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Verschwindende Diamanten und andre Detektivgeschichten

Mathias McDonnell Bodkin: Verschwindende Diamanten und andre Detektivgeschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/bodkin/diamante/diamante.xml
typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleVerschwindende Diamanten und andre Detektivgeschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume18. Jahrgang. Band 3
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111220
quellewww.alte-krimis.de
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Der Hund und der Doktor

Beck kam aus dem beliebten Badeort Mount Eagle, wo er die letzten vierzehn Tage höchst nützlich und angenehm verbracht hatte. Er fuhr auf seinem Zweirad den steilen Berg hinunter, an dem das hübsche Dörfchen Ballyduff liegt; da sah er einen Leichenzug, der sich durch die Straßen bewegte, und sein Interesse war sofort rege. Es war nämlich ein sehr sonderbares Begräbnis, denn nur drei Personen beteiligten sich daran, was in Irland selten ist. Auf einem Außenplatz des Leichenwagens saß ein rotwangiger, gutmütiger Herr in mittleren Jahren, angethan mit strahlend weißer Schärpe und einem weißleinenen Band um den Hut. Beck vermutete in ihm sofort den Ortsmedikus, und darin hatte er recht. Ein gewisses Behagen ließ sich ganz deutlich in den Zügen des Mannes erkennen, die scheinbar eine kummervolle Miene zur Schau trugen, wie es die Gelegenheit verlangte. Ein paar Schritt hinter dem Doktor kam der hübscheste junge Mann, den Beck je gesehen hatte, und Beck verstand sich sowohl auf männliche als auf weibliche Schönheit. Er war gut gewachsen, sah gesund und kräftig aus und hatte kraus gelocktes dunkles Haar, dazu blauschwarze irische Augen. Zwar trug er nicht wie der Doktor alle äußeren Zeichen der Trauer an seinem Anzug, aber über seinem schönen Gesicht lag eine Wolke des Kummers und der Unzufriedenheit, die, obwohl sie zu einem Begräbnis gut paßten, dem Jüngling sonst fremd zu sein schienen.

Den Schluß des Zuges bildete eine dicke, ältliche Frau die einen schweren blauen Tuchmantel trug und ein wollenes Tuch um den Kopf hatte, trotzdem die Strahlen der Herbstsonne heiß in der Luft zitterten und auf dem trockenen weißen Weg brannten. Während des Gehens ließ sie den Rosenkranz durch die Finger gleiten, aber ihre Augen hingen unverwandt voll Mitgefühl an dem schönen Kopf und den breiten Schultern des jungen Mannes, der vor ihr herging.

Beck fuhr vollends den Berg hinunter und langte am Kirchhof an, als der Leichenwagen durchs Thor fuhr. Er lehnte sein Rad an einen Pfosten und blieb geduldig daneben stehen, bis die kurzen Ceremonien, mit denen der Mensch der Erde zurückgegeben wird, vorüber waren.

Als die männlichen Leidtragenden wieder herauskamen und sich, ohne ein Wort zu wechseln, nach verschiedenen Richtungen entfernten, sah sich Beck beide ganz genau an. Die Frau sprach noch ein halbes Dutzend Gebete an dem neuen Grabe, dann ging auch sie vorüber an ihm und Beck redete sie an: »Entschuldigen Sie, Madame,« sagte er in seiner offenen, herzlichen Weise, die allen Leuten einen so guten Eindruck machte. »Ich bin fremd in der Stadt. Wären Sie wohl so gut, mir zu sagen, welches hier das beste Gasthaus ist?«

»Recht gern; aber das beste ist noch immer schlecht genug,« war ihre höfliche Antwort. »Sehen Sie, da haben wir Boylans Gasthof – das heißt vor drei Wochen hieß es so! jetzt muß man ›Hotel erster Klasse‹ sagen. Jawohl – erster Klasse! Ich möchte wissen, was daran erster Klasse ist außer den Rechnungen! Und dann gibt's noch –«

»Ich möchte nur ein recht stilles Haus wissen.«

»Bleiben Sie denn eine Weile?«

»Vielleicht vierzehn Tage.«

»Na, wenn das so ist, da könnte ich Sie am Ende selbst unterbringen. Ich hab' ja noch die zwei Zimmer frei, in denen der dort« – sie zeigte mit dem Daumen nach dem Kirchhof – »an die dreißig Jahre gewohnt hat. Sie sind ganz anständig und sauber, wenn ich's auch selbst sagen muß, und gar nicht sehr teuer.«

»Könnte ich sie wohl sehen?«

»Freilich; ich geh' jetzt gleich nach Hause.«

Beck führte sein Rad, an dessen Lenkstange der Reisesack hing, während eine Angelrute hinter der Lampe festgeklemmt war, langsam die stille Straße hinunter, neben der Frau her, die schneller schwatzen als laufen konnte.

»Es sieht jetzt ein bissel unordentlich aus,« fuhr sie fort, »denn der Alte hatte eine so sonderbare Krankheit, nichts Ansteckendes – ne, da dürfen Sie sicher sein – nur wenn der Anfall kam, so ein bissel wild. Aber in einer Stunde soll alles in Ordnung und blitzblank sein. – Das war einmal ein komisches Begräbnis, nicht?« war ihre nächste Bemerkung.

Beck nickte.

