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Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 48

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 48 - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 6. Band - Kapitel 48
publisherprojekt.gutenberg.de
year2014
firstpub2014
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20140319
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 6. Band – Kapitel 48

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XLVIII

PLAN FÜR DIE LETZTEN BEIDEN BÄNDE · CHARAKTERBILDER DER GRIECHISCHEN KAISER KONSTANTINOPELS VON HERAKLIUS BIS ZU DEN EROBERUNGEN DURCH DIE LATEINER

 

DIE MÄNGEL DER BYZANTINISCHEN GESCHICHTSSCHREIBUNG

Ich habe mittlerweile die römischen Kaiser von Traian bis Konstantin und von Konstantin bis zu Heraklius in regelgerechter Abfolge dargestellt und so getreu wie irgend möglich von den glückhaften und den widrigen Vorkommnisse ihrer Regentschaften berichtet. Fünf Jahrhunderte des Nieder- und Unterganges dieses Reiches sind bereits verflossen; aber es trennen mich immer noch achthundert Jahre vom Abschluss meiner Arbeit, der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken. Würde ich so fortfahren und unverändert dieses Maß beibehalten, so würde sich durch so manches Kapitel ein sehr langer, aber auch sehr dünner Faden fortspinnen, und die Geduld des Lesers würde sich um eine angemessene Belohnung in Form von Belehrung oder Vergnügen betrogen finden. Mit jedem Schritte, mit dem wir beim Verfall und Untergang des östlichen Reiches fortschreiten, gediehe die Abfassung der Annalen der jeweils aufeinander folgenden Regierungen zu einer Aufgabe, die sich als zunehmend undankbarer und trübseliger darstellen würde. Diese Annalen wären notwendig die ununterbrochene Wiederholung einer enervierenden und monotonen Erzählung von Unfähigkeit und Not; der natürliche Zusammenhang von Ursache und Wirkung wäre durch häufige und rasche Übergänge gestört, und eine detaillierte Anhäufung von Einzelheiten würde das Licht und die Wirkung jener generalisierenden Gemälde beeinträchtigen, welche den Nutzen und den Reiz einer Geschichte so entfernter Zeiten ausmachen.

Seit der Regierung des Heraklius verengt und umdunkelt sich der Schauplatz von Byzanz. Die Grenzen dieses Reiches, die bis dahin durch Iustinians Gesetze und Belisars Waffen gezogen waren, entziehen sich immer mehr unseren Blicken. Der Name Roms, der ja der eigentliche Gegenstand unserer Forschungen ist, wird auf eine kleine Ecke Europas zusammengedrängt, in die vereinsamten Vororte von Konstantinopel. Man hat das Schicksal der Griechen sogar mit dem des Rheins verglichen, welcher sich im Schlamm verläuft, bevor sein Wasser sich mit dem Ozean vermischen kann. Die Größe einer Herrschaft wird für unsere Wahrnehmung mit zunehmender Entfernung von Zeit und Ort immer kleiner; und der Verlust an äußerem Glanz wird durchaus nicht durch eine Zunahme an Tugend oder Genie ausgeglichen.

Konstantinopel hatte in den letzten Augenblicken seines Niederganges ohne Zweifel mehr Einwohner und Reichtum als Athen in seiner Blütezeit, als einundzwanzigtausend männliche Erwachsene die geringe Summe von sechstausend Talenten oder einer Millionen zweihunderttausend Pfund Sterling besaßen. Doch war jeder dieser Bürger frei, und er konnte es wagen, die Freiheit seines Denkens, Redens und Handelns zu behaupten, da seine Person und sein Eigentum durch ein unparteiisches Gesetz geschützt waren, und der mit seiner unabhängigen Stimme an der Regierung seiner Republik Teil hatte. Ihre Anzahl schien durch die deutlichen und mannigfachen Unterschiede der Charaktere vervielfältigt: Denn unter dem Schirm der Freiheit, beseelt von Wettbewerb und Gefallsucht, suchte jeder Athener die Höhe der Nationalwürde zu erreichen. Von dort oben aus konnten einige auserwählte Geister weiter sehen als normale Augen; und aus der Anzahl der Männer mit hervorragenden Talenten würde man, begreiflicherweise, zu einer geschätzten Volksmenge von mehreren Millionen gelangen, wenn man denselben Maßstab wie bei dicht bevölkerten und großen Königreichen anwenden wollte. Athen und Sparta und ihre Bundesgenossen beherrschten kein größeres Gebiet als eine durchschnittliche Provinz Frankreichs oder Englands. Doch nach den Siegen bei Salamis oder Platäa denkt sich unsere Fantasie dies auf die gigantische Größe Asiens ausgebreitet, welches von den siegreichen Griechen überrannt wurde.

Doch die Untertanen des byzantinischen Reiches, d4ie die Namen von Römern und Griechen beanspruchen und ihm zugleich Schande machen, bieten nichts anderes dar als eine tödliche Gleichförmigkeit von niederen Lastern, die weder durch menschliche Schwächen erträglicher noch durch die Kraftanstrengungen denkwürdiger Verbrechen belebt sind. Die freien Männer des Altertums mochten mit enthusiastischer Hochherzigkeit Homers Ausspruch wiederholen, »dass am ersten Tage seiner Knechtschaft der freie Mann die Hälfte seiner männlichen Stärke verliert.» Doch hatte der Dichter nur die Folgen der bürgerlichen, der häuslichen Sklaverei gekannt und konnte unmöglich voraussagen, dass die andere Hälfte dieser Kraft durch geistigen Despotismus vernichtet werden sollte, der nicht nur den Handlungen, sondern auch den Gedanken seines auf dem Boden liegenden Untertanen Fesseln anlegt.

Durch dieses zwiefache Joch wurden die Griechen unter den Nachfolgern des Heraklius niedergedrückt; der Tyrann wurde – dies ist ein Gesetz ewiger Gerechtigkeit – durch die Laster seiner Untertanen noch mehr herabgewürdigt; und ganz vergeblich suchen wir auf den Thronen, in den Schulen, im Militärlager nach Namen, die man dem Vergessen entreißen sollte. Auch werden die Mängel des Sujets durch die Kunstfertigkeit und die Zahl der Maler nicht ausgeglichen. Von den folgenden achthundert Jahren sind die ersten vierhundert durch eine graue Wolkendecke verdunkelt, die nur gelegentlich durch ein paar verirrte Strahlen eines matten historischen Lichtes durchbrochen wird. Von den Kaiserbiographien von Mauritius bis Alexius hat es einzig Basilius Macedon zum Inhalt einer Monographie gebracht; und das Fehlen, oder der Verlust, oder die Unvollständigkeit zeitgenössischer Zeugnisse wird durch die dubiosen Berichte späterer Sammler nur sehr dürftig ersetzt.

Die letzten vier Jahrhunderte sind zwar frei von diesem Vorwurf der Dürftigkeit: mit der Familie der Komnenen lebt die Muse der Geschichtsschreibung wieder auf; indessen: ihr Aufputz ist grellbunt, und ihre Bewegung ist frei von Anmut oder Reiz. Eine Abfolge von Priestern oder Höflingen tritt auf demselben Pfade der Knechtschaft und des Aberglaubens in die Fußstapfen des Vorgängers; ihr Gesichtsfeld ist begrenzt, wie ihre Urteilskraft schwach oder korrumpiert ist; und wir beenden die Lektüre eines ebenso dicken wie unfruchtbaren Geschichtswerkes und sind wie zu Beginn immer noch in Unkenntnis über die Ursachen der Ereignisse, die Charaktere der handelnden Personen und die Zustände der Zeiten, die hier gerühmt oder beweint werden. Die Beobachtung, die man an einem einzelnen Manne gemacht hat, dass nämlich die Stärke seines Schwertes sich auch auf seine Feder übertragen hat, kann man wohl auf ein ganzes Volk anwenden, dass nämlich der Ton der Geschichtsschreibung mit dem Geiste des Zeitalters steigt oder fällt.

 

IHR ZUSAMMENHANG MIT WELTHISTORISCHEN EREIGNISSEN

Ich würde unter diesen Umständen die griechischen Schreibknechte und ihre stereotype Darstellung ohne Bedauern beiseite gelegt haben, wenn mir nicht bewusst gewesen wäre, dass das Schicksal der byzantinischen Monarchie mit den wichtigsten historischen Ereignissen, die nur je das Gesicht der Erde verändert haben, ohne eigenes Zutun auf das engste verbunden ist. Die verlorenen Kolonien füllten sich in kurzer Zeit mit neuen Siedlern und emporstrebenden Königreichen; die Kräfte, die sich im Krieg und Frieden tätig bewährten, gingen von unterlegenen zu den siegreichen Völkern über; und in der Entstehung und in den Eroberungen, in der Religion und der Regierungsform müssen wir den Ursachen für den Niedergang und den Zerfall des östlichen Reiches nachspüren. Auch wird der Gang dieser Erzählung, werden die Fülle und Verschiedenheit des Stoffes nicht unvereinbar sein mit der Einheitlichkeit des Gesamtentwurfes und seiner Komposition. So, wie der Moslem von Fes oder Delhi sich bei seinen täglichen Gebeten mit dem Gesicht stets dem Tempel von Mekka zuwendet, so muss der Historiker immer die Stadt Konstantinopel im Auge behalten. Der Verlauf seiner Erzählung kann zuweilen in die Wildnis von Arabien oder zu den Tataren führen: aber die beständig weiter schrumpfende Grenze des römischen Reiches ist der Kreis, zu dem er dann schließlich zurückkehrt.

 

DER PLAN DES 5. UND 6. BANDES

[Die Bandnummerierung der Online-Ausgabe ist aus technischen Gründen eine andere. Re]

Auf dieser Grundlage werde ich nun den Plan für die beiden letzten Bände des vorliegenden Werkes entwerfen. Das erste Kapitel soll die Kaiser von sechshundert Jahren, von der Regierung des Heraklius bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Lateiner, in ununterbrochener Folge darstellen; ein kursorischer Überblick, der sich mit dem allgemeinen Hinweis auf die Anordnung und die Texte der älteren Historiker begnügen wird. In dieser Einführung werde ich mich auf die folgenden Gegenstände beschränken: die Erschütterungen des Throns, die aufeinander folgenden Dynastien, den individuellen Charakter der jeweiligen Herrscher, ihr Leben und Sterben, Grundsätze und Einfluss ihrer Regierung, und endlich die Art und Weise, wie ihre Herrschaft insgesamt den Untergang des östlichen Reiches beschleunigt oder verzögert hat. Eine solche chronologische Übersicht ist hilfreich, die verschiedenen Vorkommnisse der nachfolgenden Kapitel in das richtige Licht zu rücken; und jedwedem Umstand aus der ereignisreichen Geschichte der Barbaren wird gleichsam von selbst der angemessene Platz in den Annalen von Byzanz zugewiesen. Der innere Zustand des Reichs und die gefährliche Ketzerei der Paulitianer, die den Orient beunruhigte und das Abendland erleuchtete, sollen Thema von zwei besonderen Kapitel sein; doch müssen diese Untersuchungen solange zurückstehen, bis wir beim Fortschreiten unserer Erzählung die Lage der Welt im neunten und zehnten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung näher kennen gelernt haben. Hat die byzantinische Geschichte erst einmal dieses Fundament erhalten, dann sollen nacheinander folgende Völker an unseren Augen vorüberziehen, welche alle den Raum einnehmen werden, den man ihnen jeweils mit Fug einräumen kann aufgrund ihre Größe oder Verdienste, oder aufgrund ihres Einflusses auf die römische Welt und unsere Gegenwart.

I. DIE FRANKEN; eine allgemein gehaltene Benennung, welche alle barbarischen Völker von Frankreich, Italien und Deutschland in sich fasst und die unter dem Szepter und durch das Schwert von Karl dem Großen geeint worden sind. Die Verfolgung der Bilder und ihrer Verehrer (Ikonodulen) trennten Rom und Italien vom byzantinischen Reich und bereitete die Restauration des römischen Reiches im Westen vor. II. DIE ARABER oder SARAZENEN. Drei umfangreiche Kapitel werden diesem erinnerungswürdigen und anziehenden Gegenstand gewidmet sein. Im ersten möchte ich nach einer einleitenden Schilderung des Landes und seiner Bewohner den Charakter des Mohammed zu ergründen suchen, dann die Religion und die Erfolgsbahn des Propheten. Im zweiten will ich die Araber bei der Eroberung der römischen Provinzen Syrien, Ägypten und Afrika anführen; und ich werde ihren Siegeslauf bis zur Unterwerfung der persischen und spanischen Monarchie wohl nicht aufhalten können. Im dritten Kapitel endlich will ich untersuchen, wie Konstantinopel und Europa durch den Luxus und das Kunstschaffen, die Zersplitterung und den Niedergang des Kalifenreiches gerettet wurde. Ein einziges Kapitel wird die III. BULGAREN, IV. UNGARN und V. RUSSEN zusammenfassen, welch zu Lande und zu Wasser die Hauptstadt des Reiches attackierten; obwohl das letztgenannte Volk durch seine gegenwärtige Größe so wichtig ist, verdient auch seine Kindheit und Jugend einige Aufmerksamkeit. VI. Die NORMANNEN oder eher wohl die verschiedenen Abenteurer dieses kriegerischen Stammes, die ein mächtiges Königreich in Apulien und Sizilien begründeten, den Thron von Konstantinopel erschütterten, sich mit der Blüte des Rittertums schmückten und fast schon die Wunder der Romantik zur Wirklichkeit werden ließen. VII. DIE LATEINER. Die Untertanen des Papstes, die Völker des Abendlandes, welche sich unter dem Banner des Kreuzes scharten, das Heilige Grab erneut zu erobern oder wenigstens zu schützen. Die griechischen Kaiser wurden höchlich erschreckt und doch gerettet durch eine ungezählte Schar von Pilgern, die unter der Führung des Gottfried von Bouillon und dem Adel der Christenheit gen Jerusalem zogen. Der zweite und dritte Kreuzzug folgte den Spuren des ersten: Asien und Europa waren in einen heiligen Krieg von zweihundert Jahren verwickelt; Saladin und die ägyptischen Mamelucken leisteten der Christenmacht tapferen Widerstand und schlugen sie endlich zurück. Im Verlaufe dieser eindrucksvollen Kreuzzüge wurde eine Flotte mit Franzosen und Venezianern an den thrakischen Bosporus verschlagen; da überfielen sie die Hauptstadt, stürzten die griechische Monarchie, und eine Dynastie lateinischer Herrscher hielt beinahe achtzig Jahre lang den byzantinischen Thron besetzt. VIII. Die GRIECHEN müssen für diese Zeit des Exils und der Ohnmacht als eine fremdländische Nation angesehen werden, die Feinde und danach wieder als die Herrscher von Konstantinopel. Ihre missliche Lage hatte einen Funken ihrer Volks-Tugenden zur Flamme angefacht, und so mag man dann die Reihe ihrer Kaiser von ihrer Wiedereinsetzung bis zur Eroberung durch die Türken mit leidlicher Würde fortgeschrieben sein. IX. DIE MOGULN UND DIE TARTAREN. Durch die Waffen des Dschingis und seiner Nachfahren wurde die Erde erschüttert von China bis Polen und Griechenland: die Sultane wurden überrannt, die Kalifen stürzten und die Caesaren bebeten auf ihren Thronen. Doch zögerten die Siege Timurs den eigentlichen Untergang des byzantinischen Reiches um etwa fünfzig Jahre hinaus. X. Die Namen der TÜRKEN wurde von mir bereits erwähnt; und die Namen der Väter von Seljuk und Osman unterscheiden die beiden aufeinander folgenden Dynastien dieses Volkes, das sich im elften Jahrhundert aus der Wildnis von Skythien erhob. Der erste errichtete ein großes und mächtiges Königreich, das sich vom Ufer des Oxus bis nach Antiochia und Nicäa erstreckte; und der erste Kreuzzug wurde durch die Bedrängnis Jerusalems und die Gefährdung Konstantinopels ausgelöst. Die zu Beginn so bedeutungslosen Osmanen erstarkten zu einer Geißel der Menschheit und zum Schrecken der Christenheit. Konstantinopel wurde von Mohammed II belagert und eingenommen, und sein Triumph tilgte das aus, was als Schattenbild und leerer Name vom Römischen Reich des Orients noch verblieben sein mochte. Die Trennung der Griechen hängt zusammen mit ihrer letzten Not und der Wiedererweckung der Gelehrsamkeit im Abendland. Ich werde von der Gefangenschaft des neuen Roms zurückkehren zu den Ruinen des alten; und der ehrbare Name soll noch einen Strahl des Ruhmes auf den Abschluss meiner Arbeit werfen.

