Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Asmus >

Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 14
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
Schließen

Navigation:

XIII.

»Und das wißt Ihr wirklich nicht, Freund Fischering, Ihr, der doch oft aus- und einging im Hause des Commerzienrathes? Das ist curios! Die ganze Stadt ist voll davon seit gestern!«

»Ihr sagt mir das erste Wort, Jürgensen! Aber wie kam's denn – ist's auch verbürgt?«

»Wahr und wahrhaftig! In der Neustadt drüben hat's darum sogar Krawall gegeben! Ja, wir hier in der Altstadt wissen immer von Nichts! Heda, Wirthschaft, noch zwei Gläser Grog – der Fischering bezahlt! Schade, daß Ihr nicht gestern hier gewesen! hierher kam die Nachricht brühwarm. Der kleine Kerl von der Papiermühle brachte sie, der Frikke mit dem einen Glasauge. Da kommt er just die Straße herab. Der weiß Alles – den fragt aus.«

Es währte nicht lange, so saß der Mann mit dem Glasauge, welcher als zuverläßigster Neuigkeitskolporteur bei den Besuchern des »blauen Hechts« galt, bei Beiden am Tische und erzählte dem staunenden Fischering den Hergang der ganzen Geschichte mit großer Zungengeläufigkeit.

»Wittwen und Waisen ohne Zahl,« so schloß er, »sind auf das schändlichste betrogen. Alle ihre Gelder hat dieser schuftige Heuchler in seinem Geschäfte angelegt, das seit Neujahr schon so zu sagen perdu gewesen ist. Auch der alte Buchhalter hat all' seine Ersparnisse verloren. Im Geldkasten vom Cäcilienstift lagen Ziegelsteine und Makulatur! Schändlich! Unerhört!«

»Und solchen Kerl, solchen Jesuiten,« flocht der phlegmatische Jürgensen ein, »nannte das dumme Volk den Vater der Wittwen und Waisen? Ein schöner Vater, meiner Treu – ein ächter Rabenvater! Sie haben ihm gestern das Haus demoliren wollen – die Polizei und das Militär mußten einschreiten!«

»Auf das Begräbniß bin ich gespannt. Da gibt's Spectakel, da müssen wir dabei sein!« schrie der Papiermüller.

»Wobei? Wo ist Skandal?« rief es tumultuarisch in der Schenkstube durcheinander. Alle Gäste sammelten sich an dem Tisch des bekannten »Volksredners«. Verwitterte Bursche und haarbuschige Gesellen zumeist – die Hefe der Plebs! Eine Prachtgallerie confiscirter Gaunerköpfe. Nur des Papiermüllers schrille Dämonenstimme konnte das laute Durcheinander siegreich übertönen.

»Er darf nimmermehr ein ehrliches Begräbniß haben – wenn er auch aus Abrahams Saamen ist, wie man sagt,« rief dieser mit großer Emphase und begleitete seine Rede mit vielen grotesken Bewegungen. »Er muß auf den Armensünderkirchhof so gut wie der Schmalhans, der Banksekretair, der sich als überwiesener Dieb im Gefängniß vergiftete! Geschiehts anders – so machen wir Krakehl!«

»Ja – ja, wir machen Krakehl!« schrie tobend der Chor der Gäste.

»Die feine Donna vom Ballet,« begann auf's Neue der Papiermüller, »die der Jesuit mit Geschenken überschüttete, ward gestern im Theater ausgepfiffen. Heut' Morgen hat sie die Polizei aus dem Thor spedirt! Schändlich! In ihrem Schmuckkasten trägt sie die sichere Beute mit sich – das Blut und die Thränen unserer Wittwen und Waisen. Zerreißen könnt' ich solch' Frauenzimmer! Schad', daß sie uns entwischt ist!«

»Wißt Ihr das Neueste aus dem Paulinum?« ließ sich die Stentorstimme eines andern Gastes vernehmen, dessen herkulische Gestalt eben auf der Schwelle sichtbar wurde und dem alsbald alles ehrerbietig Platz machte.

»Hurrah der Ringscheidt! Hurrah! Was giebt's von den Muckern Neues?« So tönte es dem Herkules aus einem Dutzend heiserer Kehlen entgegen.