»Ja, ja, und der Mann, der gestorben ist, war auch sonderbar und sein Tod auch. Sie haben wohl in der Fremde nichts von dem alten Michael Feely gehört? So hat er geheißen, und ich kann Sie versichern, ein ganz gemeiner alter Geizhals ist er gewesen. Gott verzeih' mir die Sünde! Von den Toten soll man nichts Böses sagen. Friede seiner Asche!«

»Er ist reich gewesen?«

»Haben Sie reich gesagt? Na, reich ist da nicht genug. Er hat sich im Geld gewälzt, sag' ich Ihnen. Zuerst war er ein Wucherer und Geldverleiher, dann hat er das ›Gütergrapsen‹ angefangen, wie wir's hierzulande nennen. Er hat die ganze Gegend hier herum aufgekauft, immer ein Gut nach dem andern, wenn einer von den Vornehmen zu Grunde ging. Dann mußten die Pächter, die armen Kerle, immer die doppelte Pacht bezahlen. Zuletzt hat er vier große Häuser gehabt und die Domänen dazu, aber er ist immer bei mir wohnen geblieben, wo's so billig war. Und über einen Heller hat er mehr hin und her geredet, als unsereins um einen Thaler. Wie oft hat er zu mir gesagt: ›Frau Muldoon, heut früh haben die Fischer einen guten Makrelenfang gethan‹ – das beobachtete er immer von seinem Fenster aus. ›Wenn so viele da sind, sollten sie billig sein. Ich möchte wohl eine zum Frühstück haben. Aber geben Sie nicht mehr als fünf Pfennig dafür und suchen Sie die schönste aus. Das letzte Mal haben Sie fünfzehn bezahlt; das war eine rechte Verschwendung, Frau Muldoon.‹ Verschwendung, Verschwendung, Verschwendung, das war immer sein Lieblingswort. Was hilft ihm nun all sein Geld? – Jetzt ist er tot.«

Mittlerweile waren sie an Frau Muldoons wohlgepflegtem Häuschen angelangt, das vom Uferrand etwas entfernt stand, die Rückseite der Stadt und die Front dem Meere zugewendet. Es hatte vorn einen kleinen, hinten einen großen Garten; in beiden blühte eine Fülle altmodischer leuchtender und duftender Blumen.

Die Möbel in dem hübschen kleinen Wohnzimmer standen allerdings alle kreuz und quer. Ein Stuhl und eine Porzellanvase lagen zerbrochen am Boden.

»Nur ein Augenblickchen, dann ist alles wieder hergerichtet,« sagte Frau Muldoon. »Ich habe keine Minute Zeit gehabt die ganze letzte Woche. Das da hat er erst bei seinem letzten Anfall zerbrochen,« sagte sie entschuldigend. »Aber getrunken hat er nicht etwa, nein, das muß ich sagen, er war immer ein nüchterner Mann. Er hätt's auch gar nicht übers Herz gebracht. Bei ihm war's zuletzt das konträre Gegenteil, wenn er irgend etwas zu trinken sah, und wenn's nur unschuldiges kaltes Wasser war, geriet er ganz außer sich. Er hat selbst den kalten Wind, der übers Meer blies, nicht vertragen können; er hatte so 'ne Hundekrankheit – wie sagt man denn?«

»Wasserscheu?«

»Ja, ja. Sein eigenes kleines Hündchen, Jack, hat ihn vor ungefähr sechs Wochen gebissen. Aber ich bin recht langweilig mit meinem Geschwätz! Sie hätten gewiß lieber ein bissel was zu essen und zu trinken nach Ihrer Fahrt auf dem sonderbaren Schubkarren da.«

»Setzen Sie sich doch, Frau Muldoon,« sagte Beck sehr freundlich. »Sie haben mehr Grund, müde zu sein als ich. Ich versichere Sie, Ihre Geschichte interessiert mich sehr.«

Und das war die reine Wahrheit; Beck interessierte sich für Klatschgeschichten, als wenn er eine alte Jungfer wäre. Das erwärmte Frau Muldoons Herz sogleich für den fremden gutmütigen Herrn.

»Bitte, nur noch ein Augenblickchen,« sagte sie und ging nach der Thür.

»Marie!« rief sie in die Küche hinunter. »Mach doch gleich ein Kotelett zurecht und koche eine Tasse Thee.«

Dann wandte sie sich fragend zu Beck: »Vielleicht hätten Sie lieber eine Flasche Bier oder einen Schluck Whisky? Ich habe einen ganz guten Tropfen im Haus.«

»Nein, ich möchte um Thee bitten, wenn Sie mir Gesellschaft leisten wollen. – Der alte Mann ist also an der Wasserscheu gestorben. Sagten Sie nicht so?«

Frau Muldoon knüpfte ihren Mantel los und nahm das Tuch vom Kopf, strich sich mit beiden Händen das Haar glatt und setzte sich im Lehnstuhl zurecht, zu einem guten, langen Schwatz.

»Sie können mir glauben, so war's; und der greuliche Köter war noch dazu das einzige Geschöpf, dem der alte Mann was zu liebe that. Er hat ihn eigenhändig gefüttert und Tag und Nacht nicht aus den Augen gelassen. Aber so geht's immer in der Welt, das hab' ich schon zu Frau Mullarkey gesagt. Ich erinnere mich noch gut, wie die ganze Geschichte vor über drei Monaten angefangen hat. Es war Mai, als Doktor Kilkaddy seinen Besuch machte. Er ist nämlich ein naher Verwandter von dem alten Mann, hat aber ein ganz andres Wesen als dieser. Man kann lange suchen, bis man wieder einen so netten, vergnügten Mann findet wie den Doktor, der für arm und reich immer ein gutes Wort hat. Als er sah, daß der Alte das Hündchen auf den Knieen hielt, das nicht einmal einen Maulkorb um hatte, wie's vorgeschrieben ist, da war der Doktor ganz außer sich. Denn er ist ganz besonders geschickt in der Hundekrankheit, der –«

»Wasserscheu.«

»Danke bestens. Er hat einen jungen Mann, der sie beinahe bekommen hätte, dadurch kuriert, daß er ihn zu Pasteur nach Paris gebracht hat, und nachher soll er noch einen andern kuriert haben, der sich immer Stecknadeln und Nähnadeln in den Leib stechen wollte – die Geschichte weiß ich nicht so genau. Aber das weiß ich, wie der Doktor sah, daß der Alte das Hündchen so streichelte, da hat er beide Hände in die Höhe gehoben, wie der Pfarrer beim Segen, und hat gesagt: ›Aber, mein lieber Vetter, wie können Sie denn so unvorsichtig sein! Der Hund hat ja keinen Maulkorb und Sie bringen Ihr kostbares Leben in Gefahr!‹

