Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Gibbon >

Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 50

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 50 - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 50
publisherprojekt.gutenberg.de
year2014
firstpub2014
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20140419
Schließen

Navigation:

Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 6. Band – Kapitel 50

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

L

ARABIEN UND SEINE EINWOHNER · MOHAMEDS GEBURT, CHARAKTER UND LEHRE · ER PREDIGT IN MEKKA · FLUCHT NACH MEDINA · VERBREITET SEINE RELIGION MIT DEM SCHWERT · FREIWILLIGE ODER ERZWUNGENE UNTERWERFUNG DER ARABER · SEIN TOD, SEINE NACHFOLGER · ALI UND SEINE ABKÖMMLINGE

Nachdem ich nun sechshundert Jahre den flüchtigen Schatten der Kaiser Konstantinopels und Deutschlands nachgespürt habe, wende ich mich nunmehr – wir sind wieder unter der Regierung des Heraklios – an die Ostgrenze der griechischen Monarchie. Während der Staat, erschöpft von den Perserkriegen, darnieder lag und die Kirche von der Nestorianischen und Monophysitischen Fehde zerrissen wurde, errichtete Mohammed, mit dem Schwert in der einen und dem Koran in der anderen Hand, über den Ruinen des Christentums und Roms seinen Thron. Das Genie dieses arabischen Propheten, die Sitten seines Volkes und der Geist seiner Religion bergen zugleich die Ursachen für den Untergang des orientalischen Reiches in sich; und so blicken wir mit Spannung auf eine der gewaltigsten Umwälzungen, durch welche die Völker der Erde einen neuen und dauernden Charakter erhalten haben. Bevor ich in diesem und den folgenden Kapiteln mit vieler arabischer Gelehrsamkeit aufwarten werde, möchte ich zunächst meine vollständige Unkenntnis der orientalischen Sprachen bekennen und zugleich den gelehrten Übersetzern meinen Dank abstatten, die ihre Wissenschaft in lateinischer, französischer und englischer Sprache ausgebreitet haben und deren Sammelwerke, Übersetzungen und Abhandlungen gehörigen Ortes anzuführen ich nicht unterlassen werde.

 

BESCHREIBUNG ARABIENS

In dem weiten Gebiet zwischen Persien, Syrien, Ägypten und Äthiopien kann man sich die arabische Halbinsel Man könnte unter den Geographen von Arabien drei Gruppen unterscheiden: 1. Die Griechen und Lateiner, deren zunehmenden Kenntnisse man nachlesen kann bei Agatharcides, (de Mari Rubro, in: Hudson, Geograph. Minor. tom. I); Diodorus Siculus, (tom. I, 2, p. 159-167 und 3, p. 211-216, edit. Wesseling); Strabo, (26, p. 1112-1114; aus Eratosthenes, p. 1122-1132; aus Artemidorus); Dionysius, (Periegesis, 927-969); Pliny, (Hist. Natur5,12; 6,32) und Ptolemäus, (Descript. et Tabulae Urbium, in Hudson, tom. III). - 2. Die arabischen Autoren, die das Thema mit patriotischem Trachten und Andächtelei behandeln; Pococks Auszüge der Geographie des Sherif al Edrissi (Specimen Hist. Arabum, p. 125-128) lassen uns noch unzufriedener mit der Fassung oder Verkürzung (p. 24-27, 44-56, 108, &c., 119, &c.) der Maroniten zurück, die sie unter dem sinnfreien Titel Geographia Nubiensis, (Paris, 1619 herausgegeben haben; doch die französischen und lateinischen Übersetzer Greaves (bei Hudson, tom. III) und Galland, (Voyage de la Palestine par La Roque, p. 265-346) haben uns die Arabia des Abulfeda erschlossen, welches Werk die umfänglichsten und zutreffendsten Nachrichten von dieser Halbinsel enthalten und die nur noch bereichert werden können durch die Bibliotheque Orientale of D'Herbelot, p. 120, et alibi passim. - 3. Europäische Reiseschriftsteller, von denen Shaw (p. 438-455) und Niebuhr (Description, 1773; Voyages, tom.I, 1776) besonders hervorgehoben werden müssen; Busching (Geographie par Berenger, tom. VIII, p. 416-510) hat mit Urteilsvermögen gesammelt und D'Anville's Karten (Orbis Veteribus Notus, und 1re Partie de l'Asie) sollte der Leser immer vor sich liegen haben zusammen mit seiner Geographie Ancienne, tom. II, p. 208-231. als eine Art von unregelmäßigem Dreieck mit einem ausgedehnten Umriss vorstellen. Vom nördlich gelegenen Beles Abulfed. Descript. Arabiae, p. 1. D'Anville, l'Euphrate et le Tigre, p. 19, 20. Hier, am Paradies oder beim Garten des Satrapen haben Xenophon und die Griechen zum ersten Male den Euphrat überquert, Anab. 1,10. am Euphrat bis an die Meerenge Bab-al-Mandab und die Weihrauchküste Yemens würde eine Linie von eintausendfünfhundert Meilen verlaufen. Ungefähr die Hälfte dieser Strecke kann als die mittlere Breite, von Ost nach West, von Basora nach Suez, vom persischen Meerbusen bis an das Rote Meer Mit viel überflüssiger Gelehrsamkeit hat Reland gezeigt, dass 1. Unser Rotes Meer (der Golf von Arabien) nichts weiter ist als ein Teil des mare rubrum der Antike, welches bis zu der unbestimmbaren Weite des Indischen Ozeans ausgedehnt wurde und dass 2. Die Synonyme ›erythros‹ und ›aithiops‹ auf die Hautfarbe der Schwarzen oder Neger hinweist. (Dissert Miscell. tom. I, p. 59-117.) angesehen werden. Die beiden Seiten dieses Dreiecks entfernen sich allmählich voneinander, so dass die südliche Dreiecksgrundlinie dem Indischen Ozean eine Küstenlinie von etwa eintausend Meilen bietet. Die Gesamtfläche der arabischen Halbinsel ist etwa viermal so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen. Doch ist ganz zu Recht ihrem weitaus größten Teil der Name des felsigen und des sandigen Arabiens beigelegt worden.

 

BODEN UND KLIMA

Selbst die tatarische Wildnis wurde von der Natur mit hochwachsenden Bäumen und wuchernden Kräutern bedacht; und der einsame Wandersmann fühlt sich durch die Anwesenheit der Vegetation behaglich und gleichsam in guter Gesellschaft. Aber in der furchtbaren Ödnis von Arabien wird die Unendlichkeit der Sandwüste nur durch spitze und nackte Felsen unterbrochen; und die Oberfläche der Wüste, ohne Schutz und Schatten, wird durch die direkte Einstrahlung der intensiven Tropensonne durchgeglüht. Anstelle einer kühlenden Brise verbreiten die Winde, zumal aus Südwest, einen schädlichen, sogar tödlichen Brodem; die von ihnen abwechseln aufgetürmten und wieder zerstreuten Sandhügel werden mit den Sturzwellen des Meeres verglichen, und tatsächlich sind ganze Karawanen und ganze Armeen von derartigen Wirbelstürmen zugrunde gerichtet und begraben worden. Die normalen Segnungen des Wassers sind hier ein Objekt des Verlangens und des Streites; und Holz ist derart selten, das wirklich einige Kunst vonnöten ist, Feuer überhaupt zu gewinnen und dann zu erhalten. Schiffbare Flüsse fehlen Arabien ebenfalls, mit denen sie den Boden bewässern und die Erzeugnisse den Nachbarländern zuführen könnten; die Gießbäche, die von den Hügeln stürzen, werden von der durstigen Erde aufgenommen; die seltenen und zähen Pflanzen, Tamariske und Akazie, wurzeln in Felsenritzen und leben vom nächtlichen Tau. Der spärliche Niederschlag wird in Zisternen und Aquädukten gesammelt; Brunnen und Quellen sind der geheime Schatz der Wüste, und der Mekkapilger In den dreißig Stationen, oder tagen, zwischen Kairo und Mekka fehlt es in fünfzehn an gutem Wasser. Siehe die Wege der Hadschis in Shaw, Travels, p. 477. ist nach manchem langen und durstigen Tagesmarsch angewidert von dem Geschmack des Wassers, welches vorher über ein Schwefel- oder Salzvorkommen geflossen ist. Soviel zum arabischen Klima im Allgemeinen.

Die Bekanntschaft mit dem Übel erhöht den Wert jedes lokalen oder partiellen Genusses. Ein schattiger Hain, eine grüne Weide, fließendes Frischwasser reichen hin, um eine Kolonie sesshafter Araber zu dem gesegneten Ort zu ziehen, der ihnen selbst und ihrem Vieh Nahrung und Erfrischung bietet und der es ihnen ermöglicht, Palmbäume und Wein anzubauen. Die Hochländer, die an den Indischen Ozean grenzen, zeichnen sich durch reichliche Vorräte an Wasser und Holz aus; die Luft ist milder, die Früchte wohlschmeckender, Tiere und Menschen sind zahlreicher; die Bodenfruchtbarkeit ermutigt und belohnt den Fleiß des Landwirtes; und zwei besondere Geschenke der Natur, Weihrauch Die Aromastoffe oder Spezereien Arabiens belegen das ganze 13. Buch des Plinius mit Beschlag. Unser großér Dichter (Milton, Paradise lost, 4) erwähnt in einem Gleichnis die Wohlgerüche, die der Nordostwind von der sabäischen Küste heranweht: -Many a league, Pleased with the grateful scent, old Ocean smiles. (manche Meile, erfreut durch süße Düfte, schmunzelt der alte Ozean (Plin. Hist. Natur. XII, 42). und Kaffee haben zu allen Zeiten Kaufleute aus aller Welt angezogen. Vergleicht man diesen Teil mit der übrigen Halbinsel, dann mag dieser üppige Landstrich gewisslich den Beinamen ›die glückliche‹ erhalten, und die prächtigsten Gemälde der Fantasie und Dichtung sind durch eben diesen Gegensatz eingegeben und in der Entfernung für wahr gehalten worden. Für dieses Paradies auf Erden hatte die Natur ihre erlesensten Gaben und ihre kunstreichsten Schöpfungen aufgespart: den Einwohnern wurden die absolut unvereinbaren Segnungen des Überflusses und der Unschuld zuteil: der Boden war mit Gold Agatharcides bekräftigt, das Goldklumpen von Oliven- bis Nussgröße gefunden wurden; und dass Eisen den 10- und Silber den 100fachen Goldwert besaß (de Mari Rubro, p. 60). Diese Schätze gibt es nun nicht mehr, und im heutigen Arabien gibt es keine einzige Goldmine (Niebuhr, p. 124) und Edelsteinen angereichert; und Land und Meer konnten aromatischen Wohlgerüche verbreiten. Diese den Griechen und Lateinern geläufige Einteilung in das sandige, steinige und glückliche Arabien kennen die Einwohner selbst nicht, und es ist ebenfalls recht sonderbar, dass ein Land, dessen Sprache und Einwohner seit alters dieselben geblieben waren, von ihrer alten Geographie keinerlei Spuren sollten aufbewahrt haben. Die Inseln Barain und Oman liegen Persien gegenüber. Das Königreich Yemen bezeichnet die Grenzen oder zumindest die Lage des glücklichen Arabiens; der innere Landesteil ist unter dem Namen Neged bekannt; und die Provinz von Hejaz an der Küste des Roten Meeres ist durch die Geburt von Mohammed ausgezeichnet Man Lese, studiere und ziehe bei Bedarf zu Rate Specimen Historiae Arabum of Pocock, (Oxon. 1650). Die dreißig Textseiten nebst Übersetzung sind aus der Dynastie des Gregor Abulpharagius ausgezogen, die Pocock danach in Übertragung geliefert hat (Oxford 1663). Die 358 Anmerkungen stellen ein klassisches wie eigenständiges Werk über arabische Altertümer dar..

 

SITTEN DER BEDUINEN

Die Größe einer Bevölkerung hängt von den Möglichkeiten zu ihrer Ernährung ab, und die Einwohnerzahl dieser gewaltigen Halbinsel wird leicht von denen einer fruchtbaren und gewerbefleißigen europäischen Provinz übertroffen. Entlang der Küste des Roten Meeres, des Ozeans und selbst noch des Persischen Golfes leben die Ichtyophagen Arrian erwähnt die Ichtyophagen an der Küste von Hejez (Periplus Maris Erythraei, p. 12) und jenseits von Aden (p.15). Wahrscheinlich haben die Wilden die Küsten des Roten Meeres (im weitesten Sinne des Wortes) zu den Zeiten des Kyros in Besitz genommen. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass es noch irgendwelche Kannibalen zu Iustinians Zeiten gegeben hat. (Procop. de Bell. Persic. 1,19). oder Fischesser, welche fortwährend auf der Suche nach ihrer kargen Nahrung unterwegs sind. In diesem urtümlichen und elenden Zustand, der kaum den Namen einer Gesellschaft verdient, ohne Kunst, ohne Gesetze, fast schon ohne Gefühl und Sprache, besteht nur ein kleiner Unterschied zu der übrigen lebendigen Tierwelt. Geschlechter und Jahrhunderte zogen dahin in stiller Abgeschiedenheit, und hilflos sah sich der Wilde außerstande gesetzt, wegen seiner Bedürfnisse und seines gleichzeitigen Mangels an diesem schmalen Stück Küstenstreifen sein Geschlecht zu vervielfältigen. Doch hatte sich schon im frühen Altertum die große Masse der Araber aus diesem erbarmungswürdigen Ambiente herausgearbeitet; und da die bloße Wildnis kein Jägervolk ernähren konnte, sind sie sogleich zu dem friedlicheren und einträglicheren Hirtenleben übergegangen. Auch heute noch führen die in der arabischen Wüste herumschwärmenden Stämme ein solches Leben; und in der Darstellung eines solchen modernen Beduinen gewahren wir die Züge seiner Vorfahren Siehe Pocock, Specimen Historiae Arabum p. 2, 5, 86, &c. Die Reise von Herrn d'Arvieux 1664, zum Lager des Emirs von Mount Carmel, (Voyage de la Palestine, Amsterdam, 1718), entwirft von den Beduinen ein ebenso angenehmes wie originelles Gesamtbild, zu welchem noch Niebuhr (Description de l'Arabie, p. 327-344) und Volney (tom. I, p. 343-385), die letzten und urteilsfähigsten unserer Syrienreisenden, weitere Einzelheiten beisteuern., welche in den Zeiten des Moses oder Mohammed unter ähnlichen Zelten wohnten, und ihre Pferde, Kamele und Schafe zu den gleichen Tränken und den gleichen Weiden führten.

 

DAS PFERD

Die Mühsal des Menschen wird verringert und sein Wohlstand vermehrt, wenn er über nützliche Tiere verfügen kann: die arabischen Hirten hatten den unumschränkten Besitz eines treuen Freundes und eines arbeitsamen Dieners erworben Man lese – es ist wahrlich kein lästiges Geschäft! – die tadellosen Abschnitte über das Pferd und das Kamel in Herrn Buffons Naturgeschichte.. Arabien ist nach der Meinung der Naturkundler die eigentliche Heimat des Pferdes; das Klima dortselbst ist zwar nicht für die Größe, wohl aber für das Feuer und die Schnelligkeit dieses edlen Tieres am günstigsten. Der Wert des Berbers, der spanischen und der englischen Rasse liegt in der Beimengung von arabischem Blut Über die Araberpferde sehe man D'Arvieux (p. 159-173) und Niebuhr, (p. 142-144). Am Ende des XIII Jh. wurden die Pferde von Neged als die trittsichersten, die des Yemen als kräftig und arbeitsam und die von Hejaz als die edelsten ästimiert. Den Pferde Europas, der 10. und letzten Klasse, sagte man i.A. zuviel Körper und zuwenig Geist nach; immerhin konnten sie einen Reiter in seiner Rüstung tragen. (d'Herbelot, Bibl. Or. p.339).: die Beduinen wachen mit fast abergläubischer Sorgfalt über den Ruhm und das Andenken des reinen Schlages. Die Hengste verkaufen sie nur um einen sehr hohen Preis, die Stuten aber nur sehr selten, und die Geburt eines edlen Füllens galt den Stämmen als ein Anlass zu Freude und Glückwünschen. Diese Pferde werden in den Zelten, zusammen mit den Kindern der Araber mit zärtelnder Vertraulichkeit und Nähe aufgezogen, wodurch sie schon früh sanftmütig und anhänglich werden. Man gewöhnt sie nur an Schritt und Galopp; ihr Gefühl wird nicht durch den dauernden Gebrauch von Sporen und Peitsche abgestumpft; ihre Kräfte werden aufgespart bis zum entscheidenden Augenblick der Flucht oder der Verfolgung: aber sobald sie die Hand oder den Steigbügel spüren, fliegen sie schnell wie der Wind davon. Und wenn ihr Freund in diesem raschen Vorwärtsstürmen stürzen sollte, so bleiben sie augenblicklich stehen, bis er wieder im Sattel ist.

 

DAS KAMEL

In den Sandwüsten Arabiens und Afrikas ist das Kamel eine geheiligte und wertvolle Gabe. Dieses starke und geduldige Lasttier kann ohne Futter und Wasser mehrere Tagesetappen zurücklegen. Ein Wasservorrat wird in einem großen Beutel bereitgehalten, gleichsam dem fünften Magen dieses Tieres, dessen Körper durch die Kennzeichen der Knechtschaft sichtlich geprägt ist: die größeren Tiere können Lasten bis zu eintausend Pfund forttragen, während das Dromedar, leichter und beweglicher gebaut, die schnellsten Renner überholt. Zu Lebzeiten oder nach dem Tod ist fast jeder Körperteil des Kamels dem Menschen von Nutzen: die Milch fließt reichlich und ist nahrhaft; das junge und zarte Fleisch schmeckt wie das des Kalbes Qui carnibus camelorum vesci solent odii tenaces sunt (wer gewohnheitsmäßig Kamelfleisch isst, hält zäh am Hass fest) war die Meinung eines Arabischen Arztes (Pocock, Specimen, p. 88). Mohammed, der gerne Milch trank, bevorzugt die Kuh und erwähnt das Kamel nicht einmal; doch war die Ernährung in Mekka und Medina bereits etwas üppiger. (Gagnier, Vie de Mahomet, tom. iii. p. 404).; aus dem Urin gewinnt man ein schätzenswertes Salz, der trockene Kamelmist ersetzt den fehlenden Brennstoff; und die langen Haare, die einmal im Jahre ausfallen und dann wieder nachwachsen, verarbeiten die Beduinen zu Kleidung, Decken, und Zelten. In der Regenzeit weiden sie das harte und unzureichende Gras der Wüste, während der Sommerhitze und der Knappheit des Winters wandern sie mit ihrer Ausrüstung an die Küste, die Hügel von Yemen, in die Nähe des Euphrat und haben sich auch schon bisweilen den Zugang an die Ufer des Nils oder die Weiden Syriens und Palästinas ertrotzt. Das Leben der nomadisierenden Araber ist unruhig und gefährlich; und wenn er sich gelegentlich auch durch Raub oder Tausch die Früchte des Fleißes zu verschaffen vermag: ein normaler Bürger Europas ist dennoch im Besitze von handfesterem und annehmlicheren Luxus als der stolzeste Emir, der an der Spitze von zehntausend Reitern zu Felde zieht.

 

ARABISCHE STÄDTE

Indessen, es lässt sich wenigstens ein grundlegender Unterschied zwischen den skythischen Horden und den arabischen Stämmen ausmachen, denn viele von den Letzteren kamen in Städten zusammen und betrieben Handel und Ackerbau. Einen Teil ihrer Zeit und ihres Fleißes widmeten sie auch der Viehzucht. In Frieden und Krieg hatten sie mit ihren Brüdern in der Wüste Umgang, und so verdankten die Beduinen diesem Verkehr einige Abhilfe zu ihren Lebensnotwenigkeiten, einige Anfangsgründe der Künste und anderer Kenntnisse. Von den zweiundvierzig Städten, welche Abulfeda Doch Marcian von Heraclea (in Periplo, p. 16, in tom. I, Hudson, Minor. Geograph) schätzt 164 Städte in Arabia Felix. Die Städte mögen klein sein – der Glauben der Verfasser ist groß. aufgeführt hat, lagen die ältesten und volkreichsten im glücklichen Yemen: die Türme von Saana Abulfeda (in Hudson, tom II, p. 54) vergleicht sie mit Damaskus, und sie ist gegenwärtig die Residenz des Imam von Yemen (s. Voyages de Niebuhr, tom I, p. 331-342). Saama liegt 24 Parasangen von Dasar entfernt (Abulfeda, p. 51) und 68 von Aden (p. 53). und das wundervolle Wasserreservoir von Merab Pocock, Specimen, p. 57. Geograph. Nubiensis, p. 52. Meriaba oder Merab, das sechs Meilen Umfang hatte, wurde von den Legionen des Augustus zerstört. (Plinius, Host. Nat. 6,32) und hatte sich bis zum XIV Jahrhundert nicht wieder erholt (Abulfed. Descript. Arab. p. 58). wurden von den Königen der Homeriten erbaut; doch wurde ihr weltlicher Glanz durch den Prophetenruhm von Medina Der Name der Stadt, Medina, wurde Yatreb, dem Iatrippa der Griechen als dem Sitz des Propheten vorzugsweise beigelegt. Die Entfernungen von Medina werden von Abulfeda in Stationen oder den Tagesstrecken einer Kamelkarawane berechnet (p.15): Bahrein 15; Bassora 18; Cufah 20; Damaskus oder Palestina 20; Cairo 25; Mecca 10; von Mekka nach Saana (p. 52) oder Aden 30; Cairo 31 Tage oder 412 Stunden (Shaw, Travels, p. 477), was nach den Schätzungen von D'Anville, (Mesures Itineraires, p. 99) 25 englische Meilen für eine Tagesreise ergibt. Vom Weihrauchland (Hadramant in Yemen zwischen Aden und Kap Fartasch) nach Gaza in Syrien rechnet Plinius (Nat. His. 12, 32) 65 Kamel-Übernachtungen. Diese Angaben können die Phantasie beflügeln und zugleich die Tatsachen erhellen. und Mekka Unsere Vorstellungen von Mekka müssen wir von den Arabern entlehnen (siehe D'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 368-371. Pocock, Specimen, p. 125-128. Abulfeda, p. 11-40). Da kein Ungläubiger die Stadt betreten darf, müssen unsere europäischen Reisenden hier schweigen; und die flüchtigen Hinweise des Thevenot (Voyages du Levant, part I, p. 490) stammen aus dem verdächtigen Munde eines afrikanischen Renegaten; einige Perser zählen 6000 Häuser, (Chardin. tom. IV, p. 167). verdunkelt, beide nahe dem Roten Meer und zweihundertundsiebzig Meilen von einander entfernt.

 

MEKKA

Den letzten dieser Orte kannten die Griechen unter dem Namen Macoraba; schon die Wortendung weist auf eine große Stadt hin, welche zu ihren besten Zeiten weder an Größe noch an Einwohnerzahl Marseille übertraf. Einige geheime Motive, möglicherweise Motive des Aberglaubens, mögen die Stadtgründer in der Wahl der Örtlichkeit geleitet haben, die allerdings nicht eben viel versprechend aussieht. Sie errichteten ihre Häuser aus Lehm oder Steinen in einer Ebene von zwei Meilen Länge und einer Meile Breite, am Fuße von drei unfruchtbaren Bergen. Der Boden ist blanker Felsen; selbst das Wasser der heiligen Quelle von Zemzem ist bitter oder salzig; die Viehweiden liegen weit vor der Stadt, und Weintrauben müssen aus den Gärten von Tayef aus siebzig Meilen Entfernung herangeschafft werden.

Die in Mekka herrschenden Koreishiten waren unter den arabischen Stämmen durch Ruhm und Geist ausgezeichnet; aber der undankbare Boden war nicht für den Ackerbau bestimmt, dafür war die Lage der Stadt dem Handel günstig. Sie unterhielten über die Seestadt Gedda, die nur vierzig Meilen von Mekka entfernt lag, einen problemlosen Warenverkehr mit Abessinien; und dieses christliche Königreich war auch der erste Zufluchtsort für die Anhänger Mohammeds. Afrikas Schätze wurden über die Halbinsel nach Gerrah oder Katif geschafft, welche Stadt der Provinz Bahrain der Sage nach von chaldäischen Flüchtlingen aus Steinsalz erbaut worden ist Strabo16, p. 1110. Eines dieser Salzhäuser ist zu sehen bei Bassora, D'Herbelot, Bibliot. Orient. p. 6.; von dort wurden sie nebst den schönen Perlen des Persischen Golfes auf Flößen bis vor die Euphratmündung verfrachtet. Mekka liegt beinahe eine Monatsreise gleich weit entfernt zwischen Yemen zur Rechten und Syrien zur Linken. Erstgenanntes Land war die Winter-, das zweite die Sommerstation für ihre Karawanen; und deren rechtzeitige und willkommene Ankunft ersparte den Schiffen aus Indien die eintönige und schwierige Fahrt durch das Rote Meer. Auf den Märkten von Saana und Merab, in den Häfen von Oman und Aden wurden die Kamele der Koreishiten mit wertvollen Gewürzladungen bepackt; die Messen von Bostra und Damaskus versahen sie mit den erforderlichen Getreidevorräten und Handwerkserzeugnissen; der einträgliche Warentausch machte die Straßen von Mekka wohlhabend; und ihre edelsten Söhne vereinten ihre Liebe zu den Waffen mit dem Gewerbe des Kaufmanns Mirum dictu ex innumeris populis pars aequa in commerciis aut in latrociniis degit, (Wundersam zu sagen, dass in ungezählten Völkern ebenso viele vom Handel wie vom Straßenraub leben. Plin. Hist. Nat. 6,32). Siehe Koran, Sure 106, Pocock, Specimen, p. 2. D'Herbelot, Bibliot. Orient. p. 361. Prideaux's Life of Mahomet, p. 5. Gagnier, Vie de Mahomet, tom. I, p. 72, 120, 126ff)..

 

UNABHÄNGIGKEIT DER ARABER

Die fortwährende Unabhängigkeit der Araber war lange Zeit der Gegenstand des Lobes unter Fremden und Einheimischen; und die hohe Kunst der Debatte machen nun aus diesem einzig dastehenden Ereignis eine Weissagung und Wunder zugunsten der Nachkommenschaft von Ismael Ein weiter nicht genannter Doktor (Universal Hist. vol. XX.) hat die Wahrheit des Christentums formal unter Hinweis auf die Unabhängigkeit der Araber nachgewiesen. Ein Kritiker könnte, unabhängig von der Richtigkeit der Fakten, den Sinn des Textes (Genesis 16,12) in Zweifel ziehen, den Umfang seiner Anwendung und die Begründung durch die Abstammung.. Einige Ausnahmen jedoch, die man weder ignorieren noch beschönigen kann, machen diese Art der Argumentation ebenso unüberlegt wie überflüssig: das Königreich Yemen wurde nacheinander von Abessinien, den Persern, den Sultanen von Ägypten Es wurde 1173 von einem Bruder des großen Saladin unterworfen, welcher Dynastie der Kurden oder Ayoubiten begründete. (Guignes, Hist. des Huns, tom. I, p. 425. D'Herbelot, p. 477.) und den Türken Von einem Unterbefehlshaber von Suleiman I (A.D. 1538) und Selim II (1568). Hierzu Cantemir, Hist. of the Othman Empire, p. 201, 221. Der Pascha von Saana befehligte 71 beys; aber irgendwelche Gelder wurden niemals an der Hohen Pforte abgeliefert (Marsigli, Stato Militare dell' Imperio Ottomanno, p. 124), und im Jahre 1630 wurden die Türken wieder vertrieben (Niebuhr, p. 167f). unterworfen. Die heiligen Städte Mekka und Medina wurden wiederholt von einem skythischen Tyrannen unterworfen; und die römische Provinz Arabien In der römischen Provinz Arabia oder das 3. Palästina waren die wichtigsten Städte Bostra und Petra, die ihre Zeitrechnung auf das Jahr 105 zurückführen, in welchem sie von Palma, einem Unterfeldherren Trajans besiegt wurden. (Cassius Dio 68). Petra war die Hauptstadt Nabathaeans; der Name leitet sich von Ismaels ältestem Sohn ab (Gen. 25, 12 ff nebst den Kommentaren des Hieronymos, Le Clerc und Calmet). Justinian hinterließ einen Palmenbezirk von zehn Tagesreisen Umfang südlich von Aelah (Procop. de Bell. Persic. 1,19), während die Römer eine Legion und ein Zollhaus unterhielten (Arrian in Periplo Maris Erythraei, p. 11, in: Hudson, tom. I) an dem Ort Pagus Albus, Hawara in der Gegend von Medina. (D'Anville, Memoire sur l'Egypte, p. 243). Diese tatsächlichen Besitzungen und einige See-Unternehmungen wurden von den römischen Historikern und auf Münzen vergrößert bis zu einer Eroberung Arabiens. begriff auch die eigentümliche Wildnis in sich, in welche Ismael und seine Söhne ihre Zelte unter den Augen ihrer Brüder aufgeschlagen hatten. Doch sind dies nur lokal und zeitlich begrenzte Ausnahmen; Arabien als Ganzes hat sich von der Unterwerfung noch der mächtigsten Monarchien frei gehalten; die Waffen von Sesostris und Kyros, von Pompeius und Trajan konnten niemals die Eroberung von Arabien siegreich abschließen; der gegenwärtige Herrscher der Türkei Niebuhr (Description de l'Arabie, p. 302, 303, 329-331) liefert die neuesten und besten Nachrichten der Türkenherrschaft in Arabien. mag allenfalls eine Andeutung von Herrschaft ausüben, aber er ist genötigt, sich die Freundschaft eines Volkes zu erhalten, das zu ärgern gefährlich und das anzugreifen sinnlos ist.

Die offenkundigen Ursachen ihrer Freiheit sind dem Charakter und dem Land der Araber eingeschrieben. Lange Jahre vor Mohammed Diodorus Siculus (tom. II, 19, p. 390-393, edit. Wesseling) hat die Freiheit der nabathäischen Araber zweifelsfrei nachgewiesen, die den Waffen des Antigonus und seines Sohnes Widerstand leisteten. hatten ihre Nachbarn in Angriffs- und Verteidigungskriegen ihre unbeugsame Tapferkeit zu spüren bekommen. Die Leidensfähigkeit und die aktiven Tugenden eines Kriegers werden durch die Tätigkeiten und Vorgaben des Hirtenlebens allmählich vorbereitet und ausgebaut. Die Wartung der Schafe und Kamele wird den Frauen des Stammes anvertraut, doch die kriegstüchtige berittene Jugend wird allenthalben im Feld unter der Führung des Emirs in der Handhabung des Bogens, des Speeres und des Säbels geübt. Das Wissen um ihre so lange behauptete Freiheit ist die zuverlässigste Gewähr für ihr weiteres Bestehen, und ihre nachfolgenden Geschlechter werden durch dieses Wissen ermuntert, sich ihrer Herkunft würdig zu erweisen und ihr Erbe zu behaupten. Ihre internen Auseinandersetzungen werden beim Herannahen eines gemeinsamen Feindes auf der Stelle abgebrochen; und bei ihren letzten Feindseligkeiten mit den Türken wurde die Karawane von Mekka von achtzigtausend Arabern angegriffen und geplündert. Wenn sie zur Schlacht ausrücken, dann führt die Hoffnung auf den Sieg sie an; Rückendeckung gibt ihnen die Gewissheit auf eine geglückte Flucht. Ihre Pferde und Kamele, die in acht bis zehn Tagen vier- bis fünfhundert Meilen zurücklegen können, bleiben dem siegreich vorrückenden Eroberer unsichtbar; die geheimen Wasserstellen der Wüste spotten seiner suchenden Mühe, und seine siegreichen Truppen werden allmählich von Durst, Hunger und Erschöpfung aufgerieben, während sie einen unsichtbaren Feind verfolgen, der ihre Mühen verhöhnt und inmitten der glühenden Wüsteneinsamkeit sicher ausruht.

Die Waffen und die Wüsten der Beduinen sind nicht nur Garanten ihrer Freiheit, sondern zugleich auch noch das Bollwerk für das glückliche Arabien, dessen Einwohner, fern von Kriegen, durch die Üppigkeit des Bodens und die Annehmlichkeiten des Klimas enerviert sind. Augustus' Legionen schmolzen dahin, erkrankt und untätig Strabo 16, 1127-1129. Plin. Hist. Natur. 6,32. Aelius Gallus landete unfern von Medina und drang tausend Meilen in den Teil des Yemen vor, welcher zwischen Mareb und dem Ozean liegt. Die non ante devictis Sabeae regibus, (Die vorher unbesiegten Könige von Saabe, Od. 1,29) und die intacti Arabum thesanri (unberührte Schätze der Araber Od. 3,24) des Horaz bestätigen die jungfräuliche Unberührtheit Arabiens., und die Unterwerfung war nur durch seine Flotte glücklich vollendet worden. Als Mohammed seine heilige Fahne aufpflanzte Siehe die unvollendete Geschichte von Yemen in Pocock, Specimen p. 55-66, von Hira, p. 66-74, von Gassan p. 75-78, soweit sie in jenen Zeiten der Unwissenheit bekannt sein konnte., war dieses Königreich eine Provinz des Perserreiches; doch immer noch herrschten sieben Fürsten aus dem Geschlecht der Homeriten in den Bergen; und der Statthalter des Chosroes stand kurz davor, sein fernes Vaterland und seinen glücklosen Herren zu vergessen. Die Historiker aus Justinians Zeiten schildern uns die Verhältnisse zwischen den unabhängigen Arabern, welche sich während der langen Kämpfe im Osten je nach Interessenlage oder Zuneigung unterschiedlich verteilten: der Stamm Gassan durfte auf syrischem Boden seine Lager aufschlagen; den Fürsten von Hira gestattete man, vierzig Meilen südlich von Babylons Ruinen eine Stadt zu gründen. Der Dienst, den diese Araber dafür im Felde leisteten, war schnell wie nachdrücklich. Doch war ihre Freundschaft käuflich, ihre Treue unzuverlässig, ihre Feindschaft von Launen abhängig, und leichter war es, diese Wanderbarbaren aufzureizen als sie zu entwaffnen; und durch den kriegsbedingten uneingeschränkten Austausch lernten sie Roms und Persiens glanzvolle Schwäche kennen und zu verachten. Die von Mekka bis zum Euphrat verbreiteten arabischen Stämme Die »Sarazenenstämme, Myriaden groß, meist ohne Gesetz und ohne Herrscher« werden beschrieben von Menander, (Excerpt. Legation p. 149,) Prokopius, (de Bell. Persic. 1,17 und 19; 2,10) und in besonders schönen Farben von Ammianus Marcellinus 14,4, welcher sie zuerst unter der Regierung des Mark Aurel erwähnt. wurden von Griechen und Römern mit dem Sammelnamen Sarazenen Dieser Name, den Ptolemäus und Plinius in einem eng gefassten und Ammianus und Prokopios im weiteren Sinne benutzten, ist – in der Tat sehr albern – von Sarah, Abrahams Weib, hergeleitet worden und – etwas obskur – von dem Dorf Saraka, (Stephan. De urbibus), dann – etwas einleuchtender – von arabischen Worten, welche einen diebischen Charakter oder eine Lage nach Osten kennzeichnen (Hottinger, Hist. Oriental. 1,1. p. 7, 8. Pocock, Specimen, p. 33, 35. Asseman. Bibliot. Orient. tom. IV, p. 567). Doch ist die letzte und populärste dieser Etymologien von Ptolemäus widerlegt worden, (Arabia, p. 2, 18, in Hudson, tom. IV), der ausdrücklich die westliche und südliche Lage der Sarazenen vermerkt, die damals noch ein unbedeutender Stamm an der Grenze zu Ägypten waren. Die Benennung kann daher nicht auf einen Volkscharakter hinweisen, und da Ausländer ihn geprägt haben, wird man ihn nicht in einer arabischen, sondern in einer ausländischen Sprache finden. bezeichnet, einem Namen, den jedes Christen Mund mit Furcht und Schrecken auszusprechen lernen sollte.

 

FREIHEIT IM INNEREN – CHARAKTER DER ARABER

Die nationale Unabhängigkeit ist für die Opfer einer inländischen Tyrannei ohne Nutzen. Der Araber hingegen ist individuell frei; und in gewissem Umfang profitiert er von den Vorzügen der Gesellschaft, ohne dabei die Rechte der Natur zu verwirken. In jedem Stamm haben Aberglaube, Dankbarkeit oder Zufall eine einzelne Familie über die anderen emporgehoben. Die Würde eines Scheichs oder Emirs bleiben dann unverändert in dieser Familie. Aber die Nachfolgeregelung ist ungeregelt und beliebig; und so wird dem Würdigsten oder Ältesten unter den edlen Verwandten das einfache, aber wichtige Amt anvertraut, durch ihren Rat Streitigkeiten beizulegen und durch ihr Vorbild die Tapferkeit zu leiten. Selbst einer Frau mit Verstand und Herz war es einmal möglich gewesen, die Landsleute der Zenobia anzuführen Saraceni... mulieres aiunt in eos regnare, (Die Sarazenen sind einverstanden, dass auch... Frauen über sie regieren...Expositio totius Mundi, p. 3, in Hudson, tom. III). Die Regierung der Mavia ist in der Kirchengeschichte bekannt, s. Pocock, Specimen, p. 69, 83.. Durch eine Ad-hoc-Vereinigung mehrerer Stämme wird ein Kriegsheer gebildet; durch einen dauerhafteren Zusammenschluss bildet sich eine Nation; und der oberste ihrer Anführer, der Emir der Emire, der Großemir, dessen Standarte allen vorangeht, mag dann in den Augen von Fremden den Königstitel beanspruchen.

