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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 13
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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XIII.

»Gehorsamst zu melden, war auch die Schlachterswittwe wieder da, die der Steuerschreiber von der neuen Fähre heirathen und einen ›Weißen Egel‹ etabliren will. Nur mit Mühe konnte ich sie fortbringen. Sie wollte durchaus abwarten, bis der Herr selbst käme. Sie sagte mir, daß Herr Doktor Pauli sich nicht zu der Revision hergeben will, da er mit Arbeiten überhäuft sei und nun müsse sie wohl selbst mit dem Herrn Curator Rücksprache nehmen.«

Ein heller Freudenschein leuchtete über das Gesicht des Commerzienraths, als er diesen Schlußsatz aus dem langen Rapport seines Buchhalters vernahm. Er legte das Gesangbuch auf den Arbeitstisch (die Frühpredigt war eben vorüber) und hüllte sich in den langen, erbsengrauen Schreibrock, den er Tag für Tag zu tragen pflegte.

»Sonst nichts Neues?«

»Leider und nichts Gutes! Ich hab's bis zuletzt verspart!«

»Nun – schnell!«

»Brown und Söhne in New Orleans sind gefallen, unsere Tratten kommen zurück!«

Eine leichte Blässe – dann wieder das gewöhnliche Lächeln. Doch die Hand, mit der er zur goldenen Dose griff, zitterte merklich.

»Kein Brief vom Paulinum?« fragte er nach einer Pause und ohne auf die mit traurigem Kopfschütteln vorgebrachte Hiobspost des alten Mannes weiter zu achten.

»Der Herr Doktor haben sagen lassen, der Herr Candidat sei völlig gesund und würden mit den übrigen Herren kommen.«

»Wann?«

»Das wurde nicht gesagt.«

»Ruft mir die Mutter Theo herauf. Geht! – Sind noch die jungen Leute im Comptoir?«

»Nur die beiden jüngsten Lehrlinge ausser mir.«

»Wie? Waren denn die nicht in der Kirche?«

»Ich dachte, weil die Spedition der Kleesaat eilte und die Commis von ihrer sonntäglichen Freiheit bei der Segelregatta völligen Gebrauch machen wollten« –

»Höre ich ungern! Gottesdienst geht vor Herrendienst!… Sie hätten die jungen Leute nicht vom Kirchendienst suspendiren sollen. Ist schon so oft vorgekommen in ähnlichen Fällen.«

»Aber die Spedition der Kleesaat! Der Stand unseres Geschäftes erheischt es, Alles mitzunehmen, was sich bietet. Wenn die Nachricht sich bestätigt, daß Brown und Söhne auch Effington mit sich umreißen – so fürchte ich das Schlimmste!

Der Commerzienrath war ans Fenster getreten und wandte dem alten Buchhalter den Rücken. Er trommelte an die Fensterscheiben, als sei die Nachricht die gleichgültigste von der Welt.

»Die Mutter Theo,« sagte er nach einer Weile, »klagte mir's heut' Morgen, da ich zur Kirche ging, daß sie von Euch noch nicht das bestimmte Monatsgeld für die Haushaltung durch Sie erhalten! Warum geschah das nicht?«

Der alte Mann zuckte die Achsel.

»Nun – Antwort?«

»Es ist nichts in der Kassa!… Die letzten zweitausend Thaler, die wir hatten, wurden gestern zu Ihnen heraufgebracht, als der Herr Fischering eben fortgehen wollte. Ich weiß nichts aufzutreiben… Auf der Bank…«

»Schon gut,« fiel ihm mit sichtlich erregter und gereizter Stimme der Handelsherr in das Wort. »Geht. Ich werd's dieses Mal selbst beschaffen! Schickt mir die Theo herauf! Geht!«

Der alte Mann schien noch Einwendung zu haben. Thränen standen in seinen greisen Wimpern.

»Noch ein Wort, Herr Commerzienrath,« bat er und trat dicht an seinen Herrn heran, der sich in Folge dessen halb erstaunt, halb unwillig rasch zu ihm umwandte. Der feierliche Ton des alten Mannes, der ihm so lange Jahre hindurch der treueste Diener und der aufrichtigste Rathgeber gewesen, mochte ihn mehr erschüttert haben, als er zeigte. Obschon er sonst jeden Widerspruch, jedes eigenmächtige Opponieren in seinem Hause nicht duldete – dieses Mal wagte er kein tadelndes Wort. Sein Gesicht war, da er sich umwandte, auffallend bleich und der Buchhalter, der kaum noch den rinnenden Thränen Einhalt gebieten konnte, errieth darauf, daß die Gleichgültigkeit seines Herrn nur eine scheinbare, eine verstellte sei, daß auch die innere Aufregung theile, die ihm sogar Thränen entlockt.

