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Versöhnt und gesühnt

Wilhelm Asmus: Versöhnt und gesühnt - Kapitel 12
Quellenangabe
authorWilhelm Anthony
titleVersöhnt und gesühnt
publisherJ. G. Bössenecker
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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XII.

Es war am Morgen des anderen Tages, als die Sennora Jannos Einlaß begehrte im Paulinum. Der heiterlächelnde Doktor kam ihr entgegen auf der Flur. Er war es, wie wir wissen, auch gewesen, der die erste Visite der schönen Dame in Trauer entgegen genommen.

Die Dame fragte nach dem Vorsteher.

Der Doktor gab ihr zur Antwort, daß derselbe leidend sei und wohl keine Besuche empfangen werde, gleichwohl wolle er einmal nachfragen. Er ließ die Dame in das Kassenzimmer treten, bot ihr überaus galant einen Stuhl und entfernte sich mit vielen Complimenten.

Obschon die Unterrichtsstunden bereits im vollen Gange waren, hatte der Candidat sein im ersten Stock des Hinterflügels gelegenes Wohnzimmer noch nicht verlassen. Die Hülfslehrer traten für ihn ein. Man hatte ihnen gesagt: der Herr Vorsteher sei über Nacht plötzlich erkrankt. Sandelholz wußte allein, welche Bewandtniß es mit dieser plötzlichen Erkrankung habe. Es war eine schreckliche Nacht für ihn gewesen, diese letzte.

Gegen Mitternacht hörte er die Klingelschnur des Candidaten. Um jeder unberufenen Hilfeleistung von Seiten anderer Hausbewohner zuvorzukommen, hatte er eiligst sein Bett verlassen und war in des Candidaten Schlafzimmer gegangen. Dort bot sich ihm ein überraschendes Schauspiel. Der fromme Mann lag heulend und wimmernd am Boden. Flüche und Verwünschungen aller Art wechselten mit irren Reden, die er mit einer ihm sonst nicht eigenen Zungengeläufigkeit von sich gab und heftig am Boden gestikulirend auf die zum Hof gerichteten Fenster deutete, als ob von daher die beängstigenden Schreckbilder auf ihn einstürmten, welche seine überreizte Phantasie vor sich sehen mochte.

Sandelholz war rath- und thatlos. Er verhielt sich möglichst passiv und wartete phlegmatisch ab, bis »die gesunde Natur« des Kranken den Anfall überstanden. Allmälig erstarben die Flüche und die irren Schilderungen der Phantasiegebilde in lautgesungenem Gebete. Bis dahin war Alles im Hause still geblieben. Bei dem heiseren Gesang des Candidaten jedoch erhob sich von den Schlafsälen der männlichen Zöglinge ein ähnliches Geschrei wie in der Nacht, da man Belzebub's persönlichen Besuch erwartet. Alles kam in Aufruhr. Die Lehrer und das Hauspersonal stürmten die Treppe hinan.

Sandelholz beruhigte den Candidaten durch einige kräftige Püffe, die diesen auffallend geschwind wieder »zur Raison« brachten. Dann begab er sich auf die Corridore und stiftete auch dort Ruhe und Frieden. Der eigentliche Grund dieses nächtlichen Höllenspektakels ward von ihm wohlweislich verschwiegen…

Er hatte sodann den Rest der Nacht vollends bei dem Kranken durchgemacht, dem er einige Kaltwasserumschläge applicirte und mit herkulischen Fäusten im Bett zurückhielt, so oft der Paroxismus aufs Neue erwachte. Gegen Morgen war der Kranke in einen tiefen Schlaf verfallen. Bis jetzt hatte er kein Lebenszeichen von sich gegeben. Sandelholz betrachtete den Schlaf als beste Medicin und hätte den Vorgesetzten um keinen Preis in dem fortdauernden Genuß dieser von der gesunden Natur verabreichten Mixtur gestört.

