums. Die Weise eines alten Chorals, den die Zöglinge zum Abendsegen sangen, tönte gar wehmüthig und trüb klang das fromme Lied. Es war wie der hoffnungslose Schmerzensschrei armer Gefangener.

Richard mußte der armen Meta gedenken, die einst in jenem finsteren Hause das gleiche Sclavenjoch getragen wie jene Armen, deren kindliche Stimmen jetzt statt eines ihnen verständlichen, frohen Dankgebetes die düstere Weise eines mystischen Liedes singen mußten. Mit übergeschlagenen Armen stand er sinnend eine Weile still und schaute mit den träumerischen Augen durch die Nebelflore zu dem unheimlichen Gebäude hinüber! Welche Geheimnisse bargen jene düsteren Mauern! Er gedachte der Erzählungen des armen Kindes, das man seinem Schutz entrissen, von der Todtenkammer, den schrecklichen Nachtscenen, wo die geängstigten Kleinen die persönliche Ankunft des Teufels erwarteten, von dem unterirdischen Gange, in dem man sie lebendig begraben wollte…

Während er so stand in tiefes Sinnen verloren, eilte eine dunkle Gestalt über die nebligen Felder dem Sandwege zu. Richard ward derselben erst ansichtig, als dieselbe ihm dicht gegenüber stand. Ein breiter Graben nur trennte noch die Beiden. Wild und abschreckend war diese Erscheinung. Die Kleidung in Unordnung, der Rock über die eine Schulter geworfen, das Hemd zerrissen, das Haar flatterte um das aschfarbene Gesicht, die Hände fochten wild durch die Luft und kreischende, unartikulirte Laute begleiteten diese Gestikulationen

»Seid Ihr's?« ruft die Gestalt dem Maler entgegen und winkte hastig, zu ihr herüberzukommen… Vom Paulinum her tönte ein wildes Geschrei. Einzelne Angstrufe wurden hörbar.

Der Maler will anfangs seinen Weg fortsetzen, es ist unheimlich, sich mit diesem Fremden einzulassen, der auf ihn den Eindruck eines fliehenden Verbrechers macht. Doch wenn diese Annahme richtig – ist es nicht seine Pflicht, denselben aufzuhalten?… Der Fremde überspringt jetzt den Graben. Er strauchelt auf dem thauigen Rasen. Richards kräftige Hand hält ihn zurück, daß er nicht hinabstürzt in das schwarze Gewässer.

»Seid Ihr's?« fragt der Andere nochmals und tritt dicht an den Maler heran. »Ihr seid so ermüdet, Commerzienrath – so ein ganz Anderer! Hahaha, alter Cammerad, seid Ihr der Comödie überdrüssig und werft die Maske bei Seite? Hütet Euch! Die Polizei ist uns auf der Spur – hört Ihr nichts? Da – da rufen sie uns nach! Aber der Teufel führt sie irre. Kommt mit mir – ich kenne die Wege im Wald! Wir müssen uns aufmachen. Geld habe ich im Ueberfluß – ächtes gutes Geld – kein Maculaturpapier wie Ihr in den Kassen der Cäcilienstiftung bewahrtet! Lustig, Freundchen! Mach' doch kein so grämliches Gesicht! Quält Dich Dein Gewissen? Hahaha, damit bin ich fertig, der Teufel hat's mir über Nacht ausgeschnitten und ist mit dem Dings durch den Rauchfang abgefahren! Siehst Du – da über dem Nebel fährt er dahin – mein Gewissen ist in seinen Krallen – es sieht aus wie eine Kindesleiche, so bleich, so kalt wie sie in der Leichenkammer lagen! Weißt Du noch, Freundchen? Wo hast Du die hübsche Clara hingethan, die ich Dir schenkte? Hast Du sie bei'm Ballet untergebracht? Wüßt' ich nur, daß die Meta Wort hält! Sie will drüben sein im Walde und mit mir fliehen! Hahaha ein allerliebstes Kind – fast so schön wie die Dörthe und die Babette, die wir nach Amerika schafften, weil – hahaha! Aber die Spürhunde sitzen den Auserwählten des Herrn auf dem Nacken und wollen alle Mägdelein uns entführen! Der Teufel plage sich ab mit den dummen Jungen! Aber die holdseligen Mägdelein!«

Ein gräßliches Hohnlachen schloß die Jammerrede des Wahnsinnigen ab. Richard, obschon aufs tiefste ergriffen durch diese Scene und voll Entsetzen über die Schändlichkeiten, welche der Verworfene in seinem Wahnsinn ausplauderte, hatte Fassung genug, den Flüchtigen mit beiden Händen festzuhalten. Schon näherte sich das Rufen derer, die ihn zu suchen schienen.