 

ZWEITE EHE DES HERAKLIUS – SEIN TOD

Der Kaiser Heraklius hatte einen Tyrannen abgestraft und dessen Thron bestiegen; die Erinnerung an seine Regierungszeit wird durch vorübergehende Eroberungen und unwiederbringliche Verluste der östlichen Provinzen bezeichnet. Nach dem Tod der Eudokia, seinem ersten Weibe, setzte er sich über die Anweisung des Patriarchen hinweg und verstieß gegen die Gesetze, indem er seine Nichte Martina heiratete; und schon fand sich griechischer Aberglaube bereit, die kränkelnden Umständen des Vaters und die Hässlichkeit der in dieser Ehe erzeugten Nachkommen als eine gerechte Strafe des Himmels ausdeuten zu müssen. Aber die Meinung von einer illegitimen Geburt ist bereits hinreichend, die Wahl eines Volkes fehlzuleiten oder seinen Gehorsam schwankend zu machen: Martinas Ehrgeiz wurde durch mütterliche Liebe und wohl auch durch stiefmütterliche Eifersucht angeregt, und der alternde Gatte Heraklius war zu willensschwach, um den ehelichen Ränkespielen zu widerstehen. Konstantin, sein ältester Sohn, hatte, da er volljährig wurde, den Augustustitel erhalten; jedoch machte seine schwache Konstitution einen Kollegen und Aufpasser erforderlich, und so fügte er sich mit unterdrücktem Widerwillen in die Teilung des Reiches.

Der Senat wurde in den Palast beordert, um die Ernennung des Herakleonas, Martinas Sohn, zum Mitregenten zu begrüßen oder zu bezeugen (4. Juli 638). Die Krönung mit dem Diadem wurde durch die Gebete und Segenssprüche des Patriarchen geheiligt; die Senatoren und der Adel sanken vor der Majestät des großen Kaisers und seiner Mitregenten anbetend in den Staub; und sobald die Türen aufgestoßen waren, erschallte aus dem Munde der Krieger ein misstöniges, aber psychologisch wichtiges Jubelgeschrei. Nach fünf Monaten wurden die prunkstrotzenden Zeremonien, welche für das Wesen des byzantinischen Hofes nachgerade konstitutiv sind, in der Kathedrale der Hagia Sophia und im Hippodrom vollzogen (Januar 639). Die Eintracht der beiden Brüder wurde dadurch, dass der jüngere dem älteren am Arm hing, auf anrührende Weise sinnfällig gemacht; auch wurde Martinas Name durch spontane oder erkaufte Zurufe in das allgemeine Jubel-Geräusch eingestreut. Heraklius überlebte diese Feierlichkeiten nur noch um zwei Jahre; sein letzter Wille erklärte seine beiden Söhne zu gleichberechtigten Erben des Ostreiches und wies beide an, seine Witwe Martina als ihre Mutter und die Herrscherin des Reiches achten (11. Februar 641).

 

KONSTANTIN III – FEBRUAR 641

Als Martina zum ersten Male mit der Bezeichnung und den Insignien der königlichen Würde auf dem Throne erschien, trat ihr eine entschlossene, wenn auch durchaus respektvolle Opposition entgegen. Es waren allerdings nur abergläubische Vorurteile, die hier die verglimmenden Funken der Freiheit anbliesen. »Wir verehren,» rief die Stimme eines Bürgers, »wir verehren die Mutter unserer Herrscher. Aber nur ihnen schulden wir Gehorsam; und Konstantin, der Ältere, ist mittlerweile imstande, die Last des Szepters alleine zu tragen. Das weibliche Geschlecht ist von den Regierungsgeschäften von Natur aus verwiesen. Wie können sie denn die Barbaren bekämpfen, wie ihnen begegnen, wenn sie, in freundlichen oder feindlichen Absichten, sich der Kaiserstadt nähern? Möge der Himmel vom römischen Reich diese nationale Schande fernhalten, die selbst die langmütigen persischen Sklaven nicht zu ertragen vermöchten.» Martina stieg beschämt und empört die Thronstufen hernieder und suchte Zuflucht in dem Frauenflügel des Palastes.

Konstantins Regierung dauert nicht länger als einhundertdrei Tage. Er starb bereits in seinem dreißigsten Lebensjahr, und obwohl sein ganzes Leben eine einzige lange Krankheit gewesen war, gab man doch dem Verdacht Raum, dass Gift die Mittel und seine grausame Stiefmutter die Betreiberin seines vorzeitigen Todes gewesen seien.

 

HERAKLEONAS – 25. MAI 241

Zumindest aber erntete Martina die Früchte dieses Todesfalls und übernahm die Regierung in Kaisers Namen. Aber die Witwe des Heraklius, die in Blutschande gelebt hatte, war allgemein verhasst; die Eifersucht des Volkes erwachte, und die beiden Waisen, die Konstantin hinterlassen hatte, wurden zum Gegenstand der öffentlichen Fürsorge. Es nützte nichts, dass man Martinas Sohn, der nicht älter als fünfzehn Jahre alt war, beigebracht hatte, sich zum Vormund seiner beiden Neffen zu erklären, von denen er einen sogar über das Taufbecken gehalten hatte; er nützt nichts, dass er beim Holze des wahren Kreuzes schwor, sie vor ihren Feinden zu schützen. Der verstorbene Kaiser hatte auf seinem Totenbett einen getreuen Diener mit dem Auftrag abgefertigt, die Soldaten und Provinzen des Orients zur Verteidigung seiner hilflosen Kinder zu bewaffnen. Valentin hatte seine Beredsamkeit und seine Freigebigkeit mit gutem Erfolg wirken lassen, und so forderte er beherzt aus seinem Lager von Chalkedon die Bestrafung der Mörder und die Wiedereinsetzung der rechtmäßigen Erben. Die Zügellosigkeit der Soldaten, die die Trauben ihrer asiatischen Weingärten sowie deren Wein genossen, brachten die Städter von Konstantinopel gegen die Urheber dieser heimischen Kalamitäten auf, und so füllte sich die Kirche der Sophia nicht mit frommem Gebeten und Hymnen, sondern mit dem Geschrei und den Verwünschungen einer aufgebrachten Menge.

Auf ihren Befehl musste Herakleonas auf der Kanzel erscheinen, zusammen mit dem ältesten der königlichen Waisenkinder; einzig Constans wurde als der Kaiser der Römer begrüßt, und eine Goldkrone, die man vom Grabe des Heraklius entfernt hatte, wurde ihm unter dem feierlichen Segen des Patriarchen auf das Haupt getan. Doch während noch Freude und Empörung eine ganz eigene Gemengelage bildeten, wurde die Kirche geplündert und das Heiligtum durch eine Rotte von Juden und Barbaren besudelt; und der Monothelit Pyrrhus, eine Kreatur von Kaiserins Gnaden, legte auf dem Altar eine Protestation nieder und enteilte dann klüglich vor dem religiösen Grimme der Katholiken.

Ein ernsthafteres und blutigeres Geschäft blieb dem Senat aufgespart, der sich wegen der Eintracht zwischen Volk und Armee vorübergehend im Besitz einer gewissen Stärke befand. Der Geist der römischen Freiheit belebte auch die vergangenen, schlimmen Beispiele der Gerichtsbarkeit über die Tyrannen: feierlich wurden die Verbrecher auf dem Kaiserthron abgesetzt und als die Anstifter der Ermordung des Konstantin verurteilt. Aber die Strenge der versammelten Väter wurde befleckt durch die unterschiedslose Verurteilung von Schuldigen und Unschuldigen: Martina wurde die Zunge und Herakleonas die Nase abgeschnitten; und nachdem dieses grauenhafte Urteil wirklich vollzogen war, verbrachten beide den Rest ihrer Tage im Exil und im Vergessen (September 641). Die Griechen, welche noch des Nachdenkens fähig waren, konnten ein wenig Trost für ihre Knechtschaft finden, wenn sie den Missbrauch der Macht beobachteten, falls sie nur einmal für einen Augenblick in den Händen einer Aristokratie hängen geblieben war.

 

CONSTANS II – SEPTEMBER 641

Lauschen wir der Rede, die Constans II in seinem zwölften Lebensjahr vor dem Senat zu Byzanz hielt, so glauben wir uns schier um fünfhundert Jahre zurückversetzt in das Zeitalter der Antonine. Nachdem er seine Dankesschuld abgetragen hatte für die gerechte Bestrafung der Mörder, welche die schönsten Hoffnungen der Regierung seines Vaters zunichte gemacht hatten, fuhr er fort und sprach: »Durch die göttliche Vorsehung und durch eure gerechten Beschlüsse sind Martina und ihre inzestuöser Abkömmling von ihrem Throne niederwärts gestürzt. Eure Größe und Weisheit haben den römischen Staat davor bewahrt, zu einer gesetzlosen Tyrannis zu verkommen. Daher ermuntere ich euch, ja, ich bitte euch, in eurem Eifer als die Berater und Richter für die allgemeine Sicherheit fortzufahren.« Die respektvolle Anrede des jungen Herrschers sowie seine großzügigen Geschenke schmeichelten den Senatoren. Aber diesen verkommenen Griechen lag an der Freiheit nur noch wenig, im Grunde waren sie untauglich dazu; und im Gemüt des Kaiser verblasste der vorübergehende Eindruck dieser einen Stunde schon bald und wich den herrschenden Vorurteilen des Zeitalters sowie der Wirkmächtigkeit des zur Gewohnheit erstarrten Despotismus. Übrig blieb in ihm die eifersüchtige Besorgnis, dass Senat oder Volk irgendwann das Erstgeburtsrecht beschneiden und seinen Bruder zu gleichen Thronansprüchen erheben möchten.

Daher musste der Enkel des Heraklius durch Erteilung der Priesterweihe zum Tragen des Kaiserpurpurs disqualifiziert werden; doch schien selbst diese Zeremonie, die in der Tat ein Hohn auf die Sakramente der Kirche war, ungeeignet, das Misstrauen des Tyrannen zu beruhigen, und erst der Tod des Diakons Theodosius konnte sein Verbrechen sühnen, dass er von königlicher Geburt war. Seine Ermordung wurde durch die Verwünschungen des Volkes gerächt und der Mörder in der Fülle seiner Allmacht aus seiner Hauptstadt in ein freiwilliges und immerwährendes Exil verjagt. Constans segelte ab nach Griechenland; und er soll, als wolle er den verdienten Abscheu erwidern, von der Kaisergaleere gegen die Mauern seiner Heimatstadt gespuckt haben. Nachdem er den Winter in Athen zugebracht hatte, segelte er nach Tarent in Süditalien, suchte Rom auf und beschloss seine lange und durch Kirchenraub noch mehr entehrte Pilgerfahrt, indem er in Syrakus seinen bleibenden Aufenthalt wählte.

Indessen: Constans konnte durch seine Flucht zwar seinem Volke entkommen, nicht aber sich selbst. Sein bedrängtes Gewissen ließ ein Phantom entstehen, das ihm Tag und Nacht, zu Wasser und zu Lande zusetzte. Immer stand das Trugbild des Theodosius vor ihm, bot seinen Lippen einen Becher mit Blut und sagte oder schien zu sagen: »Trink, mein Bruder, trink!», was ein sicherer Hinweis auf eine noch schwerere Schuld war, da er aus den Händen des Diakons den geheimnisvollen Becher mit dem Blut Christi empfangen hatte. Sich selbst und der Menschheit ein Abscheu, verschied Constans in der Hauptstadt Siziliens an häuslichen oder episkopalen Intrigen. Ein Sklave, der im Bade aufwartete, übergoss seinen Kopf mit warmem Wasser und schlug dann kräftig mit dem Gefäß zu. Er stürzte zu Boden, betäubt vom Schlag und erstickt durch das Wasser; und seine Begleiter, die sich über sein langes Ausbleiben wunderten, betrachteten den Leichnam ihres Kaisers mit Seelenruhe. Die Truppen von Sizilien bekleideten mit dem Purpur einen unbekannten Jüngling, dessen unübertroffene Schönheit der zeitgenössischen Portraitkunst unerreichbar blieb und bei dem darniederliegenden Zustand der Mal- und Bildhauerkunst jener Zeiten naturgemäß auch sehr leicht unerreichbar bleiben musste.

