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Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 20
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Zehnter Gesang

Juppiter schwört, nachdem er Venus und Juno umsonst zur Friedfertigkeit ermahnt hat, daß er ohne Teilnahme den Krieg dem Schicksal überlasse. Fortdauernde Bestürmung des trojanischen Lagers. Unterdes kehrt Äneas aus Etrurien mit Hilfsvölkern in dreißig Schiffen zurück. Die aus Schiffen gewordenen Nymphen melden ihm den Zustand der Seinigen. Kaum gelandet, wird er von den Rutulern angegriffen. Pallas fällt durch Turnus. Indem der rächende Äneas die Feinde schlägt, bricht Ascanius aus dem Lager hervor. Den Turnus der Gefahr zu entziehn, stellt ihm Juno ein Luftbild des Äneas dar; und da er das fliehende in ein Schiff verfolgt, reißt sie das Seil ab und führt ihn ans Ufer von Ardea. Mezentius und sein Sohn Lausus von Äneas erlegt.

              Jetzt wird geöffnet das Haus des allmachtvollen Olympus,
Und Versammlung beruft der Götter und Sterblichen Vater
Zum sternhellen Palast; wo hoch auf die Länder der Welt her
Und auf das Dardanerlager er schaut und das Volk der Latiner.
5   Lang sind Säle besetzt, weitoffene. Jetzo beginnt Zeus:

Himmlische, groß an Gewalt, weshalb ward jener Entschluß euch
Umgewandt? was kämpfet ihr so unfreundlichen Herzens?
Ich ja verbot, daß Krieg Italia regte den Teucrern.
Warum gegen mein Wort Mißhelligkeit? welche Besorgnis

10   Hieß die folgen und jene dem Streit und erregen den Mordstahl?
Annahn wird, nicht ruft sie, die eine Stunde des Kampfes:
Wann die wilde Karthago dereinst die romanischen Burghöhn
Überzeucht mit großem Verderb und geöffneten Alpen.
Dann wird Eifer und Haß, dann raffende Fehde vergönnt sein.
15   Jetzo ruht, und fröhlich vereint friedfertiges Bündnis.

Also Juppiter kurz. Nicht gab ihm die goldene Venus
Wenig zurück:

Vater, o du der Götter und Sterblichen ewige Obmacht!
Denn was anderes bleibt, das noch anflehen wir könnten?