»Hieher, Leute!« rief er mit lauter Stimme den Gestalten zu, welche durch die dichten Nebel der Wiesen heraneilten.

Der Wahnsinnige schien in diesem Augenblick den Irrthum zu erkennen; mit gewaltiger Anstrengung riß er sich los von dem Unbekannten, in dem er kurz zuvor den Commerzienrath zu sehen glaubte. Ein verzweifelter Ringkampf entspann sich zwischen Beiden. Richard fühlte, wie die Kraft des Wahnsinnigen ihn überwältigte. Schon kamen die Verfolger näher und deutlich vernahm er ihren Zuruf: »Haltet, haltet den Wahnsinnigen!«

»Fahre zum Teufel!« schrie der Candidat und befreite sich mit einer fast übermenschlichen Kraftanstrengung aus den ihn umklammernden Armen des Malers. Mit schnellen Sprüngen eilte er, laut auflachend, die Straße bergab dem Walde zu. Völlig erschöpft und machtlos lehnte Richard an einem Baum. Ein Schlag des Wahnsinnigen hatte ihn, da Jener sich von ihm losriß, völlig betäubt. Die Verfolger übersprangen den Graben. Der Doktor des Paulinums war der erste, welcher auf Richard zueilte.

»Dort – dort!« schrie er, und zeigte den Sandweg hinab, wo die Gestalt des Wahnsinnigen eben in dem immer dichter werdenden Nebel verschwand.

Ein Polizist blieb bei Richard zurück. Die Uebrigen schienen sich um den Bewußtlosen nicht mehr zu kümmern, da sie sahen, daß es dem Fremden nicht gelungen war, den Wahnsinnigen aufzuhalten. Es dauerte lange, bis sich der Maler erholt, um dem Polizisten Aufschluß ertheilen zu können über das Vergangene. Der Mann schrieb Namen und Stand des Erschöpften und noch immer nach Athem Ringenden in sein Taschenbuch. Entkam der Wahnsinnige, so durfte die Aussage des Malers nicht unwichtig erscheinen, zumal für die, welche von dem Senat geschickt waren, sich des Candidaten zu bemächtigen. Damit motivirte der Beamte das genaue Examen, welches er so rücksichtsvoll als möglich angestellt.

»Was gegen den Herrn Candidaten vorliegt,« so schloß er, weiß ich nicht. »Wir waren beauftragt, denselben ins Criminal zu führen. Als wir jedoch zu diesem Zweck im Paulinum anlangten, erklärte der Doktor Sandelholz uns offen den Zustand des Unglücklichen. Das Irrenhaus schützt den Mann vor dem Gefängniß… Fühlen Sie sich stark genug, den Weg zur Zeit zu Fuß zurückzulegen? Sonst steht Ihnen einer unsrer Wagen zur Verfügung. Sie erlauben, daß ich Sie zu dem Commissair führe, der uns dirigirt. Stützen Sie sich auf meinen Arm. Im Paulinum wird sich mehr für Sie thun lassen, als hier! Sie sind noch immer athemlos und erschöpft. Ich bitte – lassen Sie uns gehen!«

Richard's Zustand ließ es in der That mehr als wünschenswerth erscheinen, dieser Einladung des rücksichtsvollen Beamten zu folgen. Der Faustschlag des Wahnsinnigen hatte die Stirn des Malers getroffen. Ein Ring, den jener Elende an einem Finger getragen haben mußte, hatte sich tief eingegraben und einzelne Blutstropfen quollen aus der Wunde. Der Polizist hatte ihm ein Tuch um die Stirne gewunden. Auf seinen Arm gestützt, gelangte Richard in das Paulinum.

Dort herrschte die größte Aufregung. Die Flur war angefüllt von den Zöglingen, welche ihre Schlafsäle verlassen hatten. Ihre Lehrer hatten sich denen angeschlossen, die den Wahnsinnigen verfolgten, und so machten sie Gebrauch von ihrer Freiheit, dem Ausgang des Dramas beizuwohnen, welches vielleicht nicht ganz ohne ihr Wissen an diesem Abend im Paulinum durch die rächende Hand der niemals schlummernden Gerechtigkeit in Scene gesetzt ward.