Wenn arabische Fürsten ihre Macht missbrauchen, dann werden sie umgehend durch den Abfall ihrer Untertanen bestraft, die an eine milde und väterliche Leitung gewöhnt sind. Ihr Sinn ist frei, ihre Wege ungeschränkt, die Wüste steht offen, und der Zusammenhalt der Stämme und Familien geschieht auf freiwilliger Basis. Yemens milder gestimmten Einwohner ließen sich die Prachtentfaltung eines Monarchen gefallen; doch wenn dieser Monarch seinen Palast nur unter Lebensgefahr verlassen konnte »...nicht aus dem Palast herausgehen...« ist die Aussage von Agatharcides, (de Mari Rubro, p. 63, 64, in Hudson, tom. I), Diodorus Siculus, (tom. I, 1, 47, p. 215) und Strabo, (46, p. 1124). Ich hege allerdings den Verdacht, dass dies eine von jenen volkstümlichen Erzählungen oder seltenen Begebenheiten war, aus denen die Reisenden in ihrer Arglosigkeit eine Tatsache, einen Brauch oder sogar eine Gesetz gemacht hat., so muss die eigentliche Regierungstätigkeit in den Händen der Edlen und Magistrate gelegen haben. Die Städte Mekka und Medina praktizieren mitten in Asien die Form oder vielmehr das Wesen einer Republik. Der Großvater und die unmittelbaren Vorfahren Mohammeds treten in auswärtigen und inneren Angelegenheiten als wie die Fürsten ihres Stadt auf, aber sie herrschten in Wahrheit wie Perikles in Athen und die Medici in Athen aufgrund des Respektes, den man ihrer Weisheit und ihrer Gerechtigkeit entgegenbrachte; ihr Einfluss teilte sich mit ihrem Erbe auf; und das Szepter ging von den Onkeln des Propheten auf einen jüngeren Zweig des Hauses Koreisch über. Zu wichtigen Anlässen riefen sie eine Volksversammlung ein; und da die Menschennatur entweder durch Zwang oder durch Beredung zum Gehorsam gebracht werden muss, ist die praktizierte Kunst der öffentlichen Rede der deutlichste Beweis für die Bürgerfreiheit der Araber Non gloriabantur antiquitus Arabes, nisi gladio, hospite, et eloquentia (Die Araber rühmten sich seit alters nur ihrer Kampfktraft, Gastfreundlichkeit und Beredsamkeit. Sephadius apud Pocock, Specimen, p. 161, 162). Diese Redegabe teilten sie nur mit den Persern; und die klare und erhabene Logik eines Demosthenes hätte diese bilderfreudige Nation gewiss für Nichts geachtet..

Aber diese schlichte Freiheit war von ganz anderem Zuschnitt als die fein und künstlich strukturierte der griechischen und römischen Republiken, in denen jeder einzelne Bürger einen unbeschränkten Anteil an den bürgerlichen und politischen Rechten ihres Gemeinwesens besaß. In Arabien mit seinen einfacheren staatlichen Strukturen ist jeder frei, weil die Söhne des Volkes die Unterwerfung unter den Willen eines anderen verweigern. Die strengeren Tugenden des Mutes, der Ausdauer und der Nüchternheit stählen seine Brust; die Liebe zur Unabhängigkeit bestimmt ihn, sich selbst zurück zu nehmen; und die Furcht vor Schande schützt ihn vor den niederen Besorgnissen vor Schmerz, Gefahr und sogar Tod. Der Ernst und die Festigkeit seiner Seele zeigt sich selbst noch in ihren äußeren Auftreten: seine Redeweise ist gesetzt, gewichtig und präzise; selten nur lacht er; die einzige Geste, die er sich erlaubt, ist das Streichen seines Bartes, des Zeichens seiner Mannheit; und im Bewusstsein seiner Bedeutung ist er im Umgang mit seinesgleichen ohne Leichtfertigkeit und mit höher Gestellten ohne Scheu Ich muss die Leser daran erinnern, dass D'Arvieux, D'Herbelot und Niebuhr in den lebhaftesten Farben von den Sitten und der bürgerlichen Verfassung der Araber erzählen, welche durch vereinzelte Stellen aus dem Leben Mohammeds noch illustriert werden.. Die Freiheit der Sarazenen lebte länger als ihre Eroberungen; die ersten Kalifen duldeten die kühne und vertraute Sprache ihrer Untertanen; sie bestiegen die Kanzel, um die Versammlung zu überzeugen und zu erbauen; und erst, als der Regierungssitz an den Tigris verlegt wurde, führten die Abbassiden das Prunkzeremoniell der persischen und byzantinischen Höfe ein.

 

BÜRGERKRIEGE UND PRIVATFEHDEN

Wir können beim Studium der Völker und Menschen die Gründe entdecken, welche sie feindlich oder freundschaftlich gegeneinander stimmen, wodurch dann ihr sozialer Charakter verengt oder erweitert, milderer oder bitterer wird. Die Trennung der Araber von der übrigen Menschheit hat sie daran gewöhnt, die Begriffe ›Fremder‹ und ›Feind‹ miteinander zu verwechseln, und die Armut des Landes hat zu einer Rechtsauffassung geführt, die bis heute noch von ihnen geglaubt und gelebt wird. Für sie steht fest, dass bei der Teilung der Welt die reichen und fruchtbaren Regionen der Erde den anderen Zweigen des Menschengeschlechtes zugeteilt wurden, und dass die arabischen Nachfahren des ausgestoßenen Ismael sich den Erbteil, um den man ihn zu Unrecht gebracht hatte, zurückholen dürfen, ob nun durch Betrug oder Gewalt. Einer Bemerkung von Plinius zufolge waren die arabischen Stämme dem Diebstahl wie dem Handel in gleichem Maße zugetan; die Karawanen, die durch die Wüste zogen, mussten sich freikaufen oder wurden geplündert, und ihre Nachbarn sind schon seit den unvordenklichen Zeiten Hiobs oder Sesostris' Man denke an das 1. Kapitel Hiob und den 1500 Stadien langen Wall, den Sesostris von Pelusium bis Heliopolis bauen ließ (Diodor. Sicul. tom. I, 1,67). Unter dem Namen Hycsos, Schäferkönige, hatten sie sich damals Ägypten unterworfen (Marsham, Canon. Chron. p. 98-163). die Opfer ihrer raubsüchtigen Gesittung gewesen. Wenn ein Beduine von ferne einen einsamen Wanderer erspäht, reitet er mit großen Zorn gegen ihn an und schreit mit lauter Stimme: »Ziehe dich aus, deine Tante ( mein Weib) ist ohne Gewand.« Nur durch eine rasche Unterwerfung kann ihm Gnade geschehen; der kleinste Widerstand bringt seinen Gegner auf, und mit seinem Blut muss er das Blut versöhnen, welches jener in berechtigter Notwehr meint vergießen zu müssen. Ein einzelner Räuber oder ein paar Komplizen erhalten ihre zutreffende Bezeichnung; aber die Taten einer ganzen Bande werden zu rechtmäßigen und ehrenhaften Heldentaten.

Die Gemütsverfassung eines Volkes, das sich derart gegen das ganze Menschengeschlecht wappnet, wurde durch die in ihrem Lande gewährte Lizenz zu Raub, Mord und Rache gleichsam zweifach entflammt. In der gegenwärtigen Verfassung Europas ist das Recht des Krieges und des Friedens auf eine kleine und die tatsächliche Ausübung auf eine noch kleinere Anzahl mächtiger Potentaten beschränkt; aber jeder Araber darf straflos und sogar noch mit der Aussicht auf Ruhm seinen Speer gegen das Leben jedweden Landsmannes erheben. Die Einheit der Nation bestand lediglich in einer diffusen Ähnlichkeit der Sprache und einiger Sitten, und die Gerichtsbarkeit eines Oberhauptes Oder, nach anderer Zählung, 1200 (D'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 75): die beiden Historiker, die über die Ayam al Arab schrieben, die Schlachten der Araber, lebten im IX und X Jh. Anlass zu dem berühmten Krieg von Dahes und Gabrah gaben zwei Pferde; er dauerte vierzig Jahre und endete mit einem Sprichwort. (Pocock, Specimen, p. 48). war in jeder Gemeinde stumm und ohnmächtig. Aus der Zeit der Unwissenheit, die Mohammed vorausging, nennt die Überlieferung siebzehnhundert Schlachten: die Feindschaft wurde zusätzlich erbittert durch die Wut von inneren Parteiungen, und eine Prosa- oder Versdichtung zu diesem längst vergessenen Krieg reichte aus, zwischen den späten Nachfahren der Parteien den gleichen Ingrimm zu entflammen. Im Alltagsleben aber war jeder Mann, zumindest aber jede Familie Richter und Rächer in eigener Sache. Ein hochempfindliches Ehrgefühl, welches mehr die Beleidigung als das erlittene Unrecht wägt, gießt ein mörderisches Gift in die Streitigkeiten der Araber: leicht ist die Ehre ihrer Frauen und ihrer Bärte beleidigt, eine ungehörige Handlung, eine verächtliche Bemerkung kann nur noch durch das Blut des Beleidigers gesühnt werden, und derart hartnäckig und zugleich geduldig können sie sein, dass sie ganze Monate, sogar Jahre auf die Gelegenheit zur Rache warten können. Geldbuße oder Ersatz für Mord ist den Barbaren aller Zeiten bekannt: in Arabien indessen steht es den Verwandten des Ermordeten frei, die Sühne anzunehmen oder das Recht auf Wiedervergeltung mit eigenen Händen zu üben. Mit raffinierter Bosheit verweigert der Araber sogar den Kopf des Mörders, wählt anstelle der schuldigen eine unschuldige Person und legt die Strafe so dem Besten und Angesehensten des Stammes auf, durch den er geschädigt wurde.

Fällt diser nun von ihrer Hand, dann sind sie ihrerseits der Gefahr von Repressalien ausgesetzt, die Zinsen der Blutschuld laufen auf, in beiden Familien lebt man ein Leben des Hasses und des Misstrauens, und oft müssen fünfzig Jahre vergehen, bis die Rechnung endgültig geschlossen ist Die neuere Theorie und Praxis der Arabischen Blutrache beschreibt Niebuhr, description p. 26-31. Die brutaleren Grundsätze der alten Zeiten kann man in Koran finden ( Sure 2 und 17).. Diese blutrünstige Denkungsart, die von Mitleid und Vergebung nichts wissen will, wird jedoch durch bestimmte Begriffe von Ehre gemildert, welche bei jeder Privatfehde eine Gleichheit des Alters, der Stärke, der Teilnehmerzahl und der Bewaffnung fordern. Die Araber in den Zeiten vor Mohammed beobachteten ein jährliches Fest von zwei, vielleicht sogar vier Monaten, in denen sie bei auswärtigen wie inneren Feindseligkeiten das Schwert gewissenhaft stecken ließen; vor welchem Hintergrund eines gelegentlichen Waffenstillstandes die übrigen Monate der Anarchie und Rache nur umso deutlicher sichtbar werden Prokopius (de Bell. Persic. 1,16) verlegt diese zwei heiligen Monate auf die Sommersonnenwende. Vier Monate sind den Arabern heilig: der 1., 7., 11. und 12. Und es wurde, so ihre Behauptung, in vielen Jahrhunderten der Waffenstillstand nur 4-6 Mal gebrochen (Sale, Preliminary Discourse, p. 147-150 und Anmerkungen zur 9. Sure p. 154. Casiri, Bibliot. Hispano-Arabica, tom. II, p. 20, 21.)..

 

SOZIALE GESINNUNGEN DER ARABER – IHRE TUGENDEN

Doch wurde dieser Geist der Rache und des Raubes durch die mildernden Einflüsse des Handels und der Literatur in ein rechtes Maß gebracht. Die einsame Halbinsel ist von den kultiviertesten Nationen der alten Welt umgeben: der Kaufmann hat viel Umgang mit Menschen, und die jährlichen Karawanen brachten die ersten Samenkörner von Wissenschaft und gehobenen Sitten mit in die Städte und sogar noch in die Feldlager der arabischen Wüste. Wer immer die Vorfahren der Araber gewesen sein mögen, ihre Sprache besitzt die gleichen Wurzeln wie das Hebräische, Syrische und Chaldäische; durch ihre jeweiligen Mundarten bezeichneten die einzelnen Stämme ihre Unabhängigkeit Arrian (II. Jh.) vermerkt (im Periplo Maris Erythraei, p. 12) die teilweise oder völlige Verschiedenheit der arabischen Dialekte. Ihre Sprache und Schrift behandeln weitläufig: (Specimen, p. 150-154,) Casiri, (Bibliot. Hispano-Arabica, tom. I, p. 1, 83, 292, tom. II, p. 25) und Niebuhr, (Description de l'Arabie, p. 72-36). Ich möchte hier abbrechen, denn mir liegt es nicht, Worte wie ein Papagei nachzusprechen., doch gab jeder nächst seinem eigenen dem reinen und klaren Idiom von Mekka den Vorzug. In Arabien wie in Griechenland kam der Verfeinerung der Sprache weit mehr Gewicht zu als der Sitten: sie konnten in ihrer Sprache den Honig mit achtzig, eine Schlange mit zweihundert, den Löwen mit fünfhundert und das Schwert mit eintausend unterschiedlichen Benennungen versehen, und zwar zu einer Zeit, als dieses umfängliche Wörterbuch dem Gedächtnis eines schreibunkundigen Volkes anvertraut war. Die Sprachdenkmale der Homeriten waren mit uralten und geheimnisvollen Schriftzeichen abgefasst; doch war die Grundlage ihres gegenwärtigen Alphabetes, die kufischen Buchstaben, an den Ufern des Euphrat entwickelt worden; und diese neue Erfindung wurde zu Mekka von einem Fremden gelehrt, welcher sich nach Mohammeds Geburt in dieser Stadt niedergelassen hatte. Grammatik, Rhetorik und Verslehre waren der freigeborenen Beredsamkeit der Araber fremd; aber sie besaßen eine durchdringende Auffassungsgabe, eine üppige Phantasie, einen kernigen und einprägsamen Witz Eine Erzählung in Voltaires Zadig (le Chien et le Cheval) soll den naturgegebenen Scharfsinn der Araber belegen (D'Herbelot, Bibliot. Orient. p. 120, 121. Gagnier, Vie de Mahomet, tom. I, p. 37-46); doch D'Arvieux, oder vielmehr La Roque, (Voyage de Palestine, p. 92) verneint diesen gerühmten Vorzug der Beduinen. Die 169 Sinnsprüche des Ali (übersetzt von Ockley, London, 1718) legen eine günstige Probe des arabischen Witzes ab.; und ihre ausgefeilteren Stücke drangen wirkmächtig bis in die Herzen ihrer Zuhörer.

 

LIEBE ZUR DICHTKUNST

Das Verdienst und das Talent emporstrebender Dichter wurden durch den Beifall seiner eigenen und der verwandten Stämme gerühmt. Ein festliches Mahl wurde vorbereitet, und ein Frauenchor, der die Tympana schlug und hochzeitlich geschmückt war, sang vor den Männern und Söhnen das Glück ihres Stammes; dass ein Held erschienen sei, seine Rechte zu schützen; dass ein Herold seine Stimme erhoben habe, seinen Ruhm unsterblich zu machen. Entfernte oder feindliche Stämme fanden sich einer jährlichen Messe ein, die der Fanatismus der ersten Muslime abgeschafft hatte; zu einer Nationalversammlung, welche der Einigung und Veredlung der Barbaren hätte Vorschub leisten müssen. Dreißig Tage lang wurden nicht nur mit dem Verkauf von Getreide und Wein, sondern auch mit Wechselgesprächen und dem Austausch von Poesie hingebracht. Mit edelmütigen Ehrgeiz machten sich die Sänger den Preis streitig; das siegreiche Stück wurde in den Archiven der Fürsten und Emire abgelegt; und wir heutigen können in unserer englischen Sprache die sieben Gedichte lesen, welche mit Goldbuchstaben aufgezeichnet und im Tempel von Mekka aufgehängt wurden Pocock (Specimen, p. 158-161) und Casiri (Bibliot. Hispano-Arabica, tom. I, p. 48, 84, 119, tom. II, p. 17ff) behandeln die arabischen Dichter vor Mohammed; die 7 Gedichte der Kaaba hat Sir William Jones in englischer Übersetzung veröffentlicht; doch hat uns seine ehrenvolle Mission nach Indien seiner eigenen Anmerkungen beraubt, deren Lektüre für uns weitaus interessanter sein dürfte als der etwas dunkle Text.. Die arabischen Dichter waren die Historiker und Moralisten ihrer Zeit; und wenn sie auch die Vorurteile ihres Volkes kultivierten, seine Tugenden ermunterten und rühmten sie ebenfalls. Ihr Lieblingsthema war die unzertrennliche Einheit von Edelsinn und Tapferkeit; und wenn sie die Schärfe ätzenden Spottes über ein verächtliches Geschlecht kippen wollten, dann stellten sie im Tone des bittersten Tadels klar, dass deren Männer so wenig zu geben verstünden wie deren Weiber zu verweigern Sale, Preliminary Discourse, p. 29, 30..

 

BEISPIELE FÜR GROSSMUT

Dieselbe Gastfreundschaft, die Abraham geübt und Homer gerühmt haben, lebt noch in den Lagern der Araber fort. Der ingrimmige Beduine, der Schrecken der Wüste, empfängt ohne Nachfrage oder Prüfung den Fremdling, der im Vertrauen auf seine Ehre sein Zelt zu betreten wagt. Man behandelt ihn mit Güte und Achtung, er teilt mit dem Wirt dessen Armut oder Wohlstand; und er wird nach ruhigem Schlummer mit Dank, Segenswünschen und vielleicht sogar mit einem Geschenk auf seinen Weg entlassen. Für die Bedürfnisse eines Freundes oder Bruders öffnen sich Hand und Herz noch weiter; aber die heldenmütigen Taten, die sich allgemeinen Beifall verdienen sollten, musste über das übliche Maß von Klugheit oder anderen Werten hinausgehen.

Ein Streit war entstanden, welcher Bürger Mekkas den Preis für Großmut verdient habe; und man wandte sich nacheinander an drei Personen, welche man für die würdigsten hielt, auf eine solche Probe gestellt zu werden. Abdallah, der Sohn des Abbas, hatte eine weite Reise unternommen, und sein Fuß war schon im Steigbügel, als er die Stimme eines Flehenden hörte: »Oh Sohn des Onkels unseres Gottgesandten, ich bin ein Reisender, und ich bin in Not!« Unverzüglich stieg er vom Pferd, um dem Pilgersmann sein Kamel, das prächtige Zaumzeug und einen Beutel mit viertausend Goldstücken zu überlassen; einzig sein Schwert behielt er für sich, mochte es nur einen inneren Wert für ihn haben oder das Geschenk eine Freundes sein. Dem zweiten der Bittenden teilte der Diener des Kais mit, dass sein Herr des Schlummers pflege, fügte aber sogleich hinzu: »Hier ist ein Beutel mit siebentausend Goldstücken – 'sist alles, was wir im Hause haben – und hier ist eine Anweisung, der dir ein Anrecht auf ein Kamel und einen Sklaven erteilt.« Da der Herr erwacht war, lobte er den treuen Hausverwalter, schenkte ihm sogleich die Freiheit, fügte aber den leisen Tadel hinzu, dass die Rücksicht auf seinen Schlummer ihm die Möglichkeit zu fernerem Großmut beschnitten habe. Der Dritte dieser Helden des Edelmutes, der blinde Arabah, ging zur Stunde des Gebetes auf zwei Sklaven gestützt einher. »Oh Jammer,« so rief er aus, »leider sind meine Kisten leer! Aber diese beiden magst du verkaufen; willst du nicht, so will ich selbst sie sogleich entlassen!« Mit diesen Worten schob er die Jünglinge fort und tastete sich entlang der Mauer mit seinem Stock weiter.

Die Figur des Hatem ist das vollkommenste Muster arabischer Tugenden D'Herbelot, Bibliot. Orient. p. 458. Gagnier, Vie de Mahomet, tom. III, p. 118. Caab und Hesnus (Pocock, Specimen, p. 43, 46, 48) waren in gleicher Weise durch Großherzigkeit ausgezeichnet, und ein arabischer Dichter preist ihn mit folgender feinen Lob: Videbis eum cum accesseris exultantem, ac si dares illi quod ab illo petis.: er war tapfer wie freigebig, ein wortmächtiger Dichter und ein erfolgreicher Räuber. Bei seinen üppigen Gastmahlen wurden vierzig Kamele gebraten, und auf das Flehen eines Feindes gab er beides zurück, die Gefangenen und die Beute. Der Freiheitssinn seiner Landsleute verachtete die bürgerliche Justiz; aber sie übten sich aus freien Stücken in Mitleid und Wohlwollen.

 

DER GÖTZENDIENST DER FRÜHZEIT

Die Religion der Araber Alles, was wir gegenwärtig über die Götzenverehrung der alten Araber wissen können, möge man lesen in Pocock, (Specimen, p. 89-136, 163, 164). Eine grundlegende Kenntnis wird zusätzlich von Sale, (Preliminary Discourse, p. 14-24) kommentiert; auch Assemanni (Bibliot. Orient tom. IV, p. 580-590) hat schätzbare Bemerkungen hinzugefügt. bestand, wie die der Inder, in der Verehrung der Sonne, des Mondes und der Sterne; welcher Aberglauben zu den ursprünglichsten und verzeihlichsten gerechnet wird. Die glänzenden Lichter des Himmels leuchten als die sichtbaren Abbilder der Gottheit; ihre unzählbare Menge und ihre unermessliche Entfernung erweckt in dem denkenden wie noch in dem schlichtesten Gemüt die Vorstellung von einem unendlichen Raum; der Stempel der Ewigkeit ist diesen festen Gebilden aufgeprägt, bei ihrem Anblick verbietet sich der Gedanke an Zerstörung oder Untergang von selbst; ihre regelmäßigen Bewegungen möchte man einem rationalen Prinzip zuschreiben, und ihr eingebildeter oder tatsächlicher Einfluss evoziert die müßige Idee, die Erde und ihre Bewohner seien die Objekte ihrer besonderen Fürsorge. Zu Babylon wurde wissenschaftliche Sternkunde betrieben; in Arabien ging die Lehre von einem reinen Himmel und einer nackten Ebene. Nachts dienten ihnen die Sternbilder als Wegweiser; ihre Namen, ihre Anordnung, ihre tägliche Stellung waren der Neugier und der Andacht des Beduinen wohl bekannt; auch lehrte ihn die Erfahrung, die Bahn des Mondes in achtundzwanzig Abschnitte zu zerlegen und diejenige Konstellation zu segnen, die mit heilsamem Regen die schmachtende Wüste erfrischte.

Die Herrschaft dieser Himmelssphären konnte jedoch nicht über den sichtbaren Bereich ausgedehnt werden; es waren einige metaphysische Anstrengungen vonnöten, um die Seelenwanderung und Wiederauferstehung zu behaupten; ein Kamel ließ man am Grabe seines Herren verenden, auf dass es ihm in einem jenseitigen Leben von Nutzen sein möge. Und durch die Anrufung der Geister von Verstorbenen gibt man stillschweigen zu erkennen, dass man sie sich noch immer mit Bewusstsein und Macht versehen vorstellt. Die blinde Mythologie der Barbaren kenne ich nicht, und sie ist mir auch gleichgültig; ebenso ihre Lokalgottheiten, die Sterne, die Luft, die Erde, ihr Geschlecht, ihre Namen, ihre Eigenschaften und ihre Hierarchie. Jeder Stamm, jede Familie, jeder freie Krieger schuf sich seine Rituale und die Objekte seiner Anbetung und änderte sie auch wieder; doch die Nation insgesamt beugte sich zu allen Zeiten unter die Religion und unter die Sprache von Mekka.

 

DIE KAABA ODER DER TEMPEL VON MEKKA

Das wahre Alter der Kaaba reicht über das des Christentums zurück: der griechische Autor Diodor »...ein Heiligtum, von allen Arabern vor allen anderen geehrt...«(Diodor. Sicul. tom. I, 3, p. 211). Aussehen und Lagebeschreibung sind so präzise, dass ich mich wundere, wie man diese wichtige Stelle hat lesen können, ohne den Bezug zu bemerken oder davon Gebrauch zu machen. Doch hat Agatharcides, (de Mari Rubro, p. 58, in Hudson, tom. I) diesen berühmten Tempel übersehen, dem Diodor sonst folgt. Besaß der Sizilianer bessere Kenntnisse als der Ägypter? Oder war die Kaaba zwischen 650 und 746 a.u.c. gebaut worden, als diese beiden Männer ihre Geschichte schrieben? S. Dodwell, in Dissert. ad tom. i. Hudson, p. 72. Fabricius, Bibliot. Graec. tom. ii. p. 770. hat bei der Beschreibung des Roten Meeres einen zwischen Thamuditen und Sabäern gelegenen berühmten Tempel bemerkt, dessen besondere Heiligkeit ihn allen Arabern gleichermaßen ehrwürdig machte. Der Leinen- oder Seidenvorhang, welchen der türkische Herrscher einmal im Jahr erneuern lässt, wurde erstmalig von einem frommen Homeritenkönig gestiftet, der siebenhundert Jahre vor Mohammeds Zeiten regierte Pocock, Specimen, p. 60f. Wir steigen von Mohammeds Tod in das Jahr 68 und von seiner Geburt in das Jahr 129 vor der christlichen Zeitzählung hinauf. Der Vorhang, heute aus Seide und Gold, war vordem einfache ägyptische Leinwand. (Abulfeda, in Vit. Mohammed. c. 6, p. 14.). Für den Gottesdienst mit Halbwilden mochte eine Höhle oder ein Zelt hinreichend sein; doch später wurde an dieser Stelle ein Gebäude aus Stein errichtet, wobei die künstlerischen Möglichkeiten der Herrscher des Ostens immer noch an der Einfachheit dieser ursprünglichen Form festhielten Die Originalplan der Kaaba war eine türkische Zeichnung (genau nachgezeichnet in Sale, Universal History), welche Reland (de Religione Mohammedica, p.113-123) korrigiert und mit den besten Autoritäten erklärt hat. Beschreibung und Legendäres zur Kaba siehe bei Pocock, (Specimen, p. 115-122,) the Bibliotheque Orientale of D'Herbelot, (Caaba, Hagir, Zemzem, &c.,) and Sale (Preliminary Discourse, p. 114-122.). Ein geräumiger Portiko umschließt die viereckige Kaaba, eine Kapelle, 24 Ellen lang, 23 breit und 27 hoch; durch eine Tür und ein Fenster fällt das Licht ein; ein doppeltes Dach wird von drei Holzsäulen getragen; eine Ablaufrinne (heute von Gold) entfernt das Regenwasser, und der Brunnen Zemzem wird durch eine Kuppel vor zufälligen Verunreinigungen geschützt. Der Stamm der Koreisch hat sich durch Trug und Gewalt die Oberaufsicht über die Kaaba angeeignet: das Priesteramt hatte sich durch vier Generationen hindurch auf den Großvater Mohammeds vererbt; und die Familie der Haschemiten, der er entstammt, war in den Augen des Volkes das ehrwürdigste und heiligste Cosa, der 5. Ahnherr von Mohammed, muss die Kaaba im Jahre 440 in seiner Gewalt gehabt haben. Aber die Geschichte wird unterschiedlich erzählt von Jannabi, (Gagnier, Vie de Mahomet, tom. I, p. 65-69) und von Abulfeda, (in Vit. Moham. c. 6, p. 13.).

Mekka und das umliegende Land besaßen die Vorrechte geheiligten Bodens, und in jedem letzten Monat eines Jahres überfüllten sich die Stadt und der Tempel mit langen Pilgerzügen, die im Haus der Gottheit ihre Opfer darbrachten und Gelübde einlösten. Die gleichen Rituale, die der fromme Muslim heute beobachtet, hatte der Aberglauben der Götzendiener einstmals ersonnen und praktiziert. In ehrfurchtsvollem Abstand legte man seine Kleider ab; sieben Mal umrundete man mit schnllen Schritten die Kaaba und küsste den Schwarzen Stein: sieben Mal suchten sie die unfernen Berge auf, um anzubeten; sieben Mal warfen sie Steine in das Tal Mina; und beendet wurde die Pilgerfahrt genau wie heute durch ein Kamel- oder Schafsopfer und das Vergraben ihrer Haare und Nägel. Jeder Stamm fand in der Kaaba seinen eigenen Gottesdienst oder führte ihn dort ein. Dreihundertundsechzig Götzenbilder von Menschen, Adlern, Löwen oder Antilopen schmückten den Tempel aus oder entweihten ihn; besonders auffällig war die Statue von Hebal aus rotem Achat, welcher in der Rechten sieben Pfeile ohne Spitzen und Federn hielt, Werkzeuge mithin profaner Wahrsagekunst. Doch war diese Statue ein Monument späterer syrischer Kunstfertigkeit: die Andacht der frühen, roheren Zeitalter gab sich mit einer Säule oder einer Tafel zufrieden; und aus den Felsen der Wüste meißelte man Götter oder Altäre heraus in Anlehnung an den Schwarzen Stein von Mekka Im II Jh. legt Maximus von Tyros den Arabern die Verehrung eines Steines bei (»...die Araber verehren, was ich noch nie sah, ein Götzerbild; es war ein viereckiger Stein...« Diss. VIII, tom. I, p 142, ed. Reiske) und die Christen wiederholen mit Nachdruck den Tadel (Clemens Alex. in Protreptico, p. 40. Arnobius contra Gentes, VI, p. 246). Doch fanden sich auch bei Syrern und Griechen diese »Baituloi« (Meteor-Steine), welche in der Sakral- und Profangeschichte des Altertums so berühmt waren (Euseb. Praep. Evangel. I, p. 37. Marsham, Canon. Chron. p. 54-56)., der unverkennbare Spuren seiner abgöttischen Herkunft trägt.

 

OPFER UND ANDERE GEBRÄUCHE

Von Japan bis Peru waren Opfer allgemein üblich; und der Gläubige hat, um der Gottheit seine Dankbarkeit oder seine Furcht mitzuteilen, das vernichtet, was ihm das Liebste und Teuerste war. Ein Menschenleben Diese beiden entsetzlichen Themen, Menschenopfer und Kinderopfer, werden von dem gelehrten Sir John Marsham, (Canon. Chron. p. 76-78, 301-304) mit Gründlichkeit erörtert. Sanchoniatho leitet die phönizischen Menschenopfer vom Beispiel des Chronos her; indessen wissen wir nicht, ob Chronos vor oder nach Abraham oder ob er überhaupt gelebt hatte. war allerdings das wertvollste Opfer, um ein öffentliches Unglück abzuwenden: die Altäre Phöniziens und Ägyptens, Roms und Karthagos waren sämtlich mit Menschenblut besudelt; bei den Arabern hielt sich dieser fürchterliche Brauch besonders lange: der Stamm der Dumatianer opferte noch im III Jh. jährlich einen Knaben »...jedes Jahr ein Opfer...« lautet der Vorwurf des Porphyrios; allerdings beschuldigt er die Römer desselben barbarischen Brauches, der erst a.u.c. 657 endgültig abgeschafft wurde. Dumaetha, Daumat al Gendai, werden von Ptolemäus erwähnt (Tabul. p. 37, Arabia, p. 9-29) sowie von Abulfeda, (p. 57) und sind auch auf d'Anvilles Karte in der Wüste zwischen Chaibar und Tadmor zu finden.; und ein königliche Gefangener wurde von einem Sarazenenfürst – immerhin ein Verbündeter von Kaiser Justinian – mit frommer Hand geschlachtet Prokopios, (de Bell. Persico, 1,28), Evagrius, (6,21) und Pocock, (p. 72, 86) bestätigen die arabischen Menschenopfer des VI Jh. Abdallahs Gefahr und Rettung ist eher eine Überlieferung als eine Tatsache (Gagnier, Vie de Mahomet, tom. I, p. 82-84.. Ein Vater aber, der seinen Sohn zum Altar zerrt, bietet die grauenhafteste und erhabenste fanatischer Erhebung dar. Heilige und Helden haben mit ihrem Vorbild solches Tun geadelt; und selbst der Vater Mohammeds war durch ein unbesonnenes Gelübde geweiht worden und konnte nur mühsam durch ein Äquivalent von hundert Kamelen ausgelöst werden.

 

DIE BESCHNEIDUNG

In den Zeiten der Unwissenheit standen die Araber wie auch die Juden und Ägypter vom Verzehr des Schweinefleisches ab Suillis carnibus abstinent (Sie stehen von Schweinefleisch ab, Solinus, Polyhistor. c. 33), der dem Plinius in der merkwürdigen Meinung beitritt, dass Schweine in Arabien nicht leben können. Die Ägypter bebten aufgrund eines naturgegebenen und durch Aberglauben verstärkten Abscheus vor diesem unreinlichen Tier zurück (Marsham, Canon. p. 205). Auch wuschen sich die alten Araber rituell nach vollzogener Beiwohnung (Herodot, I, 80), welcher Brauch durch das Gesetz Mohammeds geheiligt wird (Reland, p. 75ff, Chardin, oder eher die Mollah von Schah Abbas, tom. IV, p. 71ff).; in der Pubertät wurden ihre Söhne beschnitten Die mohammedanischen Gelehrten lassen sich zu diesem Gegenstand nur ungern aus; indessen sehen sie die Beschneidung als eine zur Erlangung der Seligkeit notwendiges Erfordernis an und behaupten sogar, dass Mohammed selbst infolge eines Wunders ohne Vorhaut auf die Welt gekommen sei (Pocock, Specimen, p. 319, 320. Sale, Preliminary Discourse, p. 106, 107).: diese Bräuche wurden ohne ein Ver- oder Gebot im Koran stillschweigend von ihren Nachfahren und Proselyten übernommen. Man hat sich mit viel Scharfsinn zu der Konjektur verstiegen, dass der Gesetzgeber hier mit einem Kunstgriff die hartnäckigen Vorurteile seiner Landsleute bedienen wollte. Näher liegend ist indessen die Annahme, dass er selbst den Bräuchen und Auffassungen seiner eigenen Jugend anhing und dabei nur übersah, dass eine Praxis, die für das Klima von Mekka angemessen ist, an den Donau- und Wolgaufern nutzlos oder sogar beschwerlich werden kann.

 

EINWANDERUNG DER SABÄER

Arabien war frei; die benachbarten Königreiche wurden durch Eroberung oder Tyrannei drangsaliert, und verfolgte Sekten flohen in dieses gesegnete Land, in welchem sie bekennen durften, was sie dachten und ausüben durften, was sie bekannten. Die Religionen der Sabäer und Magier, der Juden und Christen waren ausgestreut über das ganze Gebiet vom Persergolf bis zum Roten Meer. Schon in einem früheren Zeitalter hatte sich der Sabianismus durch das Wissen der Chaldäer Diodorus Siculus (tom. I, 2, p. 142-145) hat nach Art der Griechen Weise neugierigen, aber oberflächlichen Blick auf ihre Religion geworfen. Die Nachrichten von ihrer Astronomie wären uns dann deutlich wertvoller; sie hatten durch das Teleskop der Vernunft geschaut, denn sie konnten immerhin die Frage aufwerfen, ob die Sonne ein Planet oder ein Fixstern sei. und die Waffen der Assyrer über ganz Asien ausgebreitet. Aus den Beobachtungen von zweitausend Jahren konnten die Priester und Astronomen von Babylon Simplicius, welcher Porphyrios zitiert (de Coelo, 2, com. XLVI, p. 123, lin. 18, apud Marsham, Canon. Chron. p. 474) und die Sache nur deshalb bestreitet, weil sie nicht in sein System passt. Das früheste Datum einer Chaldäischen Beobachtung stammt aus dem Jahre 2234 A.D. Nach der Eroberung von Babylon durch Alexander wurden sie auf Drängen von Aristoteles dem Astronomen Hipparch übergeben. Was für ein Denkmal in der Geschichte der Wissenschaft! die ewigen Gesetze der Natur und der Vorsehung ableiten. Sie verehrten die sieben Götter, die den Lauf der sieben Planeten und deren unwiderstehlichen Einfluss auf das Erdgeschehen lenkten. Die Eigenschaften der sieben Planeten, der zwölf Tierkreiszeichen und der vierundzwanzig Konstellationen des Nord- und Südhimmels wurden durch Bilder und Talismane dargestellt. Die sieben Tage einer Woche wurden ihren jeweiligen Schutzgottheiten zugeteilt; die Sabäer beteten dreimal täglich; und der Mondtempel zu Haran war das Ziel ihrer Pilgerreisen Pocock, (Specimen, p. 138-146), Hottinger, (Hist. Orient. p. 162-203), Hyde, (de Religione Vet. Persarum, p. 124, 128) D'Herbelot, (Sabi, p. 725, 726) und Sale, (Preliminary Discourse, p. 14, 15) erregen unsere Neugier, befriedigen sie aber nicht. Und der letztgenannte hält Sabianismus für die ursprüngliche Religion der Araber.. Doch verfügte ihr Glaube über eine gewisse Biegsamkeit und war allemal bereit, fremde Meinungen zu übernehmen wie auch ihre eigene zu verbreiten. So gibt es etwa in der Schöpfungsgeschichte, der Sintflut und bei den Patriarchen eine auffällige Übereinstimmung mit der Tradition ihrer jüdischen Gefangenen. Auch beriefen sie sich auf geheime Bücher von Adam, Seth und Enoch; und die letzten übrig gebliebenen Nachkommen jener Polytheisten aus der Gegend von Bassora wurden durch geringe Beimengungen aus den Evangelien zu den so genannten St Johannes Christen D'Anville (l'Euphrate et le Tigre, p. 130-137) bestimmt die Lage dieser zweifelhaften Christen; Assemannus (Bibliot. Oriental. tom. iv. p. 607-614) gibt nähere Auskunft zu ihren religiösen Meinungen; es ist jedoch ein frivoles Vorhaben, die Religion eines unwissenden Volkes genauer zu bestimmen, das seine Geheimlehren zurückhält, ob nun aus Beschämung oder aus Furcht..

 

DIE MAGIER – CHRISTEN UND JUDEN IN ARABIEN

Die Magi zerstörten die Altäre Babylons; doch die Sabäer wurden durch das Schwert Alexanders gerächt: Persien seufzte mehr als fünfhundert Jahre unter einem fremden Joch; und Zoroasters ergebenste Schüler entwichen der Pest des Götzendienstes und atmeten zusammen mit ihren Feinden in der Wüste die Luft der Freiheit Die Magier setzten sich in der Provinz von Bahrein fest (Gagnier, Vie de Mahomet, tom. III, p. 114) und vermischten sich mit den alten Arabern, (Pocock, Specimen, p. 146-150.). Siebenhundert Jahre vor Mohammeds Tod lebten bereits Juden in Arabien; und eine weitaus größere Zahl wurde infolge der Kriege gegen Trajan und Hadrian aus dem Heiligen Land vertrieben. Umtriebig merkten diese Flüchtlinge auf ihren Vorteil und Einfluss; sie erbauten in den Städten Synagogen und Schlösser in der Wildnis, wo sie vermischt mit ihren heidnischen Proselyten lebten, die mit ihnen ohnehin die Beschneidung gemein hatten. Mit noch mehr Eifer und noch größerem Erfolg gingen die Missionare der Christen vor: die Katholiken behaupteten ihren universalen Wahrheitsanspruch, die von ihnen bedrängten Sekten wichen bis über die Grenzen des römischen Reiches zurück; Markioniten und Manichäer verbreiteten ihre phantastischen Glaubensauffassungen und ihre apokryphen Evangelien; doch erhielten die Kirche von Yemen und die Fürsten von Hira und Gassan von den Jakobiten und nestorianischen Bischöfen Unterweisungen in einer reineren Lehre Die Lage der Juden und Christen in Arabien zeigt uns Pocock aus Sharestani (Specimen, p. 60, 134ff), Hottinger, (Hist. Orient. p. 212-238), D'Herbelot, (Bibliot. Orient. p. 474-476), Basnage, (Hist. des Juifs, tom. VII, p. 185, tom. VIII, p. 280) und Sale, (Preliminary Discourse, p. 22ff und 33ff).. Jeder Stamm hatte völlige Wahlfreiheit, jeder Araber konnte seinen Gottesdienst wählen oder sich seine Privatreligion beliebig zimmern: und so durchmengte sich nicht selten der grobe Aberglauben seines Volkes mit der subtilen Theologie der Heiligen und Philosophen.