20   Selber schaust du der Rutuler Trotz, und wie Turnus in Hochmut
Mitten auf stattlichen Rossen sich hebt, und geschwollen vom Kriegsglück
Herstürzt! Nicht mehr decken geschlossene Mauern die Teucrer;
Nein in den Thoren bereits und der Bollwerk' hoher Umschanzung,
Mischen sie Schlachtengewühl, daß in Blut aufwogen die Gräben.
25   Nichts noch weiß Äneas entfernt. So lassest du niemals
Sie der Belagerung los? Der Feind droht wieder den Mauern
Der aufblühenden Troja, zugleich noch ein anderes Kriegsheer:
Wieder stürmt auf die Teucrer daher vom ätolischen Arpi
Tydeus Sohn. Ja ich glaube, noch übrig ist meine Verwundung:
30   Und, dein eignes Geschlecht, erwarb ich sterbliche Waffen!
Wenn ungeheißen von dir die Dardaner, gegen Verhängnis,
Drangen ins Italerland, so laß sie büßen den Frevel,
Nicht sie erfreuend mit Schutz. Doch folgten sie häufigem Ausspruch
Oberer Mächt' und der Manen, warum kann jetzo denn jemand
35   Deinen Befehl umkehren? warum neu ordnen das Schicksal?
Was doch erwähn' ich die Flotten, verbrannt am Gestade des Eryx?
Was den König der Stürm' und die rasende Wut der Orkane
Aus der äolischen Kluft? und die Wolkenwandlerin Iris?
Jetzo die Manen sogar (nur dieser Bezirk der Natur blieb
40   Noch unversucht) erregt sie und plötzlich gereizt auf die Obern
Tobt Allecto daher durch der Italer Städte mit Wahnsinn.
Über das Reich nicht werd' ich bewegt; wir hofften auf solches,
Weil noch währte das Glück. Mag vorgehn, wen du auch vorziehst.
Doch ist nirgend ein Raum, den die grausame Gattin den Teucrern
45   Läßt; bei dem dampfenden Schutt der verödeten Troja, mein Vater,
Fleh' ich dir: o vergönnt sei, Ascanius doch der Befehdung
Unversehrt zu entziehn! o vergönnt, zu behalten den Enkel!
Gerne durchschweif' Äneas hinfort wildfremde Gewässer;
Und wo auch immer den Weg das Geschick verhänge, da folg' er.
50   Ihn nur möcht' ich mir retten, entrückt aus dem gräßlichen Kampfe.
Mein ist die luftige Paphos und Amathus, mein auch Cythera,
Und ein idalisches Haus: ruhmlos nach gelegeter Rüstung
Leb' er in Ruhe daselbst. Du gebeut, daß die hohe Karthago
Über Ausonia walte mit Macht! Nichts stellt sich von dorther
55   Tyrierstädten zur Wehr! Was hat, zu entrinnen des Krieges
Schrecknissen, was ihm gefrommet die Flucht durch argolische Feuer
Und so viele Gefahren des Meers und unendlichen Landes,
Während man Latium dort und die sprossende Pergamos aufsucht?
War's nicht besser, die Asche der Vaterstadt zu bebauen,
60   Und das Gefild', einst Troja genannt? Gieb wieder den Armen
Xanthus und Simois Flut; noch eins laß, Vater, die Teucrer
Ilions Leiden durchgehn! – Hierauf die Königin Juno,
Heftig empört von der Wut: Warum aus der Tiefe des Schweigens
Treibst du mich, aufzuhüllen den überschleierten Unmut?
65   Hat den Äneas ein Mensch, hat irgend ein Gott ihn genötigt,
Kriege zu spähn und feindlich zu nahn dem König Latinus?
Folgend den Schicksalwinken erreicht' er Italia; gut das!
Aufgeregt von Cassandra der Seherin! Daß er das Lager
Ließ, war unser der Rat, und das Heil den Winden vertraute?
70   Daß er dem Knaben die Vest' und des Kriegs Obwaltungen auftrug?
Daß er tyrrhenischen Bund aufreizt' und friedliche Völker?
Führt' ihn ein Gott in Betrug, führt' unsere harte Gewalt ihn?
Wo denn Juno, wo hier die Wolkenwandlerin Iris?
Hart, daß Italervolk die werdende Troja mit Flammen
75   Feindlich umringt, daß Turnus die heimische Erde behauptet,
Dem Pilumnus der Ahn, dem die Göttin Venilia Mutter!
Was, wenn mit düsterem Brande der Dardaner droht den Latinern,
Fremde Gefild' in das Joch einzwängt und Geraubetes wegtreibt?
Was, wenn er Schwäher sich kiest und vom Schoß abführt die Verlobte,
80   Frieden erfleht mit der Hand, und die Schiff' umheftet mit Rüstung?
Du ja kannst den Äneas den Händen entziehn der Achäer
Und für den Mann darstellen Gedünst und nichtiges Luftbild;
Du ja kannst ihm die Schiff' in gleich viel Nymphen verwandeln:
Helfen auch wir ein wenig dem Rutuler, ist es ein Gräuel?
85   Nichts noch weiß Äneas entfernt! Nichts wiss' er entfernt denn!
Paphos ist dein, auch Idalion dein und die hohe Cythera.
Was denn reizt dich die Stadt voll Kriegs und verwilderter Herzen?
Sind wir, schwankende Phrygiermacht zu zerrütten von Grund aus,
Eiferig? wie? nicht etwa, wer elende Troer den Grajern
90   Ausgestellt? die es selber gefügt, daß in Rüstungen aufstand
Asia wider Europa und Bündnisse brach durch Entführung?
Trieb ich, Sparta zu stürzen, daher den dardanischen Buhler?
Gab etwa ich die Waffen und nährte durch Lust die Befehdung?
Damals ziemte dir Angst um die Deinigen. Spät nun erhebst du
95   Unrechtmäßige Klag' und zankst in vergeblichem Hader!

Also redete Juno. Da murmelte dumpf die gesamte
Götterschar, an Empfindung geteilt: wie beginnender Lufthauch,
Wann er geengt durchmurmelt den Wald und dunkle Gesäusel
Hohl hinrollt, die dem Schiffer die kommenden Winde verraten.