»Der Candidat liegt im Dilirium!« rief der jüngst Angekommene. »Es soll mit ihm vorbei sein! Er ist unheilbar! Ein Glas ihm zum glücklichen Rutsche in das Jenseits!«

»Mit Nichten!« entgegnete der Papiermüller, welcher ungern das Wort an einen Anderen überließ. »Langsam soll er hinsiechen, der Menschenschinder! Das ist auch einer von den Jesuiten unter den Evangelischen! Ein Mucker – ein Traktätchenkrämer – ein Schwarzrock! Sein ganzes Paulinum mag mit ihm zur Hölle fahren! Das ist ein gerechtes Strafgericht, ihr Freunde! So müssen sie alle dahin, alle diese Mucker und Scheinheiligen. Dann wird es besser! Solche Leute, wie der Doktor Pauli müssen an's Ruder, das sind die wahren Volksfreunde!«

»Was, die Advokaten, die Rechtsverdreher?« meinte ein Anderer aus der lärmenden Gesellschaft. »Die ziehen uns erst recht das Fell über's Ohr und Alles im Namen des Gesetzes!«…

»Nieder mit den Advokaten!« rief der Chor.

»Wenn wir erst völlige Gewerbefreiheit haben,« donnerte der Herkules, der sich eben durch ein großes Glas Rum zu einer neuen Philippika begeistert, »dann brauchen wir gar keine Advokaten und Notariusse und wie all' das Geschmeiß heißt! Gewerbefreiheit und alle mögliche Freiheit und wieder Freiheit das ist jetzt die Hauptsache! Was soll all' der Kram von den alten Zeiten! Ein Jeder muß handeln und thun und glauben dürfen, was er will, und auch sagen und schreiben dürfen, was er will! das ist der Hauptpunkt! Les't doch die ›Abendzeitung‹ – da steht Euch das Alles klar vorgedemonstrirt! Civilehe und kein stehendes Heer – das ist die Hauptsache. Dahin muß es kommen! da müssen wir Alle dafür stehen.«

»Die Abendzeitung ist ein schlechtes Blatt,« schrie der Papiermüller und sprang auf seinen Stuhl, um mit seiner Entgegnung besser durchzudringen von diesem erhöhten Standpunkt. »Was weiß die Abendzeitung von der Lage der Dinge – und vom Geist der Zeit? Die Leute schreiben auch nur für's Brod! Wenn die Gewerbefreiheit kommt, sind alle kleinen Meister zu Grunde gerichtet! der gute Mittelstand hört auf – jeder Bummler kommt herein, wird Bürger und setzt sich fest! Wer gibt für meine Papiermühle noch einen Groschen? Sie ist dann dem Teufel zu nichts nutz als zum Pferdestall!«

»Nieder mit ihm – er spricht gegen die Freiheit!« riefen einzelne Stimmen aus der tumultuarischen Masse. Der Herkules griff mit der einen Faust dem Papiermüller in den Nacken und setzte den jämmerlich kreischenden Knirps auf die Erde.

»Der Ringscheidt hat Recht! Er soll leben! – Nieder mit dem Papiermüller! Es lebe die Gewerbefreiheit,« riefen die Schnapsbrüder durcheinander. Beschämt schlich der Papiermüller davon, um der ihm drohenden Lynchjustiz bei Zeiten zu entgehen.

»Hört! hört!« schrie's just vom andern Ende der tabakqualmigen Stube und eine untersetzte Figur sprang auf den krachenden Holztisch mit einer Zeitung in der Hand, die er gleich einer Fahne unter heftigen Gestikulationen um den Kopf schwenkte. Die Masse drängte sich alsbald dem neuen Redner zu, der sich nur mit Mühe verständlich zu machen schien.

Fischering blieb mit seinem Freunde Jürgensen in seiner Ecke zurück. Ein unheimliches Gefühl überschlich den Ersteren. So geheimnißvoll er auch immer seinen Umgang mit dem jetzt verpönten Commerzienrath betrieben, so sehr er andererseits in dieser lüderlichen Gesellschaft in Ansehen stand – es graute ihm doch vor einem Umschwung dieses Wohlwollens, falls jetzt Einer oder der Andere ihn als Agenten jenes Selbstmörders denunzirte. Er kannte den Wankelmuth dieser Menge zu wohl. Heute Hosiannah – und morgen kreuziget ihn!… Er hatte es oft genug erfahren.

