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Verschwindende Diamanten und andre Detektivgeschichten

Mathias McDonnell Bodkin: Verschwindende Diamanten und andre Detektivgeschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/bodkin/diamante/diamante.xml
typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleVerschwindende Diamanten und andre Detektivgeschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume18. Jahrgang. Band 3
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111220
quellewww.alte-krimis.de
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Eine winzige Schlinge

»Gut, wirklich sehr gut,« murmelte Paul Beck wohlgefällig, etwa wie ein wackerer Handwerksmeister die Arbeit eines besonders geschickten Gesellen lobt.

Mitternacht war schon vorüber und der Geheimpolizist saß in seinem freundlichen Wohnzimmer in Chester – er machte sich's gern immer so behaglich als möglich – und las die Morgenausgabe des Daily Telegraph. Auf der fünften Seite des Blattes, dicht neben den Leitartikeln, stand an hervorragender Stelle, mit fünf Ueberschriften in großen und kleinen Druckbuchstaben, der Bericht, dem Beck seinen Beifall zollte. Was ihm am meisten ins Auge fiel, waren die Worte:

»Einbruch bei hellem Tage. Der gestohlene Rubin.
Ein Raub ohnegleichen. Wie ist der Dieb entkommen?
«

»Der Kubla-Khan-Rubin,« so lautete der Artikel, »ist ebenso plötzlich und geheimnisvoll wieder verschwunden, als er zum Vorschein gekommen war. Unsern Lesern ist die Geschichte des wundervollen Edelsteins bereits bekannt. Wir haben zu wiederholtenmalen in unsern Spalten erzählt, daß der junge Graf Mervel nicht nur sein ganzes Vermögen verspielt hat, sondern auch eine unglückliche Liebe im Herzen trug. Aber ein Engländer läßt den Mut nicht sinken. Der Viscount schiffte sich nach Ceylon ein, um sein Glück zu suchen, was ihm auch gelang. Seit vierzehn Tagen ist die Nachricht von seiner Rückkehr in aller Munde, denn er hat den unvergleichlichen indischen Rubin mitgebracht, der seit mehr als tausend Jahren verschwunden war. Auf welche Art die wunderbare Entdeckung bewerkstelligt wurde, bleibt freilich den meisten noch ein Rätsel. Es ist ohne Frage derselbe berühmte Edelstein, den Marco Polo am Ende des dreizehnten Jahrhunderts beschreibt, nachdem er schon längst verschwunden war, und von dem man erzählt, daß Kubla Khan ihn zu besitzen wünschte und eine ganze Stadt als Preis dafür bot. Der König von Ceylon schlug jedoch seinem Gesandten rundweg ab, auf den Handel einzugehen.

»Der Rubin hatte die Form eines sechsseitigen Prismas, das auf jeder Seite in einer sechsseitigen Pyramide endigte; sein Rot war von der Farbe des reinsten Taubenbluts, dabei war er vollkommen fleckenlos, in der Länge maß er fast drei Zoll und im Durchmesser über einen Zoll. Also hat die Ueberlieferung, die erzählt, er sei eine Spanne lang gewesen und so dick wie ein Männerarm, doch nicht so ungeheuer übertrieben, als das bei solchen Dingen meist der Fall zu sein pflegt.

»Einen Käufer für diesen einzigartigen Edelstein zu finden, hielt fast so schwer, als den Rubin selbst zu entdecken. Doch war bereits ein Konsortium in Bildung begriffen, das ihn für eine halbe Million Pfund erstehen wollte. Dieser Preis – etwa das Vierfache vom Wert des Koh-I-Noor – war von einer Anzahl Sachverständiger für angemessen erklärt worden.

»Inzwischen lag das herrliche Kleinod in der Bondstraße auf seinem Etui von weißem Samt, sprühte sein Feuer nach allen Seiten aus und bildete den mächtigsten Anziehungspunkt im Schaufenster des bedeutendsten Juwelierladens von London – und somit der ganzen Welt – dessen Besitzer, ein Herr Bolas, Vorsitzender jenes Konsortiums war. Es verlautete, das Kapital für den Ankauf sei schon fast beisammen. Drei gekrönte Häupter hätten für ihr Leben gern, wenn man so sagen darf, nach dem funkelnden Köder geschnappt, und als das Parlamentsmitglied Thomas Bowler die Frage aufwarf, ob es nicht ratsam sei, das Kleinod für die britische Krone zu erwerben, hatte der Schatzkanzler eine ausweichende Antwort gegeben.

»Mit dem Verschwinden des Rubins sind jedoch alle diese schönen Pläne in der Luft zerstoben und Graf Mervel ist wieder so arm, als er war, bevor er auf das kühne Abenteuer auszog. Am hellen, lichten Tage und in einer der belebtesten Straßen Londons ist der Kubla-Khan-Rubin die Beute eines frechen Räubers geworden, obendrein vor den sichtlichen Augen unsrer Polizei, die übrigens, wie man billigerweise anerkennen muß, in diesem Fall keinerlei Tadel trifft.

»Der prachtvolle Edelstein hatte natürlich die Neugier und Habsucht in höchstem Grade erregt und vor dem Ladenfenster drängte sich täglich eine schaulustige Menge. Um jede Möglichkeit eines Diebstahls auszuschließen, waren die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Zwei der tüchtigsten Polizisten hielten Nacht und Tag vor dem Hause Wache; das Fensterglas war von ganz ungewöhnlicher Dicke und hinter diesem war noch ein starkes Stahlnetz zum Schutz des Rubins angebracht. Alle diese Maßnahmen haben sich jedoch als vollkommen nutzlos erwiesen – der Edelstein und seine kecken Räuber sind miteinander verschwunden.

»Ueber die näheren Umstände, unter denen der freche Raub ausgeführt wurde, ist die Polizei natürlich sehr zurückhaltend; doch hat unser Berichterstatter aus dem Munde von Augenzeugen folgendes erfahren: Gestern, gegen Mittag, als das Gedränge am Schaufenster gerade am ärgsten war, bahnten sich zwei gutgekleidete Herren, die Cigaretten rauchten, Arm in Arm, ziemlich gewaltsam den Weg durch die, meist aus Frauen und Kindern bestehende Menge. Ehe die Polizei noch einschreiten konnte, erhob sich plötzlich ein Streit, der zu den heftigsten Auftritten führte und in wilder Verwirrung endete. Weiber kreischten, Stöcke wurden geschwungen und Schläge fielen hageldicht. Immer wieder wurde die wogende Menge dabei gegen das große Glasfenster gedrängt. Während die Polizei sich mit Gewalt Bahn zu machen suchte, vernahm man plötzlich das Klirren einer zerbrochenen Scheibe, und im nächsten Augenblick war auch schon der strahlende Rubin verschwunden – wie oder wohin wußte niemand zu sagen. –

»Es gelang der Polizei indes, einen der Herren, die den Aufruhr verursacht hatten, auf der Stelle festzunehmen. Zu seinen Füßen fand man einen schweren Totschläger, der äußerlich ganz das Ansehen eines gewöhnlichen Spazierstocks hatte, auch war des Herrn Handgelenk leicht geschunden. Im Fenster sah man gerade da, wo der Rubin gelegen hatte, ein großes Loch und das starke Stahlnetz war gewaltsam weggerissen. Der Gefangene wurde natürlich aufs sorgfältigste durchsucht; doch fand sich keine Spur des gestohlenen Edelsteins. Er hatte von Anfang an seine Unschuld beteuert und keinerlei Widerstand geleistet.

»Damit ist jedoch das seltsame Abenteuer noch nicht zu Ende. Als die Schutzleute auf dem Wege nach dem Polizeiamt mit ihrem Gefangenen glücklich der Menge entronnen waren, sahen sie sich plötzlich von einer Anzahl wild aussehender Männer umringt, die sie schrecklich mißhandelten und den Gefangenen befreiten. So lautet wenigstens der Bericht der beiden Polizisten, die man zerschunden und zerschlagen im Graben liegen fand; der eine blutete sogar aus einer Stirnwunde. Begreiflicherweise ist ihre Aussage ziemlich verworren und unklar, da sie sich noch jetzt nicht von dem Schreck und den Schmerzen erholt haben. Sie erklären sich außer stande, einen ihrer Angreifer wiederzuerkennen; auch war der Ueberfall so plötzlich und der Ort dazu so gut gewählt, daß man bis jetzt noch keinen einzigen Augenzeugen der Gewalthat hat auftreiben können. Der ganze Vorgang ist in tiefes Geheimnis gehüllt und hat in allen Kreisen die größte Aufregung hervorgerufen. Die Polizei widmet sich der Angelegenheit aufs eifrigste und hofft bald den Verbrechern auf die Spur zu kommen. Für die Wiedererlangung des Edelsteins ist eine Belohnung von fünftausend Pfund ausgesetzt worden.«

»Hm,« sagte Paul Beck, als er den Artikel zu Ende gelesen hatte, und that einen tiefen Zug aus seinem Punschglase, worin eine Zitronenschale schwamm.

Er überflog dann die nächste Spalte ohne besonderes Interesse. Sie lautete:

»Eine überraschende Verwandlung.

»Der Rezitator, Signor Madaveski, hat seine Zuhörer dadurch in Erstaunen gesetzt, daß er bei der heutigen Vorstellung mit kurzgeschnittenem, glattgekämmtem und in der Mitte gescheiteltem Haar erschien. Besonders die Damen fanden seinen Vortrag ebenso unbefriedigend als seine äußere Erscheinung und man hörte mehrfach die Vermutung aussprechen, er habe als zweiter Simson mit den Haaren auch die Kraft verloren.«

»Der starke Mann ist bezwungen.

»Don Coloso, der moderne Atlas, der ganz London durch die Proben seiner Stärke und Geschicklichkeit in Staunen gesetzt hat, der mit Zentnern spielt, als wären es Gummibälle, und mit den bloßen Händen die härtesten Steine zerbricht, sollte heute abend sein berühmtes Kunststück ausüben und laut der Anzeige mit einer Riesenkugel von poliertem Stahl auf der Schulter über ein hohes Eisengitter springen. Leider war der Liebling des Publikums jedoch am Erscheinen verhindert. Man sagt, er liege an einem Anfall von Influenza darnieder. So ist die Grippe doch noch stärker gewesen als Don Coloso, der in seinem mäßig großen Körper die Stärke des Elefanten mit der Behendigkeit einer Antilope verbindet, wie uns seine Verehrer versichern.«

Becks Augen glitten flüchtig über den Zeitungsklatsch; dann kehrte er wieder zu dem Juwelenraub zurück.