100  

Doch der allmächtige Zeus, der des Weltalls höchste Gewalt hat,
Hebt nun an. Wie er redet, verstummt der Unsterblichen Wohnung,
Unten erbebt aus der Tiefe die Erd', hoch schweiget der Äther,
Zephyre senkten den Flug, sanft ruht die geebnete Meerbahn:

Aufmerksam denn vernehmt und prägt mein Wort in die Seele;

105   Weil, das Ausoniervolk durch Bund zu gesellen den Teucrern,
Nicht mir gelang, noch euch Mißhelligkeit endet und Eifer,
Welcherlei Glück heut jedem, und welcherlei Hoffnung sich öffnet,
Troer und Rutuler gelte mir gleich ohn' jeglichen Vorzug:
Ob durch Italerschicksal die Stadt Belagerung einschließt,
110   Ob durch Trojas täuschenden Wahn und gefälschte Verkündung,
Nicht auch die Rutuler lös' ich. Was jeglichem schafft sein Beginnen,
Mühsal trag' er und Heil. Gleich allen ist Juppiter König.
Finde den Gang das Geschick. – Bei der Flut des stygischen Bruders,
Beim schwarzwogigen Schlunde von Pech aufbrausender Ufer,
115   Winket er; ganz von dem Wink erschaudert umher der Olympus.

Hier der Reden Beschluß. Auf steht von dem goldenen Thron jetzt
Juppiter, welchen die Götter umringt zu der Schwelle geleiten.

Aber die Rutulermacht ringsher um die Thore bestrebt sich,
Männer zu strecken durch Mord und mit Glut zu umgürten die Festung.

120   Eingehegt in den Wall ist die Legion des Äneas,
Und kein Rat zu entfliehn. Trostlos auf den hohen Basteien
Stehn sie umsonst und gürten mit schwächerem Kranze die Mauer.
Asius, Imbrasus Sohn, und Thymotes, der Sohn Hicetaons,
Auch die Assaracus beid' und der ältere Thymbris mit Castor
125   Kämpfen voran, mit welchen Sarpedons beide Gebrüder,
Clarus zugleich und Themon, von Lycias Höhen gesellt gehn.
Mühsam trägt, sich strengend mit Macht, den gewaltigen Felsblock,
Nicht ein mäßiges Teil des Gebirgs, der Lyrnessier Acmon,
Clytius gleich dem Vater an Wuchs und dem Bruder Menestheus.
130   Dort mit Geschoß, dorther mit Gestein zu verteidigen ringt man,
Dort zu schalten mit Glut und Pfeil' auf die Senne zu fügen.
Mitten er selbst im Gewühl, der Idalia würdigster Liebling,
Schau, der dardanische Knabe, entblößt sein herrliches Antlitz,
Blinkt er, wie Edelgestein in rötlichem Golde, zum Halsschmuck
135   Oder dem Haupte zur Pracht; wie wenn in des gelblichen Buxus
Kunstwerk, oder im Braune des Oricerbaums Terebinthos,
Leuchtet das Elfenbein; ihm wallt um den milchigen Nacken
Lockiges Haar, das knüpfet ein Reif des gesponnenen Goldes.
Dich großheriger auch, o Ismarus, sahen die Völker
140   Wunden umher verteilen und Rohr mit Gifte bewaffnen,
Edeler Sproß vom Mäonengeschlecht: wo rüstige Männer
Fette Bestellungen baun und mit Gold Pactolos sie wässert.
Auch war gesellt Menestheus, den hoch der gestrige Ruhm hebt,
Turnus hinwegzudrängen vom fest umschanzenden Bollwerk,
145   Capys zugleich, woher die campanische Burg sich benamet.

So miteinander gestrengt in Entscheidungen harten Gefechtes
Kämpften sie, als Äneas bei Nacht durchsteurte die Meerflut.
Denn sobald, von Euander gelangt zum etruskischen Lager,
Er dem Könige naht, und Geschlecht und Namen verkündigt,

150   Was er begehr' und selber ihm bring', auch, welche Befehdung
Ihm Mezentius droh', und die trotzige Seele des Turnus
Anzeig', und, wie betrüglich der menschlichen Dinge Vertraun sei,
Wohl ihn warnt und Bitte gesellt: ungesäumt nun vereinigt
Tarcho die Macht und weihet den Bund. Jetzt frei des Geschickes,
155   Steigt auf Götterbefehl das lydische Volk in die Schiffe,
Dem auswärtigen Führer vertraut. Die äneische Barke
Wallet zuerst, am Schnabel mit phrygischen Löwen gezieret,
Ida raget empor, stets wert den geflüchteten Troern.
Dort nun sitzt Äneas der Held und im Herzen erwägend
160   Denkt er des Kriegs vielfältigen Gang; auch der blühende Pallas,
Links an die Seite geschmiegt, forscht bald die leitenden Sterne
Dunkeler Nacht, bald was er durch Land' und Meere geduldet.