»Wir müssen offen sein gegen einander!« sagte er, in jenem heimlichen Tone fortfahrend. »Die Krisis, die über unser Geschäft hereinbricht, berechtigt mich als Ihren ersten Geschäftsführer und Disponenten zu der Frage: was gedenken Sie zu thun? Sie wissen, wie es mit uns steht. Ich für meinen Theil bin ohne Hoffnung! Ich weiß keinen Rath und keine Hülfe. Meine Verantwortlichkeit ist eine drückende – ich weiß nicht, was noch zu thun!… Es muß dieser Zustand ein Ende nehmen. Unsere Lage ist ein öffentliches Geheimniß in der Stadt. Man bricht jede Verbindung mit uns ab. An der Börse sehe ich nur Achselzucken und offenes Mißtrauen! Sprechen Sie offen: was gedenken Sie zu thun? Das Drängen der Gläubiger aus der Stadt nimmt zu. Auch die Handwerker sind nicht mehr zu beschwichtigen und stürmen mit ihren Rechnungen auf mich ein, die nach altem Brauch sonst doch immer erst zu Neujahr eingereicht wurden. Der Credit der Firma ist somit völlig ruinirt. Ich weiß, daß unser Concurrent Laubach Wechsel im Werthe von zwanzigtausend Thalern heimlich angekauft! Noch im Laufe dieses Monats sind sie fällig. Der russische Consul ist durch Laubach längst avertirt, wie es mit uns steht, und die einträgliche Spedition für die Krone und die russischen Großen wird bald in die Hände unseres Concurrenten übergehen… Sie wissen, wie lange ich diesem Geschäfte treu und redlich vorgestanden. Mein Herz bricht bei dem Gedanken, daß die altberühmte Firma zu Grunde gehen soll… Meine Privatmittel, die ich, auf bessere Zeiten von Ihnen vertröstet, willig hergegeben, um die letzte Krisis im vorigen Spätherbste zu überstehen, sind völlig erschöpft. – Ich rede nicht davon, daß mein mühsam ersparter Lohn darauf gegangen und das Kapital, das ich mein Lebelang unter Fleiß und Entbehrung gesammelt, verloren ist – wie gern opferte ich es, bliebe die alte Firma aufrecht!… Ich war auch draußen bei'm Herrn Senator! Ich konnte nicht anders. Es war die letzte Hoffnung. Auch diese war vergeblich.«

»Ich weiß!« flüsterte der Handelsherr.

»Er verwies mich auf die Erbschaft des seligen Herrn Protonotar – die Sie erhalten. Ich schwieg, obschon ich nie etwas durch Sie von dieser Erbschaft vernommen – aber die jungen Leute im Comptoir zischeln sich in die Ohren: daß für jenes Geld eine Tänzerin eine fürstliche Einrichtung erhalten… Ich muß Alles sagen – Alles! Ich habe ein Recht dazu, von Ihnen Offenherzigkeit und Vertrauen zu fordern – ich habe es mir erkauft dieses Recht… erkauft durch ein langes Leben voll Arbeit, Fleiß und Treue!«

Er hielt erschöpft inne.

Der Commerzienrath hatte ihn ruhig zu Ende reden lassen. Die Hände auf dem Rücken gekreuzt, den Blick am Boden, ohne irgend eine Bewegung in dem starren Gesicht ließ er den alten Buchhalter die Summa zusammenziehen von Allem, was er im Gegensatz zu solcher Treue und Aufopferung des Untergebenen als Chef der Firma verschuldet. Sein Stolz empörte sich, einem Diener Rechenschaft geben zu sollen und dieser falsche Stolz war es denn auch, welcher das leis empordämmernde Gefühl tiefster Beschämung und die ersten Regungen augenblicklicher Reue plötzlich wieder vernichtete.

»An diesem Fleiß und dieser Treue,« sagte er, »habe ich nie gezweifelt. Das beweiset Ihnen das unbedingte Zutrauen, das ich Ihnen von jeher schenkte. Aber Sie gehen zu weit, wenn Sie auf Ihre keineswegs zu läugnenden Verdienste um mein Geschäft in einem solchen Ton Rechenschaft von mir fordern – Diese bin ich nur mir selbst schuldig! Ich bin Ihr Schuldner! Sie sollen es mir heute nicht umsonst in's Gedächtniß gerufen haben. Noch heute gebe ich Ihnen über jene Bagatellen eine Sicherheit. Was meine ferneren Dispositionen in Betreff des Geschäftes anlangt, so werde ich morgen mit Ihnen Rücksprache nehmen. Ich hoffe – es wird mir auch dieses Mal gelingen, die drohende Krisis zu überwinden. Noch gestern wurden mir baare Fonds zur Verfügung gestellt, die hoffentlich ausreichen und jene besagten Wechsel des Laubach zwiefach decken!… Was jene Erbschaft anlangt, so bin ich hoffentlich Herr meiner Gelder und darf dieselben auch zu Privatzwecken verwenden. Jenes schändliche Gerede der dummen Lassen werde ich zu bestrafen wissen! Bin ich es auch seit lange gewohnt von gewissen Neidern verketzert zu werden – so werde ich doch nicht dulden, daß meine Untergebenen das Echo von solchen Lügnern und Verläumdern abgeben. Zu Ihrer Beruhigung sei gesagt, daß ich jene Erbschaft zum Nutzen des Paulinums verwendete! Jene Tänzerin, zu der mich die verläumderische chronique scandaleuse gewisser Kreise in besondere Beziehungen setzen will – ist mir völlig unbekannt. Meine Mitbürger, die mich wahr und wirklich kennen, werden solche Niederträchtigkeiten nie von mir glauben, das Urtheil der Anderen kann mein gutes Gewissen mit stiller Verachtung strafen!… Gehen Sie, Erichson, morgen nehmen wir Rücksprache – nichts mehr jedoch von solchen Gardinenpredigten wie vordem. Ich will sie von Niemand hören – auch von Ihnen nicht! Dehnen Sie gewisse Rechte, die ich nicht antasten oder verringern will, nicht bis zu solchen Ausschreitungen aus! Ich dulde sie nicht!«