»Schade, daß ich gerade nicht zu Hause bin,« murmelte er verdrießlich. »Das wäre so recht ein Geschäft nach meinem Sinn gewesen.«

Der Geheimpolizist war um einer sehr einfachen, alltäglichen Sache willen, wie er es nannte, nach Chester gekommen. Es handelte sich um eine Banknotenfälschung, über die sich sowohl die Ortspolizei, als auch zwei ungewöhnlich schlaue Londoner Detektivs vergeblich die Köpfe zerbrochen hatten. Beck war noch keine Woche zur Stelle, da hatte er auch schon den Fälscher entdeckt und ihn dem Gericht überliefert. »Mehr Glück als Verstand,« sagten seine Kollegen.

»Beck muß mit dem Teufel im Bunde sein,« pflegten sie harmlos zu scherzen, denn er war allgemein beliebt. »Er kehrt sich an kein System, an nichts und wieder nichts, sondern tappt immer geradeaus wie ein Blinder im Nebel, während Leute, die ihre Augen brauchen, unter die Räder kommen. Alle Beweise fliegen ihm von selbst in den Mund; zu diesem Zweck hält er ihn auch meist halb offen.«

Zu solchem Geschwätz lachte Beck nur gutmütig. »Ich bin's zufrieden, Jungens,« sagte er, »da mir mein Glück stets treu bleibt.«

Beck ließ sich schwer aus seiner Ruhe bringen. An Mut fehlte es ihm nie und er kannte keine Furcht; trotzdem schien er jetzt ziemlich aufgeregt. Er stieß den Dampf aus seiner Holzpfeife kurz und heftig heraus, während er ihn sonst langsam und wohlgefällig einsog; auch den Punsch, den er behaglich zu schlürfen pflegte, goß er heute hastig hinunter. Und dabei las er immer wieder den Zeitungsartikel über den wunderbaren Rubin und den unerklärlichen Diebstahl. Er mochte wohl mit seinen scharfen Augen noch weit mehr zwischen den Zeilen entdecken, als Berichterstatter und Setzer sich hatten träumen lassen.

Seine Unruhe nahm zu. »Wäre ich in London, ich wollte die Spur schon finden,« murmelte er vor sich hin, indem er nach dem Eisenbahnkursbuch auf dem Nebentisch langte und mit kundiger Hand darin blätterte.

»Der Nachtzug nach London fährt ein Uhr zwanzig ab. Den benütze ich.«

Doch diesmal ging es anders, als Beck es sich vorgenommen. Es trat ein Ereignis dazwischen, das spannend und rätselhaft genug war, um seine Gedanken von dem großen Juwelenraub abzulenken oder diesen vielmehr in den Hintergrund zu drängen; denn sein zähes Gedächtnis ließ nie wieder etwas fahren, was es einmal erfaßt hatte.

Zufällig fiel sein Blick auf eine andre Seite des Kursbuchs. »Der erste Zug trifft von London zwölf Uhr achtunddreißig ein.« Er zog seine dicke Taschenuhr heraus. »Gerade halb. Da komme ich noch zur Zeit auf den Bahnhof, um mir die Londoner Zeitung zu holen. Vielleicht stehen neuere Nachrichten darin.«

Er schraubte seine Studierlampe herunter, legte die Pfeife beiseite, steckte sich eine starke Havannacigarre an und schlenderte in die stille, dunkle Sternennacht hinaus. Auf dem Bahnsteig waren nur wenige Leute, aber unter ihnen der junge Nat Perkins, einer der schlauen Londoner Detektivs neuen Stils, der wegen der Banknotenfälschung nach Chester gekommen war und sich offenbar in der schläfrigen Atmosphäre der Provinzialhauptstadt recht unbehaglich fühlte.

Er nickte Beck mit Gönnermiene zu, und dieser erwiderte den Gruß mit strahlender Freundlichkeit; dann gingen sie rauchend miteinander auf dem Bahnsteig hin und her. Perkins redete das Blaue vom Himmel herunter und Beck hörte ihm schweigend zu, wie das meist seine Art war. Der junge Detektiv setzte dem Kollegen seine neueste Theorie über den Raub des Rubins auseinander. Der Dieb mußte nach seiner Ansicht ein Angestellter des Geschäfts sein, der den Straßenauflauf zum Deckmantel benutzt oder ihn auch selbst für seine Zwecke veranlaßt hatte.

»Es liegt ja auf der Hand,« sagte er in wohlweisem Tone, »daß man an der Innenseite kein Stahlnetz angebracht hatte, weil die Angestellten sämtlich ehrenwerte Leute und Vertrauenspersonen waren. In Fällen dieser Art aber mache ich es mir immer zur Regel, meinen Argwohn zuerst auf Leute zu werfen, die im Ruf der größten Redlichkeit stehen, weil diese natürlich – – –«

Das Pfeifen der Lokomotive unterbrach seinen Redefluß; gleich darauf kam der lange Zug mit Geknarr und Gekreisch in den Bahnhof eingefahren, und alles geriet in Bewegung. Die Schaffner liefen an den Wagen entlang und schrieen aus voller Kehle; einer von ihnen, ein erhitzt aussehender junger Mann, blieb vor einem Wagen erster Klasse zunächst der Lokomotive stehen. Erst preßte er das Gesicht gegen die Scheiben, dann drückte er auf die Klinke. Doch die Thür war verschlossen. Er zog seinen Schlüssel heraus, warf die Thür zurück und sprang ins Coupé hinein. Im nächsten Augenblick klang der durchdringende Schrei: »Mord! Mord!« schrill in die Nacht hinaus, allen andern Lärm übertönend. Perkins und Beck rannten den Bahnsteig entlang bis zu der offenen Thüre, vor der sich schon eine Menge zu sammeln begann, die sie kräftig beiseite stießen. Perkins war leicht und behende, aber Beck der größere Schnellläufer. Schon stand er im Wagen neben dem Schaffner, der soeben den leblosen Körper eines Mannes vom Boden aufhob.

»Halt!« schrie Beck rasch in scharfem, befehlendem Ton, und der Schaffner gehorchte. »Steigen Sie aus, holen Sie eine Laterne und rufen Sie den Bahninspektor.« Ohne Widerrede that ihm der Mann den Willen. Jetzt hatte Perkins keuchend die Thür erreicht.

»Hier ist Licht, Alterchen,« rief er Beck zu. »Ich trage es immer bei mir.« Damit nahm er eine kleine zierliche Nickellampe, die mit einem polierten Reflektor versehen war, aus der Brusttasche und drückte auf den Knopf, worauf das elektrische Licht emporflammte.

»Danke, mein Junge,« erwiderte Beck, »die alte Oellampe dort oben brennt zu düster. Bewachen Sie, bitte, die Thüre und halten Sie mir das Volk noch einen Augenblick vom Leibe. Hernach kommt die Reihe an Sie und ich erweise Ihnen den gleichen Dienst.«

Die halbgeöffneten stieren Augen des auf dem Rücken am Boden liegenden Leichnams machten beim Schein der flackernden Oellampe einen gespenstischen Eindruck. Rasch kniete Beck neben ihm nieder, und seine wild umherschweifenden Blicke schienen in einer kurzen Minute alle Einzelnheiten zugleich aufzufassen. Er sah einen hübschen, kaum dreißigjährigen jungen Mann von schlanker Gestalt mit einer Schußwunde in der Brust tot daliegen. Geblutet hatte er fast gar nicht. Die großen dunkeln Augen waren aus den Höhlen getreten, zwischen dem schwarzen Schnurrbart kam die rote Zunge zum Vorschein und das Totenantlitz zeigte eine bläulichrote Färbung. Am Halse bemerkte Beck ein schmales Band, das von den Ohren bis zum Kinn tief ins Fleisch eingeschnitten hatte. Ein gebrauchtes Zündhölzchen lag neben einer ausgelöschten Taschenlampe mit zerbrochenem Cylinder. In der Ecke, halb unter den Sitz gerollt, fand Beck einen schußfertigen Revolver, der bei näherer Besichtigung sofort erkennen ließ, daß zwei Läufe erst kürzlich abgefeuert worden waren. Ein rundes Loch in dem der Thür gegenüberliegenden Fenster zeigte an, wo die Kugel hereingedrungen oder hinausgeflogen war. Der Ermordete schien wenigstens eine Zeit lang während der Fahrt geschlafen zu haben, denn dicht neben dem Fenster lag ein aufgeblasenes Luftkissen und auf dem Kopf hatte er eine bequeme Schlafkappe von schwarzem Samt.

Auf Raub war es offenbar bei der Ermordung nicht abgesehen gewesen, denn der Mann trug eine wertvolle goldene Uhr in der Tasche, einen Diamantring am kleinen Finger und seine Brieftasche enthielt Banknoten und Goldstücke im Betrag von etwa zwanzig Pfund Sterling. Es roch in dem Coupé stark nach verbrannter Wolle, und von seinem Geruchssinn geleitet, entdeckte Beck mit Verwunderung am rechten Knie der hellen Beinkleider eine Stelle, wo ein Loch in das Zeug gebrannt und die Haut darunter versengt war.

»Holla! Wer ist da drinnen?« ließ sich jetzt des Inspektors Stimme von der offenen Thür her vernehmen.

Beck war aufgestanden. »Ach, Sie sind's, Herr Penton,« versetzte er in gelassenem Ton.

»Herr Beck, wenn ich nicht irre. Ich habe Sie gar nicht gleich erkannt. Da sieht's ja böse aus. Was halten Sie von der Sache?«

»Es ist ein Mord begangen worden.«

»Was! Gewiß und wahrhaftig? – Platz da!« schrie der Inspektor in die erregte Menge hinein, drängte sich durch und stand im nächsten Augenblick neben Beck, den Toten mit entsetzten Blicken betrachtend.

