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Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 49

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 49 - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 49
publisherprojekt.gutenberg.de
year2014
firstpub2014
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20140319
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 6. Band – Kapitel 49

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XLIX

EINFÜHRUNG, VEREHRUNG UND VERFOLGUNG VON BILDERN AUFRUHR IN ITALIEN UND ROM WELTLICHE HERRSCHAFT DER PÄPSTE FRANKEN EROBERN ITALIEN BILDERVEREHRUNG WIRD ERNEUERT KARL DER GROSSE: CHARAKTER UND KRÖNUNG ERNEUERUNG UND VERFALL DES WESTRÖMISCHEN REICHES ITALIEN UNABHÄNGIG VERFASSUNG DES DEUTSCHEN REICHES

 

EINFÜHRUNG DER BILDERVEREHRUNG IN DIE CHRISTLICHE KIRCHE

Ich habe bei der Erörterung des Verhältnisses von Kirche und Staat die erstgenannte stets als jenem nachgeordnet und von ihm abhängig angesehen; ein heilsamer Grundsatz, wenn er denn in der Realität und in der Fiktion nur zuverlässig beachtet worden wäre. Die orientalische Philosophie der Gnosis; den dunklen Abgrund der Prädestinations- und Gnadenlehre; und die unbegreifliche Wandlung der Eucharistie in den Leib Christi habe ich dem scharfsinnigen Forschergeist der Gottesgelahrten überlassen Der gelehrte Selden hat die Geschichte der Transsubstantiation in einem einzigen tiefsinnigen Satz zusammengefasst: »Diese Auffassung ist die Umwandlung von Rhetorik in Logik.« (Seldon, Opuscula III, p. 2073, Tischreden).. Aber ausführlich und bereitwillig habe ich mich bei denjenigen Gegenständen der Kirchegeschichte aufgehalten, welche einen spürbar beschleunigenden Einfluss auf den Niedergang und Verfall des römischen Reiches gehabt hatten, etwa die Ausbreitung des Christentums, die katholischen Kirchenverfassung, der Untergang des Heidentums und die Sekten, welche aus den undurchschaubaren Streitigkeiten über die Dreieinigkeit und die Menschwerdung entstanden sind. An die Spitze dieser Reihe dürfen wir mit gutem Recht die Bilderverehrung stellen, die im VIII und IX Jahrhundert mit vielem Grimme umstritten wurde; entwickelten sich doch aus diesem Gegenstand des populären Aberglaubens eine Revolte in Italien, die weltliche Herrschaft des Papsttums und die Wiederherstellung des römischen Westreiches.

Die ersten Christen besaßen eine unüberwindliche Abneigung gegen den Gebrauch oder Missbrauch von Bildern; diesen Ekel darf man ihrer Herkunft aus dem Judentum und ihrer Feindseligkeit gegen die Griechen zuschreiben. Das mosaische Gesetz hatte jede bildliche Darstellung der Gottheit strengstens untersagt, welches Verbot sich denn auch in die Vorschriften und Grundsätzen des erwählten Volkes einwurzelte. Die christlichen Apologeten verhöhnten mit scharfem Witz die törichten Götzendiener, welche vor dem Werk ihrer eigenen Hände huldigend in den Staub sanken; vor Bildnissen aus Erz und Marmor, welche, wenn sie denn über Bewusstsein und Motorik verfügt hätten, eher von ihrem Piedestal herabgestiegen wären, um die kreative Begabung des Künstlers anzubeten Nec intelligunt homines ineptissimi, quod si sentire simulacra et moveri possent, adoratura hominem fuissent a quo sunt expolita. (»...und die dümmsten Menschen sehen nicht ein, dass Standbilder, wenn sie empfinden und gehen könnten, den Menschen anbeten würden, der sie herausgebildet hat.« Lactantius, Divin. Institut. II,2.) Lactantius ist der letzte und zugleich beredteste der lateinischen Apologeten. Ihr Spott war nicht nur gegen die Bilder gerichtet, sondern auch gegen Form und Material.. Vielleicht krönten ja einige unvollständig neubekehrte Gnostiker die Bildsäulen Christi und des heiligen Paulus ebenso mit profaner Ehrerbietung wie sie es vordem mit denen des Aristoteles oder Pythagoras getan hatten Siehe Irenäus, Epiphanius und Augustinus (Basnage, Hist. des Eglises Reformees, tom. II, p. 1313). Diese gnostische Praxis hat eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Privatverehrung des Alexander Severus. (Lampridius, c. 29. Lardner, Heathen Testimonies, vol. III, p. 34.). Doch war der öffentliche Gottesdienst der Katholiken gleichermaßen schlicht und spirituell, und der erste Hinweis auf einen Bildergebrauch finden wir in dessen Verurteilung durch die Kirchenversammlung zu Illiberis, dreihundert Jahre nach der christlichen Zeitrechnung. Als unter Konstantins Nachfolgern die siegreiche Kirche im Frieden und Überfluss erblühte, fanden sich einige klugbedachte Bischöfe bereit, eine Art sichtbaren Aberglauben zum Besten der Volksmassen zuzulassen, und nach dem endgültigen Untergang des Heidentums wurden sie auch nicht länger durch die Besorgnisse vor jenem gehässigen Vergleich zurückgehalten. Die Verehrung des Kreuzes und der Reliquien war die erste Form einer Verehrung von Bildern. Die Heiligen und Märtyrer, deren Fürsprache man erflehte, saßen allerdings zur Rechten Gottes; aber die gnadenreichen und übernatürlichen Wunder, welche nach dem Volksglauben in der Umgebung ihrer Gräber gespendet wurden, statteten sie mit unbestreitbarer Heiligkeit aus, zumindest nach der Auffassung jener frommen Pilger, die diese leblosen Überreste, diese Erinnerungsstätten ihrer Verdienste und ihrer Leiden aufsuchten, berührten und küssten Dies ist in diesem Werk schon früher erläutert worden.. Aber ein weitaus ansprechenderes Denkmal als der Schädel oder die Sandalen eines verstorbenen Heiligen bietet die getreue Darstellung seiner Person, so wie dies die Malerei oder die Bildhauerkunst eben leisten können. Deshalb erfreuten sich solche Darstellungen, die den menschlichen Empfindungen so zusagen, auch zu allen Zeiten der teilnehmenden Freundschaft oder der öffentlichen Anerkennung: die Standbilder der römischen Kaiser waren Objekte bürgerlicher, fast schon religiöser Ehrerbezeugung; den Statuen der Weisen und der Patrioten erwies man eine zwar weniger aufwendige, dafür aber aufrichtige Verehrung; doch deren weltliche Tugenden und glanzvollen Sünden vergingen zu nichts in Gegenwart jener heiligen Männer, die für ihr himmlisches, ewiges Vaterland ihr Leben hingegeben hatten.

Bei diesem Versuch ging man zunächst mit prüfender Zurückhaltung zu Werke. Und nur zur Belehrung der Unwissenden, zur Befeuerung der Lauen und zum Gefallen der heidnischen Proselyten wurden diese ehrbaren Bilder zugelassen. Allmählich, doch unvermeidlich übertrug man die Ehrenbezeugungen vom Original auf die späteren Kopien: der fromme Christenmensch betete vor dem Bilde des Heiligen; und die heidnischen Riten des Kniebeugens, Kerzenanzündens und Weihräucherns fand so erneuten Eingang in die katholische Kirche. Einwände der Vernunft oder der Frömmigkeit wurden durch die unwiderlegbare Beweiskraft der Visionen oder der Wunder zum Schweigen gebracht; und Gemälde, welche sprechen, sich bewegen oder sogar bluten, müssen notwendig mit göttlicher Kraft begabt sein und dürfen folglich als geeignete Objekte religiöser Verehrung betrachtet werden. Noch musste allerdings der kühnste Pinsel zittern, der den unendlichen Geist, den ewigen Vater, den Durchdringer und Träger das Alls farblich darzustellen sich unterfing Concil. Nicenum, II in Collect. Labb. tom. VIII p. 1025, edit. Venet. Dupin, Bibliot. Eccles. tom. VI p. 154..

Aber leicht fand sich eine abergläubische Seele darein, die Engel zu malen und zu verehren und vor allem natürlich den Gottessohn, und zwar in der menschlichen Gestaltung, die er hienieden anzunehmen sich einst herabgelassen hatte. Die zweite Person der Dreieinigkeit hatte einen wirklichen menschlichen Körper besessen; aber dieser Körper war zum Himmel aufgefahren, und wäre seinen Jüngern nicht irgendein Bild davon vor Augen gekommen, hätte die geistige Verehrung Christi leicht in Vergessenheit geraten können infolge der handfesteren Reliquien und Abbildungen der Heiligen. Eine vergleichbare Nachsicht schien für die Jungfrau Maria notwendig und förderlich: Ihr Begräbnisplatz war unbekannt, und die Aufnahme ihrer Seele in den Himmel hatte die Leichtgläubigkeit der Griechen und Lateiner zu einem Glaubensartikel gemacht.

So waren der Gebrauch und die Verehrung von Bildern bereits vor dem Ende des VI Jahrhunderts zur festen Einrichtung geworden: an ihnen hingen die Griechen und Asiaten mit heißer Einbildungskraft; das Pantheon und der Vatikan wurden mit den Symbolen eines neuen Aberglaubens ausgeschmückt; doch wurde dieses dem Götzendienst ähnliche Tun von den groben Barbaren und dem arianischen Klerus des Westens nur mit Herzenskälte aufgenommen. Die gewagteren Skulpturen von Erz oder Marmor, welche die Tempel des Altertums bevölkert hatten, waren der Phantasie oder dem Gewissen der Christen indessen immer noch anstößig, und schließlich kann man eine geglättete und farbig gestrichene Fläche allemal für eine schicklichere und harmlosere Form der Nachahmung halten Ich habe diese allgemeine Geschichte der Bilderverehrung dem XXII Buch der Hist. des Eglises Reformees von Basnage, tom. II. p. 1310-1337 abgeborgt. Er war Protestant von männlicher Denkungsart. Und da die Protestanten sich in diesem Punkte so offenkundig auf dem rechten Wege befinden, dürfen sie es auch wagen, unparteiisch zu sein. Der brave Pagi befindet sich hier in mancher Verlegenheit, Pagi, Critica, tom. I, p. 42..

 

DAS BILD VON EDESSA

Das Verdienst und die Wirkung eines Bildes beruht auf seiner Ähnlichkeit zum Original; doch die ersten Christen kannten die wahren Züge Christi, seiner Mutter und der Apostel nicht. Die Christusstatue zu Paneas in Palästina Räumt man den üblichen Schutt von Wundern und Widersprüchlichem fort, darf man als sicher annehmen, dass um das Jahr 300 in Paneas in Palästina eine Bronzestatue gestanden hatte, welche eine ehrwürdige, mit einem Mantel bekleidete Person darstellte, vor der eine weibliche Figur mit dankbarem oder demütig-bittendem Gesichtsausdruck niederkniete und dass sich vielleicht eine Inschrift – dem Retter, dem Wohltäter – auf dem Piedestal befand. Die Christen legten töricht genug diese Gruppe aus als ihren Stifter und die arme Frau, die er von ihrem Blutfluss geheilt hatte. (Euseb. VII, 18, Philostorg. VII, 3, &c). Herr de Beausobre vermutet mit mehr Grund den Philosophen Apollonius oder den Kaiser Vespasian. In diesem Falle wäre die Frau dann eine Stadt, eine Provinz oder die Königin Berenike. (Bibliotheque Germanique, tom. XIII, p. 1-92). stellt vermutlich irgendeinen Retter irdischer Provenienz dar; die Gnostiker mit ihren profanen Denkmale hatte die Kirche verworfen; und also konnte die Phantasie der christlichen Künstler nur durch heimliche Nachahmung heidnischer Vorbilder geleitet werden. In dieser Verlegenheit beendete eine kühne und geschickte Erfindung jeden Zweifel an der Ähnlichkeit des Bildes und der Unschuld der Bilderverehrung. Ein neuer, fabulöser Überbau wurde auf der Basis einer syrischen Legende errichtet, die von einem Briefwechsel zwischen Christus und Abgarus handelt und von unseren modernen Apologeten nur sehr widerstrebend aufgegeben wurde. Der Bischof von Caesarea Euseb. Hist. Eccles. I,13. Der gelehrte Assemannus hat als Zeugen drei Syrer benannt, St. Ephraim, Josua Stylites und Jakob, Bischof von Sarug; aber ich finde bei ihnen keinerlei Bezug auf das syrische Original oder die Archive von Edessa (Bibliot. Orient. tom. I, p. 318, 420, 554); ihre unbestimmten Glaubensaussagen stammen wohl von den Griechen. erwähnt zwar den Brief Zeugnisse für diese Briefe werden bei dem gelehrten Lardner beigebracht und – verworfen. (Heathen Testimonies, vol. I, p. 297-309). Ich erröte darüber, wenn ich in der Herde der bigotten Gemüter, die diesen gemütliche, aber unhaltbare Stellung verlassen mussten, neben Grabe, Cave, Tillemont u.a. auch Mr. Addison anzutreffen (vgl. Works, vol. I, p. 528, Baskervilles Ausgabe); doch seine oberflächliches Abhandlung über die christliche Religion verdankt ihren Ruhm seinem Namen, seinem Stil und dem gezielten Beifall unseres Klerus., vergisst aber unbegreiflicherweise das Abbild Christi Aus dem Stillschweigen des Bischofs Jakob aus Sarug (Assemannus, Bibliot. Orient. p. 289, 318) und dem Zeugnis des Evagrius, (Hist. Eccles. IV, 27) folgere ich, dass die Fabel zwischen den Jahren 521 und 594 erfunden wurde; vermutlich geschah es nach der Belagerung von Edessa im Jahre 540 (Assemanus, tom. I, p. 416. Procopius, de Bell. Persic. II). Sie ist Schwert und Schild von Gregor II (in Epist. I, ad. Leon. Isaur. Concil. tom. Viii, p. 656, 657), von Johannes Damascenus, (Opera, tom. I, p. 281, edit. Lequien,) und des 2. nikäischen Konzils, (Actio V, p. 1030). Die beste Ausgabe dieser Briefe findet man bei Cedrenus (Compend. p. 175-178).. Dieses war nichts Geringeres als der vollständige Abdruck seines Gesichtes auf weißem Leinen. Hiermit beschenkte Christus den Glauben des königlichen Fremdlings, der seine Heilkraft aufgerufen hatte und der ihm die feste Stadt Edessa zum Schutze gegen die jüdischen Ränke angeboten hatte. Dass die frühe Kirche hiervon nichts wusste, wird uns damit erklärt, dass das Leinentuch lange Zeit in einer Mauernische verborgen gelegen hatte, aus welchem es erst nach fast fünfhundert Jahren durch die Umsicht eines Bischofs befreit und dann zu passender Zeit der Andacht seiner Zeit dargeboten wurde.

Seine erste und zugleich bedeutendste Tat vollbrachte dieses Wunderbild durch die Befreiung Edessas von den Waffen des Chosroes Nuschirvan, und schon bald wurde es als das Unterpfand des göttlichen Versprechens verehrt, dass Edessa nimmermehr von einem auswärtigen Feinde solle eingenommen werden. Es stimmt allerdings, dass der Text des Prokopios die zwiefache Befreiung von Edessa dem Reichtum und der Kampfkraft seiner Bürger zuschreibt, welche sich einmal den Abzug des Perserkönigs erkauften und das andere Mal ihn in die Flucht schlugen. Gar nichts wusste er, dieser weltliche Historiker, von dem Zeugnisse, welches er in die Kirchengeschichte des Evagrios abzuliefern gezwungen wird, dass nämlich dieses Palladium auf dem Wall aufgestellt wurde und dass das Wasser, welches auf das heilige Gesicht gesprenkelt wurde, die Flammen der Belagerten, statt sie zu löschen, mit neuer Nahrung versehen habe. Da es diesen wichtigen Dienst geleistet hatte, wurde das Bildnis von Edessa mit Ehrfurcht und Dankbarkeit bewahrt; und wenn die Armenier diese Legende auch verwarfen, so huldigten die leichtgläubigen Griechen diesem Bilde durchaus, welches nicht das Produkt irgendeines irdischen Pinsels, sondern die unmittelbare Schöpfung ihres göttlichen Originals war.

Die Sprache und die Gesinnung einer byzantinischen Hymne mögen dartun, wie wenig sich ihre Verehrung von plumper Götzenverehrung entfernt hatte. »Wie können wir mit unseren sterblichen Augen dieses Bild betrachten, dessen himmlischen Glanz die Heerscharen des Himmels nicht anzuschauen wagen? Er, der im Himmel wohnt, steigt nieder zu uns, um uns heute durch sein ehrenwürdigen Bildnis zu besuchen; er, der auf Cherubim thront, besucht uns heute in seinem Bilde, welches der Vater gezeichnet hat mit seiner reinen Hand, welches er auf unaussprechliche Weise geformt hat und welches wir heiligen, indem wir es in Furcht und Liebe anbeten.« Vor dem Ende des VI Jahrhunderts wurden diese Bilder, die von keiner Hand gemacht waren (im Griechischen ist die ein einziges Wort . Siehe Ducange, im Gloss. Graec. et Lat. Der Jesuit Gretser hat diesen Gegenstand mir ebensoviel Gelehrsamkeit wie Scheinheiligkeit behandelt (Syntagma de Imaginibus non Manu factis, ad calcem Codini de Officiis, p. 289-330), der Esel oder vielmehr Fuchs von Ingolstadt. (Man sehe die Scaligerana). Mit ebensoviel Witz wie Vernunft hat der Protestant dies in der ironischen Streitschrift erörtert, welche sich durch viele Bände der Bibliotheque Germanique hinzieht. (tom. XVIII, p. 1-50; XX, p. 27-68; XXV, p. 1-36; XXVII, p. 85-118; XXVIII, p. 1-33; XXXI, p. 111-148; XXXII, p. 75-107; XXXIV, p. 67-96).), in den Städten und Militärlagern des Ostens weit verbreitet Theophylactes Simocatta (II, 3, p. 34, III,1, p. 63) preist das »gottmenschliche Bild«, welches er »ohne Hand gemacht« nennt. Es war aber nur eine Kopie, wie sich aus dem Zusatz ergibt. Pagi, tom II, A.D. 588, Nr. 11.. Sie waren Objekte der Huldigung und wirkten Wunder. Und in den Stunden der Gefahr oder des Aufruhrs vermochten sie durch ihre ehrwürdige Gegenwart die Hoffnungen der römischen Legionen neuerlich beleben, ihren Mut entflammen oder ihre Wut dämpfen.

 

SEINE KOPIEN

Von diesen Bildern waren die allermeisten nur Kopien von Menschenhand und konnten folglich nur auf eine ferne Ähnlichkeit und einen unechten Titel Anspruch erheben; doch gab es auch solche von höherer Abkunft, die ihre Ähnlichkeit von einer unmittelbaren Einwirkung des Originalbildes herleiteten, welches eigens zu diesem Zwecke mit einer wundersamen Zeugungskraft versehen waren. Ganz Ehrgeizige reklamierten, statt eines Sohnesverhältnisses in einer Art brüderlicher Beziehung zu dem Bild von Edessa zu stehen; von dieser Art etwa ist die Veronika von Rom oder Spanien oder Jerusalem, welche Christus im Augenblick seiner Seelennot und blutigem Schweiße ein Tuch über das Gesicht breitete und einer frommen Matrone übergab. Dieses fruchtbare Vorbild wurde schleunig auf die Jungfrau Maria, auf die Heiligen und die Märtyrer ausgedehnt. In der Kirche zu Diospolis in Palästina waren die Züge der Mutter Gottes Man sehe in den echten oder untergeschobenen Werken des Johannes Damaskenus zwei Textstellen über die Jungfrau und Lukas, welche Gretser und folglich auch Beausobre nicht bemerkt haben. (Opera Joh. Damascen. tom. I, p. 618, 631). tief in eine Marmorsäule eingegraben. St Lukas hat mit seinem Pinsel den Osten und Westen geschmückt; und der Evangelist, der vielleicht ein Arzt gewesen war, war genötigt, das profane und den frühen Christen so odiöse Amt eines Malers auszuüben. Der Olympische Zeus, den die Muse Homers und der Meißel des Phidias erschaffen hatten, kann ein philosophisches Gemüt zu einem Augenblick andächtigen Verweilens einladen; aber diese katholischen Bilder waren matte und platte Abbildungen, hervorgebracht von Mönchen in der letzten Verkümmerung des Geschmackes und des Genies »Eure schandbaren Figuren heben sich ganz von der Leinwand ab; sie sind ebenso ärgerlich wie eine Gruppe mit Statuen.« So klang der Beifall eines ignoranten und andächtelnden griechischen Priesters in Ansehung der Bilder eines Tizian, die er bestellt hatte, nun aber durchaus nicht behalten wollte..

 

WIDERSTAND GEGEN DIE BILDERVEREHRUNG

Die Verehrung der Bilder hatte sich unmerklich und in kleinen Schritten in die Kirche eingeschlichen, und jeder kleine Schritt war abergläubischen Gemütern erfreulich gewesen, da er trostreich war und sündenfrei. Doch zu Beginn des VIII Jahrhunderts, als dieser Missbrauch seinen Höhepunkt ereichte, erwachte in den furchtsameren Gemütern der Griechen die Sorge, sie könnten unter dem Decknamen des Christentums die Religion ihrer Vorväter wieder einführen. Mit Schmerz und Unmut vernahmen sie die Bezeichnung ›Götzendiener‹, diesen ewigen Vorwurf der Juden und Moslems Der Ursprung der Bilderstürmerei (Ikonoklasmus) wird von Cedrenus, Zonaras, Glycas und Manasses dem Kalifen Yezid und zwei Juden zugeschrieben, welche Leo die Herrschaft versprachen; und die Vorwürfe dieser Sektierer werden zu einer albernen Verschwörung verbogen, es solle die Reinheit des christlichen Gottesdienstes wieder hergestellt werden. (s. Spanheim, Hist. Imag. c. 2)., welche aus dem mosaischen Gesetz und dem Koran eine unverwelkliche Abneigung gegen eingravierte Bilder und jede davon abhängige Verehrung in sich aufgenommen hatten. Die Knechtschaft der Juden mochte ihren Eifer dämpfen und ihre Autorität mindern; aber die siegreichen Muselmanen, die Damaskus beherrschten und Konstantinopel bedrohten, verstärkten ihren Hohn durch das doppelte Gewicht des Sieges und der Wahrheit. Die Städte Syriens, Palästinas und Ägyptens waren sämtlich mit Bildern von Christus, seiner Mutter und der Heiligen versehen, und jeder Ort klammerte sich an die Hoffnung wo nicht das Versprechen seiner wundersamen Erhaltung.

Doch hatten sich die Araber in rasendem Siegeslauf innerhalb von zehn Jahren dieser Städte und ihrer Bilder bemächtigt, und es hatte nach ihrer Meinung der Herr der Heerscharen ein eindeutiges Urteil gegen die Anbetung und für die Nichtbeachtung dieser stummen und leblosen Götzen gefällt. Eine Zeitlang hatte Edessa noch den persischen Angriffen getrotzt; aber diese erwählte Stadt und Braut Christi wurde in den allgemeinen Untergang mit hineingerissen, und die Ungläubigen nahmen sein göttliches Abbild mit sich als Sklaven und als Siegesbeute. Nach einer dreihundertjährigen Knechtschaft wurde dieses Palladium der Frömmigkeit von Konstantinopel zurückgekauft, allerdings zu dem Preis von zweitausend Pfund Silber, der Freilassung von zweitausend Muslims und einem ewigwährenden Waffenstillstand für das Gebiet von Edessa Siehe Elmacin, (Hist. Saracen. p. 267), Abulpharagius, (Dynast. p. 201) und Abulfeda, (Annal. Moslem. p. 264,) sowie die Kritik von Pagi, (tom. III. A.D. 944). Der kluge Franziskaner lässt es offen, ob das Bildnis von Edessa heute in Rom oder Genua steht; doch ist sein Glanz erloschen, und dieser alterswürdige Gegenstand der Verehrung hat an Bedeutung verloren.. In diesen Zeiten der Trübsal und Niederlagen bemühten die Mönche ihre Beredsamkeit, um die Bilder zu verteidigen und um zu beweisen, dass nur die Sünde und das Schisma der meisten Orientalen die Gunst und die Wirkmächtigkeit dieser kostbaren Symbole zugrunde gerichtet habe. Nun aber murrten viele schlichte und auch verständige Christen darwider und verwiesen auf das Zeugnis einschlägiger Textstellen, der Tatsachen, der alten Zeiten und verlangten insgeheim nach einer Reform der Kirche.

Es war ja die Bilderverehrung niemals durch ein allgemeines oder positives Gesetz festgelegt worden, und so war ihre Ausbreitung im Orient aufgehalten oder beschleunigt worden, je nach den vorherrschenden Gesinnungen oder Sitten der Einwohner, dem an den jeweiligen Orten vorhandenen allgemeinen Bildungsgrad und von der individuellen Persönlichkeit der Bischöfe. Die Leichtlebigkeit der Hauptstadt und der Erfindungsreichtum der byzantinischen Klerisei hing mit ganzem Herzen an dieser glanzvollen Art von Andacht, während die roheren und fernab gelegenen Distrikte Asiens dieser neuen Einrichtung eines heiligen Aufwandes durchaus fremd blieben. Viele Gemeinden der Gnostiker und Arianer praktizierten auch nach ihrer Bekehrung nach wie vor die schlichte Form des Gottesdienstes, die sie bereits vor ihrer Trennung geübt hatten. Und die Armenier, Roms kriegerischste Untertanen überhaupt, hatten sich bis in das XII Jahrhundert nicht mit dem Anblick von Bildern angefreundet »Den Armeniern und den Deutschen ist in gleicher Weise die fußfällige Anbetung der Heiligenbilder untersagt«, Niketas, II, p. 258. Die armenischen Kirchen begnügen sich auch heute noch mit dem Kreuz (Missions du Levant, tom. III, p. 148); aber der abergläubische Grieche ist offenbar gegen den Aberglauben der Deutschen des XII Jahrhunderts ungerecht.. Diese verschiedenen Praktiken waren naturgemäß die Quelle für Vorurteil und Abneigung, die zwar in den Dörfern Anatoliens ohne Folgen blieben, die aber während des Lebensweges eines Kriegers, Prälaten oder Eunuchen oftmals Einfluss auf die Machtverhältnisse in Kirche oder Staat ausüben.

 

LEO III, DER IKONOKLAST UND SEINE NACHEIFERER – A.D. 726-840

Der glücklichste unter den Abenteurern dieser Sorte war Kaiser Leo III, der aus den Gebirgen Isauriens herab- und auf den morgenländischen Thron hinaufgestiegen war Die auf uns gekommenen originalen, aber nicht unparteiischen Dokumente entnehme man den Konzilsakten tom. VIII und IX, Collect Labbe, ed. Venet. und den historischen Schriften des Theophanes, Nicephorus, Manasses, Cedrenus, Zonoras, &c. Die Katholiken der Gegenwart, Baronius, Pagi, Natalis Alexander, (Hist. Eccles. Seculum VIII und IX) und Maimbourg, (Hist. des Iconoclasts) haben den Gegenstand mit Gelehrsamkeit, Eifer und Naivität behandelt. Die protestantischen Arbeiten von Friedrich Spanheim (Historia Imaginum restituta) und Jacob Basnage (Hist. des Eglises Reformees, tom. II, lib. XXXIV, p. 1339-1385) treten der Sache der Ikonoklasten bei. Unterstützt durch diese gegenseitige Hilfe und die gegenläufigen Zielsetzungen dieser Gelehrten können wir die Waage mit philosophischem Gleichmut emporheben.. Er verstand sich auf Profan- und Sakralwissenschaften gleich wenig: seine Erziehung aber, sein intakter Verstand und vielleicht sogar sein Umgang mit Arabern und Juden hatten ihn, den kriegerischen Landmann, mit einer soliden Abneigung gegen Bilder ausgestattet, und er hielt es für Fürstenpflicht, die Gebote seines Gewissens auch seinen Untertanen aufzuerlegen. Doch zu Beginn seiner noch ungesicherten Regierung, in zehn langen Jahren voll Mühen und Gefahr, griff Leo zu der verächtlichsten Heuchelei und Verstellung, neigte sich vor den Götzenbildern, die er doch eigentlich verachtete und stellte den römischen Pontifex durch alljährliche Bekenntnisse seiner Rechtgläubigkeit und seines Eifers ruhig. Seine ersten Schritte zur Reformierung der Religion waren maßvoll und behutsam: Er berief eine große Versammlung von Senatoren und Bischöfen ein und setzte mit ihrer Zustimmung durch, dass die Bilder von den Altären und geweihten Plätzen fortgenommen und in der Kirche in angemessener Höhe angebracht werden sollten, wo sie zwar immer noch dem Auge sichtbar, aber dem populären Aberglauben unerreichbar bleiben würden.

Doch erwies es sich auf beiden Seiten als unmöglich, die ebenso heftigen wie entgegengesetzten Empfindungen, Verehrung und Abscheu, miteinander zu vereinen: in ihrer luftigen Höhe erbauten die heiligen Bildnisse nach wie vor ihre Verehrer und sprachen dem Tyrannen gleichzeitig Hohn. Leo selbst wurde durch Widersetzlichkeit und Häme aufgereizt, und sogar seine eigene Partei zieh ihn einer nachlässigen Pflichterfüllung und drängte ihn, sich den jüdischen König zum Vorbild zu nehmen, der im Tempel bedenkenlos die eherne Schlange zertrümmert habe. In einem zweiten Erlass wurde über die Bilder und deren Verehrung der Bann ausgesprochen; die Kirchen Konstantinopels wie der Provinzen wurden von der Idolatrie gereinigt, die Bilder Christi, der Jungfrau und der Heiligen wurden zerschlagen, oder es wurde über Bilder auf den Wänden ein neuer Farbanstrich angebracht. Sechs Kaiser unterstützten die Partei der Ikonoklasten mit allen Mitteln und allem Eifer, und also wurden Orient und Okzident in einen geräuschvollen, einhundertundzwanzigjährigen Streit verwickelt. Leo der Isaurier hatte die Absicht gehabt, das Verbot der Bilder zu einem Glaubensartikel zu machen und dies durch die Autorität eines allgemeinen Konzils bekräftigen zu lassen; aber die Einberufung einer solchen Versammlung blieb seinem Sohn Konstantin aufgespart Einige rhetorische Figuren sind: »Eine ungesetzliche und gottlose Synode«, »ungültig und nicht hinnehmbar« (Damascenus, Opera, tom I, p. 623). Spanheims Rechtfertigung für die Synode zu Konstantinopel (p.171ff) ist mit Scharfsinn aus den vorhandenen nikäischen Akten gewonnen. Johannes von Damaskus nennt sie »Sklaven ihres Bauches.« (Opera, tom I., p 806).; und obwohl sie später vom obsiegenden Aberglauben als eine Zusammenkunft von Schwachköpfen und Gottesleugnern denunziert wurde, lassen selbst die eigenen, nur teilweise und verfälscht überlieferten Exzerpte noch Ansätze zu Vernunft und Frömmigkeit erkennen.