Wider alles Erwarten fand er indeß den Candidaten beim Ankleiden, als er den schon seit gestern erwarteten Besuch der schwarzen Dame anzumelden kam. Der Kranke sah bleich und angegriffen aus. Das Auge lag tief in seinen Höhlen und war von einem bleifarbenen Ring umgeben. Der Gesichtsausdruck zeugte nicht gerade von Irrsinn. Die Züge trugen das nichtssagende gewöhnliche Gepräge der Heuchlermaske, welche der Candidat nur bei vollem Bewußtsein aufsetzen konnte. Sandelholz fühlte sich durch diese Beobachtung sichtlich beruhigt und stand nicht an, die schöne Sennora zu melden.

»Sie ist willkommen. Führen Sie sie doch in meine Bibliothek. In zehn Minuten bin ich dort.«

Er sprach diese Worte so ruhig und fast wie gewöhnlich. Als er den Schlafrock abwerfen wollte und auf sein Lavoir zuschritt, bemerkte der Doktor, daß ein merkliches Zittern den abgemagerten Körper durchschauerte. Fast wäre der Arme an die hohe Lehne eines Lehnsessels getaumelt, auf dem seine schwarzen Kleider lagen. Der Arzt eilte herzu, ihn zu führen. Machtlos fiel der Körper in seine Arme. Ein Röcheln und Stöhnen antwortete ihm einzig auf alle die Fragen, welche er in Folge dieses Zufalles an den Erschöpften stellte. Er ließ ihn auf das Sopha niedergleiten, untersuchte den Puls und schüttelte höchst bedenklich den Kopf.

»Ich will die Sennora bitten, daß sie morgen wiederkomme!« sagte er mehr zu sich selbst als zu dem Kranken, dessen Gesicht durch ein convulsivisches Zucken entstellt wurde.

»Nicht doch! Sie bleibe!« schrie plötzlich der Candidat. »In zehn Minuten bin ich in der Bibliothek! Was schütteln Sie den Kopf, alter Quacksalber, wie ein Porzellan-Pagode? Ich bin ganz frisch und gesund! Ich fühlte mich seit lange nicht so wohl wie eben heute. Stand nicht die Sonne still über dem Thale auf das Gebet eines Gottgeliebten? Und diese elende Maschine sollte nicht stark sein können, wenn ein Auserwählter des Herrn darum bittet! O Jephta –Deine Macht ist elend! Hinaus Jephta – und verkünde der Isabel, daß ich komme! Wie ein Bräutigam tritt aus der Kammer, also werde auch ich hervorschreiten – stolz und stark wie ein Held – freudig zu laufen seine Bahn! Was stiert Ihr mich so an? Glaubt Ihr mein Fleisch sei schwach? Es ist nicht wahr – es ist stark wie mein Geist! Seht, da stehe ich aufrecht – seht Ihr! Und meine Zunge redet ohne Zittern! Glaubt Ihr, ich sei voll süßen Weines, wie in jener verfluchten Stunde, da ich dem Mägdelein drunten in der Leichenkammer von meiner Liebe sprach? Glaubt Ihr's… Im Vertrauen – liebster Sandelholz – aber ich hoffe, daß Ihr es Niemand verrathet, es war kein Mägdelein von menschlichem Schooße erzeugt und geboren, es war eine Ausgeburt der Hölle, gekleidet in lieblich trügerische Gestaltung, auf daß sie mich verführe, mich – den Auserwählten! Diese Nacht ist es mir geoffenbaret! O daß Ihr dabei gewesen, edler Freund! Drei Teufel kamen zu mir in mein Bett – einer zu Häupten, einer zu Füßen und einer auf der Brust sitzend – und alle drei verkündigten mir die Geschichte, wie ihre Höllenschwester mich verführen wollte auf einem Töpfersacker, wo sie Salat rupfte – und sie jubelten und lachten, daß gelungen sei ihre höllische Verführungskunst an Einem, den die Schaar der Berufenen als ihren Auserwählten bezeichnet hat!… So – nun wißt Ihr, wie's damals zugegangen! Aber ich erwehrte mich der Teufel mit Macht und stürzte sie dorthinaus – seht nur – noch liegen sie gewiß drunten im Hofe zerschellt!«

Der ehrliche Sandelholz überzeugte sich zu seiner Befremdung, daß »die gesunde Natur« hier noch wenig geholfen und überlegte, was in diesem kritischen Falle zu thun sei. Nahm der Vorstand des Paulinums in diesem Zustand den angemeldeten Besuch wirklich an, so war dessen ferneres Verbleiben in dieser Stellung unmöglich.