»Darüber kann gar kein Zweifel sein, Herr Penton. Und zwar ist der Mord auf so geschickte Weise ausgeführt worden, wie mir das in meiner langen Praxis noch niemals vorgekommen ist,« versetzte der Geheimpolizist mit einem Anflug von Bewunderung für den Verbrecher, die sich angesichts des Leichnams recht unheimlich ausnahm.

»Was soll ich denn thun?« rief der Inspektor in kläglicher Ratlosigkeit. »Auf meiner Strecke ist noch nie etwas dergleichen vorgefallen. Es muß doch wohl eine Totenschau gehalten werden mit allem Drum und Dran. Am besten ist's, ich lasse die Leiche ins Wartezimmer dritter Klasse schaffen.«

»Ich würde Ihnen raten, einstweilen noch alles unberührt zu lassen,« sagte Beck ruhig.

»Aber was in aller Welt soll ich dann thun?«

»Sie könnten den Zug wohl nicht hier behalten?«

»Unmöglich. Wenn selbst die Hälfte der Passagiere umgebracht wäre, wir müßten doch das Dampfboot erreichen.«

»So lassen Sie wenigstens den Wagen abschieben,« mischte sich jetzt Herr Perkins ins Gespräch.

»Das geht auch nicht. Es würde zu lange aufhalten.«

»Hätte überdies wenig Nutzen,« fiel Beck ein. »Wir brauchen den Zug, nicht den Wagen. Wie lange können Sie die Abfahrt im äußersten Falle verschieben, Herr Penton?«

»Höchstens fünf Minuten über die bestimmte Zeit; eine Viertelstunde im ganzen. Zum Glück haben wir drei Minuten Vorsprung. Auch könnte ich meine Fahrgäste schwerlich noch früher in den Zug bringen. Es ist, als hätten sie alle den Verstand verloren; in jedem Coupé wittern sie einen Mörder.«

»Eine Viertelstunde? Das ist wenig, aber es muß genügen. Bitte, leihen Sie mir noch einmal Ihre Laterne, Perkins.«

Wer Herrn Beck für einen ruhigen, gleichmütigen Menschen hielt, hätte ihn jetzt nicht wiedererkannt. Mit Blitzesschnelle durchmaß er den langen Zug. Er kletterte wie ein Bär zum Dache hinauf und lief oben über die Wagen hin. Gleich einer Schlange kroch er unter den Rädern durch und im Nu sprang er in sämtliche Wagen hinein und wieder heraus. Die Fahrgäste traten zurück und sahen ihm zu, als wäre es eine Vorstellung im Zirkus. Und die ganze Zeit über puffte die Lokomotive ungeduldig ihre Dampfwolken aus.

Als einziges Ergebnis der Untersuchung stellte sich die Thatsache heraus, daß im fünften Coupé von dem gerechnet, in welchem der Tote lag, die Oellampe aus einem Wagen dritter Klasse verschwunden war.

In diesem Abteil lagen zwei Männer, ein Soldat und ein Matrose und schliefen den Schlaf der Gerechten, wenn sie nicht etwa gar betrunken waren.

Man weckte sie und holte sie heraus. Der Matrose war ein hagerer, sehniger Bursche, klein von Wuchs und mit schmalem Kopf. Der Soldat, der Korporalschnüre an den Aermeln trug, war fast eine Riesengestalt. Ganz verwirrt und erschrocken erklärten die beiden, daß sie einander nie zuvor gesehen hätten. Auf die Lampe hatte keiner von ihnen acht gegeben; sie wußten auch nicht, ob sie gebrannt hatte, als sie auf der Station Euston eingestiegen waren. Einen Rausch hätten sie nicht, behaupteten sie, doch ganz nüchtern wären sie auch nicht. Ihre Fahrkarten hätten sie richtig bezahlt, man solle sie wieder auf ihre Plätze lassen, mit oder ohne Lampe. Was ginge sie denn überhaupt die verfluchte Lampe an, dafür sollte doch die Eisenbahnverwaltung sorgen.

Bei dem geschickten Kreuzverhör, das Perkins mit ihnen anstellte, wurden sie unverschämt und gaben die widersprechendsten Antworten. Zuletzt forderte der Matrose ihn zu einem Boxergang auf dem Bahnsteig heraus, worauf Perkins die beiden Leute unter Anklage des Mords festnehmen und ins Ortsgefängnis abführen ließ; doch wurden sie schon am nächsten Tage wegen mangelnder Beweise wieder freigelassen.

Unterdessen war Beck am Ende des Zugs beschäftigt, einen starken Strick loszuknüpfen, den er an der eisernen Pufferstange festgeknotet gefunden hatte. Als er auf den Bahnsteig zurückgeeilt kam, war die Viertelstunde um und die Passagiere nahmen eben wieder ihre Plätze ein. Die Lokomotive paffte noch ungeduldiger als zuvor, aber in Becks Wesen war keinerlei Aufregung bemerkbar, als er sich zu Perkins und dem Inspektor gesellte, die vor dem Wagen standen, wo der Tote von dem flackernden Licht gespenstisch beleuchtet, noch immer auf dem Rücken lag. Auf Becks Zeigefinger war ein Flecken noch feuchten Blutes, den er aufmerksam betrachtete.

»Wie steht's, Alterchen, haben Sie den Faden gefunden?« fragte Perkins mit gutmütigem Spott.

»Jawohl,« versetzte Beck, »einen Wollenfaden.« Und er hielt mit der linken Hand ein Endchen hellgraue Baumwolle in die Höhe, das an einigen Stellen dunkel gefärbt war. Perkins lachte gerade heraus, und selbst der Inspektor mußte lächeln, während er rief: »Steigen Sie ein, meine Herren, bitte, beeilen Sie sich!«

»Wozu soll Ihnen denn das dienen?« fragte der junge Detektiv. Beck band den Wollfaden ans Ende des Stricks, den er von dem Puffer losgeknüpft hatte, und machte eine Schlinge daraus, die er vor Perkins' Augen hin und her baumeln ließ. »Diese winzige Schlinge,« flüsterte er, »wird genügen, um den stärksten Mann aufzuknüpfen.«

Jetzt wurde der Inspektor ungeduldig.

»Gleich, gleich!« rief ihm Perkins beschwichtigend zu. »Kommen Sie mit, Herr Beck?«

»Wohin?«

»Natürlich nach Holyhead mit dem Leichnam. Ich mache die Reise in seiner Gesellschaft, und ein zweiter Gefährte wäre mir nicht unlieb.«

»Nein, mit dem bin ich fertig,« gab Beck kurz zur Antwort, »ich weiß alles, was er mir zu sagen hat. Jetzt will ich mich nach dem andern Burschen umsehen.«

»Wie Sie wollen,« rief Perkins und sprang in den Wagen, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Die Thür wurde hinter ihm zugeschlagen und die lange Wagenreihe war bald in der Dunkelheit verschwunden. Auf dem Bahnsteig blieb Beck allein mit dem Inspektor zurück, der sich in großer Aufregung befand.

»Ich würde Ihnen gern behilflich sein,« sagte er, »wüßte ich nur...«

»Sie könnten mir einen Dienst erweisen. Es liegt mir daran, die Lampe zu finden, die in dem Wagen dritter Klasse fehlt, entweder ganz oder in Stücken.«

»Das wird einige Schwierigkeiten machen, fürchte ich. Wir wissen ja gar nicht, was damit geschehen ist. Höchst wahrscheinlich hat man einfach vergessen, sie in Euston einzuhängen.«

»Bewahre. Nach meiner Ansicht liegt sie etwa in der Mitte zwischen zwei Stationen zerbrochen neben den Schienen. Wie weit von hier, kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben, vermutlich nur ein paar Stationen. Könnten Sie wohl auf der Bahnlinie zurücktelegraphieren, daß man nach der Lampe suchen soll?«

»Gewiß. Es soll geschehen, sobald das Telegraphenbureau geöffnet wird.«

»Und wann können wir Antwort haben?«

»Nicht vor zwölf Uhr mittags. Es muß doch eine ziemlich lange Strecke abgesucht werden.«

»So will ich um Zwölf wieder vorsprechen. Gute Nacht.«

»Wollen Sie schon fort?« fragte der Inspektor, der gern noch in Gesellschaft ein wenig geplaudert hätte. »Kommen Sie doch herein und trinken Sie ein Glas zur Erwärmung. Ich lasse mir immer noch einen Trunk bringen, wenn der letzte Zug fort ist, sonst kann ich nicht einschlafen, und heute nacht habe ich das mehr als je nötig.«

»Danke, aber ich will lieber nach Hause gehen. Ich habe die Fähigkeit zu schlafen, wie und wo es gerade paßt. Wer weiß, wann ich wieder einmal zu einer ordentlichen Nachtruhe komme.«

So kehrte denn Beck mit der größten Gelassenheit in seine Wohnung zurück. Der Daily Telegraph lag noch auf seinem Tisch, aber der rätselhafte Raub war durch den geheimnisvollen Mord bei ihm ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Er zog die kleine Schlinge aus der Tasche und legte sie vor sich auf die Zeitung hin.

»Den stärksten Mann in England kann man daran aufknüpfen,« murmelte er gedankenvoll. Dann ging er zu Bett und schlief friedlich wie ein Kind. Erst um halb Elf erwachte er am andern Morgen aus seinem gesunden, traumlosen, erquickenden Schlummer.

*

»Wie steht's, Herr Penton, haben Sie Nachricht erhalten?«

Nach der Art, wie der Inspektor tags darauf Herrn Beck begrüßte, als er um zwölf Uhr zu ihm auf den Bahnsteig trat, mußte der Geheimpolizist bedeutend in seiner Achtung gestiegen sein.

»Sie hatten ganz recht, Herr Beck,« sagte er, »die zerbrochene Lampe ist halbwegs zwischen den Stationen Rugby und Crewe gefunden worden. Wie in aller Welt haben Sie das nur gewußt?« Es klang so unverhohlene Bewunderung aus diesen Worten, daß Beck verschämt lachte.