»›Aergern Sie mich nicht, Doktor,‹ sagte der Alte so recht bissig. ›Ich möchte es Ihnen heute nicht raten. Jack und ich sind die besten Freunde, und ich leid's nicht, daß jemand etwas gegen ihn hat. Ich glaube, weiß Gott, das Hündchen ist der einzige Freund, den ich habe.‹

»›Aber, lieber Vetter,‹ fing der Doktor ganz entsetzt an, ›Sie wissen doch –‹

»›Aber‹, fiel ihm der Alte ins Wort, ›machen Sie keine Redensarten, Herr Doktor, die sind an mir verschwendet; zum Teufel mit der Verschwendung! Irgend jemand muß ich einmal mein Geld hinterlassen; schlimm genug. Und da ich keinen andern weiß, kriegen Sie's. Zu bedanken brauchen Sie sich nicht dafür – wenigstens bei mir nicht – bedanken Sie sich bei dem Thunichtgut Malachy Kirwan.‹ – Entschuldigen Sie, das hat er gesagt. – ›Der Narr hat nicht geruht, bis er bei der Liga war, und der Teufel soll mich holen, wenn ich auch nur einen Pfennig von meinem ehrlichen, sauer erworbenen Geld einem von den Kerlen hinterlasse, die das Volk aufhetzen und dazu anstiften, ihre Schulden nicht zu bezahlen.‹

»Nun fing der Doktor an, den Malachy zu verteidigen; aber das war ganz so, wie wenn man einer Katze das Fell gegen den Strich streicht. Je mehr er schwatzte, desto wütender wurde der Alte, und die Flüche sprudelten nur so 'raus.«

»Dieser Malachy ist –«

»Ach, hab' ich das nicht gesagt? Ich bin doch zu dumm. Malachy ist dem Alten sein richtiger Neffe, sein Schwestersohn, Sie können's mir glauben. Und so ein braver Junge war der Malachy und dazu auch noch ein so hübscher Mensch. Er hat jahrelang dem alten Onkel alle seine Geschäfte besorgt, und es war eine ausgemachte Sache, daß er 'mal alles bekommen würde, wenn der Alte mit Tod abging. Die Leute hatten ihn alle gern; er hat ihnen immer das Wort geredet, denn der alte Herr – Gott hab' ihn selig – ging hart mit seinen Mietern um. Wenn der Malachy einen Aufschub oder so was für die armen Leute haben wollte, sagte der Onkel immer, er habe einen Sparren zuviel im Kopf. Aber ganz verbittert und grimmig gegen ihn ist der Alte erst geworden, als er der Liga beitrat.«

»Dieser Malachy ist ein junger Mann?«

»Ja gewiß, jung und hübsch dazu. Aber Sie brauchen's mir ja nicht aufs Wort zu glauben; Sie haben ihn ja selbst gesehen beim Begräbnis. Er ging zwischen mir und dem Doktor. Ich hab' gehört, daß er sich mit dem Doktor ein bissel gezankt hat, und der war doch so höflich gegen ihn. Aber wir haben ja alle 'mal einen Zorn, und man kann's ihm nicht übel nehmen, daß er ganz aus dem Häuschen geraten ist – so auf einmal keinen Heller zu bekommen; noch dazu wenn er heiraten will. Man kennt ihn kaum wieder. Der Malachy hat ja sonst keinem Menschen begegnen können, ohne ihn anzulachen und ihm ein freundliches Wort zu sagen.«

»Sie wollten mir vorhin sagen, wie es zuging, daß der alte Herr die Hundswut bekam.«

»Da haben Sie recht; aber ich bin ganz 'raus gekommen; wenn ich von dem Malachy Kirwan red', wird mir's immer warm ums Herz. Hab' ich denn noch nicht gesagt, daß sein eigenes Hündchen Jack ihn gebissen hat? Ich weiß noch genau, wie's war: Als der Doktor am übernächsten Tag wieder kam, spielte der Alte auch mit dem Hund. Diesmal hat der Doktor nichts dagegen gesagt; aber eh' er fortging, rief er den Hund zu sich, und als Jack mit dem Schwanz wedelte und gelaufen kam, hat er ihn gestreichelt. Aber ganz plötzlich kam so ein tolles Gebell aus dem Tier, und es schnappte dem Doktor nach der Hand, dann lief es davon in die äußerste Ecke und heulte immer vor sich hin.

»Einstweilen hat das nichts auf sich gehabt, aber einen Monat darauf merkte ich, daß der Hund immer rappeliger im Kopf wurde. An einem sehr heißen Tag war ich gerade im Garten und pflückte junge Erbsen, da hör' ich ein fürchterliches Schreien und Heulen in dem alten Michael seinem Zimmer. Ich renn' hin, so schnell mich die Füße tragen, und wie ich die Thür aufmach', da hab' ich einen schönen Anblick: In einer Ecke seh' ich Jack, das kleine Hündchen, dem der Schaum von der Schnauze tropft, und der alte Mann hat ihn am Kragen gepackt und haut mit einem Pantoffel auf ihn los. Auf den ersten Blick wußt' ich, was passiert war. Der Hund hatte den Alten in die Hand und in die Lippe gebissen; das Blut regnete nur so auf den Bösewicht herunter.

»Als ich das sah, lieber Herr, da lief ich gleich in den Vorsaal, steckte den Kopf zum Fenster 'raus und schrie ›Diebe! Mörder!‹ daß man's die ganze Straße 'nunter hörte.

»Der erste, der kam, war der Doktor, der ganz in der Nähe wohnt. Er rannte die Straße herunter, so schnell er nur konnte; ich öffnete ihm gleich die Thür, und er stieg zum alten Herrn hinauf, so rasch wie ein Laternenanzünder.

»Im nächsten Augenblick war ich ganz starr vor Schrecken: ich hörte nämlich drin im Zimmer einen Schuß. Und was ist's gewesen? Der Doktor hat den Hund mausetot geschossen. Zum Glück hat er gerade einen Revolver in der Tasche gehabt – ich wußte gar nicht, daß er so etwas mit sich 'rumträgt.