 

KONSTANTIN IV POGONATUS – SEPTEMBER 668

Constans hatte in seinem Palast zu Byzanz drei Söhne zurückgelassen, von denen der älteste bereits in seinen Kinderjungen mit dem Purpur bekleidet worden war. Als der Vater sie auffordern ließ, zu ihm nach Sizilien zu kommen, behielten die Griechen diese wertvollen Unterpfänder ein und teilten ihm standhaft mit, dass seine Kinder Eigentum des Staates seien. Die Nachricht von seiner Ermordung gelangte fast übernatürlich schnell von Syrakus nach Konstantinopel, und der Älteste, Konstantin, erbte den väterlichen Thron, ohne den allgemeinen Hass mitzuerben. Mit Eifer und Bereitwilligkeit trugen seine Untertanen dazu bei, die Schuld und Dreistigkeit einer Provinz zu strafen, welche sich Volkes und Senates Rechte angemaßt hatte. Mit einer mächtigen Flotte segelte der junge Herrscher von Konstantinopel nach Syrakus. Leicht war der Tyrann von Syrakus überwunden, gerecht war seine Strafe, und sein anmutiges Haupt wurde im Hippodrom zur Schau gestellt; ich kann indessen nichts Lobenswertes an der Milde eines Herrschers entdecken, der aus einer Masse von Opfern auch den Sohn eines Patriziers verurteilte, weil dieser mit bitteren Tränen die Hinrichtung seines braven Vaters beweint hatte. Der Jüngling wurde kastriert; er überlebte diese Verstümmelung, und die Erinnerung an diese perverse Grausamkeit ist durch die Erhebung dieses Germanus zum Patriarchen und Heiligen verewigt worden.

Nach diesen blutigen Schlächtereien am Grabe seines Vaters kehrte Konstantin in die Hauptstadt zurück. Dass ihm während dieser sizilianischen Expedition der Bart gewachsen war, ward der griechischsprachigen Welt durch den ihm zugelegten vertraulichen Beinamen Pogonatus kundgemacht. Aber seine Regierung war wie die seines Bruders durch Bruderzwist beschmutzt. Seien Brüdern Heraklius und Tiberius hatte er den Augustustitel verliehen, was nichts als ein leerer Name war; denn beide mussten in der Ödnis des Palastes ein macht- und tatenloses Leben führen. Auf ihre heimliche Veranlassung näherten sich Truppen aus der anatolischen Provinz (Theme) der Stadt Konstantinopel von der asiatischen Seite, verlangten für das königliche Brüderpaar die Aufteilung und die Ausübung der obersten Herrschergewalt und hielten zur Unterstützung ihrer unbotmäßigen Forderung sogar ein theologisches Argument bereit. Sie wären Christen, so ließen sie sich vernehmen, rechtgläubige Katholiken und aufrichtige Verehrer der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit. Da nun drei gleiche Personen im Himmel seien, so sei es nur billig, dass auch drei gleiche Personen hienieden auf Erden seien.

Der Kaiser lud diese gelehrten Theologen zu einer freundschaftlichen Besprechung ein, bei welcher sie ihre Argumente dem lauschenden Senate vortragen mochten. Sie folgten der Einladung; allein, der Anblick ihrer in der Vorstadt Galata am Galgen baumelnden Körper machte ihre Kameraden geneigt, sich mit der Unteilbarkeit der Regierung des Konstantin anzufreunden. Letzterer verzieh seinen Brüdern, und es wurden sogar ihre Namen bei offiziellem Freudengeschrei mitgerufen; doch bei der Wiederholung – oder auch nur dem Verdacht – eines ähnlichen Vergehens wurden die verhassten Prinzen in Anwesenheit der in Konstantinopel zum 6. Ökumenischen Konzil versammelten Bischöfe ihrer Titel und ihrer Nasen beraubt. In seinen letzten Lebensjahren war es Pogonatus nur noch darum zu tun, dem Recht der Erstgeburt Gesetzeskraft zu verleihen: das Haar seiner beiden Söhne, Iustinian und Heraklius, wurde am Schrein von St. Peter geopfert als Symbol für die geistliche Adoption durch den Papst; doch nur der Ältere wurde in den Augustusrang erhoben, verbunden mit der Zusicherung der Nachfolge in der Regierung.

 

IUSTINIAN II. – SEPTEMBER 685

Nach dem Tode seines Vaters ward die römische Welt das Erbteil von Iustinian II. Der Name eines erfolgreichen Gesetzgebers wurde durch die Laster eines Jungen verunehrt, der seinen Namensvetter dadurch nachzuahmen versuchte, dass er ungeheuren Summen an überteuerte Bauvorhaben verschwendete. Seine Leidenschaften waren stark, sein Verstand schwach; und er war betrunken von einem idiotischen Stolz, weil ihm seine Geburt die Herrschaft über Millionen geschenkt hatte, von denen indessen nicht die kleinste Gemeinde ihn zum Dorfbürgermeister gewählt haben würde. Seine absoluten Günstlinge waren zwei Kreaturen, die menschlicher Empfindungen am wenigsten zugänglich waren, ein Eunuch und ein Mönch. Dem einen überließ er den Palast, dem anderen die Finanzen. Jener schlug die Kaisermutter mit der Geißel, jener hing säumige Steuerzahler an den Füßen über ein stark qualmendes Feuer. Seit den Tagen des Commodus und Caracalla waren römische Kaiser immer nur aus Furcht grausam gewesen; doch Iustinian, der sogar eine Art Charakter besaß, hatte an dem Leiden seiner Untertanen eine sadistische Freude und trotzte mindesten zehn Jahre lang ihrer Rache, bis sich endlich das Maß seiner Verbrechen erfüllt und ihrer Geduld erschöpft hatte.

Leontius, ein General von einiger Reputation, schmachtete seit drei Jahren zusammen mit einigen anderen verdienten und vornehmen Senatoren im dunklen Verlies: unvermittelt wurde er herausgeholt, um die Statthalterschaft über Griechenland anzutreten. Doch war diese Beförderung des tiefverletzten Mannes eher ein Zeichen der Verachtung als des Vertrauens von Seiten des Herrschers. Leontius, den seine Freunde zum Hafen geleiteten, bemerkte zu ihnen mit einem Seufzen, dass er wohl nur ein Schlachtopfer sei, das man geschmückt zum Altare führte und dass ihm der Tod unvermeidlich nachfolgen werde. Sie indessen wagten zu erwidern, dass der Lohn für einen mutigen Entschluss Ruhm und Regierung sein können, dass jede menschliche Klasse die Herrschaft dieses Monstrums verabscheue und zweihunderttausend Patrioten nur auf die Stimme ihres Anführers warteten. Man wählte die Nacht zu ihrer Befreiung.

Zuerst erschlugen die Verschworenen den Präfekten; dann wurden die Gefängnisse aufgebrochen. Die Anhänger des Leontius riefen in alle Straßen: »Christen, zu der heiligen Sophienkirche!» Und die wohlbedachte Losung des Patriarchen: »Dies ist der Tag des Herren!» war die Eröffnung einer aufrüttelnden Rede. Das Volk eilte aus der Kirche in das Hippodrom. Iustinian, zu dessen Verteidigung auch nicht ein einziges Schwert blank gezogen wurde, brachte man vor diese erbitterten Richter, die den augenblicklichen Tod des Verbrechers forderten. Doch Leontius, der bereits den Purpur trug, warf ein fast mitleidiges Auge auf den Sohn seines Wohltäters und den Nachfolger so mancher Kaiser, der sich vor ihm im Staube wälzte. Man schenkte Iustinian das nackte Leben. Die Abtrennung der Nase, vielleicht auch der Zunge wurde nicht ganz bis zum Ende geführt, und die glückliche Schmiegsamkeit der griechischen Sprache konnte ihm deshalb den Namen ›Rhinotmetos‹ (›Spaltnase‹) beilegen, und der verstümmelte Tyrann wurde an den Chersonae bei den Krim-Tartaren verbannt, einer verlassenen Kleinstadt, wohin Korn, Wein und Öl als kostbare Luxuswaren importiert werden mussten.

 

VERBANNUNG DES IUSTINIAN II. – 695-705

Auch hier, am Ende der Welt und nahe der skythischen Wildnis, hegte Iustinian immer noch eine hohe Meinung von seiner bedeutenden Abkunft und die Hoffnung auf eine Wiedereinsetzung. Tatsächlich erhielt er nach dreijähriger Verbannung die erfreuliche Nachricht, dass eine zweite Erhebung das ihm angetane Unrecht gerächt habe und Leontius seinerseits durch den Rebellen Apsimar – er gab sich allerdings den achtbaren Namen Tiberius – gestürzt und verstümmelt worden sei. Doch waren die Ansprüche eines aus dem regierenden Hause stammenden Herrschers für einen Thronräuber proletarischer Herkunft immer noch höchst bedenklich, und zusätzlich wurde sein Hass gegen Iustinian vermehrt durch die Beschwerden und Beschuldigungen der Chersoniten, die in den Aufführungen des Verbannten deutlich die Laster des Tyrannen hindurchschimmern sahen. Mit einem Haufen von Anhängern, die durch gemeinsame Hoffnungen oder gemeinsame Ausweglosigkeit an ihn gebunden waren, entfloh Iustinian aus jener Ödnis zu den Chazaren, einem tartischen Volksstamm, der seine Zelte zwischen Tanais und Borystenes aufgeschlagen hatte. Mitleidig und zugleich respektvoll nahm der Khan den königlichen Flüchtling bei sich auf: Phanagoria, einst eine reiche Stadt am asiatischen Ufer des Mäotis, wurde ihm als Residenz zugesprochen; und alle römischen Vorurteile ließ Iustinian fahren, als er sich mit der Schwester dieses Barbarenkönigs vermählte, die allerdings, wie ihr Name Theodora andeutet, das Sakrament der Taufe empfangen zu haben scheint.

Doch war der treulose Chazar für die Verlockungen des Byzantinischen Goldes nicht unempfänglich, und hätte Theodoras Gattenliebe den Verrat nicht offenbart, dann wäre ihr Gemahl entweder ermordet oder seinen Feinden ausgeliefert worden. Nachdem er eigenhändig die Emissäre des Khan erwürgt hatte, schickte Iustinian seine Frau zu ihrem Bruder zurück und schiffte sich auf das Schwarze Meer ein, um neue und treuere Bundesgenossen zu suchen. Sein Schiff wurde jedoch von einem heftigen Sturm angefallen, und einer seiner gottesfürchtigeren Gefährten gab ihm den gutgemeinten Rat, durch das Gelübde einer allgemeinen Amnestie – sollte er denn jemals wieder auf den Thron gelangen – die Gnade Gottes zu erwirken. »Vergebung?!» rief der gnadenferne Tyrann, »möge ich augenblicklich verderben, möge mich der Allmächtige in diesen Wogen begraben, wenn ich jemals einwilligen sollte, auch nur ein einziges Haupt meiner Feinde zu schonen.» Iustinian sprach diesen Frevel aus und lebte dennoch weiter, segelte in die Donaumündung, wagte sich in das Königslager der Bulgaren und mietete sich die Hilfe des Terbelis, eines heidnischen Eroberers, durch das Versprechen seiner Tochter und einer angemessenen Teilung der Schätze des Reiches.

Das Bulgarenreich dehnte sich bis an die Grenze zu Thrakien, und beide Herrscher belagerten Konstantinopel an der Spitze von fünfzehntausend Reitern. Apsimar entsetzte sich beim plötzlichen und durchaus feindlichen Erscheinen seines Feindes, dessen Kopf Chozar ihm versprochen hatte und dessen geglückter Flucht ihm noch unbekannt war. Nach einer Abwesenheit von zehn Jahren erinnerte man sich nur noch schwach an Iustinians Verbrechen, aber die hohe Geburt und die Kalamitäten des eigentlichen Herrschers beeindruckten die Volksmassen, die ja mit den jeweils regierenden Mächten fast nie zufrieden sind; und also wurde Iustinian durch die Machinationen seiner betriebsamen Anhänger schon bald wieder in die Stadt und den Palast eingeführt.

 

SEINE WIEDEREINSETZUNG UND SEIN TOD – 705-711

Durch die Belohnung seiner Verbündeten und die Rückberufung seiner Frau zeigte Iustinian tatsächlich Ansätze von Ehrgefühl und Dankbarkeit. Terbelis zog sich wieder mit seinen Bulgaren zurück, nachdem er sich verabredungsgemäß die Hälfte von einem Haufen Goldmünzen angeeignet hatte, die er zuvor mit seiner skythischen Peitsche abgemessen hatte. Aber niemals ist ein Gelübde pünktlicher erfüllt worden als der Racheschwur, den Iustinian während des Sturmes auf dem Schwarzen Meer getan hatte. Die beiden Thronräuber (die Kennzeichnung ›Tyrann‹ muss ich mir für den Sieger aufheben) wurden, der eine aus dem Palast, der andere aus dem Kerker in das Hippodrom geschleppt. Vor ihrer Hinrichtung wurden Leontius und Apsimar in Ketten vor dem Kaisersitz zu Boden geworfen; und Iustinian sah über eine Stunde lang den Wagenrennen zu, wobei er jeweils einen Fuß auf ihren Nacken stemmte, während das unstete Volk die passenden Psalmverse zitierte: »Du sollst auf die Ottern und Basilisken treten, und sollst deinen Fuß setzen auf Löwen und Drachen!»