 

SYNODE ZU KONSTANTINOPEL A.D. 754

Debatten und Beschlüsse zahlreicher Provinzialsynoden führten endlich zu der Einberufung einer allgemeinen Kirchensynode, die in den Vorstädten Konstantinopels zusammentrat und zu der sich unverächtliche dreihundertundachtunddreißig Bischöfe aus Europa und Kleinasien eingefunden hatten; denn die Patriarchen von Antiochia und Alexandria waren Sklaven des Kalifen, und die Kirchen Italiens und des Westens hatte der römische Pontifex der Gemeinschaft mit den Griechen entzogen. Diese byzantinische Synode beanspruchte den Rang und die Befugnisse der siebenten allgemeinen Kirchenversammlung: zugleich waren durch diese Namensgebung die sechs vorangegangenen Versammlungen anerkannt, welche mit so vieler Mühe das Gebäude des katholischen Glaubens errichtet hatten. Nach sechs Monaten ernsthafter Beratung unterzeichneten alle dreihundertundachtunddreißig Bischöfe die folgenden einstimmigen Beschlüsse: dass alle sichtbaren Symbole Christi, die heilige Eucharistie ausgenommen, entweder blasphemisch oder häretisch seien; dass die Verehrung von Bildern eine Verderbnis des Christentums und eine Erneuerung des Heidentums sei; dass alle derartigen Denkmale des Götzendienstes zerbrochen oder ausgetilgt sein sollten; und dass endlich diejenigen, die sich weigerten, die Objekte ihres persönlichen Aberglaubens abzuliefern, des Ungehorsams schuldig seien gegen die Kirche und den Kaiser. In lauten und ergebenen Beifallsbezeigungen priesen sie dann noch das Verdienst ihres weltlichen Beschützers und übertrugen zugleich seinem Glaubenseifer und seiner Gerechtigkeit die Durchführung ihrer geistlichen Beschlüsse.

 

ZUSTAND DES CHRISTLICHEN GLAUBENS

Der Wille des Herrschers gab bei dieser konstantinopolitanischen Synode, wie bei früheren Konzilien auch, dem bischöflichen Glauben die Richtung vor; bei dieser einen Gelegenheit jedoch beschleicht mich der Verdacht, dass die große Mehrheit der Prälaten ihre geheimste Überzeugung der Wirksamkeit von Furcht und Hoffnung zum Opfer brachte. In einer langen Nacht des Aberglaubens hatten die Christen sich weit von der ursprünglichen Schlichtheit des Evangeliums entfernt; und es war für sie kein Geringes, den Faden zu finden, der sie wieder aus dem Labyrinth herausgeführt hätte. Für die gläubige Einbildungskraft jedenfalls stand die Bilderverehrung in engster Verbindung mit Kreuze Christi, mit der Jungfrau Maria und mit den Heiligen nebst ihren Symbolen; über diesem heiligen Boden schwebte eine Wolke von Wundern und Visionen; und die wahren Triebfedern des Geistes, Forscherneugierde und die Bereitschaft zum Zweifel, waren durch gewohnheitsmäßigen Gehorsam und Glauben abgestumpft. Nun wird Konstantin zwar beschuldigt, sich die kaiserliche Freiheit genommen zu haben, die katholischen Man wirft ihm vor, den Heiligentitel gestrichen, die Jungfrau die Mutter Christi genannt und sie nach ihrer Niederkunft mit einem leeren Beutel des Arianismus und Nestorianismus verglichen zu haben. Spanheim (IV, p. 207, Hist. Imag. Restitut.) kommt bei seiner Verteidigung in Konflikt zwischen den Interessen eines Protestanten und eines rechtgläubigen Theologen. Mysterien zu bezweifeln, sie zu leugnen und gar zu verhöhnen, aber sie waren fest mit dem offiziellen und dem privaten Glauben seiner Bischöfe verankert, und noch der kühnste Ikonoklast mochte vielleicht einen heimlichen Schauer fühlen, wenn er sich erkühnte, sich an den Denkmalen des Volksglaubens zu vergreifen, da sie schließlich auch zu Ehren seiner himmlischen Beschützer geweiht worden waren. Während der Reformation im XVI Jahrhundert hatten Freiheit und Erkenntnisse alle Fertigkeiten des Menschen vergrößert; der Durst nach Neuerung war stärker als die Verehrung der Antike; und Europas Kräfte konnten so jene Phantome verachten, welche den dahinsiechenden und durch Knechtschaft niedergebeugten Geist der Griechen erschreckten.

 

VERFOLGUNG DER BILDER UND DER MÖNCHE 726-775

Das Ärgernis einer abstrakten Ketzerei kann dem Kirchenvolk einzig durch den Klang einer kirchlichen Posaune kundgetan werden; aber noch der Blödeste musste bemerken und noch der Trägste aus seinem Schlummer geweckt werden, wenn ihre sichtbaren Gottheiten entweiht und zerstört wurden. Seine ersten feindlichen Maßregeln traf Leo gegen ein Christusbild, welches über dem Palasttor in luftiger Höhe angebracht war. Eine Leiter stand für den Angriff bereit, aber ein Haufen von Zeloten und Weibern rüttelte mit wilder Wut an ihr und sah dann mit frommen Freudengeheul die Diener dieses Sakrilegs von hoch oben herabstürzen und zerschmettert auf dem Steinpflaster liegen; und dann wurden noch die alten Märtyrerehren an diese Kriminellen verschleudert, welche völlig zu Recht wegen Mord und Rebellion verurteilt worden waren Der heilige Bekenner Theophanes billigt die Gründe ihrer Widerstandes, den heiligen Gotteseifer. (Chronogr. p. 339). Gregor II (in Epist. I ad Imp. Leon. Concil. tom. VIII, p. 661, 664) lobt den Eifer der byzantinischen Frauen, die die kaiserlichen Diener ermordeten.. Die Exekution des kaiserlichen Befehls wurde auch sonst in Konstantinopel und in den Provinzen durch mancherlei Tumult behindert; Leo selbst kam in unmittelbare Lebensgefahr, seine Offiziere wurden ermordet und der Fanatismus des Volkes nur durch äußerste Anspannung militärischer oder ziviler Kräfte gebändigt.

Die zahlreichen Inseln des Archipelagus oder des heiligen Meeres waren angefüllt mit Bildern und Mönchen; ihre Bekenner trugen keine Bedenken, sich loszusagen von dem, der der Feind Christi, seiner Mutter und aller Heiligen war. Dann bemannten sie eine Boots- und Galeerenflotte, entfalteten ihr heiliges Panier und steuerten kühnen Mutes den Hafen von Konstantinopel an, um jemanden auf den Thron zu setzen, der der Liebling des Volkes und Gottes war. Sie rechneten fest mit einem Wunder: doch war ihr Wunder ohnmächtig gegen das griechische Feuer; und da die Flotte versenkt oder verbrannt war, lagen die ungeschützten Inseln der Milde oder der Strenge des Siegers ausgeliefert.

Nun war Konstantin, der Sohn Leos, im ersten Jahre seiner Regierung gegen die Sarazenen zu Felde gezogen; während seiner Abwesenheit riss sein Verwandter Artavasdes – ein eifriger Verfechter der Orthodoxie – die Hauptstadt, den Palast und den Purpur an sich. Die Bilderverehrung trat im Triumph wieder in ihre alten Rechte ein; der Patriarch Konstantinopels verstellte sich nicht länger oder verhehlte seine Gesinnung; und die Ansprüche des Thronräubers wurden von dem alten und dem neuen Rom als wohlbegründet anerkannt. Konstantin floh in das Gebirge seiner Väter, aber er kehrte zurück, diesmal an der Spitze von treuergebenen und kühnen Isauriern, und sein entscheidender Sieg machte die Waffen und die Prophezeiungen der Fanatiker zuschanden. Seine langandauernde Regierung wurde durch Krawalle, Aufruhr, Verschwörungen und gegenseitigen Hass nebst blutiger Rache zerrüttet; die Bilderverfolgung war der Grund oder wenigstens der Vorwand für seine Feinde; und wenn sie auch das weltliche Diadem nicht erlangen konnten, so belohnten die Griechen sie dafür mit der Märtyrerkrone. Bei jedem offenen oder heimlich geübten Verrat spürte der Kaiser den unversöhnlichen Hass der Mönche, diesen getreuen Sklaven eines Aberglaubens, dem sie ihren Reichtum und ihren Einfluss zu danken hatten. Sie beteten, predigten, sprachen los, sie entflammten und verschworen sich; aus Palästinas Ödnis ergoss eine Springflut von Schmähungen; und die Feder des heiligen Johannes von Damaskus Johannes oder Mansur war ein Christ von edler Abstammung zu Damaskus, der beim Kalifen ein wichtiges Amt versah. Sein Eifer für den Bilderdienst zog ihm den kaiserlichen Unwillen und seine Rache zu. Da er einer verräterischen Korrespondenz verdächtigt wurde, schlug man ihm die rechte Hand ab, er wurde aber durch ein von Maria bewirktes Wunder geheilt. Nach seiner Befreiung gab er sein Amt auf, verteilte sein Eigentum unter die Armen und begrub sich zwischen Jerusalem und dem Toten Meer in die Einsamkeit des Klosters St. Sabas. Die Legende ist berühmt, doch hat ihr Herausgeber, der gelehrte Pater Lequien leider bewiesen, dass der Heilige Johannes von Damaskus bereits vor Ausbruch des Bilderstreites ein Mönch war. (Opera, tom. I, Vit. St. Joan. Damascen. p. 10-13, et Notas ad loc.), des letzten griechischen Kirchenvaters, weihte das Haupt des Tyrannen in dieser wie in der nächsten Welt dem Verderben Nachdem er Leo zur Hölle geschickt hatte, widmet er sich seinem Erben (»...an Schlechtigkeit doppelt groß,« Opera, Damascen. tom. I, p. 625). Wenn die Echtheit dieser Stelle zweifelhaft ist, wissen wir doch zuverlässig, dass Damascenus in anderen, heute verlorenen Werken Konstantin einen »neuen Mohamed, Christusbekämpfer unnd Feind des Heiligen« nennt. (tom I, p. 306).. Mir fehlen Lust und Zeit, jetzt zu untersuchen, wie weit die Mönche ihre tatsächlichen oder eingebildeten Leiden selbst provoziert haben, ob und wie stark sie sie übertrieben haben, und wie viele ihre Gliedmaßen, ihre Augen oder ihre Bärte einbüßten infolge kaiserlicher Grausamkeit.

Der Kaiser begann mit der Bestrafung Einzelner und ging dann dazu über, den Orden insgesamt abzuschaffen; und da dieser reich und gleichzeitig ohne Nutzen war, könnte ihn auch Habgier aufgereizt und Patriotismus gerechtfertigt haben. Der mit Schrecken besetzte Name und die Entsendung des Generalvisitators Dragon, des Drachen In der Erzählung dieser Verfolgung freut sich Spanheim (p. 235-238), den Draco des Leo mit den Dragonern von Ludwig XIV vergleichen zu können; und schöpft viel Trost aus diesem Wortspiel., erregte beim Schwarzen Volk Entsetzen und Abscheu. Ihre religiösen Gemeinschaften wurden aufgelöst, die Gebäude zu Vorratshäusern oder Kasernen umgewandelt; unbewegliche und bewegliche Habe wurden zusammen mit dem Vieh konfisziert; und Beispiele aus unseren Zeiten können durchaus die Behauptung glaubwürdig machen, dass an den Reliquien und sogar an den Büchern der Klöster viel Mutwillen und Bösartigkeit geübt wurde. Zusammen mit dem Verbot von Mönchskleidung und -beruf wurde auch die öffentliche und private Bilderverehrung streng verboten; und es scheint sogar, dass man von den Untertanen oder doch wenigstens von der Geistlichkeit des Ostens gefordert hat, dem Götzendienst feierlich abzuschwören . »...denn er schickte an alle ihm gehorsamspflichtigen Exarchen einen schriftlichen Erlass, den alle unterschreiben und beschwören sollten, die kniefällige Verehrung heiliger Bilder abzustellen.« Ich kann mich nicht erinnern, diesen Eid (Damascen. Op. tom. I, p. 625) nebst Unterschrift in einer neuzeitlichen Quellensammlung gefunden zu haben..

 

ZUSTAND ITALIENS

Mit Widerstreben nur schwor der geduldige Osten seinen heiligen Bildern ab; der freie Glaubenseifer der Italiener hing an ihnen mit Festigkeit und wurde mit Nachdruck verteidigt. In der Kirchenhierarchie und -jurisdiktion waren der Papst von Rom und der Patriarch von Konstantinopel nahezu gleichgestellt. Doch war der griechische Prälat vor den Augen seines Herren nur ein besserer Haussklave, auf dessen Wink er vom Kloster auf den Thron stieg und umgekehrt vom Thron ins Kloster wanderte. Hingegen schöpften die lateinischen Bischöfe aus ihrer fernen und – mitten unter den Barbaren – heiklen Lage Mut und Freiheitssinn; da sie vom Volk gewählt wurden, waren sie den Römern lieb und wert. Ihre beträchtlichen Einkünfte halfen über manche staatlichen oder privaten Engpässe hinweg, und die Unfähigkeit oder Gleichgültigkeit der Kaiser nötigte ihnen in Kriegs- und Friedenszeiten die Sorge um das gemeine Beste auf. In der Schule der Not eigneten sich die Priester nach und nach die Tugenden und den Ehrgeiz eines Herrschers an; ob nun Grieche, Italiener oder Syrer den Stuhl Petri bestiegen: sie nahmen alle die gleiche Denkungsart an und verfolgten die gleiche Politik; und war eine Legion untergegangen oder eine Provinz verloren, stellten die Päpste mit Genialität oder Glück Roms Oberherrschaft wieder her.

Es besteht Einigkeit darüber, dass im VIII Jahrhundert ihre Herrschaft auf Empörung gegründet war und dass diese Empörung durch die Ketzerei der Ikonoklasten verursacht und gerechtfertigt wurde; aber die Aufführungen von Gregor II und III in diesem denkwürdigen Kampf werden von der Interessenlage ihrer Freunde oder Feinde durchaus unterschiedlich beurteilt; die byzantinischen Autoren erklären mit einer Stimme, dass sie nach einer wirkungslosen Ermahnung die Trennung der West- und Ostkirche aussprachen und den gotteslästerlichen Tyrannen der Einkünfte und Oberherrschaft Italiens beraubt hätten. Ihre Exkommunikation wird deutlicher von den Griechen zum Ausdruck gebracht, welche die Päpste auf dem Höhepunkt ihrer Macht erlebten; und da sie an ihrer Religion noch fester hingen als an ihrem Land, rühmen sie den Glaubenseifer und die Rechtgläubigkeit dieser apostolischen Männer statt sie zu verurteilen Gregor wird von Cedrenus (p. 450) ein »apostolischer Mann« genannt. Zonaras spezifiziert den Bannstrahl genauer (Chronik., tom. II, p. 169). Es sollte noch angemerkt werden, dass die Griechen die beiden Gregore des Öfteren verwechselten.. Die neueren Vertreter Roms greifen begierig jenes Lob und den Vorgang auf: die Kardinäle Bellarmin und Baronius feiern geradezu diese Amtsenthebung eines königlichen Ketzers Siehe Baronius, Annal. Eccles. A.D. 730, No. 4, 5; dignum exemplum! (Großartiges Vorbild!) Bellarmin. de Romano Pontifice, V,8: mulctavit eum parte imperii. (Er bestrafte ihn mit dem Verlust der Herrschaft) Sigonius, de Regno Italiae III, Opera, tom. II, p. 169., und fragt man sie, waren denn nicht die gleichen Blitze gegen Nero oder Julian geschleudert wurden, erhält man die Antwort, dass einzig die Schwäche der Urkirche der Grund für ihre duldende Loyalität gewesen sei Quod si Christiani olim non deposuerunt Neronem aut Julianum, id fuit quia deerant vires temporales Christianis, (»...wenn die Christen einst Nero oder Julian nicht absetzten, dann deshalb, weil den Christen die irdische Macht dazu fehlte,« sagt der ehrliche Bellarmin, de Rom. Pont. V,7). Cardinal Perron fügt noch einen Unterschied hinzu, der für die Urchristen rühmlicher, aber für die Herrscher der Gegenwart nicht zufrieden stellend ist – der Hochverrat von Ketzern und Apostaten, die eidbrüchig wurden, Falschmünzerei betrieben und ihrer Pflicht gegen Christus und seinen Statthalter untreu wurden (Perroniana, p. 89).. Bei solcher Gelegenheit sind die Auswirkungen von Hass oder Liebe identisch, und die eifernden Protestanten, welche ihres Herrschers Empörung zu erregen und seine Ängste zu schüren bemüht sind, lassen sich über den Hochmut und den Verrat der beiden Gregore gegen ihre rechtmäßigen Herren aus Man sehe als Beispiel dieser Art den bedächtigen Basnage (Hist. d'Eglise, p. 1350f) und den stürmischen Spanheim (Hist Imaginum), die mit weiteren hundert in die Spuren der Magdeburger Centuriatoren treten.. Verteidigt werden sie nur von den gemäßigten Katholiken, mehrheitlich zur gallikanischen Kirche gehörig Siehe Launoy, (Opera, tom. V, pars II, epist. VII, 7, p. 456-474,) Natalis Alexander, (Hist. Nov. Testamenti, secul. VIII, dissert. I, p. 92-98,) Pagi, (Critica, tom. III, p. 215, 216) und Giannone, (Istoria Civile Napoli, tom. I. p. 317-320), aus der gallikanischen Schule. Ich bedauere immer die Maßvollen, die sich in der offenen Mitte aufhalten und bei Kontroversen immer schutzlos von beiden Parteien unter Feuer genommen werden., welche den Heiligen verehren, ohne die Sünde gutzuheißen. Diese gemeinsamen Verteidiger von Krone und Mitra bestimmen die Wahrheit von Tatsachen nach Billigkeitserwägungen, der Schrift und der Tradition und berufen sich dabei auf das Zeugnis der Lateinischen Autoren Sie berufen sich dabei auf Paul Warnefrid, oder Diaconus, (de Gestis Langob. VI, 49, p. 506, 507, in Script. Ital. Muratori, tom. I, pars I), und den so genannten Anastasius, (de Vit. Pont. in Muratori, tom. III, pars I, Gregorius II. p. 154. Gregorius III. p. 158. Zacharias, p. 161. Stephanus III. p. 165.; Paulus, p. 172. Stephanus IV. p. 174. Hadrianus, p. 179. Leo III. p. 195). Doch möchte ich anmerken, dass der echte Anastasius (Hist. Eccles. p. 134, edit. Reg.) und die Historia Miscella, (lXXI, p. 151, in tom. I, Script. Ital.), beide IX Jh., den griechischen Text der Theophanes übersetzen und gutheißen. und der Biographien Mit Abweichungen in Kleinigkeiten stimmen die bedeutendsten Gelehrten, Lucas Holstenius, Schelestrate, Ciampini, Bianchini, Muratori, (Prolegomena ad tom. III, pars I), darin überein, dass das Liber Pontificalis verfasst und fortgesetzt wurde von den Bibliothekaren und Juristen des VIII und IX Jh. und nur der letzte und kleinste Teil ein Werk des Anastasius ist, dessen Name allerdings über dem ganzen Werk steht. Der Stil ist barbarisch, die Darstellung einseitig-parteiisch, die Details läppisch – und dennoch sollte man es als ein bemerkenswertes und echtes Denkmal jener Zeiten lesen. Die Papstbriefe sind in den Konzilsbänden verstreut. und der Briefe der Päpste selbst.

 

BRIEFE GREGORS II AN DEN KAISER

Es existieren heute noch zwei Briefe Gregors II an den Kaiser Die beiden Briefe Gregors sind in den Konzilsakten von Nikäa erhalten (tom. VIII, p. 651-674). Es fehlt das Jahr, das von den Fachleuten verschieden angesetzt wird (Baronius 726, Muratori Annali d'Italia 729, tom. VI, p. 120, und Pagi 730). Wie mächtig Vorurteile sind, möge man daraus ersehen, dass einige Papisten diese Briefe wegen ihrer vernünftigen Grundsätze und ihrer Mäßigung rühmen., und selbst, wenn man sie nicht als Muster der Eloquenz und Logik hervorheben kann, so bieten sie uns wenn nicht das genaue Abbild, so doch wenigstens die Maske dieses Begründers der päpstlichen Monarchie. »Zehn reine und glückliche Jahre lang,« so wendet sich Gregor an den Kaiser, »empfingen wir jährlichen Trost durch deinen königlichen Brief, mit Purpurtinte von deiner eigenen Hand unterschrieben, heilige Unterpfänder deiner Anhänglichkeit an den wahren Glauben unserer Väter. Wie betrüblich nun dieser Wechsel! Wie entsetzlich das Ärgernis! Jetzt also zeihst du die Katholiken der Götzendienerei; und welche Unwissenheit und Gottlosigkeit verrätst du durch diese Anklage! Da sehen wir uns nun genötigt, deiner Ignoranz die Derbheit unseres Stils und unserer Beweisgründe anzupassen; die Eingangsgründe der Religion reichen hin, dich zu widerlegen, und würdest du in eine Elementarschule eintreten, dann würden schon die einfältigen und frommen Kinder sich versucht fühlen, dir ihre Schreintafeln an den Kopf zu werfen.« Nach dieser artigen Eröffnung versucht der Papst den Unterschied zwischen den Götzen der Antike und den Bildern der Christenheit verständlich zu machen. Jene waren die wüsten Darstellungen von Truggestalten und Dämonen, zu einer Zeit, da der wahre Gott seine Person noch nicht in einer wahrnehmbaren Gestalt offenbart hatte. Dies sind die wahren Züge Christi, seiner Mutter und seiner Heiligen, welche durch eine Vielzahl von Wundern die Unschuld und die Verdienste dieser sinnbildlichen Verehrung bekräftigt hatten.

Der Papst muss in der Tat von Leos Unwissenheit überzeugt sein, weil er sich auf einen ununterbrochenen Bildergebrauch beruft, angefangen bei den Aposteln bis zu seiner ehrwürdigen Gegenwart auf den sechs Synoden der katholischen Kirche. Ein besseres Argument gewinnt er aus der allgemeinen Praxis und dem Besitz der Gegenwart: die Harmonie der Christenheit mache die geforderte Zusammenkunft eines allgemeinen Konzils überflüssig; und dann bekennt Gregor ganz unverblümt, dass derlei Versammlungen nur unter dem Schirme eines rechtgläubigen Herrschers von Nutzen sein könnten. Dem schamlosen und unmenschlichen Herscher, der noch schuldbeladener sei als ein Ketzer, empfehle er, Stillschweigen und seinen geistlichen Führern zu Konstantinopel und Rom gegenüber unbedingten Gehorsam zu beobachten. Die Grenzen weltlicher und kirchlicher Macht bestimme der Pontifex. Jener spreche er den Leib zu, letzterer die Seele. Das Schwert der Gerechtigkeit liege in der Hand weltlicher Behörden; die furchtbarere Waffe der Exkommunikation ist der Geistlichkeit anvertraut; und in der Ausübung seines göttlichen Auftrages wird ein eifriger Sohn noch nicht einmal seines fehlgehenden Vaters schonen: der Nachfolger Petri kann mit allem Recht den König dieser Erde züchtigen.

»Du gehst uns an, o Tyrann, mit weltlicher und militärischer Hand; wir können nur noch, waffenlos und nackt, Christum anflehen, den Herren der himmlischen Heerscharen, dass er den Teufel über dich kommen lasse, deinen Körper zu vernichten und so deine Seele zu retten. Ich beabsichtige, so erklärst du mit törichter Verblendung, meine Anweisungen nach Rom zu schicken; ich will das Bild St. Petri zerschlagen, und Gregor soll, in Ketten und im Exil, wie sein Vorgänger Martin vor den Thron des Kaisers gezerrt werden. Wollte doch Gott, dass ich hierin dem heiligen Martin nachfolgen dürfte! Doch möge auch das Exempel des Constans den Feinden der Kirche zur Warnung dienen! Wurde dieser Tyrann doch nach seiner berechtigten Verdammung durch die Bischöfe Siziliens inmitten der Fülle seiner Freveltaten durch einen seiner Haussklaven gefällt: dieser Heilige wird noch heute von den Skythen verehrt, unter denen seine Verbannung und sein Leben endeten. Doch ist es uns auferlegt, zur Erbauung und zum Seelenheil unserer gläubigen Völker zu leben; auch sind wir noch nicht gehalten, unser Leben auf den ungewissen Ausgang einer Schlacht zu setzen. Unfähig, deine römischen Untertanen zu schützen, möchte Roms Lage am Meer sie doch deinen Plünderungszügen aussetzen. Wir aber können uns zur nächsten lombardischen Festung in vierundzwanzig Stadien Entfernung zurückziehen, und dann – magst du den Wind haschen Epsist. I, p. 664. Diese unmittelbare Nachbarschaft zu den Lombarden ist schwer verdaulich. Camillo Pellegrini (Dissert. IV, de Ducatu Beneventi, in den Script. Ital. tom. V. p. 172, 173) rechnet, wenn auch etwas angestrengt, die 24 Stadien nicht von Rom aus, sondern von der Grenze des römischen Herzogtums bis zur ersten Lombardenfestung, vielleicht Sera. Ich vermute eher, dass Gregor mit der dem Zeitalter eigenen Pedanterie Stadien statt Meilen setzt, unbekümmert um das tatsächliche Maß.. Weißt du denn nicht, dass die Päpste die Einheit und den Frieden zwischen West und Ost vermitteln? Die Augen der Völker sind geheftet auf unsere Demut; und sie verehren wie einen Gott auf Erden den Apostel St. Peter, dessen Bild zu zerstören du dir vorgenommen hast  (...welchen alle Königreiche des fernsten Okzidents wie einen Gott auf Erden verehren)..

Die entfernten und inneren Königreiche des Westens huldigen Christo und seinem Statthalter; wir stehen nunmehr im Begriffe, einen ihrer mächtigsten Monarchen aufzusuchen, welcher begehrt, aus unserer Hand das Sakrament der Taufe zu empfangen »...aus dem tiefsten Westen die Bitten des so genannten Septetutos«, p. 665. Der Papst scheint sich hier über die Ignoranz der Griechen zu mokieren. Er lebte und starb im Lateran; und zu dieser Zeit hatten alle Königreiche des Westens das Christentum angenommen. Könnte nicht der von ihm genannte König Septetus in irgendeiner Beziehung zu einem Fürsten der sächsischen Heptarchie stehen, etwa zu Ina, dem König von Wessex, welcher während des Pontifikates von Gregor II Rom aufgesucht hatte, allerdings nicht, um die Taufe zu empfangen, sondern einer Pilgerfahrt wegen? (Pagi, A.D. 689, Nr. 2 und A.D. 726, Nr.15).. Selbst die Barbaren haben sich dem Joche des Evangeliums unterworfen, und nur du allein bist taub gegen die Stimme des Hirten. Diese frommen Barbaren brennen vor Zorn: sie brennen danach, die Verfolgung des Ostens zu bestrafen. Stehe ab vom deinem wahnsinnigen und verderblichen Unterfangen; gehe in dich, erbebe und kehre um! Beharrst du auf deinem Vorsatz, dann sind wir unschuldig an dem Blut, welches in diesem Streit vergossen wird; möge es auf dein Haupt kommen!«

 

EMPÖRUNG IN ITALIEN – 728

Eine Anzahl Italiener und noch andere Fremdlinge des Westens waren Augenzeuge von Leos erster Attacke auf die Bilder in Konstantinopel gewesen und berichteten mit Kummer und Empörung von des Kaisers Frevel; als sie aber selber sein Ächtungsedikt in Empfang nahmen, bebten sie um ihre eigenen häuslichen Gottheiten: die Bilder Christi und der Jungfrau Maria, der Engel, Märtyrer und Heiligen wurden für alle Kirchen Italiens verboten, und dem römischen Pontifex zugleich die grundsätzliche Wahl gelassen, zwischen der kaiserliche Gunst als Lohn für seinen Gehorsam oder Ungnade, Absetzung und Exil als Strafe für seine Weigerung. Weder religiöse noch politische Rücksichten ließen ihn zögern; und der hochfahrende Ton, in dem Gregor den Kaiser anredet, beweist sein Zutrauen in die Wahrheit seiner Lehrmeinung oder die Stärke seines Widerstandes. Er nahm gar nicht erst Zuflucht zu Gebeten und Wundern, sondern griff kühn zu den Waffen gegen den öffentlichen Feind und wies in Hirtenbriefen die Italiener auf die Gefahr und zugleich auf ihre Pflichten hin Die wichtige und entscheidende Textpassage aus dem Liber Pontificalis (p. 156) möchte ich hier einrücken: Respiciens ergo pius vir profanam principis jussionem, jam contra Imperatorem quasi contra hostem se armavit, renuens haeresim ejus, scribens ubique se cavere Christianos, eo quod orta fuisset impietas talis. Igitur permoti omnes Pentapolenses, atque Venetiarum exercitus contra Imperatoris jussionem restiterunt; dicentes se nunquam in ejusdem pontificis condescendere necem, sed pro ejus magis defensione viriliter decertare. (»Während nun der fromme Mann den Befehl des Kaisers überdachte, rüstete er auch schon gegen den Imperator wie gegen einen Feind, verwarf dessen Ketzerei und schrieb, dass Christen sich überall hüten mögen, wo eine so große Gottlosigkeit in Erscheinung trete. So aufgerüttelt leisteten alle Truppen der Pentapolis und Venetiens gegen die kaiserliche Anordnung Widerstand; wobei die sagten, sie würden die Tötung ihres Pontifex niemals hinnehmen, sondern zu seinem Schutz bis zur letzten Entscheidung tapfer kämpfen«).. Auf dieses Zeichen hin traten Ravenna, Venedig, die Städte des Exarchats und der Pentapolis der Sache der Religion bei; ihre Kriegsmacht zu Wasser und zu Lande bestand überwiegend aus Einheimischen; und ihr patriotischer Geist und ihr religiöser Eifer teilten sich sogar den ausländischen Miettruppen mit; die Italiener schworen feierlich, für die Verteidigung des Papstes und der heiligen Bilder zu leben und sterben; die stadtrömische Bevölkerung war ihrem Vater treulich ergeben, und selbst noch die Langobarden zeigten Neigung, an dem Verdienst und den materiellen Vorteilen dieses heiligen Krieges zu partizipieren.