»Als ich sah, daß der Hund ganz tot war, nahm ich ihn auf die Schaufel und begrub ihn in einer Ecke vom Garten, neben dem großen Stachelbeerstrauch. Aus dem Hinterfenster können Sie ihn sehen.

»Doktor Kilkaddy war so betrübt, wie ich noch nie jemand gesehen habe. Der alte Herr wollte nichts draus machen, aber er hat nicht geruht, bis eilends und jagends nach Doktor Molly geschickt wurde, der in der ganzen Gegend für den besten Arzt gilt. ›Ich komme für das Honorar auf, lieber Kollege,‹ hat unser Doktor gesagt, um den alten Geizhals zu beruhigen.

»Na, die Doktors werden wohl ihr Bestes gethan haben, aber was helfen alle Doktors der Welt, wenn einer nun 'mal sterben soll?«

»Haben sie ihn nach Paris zu Pasteur geschickt?«

»Doktor Molly war erst sehr dafür, aber der Alte sagte, er dächte gar nicht dran, sein Geld so zum Fenster 'raus zu werfen. Doktor Kilkaddy hat nichts dafür und nichts dagegen gesagt.«

»Und dann?«

»Dann ging's ihm eine Weile ganz gut und die Bißwunden heilten ganz schön. Nach längerer Zeit aber fingen die roten Narben an zu jucken und wurden wund. Und dann auf einmal überfiel ihn die Tollwut ganz schrecklich. Es hätt' einen Stein erweichen können, zu sehen, in was für einem Zustand der Mann war. Für gewöhnlich lag er auf seinem Bett und ächzte und stöhnte wie ein krankes Tier, dann stand er manchmal auf und schleppte sich nach dem Fenster; aber wenn er dann das Meer sah und den kühlen Seewind spürte, da war's noch zehnmal ärger. Wie eine Seel' im Fegfeuer hat er geheult und gewütet, daß Gott erbarm'. Doktor Kilkaddy ist doch gewiß ein starker Mann – was mag der schon für schreckliche Sachen erlebt haben! – aber er hat oft dagestanden so kreideweiß wie die Wand da, und die Thränen sind ihm die Backen heruntergelaufen, wenn er gesehen hat, was der alte Mann ausstehen mußte.

»Um die Sache kurz zu machen, lieber Herr; vor drei Tagen ist der Alte gestorben und hat sein ganzes Hab' und Gut dem Doktor hinterlassen. Im Testament hat er noch verordnet, daß das Begräbnis still und einfach sein sollte –, na, darin haben ihm die Nachbarn gern den Willen gethan.

»Jetzt hör' ich aber die Marie die Treppe heraufkommen, und ich will nur hoffen, daß Ihnen alles schmeckt.«

Die freundliche Wirtin lief nun noch geschäftig hin und her und ermahnte Herrn Beck, das Essen nicht kalt werden zu lassen, worauf dieser bereitwillig einging. Das Kotelett war sehr gut gebraten, der Thee stark und heiß, kurz, Beck aß und trank mit großem Vergnügen; er hatte unter allen Umständen einen gesunden Appetit.

Frau Muldoon ließ sich nicht lange bitten, ein Täßchen Thee mit ihm zu trinken, und wurde dabei immer mitteilsamer. Sie nahm den größten Anteil an der bitteren Enttäuschung, die Malachy Kirwan und sein Bräutchen Mary Cassidy erfahren hatten. »Sie ist das niedlichste kleine Ding in der ganzen Umgegend,« sagte sie, »und ebenso brav als hübsch; Gottes Segen über sie! – Man weiß gar nicht, was man zu der Geschichte sagen soll!« schloß sie endlich, nachdem sie ohne Unterbrechung eine gute Stunde lang weiter geschwätzt hatte. »Der Doktor ist gewiß ein sehr stattlicher und angenehmer Mann; aber für die jungen Leute ist es doch hart, das muß jeder sagen.«

In seinem Zimmer, das aufs offene Meer hinausging, schlief Beck vortrefflich. Als er morgens erwachte, spürte er einen gesunden Salzgeschmack auf der Zunge und atmete mit Vergnügen die frische Seeluft ein.

Vor dem Frühstück nahm er ein Schwimmbad und nach dem Frühstück fuhr er auf dem Fahrrad spazieren, während ihm die sonderbare Geschichte vom vergangenen Abend noch im Kopfe herumging. Eine köstliche Frische lag über der Landschaft, und strahlender Sonnenschein erfüllte die klare Herbstluft. Den ganzen Tag fuhr er bergauf, bergab, auf glatten Wegen, wie sie die Radfahrer lieben. Als er abends gemächlich den langen steilen Abhang heruntergesegelt kam, an dem die Stadt liegt, hatte er die Sonne im Rücken, und auf dem weißen Wege lief sein langer Schatten vor ihm her.

Als er so ein Stück gefahren war, rannte ihm plötzlich ein Hund über den Weg. Beck drehte die Lenkstange so scharf, daß sie ihm in der Hand blieb. Das Rad flog nun in Zickzacklinien die abschüssige Straße hinunter, so daß Herr Beck beinahe vom Sattel geschleudert worden wäre; aber er setzte sich fest und hemmte das Rad durch Gegentreten, indem er sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Pedale stemmte. Solange es immer geradeaus ging, war er sicher; aber auf halber Höhe machte der Weg eine scharfe Kurve ins Land hinein, während die Felsen auf der andern Seite wohl hundert Fuß tief zum brandenden Meere abfielen. In rasender Schnelligkeit fuhr das Velo geradeaus; die Räder hüpften und sprangen vom Boden, und Beck konnte zwischen den Klippen hindurch schon das Wasser leuchten sehen. Es war ihm ganz klar, daß er nicht im stande sein würde, seinem Rad eine so scharfe Wendung zu geben, da er kein andres Steuer besaß als sein eigenes Gewicht; aber der Versuch mußte gemacht werden, es handelte sich um Leben oder Tod.