»Nur eine Vermutung, Herr Penton. Ich hatte von jeher Talent zum Rätselraten. Wann geht der nächste Zug nach Rugby?«

»Um ein Uhr zwanzig.«

»Schön, ich brauche ein Coupé erster Klasse für mich allein.«

»Glauben Sie den Kerl dort fassen zu können?«

»In Rugby? Da suche ich gar nicht nach ihm. Er wird sich schwerlich aufgehalten haben, und daß er jetzt nicht dort ist, steht fest.«

»Ja, weshalb fahren Sie dann überhaupt hin, Herr Beck?« Der Inspektor, der, wie er sich ausdrückte, noch nie in einen Mord verwickelt gewesen war, konnte seine Aufregung und Neugier kaum bezähmen. »Ist das nicht Zeitverschwendung?«

»Es hat ganz den Anschein, Herr Penton, das gebe ich zu,« versetzte Beck freundlich. »Aber ein altes Sprichwort, das ich sehr hochschätze, sagt: »Eile mit Weile!« Ich wälze eine Sache gern im Kopfe hin und her und suche hier und dort, bis ich die Fährte gefunden habe. Dann lasse ich mich aber auch so leicht nicht wieder davon abbringen. Die Kameraden lachen über mich und nennen mich einen sonderbaren alten Kauz, aber mit etwas Glück und gemeinem Menschenverstand ist mir schon manches gelungen.«

In voller Gemütsruhe, wie immer, verließ Beck den Zug in Rugby. In der Hand trug er die sorgfältig zugeschnallte Reisetasche und auf dem Arm eine warme Decke.

»Droschke gefällig, Herr?« fragte ein eifriger Dienstmann, indem er sich der Tasche zu bemächtigen trachtete, die Beck unentwegt festhielt.

»Nein, danke; ich bleibe hier auf dem Bahnhof.«

Der Mann starrte ihn verwundert an und ging seiner Wege, während Beck ruhig auf einer Bank Platz nahm, bis sich der Strom der Reisenden verlaufen hatte. Dann rief er einen Bediensteten herbei.

»Legen Sie meine Handtasche und Reisedecke auf den Rücksitz eines Wagens erster Klasse im nächsten Zug, der von London kommt.« Dabei reichte er dem Mann eine halbe Krone.

»Zu Befehl, Herr,« erwiderte dieser im Ton tiefster Ehrerbietung.

»Halt! Sie müssen das Geld erst verdienen. Haben Sie von dem Mord auf der Eisenbahn gehört, der in Chester entdeckt wurde?«

»Na, das will ich meinen. Man spricht ja von nichts anderm mehr. Stundenlang haben die Leute an der Bahn nach einer Lampe gesucht, und um die Londoner Zeitungen, die den Bericht brachten, hat man sich förmlich gerissen.«

»Ich bin nämlich Detektiv und möchte Erkundigungen einziehen über alles, was man etwa weiß.«

Es war Becks Art, immer so offen als möglich zu Werke zu gehen ohne unnötige Geheimniskrämerei. Der Mann machte aber ein so erstauntes Gesicht, als hätte er sich für den Kaiser von Rußland ausgegeben. Doch jedenfalls hatte er von dem Herrn eine halbe Krone erhalten, mochte er nun ein Detektiv sein oder nicht.

»Ich selbst kann Ihnen wenig Auskunft geben, Herr, außer daß ich gesehen habe, wie man die zerbrochene Lampe brachte. Aber Tim Rafferty, der große Schaffner, der dort drüben steht, hat den Ermordeten zuletzt zu Gesicht bekommen. Das heißt, damals war er noch nicht tot, sondern nur eingeschlafen.«

»Rufen Sie mir Rafferty her; vielleicht verdient er sich auch eine halbe Krone.«

Die Botschaft mußte wohl richtig bestellt worden sein, denn Raffertys blaue Augen funkelten und es lag ein halb verschämtes, halb erwartungsvolles Lächeln in seinen groben, gutmütigen Zügen.

»Nun sagen Sie mir einmal genau, was Sie gesehen haben, Rafferty,« sagte Beck, um ihm Mut zu machen.

»An und für sich ist es gar nichts, Herr, wenn nachher nichts geschehen wäre. Mich wundert nur, daß er mir überhaupt aufgefallen ist; Reisende die eingeschlafen waren, habe ich schon die schwere Menge gesehen, aber es ist keiner von ihnen ermordet worden, außer diesem.«

»Sie haben also gestern im Londoner Nachtzug einen schlanken, hübschen Herrn mit schwarzem Bart gesehen, der in einem Wagen erster Klasse eingeschlafen war?«

»Jawohl. Ich hab' die Beschreibung in der Zeitung gelesen. Es war derselbe, der hernach vor Chester erschossen worden ist. Damals sah man ihm noch nichts davon an; er schlief so ruhig wie ein Wickelkind.«

»Sind Sie Ihrer Sache gewiß?«

»Versteht sich. Die Beschreibung hätte gar nicht besser passen können. Er lag mit dem Kopf auf dem Kissen, das auch in den Zeitungen erwähnt ist, und schlief, als gäbe es gar keine Not auf der Welt. Und doch war das Unglück ihm schon so nahe.«

»Haben Sie ihn genau betrachtet?«

»Freilich.«

»Eine Taschenlampe haben Sie wohl nicht bemerkt?«

»Keine Spur von einer, und ich hätt' es gewiß gesehen, wenn eine dagewesen wäre, denn die Lampe an der Decke brannte schön hell.«

Beck schien großes Gewicht auf alle diese Kleinigkeiten zu legen, denn er stellte ein förmliches Kreuzverhör an. Aber Rafferty beharrte auf seiner Aussage. Die Lampe im Wagen brannte nicht düster und es war keine Taschenlampe vorhanden.

»Besten Dank, guter Freund,« sagte Beck endlich, ohne durch die leiseste Miene zu verraten, ob er erfahren hatte, was er wissen wollte, oder nicht. Doch gab er dem Mann fünf Schilling statt der halben Krone. »Habe ich noch Zeit, eine Tasse Thee zu trinken, ehe der Zug kommt?«

»Mehr als genug Herr. Ich danke gehorsamst und wünsche glückliche Reise.«

Als Beck in den Londoner Zug einstieg, hatte sich eine ganze Gruppe von Angestellten der Eisenbahn in der Nähe versammelt, die ihn neugierig betrachteten. Die Urteile, die nach seiner Abfahrt über ihn laut wurden, klangen nicht gerade sehr schmeichelhaft für seine Begabung.

»Der will ein Detektiv sein,« sagte Rafferty mit mitleidigem Achselzucken. »Ich glaub', er ist nicht schlau genug, um 'ne Fliege zu fangen, und viel zu weichmütig, um ihr ein Leid anzuthun, wenn er sie fängt. Alle Detektivs, die mir bis jetzt vorgekommen sind, hatten so was von 'nem Bluthund oder 'ner Kneipzange – man sah's ihnen schon von wer weiß wie weit an. Ein ganz ordentlicher Mensch mag er sein,« schloß er, in dankbarer Erinnerung an die fünf Schillinge in seiner Westentasche, »aber zum Detektiv ist der nicht geschaffen!«

Er wäre wohl in seiner Ansicht noch bestärkt worden, hätte er Beck behaglich in seine Decke gewickelt mit halb geschlossenen Augen auf seinem Platz im Zuge sitzen sehen.

Auch der Billeteinnehmer in Crewe machte ein sehr verwundertes Gesicht, als Beck ihm seinen Beruf nannte; doch zeigte er sich trotzdem höflich und mitteilsam. Wer hätte auch gegen Beck zurückhaltend sein sollen, lag doch etwas so Freundliches und Gutmütiges in seinem Wesen!

Ja, der Billeteinnehmer erinnerte sich eines Herrn, der gestern mit dem Londoner Nachtzug angekommen und gute fünf Minuten nach allen andern Reisenden die Bahnhofhalle heruntergekommen war. Aber sein Billet war ganz in Ordnung. Er trug eine kleine schwarze Handtasche und hatte sonst kein Gepäck. Ein ansehnlicher, hübscher Mann mit schwarzem Kraushaar und schwarzem Bart – offenbar ein Ausländer. Der Beamte beschrieb ihn genau und der Geheimpolizist hörte aufmerksam zu.

»Nicht wahr, er hinkte ein wenig?« fragte Beck endlich in gelassenem Ton.

Der Billeteinnehmer machte große Augen.

»Also kennen Sie den Herrn?«

»Ich bilde mir's wenigstens ein – vielleicht irre ich mich, aber ich glaube zu wissen, wer es ist.«

»Er ging etwas lahm und der rechte Fuß schien ihm weh zu thun. ›Sie haben sich doch nicht verletzt?‹ fragte ich; worauf er mich mit seinen großen Augen scharf ansah und antwortete: ›Bewahre, ganz und gar nicht. Die Gicht plagt mich einmal wieder, das ist alles.‹ Aber er sah nicht im geringsten aus, wie jemand, dem die Gicht etwas anhaben kann, und wer an Gicht leidet, trägt auch nicht solch enganliegende Stiefel mit Gummizügen.«

»Gummizüge?« murmelte Beck. »Das dacht' ich mir gleich... Würden Sie den Herrn wohl wieder erkennen, wenn Sie ihn sähen?«

»Ich habe ihn erkannt, als ich ihn wieder sah. Zum ersten Frühzug erschien er auf dem Bahnsteig. Sobald er mir unter die Augen kam, wußte ich, daß er's war, obgleich es mit seinem Fuß viel besser zu gehen schien. Aus Neugier merkte ich mir, wohin er wollte.«

»Wohin denn?«

»Er hatte ein Billet erster Klasse nach Liverpool. – Besten Dank, Herr, aber das war durchaus nicht nötig. Ich bin ja froh, wenn ich Ihnen irgendwie habe nützlich sein können.«

»Noch ein Wort. Würden Sie wohl seine Photographie erkennen?«

»Auf den ersten Blick. Haben Sie eine bei sich?«

»Nein, aber ich könnte sie mir mit leichter Mühe verschaffen. Dann will ich sie Ihnen mit der Post schicken, und Sie sind wohl so gut, ›ja‹ oder ›nein‹ auf ein Blatt Papier zu schreiben und es an die Adresse aufzugeben, die ich beifügen werde.«

»Gewiß, das soll umgehend geschehen. Sie kommen wohl hier nicht wieder zurück?«

»Nein, ich fahre weiter bis an mein Reiseziel und ich glaube, mir ist die ganze Sache schon ziemlich klar.«

Der nächste Zug wurde eben erwartet und Beck eilte unverzüglich nach dem Schalter. »Ein Billet erster Klasse nach Liverpool,« sagte er.