Damit wandte er dem alten Diener aufs Neue den Rücken. Der Buchhalter machte keinen Versuch mehr auf diese rücksichtslose Zurückweisung das Geringste zu erwiedern. Auch die Thränen konnte er jetzt unterdrücken – sie flossen einem Undankbaren. Erschöpft und zitternd verließ der Greis das Gemach.

»Langweilige, zudringliche Schwätzer,« rief, da Jener sich entfernt, der Commerzienrath, welcher durch diese künstliche Aufregung und Erbitterung die Mahnungen seines Gewissens zu übertäuben suchte, die sich bei dem sonst so Gewissenlosen dennoch zu melden schienen. Es dauerte nicht gar lange und die innere Mahnerstimme schwieg – schwieg still wie der alte, treue Diener, der mit gebrochenem Herzen in stiller Verzweiflung die breite Treppe hinunterstieg… Gleichwohl kehrte nicht die frühere Ruhe und stereotype lächelnde Selbstzufriedenheit in das Gesicht des Handelsherrn. Eine innere Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute.

»Wäre die fatale Revision erst vorüber,« murmelte er, indem seine zitternde Hand allerlei Rechnungen und Papiere hastig vom Tisch aufraffte. »Ein Glück nur, daß der Candidat zugegen. Er allein ist meine Hoffnung. Gelingt es ihm, dem Doktor Pauli zu imponiren, so bin ich gerettet!… Nur noch wenige Stunden – und es ist entschieden!«

Die Haushälterin kam, vom alten Buchhalter dem Wunsch des Herrn gemäß zu diesem entboten.

»Sind die Herren schon versammelt?« fragte er hastig die Eintretende.

»Der Herr Pastor Seeliger und der Doktor sind da.«

»Und der Candidat?«

»Fehlt bis jetzt!«

»Mein Gott!«

»Was ist Ihnen, Herr? Sie sind so bleich soll ich« –

»Bleib' Sie!… Still – es ist schon vorüber. Die Herren sind doch in der grünen Stube?«

»Zu Befehl!«

Ein Wagen rollte durch die Straße. Er hielt vor dem Hause. Der Commerzienrath flog an das Fenster.

»Er ist's!« rief er tief Athem schöpfend.

»Der Herr Candidat? Ja mein' Treu, da steigt er aus. Wie bleich der fromme Herr doch aussieht – just so bleich, wie Sie eben, Herr.«

»Gehen Sie ihm entgegen – führen Sie ihn zu den Andern.«

Die Alte trippelte hinaus.

Der Commerzienrath ging einige Male hastig durch das Zimmer. Seine hochgewölbte Brust wogte auf und ab. Sein Auge schien weit hervorzutreten aus der Höhle. Die Lippen bewegten sich – und doch vernahm man nicht den geringsten Laut.

Endlich schien der letzte innere Kampf vorüber. Schnell raffte er die Papiere zusammen.

»Nun gilt's!« rief er und verließ mit festen Schritten das stille Gemach.

*

Die Revisions-Commission über die Verwaltung des Cäcilienstiftes bestand aus den drei vordem genannten Herren, von denen die beiden Erstgenannten sich bereits seit einer Viertelstunde in einem geräumigen Parterrezimmer des Stolterfoth'schen Hauses versammelt hatten. Man sah auf den ersten Anblick, wie verschieden die Lebensauffassungen und die Charaktere dieser Männer sein mochten. Der Pastor – in der schwarzen Amtstracht eines evangelischen Geistlichen – hatte nach der kurzen und stummen Begrüßung am Fenster Platz genommen und schien, in irgend ein erbauliches Thema vertieft, nicht im geringsten mehr von dem Collegen Notiz zu nehmen, welcher mit einem beträchtlichen Convolut loser Papiere unter dem Arm im Zimmer auf und ab ging.

Der Doktor Pauli – einer der jüngsten aber bedeutendsten Advokaten in B. – war in den klerikalen Kreisen der durchweg orthodoxen Geistlichkeit eine gefürchtete Persönlichkeit. Er hatte anfänglich Theologie studirt und war erst später zur Rechtsgelehrsamkeit übergegangen. Welche Gründe ihn zu dieser Aenderung seines Studienplanes bestimmt, ließ sich unschwer aus den geistvollen Artikeln entnehmen, welche er seit dem Erscheinen der berühmtesten und oftgenannten religiösen Bücher über die Person Jesu und die Messiasidee in dem Morgenblatt zu N. hatte abdrucken lassen. Es mußte in diesem kleinen, quecksilberartig beweglichen Körper, zu dem der große, unschöne, sokratische Kopf mit dem rothlockigen Haar in seltsamem Contraste stand, ein gar unruhvoller aber unermüdlicher Geist wohnen.