Jetzt gab er aber auch die letzte Hoffnung auf; denn mitten in die Bahn des heruntersausenden Fahrrads sprang ein Mann, den die Felsen verdeckt hatten. Der Radfahrer schrie ihm zu, aber der Mann blieb stockstill stehen, wo er war, und versperrte ihm den einzigen Rettungsweg. Beck wollte sich aus dem Sattel werfen, wenn sie aneinanderprallten; aber der Mann sprang plötzlich zur Seite, und als das Rad an ihm vorbeiflog, ergriff er das Gestell mit der einen Hand, während die andre Hand den Sattel festhielt; dabei beugte er sich vornüber, um dem Stoß zu begegnen.

Mit Anspannung aller Muskeln seiner jugendlich kräftigen Gestalt brachte er dicht am Felsenabhang das Rad zum Stehen. – In einer Sekunde war Beck abgesprungen und wendete sich dankend an seinen Retter. Die Erscheinung des Mannes, der wie ein griechischer Athlet, mit gesenktem Haupt und vorgebeugtem Oberkörper dem Anprall widerstanden hatte, war ihm bekannt vorgekommen. Jetzt erhob dieser seine leuchtenden dunkelblauen Augen, sah ihm offen ins Gesicht und lächelte freundlich, wobei seine weißen Zähne zum Vorschein kamen. Da wußte Beck gleich, daß es Malachy Kirwan war.

»Ohne Ihre Hilfe wäre ich hinübergesaust,« das war alles, was Beck sagte; aber er hatte sehr viel Wärme in den kurzen Satz gelegt.

»Ja, es fehlte nicht viel,« erwiderte der junge Mann, mit sehr angenehmer Stimme und dem weichen irischen Accent. »Erlauben Sie, ich bin selbst Radfahrer;« dabei paßte er die Lenkstange, welche neben der Bremse hing, in die senkrechte Röhre und hatte in einer Sekunde die verräterische Schraubenmutter mit dem Schlüssel festgezogen.

»Besten Dank!« sagte Beck; »aber ich habe keine Lust, gleich wieder aufzusteigen.«

So gingen sie denn zusammen den Hügel hinunter, und es dauerte nicht fünf Minuten, da erzählte Malachy Kirwan von seinen Privatangelegenheiten, als wenn der zufällige Begleiter sein Busenfreund wäre. Wenn er wollte, konnte Paul Beck so vertrauenerweckend und teilnehmend sein, daß man ihm die tiefsten Geheimnisse anvertraute.

Natürlicherweise hatte Malachy Kirwan keine so hohe Meinung von Doktor Kilkaddy wie die Witwe Muldoon. Seiner Meinung nach hatte Doktor Kilkaddy ihm zuerst zugeredet, der Landliga beizutreten, und dann heimlich seinen Onkel davon benachrichtigt, daß der Neffe sich den Feniern angeschlossen hatte.

»Aber, was hilft alles Weinen, wenn die Milch verschüttet ist, oder darüber zu streiten, wer sie vergossen hat! – In acht Tagen gehe ich nach Amerika. Zur Ueberfahrt und zu einem bescheidenen Anfang in der neuen Welt reicht's noch, und mein Schatz will warten.«

Nun erging sich der offenherzige junge Mensch in Lobeserhebungen über seine Braut, und Beck hörte ihm mit der schmeichelhaftesten Aufmerksamkeit zu.

An Frau Muldoons Hausthüre trennten sie sich wie alte Freunde. Malachy mußte Herrn Beck versprechen, übermorgen mit ihm zu speisen. »Ich bin auch in Amerika gewesen,« sagte er, »und könnte Ihnen ein paar Empfehlungsbriefe mitgeben – wenn Sie wirklich hingehen.«

»Wenn ich gehe!« sagte der andre mit trübem Lächeln. »Sie meinen wohl, wann ich gehe?«

»Nun, meinetwegen wann; aber mir paßt wenn viel besser. Also um fünf Uhr – nicht wahr?«

Beck ging an dem Abend nicht mehr aus. Nach Tisch blieb er am offenen Fenster sitzen, rauchte und starrte aufs weite Meer hinaus bis zum Zubettgehen.

Als er am nächsten Morgen zum Frühstück kam, hinkte er ein wenig, was Frau Muldoon sofort bemerkte.

»Ich fürchte, ich habe mir den Fuß verrenkt,« sagte Herr Beck, und dann erzählte er ihr von seinem Abenteuer mit dem Fahrrad, was sie mit manchem: Herrje! und Gott sei Dank! anhörte, bis sie am Schlusse ausrief: »Gott segne meinen braven Jungen, daß er das Unding festgehalten hat, ehe es in die See gesprungen ist!«

Und Beck sprach in seinem Herzen »Amen!« dazu.

»Sie werden doch aber nicht wieder auf der alten Drehspinne ausfahren!«

»Nein, liebe Frau, dazu habe ich keine Lust. Ich möchte heute lieber einmal fischen. Herr Kirwan hat mir gesagt, daß es ganz in der Nähe einen netten Forellenbach gibt. Wenn Sie mir einen Spaten leihen wollen, möchte ich sehen, ob im Garten nicht ein paar Regenwürmer als Köder zu finden sind.«

»Da will ich doch gleich selbst danach graben; Sie dürfen so etwas nicht thun mit Ihrem bösen Fuß.«

Aber Beck bestand darauf, die Würmer selbst zu suchen, und zwar wählte er dazu die stille Gartenecke neben dem großen Stachelbeerbusch, die ihm Frau Muldoon als das Grab des Hundes Jack bezeichnet hatte.

Nach ein paar Spatenstichen stieß er auf die Ueberreste des Hundes. Er zog den widerwärtigen, übelriechenden Kadaver aus der Grube und untersuchte ihn höchst eingehend und sorgfältig: ja er benutzte sogar ein starkes Vergrößerungsglas, das er aus der Westentasche zog.

Dann warf er den Hundekadaver in das Loch zurück, bedeckte ihn mit Erde und ging ins Haus, wobei er recht bedeutend hinken mußte.