Eine hochverräterische, aber unmittelbar nahe liegende Rache war die Zerstörung von Leos Standbildern selbst: die wirksamste und zugleich erfreulichste Maßnahme war die Zurückhaltung der Tributzahlungen Italiens, was den Kaiser einer Machtbefugnis beraubte, die er durch die Erhebung einer neuen Kopfsteuer erst unlängst missbraucht hatte Ein Zensus oder ein Kopfgeld, sagt Anastasius (p. 165); eine äußerst grausame und selbst den Sarazenen unbekannte Steuer, so der eifrige Maimbourg (Hist. des Iconoclastes, 1. Buch) und Theophanes, (p. 344), welcher von der Zählung der männlichen Kinder Israels durch den Pharao berichtet. Diese Art der Steuererhebung war den Sarazenen bekannt; und zum Leidwesen der Historiker wurde sie einige Jahre später in Frankreich von ihrem Beschützer Ludwig XIV erhoben.. Durch die Wahl von Magistraten und Statthaltern wurde der Anschein einer bürgerlichen Verwaltung aufrechterhalten, und so aufgebracht waren die Italiener, dass sie sich vorbereitet fanden, einen rechtgläubigen Kaiser zu wählen und ihn mit Flotte und Heer bis vor die Tore Konstantinopels zu begleiten. In eben diesem Palast wurden die römischen Bischöfe, Gregor II und III, als die Urheber der Erhebung verdammt, und es wurde nichts unversucht gelassen, sich ihrer Personen durch List oder Gewalt zu bemächtigen und ihr Leben zu beendigen. Rom selbst wurde wiederholt von Hauptleuten der Leibwache oder Exarchen mit hohem Rang und geheimen Aufträgen auf- oder heimgesucht; sie landeten mit ausländischen Truppen, erhielten im Lande sogar einige Unterstützung, und der abergläubische Teil Neapels möge darüber erröten, dass seine Vorväter sich der Sache der Ketzerei anschlossen. Doch wurden diesen geheimen oder offenen Attacken von den Römern mit Mut und Wachsamkeit zurückgeschlagen, die Griechen wurden überrannt und niedergemetzelt, ihre Befehlshaber erlitten einen schimpflichen Tod, und die Päpste, sonst immer mal wieder der Milde zugetan, weigerten sich, zugunsten dieser schuldbeladenen Opfer einzuschreiten.

In Ravenna Siehe das Liber Pontificalis des Agnellus (in: Scriptores Rerum Italicarum von Muratori, tom. II, pars I), dessen tiefere Farbgebung von Barbarei den Unterschied zwischen Rom und Ravenna markiert: Doch sind wir ihm für einige interessante Interna verpflichtet: die Stadtteile und Faktionen in Ravenna (p. 154), die Rache Iustinians II (p. 160f), die Niederlage der Griechen (p. 170f) u.a.m. lagen die unterschiedlichen Stadtquartiere seit langen Zeiten schon in blutiger Erbfehde; der Bilderstreit versorgte sie da mit frischer Nahrung; aber die Bilderverehrer waren an Zahl oder auch nur an Mut überlegen, und der Exarch, der diesem Strome gebieten wollte, verlor bei einem Volksauflauf sein Leben. Der Kaiser entsandte, diese Bluttat zu bestrafen und außerdem seine Herrschaft in Italien wiederherzustellen, eine Flotte mit einer Armee in die Adria. Die Griechen landeten in der Nähe von Ravenna, nachdem sie durch Sturm und schwere See manchen Verlust hatten hinnehmen müssen; sie drohten damit, die schuldige Hauptstadt zu verwüsten und dem Vorbild Iustinians II nachzueifern, es am Ende sogar zu übertreffen, welcher vormals bei ähnlichem Anlass fünfzig Einwohner willkürlich ausgesucht und hingerichtet hatte. Frauen und Klerus lagen in Sackleinen zum Gebet niedergeworfen; die Männer standen in Waffen, ihr Land zu verteidigen; die gemeine Not hatte auch die Faktionen vereinigt, und besser schien es, die Entscheidung durch eine Schlacht als durch die langdauernden Nöte einer Belagerung herbeizuführen. Nach einem hart durchkämpften Tage mit abwechselndem Vorrücken und Zurückweichen beider Heere ließ sich eine Erscheinung sehen und eine Stimme vernehmen, und Ravenna war erfolgreich in der Gewissheit ihres Sieges. Die Fremden zogen sich auf ihre Schiffe zurück, doch viele Küstenbewohner setzte ihnen in ihren ungezählten Booten nach; der Po wurde an diesem Tage derart mit Blut verseucht, dass das volkstümliche Vorurteil sechs Jahre hintereinander vom Fischfang aus diesem Fluss Abstand nahm; zugleich wurde durch die Einführung eines alljährlichen Gedenktages die Verehrung der Bilder und der Abscheu gegen den griechischen Tyrannen verewigt.

Inmitten dieses Sieges der katholischen Waffen rief der römische Pontifex eine Synode von dreiundneunzig Bischöfen gegen die ikonoklastische Ketzerei zusammen. Mit ihrer Zustimmung sprach er eine allgemeine Exkommunikation gegen alle diejenigen aus, die durch Wort oder Tat gegen die Überlieferung der Väter und die heiligen Bilder verstießen: in diesen Urteilsspruch war der Kaiser stillschweigend einbegriffen Doch wurde Leo unbestritten unter den »si quis .... imaginum sacrarum.... destructor.... extiterit, sit extorris a corpore D. N. Jesu Christi vel totius ecclesiae unitate« (...wer sich als Zerstörer der heiligen Bildnisse hervortun sollte, sei ausgestoßen aus dem Körper Jesu Christi und der Einheit der ganzen Kirche)« mitgerechnet. Die Kononisten sollen entscheiden, ob eine Schuld oder ein Name die Exkommunikation nach sich ziehen; diese Unterscheidung ist für die Sicherheit der ihr Unterworfenen von größter Bedeutung, da ihr Orakel (Gratian, Caus. xxiii. q. 5, 47, apud Spanheim, Hist. Imag. p. 112) sagt, homicidas non esse qui excommunicatos trucidant. (Wer Exkommunizierte tötet, ist kein Mörder)., aber ein letzter, wenngleich fruchtloser Gegenvorschlag scheint anzudeuten, dass das Anathema erst noch über seinem schuldigen Haupte schwebte. Kaum hatten die Päpste ihre persönliche Sicherheit, die Bilderverehrung und die Freiheit Roms und Italiens wieder hergestellt, als sie auch schon von ihrer Strenge abstanden und die verbliebenen Reste der byzantinischen Monarchie verschonten. Ihre gemäßigten Ratschläge verzögerten und verhinderten schließlich die Wahl eines Kaisers, und die Italiener mahnten sie, sich nicht vom Körper der römischen Monarchie zu trennen. Auch durfte der Exarch in den Mauern Ravennas residieren, allerdings mehr ein Gefangener als ein Gebieter; und noch bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen wurde die Regierung Roms und Italiens im Namen der Nachfolger Konstantins vollzogen Compescuit tale consilium Pontifex, sperans conversionem principis, (»solchen Rat hielt der Pontifex zurück, da er noch auf die Bekehrung des Herrschers hoffte«, Anastas. p. 156.) Sed ne desisterent ab amore et fide R. J. admonebat (»Er mahnte, nicht von der Liebe und dem Glauben abzustehen«, p. 157). Die Päpste nennen Leo und Konstantin ›Kopronymos, Imperatores & Domini‹, mit dem erstaunlichen Epitheton piissimi (»die frömmsten«). Eine berühmte musivische Arbeit im Lateran (A.D. 798) zeigt, wie Christus die Schlüssel St. Peter und das Banner Konstantin V aushändigt. (Muratori, Annali d'Italia, tom. VI. p. 337)..

 

ROMS REPUBLIKANISCHE VERFASSUNG

Roms Freiheit, von Augustus' Armeen und Anschlägen zugrunde gerichtet, wurde nach einer Knechtschaft von siebenhundertundfünfzig Jahren von der Verfolgung durch Leo den Isaurier gerettet. Durch die Caesaren waren die Erfolge der Konsuln zu Nichts geworden: während der Jahre des Niederganges waren der Gott Terminus, die heiligen Grenzen allmählich zurückgewichen, vom Ozean, vom Rhein, von der Donau und vom Euphrat; und Rom selbst beschränkte sich auf sein hergebrachtes Territorium von Viterbo bis Terracina und von Narni bis an die Tibermündung Ich habe dieses Gebiet bezeichnet nach den Karten und die Karten nach den tadellosen Abhandlungen von Vater Beretti, (de Chorographia Italiae Medii Aevi, sect XX, p. 216-232). Doch darf ich daran erinnern, dass Viterbo eine Gründung der Langobarden ist (p. 211) und Terracina eine Zeitlang in griechischem Besitz war.. Nach der Vertreibung der Könige stand die Republik auf dem sicheren Fundament, welches ihre Weisheit und Tugend gelegt hatten. Ihre immerwährende Herrschaft wurde Jahr für Jahr zwischen zwei Magistratsbeamte geteilt; der Senat indessen fuhr fort, die Staatsverwaltung auszuüben und zu beratschlagen, während die gesetzgebende Gewalt in den Volksversammlungen nach einem wohlkalkulierten Eigentums- und Dienst-Schlüssel verteilt wurde. Mit den Künsten des höheren Luxus unbekannt, hatten die alten Römer es in den Wissenschaften des Krieges und der Staatskunst weit gebracht: der Wille der Gemeinschaft wurde absolut gesetzt, die Rechte des Einzelnen waren heilig; einhundertunddreißigtausend Bürger standen unter Waffen, bereit zur Verteidigung oder Eroberung. Und so bildete sich aus einer Bande von Räubern, Gesetzlosen und Landesflüchtigen ein Volk, welches Freiheit wollte und nach Ruhm strebte Über Größe, Bevölkerung usw des frühen römischen Königreiches studiere der Leser mit Gewinn die Discours Preliminaire zur Republique Romaine des M. de Beaufort, (tom. I), welcher der Leichtgläubigkeit bezüglich des frühen Roms unverdächtig ist..

Als die Oberhoheit der griechischen Kaiser untergegangen war, boten Roms Ruinen ein trübseliges Bild von Entvölkerung und Verfall. Sklaverei war ihnen zur Gewohnheit geworden, ihre Freiheit war nur Zufall, oder besser: die Folge von Aberglauben und zugleich Objekt ihres eigenen Staunens und Erschreckens. Die letzten Spuren des Wesens und der Form ihrer vorigen Verfassung waren aus dem Leben und sogar aus der Erinnerung der Römer getilgt. Und zur Errichtung eines neuen Staatsgebäudes gingen ihnen Fähigkeit und Möglichkeit völlig ab. Die wenigen Einwohner, Nachkommen von Sklaven und Fremden, waren in den Augen der siegreichen Barbaren verächtlich. Wann immer die Franken oder Langobarden ihre bitterste Verachtung eines Feindes ausdrücken wollten, nannten die ihn ›Römer.‹ »Und unter dieser Bezeichnung« – so spricht Bischof Luitprand – »verstehen wir alles, was feige und hinterhältig ist, außerdem die schlimmsten Extreme von Habgier und Luxus und überhaupt jedes Laster, das die Würde der Menschennatur beleidigen kann Quos (Romanos) nos, Longobardi scilicet, Saxones, Franci, Locharingi, Bajoarii, Suevi, Burgundiones, tanto dedignamur ut inimicos nostros commoti, nil aliud contumeliarum nisi Romane, dicamus: hoc solo, id est Romanorum nomine, quicquid ignobilitatis, quicquid timiditatis, quicquid avaritiae, quicquid luxuriae, quicquid mendacii, immo quicquid vitiorum est comprehendentes, (Liutprand, in Legat Script. Ital. tom. ii. para i. p. 481). Minos hätte Cato oder Cicero als Strafe für ihre Sünden aufgegeben, täglich einmal diese barbarische Textstelle zu lesen.

In ihrer Notlage hatten sich die Römer in die grobe Form einer republikanischen Regierungsform drängen lassen; sie waren genötigt, einige Richter in Friedenszeiten und in Kriegszeiten einige Heerführer zu wählen; die Edlen versammelten sich, um sich Rats zu erholen, und ihre Beschlüsse konnten nicht ohne Versammlung und Zustimmung der Menge durchgeführt werden. Die Bezeichnung des römischen Senates und Volkes lebte wieder auf ...Pipino regi Francorum, omnis senatus, atque universa populi generalitas a Deo servatae Romanae urbis. (...der ganze Senat und die allgemeine Versammlung der von Gott geretteten Stadt Rom dem Frankenkönig Pipin... Codex Carolin. epist. 36, in Script. Ital. tom. III. pars II, p. 160. Die Namen Senat und Senator kamen nie ganz außer Gebrauch (Dissert. Chorograph. p. 216, 217); doch bezeichneten sie im MA wenig anderes als Adlige, Optimaten usw. (Ducagne, Gloss. Lat.), aber der Geist war dahingegangen; und ihre neuerliche Unabhängigkeit wurde durch wüste Auseinandersetzungen zwischen Zügellosigkeit und Unterdrückung entehrt. Das Fehlen von Gesetzen konnte nur noch durch die Vorgaben der Religion kompensiert werden, und ihre fremdartigen wie ihre bekannten Maßregeln wurden durch die Autorität des Bischofs gemodelt. Dessen Almosen, Predigten, seine Korrespondenz mit den abendländischen Königen und Prälaten, seine jüngsten Verdienste um die Römer, ihre Dankbarkeit und Eidesleistung gewöhnten die Römer daran, in ihm den ersten Beamten oder Herrscher über die Stadt zu sehen. Die christliche Demut der Päpste stieß sich nicht an der Bezeichnung Dominus oder Herr; und auf den meisten antiken Münzen finden sich denn auch ihr Konterfei und ihre Inschrift Siehe Muratori, Antiquit. Italiae Medii Aevi, tom. II, Dissertat XXXVII, p. 548 Auf einer dieser Münzen lesen wir Hadrianus Papa, (A.D. 772) auf der Rückseite Vict. Ddnn. Mit dem Wort Conob, das Pater Joubert (Science des Medailles, tom. II, p. 42) als CONstantinopoli Officina B (secunda, die 2.) erklärt.. Ihre weltliche Herrschaft ist heute durch ein Jahrtausend ehrwürdig; ihr respektabelster Titel ist der ihrer freien Wahl durch ein Volk, das sie aus der Sklaverei erlöst hatten.

 

LANGOBARDEN GREIFEN ROM AN – A.D. 730 -752

In den Auseinandersetzungen der alten Griechen erfreute sich das Volk von Elis eines ewigen Friedens durch den besonderen Schutz Jupiters und durch die Feier der Olympischen Spiele Man sehe West, Dissertation on the Olympic Games, (Pindar. vol. ii. p. 32-36, edition in 12mo.), und die klugen Überlegungen des Polybius (tom. I, 4, p. 466, edit Gronov).. Glücklich hätten sich die Römer schätzen dürfen, wenn ein ähnliches Privileg das Patrimonium Petri geschützt hätte; und wenn die Christen, die sich den heiligen Schwellen näherten, wenigstens in Gegenwart des Apostel und seines Nachfolgers ihre Schwerter in die Scheide geschoben hätten. Aber solch ein mystischer Bannkreis hätte nur durch den Zauberstab eines Gesetzgebers oder eines Weisen gezogen werden können; mit dem religiösen Eifer und Ehrgeiz der römischen Päpste war ein derartiges System schlicht unvereinbar: die Römer waren, anders als die Bewohner von Elis, dem unschuldigen und stillen Ackerbau nicht zugeneigt, und die Barbaren in Italien, die durch das Klima zwar milder gestimmt waren, standen bezüglich der Einrichtungen ihres privaten und staatlichen Lebens weit unter denen Griechenlands. Ein denkwürdiges Beispiel von Reue und Frömmigkeit gab allerdings Luitprand, König der Langobarden.

In Waffen und vor den Toren des Vatikans lauschte der Sieger der Stimme Gregors II Die Rede Gregors an die Langobarden hat Sigonius (de Regno Italiae 3, Opera, tom. II, p. 173) sehr hübsch ausgearbeitet, wobei Sigonius den Geist und den Freiinn von Sallust uns Livius nachzeichnet., zog seine Truppen ab, gab seine Eroberungen wieder auf, betrat in Ehrfurcht die Kirche St. Petri und legte nach dem Gottesdienst sein Schwert und seinen Dolch, seinen Panzer und seinen Mantel, das Silberkreuz und die Goldkrone am Grabe des Apostels nieder. Doch war diese religiöse Aufwallung nur eine Illusion, vielleicht eine vorsätzliche Verstellung des Augenblicks; mächtig und dauerhaft ist das Gefühl des Eigennutzes; Waffenliebe und Raubsucht waren den Langobarden gleichsam angeboren; und beide, Herrscher und Heervolk, wurden unwiderstehlich verführt durch die wüsten Zustände Italiens, Roms militärische Blöße und den unkriegerischen Beruf ihres neuen Oberhauptes. Nach Erlass der ersten kaiserlichen Edikte erklärten sie sich sogleich zu Beschützern der heiligen Bilder: Luitprand überfiel die Provinz Romagna, die schon damals diesen besonderen Namen führte; die Katholiken des Exarchats fügten sich bereitwillig seiner militärischen und zivilen Vormacht, und dann wurde zum ersten Male ein auswärtiger Feind in die uneinnehmbare Festung von Ravenna eingelassen. Schon bald wurden diese Stadt und ihre Festung durch die umsichtigen Maßregeln und die Seemacht der Venezianer zurückerobert, und die getreulichen Untertanen gehorsamten der Mahnung Gregors und zogen eine Trennlinie zwischen der individuellen Schuld Leos und den Kalamitäten des Reiches Die venezianischen Historiker Johannes Sagorninus (Chron. Venet. p. 13) und der Doge Andreas Dandolo, (Scriptores Rer. Ital. tom. XII, p. 135) haben diesen Brief Gregors überliefert. Verlust und Wiedereroberung von Ravenna werden auch erwähnt von Diaconus, (de Gest. Langob., 6, 42 und 54, in Script. Ital. tom. I, pars I, p. 506, 508); aber unsere Chronologisten Pagi, Muratori u.a. können zu Datum und Umständen nichts beitragen..

Die Griechen waren des ihnen geleisteten Dienstes weniger eingedenk als die Langobarden des erlittenen Unrechts; die beiden Völker, feindlich in ihrem Glauben, vereinigten sich zu einem gefährlichen und naturwidrigen Bündnis: König und Exarch marschierten, Spoleto und Rom zu erobern; der Sturm zog jedoch wirkungslos vorüber, aber Luitprands Politik der dauernd wechselnden Waffenruhe und Feindseligkeit wurde Italien doch sehr beschwerlich. Sein Nachfolger Astolphus erklärte sich gleichermaßen zum Feinde des Papstes und des Kaisers, Ravenna wurde durch Gewalt oder Verrat genommen Die Entscheidung hierüber hängt von der Lesart der mss. des Anastasius ab – deceperat (er täuschte) oder decerpserat (er zerstörte, Script. Ital. tom. III, pars I, p. 167)., und mit dieser letzten Eroberung erlosch die Reihe der Exarchen, welche mit eingeschränkten Befugnissen seit Justinians Zeiten und dem Untergang der gotischen Monarchie geherrscht hatten. An Rom erging die Aufforderung, die siegreichen Langobarden als ihre gesetzmäßigen Herren anzuerkennen; ein jährlicher Tribut von einem Goldstück wurde als Lösegeld für einen einzelnen Bürger festgesetzt, und schließlich wurde erneut das Schwert der Verwüstung gezogen, um die Buße für den Ungehorsam einzutreiben. Die Römer verzögerten; sie baten; sie beklagten sich; und die drohenden Barbaren wurden durch Verhandlungen und Waffen solange hingehalten, bis die Päpste die Freundschaft eines Verbündeten und Rächers von jenseits der Alpen erlangt hatten Der Codex Carolinus ist eine Sammlung der Päpste an Karl Martell (den sie Subregulus – der kleine Unterkönig), Pipin und Karl den Großen bis in das Jahr 791, als die Sammlung von dem letzten dieser Herrscher veranlasst wurde. Die Originalmanuscripte (Bibliotheca Cubucularis) befinden sich gegenwärtig in der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien und wurden von Lambecius und Muratori, (Script. Rerum Ital. tom III, pars II, p. 75ff ) herausgegeben..

 

BEFREIUNG ITALIENS DURCH PIPPIN – A.D. 754

Gregor III hatte in dieser Bedrängnis die Hilfe Karl Martells erfleht, des Helden seines Jahrhunderts, der die fränkische Monarchie unter dem bescheidenem Titel eines maior domus oder Herzogs ausübte und der durch seinen entscheidenden Sieg über die Sarazenen sein Land und vielleicht sogar Europa vor dem mohammedanischen Joch bewahrt hatte. Die päpstlichen Abgesandten wurden mit geziemendem Respekt empfangen, doch verhinderten seine zahlreichen anderen Aufgaben und sein früher Tod sein Eingreifen in die italienischen Angelegenheiten, einen wirkungslose Vermittlungsversuch einmal ausgenommen. Sein Sohn Pippin, der Erbe seiner Macht und seiner Tugenden, übernahm das Amt eines Vorkämpfers der römischen Kirche; und es scheint, als seien die Triebfedern für den Eifer des Frankenherrschers Ruhmbegier und Religion gewesen. Indessen: die Gefahr lag am Tiber, die Hilfe an der Seine, und beim Bericht entfernten Leidens bleibt das Menschenherz unbeteiligt. Also fasstePapst Stephan III, da er die Römer weinen sah, den hochherzigen Entschluss, den Hof der Langobarden und Franken in eigener Person aufzusuchen, die Missetaten seines Feindes durch Bitten abzuwenden oder das rächende Mitleid eines Freundes zu gewinnen. Nachdem er die allgemeine Verzweiflung durch fromme Gesänge und Reden etwas beruhigt hatte, trat er seine heikle Reise in Begleitung von Gesandten des fränkischen Monarchen und des griechischen Kaisers an. Der Lombardenkönig blieb unnachgiebig: aber mit seinen dunklen Drohungen konnten er weder die Klagen zum Schweigen bringen noch das Reisetempo des römischen Pontifex verlangsamen, welcher die penninischen Alpen überquerte, in der Abtei des heiligen Moritz ausruhte und sich sputete, die rechte Hand seines Beschützers zu ergreifen: eine Hand, welche weder im Krieg noch zum Zeichen der Freundschaft jemals vergebens empor gehoben wurde.

Stephan selbst wurde als der sichtbare Nachfolger des Apostels empfangen; das ihm angetane Unrecht wurde bei der nächsten Versammlung auf dem März- oder Maifeld vor einer ebenso frommen wie kriegerischen Nation geschildert, und dann ging er über die Alpen, nicht als ein Fliehender, sondern an der Spitze einer Armee, die vom König persönlich geführt wurde. Die Langobarden willigten nach kurzem und schwachem Widerstand in einen schäbigen Frieden ein und schworen, den Besitz der römischen Kirche zurück zu erstatten und zu heiligen. Kaum aber waren die fränkischen Waffen außer Sicht, vergaß Astolphus seines Eides und suchte seine Schmach zu rächen. Abermals wurde Rom von seinen Truppen eingeschlossen, und Stephan trug in der Besorgnis, seinem transalpinen Bundesgenossen lästig zu fallen, seine Klagen und Bitten durch einen beredten, diesmal im Namen St. Petri persönlich geschrieben Brief vor Man lese diesen außergewöhnlichen Brief im Codex Carolingus Ep. III, p 92. Die Feinde der Päpste haben ihnen Betrug und Blasphemie vorgeworfen; in diesem speziellen Falle aber ging es ihnen wirklich darum, zu überreden und nicht zu täuschen. Der Hinweis auf Verstorbene und Unsterbliche war bei den Alten nicht ungewöhnlich, wenn er in jenem Brief auch nach dem ungehobelten Geschmack der Zeit vorgenommen wird.. Der Apostel sicherte seinen Adoptivsöhnen, dem König, der Geistlichkeit und den Edlen des Frankenreichs zu, er würde, tot zwar im Fleische, im Geiste noch immer leben; so dass sie jetzt die Stimme des Stifters und Wächters der römischen Kirche anhören und ihr gehorchen müssten; dass die Jungfrau, die Engel, die Heiligen, die Märtyrer und überhaupt alle himmlischen Heerscharen mit einer Stimme auf die Erfüllung der Bitte drängen und ihre Verbindlichkeit bekennen würden; dass Reichtum, Sieg und das Paradies ihr frommes Unternehmen krönen, aber ewige Verdammnis die Strafe im Falle einer Weigerung sein würde oder wenn sie tatenlos zusähen, wie sein Grab und sein Tempel in die Hand der perfiden Langobarden fielen.

 

EROBERUNG DER LOMBARDEI DURCH KARL DEN GROSSEN – A.D. 774

Pippins zweiter Feldzug war ebenso schnell und ebenso erfolgreich wie der erste: Petrus war's zufrieden, Rom ward neuerlich errettet und Astolphus durch die Geißel eines fremden Herrschers über die Bedeutung von Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit unterrichtet. Nach dieser doppelten Niederlage vegetierten die Langobarden etwa zwanzig Jahre in Erschöpfung und Degeneration dahin. Aber ihre Seele waren sie durch ihre Lage durchaus nicht gedemütigt, und anstatt sich nun die Friedens-Tugenden der Unterlegenen anzueignen, ärgerten sie die Römer immer wieder durch Wiederholung von Forderungen, Ausflüchten und Überfällen, die sie ohne Plan begannen und ohne Ruhm beendeten. Ihre untergehende Monarchie wurde von zwei Seiten bedrängt, einmal durch den Eifer und die kluge Politik von Papst Hadrian I und dann noch durch das Genie, das Glück und die Größe von Karl dem Großen, des Sohnes von Pippin; diese Helden der Kirche und des Staates waren auch persönlich freundschaftlich verbunden, und während sie ihren machtlosen Feind niedertrampelten, übertünchten sie ihre Vorgehensweise mit dem artigsten Anstrich der Gerechtigkeit und Mäßigung Ausgenommen bei der Scheidung von der Tochter des Desiderius, welche Karl ohne einen Grund verstieß. Papst Stephan IV hatte sich wütend der Verheiratung eines edlen Franken mit einer Langobardin widersetzt, welchem Volk er die Verbreitung des Aussatzes zuschreibt. (Cod. Carolin. epist. 45, p. 178, 179). Ein weiterer Grund gegen diese Vermählung war eine noch lebende erste Gemahlin (Muratori, Annali d'Italia, tom. VI. p. 232, 233, 236, 237). Doch Karl gönnte sich selbst ebenfalls die Vielweiberei oder Konkubinat.. Die Alpenpässe und die Mauern von Pisa waren die einzige Verteidigung der Langobarden; jene wurden von Pippins Sohn überrannt, diese von ihm belagert; und nach einer Blockade von zwei Jahren war Desiderius, der letzte ihrer Herrscher gezwungen, Szepter und Hauptstadt in fremde Hände auszuliefern. Unter der Regierung eines fremden Königs, aber unter Beibehaltung ihrer eigenen Gesetze entwickelten die Langobarden sich eher zu den Brüdern als zu den Untertanen der Franken, welche mit ihnen durch eine gemeinsame germanische Abkunft und die Ähnlichkeit ihrer Sitten und ihrer Sprache verbunden waren Siehe die Annali d'Italia of Muratori, tom. VI, und die ersten drei Dissertationes in: Antiquitates Italiae Medii Aevi, tom. I..

Die gegenseitigen Verbindlichkeiten der Päpste und der Familie der Karolinger sind sozusagen das Bindeglied, welches die antike mit der neuen, die Profan- mit der Kirchengeschichte verbindet. Die Wünsche des Volkes, die Gebete und Umtriebe der Klerisei lieferten dem Vorkämpfer der römischen Kirche zur Eroberung Italiens eine günstige Gelegenheit und einen lauteren Anspruch. Aber das wichtigste Geschenk des Papstes an das Geschlecht der Karolinger waren die französische Königswürde Außer den üblichen Historikern haben noch drei französische Gelehrte, Launoy, (Opera, tom. V, pars II, 7, epist. 9, p. 477-487), Pagi, (Critica, A.D. 751, No. 1-6, A.D. 752, No. 1-10) und Natalis Alexander, (Hist. Novi Testamenti, dissertat, II, p. 96-107) das Thema der Absetzung Childerichs mit Gelehrsamkeit und Aufmerksamkeit behandelt, allerdings auch mit deutlichem Bemühen, die Unabhängigkeit der französischen Krone zu bewahren. Doch kommen sie durch die von ihnen angeführten Textstellen (Eginhard, Theophanes und die alten Annalen Laureshamenses, Fuldenses und Loisielani) in einiges Gedränge. und die eines römischen Patriziers.

 

PIPPIN UND KARL DER GROSSE, KÖNIGE DES FRANKENREICHES

I. Unter der hieratischen Monarchie des heiligen Petrus kehrten die Völker wieder zu der alten Praxis zurück, an den Ufern des Tibers ihre Könige, ihre Gesetze und Hinweise auf ihr künftiges Schicksal zu suchen. Die Franken befanden sich in einiger Verlegenheit zwischen dem nominellen Anspruch auf die Regierung und der politischen Wirklichkeit; alle Herrschergewalt wurde von Pippin ausgeübt, dem Maiordomus, nur der Königstitel fehlte seinem Ehrgeiz noch. Seine Feinde lagen am Boden, zerschmettert durch seine Stärke, seine Freunde waren vervielfacht durch seine Freigebigkeit, sein Vater durfte sich Retter der Christenheit nennen, und die Ansprüche aus persönlichem Verdienst waren in einer Folge von vier Generationen vermehrt und geadelt worden. Den Königsnamen aber und die Insignien trug nach wie vor der schwache Childerich, Chlodwigs letzter Nachfahre, doch sein anachronistischer Rechtsanspruch konnte nur noch Anlass zu Aufruhr geben; das Volk wünschte, die Einfachheit der Verfassung wieder herzustellen; und Pippin, Untertan und Herrscher in einem, begehrte, seine Stellung und das Glück seiner Familie zu mehren. Nun waren aber der Maiordomus und der Adel durch Treueeid an den königlichen Schatten gebunden; Childerichs Blut galt als rein und heilig, und so wandten sich ihre gemeinsamen Abgesandten an den Bischof von Rom, auf dass er ihre rechtlichen Bedenken zerstreue oder sie von ihrem Eid entbinde.