So drückte er sich denn schweigend in die dunkle Ecke und suchte das Stillschweigen des Nachbars durch verschiedene Gläser Grog zu erkaufen. (Der Trödler Jürgensen wußte um Fischerings Beziehungen zu dem Kommerzienrath; er war ein Gevatter der guten Mutter Theo.) Nur einzelne vernehmliche Stellen des Vortrages klangen zu den beiden Zechern hinüber.

Der Mann auf dem Tisch, ein schielender Kerl in einer zerrissenen Blouse, verlas soeben eine Anzeige aus der Abendzeitung, welche die lockende Ueberschrift führte »Dreihundert Thaler Belohnung«. Da spitzte der geldgierige Fischering sein Ohr. Von einem Mohren oder Mulatten war in der Annonce die Rede, der spurlos verschwunden sei. Wer Nachricht über denselben geben könne, sollte jener Belohnung theilhaftig werden.

»Alle Teufel,« dachte Fischering, »der Fang lohnte sich also doch! Die Sennora ist mir entwischt, der dumme Schwarze aber ging in die Falle und sitzt nun bei mir unter Schloß und Riegel! Wüßt' ich nur einen sichern Mittelsmann, der mir um ein billiges den Handel abwickelte. Ich selbst darf natürlich nicht persönlich das Geschäft abmachen!… Vor allen Dingen will ich doch sogleich revidiren, wie der schwarze Teufel sich bei mir einlogirt hat! Hahaha, da soll ihn weder Mond noch Sonne – geschweige ein Menschenauge auswittern.«

Schon stand er im Begriff zu gehen, als eine zweite Bekanntmachung, die der Blousenmann verlas, seine Aufmerksamkeit fesselte. Sie handelte von einem Kinde, ehedem im Paulinum erzogen, dann in Pflege bei dem Maler Richard Calamos. Auch hier war ein noch bedeutenderer Preis ausgesetzt und das Polizeiamt selber hatte den Aufruf contrasignirt.

»Bei'm Maler Calamos?« rief der Herkules mit der Stentorstimme. »Zum Satan, der ist ein famoser Kerl, ein Volksfreund! Vor zwei Monaten hat er einen von meinen Jungens aus dem Stadtgraben gezogen und selbst zu meiner Alten nach Hause gebracht! Der hat's also gethan, was damals in den Zeitungen zu lesen stand, als die arme Dirn aus dem Muckerhause davon gelaufen war! Bei dem war sie?! Alle Hochachtung vor dem Mann!«

»Wer aber kann's denn wagen, mitten in unserer Stadt aus einem Bürgershause ein Mädel wegzustehlen? Das ist just ja wie in uralten Zeiten,« schrie der Blousenmann auf dem Tisch mit Aufgebot aller Lungenkräfte.

»Wer's wagen kann?« gab Ringscheidt höhnisch zur Antwort. »Als ob darüber noch ein Zweifel sein könnte! die Mucker! Der saubere Herr vom Paulinum oder seine Helfershelfer, denen doch d'ran liegt, die Geschichte zu vertuschen! Ich glaub' sogar, ich bin auf der Spur und wenn Etliche von Euch sich entschlößen, mit mir gemeinsame Sache zu machen, wir würden vielleicht noch heut' den Preis einsacken!«

»Redet! heraus mit der Sprache! Wir alle sind dabei!« hallte es von allen Seiten.

»Hört also! Ihr kennt den Doktor Sandelholz, den durchgefallenen Studenten, den Pferdedoktor, wie sie ihn heißen. Der schleicht seit Tagen schon auffallend oft zum Mosevius, der in dem alten Fuchsbau wohnt, wo früher das Kloster stand. Das ist just der Ort, um Versteckens zu spielen. Der Mosevius ist auch einer von den Muckern und der alte Klostergarten, der ihm gehört, stößt dicht an den Hof des Malers. Wer weiß! Wer weiß! Wollen wir doch einmal revidiren? Unser Haufe ist groß genug. Tumult ist doch in der ganzen Stadt, da geht's mit Eins hin, und im schlimmsten Fall muß die Polizei uns ja noch unterstützen in unserm menschenfreundlichen Werk.«