»Ich hab's doch gleich gewußt, daß das Graben schlecht für Ihren Fuß wäre,« sagte Frau Muldoon teilnehmend, als er hereinkam.

»Ich fürchte, Sie haben recht. Die Verrenkung ist schlimmer als ich dachte.«

»An Ihrer Stelle würde ich gleich zum Doktor gehen,« sagte Frau Muldoon; »es könnte doch schlimm werden. Der Mann von meiner Tante hat einen Vetter gehabt, der bloß wegen Vernachlässigung von so was ein steifes Fußgelenk behalten hat. Gehen Sie doch ja zu Doktor Kilkaddy – der versteht's.«

»Wohnt er weit von hier?«

»Nur ein paar Schritte. Sie können seine Wohnung vom Fenster aus sehen; die grüne Thür mit dem Messingklopfer, neben dem Postgebäude. Sie finden's im Dunkeln.« –

»Jawohl, der Herr Doktor ist zu Haus,« sagte man Beck, als er anklopfte und die Thür geöffnet wurde. »Bitte, treten Sie gefälligst ein; der Herr Doktor kommt gleich.«

Beck trat ein. Das Zimmer, in dem er sich befand, war halb Laboratorium, halb Sprechzimmer. Ueberall standen Glaskolben und Probiergläschen herum; in einer Ecke befand sich ein Gasofen, und auf dem Tische war das große Mikroskop recht sichtbar ausgestellt. Auf einer Ecke desselben Tisches lag das silberne Lanzettenetui des Arztes. Beck nahm es in die Hand, öffnete es und fing an, mit den Lanzetten zu spielen; er nahm sie aus der Scheide von Schildpatt, in der sie steckten, und untersuchte die Spitzen mit großer Genauigkeit. Dann steckte er die Lanzetten wieder in das Etui zurück, das er in die Westentasche gleiten ließ. Beck mußte wohl sehr zerstreut sein.

Gleich darauf trat Doktor Kilkaddy ins Zimmer: eine hohe, stattliche Erscheinung mit blaßblauen Augen und etwas aufgedunsenem Gesicht; trotzdem machte er gewissermaßen den Eindruck eines gutmütigen und freundlichen Menschen.

»Was wünschen Sie von mir?« wendete er sich ziemlich steif an Beck.

Das Publikum hatte schon bemerkt, daß die Liebenswürdigkeit des Doktors wenigstens um fünfzig Prozent heruntergegangen war, seit man den alten Herrn Feely begraben hatte.

Aber gegen Beck konnte niemand unhöflich sein.

»Ich möchte Sie um einen ärztlichen Rat bitten, Herr Doktor,« sagte er bescheiden.

»Das thut mir leid, Verehrtester, ich habe eigentlich die Praxis ganz aufgegeben, seit –«

»Aber meine Krankheit ist eine Spezialität von Ihnen, Herr Doktor. Ich fürchte, daß ich in Gefahr bin, die Wasserscheu zu bekommen, und ich höre, daß Sie besondere Studien auf diesem Gebiete gemacht haben.«

Beck hatte den richtigen Ton getroffen; der Doktor zeigte gleich mehr Interesse. Die Vorliebe des Spezialisten für seine Lieblingskrankheit ließ sich nicht unterdrücken.

»Setzen Sie sich, mein Herr,« sagte er. »Sie haben recht, dabei ist keine Zeit zu verlieren; aber wir wollen hoffen, daß Sie sich irren.« Trotzdem lag in seiner Stimme mehr Befriedigung als Teilnahme.

»Wann sind Sie gebissen worden?« fuhr er fort.

»Vor zwei Monaten ungefähr.«

»Was haben Sie damals gethan? Ist die Wunde ausgebrannt worden?«

»Nein.«

»Mit Höllenstein geätzt?«

»Nein; ich habe sie nur mit dem Taschentuch verbunden, und in kürzester Zeit war sie geheilt.«

»Das ist schlimm,« sagte der Doktor. »Zeigen Sie mir die Narbe.«

Beck streifte den Aermel zurück und enthüllte einen sehr muskulösen Arm. An der fleischigen Stelle zwischen Handgelenk und Ellenbogen sah man die weiße Narbe von zwei Reihen starker Zähne.

Diese Zähne hatten dem berüchtigten Einbrecher Bulstrode gehört, den Beck allein und eigenhändig gefangen genommen und gefesselt hatte. Aber diese Thatsache behielt er für sich – wahrscheinlich aus Bescheidenheit.

Der Doktor untersuchte die Narbe mit einem starken Vergrößerungsglas, aber sie ließ sich ihr Geheimnis nicht entreißen.

»War er toll?« fragte der Doktor.

»Ja, im höchsten Grad.«

Tiefes Stillschweigen. Der Doktor machte ein ernstes Gesicht und Beck wurde unruhig.

»Wann haben Sie die Wunde wieder gespürt?« kam die plötzliche Frage.

»Vor ein paar Tagen. Bis dahin hatte ich sie ganz vergessen. Es ist doch nicht gefährlich, Herr Doktor?«

»Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Die Krankheit entwickelt sich allmählich. Die Stelle hat geschmerzt und gejuckt?«

»Jawohl,« erwiderte Beck und warf einen Blick voll naiver Bewunderung auf den Doktor, der das so genau wußte.