Der Kranke ließ ihm wenig Zeit zur Besinnung. Mit einer seltsamen Hast hatte er seine gewöhnliche Tracht angelegt und drang in den Doktor, ihn zu der Dame zu begleiten. Alle Gegenvorstellungen waren umsonst. Immer lauter ward der Disput. Sandelholz suchte den Ausgang zu sperren. Der Candidat aber schleuderte ihn mit einer fast übermenschlichen Kraft zur Seite und stürzte fort. Händeringend folgte der Doktor.

Als er mit schwerfälligem Schritt, ein Bild vollständigster Rathlosigkeit und Verzweiflung zum Ende des Corridors gekommen, sah er, über die Böschung der Gallerie gelehnt, wie der Wahnsinnige die fremde Dame mit vielen Verbeugungen aus dem Kassenzimmer in die gegenüberliegende Bibliothek führte und dazu mit so weltmännischer Verbindlichkeit überlaut parlirte, daß der ehrliche Sandelholz jetzt erst recht kopflos wurde. Sollte er den Kandidaten mit dem Besuch allein lassen – sollte er ihm in die Bibliothek nachfolgen? Er wußte es nicht. Seitdem er gewagt, den hochwürdigen Gönner durch einige Rippenstöße zu curiren, war der Respekt vor dessen heiliger Person bedeutend in ihm geschwunden – anderseits aber fürchtete er für seinen theuern Leichnam die Repressalie, die eben noch der Gereizte an ihm genommen.

Es war ein harter, ein bitterer Kampf, der sich in einem stummen Monolog vollzog. Endlich entschloß er sich zu gehen. Das Wohl und Wehe der Anstalt ruhte jetzt einzig und allein auf ihm! Er seufzte unter dieser Last, er fühlte jetzt die ganze Schwere der Verantwortung. Der Gedanke an den Schutz des Commerzienrathes gab ihm endlich Muth. Er stieg die Treppe hinab und schritt auf das Bibliothekzimmer zu. Dort war's bisher zu seiner Verwunderung noch sehr ruhig abgegangen und das bekräftigte in dem Armen die Hoffnung, den Auftritt durch seine Vermittelung so zu Ende zu führen, daß der Vorstand des Paulinums einer Fremden gegenüber nicht compromittirt werde.

»Wahnsinnige sind bald Kinder, bald Hyänen,« sagte der geistreiche Mann zu sich selbst, als er dicht vor dem verhängnißvollen Zimmer nochmals stille stand. »Ich bitte Dich, mein lieber Baldrian, bedenke das! Hat diese schwarze Sennora bis jetzt noch nicht gemerkt, daß der Vorsteher dieses gottesfürchtigen Hauses an periodischem Wahnsinn leidet (und der Himmel schlage sie mit Blindheit) so wird sie's auch in der Folge nicht mehr merken! Hat sie indeß diese Bemerkung schon gemacht– was nützt dann diese allzuspäte Intervention?«

Er rieb sich die geschundene Schulter und führte dann eine Prise der Nase zu, die schon längst dieser Atzung entgegenschmachtete, von der Baldrian Sandelholz behauptete, sie stärke die Gehirnthätigkeit in überraschender Weise. Fiel es ihm jetzt doch mit Schrecken ein, daß er ohne dieses Verstandesverschärfungsmittel seinen obgedachten, inneren Monolog gehalten! Ein Entschluß ohne Prise war kein Entschluß. Er überlegte nochmals.

Jetzt endlich ward es im Bibliothekzimmer laut.

Sandelholz vernahm deutlich die Stimme des Candidaten. Das spitze Diskantorgan klang so schrill und unheimlich wie noch nie.