Neben der ausgebreiteten Praxis und der literarischen Polemik gegen die orthodoxe Geistlichkeit, war der Doktor Mitglied der städtischen Bürgerschaft, deren jetzige Constitution eine Errungenschaft des Jahrs 48 gewesen. Dort als entschiedenster Vorkämpfer der Linken und als begabter Redner seit Jahren wirkend, hatte er sich um die meisten socialen Reformen in der Vaterstadt ein bedeutendes Verdienst erworben. Angefeindet von der Geistlichkeit und der Zunft, war er bald zur populärsten Persönlichkeit in B. geworden. Da die Wahl der Revisoren des reichdotirten Cäcilienstiftes – einer mittelalterlichen bürgerlichen Stiftung – der Bürgerschaft zugefallen war, mußte dieselbe bei dem nächsten Ausscheiden eines Mitgliedes unbedingt auf den »Volksfreund« fallen. Die Niederlage, welche die klerikale Parthei dabei erlitten, konnten deren Mitglieder nie vergessen. Der Pater Seeliger, wie der Candidat Sorgenthal, sahen durch das Eintreten Paulis das einmüthige Triumvirat gestört, das vordem die Revision verwaltet. Die Vorsteherschaft war ein Vertrauensamt, welches der Rath auf Lebenszeit verlieh. Der Commerzienrath hatte dasselbe erhalten, als sein Vater, der Senator, sich von allen Geschäften zurückzog und vor Jahren nach Amerika ging um dort (wie es hieß) bei einem Freunde sein Leben zu beschließen. Die näheren Motive dieses seltsamen Entschlusses wurden niemals bekannt. Schon seit Jahr und Tag glaubte man den »alten Herrn« todt, der in tiefster Zurückgezogenheit nun wieder in der unmittelbarsten Nähe der alten Handelsstadt das Leben eines Anachoreten führte.

Als der Candidat eintrat, erhob sich der korpulente, phlegmatische Pastor aus seinem wachen Schlaf und umarmte den Bruder in Jesu, welcher ihm seinerseits schon auf der Schwelle das stereotype salve entgegenrief. Der Doktor wurde nachträglich durch ein herablassendes Kopfnicken begrüßt.

Sorgenthal schien überaus wohl und frisch. Auf den hervorstehenden Backenknochen lag sogar eine leise Röthe. Seine Stimme klang rein, das Auge blickte heiter. Es war, als koste es ihm heute Mühe, den salbungsvollen Kanzelton festzuhalten. Als der Pastor ihn zu sich in einen nahestehenden Sessel zog, lag sogar etwas Weltmännisches in der Art, wie er den Bruder in Christo ersuchte, vor ihm Platz zu nehmen. Der sonst so unbeholfene Pedant (er erschien nicht einmal in der gewöhnlichen schwarzen und abgeschabten Tracht) präsentirte sodann die Chocolade, welche Mutter Theo aufgetragen und die unberührt neben ihm auf einem zierlichen Tischchen stand. Fast hätte er sich so weit vergessen, auch dem Volksfreund eine Tasse anzubieten – ein warnender Blick des Pastor's hielt ihn jedoch rechtzeitig ab und lächelnd setzte er das vergoldete Theebrett wieder nieder. Dem erbaulichen Gespräch des Confrater, das über die Probepredigt eines jungen Diakonen handelte, schenkte er nur ein halbes Ohr und blickte mit stillem Lächeln zu den Canarienvögeln auf, die sich in ihrem Bauer schnäbelten.

Die Haushälterin erschien, um die Ankunft ihres Herrn zu melden.

Die Revisoren erhoben sich. Der Doktor blätterte in seinen Papieren.

»Nur fest – amice«!« zischelte der Pastor dem Candidaten in's Ohr, indem er einen vielsagenden Blick auf den Advokaten warf.

Sorgenthal nickte – sein Auge schien mit sichtlichem Interesse die neue Haube der alten Haushälterin oder deren rothe Nase zu betrachten. Er murmelte dabei einige Worte, die sein etwas schwerhöriger Nachbar für eine Zustimmung halten mochte.

Der Commerzienrath trat ein.

Die Begrüßung war von Seiten der frommen Herren eine ebenso herzliche, wie sie von Seiten des Advokaten kalt und förmlich ausfiel.

Mutter Theo entfernte sich mit der Chokolade. Die Herren nahmen am Sophatisch Platz.

Der Advokat hatte seine Papiere vor sich ausgebreitet. Die erwartungsvollen Blicke der drei anderen Herren schienen ihn aufzufordern, das Wort zu ergreifen.