Ein fundamentaler Glaubensartikel allerdings wurde von allen fremdländischen Religionslehrern in gleicher Weise eingeschärft: die Existenz eines einzigen obersten Gottes, der über allen Mächten Himmels und der Erde steht, der sich immer mal wieder durch seine Engel und Propheten dem Menschen geoffenbart hat und dessen Gnade oder Gerechtigkeit durch rechtzeitige Wunder die Ornung der Natur unterbrochen hat. Die Vernünftigeren unter den Arabern anerkannten seine Macht, obwohl sie in seiner Anbetung eher wohl nachlässig waren Es war bei ihnen gern geübter Brauch, Gott vom Opfer etwas vorzuenthalten und es den Hausgötzen zuzuschanzen, welche zwar weniger mächtig waren, aber leichter erzürnen konnten. (Pocock, Specimen, p. 108, 109).; und sie hingen wohl eher aus Gewohnheit als aus Überzeugung an den letzten Resten ihrer Götzenverehrung. Juden und Christen hießen bei ihnen das Volk des Buches. Die Bibel war bereits in die arabische Sprache übersetzt worden Die heutigen jüdischen und christlichen Übersetzungen sind wohl jünger als der Koran; doch gab es sicherlich ältere Übersetzungen: 1. Wegen der beständigen Übung der Synagoge, den hebräischen Text in der jeweiligen Landessprache auszulegen. 2. Aus der Analogie der armenischen, persischen und äthiopischen Übersetzungen, die von den Vätern des V Jh. ausdrücklich genannt werden, wenn sie sagen, dass das AT in alle barbarischen Idiome übersetzt seien. (Walton, Prolegomena ad Biblia Polyglot, p. 34, 93-97. Simon, Hist. Critique du V. et du N. Testament, tom. I, p. 180, 181, 282-286, 293, 305, 306, tom. IV, p. 206.), und das Alte Testament war von beiden Religionen angenommen worden, so unversöhnlich ihre Bekenner auch gegeneinander standen. Die Araber entdeckten in der Geschichte der hebräischen Patriarchen mit Vergnügen die Väter ihrer Nation. Sie begrüßten die Geburt und die Verheißungen Ismaels; verehrten Abrahams Glauben und Tugend; verfolgten seine und ihre Vorfahren bis zu Erschaffung der ersten Menschen und sogen mit gleicher Bereitschaft die Wunder des heiligen Textes und die Träume und Überlieferungen der jüdischen Rabbiner ein.

 

GEBURT UND ERZIEHUNG VON MOHAMMED 569 – 609

Die niedrige und plebejische Herkunft von Mohammed ist eine unkluge Verleumdung der Christen In eo conveniunt omnes, ut plebeio vilique genere ortum, &c, (Hierin stimmen alle überein, dass er aus plebejischem und einfachem Geschlecht stamme. Hottinger, Hist. Orient. p. 136.) Doch Theophanes, der älteste griechische Historiker und Vater so mancher Unwahrheit, gesteht ein, dass Mohammed aus dem Hause Ismael war (Chronogtraphia p. 277)., welche die Verdienste ihres Feindes dadurch noch erhöhen, statt ihn herabzuwürdigen. Seine Herkunft von Ismael war ein Vorrecht der arabischen Nation, ob nun historisch oder erdichtet; doch wenn seine Herkunft Abulfeda (in Vit. Mohammed. c. 1, 2) und Gagnier (Vie de Mahomet, p. 25-97) bieten die allgemeine und von den Arabern akzeptierte Genealogie des Propheten; iüön Mekka würde ich ihre Echtheit wohl eher nicht in Frage stellen; in Lausanne wage ich indessen die Bemerkung, dass 1. Von Ismael bis zu Mohammed, einem Zeitraum von 2.500 Jahren, rechnen sie statt 75 nur 30 Generationen; dass 2. Die Beduinen ihre Geschichte nicht kennen und sich auch nicht um ihre Vorfahren nicht kümmern (Voyage de D'Arvieux p. 100, 103). sich auch in dunkler und zweifelhafter Vorzeit verliert, so kann sie doch mehrere Generationen hindurch reinen und echten Adel vorweisen; er stammt aus dem Stamme der Koreisch und der Familie der Haschem, die unter den Arabern von höchstem Ansehen war, die Mekka beherrschte und die das erbliche Recht besaß, die Kaaba zu behüten. Der Großvater von Mohammed war Abdol Motalleb, der Sohn Haschems, eines reichen und edelmütigen Bürgers, der mit den Hilfsquellen seines Handels seinen Stamm aus einer Hungernot half. Mekka, dem der Vater Nahrung gegeben hatte, wurde durch die Tapferkeit des Sohnes gerettet: Das Königreich Yemen war den christlichen Herrschern Abessiniens untertänig; ihr Vasall Abrahah war durch eine Kränkung aufgereizt worden, die Ehre des Kreuzes tu rächen und belagerte die heilige Stadt mit einem Zug Elefanten und einem afrikanischen Heer. Friedensvorschläge wurden verhandelt; bei der ersten Unterredung verlangte der Großvater Mohammeds die Herausgabe seines geraubten Viehes. »Und warum,« so Abrahah, »bittest du nicht für deinen Tempel, den ich zu zerstören angedroht habe?« – »Die Herden gehören mir,« war die Antwort, »doch die Kaaba gehört den Göttern, und sie werden ihr Haus vor Frevel und Plünderung schützen.«

 

BEFREIUNG VON MEKKA

Der Mangel an Proviant oder die Tapferkeit der Koreischiten nötigten die Abessinier zu einem schmachvollen Rückzug: man hat diese Niederlage mit einem Wunder ausgeschmückt und erzählt, dass ein Vogelschwarm auf die Köpfe der Ungläubigen Steine niedergeworfen habe; und die Erinnerung an diese Befreiung wurde durch die ›Aera der Elefanten‹ für lange Zeiten lebendig erhalten Der Samen zu dieser Geschichte oder Fabel findet sich in der 5. Sure; und Gagnier (in Praefat. ad Vit. Moham. p. 18) hat die historische Erzählung des Abulseda übersetzt, welche man erläutern kann mit D'Herbelot (Bibliot. Orientale, p. 12) and Pocock, (Specimen, p. 64). Prideaux (Life of Mahomet, p. 48) nennt es eine Lüge von Mohammeds Gepräge. Aber Sale, der ein halber Muselman ist, tadelt den wankelmütigen Doktor, der die Wunder des Delphischn Orakels glaubt. Maracci (Alcoran, tom. i. part ii. p. 14, tom. ii. p. 823) schreibt die Wunder dem Teufel zu und verlangt von den Muslims das Geständnis, dass Gott die Götzen der Kaaba nicht gegen die Christen geschützt hätte.. Häusliches Glück war dann die Krönung von Abdol Motallebs Ruhm; er lebte einhundertundzehn Jahre und wurde Vater von sechs Töchtern und dreizehn Knaben. Sein Liebling Abdallah war dr schönste und sittenreinste unter Arabiens Jugend, und in der ersten Nacht, da er die Ehe mit Amina aus den Hause der adligen Zahriten vollzog, sollen zweihundert Jungfrauen aus Eifersucht und Trauer dahingeschieden sein. Mahomet oder besser wohl Mohammed, der einzige Sohn von Abdallah und Amina, wurde zu Mekka geboren, vier Jahre nach dem Tod von Justinian und zwei Jahre nach der Niederlage Die zuverlässigste Zeitbestimmung bei Abulfeda, (in Vit. c.I, p. 2,) im Jahre 882 der Epoche Alexanders, oder der Griechen; 1316 der Epoche des Bocht Naser oder Nabonassar, was uns in gleicher Weise auf das Jahr 769 führt. Der alte arabische Kaender ist dunkel und ungenau, um die Benedictiner (Art. de Verifer les Dates, p. 15) zu unterstützen, welche eine neue Berechnungsmethode ersonnen haben und Mohammeds Geburtstag auf den 10. November 570 hinaufsetzen. Und doch würde dies zu der Jahresangabe 882 der Griechen passen, was auch von Elmacin (Hist. Saracen. p. 5) and Abulpharagius, (Dynast. p. 101, and Errata, Pocock's version.) als Geburtsjahr von Mohammed angegeben wird. Während wir nun unsere Chronologie verfeinern, ist es zugleich denkbar, dass der illiterate Prophet sein genaues Geburtsdatum selbst nicht gewusst hat. der Abessinier, die im Falle eines Sieges das Christentum in die Kaaba eingeführt hätten. In seiner frühen Jugend verlor er seinen Vater, seine Mutter und seinen Großvater; zahlreich und einflussreich waren seine Onkel; und so blieben bei der teilung des Erbes dem Waisen nur fünf Kamele und eine äthiopische Sklavin. Zu Hause und in der Fremde, in Frieden und Krieg war Abu Taleb, der angesehenste seiner Onkel, der Begleiter seiner aufblühenden Jahre. In seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr trat er in die Dienste der Kadischah, einer vornehmen und wohlhabenden Witwe aus Mekka, welche schon bald seine Treue belohnte, indem sie ihm ihre Hand und ihr Vermögen schenkte. Der Ehekontrakt, abgefasst in der schlcihten Sprache des Altertums, rühmt die gegenseitige Liebe von Mohammed und Kadischah; beschreibt ihn als den vollkommensten Jüngling aus dem Hause Kadischa, und setzt eine Morgengabe von zwölf Unzen Gold und zwölf Kamelen fest, die ihm durch seines Onkels Freigebigkeit zuteil wurden Das rühmende Zeugnis des Abu Taleb, das er an seine Familie und seinen Neffen aufgesetzt hat, findet sich bei Pocock, Specimen, e septima parte libri Ebn Hamduni.). Durch diese Verbindung gelangte der Sohn des Abdalla wieder in die gesellschaftliche Stellung seiner Vorfahren; und die scharfblickende Matrone war mit seinen häuslichen Tugenden zufrieden, bis er in seinem vierzigsten Jahr die Würde eines Propheten annahm und die Religion des Korans zu predigen begann Das Privatleben Mohammeds von seiner Geburt bis zum Beginn seiner Sendung ist uns von Abulfeda (c. 3-7) überliefert sowie von den authentischen oder apokryphen arabischen Autoren, welche gesammelt sind bei Hottinger, (Hist. Orient. p. 204-211) Maracci, (tom. I, p. 10-14) und Gagnier, (Vie de Mahomet, tom. I, p. 97-134)..

 

PERSÖNLICHE EIGENSCHAFTEN DES PROPHETEN

Nach den Mitteilungen seiner Gefolgschaft zeichnete sich Mohammed Abulfeda, in Vit. 65 und 66. Gagnier, Vie de Mahomet, tom. III, p. 272-289. Die besten Überlieferungen zu Person und Umgang des Propheten stammen von Ayescha, Ali und Abu Horaira (Gagnier, tom. II, p. 267. Ockley, Hist. of the Saracens, vol. ii. p. 149), genannt Vater der Katze, gestorben im Jahre 59 der Hedschra. durch eine ungewöhnliche Schönheit aus, welche Gabe nur von denen verachtet wir, denen die Natur sie vorenthalten hat. Noch bevor er das Wort ergriff, hatte er bereits zu Zuwendung des Publikums gewonnen, mochte es sich nun um eine private Versammlung oder um eine öffentliche Predigt halten. Sie bestaunten sein imposantes Auftreten, seine majestätische Erscheinung, den durchdringenden Blick, sein gewinnendes Lächeln, seinen wallenden Bart, das Antlitz, in welchem sich jede Seelenregung spiegelte und endlich die Gestik, die jedem gesprochenen Wort Nachdruck verlieh. Im Alltag beobachtete er pünktlich die ernsten und komplizierten Höflichkeitsgebote seines Landes; seine respektvolle Aufmerksamkeit, die er den reichsten und mächtigsten Bürger erwies, erhielt durch seine Freundlichkeit und Leutseligkeit noch gegen die ärmsten Bürger Mekkas Würde. Hinter seinem offenen Auftreten verbargen sich ausgreifende Entwürfe; und seine Höflichkeit schrieb man persönlicher Freundschaft und allgemeiner Gewogenheit zu. Sein Gedächtnis war umfassend und zuverlässig, sein Witz ungezwungen und umgänglich, seine Fantasie geradezu erhaben, und seine Urteilskraft erleuchtet, rasch und endgültig. Er besaß den Mut des Gedankens und der Tat; und wenn seine Pläne auch erst dann unfassender wurden, als sich der Erfolg einstellte, so trug die erste Idee einer göttlichen Sendung, wie sie ihm vorschwebte, den Stempel von Originalität und Genie.

Der Sohn des Abdalluh war er in der edelsten Familie und im Gebrauch des reinsten arabischen Dialektes erzogen worden. Und der Fluss seiner Rede wurde durch bescheidenes und rechtzeitiges Stillschweigen wirkungsvoller und edler. Aber auch mit dieser Rednergabe war Mohammed nur ein illiterater Barbar: er hatte in seiner Jugend nie lesen und schreiben gelernt Wer glaubt, dass Mohammed durchaus lesen und schreiben konnte, kann wohl nicht lesen, was an anderer Stelle von fremder Hand in den Suren (7, 19, 96) geschrieben wurde. Als unbestritten echt werden diese Texte ausgegeben von Abulfeda, (in Vit. VII), Gagnier, (Not. ad Abulfed. p. 15), Pocock, (Specimen, p. 151), Reland, (de Religione Mohammedica, p. 236), und Sale, (Preliminary Discourse, p. 42). Mr. White will als einziger seine Unkenntnis nicht zugeben, um den Propheten umso besser des Betruges beschuldigen zu können. Seine Gründe sind alles andere als zufrieden stellend: Zwei kurze Reisen auf die Messen in Syrien reichten gewiss nicht hin, um ihm jene unter Mekkas Einwohnern so seltene Kenntnis zu vermitteln. Auch hätte Mohammed nicht bei der geschäftsmäßig-sachlichen Abfassung eines Vertrages die Maske fallen gelassen; zudem erlauben die Worte von Krankheit und Wahnsinn keine Schlussfolgerung für jene Behauptung. Der gelehrte Jüngling hatte vor seiner Berufung zum Propheten im privaten Umfeld die Kunst des Schreibens und Lesens oft geübt. Und seine frühesten Anhänger, seine Hausgenossen, hätten als die Ersten seine schlimme Täuschung aufgedeckt und getadelt. (White, Sermons, p. 203, 204, Notes, p. 36-38).: der allgemeine Kulturmangel spricht ihn allerdings vom Tadel oder Schande frei, doch war er auf einen verengten Daseinskreis beschränkt und ohne jenen zuverlässigen Spiegel, der unsere Seelen die Seelen der Helden und Weisen erkennen lässt. Doch lagen ihm die Bücher der Menschen und der Natur aufgeschlagen; und so manche Fantasie hat man angestrengt hinsichtlich der politischen und philosophischen Bemerkungen, die er auf seinen Reisen gemacht haben soll Der Graf de Boulainvilliers (Vie de Mahomet, p. 202-228) leitet seinen arabischen Schüler, wie den Telemachus des Fenelon oder den Cyrus des Ramsay an. Seine Reise an den persischen Hof ist vermutlich Fiktion; auch kann ich keinen Anlass zu seinem Ausruf entdecken: »Les Grecs sont pour tant des hommes.« (Die Griechen sind für alle Menschen) Die zwei Reisen des Propheten nach Syrien werden von allen arabischen Autoren ausdrücklich erwähnt, den christlichen wie des islamischen. (Gagnier, Abulfed., p. 10).. Er vergleicht die Völker und Regionen der Erde miteinander; entdeckt die Schwachstellen der römischen und persischen Monarchie; erblickt mit Entrüstung und Mitleiden auf die Verkommenheit seiner Gegenwart; und beschloss, den unbesiegbaren Geist und die urtümlichen Tugenden der Araber unter einem Gott und unter einem Herrscher zu vereinen. Doch genauere Nachforschungen ergeben, dass Mohammed, anstelle die Höfe, Feldlager und Tempel des Ostens zu besuchen, lediglich bis zu den beiden Märkten von Bostra und Damaskus gekommen ist; dass er erst dreizehn Jahre alt war, als er sich der Karawane seines Onkels anschloss und dass er zurückkehren musste, sobald die Waren der Kadisch verkauft waren.

Auf diesen hastigen und oberflächlichen Zügen mochte das Auge eines Genies einiges unterscheiden, was seinen stumpferen Gefährten entgangen war; einige Saatkörner des Wissens waren hier wohl auf fruchtbaren Boden gefallen; aber seine Unkenntnis der syrischen Sprache hat seiner Neugierde sicherlich bald Grenzen gesetzt. Und auch in seinen Lebensumständen oder in seinen Schriften kann ich nichts finden, was seinen Gesichtskreis weit über die Grenzen der arabischen Welt erweitert hätte. Aus allen Ecken dieser einsamen Weltgegend kamen alljährlich die Pilgerströme in Mekka zusammen, um anzubeten und Handel zu treiben: bei solchen freien Massenversammlungen konnte sich auch der schlichte Privatmann in seiner Muttersprache mit den politischen Verhältnissen und dem Charakter der einzelnen Stämme und außerdem noch mit der Theorie und der Glaubenspraxis der jüdischen und christlichen Religion bekannt machen. Einige hilfreiche Fremde mochten auch genötigt oder versucht gewesen sein, das Gastrecht für sich in Anspruch zu nehmen, ja, es haben die Feinde Mohammeds auch den Juden, den Perser und den syrischen Mönch namentlich benannt, welchen man vorgeworfen hat, bei der Abfassung des Korans heimliche Hilfestellung gegeben zu haben Ich habe nicht die Muße, den Fabeln oder Vermutungen nachzuspüren, welche die Namen der Fremden mitteilen, die von den Ungläubigen von Mekka beschuldigt oder verdächtigt werden. (Koran, c. 16, p. 223, c. 35, p. 297, mit den Anmerkungen von Sale. Prideaux, Life of Mahomet, p. 22-27. Gagnier, Not. ad Abulfed. p. 11, 74. Maracci, tom. II, p. 400). Selbst Prideaux bemerkt, dass sich alles im Geheimen und im Herzen von Arabien abgespielt haben muss.. Durch Gespräche bereichert man den Verstand, aber die eigentliche Schule des Genies ist die Einsamkeit; und die durchgängige Gleichartigkeit eines Werkes zeigt den Künstler. Von frühester Jugend an war Mohammed religiösem Grübeln zugetan; einmal im Jahr, während des Monates Ramadan, entzog sich Mohammed dem Getriebe der Welt und den Umarmungen der Kadischah; in der Grotte von Hera, drei Meilen von Mekka Abulfeda in Vit. c. 7, p. 15. Gagnier, tom. I, p. 133, 135. Die Lage des Hela-Berges gibt Abulfeda an (Geograph. Arab p. 4). Doch hatte Mohammed niemals etwas von der Egeria-Höhle gelesen oder vom Idagebirge, wo Minos sich mit Jupiter besprach, usw., pflegte er Rats mit einem Geiste, dem Geiste des Trugs oder der Verzückung, und der nicht im Himmel wohnt, sondern im Kopf des Propheten. Der Glaube, den er unter dem Namen Islam seiner Familie und dann dem Volke predigte, enthält eine ewige Wahrheit, und eine notwendige Erdichtung: dass es nur einen Gott gibt, und dass Mohammed sein Apostel ist.

 

NUR EIN GOTT

Des rühmen sich die jüdischen Apologeten insonders, dass zu einer Zeit, da die gelehrten Völker des Altertums durch polytheistische Märchen in die Irre geleitet wurden, ihre schlichten Vorfahren zu Palästina die Verehrung des einen, des wahren Gottes beobachtet hätten. Nun sind die moralischen Tugenden Jehovas mit menschlichen Maßstäben nicht eben leicht zu vereinbaren; seine metaphysischen Qualitäten werden nur eben angedeutet; doch ist jede Seite des Pentateuchs und der Propheten ein Zeugnis für seine Macht: die Einheit seines Namens ist der ersten Gesetzestafel eingemeißelt, und niemals wurde sein Heiligtum durch ein sichtbares Bild des Unsichtbaren entweiht. Nach der Zerstörung des Tempels wurde der Glaube der exilierten Hebräer durch die spirituellen Anstrengungen des Synagoge gereinigt, festgesetzt und aufgeklärt, und selbst Mohammeds Ansehen kann seinen beständig erhobenen Vorwurf nicht rechtfertigen, dass die Juden von Mekka und Medina Ezra als Gottessohn verehrt hätten Sure 9. Koran; Al Beidawi, und andere Kommentatoren, die Sale erwähnt, bleiben bei dem Vorwurf; aber ich begreife nicht, wie er durch die dunkelste und sinnloseste Stelle des Talmud sollte bekräftigt werden soll..

Doch hatten die Kinder Israel aufgehört ein Volk zu sein; und die Religionen der Welt hatten, zumindest nach der Auffassung des Propheten, sich versündigt, indem sie dem obersten Gott Söhne oder Töchter oder Gefährten zugesellt hatten. Für die Araber im Zustande der rohen Götzenanbetung ist dieser Vorwurf offenkundig und geradezu tollkühn; auch die Sabäer sind durch den Vorrang des ersten Planeten oder geistigen Wesens in ihrer Himmelhierarchie nur wenig von dieser Anklage freigesprochen; und in dem System der Magier verrät der Dauerkonflikt der zwei Prinzipien die Schwäche des Siegers. Die Christen des VII Jahrhunderts schließlich hatten sich unmerklich dem Heidentum angenähert: in der Öffentlichkeit und im privaten Rahmen richteten sie ihre Andacht an Reliquien und Bilder, welche die Tempel des Ostens entehrten: der Thron des Allmächtigen wurde verdunkelt durch einen Schwarm von Märtyrern, Heiligen und Engeln, den Gegenständen der populären Anbetung; und die kollyridianischen Ketzer, welche auf dem fruchtbaren Boden Arabiens erblühten, statteten die Jungfrau Maria sogar mit dem Namen und den Würden einer Göttin aus Hottinger, Hist. Orient. p. 225-228. Die kollyridianische Ketzerei wurde von einer Gruppe Frauen von Thrakien nach Arabien importiert, und ihr Name leitet sich ab von dem »kollyris« (Kuchen, Gebäck), den sie der Gottheit darbrachten. Dieses Beispiel und das des Beryllus, Bischofs zu Bostra (Euseb. Hist. Eccles. 6,33), können den Vorwurf entschuldigen: Arabia haereseon ferax (Arabien ist fruchtbar an Ketzern).. Die Geheimnisse der Trinität und der Inkarnation scheinen auf den ersten Blick dem Grundsatz der Einheit Gottes zu widersprechen. Bei genauerer Betrachtung jedoch führen sie drei gleiche Gottheiten ein und verwandeln den Menschen Jesus in die Wesenheit des Sohnes Gottes Die drei Götter im Koran (Sure 4 und 5) sind eindeutig gegen unser katholisches Mysterium gerichtet: doch die arabischen Kommentare verstehen dies vom Vater, vom Sohn und von der Jungfrau Maria, einer ketzerischen Dreifaltigkeit, die von einigen Barbaren im Nikäischen Konzil angeblich behauptet wurde (Eutych. Annal. tom. i. p. 440). Jedoch bezweifelt der unparteiische Beausobre, (Hist. de Manicheisme, tom. I, p. 532) die Existenz dieser Marianiten und leitet den Irrtum von dem Wort »ruach« her, das den heiligen Geist bezeichnet, in einigen orientalischen Sprachen weiblichen Geschlechts ist und im Evangelium der Nazarener Sinnbild für die Mutter Gottes ist..

Ein orthodoxer Kommentar kann hier nur ein gläubiges Gemüt zufrieden stellen: ungebändigte Neugier und Eifer hatten den Schleier von dem Heiligtum fortgerissen; und jedwede Sekte des Orients legte Wert auf die Feststellung, dass alle außer ihnen sich den Vorwurf der Bilderverehrung und des Polytheismus verdient hätten. Der Glaube Mohammeds ist frei von jeder Art Verdacht und von jeder Zweideutigkeit; und der Koran ist ein rühmenswertes Zeugnis für die Einheit Gottes. Der Prophet von Mekka verwarf die Verehrung von Götzen und Menschen, von Sternen und Planeten mit der einleuchtenden Begründung, dass alles, was aufgehe, auch untergehen müsse, dass alles Geborene auch sterben müsse und alles, was vergänglich sei, notwendig verfallen und vergehen müsse Dieser Gedankengang ist im Charakter Abrahams mit philosophischem Scharfsinn aufgestellt, welcher sich in Chaldäa der ersten Einführung der Götzenverehrung widersetzte (Sure 6; d'Herbelot, Bibl. Orient. P. 13)..

Mit einer Art von rationalem Enthusiasmus verehrte und bekannte er den Urheber des Weltalls als ein unendliches und ewiges Seiendes, ohne Gestalt und ohne Raum, ohne Gezeugten und ohne Gleichen, unseren innersten Gedanken gegenwärtig, notwendig aus seiner eigenen Natur heraus bestehend und durch sich selbst alle moralische und intellektuelle Vollkommenheit schöpfend. Diese erhabenen Wahrheiten, verkündet in der Sprache des Propheten Sie besonders die Suren 2, 57, und 58, welche die Allmacht des Schöpfers verkünden., haben seine Schüler mit Nachdruck behauptet und die Koranexegeten mit metaphysischer Genauigkeit definiert. Ein philosophisch veranlagter Theist wird den Volksglauben des Muslims vermutlich unterschreiben Übersetzungen der orthodoxesten Glaubensäußerungen finden sich bei Pocock, (Specimen, p. 274, 284-292), Ockley, (Hist. of the Saracens, vol. II, p82-95), Reland, (de Religion. Moham. I, p. 7-13) und Chardin, (Voyages en Perse, tom. IV, p. 4-28). Die große Wahrheit, dass Gott ohne Ähnlichkeit ist, wird von Maraci auf törichte Weise kritisiert, hatte er doch den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. (Alcoran, tom. I, part III, p. 87-94).; einen Glauben, der für unsere gegenwärtigen Möglichkeiten vielleicht zu erhaben ist. Was bleibt denn noch für unsere Einbildungskraft oder wenigsten unseren Verstand übrig, wenn wir von dem unbekannten Wesen alle Vorstellungen von Zeit und Raum, von Bewegung und Materie, von Wahrnehmung und Denken abgezogen haben? Das erste Prinzip von Vernunft und Offenbarung wurde durch die Stimme Mohammeds bekräftigt: seine Anhänger zeichnen sich von Indien bis Marokko durch den Namen der Unitarier aus, und der Gefahr der Bilderverehrung beugte er durch ein strenges Bilderverbot vor. Die Lehre von den ewigen Ratschlüssen und der unbeschränkten Vorherbestimmung wird von den Moslems mit Nachdruck bekannt, und folglich kämpfen auch sie mit den üblichen Schwierigkeiten, wie sich denn Gottes Vorherwissen mit der menschlichen Freiheit und Verantwortung vertrüge? Und wie die Existenz des Bösen sich mit einer allmächtigen und allgütigen Gottheit vertrage?

 

MOHAMMED IST GOTTES GESANDTER UND DER LETZTE DER PROPHETEN

Der Gott der Natur hat seine Existenz allen seinen Werken und sein Gesetz den Herzen der Menschen eingeschrieben. Zu jeder Zeit war es nun das Bemühen der Propheten gewesen, ehrlich oder vorgeschoben die Kenntnis des einen und die Ausübung des anderen wieder herzustellen. Mohammed räumte seinen Vorgängern großzügig jene Glaubwürdigkeit ein, die er auch für sich beanspruchte. Zugleich verlängerte er die Kette der Offenbarungen von Adams Fall bis zur ersten Kundmachung des Korans Reland, de Relig. Moham. I, p. 17-47. Sale, Preliminary Discourse, p. 73-76. Voyage de Chardin, tom. IV, p. 28-37 und 37-47 für den persischen Zusatz »Ali ist der Vikar Gottes!« Die genaue Zahl der Propheten ist kein Glaubenssatz.. Während dieser Zeit waren einige Strahlen des prophetischen Lichtes einhundertvierundzwanzigtausend Erwählten zuteil geworden, welche sich jeweils durch Tugend und Gnade auszeichneten; wurden dreihundertunddreizehn Apostel entsandt mit dem besonderen Auftrag, ihr Land von Abgötterei und Laster abzubringen; wurden vom heiligen Geist einhundertvier Bücher eingegeben; und sechs Gesetzgeber von transzendentalem Glanze verkündeten dem Menschengeschlecht die sechs aufeinander folgenden Offenbarungen unterschiedlicher Rituale, aber einer einzigen gleichbleibenden Religion verkündet. Das Ansehen und der Rang von Adam, Noah, Abraham, Moses, Christus und Mohammed erheben sich in rechter Stufenfolge übereinander; doch wer nur einen dieser Propheten hasst oder zurückweist, wird unter die Ungläubigen gerechnet.

Die Schriften der Patriarchen waren nur in den apokryphen Abschriften der Griechen und Syrer verfügbar Zu den apokryphen Bücher Adams sehe man Fabricius, Codex Pseudepigraphus V. T. p. 27-29; zu Seth, p. 154-157; zu Enoch, p. 160-219. Doch ist das Buch Enoch sozusagen geheiligt wegen seiner Erwähnung durch den Apostel St. Juda; und ein langes und unsicheres Fragment wird von Scaliger und Syncellus erwähnt.: Abrahams Aufführungen waren nicht dazu angetan, ihm die Dankbarkeit und den Respekt seiner Kinder zu sichern; Noahs sieben Vorschriften wurden nur von einer unbedeutenden und unvollkommenen Gruppe von Proselyten der Synagoge beachtet Die sieben Vorschriften Noahs werden von Marsham, (Canon Chronicus, p. 154-180) erklärt, der bei dieser Gelegenheit die Gelehrsamkeit und wohl auch die Leichtgläubigkeit Seldens erreicht.; so wie das Andenken an Abraham von den Sabiern in Chaldäa auch nur dunkel geehrt wurde. Von den ungezählten Propheten lebten und regierten einzig Moses und Christus; und das, was von dem inspirierten Schrifttum übrig geblieben war, ist im Alten und Neuen Testament aufbewahrt. Die wundersame Geschichte von Moses ist im Koran bewahrt und geheiligt Die Artikel Adam, Noah, Abraham, Moses usw sind in der Bibliotheque von d'Herbelot mit den erfindungsreichen Legenden der Moslems üppig ausgestattet, die auf der Basis des Schrift und des Talmud weitergearbeitet haben.; und nun freuen sich die gefangenen Juden über die heimliche Rache, dass sie ausgerechnet den Völkern ihren Doktrinen aufnötigen, deren neuerfundenen Glauben sie verlachen.

 

JESUS

Dem Stifter des Christentums gegenüber eine tiefe und mysteriöse Ehrfurcht zu beobachten war eine Lehre des Propheten Koran, Sure 7, 10, und d'Herbelot p.647.. »Wahrlich, Jesus Christus, Marias Sohn, ist der Apostel Gottes, und sein Wort, das er Maria zukommen ließ, und sein Geist, der von ihm ausging; glorreich in dieser Welt und in der, die kommen soll, und einer von denen, die sich der Gegenwart Gottes an meisten annähern Koran, Sure 3; Sure 4,. D'Herbelot, p. 399ff..« Die Wunder der echten und der apokryphen Evangelien Siehe das Thomas-Evabgelium oder die Kindheit Christi im apokryphen Codex des NT bei Fabricius, der (p. 128-158) die betreffenden Zeugnisse gesammelt hat. Die griechische Fassung wurde von Cotelier und die arabische von Sike herausgegeben, welcher unsere vorliegende Abschrift in die Zeit nach Mohammed legt. Indessen stimmen seine Anführungen von der Rede Christi in der Wiege, von seinen lebenden Vögeln aus Erde usw mit den Originalen überein. (Sike, c. i. p. 168, 169, c. 36, p. 198, 199, c. 46, p. 206. Cotelier, c. 2, p. 160, 161.) werden verschwenderisch über sein Haupt gegossen, und die lateinische Kirche hat keine Bedenken getragen, dem Koran die unbefleckte Empfängnis Einen dunklen Hinweis findet man im Koran (Sure 3) und näheres in der Tradition der Sunniten (Sale, Note, und Maracci, tom. II, p. 112). Im XII Jh. wurde die unbefleckte Empfängnis vom Hl. Bernhard als freche Erfindung angesehen. (Fra Paolo, Istoria del Concilio di Trento, l. ii). seiner jungfräulichen Mutter zu entnehmen. Aber Jesus war ein einfacher Sterblicher, und am Tage des Gerichtes wird sein Zeugnis die Juden verdammen, die ihn nicht als Propheten anerkennen, und die Christen, welche ihn als den Sohn Gottes verehren. Die Bosheit seiner Feinde hat seinen guten Ruf besudelt und sich gegen sein Leben verschworen; aber diese Absicht blieb ihre einzige Schuld; am Kreuz befand sich ein Trugbild oder ein echter Verbrecher anstelle von Jesus; und der schuldlose Heilige gelangte ohne Verzug in den siebenten Himmel Koran, Sure 3,53 und 4,156. (»Deus est praestantissimus dolose agentium (ein merkwürdiges Lob)... nec crucifixerunt eum, sed objecta est eis similitudo« Gott st äußert listig...nicht ihn haben sie gekreuzigt, sondern etwas ähnliches); ein Ausdruck, der den Doceten zusagt. Aber die Kommentatoren glauben (Maracci, tom. II, p. 113-115, 173. Sale, p. 42, 43, 79), dass jemand anders, ein Freund oder Feind anstelle von Jesus gekreuzigt wurde; ein Märchen, das sie im Barnabas-Evangelium gelesen hatten und das schon in den Zeiten von Irenaeus von einigen ebonitischen Ketzern behauptet wurde. (Beausobre, Hist. du Manicheisme, tom. II, p. 25, Mosheim. de Reb. Christ. p. 353.). Sechshundert Jahre lang war das Evangelium der Weg der Wahrheit und des Heils; doch vergaßen die Christen allmählich die Gesetze und das Vorbild ihres Stifters; und Mohammed lernte von den Gnostikern, die Kirche und die Synagoge der Textfälschung anzuklagen Die Beschuldigung wird im Koran nur dunkel angedeutet (Sure 3), doch sind Mohammed und seine Anhänger weder in den Sprachen noch in der kritischen Methode genug bewandert, ihrem Verdacht hinreichend Gewicht oder Wahrscheinlichkeit zu verleihen. Doch könnten die Arianer und die Nestorianer einiges berichten, und der ungelehrte Prophet könnte den Behauptungen der Manichäer ein williges Ohr leihen. Beausobre, tom. I, p. 291-305.. Moses und Jesus freuten sich in ihrer Frömmigkeit zuversichtlich auf einen künftigen Propheten, der größer sei als sie selbst; das im Evangelium gegebene Versprechen des Parakletes oder heiligen Geistes war im Namen von Mohammed Unter den Prophezeiungen des AT und NT, die durch Arglist oder Unkenntnis der Moslems verkehrt wurden, wenden sie auch die Verheißung des Paraklet oder Trösters auf Mohammed an, die bereits von den Montanisten und Manichäern missbraucht worden war. (Beausobre, Hist. Critique du Manicheisme, tom. I, p. 263ff). angedeutet und erfüllte sich in seiner Person, Gottes größtem und letztem Apostel.

 

DER KORAN

Die erfolgreiche Übermittlung von Ideen setzt eine Ähnlichkeit zwischen Denken und Sprechen voraus. Anders würde der Vortrag eines Philosophen wirkungslos an den Ohren eines Bauern abprallen; und dennoch: wie klein ist der Abstand zwischen ihren beiden Geisteskräften verglichen mit der Gemeinschaft eines endlichen und unendlichen Geistes mit dem Wort Gottes, das durch die Feder oder die Zunge eines Sterblichen ausgedrückt wird! Die Inspiration der hebräischen Propheten, der Apostel und Evangelisten Christi mochte mit ihrer eigenen Vernunft- und Gedächtnistätigkeit nicht unvereinbar sein; und in der Tat ist die Verschiedenheit ihrer individuellen Geistesanlagen am Stil und Komposition der Bücher des Alten und Neuen Testamentes deutlich abzulesen. Mohammed hingegen gab sich zufrieden mit dem anspruchsloseren, obschon in mancher Hinsicht erhabenerem Amt eines Herausgebers; die Substanz des Korans Zum Koran siehe d'Herbelot, p. 85-88, Maracci, tom. I, in Vit. Mohammed. p. 32-45. Sale, Preliminary Discourse, p. 58-70. ist, ihm und seinen Schülern zufolge, unerschaffen und ewig, ruhend im Wesen der Gottheit und mit einer Feder von Licht auf die Tafel seiner ewigen Beschlüsse geschrieben. Eine Abschrift auf Papier, gebunden in Seide und Edelsteinen, wurde von dem Engel Gabriel in den untersten Himmel herabgebracht – von eben dem Gabriel, der auch schon in der jüdischen Haushaltung mit wichtigen Botengängen beauftragt worden war; und dieser getreue Bote enthüllte nach und nach dem arabischen Propheten die Kapitel und Verse.