So verschwanden denn der Verfolgte und sein Jäger einer nach dem andern in dem dichten Gewirr der großen Hafenstadt.

*

Um dieselbe Zeit trafen noch zwei andre neue Ankömmlinge in Liverpool ein.

Doktor Palmer Coleman ließ sich in einer der stillen Straßen nieder, die schon halb zur Vorstadt gehören, und hatte es bald zu einer einträglichen Praxis gebracht. Er selbst nannte sich einen »Homöopathen«, während die Aerzte der Nachbarschaft ihn als Quacksalber bezeichneten.

Einer seiner ersten Patienten war ein Kerl mit kräftigen Gliedmaßen, der sich müßig herumtrieb und sein Quartier in einer ziemlich verrufenen Gasse nicht allzuweit von des »Doktors« hochachtbarer Behausung aufgeschlagen hatte. Dem Doktor gelang es – wohl zu seiner eigenen Ueberraschung – den Vagabunden durch ein sehr einfaches Mittel, nämlich eine Schachtel voll winziger Pillen, die zu gleichen Teilen aus Brotkrumen und Seife bestanden, vom Veitstanz zu heilen. Der Mann bezahlte ihm dafür das volle Honorar, eine Guinee, die er nach des Doktors Ansicht höchst wahrscheinlich gestohlen hatte; auch ließ er es nicht an überschwenglichen Beweisen der Dankbarkeit fehlen, wodurch er auf die Dauer etwas unbequem wurde. Zur Feier seiner Genesung holte er sich einen starken Rausch und weckte seinen Wohlthäter gegen ein Uhr nachts, um sich bei ihm zu bedanken. In jeder Schenke des Stadtviertels verkündete er des Doktors Lob mit rauher Kehle. Aber selbst das genügte ihm nicht. Er wurde mit seinen Aufmerksamkeiten so überlästig wie ein täppischer junger Hund; überall kam er zum Vorschein, wenn man ihn am wenigsten brauchen konnte; er belagerte das Haus seines Wohlthäters mit der Zudringlichkeit eines unbezahlten Gläubigers.

Wenn man den Vagabunden nach seinem Namen fragte, so nannte er sich William Simons, doch hieß er in dem ganzen Viertel allgemein nur »Bill Pluck«. Selten gab er sich zu irgend einer Arbeit her; aber wenn er es that, so machte er alles vortrefflich: man mußte sich über seine Kraft und Geschicklichkeit ordentlich verwundern.

Doktor Coleman hatte sich von ihm sein Sprechzimmer in Ordnung bringen lassen, das im ersten Stock lag. Aber sowohl hierfür als für das Hinauftragen der schweren Möbel, die zur anständigen Ausstattung des Raumes dienen sollten, hatte Bill Pluck jede Bezahlung hartnäckig ausgeschlagen.

Nachdem sich so Doktor Coleman und Bill Pluck, jeder auf seine Art, im Bezirk bemerklich gemacht und zu mancherlei Gerede Anlaß gegeben hatten, würde man sie füglich ihren verschiedenen Gesellschaftskreisen überlassen haben, ohne noch weiter auf sie zu achten, wäre nicht etwa drei Wochen nach ihrer Ankunft ein aufsehenerregendes Ereignis eingetreten. In einer besonders dunkeln Nacht nämlich wurde der Schutzmann, den seine Runde an Doktor Colemans Haus vorbeiführte, gegen ein Uhr durch einen lauten Krach erschreckt, auf den hintereinander drei scharfe Revolverschüsse folgten. Während der Mann nach der Stelle hinlief, sah er eine dunkle Gestalt aus einem Fenster des ersten Stockes springen, das wohl achtzehn Fuß über der Straße lag, und mit katzenähnlicher Schnelligkeit um die Ecke verschwinden, wobei der Flüchtling nach dem Sprung allerdings etwas hinkte, wie der Polizist zu bemerken glaubte.

Er folgte ihm rasch und wäre dabei fast über das Ende eines Seils gefallen, das von dem offenen Fenster des Wohnzimmers herabhing. Inzwischen hatte er die Gestalt aus dem Gesicht verloren und bei der pechfinstern Nacht war an keine Verfolgung zu denken. Im nächsten Augenblick hörte er des Doktors Stimme durch das Fenster nach ihm rufen. Er klopfte unten an die Thür, worauf das Klirren von Ketten zu hören war, die Riegel zurückgezogen wurden und der Doktor mit dem Licht in der Hand in Beinkleidern und dem Nachthemd erschien; die Haare hingen ihm wirr um das vor Aufregung rote Gesicht; allem Anschein nach war er eilig aus dem Bett gesprungen. Seine herrliche Männergestalt mit den breiten Schultern und den starken Muskeln kam in dem leichten Gewande erst recht zur Geltung.

»Ein gefährlicher Kunde, mit dem man nicht anbinden möchte,« dachte der Schutzmann bei sich.

»Bei mir ist eingebrochen worden,« sagte der Doktor; »doch habe ich dem Kerl noch rechtzeitig sein Spiel verdorben.«

»Darf ich mich drinnen einmal umsehen?«

»Jawohl, wenn Sie wollen; aber es lohnt kaum der Mühe. Die Hauptperson hat das Weite gesucht.«

Im Studierzimmer des Doktors, wohin er mit dem flackernden Licht voranschritt, herrschte wilde Unordnung; doch konnte man alles erst genau übersehen, nachdem der Polizist die vier Lichter an der Gaskrone angezündet hatte.

Die schwere Thür zu des Doktors Schlafzimmer war mit Gewalt aus Schloß und Angel gerissen und nach vorn geschleudert worden, wobei sie im Fallen Tische und Stühle zertrümmert hatte. Zu dem offenen Fenster zog die Nachtluft herein und in einer der oberen Scheiben sah man drei runde Löcher dicht nebeneinander, wo die Revolverkugeln hindurchgegangen waren. Neben einem eisernen Geldschrank, der in der Ecke stand, lag eine ganze Sammlung von Diebswerkzeugen auf dem Boden umhergestreut, mit denen der Einbrecher schon so gründlich gearbeitet hatte, daß über die Absicht seines nächtlichen Besuchs kein Zweifel möglich war.

»Vorzügliche Instrumente,« sagte der Polizist, eins nach dem andern aufhebend und betrachtend, »und sehr saubere Arbeit, das muß ich gestehen. Das Loch dort hat eine geübte Hand in den Schrank gebohrt.« Er betrachtete es mit unverhohlener Bewunderung.

»Ich hatte ihm ein noch schöneres Loch durch seinen Kopf zugedacht,« sagte Coleman grimmig. »Schade, daß die Schüsse fehl gingen, das kommt bei mir selten vor.«

Der Schutzmann zog sein Notizbuch heraus.

»Würden Sie mir wohl in aller Kürze angeben, was sich zugetragen hat?«

»Gewiß; aber außer dem, was Sie hier sehen, habe ich Ihnen wenig mitzuteilen. Ich hatte den Tag über und tief bis in die Nacht hinein viel zu thun gehabt, so daß ich mich erst um halb zwölf Uhr zu Bette legte und fest einschlief. Ein leises Kratzen, das sich wie das Nagen einer Maus im Nebenzimmer anhörte, weckte mich; ein andrer hätte wohl kaum acht darauf gegeben, aber ich habe großen Widerwillen gegen Mäuse. Es ist eine Schande, aber ich großer, starker Mensch fürchte mich vor ihnen wie ein Schulmädchen. Da ich nicht schlafen kann, wenn ich eine Maus höre, stand ich leise auf, schlüpfte in meine Beinkleider, zündete mein Licht an und schraubte das Gas auf, das ich immer etwas brennen lasse. Nun drückte ich leise auf die Klinke, um das Tier nicht zu verscheuchen. Die Thür war von außen verschlossen. Das erschreckte mich, denn ich schlafe nie bei geschlossenen Thüren. Ich horchte – das Kratzen ging ununterbrochen weiter; mir schien, es klinge zu regelmäßig für eine Maus. Da griff ich nach meinem Revolver – den ich stets zur Hand habe – stemmte die Schulter gegen die Thüre und warf die ganze baufällige Bescherung in das andre Zimmer hinein. Unglücklicherweise blies mir der Luftzug das Licht aus und der Kerl drinnen war schlau genug, seine Laterne zu löschen. Der ganze Raum war stockfinster; ich sah nur, wie mir schien, eine schwarze Masse nach dem Fenster hinstürzen. Die drei Schüsse, die ich abfeuerte, sind offenbar sämtlich fehlgegangen.«

»Würden Sie den Mann wieder erkennen?«

»Unter keiner Bedingung. Ich sagte Ihnen ja schon, daß es pechschwarze Nacht war. Ich will den Kerl auch weder sehen noch kennen. Hätte ihn mein Schuß zu Boden gestreckt, so wäre es mir recht gewesen, aber nun die Kugel daneben gegangen ist, mag er meinetwegen mit heiler Haut davonkommen.«

»Aber um der Gerechtigkeit willen –«

»Ach was, Gerechtigkeit! Der arme Teufel hat sein Leben um nichts und wieder nichts aufs Spiel gesetzt. Hätte er den Geldschrank aufgebrochen, so würde er nur ein paar Flaschen mit Gift gefunden haben.«

»Entschuldigen Sie, aber das macht keinen Unterschied, was das Verbrechen anbetrifft. Offenbar hat der Dieb dort irgend einen Wertgegenstand vermutet, den er sich aneignen wollte.«

»So, meinen Sie? Aber es war keiner da,« erwiderte Coleman kurz. »Nun, gute Nacht, Schutzmann; ich will meinen unterbrochenen Schlaf nachholen.«

Der Polizist, ein scharfsinniger und erfahrener Beamter, glaubte jedoch die richtige Fährte gefunden zu haben. Bevor eine Stunde um war, hatte er schon »Bill Pluck« als des Einbruchs verdächtig in seiner ärmlichen Wohnung in der Himmelsgasse festgenommen. Es lagen mancherlei erschwerende Umstände gegen den Gefangenen vor. Er war erst seit einer halben Stunde nach Hause zurückgekehrt: am Halse hatte er einen roten Fleck, der von einem Streifschuß herzurühren schien, und beim Gehen hinkte er bedeutend auf dem rechten Fuß. Doch nahm er die Sache sehr kaltblütig auf.