»Herr Commerzienrath,« begann der Doktor, »ich habe gleich meinen Herren Kollegen die Vorlagen und Quittungen geprüft und in Richtigkeit befunden. Erlauben Sie mir Einsicht in das Hauptbuch, damit ich die verschiedenen Transporte vergleichen kann. Es ist in wenig Minuten gethan und ich kann dann mit gutem Gewissen meine Unterschrift derjenigen meiner Collegen beifügen.«

Das Hauptbuch wurde ihm gereicht. Die Unterschrift erfolgte nach kurzer Prüfung.

»Sie gestatten mir meine Herren jetzt einige Reformvorschläge,« begann aufs Neue der jüngste Revisor, »so wie einige Fragen über die Verwendung der besonderen Fonds, die man im vorigen Rechnungsjahr aus der Reservekasse genommen. Wozu überhaupt diese Verwendung – woher dieses plus in den Bedürfnissen?«

»Ich erinnere den Herrn Doktor an die bittere Kälte und Hungersnoth im letzten Winter« sagte der Verwalter der Stiftung.

»Sie erlauben! Wir zählen gegen sechszigtausend Einwohner in unserer Stadt, die mehr oder minder Unterstützungen bedürfen. Bei einer förmlichen Hungersnoth dürfte diese Zahl sich eher mehren, als mindern, und wie können die zweitausend Thaler aus den Reservefonds bei solchem Nothstand irgend welche Resultate erzielen zur Abhülfe desselben? Griff man jenen Fond doch einmal an, da die Noth so gewaltig drängte, so mußte man energischer zu Werke gehen und jene Summe verzehnfachen… Ausserdem finde ich eine Schenkung von zehn Faden Holz an das Katharinen-Kirchspiel angeführt ohne Quittung – die einzige, welche fehlt.«

»Die Holzsendung ist von mir in Empfang genommen und unter bedürftige Arme meines Kirchspiels von mir vertheilt worden. Die armen Leute können nicht alle Quittungen schreiben; auch habe ich sie damit gar nicht molestirt. Ich denke, mein Wort genügt!«

Pastor Seeliger hatte sich bei diesen Worten erhoben. Sein Gesicht glühte von einer tiefdunklen Röthe. Er legte die Rechte auf's Herz, um so sein Wort zu bekräftigen.

»Bei uns, lieber Bruder in Christo Jesu,« sprach der Candidat, »braucht's solcher Bestätigung nicht.«

»Auch ich bescheide mich jetzt,« sagte der Doktor. »Ferner fand ich drei Quittungen von jungen Frauenzimmern, die eine bedeutende Unterstützung – zur Auswanderung nach Amerika – erhielten. So wenig auch die Verwendungsart der Cäciliengelder von den Testatoren limitirt worden ist – das war jedenfalls nicht die Absicht!«

»Es stehen dem Herrn Doktor speciellere Aufschlüsse über jene unglücklichen Mädchen zur Verfügung, die jene Unterstützung rechtfertigen. Sie waren zudem alle drei hiesige Bürgerstöchter und von evangelischem Glauben.«

»Alle drei erfreuten sich eines ganz besonders schlechten Rufes und nahmen uneheliche Kinder mit sich nach Amerika!«

»Das ist nicht wahr!«

»Ich kann es durch Zeugen bestätigen, Herr Commerzienrath.«

»Dann bin ich aufs schmählichste getäuscht!«

»Möglich! Errare est humanum! In den Quittungen sind sodann die Berechnungen der Heilungskosten für drei Fährknechte, welche bei dem stadtbekannten Unfall so schwer verletzt wurden. Warum ward nicht auch für den vierten ebenso gefährlich Verletzten gesorgt?«…

Der Commerzienrath schwieg und warf einen hülfesuchenden Blick auf den Pastor. Dieser räusperte sich einige Male und sagte dann: »Er ist ein Trunkenbold von jeher gewesen, der kein Mitleid verdiente!«

»Jeder Unglückliche verdient Mitleid, Herr Pastor. Zudem habe ich meinerseits gehört, daß gerade dieser Mann ein sehr nüchterner und solider Arbeiter gewesen. Doch hat er in Ihren Augen einen anderen Fehler: er war katholisch!«

»Und Sie wollen damit sagen« –

»Ich will damit sagen, Herr Pastor, daß in den Verordnungen der Testatoren nirgend eine Religionssekte ausgeschlossen ist von den Wohlthaten unserer frommen Stiftung – weiß jedoch, daß dieses notorisch geschehen ist. Ich habe Briefe von einer armen Judenfrau und einem katholischen Handlanger, die sich dreimal vergebens an die Vorsteher um Unterstützung wendeten.«

»Es waren gerade keine Fonds disponibel.«

»Unsere Fonds sind laut Testatoren-Verordnung stets disponibel. Die Zinsen aller Kapitale sind in der letzten Woche fällig und unser Fond beträgt baare vierzigtausend Thaler, die der Herr Commerzienrath eben jetzt in Händen hat. Wie war es möglich, daß schon im September (wo jene beiden Gesuche der Jüdin und des Katholiken einliefen) jene Summe verausgabt war? In einem Monat konnte sie und durfte sie nicht aufgebraucht sein, auch wenn man im Voraus die Wintersubsidien einkaufte, da die Hälfte der Summe zur momentanen baaren Austheilung stets disponibel gehalten sein soll! Zudem noch eine Frage über die Heilungskosten der Fährknechte. Mit löblicher Genauigkeit sind die einzelnen Receptur-Quittungen bewahrt. Ich habe dieselben unserem Stadtphysikus vorgelegt, welcher den Zustand jener Armen genau kannte und mir erklärte, daß die angewendeten Heilmittel von einer Gewissenlosigkeit oder Ignoranz des Arztes zeugen, die beispiellos sei. Wer ist der Arzt, den die Stiftung in ihren Dienst genommen?