»Der Ringscheidt ist meiner Treu auf richtiger Fährte,« rief der Trödler, der sich von Fischering losriß und zur Gruppe trat. »Die alte Xantippe, des Mosevius Weib, hat unlängst bei uns mehrere feine Kleider gekauft, wie sie sie selbst nicht trägt, der alte Geizdrache. Als meine Frau so nebenbei fragt, für wen sie die Sachen kaufe, da sagt sie: Für eine Confirmantin! Hat sich was! Zu Ostern wird bei uns confirmirt, nicht im September oder August! Mir war's gleich verdächtig. Was gilt's, sie kaufte die Kleider für die gestohlene Dirn, die will die alte Kupplerin hübsch ausstaffiren um – oder so ein reicher, alter Don Juan, dem das Mädel gefällt, läßt sie herausputzen! Man kennt das! Auch bei unsern Muckern, die sonst doch so ehrbar thun, soll's solche Don Juans in Masse geben! Wer will's widerlegen, daß so'n Schuft nicht gar aus Liebeslust das arme Würmchen auffangen ließ?«

»Zum Mosevius! Zum Fuchsbau!« schrie tumultuarisch die erhitzte Menge.

Fischering hatte genug gehört. Unbemerkt schlich er sich davon. Niemand merkte auf ihn, da Alle sich um Ringscheidt und den Trödler sammelten.

»Wohin zuerst?« frug sich der Agent, als er glücklich die Straße gewonnen. »Was ist wichtiger – was einträglicher? … Der Mosevius ist schlau genug, seinen Raub nicht gutwillig herauszugeben und wenn die Bande gar zu viel lärmt und scandalirt, hebt die Polizei sie auf, durchsucht das Nest, und erschnappt sich den Preis selbst!… Gehen wir also zum guten Toby! Da ich selbst mit ihm nicht unterhandeln kann – doch wozu diese Rücksicht? Wer kann mir etwas anhaben? Der schwarze Bursche weiß selbst kaum, wer ihn dahin spedirt hat. Der Mosje Crelinger schweigt schon – der ist mir sicher. Mich hat der Toby bei jener Affaire gar nicht gesehen – oder doch nicht erkannt. Des Lohndieners Maske war geschickt genug, um den Fischering zu bergen. Auch die edle Sennora wird mich ohne Bart und Perrücke und den ausgestopften Bauch nicht wieder erkennen. Darauf dürft' ich schwören! Wozu also einen Unterhändler? Ich war ein Narr, nur eine Minute daran zu denken, daß ich die Belohnung mit einem Anderen theilen müsse. Wo liegt der Grund zu diesem Müssen? … Doch – doch – erst gilt's auszuhorchen, was dieser Toby neulich bei mir wollte. Hat der Bursch' eine Ahnung von… Aber wie sollte er? …Hm, er muß doch, weßhalb kam er sonst zu mir?… Darüber muß ich mir klar werden!«

Die abgelegene und versteckte Wohnung in dem Gange war bald erreicht. Da auch vor Fischerings Baracke die Laterne fehlte, war's völlig dunkel im Hof. Den Himmel hatten trübe Regenwolken dicht umsponnen.

Vorsichtig öffnete und schloß er die Thüre des alten Schuppens. Dann wollte er die Blendlaterne anzünden, die an dem inneren Pfosten zu hängen pflegte. Er tappte hin und her ohne sie zu finden. Der Hacken war leer. Er sann nach, ob er die Laterne heut' aufzuhängen vergessen; glaubte er doch so bestimmt, bei'm Ausgehen dieses tägliche Geschäft beschafft zu haben. Unruhig und zweifelnd tappte er grad aus durch die Finsterniß. Plötzlich stieß sein Fuß an die herabgelassene Leiter. Ein kalter Zugwind, von oben her, bewies, daß die Lücke offen stehe. Seine Hände fühlten deutlich die Sprossen der hoch aufrechtstehenden Leiter.

»Alle Teufel – der Crelinger wird mir doch keinen Besuch abgestattet haben?« brummte er, immer unruhiger werdend. »Sollte der Schuft am Ende den schwarzen Teufel mir entführt haben, um dann mit Beihülfe eines Anderen mir den Preis wegzuschnappen? Goddam – ihm wird's bös heimgezahlt, wenn dem so ist!«

Er stieg die Leiter empor. Oben war Alles still. Aber tief unter ihm rasselte es in dem Stroh und Lattenwerk, das die Flur erfüllte. Die Gestalt des Mulatten wand sich mit aalglatter Schnelligkeit, ohne Geräusch über den schlüpfrigen Boden kriechend, durch den düsteren Raum.