»Ich schwöre Ihnen bei Sodom und Gomorrha,« rief der Wahnsinnige, »daß ich und meine Seele nichts wissen von dem Mägdelein. Es kam und ich weiß nicht woher – es ging und ich weiß nicht wohin! Wir Menschen sind kurzsichtige Maulwürfe! Was aber Sie anlangt, so weiß ich durch den Teufel, der zur Nachtzeit saß auf meiner Brust, daß auch Sie herkommen aus dem Schwefelpfuhle der Hölle in lieblicher Gestaltung, mich zu verführen zu sündiger Liebe! Aber ich widerstehe der Gewalt des Teufels und obschon wir allzumal Sünder sind und des Ruhmes mangeln« –

Die Thür flog auf bei diesen Worten.

Die fremde Dame eilte mit lautem Aufschrei an dem Doktor vorüber, ihr nach mit ausgebreiteten Armen der Candidat, der mit heulender Stimme das Bibelcitat vervollständigte. Die Fremde hatte die Hausthüre erreicht und die Angst vor dem Wahnsinnigen, der sie verfolgte, gab ihr Kraft, die schwere Pforte zu öffnen. Dröhnend fiel dieselbe hinter ihr zu. Der Doktor hatte inzwischen den Candidaten erfaßt und schleppte ihn in das Bibliothekzimmer zurück. Mit einem lauten Gelächter sank der Wahnsinnige hier kraftlos zusammen.

*

Erschöpft und athemlos lehnte die Sennora an der Mauer, die den Garten des Paulinums von der Heerstraße trennte. Ihre Füße schienen ihr den Dienst zu versagen. Schreck und Angst hatten die sonst so sanften Züge verwirrt.

Die ganze Scene hatte um so nachhaltiger und gewaltiger auf sie eingewirkt, als der zuvorkommende, ächt weltmännische Empfang von Seiten des wahnsinnigen Candidaten den plötzlich ausbrechenden Irrsinn doppelt grausig und grell hervortreten ließ. Kaum hatte sie, nach den allgemeinen Einleitungsworten, die näheren Angaben über Zeit, Ort und Namen des von ihr gesuchten Kindes gemacht, als der Aermste urplötzlich in seine fixe Idee verfiel und mit heftigen Verwünschungen wider die Lockungen des Satans auf sie eindrang. Am unheimlichsten aber erschienen die in diese Irrreden eingestreuten Selbstanklagen des Vorstehers, der die Schwachheit des eigenen Fleisches in so frivoler Weise schilderte, wie man sie einem so frommen und gottesfürchtigen Manne doch am allerwenigsten zugetraut haben würde.

Welche besonderen Rückschlüsse das bekümmerte Mutterherz bei diesen schreckvollen Eröffnungen auf das Schicksal des verlornen Kindes unter solcher Oberaufsicht und in einem solchen Institut machen mußte – liegt auf der Hand. Je mehr sie, dem allgemeinen Urtheil folgend, bis dahin diese Anstalt für eine wirklich heilbringende in strengster Zucht und Sitte dirigirte gehalten – desto größer jetzt die Enttäuschung, wo ein Wahnsinniger und Wollüstling sich ihr als Vorsteher dieses Instituts zeigte! Aus der anfänglichen Erstarrung auffahrend, hatte sie vor dem Candidaten, der ihr bereits trotz aller Flüche wider die Sünden des Fleisches und die Macht satanischer Verführung mit einer leidenschaftlichen Umarmung drohte, die Flucht ergriffen.

Erst als sich die Pforte hinter ihr schloß und die tiefe Stimme des Doktors dem Geschrei des Wahnsinnigen Schweigen gebot und in Folge dessen tiefe Stille im Hause geworden – erst da athmete sie allmählig wieder auf. Noch erschien ihr das eben Erlebte wie ein wüster Traum. Die helle Sonne, welche über Flur und Wald ihre warmen Strahlen ergoß, ließ sie allgemach zu sich selber kommen. Langsam, denn noch immer zitterten die Kniee von dem kaum überwundenen Schreck, ging sie an der hohen Gartenmauer entlang, das Auge am Boden, die Hände über die pochende Brust zusammengefaltet, denn gar so heftig wogte es da drinnen auf!