Öffnet den Helicon jetzt, o Göttinnen, regt den Gesang auf:
Welcherlei Macht indessen vom Tuskergebiet dem Äneas

165   Folg' in den Streit, und waffne die Kiel' und Wogen durchfahre.

Massicus schneidet zuerst mit ehernem Tiger die Meerflut:
Tausend Jünglinge gehn ihm geschart, die Clusiums Festung
Und die Cosa verließen; zur Wehr auf der Jünglinge Schultern
Sind leichtschwebende Köcher und Pfeil' und tödliche Bogen.

170   Abas der finstere dann, dem ganz in stattlicher Rüstung
Pranget der Zug, dem leuchtet das Schiff vom goldnen Apollo.
Sechs der Hunderte gab Populonia jenem, die Mutter,
Jünglinge kundig des Kriegs; drei Hunderte gab ihm das Eiland.
Ilva, gelobt an Metall unerschöpflicher Chalyberschachten.
175   Diesem zunächst der Menschen und Ewigen Mittler Asilas,
Dem die geopferte Fiber gehorcht, und die Sterne des Himmels,
Auch der Vögel Getön, und des Strahls ankündende Leuchtung:
Tausend mit starrenden Spießen gedrängete rafft er in Heerschar.
Pisa heißt sie gehorchen, die Stadt alpheischen Ursprungs,
180   Aber etruskisch an Grund. Dann folgt der stattliche Astur,
Astur, vertrauend dem Roß und der vielfach strahlenden Rüstung.
Diesem verleihn dreihundert, sie all' einmütig zu folgen,
Teils wer Cäre bewohnt, und teils wer des Minio Felder,
Pyrgos altende Stadt, und die unheilsame Gravisca.

185  

Dir auch, des Ligurervolks hochherziger Führer im Streite,
Schweig' ich nicht, Sohn Cycnus, mit wenigen kommend, Cupavo:
Dem ein Schwanengefieder empor von dem Scheitel sich hebet,
Vorwurf brennender Lieb', und des Vaterwuchses Bezeichnung.
Denn man erzählt, daß Cycnus, um Phaethon trauernd den Liebling,

190   Unter umgrünendem Pappelgesproß und dem Schatten der Schwestern,
Während er sang, durch Lieder den Gram zu trösten der Sehnsucht,
Silbergrau sein Alter mit weichem Flaume beschleunigt,
Und, von der Erd' auffliegend, mit Klang die Gestirne verfolget.
Dessen Sohn, in dem Zug gleichaltrige Scharen begleitend,
195   Rudert daher den Centaur, den ungeheuren, der ragend
Über die Flut, mit großem Gestein auf die Wogen herabdroht,
Hochgestreckt und mit lang nachgleitendem Kiele das Meer furcht.

Dort auch Beschleuniget Ocnus von heimischen Fluren den Heerzug,
Sohn des tuskischen Stroms und der schicksalredenden Manto,

200   Der dir Mauern, o Mantua, gab, und den Namen der Mutter:
Mantua, prangend an Ahnen; doch nicht war aller Geschlecht eins;
Dreifach waren die Stämm', und vier der Gemeinden in jedem;
Sie den Gemeinden das Haupt; aus tuskischem Blute die Kräfte.
Dort auch bewehrt fünfhundert Mezentius, eifrige Gegner:
205   Die, vom Vater Benacus umhüllt mit bläulichem Schilfrohr,
Mincius Bild hintrug auf feindlicher Fichte zur Meerbahn.

Schwer nun geht Aulestes, der hundertfältig mit Rudern
Schlägt anstrebend die Flut, daß gedreht aufschäumet der Abgrund.
Ihn fährt gräßlichen Wuchses ein Triton, der mit der Muschel

210   Schreckt den bläulichen Sund: vorn starrt dem schwimmenden borstig
Bis zu den Seiten der Mensch, in den Wallfisch ringelt der Bauch aus,
Schaumvoll unter dem Busen des Halbtiers rauscht das Gewässer.

So viel edele Fürsten in dreißig gerüsteten Schiffen
Wandelten, Trojas Schutz, mit dem Erz aufwühlend die Salzflur.