»Ich soll einen Geldschrank aufgebrochen haben? Davon verstehe ich ja gar nichts. Um Doktor Coleman zu berauben, der mich gesund gemacht hat – wie käme ich dazu? Der Doktor und ich, wir sind viel zu gute Freunde. Ihr werdet ja sehen, ob er vor Gericht gegen mich aussagt!«

Trotzdem mußte er die Nacht im Polizeigewahrsam zubringen. Er fand sich mit philosophischer Ruhe in sein Schicksal und schlief bald fest wie ein Kind. Tags darauf führte der Schutzmann seinen Gefangenen dem Richter vor. Die Beweisaufnahme war schon halb fertig und schien sehr zu Ungunsten des Beklagten auszufallen, als Doktor Coleman erschien.

Er wurde als Zeuge vernommen und wiederholte so ziemlich die Angaben des Polizisten; doch erwies sich sein Zeugnis eher vorteilhaft für den Gefangenen.

Er behauptete, daß keiner der drei Schüsse den Einbrecher getroffen oder auch nur gestreift habe.

»Sind Sie dessen ganz gewiß?« fragte der Schutzmann.

»Jawohl.«

»Aber war es nicht dunkel?« warf der Richter ein.

»Es war ziemlich dunkel, Euer Gnaden.«

»Sie würden wohl diesen Mann nicht als Dieb erkennen?«

»Im Gegenteil; ich würde schwören, daß er es nicht ist. Ich konnte die Umrisse der Gestalt unterscheiden; sie sah ganz anders aus.«

»Der Mann ist zum Fenster hinausgesprungen, wie ich höre.«

»Er hatte keinen andern Ausweg. Ob er gesprungen ist, kann ich nicht sagen. Er kann auch an dem Seil hinuntergeglitten sein, das an einer Eisenspitze des Balkons vor dem Fenster befestigt war und an dem er höchst wahrscheinlich heraufgeklettert ist.«

»Aber ich sah ihn herunterspringen,« fiel der Polizist ein. »Er hat sich dabei den Fuß verletzt, und der Mann hier hinkt. Wie läßt sich das erklären, Herr Doktor?«

»Ich bin selbst eine Zeit lang infolge eines Unfalls lahm gewesen und bin noch jetzt nicht ganz geheilt,« versetzte Coleman in scharfem Ton. »Aber das beweist doch nicht, daß ich ein Einbrecher bin.«

Der Schutzmann machte ein verblüfftes Gesicht und der Gefangene kicherte vor sich hin, als belustigte ihn die Antwort sehr.

»Uebrigens glaube ich, daß dieser Mann immer etwas hinkte.«

»Wissen Sie, Brunker, ob sich das so verhält?« fragte der Richter.

Der Polizist geriet in Verlegenheit. Es kam ihm nun selbst so vor, als habe der Mann den einen Fuß immer ein wenig nachgeschleppt. Aber so gehinkt wie seit gestern hatte er doch nicht. Wie sollte er das dem Richter erklären? »Ja, Euer Gnaden, etwas lahm ist er wohl gegangen, aber doch nicht ...«

»Genug, Brunker,« unterbrach ihn der Richter. »Ich glaube, Sie haben sich bei der Sache übereilt. Der Angeklagte ist freizulassen. Besten Dank, Doktor Coleman. Guten Morgen.«

Der Angeklagte warf, als er die Anklagebank verließ, Coleman einen sonderbaren Blick zu, aus dem mehr Belustigung als Dankbarkeit sprach. Vor der Thür des Gerichtszimmers trafen die beiden wieder zusammen.

»Kommt in einer Stunde zu mir, Simons,« sagte der Doktor gelassen, »Ihr könnt mir einen Dienst leisten, wenn Ihr das Zimmer wieder in Ordnung bringt, wo noch alles zu unterst und oberst liegt, seit der Kerl dort war.«

»Ich werde kommen, Herr Doktor,« sagte Bill Pluck mit einem Anflug von Höflichkeit. »Besten Dank.«

Der Ruf des Vagabunden hatte durch dies Ereignis bei den Nachbarn nicht gewonnen. Sie teilten meist die Ansicht des Schutzmannes und gingen Bill Pluck aus dem Wege, so weit sie konnten. Nur Doktor Coleman hielt ihn offenbar nicht für schuldig, denn er erwies ihm mehr Güte als zuvor. Immer wieder gab er ihm Arbeit und versah ihn reichlich mit Geld, das Bill Pluck jedesmal ins Wirtshaus trug, so daß er auf gutem Wege schien, sich zu Tode zu trinken.

Alles ging schon wieder im gewöhnlichen Geleise, als abermals eine aufregende Begebenheit – die dritte und letzte – eintrat.

Signor Montifero besuchte den Stadtteil. Wenn seine Anschlagezettel die Wahrheit sagten, so war sein Name bereits weit und breit bekannt. Da es aber immerhin möglich ist, daß einer der Leser noch nichts von Signor Montifero gehört hat, will ich einen kurzen Auszug des interessanten Schriftstücks hierhersetzen, das in großen Lettern über dessen Verfasser berichtete.

Signor Montifero, so hieß es darin, der berühmte Schüler von Mesmer, dem Professor des Hypnotismus, sei bis in die tiefsten Tiefen des Lebens eingedrungen, um ihre Geheimnisse zu ergründen; durch seine vielseitige Gelehrsamkeit und umfassenden Forschungen habe er den Spiritismus des Ostens und die Wissenschaft des Westens in harmonischen Einklang gebracht. An sämtlichen Höfen der regierenden Könige und Fürsten, sowie in den Hörsälen der berühmtesten Universitäten Europas habe man seinen wunderbaren Vorstellungen und Beweisführungen mit Staunen und Entzücken gelauscht.

Wenn man die Größe seines Ruhmes und seiner Leistungen bedenkt, so war Signor Montifero wirklich ein bescheidener Mann; weder die Bewunderung der Herrscher, noch der wissenschaftlichen Größen hatten ihn allzu stolz gemacht. Er begnügte sich mit einem Saal mittlerer Größe in dem wenig vornehmen Stadtviertel und ließ sich sogar so weit herab, seine Zettel in eigener Person herumzutragen.

Bill Pluck fühlte sich von Anfang an sehr zu Signor Montifero hingezogen, was die Leute besonders deshalb wundernahm, weil der Signor weder mit Geld noch Getränken freigebig war. Aber der Hypnotiseur schien einen merkwürdigen Einfluß auf den Vagabunden zu üben, der sich hinwiederum durch seine Lokalkenntnis sehr nützlich erwies. Bill Pluck klebte für den Signor die Anschlagzettel an und half ihm bei der Einrichtung des Saales. Auch brachte er ihn durch verschiedene Andeutungen auf den Gedanken, daß er nichts Besseres thun könne, als Doktor Coleman zu bitten, den Vorsitz des Aufsichtskomitees bei seinen Darstellungen zu übernehmen. Der Signor, ein schwarzhaariger, stattlicher Herr mit einschmeichelndem Benehmen, hatte große Mühe, Colemans Einwilligung zu erhalten.

»Sie sollten es mir wirklich nicht abschlagen, Herr Doktor,« sagte er. »Ihr Name, Ihre Stellung und – wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf – Ihre ganze Erscheinung wären mir von unendlichem Wert. Es sind auch gewisse Anknüpfungspunkte zwischen uns vorhanden; wir haben uns beide ein etwas abgelegenes Feld in den weiten Regionen der Wissenschaft erwählt!«

»Aber ich habe eine Abneigung gegen den Hypnotismus und glaube überhaupt nicht daran.«

»Abneigung und Unglaube schließen einander aus, mein bester Herr. Ihr Widerwille ist, wenn ich so sagen darf, ein Beweis für Ihren Glauben. Sie würden selbst ein vortreffliches Medium abgeben, wenn Sie mir gestatteten ...«

Allein davon wollte Coleman nichts hören.

»Unter keiner Bedingung,« rief er ärgerlich, »würde ich mich zu solchem Mummenschanz hergeben.«

Es gelang dem Signor jedoch, seinen Zorn geschickt zu besänftigen, und als er Coleman verließ, nahm er sein Versprechen mit, daß er Vorsitzender des Komitees sein wolle, unter der Bedingung, daß der Signor keinerlei hypnotische Experimente mit seiner Person machen werde.

Am nämlichen Abend überraschte Bill Pluck den Signor durch einen Vorschlag.

»Könnten Sie nicht etwas neues Geistermaterial brauchen, Herr?«

»Was soll ich brauchen?« fragte Signor Montifero, der ihn nicht verstand.

»Wenn's Ihnen recht wäre, hätte ich nämlich nichts dagegen, daß Sie's mit mir versuchten. Ich kenn' mich schon darin aus und bin wie dazu geschaffen.«

»Soll das so viel heißen, daß Sie sich zum Medium hergeben würden?«

»Jawohl, und ich will meine Sache gut machen. Die Leute kennen mich auch, das ist um so besser.«

Signor Montifero willigte mit Vergnügen ein. In der Regel brachte er seine Medien mit, die so gut geschult und voller Mesmerismus waren, daß er sich auf sie verlassen konnte. Dann und wann glückte es ihm zwar auch, unter der Zuhörerschaft eine besonders empfängliche Persönlichkeit zu entdecken, doch fand er es im allgemeinen zweckmäßig, bezahlte Medien zu seiner Verfügung zu haben. Er mußte aber hohen Lohn zahlen, denn seine Leute ergriffen jede Gelegenheit, um ihm klar zu machen, daß, wenn sie sich mit Nadeln stechen ließen, ohne zu schreien, wenn sie Talglichter äßen, als wären es Zuckerstengel, und sich wie Schafsköpfe im ganzen Saal herumführen ließen, die Bezahlung auch damit im Einklang stehen müsse. Außerdem waren diese angestellten Medien im Bezirk fremd und ihr Auftreten wurde nicht als ein Beweis ihrer uneigennützigen Hingabe für die Wissenschaft angesehen.