Der allgemeine Abfall, den er ja bereits erfahren hatte, vermochte ihn – ähnlich wie Caligula – zu dem Wunsch, dass das römische Volk nur einen Kopf haben möge. Ich möchte indessen einwenden, dass einem ingeniösen Tyrannen ein solcher Wunsch nicht wohl ansteht, weil er dann nämlich seine Grausamkeit und Rachegelüste mit einem einzigen Hieb bedienen müsste und nicht mit den langsamen und abwechslungsreichen Foltern, die sich Iustinian für die Opfer seines Hasses ausgedacht hatte. Seine Perversität war unausschöpflich. Weder Tugenden im Privatleben noch Dienste am Staat konnte die Schuld eines tätigen oder auch nur passiven Gehorsams gegenüber einer bestehenden Regierung tilgen; während der sechs Jahre seiner zweiten Regierungsphase scheint er einzig Axt, Strick und Folter als die Werkzeuge der Königswürde gekannt zu haben. Den bittersten Hass jedoch widmete er den Chersoniten, welche ihn während seiner Verbannung verhöhnt und außerdem die Gesetze des Gastrechtes verletzt hatten. Die große Entfernung zu Konstantinopel hielt ihnen einige Verteidigungs- oder doch wenigstens Fluchtmöglichkeiten offen; und eine enorme Sondersteuer zur Ausrüstung der Flotte und Armee wurde Konstantinopel auferlegt. »Sie alle sind schuldig, sie alle müssen sterben,» war der wörtliche Befehl Iustinians.

Die blutige Ausführung dieses Befehls wurde seinem Günstling Stephan anvertraut, der sich durch seine Beinamen »Der Wilde» glänzend für diesen Auftrag empfahl. Doch selbst der wilde Stephan erfüllte die Vorgaben seines Herrschers nur in Maßen. Da sein Angriff zu schleppend vorgetragen wurde, hatte die große Mehrheit der Bewohner Gelegenheit, in das Landesinnere zu entweichen; und so musste sich der Diener seiner Rache damit begnügen, die Jugend beiderlei Geschlechts zu Sklaven zu machen, sieben vornehme Bürger lebendig zu verbrennen, zwanzig ins Meer zu stürzen, zweiundvierzig in Ketten zu legen, auf dass sie ihr Schicksal aus dem Munde des Herrschers erführen. Auf der Rückreise zerschmetterte die Flotte an den Felsenküsten von Anatolien; da lobte Iustinian das Schwarze Meer, das so viele Tausend seiner Untertanen und Feinde in einem gemeinschaftlichen Schiffsbruch verschlungen hatte. Aber der Tyrann dürstete immer noch nach Blut; und ein zweiter Feldzug gegen die Chersones wurde vorbereitet, die Reste der zum Untergang verurteilten Kolonie zu vernichten.

In der kurzen Zwischenzeit waren die Chersoniten in ihre Stadt zurückgekehrt, entschlossen, mit dem Schwert in der Hand zu sterben; der Khan der Chozaren mochte seinem verfluchten Schwager nicht länger beistehen; und die Exilanten aller Provinzen hatten sich in Tauris versammelt, wo Bardanes unter dem Namen Philippicus mit dem Purpur bekleidet wurde. Die Truppen Iustinians ihrerseits waren gleichermaßen unfähig und unwillig, das kaiserliche Racheverlangen zu bedienen und entzogen sich seinem Grimm durch Aufkündigung ihres Gehorsams: unter dem Kommando des neuen Kaisers segelte die Flotte unter besseren Vorzeichen nach Sinope und Konstantinopel zurück, wo sich jeder Mund und jede Hand bereit fanden, am Tod des Tyrannen mitzuwirken. Nun war er von allen Freunden und selbst von seiner barbarischen Leibwache verlassen, und der Hieb des Mörders, der ihn niederstreckte, wurde als eine Tat des Patriotismus und der Römertugend gerühmt. Sein Sohn Tiberius hatte in einer Kirche Zuflucht gesucht; seine betagte Großmutter bewachte die Tür; und der unschuldige Jüngling hatte sich die eindrucksvollsten Reliquien um den Nacken geschlungen und umfasste mit der einen Hand den Altar und mit der anderen das Holz des wahren Kreuzes. Aber die Volkswut, die es sogar wagt, auf den Aberglauben einzutreten, ist für die Stimme der Humanität taub; und so erlosch nach einhundert Jahren Herrschaft die Dynastie des Heraklius.

 

PHILIPPICUS – DEZEMBER 711

Der kurze, nur sechsjährige Zeitraum zwischen dem Untergang der herakleischen und dem Emporkommen der isaurischen (syrischen) Dynastie weist drei Regierungen auf. Bardanes oder Philippicus wurde in Konstantinopel umjubelt als der Held, welcher sein Land von einem Tyrannen befreit hatte; und er hat bei diesen ersten allgemeinen und aufrichtigen Freudenbekundungen wohl auch selbst einige Momente des Glückes durchlebt. Iustinian hatte einen beachtlichen Schatz hinterlassen, die Beute von Raub und Erpressung: doch wurde dieser nutzbringende Fund von seinem Nachfolger rasch und sinnlos verpulvert. So unterhielt anlässlich seines Geburtstages Philippicus die Volksmassen im Hippodrom mit Spielen; von dort zog er mit tausend Fahnen und Trompetern im Gefolge durch die Straßen der Stadt, erquickte sich dann im Zeuxippus-Bad und erfreute nach seiner Rückkehr in den Palast die Großen der Krone mit einem ausufernden Bankett. Zur Mittagsstunde zog er sich, betäubt von Wein und Schmeicheleien, zum Schlafen zurück und vergaß darüber, dass sein Beispiel jeden Untertanen ehrgeizig gemacht hatte und dass jeder Ehrgeizige insgeheim sein Feind war.

Einige kühne Verschwörer hatten sich während des Festtrubels in den Palast eingeschlichen; und der schlummernde Monarch wurde überrumpelt, gebunden, er wurde geblendet und vom Thron gestoßen, bevor er sich überhaupt einer Gefahr bewusst war. Aber die Verräter wurden ihrer Beute nicht froh, denn in freier Wahl hatten der Senat und das Volk Artemius von seinem Amt als Geheimsekretär des vorigen Kaisers auf den Thron erhoben (4. Juni 713). Er nannte sich Anastasius II und legte in einer kurzen und aufgewühlten Regierung Talent für die Geschäfte des Frieden und des Krieges an den Tag. Doch war nach dem Untergang der kaiserlichen Dynastie das eherne Gesetz des Gehorsams einmal durchbrochen, sodass jede Veränderung zugleich den Keim zu neuerlicher Umwälzung in sich trug: im Verlaufe einer Flottenmeuterei wurde ein ganz subalterner Finanzbeamter gegen seinen Willen und fast schon unter Zwang mit dem Purpur investiert; nach ein paar Monaten Seekrieg legte Anastasius das Szepter nieder, und der Sieger, Theodosius III, unterwarf sich seinerseits der Überlegenheit des Leo, Feldherren und Oberbefehlshabers der orientalischen Armee (Januar 716).

Seinen beiden Vorgängern erlaubte man, einen geistlichen Beruf auszuüben; rastlose Ungeduld verführte Anastasius zu einem heiklen Unternehmen, das ihn das Leben kostete; doch waren die letzten Tage des Theodosius ehrbar und wohl behütet. Ein einziges, erhabenes Wort, das er seinem Grabstein einmeißeln ließ, SEELENHEIL, bringt sein auf Religion oder Philosophie gegründetes Grundvertrauen zum Ausdruck; und die Legenden der von ihm bewirkten Wunder hatten im Volke von Ephesos noch lange Bestand. Diese willkommene Zuflucht unter den Schirm und Schutz der Kirche mag geeignet sein, milde Gesinnungen einzuflößen. Doch sollte man hier auch fragen, ob es den Nutzen des Ganzen mehrt, die gefährlichen Folgen von fehlgeschlagenem Ehrgeiz auf solche Weise abzufedern.

 

LEO III, DER ISAURIER – 25. MÄRZ 718

Ich habe den Untergang eines Tyrannen beobachtet; nur kurze Zeit werde ich dem Begründer einer neuen Dynastie widmen, welchen die Nachwelt nur aus den Verleumdungen seiner Feinde kennt und dessen öffentliches und privates Leben in die Geschichte der Ikonoklasten (»Bilderstürmer») involviert ist. Trotz des Lärms, den der Aberglauben gegen Leo den Isaurier veranstaltet hat, lassen sich mit gutem Grund aus seiner obskuren Herkunft und der Dauer seiner Regierung Vermutungen zugunsten der Persönlichkeit Leos des Isauriers anstellen. –

I. In einer Zeit männlichen Mutes würde die Aussicht auf einen Herrscherthron alle Kräfte des Geistes angestrengt und eine Anzahl Mitbewerber auf den Plan gerufen haben, die ebenso begierig nach der Herrschaft wie ihrer würdig gewesen wären. Aber selbst bei der Schwäche und der Auflösung, in dem sich die Griechen damals befanden, kann man bei einem Plebejer, der sich von der untersten zur höchsten Stufe der Gesellschaft emporgearbeitet hat, einige Fähigkeiten voraussetzen, die weit über dem Durchschnitt der Allgemeinheit liegen. Vermutlich verstand Leo nichts von spekulativen Theorien oder sie kümmerten ihn nicht; auch mochte er, da er sein Glück verfolgte, sich von den Geboten der Güte und Gerechtigkeit lossagen; dennoch müssen wir ihm nützliche Eigenschaften wie Klugheit und Standfestigkeit, Menschenkenntnis und endlich die wichtige Kunst zuschreiben, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und ihre Leidenschaften zu steuern.

Man ist sich einig, dass Leo aus Isaurien stammt und ursprünglich Konon hieß. Die Schriftsteller, deren missglückte Satire-Versuche unversehens zum Lob werden, wissen ihn uns als einen vagabundierenden Landfahrer zu schildern, der mit einem Esel, beladen mit dürftigem Geraffel, auf Jahrmärkten zog und dort Handel trieb; sie erzählen sogar die alberne Geschichte, dass er auf dem Wege ein paar jüdische Wahrsager getroffen habe, die ihm das römische Reich versprachen, unter der Voraussetzung allerdings, dass er die Götzenverehrung abschaffe. Glaubwürdiger ist da die Erzählung, dass sein Vater aus Kleinasien nach Thrakien ausgewanderte, um dort den einträglicheren Viehhandel zu betreiben; und er muss es damit zu einigem Reichtum gebracht haben, da wir seinem Sohn zum ersten Male begegnen, als er fünfhundert Stück Schafe in das kaiserliche Heerlager auslieferte. Seinen ersten Militärdienst verrichtete er in der Leibwache Iustinians, wo er schon bald die Aufmerksamkeit und dann allmählich den Argwohn des Tyrannen auf sich zog. Sein Mut und sein Können zeichneten sich besonders im Krieg gegen die Kolcher aus; Anastasius übertrug ihm das Kommando über die anatolische Legion und wurde durch die Stimme seiner Soldaten und unter dem Beifall der römischen Welt auf den Kaiserthron erhoben.

II. Auf dieser heiklen Höhe verstand Leo III sich gegen den Neid seiner Mitkämpfer zu behaupten, ebenso gegen die Unzufriedenheit einer mächtigen Faktion und die Angriffe auswärtiger und inländischer Feinde. Die Katholiken, die seine religiösen Neuerungen zurückweisen, müssen gleichwohl zugeben, dass er sie mit Zurückhaltung begonnen und mit Festigkeit vollendet habe. Mit ihrem Stillschweigen anerkennen sie die Klugheit seiner Mapnahmen und die Reinheit seiner Aufführungen. Leo starb nach einer Regierungszeit von sechsundzwanzig Jahren friedlich im Palast von Konstantinopel, und der Purpur, den er sich erworben hatte, ging durch das Erbfolgerecht bis in die dritte Generation über.

 

KONSTANTIN V. KOPRONYMOS – 18. JUNI 748

Während einer langen, sechsunddreißigjährigen Regierung ging der Sohn und Nachfolger von Leo, Konstantin V, bedacht mit dem Ekelnamen Kopronymos (›Kot-Name‹), nicht weniger heftig gegen die Bilder oder Idole der Kirche vor. Deren Verehrer haben alle Bitterkeit religiöser Galle bis zur Neige ausgeschöpft, als sie das Portrait dieses gefleckten Panthers und Antichristen entwarfen, dieses fliegenden Drachen aus der Brut der Schlange, dessen Verruchtheit die eines Nero und Elagabal noch weit übertraf. Seine Regierung war ein einziges Gemetzel von alledem, was im Reich nur irgend edel, heilig oder unschuldig war. In höchsteigener Person war der Kaiser bei der Hinrichtung seiner Opfer zugegen, labte sich an ihren Todeskämpfen, lauschte ihrem Stöhnen und löschte, ohne jemals zu einem Ende zu kommen, seinen Blutdurst. Eine Schüssel mit abgehackten Nasen war immer ein willkommenes Geschenk, und sein Hauspersonal peitschte er aus, wenn er es nicht gar eigenhändig verstümmelte. Seinen Beinamen hatte er erhalten, weil er das Taufbecken verunreinigt hatte. Dem Kleinkind mochte man so etwas durchgehen lassen; aber die diversen Vergnügungen des Kopronymos setzten ihn noch unter das Tier hinab; seine Wollust verwischten sogar die ewigen Unterschiede der Geschlechter und Arten, und die den Menschen widerlichsten Dinge schienen ihm ein ganz besonderes Vergnügen zu bereiten.

Im Hinblick auf seine Religion war dieser Ikonoklast ein Ketzer, ein Jude, ein Moslem, ein Heide und ein Atheist; und sein Glaube an eine unsichtbare Macht erwies sich besonders in seinen magischen Ritualen, Menschenopfern und nächtlichen Weihegaben an Venus und die anderen Dämonen der Vorzeit. Sein Leben war mit den gegensätzlichsten Schandtaten besudelt, und die Geschwüre seines Leibes gaben ihm schon vor seinem Tode einen Vorgeschmack auf künftige Höllenqualen.