Doch wurden statt einer zusammenhängenden Urkunde des göttlichen Willens die Bruchstücke des Korans nach Mohammeds Befinden ans Licht gebracht; jede einzelne Offenbarung fügte sich den Anforderungen seiner Politik oder Bedürfnisse; und jeder etwaige Widerspruch wurde durch die rettende Maxime aufgehoben, dass jede Textstelle der Schrift durch jede folgende Textstelle abgeändert oder sogar zurückgenommen werden könne. Gottes oder der Apostel Wort wurde von den Schülern sorgfältig auf Palmblätter geschrieben oder auf die Schulterknochen von Hammeln, und diese Textseiten wurden dann ohne Ordnung und ohne Zusammenhang in einen häuslichen Kasten geworfen, wo sie der Obhut einer seiner Frauen anvertraut wurden. Zwei Jahre nach Mohammeds Tod wurde das heilige Buch von seinem Freund und Nachfolger Abubeker gesammelt und herausgegeben; im dreißigsten Jahr der Hedschra wurde das Werk vom Kalifen Othman neuerlich durchgesehen, und alle die unterschiedlichen Ausgaben des Korans beanspruchten für sich das wundersame Vorrecht eines gleichartigen und unverfälschten Textes. Im Geiste der Begeisterung oder der Eitelkeit stützt der Prophet die Wahrheit seiner Sendung auf das Verdienst seines Buches, fordert Menschen und Engel auf, die Schönheit eines einzigen Blattes nachzuahmen und zögert nicht zu behaupten, das allein Gott dieses unvergleichliche Werk habe diktieren können Koran, Sure 17,89. Sale, p. 235, 236. Maracci, p. 410.. Für einen frommen Araber ist ein solcher Beweisgrund vollkommen ausreichend, wenn denn sein Seele zum Glauben und zur Entzückung gestimmt ist, sein Ohr durch den Klang der Worte in Wonne versetzt wird und er in seiner Unwissenheit außerstande ist, die Erzeugnisse des menschlichen Geistes miteinander zu vergleichen Eine bestimmte Sekte der Araber meint allerdings, dass der Koran von einer menschlichen Feder erreicht und sogar übertroffen werden könne; Pocock (Specimen, p. 221ff) und Maracci (der mit seiner Polemik allzu oft den Übersetzer stört) spottet über die sichtbare Vorliebe für den Reim gerade der berühmtesten Stellen. (tom I, Part II, p 69-75)..

Die Harmonie und der Reichtum des Stils geht in jeder Übersetzung verloren und kann den europäischen Ungläubigen unmöglich erreichen; er wird mit Ungeduld die end- und zusammenhanglose Rhapsodie aus Fabeln, Lehre und Deklamation überfliegen, die in ihm selten eine Empfindung oder einen Gedanken veranlasst, die zuweilen im Staube kriecht und sich manchmal in den Wolken verliert. Die göttlichen Eigenschaften beflügeln die Phantasie des arabischen Missionars, doch noch sein höchster Flug muss zurücktreten vor der erhabenen Schlichtheit des Buches Hiob, welches in vorvergangener Zeit im selben Lande und in derselben Sprache abgefasst wurde Colloquia (wahr oder erdichtet) in media Arabia atque ab Arabibus habita, (Unterredungen mitten in Arabien und von Arabern geführt, Lowth, de Poesi Hebraeorum. Praelect. xxxii. xxxiii. xxxiv, mit seines deutschen Herausgebers Michaelis Epimetron iv.) Doch Michaelis (p. 671-673) hat mancherlei ägyptische Realien, die Elephantiasis, den Papyrus, den Nil und die Krokodile entdeckt. Die Sprache nennt sich etwas unbestimmt Arabico-Hebraea. Diese verschwisterten Dialekte waren in ihrer Jugend einander weit ähnlicher als in ihrer Reifezeit. (Michaelis, p. 682. Schultens, in Praefat. Job.). Wenn die Abfassung des Koran das Menschenmögliche übersteigt, welcher höheren Intelligenz müssen wir dann die Ilias Homers oder die Philippika des Demosthenes zuschreiben? In allen Religionen muss das Leben ihres Begründers die gelegentlichen Lücken in seiner Offenbarung ergänzen. Die Aussprüche Mohammeds galten als ebenso viele Weisheitslehren wie seine Taten als ebenso viele Beispiele von Tugend. Seine Frauen und Gefährten haben die Erinnerung an seine öffentlichen und privaten Handlungen treu bewahrt. Nach zweihundert Jahren wurde die Sunna, das mündlich überlieferte Gesetz, von Al Bochari schriftlich fixiert und geheiligt, nachdem er siebentausendzweihundertfünfundsiebzig echte Überlieferungen und eine Unmasse von dreihunderttausend Sagen zweifelhafter und verdächtiger Natur gesondert hatte. Täglich sprach der fromme Autor sein Gebet in Mekka und reinigte sich mit dem Wasser der Quelle Zemzem. Die fertigen Seiten wurden anschließend auf das Kanzelpult und das Grab des Apostels gelegt, und schließlich wurde das Werk auch von den vier orthodoxen Sekten der Sunniten gutgeheißen Ali Bochari starb im Jahre der Hedschra 224. Siehe D'Herbelot, p. 208, 416, 827. Gagnier, Not. ad Abulfed. c. 19, p. 33..

 

WUNDER

Die Missionen der alten Propheten, von Moses oder Jesus, waren durch eine Vielzahl von spektakulären Wundern beglaubigt worden; und so wurde auch Mohammed wiederholt von Mekkas und Medinas Einwohnern gedrängt, einen vergleichbaren Nachweis für seine göttliche Sendung abzulegen; etwa den Engel oder das Buch seiner Offenbarung vom Himmel herabzurufen, inmitten der Wüste einen Garten entstehen zu lassen oder auch nur die Stätte der Ungläubigen in Flammen aufgehen zu lassen. Wann immer ihm die Koreischiten mit derartigen Forderungen zusetzten, hüllte sich Prophet in die schwerverständliche Sprache einer Vision und Prophezeiung, verwies auf die innere Beweiskraft seine Lehre und nahm Zuflucht zu Gottes Vorsehung, welche derlei Zeichen und Wunder zu Recht verweigere, da sie das Verdienst des Glaubens minderten und die Schul des Unglaubens noch schweren machen würden. Doch der bescheidene oder gedämpft ärgerliche Ton seiner Rechtfertigung verrät gleichwohl die Schwäche und Verlegenheit des Propheten. Und zugleich erheben diese Textstellen, die ihm keine Ehre einbringen, die Echtheit des Korans über jeden Zweifel Man sehe hauptsächlich die Koransuren 2, 6, 12, 13, 17. Prideaux (Life of Mahomet, p. 18, 19) hat den Betrüger entlarvt. Maracci hat mit mehr Gelehrsamkeit nachgewiesen, dass die Passagen, welche seine Wundertätigkeit verneinen, klar und deutlich sind (Alcoran, tom. I, part II, p. 7-12), während diejenigen, die sie behaupten, mehrdeutig und unbefriedigend sind (p. 12-22)..

Die Bekenner Mohammeds sind von seinen wunderwirkenden Kräften jedenfalls überzeugt, mehr sogar als er selbst; und ihr Zutrauen und ihre Arglosigkeit werden sogar noch größer, je mehr sie zeitlich und räumlich vom Orte der Wunder entfernt sind. So glauben sie und schwören darauf, dass die Bäume ihm entgegengingen; dass die Steine ihn begrüßten; dass aus seiner Hand Wasser hervorsprudelte; dass er die Hungrigen sättigte, die Kranken heilte, die Toten erweckte, dass ein Balken ihm zuächzte und ein Kamel sich bei ihm beklagte, dass eines Hammels Keule ihm eröffnete, dass sie vergiftet sei; dass, kurz gefasst, die belebte und unbelebte Natur in gleicher Weise dem Gottesgesandten unterworfen seien Man sehe die Specimen Hist. Arabum, den Text von Abulpharagius, p. 17, die Bemerkungen von of Pocock, p. 187-190. D'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 76, 77. Voyages de Chardin, tom. IV, p. 200-203. Maracci (Alcoran, tom. I, p. 22-64) hat mit viel Fleiß alle Wundertaten und Prophezeiungen von Mohammed gesammelt und widerlegt, die sich nach der Zählung mancher Autoren auf dreitausend belaufen.. Sein Traum von einer nächtlichen Reise wird allen Ernstes wie ein reales und tatsächliches Ereignis beschrieben. Ein geheimnisvolles Tier, der Borak, brachte ihn vom Tempel zu Mekka in den Tempel von Jerusalem; mit Gabriel, seinem Gefährten, stieg er nach und nach bis in den siebenten Himmel empor und empfing und erwiderte dort die Grüße der Patriarchen., der Propheten und der Engel in ihren je und je eigenen Wohnungen. Jenseits des siebenten Himmels durfte nur Mohammed alleine weitergehen; er ging durch den Schleier der Einheit hindurch, näherte sich dem Thron bis auf zwei Bogenschussweiten und fühlte einen Schauder bis ans Herz, da Gott seine Schulter berührte. Nach dieser vertrauten, aber hochwichtigen Begegnung stieg er wieder nach Jerusalem hinab, bestieg erneut den Borak, kehrte zurück nach Mekka und vollendete in dem zehnten Teil einer Nacht eine Reise von vielen tausend Jahren Mohammeds nächtliche Reise wird von Abulfeda (in Vit. Mohammed, c. 19, p. 33) umständlich erzählt; er möchte eine Vision daraus machen; von Prideaux (p. 31-40), der die Absurditäten noch anhäuft; und von Gagnier (tom. I, p. 252-343), welcher zusammen mit dem eifernden Al Jannabi erklärt, dass die Ableugnung dieser Reise der Leugnung des Koran gleichkomme. Doch der Koran nennt weder Himmel, noch Jerusalem noch Mekka, sondern gibt nur einen geheimnisvollen Wink (Koran, Sure 17,1): Laus illi qui transtulit servum suum ab oratorio Haram ad oratorium remotissimum. (Preis ihm, der seinen Diener von der Anbetungsstätte Haram brachte zu der sehr entfernten Anbetungsstätte). Bei Maracci, tom II, p. 407; die Übersetzung von Sale ist recht frei. Was für eine hinfällige Basis jedoch für einen so luftigen Traditionsbau!.

Nach einer anderen Legende stürzte der Apostel die bösartigen Koreischiten auf einer Nationalversammlung in Verwirrung und Bestürzung: sein unwiderstehliches Wort spaltete die Scheibe des Mondes. Gehorsam sank der Planet von seinem Platz am Himmel niederwärts, vollzog die sieben Rundgänge um die Kaaba, grüßte Mohammed in arabischer Sprache, verringerte unversehens seinen Umfang, schlüpfte am Hals unter sein Gewand und kam am Ärmel wieder hinaus In der Redeweise der Propheten, die die Gegenwart oder die Vergangenheit statt des Futurs benutzt, hatte Mohammed gesagt: Appropinquavit hora, et scissa est luna (Die Stunde ist herangekommen, und zerteilt ist der Mond. Koran, c. 54, v. 1; in Maracci, tom. II, p. 688). Aus dieser rhetorischen Figur wurde dann eine Tatsache, welche die zuverlässigsten Augenzeugen bestätigt haben sollen (Maracci, tom. II, p. 690). Noch heute feiern die Perser dieses Fest (Chardin, tom. IV, p. 690), und die Legende wird von Gagnier, (Vie de Mahomet, tom. I, p. 183-234) weiter ausgesponnen im Vertrauen auf den leichtgläubigen Al Jannabi. Doch hat ein mohammedanischer Gelehrter die Glaubwürdigkeit des vornehmsten Zeugen in Zweifel gezogen (bei Pocock, Specimen p. 187); die besten Interpreten geben sich mit dem einfachen Sinn des Koran zufrieden. (Al Beidawi, apud Hottinger, Hist. Orient. 2, p. 302); das Schweigen von Abulfeda ist eines Herrschers und Philosophen würdig.. Der durchschnittliche Moslem hat an diesen Wundergeschichten seine helle Freude; doch die ernsthaften moslemischen Gottesgelehrten folgen ihrem Meister in dessen Bescheidenheit und gestatten dem Glauben und der Auslegung weiten Spielraum Abulpharagius, in Specimen Hist. Arab. p. 17; und seine Skepsis wird von den besten Autoritäten (Pocock, p. 190-194) gerechtfertigt.. So könnten sie die einleuchtende Bemerkung hinzufügen, dass zur Verkündigung einer Religion eine Verletzung der Naturgesetze nicht vonnöten sei; dass ein von Mysterien freier Glaube auch der Wunder entbehren könne; und dass das Schwert Mohammeds nicht weniger mächtig war als der Stab Moses'.

 

LEHREN MOHAMMEDS: GEBET, FASTEN, ALMOSEN

Den Polytheisten drückt die Vielfalt seines Aberglaubens nieder und verwirrt ihn; tausend Zeremonien ägyptischer Herkunft waren mit dem Wesen des mosaischen Gesetzes verwoben, und der Geist des Evangeliums ist neben der Prunkentfaltung der Kirche gleichsam verdunkelt worden. Der Prophet von Mekka wurde durch die Vorurteile, die Politik oder den Patriotismus verleitet, die religiösen Rituale der Araber zu heiligen sowie ihre Gewohnheit, den heiligen Stein der Kaaba zu besuchen. Doch die von Mohammed selbst aufgestellten Gebote schärfen eine schlichtere und vernünftigere Frömmigkeit ein: Gebete, Fasten und Almosen sind des Muselmanen religiöse Pflichten; und hierin bestärkt ihn die Hoffnung, dass das Gebet ihn auf den halben Weg zu Gott bringen werden, das Fasten bis vor den Eingang zum Paradies und das Almosengeben ihm Einlass verschaffen werde Die zuverlässigste Nachricht von diesen Geboten, Wallfahrt, Gebet, Fasten, Almosen und Reinigung ist als Auszug aus persischen und türkischen Autoren geliefert worden von Maracci (Prodrom. part iv. p. 9-24), Reland (in seiner vorzüglichen Abhandlung de Religione Mohammedica, Utrecht, 1717, p. 67-123), und Chardin, (Voyages in Perse, tom IV, p. 47-195). Marace ist ein voreingenommener Ankläger; aber der Juwelenhändler Chardin beobachtet wie ein Philosoph, und Reland, ein einsichtsvoller Nachwuchsgelehrter, hatte den Orient in seinem Studierzimmer in Utrecht bereist. Der 14. Brief von Tournefort (Voyage du Levont, tom. II, p. 325-360, Oktav-Format) beschreibt, was dieser Reisende von der türkischen Religion gesehen hat..

I. Das Gebet. Gemäß der Überlieferung erhielt der Apostel auf seiner nächtlichen Reise während seiner persönlichen Unterredung mit der Gottheit die Weisung, seinen Schülern die Verpflichtung von täglich fünfzig Gebeten aufzuerlegen. Auf Moses' Rat hin erbat er eine Linderung dieser unerträglichen Last, woraufhin die Anzahl auf fünf verringert wurde, allerdings unter der ausdrücklichen Bedingung, dass weder Geschäfte noch Vergnügungen, noch Ort oder Zeitpunkt davon entbinden könnten. Die Andacht der Gläubigen wird mit Tagesanbruch, am Mittag, am Nachmittag, des Abends und zur ersten Nachtwache vollzogen; und angesichts des gegenwärtigen Nachlassens unserer religiösen Inbrunst sind europäische Reisende von der Demut und tiefen Hingabe der Perser und Türken sehr in Erstaunen versetzt worden. Reinlichkeit ist der Schlüssel zum Gebet. Häufiges Waschen der Hände, des Gesichts und des Körpers, bei den Arabern seit alters üblich, wurde vom Koran feierlich zur Pflicht gemacht und zugleich die förmliche Erlaubnis erteilt, bei Wassermangel Sand anzuwenden. Die Worte, die Stellung beim Gebet, das stehend, sitzend oder auf die Erde hingestreckt verrichtet werden kann, sind durch Überlieferung oder Gesetz vorgegeben; doch wird das eigentliche Gebet in kurzen und heftigen Anrufungen vorgetragen, so dass der Eifer des Gläubigen nicht durch eine zähflüssige Liturgie ermüdet wird, und zusätzlich ist jeder Muselman in eigener Person mit der Priesterwürde bekleidet.

Unter den Theisten, welche den Gebrauch der Bilder ablehnen, hielt man es für notwendig, den Ausschweifungen der Phantasie Zügel anzulegen und Augen und Sinn auf einen Kebla oder sichtbaren Punkt am Horizont hinzuwenden. Zu Beginn zeigte der Prophet Neigung, sich durch die Wahl Jerusalems den Juden gefällig zu machen; doch schon bald kehrte er zu einer naturgegebenen Parteilichkeit zurück: fünfmal täglich wenden sich die Blicke der Völker von Astrachan, Fez oder Delhi frommen Sinnes gegen den Tempel von Mekka. Doch ist jeder Ort für den Dienst an Gott gleich rein: der Moslem betet in seiner Kammer ebenso wie auf der Straße. Im Unterschied zum Christen- und Judentum ist in jeder Woche der Freitag für die öffentliche Lobpreisung vorgesehen. Das Volk versammelt sich in der Moschee, und der Imam, ein respektabler Ältester, besteigt die Kanzel, beginnt das Gebet und hält dann die Predigt. Es kennt die Religion Mohammeds weder einen Priester noch ein Opfer, und der freie Geist des Fanatismus blickt nur mit Verachtung auf die Herren und Knechte des Aberglaubens hinab.

II. Fasten. Die freiwilligen Mohammed (Sure 9) wirft den Christen vor, neben Gott auch noch die Priester und Mönche zu Göttern zu erheben. Doch Maracci (Prodromus, part III, p. 69, 70) entschuldigt diese Verehrung insbesondere des Papstes und zitiert aus dem Koran das Beispiel von Eblis, des Satans, welcher aus dem Himmel verbannt wurde, da er sich geweigert hatte, Adam anzubeten. Bußübungen der Asketen, ihres Lebens Qual und Ruhm, waren einem Propheten naturgemäß zuwider, welcher seinen Gefährten ein unbedacht-vorschnelles Gelübde untersagte, mit dem sie sich von Weibern, Fleisch und Schlaf lossagten und der nachdrücklich erklärte, er würde in seiner Religion keine Mönche zulassen Sure 5 und die Anmerkung von Sale, der sich auf die Autorität von Jallaloddin und Al Beidawi beruft. D'Herbelot erklärt, dass Mohammed das vie religieuse verurteilt habe; und dass erst 300 Jahre nach der Hedschra die erste Derwisch- und Fakirschwärme in Erscheinung traten. (Bibliot. Orient. p. 292, 718).. Dafür setzte Mohammed in jedem Jahr einen Fastenmonat ein und empfahl dessen Beobachtung nachdrücklich als ein Mittel, die Seele zu reinigen und den Körper zu unterwerfen wie auch als heilsame Übung im Gehorsam gegenüber Gott und seinem Propheten. Während des Ramadan-Monats enthält sich der fromme Muslim tagsüber vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang des Essens, des Trinkens, des Weibes, des Bades und der Wohlgerüche; ebenso jeder Nahrung, die seine Kräfte wiederherstellen und jeder Ablenkung, die seine Sinne beleben könnten. Wegen des Wechsels der Mondjahre fällt der Ramadan mal mit der Winterkälte und mal mit der Sommerhitze zusammen; und der geduldige Märtyrer, der seinen Durst nicht mit einem einzigen Tropfen Wasser abmildern darf, muss bis zum Ende eines langen oder schwülen Tages warten.

Das Verbot des Weines, das einige Eremiten und geistliche Orden auszeichnet, hat einzig Mohammed in ein positives und allgemeingültiges Gesetz gefasst Man sehe das zwiefache Verbot (Sure 2 und Sure 5); das erste in der Art eines Gesetzgebers, das zweite nach der Fanatiker Weise. Die persönlichen und politischen Gründe Mohammeds untersuchen Prideaux (Life of Mahomet, p. 62-64) und Sale (Preliminary Discourse, p. 124).; und ein ansehnlicher Teil der Erdbevölkerung hat dem Genuss dieser heilsamen, wenngleich auch gefährlichen Flüssigkeit abgeschworen. Diese schmerzlichen Einschränkungen werden ohne Zweifel von dem Genießer nicht weiter beachtet und von dem Heuchler heimlich übertreten; aber ganz gewiss kann man dem Gesetzgeber, der sie erlassen hat, nicht vorwerfen, er habe Proselyten gemacht, indem er ihnen erlaubt habe, ihre sinnlichen Begierden ohne Einschränkungen zu bedienen.

III. Mildtätigkeit Die Mildtätigkeit des Moslem erstreckt bis hinab zu den Tieren; und wiederholt schärft der Koran die Hilfe für einen Glückverlassenen oder Bedürftigen nicht als ein Verdienst, sondern als eine unerlässliche Pflicht ein. Vielleicht ist Mohammed der einzige Gesetzgeber, der der Mildtätigkeit sogar einen genauen Maßstab gegeben hat; zwar kann er ja nach Menge und Beschaffenheit des Eigentums schwanken, je nachdem, ob es in Geld oder Getreide oder Vieh besteht, in Früchten oder Kaufmannswaren; doch erfüllt der Muselman nicht das Gesetz, wenn er nicht den Zehnten seines Einkommens darauf verwendet; und wenn ihn sein Gewissen gar der Betruges oder der Nötigung zeiht, wird unter dem Etikett der Rückerstattung dieser Zehnte auf ein Fünftel erhöht Eifersucht bestimmt Maracci (Prodromus, part IV, p. 33) die weitaus großzügigeren Almosen der römischen Katholiken aufzuzählen. 15 große Spitäler sind tausenden von Kranken oder Pilgern geöffnet; 1.500 Jungfrauen erhalten Jährlich eine Aussteuer; 56 Freischulen erteilen Jugendlichen beiderlei Geschlechtes Unterricht; 120 Brüderschaften lindern die Bedürfnisse ihrer Mitbrüder. Londond Großzügigkeit ist noch ausufernder; doch ich besorge, dass dieses alles weit mehr auf Rechnung der Menschenfreundlichkeit als der Religion der Bevölkerung zu setzen ist.. Die Grundlage der Gerechtigkeit ist das Wohlwollen, weil das Gebot zur Hilfeleistung zugleich das Verbot in sich schließt, dm Betroffenen ein Unrecht zuzufügen. Ein Prophet mag die Geheimnisse des Himmels und der Zukunft offen legen; in seinen moralischen Vorschriften wird e immer nur die Lehre unseres Herzens wiederholen können.

 

AUFERSTEHUNG

Die beiden Glaubensartikel und die vier praktischen Gebote des Islams werden durch Belohnung und Strafe gefestigt, und der gläubige Moslems blickt ergeben auf das letzte Gericht und den jüngsten Tag. Der Prophet hat es unterlassen, den fatalen Augenblick dieser Katastrophe näher zu bestimmen, aber er hat wenigstens die Zeichen des Himmels und der Erde dunkel angedeutet, welche dieser universellen Auflösung vorausgehen, durch die das Leben ausgelöscht und die Ordnung der Schöpfung in das ursprüngliche Chaos zurückstürzen wird. Beim Schalle der Trompete werden neue Welten in das Sein eintreten: Engel, Genien und Menschen werden von den Toten auferstehen und die Seele wird erneut mit dem Körper vereinigt werden. Diese Lehre von der Wiederauferstehung wurde zuerst von den Ägyptern geglaubt Man sehe Herodot (2,123) und unseren gelehrten Landsmann Sir John Marsham (Canon. Chronicus, p. 46). Der »Hades« desselben Autors (p. 254-274) ist ein sorgsam ausgearbeitetes Gemälde der Unterwelt, wie sie die Phantasievorstellungen der Ägypter und der Griechen, der Dichter und der Philosophen des Altertums entworfen haben.; ihre Mumien wurden einbalsamiert und ihre Pyramiden errichtet, um für dreitausend Jahre die Wohnung der Seele zu erhalten. Doch ist dieses Vorgehen befangen und fruchtlos: mit philosophischer Zurückhaltung verlässt sich Mohammed auf die Allmacht des Schöpfers, der leblosen Staub wiederbeseelen und die ungezählten Atome wieder zusammenführen kann, welche ihre frühere Form und einstiges Wesen verloren haben Im Koran (Sure 2) wird ein feingesponnenes Wunder erzählt, welches die Neugierde Abrahams zufrieden stellte und seinen Glauben stärkte.. Die Frage nach dem Zustand der Seele in der Zwischenzeit ist schwer zu entscheiden; und die, welche ihre immaterielle Natur am nachdrücklichsten behaupten, sind außerstande zu erklären, wie sie denn handeln oder denken kann ohne die Mitwirkung der Sinnesorgane.

 

HÖLLE UND PARADIES

Auf die Wiedervereinigung der Seele mit dem Leib folgt das letzte Gericht: doch hat der Prophet bei seiner Kopie des Gemäldes der Magier die Formalien und selbst noch die schleppende und schrittweise Verfahrenstechnik eines irdischen Tribunals allzu getreu nachgezeichnet. Seine unduldsamen Gegner schelten ihn, dass er die Hoffnung auf die ewige Seligkeit selbst noch auf sie ausgedehnt und dabei die allerschwärzeste Häresie geäußert habe, dass nämlich jeder Mensch, so er nur an Gott glaube und gute Werke verrichte, am letzten Tage ein günstiges Urteil gewärtigen dürfe. Eine solch durch Vernunft gelenkte Gelassenheit passt nur übel zum Charakter eines Schwärmers; auch ist es wenig wahrscheinlich, dass ein Himmelsbote den Wert und die Notwendigkeit seiner eigenen Offenbarung herabsetze. In der Sprache des Korans Der objektive Renand hat gezeigt, dass Mohammed alle Ungläubigen verdammt (de Religion. Moham. p. 128-142); dass die Teufel nicht doch noch selig werden (p. 196-199); dass das Paradies nicht nur körperliche Freuden bietet (p 199-205); dass auch die Seelen der Frauen unsterblich sind (205-209). ist der Glaube an Gott nicht zu trennen von dem an Mohammed; gute Werke sind die, die er geboten hat; und in diesen beiden Merkmalen liegt das Bekenntnis des Islam, zu dem alle Völker und alle Sekten eingeladen sind. Deren geistliche Blindheit, wenn sie auch durch Unwissenheit entschuldigt und sogar durch Tugend ausgezeichnet sein mag, soll mit ewigwährenden Qualen bestraft werden. Die Tränen aber, die Mohammed über dem Grab seiner Mutter vergießt, für die zu beten ihm jedoch untersagt war, zeigen einen krassen Widerspruch zwischen Menschlichkeit und religiöser Schwärmerei Al Beidawi, apud Sale. Koran, c. 9, p. 164. Die Weigerung, für einen ungläubigen Verwandten zu beten ist nach Mohammed gerechtfertigt durch Prophetenpflicht und das Vorbild Abrahams, welcher seinen eigenen Vater als einen Feind Gottes verwarf. Doch Abraham (so seine Ergänzug Sure 9,116) fuit sane pius, mitis (war durchaus fromm und mild)..

Die Verdammung der Ungläubigen ist allumfassend: die Größe ihrer Schuld und Strafe wird bestimmt durch das Ausmaß der Beweise, die sie nicht anerkannt und der Irrtümer, zu denen sie sich bekannt haben: die ewige Wohnung der Christen, der Juden, der Sabier, der Magier und der Götzendiener liegen eine unter der anderen bis in den tiefsten Abgrund, und der allertiefste Schimpf ist den ungläubigen Heuchlern aufgespart, die sich eine religiöse Maske aufgesetzt haben. Nachdem nun der überwiegende Teil der Menschheit wegen seiner falschen Meinungen verurteilt worden ist, werden die wahren Gläubigen nach ihren Taten gerichtet. Das Gute und das Böse, das jeder Muselman getan hat, wird auf einer echten oder auch nur allegorischen Waage abgewogen; hierbei findet eine ganz eigentümliche Aufrechnung erlittenen Unrechtes statt: Der Beleidiger muss zugunsten der Person, welcher er Übles getan hat, einen Teil seiner guten Taten abtreten; und sollte er überhaupt keine moralische Besitztümer vorweisen können, kommt zu dem Gewicht seiner Sünden ein entsprechender Teil der Missetaten des Geschädigten hinzu. Je nachdem, ob nun Schuld oder Tugend überwiegen, fällt das Urteil aus, und jedermann muss unterschiedslos über die sehr schmale und gefährliche Brücke über den Abgrund gehen. Die Unschuldigen aber werden Mohammed auf dem Fuße folgen und glorreich durch die Pforten zum Paradies eintreten, während die Schuldigen in die erste und mildeste der sieben Höllen stürzen werden.

Zwischen neunhundert und siebentausend Jahren dauert die Buße; aber klüglich hat der Prophet versprochen, dass alle seine Schüler, und mögen ihre Sünden noch so groß sein, durch ihren eigenen Glauben und durch seine Fürsprache von der ewigen Verdammnis sollen gerettet sein. Daran gibt es nichts zu verwundern, dass der Aberglauben auf die Furcht seiner Bekenner am nachhaltigsten wirkt, da sich die menschliche Einbildungskraft die Schrecknisse eines zukünftigen Lebens im Jenseits viel genauer ausmalen kann als seine Freuden. Mit zwei einfachen Instrumenten, Finsternis und Feuer, schaffen wir ein Gefühl der Qual, welches durch die Vorstellung einer unendlichen Zeitdauer beliebig erhöht werden kann. Die Vorstellung einer unendlichen Fortdauer der Freude erzeugt eine nachgerade entgegengesetzte Wirkung, denn unsere angenehmen Gefühle hienieden beruhen überwiegend auf der Abwesenheit von Leid oder wenigsten auf dem Vergleich damit. Es ist ganz natürlich, wenn ein arabischer Poet mit Entzücken bei Hainen, Brunnen und Flüssen des Paradieses verweilt; statt aber den gesegneten Einwohnern einen edlen Geschmack für Harmonie und Wissen, für Freundschaft und Geselligkeit zu vermitteln, gibt er eine müßige Darstellung von den Perlen und Diamanten, von Seidengewändern, Palästen aus Marmelstein, von Goldschüsseln, reichlich Wein, köstlichen Gerichten und zahlreichen Aufwärtern und überhaupt von jedweder Art kostbaren Überflusses, der für ihre Besitzer selbst in dieser kurzen irdischen Lebenspanne fade wird.

Zweiundsiebzig Huris oder schwarzäugige Mädchen, glänzend an Gestalt, im blühenden Jugendalter und von jungfräulicher Reine sowie erlesenem Feingefühl werden zum Gebrauch noch des geringsten der Gläubigen erschaffen; ein Augenblick der Freude dehnt sich auf tausend Jahre, und seine Kräfte vermehren sich hundertfältig, auf dass er seiner Glückseligkeit sich würdig erweise. Eines populären Vorurteils ungeachtet sind die Himmelspforten beiden Geschlechtern geöffnet; doch hat Mohammed es unterlassen, die Gefährten der weiblichen Auserwählten genauer zu beschreiben, um nicht die Eifersucht ihrer früheren Ehegatten zu stacheln oder ihre Seligkeit nicht durch die Aussicht auf eine ewigdauernde Ehe zu trüben.

Dieses Bild eines fleischlichen Paradieses hat die Empörung und vielleicht auch den Neid von Mönchen erregt; mit lauter Stimme murren sie wider Mohammeds unreinliche Religion, und seine zurückhaltenden Verteidiger nehmen Zuflucht zu armseligen Scheingründen wie Bildern und Allegorien. Doch der vernunftgesteuerte und konsequentere Teil der Anhängerschaft bleibt ohne Scham bei der wortwörtlichen Auslegung des Korans; die Wiederauferstehung des Leibes wäre ja völlig sinnlos, wenn er nicht erneut in den Besitz und die Ausübung seiner besten Fähigkeiten gesetzt würde; und die Einheit sinnlicher und geistiger Genussfähigkeit ist unbedingt erforderlich, um die Glückseligkeit dieses Doppelwesens, des vollkommenen Menschen, zu vollenden. Jedoch werden sich die Freuden von Mohammeds Paradies nicht auf Schwelgerei und Sinnenlust beschränken; vielmehr hat der Prophet ausdrücklich erklärt, dass die Heiligen und Märtyrer jede niedere Sinnenfreude vergessen und verachten werden, wenn sie erst zur Seligkeit der Anschauung Gottes gelangt sind Über den Tag des Gerichtes, die Hölle, das Paradies siehe den Koran, Sure 2,25; 56; 78) mit Maraccis heftiger, aber gelehrten Widerlegung (in den Anmerkungen und im Prodromus, pars IV, p. 78, 120, 122ff); D'Herbelot, (Bibliotheque Orientale, p. 368, 375); Reland, (p. 47-61) und Sale, (p. 76-103). Die früheren Ideen der Magier werden von einem ihrer Verteidiger, Dr. Hyde, dunkel und unbestimmt erklärt (Hist. Religionis Persarum, c. 33, p. 402-412, Oxon. 1760). Bayle hat in dem Mohammed-Artikel gezeigt, wie leichtfertig man durch Witz und Philosophie das Fehlen echter Kenntnisse ausgleichen kann..

 

MOHAMMED PREDIGT IN MEKKA

Die erste und mühsamste Bekehrung Mohammeds Ehe ich mit der Geschichte des Propheten beginne, muss ich erst meine Gewährsleute angeben. Die lateinische, französische und englische Koranübersetzung haben historische Vorreden, und die drei Übersetzer, Maracci, (tom. I, p. 10-32), Savary, (tom. I, p. 1-248) und Sale, (Preliminary Discourse, p. 33-56) haben Sprache und Wesen der Autors genau studiert. Zwei besondere Biographien stammen von Dr. Prideaux (Life of Mahomet, 7. Ed., London, 1718) und von Graf de Boulainvilliers, (Vie de Mahomed, Londres, 1730), doch haben die gegensätzlichen Wünsche, einen Betrüger oder einen Helden zu finden, des Doktors Gelehrsamkeit oder des Grafen Scharfsinn irregeleitet. Der Artikel in D'Herbelot (Bibl Or., p. 598-603) ist wesentlich ein Auszug aus Novairi und Mirkond. Die beste Darstellung bietet Herr Gagnier, ein Franzose und Orientalistiklehrer in Oxford. Dieser hat in zwei gründlichen Werken (Ismael Abulfeda de Vita et Rebus gestis Mohammedis, &c. Latine vertit, Praefatione et Notis illustravit Johannes Gagnier, Oxon. 1723, in folio. La Vie de Mahomet traduite et compilee de l'Alcoran, des Traditions Authentiques de la Sonna et des meilleurs Auteurs Arabes; Amsterdam, 1748, 3 vols.) den arabischen Text von Abulfeda und Al Jannabi übersetzt, illustriert und ergänzt; der erste war ein aufgeklärter Herrscher aus Hamah in Syrien (1310-1332), (siehe Gagnier Praefat. ad Abulfed.;) der zweite ein leichtgläubiger Doktor, der i.J. 1556 Mekka besuchte. (D'Herbelot, p. 397. Gagnier, tom. III, p. 209, 210). Dies sind meine wichtigsten Quellen, die der interessierte Leser chronologisch oder nach der Kapitelteilung lesen mag. Ich muss allerdings anmerken, dass Abulfeda und Al Jannabi neuere Autoren sind und sich nicht einmal auf irgendwelche Autoren aus der Zeit der Hedschra berufen können. war die seiner Gattin, seines Dieners, seines Zöglings und seines Freundes Prideux (p. 8) eröffnet uns einige Zweifel von Mohammeds Gattin; Boulainvilliers (p. 272) enthüllt die erhabenen und patriotischen Ansichten der Kadischa und der ersten Schüler des Propheten, als sei er der Privatsekretär des Propheten gewesen., da er sich ihnen als Prophet offenbarte, die sie mit seinen Schwächen als Mensch bestens vertraut waren. Doch Kadidschah glaubte seinen Worten und war durch den Ruhm ihres Gatten erhoben. Der gehorsame und anhängliche Zeid wurde durch die Aussicht auf Freiheit gewonnen; der berühmte Ali, der Sohn des Abu Taleb, nahm die Lehre seines Vetters mit aller Hingabe eines jugendlichen Helden in sich auf. Und Abubeker stützte mit seinem Reichtum, seiner Mäßigung und Wahrheitsliebe die neue Religion des Propheten, dessen Nachfolger er werden sollte. Durch seine Überredungskunst gewann er zehn der angesehensten Bürger Mekkas zur Teilnahme am islamischen Privatunterricht; sie ließen sich durch die Stimme der Vernunft und der Begeisterung fesseln, und sie sprachen den Fundamentalsatz des islamischen Glaubens aus: »Es gibt nur einen Gott, und Mohammed ist sein Prophet.« Ihr Glauben wurde sogar schon in diesem Leben mit Reichtum und Ehrenstellen belohnt, mit dem Oberbefehl über Armeen und der Herrschaft über Königreiche.

Drei Jahre war Mohammed in aller Stille mit der Bekehrung dieser vierzehn Menschen beschäftigt gewesen, dieser ersten Ernte seiner Mission; aber im vierten Jahr nahm er das Prophetenamt auf sich. Er beschloss, zunächst seiner Familie das Licht der göttlichen Wahrheit mitzuteilen, bereitete ein Gastmahl vor, wobei er, wie es heißt, für die Bewirtung von vierzig Personen aus dem Hause Haschem ein Lamm und einen Krug Milch bereitstellte. »Freunde und Vettern,« sprach Mohammed zu der Versammlung, »ich biete euch, und ich alleine kann es, die wertvollsten Geschenke, die Schätze dieser Welt und jener Welt, die da kommen wird. Gott hat mich beauftragt, euch zu seinem Dienste zu rufen. Wer von euch will meine Last tragen? Wer will mein Gefährte und Wesir sein Vezirus, portitor, bajulus, onus ferens; und dieser nieder Name (»Lastträger«) wurde mit Hilfe einer geschickten Metapher auf die »Säulen des Staates« übertragen. Ich bin bemüht, das der arabischen Sprache Eigentümliche, soweit man es denn aus einer lateinischen oder französischen Übersetzung herausspüren kann, möglichst beizubehalten.