Bill Pluck nahm freilich auch nicht besonders für sich ein; doch war er wenigstens eine wohlbekannte Persönlichkeit. Deshalb versprach ihm der Signor gern einen Schilling und eine Flasche Bier für jeden Abend, an dem er sich einfinden würde. Seine Mitwirkung beschränkte sich jedoch in der Folge auf ein einmaliges Auftreten.

An jenem ersten Abend war der Zuschauerraum reichlich besetzt, sogar die Zwei-Schilling-Plätze mit den feuerroten Polstern waren nicht leer geblieben; auf den Ein-Schilling-Plätzen sah man eine stattliche Versammlung, und wo der Eintritt einen halben Schilling kostete, war es gedrängt voll.

Auf der Bühne saß das Aufsichtskomitee um einen runden Tisch, über alle hinausragend Doktor Colemans Gestalt. Dem Tisch gegenüber waren die kläglich dreinschauenden Medien alle in einer Reihe ausgestellt. Bill Pluck, der zuletzt stand, so daß er vom ganzen Saal aus gut gesehen werden konnte, war bald die Zielscheibe für allerlei Späße aus dem Publikum. Der Signor begann die Vorstellung stets mit seinen eigenen Medien. Waren die Zuschauer erst geneigt, an diese zu glauben, so hatte er im übrigen leichtes Spiel; wenn die Menge gleichgültig bleibt, hat der Hypnotiseur kein Glück. Die hergebrachten Kunststücke gingen denn auch an diesem Abend unter allgemeinem Gelächter und Beifallklatschen von statten. Die Medien thaten, was ihnen befohlen wurde, gehorsam auf den ersten Wink: sie keuchten in drückender Hitze, schüttelten sich vor Kälte, suchten nach eingebildeten Goldstücken auf der ganzen Bühne herum, aßen Talglichter mit höchstem Behagen, ließen sich Nadelstiche beibringen, ohne das geringste Gefühl zu zeigen, und verbrannten sich mit großer Naturwahrheit in kaltem Wasser. Wenn sie mitten in solcher lächerlichen Handlung plötzlich aufgeweckt wurden, malte sich auf ihren Gesichtern der ordnungsmäßige Ausdruck von Staunen und Entsetzen, der jedesmal lautes Gelächter hervorrief.

Als Bill Pluck zuletzt an die Reihe kam, erhob sich ein wahrer Beifallssturm; mehrere seiner Kumpane im Hintergrund versuchten sogar einen Lobgesang anzustimmen. Er ließ sich willenlos auf die Bühne führen, wo ein Stuhl für ihn bereit stand und das Licht voll auf sein Gesicht fiel, so daß er sowohl vom Komitee, als im ganzen Zuschauerraum deutlich gesehen werden konnte. Doktor Coleman beobachtete ihn mit besonderer Aufmerksamkeit. Auch ein junger Mann, der mit ihm auf der Bühne saß, ohne zum Komitee zu gehören, verriet ein lebhaftes Interesse. Er mochte wohl Berichterstatter sein, denn sobald Bill Pluck aufgerufen wurde, zog er sein Notizbuch heraus und begann gleich darauf eifrig zu stenographieren. –

Signor Montifero befahl seinem Medium, den Blick fest auf den Drehspiegel zu heften, wodurch er betäubt und in den magnetischen Schlaf versetzt werden sollte.

Einige Minuten lang starrte der Mann mit ausdruckslosem Blick auf einen Punkt hin, wie ihm gesagt worden war. Dann fielen ihm die Augenlider zu und er begann tief und regelmäßig zu atmen.

Ein Schauer durchrieselte die Versammlung beim Anblick des Schläfers. Die rohen Züge des Mannes waren plötzlich wie verklärt vor Staunen und Entzücken. Doktor Coleman, der ihn am genauesten kannte und am aufmerksamsten beobachtete, kam er auf einmal wie völlig verwandelt vor. Selbst Signor Montifero schien verwundert über die Wirkung, die er hervorgebracht hatte.

»O, o, o!« rief jetzt der Hypnotisierte in förmlicher Verzückung – »wie schön, wie wundervoll!«

Seine Stimme hatte einen hohlen Klang, als käme sie aus weiter Ferne; sie glich seiner eigenen nicht im mindesten, war aber selbst in der äußersten Ecke des Saales vernehmbar, in welchem die tiefste Stille herrschte.

Der Signor beeilte sich, seinen Vorteil auszunutzen. Endlich hatte er einmal einen Menschen wirklich hypnotisiert.

»Was ist wundervoll?« fragte er. »Was siehst du?«

»Den Khubla-Khan-Rubin,« lautete die Antwort in demselben hohlen Tonfall.

Bei der Erwähnung des kostbaren Edelsteins, dessen geheimnisvolles Verschwinden die Gemüter schon seit sechs Wochen beschäftigte, steigerte sich die allgemeine Aufregung noch.

Sämtliche Komiteemitglieder starrten nach dem Sprecher hin, von dem Doktor Coleman kein Auge verwandte. Der junge Berichterstatter schrieb mit Windeseile.

»Wo siehst du den Khubla-Rubin?« fragte der Signor, bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben.

»Im Schaufenster des Juweliers Bolas in der Bondstraße. Seht nur, wie sein rotes Licht sprüht. Viel Volks umsteht das Fenster. Schaut, jetzt drängen sich zwei Männer durch die Menge.«

»Kannst du sagen, wer es ist?«

»Ja – ja! Einer von ihnen ist Don Coloso, der moderne Atlas – ich erkenne ihn nach den Photographieen. Der andre ist Jules Hernandes, der schmächtige Mann, mit dem er seine Kraftproben zu machen pflegt.«

Abermals geht ein Schauer durch den ganzen Saal, denn Don Coloso und sein Gefährte waren seit dem Abend nach dem kecken Raube verschwunden.

»Ja, ich erkenne ihn,« fuhr der Schläfer auf dem Stuhle fort, »trotzdem er die krause schwarze Perücke und den Bart abgelegt hat, den er auf der Bühne trägt. Der Mann, der ihm den Arm gibt, hat schwarzes Haar und eine dunkle Hautfarbe. Den kenne ich auch. Seht, wie sie sich mit Gewalt durchdrängen. Kein Wunder, daß die Leute in Zorn geraten. Don Coloso wirft sie nach rechts und links, als wär's ein Kegelspiel. O, o! –«

»Was siehst du jetzt?«

»Jetzt schlägt er mit seinem Spazierstock um sich. Er hat die dicke Fensterscheibe zertrümmert, als wär's ein Blatt Papier. Das Drahtgitter zerreißt er, wie ein Spinnweb. Seht, der kleine Mann hat sich des Rubins bemächtigt und schlüpft damit wie ein Wiesel durch die Menge. Nun bricht sich die Polizei Bahn. Man hält Don Coloso fest; er wird hierhin und dorthin gestoßen und läßt sich abführen wie ein Lamm.«

»Folgst du ihnen?«

»Ich folge ihnen. Sie biegen zusammen in eine stille Straße ein. Don Coloso wirft einen Blick über seine Schulter. Die Straße ist menschenleer. Im nächsten Augenblick hat er mit jeder Hand einen Polizisten gepackt; sie leisten ohnmächtigen Widerstand, er schlägt ihre Köpfe aneinander und schleudert sie weit von sich in den Graben. Wie ein Blitz schießt er davon. Jetzt ist er verschwunden.«

Die Zuhörer können ihre Aufregung kaum mehr bezähmen. Doch liegt so viel tragische Wirklichkeit in den Offenbarungen des Mediums, daß alle wie von einem Zauberbann gehalten werden. Signor Montifero zeigt sich seiner Aufgabe gewachsen.

»Folgst du ihm noch immer?«

»Nein, er ist fort; ich kann ihm nicht folgen,« tönt es wie aus der Ferne.

»Schau wieder hin. Siehst du ihn jetzt?«

»Nur undeutlich. Er scheint im Dunkeln auf jemand zu warten, der nicht kommt. Er ballt die Fäuste und knirscht mit den Zähnen. Er verschwindet. Nun sehe ich ihn wieder, auf dem Bahnhof von Euston. Er hat eine schwarze Reisetasche in der Hand und beobachtet den schmächtigen Mann, der den Rubin gestohlen hat. Don Coloso redet ihn nicht an. Der andre löst eine Fahrkarte. Don Coloso löst auch ein Billet. Der schmächtige Mann steigt in einen Wagen erster Klasse, dicht an der Lokomotive. Don Coloso steigt in den letzten Wagen am Ende des langen Zuges. Die beiden Männer sind sehr weit voneinander entfernt. Der Zug fährt ab.«

»Folgst du noch?«

»Ich folge. Wir halten in Rugby. Die Station ist mir wohl bekannt. Das Ende des langen Zuges reicht über den Bahnsteig in die dunkle Nacht hinaus. Der schmächtige Mann bleibt auf seinem Platz sitzen, aber aus dem letzten Wagen des Zuges gleitet ein Schatten. Wie geräuschlos er sich fortbewegt. Jetzt ist er hinter dem Zug auf den Schienen. Er bindet seinen Reisesack am Puffer mit einem Strick fest, zieht die Stiefel aus und steckt sie in den Sack. Wie eine Katze klettert er aufs Dach des Wagens und fährt so in die Nacht hinaus.«

»Sieh, was er thut.«

»Er kriecht oben am Rande des dahinsausenden Zugs weiter und zählt die Lampen in den Wagen. Jetzt ist er dicht an der Lokomotive. Er hebt die Lampe heraus, die an der Decke hängt, und versucht, sie auf das abschüssige Dach zu stellen. Aber sie fällt krachend neben die Schienen hinunter! ich höre ihn einen leisen Fluch ausstoßen. Dann bringt er eine Taschenlampe zum Vorschein, zündet sie mit einem Streichholz an und läßt das Licht durch die Oeffnung in der Decke fallen. Unten im Wagen liegt ein Mann in ruhigem Schlaf. Das elektrische Licht wirft einen grellen Schein auf ihn. Es ist der schmächtige Mann, der den Rubin gestohlen hat.