215  

Jetzt war der Tag vom Himmel entflohn, und im nächtlichen Wagen
Trabte die segnende Phöbe die mittlere Bahn des Olympus.
Selbst Äneas nunmehr (denn es gönnt nicht Ruhe die Sorg' ihm)
Sitzt und lenkt das Steuer des Schiffs und bedienet die Segel.
Doch in der Mitte des Raums begegnet ihm, siehe, versammelt,

220   Seiner Genossinnen Chor. Sie, welchen die Huld der Cybele,
Nymphen aus Schiffen zu sein, und Gewalt zu haben des Meeres,
Eben verliehn, sie schwammen zugleich und schnitten die Meerflut,
So viel eherne Schiffe zuvor am Gestade gelandet.
Und sie erkennen den König von fern und umschweben mit Tanz ihn.
225   Eine davon, zum Reden die fertigste, Cymodocea,
Hält nachfolgend die Recht' an das Schiff und selbst mit dem Rücken
Ragt sie empor, links rudert sie sanft in dem leisen Gewässer.
Dann den betroffenen redet sie an: Wachst, Göttergeschlecht, du?
Auf, Äneas, sei wach und gieb die Taue den Segeln!
230   Wir sind, schaue, die Fichten von Idas heiligem Gipfel,
Jetzo Nymphen des Meers, einst Flotte dir. Als nach dem Bundbruch
Uns hinstürzende Turnus mit Stahl und Flamme verfolgte,
Sprengten wir alle dein Seil ungern, und dich in der Meerflut
Suchen wir. Diese Gestalt erschuf mitleidig die Mutter,
235   Hieß uns Göttinnen sein und gebot in der Woge zu leben.
Aber Ascanius hält sich von Wall und Graben umheget,
Mitten im Waffengetös' und der starrenden Schlacht der Latiner.
Schon ist der Arkaderreiter zum Ziel mit dem tapfren Etrusker
Angelangt. Doch entgegen ein Roßgeschwader zu stellen,
240   Daß sie nicht sich dem Lager vereinigen, ordnete Turnus.
Auf denn, und stracks, wenn Aurora daherstrahlt, heiß die Genossen
Rufen zum Kampf und wirf den unbezwingbaren Schild um,
Den dir Vulkanus geschenkt, und umher mit Golde besetzet.
Morgen, wofern nicht eitel du meine Verkündigung achtest,
245   Schauet der Tag unmäßig die Rutulermorde gehäufet.

Sprach's und fort mit der Rechten, die scheidende, schwang am Verdeck sie,
Nicht in verkennetem Maße das Schiff. Es entflog durch die Wasser
Schnell mit der Eile des Speers und des windeinholenden Pfeiles.
Auch die anderen flügeln den Lauf. Unkundigen Herzens

250   Staunt der anchisische Held, doch hebt ihm den Mut die Erscheinung.
Kurz dann fleht er, empor zu den Wölbungen schauend des Äthers:

Hohe, der Ewigen Mutter vom Dindymos, welche des Ida
Pflegt und türmender Stadt' und gezügeltes Löwengespann lenkt!
Du, mich nun anführend zum Kampf, du richte die Vorschau

255   Wohl im Gedeihn, und die Phryger gesegn', o Göttin, mit Beistand!

Also flehet' er laut; da naht' im rollenden Umlauf
Schon mit reiferem Lichte der Tag und verscheuchte das Dunkel.

Jener heißt die Genossen sofort zu den Fahnen sich sammeln,
Und dem Gewehr zuwenden den Sinn und zum Kampfe bereit sein.

260   Jetzo hat er die Teucrer im Blick und der Seinigen Lager,
Stehend auf hohem Verdeck und den Schild nunmehr in der Linken
Hebt er wie brennende Glut. Ein Geschrei zu den Sternen erheben
Dardanus Söhn' auf dem Wall, und die Hoffnung reget den Zorn auf.
Häufiger schnellt man Geschoß; wie strymonische Kraniche Zeichen
265   Unter dem schwarzen Gewölke verleihn und in reineren Äther
Ziehn mit Klang, und frohen Geschreis ausweichen dem Südwind.
Aber dem Rutulerkönig erschien's und Ausonias Fürsten
Wunderbar, bis heran zum Ufer gewendete Schiffe
Dort sie ersehn, und wie ganz anwalle mit Masten die Meerflut.
270   Hell entbrannt ist die Kuppel dem Haupt, hell funkelt der Helmbusch
Oben von Glut, voll strömt aus dem goldenen Schild die Entflammung:
Anders nicht, wie in heiterer Nacht graunvolle Kometen
Glühn mit blutigem Rot, wie des Sirius lodernder Unstern,
Er, der Seuchen und Durst herbringt mühseligen Menschen,
275   Graß aufgeht und den Himmel mit traurigem Glanze bekümmert.