Keiner gab Antwort, bis das erstaunte, das zweifelnde, das empörte Schweigen endlich von dem drängenden Mut des Ali, eines vierzehnjährigen Knaben, unterbrochen wurde. »O Prophet, ich bin dieser Mann! Wer immer sich erhebt wider dich, ich schlage ihm die Zähne ein, reiße ihm ein Auge heraus, breche ihm beide Beine und zerfetzte sein Gedärm! O Prophet, ich will dein Wesir sein über sie.« Freudevoll nahm Mohammed dieses Angebot an, und Abu Taled erhielt die spöttelnde Aufforderung, die höhere Würde seines Sohnes zu respektieren. In ernsthafterem Tone gab Alis Onkel seinem Neffen den Rat, von diesem unausführbaren Vorhaben abzustehen. »Erspare dir deine Bedenken,« erwiderte der furchtlose Eiferer seinem Onkel und Wohltäter, »sollten sie die Sonne an meiner Rechten und den Mond an meiner Linken aufstellen, ich würde gleichwohl von meiner Bahn nicht abweichen.«

 

ALLMÄHLICHE FORTSCHRITTE DER LEHRE

Zehn Jahre verfolgte Mohammed seine Mission, ausdauernd und eifrig. Aber diese Religion, die sich einmal über den ganzen Orient und große Teile des Okzidents ausbreiten sollte, machte zunächst innerhalb der Mauern Mekkas nur schwerfällige und mühsame Fortschritte. Doch war es für Mohammed eine Genugtuung, seine noch unmündige Unitariergemeinde wachsen zu sehen, von der er als Prophet verehrt wurde und der er seinerseits zur passenden Zeit die geistige Nahrung des Korans zuteilte. Die Anzahl seiner Proselyten lässt sich einigermaßen daraus abschätzen, dass im siebenten Jahre seiner Mission dreiundachtzig Männer und achtzehn Frauen sich aus seiner Gemeinschaft entfernten und nach Äthiopien begaben. Verstärkt wurde seine Partei auch noch durch die rechtzeitigen Konversionen seines Onkels Hamza und des stürmischen und furchtlosen Omar, welcher zugunsten des Islam denselben Eifer beobachtete, wie er ihn zuvor zu dessen Niederwerfung an den Tag gelegt hatte. Außerdem beschränkte Mohammed seine Freigebigkeit nicht nur auf den Stamm Koreisch und das Weichbild von Mekka: an hohen Festtagen, an den Tagen der Wallfahrt besuchte er die Kaaba, mischte sich unter die Fremden eines jeden Volksstammes und drängte in privaten Unterredungen wie im öffentlichen Diskurs auf den Glauben und die Verehrung der einen Gottheit. Im Bewusstsein seiner guten Sache und seiner geringen Macht berief er sich auf die Freiheit des Gewissens und verwarf die Anwendung religiösen Zwanges Die Textstellen im Koran bezüglich der Toleranz sind eindrücklich und zahlreich: Sure 2,257; 16,129; 17,54; 45,15; 50,39; 88,21 und den Anmerkungen von Maracci und Sale. Dieser bezeichnende Umstand alleine kann schon helfen, die Zweifel der Gelehrten auszuräumen, ob eine Sure in Medina oder Mekka offenbart wurde.; doch rief er die Araber auf und beschwor sie sogar, die alten Götzendiener vom Stamme Ad und Thamud nicht zu vergessen, welche die göttliche Gerechtigkeit vom Antlitz der Erde gefegt habe Siehe Koran passim und besonders 7. Sure sowie die arabische Überlieferung (Pocock, Specimen, p. 35-37). Die Höhlen des Thamus-Stammes, geeignet für Durchschnittsgrößen, wurden auf halbem Wege zwischen Medina und Damaskus gezeigt (Abulfed Arabiae Descript. p. 43, 44) und können vielleicht auch den Troglodyten (Höhlenbewohner) der Frühzeit zugerechnet werden. (Michaelis, ad Lowth de Poesi Hebraeor. p. 131-134. Recherches sur les Egyptiens, tom. II, p. 48, &c.).

 

WIDERSTAND DER KOREISCHITEN 613-622

Aberglaube und Missgunst machte das Volk von Mekka in seinem Unglauben gegen die neue Lehre nur noch verstockter. Die Stadtältesten, die Onkel des Propheten, heuchelten Verachtung gegenüber einem Waisenkinde, das nun zum Reformator seines Landes geworden war: gegen Mohammeds fromme Reden in der Kaaba erhob Abu Talebs wüstes Lärmen: »Mitbürger und Pilger, hört nicht auf den Versucher, lauscht nicht seinen ruchlosen Neuerungen. Stehet fest in der Anbetung von Al Lata und Al Uzzah.« Doch blieb in Wahrheit der Sohn Abdallas dem betagten Ältesten nach wie vor lieb und teuer, und deshalb schützte er auch den Ruf und die Person gegen die Attacken der Koreischiten, die schon seit langem mit Neid auf die Vorrangstellung der Haschem-Familie blickten. Ihre Bösartigkeit suchten sie mit dem Anstrich der Religion zu übermalen; zu den Zeiten Hiobs wurden Religionsfrevel von der arabischen Obrigkeit bestraft Hiob 21,26-28; ich erröte über einen ehrwürdigen Prälaten (de Poesi Hebraeorum, p. 650, 651, edit. Michaelis; sowie ein Brief eines verstorbenen Professors der Universität Oxford, p.15-23), welcher dieser archaischen Inquisition auch noch freudig zustimmt.; und Mohammed war schuldig befunden, den nationalen Göttern abgeschworen und sie verleugnet zu haben. Aber die Justiz von Mekka war derart schwerfällig, dass die Häupter der Koreischiten, anstatt einen Kriminellen anzuklagen, sich selbst genötigt sahen, auf die Auskunftsmittel der Überredung und Gewaltanwendung zurückzugreifen. Oft wandten sie sich an Abu Taleb, Vorwurf und Drohung in der Stimme: »Dein Neffe schmäht unseren Glauben; unsere weisen Vorväter zeiht er der Unwissenheit und Torheit; rasch bringe du ihn zum Schweigen, dass nicht Zwietracht und Aufruhr unsere Stadt verheere. Sollte er nicht abstehen vom Frevel, müssen wir die Schärfe des Schwertes gegen ihn und seine Anhänger gebrauchen, und das Blut deiner Mitbürger kommt auf dein Haupt.«

Durch Abu Talebs Einfluss und moderates Auftreten wurde die unmittelbare Wut der alten Religionspartei beigelegt; doch die hilflosesten oder furchtsamsten Jünger des Propheten wanderten nach Äthiopien aus, er selbst zog sich in verschiedene befestigte Stätten Mekkas und seiner Umgebung zurück. Da seine Familie ihn immer noch unterstützte, tat sich der übrige Stamm der Koreischiten zusammen, um alle Verbindungen zum Hause Haschem abzubrechen, ihnen weder Waren zu verkaufen noch ihnen welche abzunehmen, noch auch Heiratsverträge mit ihnen zu schließen, sondern ihnen solange ihren unverwelklichen Hass zu widmen, bis sie Mohammed selbst der Gerechtigkeit der Götter ausgeliefert haben würden.

Dieser Beschluss wurde vor den Augen des versammelten Volkes in der Kaaba ausgehängt: Die Abgesandten der Koreischiten setzten den flüchtigen Moslems bis ins innerste Afrika nach, belagerten den Propheten und seine Getreuen, unterbrachen ihnen die Wasserzufuhr und hielten durch Beleidigungen und Racheaktionen ihre Feindschaft am Leben. Ein zweifelhafter Waffenstillstand stellte die brüchige Eintracht wieder her, als Mohammed sich durch den Tod Abu Talebs genau in Moment der Übermacht seiner Feinde ausgesetzt sah, als sein häusliches Glück durch den Tod der treuen und edelmütigen Kadischa zerfiel. Abu Sophian, der Häuptling der Linie der Ommiyah, folge Abu Taleb in der Würde des Stadtoberhauptes von Mekka nach. Als ein eifriger Bekenner des Götzendienstes, zugleich ein Todfeind des Hauses Haschem, berief er eine Versammlung der Koreischiten und ihrer Verbündeten ein, um endgültig über das Schicksal der Propheten zu entscheiden: Seine Gefangenschaft konnte ihn zu Verzweiflungstaten bringen; eine Verbannung des beredten und populären Religionsschwärmers hätte das Unheil über ganz Arabien verbreitet. Also wurde sein Tod beschlossen; man verabredete, dass von jedem Stamme ein Schwert in seiner Brust begraben sein sollte, damit die Blutschuld verteilt und die Rache der Haschemiten vereitelt werde.

 

KOREISCHITEN VERTREIBEN MOHAMMED AUS MEKKA A.D.622

Ein Engel, vielleicht auch ein Kundschafter, enthüllte diese Verschwörung, und Mohammed blieb nur die Flucht D'Herbelot, Bibliot. Orient. p. 445. Er erzählt eine ganz eigene Geschichte von Mohammeds Flucht.. In der schwärzesten Nacht, begleitet nur von seinem Freunde Abubeker, entwich er in aller Stille aus seinem Haus; die Mörder lauerten am Tor, wurden aber durch die Gestalt Alis getäuscht, welcher auf dem Lager ruhte und mit dem grünen Gewand des Propheten bedeckt war. Dieser Opferbereitschaft des heldenmütigen Jünglings zollten die Koreischiten ihren Respekt; uns geben einige überlieferte Verse Alis einen interessanten Einblick in seine Ängste, seine Liebe und seine religiöse Zuversicht. Drei Tage waren Mohammed und sein Freund in der Höhle von Thor versteckt, etwa eine Stunde von Mekka entfernt; und am Ende eines jeden Abends erhielten sie vom Sohn und von der Tochter Abubekers neue Nachrichten und Nahrung. Mit verbissenem Eifer untersuchten die Koreischiten jeden Winkel in der Umgebung von Mekka; so kamen sie auch bis zum Höhleneingang. Aber durch einen reinen Zufall wurden sie durch ein Spinngewebe und ein Taubennest getäuscht und zu der Überzeugung gebracht, dass der Platz verlassen und unbenutzt sein müsse. »Wir sind nur zu zwei,« sagte Abubeker und bebte. »Es gibt noch einen Dritten,« erwiderte der Prophet, »Gott.« Kaum hatte die Verfolgung nachgelassen, verließen die beiden die Höhle und bestiegen ihre Kamele. Auf dem Wege nach Medina wurden sie von Sendlingen der Koreischiten eingeholt. Bitten und Versprechungen befreiten sie aus den Händen ihrer Feinde. In diesem Augenblick hätte die Lanze eines Arabers der Weltgeschichte eine Wende geben können. Die Flucht des Propheten von Mekka nach Medina markiert den Beginn einer unter dem Namen Hedschra Die Hedschra wurde von Omar eingeführt, dem zweiten Kalifen, in Anlehnung an die Zeitrechnung der christlichen Märtyrer (d'Herbelot, p. 444); es begann eigentlich 68 Tage vor Mohammeds Flucht, mit dem 1. Moharrens, das ist der erste Tag des arabischen Jahres, welches mit dem Freitag, den 16. Juli zusammenfällt. (Abulfeda, Vit Moham, c. 22, 23, p. 45-50; und Greaves, Edition of Ullug Beg's Epochae Arabum, 1, p. 8, 10). bekannten Zeitrechnung, welche nach zwölf Jahrhunderten noch immer bei allen muslimischen Völkern üblich ist Mohammeds Leben, von seiner prophetischen Sendung bis zur Hedschra, sehe man bei Abulfeda (p. 14-45) und Gagnier, (tom. I, p. 134-251, 342-383.).

 

SEINE AUFNAHME IN MEDINA

Die Religion des Korans wäre möglicherweise schon in der Wiege zugrunde gegangen, wenn nicht Medina die heiligen Flüchtlinge gläubig und ehrerbietig aufgenommen hätte. Medina, oder die Stadt – zuvor war sie unter dem Namen Yathreb bekannt, bevor sie durch den Thron des Propheten geheiligt wurde – war zu jener Zeit durch die beiden Parteien der Charegiten und Awsiten feindlich gespalten, zwei Stämmen, deren Erb-Fehde beim kleinsten Anlass immer wieder entflammte; zwei jüdische Kolonien, die sich ihrer priesterlichen Abkunft rühmten, waren ihre ergebenen Verbündeten, und wenn sie auch die Araber nicht eigentlich bekehrten, so vermittelten sie ihnen doch Geschmack an Wissenschaft und Religion, weshalb sich Medina vor anderen Orten als die Stadt des Buches auszeichnete. Einige ihrer angesehensten Bürger waren während einer Wallfahrt zur Kaaba von Mohammeds Predigt bekehrt worden; nach ihrer Rückkehrt verbreiteten sie den Glauben an den einen Gott und seinen Propheten, und in den Hügeln vor Mekka wurde von ihren Abgesandten das neue Bündnis bei zwei nächtlichen und geheimen Zusammenkünften geschlossen. Beim ersten Treffen verpflichteten sich zehn Charegiten und zwei Asiten, geeint durch Glauben und Liebe, auch im Namen ihrer Weiber, Kinder und abwesenden Brüder, dass sie von nun an und für immer den Glauben des Koran bekennen und seine Lehren beobachten würden.

Das zweite war ein politisches Bündnis und der erste Lebenskeim des späteren Großreichs der Sarazenen Die dreifache Inauguration Mohammeds wird beschrieben von Abulfeda (p. 30, 33, 40, 86) und Gagnier, (tom. I, p. 342f, 349f; tom. II, p. 223f).. Dreiundsiebzig Männer und zwei Frauen von Medina hielten mit Mohammed, seinen Verwandten und seinen Jüngern feierliche Unterredung und banden sich durch einen gegenseitigen Eid der Treue. Im Namen der Stadt versprachen sie, den Propheten, sollte er denn wirklich aus Mekka verbannt werden, als ihren Bundesgenossen aufzunehmen, ihm als ihrem Anführer zu gehorchen und ihn bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen, so wie sie es mit ihren Frauen und Kinder tun würden. »Wenn du nun aber von deinem Land zurückgerufen wirst,« fragten sie mit höflicher Besorgnis, »wirst du da nicht deine neuen Freunde verlassen?« – »Alle Dinge,« so Mohammed mit einem freundlichen Lächeln, »sind nun zwischen uns gemeinsam: Euer Blut ist mein Blut, euer Verderben ist mein Verderben. Wir sind durch die Bande der Ehre und des gemeinsamen Vorteils aneinander gekettet. Ich bin euer Freund, und eure Feinde sind auch meine Feinde.« – »Doch sollten wir in deinen Diensten getötet werden,« riefen da die Abgesandten Medinas, »was soll da unser Lohn sein?« – »Das Paradies,« erwiderte der Prophet. – »Deine Hand, Prophet!« Er streckte sie aus und sie wiederholten den Huldigungs- und Treueeid.

Der Vertrag wurde vom Volk zu Medina gutgeheißen, das auch einmütig das Bekenntnis zum Islam ablegte. Man freute sich der geglückten Flucht des Propheten, bebte aber zugleich für seine fernere Unversehrtheit und wartete ungeduldig auf seine Ankunft. Nach einer raschen und gefährlichen Reise entlang der Küste machte er in Koba, zwei Meilen vor der Stadt, Zwischenhalt und hielt dann sechzehn Tage nach seiner Flucht aus Mekka öffentlich in Medina Einzug. Fünfhundert Bürger kamen, ihm zu begegnen; mit freudigem Jubel der Treue und Ergebenheit empfing man ihn, Mohammed selbst saß auf einer Kamelstute, beschirmt durch einen Sonnenschutz, und man ließ mangels einer Standarte einen entfalteten Turban vor ihm herflattern. Seine tapfersten Jünger, die der Sturm zerstreut hatte, sammelten sich um seine Person; und die gleichgroßen, wenn auch unterschiedlichen Verdienste der Moslems führten zu der namentlichen Unterscheidung von Mohajerianern, den Flüchtlingen aus Mekka, und Ansaren, den Helfern von Medina. Um aufkeimende Eifersucht mit der Wurzel auszurotten, richtete Mohammed weislich unter seinen wichtigsten Anhängern eine brüderliche Verbindung mit jeweils gleichen Rechten und Pflichten ein, und als sich Ali ohne Genossen in diesem Freundschaftsbund fand, erklärte der Prophet mit Zartheit, dass er der Bruder und Gefährte des edlen Jünglings sein wolle. Diese Maßnahme war von Erfolg gekrönt; die heilige Brüderschaft war geachtet in Krieg und Frieden, und beide Parteien wetteiferten miteinander an Mut und Treue. Nur ein einziges Mal wurde die Eintracht durch einen zufälligen Zwist leicht getrübt: Ein Patriot aus Medina rügte den Übermut der Fremden, doch wurde selbst der leise Hinweis auf ihre Vertreibung mit Unmut aufgenommen, und der eigene Sohn erklärte sich bereit, das Haupt des Vaters dem Propheten zu Füßen zu legen.

 

SEINE KÖNIGSWÜRDE – 622-632

Sobald Mohamed in Medina etabliert war, übernahm er das Amt eines Königs und Priesters, und es wurde für Frevel geachtet, sich einem Richter zu widersetzen, dessen Entscheidungen durch göttliche Weisheit eingegeben waren. Ein kleines Grundstück, das Erbteil zweier Waisen, gelangte durch Schenkung oder Kauf in seinen Besitz Prideaux (Life of Mahomet, p. 44) schimpft hier auf die Bosheit eines Betrügers, der zwei armen Waisenkindern, Söhne eines Zimmermannes, um ihren Erbteil brachte; welchen Vorwurf er aus der im Jahre 1130 abgefassten Disputatio contra Saracenos entlehnt hatte; doch der redliche Gagnier (ad Abulfed. p. 53) hat gezeigt, dass man sich durch das Wort Al Nagjar hatte irreführen lassen, was in diesem Zusammenhang nicht einen verdächtigen Handel, sondern einen edlen Araberstamm bezeichnet. Die schlechte Beschaffenheit des Bodens wird uns von Abulfeda geschildert; sein honoriger Übersetzer hat mit Al Bochari das Preisangebot bewiesen; mit Al Jannabi einen korrekten Verkaufsabschluss; und mit Ahmed Ben Joseph die Bezahlung des Goldes durch den generösen Abubeker. Unter sotanen Umständen muss der Prophet von dem Vorwurf in allen Ehren freigesprochen werden.; an dieser auserwählten Stelle baute er ein Haus und eine Mosche, die in ihrer archaischen Schlichtheit ehrwürdiger waren als die Paläste und die Tempel der assyrischen Kalifen. In sein Gold- oder Silber-Siegel war der Titel eines Apostels eingraviert; wenn er während der wöchentlichen Zusammenkunft betete oder predigte, lehnte er sich gegen den Stamm einer Palme, und erst späte gönnte er sich den Gebrauch eines Stuhles oder einer Kanzel aus roh bearbeitetem Holz Al Jannabi (apud Gagnier, tom. II, p. 246, 324) beschreibt uns das Siegel und die Kanzel, diesen zwei ehrwürdigen Reliquien des Gottesgesandten. Die Schilderung seines Hofs wurde Abulfeda (44, p. 85) entlehnt.. Nach sechsjähriger Herrschaft wurde der Huldigungseid wiederholt, diesmal von fünfzehnhundert Moslems, auf offenem Feld und unter Waffen; und ihr Oberhaupt wiederholte die Versicherung seines Schutzes bis zum Tode des letzten Mitgliedes oder der endgültigen Auflösung des Bundes.

In diesem Lager war es auch, dass der Gesandte von Mekka sich höchlich erstaunte über die konzentrierte Aufmerksamkeit der Gläubigen auf die Worte und Blicke des Propheten, über den Eifer, mit dem sie seinen Speichel, ein herabgefallenes Haupthaar oder das Spülwasser seiner rituellen Reinigung sammelten, als ob dies einen Anteil seiner prophetischen Begabung enthielte. »Ich habe den Chosroes von Persien und den Caesar zu Rom gesehen,« rief er aus, »aber noch nie erblickte ich einen König inmitten seiner Untertanen wie diesen Mohammed unter seinem Anhang.« Die ergebene Inbrunst als Folge des Enthusiasmus arbeitet energischer und wahrhaftiger als die kalte und geschäftsmäßige Unterwürfigkeit bei Hofe.

 

KRIEGSERKLÄRUNG AN DIE UNGLÄUBIGEN

Im Naturzustand hat jeder Mensch das Rechts, durch Waffengewalt sich und sein Eigentum zu verteidigen; die Gewaltanwendungen seiner Feinde abzuwehren, ihr sogar vorzubeugen und seine eigene Gewalttätigkeit auszudehnen, bis Genugtuung oder Wiedererstattung in einem vertretbaren Umfange erlangt ist. In einer freien Gesellschaft wie der arabischen lieferten diese Bürgerrechte und -pflichten den Untertanen nur einen schwachen Grund zur Mäßigung, und Mohammed selbst war in der Erfüllung seiner friedensreichen und wohlmeinenden Sendung von seinen Landsleuten beraubt und verbannt worden. Der Flüchtling war, nachdem er sich ein unabhängiges Volk erwählt hatte, zum Range eines Herrschers emporgestiegen und folglich mit der Prärogative ausgestattet worden, Allianzen zu bilden und Verteidigungs- oder Angriffskriege zu führen. Das menschliche Recht, unvollkommen wie es nun einmal war, wurde durch die göttliche Machtfülle ergänzt und aufgerundet; der Prophet von Medina schlug in seinen neueren Offenbarungen einen heftigeren und grausameren Ton an, womit erwiesen ist, dass der frühere, maßvollere Ton die Folge seiner damaligen Schwäche war Die 8. und 9. Sure sind die lautesten und heftigsten; Maracci (Prodromus, part IV, p. 59-64) eifert mit manchem Recht und wenig Klugheit gegen das doppelte Spiel des Betrügers.; er hatte es mit Überredung versucht, doch war die Zeit der Geduld ausgeschöpft, und nunmehr hatte er den Befehl erhalten, die Religion mit dem Schwert zu verbreiten, die Stätten der Götzen zu zerstören und ohne Rücksicht auf etwaige Feiertage oder -monate den Völkern des Unglaubens überall auf der Erde nachzustellen.

 

BERUFUNG AUF ALTES UND NEUES TESTAMENT

Die gleichen blutigen Lehren, die der Koran ständig wiederholt, schreibt ihr Verfasser dem Pantateuch und den Evangelien zu. Aber der milde Grundtenor der Evangelien an sich kann bereits die merkwürdige Stelle erklären, wo es heißt, dass Jesus nicht gekommen sei, den Frieden zu bringen,, sondern das Schwert: seine geduldigen und demütigen Jünger darf man nicht mit dem unduldsamen Religionseifer der Fürsten und Bischöfe verwechseln, die den Namen der Jünger entehrt haben. Mohammed hätte sich mit mehr Recht bei seinen Religionskriegen auf das Beispiel von Moses, der Richter oder der Könige berufen können. Die Militärgesetze der Hebräer sind um einiges strenger als die des arabischen Gesetzgebers Das Kapitel Moses 5, 10 und 11 nebst den praktischen Erläuterungen von Josua und David u.a. liest die fromme Christenheit der Gegenwart mit mehr Schaudern als Zustimmung. Doch haben Bischöfe und Rabbiner früherer Zeiten diese kirchliche Kriegspauke mit Lust und nicht ohne Erfolg geschlagen. (Sale, Preliminary Discourse, p. 142, 143).. Der Herr der Heerscharen zog den Juden in eigener Person voran: wenn sich eine Stadt ihren Aufforderungen widersetzte, dann wurden die Männer ohne Unterschied mit dem Schwerte niedergemetzelt: Kanaans sieben Völker wurden bis auf den letzten Mann vertilgt, und keine Reue, keine Bekehrung konnte sie vor den unausweichlichen Verhängnis retten, dass kein Geschöpf in ihres Landes Umkreis am Leben bleiben sollte.

Mohammed überließ seinen Feinden immerhin die freie Wahl zwischen Freundschaft, Unterwerfung oder offener Feldschlacht. Bekannten sie sich zum Islam, dann erhielten sie auch Zugang zu den weltlichen und spirituellen Wohltaten seiner ersten Schüler und marschierten unter demselben Banner, um die Religion auszubreiten, die sie soeben angenommen hatten. Mohammeds Milde war von Eigeninteressen bestimmt; nur selten trat er auf einen am Boden liegenden Feind ein, und er scheint sogar zugesichert zu haben, dass die weniger Schuldigen unter seinen ungläubigen Untertanen ihrem Gottesdienst oder wenigsten ihrem Bekenntnis gegen eine Tributzahlung obliegen durften.

Schon in den ersten Monaten seiner Herrschaft übte er die Regeln des Heiligen Krieges ein und entfaltete sein weißes Banner vor den Toren Medinas. In neun Schlachten oder Belagerungen focht der kriegerische Gottesgesandte persönlich Abulfeda, in Vit. Moham. p. 156. Die persönliche Waffenkammer des Apostels enthielt neun Schwerter, drei Lnazen, sieben Piken oder Halb-Piken, einen Köcher, drei Bögen, sieben Panzer, drei Schilde und zwei Helme (Gagnier, tom. III, p. 328-334), dazu eine weiße Standarte und ein schwarzes Banner (p. 335) und zwanzig Pferde (p. 322f). Außerdem hat die Tradition zwei seiner kriegerischen Aussprüche überliefert. mit; in zehn Jahren führten er oder seine Unterbefehlshaber nicht weniger als fünfzig Kriegsunternehmungen aus. Auch übte sich der Araber weiterhin in dem Zwillings-Gewerbe des Handels und des Straßenraubes; und seine kleinen Streifzüge zum Schutze von oder Angriff auf Karawanen machte sie ganz unmerklich für größere Aufgaben tüchtig, nämlich für die Eroberung Arabiens. Die Teilung der Beute erfolgte nach einem göttlichen Gesetz Der gelehrte Reland hat den Gegenstand de iure belli Mohammedanorum in einer gesonderten Abhandlung erschöpfend bearbeitet (Dissertationes Miscellaneae, tom. III, Dissertat. X. p. 3-53).: Der gesamte Raub wurde getreulich auf einen großen Haufen zusammengeworfen; ein Fünftel des Goldes und des Silbers, der Gefangenen und des Viehs, der beweglichen und unbeweglichen Habe blieb dem Propheten zu frommen oder mildtätigen Zwecken vorbehalten; der Rest ging zu gleichen Teilen an die Krieger, die den Sieg erfochten oder das Lager bewacht hatten; der Anteil, den die Gefallenen erhalten hätten, ging an ihre Witwen und deren Halbwaisen; und um die Vergrößerung der Kavallerie zu befördern, wurde für Mann und Ross ein doppelter Anteil festgesetzt.

Von allen Seiten strömten die halbnomadischen Araber unter die Fahne der Religion und des Raubes; auch hatte der Apostel die Erlaubnis geheiligt, die weiblichen Gefangenen als ihre Frauen oder Beischläferinnen zu behalten, und dieser doppelte Genuss von Reichtum und Schönheit war ein kleiner Vorgeschmack auf die wahren Freuden des Paradieses. »Das Schwert,« so sprach Mohammed, »ist der Schlüssel zum Himmel oder zur Hölle: ein Tropfen Blut, der für die Sache Gottes vergossen wurde, eine Nacht, die in Waffen zugebracht wurde, wiegen schwerer als zwei Monate Fasten und Beten. Wer immer in der Schlacht fällt, dessen Sünden sind vergeben; am Tage der Gerichtes werden seine Wunden glänzen wie Rubin, und sie werden wohlriechend sein wie Moschus; und wem auch Arme oder Beine verloren sein mögen, sie werden alle ersetzt durch die Flügel der Engel und Cherubim.« So wurden die unerschrockenen Seelen der Araber durch Enthusiasmus zusätzlich befeuert, ihre Phantasie malte sich lebhaft das Bild der unsichtbaren zukünftigen Welt aus, und der Tod, den sie bis dahin ohnehin verachtet hatten, wurde jetzt sogar zum Ziel ihrer Wünsche und Hoffnungen. Der Koran schärft ja die Lehre vom Schicksal und Vorherbestimmung aufs nachdrücklichste ein, die allerdings jeden Fleiß und alle Tugend sinnlos machen und zugrunde richten müssten, wenn Menschenwerk durch einen rein spekulativen Glauben geleitet würde. Doch hat der Einfluss dieser Glaubensartikel zu allen Zeiten den Mut der Sarazenen und Türken erhöht. Mohammeds erste Gefährten zogen mit einem furchtlosen Gottvertrauen in die Schlacht: Wo es keinen Zufall gibt, gibt es auch keine Gefahr; ob sie nun in ihren Betten sterben oder mitten unter den Geschossen ihrer Feinde unverletzt davonkommen würden, das war vorherbestimmt Die Lehre von der ansoluten Vorherbestimmung (Prädestination), hinsichtlich der sich nur wenige Religionen etwas vorzuwerfen haben, wird im Koran (Sure 3,4 mit den Anmerkungen von Sale und 17 mit denen von Maracci) ausdrücklich vertreten. Reland (de Relig. Moham. p. 61-64) und Sale (Prelim. Discourse, p. 103) berichten von den Meinungen der Religionsgelehrten und unsere neueren Reisenden von dem Zutrauen, dem nachlassenden Zutrauen der Türken)..

 

VERTEIDIGUNGSKRIEG GEGEN DIE KOREISCHITEN AUS MEKKA

Vielleicht hätten sich die Koreischiten in Mekka mit der Flucht Mohammeds zufrieden gegeben, wenn sie nicht durch die Rache eines Feindes in Unruhe und Zorn versetzt worden wären, welcher ihren Syrienhandel – der Hin- und Rückweg führte durch das Gebiet von Medina – vollständig unterbinden konnte. Abu Sophian begleitete an der Spitze von nur dreißig oder vierzig Mann Geleitschutz eine sehr wertvolle Karawane von etwa eintausend Kamelen. Durch Glück oder durch Wachsamkeit entging dieser Zug der Nachstellung des Propheten, doch war dem Häuptling der Koreischiten Kunde geworden, dass die heiligen Buschräuber im Hinterhalt seine Rückkehr abwarteten. Sogleich fertigte er einen Boten an seine Brüder nach Mekka ab; und jedermann machte sich auf in der Sorge, seine Waren und Lebensmittel zu verlieren, wenn nicht die Stadt mit vollständiger Kriegsmacht zu Hilfe eile. Mohammeds heilige Schar bestand aus dreihundertunddreizehn Moslems, unter denen siebenundsiebzig Flüchtlinge waren, sowie den restlichen Verbündeten. Abwechselnd ritten sie auf siebzig Kamelen (die Kamele von Yathreb gelten im Kriege als ein Schrecknis); aber so arm waren die Jünger Mohammeds, dass lediglich zwei von ihnen zu Pferde im Feld erscheinen konnten Al Jannabi (bei Gagnier, Band II, p.9) gönnt ihm 70-80 Reiter. Und bei zwei früheren Gelegenheiten als dem Treffen bei Ohud lässt er ihn einen Haufen von 30 (p. 10) und 500 (p. 66) Reitern anwerben. Doch hatten die Moslems in der Kamelschlacht von Ohud nicht mehr als zwei Pferde. In dem sog. steinigen Arabien gab es viele Kamele, doch Pferde waren da weniger zu Hause als im glücklichen oder wüsten Arabien..

 

DAS GEFECHT VON BEDER 623

In dem fruchtbaren und bekannten Tal von Beder Beder Houneene, 20 Meilen von Medina und 40 von Mekka liegt auf der gewöhnlichen Fernstraße der ägyptischen Karawanen; und die Pilger feiern noch heute jährlich das Andenken an den Sieg des Propheten, durch allerlei Illumonationen, Raketen usw. Shaw, Travels, p. 477)., drei Tagesreisen von Medina, erfuhr er von seinen Spähern, dass die Karawane von der einen und die Macht der Koreischiten, einhundert Reiter und achthundert Mann Fußvolk, von der anderen Seite herannahten. Nach kurzer Beratung ließ er die Aussicht auf reiche Beute fahren, und die Hoffnung auf Ruhm und Rache behielt die Oberhand. Eine kleine Verschanzung zur Deckung seiner Truppen und eines kleinen Baches mit Frischwasser wurde aufgeworfen. »O Herr,« rief er aus, da er die überlegenen Scharen der Koreischiten den Hügel niederwärts gehen sah, »wenn diese hier vernichtet werden, wer soll dich dann anbeten auf Erden? – Nur Mut, meine Kinder; schließt eure Reihen, schießt eure Pfeile ab und der Tag gehört uns.« Mit diesen Worten stellte er sich zusammen mit Abubeker auf einen Thron oder eine Art Kanzel Der Ort, an dem sich Mohammed während des Kampfes aufhielt, beschreibt Gagnier (in Abulfeda, c. 27, p. 58. Vie de Mahomet, tom. II, p. 30, 33) Umbraculum, une loge de bois avec une porte. Dasselbe arabische Wort übersetzt Reiske (Annales Moslemici Abulfedae, p. 23) mit Solium, Suggestus editior (Thron, über die Anhöhe emporragend); der Unterschied ist für die Ehre des Übersetzers und des Helden entscheidend: Es tut mir weh, den Stolz und die Bitternis feststellen zu müssen, mit denen Reiske seinen Fachkollegen tadelt: Saepe sic vertit, ut integrae paginae nequeant nisi una litura corrigi Arabice non satis callebat, et carebat iudicio critico. (Oft übersetzt er so, dass unverderbte Seiten nur noch durch Streichen gerettet werden können; Arabisch kennt er nur unvollkommen, und über ein kritisches Urteil verfügt er nicht). J. J. Reiske, Prodidagmata ad Hagji Chalisae Tabulas, p. 228, ad calcero Abulfedae Syriae Tabulae; Lipsiae, 1766. und flehte um die sofortige Hilfe von Gabriel und dreitausend Engeln. Sein Blick war auf das Schlachtfeld gerichtet: allmählich ermatteten die Muselmanen und gerieten in Bedrängnis; in diesem entscheidenden Augenblick sprang der Prophet von Thron auf, bestieg sein Pferd und warf eine Handvoll in die Luft mit den Worten: »Lasse ihre Gesichte verwirrt sein!« Beide Armeen hörten seine Donnerstimme, ihre Phantasie erblickte himmlische Heerscharen Die unbestimmte Ausdrucksweise des Koran (Sure 3 und 8) erlaubt den Kommentatoren, zwischen den Zahlen 1000, 3000 oder 9000 Engeln zu schwanken; und noch die geringste dieser Stärken wäre hinreichend gewesen, 70 Koreischiten zu töten (Maracci, Alcoran, tom. II, p. 131). Doch gestehen diese Gelehrten auch ein, dass die Engels-Schar keines Sterblichen Auge sichtbar gewesen war (Maracci, p. 297); sie berufen sich auf die Worte (Sure 8,16) »nicht du, sondern Gott« usw. (D'Herbelot. Bibliot. Orientale p. 600, 601).: da entsetzten sich die Koreischiten und flohen. Siebzig ihrer Tapfersten fielen, und siebzig Gefangenen zierten den ersten Sieg der Gläubigen. Die Leichen der Koreischiten wurden gefleddert und mit Schimpf behandelt, zwei der prominentesten Gefangenen wurden hingerichtet, und die viertausend Drachmen Silber Lösegeld für die Gefangenen waren für die entkommene Karawane eine unverächtliche Entschädigung. Aber ganz umsonst suchten die Kamele des Abu Sophian einen neuen Weg durch die Wüste und am Euphrat entlang: Die Wachsamkeit der Moslems kam ihnen zuvor, und die Beute muss sehr üppig gewesen sein, wenn der für den Gottgesandten zurückgelegte Beutanteil zwanzigtausend Drachmen betrug.

 

DAS TREFFEN BEI OHUD 623

Zorn über den persönlichen Verlust und die Einbuße des Staates bestimmte Abu Sophian, ein Kontingent von dreitausend Mann – davon siebenhundert gepanzert und zweihundert zu Pferde – aufzustellen; dreitausend Kamele folgten dem Zug; seine Gattin Henda und fünfzehn Matronen aus Mekka ließen unverdrossen die Zimbeln ertönen, den Mut der Truppen zu befeuern und den Ruhm Habals zu mehren, die volkstümlichste Gottheit in der Kaaba. Das Feldzeichen Gottes und des Propheten wurde von neunhundertundfünfzig Gläubigen empor gehalten; das Missverhältnis der Mannschaftsstärke beunruhigte sie ebenso wenig wie bei dem Gefecht von Beder, und ihre Siegesgewissheit war sogar noch stärker als die Einsicht des Propheten in die unsicheren menschlichen und göttlichen Belange. Die zweite Schlacht ward am Berge Ohud ausgefochten, sechs Meilen nördlich von Medina Geographia Nubiensis, p. 47.; die Koreischiten griffen in der Form eines Halbmondes an; der rechte Flügel der Reiterei wurde angeführt von Caled, dem kühnsten und zugleich erfolgreichsten arabischen Krieger. Mohammeds Truppen waren taktisch geschickt an einem Berghang aufgestellt, und eine Abteilung von fünfzig Bogenschützen gab ihnen Rückendeckung. Die Wucht ihres Angriffes durchbrach das Zentrum der Götzendiener, aber während der Verfolgung verloren sie ihren Geländevorteil: die Bogenschützen verließen ihre Stellung, auf Beute begierig, gehorchten ihrem General nicht mehr und zerstreuten sich. Der kühne Caled machte mit seiner Reiterei einen Schwenk in ihre Flanke und ihren Rücken und rief mit lauter Stimme, dass Mohammed tot sei.

In der Tat war er von einem Wurfspieß verwundet, zwei Zähne von einem Stein zerschlagen; doch noch mitten im Tumult und Schlachtenlärm fluchte er über die Ungläubigen, die sich nicht scheuten, einen Propheten zu ermorden und segnete die freundliche Hand, die das Blut stillte und ihn zu einem sicheren Platz geleitete. Siebzig Märtyrer starben für die Sünden des Volkes: sie fielen, sprach der Apostel, in Paaren, jeder Arm in Arm mit seinem erschlagenen Bruder In der 3. Sure nennt der Prophet ein paar dürftige Gründe für die Niederlage bei Ohud.. Ihre Leichen wurden von den unmenschlichen Weibern von Mekka misshandelt, die Frau des Abu Sophian kostete sogar von den Eingeweiden des Hamza, Mohammeds Onkel. Mochten sie ihre Götzen preisen und ihrer Wut freien Lauf lassen: die zerstreuten Moslems sammelten sich noch auf dem Feld, während es den Koreischiten an Mut und an Mannschaften fehlte, die Belagerung von Medina zu unternehmen.

 

FELDZUG DES GRABENS ODER DER VÖLKER 625

Erst im folgenden Jahr wurde Medina von einem Heer von zehntausend Mann angegriffen; und dieser dritte Feldzug wird unterschiedlich benannt, entweder Krieg der Völker, die unter der Fahne des Abu Sophian marschierten, oder Krieg des Grabens, wegen der Verschanzung, die das Lager der dreitausend Gläubigen und die Stadt umfasste. Mohammed lehnte weislich eine allgemeine Entscheidungsschlacht ab; im Zweikampf zeichnete sich Alis Tapferkeit aus; der Krieg selbst zog sich zwanzig Tage hin, als die Verbündeten sich vollständig getrennt hatten. Ein Unwetter mit Sturm, Regen und Hagel zerfetzte ihre Zelte, ein hinterlistiger Gegner nährte ihre aufkeimenden Zwistigkeiten, und die Koreischiten, von allen Bundesgenossen im Stich gelassen, ließen die Hoffnung fahren, den Thron ihres unbezwinglichen Gegners zu stürzen oder seinen Eroberungszügen Einhalt zu gebieten Einzelheiten dieser drei Koreischiten-Kriege, die unter dem Namen der Feldzüge von Beder, von Ohud und vom Graben bekannt sind, findet man bei Abulfeda, (p. 56-61, 64-69, 73-77), Gagnier (tom. I, p. 23-45, 70-96, 120-139) nebst den zugehörigen Artikeln aus d'Herbelots Bibl Orient. und den Auszügen von Elmacin (Hist. Saracen. p. 6, 7) und Abulpharagius, (Dynast. p. 102.).