»Toby nicht so dumm,« flüsterte er vor sich hin, »daß sich fangen lassen von schlechten Menschen!… Wenn Toby wild wie Vater einst, hätt' genommen oben Dolch oder Pistolum sich zu rächen an bösen Massa! Aber Toby freier Mann und guter Mann rächt sich nicht. Sennora gute, nie würd' das verzeihen!… Ohia – der Toby kommen schon so davon!… Ha, Thür verschlossen!… Und oben poltert Massa und kommen zurück! O weh – nun ist Toby doch gefangen!«

Wie eine Katze schlich er zurück zur Leiter. Neben derselben stand ein alter Schrank. Hinter diesem verbarg sich der Mulatte.

Fischering erschien in demselben Augenblick in der Oeffnung mit einem brennenden Licht.

»Goddam, ich kann's nicht denken,« flüsterte er von oben herab, »daß sie schon fort sind. Die Thür war doch regelrecht verschlossen. Wie hätt' der Crelinger das vermocht! Die Thür ist von innen mit meinem eigenen Stemmeisen erbrochen; der schwarze Schuft hat sich also selbst befreit. Die Fenster sind alle zu. Auf's Dach ist er also auch nicht geklettert. Er muß da unten sich versteckt haben!«

Mit diesen Worten stieg er vorsichtig die Leiter hinab und begann sodann mit seinem Licht den Hofraum des Schuppens zu durchstöbern. Sobald er sich auf einige Schritte von der Leiter entfernt, stürzte Toby aus seinem Versteck und kroch mit Katzenschnelligkeit die Stufen hinan.

Da er eben in der Bodenöffnung verschwand, bemerkte ihn Fischering und schleuderte mit wildem Fluch dem Flüchtling sein breites Dolchmesser nach. Doch umsonst! Das Messer blieb in der hölzernen Lücke stecken. Der wuthzitternden Hand entfiel das Licht – nichtsdestoweniger stürzte Fischering ebenfalls zur Leiter.

Als er athemlos den Bodenraum erreicht, bemerkte er durch die offene Thür seines Wohnzimmers, wie Toby sich aus dem Fenster in die Dachrinne schwang. Mit zwei Sprüngen stand auch er am Fenster. Das höhnische Lachen des Schwarzen tönte vom Ende der Rinne ihm entgegen. Er hob den – doch gleich darauf ließ er ihn knirschend zu Boden fallen. Ein Schuß mußte die ganze Nachbarschaft aufschrecken Das bedachte er trotz aller Wuth und Aufregung.

Die Rinne lief rings um den Schuppen. Verlor Toby da Gleichgewicht, so stürzte er auf den Steinhof und mußte da den Tod finden. Gelang es ihm, die Rinne glücklich zu passiren – wie sich zum nächsten Dache schwingen – von dem ein zehn Fuß breiter Abgrund ihn trennte? Alles das fiel ihm bei, und noch war somit der kühne Eindringling in seiner Gewalt.

Er schloß das Fenster und die Thür, die er so schnell als möglich auf- und dann wieder abschloß. Ein triumphirendes Satanslächeln trat dabei in das verschmitzte Gesicht des Schurken…

Auf der Rinne, die die vordere Facade umlief, war nichts von dem Schwarzen zu sehen. Ein lebhaftes Geräusch an der Hinterwand rief ihn dorthin. Als er hastig um die Ecke bog, lief Toby in schnellem Zickzack durch den öden Hof, schwang sich auf die nächste Gränzmauer und war wie im Nu den Augen seines Verfolgers entkommen. An der Blechröhre, die aus der Rinne herniederlief, hatte sich der tollkühne Kletterer an der Hinterwand des Schuppens herabgelassen…

Aber was half es ihm – daß er wußte, wie sein Opfer ihm entkommen sei? Fluchend stand er da in ohnmächtiger Wuth. An eine weitere Verfolgung war nicht zu denken.