Das Eigeninteresse des Papstes Zacharias, des Nachfolgers der beiden Gregore, bestimmte ihn zu einer Entscheidung, und zwar durchaus zu ihren Gunsten: es sei der legitime Anspruch eines Volkes, den Königstitel und dessen Autorität in ein und derselben Person zu vereinen; und deshalb müsse – leider – der vom Glück verlassene Childerich als ein Opfer der staatlichen Sicherheit abgesetzt, geschoren und in ein Kloster verbracht werden, wo den Rest seiner Tage verbringen möge. Die Franken begrüßten diese ihnen hochwillkommene Antwort als die Meinung eines Kasuisten, den Urteilsspruch eines Richters oder als das Orakel eines Propheten: der Stamm der Merowinger verschwand von der Erde. Pippin aber wurde von seinem Volk auf den Schild gehoben, welches daran gewöhnt war, seinen eigenen Gesetzen zu gehorchen und unter seiner Fahne zu marschieren. Zweimal ward er unter Billigung der Päpste gekrönt: zum ersten Male von ihrem getreuen Diener Bonifatius, dem Apostel der Deutschen, und dann von der dankbaren Hand von Stephan III, der im Klostert von St. Denis seinem Wohltäter die Krone aufs Haupt setzte. Man war klug genug gewesen, die Salbung der Könige von Israel zu erneuern: der Nachfolger Petri wurde so zu Gesandten Gottes, ein germanischer Stammesfürst zum Gesalbten des Herren Allerdings nicht ganz zum ersten Male: Auf einer weniger glanzvollen Bühne hatten die Bischöfe von Britannien und Spanien im VI und VII Jh. diesen Ritus praktiziert. Die Salbung der konstantinopolitanischen Kaiser wurde erst in den letzten Jh. ihres Reiches von den Lateinern abgeschaut. Konstantin Manasses erwähnt die Salbung von Karl dem Großen als eine fremdartige, jüdische und unverständliche Zeremonie. Siehe Selden, Titles of Honor, in: Works, vol. III, part I, p. 234-249).; und so hat sich dieser jüdische Ritus infolge der Eitelkeit und des Aberglaubens des modernen Europas erhalten und sogar noch ausgebreitet.

Die Franken wurden von ihrem alten Eid entbunden, aber zugleich wurde ein fürchterlicher Bannfluch gegen sie und jeden ihrer Nachkommen geschleudert für den Fall, dass sie es wagen sollten, von dieser Wahlfreiheit noch einmal Gebrauch zu machen oder einen anderen König zu inthronisieren als aus dem heiligen, verdienstvollen Hause der Karolinger. Diese Herrscher machten sich um künftige Gefahren nur geringe Sorgen und freuten sich ihrer abgesicherten Gegenwart;: der Sekretär Karls des Großen behauptet, dass das Szepter Frankreichs durch päpstliche Autorität auf diesen übergegangen sei Siehe Eginhard, Vita Caroli Magni, 1, p. 9ff; 3, p. 24. Childerich wurde abgesetzt durch den Befehl (iussu) und die Karolinger inthronisiert durch die Autorität (auctoritate) des römischen Pontifex. Launoy u.a. behaupten, dass diese starken Worte auch milde gedeutet werden können. Das kann wohl sein; aber Eginhard verstand das Wort, den Hof und die lateinische Sprache.; und bei ihren kühnsten Unternehmungen berufen sie sich zuversichtlich auf diese richtungweisende und erfolgreiche Ausübung ihrer weltlichen Gerichtsbarkeit.

 

PATRIZIER VON ROM

II. Infolge des Sitten- und Sprachwandels hatten sich die Patrizier Roms Zum Titel und zur Macht der Patrizier sehe man Ducange, (Gloss. Latin. tom. V. p. 149-151), Pagi (Critica, A.D. 740, No. 6-11), Muratori (Annali d'Italia, tom. VI, p. 308-329)uand St. Marc, (Abrege Chronologique d'Italie, tom. I, p. 379-382). Von diesen zeigt der Franziskaner Pagi die größte Neigung, einen Patrizier zum Leutnant der Kirche anstatt des Reiches zu machen. sehr weit entfernt von dem Senat eines Romulus oder dem Palast eines Konstantin, von den freien Adligen der Republik oder von den erdichteten Vätern der Kaiser. Nach der Wiedereroberung Italiens und Afrikas durch die Armeen Justinians verlangte die Bedeutung und die gefährdete Stellung dieser entlegenen Provinzen die Anwesenheit eines obersten Magistrates; dieser wurde unterschiedslos Exarch oder Patrizier genannt; und diese Statthalter von Ravenna, die in den Herrscherlisten ebenfalls aufgereiht sind, dehnten ihre Jurisdiktion über die Stadt Rom aus. Nun waren die Römer genötigt gewesen, seit der Erhebung Italiens und dem Untergang des Exarchats von Ravenna Teile ihrer Unabhängigkeit aufzuopfern. Doch selbst bei diesem Tun übten sie ihr Selbstbestimmungsrecht aus; und nur durch Senats- und Volksbeschlüsse wurden Karl Martell und seine Nachfahren nacheinander mit dem Range eines römischen Patriziers bekleidet. Die Anführer eines mächtigen Volkes würden einen Knechts-Titel und ein nachgeordnetes Amt abgelehnt haben; aber die Herrschaft der griechischen Kaiser war unterbrochen; und da ihr Thron verwaist stand, empfingen sie von Papst und Republik eine rühmlichere Aufgabe. Die römischen Gesandten überreichten diesen Patriziern die Schlüssel zum Grabe des heiligen Petrus als Unterpfand und Symbol ihrer Oberherrschaft und dazu noch eine heilige Fahne, die zum Zwecke der Verteidigung von Kirche und Staat zu entfalten ihr Recht, ja ihre Pflicht war Die Advokaten des Papstes können die symbolischen Bedeutungen von Banner und Schlüssel abschwächen; aber die Bedeutung von ad regnum dimisimus, oder direximus, (»wir haben es dem Reich übergeben«. Codex Carolin. epist. I, tom. III, pars II, p. 76,) erlaubt keine Bemäntelung oder Ausflucht. In dem ms. der Wiener Bibliothek lesen sie statt regnum rogum, Bitte oder Verlangen, s. Ducange; durch welche Veränderung Karl Martells Königswürde denn doch sehr abgemindert wird. (Catalani, in seinen kritischen Vorbemerkungen zu Annali d'Italia, tom. XVII, p. 95-99).. In den Zeiten von Karl Martell und Pippin schütze das Königreich der Langobarden zwar die Freiheit Roms, beeinträchtigte aber zugleich ihre Sicherheit; und das Patriziat bezeichnete bloß den Titel, den Dienst und das Bündnis dieser fernen Beschützer. Die Stärke und die Politik vernichteten einen Gegner und installierte einen Herrscher.

Bei seinem ersten Besuch in der Hauptstadt wurde er mit allen den offiziellen Ehren empfangen, die vordem den Exarchen zugestanden hatten, dem Stellvertreter des Kaisers; und diese Ehrenbezeigungen erhielten durch den freudig-dankbaren Papst Hadrian I noch einige zusätzliche Ausschmückung Siehe Liber Pontificalis, tom III, pars I, p. 185.: Kaum hatte er vom Herannahen des Monarchen gehört, da entsandte er den Magistrat und die Edlen Roms, ihm mit dem Banner etwa dreißig Meilen vor der Stadt zu begebnen. Eine Meile vor der Stadt standen an der alten Flaminischen Heerstraße die Schulen oder Volksgemeinschaften der Griechen, Langobarden, Sachsen usw. aufgereiht; die Jugend Roms war unter Waffen; und Kinder in zarterem Alter sangen, Palmen- und Ölzweige in den Händen, ihrem Befreier Loblieder; beim Anblick des heiligen Kreuzes und der Fahnen der Heiligen stieg er vom Pferd, führte die Prozession seiner Edlen zum Vatikan und küsste beim Besteigen der Treppe demütig jede Stufe auf der Schwelle der Apostel. Im Portico erwartete Hadrian an der Spitze seiner Kleriker: man umarmte sich als Gleiche und Freunde; doch als man zum Altar ging, hielt sich der König oder Patrizier zur rechten Hand des Papstes. Doch war der König der Franken nicht zufrieden mit diesen eitlen und hohlen Respektsbezeigungen. In den sechsundzwanzig Jahren zwischen der Niederwerfung der Lombarden und seiner Kaiserkrönung war Rom, das Karl der Große mit dem Schwert befreit hatte, vollkommen seinem Szepter unterworfen: Das Volk schwor ihm und seinem Stamm die Treue; auf seinen Namen wurden Münzen geprägt und Recht gesprochen; und selbst die Papstwahlen mussten durch ihn immer erst noch überprüft und bestätigt werden. Mit Ausnahme eines aus dem Ursprung stammenden und selbstinnewohnenden Herrschaftsrechtes gab es keine weitere Prärogative, welches der Kaisertitel dem Patrizier von Rom noch hätte zusprechen können Paulus Diaconus, welcher vor der Kaiserkrönung Karls schrieb, nennt Rom eine ihm unterwürfige Stadt – vestrae civitates (ad Pompeium Festum) suis addidit sceptris, (de Metensis Ecclesiae Episcopis). Einige zu Rom geschlagene Münzen haben le Blanc vermocht, in einer gründlichen, aber auch parteiischen Abhandlung über ihr Ansehen als Patrizier und Kaiser zu schreiben. (Amsterdam 1692)..

 

SCHENKUNGEN PIPPINS UND KARLS AN DIE PÄPSTE

Die Dankbarkeit der Karolinger entsprach etwa ihren Verpflichtungen, und ihre Namen sind geheiligt als die Retter und Wohltäter der römischen Kirche. Das alte Eigentum der letzteren, das aus Meierhöfen und Häusern bestand, wurde durch die fränkischen Monarchen in die weltlichen Herrschaft über Städte und Provinzen umgewandelt, und die Schenkung des Exarchats ist war die erste Frucht von Pippins Eroberungen Mosheim (Institution, Hist. Eccles. p. 263) wägt diese Schenkung klugbedacht und sorgsam. Eine Original-Urkunde hat sich nie gefunden; aber das Liber Pontificalis (p. 171) berichtet davon und der Codex Carolinus setzt diese Schenkung voraus. Beide sind zeitgenössische Geschichtsquellen, und der letztere ist sogar noch glaubwürdiger, da er nicht in der päpstlichen, sondern in der kaiserlichen Bibliothek aufbewahrt wurde.. Astolphus liefert seine Beute mit einem Seufzer aus; die Schlüssel und Geiseln der vornehmsten Städte wurden dem fränkischen Abgesandten ausgehändigt. Und dieser schenkte sie im Namen seines Herren dem Grabe des heiligen Petrus. Unter dem weitläufigen Exarchat Zwischen den riesigen Ansprüchen und den winzigen Zugeständnissen der Parteilichkeit und des Vorurteils, von denen selbst Muratori (Antiquitat. tom. I, p. 63-68) nicht ganz frei ist, habe ich mich bei der Bestimmung der Grenzen des Exarchats und der Pentapolis von den Abhandlungen des Beretti (Dissertatio Chorographica Italiae Medii Aevi, tom. X, p. 160-180) hindurch steuern lassen. konnten alle Provinzen Italiens verstanden werden, welche dem griechischen Kaiser und seinem Stellvertreter früher gehorsam waren; aber seine eigentlichen und engeren Grenzen begriffen die Gebiete von Ravenna, Bologna und Ferrara in sich: und unzertrennlich davon war die Pentapolis, die sich von Rimini nach Ancona entlang der Adriaküste erstreckte und in das Binnenland bis zur Bergkette des Apennin reichte.

Die Ehr- und Habsucht der Päpste ist anlässlich dieser Verhandlungen streng verurteilt worden. Vielleicht hätte die Demut eines christlichen Priesters überhaupt jede Art von irdischem Königreich zurückweisen sollen, welches ohne Aufgabe der Tugenden seines eigentlichen Berufes zu regieren ihm fast unmöglich sein würde. Vielleicht hätte ein braver Untertan oder sogar noch ein edelmütiger Feind weniger Ungeduld gezeigt haben, als es darum ging, die Beute der Barbaren zu teilen. Und falls der Kaiser den Papst Stephan beauftragt haben sollte, in seinem Namen die Wiederherstellung des Exarchats auszuhandeln, dann jedenfalls werde ich den Papst niemals von dem Vorwurf des Falschspiels und Verrates freisprechen können. Aber bei strenger Auslegung der Gesetze darf jedermann ohne Bedenken das in Empfang nehmen, was sein Wohltäter ohne Unrecht zu tun verschenken kann. Der griechische Kaiser hatte sein Recht auf das Exarchat aufgegeben oder verwirkt; und das Schwert des Astolphus war durch das stärkere Schwert der Karolinger zerbrochen worden. Pippin hatte nicht die Ikonoklasten schützen wollen, als er zweimal jenseits der Alpen sich und sein Heer aufs Spiel setzte: er war im Besitz von Eroberungen und durfte darüber nach Belieben verfahren; und für die Zudringlichkeiten der Griechen hielt er die fromme Antwort bereit, dass keine menschliche Rücksicht in vermögen würde, die Gabe wieder an sich zu reißen, die er dem Papst für die Erlassung seiner Sünden und die Errettung seiner Seele überlassen habe. Durch diese unverächtliche Schenkung hatte der Papst das unumschränkte Eigentum an jenen Ländern erhalten, und zum ersten Male überhaupt sah die Welt einen christlichen Bischof, der mit den Vorrechten eines weltlichen Fürsten ausgestattet war: dies waren die Wahl der Obrigkeiten, die Jurisdiktion, die Erhebung von Steuern und der Reichtum des Palastes von Ravenna.

Zur Zeit des Unterganges des langobardischen Königreiches suchten die Einwohner des Herzogtums von Spoleto Spoletini deprecati sunt, ut eos in servitio B. Petri receperet et more Romanorum tonsurari faceret, (Die Bewohner von Spoleto flehten darum, dass man sie in die Knechtschaft des heiligen Petrus übernehmen und ihnen nach römischer Sitte die Haare scheren möge. Anastasius, p. 185.) Schutz vor dem Sturm, schoren ihr Haar nach römischer Mode und erklärten sich selbst zu Knechten und Untertanen von St. Peter, durch welche freiwillige Unterwerfung sie den gegenwärtigen Umkreis des Kirchenstaates abschlossen. Dieser geheimnisvolle Kreis wurde durch mündliche oder schriftliche Schenkungen Karls des Großen Die Schenkungspolitik Karls wird sorgfältig von St. Marc untersucht, (Abrege, tom. i. p. 390-408), welcher den Codex Carolinus sehr genau geprüft hat. Ich glaube, so wie er auch, dass letztere nur mündlich waren. Die älteste Schenkungsurkunde, die wir kennen, stammt von Ludwig dem Frommen (Sigonius, de Regno Italiae 4, Opera, tom. II, p. 267-270). Ihre Echtheit oder wenigstens ihre Vollständigkeit sind zweifelhaft. (Pagi, A.D. 817, No. 7ff. Muratori, Annali, tom. VI, p. 432, &c. Dissertat. Chorographica, p. 33, 34); aber ich kann keinen Grund sehen, warum diese Fürsten nicht so freigebig mit Ländern verfahren sollten, die ihnen nicht gehörten. zu einem unbestimmten Umfang ausgeweitet, als dieser in der ersten Freude über seinen Sieg sich selbst und dazu noch den griechischen Kaiser aller Städte und Inseln beraubte, die einstmals dem Exarchat gehört haben mochten. Allein, in den kühleren Augenblicken des Alleinseins und Nachdenkens blickte er, nicht ohne Neid und Scheelsucht, auf die neuerworbene Größe seines geistlichen Verbündeten. Der Erfüllung der von seinem Vater und ihm selbst gegebenen Versprechen suchte er, bei allem Respekt nach außen, zu hintertreiben: der König der Franken und der Langobarden behauptete die unveräußerlichen Rechte des Reiches, und so wurden Rom und Ravenna Karl der Große bat um musivische einige Arbeiten aus dem Palast von Ravenna und erhielt sie von ihrem Besitzer, Hadrian I, zur Verzierung von Aachen geschenkt. bis zu seinem Tode unter die Metropolitanstädte seines Reiches gerechnet. Die Souveränität des Exarchats schmolz den Päpsten unter den Händen dahin: in den Erzbischöfen Ravennas fanden sie sogar gefährliche einheimische Rivalen Die Päpste beklagten sich oft über die unrechtmäßigen Übergriffe des Leo von Ravenna (Codex Carolin, epist. 51, 52, 53, p. 200-205). Si corpus St. Andreae fratris germani St. Petri hic humasset, nequaquam nos Romani pontifices sic subjugassent, (Wenn der Leib von St. Andreas, des wahren Bruders von St. Peter, hier begraben läge, hätten die römischen Pontifices sich auf keinen Fall unterworfen. Agnellus, Liber Pontificalis, in Scriptores Rerum Ital. tom. II. pars. I. p. 107).: Adel und Volk verachteten das priesterliche Joch; und in den Wirren der Zeiten konnte Rom nur noch die Erinnerung an einen alten Anspruch bewahren, den zu erneuern und zu verwirklichen in besseren Zeiten tatsächlich gelungen ist.

 

DIE SO GENANNTE KONSTANTINISCHE SCHENKUNG

Betrug ist das Hilfsmittel, auf das Schwäche und Hinterlist gemeinhin zurückgreifen; und der mächtige, aber unwissende Barbar hatte sich oftmals in den Fallstricken der priesterlichen Politik verfangen. Vatikan und Lateran waren Vorratslager und Manufaktur zugleich, welche entsprechend den Bedürfnissen der römischen Kirche je und je unterschiedliche Sammlungen gefälschter oder echter, verderbter oder verdächtiger Urkunden bereitstellten oder zurückhielten. Noch vor dem Ende des VIII Jahrhunderts verfertigten irgendwelche apostolische Schreiber, am Ende sogar der berüchtigte Isidor persönlich, die Dekretalien und die Schenkungen Konstantins, jene zwei magischen Stützpfeiler der geistlichen und weltlichen Alleinherrschaft der Päpste. Diese erinnerungswürdigen Schenkungen wurden der Welt bekannt durch ein Schreiben Hadrians I, welcher Karl den Großen befeuert, der Freigebigkeit des großen Konstantin nachzueifern und seinen Namen neuerlich zu beleben Piissimo Constantino magno, per ejus largitatem S. R. Ecclesia elevata et exaltata est, et potestatem in his Hesperiae partibus largiri dignatus est.... Quia ecce novus Constantinus his temporibus, &c., (...er wollte dem allerfrömmsten Konstantin dem Großen, durch dessen Schenkung die Kirche erhoben und aufgerichtet wurde, auch die Macht in diesen Teilen des Abendlandes zugestehen...Denn siehe, ein neuer Konstantin unserer Zeit usw. Codex Carolin. epist. 49, in tom. III, part II, p. 195.) Pagi (Critica, A.D. 324, No. 16) hält sie für das Werk eines Betrügers des VIII Jh., der sich den Namen St. Isidor nur zugelegt hat: sein demutsvoller Beiname Peccator (Sünder) wurde aus Unkenntnis, aber durchaus passend zu Mercator (Kaufmann) verfälscht: seine Geschäftsidee war in der Tat einträglich, denn er erwarb durch ein paar Blatt Papier Reichtum und großen Einfluss.. Dem frommen Märchen zufolge wurde der erste Kaiser christlichen Glaubens von der Lepra geheilt und im Taufwasser gereinigt durch St. Silvester, Bischof zu Rom: noch nie wurde ein Arzt glorreicher belohnt! Sein kaiserlicher Proselyt entsagte des Thrones und Patrimoniums Petri; verkündete seine Absicht, im Osten eine neue Hauptstadt zu gründen und überließ den Päpsten die freie und immerwährende Alleinherrschaft über Rom, Italien und die Provinzen des Westens Fabricius (Bibliot. Graec. tom. VI, p. 4-7) hat die verschiedenen Ausgaben dieser Urkunde in lateinischer und griechischer Sprache aufgezählt. Die Abschrift, welche Lorenzo Valla zitiert und widerlegt, ist entweder den unechten Akten des Silvester oder aus Gratians Dekreten entnommen, in welche sie nach Valla's und anderer Meinung eingeschoben wurde..

Dieses Märchen generierte die wohltätigsten Wirkungen: die griechischen Monarchen wurden der rechtswidrigen Besitzergreifung in Italien überführt; und Gregors Empörung war lediglich die Forderung nach dem ihm zustehenden Erbe gewesen. Die Päpste waren von nun an ihrer Dankesschuld ledig, und die so genannten Schenkungen der Karolinger waren in Wahrheit nicht anderes als die billige und unwiderrufliche Rückerstattung eines kleinen Teiles des Kirchenstaates. Roms Regierung hing nicht länger von den schwankenden Launen des Wahlvolkes ab, und die Nachfolger St. Petri und Konstantins waren bekleidet mit dem kaiserlichen Purpur und seinen Prärogativen. So groß war die Unwissenheit und Einfalt jener Zeiten, dass noch die albernsten Fabeln in Frankreich und Griechenland mit gleicher Ehrfurcht geglaubt wurden. Und sogar heute noch finden sie sich in den Dekreten des kanonischen Rechtes A.D. 1059 glaubten (glaubten sie allen Ernstes?) Papst Leo IX, Kardinal Peter Muratori u.a. daran. Muratori stellt (Annali d'Italia, tom. IX, p. 23, 24) die angeblichen Schenkungen von Ludwig dem Frommen, den Ottonen u.a. de Donatione Constantini an ihren richtigen Ort. Siehe die Abhandlung von Natalis Alexander, seculum IV, diss. 25, p. 335-350.. Die Kaiser waren, so wie die Römer auch, nicht imstande, eine solche Fälschung zu erkennen, durch die ihre Freiheit und ihre Rechte unterminiert wurden; der einzige Widerstand erhob sich in einem sabinischen Kloster, welches zu Beginn des XII Jahrhunderts die Echtheit und Gültigkeit der konstantinischen Schenkung bezweifelte Zu dieser Kontroverse (A.D. 1105), die aus einem privaten Rechtsstreit entstand, lese man die ausführliche Erzählung in der Chronicon Farnese (Script. Rerum Italicarum, tom. II, pars II, p. 637ff), einem üppigen Auszug aus den Archiven dieses Benediktinerklosters. Ehedem stand es der fremden Neugier geöffnet (Le Blanc und Mabillon) und hätte die Historia Monastica Italiae des Quirini bereichert. Heute sind sie fortgeschlossen (Muratori, Scriptores R. I. tom. II, pars II, p. 269) infolge der ängstlichen römischen Politik. Und der künftige Kardinal ließ sich durch die Stimme der Autorität und die Einflüsterungen des Ehrgeizes von seinem Plan abhalten. (Quirini, Comment. pars II. p. 123-136.).

In den Zeiten, da Wissenschaft und Freiheit wieder auflebten, wurde diese erdichtete Urkunde von der spitzen Feder des Laurentius Valla aufgespießt, eines wortgewandten Wissenschaftlers und römischen Patrioten Ich habe in der Sammlung des Schardius (de Potestate Imperiali Ecclesiastica, p. 734-780) diese geistvolle Abhandlung gelesen, welche 1440, sechs Jahre nach der Flucht von Papst Eugenius IV, abgefasst wurde. Es ist eine sehr parteiisches Streitschrift: Valla rechtfertigt und fördert sogar noch die Empörung der Römer und würde selbst den Gebrauch eines Dolches gegen ihren kirchlichen Tyrannen rechtfertigen. Ein solcher Wissenschaftler hätte mit den Nachstellungen durch den Klerus rechnen dürfen; doch schloss er mit ihnen Frieden und liegt nun im Lateran begraben (Bayle, Dictionnaire Critique, Valla; Vossius, de Historicis Latinis, p. 580).. Seine Zeitgenossen aus dem XV Jahrhundert entsetzten sich über seine frevelnde Kühnheit; aber der stille und unaufhaltsame Fortschritt der Vernunft ist so geartet, dass noch vor dem Ende des nächsten Jahrhunderts das Märchen widerlegt werden konnte durch die Verachtung der Historiker Siehe Guicciardini, den Diener der Päpste, in einer langen und wertvollen Abhandlung, welche in der letzten, nach des Autors Handschriften verbesserten Ausgabe in vier Quartbänden in Freiburg 1775 erschienen ist. (Istoria d'Italia, tom. i. p. 385-395.) und Dichter Der Paladin Astolpho fand die Urkunde auf dem Mond unter den Dingen, die auf Erden verloren gegangen waren: Di vari fiore ad un grand monte passa, Ch'ebbe gia buono odore, or puzza forte: Questo era il dono (se pero dir lece) Che Constantino al buon Silvestro fece. (Von Blumen sieht er einen Bergeshaufen: einst roch er wohl, jetzt stinkt er fürchterlich. Das waren mit – Verlaub – der Schenkung Rester, Gemacht von Konstantin an Papst Silvester. Ariosto, Orlando Furioso, XXXIV, 80 Übers. Alfred Kissner). Und doch wurde dieses unvergleichliche Versepos in einer Bulle von Leo X zugelassen. und durch das Stillschweigen oder den gedämpften Tadel der Verteidiger der römischen Kirche Siehe Baronius, A.D. 324, No. 117-123, A.D. 1191, No. 51ff. Der Kardinal möchte uns weismachen, dass Silvester die Herrschaft über Rom von Konstantin angetragen wurde, diese von Silvester aber zurückgewiesen wurde. Die Schenkungsurkunde hält er, seltsam genug, für Lug und Trug und griechische Erfindung.. Die Päpste selbst haben sich ein Lächeln über die Arglosigkeit der Menge nicht versagt Baronius n'en dit guerres contre; encore en a-t'il trop dit, et l'on vouloit sans moi, (Cardinal du Perron,) qui l'empechai, censurer cette partie de son histoire. J'en devisai un jour avec le Pape, et il ne me repondit autre chose »che volete? i Canonici la tengono,« il le disoit en riant, (Baronius sagt kaum etwas dazu, trotzdem sagte er noch zuviel dazu, und man wollte ohne mich (Kardinal du Perron), der es verhindert hat, diesen Teil seiner Geschichte zu zensieren. Ich plauderte eines Tages mit dem Papst darüber, und er antwortete nur: »Was wollt ihr? Die Kanoniker halten daran fest« sagte er mit einem Lachen. Perroniana, p. 77).; und doch heiligt ein falscher und obsoleter Rechtstitel noch immer ihre Herrschaft; ein vergleichbarer Glücksstern, wie er über den Dekretalien und den Sibyllinischen Orakeln gestanden hat, ließ auch hier das Gebäude stehen, nachdem das Fundament schon längst untergraben worden war.

 

KAISERIN IRENE RESTAURIERT DIE BILDERVEREHRUNG IM OSTEN

Während die Päpste in Italien ihre Unabhängigkeit und Herrschaft begründeten, wurden die Bilder, die ja den ersten Anstoß zu ihrer Empörung gegeben hatten, im Orient wieder etabliert Die verbleibende Geschichte der Bilderverehrung – von Irene bis Theodora – ist für die Katholiken zusammengetragen worden von Baronius und Pagi, (A.D. 780-840), Natalis Alexander, (Hist. N. T. seculum VIII, Panoplia adversus Haereticos p. 118-178) und Dupin, (Bibliot. Eccles. tom. VI, p. 136-154); für Protestanten von Spanheim (Hist. Imag. p. 305-639), Basnage, (Hist. de l'Eglise, tom. I, p. 556-572, tom. II, p. 1362-1385) und Mosheim, (Institut. Hist. Eccles. secul. VIII et IX). Die Protestanten sind, Mosheim ausgenommen, voll mit kontroverser Bitterkeit; die Katholiken, Dupin ausgenommen, sind durch den Zorn und den Aberglauben der Mönche erhitzt; und selbst noch le Beau (Hist. du Bas Empire) eine Gentleman und Gelehrter, ist von dieser üblen Seuche kontaminiert.. Unter der Regentschaft von Konstantin V hatte die staatliche und kirchliche Gewalt mit vereinten Kräften den Baum des Aberglaubens umgerissen, ohne jedoch seine Wurzeln auszuroden. Die Götzenbilder – für solche hielt man sie jetzt – wurden insgeheim von den Fraktionen und dem Geschlecht verehrt, die am ehesten zur Andacht geneigt sind; und die innige Verbindung von Frauen und Mönchen trug entscheidend zum Sieg über die Vernunft und die Autorität des Mannes bei. Leo IV hielt nur mit wenig Nachdruck auf die Religion seines Vaters und Großvaters; doch sein Weib Irene, schön und ehrgeizig, hatte den Glaubenseifer der Athener in sich aufgesogen, die mehr die Erben des Götzenglaubens als der Philosophie ihrer Vorväter waren. Solange ihr Gemahl noch lebte, hatten die dauernde Gefahr und Verstellung diese Gesinnung nur umso stärker angefacht, doch sie konnte nur darauf hinarbeiten, einige ihrer Lieblings-Mönche zu schützen und zu befördern, welche sie aus ihren finsteren Löchern hervorzog und auf den Sitzen der orientalischen Erzbischöfe inthronisierte. Sobald sie aber in ihrem und ihres Sohnes Namen regierte, ging sie mit vollem Ernst an die Tilgung der Ikonoklasten, und der erste Schritt auf diesem Wege war ein Edikt zugunsten einer allgemeinen Gewissensfreiheit.