 

UNTERWERFUNG DER JUDEN ARABIENS 623-627

Die Wahl von Jerusalem zur ersten Kebla des Gebetes offenbart die ursprüngliche Geneigtheit Mohammeds für das jüdische Volk; und glückhaft wäre es für ihre weltlichen Interessen gewesen, wenn sie in dem arabischen Propheten die Hoffnung Israels und den verheißenen Messias erkannt hätten. Mit ihrer Verstocktheit machten sie seine freundschaftlichen Gefühle zu einem unverwelklichen Hass, den er diesen unglückseligen Volke bis zum letzten Atemzug widmete; und in seiner doppelten Rolle als Gottesgesandter und Eroberer dehnte er seine Verfolgung auch noch auf beide Welten aus Die Feldzüge Mohammeds gegen die jüdischen Stämme der Kainoka, Nadhirites, Koraidha und Chaibar erzählen Abulfeda (p. 61, 71, 77, 87ff.) und Gagnier, (tom. II, p. 61-65, 107-112, 139-148, 268-294).. Einer ihrer Stämme, die Kainoken, siedelte in Medina unter dem Schutz der Stadt; bei Gelegenheit eines zufälligen Tumultes forderte er sie auf, seine Religion anzunehmen oder sich mit ihm in einer Schlacht zu messen. »Wehe!,« so riefen die bebenden Israeliten aus, »wir verstehen uns durchaus nicht auf die Waffen; aber wir wollen unbedingt dem Glauben und Gottesdienst unserer Väter treu bleiben. Warum nur willst du uns in eine Notwehrsituation zwingen?« Nach fünfzehn Tagen war der ungleiche Konflikt beendet. Und nur mit äußerstem Widerwillen gab Mohammed der Fürsprache seiner Anhänger nach und ließ die Gefangenen wenigstens am Leben; ihr Besitz wurde ihnen fortgenommen, ihre Waffen wurden den Moslems ausgeliefert, wo man sie mit mehr Erfolg gebrauchen mochte; und eine unglückselige Kolonie von siebenhundert Exilierten musste an der syrischen Grenze um eine neue Heimstatt flehen.

 

GEGEN DIE NADHIRITEN UND KOREISCHITEN

Die Verbannung der Nadhiriten war nicht ganz so willkürlich, denn sie hatten sich verschworen, den Propheten anlässlich einer friedlichen Zusammenkunft zu ermorden. Drei Meilen vor Medina ließ Mohammed ihre Festung belagern. Infolge ihrer entschlossenen Verteidigung konnten sie eine glorreiche Kapitulation erzwingen: Die Garnison durfte unter Trompetenschall und Paukenschlag unter militärischen Ehren abziehen.

Den Krieg der Koreischiten hatten die Juden durch Aufwiegelung und außerdem durch direkte Unterstützung angezettelt: kaum waren die Völker vom Graben abgezogen, setzte sich Mohammed noch am selben Tag und ohne die Rüstung auch nur abgelegt zu haben, wieder in Marsch, die feindlichen jüdischen Kinder Koraidha zu vertilgen. Nach fünfundzwanzig Tagen ergaben sie sich auf Gnade und Ungnade. Sie hatten auf die Fürbitte ihrer Verbündeten aus Medina gesetzt; doch sie hätten eigentlich wissen müssen, das religiöser Fanatismus menschliche Gefühle abtötet. Es war ein ehrbarer Greis, auf dessen Urteil sie hofften und der dann ihr Todesurteil aussprach: Siebenhundert Juden wurden in Ketten auf den Marktplatz geschleppt; dort stiegen sie in eine Höhle hinab, die zum Ort ihrer Hinrichtung und ihres Begräbnisses vorbereitet worden war. Und der Gesandte Gottes sah der Ermordung seiner hilflosen Feinde ungerührt zu. Ihre Schafe und Kamele wurden unter Mohammeds Anhängern verteilt. Der Teil der Beute mit dem höchsten Gebrauchswert waren dreihundert Harnische, fünfhundert Piken und eintausend Lanzen.

 

GEGEN DIE STADT CHAIBAR

Sechs Tagesreisen nordöstlich von Medina lag die alte und wohlhabende Stadt von Chaibar, das Zentrum der jüdischen Macht in Arabien. Es war ein fruchtbares Gebiet inmitten der Wüste, mit üppigen Pflanzungen und zahlenstarken Herden, zugleich durch Festungen geschützt, von denen einige als uneinnehmbar galten. Mohammeds Streitkräfte bestanden aus zweihundert Mann zu Pferde und vierzehnhundert zu Fuß: In acht aufeinander folgenden schweren und bitteren Belagerungen waren sie tödlichen Gefahren, der Erschöpfung und dem Hunger ausgesetzt, und selbst die kühnsten Heerführer verzweifelten am Erfolg. An dem Vorbild Alis richtete der Apostel ihren Mut und ihre Zuversicht wieder auf; er nannte ihn »Löwe des Herrn«. Wir können ja allenfalls glauben, dass er mit seinem geweihten Schwert einen Hebräer von riesenhaftem Wuchs mitten durchschlug; aber wenn die romantische Legende der Araber ihn den Torflügel einer Festung aus den Angel heben und als gewaltigen Schild mit der Linken gebrauchen lässt, dann können wir ihre erzählerische Zurückhaltung nicht eben rühmen Abu Rafe, Mohammeds Diener, soll zusammen mit sieben anderen Männern hinterher versucht haben, eben diesen Torflügel vom Boden aufzuheben (Abulfeda, p. 90). Abu Rafe war ja nun ein Augenzeuge; aber wer möchte wohl für Abu Rafe in den Zeugenstand treten?. Nach der Zerstörung der Festungen unterwarf sich die Stadt Chaibar. Im Beisein Mohammeds wurde der Stammeshäuptling gefoltert, um das Versteck seiner Schätze preiszugeben. Es wurde übrigens der Fleiß dieser Juden im Ackerbau und in der Viehzucht durch eine wandelbare, nur von dem Willen des Siegers abhängige Maßnahme belohnt: man erlaubte ihnen, solange es dem Eroberer eben gefiel, ihren Besitz zu vermehren, und dem Propheten von dem Gewinn die Hälfte abzugeben. Unter der Herrschaft von Omar wurden die Juden nach Syrien verbracht; hierzu berief sich der Kalif auf den Wunsch seines sterbenden Gebieters, dass in Arabien, seinem Heimatland, eine und nur eine, die wahre Religion, gelebt werden dürfe Die Verbannung der Juden wird bestätigt von Elmacin (Hist. Saracen, p. 9) und dem großen Al Zabari, (Gagnier, tom. II, p. 285). Doch Niebuhr (Description de l'Arabie, p. 324) meint, dass die jüdische Religion und die Glaubenslehre der Kareiten noch heute vom Stamm der Chaibar bekannt werden; und dass, wenigstens beim Plündern der Karawanen, die Jünger Moses' und die Jünger Mohammeds wie Verbündete agierten..

 

EROBERUNG VON MEKKA 629

Fünfmal am Tage richtete Mohammed seine Augen gen Mekka Die Folge der einzelnen Etappen, die zu der Eroberung von Mekka führten, erzählen Abulfeda (p. 84-87, 97-100, 102-111), Gagnier, (tom. II, p. 202-245, 309-322, tom. III, p. 1-58), Elmacin, (Hist. Saracen. p. 8, 9, 10) und Abulpharagius, (Dynast. p. 103)., und die allerheiligsten und stärksten Beweggründe bestimmten ihn, als ein Eroberer die Stadt und den Tempel zu betreten, die er vormals als ein Verbannter hatte verlassen müssen. Der Gedanke an die Kaaba verfolgte ihn Tag und Nacht, ein müßiges Traumgesicht wurde ihm zu einer Prophezeiung und Vision; er entrollte das heilige Banner, und ein etwas vorschnelles Erfolgsversprechen kam dem Gottesgesandten über die Lippen. Sein Zug von Medina nach Mekka nahm sich aus wie eine ruhige, prächtig aufgeputzte Pilgerreise: siebzig ausgesuchte und zum Opfer bestimmte Kamele gingen voraus; die Heiligkeit der Landes wurde geschont und respektiert, und die Gefangenen wurden ohne Lösegeld entlassen, auf dass sich der Ruf seiner Milde festige. Kaum aber war Mohammed in der Ebene, nur noch eine Tagesreise von Mekka entfernt, so rief er aus: »Sie haben sich in Tigerfelle gekleidet.« Die Koreischiten stellten sich seinem Fortschritt entgegen, entschlossen und an Zahl überlegen; und nur allzu leicht hätten die streifenden Wüstenbewohner einen Anführer verlassen oder sogar verraten klönnen, welchem sie in Erwartung von Beute gefolgt waren. Da wurde aus dem unerschrockenen Fanatiker ein eiskalter und berechnender Staatsmann; im Verlaufe der Unterredung ließ er den Titel eines von Gott Gesandten fallen; schloss mit den Koreischiten und ihren Verbündeten einen zehnjährigen Waffenstillstand, verpflichtete sich schließlich, die Flüchtlinge von Mekka, die seine Religion annehmen würden, wieder auszuliefern und verlangte für sich lediglich das demütige Recht, im folgenden Jahre die Stadt als ein Freund zu besuchen und drei Tage verbleiben zu dürfen, um die Zeremonie einer Wallfahrt zu verrichten. Die Muslime zogen sich zurück, tief beschämt und kummervoll; und ihre betrogenen Hoffnungen hätten sie durchaus zu Vorwürfen gegen den Propheten berechtigt, der sich sonst gerne auf die Beweiskraft des glücklichen Erfolges berufen hatte.

 

KALED UND AMRU – DER PROPHET HÄLT EINZUG IN MEKKA.

Aber der Glaube und die Hoffnung der Pilgersleute wurden durch den Anblick Mekkas neuerlich entzündet. Ihre Schwerter ruhten in den Scheiden; und siebenmal gingen sie, den Wegen des göttlichen Gesandten folgend, um die Kaaba herum. Die Koreischiten hatten sich inzwischen auf die benachbarten Hügel zurückgezogen, Mohammed indessen räumte nach den rituellen Opfern vier Tage später die Stadt. Das Volk erbaute sich an seiner Andacht, die feindlichen Anführer wurden eingeschüchtert, isoliert oder bekehrt, und Kaled und Amru, die später Syrien und Ägypten erobern sollten, verließen genau zum passenden Zeitpunkt die Sache der untergehenden Götzenreligion. Da die arabischen Stämme sich unterwarfen, wurde Mohammeds Macht größer; zehntausend Mann sammelten sich, Mekka zu erobern, und die Götzendiener, inzwischen die schwächere Partei, war leicht der Verletzung des Waffenstillstandes überführt. Religiöser Enthusiasmus und militärische Zucht beschleunigten die Marschleistung und bewahrten das Geheimnis, bis das Leuchten von zehntausend Feuern den bestürzten Koreischiten den Plan, den Anmarsch und die unwiderstehliche Macht des Feindes enthüllte. Abu Sophian, der Stolze, händigte den Schlüssel der Stadt aus; staunte über die verschiedenartigen Waffen und Heerzeichen, die an ihm vorüberzogen, stellte fest, dass der Sohn des Abdallah ein mächtiges Königreich zu Eigen hatte, und legte, den Säbel Omars über sich, das Bekenntnis ab, dass Mohammed der Prophet des einzigen Gottes sei.

Die Rückkehr von Marius und Sulla wurde durch römisches Blut besudelt; Mohammeds Rachegelüste war durch religiöse Motive noch mehr aufgereizt, und seine gekränkten Anhänger warteten nur auf den Befehl zu einem allgemeinen Blutbad, waren sogar geneigt, ihm zuvorzukommen. Doch anstelle ihnen und der Stimme des Fanatismus Das Schauspiel »Mahomet« von Voltaire ersinnt nach der Eroberung von Mekka die schaurigsten Verbrechen. Der Dichter gesteht selbst ein, dass er hierbei nicht von der historischen Faktenlage unterstützt wird und beruft sich darauf, que celui qui fait la guerre a sa patrie au nom de Dieu, est capable de tout, (...dass der, wer im Namen Gottes Krieg gegen sein Vaterland führt, zu allem fähig ist...Oeuvres de Voltaire, tom. XV, p. 282). Dieser Grundsatz ist weder menschenfreundlich noch philosophisch; und auch der Dichter ist dem Ruf der Helden und der Religion von Völkern eine gewisse Reverenz schuldig. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, war dem damaligen türkischen Botschafter eine Aufführung dieses Voltaire-Dramas höchst befremdlich. Gehör zu schenken, vergab der siegreiche Rückkehrer aus dem Exil das frühere Unrecht und trug vielmehr Sorge dafür, dass die verschiedenen Parteiungen zu Mekka sich miteinander versöhnten. In drei Abteilungen marschierten seine Truppen in die Stadt ein; achtundzwanzig Einwohner erschlug Kaled mit der Schärfe des Schwertes; elf Männer und sechs Frauen wurden durch Mohammeds Urteilsspruch geächtet; doch tadelte er die Grausamkeit seines Unterfeldherren, und mehrere der Hauptschuldigen verdankten ihr Leben seiner Milde oder seiner – Verachtung. Die Ältesten der Koreischiten lagen im Staube, ihm zu Füßen; »Welche Gnade könnt ihr wohl erwarten von einem Manne, dem ihr Unrecht zugefügt habt?« – »Wir vertrauen der Großmut unseres Stammesverwandten.« – »Und dies soll nicht vergeblich geschehen sein: so geht! Ihr seid in Sicherheit, ihr seid frei.« – Das Volk von Mekka verdiente sich seine Begnadigung, indem es zum Islam konvertierte, und so thronte nach sieben Jahren der Verbannung der geflüchtete Glaubensbote als Fürst und Prophet in seiner Vaterstadt Die mohammedanischen Religionslehrer sind sich bis heute uneins, ob Mekka durch Gewalt oder durch Kapitulation genommen wurde. (Abulfeda, p. 107, et Gagnier ad locum); und dieser Diskurs ist für sie ebenso bewegend wie unserer über Wilhelm den Eroberer.. Die dreihundertundsechzig Götzen in der Kaaba wurden schimpflich zertrümmert: das Gotteshaus wurde gereinigt und ausgeschmückt; und um künftigen Generationen ein Beispiel zu geben, erfüllte der Prophet neuerlich Pilgerpflichten; endlich trat ein ewigwährendes Gesetz in Kraft, dass kein Ungläubiger es jemals wagen solle, seinen Fuß in die Heilige Stadt zu setzen Bezüglich der Ausschließung der Christenmenschen von der Halbinsel Arabien, der Provinz Hejaz und der Seefahrt auf dem Roten Meer sind Chardin (Voyages en Perse, tom. IV, p. 166) und Reland (Dissertat. Miscell. tom. III, p. 61) noch strenger als die Moslems selber. In den Häfen von Mocha und selbst von Gedda können Christen ohne Bedenken anlegen; nur die Stadt Mekka und ihre Umgebung ist für Ungläubige tabu. (Niebuhr, Description de l'Arabie, p. 308, 309, Voyage en Arabie, tom. I, p. 205, 248, &c)..

 

EROBERUNG VON ARABIEN 629-632

Die Eroberung von Mekka entschied endgültig über den Glauben und die Gehorsamspflicht der arabischen Stämme Abulfeda, p. 112-115. Gagnier, tom. III, p. 67-88. D'Herbelot, Mohammed., welche sich entsprechend den Wechselfällen des Glücks oder des Krieges oder auch der Beredsamkeit des Propheten bekehrt hatten oder auch uneinsichtig geblieben waren. Gleichgültigkeit gegenüber den Ritualen und Lehrmeinungen ist noch heute charakteristisch für die Beduinen, und vielleicht nahmen sie damals die Lehre des Korans ebenso oberflächlich an, wie sie sie heute bekennen. Aber einige verstockte Stämme hingen noch immer der Religion und der Freiheit ihrer Vorfahren an, und der Krieg des Honain wurde ganz zutreffend nach den Götzenbildern benannt, welche Mohammed zu zerstören und die Verbündeten von Tayef zu schützen feierlich geschworen hatten Die Belagerung von Tayef, die Beuteverteilung usw. werden von Abulfeda (p. 117-123) und Gagnier, (tom. III, p. 88-111) erzählt. Al Jannabi erwähnt die Kriegmaschinen und deren Bedienung aus dem Stamme der Daw. Der fruchtbare Landstrich bei Tayef wurde für ein syrisches Stück Land gehalten, welches von der Sintflut dorthin geschwemmt worden war.. Viertausend Heiden hatten sich heimlich und mit großer Eile auf den Weg gemacht, um den Eroberer zu überrumpeln; von der trägen Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit erwarteten sie sich nichts und verachteten sie nur; doch verließen sie sich auf die unausgesprochenen Wünsche und vielleicht sogar auf die tätige Hilfe des Volkes, das erst vor Kurzem seinen Göttern abgeschworen und sich unter ein fremdes Joch begeben hatte.

Der Prophet ließ die Banner von Medina und Mekka entfalten; eine Beduinenschar vergrößerte, wenn schon nicht die Schlagkraft, so doch die Größe seines Heeres, und zwölftausend Muselmanen überließen sich mit hochfahrendem und sündhafte Trutz dem Gefühl ihrer unüberwindlichen Macht. Ohne jede Deckung stiegen sie hinab in das Tal von Honain; die Anhöhen hatten die Bogenschützen und Schleuderer der Verbündeten besetzt; da wurde ihre Übermacht zuschanden, ihre Ordnung löste sich auf, ihr guter Mut war dahin, und die Koreischiten lächelten wegen der bevorstehenden Niederlage. Der Prophet auf seinem weißen Maultier war von Feinden rings umgeben, er versuchte, sich in Speere zu stürzen, um wenigstens einen Heldentod zu sterben, doch stellten sich zehn seiner treuesten Gefährten mit ihren Waffen und Leibern dazwischen: drei fielen tot zu seinen Füßen, und da rief er wiederholt aus, Kummer und Zorn in der Stimme: »O meine Brüder, ich bin Abdallas Sohn und ich bin der Apostel der Wahrheit! O Mensch, stehe im Glauben fest! O Gott, sende deine Hilfe herab!« Sein Onkel Abbas, welcher wie die homerischen Helden über eine gewaltige Stimme verfügte, ließ das Tal mit der Verkündigung der Gaben und Versprechen Gottes erbeben: von allen Seiten kehrten die fliehenden Moslems zu ihrer heilige Standarte zurück, und mit Freuden bemerkte Mohammed, dass sich das Feuer erneut entzündete. Durch sein Auftreten und durch sein Vorbild wurde die Schlacht wieder hergestellt, und etwas später ermunterte er seine siegreichen Mannen, an den Verursachern ihrer Schande gnadenlose Rache zu nehmen.

Vom Schlachtfeld im Tale Honain marschierte er ohne Verweilen sechzig Meilen südöstlich von Mekka zu der Belagerung von Tayef, einer starken Festung, dessen fruchtbare Ländereien mitten in der arabischen Wüste die Früchte Syriens hervorbrachten. Ein befreundeter Stamm, erfahren in der Kunst der Belagerung (ich weiß nicht, wodurch), versah ihn mit einer Anzahl von Mauerbrechern und anderem Kriegsgeräte sowie fünfhundert Ingenieuren. Vergeblich bot er den Sklaven von Tayef die Freiheit; dann brach er seine eigenen Gesetze und ließ die Fruchtbäume fällen, das Gelände wurde unterminiert und eine Bresche von den Truppen bestürmt. Nach zwanzigtägiger Belagerung ließ der Prophet zum Rückzug blasen; aber der Rückzug geschah unter frommen Triumphgesängen, und überhaupt erweckte er den Anschein, dass er für die Reue und das Heil dieser ungläubigen Stadt Fürbitte einlege. Die Beute dieses glücklichen Feldzuges belief sich auf sechstausend Kamele, vierundzwanzigtausend Kamele, vierzigtausend Schafe und viertausend Unzen Silber. Einer der Stämme, der bei Momin gekämpft hatte, löste seine Gefangenen aus, indem er seine Götzen opferte; doch Mohammed ersetzte den Kriegern diesen Verlust, indem er ihnen ein Fünftel des Raubes überließ und zugleich um ihretwillen wünschte, er besäße ebenso viel Stück Vieh, wie es Nutzbäume in der Provinz Tehama gebe. Statt die Koreischiten für ihre unverhohlene Abneigung zu bestrafen, war er darum bemüht, ihnen (so sein eigener Ausdruck) »die Zunge herauszuschneiden« und die Anhänglichkeit der so zum Schweigen gebrachten durch eine überdurchschnittlich hohe Freigebigkeit zu festigen: Abu Sophian allein bekam dreihundert Kamele und zwanzig Unzen Silber, und Mekka bekehrte sich aufrichtig zu der durchaus einträglichen Religion des Koran.

Die Flüchtlinge und Hilfsvölker führten nun allerdings Klage, dass sie, welche die Hauptlasten getragen hätten, in der Stunde des Sieges leer ausgingen. »Ach,« so rief er raschbedacht, »gesteht es mir zu, diese, die eben noch Feinde waren, diese Proselyten von zweifelhafter Glaubensfestigkeit, mir durch Gewährung einiger weltlichen Güter zu Freunden zu machen. Euch vertraue ich mein Leben und mein Glück. Ihr seid meine Gefährten, in der Verbannung, in meinem Königreich, im Paradies.« – Die Abgesandten von Tayef, wo man vor einer zweiten Belagerung bangte, folgten ihm nach. »Gewähre uns doch, o Apostel Gottes, eine Waffenruhe auf drei Jahre zusammen mit der Duldung unseres hergebrachten Gottesdienstes.« – »Keinen Monat, nicht eine Stunde.« – »Dann erlasse uns wenigstens die Gebete.« – »Ohne Gebete hilft Religion zu gar nichts.« Sie gaben nach, indem sie stille schwiegen: Ihre Tempel wurden zerstört, und dasselbe Vernichtungsurteil gegen alle anderen Götzen Arabiens wurde vollzogen. An den Küsten des Roten Meeres, des Indischen Ozeans und des Persischen Meerbusens tönte den vom Propheten ausgesandten Unterfeldherren der Freudenjubel des gläubigen Volkes entgegen; die Gesandten, die vor dem Throne zu Medina knieten, waren nach einem arabischen Sprichwort so zahlreich wie die Datteln, die in der Reifezeit von der Palme herunterfallen. Das Volk unterwarf sich Gott und dem Szepter Mohammeds; die peinliche Bezeichnung »Tribut« wurde abgeschafft, die gern oder auch nicht gern gegebenen Almosen und Opfer wurde für religiöse Zwecke verwendet, und einhundertundvierzehntausend Moslems begleiteten die letzte Wallfahrt des Apostels Mohammes letzten Eroberungen und seine letzte Pilgerfahrt findet man bei Abulfeda, (p. 121, 133), Gagnier, (tom. III, p. 119-219), Elmacin, (p. 10, 11), Abulpharagius, (p. 103). Das Jahr IX der Hedschra nannte man das Jahr der Gesandtschaften (Gagnier, Not. ad Abulfed. p. 121.).

 

DER ERSTE KRIEG DER MOSLEMS GEGEN DAS RÖMISCHE REICH

Nachdem Heraklius aus dem Perserkrieg im Triumph zurückkehrt war, empfing er zu Emesa die Gesandten Mohammeds, der die Fürsten und Völker dieser Welt einlud, sich zum Islam zu bekehren. Vor diesen Hintergrund hat der arabische Religionseifer eine heimliche Konversion des christlichen Herrschers konstruiert, während christliche Eitelkeit sich einen persönlichen Besuch des Fürsten von Medina ausdachte, welcher von der kaiserlichen Großzügigkeit umfängliche Ländereien und einen gesicherten Ruhesitz in Syrien empfing Vergleiche hierzu den frömmelnden Al Jannabi (apud Gagnier, tom. II, p. 232-255) mit den nicht minder frömmelnden Griechen Theophanes, (p. 276-227), Zonaras (tom. II, 14, p. 86) und Cedrenus, (p. 421.). Doch war diese Freundschaft von Heraklius und Mohammed nur kurzlebig: Die neue Religion hatte die Freude der Sarazenen am Raub eher noch belebt als gedämpft, und die Ermordung eines Gesandten bot ihnen denn auch einen schicklichen Anlass, mit dreitausend Kriegern in Palästina östlich des Jordan einzufallen. Zeid wurde das heilige Banner anvertraut; und derartig durchschlagend waren die Disziplin und die Begeisterung dieser neuen Sekte, dass noch die angesehensten Clan-Chefs sich ohne Murmeln unter der Fahne von Mohammeds Sklaven sammelten. Für den Fall seines Todes wurde Jaafar und nach ihm Abdallah zum Heerführer bestimmt, und sollten alle drei im Kriege verderben, dann sollte sich das Heer selbst einen neunen General wählen dürfen. Die drei Anführer verloren allerdings in der Schlacht von Muta Zur Schlacht von Muta und ihren Folgen siehe Abulfeda (p 100-102) und Gagnier, (tom. II, p. 327-343). ihr Leben, der ersten kriegerischen Auseinandersetzung übrigens, bei der die Tapferkeit der Moslems erstmalig von einem auswärtigen Feind gefordert wurde. Zeid starb in der ersten Reihe einen Soldatentod; der Tod von Jaafar war heldenhaft und bleibt erinnerungswürdig: ihm wurde die rechte Hand abgeschlagen; er wechselte die Standarte in die Linke; die Linke wurde ihn vom Körper abgetrennt; da umklammerte er die Fahne mit den blutenden Stümpfen, bis er mit fünfzig ehrenvollen Wunden zu Boden sank. »Vorwärts,« schrie darauf Abdallah, der an den leeren Platz trat, »vorwärts mit Gottvertrauen: entweder ist der Sieg unser oder das Paradies.«

Eine römische Lanze traf für Abdallah die Entscheidung, doch wurde die sinkende Fahne von Kaled, dem Proselyten aus Mekka gerettet: neun Schwerter zerbrachen in seiner Hand, und seine Tapferkeit widerstand der numerischen Überlegenheit der Christen nicht nur, sondern schlug sie sogar noch zurück. Im nächtlichen Kriegsrat wurde er zum Oberkommandeur bestimmt; seine geschickten Truppenbewegungen am folgenden Tage sicherten den Sarazenen den Sieg oder doch wenigstens den erfolgreichen Rückzug; seitdem ist Kaled unter seinen Brüdern und Feinden bekannt unter dem rühmlichen Beinamen »Schwert Gottes.« Bei seinen öffentlichen Auftritten beschrieb Mohammed mit prophetischem Entzücken die gesegneten Märtyrerkronen; doch im häuslichen Kreis zeigte er menschliches Rühren. Man traf ihn an, wie er an der Seite von Zeids Tochter Tränen vergoss. »Was sehe ich denn da?« sagte der erstaunte Anhänger. »Du siehst,« antwortete der Gesandte Gottes, »einen Freund, der den Verlust seines treuesten Freundes beweint.«

Nach der Eroberung von Mekka ließ Mohammed die Neigung erkennen, den Zurüstungen des Heraklius zuvor zu kommen; feierlich erklärte er den Römern den Krieg, und er verhehlte die Gefahren und Schwierigkeiten dieses Unternehmens durchaus nicht Dieser Feldzug gegen Tabuk wird auch von unseren Historikern Abulfeda (Vit. Moham. p. 123-127) und Gagnier, (Vie de Mahomet, tom. iii. p. 147-163) vermerkt. Doch haben wir das Glück, in diesem Punkte auf die Originalzeugnisse (Koran, Sure 9) zurückgreifen zu können sowie auf die gelehrten und vernunftgesteuerten Anmerkungen von Sale.. Die Moslems ließen wenig Begeisterung erkennen; sie erzählten etwas von Mangel an Geld, Pferden und Vorräten, von der Erntezeit und der unerträglichen Hitze des Sommers: »In der Hölle ist es bedeutend heißer,« sagte der entrüstete Prophet. Er verzichtete auf eine Zwangsverpflichtung, doch wurden die Hauptschuldigen nach seiner Rückkehr mit fünfzigtägiger Exkommunikation belegt. Ihr Fernbleiben erhöhte die Verdienste des Abu Beker, Othmans und der treuen Gefährten, die ihr Vermögen und ihr Leben aufs Spiel setzten, und so entfaltete Mohammed seine Fahne an der Spitze von zehntausend Reitern und zwanzigtausend Mann Infanterie.

Die Not auf diesem Marsch war allerdings grausam: Durst und Erschöpfung wurden noch durch den glühenden Pesthauch der Wüstenwinde verschlimmert: zehn Mann ritten abwechselnd auf einem Kamel und waren am Ende sogar in der schrecklichen Notlage, das Wasser aus dem Bauche dieses nützlichen Tieres zu trinken. Auf halber Strecke, zehn Tagesetappen zwischen Damaskus und Medina, erholten sie sich in der Nähe des Brunnens und Haines von Tabuk. Nach weiter als bis hierher wollte Mohammed den Krieg nicht verfolgen: er erklärte, dass ihn die friedfertigen Absichten des oströmischen Kaisers zufrieden stellten, wenn ihn nicht vielmehr dessen kriegerische Maßnahmen beeindruckt hatten. Doch der unermüdliche und unerschrockene Kaled verbreitete wenigstens den Schrecken seines Namens, und der Prophet empfing die Unterwerfung der Stämme und Städte vom Euphrat bis nach Ailah an der Spitze des Roten Meeres. Seinen christlichen Untertanen bewilligte Mohammed ohne Vorbehalt persönliche Sicherheit, Handelsfreiheit, Eigentumsgarantie und Ausübung ihres Gottesdienstes Die Diploma securitatis Ailensibus werden von Ahmed Ben Joseph und dem Autor der Libri Splendorum (Gagnier, Not. ad Abulfedam, p. 125) bekräftigt; doch Abulfeda selbst und ebenso Elmacin, (Hist. Saracen. p. 11), denen Mohammeds Wertschätzung der Christen durchaus bekannt war (p.13), reden nur vom Frieden und Tribut. 1630 veröffentlichte Sionita zu Paris den Text und die Übersetzung von Mohammeds Patent zugunsten der Christen, welche von Salmasius und Grotius (Bayle, Mahomet, Rem. Aa.) je und je gebilligt bzw. verworfen werden. Hottinger bezweifelt seine Echtheit (Hist. Orient. p. 237); Renaudot beruft sich auf die Zustimmung der Moslems (Hist. Patriarch. Alex. p. 169); doch Mosheim (Hist. Eccles. p. 244) weist auf die schwachen Begründungen für die jeweiligen Meinungen und glaubt an eine Fälschung; doch Abulpharagius führt den Vertrag zwischen Mohammed und dem nestorianischen Patriarchen an (Asseman. Bibliot. Orient. tom. II, p. 418); doch Abulpharagius war Primas der Jakobiten.. Die Schwäche ihrer arabischen Glaubensbrüder hatte sie davon abgehalten, sich seinem Ehrgeiz zu widersetzen; die Jünger Jesu waren dem Feinde der Juden teuer, denn es lag im Interesse eines Eroberers, sich mit der mächtigsten Religion der Erde im guten Einvernehmen zu befinden.

 

MOHAMMEDS TOD – 3. JUNI 632

Bis in sein dreiundsechzigstes Lebensjahr war Mohammed den körperliche und geistigen Belastungen seiner Mission durchaus gewachsen. Sein epileptischen Anfälle – eine absurde Verleumdung der Griechen – wären eher ein Gegenstand des Mitleidens als des Abscheus Die Epilepsie oder Fallsucht Mohammeds wird von Theophanes, Zonaras und den übrigen Griechen behauptet und von der vulgären Bigotterie eines Hottinger, (Hist. Orient. p. 10, 11), Prideaux, (Life of Mahomet, p. 12) und Maracci, (tom. II, Alcoran, p. 762, 763) gierig aufgenommen. Die Überschriften zweier Koran-Suren (Der Verhüllte, der Bedeckte, 73 und 74) kann man zu solcher Auslegungen nicht einmal zwingen: das Stillschweigen und die vollständige Unkenntnis der islamischen Kommentatoren ist ein besserer Beweis für die Haltlosigkeit des Vorwurfs als jeder noch so ausdrückliche Widerspruch. Und auch Ockley, (Hist. of the Saracens, tom. I, p. 301,) Gagnier, (ad Abulfedam, p. 9. Vie de Mahomet, tom. I, p. 118) und Sale, (Koran, p. 469-474) treten der gemäßigteren Auffassung bei.; er selbst aber glaubte ganz ernsthaft, dass er in Chaibar dem Gift-Anschlag einer rachsüchtigen Jüdin zum Opfer gefallen war Dieses Gift (noch schimpflicher, da es zur Prüfung seiner hellseherischen Fähigkeiten beigebracht wurde) wird von seinen eifrigsten Anhängern Abulfeda (p. 92) und Al Jannabi, (apud Gagnier, tom. II, p. 286-288) unumwunden eingestanden.. Vier Jahre lang nahm die Gesundheit des Propheten ab, und die Schwächen des Alters mehrten sich. Die eigentliche Todesursache jedoch war ein zweiwöchiges Fieber, das ihm zeitweilig den Gebrauch seines Verstandes raubte. Sobald er sich aber seiner Lage bewusst geworden war, gab er seinen Brüdern ein erbauliches Vorbild durch seine demutsvolle Tugend und Reuebekundungen. »Wenn es irgendjemanden gibt,« sprach der Gesandte Gottes von der Kanzel, »den ich zu Unrecht gezüchtigt habe, dann biete ich meinen Rücken der Geißel die Wiedervergeltung dar. Habe ich den Ruf eines Muselmanen verleumdet? Er möge meine Fehler vor dieser Versammlung benennen. Habe ich jemanden seiner Güter beraubt? Das Geringe, das ich besitze, wird reichen, meine Schuld und die Zinsen zu begleichen.« – »Ja,« rief da eine Stimme aus der Menge, »ich habe Anspruch auf drei Silberdrachmen.« Mohammed hörte die Forderung an, beglich die Schuld und dankte seinem Gläubiger, dass er ihn bereits jetzt und nicht erst am Tage des Gerichts anklage. Mit ruhiger Gelassenheit erwartete er den nahenden Tod. Seinen Sklaven – siebzehn Männern und elf Frauen – gab er die Freiheit, traf genaue Maßregeln für seine Beerdigung und tröstete seine klagenden Freunde, denen er den Segen des Friedens erteilte. Noch drei Tage vor seinem Tod genügte er der Pflicht zum öffentlichen Gebet. Da er Abu Beker bestimmte, seinen Platz einzunehmen, schien hiermit sein alter und getreuer Freund als der Nachfolger in seiner priesterlichen und königlichen Würde benannt worden zu sein. Deutlicher erklärte er sich indessen nicht und vermied somit weislich Neid und Ungunst unter seinen Jüngern. In einem Augenblick, das sein Kräfte schon sichtlich geschwunden waren, rief er um Feder und Tinte, um ein göttliches Buch zu schreiben, oder besser wohl: zu diktieren, das die Summe und Vollendung aller seiner Offenbarung enthalten sollte: da erhob sich in der Kammer ein Streit, ob man ihm jetzt noch erlauben dürfe, die Autorität des Koran zu schwächen: da sah er sich gezwungen, seinen Jünger ihre unangemessenen Aufwallungen zu verweisen.

Wenn man den Berichten seiner Frauen und Vertrauten auch nur den geringsten Glauben schenken darf, dann bewahrte er im Schoße seiner Familie die Würde eines von Gott Gesandten und eine tiefe Glaubenszuversicht; er beschrieb die Besuche Gabriels, welcher der Erde ein ewiges Lebewohl sagte, und dann äußerte er sein lebendiges Vertrauen nicht nur in die Gnade, sonder auch in die Gunst des Höchsten Wesens. In einem vertraulichen Gespräch mit seinen Freunden hatte er sein besonderes Vorrecht erwähnt, dass der Todesengel seine Seele erst dann fortnehmen dürfe, nachdem er ihn ehrfurchtsvoll um Erlaubnis gebeten habe. Dieses Gesuch wurde jetzt vorgetragen und gewährt, und Mohammed verfiel sogleich in Agonie; sein Haupt ruhte auf dem Schoß von Ayescha, seiner Lieblingsfrau, die starken Schmerzen raubten ihm das Bewusstsein; da er aber seine Besinnung wiedererlangte, richtete er seine Augen zur Decke, sammelte seine letzten Kräfte und sprach mit brechender, aber verständlicher Stimme und festem Blick noch diese Worte: »O Gott! – vergib meine Sünden – ja – ich komme – meine Gefährten dort in der Höhe,« und so starb er friedlich auf einem am Boden ausgebreiteten Teppich.