Als der Maler mit dem Polizisten eintrat, empfing beide ein lauter Freudenschrei der Zöglinge, welche glaubten, daß man ihren Peiniger eingeholt und jetzt der gerechten Strafe zuführe. Dieser Ausruf war eine hundertfache Anklage gegen jenen Elenden. Er rang sich los aus den tiefsten Tiefen jener unglücklichen Geschöpfe, deren Wohlthäter der fromme Vorsteher des Paulinums gewesen sein wollte.

Der Polizist führte Richard zum Commissair, der im Kassenzimmer beschäftigt war. Alle Kassen wurden dort unter seiner Leitung versiegelt und die Bücher des Candidaten in eine Kiste gepackt. Der Maler wurde mit Zuvorkommenheit von der Gerichtsperson empfangen. Die weibliche Bedienung wurde citirt, dem Erschöpften die Stärkungsmittel zu reichen, welche sein Zustand erheischte. Die blutende Wunde wurde durch feuchte Umschläge gekühlt.

Da der Schreck und das Entsetzen über jenes schreckliche Zusammentreffen ungleich mehr auf ihn eingewirkt, so war die physische Erschöpfung bald überwunden, sobald sich der Maler geistig beruhigt und völlig gesammelt hatte. Der Kommissair nahm nochmals zu Protokoll, was Richard aussagen konnte und bot demselben auf's Neue seinen Wagen an.

Schon wollte sich dieser, dankbar ablehnend, entfernen, als ein Tumult auf der äußeren Flur entstand. Lauter als zuvor tönte der Freudenruf der Zöglinge, welche alle so mühsam, so quälerisch und grausam ihnen beigebrachte Verstellung vergaßen, als sie den Candidaten mit gebundenen Händen in der Mitte von vier Polizisten eintreten sahen.

Der Wahnsinnige schien völlig theilnahmslos. Der Freudenruf der Kinder schien ihn auf einmal dieser völligen Apathie zu entreißen. Er hob das aschfarbige Gesicht drohend empor und rief mit heiserer Stimme:

»Choral drei und vierzig sollt Ihr singen!«…

Der Commissair ließ den Gefesselten so rasch als möglich in einen verschlossenen Wagen bringen, der seiner bereits harrte. Die Polizisten schwangen sich auf ihre Pferde, ihren Gefangenen zu eskortiren. Die Lehrer versprachen Ruhe und Ordnung zu halten. Der fortdauernde Tumult der Zöglinge schien besondere Vorsichtsmaßregeln zu erfordern. Der Commissair empfahl den Vorsteher mit lauter Stimme: »nicht durch fortgesetzte Strenge und im Geist der alten Hausordnung diese Ruhe herzustellen, um sich selbst vor Verantwortung zu wahren.«

Als die Kinder diese Worte vernahmen, drängten sie sich jubelnd an den Redner heran und gelobten unter Freudenthränen, Alles zu thun, was sie sollten. Still und folgsam räumten sie die Hausflur. Die älteren stimmten dabei einen kindlichen frohen Gesang an, wie man ihn so gern und nicht ohne Rührung von frohen Kinderlippen erschallen hört! Solche Weisen hatten wohl nie zuvor das Echo in diesen düsteren Gemäuern geweckt!

Als der Commissair in den Wagen stieg, beeilte sich der Doktor Sandelholz, unter den devotesten Complimenten sich der Huld desselben ganz besonders zu empfehlen und seine Verdienste um die Einholung des Wahnsinnigen herauszustreichen.

Richard konnte die freundliche Einladung des Beamten nicht nochmals zurückweisen und verließ mit diesem das Paulinum. Noch in weiter Ferne hörten Beide den leis verhallenden Gesang der Zöglinge.

»Sie haben recht, die armen Kleinen,« äußerte tief bewegt der Commissair zu dem in tiefes Sinnen verlornen Maler, »diesen Tag mit frohen Dankesliedern zu schließen. Der Geist der wahren Liebe zieht ein – und alle finsteren Geister der Vergangenheit müssen weichen vor seinem Licht und seiner Freiheit!«

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