Eingeweiht in die Geheimnisse jenes Hauses, das jetzt schon weit hinter ihr lag, würde sie in diesem erbarmenswerthen, kläglichen Zustand des wahnsinnigen Candidaten nur ein gerechtes Strafgericht Gottes gesehen haben! War er doch auch gerichtet, der elende Heuchler, durch sich selbst! Jene wirren phantastischen Träume, mit denen er die Herzen der Zöglinge zu schrecken suchte, waren über ihn selbst hereingebrochen und hatten den Geist mit Irrsal und Finsterniß erfüllt, der die Verkündigungen des Lichts und der Freiheit durch Christum verkehrt hatte in drohende Schreckensbilder höllischer Strafen, in ein Afterevangelium der Finsterniß und Sclaverei!

Der frische Waldesduft, die grünenden Fluren, der Vogelsang und die ganze sonnenhelle Welt, die ihr ringsum entgegenlachte, verscheuchten allmälig die Schrecken aus der Seele der Sennora. Hinter ihr in dem düsteren Hause: Finsterniß – Wahnwitz – Heuchelei; hier aber überall nur Licht, Freude, Wahrheit! Aufgeschlagen vor ihrem Auge lag das größte Buch der Offenbarungen – das Buch der Natur, das auf jeder Seite die Allmacht, Liebe und Güte des Höchsten verkündigt! Da ist nichts von verkehrter Menschensatzung, nichts von finsterem Zelotismus, frei und fröhlich schwingt sich da durch den lichthellen Aether die Seele empor zum Wohnsitz des ewigen Lichtes! Kein Tempel von Menschenhänden gemacht, engt hier die freien Regungen des überwallenden Herzens ein, und unter dem freien Himmelsdom vergißt es die nichtssagenden Opfer und all' die Schranken, durch welche uns Priestersatzungen trennen wollen von dem Höchsten, welchem wir hier ohne Vermittelung selbstberufener Diener uns nahen dürfen!

Schon stiegen die Thurmspitzen der nahen Stadt am Horizont empor. Zur Rechten aber winkte der Wald. Dorthin zog es sie mit Allgewalt. Ihr übervolles Herz sehnte sich nach Ruhe. Nicht im Geräusch der Stadt konnte sie sich selbst wiederfinden. Zweifelnd blieb sie stehen. Erst jetzt vermißte sie den treuen Toby, der vor dem Paulinum der Herrin hatte warten sollen. Nirgend vermochte ihr spähender Blick den alten Diener zu entdecken.

Durch die Lichtung des Waldes, welche den breiten Weg der vor demselben sich ausdehnenden Getreidefelder gleichsam fortsetzte, rollte ein Wagen. Der Kutscher – eine ihr völlig unbekannte Person – schien ihr zu winken. War es die Tänzerin, welche ihr heimlich mit dem Wagen gefolgt? Ihr erster Gedanke fiel auf diese. Der Schlag öffnete sich, ein Herr in gewählter Kleidung sprang von dem Rücksitz, näherte sich dem Schlag und schien in den Wagen zurückzusprechen. Er verneigte sich mehrere Male sehr devot und eilte dann auf die Sennora zu, die noch immer zweifelnd am Kreuzwege stand.

Der Mann näherte sich mit sehr höflichem Gruß und stellte sich als erster Lohndiener des Hôtel garni vor, in welchem die Tänzerin Idali wohnte. Dieselbe habe, wie er sagte, eine Spazierfahrt zu einem benachbarten Vergnügungsorte vor und lade die Sennora freundlichst ein, daran Theil zu nehmen.

Da die Tänzerin schon Tags zuvor, durch die Sennora selbst erfahren, daß diese einen sehr wichtigen Besuch im Paulinum zu machen habe, so war ihr dieses Zusammentreffen keineswegs unerklärlich.

Die Sennora war gleichwohl nicht in der Stimmung, dieser Einladung Folge zu leisten. Sie sagte das dem Lohndiener, welcher sie darauf ersuchte, ihn zum Wagen zu begleiten, weil die Demoiselle auch noch von einer besonderen Rücksprache geredet, die sie mit der Sennora nehmen wollte über eine Abendgesellschaft, zu der sie die Sennora einzuladen beauftragt sei.