Ein Feldzug zur Eroberung Syriens wurde wegen dieses traurigen Ereignisses abgebrochen: das Heer machte an den Toren Medinas Halt; die Heerführer versammelten sich um den sterbenden Meister. Die Stadt und besonders das Haus des Propheten war Schauplatz lärmender Wehklage oder stillen Leids. Einzig der Fanatismus sah noch einen Hoffnungsstrahl und Trost: »Wie kann er denn tot sein, unser Zeuge, unser Fürsprecher, unser Mittler zu Gott? Bei Gott, er ist nicht tot: so wie Moses oder Jesus liegt er in heiliger Verzückung und schon bald wird er zu seinem getreuen Volke zurückkehren.« Der Beweis des Augenscheins galt für nichts; Omar zückt seinen Säbel und drohte, jedem Ungläubigen den Kopf abzuschlagen, der die Behauptung wagen sollte, dass der Prophet nicht mehr sei. Den aufkeimenden Tumult konnten Abu Bekers Ansehen und sein moderierendes Eingreifen beruhigen. »Ist es Mohammed,« sprach er zu der Menge und zu Omar, »oder ist es der Gott Mohammeds, den wir verehren? Der Gott Mohammeds ist ewig; aber sein Apostel war ein sterblicher Mensch so wie wir, und hat gemäß seiner eigenen Ankündigung das allgemeine Menschenschicksal erfahren.« Dann wurde er mit der angemessenen Würde von seinen nächsten Verwandten an demselben Ort zur Erde bestattet, an dem er gestorben war Die Griechen und Lateiner haben sich das müßige Märchen ausgedacht und verbreitet, dass Mohameds eiserner Sarg über Mekka in der Luft schwebe (Laonicus Chalcondyles, de Rebus Turcicis, III, p. 66) durch die Kraft zweier gleich starker Magneten (Dictionnaire de Bayle, Mahomet, Rem. Ee. Ff). Ohne nähere physikalische Untersuchungen mögen die vorläufigen Hinweise genügen, dass 1. Der Prophet nicht in Mekka begraben liegt und 2. Sein Grab in Medina, das Millionen aufgesucht haben, auf der Erde steht (Reland, de Relig. Moham. 2,19, p. 209-211. Gagnier, Vie de Mahomet, tom. III, p. 263-268).. Mohammeds Tod und Begräbnis haben Medina geheiligt unter den Städten; und zahllose fromme Mekka-Pilger biegen oft vom Wege ab und vertiefen sich in freiwilliger Andacht Al Jannabi (Vie de Mahomet, tom. III, p. 372-391) zählt die vielfältigen Pflichten auf, die ein Pilger zu erfüllen hat, wenn er Mohammeds Grab und die seiner Gefährten in Medina besucht; und dann entscheidet dieser gelehrte Kasuist, dass dieser Akt der Verehrung in seinem Verbindlichkeit und nach seinem Verdienst einem göttlichen Gesetzt fast gleichkommt. Die islamischen Gelehrten sind uneins darüber, ob Mekka oder Medina den Vorrang verdiene. (p. 391-394). vor dem schlichten Grabe Mohammeds ins Gebet Mohammeds letzte Krankheit, Tod und Begräbnis schildern Abulfeda und Gagnier, (Vita Moham. p. 133-142. – Vie de Mahomet, tom. III, p. 220-271). Die intimsten und interessantesten Umstände wurden ursprünglich von Ayescha, Ali und den Söhnen Abbas' festgehalten; und da diese in Medina den Propheten noch um viele Jahre überlebten, so konnte der fromme Bericht aus ihrem Munde an eine zweite und dritte Pilgergeneration weitergegeben werden..

 

MOHAMMEDS CHARAKTER

Am Ende einer Lebensbeschreibung Mohammeds wird man vielleicht erwarten, dass ich seine Fehler und Tugenden gegeneinander abwäge und dann entscheide, ob diesem außerordentlichen Manne der Titel eines Gottbegeisterten oder eines Betrügers zukomme. Doch selbst, wenn ich mit dem Sohne Abdallas näheren Umgang gehabt hätte, wäre das Unterfangen ebenso schwierig wie der Ausgang ungewiss. Und jetzt, im Abstand von zwölf Jahrhunderten, kann ich hinter der religiösen Weihrauchwolke, mit dem ihn seine Verehrer verhüllen, kaum einen Schatten von ihm erkennen. Und wäre es auch möglich, das Portrait wenigsten für einen einzigen Zeitpunktes zu entwerfen, würde die flüchtige Ähnlichkeit nicht in gleichem Maße auf den Einsiedler des Berges Hera, den Prediger von Mekka oder den Eroberer von Arabien passen. Der Urheber dieser gewaltigen historischen Umwälzung besaß ein frommes und für religiöse Betrachtungen offenes Gemüt; sobald ihn seine Vermählung gegen die wirtschaftlichen Not gesichert hatte, mied er die Pfade des Ehrgeizes und der Habgier. Bis in sein vierzigstes Lebensjahr führte er ein Leben in Unschuld, und leicht hätte er sterben können, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen.

Die Einheit Gottes ist ein Gedanke, welcher der Natur und der Vernunft in gleicher Weise entgegenkommt, und selbst eine nur oberflächliche Bekanntschaft mit Juden und Christen mochte hinreichend gewesen sein, ihm Verachtung und Abneigung gegen den Götzendienst von Mekka einzupflanzen. Da war es dann die Pflicht eines Menschen und Bürgers, das, was ihm eine Heilslehre bedeutete, auch anderen mitzuteilen, um so sein Vaterland von der Herrschaft der Sünde und der Irrtums zu reinigen. Ein seelischer Wille, der beständig und dauerhaft auf immer denselben Punkt gerichtet ist, mochte ein zunächst nur unbestimmtes Pflichtgefühl zu einer besonderen Berufung wandeln; die leuchtenden Gebilde des Verstandes oder der Phantasie wurden dann zu himmlischen Eingebungen; die Denkanstrengungen mochten sich zu Traumgebilden und Entrückungen verlieren; und das innere Gefühl, dieser unsichtbare Ratgeber, konnte dann für einen Engel der Gottheit ausgegeben werden Die Christen haben vorschnell dem Mohammed eine zahme Taube zugeschrieben, die vom Himmel herabzusteigen und ihm etwas ins Ohr zu flüstern schien. Da Grotius, (de Veritate Religionis Christianae) auf dieses angebliche Wunder mehrfach zurückgreift, hat Pocock, sein gelehrter arabischer Übersetzer, ihn nach den Namen der Autoren gefragt, aus welchen er seine Kenntnisse bezogen hat; und da musste Grotius eingestehen, dass selbst die Moslems von dieser Geschichte nichts wussten. Um ihn nicht dem Hohngelächter und dem Unwillen auszusetzen, wurde diese fromme Lüge in der arabischen Fassung fortgelassen; aber sie behauptet ihren Platz in den zahlreichen lateinischen Textausgaben. Siehe hierzu (Pocock, Specimen, Hist. Arabum, p. 186, 187. Reland, de Religion. Moham. 2,39 p. 259-262)..

Von der Begeisterung bis zum Betrug ist der Weg gefährlich und schlüpfrig; der Daimon des Sokrates (Plato, Apologie 19). Die häufigen Beispiele, die Sokrates in seinem Gespräch mit Theages anführt (128, 129) liegen jenseits der Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Und die Gotteseingebung des Philosophen (das Daiminion) wird in Xenophons Memorabilien des Sokrates nachrücklich behauptet. Die Begriffe der vernünftigsten Platoniker werden von Cicero (de Divin. I,54) zusammengestellt sowie in der 14. Und 15. Erörterung des Maximus von Tyrus. (p. 153-172). liefert ein eindrucksvolles Beispiel, wie ein weiser und guter Mann andere täuschen und wie das Gewissen in einem Schwebezustand zwischen Wahn und Selbstbetrug einschlummern kann. Herzensgüte mag hier annehmen, dass Mohammeds ursprünglicher Beweggrund reines und ernsthaftes Wohlwollen gewesen war: aber ein Glaubensbote nach Menschenart ist außerstande, die hartnäckigen Glaubensfeinde zu lieben, welche ihm seine Rechte verweigern, seine Lehre verachten und endlich sogar nach seinem Leben trachten: er hätte seinen persönlichen Gegner vergeben können, aber die Feinde Gottes durfte er wohl mit gutem Recht hassen. Die finstersten Leidenschaften, Stolz und Rache, wurden in Mohammeds Brust entzündet, und wie der Prophet von Ninive sehnte er sich nach der Vertilgung der Rebellen, die er verdammt hatte. Mekkas Unrecht und die Wahl von Medina machte aus dem Bürger einen Fürsten und aus dem demutsvollen Prediger eine Armeeführer; sein Schwert aber war durch die Heiligen der Frühzeit geweiht, und derselbe Gott, der eine sündige Welt mit Pestilenz und Erdbeben heimsucht, konnte sich wohl auch zu ihrer Bekehrung oder Züchtigung der Tapferkeit seines Knechtes bedienen.

In der Ausübung seiner politischen Ämter sah Mohammed sich zuweilen genötigt, von der durchgreifenden Strenge seines Fanatismus abzustehen, den Vorurteilen und Wünschen seiner Anhänger etwas entgegen zu kommen und sogar die Laster der Menschen zu ihrem geistlichen Wohle einzusetzen. Trug und Untreue, Grausamkeit und Ungerechtigkeit waren oftmals der Verbreitung des Glaubens dienlich; und so befahl Mohammed oder billigte doch zumindest die Ermordung der Juden oder Götzendiener, die auf dem Schlachtfeld entkommen waren. Die oftmalige Wiederholung solcher Maßnahmen muss sich auf den Charakter Mohammeds allmählich nachteilig ausgewirkt haben; und nur schwach wurde der verderbliche Einfluss von derlei Gewohnheiten dadurch kompensiert, dass Mohammed alle individuellen und sozialen Tugenden ausübte, die erforderlich waren, um mit ihnen seine Stellung unter seinen Freunden und Anhängern zu festigen. In seinen letzten Jahren war er nur vom Ehrgeiz getrieben, und ein vigilanter Politiker wird jetzt vermuten, dass er (der erfolgreiche Betrüger) heimlich über den eigenen jugendlichen Enthusiasmus und die Leichtgläubigkeit seiner Proselyten lächelte An einigen Stellen seines umfänglichen Schrifttums vergleicht Voltaire den Propheten in seinem hohen Alter mit einem Fakit, »qui detache la chaine de son cou pour en donner sur les oreilles a ses confreres (»der die Kette von seinem Hals nimmt, um sie seinen Mitbrüdern an den Ohren anzulegen«)..

Ein Philosoph wird hier bemerken, dass ihre Leichtgläubigkeit und sein Erfolg den Glauben an seine göttliche Mission nur umso mehr befestigen musste; dass sein Interesse und seine Religion untrennbar miteinander verknüpft waren und dass endlich sein Gewissen sich mit der Überzeugung beruhigen konnte, dass ihn ganz allein die Gottheit von der Bindung an positive und moralische Gesetze gelöst habe. Wenn Mohammed noch irgendwelche Spuren von seiner naturgegebenen Unschuld beibehalten hätte, dann könnte man selbst seine Sünden als Beleg für seine Aufrichtigkeit gelten lassen. Zur Unterstützung der Wahrheit eingesetzte Kunstgriffe wie Betrug oder Erdichtung werden für weniger strafwürdig angesehen; und der Prophet selbst hätte vor der Schäbigkeit der Mittel zurückgebebt, wenn er nicht von der Gerechtigkeit und Bedeutung des Zweckes überzeugt gewesen wäre. Selbst bei einem Eroberer oder Priester vermag ich noch ein Wort oder eine Tat unverstellter Menschlichkeit zu entdecken: so vermag seine Verfügung, beim Verkauf von Gefangenen niemals die Mütter von den Kindern zu trennen, den historischen Tadel abzumildern oder ganz aufzuheben Gagnier schreibt mit ebenso unparteiischer Feder dieses menschenfreundliche Gesetz des Propheten auf wie die Ermordung von Chaab und Sophian, die er beide veranlasst oder wenigstens gebilligt hatte. (Vie de Mahomet, tom. II, p. 69, 97, 208.).

 

MOHAMMEDS PRIVATLEBEN

Mohammed gesunder Menschenverstand Zum Privatleben Mohammeds konsultiere man Gaighner und die entsprechenden Kapitel bei Abulfeda; von seiner Ernährung (tom. III, p. 285-288); seinen Kindern (p. 189, 289); seinen Frauen (p. 290-303); seiner Verheiratung mit Zeineb (tom. II, p. 152-160); seiner Liebschaft mit Maria (p. 303-309); der falschen Klage von Ayescha (p. 186-199). Die zuverlässigsten Nachrichten über die drei letzten Vorfälle findet man in den Suren 24, 33 und 66 nebst den Kommentaren von Sale. Prideaux (Life of Mahomet, p. 80-90) und Maracci (Prodrom. Alcoran, part IV p. 49-59) haben Mohammeds Schwächen in bösartiger Weise übertrieben. empfand für königlichen Prunk nur Verachtung. Der Sendbote Gottes unterwarf sich den geringsten häuslichen Verpflichtungen; er machte Feuer, fegte den Fußboden, molk die Schafe und flickte eigenhändig seine Schuhe und sein Wollgewand. Wenn er auch die Bußübungen und Kasteiungen von Einsiedlern für nichts achtete, so beobachtete er ohne Mühe und Eitelkeit die karge Lebensweise eines Arabers und Kriegers. Zu festlichen Anlässen bewirtete er seine Gefährten rustikal und mit gastfreier Üppigkeit; aber Wochen konnten vergehen, ohne dass im Hause des Propheten ein Feuer auf dem Herde gebrannt hätte. Das von ihm erlassene Verbot des Weines bekräftigte er durch sein persönliches Beispiel, seinen Hunger stillte er durch einen Ranft Gerstenbrot, Milch und Honig schmeckten ihm am besten, doch bestand seine gewöhnliche Nahrung aus Datteln und Wasser. Wohlgerüche und Frauen waren die einzigen sinnlichen Genüsse, nach denen seine Natur verlangte und die seine Religion nicht verbot; Mohammed erklärte sogar, dass er mit diesen unschuldigen Vergnügungen die Inbrunst seiner Andacht noch steigere. Das heiße Klima erhitzt auch das Blut der Araber, und schon im Altertum haben die Autoren auf die Sinnenlust dieses Volkes hingewiesen Incredibile est quo ardore apud eos in Venerem uterque solvitur sexus, (...ist es unglaublich, mit welcher Hitze sich bei ihnen beide Geschlechter beim Verkehr einander hingeben, Ammianus Marcellinus 14,4).. Die bürgerlichen und religiösen Setzungen des Korans haben dieser Unmäßigkeit Grenzen gezogen, inzestuöse Ehen scharf getadelt, die unbegrenzte Polygamie auf vier legale Ehefrauen oder Konkubinen beschränkt; ihre ehelichen Rechte und die Bestimmungen bezüglich der Mitgift wurden nach Grundsätzen der Billigkeit festgelegt, Scheidungen erschwert, Ehebruch als ein todeswürdiges Vergehen verdammt und Hurerei bei beiden Geschlechtern mit einhundert Hieben bestraft Sale (Preliminary Discourse, p. 133-137) hat die Ehe- und Scheidungsgesetze u.a. zusammengetragen. Der interessierte Leser von Selden, Uror Hebraica wird viele jüdische Vorschriften in ihnen entdecken..

 

SEINE FRAUEN

Soviel von den vernünftigen und angemessenen Vorschriften des Gesetzgebers. In seinen privaten Aufführungen jedoch überließ sich Mohammed männlichen Neigungen und beanspruchte die Vorrechte eines Propheten. Eine besondere Offenbarung überhob ihn genau derjenigen Regeln, die er seinem Volke auferlegt hatte: das weibliche Geschlecht war ohne Vorbehalt seinen Wünschen überlassen; und dieses einzigartige Prärogative erregte bei den frommen Moslems eher Neid als Ärgernis und viel mehr Verehrung als Neid. Wenn wir an König Salomons siebenhundert Frauen und dreihundert Beischläferinnen denken, dann erscheinen uns die siebzehn oder fünfzehn Frauen des Arabers nachgerade wie löbliche Zurückhaltung; elf werden namentlich genannt, die in Medina neben dem Hause des Apostels eine eigene Wohnung bezogen und abwechselnd das Glück seiner ehelichen Gesellschaft genossen. Bemerkenswert hierbei ist, dass sie allesamt Witwen waren mit Ausnahme von Ayescha, der Tochter von Abu Beker. Diese war ohne Frage noch Jungfrau, da Mohammed mit ihr die Ehe vollzog, als sie erst neun Jahre alt war – so schnell vollzieht sich in diesen Breiten die körperliche Reifung. Die Jugend, Schönheit und der Geist der Ayescha verschafften ihr ein überragendes Ansehen; sie besaß die Zuneigung und das Vertrauen des Propheten, und nach seinem Tode wurde Abu Bekers Tochter noch lange als die Mutter der Gläubigen verehrt.

Einst jedoch hatte sie sich zweideutig und unklug verhalten: während eines nächtlichen Marsches war sie wegen eines Zufalles zurückgeblieben und kehrte erst am Morgen in der Begleitung eines Mannes ins Lager zurück. Mohammed hatte eine Neigung zur Eifersucht, aber eine göttliche Offenbahrung versicherte ihm ihre Unschuld: er strafte ihre Ankläger und machte zugleich ein Gesetz zugunsten des häuslichen Friedens bekannt, dass keine Frau verurteilt werden dürfe, wenn nicht vier männliche Zeugen sie beim Vollzug des Ehebruchs betroffen hätten In einem denkwürdigen Fall entschied der Kalif Omar, dass eine lediglich auf Mutmaßung beruhendes Zeugnis ohne Bedeutung sei; und dass alle vier Zeugen stylum in pyxide (»Stab in der Büchse«) gesehen haben müssen. (Abulfedae Annales Moslemici, p. 71, vers. Reiske.). Bei seinen Abenteuern mit Zeineb, der Frau des Zeid und mit Maria, einer ägyptischen Gefangenen, setzte der verliebte Prophet sogar seinen Ruf aufs Spiel. Im Hause von Zeid, seinem Freigelassenen und Adoptivsohn, sah er Zeinebs Schöne durch ein leichtes Gewand durchschimmern sehen und ergoss sich in Ausdrücken der Andacht und des Begehrens. Der unterwürfige oder dankbare Freigelassene begriff den Hinweis und gab ohne Zögern dem Begehren seines Wohltäters nach. Da jedoch das Sohnesverhältnis einige Zweifel und Ärgernis erregt hatte, so stieg der Engel Gabriel vom Himmel niederwärts, um diese Überlassung zu genehmigen, die Adoption für ungültig zu erklären und dem Apostel einen milden Verweis zu erteilen, weil er der Nachsicht seines Gottes so wenig getraut habe.

Eine seiner Ehefrauen, Hafna, die Tochter von Omar, überraschte ihn in ihrem eigenen Bett in den Armen von Maria, seiner Gefangenen aus Ägyptenland. Sie versprach Stillschweigen und Vergebung, er selbst schwor, dass er den Besitz von Maria aufgeben werde. Indessen, beide Seiten vergaßen ihrer Verpflichtungen; und erneut stieg Gabriel herab mit einem Kapitel aus dem Koran, um ihn von seinem Eide zu lösen und ihn ermunterte, sich nach Belieben seiner weiblichen Gefangenen und Konkubinen zu erfreuen und das Geschrei seiner Weiber nicht zu beachten. Dreißig Tage lang in einsamer Zurückgezogen arbeitete er mit Maria daran, die Anordnung des Engels zu erfüllen. Nachdem er seinem Liebes- und Racheverlangen genügt hatte, zitierte er seine elf Frauen vor sich, tadelte ihren Ungehorsam und ihren Leichtsinn und drohte ihnen mit immerwährender Trennung in dieser wie in jener Welt. Ein furchtbares Urteil, da die, welche das Bett des Propheten bestiegen hatten, jetzt für alle Zeiten der Aussicht auf eine zweite Ehe beraubt waren.

Vielleicht lässt sich ja die Unmäßigkeit Mohammeds durch das entschuldigen, was die Überlieferung zu seinen natürlichen oder übernatürlichen Gaben zu berichten weiß Sibi robur ad generationem, quantum triginta viri habent, inesse iacteret: ita ut unica hora posset undecim foeminis satisfacere, ut ex Arabum libris refert Petrus Paschasius (Ihm sei die Zeugungskraft von dreißig Männern zu Eigen, prahlte er; so dass er in einer Stunde elf Frauen befriedigen könne, wie aus den Büchern der Araber Petrus Paschasius erzählt, c. 2. – Maracci, Prodromus Alcoran, p. IV, p. 55). Siehe auch Observations de Belon, 3,10, fol. 179, recto.) Al Jannabi (Gagnier, tom. III, p. 287) führt das eigene Zeugnis des Propheten an, dass er alle Männer in diesem Punkte übertroffen habe; Abulfeda erwähnt den Ausruf von Ali, der nach seinem Tode den Leichnam wusch: »O propheta, certe penis tuus coelum versus erectus est,« (O Prophet, gewiss steht dein Glied zum Himmel gerichtet. in Vit. Mohammed, p. 140).; er versammelte in seiner Person die Mannesstärken von dreißig Adamskindern, auch hätte es der Apostel mit der dreizehnten Arbeit Ich habe mir hier den Ausdruck eines Kirchenvaters entlehnt: (Es wettkämpfte Herakles dreizehn Mal. – Greg. Nazianzen, Orat. III, p. 108.) des Herakles aufnehmen können Die bekannteste und ruhmvollste Legende errang Herakles die fünfzig Siege über die jungfräulichen Töchter des Thestius in einer einzigen Nacht (Diodor. Sicul. tom. I, IV, p. 274. Pausanias, IX, p. 763. Statius Sylv. I, eleg. III, v. 42.) Doch Athenaeus gibt dem Herakles für diese harte Aufgabe sieben (Deipnosophist, l. XIII, p. 556) und Apollodoros fünfzig Nächte. (Bibliot. l. II, c. 4, p. 111, cum notis Heyne, part I, p. 332).. Eine ernsthaftere und schicklichere Entschuldigung liefert seine Treue zu Kadischah. In den vierundzwanzig Jahren ihrer Ehe verzichtete ihr jugendlicher Gatte auf das Recht zur Polygamie, und der Stolz oder die Zärtlichkeit dieser Matrone wurde niemals durch die Gegenwart einer Nebenbuhlerin gekränkt. Nach seinem Tode reihte er sie in den Rang der vier vollkommensten Frauen, zusammen mit der Schwester von Moses, der Mutter von Jesus und seiner Lieblingstochter Fatima. »Aber war sie denn nicht alt?« fragte Ayescha mit dem Übermut der blühenden Schönheit. »Hat dir Gott nicht durch eine bessere Frau ihre Stelle ersetzt?« »Nein, bei Gott« sagte Mohammed mit aufrichtiger Dankbarkeit, »es kann gar keine bessere geben! Sie liebte mich, als die Menschen mich verachteten; und sie stand mir bei, als ich von der Welt verfolgt war Abulfeda in Vit. Moham. p. 12, 13, 16, 17, cum Notis Gagnier.

 

SEINE KINDER

Da der Stifter einer neuen Religion und eines neuen Reiches der Polygamie im weiten Umfang oblag, mochte er sich an der Aussicht auf eine große Familie und zahlreichen Nachfahren freuen. Jedoch wurden diese Hoffnungen Mohammeds schmerzlich enttäuscht. Die Jungfrau Ayescha und seine zehn betagten Witwen von bewährter Fruchtbarkeit waren verdorrt unter seinen mächtigen Umarmungen. Kadischahs vier Söhne starben noch im Kindesalter; Seine ägyptische Konkubine Maria wurde ihm teuer durch die Geburt von Ibrahim: Nach fünfzehn Monaten weinte der Prophet über seinem Grabe. Den Hohn seiner Feinde ertrug er bei dieser Gelegenheit mit Würde, und die Schmeichelei oder Leichtgläubigkeit der Moslems wies er durch die Versicherung zurück, dass der Tod seines Kindes nicht der Anlass zu einer Sonnenfinsternis gewesen sei. Kadischah hatte ihm ebenfalls vier Töchter geboren, die mit den treuesten seiner Jünger verheiratet waren; die drei Ältesten starben noch vor ihrem Vater, und Fatima, die sein Vertrauen und seine Liebe besaß, wurde die Frau ihres Cousins Ali und die Mutter einer illustren Nachkommenschaft. Die Verdienste und die Unglücksfälle von Ali und seiner Nachkommen sind für mich ein Anlass, an dieser Stelle die Reihe der sarazenischen Kalifen vorweg zu nehmen, welcher Titel die Beherrscher der Gläubigen als die Stellvertreter und Nachfolger des Gesandten Gottes bezeichnet Dieser Abriss der arabischen Geschichte ist geschöpft aus der orientalischen Bibliothek des D'Herbelot, (unter den Namen Aboubecre, Omar Othman, Ali, u.a.); aus den Annalen des Abulfeda, Abulpharagius und Elmacin, (nach der Hedschra-Jahreszählung) und besonders aus Ockley, History of the Saracens, (vol. i. p. 1-10, 115-122, 229, 249, 363-372, 378-391 und fast der ganze 2. Band. Doch sollten wir die Überlieferungen feindlicher Sekten mit Vorsicht genießen; ein Strom von Berichten, der umso trüber wird, je ferner er der Quelle fließt. Sir John Chardin hat allzu gutgläubig die Fabeln und Irrtümer der neuern Perser ausgeschrieben. (Voyages, tom. II, p. 235-250)..

 

CHARAKTERISTIK ALIS

Die Herkunft, die Beziehungen und der Charakter von Ali, die ihn über seine Landsleute erhoben, rechtfertigten wohl auch seinen Anspruch auf den verwaisten Thron von Arabien. Der Sohn des Abu Taleb war kraft eigenen Rechts das Oberhaupt der Familie Haschem und der Erbfürst oder der Beschützer des Tempels von Mekka. Das Licht der Prophezeiung war erloschen; aber der Gatte der Fatima durfte auf die Erbschaft und den Segen ihres Vaters hoffen. Die Araber hatten sich immer mal wieder eine weibliche Herrschaft gefallen lassen; und oft hatte der Prophet seine beiden Enkel auf seinem Schoße gehätschelt und sie auf der Kanzel als die Hoffnung seines Alters und die Anführer der Jünglinge des Paradieses gezeigt. So durfte der Erste der wahren Gläubigen sich mit der Aussicht schmeicheln, in dieser und der nächsten Welt vor ihnen zu marschieren; und wenn es auch einige mit ernsthafterer oder strengerer Gesittung gab, so konnte doch keiner der Proselyten Ali an Eifer und Tugenden übertreffen. In seiner Person waren der Dichter, der Krieger und der Heilige vereint; seine Weisheit scheint noch heute aus einer Sammlung moralischer und religiöser Sinnsprüche hervor Ockley hat am Ende des zweiten Bandes eine englische Übersetzung von 169 Sentenzen gegeben, welche er, wenn auch zögerlich, Ali, dem Sohn von Abu Taleb zuschreibt. Sein Vorwort ist von der Begeisterung des Übersetzers eingefärbt; doch entwerfen die Sprüche ein treffendes, wenn auch düsteres Bild menschlichen Lebens., und im Schwert- oder Wortgefechten war er jedem Gegner gleichermaßen an Kraft bzw. Beredsamkeit überlegen. Der Gesandte Gottes hatte sich vom ersten Augenblick seiner heiligen Mission bis zum letzten Ritual der feierlichen Beerdigung niemals von diesem hochherzigen Freunde verlassen gesehen, den er seinen Bruder, Stellvertreter und treuen Aaron eines zweiten Moses benannte. Man hat dem Sohne des Abu Taleb später den Vorwurf gemacht, er habe es unterlassen, seine Ansprüche durch eine feierliche Deklaration zu sichern, um dadurch zugleich jeden Mitbewerber zum Schweigen zu bringen und seine Nachfolge durch die Beschlüsse des Himmels zu besiegeln. Doch der Held vertraute in seiner Arglosigkeit nur auf sich selbst; die Eifersucht der Machtausübung und vielleicht die Furcht vor Opposition mochten Mohammeds Regelung vertagt haben; und sein Krankenlager wurde von der listenreichen Ayescha, der Tochter von Abu Beker und der Feindin von Ali, belagert

 

ABU BEKER NACHFOLGER 7. JUNI 632 – SEINE REGIERUNG 632-634

Da der Prophet für immer verstummt war, erhielt das Volk seine Freiheit zurück, und seine Gefährten beriefen eine Versammlung ein, um über die Wahl eines Nachfolgers zu beratschlagen. Alis erblicher Anspruch und sein hoher Sinn gefielen der aristokratischen Denkungsweise der Ältesten übel, denen es darum zu tun war, das Szepter durch eine freie und häufige Wahl nach Gutdünken zu verleihen und wieder an sich zu nehmen. Die Koreischiten konnten sich entschieden nicht mit dem stolzen Vorrang des Hauses Haschem abfinden, die alte Stammeszwietracht empfing neues Leben, die Flüchtlinge (Mohagerian) von Mekka und die Verbündeten (Ansars) von Medina machten ihre jeweiligen Verdienste geltend, und der unbedachte Vorschlag, zwei unabhängige Kalifen zu wählen, hätte das Sarazenenreich und seine Religion bereits in der Wiege getötet. Der aufkeimende Tumult wurde endlich durch Omars uneigennützigen Entschluss beigelegt, welcher unvermittelt auf seine Ansprüche verzichtete, seine Hand ausstreckte und sich zum ersten Untertan des milden und achtbaren Abu Beker erklärte. Die aktuellen Schwierigkeiten und die Zustimmung des Volkes mochten diese ungesetzliche und überstürzte Maßregel entschuldigen; doch erklärte Omar persönlich von der Kanzel herab, dass jedweder Moslem, der künftig den traurigen Mut besäße, auf diese Weise der Wahl seiner Brüder vorzugreifen, mitsamt dem Erwählten des Tode sein solle Ockley, (Hist. of the Saracens, vol. I, p. 5, 6,) weist aus einer arabischen Handschrift nach, dass Ayesche sich gegen die Einsetzung ihres Vaters auf dem Throne des Propheten ausgesprochen habe. Dieser an sich schon wenig wahrscheinliche Umstand wird von Abulfeda, Al Jannabi und Al Bochari nirgens erwähnt, wobei letzterer sogar die Überlieferung der Ayescha anführt (Vit. Mohammed, p. 136 Vie de Mahomet, tom. III, p. 236)..

Nach einer schlichten Inthronisationsfeier gehorchten Mekka, Medina und die arabischen Provinzen dem Abu Beker; allein die Haschemiten verweigerten den Treueeid; und ihr Stammesältester verharrte über sechs Monate in seinem Hause in düsterer und trotziger Zurückgezogenheit und beachtete auch die Drohungen Omars nicht, welcher die Wohnung der Tochter des Apostels anzuzünden drohte. Der Tod Fatimas und das Schrumpfen seiner Partei machten Ali endlich etwas gefügiger; er ließ sich dazu herab, den Beherrscher der Gläubigen zu begrüßen, ließ dessen Entschuldigung gelten, dass man den gemeinsamen Feinde habe zuvor kommen müssen und war klug genug, Abu Bekers höfliches Rücktrittsangebot zurückzuweisen. Zwei Jahre später wurde der greise Kalif vom Engel des Todes von der Erde abberufen. In seinem Testament übergab er das Szepter mit dem stillschweigenden Einverständnis seiner Gefährten dem unerschrockenen und aufrechten Omar. »Ich habe keinerlei Anspruch auf diese Stelle,« sagte der Thronerbe bescheiden. »Aber die Stelle hat Anspruch auf dich!« erwiderte Abu Beker und starb mit dem inbrünstigen Gebet, der Gott Mohammeds möge seine Wahl bestätigen und die Moslems auf den Weg der Einigkeit und des Gehorsams leiten.

 

OMAR 634-644

Das Gebet des sterbenden Kalifen blieb nicht ohne Wirkung, denn Ali selbst, der nunmehr ein der Kontemplation gewidmetes, zurückgezogenes Leben führte, anerkannte die höhere Würde und das bessere Anrecht seines Nebenbuhlers, welcher ihn seinerseits für den Verlust der Herrschaft mit den schmeichelhaftesten Vertrauens- und Wertschätzungsbeweisen überschüttete. Es geschah im zwölften Jahre seiner Regentschaft, dass Omar von der Hand eines Mörders die tödliche Wunde empfing: er hatte mit gleicher Unparteilichkeit seinen Sohn oder Ali als Nachfolger zurückgewiesen und hatte, um nicht sein Gewissen mit den Sünden seines Nachfolgers zu belasten, sechs der angesehensten Gefährten das heikle Geschäft übertragen, einen neuen Beherrscher der Gläubigen zu bestimmen. Bei dieser Gelegenheit ward Ali neuerlich von seinen Freunden getadelt Besonders von seinem Freund und Cousin Abdallah, dem Sohn des Abbas, der 687 starb und mit dem Titel des Großen Lehrers der Moslems geehrt wurde. Bei Abulfeda zählt er alle wichtigen Gelegenheiten auf, bei denen Ali seinen heilsamen Rat in den Wind schlug (p. 76, vers. Reiske) und schließt dann (p. 85): »O princeps fidelium, absque controversia tu quidem vere fortis es, at inops boni consilii, et rerum gerendarum parum callens. (O Herrscher der Gläubigen, fern der Kontroversen bist du wahrlich tapfer, aber ratlos und gar zu unkundig der Staatsgeschäfte)., dass er sich dem Urteil von Menschen unterwarf und zugleich ihren Vorrang anerkannte, indem er sich mit einem Platz unter den sechs Wahlmännern begnügte. Er hätte ihre Stimme erhalten können, wenn er sich nur darauf eingelassen hätte, nicht nur dem Koran und der Tradition, sondern auch den Beschlüssen zweier Ältester pünktlich und unbedingt zu gehorsamen Ich vermute, dass mit den zwei Ältesten (Abulpharagius, p. 115. Ockley, tom. I, p. 371) nicht zwei wirkliche Ratgeber, sondern seine Amtsvorgänger Abu Beker und Omar gemeint waren..

 

OTHMAN 644-656 – ALI 656-661

Unter diesen Bedingungen übernahm Othman, der Sekretär Mohammeds, die Regierungsgeschäfte. Und erst nach dem dritten Kalifen, einundzwanzig Jahre nach dem Tode des Propheten, wurde Ali durch Volkswahl in das königliche und priesterliche Amt eingesetzt. Die Bräuche der Araber waren nach wie vor von archaischer Schlichtheit, und auch der Sohn des Abu Taleb verachtete irdischen Prunk und Pomp. Zur Stunde des Gebetes eilte er zur Moschee von Medina, eingehüllt in ein leichtes Baumwollgewand, einen groben Turban auf dem Kopf, die Schuhe in der einen und einen Bogen statt eines Stabes in der anderen Hand. Die Gefährten des Propheten und die Stammesältesten begrüßten ihren neuen Souverän und boten ihm die Rechte zum Zeichen ihrer Treue und Huldigung.

 

ENTZWEIUNG DER TÜRKEN UND PERSER

Das Unheil, welches als Folge von ehrgeizigen Zwistigkeiten entsteht, beschränkt sich für gewöhnlich auf die Zeiten und Länder, in denen sie ausgefochten werden. Aber der religiöse Zwist der Freunde und Feinde Alis wurde noch in jedem Jahrhundert der Hedschra aufgefrischt und ausgefochten und lebt noch in der Gegenwart in dem unverwelklichen Hass der Perser und Türken fort Das religiöse Schisma der Perser wird von allen unseren Reisenden des letzten Jahrhunderts, besonders aber im 2. und 4. Band ihres Altmeisters Chardin ausgebreitet. Niebuhr, der von etwas geringerer Bedeutung ist, hat den Vorteil, erst 1764 geschrieben zu haben (Voyages en Arabie, tom. II, p. 208-233), nachdem Nadir Schah mit dem Versuch gescheitert war, die Religion des Volkes zu ändern. (Siehe die persische Geschichte in der franz. Übersetzung von Sir William Jones, tom. II, p. 5, 6, 47, 48, 144-155).. Die Erstgenannten, welche durch den Schmähnamen Schiiten oder Sektierer stigmatisiert sind, haben die Religion Mohammeds mit einem Glaubensartikel bereichert, dass, wenn Mohammed der Gesandte Gottes sei, sein Gefährte Ali Gottes Statthalter sein müsse. Und so äußern sie in privaten Gesprächen ebenso wie in öffentlichen Gottesdiensten die bittersten Vorwürfe gegen die drei Thronräuber, welche Alis unverjährbares Recht auf die Kalifen- und Imamwürde beschnitten hätten; und deshalb ist der Name Omar in ihrer Sprache das Synonym für jede Verruchtheit und Gottlosigkeit Omar ist bei ihnen der Name für den Teufel, sein Mörder demgemäß ein Heiliger. Wenn die Perser einen Pfeil abschießen, rufen sie oft: »Möge dieser Pfeil sich in das Herz von Omar bohren!« (Voyages de Chardin, tom. II, p 239, 240, 259).. Die Sunniten, die von der allgemeinen Zustimmung und der Überlieferung unterstützt werden, haben hierin eine weniger parteiische oder zumindest eine schicklichere Auffassung: Sie ehren das Andenken an Abu Beker, Omar, Othman und Ali, die heiligen und rechtgeleiteten Nachfolger des Propheten. Doch in der Überzeugung, dass die Anordnung der Nachfolger durch den Grad ihrer jeweiligen Heiligkeit bestimmt sei, weisen sie dem Gemahl der Fatima den letzten und geringsten Platz zu Die Hierarchie des Verdienstes ist gut zu erkennen in einem von Reland (de Relig. Mohamm. I, p. 37) kommentierten Glaubensbekenntnis sowie einem Argument der Sunniten, welches Ockley (Hist. of the Saracens, tom. II, p. 230 einflicht. Die Praxis, das Andenken an Ali zu verfluchen, haben die Ommiaden selbst nach 40 Jahren aufgegeben (D'Herbelot, p. 690). Auch unter den Türken gibt es nur wenige, die ihn jetzt noch einen Ungläubigen schelten würden. (Voyages de Chardin, tom. IV, p. 46)..

Ein vom Aberglauben unbelasteter Historiker wird beim Vergleich dieser vier ersten Kalifen zu dem ausgewogeneren Urteil gelangen, dass sie sich in ihren Sitten gleich musterhaft und rein erzeigten; dass ihr religiöser Eifer gleichermaßen feurig und, soweit feststellbar, aufrichtig war; und dass, inmitten von Reichtum und Macht, ihr Leben moralischen und religiösen Obliegenheiten gewidmet blieb. Aber die Staatstugenden von Abu Beker und Omar, die Besonnenheit des ersten und die Strenge des zweiten, sicherten ihrer Regierungszeit Frieden und Wohlstand. Othmans schwache Persönlichkeit und sein hohes Alter waren außerstande, die Last des Regierens oder gar von Eroberungkriegen zu tragen. Er wählte und wurde getäuscht; er vertraute und wurde betrogen: die respektabelsten Gläubigen waren seiner Regierung entweder nutzlos oder arbeiteten ihr sogar entgegen; und seine übersprudelnde Freigebigkeit erzeugte lediglich Undank und Missgunst.