Zusammen mit der Wiedereingliederung der Mönche wurden der öffentlichen Anbetung tausend Bilder dargeboten und tausend Fabeln von ihren Leiden und Wundern in die Welt gesetzt. Die durch Todesfälle oder Versetzung freiwerdenden bischöflichen Sitze wurden mit kluger Berechnung neu besetzt; die eifrigsten Bewerber um himmlische oder irdische Gunst kamen dem Urteil ihrer Fürstin zuvor und schmeichelten ihr dadurch; und mit der Beförderung ihres Geheimschreibers Tarasius gewann Irene den Patriarchen von Konstantinopel und durch ihn die Herrschaft über die ganze Kirche des Morgenlandes. Jedoch: die Beschlüsse eines allgemeinen Konzils konnten nur durch eine vergleichbare Versammlung aufgehoben werden Siehe die Akten in griechischer und lateinischer Sprache vom zweiten Konzil zu Nikäa nebst einer Anzahl ähnlicher Stücke im VIII Konzilsband, p. 645-1600. Eine zuverlässige Übersetzung nebst einigen kritischen Bemerkungen würde den Lesern je nach Denkungsart ein Seufzen oder Lächeln entlocken.. Die Ikonoklasten, die sie einberief, waren ebenso kühn auf ihren Besitz bedacht, wie sie auf Debatten keinen Wert legten; und die matten Äußerungen der ikonoklastischen Bischöfe verloren sich in dem grässliche Geschrei der Sodateska und der Einwohner von Konstantinopel.

 

VII ALLGEMEINES KONZIL, II NIKÄISCHES – 24. SEPTEMBER-23. OKTOBER A.D.787

Diese Hindernisse wurden im Laufe eines Jahres durch allerlei Machenschaften, den Abzug der missgestimmten Truppen und die Wahl von Nikäa zum Ort für eine zweite orthodoxe Synode ausgeräumt, auch befand sich das Gewissen der Bischöfe nach bewährter griechischer Übung wieder in den Händen des Herrschers. Nur achtzehn Tage wurden eingeräumt, dieses wichtige Werk zu vollenden: die Ikonoklasten traten auf, nicht etwa als die Richter, sondern als Bösewichte oder Bußfertige; die Szene wurde von Papst Hadrians Abgesandten und den orientalischen Patriarchen feierlich ausgeschmückt Die päpstlichen Abgesandten waren zufällige Legaten ohne jeden Auftrag und wurden bei ihrer Rückkehr nicht anerkannt. Einige herumvagabundierende Mönche wurden von den Katholiken überredet, die orientalischen Patriarchen abzugeben. Diese grotesken Einzelheiten werden von Theodor Studites, (epist. I, 38, in Sirmond. Opp. tom. V, p. 1319) mitgeteilt, einem der engagiertesten Bildergegner seiner Zeit., die Beschlüsse wurden von dem Vorsitzenden Tarasius formuliert und per acclamationem und die Unterschriften von 350 Bischöfen genehmigt. Diese taten einmütig kund, dass die Bilderverehrung mit der Schrift und der Vernunft im Einklang stehe, ebenso mit den Kirchenvätern und den heiligen Konzilien. Zögerlich zeigten sie sich aber in der Frage, ob diese Verehrung mittelbar oder unmittelbar stattfinde; und ob die Gottheit und das Abbild Christi auf gleiche Weise verehrt werden dürfe.

Von diesem zweiten Konzil zu Nikäa besitzen wir noch die Akten; es ist ein bemerkenswertes Dokument des Aberglaubens und der Ignoranz, der Verlogenheit und der Dummheit. Ich will hier nur die Meinung der Bischöfe über das Verhältnis von Bilderverehrung und Moral anführen. Ein Mönch hatte mit dem Teufel der Hurerei ein Stillhalteabkommen vereinbart zu der Bedingung, dass er sein tägliches Gebet zu dem in seiner Zelle aufgehängten Bilde einstelle. Seine Skrupel veranlassten ihn, sich bei seinem Abt Rats zu erholen. »Ehe du von der Anbetung Christi und seiner Mutter in ihren heiligen Bildern abstehst,« so antwortete der Kasuist, »wäre es besser für dich, jede Lusthölle dieser Stadt und jedwede einzelne Hure aufzusuchen Diese Besuche konnten nicht unschuldig sein, »da der Dämon der Hurerei mit ihm im Krieg lag.« Actio IV, p. 901, Actio V, p. 1081.

 

ENDGÜLTIGER SIEG DER BILDERVEREHRUNG – KAISERIN THEODORA – A.D. 842

Es ist für die Rechtgläubigkeit, zumindest die Rechtgläubigkeit der römischen Kirche, ein etwas misslicher Umstand, dass die beiden Herrscher, welche die zwei Kirchenversammlungen zu Nikäa veranlasst hatten, mit dem Blut ihrer Söhne besudelt sind. Die zweite Synode wurde durch Irene gutgeheißen und ihre Beschlüsse mit äußerstem Rigorismus von ihr umgesetzt, wobei sie ihren Feinden diejenige Duldsamkeit verweigerte, die sie vorher ihren Freunden zugebilligt hatte. Während der fünf folgenden Regierungen – einem Zeitraum von achtunddreißig Jahren – wurde der Streit zwischen Bilderverehrern und Bilderstürmern mit gleich bleibender Wut und unterschiedlichem Erfolg ausgefochten. Indessen, ich spüre keine Neigung, mit detailversessener Pedanterie immer die gleichen Ereignisse zu erzählen. Nikephoros gestattete allgemeine Rede- und Handlungsfreiheit, aber diese einzige bemerkenswerte Tat seiner Regierung wird von den Mönchen als die Ursache für seine irdische und ewige Verdammnis angegeben. Aberglauben und Schwäche kennzeichnen das Erscheinungsbild von Michael I, aber die Heiligen und die Bilder vermochten ihren Bekenner nicht auf dem Thron zu erhalten. Leo V bewahrte auch noch im Purpur den Namen und die Religion eines Armeniers, und die Götzen nebst ihren aufrührerischen Anhängern wurden neuerlich verbannt. Deren Beifall würde sogar die Ermordung eines gottlosen Tyrannen geheiligt haben, aber sein Mörder und Nachfolger, Michael II, war schon von Geburt an durch die phrygische Ketzerei verseucht; er war bemüht, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln, doch der unermüdliche Geist der Katholiken zog ihn unmerklich auf die andere Seite. Seine Mäßigung wurde durch Ängstlichkeit beschützt; aber sein Sohn Theophilos, dem die Furcht ebenso fremd war wie Mitleid, war der letzte und brutalste in der Reihe der Ikonoklasten. Die Religionsschwärmerei des Jahrhunderts war ihnen entschieden entgegengesetzt, und die Kaiser, die diesen Strom aufzuhalten suchten, wurden durch den Hass der Öffentlichkeit verbittert und fortgespült.

Nach dem Tod des Theophilos wurde der endgültige Sieg der Bilderverehrung durch eine zweite Frau vollendet, nämlich seine Witwe Theodora, der er die Vormundschaft über das Reich hinterlassen hatte. Kühn und durchgreifend waren ihre Maßregeln. Der Ruf ihres verstorbenen Gatten und seine Seele wurden durch das gestreute Gerücht seiner späten Reue gerettet; ein über den Patriarchen, einen Ikonoklasten, verhängtes Urteil der Blendung wurde zur Auspeitschung mit zweihundert Geißelhieben abgeändert. Die Bischöfe bebten, die Mönche jauchzten, und ein jährlicher orthodoxer Feiertag verewigte das Andenken an den Sieg der Bilder. Eine Frage bleibt noch offen, ob nämlich diese Bilder mit einer ihnen eigentümlichen und nur ihnen innewohnenden Heiligkeit ausgestattet seien? Dies wurde von den Griechen des XI Jahrhunderts ausgetragen Die Erzählung dieser Auseinandersetzung lese man im Alexius von Anna Compena, (5, p. 129) und Mosheim, (Institut. Hist. Eccles. p. 371, 372).; und da diese Meinung sich aufgrund ihrer Absurdität aufs nachdrücklichste für Zänkereien empfiehlt, bin ich doch überrascht, dass sie von hier keine nachdrücklichere Bekräftigung gefunden hat. Im Westen trat Papst Hadrian I den Beschlüssen von Nikäa bei und machte sie auch bekannt; und den Katholiken ist sie auch heute noch als die siebte in der Reihe der allgemeinen Kirchenversammlungen ehrbar.

 

ABLEHNUNG DURCH KARL DEN GROSSEN UND DIE FRANKEN – A.D. 794

Rom und Italien lauschten der Stimme ihres geistlichen Vaters, doch lag der größte Teil der lateinischen Christenmenschen in dem Wettlauf des Aberglaubens weit zurück. Die Kirchen Frankreichs, Deutschlands, Englands und Spaniens steuerten einen mittleren Kurs zwischen Anbetung und Zerstörung der Bilder, die sie zwar in ihre Tempel aufnahmen, allerdings nicht als Gegenstand der Anbetung, sondern als lebendige und nützliche Denkmäler aus Glaube und Geschichte. Eine zornige Kampfschrift wurde im Namen Karls des Großen verfasst und herausgegeben Die Libri Carolini, (Spanheim, p. 443-529), verfasst im Palast oder Winterquartier zu Worms A.D. 790 und von Engebert dem Papst Hadrian I zugesandt, der hierauf mit einem grandis et verbosa epistola (Concil. tom. VII. p. 1553) antwortete. Diese »Caroliner« tragen über 120 Einwände gegen das Konzil von Nikäa vor, und Worte wie die folgenden sind die Blüten der ihnen innewohnenden Rhetorik; – Dementiam.... priscae Gentilitatis obsoletum errorem .... argumenta insanissima et absurdissima.... derisione dignas naenias. (Schwachsinn... finsterer Irrtum uralten Heidentums.... völlig hirnkranke und absurde Argumentation... Zauberformeln, verdienen sich ein Hohngelächters usw., usw.).: dann versammelte sich unter seiner Obmacht eine Synode von dreihundert Bischöfen zu Frankfurt Karls Versammlungen waren politisch und kirchlich. Zu den 300 Teilnehmern (Nat. Alexander, sec. VIII, p. 53) die zu Frankfurt saßen und abstimmten, müssen nicht nur Bischöfe gehört haben, sondern auch Äbte und Laien von Rang.. Sie tadelten die Gewalttätigkeiten der Ikonoklasten, sprachen aber auch einen ausdrücklichen Tadel gegen den griechischen Aberglauben aus sowie gegen die Beschlüsse ihres so genannten Konzils, das von den Barbaren des Westens noch lange Zeit nur verachtet wurde Qui supra sanctissima patres nostri (episcopi et sacerdotes) omnimodis servitium et adorationem imaginum renuentes contempserunt, atque consentientes condemnaverunt, (»...unsere Väter, Bischöfe und Priester, die über das Heiligste hinaus auf jede Weise Bilderdienst und -verehrung abgelehnt und verachtet und ihre Anhänger verdammt haben...« Concil. tom. IX, p. 101, Canon. II, Franckfurd). Das muss ein sehr hartherziger Polemiker sein, welcher die Bemühungen des Baronius, Pagi, Alexander und Maimbourg ohne Mitleid betrachten kann, wenn sie diese unglückliche Entscheidung umgehen wollen.. Unter den letztgenannten breitete sich die Bilderverehrung unmerklich und in aller Stille aus; aber ein hinreichender Ausgleich für ihre Zögerlichkeit und ihren Verzug wurde geleistet durch die grobschlächtige Abgötterei aus den Jahrhunderten vor der Reformation und aus den Ländern Europas und Amerikas, die noch immer vom Aberglauben umdunkelt sind.

 

ENDGÜLTIGE TRENNUNG DER WEST- UND OSTKIRCHE 774 – 800

Es begab sich nach der zweiten Synode von Nikäa unter der Regentschaft der frommen Irene, dass die Päpste die Trennung Roms und Italiens von den Griechen vollzogen, indem sie die Kaiserwürde auf Karl den Großen übertrugen. Sie waren genötigt, zwischen zwei entgegengesetzten Völkern zu wählen: die Religion war nicht der einzige Anlass für diese Wahl, denn während sie die Verfehlungen ihrer Freunde übersahen, blickten sie nicht ohne Argwohn und Widerwillen auf die katholischen Tugenden ihrer Gegner. Die unterschiedlichen Sprachen und Gebräuche hatte die Gegnerschaft der beiden Hauptstädte verfestigt, und ebenso hatte eine siebzigjährige Animosität sie einander entfremdet. Während dieser kirchlichen Spaltung hatten die Römer von der Freiheit und die Päpste von weltlicher Herrschaft gekostet: ihre Unterwerfung hätte sie den Rachegelüsten eines eifersüchtigen Tyrannen ausgesetzt; die Umwälzungen in Italien hatten die Ohnmacht des byzantinischen Hofes und zugleich seine Tyrannei offen gelegt. Die griechischen Kaiser hatten die Bilder wieder etabliert, aber die Besitzungen in Kalabrien Theophanes (p.343) benennt die von Sizilien und Kalabrien, welche jährlich etwa dreieinhalb Talente Gold abwarfen. (ca. 7000 Pfund Sterling). Luitprand zählt noch einmal und mit erkennbarer Ruhmredigkeit die Besitzungen der römischen Kirche in Griechenland, Judaea, Persien, Mesopotamien, Babylonien, Ägypten und Libyen auf, welche der griechische Kaiser ihnen rechtswidrig vorenthielt. (Legat. ad Nicephorum, in Script. Rerum Italica rum, tom. II, pars I, p. 481). und die Diözese von Illyrien Die große östliche Diözese Illyriens unter Einschluss von Apulien, Kalabrien und Sizilien (Thomassin, Discipline de l'Eglise, tom. i. p. 145): nach dem Eingeständnis der Griechen hatte der Patriarch von Konstantinopel die Metropoliten von Thessaloniki, Athen, Korinth, Nikopolis und Patras aus Rom abgezogen, (Luc. Holsten. Geograph. Sacra, p. 22); seine geistlichen Eroberungen reichten bis nach Neapel und Amalphi (Istoria Civile di Napoli, tom. I, p. 517-524, Pagi, A. D 780, No. 11.) nicht zurückerstattet, welche die Ikonoklasten dem Nachfolger des heiligen Petrus entrissen hatten; auch drohte Papst Hadrian ihnen mit Exkommunikation, wenn sie nicht sogleich von dieser praktizierten Ketzerei abstünden Epist. Hadrian. Papae ad Carolum Magnum, in Concil. tom. VIII, p. 1598. Der Papst fügt noch einen anderen Grund hinzu, der zu seinem erkennbaren Verhalten allerdings im krassen Widerspruch steht: dass ihm die Rettung der Seelen und die Glaubensregeln wichtiger seien als die als Güter dieser transitorischen Welt..

Die Griechen waren nunmehr rechtgläubig, doch konnte ihre Religion schon durch einen Wink ihres regierenden Kaisers verbogen werden; die Franken erwiesen sich als widerspenstig, aber wer genau hinsah, konnte ihre baldige Hinwendung vom einfachen Gebrauch bis hin zur Anbetung der Bilder voraussehen. Der Name Karls des Großen war durch die polemische Bitternis seiner Schreiber beschmutzt worden; aber der Sieger bequemte sich mit staatsmännischem Gleichmut den diversen Sitten Frankreichs und Italiens zu genügen. Auf seinen vier Pilger- oder Besuchsfahrten zum Vatikan hatte er die Päpste umarmt und war mit ihnen verbunden durch Freundschaft und Frömmigkeit; er kniete nieder vor dem Grabe und folglich auch vor dem Bilde des Apostels; und nahm ohne Bedenken an allen Gebeten und Umzügen der römischen Liturgie teil. Konnte Staatsklugheit oder Dankbarkeit den Päpsten erlauben, ihren Wohltäter aufzugeben? Hatten sie das Recht, das ihnen geschenkte Exarchat zu veräußern? Hatten sie die Macht, seine Herrschaft über Rom abzuschaffen? Der Titel eines Patriziers war zu wenig für die Macht und Bedeutung Karls des Großen; und nur durch die Wiederherstellung des westlichen Teilimperiums konnten sie ihre Dankesschuld abtragen oder ihre Herrschaft sichern. Durch diesen entscheidenden Schritt würden sich die Ansprüche der Griechen für alle Zeiten erledigen; Rom erhöbe sich von einer schlichten Provinzialhauptstadt zu seiner alten Größe; die lateinische Christenheit wäre unter einem obersten Herrscher in seiner alten Hauptstadt vereint, und die Eroberer des Westens erhielten ihre Krone aus den Händen des Nachfolgers Petri. Auch verfügte die römische Kirche dann über einen eifrigen und respektablen Beschützer, und der Bischof von Rom könnte unter den Schirm der karolingischen Macht die Stadt ruhmreich und unbehelligt regieren Fontanini sieht in den Kaisern nichts anderes als die Sachwalter und Beschützer der Kirche (advocatus et defensor S.R.E.; siehe Ducange, Gloss Lat. tom. I, p. 297). Sein Gegenspieler Muratori macht aus den Päpsten bloße Exarchen des Kaisers. Nach Mosheims ausgeglicheneren Sichtweise (Institut. Hist. Eccles. p. 264, 265) hielten sie Rom innerhalb des Reiches als das ehrenvollste Lehen oder Beneficium – premuntur nocte caliginosa! (Sie wurden niedergedrückt in finstrer Nacht!).

 

KARL ZUM KAISER GEKRÖNT – 25. DEZEMBER 800

Bevor das Heidentum in Rom endgültig aufgehört hatte zu sein, gab die Bewerbung um ein so einträgliches Bistum oftmals Anlass zu Blutvergießen und Getöse. Es lebten zwar weniger Menschen in Rom; aber die Zeiten waren verrohter, die Beute bedeutender, und um den Stuhl Petri haderten die führenden Kirchenmänner mit Ingrimm, da es sie nach Herrscherwürden verlangte. Die Regierung Adrians I Seine Verdienste werden in einem Epitaph von 38 Zeilen zusammengefasst, als deren Verfasser sich Karl der Große selbst benennt. (Concil, tom. VIII, p. 520) Post patrem lacrymans Carolus haec carmina scripsi. Tu mihi dulcis amor, te modo plango pater... Nomina iungo simul titulis, clarissime, nostra Adrianus, Carolus, rex ego, tuque pater.« (Ich, Karl, um den Vater weinend, habe diese Verse geschrieben. Du bist mir eine süße Liebe, ...ich klage um dich, Vater... Ich verbinde unsere Namen zugleich mit Ehrennamen, hochberühmter Hadrian, und ich, Karl der König und du, der Vater). Das Gedicht hat vielleicht Alcuin beigesteuert; aber die Tränen, der glorreichste Tribut, können nur von Karl dem Großen selbst stammen. übertrifft in ihrer Dauer die vorherigen und nachfolgenden Zeiten eder Papst wird ermahnt: »Sancte Pater, non videbis annos Petri,« – »heiliger Vater, du wirst nicht die Jahre Petri erblicken«, nämlich 25 Jahre. Im Durchschnitt kommt man auf acht Jahre: für einen ehrgeizigen Kardinal ein kurzer Hoffnungsschimmer.; die Mauern Roms, das heilige Patrimonium, der Untergang der Lombardei und die Freundschaft zu Karl dem Großen waren die Trophäen seines Ruhmes: im Verborgenen arbeitete Hadrian am Thron für seinen Nachfolger und entwickelte in einem engen Umfeld die Tugenden eines großen Herrschers. Sein Andenken stand in allen Ehren; doch wurde bei der nächsten Wahl ein Lateranpriester, Leo III, dem Neffen und Liebling Hadrians vorgezogen, obwohl er ihn zu sehr hohen kirchlichen Ehren erhoben hatte.

Vier Jahre lang verbargen die Zurückgesetzten hinter Ergebung und Stillschweigen die finsterste Rachsucht, bis endlich während einer Prozession eine entschlossenen Bande von Verschwörern die unbewaffnete Menge zerstreute und die heilige Person des Papstes mit Schlägen und Wunden malträtierten. Doch schlug ihr Angriff auf sein Leben fehl, mag nun ihre eigene Konfusion oder eine plötzliche Reue dies verursacht haben. Man ließ Leo für tot auf dem Boden liegen: nachdem er aus der Ohnmacht erwachte, der Folge seines Blutverlustes, gewann er allmählich seine Sprache zurück und wurde wieder sehend; doch wurde dieser ganz natürliche Vorgang zu einer wundersamen Wiederherstellung seiner Augen und seiner Zunge verklärt, die ihm der Dolch der Mörder gleich zweimal geraubt hatte Die Zusicherung des Anastasius (tom. III, pars I, p. 197, 198) wird von der Leichtgläubigkeit fränkischer Annalisten gestützt; doch Eginhard u.a. sind aufrichtiger und naturnäher: »Unus ei oculus paullulum est laesus,« (ein Auge wurde ihm leicht verletzt), so Johannes der Diakon von Neapel, (Vit. Episcop. Napol. in Scriptores Muratori, tom. I, pars II, p. 312).. Aus seinem Gefängnis entkam er in den Vatikan; der Herzog von Spoleto eilte herzu, ihn zu erretten, Karl verurteilte das ihm widerfahrene Unrecht und begrüßte in seinem Feldlager zu Paderborn in Westphalen den Pontifex, hatte ihn vielleicht sogar selbst eingeladen. Leo kehrte über die Alpen zurück, begleitet von mehreren Grafen und Bischöfen, Garanten seiner Sicherheit und Zeugen seiner Unschuld; und nur ungern verschob der Bezwinger der Sachsen den Vollzug dieser frommen Pflicht bis auf das nächste Jahr. Auf seiner vierten und letzten Pilgerfahrt wurde er zu Rom erneut mit den Ehrungen empfangen, die einem König und Patrizier zukamen; Papst Leo durfte sich durch einen Eid von den ihm zur Last gelegten Verbrechen reinigen; seine Feinde waren genötigt stille zu schweigen, und der gottlose Angriff gegen sein Leben wurde durch ein ebenso mildes wie unzureichendes Exil geahndet.

Am Weihnachtsfeiertage, dem letzten des VIII Jahrhunderts, suchte Karl der Große die Peterskirche auf; und um Roms Eitelkeit gefällig zu sein, hatte er die einfache Kleidung seiner Heimat mit dem Gewand eines Patriziers getauscht Karl erschien zweimal nach Hadrians und Leos Aufforderung in Rom – longa tunica et chlamyde amictus, et calceamentis quoque Romano more formatis. (Mit langer Tunica und Obergewand bekleidet sowie mit Schuhen, nach römischer Mode gefertigt). Eginhard (c. xxiii. p. 109-113) beschreibt wie Sueton die Schlichtheit seines Aufzugs, an die das Volk so sehr gewöhnt war, dass Karl der Kühne, da er einst in fremder Tracht nach Frankreich zurückkehrte, die patriotischen Köter wider ihn belferten als einen Abtrünnigen (Gaillard, Vie de Charlemagne, tom. IV, p. 109).. Nach der Feier der heiligen Messe stülpte Leo ihm unvermittelt eine kostbare Krone aufs Haupt Siehe Anastasius (p. 199) und Eginhard, (c.28, p. 124-128.) Die Ölung wird von Theophanes erwähnt, (p. 399,) der Eid von Sigonius (aus dem Ordo Romanus), und die päpstliche Huldigiung »nach Sitte der Alten« in den Annales Bertiniani, (Script. Murator. tom. II, pars II, p. 505.), und das Gotteshaus erdröhnte vom Zuruf des Volkes: »Ein langes Leben und Sieg für Karl, den frömmsten Augustus, gekrönt von Gott zum großen und friedliebenden Kaiser der Römer!« Das Haupt und der Körper Karls wurden festlich gesalbt: nach dem Vorbild der Caesaren wurde auch ihm vom Papst gehuldigt: sein Krönungseid enthält auch das Versprechen, die Religion und die Vorrechte der Kirche zu beschützen, und so lieferte er durch die reichen Opfer, die am Grabe des Apostels dargebracht wurden, zugleich die ersten Früchte. In vertrauten Gesprächen versicherte der Kaiser immer wieder, dass er von den Absichten Leos nichts gewusst habe, die er sonst durch seine Abwesenheit an diesem denkwürdigen Tage würde vereitelt haben. Aber die Vorbereitungen zu dieser Zeremonie allein mussten schon das Geheimnis verraten haben, und auch Karls Reise beweist seine Kenntnis des Vorhabens und die Erwartungen, die er hegte; er hatte zugegeben, dass der Kaisertitel das Ziel seiner Wünsche sei, und eine römische Synode hatte den Ausspruch in die Welt gesetzt, dass dies die einzige angemessene Belohnung für seine Verdienste sein könne Dieses große Ereignis der Übertragung oder Wiederherstellung des Reiches wird erzählt und erörtert von Natalis Alexander, (secul. IX, dissert. I, p. 390-397), Pagi, (tom. III, p. 418), Muratori, (Annali d'Italia, tom. VI, p. 339-352), Sigonius, (de Regno Italiae, 4, Opp. tom. II, p. 247-251), Spanheim, (de ficta Translatione Imperi,,) Giannone, (tom. I, p. 395-405), St. Marc, (Abrege Chronologique, tom. I, p. 438-450), Gaillard, (Hist. de Charlemagne, tom. II, p. 386-446). Fast alle diese neueren Autoren vertreten irgendwelche religiösen oder nationalen Interessen..

 

REGIERUNG UND CHARAKTERISTIK KARLS DES GROSSEN 768 – 814

Das Epitheton »der Große« ist Herrschern oft und bisweilen sogar zu Recht beigelegt worden; doch ist Karl der Große der einzige Regent, dessen Name in den neueren Sprachen untrennbar mit dieser Bezeichnung verschmolzen ist (Charlemagne z.B. im Englischen und Französischen, A.d.Ü.). Dieser Name, erweitert um den Zusatz heilig, ist in den römischen Kalender eingeschaltet, und der Heilige selbst wird, was ein seltener Glücksfall ist, auch von den Historikern und Philosophen der Aufklärung mit Lob bekränzt Von Mably, (Observations sur l'Histoire de France), Voltaire, (Histoire Generale), Robertson, (History of Charles V) und Montesquieu, (Esprit des Loix, 31,18). Im Jahr 1782 veröffentlichte M. Gaillard seine Histoire de Charlemagne, (in 4 Bänden), welches Werk ich oft und mit Gewinn konsultiert habe. Der Verfasser verfügt über Verstand und Menschlichkeit, und sein Werk ist mit Fleiß und Anmut verfertigt. Doch habe ich auch noch die Dokumente aus Pipins und Karls Zeiten aus dem 5. Band der Historians of France geprüft.. Sein wahres Verdienst wird ohne Zweifel noch erhöht durch den Gegensatz zu der Barbarei des Volkes und der Zeiten, denen er entstammte; wird doch die scheinbare Größe eines Gegenstandes durch einen unzulässigen Vergleich gesteigert, so wie etwa die Ruinen von Palmyra durch die umgebende Sandwüste in ein schöneres Licht gestellt werden. Ohne gegen seinen Ruhm ungerecht zu sein, kann ich an der Heiligkeit und Größe dieses Erneuerers des abendländischen Kaisertums einige Flecken feststellen. Keuschheit ist unter seinen moralischen Tugenden nicht die augenfälligste Die Vision Weltins – hergestellt von einem Mönch elf Jahre nach dem Tod Karls – zeigt ihm im Purgatorium mit einem Geier, der unablässig das schuldige Glied benagt, während der übrige Leib, die Verkörperung seiner Tugenden, vollkommen intakt ist. (Siehe Gaillard tom. II, p. 317-360.): aber die Wohlfahrt seiner Völker konnte keinen ernsthaften Schaden nehmen wegen seiner neun Weiber oder Beischläferinnen, der vielfältigen dauernden oder kurzfristigen Liebschaften, der Vielzahl seiner Bastarde, die er von der Kirche versorgen ließ, und des langen Zölibats und der ausschweifenden Sitten seiner Töchter Die Vermählung Einhards mit Emma, Karls Tochter, wird m.E. hinreichend widerlegt durch das probum (Vorwurf) und die suspicio (Verdacht), welche diese Holde beschmutzten, seine eigene Gattin nicht ausgenommen. (c. 19, p. 98-100). Der Gatte muss für den Historiker zu mächtig gewesen sein., denen allzu nahe zu stehen ihr Vater immer mal wieder verdächtigt wurde. Man wird mir schwerlich erlauben, seine Eroberungsambitionen zu tadeln; doch würden der Sohn seines Bruders Karlmann, die Merowingerkönige Aquitaniens und die viertausendfünfhundert Sachsen, die alle an einem einzigen Ort (Verden an der Aller, A.d.Ü.) geköpft wurden, an einem Tage der Abrechnung so manches gegen den Gerechtigkeitssinn und die Menschenliebe Karls vorzubringen haben. Sein Umgang mit den besiegten Sachsen Abgesehen von den Morden und der Zwangsumsiedlung wurde wegen folgender Verbrechen die Todesstrafe verhängt: 1: Verweigerung der Taufe. 2: Vortäuschen der Taufe. 3: Rückfall zum Götzendienst. 4: Tötung eines Priesters oder Bischofs. 5: Menschenopfer. 6: Fleischgenuss während der Fastenzeit. Doch konnte man jedes Verbrechen durch die Taufe oder angemessene Bußübungen tilgen. (s. Gaillard, tom. II, p. 241-247); und die christlichen Sachsen wurden Freunde der Franken und ihnen gleich (Struv. Corp. Hist. Germanicae, p.133). war eine Pervertierung der Siegerrechte; seine Gesetzte dürsteten ebenso nach Blut wie seine Waffen, und untersucht man seine Beweggründe, dann muss man das, was man von seiner Bigotterie abzieht, seinem Temperament zurechnen.

