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Verkaufte Ungarmädchen

Árpád Pásztor: Verkaufte Ungarmädchen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorÁrpád Pásztor
titleVerkaufte Ungarmädchen
publisherMetropol Verlags-Aktiengesellschaft
translatorArmin Schwarz
correctorJosef Muehlgassner
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Rußland ...

Ich zählte etwa einundzwanzig Jahre. Meine Abende verbrachte ich gewöhnlich im Sprechzimmer und zwischen den Kulissen des alten Volkstheaters. Das Pester Bühnenkulissenleben war zu jener Zeit schon im Niedergange, nicht mehr so wie einst, als einige Grafen aus der ungarischen Lebewelt es laut und bunt und berüchtigt machten. Frau Pálmai war schon ins Ausland gegangen, ihre Magnaten waren längst ruiniert, die Herren aus dem Nationalkasino erschienen nur mehr selten in der ersten Bankreihe des Parterres. Die schweren Börsen, die Lebemänner, die für ihre Liebeshändel das Geld mit vollen Händen verstreuten und dadurch die Sitten dieses ganzen kleinen Budapest aufwühlten, -- so daß die bürgerliche Mittelklasse sie mit blassem Neide betrachtete, während der ärmste Pöbel sie wie ein Zirkus-Spektakel anstaunte -- diese Leute waren längst verflossen. Das Primadonnentum ward immer mehr zu einem Geschäft; anstatt der Vertreter des Hochadels sah man reiche Kaufmannssöhne aus der Leopoldstadt und Journalisten zwischen den Kulissen sich herumtreiben.

Die arme Aranka Hegyi hatte damals ihre jugendlich schlanke Gestalt schon eingebüßt; Klara Kücy hatte das leichte französische Vaudeville aufgegeben und geizte nach dem Ruhm der klassischen Helena. Die Stadt Budapest war wie von einem bösen Zauber heimgesucht: es häuften sich die Sorgen, das Leben ward schwieriger, der Kampf ums Dasein gewaltsamer und stürmischer. Aus dem gemütlichen Pest der reich gewordenen Handelsherren und der mit ihren Rennställen prunkenden Grandseigneurs war ein schweißtriefendes Budapest geworden! Doch mit meinen jungen Augen und meiner glücklichen Unerfahrenheit dachte ich damals nicht daran, all dies wahrzunehmen und zu beobachten; heute, da fünfzehn Jahre mich von jener Zeit trennen, stehen die damaligen Ereignisse in einem weit schärferen Lichte vor mir ...

Seither habe ich gelernt, die Welt mit tiefer dringenden Augen und aus mannigfachen Gesichtspunkten zu betrachten. Jetzt erst begreife ich Dinge, die mir einstmals nur flüchtige Erscheinungen waren. Die damaligen Äußerlichkeiten erklären mir heute das Wesentliche jener Zeit; die Erinnerungen lassen mich die wirkliche Welt erkennen, in der ich lebte und die ich durcheilte, ohne sie zu beachten.

Rußland!

Erst jetzt verstehe ich so recht den Inhalt dieses Wortes. Erst jetzt, da ich darüber schreibe, begreife ich die Bedeutung des damals phantastisch scheinenden Ereignisses, als eines Abends die Schwestern Mondschein im Sprechzimmer ankündigten, daß der Mann aus Rußland da sei und daß sie am nächsten Morgen mit ihm die Reise nach Petersburg antreten würden. Nervöse Aufregung ergriff das ganze Theater. An jenem Abend wurde der »Zigeunerbaron« gegeben. Ich und einige meiner Freunde unter den jungen Journalisten machten den Ballettratten eifrig den Hof. Ich stand, wie gewöhnlich, vor der schmalen Gitterpforte des Zuganges der Bühne, in traulichem Gespräch mit meiner kleinen Freundin, die mir in ihrer feschen Husarenuniform noch mutwilliger und liebreizender erschien als sonst ... Ihre Beine staken in einer knappen roten Hose, dazu trug sie Lackstiefelchen, um die Schultern hing die Manta; ihren Tschako hatte sie im Ankleideraume gelassen, das üppige rotschimmernde Haar war in einem Knoten hoch aufgesteckt: so stand das anmutvolle Geschöpf vor mir. Ich konnte es mir nicht versagen, von Zeit zu Zeit, wenn uns niemand störte, sie an mich zu drücken und ihr einen langen Schmatz aufzusetzen. Aus dem Zuschauerraum tönte die liebliche Straußsche Musik heraus, und Jóska Németh, der den Zsupan gab, sang mit seinem breiten Lächeln:

Das Schreiben und das Lesen
Ist nie mein Fach gewesen ...