Von diesen Beschuldigungen, die ich hier mit viel Langmut abgeschrieben habe, erledigt sich ein Teil durch ihre Absurdität von selbst, wie sich überhaupt in den Anekdoten aus dem privaten Umfeld von Herrschern die Lügen umso leichter einschleichen, als ihre Aufdeckung schwieriger ist. Ohne mir den gefährlichen Grundsatz zu Eigen zu machen, dass dort, wo viel beschuldigt wird, auch immer etwas Wahres sein muss, glaube ich feststellen zu können, dass Konstantin V. grausam und ausschweifend war. Verleumdung neigt eher zur Übertreibung als zur Erfindung; zuweilen auch wird ihre flinke Zunge durch den Kenntnisstand des von ihr angesprochenen Zeitalters und Landes ein wenig zurück gehalten. Die Zahl der Bischöfe und Mönche, der Feldherren und der Magistratspersonen, die seiner Regierung zum Opfer fielen, ist schriftlich fixiert, ihre Namen waren bekannt, ihre Hinrichtungen waren öffentlich und ihre Verstümmelungen waren sichtbar und dauerhaft. Die Katholiken hassten die Person und die Regierung des Kopronymos, doch ist ihr Hass zugleich ein Beweis für ihre Unterdrückung. Sie verschweigen uns zwar die Anlässe, die seine Strenge hätten entschuldigen oder veranlassen können, aber selbst diese Anlässe mussten allmählich seinen Grimm groß und sein Gefühl abgestumpft machen im Gebrauch oder im Missbrauch des Despotismus.

Und dennoch mangelte es dem fünften Konstantin nicht an Verdiensten, noch verdiente seine Verwaltung dauerhaft die Verwünschungen oder Verachtung der Griechen. Den Eingeständnissen seiner Gegner entnehme ich, dass er ein altes Aquädukt instand setzen ließ, dass er zweitausendfünfhundert Gefangene freikaufte, ich höre von dem ungewöhnlichem Wohlstand und von neuen Kolonen, mit denen er Konstantinopel und die Städte Thrakiens wieder bevölkerte. Widerstrebend rühmen sie sein Handeln und persönlichen Mut; im Felde ritt er an der Spitze der Legion, und wenn ihm auch das Kriegsglück nicht immer zur Seite stand, war er doch oft siegreich, zu Lande und zu Wasser, am Euphrat und an der Donau, im Bürger- oder auswärtigen Krieg. Das Lob aus dem Munde der Ketzer muss immer in die Wagschale geworfen werden als Gegengewicht zu den Schmähungen der Orthodoxie. Die Ikonoklasten rühmten seine Herrschertugenden; vierzig Jahre nach seinem Tode beteten sie nach wie vor am Grabe des Heiligen. Eine Wunder-Vision breitete sich aus, sei es durch Blindgläubigkeit, sei es durch Betrug: der christliche Held erzeigte sich auf einem Pferde, weiß wie Milch, und schwang die Lanzen wider die Heiden Bulgariens. Dazu der katholische Historiker: »Ein müßiges Märchen: Kopronymos liegt doch im tiefsten Höllenschlund an die Dämonen gefesselt.»

 

LEO IV – 14. SEPTEMBER 775

Leo IV, der Sohn des fünften und der Vater des sechsten Konstantin, war an Geist und Körper gleich schwächlich, und die einzige Sorge seiner Regierung war die Bestallung eines Nachfolgers. Das emsige Drängen seiner Untertanen verlangte nach dem jungen Konstantin zum Mitregenten, und der Herrscher, der seine Kräfte schwinden spürte, gab nach einer schicklichen Bedenkzeit ihren einmütigen Wünschen nach. Das fünfjährige Kaiserkind wurde zusammen mit seiner Mutter Irene gekrönt; und die Zustimmung des Volkes wurde durch jedwede Art von Pomp und Lustbarkeit eingeholt, die nur irgend die Augen der Griechen blenden oder ihr Gewissen binden konnte. Im Palast, der Kirche oder dem Hippodrom ließ man die verschiedenen Stände einen Treueeid schwören im heiligen Namen des Sohnes und der Mutter Gottes. »Sei unser Zeuge, o Christus, dass wir über das Heil Konstantins, Leos Sohn, wachen, dass wir unser Leben seinem Dienste weihen und ihm und seinen Nachfolgern wahrhaft treu sein wollen.» Sie schworen diesen Eid auf das Holz des wahren Kreuzes, und ihre Huldigungsurkunden wurden auf dem Sophienaltar niedergelegt.

Die Ersten, die diesen Eid schworen und die Ersten, die diesen Eid brachen, waren die fünf Söhne des Kopronymos aus dessen zweiter Ehe. Die Geschichte dieser Prinzen ist bizarr und sie ist tragisch. Das Erstgeburtsrecht schloss sie von der Thronfolge aus; durch Rechtsbruch wurden sie von ihrem älteren Bruder um ihren Erbteil von etwa zwei Millionen Pfund Sterling betrogen; ein paar leere Titel waren für sie kein Ausgleich für ihren Verlust an Reichtum und Macht; und so verschworen sie sich mehrfach gegen ihren Stiefbruder, bereits vor und auch noch nach dem Tode seines Vaters. Ihr erster Versuch wurde ihnen verziehen; da sie es ein zweites Mal unternahmen, wurden sie zum geistlichen Stande verurteilt; und wegen ihres dritten Verrates verlor der älteste und schuldigste, Nikephoros, sein Augenlicht, während seine vier Brüdern Christopherus, Niketas, Anthemeus und Eudoxas milder bestraft wurden, indem man ihnen lediglich die Zunge herausschnitt. Nach fünf Jahren Haft entkamen sie in die Sophienkirche und boten dem Volke ein rührendes Schaustück: »Mitbürger und Christen,» rief Nikephorus für sich und seine stummen Brüder, »seht die Söhne des Kaisers, wenn ihr ihre Züge denn in diesem erbärmlichen Zustand wieder erkennt. Das Leben, ein miserables Leben, das ist alles, was uns die Bösartigkeit unseres Feindes gelassen hat. Nun ist auch dies bedroht, und jetzt wenden wir uns flehend an euer Mitleid.»

Vielleicht hätte das entstehende Murren eine Revolte ausgelöst, wenn nicht ein anwesender Minister dem entgegen getreten wäre, der die Unglücklichen durch gute Worte und Versprechen besänftigte und sie dann sanft aus dem Heiligtum und zum Palast geführt hätte. In Eile wurden sie nach Griechenland eingeschifft und Athen zu ihrem Exilort bestimmt. Selbst in diesem stillen Aufenthalt und in ihrer hilflosen Lage litten Nikephoros und seine Brüder immer noch unter Machthunger und erlagen der Versuchung eines slawischen Stammeshäuptlings, der sich erboten hatte, ihr Gefängnis zu erbrechen und sie gewappnet und in Purpur bis vor die Tore von Konstantinopel zu führen. Doch es kam das Volk von Athen, das immer Partei für Irene genommen hatte, ihrer großen Gerechtigkeit oder ihrer Rache zuvor, und so stürzten die fünf Söhne des Kopronymos in ewiges Dunkel und Vergessen.

 

KONSTANTIN VI. UND IRENE

Jener Kaiser hatte zu seiner eigenen Gemahlin eine Ausländerin gewählt, die Tochter des Khan der Chozaren; für seinen Erben zog er indessen eine athenische Jungfrau vor, eine siebzehnjährige Waise, deren einziges Vermögen ihre persönlichen Vorzüge gewesen sein müssen. Die Hochzeit von Leo und Irene wurde mit königlicher Prachtentfaltung begangen; schon bald hatte sie die Liebe und das Vertrauen ihres schwächelnden Gemahls erworben, und in seinem Testament ernannte er die Kaiserin zum Vormund der römischen Welt und ihres Sohnes Konstantin VI, der erst zehn Jahre alt war. Während seiner Kindheit erfüllte Irene zusammen mit ihrer Staatsverwaltung auch ihre Pflichten als treusorgende Mutter mit Geschick und Eifer, und der Nachdruck, mit dem sie die Wiederherstellung der Ikonen betrieb, hat ihr zu Namen und Verehrung einer Heiligen verholfen, den sie auch heute noch im griechischen Kalender innehat.

Doch mittlerweile war der Kaiser herangewachsen; das mütterliche Joch ward ihm sauer; und so lieh er den gleichaltrigen Freunden Gehör, welche seine Vergnügungen mit ihm teilten und auch seine Macht teilen wollten. Ihre Gründe überzeugten ihn von seinem Recht auf die Regierung und ihr Lob von seinem Talent dazu; und also willigte er ein, Irenes Verdienste durch eine immerwährende Verbannung nach Sizilien zu belohnen. Aber ihre Wachsamkeit und ihr durchdringender Scharfsinn enthüllten schon bald diese unbedachten Entwürfe. Eine ähnliche oder noch schwerere Strafe wurde über diese und ihre Ratgeber verhängt; den undankbaren Prinzen jedoch züchtigte Irene wie einen bösen Buben.

Nach diesen Vorkommnissen standen Mutter und Sohn an der Spitze zweier interner Parteien, und an die Stelle von sanft lenkender Einflussnahme und freiwilligem Gehorsam führte sie ihren Sohn wie einen Gefangenen und einen Feind gleichsam in Ketten. Der Missbrauch ihres Sieges aber war es, der schließlich ihren Sturz herbeiführte; der Treueeid, den sie nur für sich allein einforderte, ward nur mit widerstrebendem Murmeln abgelegt; und die kühne Verweigerung der armenischen Wache gab Anlass zu der freien und allgemeinen Erklärung, dass Konstantin VI der gesetzmäßige Kaiser der Römer sei. In dieser Eigenschaft bestieg er seinen ererbten Thron und entließ Irene zu einem einsamen und stillen Leben. Da nahm ihr hochfliegender Geist Zuflucht zu täuschend geübter Verstellung: sie sagte den Bischöfen und Eunuchen Schmeichelworte, belebte die kindliche Liebe des Prinzen, gewann erneut sein Vertrauen und missbrauchte seine Arglosigkeit.

Konstantin fehlte es nicht an Verstand und Mut, doch war seine Erziehung vorsätzlich vernachlässigt worden; und seine ehrgeizige Mutter überantwortete der öffentlichen Kritik die Fehler, die sie in ihm genährt und die Handlungen, zu denen sie ihn angehalten hatte: seine Scheidung und seine zweite Eheschließung kränkte die Vorurteile des Geistlichkeit, und durch unangemessene Strenge verspielte er die Zuneigung seiner armenischen Leibwache. Eine große Verschwörung bildete sich, um Irene neuerlich zu inthronisieren; und dieses Geheimnis konnte, obgleich sehr viele Personen eingeweiht waren, über acht Monate treu bewahrt werden, bis der Kaiser, der die Gefahr irgendwie ahnte, aus Konstantinopel floh in der Absicht, die Provinzen und die Legionen anzurufen. Diese hastige Flucht brachte die Kaiserin an den Rand des Abgrundes; ehe jedoch Irene ihren Sohn um Gnade anflehte, schickte sie eine geheime Depesche an Freunde, die sie in seiner Umgebung platziert hatte und drohte, dass, wenn jene ihren Hochverrat nicht vollendeten, sie selbst ihn offenbaren müsse. Furcht machte sie tollkühn; sie ergriffen den Kaiser am asiatischen Ufer und brachten ihn zum Palast in das Purpurzimmer, in welchem er zuerst das Licht der Welt erblickt hatte.

In Irenes Seele hatte der Ehrgeiz jedes Gefühl für Menschlichkeit und Mütterlichkeit abgetötet; und so wurde in ihren Blutrat beschlossen, ihren Sohn Konstantin zum Regieren unfähig zu machen. Die mit der Tat Beauftragten überfielen den schlafenden Herrscher und stießen ihre Dolche mit solcher Wucht und Hast in die Augen, als gelte es, einen Mordbefehl auszuführen. Infolge einer mehrdeutigen Stelle bei Theophanes sind die Kirchenhistoriker zu der Überzeugung gelangt, dass dieses barbarische Verbrechen sofort zum Tod führte. Die Katholiken hat die Autorität des Baronius in die Irre geführt; und auch die Anhänglichkeit der Protestanten für die Beschützerin der Bilder hat sie die Worte des Kardinals nachsprechen lassen. Jedoch lebte der blinde Sohn der Irene noch manches Jahr, vom Hof kaltgestellt und von der Welt vergessen; die isaurische Dynastie erlosch in aller Stille; und die Erinnerung an Konstantin lebte nur noch einmal auf, nämlich am Tage der Vermählung seiner Tochter Euphrosyne mit dem Kaiser Michael II.

 

IRENE – 19. AUGUST 792

Noch die verlogenste Orthodoxie hat diese widernatürliche Mutter verflucht, die in der Geschichte der Verbrechen nicht ihresgleichen hat. Der Aberglauben hat auf ihre Bluttat eine siebzehntägige Finsternis folgen lassen; in dieser Zeit kamen zur Mittagszeit viele Schiffe von ihrem Kurs ab, als ob die Sonne, dieser gigantische und so weit entfernte Feuerball, Mitleid mit den Atomen eines sie umlaufenden Planeten haben würde! Auf Erden indessen blieb das Verbrechen der Irene fünf Jahre lang ungesühnt; ihre Regierung entfaltete nach außen hin vielen Glanz; und solange sie die Stimme ihres Gewissens zum Schweigen bringen konnte, vernahm sie auch nicht die Vorwürfe der Menschheit, geschweige denn, dass sie sich hätte davon beeindrucken lassen. Die römische Welt beugte sich der Regentschaft einer Frau; und wenn sie durch die Straßen von Konstantinopel zog, dann wurden die Zügel der vier schneeweißen Stuten von ebenso vielen Patriziern geführt, die dem goldenen Wagen ihrer Königin zu Fuß vorangingen.

Diese Patrizier waren mehrheitlich Eunuchen, und ihr schwarzer Undank rechtfertigte zumindest in diesem Falle den Zorn und die Verachtung des Volkes. Emporgehoben aus dem Staube, mit Reichtum und höchsten Staatswürden versehen, verschworen sie sich in niederträchtiger Weise gegen ihre kaiserliche Wohltäterin. Der Großschatzmeister wurde insgeheim mit dem Purpur bekleidet, dann als ihr Nachfolger in den Palast eingeführt und von dem gekauften Patriarchen in der Hagia Sophia gekrönt. Bei ihrer ersten Zusammenführung sprach die Kaiserin nicht ohne eine gewisse Würde vom Auf und Ab ihres Lebens, rügte gelinde die Treulosigkeit des Nikephoros, ließ durchblicken, dass er nur ihrer mildtätigen Arglosigkeit sein Leben zu danken habe, und bat schließlich nur noch um eine angemessene und ehrenhaften Apanage als Entgelt für den Thron und die Schätze, die sie ihm hiermit abtrete. Seine Habgier gönnte ihr selbst dieses bescheidene Auskommen nicht; und so musste die Kaiserin auf der Insel Lesbos, ihrem Verbannungsort, sich ihren kargen Lebensunterhalt durch die Arbeit ihres Spinnrades verdienen.