Der heutige, gemäßigte Leser ist verblüfft über seine unablässige geistige und körperliche Aktivität; und nicht weniger waren seine Untertanen und Feinde erstaunt über sein plötzliches Auftauchen zu einem Zeitpunkt, da sie ihn an dem entlegensten Ort seines Reiches vermuteten. Weder Frieden oder Krieg, noch Sommer oder Winter waren für ihn Ruhezeiten; und unsere Phantasie kann nur mühsam seine Regierungschronik mit der Geographie seiner Feldzüge in Übereinstimmung zu bringen. Aber sein Tätigkeitsdrang war eher eine nationale als eine persönliche Tugend: das halbnomadische Leben der Franken teilte sich zwischen Jagd, frommer Wallfahrt und kriegerischem Abenteuer auf; und die Fahrten Karls des Großen unterschieden sich davon nur durch sein größeres Gefolge und den jeweils höheren Endzweck. Sein Kriegsruhm muss nach Prüfung seiner Truppen, seiner Feinde und seiner eigenen Taten gemessen werden. Alexander eroberte mit Philipps Armee, aber die zwei Helden, die Karl vorausgingen, hinterließen ihm ihren Namen, ihr Vorbild und die Begleiter seiner Siege. An der Spitze seiner kampferprobten Veteranenarmee warf er wilde oder heruntergekommene Völker nieder, die sich zu ihrer eigenen Verteidigung zu verbünden außerstande waren, noch begegnete er jemals einem an Zahl, Disziplin oder Bewaffnung gleichstarken Gegner. Die Technik der Kriegsführung ist mit dem Aufkommen der Künste des Friedens verloren gegangen und ebenso zu späteren Zeiten wiederbelebt worden; aber seine zahlreichen Feldzüge waren niemals durch irgendeine Belagerung oder eine besonders schwierige oder glückliche Schlacht bemerkenswert, so dass er wohl nicht ganz ohne Neidgefühle auf seines Großvaters Siegestrophäen aus den Sarazenenkriegen blicken mochte. Nach einem Spanien-Feldzug wurde die Nachhut seines Heeres in den Pyrenäen aufgerieben Bei diesem Gefecht kam der berühmte Rutland, Roland oder Orlando mit vielen Verbündeten ums Leben. Die wahren Umstände bei Einhard (9, p. 51.56), und die Fabel in einem Suppl. von Gaillard (tom. III, p 474). Die Spanier sind zu stolz für einen Sieg, den die Historie den Gascognern und die Sage den Sarazenen zuschreiben.; und die Krieger, deren Lage aussichtslos und deren Mut vergeblich waren, dürften mit ihren letzten Atemzügen den Mangel an Umsicht oder Geschicklichkeit ihres Feldherrn beklagt haben.

Den Gesetzen Karls des Großen, die ein einsichtsvoller Rechtsgelehrter so nachdrücklich gelobt hat, mag ich nicht anders als mit Respekt begegnen. Sie bilden kein eigenes System, sondern sind eine Sammlung von Gelegenheitsedikten, die bis ins Einzelne gehen und die die Abstellung von Missbräuchen, die Verbesserung der Sitten, die Bewirtschaftung von Gehöften, die Sorge um das Federvieh und selbst noch den Verkauf von Eiern zum Gegenstand haben. Er verfolgte den Plan, die Gesetze und den Charakter der Franken zu verbessern, und seine Bemühungen verdienen jedes Lob, so schwach und unvollkommen sie auch immer gewesen sein mögen. Die Übel der Vergangenheit wurden unter seiner Regierung abgestellt oder wenigstens erträglicher gemacht Schmidt (Geschichte der Deutschen, Teil 1) breitet, gestützt auf zuverlässige Quellen, die innere Unordnung und die Bedrückungen seiner Regierungszeit aus.. Doch kann ich in seinen Einrichtungen nur selten den großen Blick und den unsterblichen Geist des großen Gesetzgebers entdecken, der sich zum Wohle seiner Nachkommen selbst überlebt.

Zusammenhalt und Stabilität seines Reiches hing von einem einzigen, großen Manne ab: er griff auf die heikle Praxis zurück, seine Königreiche unter seinen Söhnen aufzuteilen, und ungeachtet zahlreicher Versammlungen schwankte die von ihm hinterlassene Verfassung notgedrungen zwischen Despotismus und Anarchie. Seine Wertschätzung der Frömmigkeit und seine Bekanntschaft mit der Geistlichkeit ließ ihn auf die Idee kommen, diese aufblühende Berufsgruppe mit weltlicher Macht und bürgerlicher Gerichtsbarkeit auszustatten. Dafür konnte dann sein Sohn Ludwig, als er sich von den Bischöfen seiner Macht entkleidet und abgesetzt sah, seinen Vater im gewissen Umfang der Unklugheit zeihen. Mit seinen Gesetzen erhielt die Abgabe des Zehnten neuerlich Nachdruck, weil nämlich die Luftdämonen ausgerufen hatten, dass die Vernachlässigung dieser Zahlungsquelle die Missernte des letzten Jahres verursacht habe »Omnis homo ex sua proprietate legitimam decimam ad ecclesiam conferat. Experimento enim didicimus, in anno, quo illa valida fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas, et voces exprobationis auditas.« So der Beschluss und die Versicherung der großen Ratsversammlung zu Frankfurt. canon XXV, tom. IX, p. 105). Selden (Hist. of Tithes; Works, vol. III, part II, p. 1146) und Montesquieu (Esprit des Loix, l. 31,12) benennen Karl den Großen als den ersten Gesetzgeber des Zehnten. So stark sind die Landgeistlichen seinem Andenken verpflichtet!.

Die Verdienste Karls des Großen um die Wissenschaften werden bescheinigt durch die Gründung von Schulen, den Import der Künste, die Werke, die auf seine Veranlassung veröffentlicht wurden, und seinen vertrauten Umgang mit jenen einheimischen und ausländischen Gelehrten, die er an seinen Hof lud, den Herrscher und sein Volk zu belehren. Seine eigenen Studien kamen verspätet, waren schleppend und mühselig. Wenn er denn Latein sprach und Griechische verstand, dann hatte er sich diese Anfangsgründe durch Konversation und nicht aus Büchern angeeignet; und im fortgeschrittenen Alter strebte der Herrscher nach einer gewissen Geläufigkeit im Schreiben, welche heutzutage jeder Landmann in seiner Jugend lernt Einhard (25, p. 119) stellt fest, tentabat et scribere... sed parum prospere successit labor praeposterus et sero inchoatus. (...er versuchte sich im Schreiben..., da er aber erst spät damit begonnen hatte, brachte er es hierin nicht besonders weit«). Neuere Interpreten haben diesen offenkundigen Sinn verdreht und verbessert, und der Titel von Hernn Gaillard's Erörterung (tom. III, p. 247-260) verrät seine Voreingenommenheit.. Grammatik und Logik, Musik und Astronomie der damaligen Zeit waren lediglich die Handlanger des Aberglaubens. Aber die Neugierde des menschlichen Gemütes strebt am Ende doch nach seiner Verbesserung, und diese Aufforderung zu den Studien zeigt die schönste und freundlichste Seite von Karls Charakter See Gaillard, tom. III, p. 138-176 und Schmidt, tom. II. p. 121-129.. Seine persönliche Erscheinung Herr Gaillard (tom. III, p. 372) bestimmt die Körpergröße Karls auf 5 Fuß 9 Zoll nach frz. und 6 Fuß ¼ nach engl. Maß. Die Romanautoren haben daraus acht Fuß gemacht und den Riesen mit der passenden Stärke und Esslust ausgestattet; mit seinem guten Schwert Ioyeuse lassen sie ihn mit einem Schlage Mann und Ross zerspalten und bei einer Mahlzeit eine Gans, zwei Hühner und ¼ Hammel verschlingen., die Länge seiner Regierung, sein Waffenglück zeichnen Karl aus von den Durchschnittsregenten; und Europa beginnt eine neue Zeitrechnung seit der Wiederherstellung des abendländischen Reiches.

 

DIE GRÖSSE DES FRANKENREICHES

Das Reich war dieser Bezeichnung nicht unwürdig Man sehe das kurzgefasste, aber präzise Werk von D'Anville, (Etats Formes en Europe apres la Chute de l'Empire Romain en Occident, Paris, 1771, in 4to.), dessen Karten das Reich von Karl dem Großen darstellen. Die verschiedenen Teile werden erläutert, Frankreich von Valesius (Notitia Galliacum), Italien von Beretti (Dissertatio Chorographica), Spanien von De Marca (Marca Hispanica). Ich muss gestehen, dass mir zur Geographie Deutschlands jener Zeit die Quellen fehlen.: einige der schönsten Königreiche Europas waren ein Erbe oder einer Eroberung dieses Herrschers, welcher gleichzeitig über Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und Ungarn regierte Nach einer kurzen Schilderung seiner Kriege und Eroberungen (Vita Caroli 5-14) wiederholt Einhard mit knappen Worten (15) die seinem Reich unterworfenen Länder. Struvius, (Corpus Hist. German. p. 118-149) hat in seine Erläuterungen die Texte aus den alten Chroniken eingefügt..

I. Aus der römischen Provinz Gallien war das Königreich Frankreich geworden; doch haben sich seine Grenzen während des Unterganges des merowingischen Hauses infolge des Abfalls der Bretonen und des Aufstandes der Aquitanier verkleinert. Karl der Große bekriegte die Bretonen und drängte sie an das Gestade des Atlantiks zurück; und so wurde dieser wilde Volksstamm, nach Herkunft und Sprache so deutlich von den Franken unterschieden, durch Tributzahlungen, Geiseln und Friedensbedingungen gedämpft. Und ebenso wurde die Empörung der aquitanischen Herzöge nach einem langen und unentschiedenen Krieg durch den Verlust ihrer Provinz, ihrer Freiheit und endlich ihres Lebens bestraft.

Hart und streng müsste man diese Behandlung ehrgeiziger Statthalter nennen, die sich allzu eng an dem Vorbild der Maiordomus orientierten; aber eine Entdeckung aus jüngerer Zeit Die Entdeckung ist eine dem Kloster von Karl dem Kahlen A.D. 845 überlassene Urkunde, welche diese königliche Herkunft belegt. Ich zweifle daran, ob die folgenden Glieder des IX und X Jh. ebenso stabil sind. Doch wird das Ganze von Herrn Gaillard, (tom. II, p.60-81, 203-206) bekräftigt, der behauptet, dass die Familie der Motesquieu (nicht des Präsidenten de Montesquieu!) in weiblicher Linie von Lothar und Chlodwig abstammt – ein unschuldiger Anspruch. hat bewiesen, dass diese glücklosen Fürsten die letzten und gesetzmäßigen Nachfahren Chlodwigs waren, aus einem jüngeren, von Dagoberts Bruder abstammender Zweig der Merowinger. Ihr ehemaliges Königreich wurde auf das Herzogtum der Gascogne und die Grafschaften Fesenzac und Armagnac am Fuß der Pyrenäen begrenzt; ihr Geschlecht lebte bis zum Beginn des XVI Jahrhunderts fort, und nachdem sie die Tyrannis der Karolinger überstanden hatten, war es ihnen aufgegeben, die Verfolgung oder die Gunsterweisungen einer dritten Königsdynastie zu ertragen. Durch die Vereinigung mit Aquitanien erweiterte sich Frankreich zu seinen heutigen Grenzen und erstreckte sich, Spanien und die Niederlande eingeschlossen, bis an den Rhein.

II. Die Sarazenen waren durch Karls Vater und Großvater aus Frankreich vertrieben worden; aber immer noch besaßen sie den größten Teil Spaniens, von den Pyrenäen bis zum Felsen von Gibraltar. Infolge interner Zwistigkeiten hatte ein Emir von Saragossa auf der Versammlung zu Paderborn um Schutz nachgesucht. Karl der Große unternahm den Feldzug, setzt den Emir wieder ein, brach überparteilich und ohne Rücksicht auf den Glauben den Widerstand der Christen und belohnte den Dienst und den Gehorsam der Muslime. In seiner Abwesenheit richtete er die Spanische Mark ein Die Statthalter dieser Spanischen Mark erhoben sich um das Jahr 900 gegen Karl den Einfältigen. Ein geringer Teil dieser Besitzungen, die Grafschaft Roussillon, wurde 1642 von den Königen Frankreichs zurück erobert. (Longuerue, Description de la France, tom I, p. 220-222). Die Grafschaft Roussilon entrichtete mit ihren 189.000 Einwohnern jährlich 2.600.000 livres (siehe Necker, Administration des Finances, tom. I, p. 278, 279); vermutlich waren es mehr Einwohner und ganz gewiss mehr Geld als die Mark von Karl dem Großen., die sich von den Pyrenäen bis zum Ebro dehnte; der fränkische Statthalter saß in Barcelona, regierte die Grafschaften von Rousillon und Catalonien, und die künftigen Reiche von Navarra und Aragon unterstanden seiner Jurisdiktion.

III. Da er König der Lombarden und Patrizier von Rom war, herrschte Karl der Große auch über den größten Teil von Italien Schmidt, Hist. des Allemands, tom. II, p. 200, &c., eine Strecke von über tausend Meilen von den Alpen bis an die Grenzen von Kalabrien. Das Herzogtum von Benevent, ein langobardisches Lehen, hatte sich auf Kosten der Griechen über das neue Königreich Neapel ausgedehnt. Aber der regierende Herzog Aragis wollte sich der Sklaverei seines eigenen Landes entziehen, gab sich den Titel eines unabhängigen Herzogs und erhob sein Schwert gegen die karolingische Monarchie. Sein Widerstand war entschlossen, seine Unterwerfung erfolgte nicht ohne Ruhm, und der Kaiser begnügte sich mit einem geringen Tribut, dem Abriss seiner Festungen und der Anerkennung seiner Oberherrschaft durch seine – Münzen. Sein Sohn Grimoald fügte mit schlauer Schmeichelei die Bezeichnung Vater hinzu, behauptete dennoch seine Würde mit Staatsklugheit, und so entwand sich Benevent unmerklich dem französischen Joch Siehe Giannone, tom. I, p 374, 375 und die Annalen von Muratori..

IV. Karl der Große war der erste Herrscher, der Deutschland unter einem Szepter vereinigte. Der Name Ostfrankreich hält sich noch in Kreis Franken, und erst kürzlich war das Volk von Hessen und Thüringen durch die Gleichheit der Religion und Verfassung den Siegern einverleibt worden. Die den Römern so schrecklichen Alamannen warten die treuen Bundesgenossen und Gefolgsleute der Franken, und ihr Land war in die heutigen Grenzen des Elsass, Schwabens und der Schweiz einbegriffen. Die Bayern, denen man ihre Sitten und Gesetze belassen hatte, erduldeten dennoch mit geringerer Geduld einen Herren: der wiederholte Verrat von Thassilo war der Grund für die Abschaffung ihres Erbherzogtums, und ihre Macht wurde unter mehrere Grafen aufgeteilt, welche über dieses wichtige Grenzland das Richteramt ausübten und seine Verteidigung organisierten. Doch der Norden Deutschlands vom Rhein bis hinter die Elbe war nach wie vor feindlich und heidnisch, und es war ein dreiunddreißigjähriger Krieg erforderlich, um die Sachsen unter das Joch des Christentums und Karls des Großen zu zwingen. Ihre Götzenbilder und ihre Bekenner wurden ausgerottet; die Stiftung von acht Bistümern – Münster, Osnabrück, Paderborn und Minden, von Bremen, Verden, Hildesheim und Halberstadt – markieren beiderseits der Weser den Grenzverlauf des alten Sachsen. Diese Bischofssitze waren die ersten Schulen und Städte in dieser Wildnis; und die Religion und Menschlichkeit der Kinder versöhnt in einem gewissen Grade mit dem Massenmord an den Eltern.

Jenseits der Elbe breiteten sich die Slaven, ähnlich an Sitten, aber unter verschiedenen Bezeichnungen, über das heutige Preußen, Polen und Böhmen aus, und einige vorübergehende Anwandlungen von Gehorsam haben französische Historiker vermocht, dieses Reich bis an die Ostsee und die Weichsel zu vergrößern. Die Eroberung und Bekehrung dieser Länder ereignete sich in späteren Zeiten; doch die erste Vereinigung Böhmens mit dem deutschen Staatskörper darf man mit Recht auf die siegreichen Feldzüge Karls des Großen zurückführen.

V. Karl suchte die Awaren oder Hunnen Pannoniens mit den gleichen Drangsalen heim, die sie vormals den anderen Völkern zugefügt hatten. Ihre Ringe oder hölzernen Befestigungen, die ihre Bezirke oder Dörfer umgaben, wurden durch einen dreifachen Angriff des Frankenheeres durchbrochen, welche zu Wasser und zu Lande, durch die Karpaten und endlich durch die Donauniederungen in ihr Land eingefallen waren. Nach achtjährigem Blutvergießen wurde der Tod einiger französischen Generälen durch die Niedermetzelung der edelsten Hunnen gerächt. Der Überrest des Volkes unterwarf sich, die königliche Residenz des Chagans verödete und wurde vergessen; und die Schätze, der gesammelt Raub von zweihundertundfünfzig Jahren, bereicherten die Sieger oder schmückten die Kirchen von Italien und Gallien Quot praelia in eo gesta! quantum sanguinis effusum sit! Testatur vacua omni habitatione Pannonia, et locus in quo regia Cagani fuit ita desertus, ut ne vestigium quidem humanae habitationis appareat. Tota in hoc bello Hunnorum nobilitas periit, tota gloria decidit, omnis pecunia et congesti ex longo tempore thesauri direpti sunt. (Wie viel Blut vergossen und Kämpfe ausgefochten wurden, belegen das völlig unbewohnte Pannonien und die Verwüstung der Residenz des Chagan, das keine Spur menschlichen Lebens aufweist. Der gesamte Adel der Hunnen kam um, aller Ruhm verflog, alles in langen Zeiten gesammelte Geld wurde geraubt. Einhard, 13).. Nach der Unterwerfung von Pannonien dehnte sich Karls Reich bis an den Zusammenfluss der Donau mit Theiß und Save aus: die Provinzen von Istrien, Luburnien und Dalmatien waren leicht erworbener Zugewinn, aber ohne Nutzen; und es war ein Zeichen seiner Mäßigung, dass er die Hafenstädte unter der tatsächlichen oder auch nur nominellen Herrschaft der Griechen beließ. Allerdings erhöhten diese entlegenen Besitzungen eher das Ansehen als die tatsächliche Macht des lateinischen Herrschers; auch riskierte er keinerlei kirchliche Einrichtungen dortselbst zu begründen, um die Barbaren von ihrer unsesshaften Lebensweise und ihrem Götzendienst abzubringen. Auch wurden, wenngleich mit geringem Nachdruck, einige Versuche unternommen, zwischen Saone und Maas oder zwischen Rhein und Donau Verbindungskanäle anzulegen. Ihre Ausführung hätte das Reich erkennbar belebt Die Verbindung zwischen Rhein und Donau wurde nur für die Zwecke des Pannonischen Krieges in Angriff genommen (Gaillard, Vie de Charlemagne, tom. II, p. 312-315). Der Bau des Kanals, der lediglich zwei Meilen lang geworden wäre und von dem sich im heutigen Schwaben einige Spuren finden, wurde durch starken Dauerregen, militärische Bedürfnisse und Einwände des Aberglaubens behindert. (Schaepflin, Hist. de l'Academie des Inscriptions, tom. XVIII, p. 256. Molimina fluviorum, &c., Iungendorum, p. 59-62.); aber mehr Kosten und Mühe verschwendete man an den Bau von Kathedralen.

 

SEINE NACHBARN UND SEINE FEINDE

Wenn wir die Umrisse dieses geographischen Bildes nachzeichnen, dann können wir sehen, dass sich das Frankenreich zwischen Ost und West vom Ebro bis an die Elbe oder Weichsel, und zwischen Norden und Süden zwischen dem Herzogtum Benevent bis zur Eider, der ewigen Grenze zwischen Deutschland und Dänemark, ausbreitete. Die persönliche und politische Bedeutung Karls wurde durch die Drangsale und Zersplitterungen des übrigen Europas noch erhöht. Großbritannien und Irland etwa wurde durch eine Schar sächsischer oder schottischer Thronanwärter zugesetzt, und nach dem Verlust Spaniens war das gotische Königreich von Alphons dem Keuschen auf den geringen Umfang des asturischen Gebirges zusammengeschrumpft. Diese kleinen Reiche respektierten die Macht und die Tugenden des karolingischen Monarchen, suchten um die Ehre und den Beistand seines Bündnisses nach und nannten ihn ihren gemeinsamen Vater, den wahren und höchsten Herrscher des Westens Siehe Einhard (16) und Gaillard, tom. II, p. 361-385, welcher bei unbestimmter Nennung seines Gewährsmannes das Gespräch zwischen Karl und Egbert erwähnt sowie das Geschenk des Kaisers, sein eigenes Schwert und die bescheidene Antwort seines sächsischen Schülers. Sollte diese Anekdote wahr sein, so würde sie unsere englischen Geschichtsbücher zieren..

Auf gleichem Fuße stand sein Umgang mit dem Kalifen Harun al Raschid Nur die fränkischen Annalisten erwähnen diesen Austausch; die Orientalen wissen nichts von einer Freundschaft des Kalifen mit dem Christenhund – eine artige Bezeichnung, die Harun für den griechischen Kaiser erübrigt., dessen Reich sich von Afrika bis Indien erstreckte und von dessen Gesandten er zum Geschenk ein Zelt empfing, eine Wasseruhr, einen Elefanten und die Schlüssel zum Heiligen Grab. Man kann sich nur schwerlich die Freundschaft eines Franken mit einem Araber vorstellen, welche sich nach Sprache, Person und Religion durchaus fremd waren: ihre öffentliche Beziehung war vielmehr eine Frucht der Eitelkeit, und der weite räumliche Abstand voneinander gab für feindliche Entwürfe keinen Raum. Zwei Drittel des abendländischen römischen Reiches gehorchten Karl dem Großen, und was noch daran fehlte, wurde reichlich wettgemacht durch seine Herrschaft über die unerreichbaren oder unbezwingbaren Germanenvölker.

Aber wir dürfen uns zu Recht verwundern, dass er bei der Wahl seiner Feinde sooft den armseligen Norden dem Reichtum des Südens vorzog. Die dreiunddreißig mühseligen Feldzüge durch Deutschlands Urwälder und Sümpfe hätten vollständig ausgereicht, seinen großen Titel durch die Vertreibung der Griechen aus Italien und der Sarazenen aus Spanien zu rechtfertigen. Die Schwäche der Griechen hätte einen leichten Sieg sichergestellt, und ein heiliger Kreuzzug gegen die Sarazenen, eingegeben von Ruhm- und Rachsucht, wäre von Politik und Religion lauthals gerechtfertigt worden. Es ist denkbar, dass er mit seinen Feldzügen jenseits von Rhein und Elbe sein Reich vor dem Schicksal des Römischen Imperiums zu bewahren beabsichtigte, dass er die Feinde kultivierter Völker entwaffnen und künftigen Auswanderungswellen vorbeugen wollte. Man hat aber auch klüglich bemerkt, dass unter dem Aspekt einer künftigen Sicherheit jede Eroberung wirkungslos sein müsse, sie wäre denn eine vollständige, da die Erweiterung des Kreises von Besitzungen immer auch eine weitere Sphäre von Feindseligkeit erzeuge Gaillard, tom. II, p. 361-365, 471-476, 492. Ich habe seine einsichtigen Bemerkungen zu den Eroberungsplänen Karls und der ebenso einsichtigen Unterscheidung seiner Feinde der 1. und 2. Umfassung (enceinte) entlehnt. (tom II, p. 184, 509, &c). Die Unterwerfung von Deutschland riss den Schleier fort, der die Länder und Inseln Skandinaviens der Bekanntschaft Europas so lange vorenthalten hatte und weckte zugleich den dämmernden Mut ihrer barbarischen Eingeborenen. Die verwegensten sächsischen Götzendiener waren vor dem christlichsten Tyrannen zu ihren Brüdern im Norden geflohen; der Atlantik und das Mittelmeer waren von ihren Piratenflotten übersät; und Karl der Große sah mit Seufzen auf die fortschreitende Umtriebigkeit der Normannen, die in noch nicht siebzig Jahren den Untergang seines Hauses und seiner Monarchie herbeiführten.

 

KARLS NACHFOLGER IN ITALIEN (814-887); DEUTSCHLAND (911); FRANKREICH (987)

Hätten der Papst und die Römer die ursprüngliche Verfassung wieder erneuert, so wären Karl die Titel ›Kaiser‹ und ›Augustus‹ nur auf Lebenszeit erteilt worden, und seine Nachfolger hätten bei jeder Erledigung den Thron infolge einer förmlichen oder stillschweigenden Wahl erklimmen müssen. Aber die Erhöhung seines Sohnes, des nachmaligen Ludwig des Frommen zum Mitregenten behauptete das unabhängige Recht auf Monarchie und Eroberung, und der Kaiser scheint in diesem Punkte die verborgenen Begehrlichkeiten der Klerisei vorausgeahnt und ihnen entgegen gearbeitet zu haben. Der königliche Jüngling erhielt Weisung, die Krone von Altar zu nehmen und sie sich eigenhändig aufs Haupt zu setzen als ein Geschenk, das er von Gott, von seinem Vater und vom Volke erhalten habe (813) Ludwigs Biograph Thegan erzählt von seine Krönung; und Baronius hat sie getreulich übernommen (A.D. 813, No. 13, &c. Siehe Gaillard, tom. II, p. 506, 507, 508), wie sehr sie auch den päpstlichen Ansprüchen zuwider war. Über die Reihe der karolingischen Herrscher kann man die Historiker Frankreichs, Italiens und Deutschlands studieren, Pfeffel, Schmidt, Velly, Muratori und selbst noch Voltaire, dessen Bilder zuweilen sachlich korrekt, immer aber unterhaltsam zu lesen sind.. Die gleiche Zeremonie wurde, wenn auch mit weniger Nachdruck, aus Anlass der nachfolgenden Ernennungen Lothars und Ludwig II zum Mitregenten wiederholt: das karolingische Szepter ging vier Generationen lang in direkter Linie vom Vater auf den Sohn über, und der Ehrgeiz der Päpste musste sich mit der leeren Ehre begnügen, diese Erbprinzen zu salben und zu krönen, die doch schon seit ihrer Geburt im Besitz von Macht und Herrschaft waren.

 

LUDWIG DER FROMME, 814 – 840

Der fromme Ludwig überlebte seine Brüder und befand sich so im Besitze des ganzen väterlichen Reiches; aber die Völker und die Edlen, seine Bischöfe und seine Kinder bemerkten schon bald, dass dieser Riesenleib nicht mehr von demselben Geiste bewohnt wurde; die Grundlagen des Reiches wurden im Zentrum untergraben, während die äußere Oberfläche immer noch glatt und gefällig erschien. Nach einem Kriege oder einer Schlacht, die hunderttausend Franken das Leben kostete, wurde das Reich durch einen Vertrag unter seine drei Söhne aufgeteilt, die jedwede Pflicht gegenüber ihren eigenen Brüdern oder ihrem Vater verletzt hatten.

 

LOTHAR I, 840 – 856 LUDWIG II 856 – 857

Die Königreiche Frankreich und Deutschland blieben für alle Zeiten getrennt, und die Provinzen Galliens zwischen Rhone und Alpen, Maas und Rhein, wurden zusammen mit Italien an Lothar vergeben, der die Kaiserwürde erhalten hatte. Bei der Teilung seines Anteils erhielten seine jüngeren Söhne Lothringen und Arles, zwei neugegründete und sehr kurzlebige Königreiche; sein ältester Sohn, Ludwig II, gab sich mit dem Königreich Italien zufrieden, dem eigentlichen zulänglichen Erbland eines römischen Kaisers. Nach seinem Tod – er hatte keine männlichen Erben hinterlassen – haderten seine Onkel und Vettern um den verwaisten Thron, und mit äußerster Geschicklichkeit benutzten die Päpste diese Gelegenheit, die Ansprüche und die Verdienste der Kandidaten zu prüfen und dem, der sich am bravsten oder freigebigsten erzeigte, das nur dem Kaiser zustehende Amt eines Beschützers der Römischen Kirche zuzuschanzen. Dieser Bodensatz des karolingischen Hauses besaß nicht die Spur von Tugend oder Macht, die lächerlichen Beinamen – der Kahle, der Stotterer, der Dicke, der Einfältige – sind die einzigen Unterscheidungsmerkmale eines Haufens von trägen und gleichgebauten Herrschern, die alle nur verdient haben, dass man sie vergisst.

 

TEILUNG DES REICHES 888

Da die Seitenlinien ausgestorben waren, fiel das gesamte Erbe des Karolingerreiches Karl dem Dicken zu, dem letzten seiner Art. Seine Geistesschwäche war eine Rechtfertigung für die Loslösung von Deutschland, Italien und Frankreich: die Aufständischen, welche ihn aus Verachtung am Leben gelassen und die Freiheit geschenkt hatten, flehte er nur noch um sein täglich Brot an. Statthalter, Bischöfe und Herren rafften jeder nach den Möglichkeiten seiner Macht die Trümmer des zerfallenden Reiches an sich, wobei dem weiblichen und illegitimen Blut Karls des Großen ein gewisser Vorzug eingeräumt wurde. In den meisten Fällen waren Titel und Besitzstand gleich zweifelhaft, und ihr Ansehen war folglich proportional zur Größe ihres Gebietes. Wer es sich leisten konnte, erschien mit einer Armee vor den Toren Roms und wurde vom Papst gekrönt; doch mehrheitlich begnügten sie sich in ihrer Bescheidenheit mit dem Titel eines Königs von Italien: und so kann der ganze Zeitraum von vierundsiebzig Jahren von der Abdankung Karls des Dicken bis zur Thronbesteigung von Otto I angesehen werden als eine einzige Thronvakanz.

 

KÖNIG OTTO I VON DEUTSCHLAND 962

Otto Er war der Sohn von Heinrich, dem Sohne Ludolphs, für den A.D. 858 das Herzogtum Sachsen gegründet worden war. Ruotgerus, der Biograph eines gewissen St. Bruno (Bibliot. Bunavianae Catalog. tom. III, vol. II, p. 679) liefertvon seiner Familie eine glänzende Beurteilung ab. Atavorum atavi usque ad hominum memoriam omnes nobilissimi; nullus in eorum stirpe ignotus, nullus degener facile reperitur, (Die Vorfahren der Vorfahren bis zum Beginn menschlichen Erinnerns waren sämtlich von höchstem Adel; keiner von zweifelhafter Herkunft, kein aus der Art geschlagener war leicht zu finden. Apud Struvium, Corp. Hist. German. p. 216.) Doch Gundling (in Henrico Aucupe) ist mit dieser Abstammung von Widukind nicht zufrieden. stammte aus dem edlen Geschlecht der Herzöge von Sachsen; und falls er wirklich der direkte Nachfahre von Widukind war, dem Feind und Täufling Karls des Großen, dann waren die Nachkommen eines unterworfenen Volkes erhoben, über ihre Sieger zu herrschen. Sein Vater, Heinrich der Vogler, war durch Volkes Stimme berufen worden, das Reich zu erretten und das Königtum Deutschlands einzurichten. Dessen Grenzen Man lese die Abhandlung von Conringius, (de Finibus Imperii Germanici, Francofurt. 1680). Er verwirft die extravagante und unschickliche Größe des Römischen Imperiums und des Deutschen Reiches und erläutert mit Zurückhaltung die Rechte Deutschlands, der Vasallen und der Nachbarn. wurden von seinem Sohn, dem ersten und bedeutendsten der Ottonen, allseitig erweitert; durch ihn wurde ein Teil Galliens, rechts des Rheins zwischen Maas und Mosel, den Deutschen zugesichert, deren Blut und deren Sprache den Landstrich seit Caesars und Tacitus' Zeiten geprägt haben. Zwischen Rhein, Rhone und Alpen erwarben sich Ottos Nachfolger eine bedeutungslose Hoheit über die untergegangenen Ober- und Niederburgundischen Königreiche; im Norden wurde das Christentum durch das Schwert Ottos, des Eroberers und Apostels der Slawen, an Oder und Elbe verbreitet, die Mark Brandenburg und Schleswig wurden durch deutsche Kolonisten gefestigt, und der König von Dänemark, die Herzoge von Polen und von Böhmen bekannten sich als seine Vasallen.