Meine kleine Freundin vergaß meine Küsse zu erwidern; sie war an diesem Abend nachdenklich und zerstreut.

»Was gibt es denn?« fragte ich sie.

»Der Mann aus Rußland ist da,« antwortete sie. »Für mich ist die Gelegenheit da, mein Glück zu machen. Mein Freund wird mich doch nicht heiraten ... Was soll ich hier zu Hause anfangen? Ich kann doch nicht ewig Tschardasch tanzen und in den Gruppen der Mama Hans (das war die Ballettmeisterin) figurieren. Das beste wäre, mit dem Manne aus Rußland abzufahren ...«

Ich wußte ihr nichts zu antworten. Denn was half das Leugnen, ich war doch nur ihre Liebe, nicht ihr Freund. Ihr Freund war derjenige, der sie »doch nicht heiraten kann«. Ein Herr aus der Provinz, der allwöchentlich auf zwei, drei Tage nach Budapest kam. Dieser Herr war das Geschäft, das ernste Leben, ich war nur die Liebe. Man weiß ja, daß jedes Theatermädel, das etwas auf sich hält, einen Freund hat, von dem sie lebt, und einen Journalisten oder Schauspieler, kurz einen Künstler, den sie liebt. Beide zusammen -- die Schauspielerin und der Liebhaber -- hassen den ernsten Freund, aber sie halten krampfhaft fest an ihm.

»Und was soll dann aus mir werden?« fragte ich endlich erschrocken.

Denn ich liebte meine kleine Kameradin; ich verlebte mit ihr die schöne Zeit der sorglosen, übermütigen Liebe. Unsere geheimen Zusammenkünfte in dem Stübchen, für das ich der Frau Zwillinger vierzig Kronen Monatsmiete bezahlte, unsere verstohlenen Küsse, der betrogene Freund aus der Provinz, die vielen kleinen Bosheiten des Ballettkorps, das mütterlich wohlwollende Lächeln der Primadonna, mit welchem sie zehnmal an einem Abend bei uns vorüberging; der Sonnenstrahl, der unsere glückliche Jugend vergoldete: all das hatte uns so sehr aneinander gewöhnt, daß mein Herz wahrhaftig zusammenzuckte, als Nuschi mir erklärte, sie müsse fort, denn der Mann aus Rußland sei da ...

Doch sie reiste nicht; ihr Freund erhöhte ihre Monatsapanage. Aber das geschah erst einige Tage später; an jenem Abend herrschte in den Korridoren und im Sprechzimmer des Volkstheaters »russische« Stimmung. Die Schwestern Mondschein packten ihre Sachen und nahmen Abschied von ihren Kolleginnen. Sie verteilten ihre restlichen Vorräte an Gesichts- und Lippenschminke und gaben ihre Spiegel und Schubfächer ab. Mutter Hans legte ihnen ans Herz, acht zu geben und zu sparen, denn »Jugend vergeht, nur Geld besteht«.

Die Schwestern Mondschein saßen auf einem Bänkchen im Sprechzimmer und zeigten das bunte, mit Silberflitter reichlich verzierte Kostüm herum, das die Theaterschneiderin, Frau Topolanszky, für sie »komponiert« hatte. Die jüngere, Serene, erzählte, daß sie zwei Lieder und einen Tschardasch einstudiert hätten. In Petersburg würden sie Geschwister Luna, in Moskau Sisters Diana heißen ... Das ganze Theaterpersonal stand rings umher. Alte Choristen, die als Zigeuner kostümiert waren, verlangten Glücksgeld von den Geschwistern Luna und den Sisters Diana, die von den Kollegen Abschied nahmen. Die Choristinnen, die ewigen Feindinnen des Ballettkorps, standen geheimnisvoll zischelnd in einer Ecke beisammen und berieten, ob man die Schwestern Mondschein nicht dem Theatersekretär verraten sollte, da sie ja mitten im Jahr das Theater verlassen wollten. Doch schließlich begnadigten sie die beiden Mondschein ... Man kann nicht wissen ... Vielleicht wollen wir selbst einmal nach Rußland ... Halten wir lieber zusammen ...