Die Sennora folgte darauf dem Mann zum Wagen. Als sie denselben erreicht und jetzt mit Staunen und Mißtrauen bemerkte, daß dieser leer sei, trat der Lohndiener dicht an sie heran, umschlang die zarte Gestalt mit kräftigen Armen und hob sie in den offenen Wagen. Der Schlag flog hinter ihr zu, der Kutscher hieb auf die Pferde ein und der vermeintliche Lohndiener sprang mit einem lauten höhnischen Lachen zu dem Rücksitz.

»Waldeinwärts zur Sandgrube,« rief er dem Kutscher zu, der den Weg durch die Lichtung fortsetzen zu wollen schien. Alles das war das Werk eines Augenblicks gewesen. Der Kutscher wandte nach dem Befehle des Mannes auf dem Rücksitz um. Aus dem Wagen ertönte der laute Schreckens- und Hilferuf der Sennora. Ein donnerndes »Halt« folgte demselben, und aus dem nächsten Gebüsch trat eine Männergestalt hervor.

Der Kutscher war zweifelhaft geworden und sichtlich voll Angst. Nicht so der Bursche auf dem Rücksitze. Schnell entschlossen zog er ein Dolchmesser aus der Rocktasche und rief dem Fremden zu: »Zurück da, oder mein Messer stiegt Euch in die Augen!«…

Der Fremde ließ sich nicht abschrecken. War er schon vordem Zeuge gewesen, oder führte ihn der Zufall erst jetzt zu dem Bubenstück? Gleichviel! Ein besonderes Interesse mußte ihn bei diesem Entführungsversuch erfüllen, da er muthvoll und unerschrocken, ohne der Drohung des wilden Burschen zu achten, den Pferden in die Zügel fiel, die eben bei'm Umwenden begriffen in schneller Bewegung zum schmälern Waldweg einbiegen wollten. Der Kutscher wagte nicht, die Pferde anzuspornen.

Mit kräftiger Faust brachte der Fremde dieselben zum Stehen. Der Mann mit dem Dolche kletterte indeß von seinem hohen Rücksitz herab und stürzte sich wie ein gereizter Tiger mit wildfunkelnden Augen auf den Unerschrockenen. Dieser zog mit großer Ruhe ein Pistol, dessen drohender Lauf jenem Tollkühnen Stillstand gebot.

»Was wollt Ihr von uns!« schrie er mit wuthzitternder Stimme. »Wer gibt Euch ein Recht, uns so in den Weg zu treten?«

»Platz da am Wagenschlag, Du Schurke,« lautete die Antwort und mit erhobener Pistole schritt er vorwärts.

Im Wagen war Alles still. Der Schlag war bald geöffnet. Die Sennora lag todtbleich und ohnmächtig in den Kissen.

»Sie ist's – o Gott!« rief der Fremde, der dicht herzugetreten war, und sein vordem finsterblickendes, drohendes Angesicht überflog ein Freudenschein, als dankte er dem Schicksal jetzt doppelt die Rolle, welche er bei dieser Entführungsscene zu spielen berufen schien.

Fischering – denn er war der vermeintliche Lohndiener aus dem Hôtel garni der Idali – schien indeß nicht gewillt, sich seinen Raub so leichten Kaufes entreißen zu lassen. Aufs Neue trat er zu dem Fremden, da dieser mitleidsvoll auf die Ohnmächtige blickte und vor Staunen sprachlos geworden schien, schleuderte dessen Arm, der den Wagenschlag hielt, zurück, und zückte drohend das Messer. In demselben Augenblick traf ihn die Kugel des Mannes, dem er den Stich zugedacht, welchen der zerschmetterte Arm jetzt nicht mehr auszuführen im Stande war. Heulend vor Wuth taumelte er zurück.

Mit raschem Griff hob der Fremde die Ohnmächtige aus dem Wagen und ließ sie sanft niederfallen auf den Moosgrund. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, da ihm das Rathsamste schien, sich aus dieser gefährlichen Situation baldmöglichst zu retten. Der Wagen flog den Waldweg hinab.

Fischering hatte sich aufgerafft, er riß das Halstuch ab und band es um den blutenden Arm. Der Fremde kniete neben der Ohnmächtigen, ohne auf ihn zu achten. Der Verwundete konnte jetzt nicht mehr daran denken, den ihm doch nun ein Mal entrissenen Raub wieder zu gewinnen und so stürzte er mit einem wilden Fluch dem dahinrollenden Wagen nach.