An der Spitze eines siegreichen Heeres zog er über die Alpen, unterwarf sich das Königreich Italien, befreite den Papst und führte die Kaiserkrone für immer mit dem Namen und dem Volk von Deutschland zusammen. Seit diesem denkwürdigen Zeitpunkt sind zwei staatsrechtliche Grundsätze mit Gewalt eingeführt und durch die Jahrhunderte bestätigt worden: 1: dass der Herrscher von dem Augenblick seiner Wahl durch die deutschen Stände das Recht zur Oberherrschaft über Italien und Rom erhält und er 2: den Imperator- und Augustustitel nicht eher gesetzmäßig annehmen kann, bis er die Krone aus der Hand des Papstes erhalten habe Die Macht der Gewohnheit zwingt mich, Konrad I und Heinrich den Vogler zu den Kaisern zu zählen, obgleich diese deutschen Könige niemals Anspruch auf diesen Titel gemacht haben. Die Italiener, Muratori zum Beispiel, sind hier gründlicher und zutreffender und zählen nur die Regenten dazu, die auch wirklich in Rom gekrönt wurden..

 

VERHANDLUNGEN ZWISCHEN OST – UND WESTREICH

Die Kaiserwürde Karls des Großen wurde dem Osten durch die Veränderung in seinem Auftreten angezeigt; denn statt die griechischen Kaiser als seinen Vater zu begrüßen, war Karl es sich schuldig, die auf Gleichstellung und Vertraulichkeit hindeutende Bezeichnung ›Bruder‹ zu wählen Invidiam tamen suscepti nominis (C. P. imperatoribus super hoc indignantibus) magna tulit patientia, vicitque eorum contumaciam... mittendo ad eos crebras legationes, et in epistolis fratres eos appellando. (Ihre Eifersucht – der griechischen Kaiser über die Annahme des Titels – ertrug er mit großem Langmut; er überwand ihren Widerstand..., indem er häufig Botschaften sandte und sie in Briefen immer Brüder nannte. Einhard 28). Vielleicht geschah es deshalb auch, dass er, ähnlich wie Augustus, sich weigerte, den Kaisertitel anzunehmen.. Vielleicht war es ihm darum zu tun, sein Verhältnis zu Irene in das eines Ehegemahls umzuwandeln: seine Gesandtschaft nach Konstantinopel führte die Sprache des Friedens und der Freundschaft im Munde und handelte im Geheimen noch einen Ehevertrag mit dieser ehrgeizigen Prinzessin aus, welche sich bis dahin ihren heiligsten Mutterpflichten verweigert hatte. Wie sich diese Vereinigung zweier entfernter und nur bedingt harmonisierender Reiche entwickelt und welche Dauer und Folgen sie gezeitigt hätte, das können wir nicht einmal raten; aber das einmütige Schweigen der Lateiner nährt in uns den Verdacht, dass es sich hier um ein von Irenes Feinden gestreutes Gerücht handelte, um sie mit dem Vorwurf des Verrates an Kirche und Staat an einen Fremdling aus dem Abendland zu belasten Theophanes spricht von der Krönung und Salbung Karls (Chronograph. p. 399) und von seinen Unterhandlungen bezüglich einer Eheschließung mit Irene (p. 402), die den Lateinern unbekannt sei. Gaillard berichtet von seinen Verhandlungen mit dem Griechischen Reich (tom. II, p. 446-448).. Die Gesandtschaft der Franken war Zeuge und wurde fast zum Opfer der Nikephoros-Verschwörung und des Nationalhasses. Konstantinopel war nach wie vor über Roms Treulosigkeit und den Kirchenraub erbittert: ein Redensart war im Umlauf, dass »die Franken gute Freunde, aber schlechte Nachbarn seien,« doch war es unklug, einen Nachbarn zu ärgern, dem es jederzeit beifallen konnte, in der Kirche der Hagia Sophia die Zeremonie seiner Kaiserkrönung neu aufzulegen.

Nach einer langwierigen Reise mit vielen Umwegen und Verzögerungen trafen ihn die Abgesandten des Nikephoros bei ihrem Gegenbesuch am Ufer der Saale, und Karl der Große legte es darauf an, ihre Eitelkeit zu beschämen, indem er in einem fränkischen Dorf die Prunkentfaltung oder doch wenigstens die Überheblichkeit des Byzantinischen Hofes zur Schau stellte Gaillard merkt ganz zu Recht an, dass diese Inszenierung ein Puppentheater für Kinder war; dass es aber in Gegenwart und zum Frommen von großen Kindern aufgeführt wurde.. Die Griechen wurden nacheinander durch vier Audienzhallen geleitet; im ersten schon schickten sie sich an, vor einer glanzvollen Person auf einem Stuhle nieder zu fallen, doch belehrte man sie, dass es sich hier nur um einen Diener handle, den Stallmeister des Kaisers. Der gleiche Irrtum, und die gleiche Antwort wiederholten sich in den Räumen des Pfalzgrafen, des Truchsesses, des Kammerdieners, was die ungeduldige Erwartung der Abgesandten steigerte, bis endlich die Türen des Kaisersaales geöffnet wurden und sie wahrhaftig den Herrscher in Person erblickten, auf dem Throne sitzend, angetan mit dem reichen Prunk des Auslandes, den er verachtete und umgeben von der Zuneigung und Ehrfurcht seiner siegreichen Heerführer. Zwischen beiden Reichen wurde ein Friedens- und Bündnisvertrag abgeschlossen und die Grenzen zwischen Orient und Okzident entsprechend den gegenwärtigen Besitzverhältnissen festgelegt. Indessen vergaßen die Griechen Man vergleiche in den Originaltexten bei Pagi (tom. III. A.D. 812, No. 7, A.D. 824, No. 10) das Auftreten gegenüber Karl dem Großen und seinem Sohn; bezüglich des Ersten heißt es von den Gesandten Michaels (welche später sogar dafür gerügt wurden): more suo, id est lingua Graeca laudes dixerunt, imperatorem eum et appellantes (sie sprachen nach seiner Sitte, in griechischer Sprache, sein Lob und nannten ihn Kaiser und Basileus); vom letzeren vocato imperatori Francorum: dem sogenannten Kaiser der Franken). schon bald die demütigende Gleichheit oder erinnerten sich daran, um die Barbaren, die ihnen diesen Vertag abgenötigt hatten, nur umso mehr hassen zu können.

Während der kurzfristigen Einheit von Tugend und Macht erwiesen sie sich gegenüber dem hocherhabenen (Augustus) Karl dem Großen respektvoll und nannten ihn König (Basileus) und Kaiser der Römer; sobald aber jene Eigenschaften in der Person seines Sohnes getrennt lagen, begannen die Briefe aus Byzanz mit »An den König oder, wie er sich selbst nennt, an den Kaiser der Langobarden und Franken«. Und als nun endlich Tugend und Macht aufhörten zu sein, verweigerten sie Ludwig seine angestammte Titulatur und mischten ihn mit der fremdtönenden Bezeichnung Rex oder rega unter die gewöhnlichen lateinischen Herrscher. Seine Antwort Man sehe den Brief unter den Paralipomena (Nachlass) des unbekannten Verfassers von Salerno (Script. Ital. tom. II, pars II, p. 243-254, c. 93-107), den Baronius (A.D. 871, No. 51-71) irrtümlich für Erchempert gehalten hat, als er jenes Dokument in seine Annalen einrückte. ist kennzeichnend für seine Schwäche: er beweist, sogar mit einiger Gelehrsamkeit, dass in der Profan- wie in der Kirchengeschichte der Name ›König‹ synonym sei mit dem griechischen ›Basileus‹; falls in Konstantinopel dieser Ausdruck in einem exklusiveren, kaiserlichen Sinne verstanden werde, so sei von seinen Vorfahren und von den Päpsten das Recht auf ihn gekommen, auf die Würde des römischen Purpurs ebenfalls einen begründeten Anspruch anzumelden. Unter den Ottonen lebte dieser Streit neuerlich auf, und hier beschreibt nun ihr Gesandter in lebendigen Farben die Anmaßungen des byzantinischen Hofes Ipse enim vos, non imperatorem, id est sua lingua, sed ob indignationem, id est regem nostra vocabat, Liutprand, in Legat. in Script. Ital. tom. II, pars I, p. 479. Der Papst hatte Nikephoros, den Kaiser der Griechen, zum Frieden mit Otto ermahnt, dem erhabenen Kaiser der Römer – quae inscriptio secundum Graecos peccatoria et temeraria... imperatorem inquiunt, universalem, Romanorum, Augustum, magnum, solum, (– welche Titulatur, nach Art der Griechen sündhaft und unbedacht....sie nennen ihn Kaiser, allgemein, der Römer, Augustus, den Großen, Einzigen... (p. 486.). Die Griechen erheuchelten Verachtung über die Armseligkeit und Ahnungslosigkeit der Franken und Sachsen und weigerten sich noch in den Zeiten ihres äußersten Verfalls, den Königen Deutschlands den Titel des römischen Kaisers hinterher zu werfen.

 

VORRECHTE DER KAISER BEI PAPSTWAHLEN 800-1060

Diese Kaiser fuhren nun fort, bei den Papstwahlen denjenigen Einfluss geltend zu machen, den die gotischen und griechischen Herrscher sich angeeignet hatten; die Bedeutung dieser Prärogative wuchs noch, je größer der weltliche Besitz der römischen Kirche wurde und ihre geistliche Jurisdiktion Einfluss gewann. In der christlichen Aristokratie bildeten die Großen der Kirche eine Art von eigenem Senat, um den Bischof von Rom in seinen administrativen Aufgaben zu unterstützen und ihn im Falle einer Sedisvakanz neu zu wählen. Rom besaß achtundzwanzig Pfarreien, deren jede von einem Kardinalpriester oder Presbyter verwaltet wurde, welcher Titel, wie unscheinbar er ehedem auch gewesen sein mochte, doch mit dem Königspurpur zu wetteifern strebte. Durch die Beigesellung von sieben Diakonen aus den vornehmsten Hospitalkirchen, der sieben iudices palatini (Hofrichter des Laterans) und einigen anderen kirchlichen Würdenträgern vergrößerte sich ihre Zahl noch. Dieser Kirchensenat wurde von sieben Kardinalsbischöfen der Provinz Rom geleitet, die mit ihren stadtnahen Diezösen Ostia, Porto, Velitrae, Tusculum, Praeneste, Tibur und Sabinum sichtlich weniger beschäftigt waren als mit ihrem wöchentlichen Dienst im Lateran und ihrer anspruchsvollen Teilhabe an der Macht des Stuhle Petri.

Nach dem Tode eines Papstes schlugen diese Bischöfe dem wahlberechtigten Kardinalskollegium einen Nachfolger vor Herkunft und Weiterentwicklung des Titels ›Kardinal‹ kann man finden bei Themassin (Discipline de l'Eglise, tom. I, p. 1261-1298), Muratori (Antiquitat. Italiae Medii Aevi, tom. VI, Dissert. LXI,. p. 159-182) und Mosheim (Institut. Hist. Eccles. p. 345-347). Dieser teilt auch das Wahlprocedere mit Genauigkeit mit sowie dessen Abänderungen. Die von Peter Damianus so sehr gerühmten Kardinal-Bischöfe sind heute mit dem übrigen Kardinalkollegium gleichgestellt., und diese Wahl wurde durch das bei- oder abfällige Lärmen des römischen Volkes gut geheißen oder verworfen. Allein, auch dann war die Wahl unvollständig; es konnte der neue Pontifex nicht rechtswirksam geweiht werden, bis dass der Kaiser, der Sachwalter der Kirche, huldreich Beifall und Zustimmung genickt hatte. Der kaiserliche Abgeordnete überprüfte an Ort und Stelle den korrekten und freien Ablauf der Wahl, und erst nach einer vorangegangenen gründlichen Überprüfung der Eigenschaften der Kandidaten ließ er sich den Treueeid leisten und bestätigte außerdem die Schenkungen, welche nach und nach das Patrimonium Petri erweitert hatten. Bei den häufigen Teilungen legte man die Ansprüche der Beteiligten dem Urteil des Kaisers vor, welcher auch keinen Anstand nahm, die Verbrechen eines schuldigen Pontifex zu richten, zu verurteilen, gar zu bestrafen. Otto I zwang dem Senat und dem Volk die Zusicherung ab, demjenigen Kandidaten den Vorzug zu geben, welcher seiner Majestät am meisten zusage Firmiter iurantes, nunquam se papam electuros aut ordinaturos, praeter consensum et electionem Othonis et filii sui. (Sie beschworen feierlich, nimmermehr einen Papst zu erwählen und zu ordinieren, es lägen denn die Zustimmung und die Wahl Ottos oder seines Sohnes vor. Liutprand, l. vi. c. 6, p. 472). Dieses wichtige Zugeständnis kann zur Ergänzung und Bestätigung des Beschlusses des Klerus' und des römischen Volkes dienen, was allerdings Baronius, Pagi und Muratori, (A.D. 964,) heftig zurückweisen und St. Marc, (Abrege, tom. II, p. 808-816, tom. IV, p. 1167-1185) so gut verteidigt und erläutert. Man sehe die historische Kritik und die Annalen von Muratori zur Wahl und ihrer Bestätigung für jeden einzelnen Papst.: seine Nachfolger nahmen ihre Wahl vorweg oder hinderten sie; sie teilten den römische Stuhl zu wie die Bistümer Köln oder Bamberg ihren Kanzlern oder Lehrern; und welches Verdienst ein Sachse oder Franke auch immer sich erworben haben mochte, sein Name allein weist nachdrücklich auf die Einwirkung einer ausländischen Macht hin.

 

UNGEORDNETE UND SITTENLOSE ZUSTÄNDE

Die Ausübung derartiger Prärogative lässt sich mit gutem Grund durch die einer Volkswahl zuverlässig anheftenden Missbräuche rechtfertigen. Der von den Kardinälen zurückgewiesene Bewerber appellierte an den Fanatismus oder die Habgier der Menge; Vatikan und Lateran färbten sich mit Blut; und die mächtigsten Senatoren, die Herzöge der Toskana und die Grafen von Tusculum, hielten den apostolischen Stuhl in langer, schmachvoller Knechtschaft. Die römischen Päpste des IX und X Jahrhunderts wurden von ihren Tyrannen misshandelt, eingekerkert und ermordet; und so schwach war ihre Position nach dem Verlust oder der Wegnahme des Kirchenbesitzes, dass sie weder fürstlichen Glanz noch priesterliche Mildtätigkeit entfalten konnten Die Unterdrückung und auch die Laster der Römischen Kirche im X Jh. werden in Luitprands Geschichtswerk und in seinem Gesandtschaftsbericht kräftig ausgemalt. (siehe p. 440, 450, 471-476, 479); und es ist lächerlich zu sehen, wie die strengen Äußerungen eines Baronius von Muratori abgemildert werden. Doch waren diese Päpste nicht von Kardinälen, sondern von weltlichen Schutzherren der Kirche gewählt worden..

Der Einfluss von zwei Schwestern, den Huren Marozia und Theodora, basierte auf ihrem Reichtum, ihrer Schönheit sowie ihren Liebes- und Staatsintrigen: der eifrigste ihrer jeweiligen Liebhaber wurde mit der römischen Bischofsmütze belohnt, und ihre Herrschaft Die Zeit der Päpstin Johanna (papissa Joanna) wird etwas vor die Zeit von Theodora oder Marozia gesetzt. Und die 2 Jahre ihrer angeblichen Herrschaft stopft man gewaltsam zwischen Leo IV und Benedict III. Doch der Zeitgenosse Anastasius knüpft den Tod Leos und die Wahl Benedikts untrennbar zusammen (illico, mox, p. 247). Die exakte Chronologien von Pagi, Muratori und Leibnitz legen beide Ereignisse in das Jahr 857. kann in den Jahrhunderten der Finsternis Die Verteidiger der Päpstin nennen 150 Zeugen – besser wohl: Echostimmen – aus dem XIV-XVI Jh. Sie zeugen gegen sich selbst und die Fabel, indem sie nur das Indiz bekräftigen, dass ein so merkwürdiger Vorfall von jedem Autor, der ihn kannte, hätte erwähnt werden müssen. Auf die des IX und X Jh. würde ein so frisches Ereignis doppelten Eindruck gemacht haben. Hätte Phokios einen solchen Vorwurf unterdrückt? Konnte Luitprand es unerwähnt lassen? Es lohnt nicht, die div. Lesarten bei Martin Polonus, Sigebert von Gemblour und Marianus Scotus zu untersuchen; doch die eine in einigen Anastasius-Handschriften eingeschobene Stelle über die Päpstin Joanna ist ein handgreiflicher Betrug. zu der merkwürdigen Fabel Sofern sie falsch ist, verdient sie diesen Namen; unglaublich möchte ich sie aber nicht nennen. Angenommen, ein berühmter französischer Chevalier unserer Zeit (d'Eon, A.d.Ü.) wäre in Italien geboren und in der Kirche anstatt in der Armee erzogen worden; ihr Verdienst oder Glück könnte sie auf den Stuhl Petri geführt haben; ihre Liebschaften wären naturgemäß; ihre Niederkunft auf der Straße unglücklich, aber nicht unmöglich. von der weiblichen Päpstin Bis in die Reformationszeit wurde diese Fabel widerspruchslos geglaubt. Und die vorgebliche weibliche Statue des Johannes nahm in der Kathedrale von Siena ihren Platz unter den Päpsten ein. (Pagi, Critica, tom. III, p. 624-626). Zwei gelehrte Protestanten, Blondel und Bayle (Dictionnaire Critique, Papesse, Polonus, Blondel), haben sie endlich zunichte gemacht; doch ärgerten sich ihre Glaubensbrüder an diesem angemessenen wissenschaftlichen Vorgehen. Spanheim und Lenfant wollen diese armselige Kontroverse am Leben zu erhalten, und selbst Mosheim entblödet sich nicht, einigem Zweifel Raum zu geben (p. 289). Anlass gegeben haben. Der uneheliche Sohn, der Enkel und der Urenkel dieser Marozia – eine seltene Genealogie – saßen auf dem Stuhl Petri, der zweite aus dieser Reihe wurde sogar schon im Alter von neunzehn Jahren das Oberhaupt der lateinischen Kirche. Seine Jugend und sein Mannesalter harmonierten trefflich, und die Pilgerscharen konnten Zeugnis für die Beschuldigung ablegen, die in einer römischen Kirchenversammlung in Gegenwart von Otto dem Großen gegen ihn vorgebracht wurden. Nachdem Johann XII die Tracht und die Würde seines Amtes niedergelegt hatte, mag der Krieger vielleicht durch den Wein, den er trank, durch das Blut, das er vergoss, durch die Brände, die er legte und durch die ausgelassenen Vergnügungen und Jagdunterhaltungen nicht so sehr entehrt worden sein. Seine offenkundige Simonie war vielleicht die Folge einer wirtschaftlichen Notlage; und seine gotteslästerliche Anrufung von Jupiter und Venus war wohl, falls sie überhaupt stattgefunden hat, nicht wirklich ernst gemeint. Doch lesen wir mit Staunen, das der würdige Enkel der Marozia in öffentlichem Ehebruch mit römischen Matronen lebte; dass der Lateranpalast in eine Schule der Prostitution umgewandelt wurde und dass seine Vergewaltigungen von Jungfrauen und Witwen die Pilgerinnen abschreckte, das Grab des heiligen Petrus aufzusuchen, um bei dieser frommen Verrichtung von seinem Nachfolger keine Gewalt zu erleiden Lateranense palatium... prostibulum meretricum ... Testis omnium gentium, praeterquam Romanorum, absentia mulierum, quae sanctorum apostolorum limina orandi gratia timent visere, cum nonnullas ante dies paucos, hunc audierint conjugatas, viduas, virgines vi oppressisse, (Den Lateranpalast,...ein Hurenhaus...Zeugen aus aller Welt, Römer ausgenommen, für die Abwesenheit von Frauen, die den Besuch der Gräber der heiligen Apostel zum Zwecke der Anbetung aus Angst unterließen, da sie erfahren hatten, dass er einige Tage vorher Ehefrauen, Witwen und Jungfrauen gewaltsam genommen habe. Liutprand, Hist. 6, 6, p. 471. Zum Themenkomplex Johannes XII siehe XII, p. 471-476.).

 

VERBESSERUNGEN UND ANSPRÜCHE DER KIRCHE A.D. 1073

Die Protestanten haben mit genüsslicher Boshaftigkeit diese Charakterstudie des Antichristen ausgemalt; doch für ein philosophisches Gemüt sind die Laster des Klerus weit weniger bedenklich als seine Tugenden. Nach einer langen Reihe von Ärgernissen wurde der Apostolische Stuhl durch die Strenge und das Durchgreifen Gregor des VII reformiert und zu neuer Würde erhoben. Dieser ehrgeizige Mönch hatte sein Leben der Durchführung zweier Vorhaben gewidmet I. Dem Kardinalskollegium die freie und unabhängige Wahl eines Papstes zu sichern und dauerhaft zu übertragen und das Recht oder auch nur angemaßte Rechte der Kaiser und des römischen Volkes abzuschaffen. II. Das Kaisertum des Abendlandes als ein Lehen oder Benficium Ein weiteres Beispiel für die Verwirrung infolge von gleichlautenden Ausdrücken (Ducange, tom. i. p. 617) liefert das beneficium, das der Papst Kaiser Friedrich I erteilte: dieses lateinische Wort bezeichnet entweder ein gesetzmäßiges Lehen oder ein folgenloses Geschenk. (Siehe Schmidt, Hist. des Allemands, tom. III, p. 393-408. Pfeffel, Abrege Chronologique, tom. I, p. 229, 296, 317, 324, 420, 430, 500, 505, 509). der Kirche zu vergeben und auch wieder zurück zu nehmen und so die diesseitige Herrschaft der Päpste über alle Könige und Königreiche dieser Erde auszudehnen. Nach fünfzigjährigem Kampf wurde das erste diese beiden Vorhaben zu einem erfolgreichen Ende gebracht durch die zuverlässige Unterstützung jenes geistlichen Standes, dessen Freiheit mit der Freiheit ihres Oberhauptes untrennbar verknüpft war. Das zweiteVorhaben jedoch, ob es gleich zwischenzeitlich sichtbare Teilerfolge vorweisen konnte, scheiterte an dem verbissenen Widerstand der weltlichen Gewalten und wurde schließlich infolge der Fortschritte der menschlichen Vernunft ganz aufgegeben.

 

MACHTSTELLUNG DER KAISER IN ROM

Im Zuge der Wiederherstellung des römischen Reiches konnten weder der Bischof noch das Volk von Rom Karl dem Großen oder Otto die Provinzen erstatten, die so verloren gingen, wie sie gewonnen wurden: durch Waffenglück. Jedoch stand es den Römern frei, sich ein Oberhaupt zu wählen, und die Befugnisse, die einst die Patrizier besessen hatten, wurden unwiderruflich den Franken- und Sachsenkaisern erteilt. Die bruchstückhaften Nachrichten aus jenen Zeiten Zur Geschichte der Kaiser in Rom und Italien siehe Sigonius, de Regno Italiae, Opp. tom. II, mit den Anmerkungen von Saxius und Muratori, Annal. d'Italia, der die in seiner großen Sammlung vorkommenden Autoren etwas präziser hätte benennen können. bieten einige Angaben zu dem Palast jener Herrscher, zum Münzwesen, ihren Gerichtshöfen und dem Schwert der Gerechtigkeit, welches noch im XIII Jahrhundert der Stadtpräfekt als eine kaiserliche Überlassung in Händen hielt Siehe die Abhandlungen von le Blanc am Ende seine Traité Monnoyes de France, in welchen er einige römische Münzen der Frankenkaiser anführt.. Zwischen den Schlichen der Päpste und plebejischer Gewaltanwendung kam die Oberhoheit unter massiven Druck und löste sich endlich auf. Zufrieden mit ihrer Kaiser- und Augustustitulatur unterließen die Nachfolger Karls des Großen es, sich diese lokale Rechtsprechung zu sichern. In der Stunde des Erfolges wurde ihre Aufmerksamkeit durch lohnendere Beutestücke abgelenkt, und in den Zeiten des Verfalls und der Teilung des Reiches hatten sie mit der Verteidigung ihrer Erblande genug zu tun.

 

EMPÖRUNG ALBERICHS A.D. 932

Inmitten dieser Zerrüttung Italiens beredete die berüchtigte Marozia einen der Thronräuber, die Stellung ihres dritten Gemahles anzutreten; und so wurde Hugo, der König von Burgund, von ihrem Anhang in die Engelsburg eingeführt, welche die wichtigste Brücke und Zufahrt nach Rom beherrscht. Ihr Sohn aus erster Ehe, Alberich, ward genötigt, während des Hochzeitsbankettes aufzuwarten; da er dieses aber sichtlich freudlos und ungern tat, versetzte ihm sein neuer Vater zur Strafe einen Schlag und löste damit eine Revolution aus. »Römer,« rief der junge Mann, »einstmals habt ihr die Welt beherrscht, und diese Burgunder waren die niedrigsten eurer Sklaven. Heute sind sie die Herrscher, diese verfressenen und brutalen Wilden, und der Schimpf, der mir zuteil ward, ist nur der Anfang eurer Sklaverei. Romanorum aliquando servi, scilicet Burgundiones, Romanis imperent?.... Romanae urbis dignitas ad tantam est stultitiam ducta, ut meretricum etiam imperio pareat? (...werden die Burgunder, einst die Sklaven der Römer, den Römern gebieten?...ist die Würde der Stadt Rom derart albern, dass sie einem Hurenregiment gehorchen soll? Liutprand, 3,12, p. 450.) Sigonius (6, p. 400) versichert ausdrücklich, dass das Konsulamt erneuert wurde; aber in älteren Schriften wird Alberich oftmals ›Herrscher Roms‹ genannt.« Die Sturmglocken riefen in allen Stadtquartieren zu den Waffen: die Burgunder zogen sich zurück, hastig und beschämt; Marozia wurde von ihrem erfolgreicheren Sohn in den Kerker geworfen, und sein Bruder, Papst Johannes XI, auf die Ausübung seiner geistlichen Ämter beschränkt. Angetan mit dem Herrschertitel, übte Alberich zwanzig Jahre die Regierung über Rom aus, und er sei, so sagt man, den Vorurteilen des Volkes dadurch gefällig gewesen, indem er die Ämter oder wenigstens die Namen von Konsuln und Tribunen wiederherstellte. Sein Sohn und Erbe nahm mit dem Pontifikat zugleich den Namen Johannes XII an: genau wie seine Vorgänger brachte auch ihn der Fürst der Langobarden dazu, sich nach einem Befreier der Kirche und der Republik umzusehen; die Dienste, die Otto ihm leistete, wurden mit der Kaiserwürde belohnt. Jedoch: der Sachsenkönig war herrschsüchtig, die Römer ungeduldig, und die Krönungsfeierlichkeiten wurden durch den unterschwelligen Widerstreit von Herrscher-Vorrechten und Volks-Freiheit eingetrübt, und schließlich befahl Otto seinem Schwertträger, ihm nicht von der Seite zu weichen, auf dass er nicht am Fuße des Altars überfallen und gemeuchelt werde Ditmar, p. 354, apud Schmidt, tom. III, p. 439..

 

PAPST JOHANNES XII – SEINE ABSETZUNG

Bevor der Kaiser über die Alpen zurückkehrte, bestrafte er noch das empörerische Volk und den undankbaren Papst Johannes XII. Der Papst wurde auf einer Synode seines Titels für ledig erklärt; der Stadtpräfekt wurde auf einen Esel gesetzt und durch die Stadt geprügelt und danach in einen Kerker geworfen. Dreizehn der Hauptschuldigen wurden gehenkt, andere wurden verstümmelt oder des Landes verwiesen, und gerechtfertigt wurde dieses strenge Vorgehen mit den alten Gesetzen aus den Zeiten von Theodosius und Justinian. Die historische Fama hat Otto II ein perfides und blutige Verbrechen zur Last gelegt, die Ermordung von Senatoren, die er unter dem schönen Scheine von Gastfreiheit und Freundschaft an seine Tafel geladen hatte Dieses Blut-Mahl findet sich in leoninischen Versen im Pantheon des Gottfried von Viterbo (Muratori, Script. Ital. tom. VII, p. 436, 437), der gegen das Ende des XII Jh. lebte (Fabricius Bibl. Latin. Med. et Infimi Aevi, tom. III, p. 69, edit. Mansi); doch wird der Beweis, den dieser Autor vorlegt und der Sigonius in die Irre führte, von Muratori mit guten Gründen angezweifelt (Annali, tom. VIII, p. 177)..

 

CRESCENTIUS, A.D. 998

Während der Minderjährigkeit seines Sohnes Otto III, nahm Rom einen beherzten Anlauf, das Sachsenjoch abzuschütteln, und der Konsul Crescentius war der Brutus der Republik. Zunächst nur Untertan und Exilierter, hatte er sich zweimal zur Herrschaft über die Stadt aufgeschwungen, bedrängte, vertrieb und installierte in bunter Reihe die Päpste und zettelte eine Verschwörung zur Wiederherstellung Macht der griechischen Kaiser an. In der Engelsburg durchstand er eine langandauernde Belagerung, bis der unglückselige Konsul sich in den Fallstricken eines ehrenwörtlichen, sicheren Geleites verfing: seinen Körper hängte man an einen Galgen, sein Kopf wurde auf einer Burgzinne ausgestellt. Infolge des üblichen Wechsels des Kriegsglücks wurde Otto nach der Entlassung seiner Truppen drei Tage ohne jedes Nahrungsmittel in seinem Palast belagert, und nur eine erbärmliche Flucht bewahrte ihn vor dem Schwert der Justiz oder den Mordgelüsten der Römer. Ptolemäus, ein Senator, war der Anführer der Volkrotten, und Crescentius' Witwe blieb das Vergnügen, oder auch nur der Ruhm, ihren Gatten gerächt zu haben, indem sie ihren kaiserlichen Liebhaber vergiftete.