»Dann ist eine gewisse Empfindungslosigkeit eingetreten, die sich immer mehr verbreitet?«

»Jawohl,« kam wieder die zustimmende Antwort. »Können Sie verhindern, daß der ganze Arm steif wird?«

»Jedenfalls kann ich es versuchen, obgleich Sie sehr spät zu mir gekommen sind – fast zu spät. Wenn das Unglück geschehen ist, müssen wir ihm entgegenwirken. Sie haben gewiß von Pasteurs Behandlung dieser Fälle gehört – es ist das Einzige, was Erfolg verspricht.«

»Dann muß ich also nach Paris reisen?«

»Nein, nein, jeder Tag ist kostbar, ein Aufschub könnte verhängnisvoll werden. Ich habe in Paris die Behandlung selbst in Pasteurs Anstalt sorgfältig studiert und bin auch im Besitz der Lymphe. Sie haben in meiner Pflege ebensoviel Aussicht auf Genesung, als wenn Pasteur selbst Sie behandelte – sogar noch mehr, wenn man den Zeitverlust in Betracht zieht.«

»Ist keine Gefahr, daß ich zu viel von dem Zeug nehmen könnte?«

»Das könnten Sie bei jedem der Gifte fragen, die wir täglich in der Medizin anwenden. Eine zu starke Einspritzung der Lymphe würde selbst bei einem gesunden Organismus unfehlbar die Wasserscheu und einen sicheren Tod herbeiführen. Aber die Größe der Gefahr bürgt gerade am besten für die Vorsicht des Arztes. Ich versichere Sie, in dieser Beziehung können Sie ganz unbesorgt sein.«

»Muß ich das Zeug trinken?«

Der Doktor lachte gerade heraus – er freute sich über seine höhere Weisheit. »Nein, mein lieber Herr, durchaus nicht; ich mache die Injektion mit einer Pravazschen Spritze.«

»Oder mit einer Lanzette?«

»Auch mit einer Lanzette, wenn Sie wollen; aber die Methode ist weniger zu empfehlen.« Der Doktor war etwas erstaunt.

»Aber manchmal ist sie doch sehr wirksam?«

Der Doktor sah Beck mit wachsender Verwunderung an; sein Gesicht war aber völlig ausdruckslos.

»Hören Sie, mein Lieber,« sagte der Doktor etwas ärgerlich, »die Art der Behandlung müssen Sie mir überlassen; von Ihnen will ich nur die Symptome wissen. An welchem Tag hat die Narbe zuerst angefangen zu schmerzen?«

»Vorgestern, als mir die Witwe Muldoon von dem schrecklichen Tod des alten Herrn Feely erzählte, der vor mir ihre Zimmer bewohnt hat. Er ist ja wohl an Wasserscheu gestorben, nicht wahr?«

Eine gewisse Betonung der Worte veranlaßte den Doktor, Beck noch einmal aufmerksam anzusehen. Seine etwas hängende Unterlippe war jetzt fest heraufgezogen und die blaugrauen Augen hatten einen harten Glanz.

»Ganz recht, er ist an Wasserscheu gestorben,« sagte der Doktor langsam.

»Die Pasteursche Behandlung ist bei ihm nicht versucht worden?«

»Mein Kollege, Doktor Molly, wollte es nicht haben. Aber ich verstehe nicht, was das mit Ihrem Fall zu thun hat.«

»Warten Sie einen Augenblick, Herr Doktor; dann werden Sie's schon sehen. Gerade deswegen bin ich zu Ihnen gekommen. Wie gesagt, Frau Muldoon hat mir alle Einzelheiten der Krankheitsgeschichte erzählt. Mir sind die Haare dabei zu Berge gestiegen – und ich habe doch gewiß keine schwachen Nerven. Sie wissen wohl, Herr Doktor, wie gesprächig die Frau ist, und was sie für ein gutes Gedächtnis hat. Besonders merkwürdig war, was sie von dem kleinen Hund Jack erzählte. Sie erinnern sich doch an den kleinen Hund?«

Der Doktor warf einen scharfen Blick auf Beck, in der Hoffnung, dessen eigentliche Absichten zu ergründen. Sein eigenes Gesicht war ganz gelb geworden; er sah zornig und furchtsam zugleich aus.

»Was wollen Sie, mein Herr? Sie halten mich hier zum Narren,« rief er ungeduldig. »Meine Zeit ist kostbar, und ich muß Sie bitten –«

»Nur noch ein paar Augenblicke, Herr Doktor.«

Kilkaddy sah ihn wieder an und zögerte einen Moment, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte den Arm darauf.

»Natürlich erinnern Sie sich des kleinen Hundes Jack,« fuhr Beck in sanftem Ton fort. »Der hat ja die Schuld an dem ganzen Unglück gehabt. Nicht wahr, Herr Doktor, der ist schuld gewesen?«

Der Doktor gab keine Antwort, und Beck fuhr fort: »Sie erinnern sich gewiß, wie der Hund eines Tages auf Sie zugelaufen kam, um sich streicheln zu lassen und wie er dann – scheinbar ohne Grund – heulend weglief. Scheinbar ohne Grund – ist das nicht merkwürdig? Frau Muldoon hat sich noch ganz gut daran erinnert.«

»Ich muß Sie wirklich bitten –«

»Nur Geduld, ich komme jetzt zur Sache, zu der Sache, die mich hergeführt hat, und Sie werden gut daran thun, mich ausreden zu lassen – Sie können mir's glauben. Ich habe mich selbst sehr für den kleinen Hund Jack interessiert. Heute morgen habe ich sogar seinen Leichnam ausgegraben, um ihn zu untersuchen.«

Der Doktor hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu; der Mund stand ihm halb offen; er sah aus wie ein gehetztes Wild.

»Ich habe ihn sehr sorgfältig untersucht,« fuhr Beck unbeirrt fort, »und dabei fand ich an seinem Fell in der Halsgegend drei kleine Narben, dicht nebeneinander. Ist das ein häufiges Symptom bei der Wasserscheu, Herr Doktor?«

Jetzt brach die Wut des Doktors plötzlich los: »Sind Sie betrunken? Oder sind Sie toll?«

»Keins von beiden,« erwiderte Beck mit der größten Sanftmut. »Es thut mir leid, wenn ich Sie gelangweilt habe; aber eine Kleinigkeit möchte ich Ihnen doch noch zeigen, ehe ich mich empfehle.«

Bei diesen Worten nahm er ein kleines Stück Seidenpapier aus der Westentasche und wickelte es langsam auseinander, während ihm der Doktor gespannt auf die Finger sah.