 

NIKEPHOROS – 31. OKTOBER 802

Es haben unbestritten Tyrannen gelebt mit größerer krimineller Begabung als Nikephoros, aber vermutlich war keiner darunter, der sich den allgemeinen Abscheu seines Volkes redlicher verdient hätte. Sein Charakter war mit drei der übelsten Laster besudelt, der Heuchelei, dem Undank und der Habgier: und sie wurden auch durch kein einziges überdurchschnittliches Talent und sein Mangel an Talent durch keine einzige erfreuliche Eigenschaft kompensiert. Nikephoros war unbegabt und glücklos in Kriegsdingen: die Sarazenen schlugen ihn und die Bulgaren erschlugen ihn; und in der öffentlichen Meinung war der Untergang einer römischen Armee kein zu hoher Preis für seinen Tod.

 

STAURAKIOS – JULI 811

Sein Sohn und Erbe entkam dem Schlachtfeld, tödlich verwundet; doch reichten sechs Monate eines erlöschenden Lebens hin, um seine unkluge, wenn auch vom Volk mit Wohlgefallen aufgenommene Zusicherung zu widerlegen, dass er in allen seinen Maßnahmen dem Vorbild seines Vaters nicht folgen werde. In der Erwartung seines baldigen Todes wurde der Hofgroßmeister Michael, der mit seiner Schwester verheiratet war, von jedermann in der Stadt und im Palast als Nachfolger genannt, seinen eifersüchtigen Schwager ausgenommen. Außerstande, das Szepter ganz loszulassen, das allmählich seiner Hand entglitt, verschwor er sich gegen das Leben seines Nachfolgers und heckte sogar Pläne, das römische Reich zu einer Demokratie zu machen. Doch waren diese unklugen Pläne allenfalls geeignet, das Volk in Erregung zu versetzen und die letzten Skrupel seines Gegners zu beseitigen: Michael I. nahm den Purpur an, und bevor der Sohn des Nikephoros ins Grab sank, sah er sich sogar noch genötigt, die Gnade seines neuen Herren zu erflehen.

 

MICHAEL I. RHANGABE – 2. OKTOBER 811

Hätte Michael in Friedenszeiten einen geerbten Thron bestiegen, so möchte er wohl als Vater des Volkes regiert haben und gestorben sein; aber seine sanften Tugenden passten eher für das stille Los eines Privatmannes; auch war er nicht in der Lage, den Ehrgeiz seiner früheren Standesgenossen zu dämpfen oder den Waffen der sieggewohnten Bulgaren zu widerstehen. Während seine fehlende militärische Begabung und die ausbleibenden Erfolge ihm die Verachtung der Soldaten einbrachte, erregte der Mannesmut seiner Gattin Prokopia sogar ihren Zorn. Selbst die Griechen des IX Jahrhunderts fühlten sich herausgefordert durch die Verwegenheit eines Weibes, welches es sich herausnahm, an der Spitze der Mannschaften ihre Manöver zu lenken und ihren Mut zu befeuern. Und so veranlasste ihr wütendes Protestgeschrei die neue Semiramis, die Würde eines römischen Militärlagers zu respektieren.

Nach einem unglücklich verlaufenem Feldzug ließ der Kaiser die übelgelaunte Armee im thrakischen Winterlager zurück, unter dem Oberbefehl allerdings seiner persönlichen Feinde, die denn ja auch die Krieger mit schlauer Beredsamkeit dazu bewegten, die Herrschaft der Eunuchen zu brechen, den Gemahl der Prokopia abzusetzen und ihr Recht auf eine militärische Kaiserwahl auszuüben. Sie rückten gegen die Hauptstadt vor; doch Klerus, Senat und Volk von Konstantinopel standen für die Sache Michaels, und die Truppen und die Schätze Asiens hätten die Nöte des Bürgerkrieges verlängern können; doch seine Menschlichkeit – Ehrgeizlinge nennen so etwas allerdings ›Schwäche‹ – wollte es nicht leiden, dass auch nur ein Tropfen Christenblut um seinethalben vergossen werde, und deshalb überreichten seine Boten die Schlüssel der Stadt und des Palastes den Siegern. Sie wurden durch seine Unschuld und Unterwerfung gleichsam entwaffnet, schonten sein Leben und sein Augenlicht, und der kaiserliche Mönch genoss noch zweiunddreißig Jahre lang, nachdem er den Purpur abgelegt und sich von seiner Frau getrennt hatte, die Tröstungen der Einsamkeit und der Religion.

 

LEO DER ARMENIER – 11. JULI 813

Ein Rebell aus der Zeit des Nikephoros, der berühmte und glückverlassene Bardanes, wurde einst durch Neugierde bestimmt, einen asiatischen Wahrsager zu befragen; dieser sagte ihm, nachdem er ihm selbst zunächst den Untergang angekündigt hatte, das Schicksal seiner drei wichtigsten Feldherren vorher: Leo des Armeniers, Michael des Phrygiers und Thomas des Kappadokiers mit der Ergänzung, dass die beiden erstgenannten auf einander in der Regierung folgen, des letzteren Unternehmung jedoch fehlschlagen und ihn das Leben kosten würde. Die Prophezeiung wurde durch die Ereignisse bestätigt oder vielmehr: durch sie erzeugt. Als nämlich nach zehn Jahren das thrakische Winterquartier den Gemahl der Prokopia fallen ließ, wurde eben diesem Leo die Krone angetragen, dem Ersten innerhalb der militärischen Hierarchie und dem heimlichen Urheber der Meuterei. Als er sich zunächst noch etwas zierte, sprach sein Mitverschworener Michael zu ihm wie folgt: »Mit diesem Schwert werde ich die Tore von Konstantinopel öffnen oder es dir ohne Verzug durch die Brust stoßen, wenn du dich weiterhin den berechtigten Forderungen deiner Kameraden widersetzt.»

Zur Belohnung für seine Nachgiebigkeit erhielt der Armenier das Reich, welches er sieben und ein halbes Jahr unter dem Namen Leo V. beherrschte. Aufgewachsen unter Kriegern und mit den Gesetzen ebenso unbekannt wie mit den Wissenschaften, führte er in die Zivilverwaltung die rauen und zuweilen sogar brutalen Gepflogenheiten der militärischen Zucht ein, und wenn seine Strenge dem Unschuldigen bisweilen heikel war, so war sie den Schuldigen stets furchtbar: Seine Unzuverlässigkeit in Religionsfragen hatte ihm den Spottnamen ›Chamäleon‹ eingebracht, doch haben Katholiken selbst und außerdem durch die Person eines Heiligen bekannt, dass das Leben dieses Ikonoklasten zumindest für den Staat von Nutzen gewesen sei. Der Ehrgeiz seines Freundes Michael wurde mit Donationen, Ehrungen und hohen Kommandostellen ruhiggestellt und seine schmalen Begabungen mit Erfolg für das Gemeinwohl nutzbar gemacht. Aber der Phrygier war damit übel zufrieden, nur gnadenhalber einen so kleinen Teil von der kaiserlichen Beute zu erhalten, die er einst seinem Mitgenossen verschafft hatte; und seine Unzufriedenheit, die sich zuweilen noch in unbedachten Schmähreden Luft machte, wurde allmählich immer drohender und feindseliger und nannte ihn endlich einen undankbaren Tyrannen. Dieser Tyrann jedoch ertappte und verwarnte und entließ seinen alten Waffengefährten mehrfach ungeschoren, bis endlich Furcht und Erbitterung stärker wurden als Dankbarkeit; nach eine genauen Untersuchung seiner Entwürfe wurde Michael des Hochverrates überführt und dazu verurteilt, in dem Badeofen der Privatbäder lebendig verbrannt zu werden.

Die fromme Menschenfreundlichkeit der Kaiserin indessen wurde ihrem Gatten und ihrer Familie zum Verhängnis. Ein hoher Feiertag, der 25. Dezember, war zur Hinrichtung festgesetzt worden, und da machte sie geltend, das der Jahrestag der Geburt des Erlösers durch ein so unmenschliches Schauspiel nicht entweiht werden dürfe, und Leo willigte, wenn auch widerstrebend, in diesen Aufschub ein. Doch zwang ihn in der Nacht vor dem Fest seine angstgetönte Schlaflosigkeit, sich in das Zimmer zu begeben, in welchem sein Feind eingeschlossen war: er sah ihn, von den Ketten befreit und in tiefem Schlummer auf dem Bett des Gefängniswärters liegen. Beunruhigt über diese sichtbaren Anzeichen von Einverständnis und Sicherheit zog sich Leo so leise als möglich aus der Zelle zurück. Jedoch war sein Kommen und sein Fortgehen von einem Sklaven beobachtet worden, der in einem Winkel des Gefängnisses unbemerkt gekauert hatte.

Mit Hilfe eines Beichtigers, den Michael unter dem Vorwand des geistlichen Beistandes erbeten hatte, konnte Michael seine Mitverschworenen benachrichtigen, dass ihr Leben in seine Hand gelegt sei und ihnen nur noch wenige Stunden blieben, für ihre eigene Sicherheit durch die Befreiung ihres Freundes und des gemeinsamen Vaterlandes zu sorgen. An hohen Feiertagen war es üblich, dass eine ausgesuchte Schar von Priestern und Sängern durch eine Nebentür in den Palast gelangten, um in der kaiserlichen Kapelle die Frühmesse zu singen, und nur selten fehlte Leo – der mit gleichem Nachdruck auf die Disziplin des Chores wie auf die der Truppe hielt – bei diesen frühen Gottesdiensten. In geistlicher Tracht, aber mit Schwertern untern unter den Roben mischten sich die Verschwörer unter den Zug, lauerten in den Nischen der Kapelle und warteten auf das Signal zum Mord, das der Kaiser mit der Intonation des ersten Psalms selbst geben würde. Das Funzellicht in der Kapelle und die Gleichheit der Trachten hätte sogar jetzt noch seine Flucht ermöglichen können, als ihr erster Angriff gegen einen harmlosen Priester ging; doch rasch entdeckten sie ihren Irrtum und umzingelten sogleich von allen Seiten das königliche Schlachtopfer. Ohne Waffen und ohne Freunde packte er ein schweres Kreuz und stellte sich den Jägern seines Lebens entgegen. Da er aber um Gnade bat, war die unerbittliche Antwort: »Dies ist nicht die Stunde der Gnade, sondern der Rache.» Ein gezielter Schwerthieb trennte den rechten Arm und das Kreuz vom Körper, und Leo der Armenier wurde am Fuße des Altars ermordet.

 

MICHAEL DER STOTTERER – 25. DEZEMBER 820

Michael II, wegen eines Sprachfehlers ›der Stotterer‹ genannt, ist eine eindrucksvolles Beispiel für die Launenhaftigkeit des Glücks. Er wurde aus einem Feuerofen zur Herrschaft über ein Großreich erhoben; und da in dem Tumult ein Schmied nicht sofort bei der Hand war, saß er mehrere Stunden auf dem Kaiserthron mit Ketten an den Füßen. Aber das königliche Blut, der Preis für seine Erhebung, war jedoch für Nichts vergossen; auch im Purpur behielt er die niedrigen Laster seiner Herkunft bei, und seine Provinzen verlor Michael mit einer trägen Gleichgültigkeit wie wenn es Erbstücke seiner Väter gewesen wären. Thomas, der letzte dieses militärischen Triumvirates, machte ihm den Titel streitig und führte vom Tigrisufer und den Stränden des Kaspischen Meeres achtzigtausend Barbaren nach Europa. Er belagerte Konstantinopel: doch die Hauptstadt wurde verteidigt, mit geistlichen und weltlichen Waffen, ein bulgarischer König griff das Lager des Orientalen an, und Thomas hatte das Unglück oder die Schwäche, lebendig in die Hände seiner Feinde zu fallen. Dem Empörer wurden Hände und Füße angeschlagen, er selbst auf einen Esel gesetzt und unter dem Hohn des Volkes durch die Straßen geführt, die er mit seinem Blut besprengte.

Die Verkommenheit der Sitten, die ebenso verroht wie pervertiert waren, wurde insbesondere durch die Anwesenheit des Kaisers selbst deutlich: taub gegenüber den Klagen seines ehemaligen Mitsoldaten setzte er ihm sogar noch ununterbrochen zu, weitere Mitschuldige zu nennen, bis die kluge Frage eines ehrbaren oder mitschuldigen Ministers seiner Neugier ein Ziel setzte: »Willst du denn deinem Feinde Glauben schenken gegen deine treuesten Freunde?» Nach dem Tode seiner ersten Gattin hatte der Kaiser auf Bitten des Senates Euphrosyne, die Tochter Konstantins VI., aus dem Kloster hervorgeholt. Ihre erlauchte Herkunft mochte der Grund für eine der Bedingungen des Ehevertrages sein, dass nämlich ihre Kinder am Reich gleichen Anteil haben sollten wie ihr Bruder. Aber die Ehe Michaels mit Euphrosyne blieb kinderlos, und sie war zufrieden mit dem Titel einer Mutter des Theophilos, seines Sohnes und Nachfolgers.

 

THEOPHILOS 3. OKTOBER 829

Der Charakter des Theophilos ist ein seltenes Beispiel dafür, dass Religionseifer die Tugend eines Ketzers und Verfolgers anerkennen und sogar noch übertreiben kann. Oft bekamen seine Feinde seinen Mut zu spüren, ähnlich wie seine Untertanen seine Gerechtigkeit: nur war die Tapferkeit des Theophilos plan- und fruchtlos, und seine Gerechtigkeit erging nach Laune und war grausam. Er zog unter dem Kreuzesbanner den Sarazenen entgegen, aber seine fünf Feldzüge endeten in einem völligen Fiasko; die Stadt seiner Väter, Amorium, wurde dem Erdboden gleichgemacht; schließlich wurde ihm wegen seiner kriegerischen Misserfolge der Beiname ›der Glücklose‹ angeheftet. Durch seine gesetzlichen Einrichtungen und die Wahl seiner Magistrate schimmert oftmals die Weisheit eines Monarchen hindurch; und während er tatenlos dahinzudämmern scheint, kreist seine Zivilverwaltung um ihn, unauffällig und zuverlässig wie ein Planetensystem.