Otto III hatte die Absicht gehabt, den rauen Gefilden des Nordens den Rücken zu kehren, seinen Thron in Italien einzurichten und die römische Monarchie mit neuem Leben zu erfüllen. Aber seine Nachfolger ließen sich immer nur einmal im Leben am Tiber blicken, nämlich um die Krone im Vatikan in Empfang zu nehmen Die Kaiserkrönung sowie einige andere Zeremonien aus dem X Jh. haben sich in dem Loblied auf Berengar erhalten (Script. Ital. tom. II, pars I, p. 405-414), welches Hadrian, Valesius und Leibnitz erläutert haben. Sigonius hat den ganzen Ablauf dieses Römerzuges in einem ordentlichen Latein, aber mit einigen zeitlichen und sachlichen Ungenauigkeiten niedergeschrieben. (7, p. 441-446).. Waren sie abwesend, verachtete, waren sie anwesend, hasste und fürchtete man sie. Sie stiegen an der Spitze ihrer Barbarenhaufen aus den Alpen niederwärts, dem Lande fremd und feindlich; und ihr vorübergehender Besuch gab auch immer Anlass zu Tumult und Blutvergießen Muratori ist es sich schuldig, anlässlich eines Vorfalles bei der Krönung Konrad II folgende Bemerkung fallen zu lassen: doveano ben essere allora, indisciplinati, Barbari, e bestiali i Tedeschi. Annal. tom. VIII,. p. 368.. Noch heute quält die Römer eine ferne Erinnerung an die Leiden ihrer Vorfahren; und nur mit frommem Unwillen blicken sie auf die Nachfahren der Sachsen, Franken, Schwaben und Böhmen herab, welche ehedem den Purpur und die Vorrechte der Caesaren an sich gerissen hatten.

 

DAS KÖNIGREICH ITALIEN – 774-1250

Nichts ist wohl natur- und vernunftwidriger, als ferne Länder und fremde Völker gegen ihre Neigung und gegen ihre Interessen unter dauernden Gehorsam zwingen zu wollen. Eine Flut von Barbaren mag sich über die Erde ergießen; aber ein ausgedehntes Reich muss sich auf ein durchdachtes System aus Politik und Unterdrückung stützen können; in seinem Zentrum eine absolute Macht, die schnell reagieren kann und reich an Hilfsmitteln ist; die in schneller Verbindung zu den Landesgrenzen steht; die Stützpunkte unterhält, die die ersten Funken jedweder Erhebung austreten können; die eine arbeitsfähige Verwaltung hat, die schützen und bestrafen kann; und endlich eine disziplinierte Armee bezahlt, welche Furcht einflößen kann, ohne zugleich Hass oder Verzweiflung zu erzeugen. Ganz anders gestaltete sich die Lage der deutschen Caesaren, die danach strebten, über das Königreich Italien zu gebieten. Ihre Erblande zogen sich am Rhein entlang, lagen verstreut in den Provinzen, doch waren diese respektablen Besitzungen im Laufe der Zeit von ihren Herrschern aus Gedankenlosigkeiz oder Not veräußert worden; und ihre Einkünfte, die sie aus kleinen und bedrückenden Vorrechten bezogen, reichten kaum für die Hofhaltung. Ihre Truppen wurden von ihren Vasallen als gesetzliche oder freiwillige Leistung zusammengestellt, die nur widerstrebend über die Alpen zogen, sich Raub und Unordnung herausnahmen und oft schon vor dem Ende der Kampagne davon zogen. Ganze Armeen fielen ansteckenden Krankheiten der Region zum Opfer: die Überlebenden brachte dann die Gebeine ihrer Fürsten und Edlen zurück Nachdem das Fleisch durch Kochen abgelöst worden war. Der zu diesem Zweck erforderliche Kessel war ein notwendiger Bestandteil ihrer Ausrüstung; ein Deutscher, der für seinen Bruder einen solchen Kessel in Gebrauch hatte, versprach ihn einem Freunde, falls er vorher für ihn selbst gebraucht worden sei (Schmidt, tom. III, p. 423f). Derselbe Autor merkt hier an, dass die ganze sächsische Linie in Italien untergegangen sei (p. 440)., die Folgen ihrer eigenen Maßlosigkeit aber schieben sie dem Verrat und der welschen Tücke der Italiener zu, die sich wenigstens über das Unglück freuen konnten, das die Barbaren befallen hatte.

Diese Gelegenheits-Tyrannei war der italienische Klein-Tyrann in etwa ebenbürtig, doch konnten das Volk so wie der heutige Leser nur wenig Anteil an dem Ausgang der Rauferei nehmen. Doch im XI und XII Jahrhundert entzündete die Lombardei erneut die Fackel der Freiheit und des Gewerbefleißes; und diesem schönen Vorbild eiferten dann alle Republiken der Toskana nach. Die Munizipalregierung war in den italienischen Städten niemals völlig abgeschafft worden, und so wurden ihnen ihre althergebrachten Rechte durch kaiserliche Gunst oder Berechnung zugeteilt, denn der Herrscher wünschte eine plebejische Schranke gegen die Unabhängigkeit des Adels zu errichten. Doch gründeten sich ihr rascher Fortschritt, der tägliche Zuwachs ihrer Macht und ihrer Ansprüche auf die große Bevölkerungszahl und auf den Geist dieser emporblühenden Gemeinden Otto, Bischof zu Freising, hat eine bemerkenswerte Passage zu den italienischen Städten hinterlassen (2,13, in Script. Ital. tom. VI, p. 707-710). Aufstieg, Blüte und Fortgang dieser Städte sind vorzüglich dargestellt von Muratori, (Antiquitat. Ital. Medii Aevi, tom. IV, dissert. XLV-LII, p. 1-675. Annal. tom. VIII-X)..

Jede Stadt füllte nun das Maß ihrer Diözese oder Distriktes; die bischöfliche oder markgräfliche Jurisdiktion wurde eingestellt, und die stolzesten Edlen ließen sich überreden, oder wurden genötigt, ihre einsamen Schlösser zu verlassen und dafür die höher geachteten Stand eines Freien oder einer Obigkeitsperson einzunehmen. Die Legislative lag in den Händen einer allgemeinen Versammlung, aber die Exekutive war drei Bürgermeistern (Consules) anvertraut, die jährlich aus den drei Ständen des Hochadels (Kapitäne), des niederen Adels (Valvassadoren) Bezüglich dieser Benennungen siehe Selden, (Titles of Honor, vol. III part 1 p. 488.) Ducange, (Gloss. Latin. tom. II, p. 140, tom. VI, p. 776) und St. Marc, (Abrege Chronologique, tom. II, p. 719.) und der Bürger gewählt wurden. Unter dem Schutze gleicher Gesetze lebten Ackerbau und Handel allmählich wieder auf; aber der kriegerische Geist der Lombarden wurde durch die Nähe zur Gefahr genährt; und sobald die Sturmglocken läuteten oder die Standarte Die Lombarden bedienten sich hierbei des sog. Carocium, eine Fahne, welche auf einem Ochsenkarren aufgepflanzt wurde. (Ducange, tom. II, p. 194, 195. Muratori Antiquitat tom. II, diss. XXVI. p. 489-493.) aufgerichtet wurde, stürmten aus den Stadttoren ungezählte und furchtlose Massen, deren Eifer für ihre eigene Sache schon bald durch den Gebrauch von Waffen und Disziplin geleitet wurde. Am Fuße dieser Schutzwälle, die der Gemeingeist errichtet hatte, zerbrach der Caesarenstolz; und diese unbesiegbare Freiheitsgesinnung bestand sogar gegen die beiden Friedriche, die mächtigsten Kaiser des Mittelalters; gegen den ersten, der militärisch vermutlich sogar überlegen war; und gegen den zweiten, der ganz gewiss in den sanfteren Künsten des Friedens und der Wissenschaft hervorragte.

 

FRIEDRICH I – A.D. 1151-1190

Begierig, den Glanz des Purpurs zu erneuern, fiel Friedrich I über die Republiken der Lombardei her, mit den Schlichen eines Staatsmannes, dem Mut des Kriegers und der Grausamkeit eine Tyrannen. Die erst jüngst wieder aufgefundenen Pandekten hatten eine Wissenschaft aufleben lassen, die den Bedürfnissen des Despotismus sehr entgegen kam: und schon riefen seine korrupten Anwälte den Kaiser zum absoluten Herrscher über Leben und Besitz seiner Untertann aus. Seine kaiserlichen Privilegien wurden in einem weniger odiösen Sinne auf dem Reichstag anerkannt, der auf den ronkalischen Felder abgehalten wurde, und außerdem seine italienischen Einkünfte auf dreißigtausend Pfund Silber Gunther Ligurinus, 8, 584ff, apud Schmidt, tom. III, p. 399. festgesetzt, die aber durch die Raubgier der Fiskalbeamten ad infinitum ausgeweitet werden konnte. Widersetzliche Städte wurden durch Terror und Waffengewalt zur Übergabe gepresst: die Gefangenen wurden dem Henker überliefert oder mit einer Wurfmaschine geschleudert; und nach der Belagerung und Kapitulation Mailands wurden die Gebäude dieser herrlichen Stadt dem Erdboden gleich gemacht, dreihundert Geiseln nach Deutschland und die Einwohner selbst auf vier Dörfer überführt, um dort unter dem Joch ihres gnadenlosen Besiegers zu schmachten Solus imperator faciem suam firmavit ut petram (Einzig der Kaiser verzog wie ein Fels keine Miene, Burcard. de Excidio Mediolani, Script. Ital. tom. VI, p. 917). Dieser Band bietet Originaldokumente zur Geschichte Friedrichs I, die mit gebotener Beachtung der Zeitumstände und der Vorurteile lombardischer und deutscher Autoren miteinander verglichen werden sollten.. Doch Mailand erhob sich schon bald wieder aus der Asche, und der Bund der lombardischen Städte wurde durch Not nur noch fester geschmiedet: Venedig, Papst Alexander III und die griechischen Kaiser traten ihrer Sache bei, der Unterdrückungsapparat stürzte an einem einzige Tage, und in dem Vertrag von Konstanz unterzeichnete Friedrich I die Freiheitsrechte von vierundzwanzig Städten, wenn auch schiefen Mundes.

 

FRIEDRICH II – 1198-1250

Sein Enkel stieß mit ihnen zusammen, da sie auf der Höhe ihrer Macht und Reife waren; Friedrich II Zur Geschichte Friedrich II und des Schwäbischen Hauses zu Neapel Giannone, Istoria Civile, tom. II, 14-19. aber besaß einige bemerkenswerte persönliche Vorzüge. Seine Geburt und Erziehung empfahlen ihn den Italienern; und während des unversöhnlichen Konfliktes zwischen den beiden Parteien standen die Ghibellinen auf der Seite des Kaisers, während die Guelfen das Banner von Kirche und Papst emporhielten. Der römische Hof hatte süßen Schlummers gepflegt, sodass sein Vater Heinrich VI in die Lage versetzt war, die beiden Königreiche Neapel und Sizilien zu vereinen; aus welchen Besitzungen der Sohn einen breiten Strom von Geld und Mannschaften bezog. Doch unterlag Friedrich II endlich den Waffen der Lombarden und dem Donnern des Vatikan: sein Königreich fiel einem Fremden in die Hände, und der Letzte seiner Familie, Konradin, wurde auf einem Schafott in Neapel öffentlich hingerichtet. Sechzig Jahre war kein deutscher Kaiser mehr in Italien zu sehen; und ihr Name wurde nur noch bei dem schmachvollen Ausverkauf der letzten Überreste ihre Herrschaft erwähnt.

 

DIE UNABHÄNGIGKEIT DER DEUTSCHEN FÜRSTEN 814-1250

Die Barbaren hatten zwar Gefallen daran, ihr Oberhaupt mit einem Kaisertitel zu schmücken; allerdings hatten sie nicht vor, ihn auch noch mit der despotischen Machtfülle eines Konstantin oder Justinian auszustatten. Die Deutschen waren frei, ihre Eroberungen wurden ihr Eigentum, und die Denkungsart dieses Volkes konnte die unterwürfige Rechtswissenschaft des neuen wie des alten Rom nur verachten. Es wäre ein ebenso eitles wie heikles Unternehmen gewesen, jenen bewaffneten Freien, die selbst nur eine Obrigkeit ablehnten, einen Monarchen vorzusetzen; den Kühnen, die sich weigerten zu gehorchen; den Starken, die selbst nach Herrschaft strebten. Das Reich Karls des Großen und Ottos war aufgeteilt unter die Herzöge der einzelnen Völker oder Provinzen, die Grafen der kleineren Gebiete und die Markgrafen der Grenzlande, welche sämtliche zivilen und militärischen Befugnisse in ihrer Person vereinigten, so wie sie vormals an die Statthalter der Caesaren delegiert worden waren. Die römischen Statthalter waren mehrheitlich Glücksritter, verführten ihre Söldner-Legionen, rissen den Kaiserpurpur an sich, aber sie taten der Macht und der Einheit des Imperiums keinen Schaden an, ob sie nun Erfolg hatten oder nicht.

Wenn aber die Herzöge, Markgrafen oder Grafen Deutschlands weniger kühne Ansprüche machten, so waren doch die Konsequenzen ihrer Erfolge für den Staat nachhaltiger und gefährlicher; sie strebten nicht offen nach der höchsten Würde, sondern legten es darauf an, in aller Stille ihre provinziale Unabhängigkeit zu festigen und erblich zu machen. Ihren Ambitionen förderlich waren dabei die Größe ihrer eigenen Besitzungen und der Einfluss ihrer Vasallen; ihr Zusammenhalten und das Beispiel, das sie sich gegenseitig gaben; die gemeinsame Interessenlage des niederen Adels; der Wechsel der Fürsten- und Herrscherfamilien; die Minderjährigkeit von Otto III und Heinrich IV; der Ehrgeiz der Päpste; und das sinnlose Streben der Kaiser um die Krone von Italien und Rom. Die Provinzstatthalter zogen so nach und nach alle Vorrechte der königlichen und landesherrlichen Gewalt an sich: etwa die Entscheidung über Krieg und Frieden, Leben und Tod, Währung und Steuern, über Bündnisse und über die Staatsverfassung. Was sie mit Gewalt an sich gerissen hatten, wurde ihnen vom Kaiser aus Wohlwollen oder aus Not bestätigt, als Preis für ein – ungewisses – Votum oder für eine freiwillige Dienstleistung; und was dem einen gewährt wurde, konnte einem anderen, etwa dem Nachfolger oder einem Gleichgestellten, nicht gut verweigert werden; und so fand jede Überlassung eines lokalen oder zeitlichen Rechtes Eingang in die Verfassung Deutschlands. Zwischen Thron und Adel stand in jeder Provinz die sichtbare Macht des Herzogs oder des Grafen; die dem Reichsgesetzen Unterworfenen wurden zu Vasallen eines individuellen Heerführers; und die Standarte, die er von seinem Herrscher empfangen hatte, wurde oft genug im Felde gegen ihn erhoben.

Die weltliche Macht der Klerisei wurde begünstigt und gefördert durch den Aberglauben oder die Politik der karolingischen und sächsischen Dynastien, welche auf Gedeih und Verderb von ihrer Zuverlässigkeit und Treue anhingen; so wurden die Bistümer in Deutschland nach Größe und Vorrechten den größten Staaten des Kriegerstandes gleich und übertrafen sie sogar noch an Reichtum und Bevölkerungszahl. Solange die Kaiser noch das Vorrecht besaßen, diese geistlichen und weltlichen Lehen nach jeder Erledigung nach eigenem Befinden neu zu besetzen, wurde ihre Sache durch die Dankbarkeit oder den Ehrgeiz ihrer geistlichen Günstlinge befördert. Aber infolge des Investiturstreits verloren sie ihren Einfluss auf die Bischofskapitel; deren Wahlfreiheit wurde wieder hergestellt; und der Herrscher besaß aufgrund eines feierlichen Hohnes nur noch ein einziges Mal während seiner Regierung ›das Recht der ersten Bitte‹ (primariae preces), für eine einzige Pfründe in jeder Kirche eine Empfehlung auszusprechen.

Die weltlichen Statthalter konnten nur noch durch den Urteilsspruch von Ihresgleichen, aber nicht mehr durch höhere kaiserliche Weisung abberufen und ersetzt werden. In den Anfängen der Monarchie wurde die Einsetzung eines Sohnes als Nachfolger in das väterliche Herzogtum oder seine Grafschaft als eine Gunstbezeigung erbeten; allmählich wurde sie zur Gewohnheit und schließlich als ein Rechtsanspruch abverlangt. Die Erbfolge dehnte sich oftmals auf Neben- oder weibliche Linien aus. Die Länder des Reichs (zunächst war dies die allgemein übliche und später die gesetzliche Bezeichnung) konnten testamentarisch geteilt und veräußert werden, und jede Vorstellung von einem öffentlichen Amt verlor sich in dem eines privaten, dauerhaften Erbes. Nicht einmal durch Zufälligkeiten wie das Aussterben eines Fürstengeschlechtes oder die Verwirkung eines Lehens konnte sich der Kaiser seine Besitzungen vergrößern: innerhalb einer Jahresfrist musste er das verwaiste Lehen neu vergeben und bei der Wahl eines Kandidaten den Reichstag oder die Provinzialversammlung zu Rate ziehen.

 

DIE DEUTSCHE REICHSVERFASSUNG 1250

Nach dem Tode des mächtigen Friedrich II war Deutschland ein hundertköpfiges Monstrum. Ein Haufen von Fürsten und Prälaten rechteten um die Trümmer des Reiches. Ungezählte Schlossherren zeigten weniger Neigung ihren Oberen zu gehorsamen als sie vielmehr nachzuahmen; und ihre endlosen Feindseligkeiten hießen je nach dem Machtumfang der Beteiligten Eroberung oder Raub. Eine solche Anarchie war die unvermeidliche Folge der Gesetze und Bräuche Europas; auch das französische und italienische Königreich sind durch die Gewalt eben dieses Sturms in Stücke gerissen worden. Doch die italienischen Städte und die französischen Vasallen standen vereinzelt und wurden vernichtet, während die Einheit der Deutschen ein großes System föderativer Republiken unter der Bezeichnung eines Reiches hervorgebracht hat. Die häufigen und schließlich immerwährenden Reichstage hielten den Nationalgeist lebendig, und die Rechte einer gemeinsamen gesetzgebenden Versammlung werden auch heute noch durch die drei Kollegien, die der Kurfürsten, der Fürsten und der freien kaiserlichen Reichsstädte Deutschlands wahrgenommen. I. Sieben der mächtigsten Lehnsbesitzer erhielten das ausschließliche Recht, unter dem ehrenden und exklusiven Namen des Kurfürsten den römischen Kaiser zu erwählen; es waren dies der König von Böhmen, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg, der Pfalzgraf am Rhein und die drei Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier. II. Das Fürsten- und Prälatenkollegium befreite sich von einem buntscheckigen Klüngel: es begrenzte die lange Reihe der unabhängigen Grafen auf vier repräsentative Stimmen und schloss den Ritterstand und die Edelleute ganz aus, von denen früher sechzigtausend – wie auf dem polnischen Reichstage – zu Pferde auf dem Wahlplatz erschienen waren. III. Der Stolz auf Geburt und Herrschaft, auf Schwert und Mitra ließ sich klüglich herbei, die Gemeinen als den dritten Zweig der Gesetzgebung zuzulassen, und so fanden sie dann im Zuge der gesellschaftlichen Weiterentwicklung um dieselbe Zeit Eingang in die Nationalversammlungen von Frankreich, England und Deutschland.

Die Hanse beherrschte Handel und Seefahrt des Nordens; die Rheinländer sicherten im Inland Warenaustausch und Verkehr; der Einfluss der Städte war ihrem Reichtum und ihrer Politik angemessen, und ihre fehlende Einwilligung macht noch heute die Beschlüsse der Kur- und Fürstenkollegien ungültig In dem gewaltigen Labyrinth des ius publicum (Staatsrecht) von Deutschland muss ich entweder einen einzigen oder tausend Autoren zitieren; und da hatte ich lieber auf einen zuverlässigen Wegweiser vertraut, als auf gut Glück eine Vielzahl von Namen und Textstellen auszuschreiben. Dieser Wegweiser ist Herr Pfeffel, der Verfasser der besten Rechts- und Verfassungsgeschichte eines Landes überhaupt, die ich kenne (Nouvel Abrege Chronologique de l'Histoire et du Droit public Allemagne; Paris, 1776, 2 vols.). Seine Belesenheit und Urteilskraft hat die interessantesten Fakten zutage gefördert; sein klarer und konziser Stil drängt diese auf knappen Raum zusammen; seine chronologische Ordnung teilt sie den gehörigen Epochen zu; und ein gründlicher Index versammelt sie unter dem zugehörigen Stichwort. Robertson verdankt diesem Werk, als es noch unvollkommen vorlag, den meisterhaften Abriss, in welchem sogar die aktuellen Veränderungen des deutschen Gesetzeskörpers berücksichtigt werden. Der Corpus Historiae Germanicae von Struvius wurde von ihm ebenfalls zu Rate gezogen, und zwar mit umso mehr Gewinn, als die riesige Sammlung auf jeder Seite mit Originaltexten belegt wird..

 

MACHTLOSIGKEIT UND ARMUT VON KAISER KARL IV, 1347-1378

Im XIV Jahrhundert zeigt sich uns der Zustand und der Gegensatz zwischen dem Römischen und Deutschen Reich am deutlichsten, indem das letztgenannte außer an den Rhein- und Donaugrenzen über keine einzige Provinz aus den Zeiten Trajans oder Konstantins mehr gebot. Ihre unwürdigen Nachfolger waren die Grafen von Habsburg, Nassau, Luxemburg und Schwartzenburg; der Kaiser Heinrich VII versorgte seinen Sohn mit der Krone von Böhmen, und sein Enkel Karl IV war unter einem selbst nach deutschen Maßstäben barbarischen und fremdartigen Volke geboren Doch sollte man Karl IV persönlich nicht einen Barbaren schelten. Nach seiner Erziehung in Paris musste er sich erst wieder sein heimisches böhmisches Idiom aneignen; zudem sprach und schrieb der Herrscher mit gleicher Geläufigkeit Französisch, Latein, Italienisch und Deutsch (Struvius, p. 615,616). Petrarca hat ihn allemal als einen höflichen und gebildeten Herrscher dargestellt.. Nach der Exkommunikation von Ludwig dem Baiern erhielt er sogar die Herrschaft – oder doch wenigstens die Verheißung der Herrschaft – über das Reich aus dem Munde der Päpste, die, zu Avignon gefangen und exiliert, immer noch die Oberhoheit über den Erdkreis für sich beanspruchten. Der Tod seiner Mitbewerber rief die Kurfürsten auf den Plan, und Karl wurde einmütig als der König der Römer und zukünftiger Kaiser begrüßt: ein Titel, welcher im gleichen Jahrhundert den deutschen und griechischen Caesaren angedient wurde. Der deutsche Kaiser war nichts weiter als der gewählte und machtlose Magistrat einer Fürstenaristokratie, die ihm noch nicht einmal ein einziges Dorf überlassen hatte, dass er es sein Eigen nennen könne. Sein größtes Prärogativ bestand darin, in der von ihm zusammengerufenen Ständevertretung den Vorsitz zu führen und ihr Vorschläge zu unterbreiten. Sein Erbkönigtum Böhmen, vermutlich weniger vermögend als die benachbarte Reichsstadt Nürnberg, war die Hauptquelle seines Einkommens und die sicherste Stütze seiner Macht.

Die Armee, mit der er die Alpen überquerte (1355), bestand aus dreihundert Berittenen. In der Ambrosius-Kathedrale wurde Karl mit der eisernen Krone bekrönt, welche die Überlieferung dem Königreich der Lombardei zuschrieb. Doch wurde er nur mit einer waffenlosen Begleitung eingelassen; die Stadttore schlossen sich hinter ihm; und so war der König von Italien eine Gefangener der Visconti, denen er zunächst einmal ihre Herrschaftsrechte über Mailand bestätigte. Im Vatikan wurde er dann noch einmal gekrönt, diesmal mit der goldenen Krone des Reiches; doch infolge eines Geheimvertrages entfernte sich der Kaiser unverzüglich und ohne sich auch nur eine Nacht in Rom ausgeruht zu haben. Der wortgewandte Petrarca Neben den italienischen und deutschen Historikern wurde der Italienzug Karl IV in lebendigen Farben gemalt in den lesenswerten Memoires sur la Vie de Petrarque, tom. III, p. 376-430, des Abbe de Sade, dessen weitläufige Ausdruckweise noch kein Leser von Geschmack und Neugierde jemals gerügt hat., dessen Phantasie die frühere Herrlichkeit des Kapitols wieder aufleben lässt, beweint die schmachvolle Flucht des Böhmen, schilt sie gar. Und selbst seinen Zeitgenossen entging es nicht, dass die einzige Ausübung seiner Macht in dem gewinnbringenden Verkauf von Privilegien und Titeln bestand. Das italienische Gold stellte immerhin die Wahl seines Sohnes sicher, aber in so kargen Verhältnissen lebte der Kaiser, dass er persönlich in den Straßen von Worms von einem Metzger auf- und in einem Gasthof festgehalten wurde als Pfand oder Geisel für die Begleichung seiner Verzehrkosten.

 

SEINE PRACHTENTFALTUNG 1356

Lasst uns den Blick von dieser beschämenden Szene abwenden und uns an dem feierlichen Glanze laben, den eben dieser Karl auf den deutschen Reichstagen entfaltete. Die Goldene Bulle, die das deutsche Grundgesetz ist, wurde von Karl IV im Stil eines Herrschers und Gesetzgebers promulgiert. Einhundert Machthaber verbeugten sich vor seinem Thron und vergrößerten zugleich ihre eigene Würde, indem sie ihrem Oberhaupte und Diener freiwillige Ehren bezeugten. Bei dem Kaiserbankett verrichteten die Großen der Krone, die sieben Kurfürsten, an Rang und Würde den Königen vergleichbar, ihren ernsten und feierlichen Hofdienst; die Siegel des dreifachen Königreiches wurden von den Erzbischöfen von Mainz, Köln und Trier, Deutschlands, Italiens und Burgunds beständigen Erzkanzlern, in feierlichem Zuge getragen. Der Großmarschall waltete zu Pferde seines Amtes mit einem silbernen Hafermaß, das er auf den Boden entleerte und der danach abstieg, die Sitzordnung der Gäste zu dirigieren. Der Erztruchsess, der Pfalzgraf zu Rhein, stellte die Schüsseln auf den Tisch, und der Erzkammerdiener, der Markgraf von Brandenburg, reichte nach Tische Kanne und Becken aus Gold zum Waschen dar. Der König von Böhmen wurde von seinem Bruder, dem Herzog von Luxemburg und Brabant, in seinem Amt als Erzmundschank vertreten, und beschlossen wurde der Zug durch den Oberjägermeister, der zusammen mit einem sehr lauten Horn- und Hundechor einen Eber und einen Hirschen mit sich führte Die vollständige Zeremonie lese man bei Struvius p. 629..

Die Oberhoheit des Kaisers beschränkte sich nicht nur auf Deutschland: die europäischen Erbmonarchen gestanden die Überlegenheit seines Ranges und seiner Würde ein; er war der erste christliche Herrscher, das irdische Haupt der großen abendländischen Republik Die Republik Europa mit Papst und Kaiser an der Spitze ist niemals mit mehr Würde dargestellt worden als im Konzil von Konstanz. Man sehe Lefants Geschichte dieser Versammlung.; der Titel ›Majestät‹ war für lange Zeit nur für ihn aufgehoben; er machte sogar dem Papst das erhabenen Privileg streitig, Könige einzusetzen und Konzile einzuberufen. Der Großmeister des Zivilrechtes, der gelehrte Bartolus, stand im Solde Karl IV. Seine Schule vertrat die Auffassung, dass der römische Kaiser der Herr der Erde sei, vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne. Die gegenteilige Meinung wurde nicht etwa als ein Irrtum verurteilt, sondern als eine Ketzerei, stand im Evangelium doch geschrieben: »Und es erging ein Gebot aus vom Kaiser Augustus, dass alle Welt geschätzt werde Gravina, Origines Iuris Civilis p. 108.

 

GEGENSATZ VON MACHT UND BESCHEIDENHEIT BEI AUGUSTUS

Wenn wir einmal den räumlichen und zeitlichen Abstand zwischen Augustus und Karl IV ignorieren, dann wird der Gegensatz zwischen diesen beiden Herrschern stark und auffallend; der Böhme, der seine Schwäche unter der Maske des Prunkes verbarg und der Römer, der seine Macht hinter der Maske der Bescheidenheit versteckte. Als Heerführer seiner unbesiegten Legionen, als Herrscher über Meer und Land vom Nil und Euphrat bis zum Atlantik, gab Augustus lieber den Diener des Staates und den Gleichen seiner Mitbürger. Der Überwinder Roms und der Provinzen legte sich die populäre und gesetzeskonforme Bezeichnung eines Zensors, Konsuls und Volkstribunen zu. Sein Wille war Gesetz unter den Menschen, doch machte er zur Verkündigung seiner Gesetze Anleihen bei Volkes und Senates Stimme; von ihnen ließ der Herrscher auch immer wieder seinen zeitlich begrenzten Auftrag erneuern, die Geschäfte der Republik zu führen. In seiner Kleidung, in der Einrichtung seines Hausstandes Man hat sechstausend Urnen von Sklaven und Freigelassenen des Augustus und der Livia aufgefunden. Die ihnen obliegenden Geschäfte waren derart subtil unterteilt, dass ein Sklave etwa nur das Amt hatte, die Wolle abzuwiegen, welche von den Mägden der Kaiserin versponnen wurde, während ein anderer ihre Schoßhunde versorgen musste usw. (Camera Sepolchrale, BianchiniAuszugsweise in Bibliotheque Italique, tom. IV, p. 175. Eine Eloge auf ihn von Fontenelle, tom. VI, p. 356). Doch hatten diese Sklaven des Augustus denselben Rang und waren vermutlich auch nicht zahlreicher wie die des Pollio und Lentulus. Sie belegen lediglich den Reichtum der Stadt überhaupt., in seinen Titulaturen und überhaupt in allen Verhältnissen des geselligen Lebens spielte Augustus die Charakterrolle eines römischen Privatmannes; und noch seine begabtesten Schmeichler heiligten das Geheimnis seiner absoluten und immerwährenden Monarchie.








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