»Der bewährte Arzt meines Paulinums: der Doktor Sandelholz!« rief Sorgenthal mit gereiztem Ton.

»Ich trage darauf an, daß man in Zukunft einen anderen Arzt engagire und motivire diesen Antrag durch obiges, wörtlich wiederholtes Urtheil des Herrn Physikus, der als Arzt sich fast eines Weltrufes erfreut!«

»Stimmen wir doch einfach ab,« meinte der Pastor. »Ich bin für den guten Sandelholz nach wie vor.«

»Ich auch!« rief Sorgenthal.

»Und da auch ich den früheren Arzt beibehalten sehen möchte,« ließ sich der Präses vernehmen, »so ist der Antrag des Herrn Doktor durch die Majorität abgelehnt.«

»Ich lege Protest ein und werde denselben in meinem Protokoll, welches ich von nun an veröffentliche, notificiren.«

»Diese Veröffentlichung ist wider den Usus!« rief der Pastor.

»Solche Neuerungen dulden wir nicht,« pflichtete der Candidat bei.

»So zwingen Sie mich, meine Herren, in einer Broschüre niederzulegen, was ich von der Verwaltung der Cäcilienstiftung weiß. Mich bindet kein Wort und kein Eid, zu schweigen… Gute Werke haben das Licht nicht zu scheuen – wozu also, meine Verehrten, diese Geheimnißkrämerei? Unsere Mitbürger haben ein Recht zu wissen, wie die Fonds verwaltet werden, die ihre Vorfahren gestiftet! Jeder Bürger unserer Stadt ist ein Erbe dieser alten Stiftung! Die öffentliche Rechnungsablage ist dringend geboten. Die Presse verlangt sie – der gesammte Wunsch der Bevölkerung erbittet sie von uns! Es hängt jetzt von Ihnen ab: wollen Sie mit mir gemeinsam die Veröffentlichung der einzelnen Protokolle – oder soll ich auf eigene Hand Berichte über die Verwaltung herausgeben? Wählen Sie!«

»Diese Veröffentlichung ist ein Mißtrauensvotum gegen uns selbst!« meinte der Pastor, dessen dunkle Röthe bis zur Stirne hinauflief.

»Ich wäre neugierig, Herr Pastor, wie Sie diese Ansicht näher begründen wollten?« sagte mit seiner früheren Ruhe der Doktor.

Aber der Pastor schwieg und lehnte sich mit einer halblauten Verwünschung zurück in seinen Lehnstuhl. Der Candidat spielte mit dem Tintenwischer, der vor ihm lag. Auch der Commerzienrath beharrte in seinem Schweigen.

»Ich lasse Ihnen Zeit, meine Herren, bis zur nächsten Sitzung diesen meinen Vorschlag in Erwägung zu ziehen,« sagte der Doktor endlich. »Was im Allgemeinen die zeitherige Verwendung unserer Fonds anbelangt, so erlaube ich mir, Ihrer Prüfung dieses Kriterium der einzeln aufgeführten Posten unterzubreiten und zugleich die von mir proponirten Aenderungen durchzusehen. Fern sei es von mir, die Unterstützungen von Kirchen und Schulen zu tadeln, die ich im Rechenschaftsbericht angeführt finde – doch sind diese Summen im schreienden Mißverhältniß zu dem, was wir mit dem großen Fond für das gemeine Wohl, für die leibliche Noth hülfsbedürftiger Mitbürger sowie zur Subvention gemeinnütziger Anstalten für das Volk und die Arbeiterassociationen gethan haben. Wie viel Großes und Schönes ließe sich auf diesem Felde leisten! Auch nicht einmal durch den Buchstaben der Testatoren-Verfügung ist uns eine Schranke gezogen. ›Für gemeinnützige Werke der Nächstenliebe‹ heißt es ausdrücklich in jener alten, ehrwürdigen Bestimmung. Fassen wir diese Worte doch im Geist der neuen Zeit. Legen Sie die Hand auf das Herz und sagen mir dann: welche Resultate hoffen Sie selbst von jenen beträchtlichen Subsidien, die Sie dem Traktatverein und der Bibelgesellschaft zeither zugewendet! Bei der Hungersnoth hätten diese Summen kräftig beigewirkt, dem Elend zu steuern, und es war nicht nöthig, den Reservefond anzugreifen. Sie aber gaben den Hungernden und Verzweifelnden statt Brod – gedruckte Zettelchen mit Bibelversen! – Als das Feuer den dritten Theil der Altstadt verzehrte, thaten Sie so gut wie nichts für den gräßlichen Nothstand der Hülflosen – aber das Paulinum, welches alljährlich beträchtliche Ueberschüsse auf die Bank trägt, erhielt sechstausend Thaler!… Liederliche Dirnen werden durch große Geldgeschenke gleichsam bestärkt in ihren Lastern – ehrliche, wahrhaft bedürftige Wittwen aber abgewiesen, weil sie den Bekehrungsversuchen gewisser Herren widerstanden und der Religion der Väter treu blieben!… Der Arbeiterbildungsverein wird nicht unterstützt, weil er den Herrn Pastor Glaubtreu nicht zum Präsidenten erwählte – dafür erhält Herr Mosevius eine jährliche Pension, obschon derselbe ein Kirchenamt inne hat, das ihn ernähren kann! … Der Petrikirche wurde aus dem Fond der Cäcilienstiftung eine neue Orgel gebaut – der Landschullehrer unseres nächsten Kirchdorfes petitionirt vergebens um die kleinste Subvention, obschon er in Ehren ergraut ist in seinem Amt und erweislich mit den bittersten Nahrungssorgen schon seit Jahren zu kämpfen hat!… Das Alles sind Fakta, meine Herren und unwiderlegliche! Das Alles sind Anklagen wider Sie, die ich nicht verantworten möchte!… Doch genug davon! Berücksichtigen Sie meine Vorschläge, prüfen Sie meine Propositionen. Das Ehrenamt, welches meine Mitbürger mir übertrugen, erheischt es von mir: vor Ihnen zu sprechen nach Pflicht und Gewissen, nach Recht und Billigkeit mit doppeltem Eifer und doppelter Strenge, denn wir verwalten, was nicht unser, sondern was des Staates ist!… Es erübrigt für die heutige Sitzung nur noch, den Kassenbestand aufzunehmen.«