Doch die Gerechtigkeit des Theophilos war mehr nach dem Vorbild der orientalischen Despotie geartet, welche mit subjektiven und unberechenbaren Entscheidungen den Einfällen oder Launen des Augenblicks folgten, ohne ihr Urteil am Gesetz und die Strafe an der Schwere der Tat zu orientieren. Eine arme Frau etwa warf sich dem Kaiser zu Füßen, um gegen einen mächtigen Nachbarn, den Bruder der Kaiserin immerhin, Klage zu führen, da er die Mauern seines Palastes derartig hoch gezogen hatte, dass er ihrer geringen Hütte jedes Licht und jede Luft zum Leben benehme! Da diese Umstände erwiesen waren, sprach der Herrscher, statt wie ein normaler Richter den Beklagten auf hinreichenden oder gar beträchtlichen Schadenersatz zu verklagen, der Klägerin den Palast samt Grundstück als Eigentum und zu beliebiger Nutzung zu. Aber Theophilos war mit diesem ausschweifenden Urteil durchaus noch nicht zufrieden: seine große Gerechtigkeit machte aus einem Zivilrechtsfall eine Strafsache, und der unglückliche Patrizier wurde auf dem öffentlichen Platz von Konstantinopel entkleidet und ausgepeitscht.

Wegen kleiner Bagatellvergehen, mangelnder Billigkeit oder Wachsamkeit etwa, wurden die vornehmsten Minister, ein Präfekt, ein Quaestor, ein Befehlshaber der Wache exiliert, verstümmelt, mit siedendem Pech verbrüht oder lebendig auf dem Hippodrom verbrannt; mochten diese grässlichen Fehlgriffe nun die Folgen eines Irrtums oder einer Laune gewesen sein, so mussten sie gerade die besten und weisesten Männer seinem Dienst entfremden. Doch fühlte sich der Stolz des Monarchen durch die Ausübung seiner Macht – oder, wie er glauben mochte: seiner Tugend – emporgehoben, während das Volk, das sich in seiner bescheidenen Lage sicher fühlen durfte, an der Herabwürdigung und der Gefahr der Großen sein Vergnügen hatte. Im gewissen Umfang ließ sich diese außerordentliche Strenge durch ihre heilsamen Konsequenzen rechtfertigen; denn es konnte einst nach einer rigorosen siebzehntägigen Nachforschung am Hofe und in der Stadt keinerlei Beschwerde gefunden werden: man hätte sogar anführen können, dass die Griechen überhaupt nur mit einem eisernen Szepter regiert werden konnten und dass das Staatswohl die Richtschnur und das Gesetz für den obersten Richter ist. Doch ist ein solcher Richter üblicherweise höchst leichtgläubig und parteiisch, wenn es um einen nachgewiesenen oder auch nur vermuteten Hochverrat geht.

So konnte Theophilos eine verspätete Rache gegen die Mörder Leos – und gleichzeitigen Retter seines Vaters – verhängen; doch gleichzeitig genoss er die Früchte ihres Verbrechens, und seine misstrauische Tyrannei opferte für seine zukünftige Sicherheit einen Bruder und Prinzen. Ein Perser aus dem Geschlechte der Sassaniden starb zu Konstantinopel im Elend und Verbannung und hinterließ einen einzigen Sohn, hervorgegangen aus seiner Ehe mit einer Plebejerin. Als dieser Theophobos zwölf Jahre alt war, entdeckte man das Geheimnis seiner königlichen Herkunft, und seine Talente waren seiner Geburt nicht unwürdig. Er wurde im byzantinischen Palast zum Christen und Krieger erzogen, stieg mit raschen Schritten auf der Leiter des Glücks und des Ruhmes aufwärts, wurde vermählt mit des Kaisers Schwester und empfing die Stelle des Oberbefehlshabers über dreißigtausend Perser, die wie sein Vater vor den muslimischen Eroberern geflohen waren.

Diese Truppen, zwiefach vergiftet durch die niederen Gesinnungen von Mietlingen und Fanatikern, verlangten danach, sich gegen ihren Wohltäter zu erheben und die Fahne ihres angestammten Königs zu errichten: doch verwarf der getreue Theophobos diese Entwürfe, vereitelte ihre Ausführung und floh aus ihrer Gewalt in das Feldlager oder den Palast seines königlichen Bruders. Wäre Theophilos zu einem hochherzigen Vertrauen fähig gewesen, so hätte er einen treuen und zuverlässigen Beschützer für seine Frau und seinen unmündigen Sohn gewonnen, denen er in der Blüte seiner Jahre das Reich abzutreten gezwungen war. Aber seine Eifersucht wurde durch Missgunst und Krankheit zusätzlich verbittert; er fürchtete die vorzüglichen Fähigkeiten, welche in gleicher Weise zum Schutz wie zum Verderben seiner Familie einsetzbar waren: da der Kaiser im Sterben lag, verlangte er das Haupt des persischen Prinzen. Mit wilder Genugtuung sah er die vertrauten Gesichtszüge seines Bruders: »Du bist nicht länger mehr Theophobos,» sprach er; und, indem er auf sein Lager zurücksank, mit ersterbender Stimme, »und bald, zu bald, bin ich nicht mehr Theophilos.»

Die Russen, die den größten Teil ihrer staatlichen und kirchlichen Einrichtungen den Griechen abgesehen haben, kannten bis in das letzte Jahrhundert (das XVII, A.d.Ü.) einen eigentümlichen Brauch zur Vermählung ihres Zaren. Sie versammelten nicht eben die Jungfrauen jeden Ranges und jeder Provinz, was eine müßige und romantische Vorstellung wäre, wohl aber die Töchter der vornehmsten Adligen, welche im Palast die Wahl ihres Souveräns abwarteten. Es heißt nun, dass bei der Vermählung des Theophilos ein ganz ähnlicher Brauch beobachtet wurde. Mit einem goldenen Apfel in der Hand schritt er langsam durch zwei Reihen wetteifernder Schönheiten; er wurde durch den Liebreiz der Ikasia gebannt, und in seiner ersten Verlegenheit konnte der Herrscher lediglich anmerken, dass die Frauen dieser Erde zu vielem Unheil Anlass gegeben hätten. »Aber auch ganz gewiss zu vielem Guten, o Herr!» erwiderte sie schnippisch. Diese witzige Äußerung zur falschen Zeit gefiel dem kaiserlichen Freier übel, er wandte sich indigniert ab, Ikasia verbarg ihren Schmerz in einem Kloster, und das artige Schweigen der Theodora wurde mit dem goldenen Apfel belohnt.

Sie verdiente sich seine Zuneigung, aber entging auch nicht seiner Strenge. Vom Garten des Palastes aus gewahrte er einst ein schwer beladenes Frachtschiff mit Kurs auf den Hafen: als er in Erfahrung gebracht hatte, dass die wertvolle Fracht syrischer Luxusartikel das Eigentum seiner Frau sei, so ließ er das Schiff den Flammen übergeben und fügte mit scharfem Tadel hinzu, dass sie mit ihrer Habgier aus einer Kaiserin eine Krämerin gemacht habe.

 

MICHAEL III. – 20. JANUAR 842

Dennoch vertraute er ihr die Vormundschaft über das Reich und seinen Sohn Michael an, der in seinem fünften Lebensjahr zum Halbwaisen wurde. Die Wiedereinführung der Ikonen und die endgültige Vertilgung der Ikonoklasten hat den frommen Griechen ihren Namen lieb gemacht; doch noch inmitten allen religiösen Eifers betrieb Theodora eine dankbare Rücksicht für die Ehre und die Seelenrettung ihres Gemahls. Nach dreizehn Jahren einer durchdachten und haushälterischen Regierung bemerkte sie, wie ihr Einfluss abnahm, doch ahmte die zweite Irene ausschließlich die Tugenden ihrer Vorgängerin nach. Anstelle sich gegen das Leben und das Regiment ihres Sohnes zu verschwören, zog sie sich in die Einsamkeit des Privatlebens zurück, frei von Widersetzlichkeiten, aber nicht ganz frei von Widerworten, denn sie beweinte anschließend die Undankbarkeit, die Laster und das naturnotwendige Verderben des unwürdigen Jünglings.

Unter den Nachfolgern des Nero oder Eliogabal haben wir bislang noch keinen Nachahmer ihrer Torheiten gefunden, einen römischen Herrscher mithin, dem das Vergnügen Lebenszweck war und die Tugend der natürliche Feind des Vergnügens. Wie viel Sorgfalt Theodora auch immer für die Erziehung von Michael III. aufgewandt haben mochte, ihr unglücklicher Sohn war ein König, noch bevor er ein Mann war. Wenn es seine Mutter darauf abgesehen hatte, die Entwicklung seiner Vernunft aufzuhalten, so konnte sie das gleichzeitige Aufkochen seiner Leidenschaften nicht verhindern; und ihre eigennützige Politik erhielt durch die Verachtung des verstockten Jünglings den verdienten Lohn. Im Alter von achtzehn Jahren entzog er sich ihrer Autorität, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie ungeeignet er war, das Reich geschweige denn sich selbst zu lenken.

Mit Theodora schienen sich auch Ernsthaftigkeit und Weisheit für immer vom Hof zurückgezogen zu haben, ihre Stelle wurde von nun an durch die abwechselnde Vorherrschaft des Lasters oder der Dummheit eingenommen, ja, es wurde unmöglich, sich die Gunst des Kaisers zu erwerben oder zu behalten, ohne gleichzeitig das Ansehen in der Öffentlichkeit zu verspielen. Die Millionen an Gold und Silber, die zum Besten des Staates zurückgelegt worden waren, wurden an die elendsten Kreaturen verschwendet, an die Schmeichler seiner Leidenschaften und an die Kumpane seiner Vergnügungen, und nach dreizehn Regierungsjahren war der reichste aller Herrscher genötigt, den Palast und die Kirchen ihrer kostbaren Gerätschaften zu berauben.

Wie Nero fand er Vergnügen an Theateraufführungen und bedauerte, in den Künsten übertroffen zu werden, in denen etwas zu leisten er sich hätte schämen müssen. Nun zeigte Neros Vorliebe für Dichtkunst und Musik immerhin Ansätze von Geschmack; die läppischen Kunstinteressen von Theophilos' Sohn begnügten sich mit den Wagenrennen im Hippodrom. Die vier Parteien, die den Frieden der Hauptstadt immer wieder gestört hatten, lieferten jetzt für ihren Müßiggang Unterhaltsames: der Kaiser selbst schloss sich den Blauen an, die restlichen drei konkurrierenden Farben vergab er an seine aktuellen Favoriten, und über diesen kindischen, aber mit viel Ehrgeiz betriebenen Wettkampf vergaß er die Würde seiner eigenen Person und die Sicherheit der Provinzen. Dem Boten etwa, der es wagte, ihm im entscheidenden Augenblick des Rennens mit einer Nachricht von einer feindlichen Invasion beschwerlich zu fallen, schnitt er das Wort ab; und auf seinen Befehl wurden die lästigen Feuersignalstationen ausgelöscht, die viel zu oft von Tarsus bis Konstantinopel Schrecken verbreitet hatten. Den besten Kutschern dieser Wettkämpfe schenkte er das meiste Vertrauen und die größte Hochachtung; verschwenderisch war die Belohnung für ihre Leistungen; der Kaiser speiste in ihren Häusern, wurde Taufpate ihrer Kinder, und während er sich an seiner eigenen Volkstümlichkeit berauschte, schmähte er die geschäftsmäßig-kalte Zurückhaltung seiner Vorgänger.

Die widernatürlichen Lüste, die noch Neros Mannesjahre entehrt hatten, waren mittlerweile von der Welt verbannt; doch erschöpfte Michael seine Kräfte durch Maßlosigkeit und sinnliche Genüsse. Wenn bei Mitternachtsgelagen ihn der Wein zu sehr erhitzt hatte, ließ er sich zu schrecklichen Blutbefehlen verleiten, und wenn überhaupt noch Spuren von Menschlichkeit in ihm waren, so war er genötigt, den ersprießlichen Ungehorsam seiner Dienerschaft zu preisen, nachdem er wieder zur Besinnung gekommen war. Doch der auffälligste Charakterzug an Michael ist die profane Verhöhnung der Religion seines Landes. Mochte der Aberglauben der Griechen immerhin das Lächeln eines Philosophen veranlassen: dieses Lächeln wäre vernunftbestimmt und maßvoll gewesen, und er würde die gedankenlose Torheit eines Jünglings verurteilt haben, der die Objekte der öffentlichen Verehrung verhöhnte. Hier nun wurde ein Hofnarr mit dem Gewande des Patriarchen investiert, ebenso legte die zwölf Metropoliten, unter ihnen der Kaiser in Person, ihren geistlichen Habit an: sie brauchten oder vielmehr missbrauchten die geheiligten Altargefäße, und bei ihren Bacchanalen wurde ein widerliches Gemisch aus Weinessig und Senf als Abendmahlswein dargereicht.

Dieser gotteslästerliche Mummenschanz wurde nun durchaus nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben. Während eines feierlichen Festes ritten der Kaiser und sein Bischöfe oder vielmehr seine Narren auf Eseln durch die Straßen, begegnet unverhofft dem richtigen Patriarchen an der Spitze seines Klerus' und brachten durch ihre ordinären Gesten und ihr vulgäres Gegröle den Ernst der christlichen Prozession durcheinander. Michaels Religion zeigte sich nur, wenn sie eine Beleidigung der Vernunft oder der Frömmigkeit enthielt: er empfing aus einem Standbild der heiligen Jungfrau seine Theaterkrone; dann schändete er das Grab eines Kaisers, weil er die Gebeine Konstantin des Bilderstürmers verbrennen wollte. Durch solcherart überbordende Aufführungen machte der Sohn des Theophilos sich ebenso lächerlich, wie er mittlerweile verhasst war. Jeder Bürger wartete mit Ungeduld auf die Befreiung seines Vaterlandes, und selbst seine Hofschranzen besorgten, dass ihnen eine Laune nehmen könnte, was ihnen eine Laune geschenkt hatte. In seinem dreißigsten Lebensjahr zu mitternächtlicher Stunde, in der Stunde der Betrunkenheit und des Schlafes wurde Michael III von dem Begründer einer neuen Dynastie ermordet, den er zuvor noch zur Gleichheit der Macht und der Stellung erhoben hatte.