»Die Augen, die auf ihn hinabschauen, funkeln unheimlich, und über die dünnen Lippen stiehlt sich ein gräßlicher Freudenlaut, wie ihn das Raubtier ausstößt, während es seine Beute verzehrt. Abermals streicht der Mann auf dem Dache ein Zündholz an, läßt es hell aufflammen, zielt einen Augenblick genau und wirft es dann hinunter auf den Schläfer. Man hört es zischen; es riecht nach verbrannter Wolle. Mit einem Schmerzensschrei ist der Schläfer emporgesprungen; aber der Laut erstirbt ihm auf den Lippen. Eine würgende Schlinge hat sich ihm um den Hals gelegt; mit Riesenkraft wird er nach oben gezogen, so daß seine Füße den Boden des Wagens nicht mehr berühren. Der Todeskampf dauert nicht lange; dann hängt der Körper leblos in der Schlinge. Ein starker Arm fährt durch die Oeffnung, packt den Leichnam und scheint gierig nach etwas zu suchen. Jetzt läßt sich wieder das leise Freudengeheul hören; die Hand zieht ein kleines Päckchen aus der inneren Brusttasche des Toten und bringt es in Sicherheit.

»Nun kommt ein Revolver zum Vorschein. Es blitzt, es kracht! – eine Kugel trifft den Toten, eine zweite Kugel bohrt ein Loch durch die Fensterscheibe. Jetzt wird die Schlinge vom Halse des Opfers gelöst, und die Leiche fällt mit dem Gesichte nach oben auf den Boden des Wagens zurück. Auch die Lampe und der Revolver werden hinuntergeschleudert. Dann kriecht der Mörder auf Händen und Füßen am Rande des schwankenden Zuges zurück. Ein Fluch und ein Schmerzenslaut! – er hat sich einen zerbrochenen Nagel, der im Wagendach steckte, durch den Strumpf in den Fuß getreten. Ein grauer Wollfaden aus dem Strumpfe bleibt an dem Nagel hängen. Der Faden ist mit Blut getränkt. Das kann der Mann in der Dunkelheit nicht sehen. Aber ich sehe es.

»Er hinkt weiter und brummt zornig vor sich hin. Im fünften Coupé hebt er die Lampe aus, kriecht zurück und hängt sie in die Oeffnung des Coupés, in dem der Tote liegt. Dann kriecht er wieder bis ans Ende des Zugs und stöhnt dabei noch immer vor Schmerz. Fünf Minuten später fängt der Zug an langsamer zu fahren! ein schriller Pfiff! – er kommt schnaubend in den Bahnhof von Crewe gerasselt. Nun steigt der Mörder auf die Schienen herunter, schneidet den Reisesack vom Puffer ab, zwängt seine Stiefel an ohne Rücksicht auf den schmerzenden, blutüberströmten Fuß. Gleich darauf geht er hinkend an dem Billetabnehmer vorbei.«

Das Entsetzen der Zuhörer hat jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Es herrscht Totenstille im Saal.

Signor Montifero ist bleich bis an die Lippen; seine Stimme zittert. »Siehst du ihn noch?« stammelte er.

»Ich sehe ihn auf dem Bahnhof in Crewe. Er löst eine Fahrkarte nach Liverpool. Er ist hier in der Stadt; hier im Saal. Ich sehe, ich sehe ihn!«

Es lag Grauen und Entsetzen in den Worten; auch die Zuhörer wurden davon ergriffen.

In dem Augenblick erklang ein Schrei, so voller Furcht und Gewissensangst, daß allen der Atem stockte.

Doktor Coleman war mit aschfahlem Gesichte auf seinem Stuhle zusammengesunken; seine Lippen zuckten, seine Augen schauten gespenstig ins Leere.

»Genug, genug!« schrie er mit aller Kraft seiner Lunge. »Der Teufel ist noch stärker als ich. Er bleibt Sieger. Was glotzt ihr mich so an, ihr verfluchten Narren! Ja, ich bin der Mörder. Jules Hernandes hatte mich betrogen – hört ihr es? Ich habe ihn erwürgt, den Verräter, doch ich bereue die That nicht!«

Ehe noch irgend jemand acht auf ihn gab, war der Hypnotisierte vom Stuhl aufgesprungen. Man hörte ein klirrendes Geräusch, ein Schnappen; dann beugte sich ein ernstes, ruhiges Gesicht zu Doktor Coleman nieder und eine Stimme sagte: »Ich verhafte Sie, Don Coloso, alias Doktor Coleman, als schuldig der vorsätzlichen Ermordung des Jules Hernandes. Sie brauchen keinerlei Aussagen zu machen! aber alles, was Sie etwa aussagen, kann als Beweismittel gegen Sie dienen.«

Nach dem Gesichte zu urteilen, war es William Simons, der das sprach; aber es klang wie Paul Becks Stimme.

Bei den kalten, geschäftsmäßigen Worten verwandelte sich Colemans fieberhafte Angst in rasende Wut.

»In die Falle gelockt!« schrie er und machte einen verzweifelten Versuch, die Handschellen zu zerreißen, die ihm Beck so geschickt angelegt hatte.

Es war schrecklich, diese übermenschliche Anstrengung seiner Riesenkraft zu sehen. Der Schweiß stand ihm in großen Tropfen im Gesicht, die Adern auf seiner Stirn traten wie Stricke hervor, und die gewaltigen Muskeln der Arme spannten sich und schwollen, als wollten sie zerspringen.

»Es ist ganz vergebens,« sagte Beck in besänftigendem Tone, »nur eine ganz unnütze Anstrengung. Sie sind einen halben Zoll dick, durch und durch von Stahl und besonders für Sie angefertigt.«

Statt der Antwort schlug der Verhaftete mit voller Kraft nach dem Kopfe des Detektivs. Beck wich dem Schlage geschickt aus, und die gefesselten Hände fielen wie ein Schmiedehammer auf den Tisch nieder, der in Stücke zerbrach, während der Mann hinstürzte und wie ein Holzklotz am Boden lag.

Beck beugte sich hinab und löste mit einer Handbewegung einen kleinen stählernen Schlüssel von Colemans Uhrkette. »Ergeben Sie sich darein, Doktor,« sagte er. »Ihr Spiel ist aus!« –

Vier Mann von der Ortspolizei standen bereit, um sich des Gefangenen zu bemächtigen, der von nun an keinerlei Widerstand mehr leistete. Die Zuhörer hatten für ihr Geld genug der Aufregung gehabt; lärmend verließen sie den Saal, um sich draußen mit der stets wachsenden Menge zu vereinigen, welche die Polizisten und den Gefangenen nach dem Bahnhof begleitete. Signor Montifero blieb allein zurück.

Indessen hatte sich Beck, die Hände in seiner weiten abgetragenen Jacke vergrabend, ruhig nach der entgegengesetzten Richtung entfernt. Der junge Mann mit dem Notizbuch ging neben ihm. Wenn der Detektiv auch seine Verkleidung und Ausstaffierung für die Rolle noch nicht abgelegt hatte, so war doch eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Er war jetzt nicht mehr Bill Pluck oder William Simons, sondern Paul Beck wie früher.

»Haben Sie alles schwarz auf weiß, Perkins?« fragte er seinen Gefährten.

»Jedes Wort, die Geschichte, das Geständnis und alles Uebrige. Was Sie wieder für Glück gehabt haben, Beck. Wahrhaftig, diesmal ist Ihnen der richtige Mann ins Garn gegangen. Sie haben aber auch alle Minen springen lassen dort im Saal. Wäre ich nicht eingeweiht gewesen, ich hätte Sie nun und nimmer erkannt, so wahr ich lebe.«

»Ja, sehen Sie,« sagte Beck, wie entschuldigend, »ich habe immer so etwas vom Schauspieler an mir gehabt. Es ist mir angeboren.«

»Die Geschichte mit dem Raub und Mord war wohl ganz aus der Luft gegriffen?«

»Ich bitte Sie, Perkins, wie können Sie das nur für möglich halten? Glauben Sie, es hätte ihn so erschüttert, wenn es meine Erfindung wäre? Alles hatte sich so zugetragen.«

»Aber woher zum Kuckuck konnten Sie es wissen? Haben Sie es etwa mit angesehen?«

»Das nicht gerade,« gestand Beck. »Aber wenn ich eine Fußspur im Schmutz sehe, so nehme ich an, daß jemand vorbeigegangen ist. Ebenso einfach lag diese Sache für mich gleich von Anfang an.«

Bei diesen Worten zog er die winzige Schlinge hervor, die er damals aus dem grauen Wollfaden gemacht hatte. »Als ich Ihnen sagte, ich wollte den stärksten Mann in England damit aufknüpfen, lachten Sie mich aus. Und es ist doch wahr geworden.«

»Aber der Rubin, alter Junge! Den haben Sie doch noch nicht gefunden. Wenn ich nur wüßte, wo er ist.«

»Das werden Sie bald genug erfahren, wenn Sie mit mir nach Doktor Colemans Behausung kommen wollen,« versetzte Beck. »Ich weiß es schon seit einiger Zeit. Mein erster Versuch, seiner habhaft zu werden, wäre fast übel für mich abgelaufen, aber dem Doktor war ebensoviel oder noch mehr daran gelegen wie mir, jedes Aufsehen zu vermeiden. Damals hatte ich den Schlüssel noch nicht. Jetzt habe ich ihn.«

»Aber wo ist denn der Rubin jetzt?«

»Der Khubla-Khan-Rubin,« sagte Beck feierlich, »dessen Wert eine halbe Million beträgt und für den eine Belohnung von fünftausend Pfund ausgeschrieben ist, liegt in dem eisernen Geldschrank, der in einer Ecke von Doktor Colemans Wohnzimmer steht, wenn ich nicht sehr irre.«

Aber Beck irrte sich ganz und gar nicht.

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