»Die Zinsen sind sämmtlich rechtzeitig eingezahlt bis auf die Hypothek-Zinsen aus dem Hause des armen Organisten zu Sankt Petri. Ich habe ihm Stundung gegeben auf einen Monat und denke, Sie stimmen mir bei.«

Der Doktor schüttelte den Kopf. Doch schien er absichtlich das Wort zurückzuhalten, das ihm auf der Zunge schwebte. Der Commerzienrath wiederholte seine letzte Frage und richtete sich dabei speciell an den jüngsten Revisor.

»Ich muß vor der Hand beistimmen,« sagte dieser. »Was ich in Betreff der Zahlungsfähigkeit – oder wie Sie sagen, Zahlungsunfähigkeit – des Organisten vernommen, stützt sich nur auf Gerüchte und Vermuthungen. Aus früheren Berichten ersah ich, daß jene Zinsen dem Mann fast alljährlich ganz erlassen sind. Ist es gegründet, daß der Organist im Frühjahr eine große Erbschaft aus Holland machte – so dürfte diese sonst humane Rücksicht erlöschen. Ich werde darüber genauere Erkundigungen einziehen. – Der Mann ist nebenher auch im Traktatverein angestellt?«

»So ist's! Er bezieht alljährlich dafür fünfzig Thaler. Sein Gehalt von der Kirche ist gering und die Familie zahlreich. Von einer Erbschaft weiß ich nichts. Wir erfahren darüber gewiß von Ihnen das Nähere, der Sie ja über Alles so gut unterrichtet sind. Was im Uebrigen die obenerwähnten gewährten oder nicht gewährten Subventionen betrifft, so datiren diese sich in das verflossene Rechnungsjahr zurück, in dem wir noch nicht die Ehre hatten, Sie als Mitcollegen im Revisorium zu sehen. Jene Ausgaben entziehen sich Ihrer Controle – was Ihre Kritik derselben post festum anlangt – so werden wir dieselbe als schätzbares Material deponiren!«

Der Doktor unterdrückte jede Antwort auf diese höhnische Replik des Commerzienrathes.

»Ich ersuche,« sagte er mit unerschütterlicher Ruhe und höchstem Gleichmuth, »den Herrn Präses, uns die Baarsumme der eingezogenen Zinsen vorzulegen. Es fehlen also die zweihundert Thaler aus der Hypothek des Organistenhauses – bleiben demnach laut dieser Rechnung hier dreißigtausend achthundert Thaler.«

»Ganz recht – in Baarem und in Papier.«

»Oeffnen Sie die Stiftskasse!«

Wie durch einen elektrischen Strom urplötzlich berührt, fuhren der Pastor und der Candidat von ihren Sitzen auf.

»Sie treiben Ihre Anmaßungen zu weit,« schrie der Erstere und schleuderte die wüthendsten Blicke auf den Advokaten. »Trauen Sie nicht dem Wort des Herrn Commerzienraths, wenn er Ihnen sagt: das Geld ist da? Wollen Sie, dem ungläubigen Thomas gleich, die Hände auf die Geldsäcke legen und sich Thaler für Thaler vorzählen lassen? Das ist eine unerhörte Beleidigung – eine Ehrenkränkung!«…

Der Commerzienrath war der einzige, der seinen Platz nicht verlassen. Er hatte den Kopf in beide Hände gelehnt und stützte die Ellenbogen auf die Rechnungen und Papiere, die er eben zuvor mit unsicherer Hand zusammen gerafft. So saß er scheinbar theilnahmslos, in einer Scene, in der er eigentlich die Hauptperson spielte.