Es dauerte lange, bis die Sennora wieder zu sich kam. Ihr erster Blick, als sie endlich die tiefblauen Augen aufschlug, fiel natürlich auf ihren Retter, der wie in stummer Andacht mit gefalteten Händen neben ihr kniete.

»Richard – Richard!« rief sie und sank auf's Neue zurück in das weiche Moos. Ihre Hand hatte die seinige ergriffen – sie hielt sie auch jetzt noch umklammert. Vergebens blickte er nach Hülfe umher. In der Nähe floß der Waldbach. Er aber wagte nicht die Hand zu befreien. So beugte er sich tief zu ihr hienieder mit sanften Worten, die dem übervollen Herzen entströmten – und sieh, die leisen Worte schienen selbst diesem todten Ohre verständlich. Ihr Athem verkündete es. Leben erweckend mußten sie eingedrungen sein in ihren Busen, der sich höher und höher hob, bis endlich das schlummernde Auge langsam sich auf's Neue öffnete und ein feuchter Blick ihm Antwort gab!…

»Gabriele – theure Gabriele! So finden wir uns wieder!«

»Mein Retter!… Richard!… O ist's ein Traum, so laß mich so hinüberträumen in den ewigen Schlaf!«…

»Nein – nein, es ist wahr, ist wirklich! Und mir ist es, als erwache ich jetzt in dieser heiligen Stunde zu einem neuen Leben!«…

»Gerettet durch Dich! Durch Dich?«

Ihre Hand hielt die seine zitternd umklammert, als wolle sie durch diese fühlbare Gewähr der Sinne die Bestätigung des Wachens!

Sie erhob sich, von ihm unterstützt. Ihr träumerischer, feuchter Blick rang sich los von ihm, dem Geliebten – dem Verlorenen – dem Wiedergefundenen und richtete sich dankend mit einem stillen Gebet empor zu dem, dessen Wege so wunderbar auch durch ihr eigenes, wechselvolles Leben gegangen waren.

Das Lied der Waldvöglein schwieg, als wollten sie diese feierliche Stunde nicht stören. Nur leise rauschten hoch über ihnen die dunkelen Wipfel. Es klang wie ein liebendes Grüßen zu ihnen hernieder.

Sie gingen neben einander. Nur ihre Blicke sprachen. Es war, als reichten alle Worte nicht aus zu sagen, was ein Herz dem andern hier in überströmender Seligkeit zu verkünden hatte!

So kamen sie aus dem Blätterdunkel – sie selber wußten's kaum – hinaus in die wogenden Aehrenfelder, über die ein leiser Westwind fächelte. Vor ihnen lag die Stadt mit ihren düsteren Häusern, den hohen Wällen, den rauchenden Fabrikessen, dem Mastenwald des Hafens! Es war als führe der Anblick beide Seelen zurück in die Wirklichkeit, zurück in das Leben, zurück aus den seligen Traumregionen, in die sie sich versenkt.

»Wir müssen scheiden,« sagte er mit zitternder leiser Stimme, indem seine Blicke zu der Stadt hinüberflogen, als ob diese eine Scheidewand ziehen könnte zwischen Beiden, die sich nach langer Trennung in unbelauschter Waldeinsamkeit zusammengefunden.

Gabriele verstand die zarte Rücksicht, die in diesen Worten lag. Erst jetzt gedachte sie der Gefahr, in der sie geschwebt, gedachte der feindseligen Entführung, deren Anstifter und deren Zweck ihr so fern und fremd waren. Eine unbekannte, feindliche Gewalt schien drohend aufgestiegen, die ihr hemmend in den Weg treten wollte und ihren Untergang beschlossen zu haben schien. Und nirgend ein Anhaltspunkt – nirgend ein begründeter Verdacht! Daß die Tänzerin auch nur im geringsten mit jenem Elenden im Einverständniß gewesen, daran mochte und wollte sie nicht glauben!