»Goddam, ich seh' den Schuft schon wieder! Das soll er mir büßen!« rief der Gauner. »Wiedererkennen wird er mich schwerlich – der Schuft hat ja kaum eine Sekunde mein Gesicht gesehen! Aber das Terrain– wird er das so leicht vergessen? Und – wenn man den schwarzen Teufel in einem der Nachbarsgärten aufhält, wird er nicht plaudern? Rückt mir in Folge dessen unter seiner Anleitung nicht eine Abtheilung Polizisten in die Bude?… Pah – was ich mir auch gleich einbilde! Hat so ein Schuft das Raffinement, die Ueberlegung, die schnelle Ortskenntnis wie Unsereins? Er wird froh sein, sich zu salviren und selbst darauf denken, Niemand bei der Flucht in die Hände zu fallen!… Bei der Sennora Jannos dient er!… So sagte der Commerzienrath! Goddam – ich muß mir's doch noch einmal mit dem Crelinger überlegen, ob sich da trotz alledem und alledem nichts anknüpfen ließe. Ein Glück, daß der Bursch hier nicht betheiligt ist – so habe ich doch noch einen Helfershelfer, auf den ich mich verlassen kann!… Doch jetzt zum Mosevius! Wer weiß, ob's da nicht was zu fischen gibt! Das Wettermädel will mir nicht aus dem Sinn! Wenn ich sie für mich auf die Seite bringen könnte! In wenig Tagen dann mit ihr nach Amerika! So eine Begleiterin hätte mir just gefehlt!«

Schnell entschlossen, wie stets, begab sich der Gauner sofort auf den Weg zu dem Kirchenbauvorsteher. Von dem Hofraum hinter seiner Baracke führte ein schmaler Gang zu dem Garten des Mosevius. Der dichtzusammengedrängte Häusercomplex dieses Theiles der Altstadt, schloß in sich eine förmliches Labyrinth von Hofräumen, Gärten, zerfallenen alten Häusern und Baracken ein, welche insgesammt das große Viereck ausfüllten, welches in alten Zeiten die Klosterkirche und die hinteren Theile des großartigen Klostergebäudes selbst einnahm. Ein Brand hatte diese interessanten Baudenkmale des Mittelalters schon vor Jahrhunderten zerstört. Der Stadttheil war verrufen und einsam. Alle Bauspekulanten und die besitzende Klasse wandte sich der Neustadt zu. Hier in der Altstadt war Alles in Verfall. Selbst die größeren und bequemeren Wohnhäuser standen zum Theil unbewohnt. Auf der Brandstätte Wohnungen herzurichten, hätte sich als eine übellohnende Speculation erwiesen, und sie unterblieb. Kleine Baracken bildeten auf dem wüsten Terrain im Laufe der Zeit eine eigene Stadt für sich, vielfach von Gängen und Gärten durchschnitten. Armuth und Laster hatten dort ihre Wohnstätten aufgeschlagen. –

Fischering, der von Jugend auf hier jeden Winkel kannte, fand dort ein bequemes Quartier, das ihn und sein lichtscheues Treiben dem Auge der Polizei ziemlich sicher entzog. Den geheimen Gang hatte er zufällig entdeckt. Er schied zwei große Gärten, die zu unbewohnten Häusern der hinteren Blutstraße gehörten. Das Schloß der Thüre war bald ausgebrochen und durch ein neues ersetzt, zu dem er fortan allein den Schlüssel führte. So war er seit Jahren schon der Herr dieses herrenlosen Ganges geworden, den ein dichtes Laubdach der von beiden Seiten überragenden Bäume bedeckte. Er benutzte diesen Ort zum Theil als Schuppen für allerlei Vorräthe, für die seine beschränkte und nur für höhere Zwecke eigens eingerichtete Wohnung keinen Raum haben mochte.

Als Fischering durch diesen versteckten Gang den Klostergarten erreicht hatte, der die Wohnung des Kirchenbauvorstehers umgab, vernahm er von der Strassenseite das Gebrüll jener tumultuarischen Masse, die ihren Vorsatz, wie es schien, auszuführen und die Behausung des armen Mosevius gewaltsam zu öffnen gedachten. Deutlich genug hörte er die Stentorstimme Ringscheidts, der hier wie bei allen Volksexcessen das Commando führte. Mächtige Stöße ertönten bereits gegen die Thür des Vorderhauses, Steine fielen klirrend in die Fenster der oberen Stockwerke. Das Geschrei der erregten Volksmasse steigerte sich von Minute zu Minute. Auch an den Holzläden, welche die Parterrefenster schlossen, ward von kräftigen Fäusten gerüttelt.

Fischering stand lauschend und lauernd am Hinterflügel des düstern Gebäudes. Schnell entschlossen eilte er zur Hofthür. Ein lauter Angstschrei tönte ihm bei'm Eintritt entgegen.