 

OTHMANS TOD – 18. JUNI 655

Der Geist der Zwietracht breitete sich bis in die Provinzen aus: Ihre Abgeordneten trafen sich in Medina, und die Charegiten, wüste Fanatiker, die keiner bürgerlichen Unterordnung und erst recht keinen Vernunftgründen zugänglich waren, mengten sich unter die freigeborenen Araber, welche für ihre Beschwerden Abhilfe und für ihre Unterdrücker Bestrafung verlangten. Von Cufa und Bessora, aus Ägypten, von den Wüstenstämmen fanden sich Bewaffnete, lagerten eine Meile vor Medina und verlangten in einem hochfahrenden Schriftsatz von ihrem Souverän, er möge Gerechtigkeit walten lassen oder des Thrones entsagen. Er zeigte Reue, und die Missvergnügten begannen daraufhin, die Waffen niederzulegen und sich zu zerstreuen; aber die Ränke seiner Feinde fachten das Feuer des Zornes erneut an; und die Fälschungen seines ungetreuen Geheimschreibers waren darauf angelegt, seine Reputation zu zerstören und seinen Untergang zu beschleunigen. Der Kalif hatte die einzige zuverlässige Leibwache seiner Vorgänger verloren, die Wertschätzung und das Zutrauen der Moslems: während einer sechswöchigen Belagerung wurden Wasser- und Lebensmittelzufuhr abgeschnitten, und die schwachen Palasttore wurden nur noch durch die religiöse Scheu der Rebellen beschützt. Verlassen von denen, die seine Einfalt missbraucht hatten, wartete der hilflose und doch ehrbare Kalif den Tod: an der Spitze der Mörder nahte der Bruder der Ayescha herzu; mit dem Koran auf dem Schoß wurde Othman mehrfach durchbohrt.

Die folgende fünftägige Anarchie endete mit der Thronbesteigung Alis: hätte er sich geweigert, wäre ein allgemeines Massaker die Folge gewesen. In dieser schwierigen Lage bewährte Ali den angemessenen Stolz eines Haschemiten-Ältesten: er erklärte, dass er lieber dienen als herrschen wolle, verwies den Fremden ihre Anmaßung; und verlangte die förmliche, wenn nicht sogar freiwillige Einwilligung der Stammeshäuptlinge der Nation. Man hat ihn niemals beschuldigt, den Mörder Othmars begünstigt zu haben, auch wenn Persien unklugerweise noch heute das Fest des heiligen Märtyrers begeht. Den Streit zwischen Othman und seinen Untertanen hatte anfangs noch Alis Vermittlung beigelegt, und sein ältester Sohn Hassan wurde bei der Verteidigung des Kalifen sogar misshandelt und verwundet. Doch bestehen Zweifel, ob der Vater Hassans seinen Widerstand gegen die Rebellen wirklich ernst meinte; unbestritten ist jedenfalls, dass er die Früchte dieses Verbrechens einstrich. Die Versuchung war ja in der Tat so groß, dass auch eine sehr gefestigte Tugend wankend geworden und zu Fall gekommen wäre: es ging jetzt nämlich nicht mehr um das geringe Szepter Arabiens; die Sarazenen waren im Westen und Osten siegreich gewesen, und die mächtigen Königreiche Persiens, Syriens und Ägyptens waren dem Beherrscher der Gläubigen untertänig.

 

REGIERUNG ALIS 655-660

Ein Leben im Gebet und in der Betrachtung hatte die kriegerischen Neigungen Alis durchaus nicht abgekühlt; vielmehr verriet er selbst noch im reiferen Alter und nach langen Erfahrungen das Draufgängertum und den Unbedacht der Jugend. In seinen ersten Regierungstagen verfehlte er, die unzuverlässige Gefolgschaft von Telha und Zobeir, der beiden mächtigsten arabischen Stammesfürsten, durch Geschenke oder andere Zuwendungen sicher zu stellen. Sie entkamen von Medina nach Mekka, und von dort nach Bassora; zogen die Fahne der Empörung auf; und rissen die Statthalterschaft Persiens oder Assyriens an sich, die sie als Lohn für ihre Dienste zuvor vergeblich verlangt hatten. Hinter der Maske des Patriotismus lassen sich auch die krassesten Widersprüche verbergen; und so schrieen die Feinde, vielleicht sogar die Mörder Othmans nach Rache für sein Blut. Ayescha, die Witwe des Propheten, die bis zur letzten Minute ihre Lebens den Gatten und den Nachkommen der Fatima ihren unversöhnlichsten Hass widmete, begleitete sie auf ihrer Flucht. Noch den vernünftigsten Moslems war es ein Ärgernis, dass die Mutter der Gläubigen ihre Person und ihre Würde den Gefährdungen eines Feldlagers aussetzte; aber die abergläubische Masse vertraute darauf, dass ihre Gegenwart allein die Gerechtigkeit ihrer Sache heiligen und zum Erfolg führen werde.

An der Spitze von zwanzigtausend loyalen Arabern und neuntausend wackeren Hilfstruppen aus Cufa traf der Kalif auf einen weit überlegenen Gegner und besiegte die Rebellen unter den Mauern von Bassora. Ihre Anführer Telha und Zobeir kamen in diesem Treffen ums Leben, dem ersten, in welchem die Waffen der Moslems mit dem Blut von Moslems befleckt wurden. Ayescha war, um dem Heer Mut zu machen, durch die Reihen gegangen und hatte ihren Posten inmitten der Gefahren des Schlachtfeldes bezogen. In der Hitze des Gefechtes wurden nach und nach siebzig Mann getötet oder verwundet, welche ihr weißes Kamel am Zaume hielten, und das Behältnis oder die Sänfte, in der sie saß, wurde mit Pfeilen und Speeren eindeckt wie ein Stachelschwein mit seinen Borsten. Die hohe Gefangene ertrug die Vorwürfe des Siegers mit Festigkeit und wurde ohne Verweilen und mit allem der Witwe des Propheten zustehenden pflichtschuldigen Respekt zu dem Ort entlassen, der sich besser für sie fügte, dem Grabe Mohammeds.

 

FELDZUG GEGEN MOAWIYAH

Nach diesem Sieg – man nannte ihn die Kamelschlacht oder den Tag des Kamels – wandte Ali sich einem stärkeren Gegner zu, dem Sohn von Abu Sophian, der den Titel eines Kalifen angenommen hatte und dessen Anspruch von der Heeresmacht Syriens unterstützt wurde sowie von dem Ansehen des Hauses der Ommiyaden. Vom Thapsakus-Pass längs des rechten Euphrat-Ufers dehnt sich die Ebene von Siffin D'Anville (l'Euphrate et le Tigre, p. 29) hält die Ebene des Siffin für den Campus Barbaricus des Prokopios.. Auf diesem weitläufigen und ebenen Schauplatz führten beide hundertzehn Tage einen unentschiedenen Krieg. In neunzig Gefechten verlor Ali, so schätzt man, fünfundzwanzigtausend und Moawiyah fünfundvierzigtausend Soldaten; und gekrönt wurde diese Liste dann durch die Namen von fünfundzwanzig Veteranen, die noch bei Beder unter Mohammeds Fahne gefochten hatten. In dieser blutigen Auseinandersetzung zeigte der gesetzmäßige Kalif einen durch Mut und Menschlichkeit im hohen Maße ausgezeichneten Charakter. Seine Truppen erhielten strengste Weisung, die Feinde nicht zuerst anzugreifen, die fliehenden Brüder zu schonen, die Körper der Toten zu respektieren und die Keuschheit der weiblichen Gefangenen ehren. Ali machte auch den edelmütigen Vorschlag, das Blut der Moslems zu schonen und durch einen Zweikampf die Entscheidung zu suchen, aber sein Gegner bebte und lehnte diese Herausforderung als ein unwiderrufliches Todesurteil ab.

Die Reihen der Syrier lichteten sich infolge der Angriffe dieses Helden, der auf einem Schecken saß und mit unwiderstehlicher Gewalt sein zweischneidiges Schwert führte. Sooft er einen der Rebellen niederstreckte, rief er Allah Acbar, »Gott ist siegreich!«, welcher faltale Ruf in einem Nachtgefecht vierhundert Mal gehört wurde. Schon dachte der Fürst von Damaskus an Flucht, aber der sichere Sieg wurde Ali durch den Ungehorsam und die religiöse Verblendung seiner Truppe entwunden. Ihr Gewissen wurde durch eine feierliche Berufung auf die Blätter aus dem Koran beunruhigt, welche Moawiyah auf die Lanzen der ersten Reihe hatte anbinden lassen; und so ward Ali genötigt, einen schmachvollen Waffenstillstand zu schließen und sich auf ein zweideutiges Versprechen einzulassen. Er zog sich nach Cufa zurück, verstimmt und betrübt; seinen Anhängern war der Mut gesunken; die entfernten Provinzen, Persien, Yemen und Ägypten wurden durch seinen heimtückischen Nebenbuhler unterworfen oder abspenstig gemacht, und der Dolch des Fanatismus, der gegen die drei Oberhäupter der Nation gerichtet war, wurde nur dem Vetter Mohammeds tödlich.

Im Tempel von Mekka nämlich erörterten drei Charegiten oder religiöse Schwärmer die aufgelösten Zustände ihrer Kirche und kamen schon bald überein, dass der Tod von Ali, von Moawiyah und seinem Freund Amrou, dem Vizekönig von Ägypten, Frieden und Eintracht der Religion wieder herzustellen geeignet sei. Jeder der Mörder suchte sich ein Opfer, vergiftete seinen Dolch, weihte sein Leben und begab sich heimlich an den Ort des Geschehens. Alle drei spielten va banque; aber der Erste irrte sich in der Person des Amrou und erstach dessen Stellvertreter, welcher seinen Platz eingenommen hatte; der zweite verletzte den Herrscher von Damaskus schwer; der rechtmäßige Kalif jedoch empfing von der Hand des Dritten in der Moschee zu Kufa die tödliche Wunde. Er verschied in seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr und legte seinen Kindern mitleidsvoll nahe, dass sie den Mörder mit einen einzigen Hieb zum Tode befördern sollten. Alis Grab Abulfeda, ein gemäßigter Sunnit, bericht die verschiedenen Meinungen über die Beerdigung des Ali, stimmt aber selbst für das Grabmal, »das heute von zahlreichen Besuchern frequentiert wird.« wurde vor den Tyrannen aus dem Hause der Ommiyaden verborgen gehalten Alle persischen Tyrannen von Adhad el Dowlat (A.D. 977, D'Herbelot, p. 58, 59, 95) bis Nadir Shah, (A.D. 1743, Hist. de Nadir Shah, tom. II, p. 155) haben Alis Grab mit Raubgut aus dem Volk bereichert. Die Kuppel ist auf Kupfer, aber vergoldet, wodurch bei Sonnenschein meilenweit Glanz verbreitet wird.; doch entstand im vierten Jahrhundert der Hedschra in der Nähe der Ruinen von Kufa ein Grab, ein Tempel, eine Stadt Die Stadt Mesched Ali liegt 5-6 Meilen von Kufa und 120 Meilen südlich von Bagdad und hat die Größe und die Anlage des heutigen Jerusalem. Meched Hosein ist größer und bevölkerter und liegt 30 Meilen entfernt.. Tausende von Schiiten ruhen in diesen heiligen Boden zu Füßen des Statthalters Gottes. Und die Wüste ist belebt durch die zahlreichen jährlichen Besucher aus Persien, welche diese Form der Verehrung für ebenso verdienstlich halten wie eine Pilgerfahrt nach Mekka.

 

DIE REGIERUNG DES MOAWIYAH 661-680

Die früheren Feinde Mohammeds rissen das Erbe seiner Kinder an sich, und aus den Parteigängern des Götzendienstes wurden die obersten Sachwalter seines Reiches und seiner Religion. Abu Sophian hatte fanatischen und ingrimmigen Widerstand geleistet, und seine Bekehrung erfolgte verspätet und widerwillig; sein neuer Glauben wurde nur durch äußere Zwänge und Eigeninteresse gefestigt; er diente, kämpfte und, wer weiß, vielleicht glaubte er auch. Seine Sünden aus der Zeit der Unwissenheit wurden durch die jüngsten Verdienste des Hauses der Ommiyaden ausgeglichen. Moawiyah, der Sohn des Abu Sophian und Henda, der Grausamen, wurde bereits in früher Jugend mit dem Amt oder Ehrentitel des Sekretärs des Propheten ausgezeichnet; Omars gefestigte Urteilskraft vertraute ihm dann die Verwaltung über die wichtige Provinz Syrien an, welches bedeutende Amt er in einem nach- und später übergeordneten Rang vierzig Jahre ausübte. Ohne den Ruhm der Freigebigkeit und Tapferkeit zu vernachlässigen, war er doch mehr darum bemüht, sich durch Menschlichkeit und Mäßigung hervorzutun. Sein Volk war durch Dankbarkeit mit seinem Wohltäter verbunden, und so sahen sich die siegreichen Moslems durch die Beute von Zypern und Rhodos beschenkt.

Die heilige Pflicht, die Mörder des Othman zu verfolgen, war Anlass und Triebfeder seines Ehrgeizes. Das blutige Hemd des Märtyrers wurde in der Moschee von Damaskus zur Schau gestellt: der Emir beweinte bitterlich das Schicksal seines ermordeten Verwandten. Sechzigtausend Syrer traten in seine Dienste, durch einen Treue- und Rachschwur an ihn gebunden. Amru, Ägyptens Eroberer und für sich genommen schon ein Heer, begrüßte den neuen Monarchen als erster und offenbarte ihm das gefährliche Geheimnis, dass arabische Kalifen auch außerhalb der Stadt des Propheten investiert werden können Ich entleihe mir bei dieser Gelegenheit den markanten Gedanken und Ausdruch des Tacitus, (Hist. I, 4: ) Evulgato imperii arcano posse imperatorem alibi quam Romae fieri. (...ist das heilige kaiserliche Geheimnis unter das Volk gebracht, dass man den Kaiser auch außerhalb von Rom auf den Thron heben).. Die Politik des Moawiyah foppte indessen die Tapferkeit seines Nebenbuhlers; und nach dem Tode von Ali bewirkte er durch Verhandlungen die Abdankung von dessen Sohn Hassan, dessen Geist entweder zu hoch über den Geschäften dieser Welt schwebte oder ihnen schlechterdings nicht gewachsen war und der sich ohne einen Seufzer aus dem Palast von Kufa in eine einfache Hütte in der Nähe des Grabes seines Großvaters zurückzog. Die hochfliegenden Pläne des Kalifen indessen wurden schließlich gekrönt, indem das Wahl- zu einem Erbkönigtum umgewandelt wurde; zwar hörte man allerlei Murmeln, in welchem die Abneigung der Araber sich kundtat, und tatsächlich verweigerten vier Bürger von Mekka den Treueeid; doch exekutierte Moawiyah seine Pläne mit Entschlossenheit und Umsicht; und sein Sohn Yediz, ein schwacher und ausschweifender Jüngling, ward zum Beherrscher der Gläubigen und zum Nachfolger des Gesandten Gottes ausgerufen.

 

DER TOD HOSEINS – OKTOBER 680

Eine bekannt Geschichte erzählt von der Menschenfreundlichkeit eines der Söhne Alis. Ein Sklave, der bei Tisch servierte, übergoss versehentlich seinen Herren mit einer Schüssel heißer Brühe; der unachtsame Bube fiel sofort zu Boden und zitierte dabei, um seiner Strafe zu entgehen, raschbedacht einen Koranvers: »Derer ist das Paradies, die ihrem Zorn gebieten.« – »Ich bin nicht zornig.« – »...und derer, die Kränkungen vergeben.« – »Ich vergebe dir die Kränkung.« – »...und derer, die Böses mit Gutem vergelten.« – »So schenke ich dir die Freiheit und noch vierhundert Silberstücke.« Mit einem vergleichbaren Anteil von Frömmigkeit hatte Hosein, Hassans jüngerer Bruder, auch noch einen Teil von seines Vaters Tapferkeit geerbt und zeichnete sich ehrenhaft gegen die Christen bei der Belagerung von Konstantinopel aus. Das Recht der Erstgeburt des Hauses Haschem und die Heiligkeit des Enkels des Propheten waren in seiner Person vereint, und es stand in seinem Belieben, seine Vorrechte gegen Yesid geltend zu machen, diesen grausamen Tyrannen von Damaskus, dessen Laster er verachtete und dessen Titel anzuerkennen er niemals genötigt war. Außerdem war auf geheimen Wegen von Kufa nach Medina eine Liste mit einhundertvierzigtausend Moslems gelangt, welche sich als seine Anhänger bekannten und ihre Bereitschaft erklärten, in dem Augenblick ihr Schwert zu ziehen, in dem er sich an den Ufern des Euphrat zeigen würde. Hosein beschloss, gegen den Rat seiner treuesten Freunde, seine Familie und sich selbst einem unzuverlässigen Volke anzuvertrauen. Er durchquerte die arabische Wüste, zusammen mit einem furchtsamen Gefolge von Kindern und Frauen; bei seiner Annäherung an die Grenzen zum Irak indessen wurde er durch den einsamen und ungastlichen Anblick des Landes beunruhigt und fürchtete, das sein Anhang von ihm abgefallen oder zugrunde gerichtet worden sei. Seine Sorgen waren begründet: der Statthalter von Kufa, Obeidollah, hatte die allerersten Funken eines Aufruhrs ausgetreten; und Hosein sah sich in der Ebene von Kerbela von fünftausend Mann Kavallerie umkreist, welche ihm die Verbindung zur Stadt und zum Fluss abschnitten.

Noch hätte er zu einer Wüstenfestung entkommen können, welche schon der Heeresmacht des Caesar und Chosroes getrotzt hatte; und er hätte sich der Treue des Tai-Stammes anvertrauen können, der zehntausend Krieger zu seinem Schutz bewaffnet haben würde. In einer Besprechung mit dem feindlichen Anführer schlug er drei ehrenhafte Möglichkeiten vor: dass ihm die Rückkehr nach Medina zugestanden werde; dass er in einer Grenzfestung gegen die Türken Verwendung finde; oder dass er sicheres Geleit zu Yesid erhalte. Doch die Bedingungen des Kalifen oder seines Unterfeldherren waren brutal und nicht verhandelbar: Entweder, so erfuhr Hosein, unterwerfe er sich als ein Gefangener und Verbrecher dem Beherrscher der Gläubigen, oder er müsse die Folgen seiner Empörung tragen. »Glaubt ihr wirklich,« so seine Erwiderung, »ihr könnt mich mit dem Tode schrecken?« Und dann bereitete er sich während einer kurzen nächtlichen Frist darauf vor, seinem Schicksal mit ruhiger und feierlicher Entschlossenheit zu begegnen. Er war bemüht, seine Schwester Fatima zu beruhigen, welche den bevorstehenden Untergang ihres Hauses bejammerte. »Unser Zutrauen,« so sprach Hosein, »ist alleine bei Gott. Alle Dinge, im Himmel wie auf der Erde, müssen vergehen und zurückkehren zu ihrem Schöpfer. Mein Bruder, mein Vater, meine Mutter waren Bessere als ich, und jeder Moslem hat in dem Propheten ein Vorbild.« Seine Freunde beschwor er, sich durch eine rechtzeitige Flucht in Sicherheit zu bringen, aber sie weigerten sich ausnahmslos, ihr geliebtes Oberhaupt zu verlassen oder ihn zu überleben, und ihr Mut wurde beseelt durch ein inbrünstiges Gebet und die Hoffnung auf das Paradies.

Am Morgen des verhängnisvollen Tages bestieg er sein Pferd, sein Schwert in der einen und den Koran in der anderen Hand: die hochherzige Schar von Märtyrern, die ihn begleitete, bestand nur aus zweiunddreißig Mann zu Pferde und vierzig Mann zu Fuß, doch waren sie an der Seite und im Rücken durch Zeltstricke geschützt und durch einen tiefen Graben gesichert, den sie nach der Sitte der Araber mit brennendem Reisig gefüllt hatten. Widerwillig rückte der Feind vor, und einer ihrer Anführer ging sogar mit dreißig Gesinnungsgenossen über, um den unabwendbaren Tod zu teilen. Bei jedem Nahgefecht und bei jedem Zweikampf machte die verzweifelte Wut die Fatimiten unüberwindlich; aber die zerstreuten Feinde überschütteten sie aus sicherer Distanz mit einer Wolke von Pfeilen, und so kamen Ross und Reiter einer nach dem andern ums Leben. In der Stunde des Gebetes verabredete man auf beiden Seiten eine kurze Gefechtspause, und mit dem Tod von Hoseins letztem Gefährten endigte dieser Kampf.

Allein, erschöpft und verwundet saß er nun am Eingang seines Zeltes; als er einen Schluck Wasser genoss, wurde er von einem Pfeil im Munde verletzt, und sein Sohn und sein Neffe, zwei schöne Jünglinge, wurden in seinen Armen getötet. Er erhob seine blutverschmierten Hände zum Himmel und sprach für die Lebenden und die Toten das Sterbegebet. In höchster Verzweiflung stürzte seine Schwester aus dem Zelt und beschwor den General der Kufier, er solle nicht zulassen, dass Hosein vor seinen Augen ermordet werde: eine Träne rann über seinen ehrwürdigen Bart nieder, und seine kühnsten Krieger bebten zurück, als sich der sterbende Held unter sie stürzte. Der gefühlstote Shamer – verflucht ist sein Name unter den Rechtgläubigen – warf ihnen ihre Feigheit vor, und da ward Mohammeds Enkel von dreiunddreißig Schwert- und Lanzenstichen getötet. Sie traten seine Leiche in den Staub und brachten den Kopf in das Schloss von Kufa; der verrohte Obeidollah schlug ihm mit einem Stock auf den Mund. »Wehe,« rief da ein betagter Muselman, »auf diesen Lippen habe ich vordem die Lippen des Gesandten Gottes gesehen.« In späten Jahrhunderten und fernen Landen wird diese Szene von Hoseins Tod das Mitgefühl noch des kältesten Lesers aufrufen Ich habe die lesenswerte Darstllung von Ockley (tom. II, 170-231) verkürzt. Sie ist lang und geht ins Detail. Aber das zu Herzen gehende findet sich fast nur in kleinen Nebenumständen.. Beim jährlichen Gedenken an seinen Märtyrertod überlassen seine persischen Verehrer bei frommer Pilgerfahrt zu seinem Grabe ihre Seelen religiösem Schmerz und Zorn Der Däne Niebuhr (Voyages en Arabie, tom. II, p. 208ff) ist vermutlich der einzige Europäer, der auf seinen reisen Mesched Ali und Mesches Hosein aufzusuchen gewagt hat. Die beiden Gräber befinden sich in der Hand der Türken, die aber die Verehrung der persischen Häretiker gegen eine Gebühr erlauben. Die Totenfeier für Hosein wird von Sir John Chardin ausführlich beschrieben, welchen Reisenden ich schon oft rühmen konnte..

 

DIE NACHKOMMEN VON MOHAMMED UND ALI

Als die Schwester und die Kinder in Ketten vor den Thron von Damaskus gebracht wurden, gab man dem Kalifen den Rat, der Feindschaft eines so beliebten und zugleich feindlich gesinnten Geschlechtes durch dessen vollständige Ausrottung ein für allemal ein Ende zu setzen, da Aussöhnung mit ihnen nach einem solchen Unrecht nicht zu erhoffen sei. Doch Yesid hörte hier auf die Stimme der Menschlichkeit: die trauernde Familie wurde in Ehren nach Medina entlassen, um ihre Tränen dort mit denen ihrer Verwandten zu vermengen. Der Ruhm des Märtyrertums hatte mehr Gewicht als das Erstgeburtsrecht, und die zwölf Imame Der allgemeine Artikel »Imam« in d'Herbelots Bibliothek zeigt ihre Reihenfolge, und die Biographien der zwölf Imame erhält man unter den jeweiligen Namen. oder Oberhäupter des persischen Glaubens sind Ali, Hassan, Hosein und seine direkten Nachfahren bis zur neunten Generation. Ohne Waffen, Reichtum oder Untertanen freuten sie sich der Verehrung des Volkes und evozierten bei den jeweils herrschenden Kalifen Gefühle der Eifersucht; ihre Gräber von Mekka oder Medina, an den Ufern des Euphrat oder in der Provinz Chorosan werden noch immer von andächtigen Pilgern dieser Sekte aufgesucht. Ihre Namen wurden mehrfach als Vorwand zu Aufruhr und Bürgerkrieg missbraucht, aber für den Pomp dieser Welt erübrigten diese königlichen Heiligen nur Verachtung; sie ergaben sich dem Willen Gottes und der menschlichen Ungerechtigkeit und widmeten ihr unschuldiges Leben dem Studium und der Praxis der Religion.

Der zwölfte und zugleich letzte dieser Imame, ausgezeichnet durch den Namen Mahadi (»Führer«) übertraf mit seinem Einsiedler-Leben alle seine Vorgänger. Er verbarg sich in einer Höhle nahe Bagdad: Zeit und Ort seines Todes sind unbekannt; doch seine Verehrer bestehen darauf, dass er immer noch am Leben sei und vor dem Tage des Gerichtes wiederkehren werde, die Tyrannei des Dejal oder Antichristen zu überwinden Der Name »Antichrist« mag hier albern wirken, doch haben die Moslems sich großzügig bei anderen Religionen die Fabeln ausgeborgt (Sale, Preliminary Discourse, p. 80, 82). Im königlichen Gestüt zu Ispahan stehen immer zwei gesattelte Pferde bereit, das eine für den Mahadi persönlich, das zweite für seinen Gehilfen, Jesus, den Sohn Marias.. Nach Ablauf von zwei bis drei Jahrhunderten war die Nachkommenschaft von Abbas, Mohammeds Onkel, auf dreiunddreißig Personen angewachsen Im Jahr 200 der Hedschra (A.D. 815). Siehe d'Herbelot, p. 146.; Alis Nachfahren mögen ähnlich fruchtbar gewesen sein, aber noch der niedrigste seiner Nachkommen war weit über den ersten und mächtigsten irdischen Herrscher erhoben, und der Beste unter ihnen übertraf nach allgemeiner Schätzung sogar die überragende Vollkommenheit von Engeln. Aber ihr widriges Schicksal und der gewaltige Umfang des Reiches der Moslems eröffnete jedem dreisten oder geschickten Betrüger ein weites Betätigungsfeld, wenn sie nur eine Nähe zum heiligen Samen glaubhaft machen konnten: das Szepter der Almohaden in Spanien und Afrika und der Fatimiten in Ägypten und Persien Siehe d'Herbelot, Bibl. Orient. p. 342. Die Feinde der Fatimiden versuchen, sie durch eine angebliche Abstammung von den Juden zu diskreditieren. Doch können die Fatimiten ihre Abkunft mit aller Genauigkeit bis auf Jaafar, den 6. Iman, zurückführen. Und auch der neutrale Abulfeda (Annal. Mosl. P. 230) konzediert, dass sie von vielen als solche anerkannt wurden, qui absque controversia genuini sunt Alidarum, homines propaginum suae gentis exacte callentes (welche unbestritten vom Geschlechte Alis sind und sich in ihrem Stammbaum sehr genau auskennen). Dann führt er einige Zeilen von dem berühmten Scherif or Rahdi an, Egone humilitatem induam in terris hostium (Er war vermutlich ein Edressite aus Sizilien), cum in Aegypto sit Chalifa de gente Alii, quocum ego communem habeo patrem et vindicem (Ob ich in Feindesland eine niedere Herkunft annehmen soll wenn in Ägypten ein Kalif aus dem Hause Alis war, mit dem ich einen Vater und Retter gemein habe)., der Sultane von Yemen und endlich der Sophis von Persien ist durch diesen höchst unsicheren und zweideutigen Titel geheiligt worden. Unter ihrer Herrschaft mochte es heikel gewesen sein, die Rechtmäßigkeit ihrer Geburt in Frage zu stellen; und einer der fatimitischen Kalifen brachte eine solche undiskrete Frage zum Schweigen, indem er seinen Säbel zog: »Dies,« sprach Moez, »ist meine Herkunft; und dies,« und er warf eine Handvoll Gold unter seine Krieger, »und dies sind meine Verwandten und Kinder.«

In den unterschiedlichsten Erscheinungsformen, als Fürsten, Gelehrte, Edle, Kaufleute oder Bettlern wurden sie mit dem Namen eines Scheichs oder Scherif oder Emir bedacht. Im türkischen Reich erkennt man sie an ihrem grünen Turban; sie erhalten ihr Gehalt aus der Schatzkammer, werden nur von ihrem religiösen Oberhaupt gerichtet, und pochen noch unter den übelsten Lebensumständen auf das stolze Vorrecht ihrer Geburt. Eine Familie von dreihundert Personen, des Kalifen Hassan echte und rechtgläubigen Nachkommenschaft, hat sich ohne die geringste Beimengung fremden Blutes in den beiden heiligen Stätten Mekka und Medina erhalten und übt selbst noch heute, nach Ablauf von zwölf Jahrhunderten, das Wächteramt über den Tempel und die Herrschaft über ihre Heimat aus. Mohammeds Ruf und seine Verdienste würden selbst eine plebejische Familie adeln, und das alte Blut der Koreischiten ist erhaben über jedwede Majestät heutiger irdischer Könige Der gegenwärtige Zustand der Familie Mohammeds und Alis wird mir größter Genauigkeit beschrieben von Demetrius Cantemir (Hist. of the Othmae Empire, p. 94) und Niebuhr, (Description de l'Arabie, p. 9-16, 317ff.). Es ist beklagenswert, dass der dänische Reisende die arabischen Chroniken nicht kaufen konnte..

 

DIE ERFOLGE MOHAMMEDS

Die Fähigkeiten Mohammeds verdienen unsere Bewunderung, aber sein Erfolg hat unseren Respekt vielleicht zu stark auf ihn allein konzentriert. Kommt es uns wirklich überraschend, wenn ein redegewandter Eiferer eine Menge Proselyten für seine Religion und seine Leidenschaften gewinnt? In der christlichen Kirche liefern seit den Zeiten der Apostel bis zur Reformation ungezählte Häresien wiederholt die gleichen Beispiele derartiger Verführungen. Klingt es so unglaublich, dass ein Privatmann zum Schwert und Szepter greift, sein Heimatland unterwirft und mit siegreicher Hand eine Monarchie errichtet? In der ereignisreichen Bilderfolge der orientalischen Dynastien haben sich hundert Thronräuber glücklich aus geringeren Anfängen emporgearbeitet, weitaus schlimmere Hemmnisse überwunden und im großen Umfang Staatsgründungen und Eroberungszüge vorgenommen. Mohammed war als Kämpfer und als Priester gleich bewährt, und die Vereinigung dieser beiden entgegengesetzten Fertigkeiten erhöhten sein Verdienst, wie sie zugleich seinen Erfolg vorantrieben: Gewalt uns Überredung, Begeisterung und Furcht verstärkten sich gegenseitig, bis jedweder Widerstand vor ihrem unwiderstehlichen Druck zusammenbrach. Die Stimme Mohammeds rief die Araber zu Freiheit und Sieg, zu Kampf und Raub und zur Ausübung ihrer Lieblingsbeschäftigung in dieser und der anderen Welt. Die Beschränkungen, die er ihnen auferlegte, waren notwendig, um sein Ansehen als Prophet zu mehren und um dem Volk Gehorsam einzuüben; und die einzige Erschwernis für seinen Erfolg war sein vernunftbestimmter Glaube an die Einheit und Vollkommenheit Gottes.

 

DAS FORTLEBEN SEINER RELIGION

Es ist daher nicht so sehr die Verbreitung, als vielmehr die Langlebigkeit seiner Religion, die unsere Bewunderung verdient: das gleiche reine und perfekte Gepräge, das er seiner Religion zu Mekka und Medina verliehen hatte, findet sich noch heute, zwölf Jahrhunderte später, bei den indischen, afrikanischen und türkischen Bekennern des Islam. Könnten die christlichen Apostel, Peter und Paul, in den Vatikan zurückkehren, würden sie vermutlich nach dem Namen des Gottes fragen, der in diesem großartigen Tempel mit solchen geheimnisvollen Ritualen verehrt wird. Zu Oxford oder Genf wären sie vielleicht weniger überrascht, aber sie würden es sich sehr angelegen sein lassen, den Katechismus der Kirche und die Kommentare zu ihren eigenen Schriften und den Worten ihres Meisters zu studieren. Doch die türkische Hagia-Sophia-Kirche symbolisiert trotz zunehmender Prachtentfaltung nach wie vor nur die kleine Holzhütte, welche Mohammed einst zu Medina mit eigenen Händen errichtet hatte. Die Moslems haben beharrsam allen Versuchen widerstanden, den Gegenstand ihres Glaubens und ihrer Verehrung den Sinnen und dem Verständnis der Menschen anzupassen. »Ich glaube an den einen Gott, und Mohammed ist sein Gesandter:« dies ist das schlichte und unabänderliche Glaubensbekenntnis des Islam.

Das geistige Bild der Gottheit ist bei ihnen niemals durch ein sichtbares Bild profanisiert worden; die Ehren, die dem Propheten zuteil wurden, haben niemals das Ausmaß menschlicher Tugend überschritten, und seine lebensnahen Vorschriften haben die Verehrung seiner Schüler in den von Vernunft und Religion gezogenen Grenzen bewahrt. Alis Anhänger haben zwar das Andenken an ihren Lehrer, seine Gattin und seine Kinder geheiligt, auch behaupten einige persischen Religionsgelehrte, dass die göttliche Essenz in den Personen der Imame inkarniert sei; doch wird dieser ihr Aberglaube von den Sunniten überall verurteilt, und ihre Gottlosigkeit hat letzteren rechtzeitig eine nachdrückliche Warnung gegen jede Heiligen- und Märtyrerverehrung an die Hand gegeben. Metaphysische Fragen wie die nach den Eigenschaften von Gott oder der Freiheit des Menschen haben in den Schulen der Mohammedaner wie der Christen Anlass zu Streit gegeben. Doch haben diese Erörterungen bei ersteren niemals die Leidenschaften des Volkes aufgewühlt und die Ruhe im Inneren des Staates gestört.

Die Ursache für diesen bedeutsamen Unterschied mag in der Trennung bzw. der Vereinigung der königlichen und priesterlichen Würde liegen. Es lag im ureigensten Interesse der Kalifen, der Nachfolger des Propheten und Beherrscher der Gläubigen, sämtliche Versuche religiöser Erneuerung zurückzudrängen und zu ersticken. Die Moslems kennen so etwas wie einen geistlichen Stand nicht, noch dessen geistliche oder weltliche Bestrebungen. Und die einzigen Lenker ihres Gewissens und Orakel ihres Glaubens sind die Weisen der Gesetze. Vom Atlantik bis zum Ganges gilt der Koran als das Grundgesetz nicht nur der Theologie, sondern auch der Zivil- und Kriminalgesetzgebung, und die Gesetze, nach denen die Handlungen und die Eigentumsverhältnisse der Menschen geregelt werden, stehen unter der unabänderlichen und untrüglichen Obhut von Gottes Willen.

Diese Abhängigkeit von der Religion verursacht einige Nachteile in der Praxis,; der ungelehrte Gesetzgeber ist oft durch seine Vorurteile und die seiner Landsleute fehlgeleitet worden; und was sich für die arabische Wüste als geeignet erweist, mag sich für bevölkerte und reiche Städte wie Ispahan oder Konstantinopel durchaus nicht schicken. In solchen Fällen legt sich der Kadi ehrfurchtsvoll den Koran aufs Haupt und unterlegt dem fraglichen Vers eine passendere Auslegung, die sich besser den Grundsätzen der Billigkeit, den Bräuchen und der Politik der Gegenwart fügen.

 

MOHAMMEDS VERDIENSTE UM SEIN LAND

Der wohltätige oder verderbliche Einfluss Mohammeds auf das gemeine Wohl ist der letzte Charakterzug Mohammeds, der zu betrachten ist. Noch die bittersten und bigottesten seiner christlichen oder jüdischen Gegner werden zugeben, das er einen erdichteten Auftrag übernommen hatte, um eine heilsame Lehre einzuprägen, deren Vollkommenheit nur noch von ihrer eigenen übertroffen wird. Als die Grundlage seiner Religion setzte er in frommer Zuversicht die Wahrheit und Heiligkeit der vorangegangenen Offenbarungen voraus so wie die Tugenden und die Wunder ihrer Stifter. Die Götzen Arabiens wurden vor dem Thron Gottes in Stücke geschlagen, das Blut von Menschenopfern durch Gebet, Fasten und Almosen abgebüßt, diesen löblichen und unschuldigen Kennzeichen religiöser Verehrung; und die Belohnungen und Strafen einer künftigen Welt zeichnete er in solchen Bildern, wie sie einem unwissenden und sinnenfreudigen Volke am besten zusagen. Vielleicht war Mohammed außerstande, seinen Landsleuten ein stabiles moralisches und politisches System zu entwerfen: aber er hauchte den Gläubigen den Geist der Milde und Freundschaft ein, brachte ihnen die Praxis sozialer Tugenden nahe und trat mit seinen Gesetzen und Vorschriften dem Rachedurst und der Unterdrückung von Witwen und Waisen entgegen. Feindliche Stämme wurden durch ein gemeinsames Band des Glaubens und des Gehorsam geeint, und die Kräfte, die man bei internen Streitigkeiten übel genutzt hatte, richtete man nunmehr mit Nachdruck gegen auswärtige Feinde.

Wären die Impulse, die von Mohammed auf sein Land übergegangen waren, weniger machtvoll gewesen, dann hätte Arabien, frei im Inneren und furchtbar nach Außen, unter einer Reihe einheimischer Monarchen fortblühen können. Doch es verlor sich deren Oberherrschaft während ihrer raschen und umfangreichen Eroberungen. Ihre Kolonien lagen über Orient und Okzident verstreut, und ihr Blut mischte sich mit dem Blute ihrer Gefangenen oder der Bekehrten. Nach der Herrschaft der drei Kalifen wurde der Thron von Medina nach Damaskus und an das Ufer des Tigris verlegt, die heiligen Städte durch gotteslästerliche Kriege entweiht, Arabien selbst musste sich unter die Fuchtel eines Untertans, vielleicht sogar eines Fremden beugen, und die Beduinen, die aus ihrem Traum von einer Alleinherrschaft erwachten, kehrten wieder zu ihrer hergebrachten und einsamen Unabhängigkeit zurück Die Autoren der neueren Universalgeschichte (vol 1 und 2) haben auf 850 Seiten Folio Mohammeds Leben und die Annalen der Kalifen dargestellt. Sie hatten den Vorteil, die arabischen Autoren im Original lesen und zuweilen sogar verbessern zu können; doch ungeachtet ihrer hochtönenden Ankündigungen finde ich nicht, am Ende meiner Arbeit, dass ich ihnen viele (wenn denn überhaupt) neue Erkenntnisse zu danken habe. Die monotone Darstellung wird zu keinem Augenblick durch Beimengungen von Geschmack oder Philosophie gewürzt; und die Verfasser – oder vielmehr die Kompilatoren – des Textes nehmen sich die bissigsten Bigotterien gegen Boulainvilliers, Sale, Gagnier und alle diejenigen heraus, welche Mohammed mit Gunst oder wenigstens Gerechtigkeit behandelt haben..








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.