Dann hielt ihm Beck das Papier hin – es lag ein kleiner, scharfer Stahlsplitter darin, der glitzerte wie eine Glasscherbe.

»In einem der kleinen Schnitte habe ich dies Splitterchen gefunden, das ich dann wieder blank gemacht habe. Was doch die Wasserscheu für sonderbare Symptome hat! Aber das sonderbarste werde ich Ihnen jetzt noch zeigen.« – Beck sprach langsam und seine Stimme klang drohend. – »Der kleine Stahlsplitter paßt genau an die abgebrochene Spitze von einer Ihrer Lanzetten.«

Der Doktor blickte scheu nach der Stelle, wo sein Lanzettenetui gelegen hatte.

Beck fing den Blick auf und zeigte auf seine Westentasche. Da glitt des Doktors Hand verstohlen in die halboffene Schublade seines Schreibtischs.

»Halt!« rief Beck im selben Augenblick. »Es hilft Ihnen nichts. Ich habe meinen Revolver geladen in der Rocktasche und mein Finger ist am Hahn.«

Der Doktor zog seine Hand leer aus der Schublade heraus.

»Schließen Sie!« befahl Herr Beck.

Es geschah.

»Geben Sie mir den Schlüssel!«

Er gab ihn.

»Mit demselben Revolver haben Sie wohl den kleinen Jack erschossen,« sagte Beck ganz ruhig, während er den Schlüssel in die Tasche steckte. »Es war doch sehr merkwürdig, wie genau Sie vorher wußten, daß Jack erschossen werden mußte. Aber, sehen Sie, ich bin nicht Jack.«

»Zum Teufel, wer sind Sie und was wollen Sie? Natürlich Geld; warum frage ich denn erst. Wieviel?«

»Mein Name ist Beck – aber Sie haben wohl noch nie von einem gewissen Beck gehört? Von Beruf bin ich Detektiv und ich habe seinerzeit ein paar recht verwickelte Geschichten auseinandergewirrt, aber noch nie etwas so Sonderbares wie in Ihrem Fall. Geld brauche ich nicht – das heißt nicht für mich.«

Der Doktor atmete erleichtert auf – der Mann ließ sich bestechen.

»Natürlich nicht für Sie selbst,« antwortete er höhnisch, »nur für trauernde Witwen und verlassene Waisen. – Nun wollen wir aber den Unsinn beiseite lassen und zur Sache kommen: Werden Sie schweigen, wenn Sie die Hälfte von dem Vermögen des alten Mannes bekommen?«

»Nein, ich brauche sein ganzes Vermögen – jeden roten Heller – und zwar für den rechtmäßigen Eigentümer, Malachy Kirwan. Bleiben Sie sitzen,« sagte er hart, als der Doktor vom Stuhl in die Höhe fuhr; »Sie müssen mir ruhig zuhören, wenn Sie nicht an den Galgen kommen wollen. Ich lasse nicht mit mir spaßen und weiß genau, daß Sie den alten Feely ermordet haben, noch dazu auf viel grausamere Weise, als wenn Sie ihm ein Messer in die Brust gestoßen hätten. Mit wahrhaft teuflischer Erfindungsgabe haben Sie den Plan ausgeheckt« – Beck konnte eine gewisse Anerkennung nicht unterdrücken – »und doch ist die Unthat ganz von selbst ans Tageslicht gekommen. Ich glaube, ich habe genügende Indizienbeweise, um Ihnen den Prozeß zu machen. Sie würden höchst wahrscheinlich genügen, aber gewiß weiß ich es nicht, sonst sollten Sie dem Strick nicht entgehen. Die Geschworenen sind manchmal schwer von Begriff, und der Fall ist verwickelt. Wenn es Ihnen gelänge, durchzuschlüpfen, würden Sie das Geld und die Liegenschaften des alten Mannes behalten. Ich interessiere mich – nicht ohne Grund – für das Wohlergehen des jungen Kirwan. Unterzeichnen Sie eine Schenkungsurkunde, und ich halte reinen Mund.«

»Eine Verschenkung des ganzen Vermögens?«

»Des ganzen.«

»Wenn ich mich nun weigere?«

»Dann ruhe ich nicht, bis Sie an den Galgen kommen. Sie können ja selbst beurteilen, ob es mir gelingen wird. So wie so kommen Sie nur mit knapper Not davon, denn es widerstrebt mir sehr, Sie loszulassen. Sie sind eigentlich viel zu gefährlich, um frei herumzulaufen; aber ich denke, die Lust wird Ihnen vergangen sein, das Spiel noch weiter zu treiben – ich werde Sie im Auge behalten.«

»Lassen Sie mir bis morgen Zeit zur Ueberlegung.«

»Recht gern. Ich weiß schon, wie die Antwort ausfallen wird.«

Aber Beck hatte sich geirrt.

Am nächsten Morgen wurde ganz Ballyduff in Schrecken versetzt durch die Nachricht, daß Doktor Kilkaddy ganz plötzlich gestorben sei. Die gerichtliche Untersuchung war sofort im Gang. Auf dem Tisch neben seinem Bett fand man eine Pillenschachtel mit der Aufschrift: »Chinin«; es waren noch einige Pillen darin, und man wußte, daß der Doktor öfters Chinin einnahm. Die Analyse bewies aber, daß jede der Pillen eine tödliche Dosis Morphium enthielt. Wie das Morphium in die Chininpulver gekommen war, konnte niemand erraten außer Beck.

»Er hat auf die kürzeste Art den Kopf aus der Schlinge gezogen,« murmelte der Geheimpolizist vor sich hin, als die Nachricht zu ihm gelangte. »Und ich bin froh darüber.« –

Malachy Kirwan ging doch nicht nach Amerika. Der Doktor hatte kein Testament hinterlassen und das ganze Vermögen fiel dem jungen Manne zu, als dem rechtmäßigen Erben und nächsten Verwandten. Herr Beck verlebte ein paar sehr angenehme Wochen in Ballyduff und ist für nächsten Sommer zu einer Hochzeit eingeladen, die dort stattfinden wird.

*

Ende.

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