»Gnade, Gnade!« rief eine wimmernde Stimme.

Fischering beugte sich zu dem Knieenden hernieder. Es war der Kirchenbauvorsteher, der im Schlafrock, verstörten Angesichts, am Boden lag.

»Ich bin's!« sagte Fischering, der sich eines spöttischen Lächelns doch nicht erwehren konnte, als der Geängstigte noch immer nicht das Haupt zu erheben wagte. »Ich komme, Euch zu retten! Steht auf! Wo ist das Mädchen?«…

»Ach, alle guten Geister stehen mir bei! Ich kann mich nicht mehr aufrecht halten. Glaubte ich doch, einer von den Hallunken hätte von hinten sich schon eingeschlichen. Eben wollte ich zu meiner Frau in den Keller hinab! Das arme Weib! O Gott, hört nur, wie diese Höllensöhne poltern! Da fliegt wieder eine Scheibe ein! Das arme Weib! Die Thür wird nicht lange Widerstand leisten! Daß auch die Polizei nicht zum Schutze eines armen Bürgers herbeieilt! Wozu zahl' ich Steuern und Abgaben! Schon nieder ein Fenster! O ich bin ein geschlagener Mann! Laßt mich in den Keller – ich bitt' Euch!«

»Wo ist das Mädel! Steht und antwortet! Findet die Bande die Dirn', so sind wir Beide geliefert – ist sie nicht da, wer will Euch etwas anhaben?«

»Da – da nehmet den Schlüssel – im letzten Zimmer im Hinterflügel.«

Sprach's und flüchtete sich mit hastigen Schritten zur Kellertreppe hin. Krachend flog die Thür hinter ihm zu. Fischering eilte zum Hinterflügel.

Nach wenig Minuten schleppte er die leblose Gestalt Meta's durch den geheimen Gang davon. Kein Laut entfloh dem Mund des Opfers – schlaff und regungslos hing der zarte Körper in den Armen des Gauners.

Bald darauf fiel die Hausthür krachend zusammen. Als die Bande sich eben mit lautem Hurrah in das Innere des Hauses ergoß, tönte hinter ihr der gleichmäßige Takt einer Patrouille und das Commando eines Polizeilieutenants. Die feige Rotte stob auseinander. Nur der Rädelsführer fiel in die Hände der Patrouille. Von diesem erfuhr man den Anlaß des Cravalls. Ringscheidt stand nicht an, sich mit seiner That zu brüsten, deren Ungesetzlichkeit ihm nicht einzuleuchten schien. Die Untersuchung des Hauses durch die Polizei ergab jedoch nicht das Geringste, was Verdacht einflößen konnte.

Mosevius und seine Xantippe krochen aus ihrem Kellerversteck hervor, nachdem sich Alle entfernt. Vordem fehlte ihnen, selbst bei der Aufforderung des Polizeilieutenants dazu der Muth. Daß Fischerings Vorsatz gelungen, mochten sie kaum geglaubt haben. Wie froh war ihr Erstaunen, als sie unläugbare Beweise für das Gegentheil fanden. Das Mädchen war vor dem Eindringen der Polizei in Sicherheit gebracht – kein Schatten eines Verdachtes konnte auf ihnen lasten – nur die zersplitterten Fensterscheiben waren zu bezahlen und diese niederschlagende Nothwendigkeit ließ das te deum verstummen, welches der fromme Mosevius sonst angestimmt haben würde!

Tiefe Stille folgte dem wilden Tumult. Aus den Wolken trat der Vollmond und goß sein silberklares Licht über das Labyrinth des alten Klosterhofes. Von diesem Licht geleitet, erreichte Fischering mit seiner Beute glücklich die einsame Wohnung. Als er die Thür derselben öffnete, fiel das eiskalte Haupt des Mädchens an seine glühende Stirn. Ein Schauder durchrieselte den sonst eisenfesten Mann – ihm war's, als fühle er die Nähe seines Todes. Langsam legte er die Regungslose auf den Boden und wischte den Schweiß von der Stirn, die jetzt ebenso kalt geworden war, wie das marmorbleiche Gesicht zu seinen Füßen, auf welches der helle Mondschein niederfiel.

»Goddam, sie hat's ja so gewollt!« rief er, sich aufraffend aus dieser unbehaglichen Schwäche und festen Schrittes trug er seinen Raub in die Baracke.

*

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.