Mein Liebchen ließ mich vor dem Gitterpförtchen stehen; an jenem Abend kümmerte sich niemand um die Liebhaber und Freunde der Theaterdamen. Rußland, das ferne und geheimnisvolle, das mir nur aus »Eugen Onegin« bekannt war, beherrschte die Bühne und das Sprechzimmer ... Die Theatermädel waren zerstreut und befangen ... Nach dem ersten Aufzuge rannten sie wie die Ratten die Treppe zu dem Ankleidesaal hinauf, der im zweiten Stock, am Ende eines langen Korridors, lag. Da half unser Pochen nichts, die Tür ward nicht geöffnet. Die Garderobefrauen schleppten in Zubern das Schminkwasser hinaus; nach dem zweiten Aufzuge schminkten die Mädel noch vor dem Finale sich ab, um so rasch wie möglich hinwegeilen zu können.

Gelangweilt harrten wir im Sprechzimmer, ob die feschen Husaren vielleicht doch herabkommen würden. Lächelnd blickten wir uns an, als ein alter Chorist, ein typischer Gelegenheitsmacher, einem reichen jungen Kaufmann aus der Leopoldstadt, in der Hoffnung auf ein gutes Souper, die kleine Gisela Farkas vorstellte ... Endlich ertönte die Klingel des Regisseurs: das Ballettkorps ward gerufen. Die Ballettmädel eilten direkt auf die Bühne, ohne uns eines Blickes zu würdigen ... Aus dem ersten Gäßchen der Kulisse betrachteten wir die Werbeszene und den klassischen Zittertanz der genialen Aranka Hegyi, dann nach dem Werbetanz den Aufmarsch der Ballettmädel auf die Brücke, von der herab sie betrübte Blicke auf uns warfen ... Wir waren eben in dem Alter der jungen und romantischen Liebe.

Dann ging der Aufzug zu Ende. Die vielen Zigeuner und Husaren strömten von der Bühne heraus, strömten die Treppe zu den Ankleideräumen hinauf. Auf der Bühne blieben nur die Solisten zurück und harrten des Beifallssturmes des Publikums, um sich bei hochgezogenem Vorhang dankend zu verneigen.

Ballett und Chor waren im dritten Aufzug nicht beschäftigt. Vor der Loge des Portiers erwarteten wir die Mädchen. Auf die Straße hinaus wagten wir uns nicht, denn dort wartete der wirkliche Freund, der zahlende ... Endlich erschienen die Mädchen, eines nach dem andern. In der Loge des Portiers gab es noch ein Briefchen, einen Kuß, einen Händedruck ... Auf der Straße wartete der legitime Herr, der seiner Freundin den Arm reichte und mit ihr im Dunkel der Nacht verschwand ...

Jetzt kam Nuschi; unter Hunderten hörte ich ihren leichten Schritt heraus.

»Gehen Sie nun wirklich nach Rußland?« fragte ich sie, während ich meine Tränen nur mit Mühe zurückdrängen konnte.

»Vielleicht ... Ich weiß es nicht ...« antwortete sie, indem sie mir die Hand drückte.

Jetzt kamen mit lautem Gelächter die Schwestern Mondschein herab, hinter ihnen die Garderobefrau, Mama Weiß, mit einem großen Bündel. Draußen erwartete sie ein Fiaker. Einige Kolleginnen gaben ihnen das Geleit bis zum Wagen.

Und Geschwister Luna, Sisters Diana, traten ihre Reise nach Rußland an ...

So geschehen vor fünfzehn Jahren ... Seither verging so manches Jahr, so manche Liebe und die Dinge gestalteten sich ganz anders, als wie sie früher waren. Ich habe seither Petersburg und Moskau gesehen ... Die Schwestern Mondschein sind seither heimgekehrt ... Sie sind beleibte Jüdinnen geworden, ihre Söhne sind Zeitungsjungen ...

Rußland! ...

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