Doch nicht weicht das Vertraun dem unaufhaltsamen Turnus,
Einzunehmen den Strand und abzuwehren die Landung;
[Trotzig ermahnet er alle zu Mut und strafet sie trotzig:]

Was ihr gefleht mit Gelübden, das beut sich der malmenden Faust dar!

280   Euch in der Hand ist, Männer, der Streit! Nun denk' an die Gattin
Jeder zurück und an Wohnung und Herd! Frischt eigene Thaten,
Thaten der Väter euch auf! Nur gleich sie empfangen am Ufer,
Weil noch in ängstlicher Hast den Gelandeten wanket der Fußtritt!
Wagenden hilft ja das Glück.

285  

Turnus sprach's, und im Herzen erwäget er, welche zum Angriff
Führen er könn', und welchen vertraun die belagerten Mauern.

Aber Äneas setzt aus ragenden Schiffen die Freunde
Teils auf Brücken ans Land, teils nehmen sie wahr, wenn ermattet
Rückwärts läuft das Gewog', und springen beherzt in die Watten,

290   Teils auf Ruder gestützt. Die Gestad' erkundete Tarcho,
Wo nicht gähret die Furt, noch gebrochene Brandung zurückrauscht,
Sondern das Meer ungehemmt mit schwellender Woge heranwallt.
Vorwärts dreht er die Schiffe sofort und ermahnt die Genossen:

Nun, o erlesene Schar, mit Gewalt schwingt alle die Ruder!

295   Hebet sie! stürmet den Lauf! in das feindliche Land mit den Schnäbeln
Eingebohrt! mag selber der Kiel die Furche sich malmen!
Nicht zu zerschellen das Schiff an solcherlei Strande verweigr' ich,
Wenn ich nur erst festhalte den Grund! – Mit solcherlei Worten
Mahnete Tarcho sie an, und die Freund', aufschwingend die Ruder,
300   Stürmten die schäumenden Kiel' in den Strand des Latinergefildes;
Bis die Schnäbel das Trockne gefaßt, und die Schiffe sich lagern,
Unbeschädigt alle; nur nicht das deinige, Tarcho,
Denn, in die Watten geschnellt, da es hängt an der ragenden Sandbank,
Schwankend, und lang' in der Schwebe sich hält, und die Wogen ermüdet,
305   Löset es sich, in die Mitte der Flut aussetzend die Männer!
Welchen gebrochene Ruder umher und treibende Bänke
Sperren den Weg, und den Fuß abschlüpfende Wallung zurückzieht.

Nicht säumt Turnus in trägem Verzug; rasch gegen die Teucrer
Rafft er den sämtlichen Trupp, und stellt am Gestade den Angriff.

310   Schmetternd ermahnt die Trompete. Zuerst in die ländliche Heerschar
Stürmt Äneas und streckt (Vorahnung des Kampfs!) die Latiner,
Als er den Theron gestürzt, der machtvoll unter den Männern
Selbst dem Äneas sich naht; mit dem Schwert durch das erzne Geflecht ihm,
Und durch den Rock, der starrte von Gold, höhlt' jener die Seit' aus.
315   Lichas erschlägt er darauf; der gestorbenen Mutter entschnitten
War er dir, Phöbus, geweiht; doch Gefahr zu vermeiden des Stahles
Ward nur dem Kinde vergönnt. Unfern den kräftigen Cisseus,
Und den gewaltigen Gyas, die Volk hinstreckten mit Kolben,
Warf er in Blut: nichts frommte des Herkules schmetternde Rüstung,
320   Nicht unermeßliche Stärke des Arms, und der Vater Melampus,
Er, des Alciden Genoß, so lang' er der Erde Bedrängnis
Duldete. Schaue, dem Pharus, da nichtige Wort' er umherwarf,
Schwang er entgegen den Speer, und dem schreienden stand er im Munde.
Cydon, auch du, heilloser, gelockt von dem neuesten Liebling,
325   Clytius, welchem die Wang' in beginnendem Flaume sich bräunte,
Du, von dardanischer Rechte gestreckt, sorglos des Getändels,
Das mit Jünglingen stets du geübt, armseliger, lägst du,
Wenn nicht gedrängt abwehrte die Schar der Brüder, des Phorcus
Ganzes Geschlecht. Schau, sieben an Zahl, mit sieben Geschossen
330   Zielen sie her: doch teils von dem Helm und dem Schilde vereitelt,
Prallen sie; andere beugt, da den Leib sie streifen, die hohe
Venus hinweg. Äneas begann zum treuen Achates:

Bringe Geschosse herbei! kein einziges soll mir umsonst nun
Fliegen in Rutulervolk, die einst in dem Leibe der Grajer

335   Standen auf ilischer Flur! – Und die mächtige Lanze sich nehmend,
Schnellet er. Stürmenden Flugs durchschlägt sie die Erze des Schildes
Mäons, und dumpf Brustharnisch zugleich und Busen durchkracht sie.
Helfend springt Alcanor heran und den stürzenden Bruder
Fängt mit der Rechten er auf: da durchbohrt die gesendete Lanz' ihm
340   Plötzlich den Arm, fliegt weiter und setzt bluttriefend den Lauf fort;
Aber die Hand mit den Nerven enthängt absterbend der Schulter.
Numitor drauf, da die Lanz' er gerafft aus dem Leibe des Bruders,
Schwang auf Äneas daher; doch nicht ihn wieder zu treffen
Wurde vergönnt, und Achates, dem herrlichen, streift' er die Hüfte.

345  

Clausus nunmehr von Cures, dem blühenden Leibe vertrauend,
Kommt, und mit starrender Lanze verwundet er ferne den Dryops
Unter dem Kinn, nachdrängend den Stoß: und dem redenden raubt er
Stimm' und Odem zugleich in durchbohreter Gurgel, doch jener
Schlägt mit der Stirne das Land, und speit dickklumpiges Blut aus.

350   Drei der Thracier auch von des Boreas äußerstem Volke,
Und drei Söhne des Idas, die Ismaros sandt' aus der Heimat,
Streckt er im wechselnden Laufe der Schlacht. An rennet Haläsus,
Und auruncische Macht. Auch eilt der neptunische Sprößling,
Stolz Messapus mit Rossen heran. Wegdrängen will jeder,
355   Dorther nun, nun dort. An der Schwelle Ausonias selber
Streiten sie. Wie mißhellig die Wind' im geräumigen Äther
Tobende Kämpf' anheben, an Mut und Kräften vergleichbar,
Nicht einander sie selbst, das Gewölk nicht weichet, das Meer nicht;
Lang' ist im Zweifel die Schlacht, so gestemmt steht alles entgegen:
360   So stehn auch die Trojaner in Reihn, und in Reihn die Latiner
Angestemmt: Fuß haftet am Fuß, und am Manne gedrängt Mann.

Doch am anderen Teil, wo rollende Steine ein Gießbach
Hatte verstreut, und umher Weinbäum' aus zerrütteten Ufern,
Als die Arkader hier, ungewohnt zu streiten im Fußkampf,

365   Pallas sah in der Flucht vor Latiums folgender Heerschar,
Jetzt, da der Rosse Gebrauch die Natur des rauhen Gefildes
Ihnen verbot, that jener, was übrig allein in der Not war,
Bald mit Flehn, bald reizt' er mit bitteren Worten zum Mute.

Wohin flieht ihr, o Freunde? Bei eueren Thaten beschwör' ich,

370   Und bei dem Held Euander, dem Kriegvollender, bei meinen
Hoffnungen, der ich dem Ruhme hinfort nacheifre des Vaters!
Nicht auf die Füße vertraut! Mit Eisen gebahnt durch die Feinde
Werde der Weg, wo das Männergewühl am dichtesten andrängt!
Dort heißt euch von Pallas geführt rückkehren die Heimat!
375   Nicht ist entgegen ein Gott; vom sterblichen Feinde gedrängt sind
Sterbliche! Ebensoviel sind uns auch Seelen und Hände!
Seht, mit gewaltigem Riegel des Meers verschließt uns der Abgrund!
Schon fehlt Land zum Entfliehn! in das Meer nun, oder auf Troja!

Sprach's und mitten hinein in den Schwall Ankämpfender stürzt er.

