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Verschiedenes

Abraham a Sancta Clara: Verschiedenes - Kapitel 10
Quellenangabe
titleVerschiedenes
authorAbraham a Santa Clara
typesketch
senderanonymus@abc.de
created20030407
correctorreuters@abc.de
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Die Begegnung mit der Wahrheit

Ich, ich suchte die Wahrheit mühsam, und lang vergebens. Schon gab ich alle Hoffnung auf, sie zu finden, als ich sie endlich entdeckte, allein in einem Aufzug, der mich staunen machte. Sie hatte einen langen mit Blumen gestickten Mantel, in welchen sie sich einhüllte, wie der Seidenwurm in seine Puppe. Um den Hals hatte sie statt der Modekrause einen langen Fuchsschwanz, und ihr sonst so schönes Gesicht war zerkratzt, als hätte sie den Katzen eine Schlacht geliefert. Die Lippen waren blau, und aufgeschwollen. Frau Wahrheit sagte ich, nachdem ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte, wer hat euch so übel zugerichtet? Sie gestand mir unter Seufzern und Thränen, daß sie an den Hof habe gehen wollen, von der Wache aber sehr unsanft zurück gewiesen worden sey. – Ich fragte die Frau Wahrheit, warum denn ihre Lippen so aufgeschwollen seyn, und sie antwortete, daß man ihr, als sie gegeigt habe, den Fidelbogen um den Mund schlug. Auf solche Weise ergieng es schon Manchem, welcher die Wahrheit sagte. Daniel wurde wegen ihr in die Löwengrube geworfen, und Johannes mußte die Freyheit, die Wahrheit gesagt zu haben, mit dem Kopfe bezahlen.

Solang einer sanft ist, und die wunde Stelle nicht berührt, da liebt man ihn, so bald er aber die Lauge zur Hand nimmt, und den Schaden aufdeckt; da hat die Liebe ein Ende. Wenn er den Großen der Erde sagt: sie sollen die Gerechtigkeit nicht zum Spinnengewebe machen, welches die starken Thiere nach Willkür zerreißen und nur Mücken darin hängen bleiben; sie sollen nicht seyn, wie die Distillierkolben, welche die armen Pflanzen bis auf den letzten Tropfen aussaugen; wenn er den Edelleuten vorwirft, daß sie den Barbierern ins Handwerk greifen, und mit scharfer Scheere scheeren; wenn er die Geistlichen beschuldigt, zu seyn, wie die Glockenschwengel, welche die Gläubigen zur Kirche rufen, selbst aber nicht zur Kirche kommen; wie die Nachteulen, welche bey Nacht das Oel aus den Kirchenlampen saufen, also von der Kirche leben, ohne ihr zu nützen.

»Frau Wahrheit, frage ich weiter, warum tragt ihr denn diesen weiten, mit Blumen besetzten Mantel, und was bedeutet der Fuchsschwanz um euerm Halse?« Sie antwortete, daß sie den Mantel schon lang trage, weil es Sitte sey, die Wahrheit zu bemänteln, und zu verblümen; den Fuchsschwanz aber habe sie um den Hals, weil sich die Schmeicheley gewöhnlich nach dem Kopfe zieht. Da erboste ich in meinem Sinne, und riß der Wahrheit Mantel und Fuchsschwanz ab. Beydes gab ich einem nahestehenden Bettler, welcher auch so gut Gebrauch davon zu machen wußte, daß er ein vorübergehendes, altes häßliches Weib, sogleich eine schöne, reitzende, goldene Frau nannte. Ich glaubte indessen, recht gethan zu haben, weil die Wahrheit überall nackt erscheinen soll.

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