So folgte auf jene kurze Stunde des Glückes, die sonnenhell ihren Lebenshimmel überflog, eine düstere Wolke. Unbestimmte Vorahnungen eines dunkelen Verhängnisses, das sie bedrohe, stiegen auf… Allein sollte sie zurückgehen, in diese laute, wüste Welt, in der jener geheimnißvolle Feind, dessen Arm sie heut' wie durch ein Wunder entgangen, auf ihr Verderben sann!… Und doch, war nicht der wiedergefundene Freund ein starker, ein mächtiger Schutz? Fühlte ihr liebend Herz sich selbst nicht stark genug, das durch dieses Wiederfinden des Geliebten aufs Neue Zeugniß empfangen, daß Gott ihm nahe!

Auch Richard schien tief in Gedanken versunken, da Beide stille standen und das Gebot der Trennung gegenseitig fühlten! Wie manche Frage drängte sich jetzt auf seine Lippen, die vordem das überströmende Gefühl des Wiedersehens nicht aufkommen ließ! Hatte er nicht ein Recht zu einem leisen Argwohn wider die Geliebte, die einst ihn so treulos verlassen? Mußte er jetzt, nachdem der erste Rausch des Wiederfindens verflogen, nicht jener schrecklichen Tage der Verzweiflung gedenken, die sie ihm bereitet, als er nach jener Trennung keine Antwort erhielt auf all' seine glühenden Versicherungen ewiger Treue und Liebe?… In ihrem Auge hatte er nichts gelesen von Reue – nichts gehört von Entschuldigung über jene Trennung! Auch wenn sie sich schuldlos fühlte (doch wie, wie konnte sie das) warum denn jetzt kein einzig Wort darüber!

Es war, als ahne sie diese bitteren Zweifel des Geliebten! Ganz dem seligen Augenblick hingegeben, ganz versunken in die Freude dieses Wiederfindens, hatte ihr Herz nicht der vergangenen Tage gedacht! Konnte sie jetzt bei ruhigem Zurückdenken von dem scheinbar so schrecklich getäuschten Freunde eine so felsenfeste Zuversicht erwarten, daß er jeden Gedanken an eine Schuld ihrerseits aufgab, weil sie jetzt sich so rückhaltslos vertrauend ihm gezeigt? Ließ ihre Hülfslosigkeit ihr wohl eine Wahl? Und doch mußte sie ihm noch sagen, was ihr Herz durch ihre Blicke ihm verkündigte?

»Wir müssen scheiden,« hatte er gesagt – und, als ob die tiefsten seiner Gedanken mit all' ihren heimlichen Zweifeln in das schöne Angesicht getreten wären und ihrem Auge dort lesbar und deutlich aufgeschrieben schienen – sagte sie darauf:

»Aber nicht scheiden wie damals, mein Freund! Von nun an soll kein böser Feind zwischen unsere Herzen treten, der sie arglistig von einander trennt! Du sollst erfahren, wie mein argloser Sinn dazumal getäuscht worden – sollst wissen, wie elend und schändlich der Neid zu Werke ging, den Bund unserer Herzen zu lösen! Ich selbst bin schuldlos – und eben jetzt habe ich ja gesehen, daß trotz allem Scheine wider mich, doch in Deiner Brust ein liebend Etwas für mich gesprochen! Und so sei denn in dieser Stunde aufs Neue jener Bund beschworen – wenn Du« – –

Doch er ließ sie nicht vollenden. In heftigster Bewegung drückte der Selige die Hände an sein pochendes Herz und rief:

»Ja, Gabriele – ich glaube an Dich! Kein Wort mehr über das Vergangene: Gestern, als ich Dich zusammenbrechen sah, bei meinem unverhofften Anblick, konnten alle Zweifel aufs neue in mir lebendig werden –heut', bei Deinem ersten Worte – mußten sie ersterben.«

»Und bald – bald sehen wir uns wieder?«

»Wann Gabriele es wünscht!«

»Unser Herzensbund hat ja nicht das Auge der Welt zu scheuen,« erwiderte sie, leis erröthend und sich an ihn schmiegend. – »Noch heut'! Und bald mögen Alle, Alle es wissen, was wir uns waren und sind!«

*

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