380   Ihm begegnet zuerst, vom Geschick unfreundlich geführet,
Lagus: den, da er rüttet am ungeheueren Feldstein,
Spießt er mit mächtigem Schwunge des Speers, wo mitten das Rückgrat
Beiderlei Rippen begrenzt; dann ausziehn will er den Wurfspieß,
Der im Gebein fest hängt. Nicht über ihm haschet ihn Hisbo,
385   Eiferig wie er verlangt; denn Pallas, weil er heranstürzt
Unvorsichtig in Wut ob des grausamen Todes des Freundes,
Kommt ihm zuvor und verbirgt in geschwollener Lunge das Schwert ihm.
Sthenelus wählt er sodann, und Anchemolus, ihn von des Rhötus
Altem Geschlecht, der gewagt zu entweihn stiefmütterlich Lager.
390   Auch ihr Zwillinge beide sankt hin in Rutulerfeldern,
O Larides und Thymber, des Daueus ähnliche Zeugung,
Nicht zu kennen daheim, und liebliche Täuschung der Eltern.
Doch nun gab euch Pallas ein grausam zeichnendes Merkmal:
Denn dir nahm, o Thymber, das Haupt der euandrische Säbel;
395   Dich den Eigener sucht die enthauene Rechte, Larides,
Und noch zucken die Finger im Krampf und greifen den Stahl noch.

So von Ermahnung entflammt und dem Anblick herrlicher Thaten,
Stürzen mit Schmerz und Beschämung die Arkader unter die Feinde.
Pallas traf den vorüber im Zweispann fliehenden Rhöteus

400   Grad' in den Leib. Aufschub war dies und Verspätung dem Ilus.
Denn fern hatt' er auf Ilus die mächtige Lanze gerichtet;
Rhöteus fing sie im Lauf, da er dir, hochherziger Teuthras,
Bang' und Tyres dem Bruder entfloh; und vom Wagen gewälzet
Schlug er mit zappelnder Fers' halbtot die Rutulerfelder.
405   Und gleichwie, wenn nach Wunsche die Wind' im Sommer sich heben,
Hier und dort in die Triften Entflammungen sendet der Waldhirt;
Plötzlich durchweht die Mitten der Brand, und es breitet sich eine
Grauliche Schlacht des Vulkanus umher in die weiten Gefild' aus;
Hoch sitzt jener, und schaut siegsfroh auf der Flammen Triumphzug:
410   So gehn jetzo die Freund' in Tapferkeit alle vereinigt,
Pallas, dich zu erfreun. Doch der hitzige Streiter Haläsus
Strebt auf die kommenden an und sammelt sich unter der Rüstung.
Ladon und Pheres sogleich und Demodocus schlägt er darnieder,
Und dem Strymonius raubt er mit funkelnder Klinge die Rechte,
415   Welche die Kehl' ihm bedroht; mit dem Steinwurf trifft er des Thoas
Haupt und zersplittert die Knochen zu blutigem Hirne gemenget.
Meidend das Schicksal verbarg sein Vater im Wald den Haläsus.
Doch wie der Greis im Tode die bleichenden Augen gelöset,
Streckten die Parzen die Hand und weiheten ihn des Euanders
420   Scharfem Geschoß. Eh' Pallas es sendete, betet' er also:

Gieb nun, Thybris, o Vater, dem Wurfstahl, welchen ich schwinge,
Glückliches Ziel und den Weg durch die Brust des argen Haläsus!
Dieses Gewehr und die Beute des Manns soll die Eiche dir tragen!

Huldreich hörte der Gott. Da jener beschirmt den Imaon,

425   Beut der Arme die Brust wehrlos der arkadischen Waffe.

Nicht ob solchem Verlust ließ ganz voll Schrecken die Heerschar
Lausus, ein großes Gewicht in der Schlacht: ihn, welcher dahertrat,
Abas erschlug er sogleich, den Verzug und Knoten des Kampfes.
Hin, ach, sank Arkadias Sproß, hin sanken Etrusker.

430   Und ihr, grajischem Stahl unverderbliche Männer von Troja!
Schar nun rennet auf Schar, sich gleich an Kräften und Führern;
Vorn wird geengt von hinten die Schlacht; nicht läßt noch beweglich
Waffen und Hände der Drang. Dorther strebt Pallas mit Nachdruck,
Dort strebt Lausus heran: nicht viel abweichenden Alters,
435   Auserwählt an Gestalt; doch versagt hatt' ihnen das Schicksal,
Heimwärts wieder zu gehn. Sie selbst nun ließ mit einander
Nicht zum Kampf anrennen der Gott des hohen Olympus;
Bald wird beiden ihr Los vom größeren Feinde beschieden.
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