Der Doktor ließ es auf die Rede des Pastors nicht an der gebührenden Erwiederung fehlen und motivirte seinen Wunsch in einer Weise, gegen die der gesunde Menschenverstand unmöglich etwas einwenden konnte. Da dieser aber gerade seinem erhitzten Gegner fehlte, so folgten die heftigsten Erwiederungen und der Disput wurde gar bald – wenigstens von Seiten der geistlichen Herren – in einer Weise geführt, wie er bei einer solchen Gesellschaft weder erwartet noch verziehen werden durfte. Gleichwohl beharrte der Advokat mit unerschütterlichem Gleichmuth bei seiner Forderung, die Baarsumme selbst zu überzählen und zu revidiren.

»Endigen wir den unwürdigen Streit, liebe Brüder,« rief endlich der Commerzienrath und erhob sich mit einer raschen Bewegung, so daß der hohe Lehnstuhl hinter ihm polternd zu Boden fiel. »Ich hole den Schlüssel!«

»Nimmermehr geben wir das zu, theurer Freund!« rief der Pastor und hielt den Handelsherrn mit beiden Armen fast gewaltsam zurück. »Ein Verfahren, wie das des Herrn da, ist höchstens einem notorischen Diebe gegenüber zu entschuldigen! Ich bin seit zwanzig Jahren Revisor der Cäcilienstiftung – eine solche Infamie ist niemals erhört. Ich dulde nicht, daß man Sie, theurer Freund, also beschimpfe!«

»Ich würde unter anderen Umständen eine passende Erwiederung Ihrer rhetorischen Exercitien nicht unterdrücken – vielleicht findet sich an einem anderen Ort dazu nachträglich die Gelegenheit, Herr Pastor!… Jetzt sage ich nichts weiter, als daß ich nach wie vor auf der thatsächlichen Revision des Baarfonds bestehe!«

»Wohlan – wie der Herr Advokat will!« entgegnete der Herr des Hauses. Mit festem Schritt verließ er das Zimmer. Die Geistlichen mochten das Unnütze einer ferneren Opposition einsehen und schwiegen.

Nach wenig Minuten kehrte der Commerzienrath aus dem Nebenzimmer zurück und überreichte dem Doktor den Kassenschlüssel. Sein Gesicht war verstört, obschon er sich mit gewaltiger Anstrengung zwang, sein stereotypes Lächeln auch jetzt noch festzuhalten.

Der Doktor schritt zu dem Geldschrank, der ausschließlich zur Aufbewahrung der Stiftsgelder bestimmt war. Eine tiefe Stille herrschte im Gemach. Die Doppelthüren des hohen Schrankes sprangen auf. Der Revisor nahm drei gleich große, anscheinend schwere Kästen hervor und stellte sie auf den Tisch.

»Es fehlen die Schlüssel dieser Vorhängschlößer,« sagte er, nachdem er alle drei Behälter sorgfältig geprüft.

»Entfernen wir uns Collega!« rief der Pastor dem Candidaten zu. »Ich kann die Schmach nicht mit ansehen! Es ist himmelschreiend!«

»Die Strafe auf mein Haupt!« entgegnete mit einem feinen ironischen Lächeln der Advokat. »Uebrigens müssen Sie bleiben, meine Herren Collegen, da Ihre Unterschrift gleich der meinen noch unter diesem Abschlußzettel des Baarbestandes fehlt, den ich im Archiv zu deponiren habe! Herr Commerzienrath – ich bitte um die Schlüssel zu diesen Unterschlössern.«

»Ganz wohl – ich – ich vergaß! Eine Minute.«

Er ging. Im Nebenzimmer war ein offenstehender Schrank, aus dem er vordem den Hauptschlüssel geholt. Vor diesen stellte er sich – seine Hand aber versagte ihm den Dienst. Er lehnte sich an den Divan, der dicht hinter ihm stand.

»Die Schlüssel… die dort liegen – taugen nur für mich,« flüsterte er mit bleicher Lippe… »Ich dachte den Augenblick nicht so nahe, da ich sie brauchen müßte!… Er ist gekommen wie ein Dieb über Nacht! Was habe ich denn? – was zittert meine Hand? Die Farce ist vorbei!«

»Die Schlösser lösen sich ja von selbst«! rief im Vorzimmer die Stimme des Advokaten, und hörbar fielen dieselben auf die Tischplatte… Die eisernen Deckel der Kästen wurden aufgeschlagen.

»Steine und Zeitungspapier!« rief der Doktor jetzt mit lauter Stimme. »Das also sind die Baarfonds? Herr Commerzienrath ich muß« – –

Ein Schuß unterbrach die Rede. Ein schwerer Fall folgte demselben.

Als die Revisoren ins Nebenzimmer stürzten, fanden sie dort die Leiche – eines Selbstmörders.

*

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