 

BASILIUS I. DER MAKEDONIER – 27. SEPTEMBER 867

Falls die Genealogie des Basilius des Makedoniers nicht das untergeschobene Kind von Stolz und Schmeichelei ist, dann liefert sie ein getreues Bild der Umwälzungen, denen noch die vornehmsten Familien unterworfen sind. Die Arsakiden, Nebenbuhler Roms, hatten beinahe vierhundert Jahre das Szepter des Ostens in den Händen: ein jüngerer Zweig dieser Partherkönige regierte in Armenien weiter, und ihre königlichen Nachfahren überlebten die Teilung und die Unterwerfung dieser alten Monarchie. Zwei von ihnen, Artabanus und Chlienes, entkamen – oder zogen sich zurück – an den Hof von Leo I. In seiner Güte gewährte er ihnen ein sicheres und gastfreies Exil in der Provinz Makedonien mit Adrianopel als ihrem letzten Wohnsitz. Mehrere Generationen hindurch bewahrten sie die Würde ihrer Herkunft, und ihr römischer Patriotismus schlug die verlockenden Anerbieten der arabischen oder persischen Mächtigen aus, die sie in das Land ihrer Vorväter zurückriefen. Doch wurde der Glanz allgemach durch Zeit und Armut getrübt; Basilius' Vater war mittlerweile zu einem Kleinbauern herabgekommen, der den Boden mit eigener Hand unter den Pflug nahm. Dennoch war er zu stolz, das Arsakidenblut durch eine Heirat mit einer Plebejerin zu entehren: sein Weib, eine Witwe aus Adrianopel, freute sich, unter ihre Vorfahren den großen Konstantin zu zählen, und ihr königliches Kind war durch irgendeine geheimnisvolle Verwandtschafts- oder vaterländische Beziehung mit Alexander von Makedonien verbunden.

Kurz nach Basilius' Geburt wurden seine Wiege, seine Familie, seine Stadt von einer Flut von Bulgaren hinweggespült, er selbst als Sklave in einem fremden Land aufgebracht, und in dieser harten Schule eignete er sich jene körperliche Robustheit und geistige Biegsamkeit an, die ihm bei seiner späteren Erhöhung so förderlich waren. Im Jünglings- oder Mannesalter nahm er an der Befreiung der römischen Gefangenen teil, die mutig ihre Ketten zerbrachen, sich durch Bulgarien bis zum Schwarzen Meer durchschlugen, zwei Barbarenheere niedermachten, sich dann auf bereitgestellten Fahrzeugen einschifften und glücklich nach Konstantinopel zurückkehrten, von wo sie in ihre jeweilige Heimat gewiesen wurde. Doch hatte Basilius nur die nackte Freiheit gerettet; seine kleines Gut war durch die Wechselfälle des Krieges ruiniert, die Arbeit seiner Hände oder eine Dienstleistung reichten nicht hin, nach dem Tode seines Vaters eine Familien aus Waisen zu ernähren; und so beschloss er, eine ergiebigere Schaubühne aufzusuchen, wo jede Tugend und jedes Laster auf den Pfad zur Größe führen kann.

In der ersten Nacht in Konstantinopel, ohne Geld, ohne Freunde, schlief der müde Wanderer auf den Stufen der Kirche des heiligen Diomedes; ein Mönch, der zufällig vorüberkam, gab ihm etwas zu essen, und er trat in die Dienste eines Vetters und zugleich Namensvetters von Kaiser Theophilos, welcher, obschon von geringer Statur, immer von einem Gefolge hochgewachsener und anmutiger Diener begleiten ließ. Basilius folgte seinem neuen Patron zu dessen Statthalterschaft über den Peloponnes, stellte durch seine persönlichen Vorzüge die Herkunft und die Würde des Theophilos in den Schatten und trat mit einer mildtätigen und liebreichen Matrone aus Patras in eine nähere und für ihn vorteilhafte Verbindung. Diese Danielis widmete dem jungen Abenteurer ihre geistige oder sinnliche Liebe, adoptierte ihn als ihren Sohn und schenkte ihm sogleich dreißig Sklaven, und der Ertrag ihrer Güter wurde zur Unterstützung seiner Brüder und zum Ankauf einiger großer Landgüter in Makedonien verwendet.

Dankbarkeit oder Ehrgeiz hielten ihn nach wie vor im Dienste von Theophilos, bis ihn ein glücklicher Zufall der Aufmerksamkeit des Hofes anempfahl. Ein berühmter Ringkämpfer im Gefolge einer bulgarischen Gesandtschaft hatte bei dem kaiserlichen Bankett den kühnsten und stärksten Griechen herausgefordert. Man rühmte die Stärke des Basilius, dieser nahm die Herausforderung an; und der Barbar wurde schon beim ersten Gang niedergeworfen. Ein schönes, aber heimtückisches Pferd war zur Durchtrennung der Sehnen bestimmt worden: der Sklave des Theophilos bewältigte das Tier mit mutiger Gewandtheit, und sein Bezwinger erhielt einen ehrenvollen Posten in den kaiserlichen Stallungen. Aber es war unmöglich, das Vertrauen Kaiser Michaels zu erlangen, ohne sich nicht auch in seine Laster zu fügen. So wurde ein neuer Günstling, der Großkämmerer des Palastes, durch die schmachvolle Heirat mit einer abgelegten Beischläferin des Kaisers und durch die gleichzeitige Entehrung seiner Schwester, die ihre Nachfolge antrat, erhoben und unterstützt.

Die öffentliche Verwaltung war bis dahin dem Caesar Bardas, dem Bruder und Feind der Theodora überlassen worden. Aber die Künste der weiblichen Einflussnahme brachten Michael dahin, seinen Onkel zu fürchten: er wurde von Konstantinopel unter dem Vorwand eines kretischen Feldzuges fortgelockt und im Audienzzelt vom Schwerte des Kämmerer in der Gegenwart des Kaisers durchbohrt. Etwa einen Monat nach diesem Mord erhielt Basilius den Augustustitel und die Verwaltung des Reiches. Er behauptete sich in dieser ungleichen Verbindung, bis es ihm gelungen war, seinen Einfluss durch vermehrtes Ansehen in der Bevölkerung zu vergrößern. Seine Leben stand ein über das andere Mal wegen der Launen des Herrschers auf dem Spiel; dazu wurde seine Würde durch einen zweiten Kollegen herabgesetzt, da dieser früher ein Galeerensklave gewesen war. Dennoch muss die Ermordung seines kaiserlichen Wohltäters als eine Tat des Undanks verurteilt werden, und die Kirchen, die er späterhin dem Namen und dem Andenken des heiligen Michael errichten ließ, sind eine kindische und armselige Sühnung seiner Schuld.

Die verschiedenen Lebensabschnitte des Basilius I. lassen sich in etwa mit denen des Augustus vergleichen. Zwar machte es die politische Lage des Ostreiches ihm unmöglich, in früher Jugend ein Heer gegen sein eigenes Land aufzustellen oder über dessen edelste Söhne die Acht zu verhängen; doch griff auch seine ehrgeizige Seele zu den Trickereien eines Sklaven, indem er seine Ambitionen und sogar seine Tugenden verhehlte, um mit der blutigen Hand eines Mörders nach dem Reiche zu greifen, welches er anschließend mit väterlicher Weisheit und Zuneigung regierte. Ein Privatmann mag es fühlen, wenn zwischen seiner Pflicht und seinen Interessen ein Widerspruch besteht; ein absoluter Monarch indessen kann nur aus Mangel an Einsicht oder Mut seine Glückseligkeit von seinem Ruhm oder seinen Ruhm von öffentlichen Wohlergehen trennen. Die Lebensbeschreibung oder vielmehr der Panegyrikos des Basilius ist allerdings unter der langdauernden Herrschaft seiner Nachfahren geschrieben und herausgegeben worden: doch selbst ihr sicherer Thronbesitz muss den überlegenen Verdiensten ihres Vorfahren zugerechnet werden. Sein Enkel Konstantin hat versucht, seinen Charakter als das vollkommene Ideal eines Herrschers darzustellen; doch hätte sich dieser schwache Prinz ohne ein solches Vorbild vor Augen kaum so hoch über das flache Niveau seines eigenen Verhaltens und seiner Vorstellungen erheben können.

Das höchste Lob des Basilius jedoch erhält man, wenn man den Zustand der zerrütteten und der wiedererstarkten Monarchie miteinander vergleicht, jener, die er dem zügellosen Michael entwand und derjenigen, die er der makedonischen Dynastie hinterließ. Fehlentwicklungen, die durch Zeit und Gewohnheit gleichsam geheiligt waren, stellte er mit Meisterhand wieder ab, und er belebte erneut wenn schon nicht den römischen Nationalgeist, so doch wenigstens die Ordnung und das Ansehen des römischen Reiches. Er war unentwegt tätig, sein Temperament war unterkühlt-sachlich, sein Verstand wach und entschlossen, und in seinem Verhalten beobachtete er jene seltene und heilsame Mitte, welche jede Tugend in gleichem Abstand von entgegengesetzten Lastern und Risiken hält.

Seine militärischen Erfahrungen beschränkten sich auf den Dienst im Palast, und der Geist oder die Talente zum Krieger gingen dem Kaiser ab. Doch waren unter seiner Regentschaft die römischen Waffen den Barbaren erneut furchtbar: sobald er durch Disziplinierung und Übung eine neue Armee geformt hatte, erschien er höchstselbst am Euphratufer, kühlte den Übermut der Sarazenen und schlug die nicht ungefährliche, wenn auch gerechtfertigte Erhebung der Manichäer nieder. Sein Zorn gegen einen Rebellen, der sich seiner Verfolgung so lange entzogen hatte, zwang ihn endlich zu dem Wunsch und dem Gebet, er möchte durch Gottes Gnade in den Stand versetzt werden, drei Pfeile in das Haupt des Chrysochir zu schießen. Dieses verhasste Haupt, das ihm eher durch Verrat als durch eigene Tapferkeit zugefallen war, wurde an einen Baum gehängt und bildete dreimal das Ziel, an dem sich der königliche Bogenschütze probieren durfte. Eine billige, erbärmliche Rache an einer Leiche, die viel besser zu dem Zeitgeist als zu Basilius' Charakter passt!

Sein Hauptverdienst jedoch war die Finanzverwaltung und die Gesetzgebung. Um den geplünderten Staatsschatz wieder zu füllen, hatte man vorgeschlagen, die exzessiven und gedankenlos verschleuderten Geschenke seines Vorgängers zurück zu fordern; Basilius war klug genug, diese Forderung um die Hälfte nachzulassen, wodurch binnen Kurzem die Summe von zwölfhunderttausend Pfund einlief, mit welcher man die dringendsten Ausgaben bestreiten und für die langsamer wirkenden Sparmaßnahmen einige Zeit gewinnen konnte. Unter den verschiedenen Entwürfen zur Mehrung der Staatseinnahmen wurde auch eine neue Kopf- oder Vermögenssteuer erwogen, die aber allzu sehr vom willkürlichen Ermessen der damit Beauftragten abgehangen hätte. Der Minister der Finanzen legte unverzüglich eine Liste ehrbarer und ehrlicher Männer vor; eine genauere Untersuchung durch Basilius ergab jedoch, dass allenfalls zwei zu finden waren, denen man eine derart heikle Machtfülle hätte anvertrauen können: diese beiden aber rechtfertigten seine gute Meinung, indem sie sein Angebot – ablehnten. Doch die ernstlich bemühte Tätigkeit des Kaisers führte allmählich zu einem ausgewogenen Verhältnis von Eigentum und Besteuerung, von Einnahme und Ausgabe. Jedem Dienst wurde ein besonderer Fond angewiesen, und das Interesse des Herrschers und gleichzeitig auch das Eigentum des Volkes durch öffentliche Verfahren gesichert.

Nach der Abstellung von allem Luxus wurden zwei Patrimonialgüter angewiesen, für einen dezenten Überfluss der kaiserlichen Tafel zu sorgen; die Abgaben der Untertanen wurden ausschließlich den Verteidigungszwecken gewidmet und der Rest zur Verschönerung der Hauptstadt und der Provinzen verwendet. Eine Vorliebe für Bautätigkeit, so kostspielig sie sein mag, verdient auch Anerkennung und Fürsprache: das Gewerbe erhält Aufträge, die Kunst wird vorwärts gebracht und immer auch wird dem öffentlichen Besten oder dem Vergnügen Vorschub geleistet. Der Nutzen, den eine Straße, ein Hospital oder eine Wasserleitung stiften, ist offenkundig und nachhaltig; und die hundert Kirchen, die auf Anordnung von Basilius errichtet wurden, waren der Frömmigkeit des Zeitalters zugeeignet.

In seiner Eigenschaft als Richter war er emsig und unparteiisch; gerne gab er den Retter, scheute sich aber auch nicht vor Strenge: Unterdrücker des Volkes wurde streng bestraft, und seine persönlichen Feinde, denen zu vergeben unklug gewesen wäre, wurden zu einem Leben in der Stille und Buße verurteilt, nachdem man sie geblendet hatte. Da sich die Sprache und die Sitten verändert hatten, wurde auch eine Revision der veralteten justinianischen Jurisprudenz erforderlich; das umfangreiche Corpus seiner Institutionen, Pandekten, des Kodex und der Novellen wurde unter vierzig Titeln in griechischer Sprache zusammengefasst; und die Basiliken, die von dem Sohn und Enkel des Basilius erweitert und vollendet wurden, müssen dem ursprünglichen Genie des Stifters dieser Dynastie zugerechnet werden.

Ein Jagdunfall beendete diese ruhmwürdige Regierung. Ein wütender Hirsch verfing sich mit seinem Geweih im Gürtel des Basilus; ein Mann aus dem Gefolge rettete ihn zwar, indem er den Gürtel durchhieb und das Tier tötete, doch der Sturz oder das anschließende Fieber entkräfteten den greisen Monarchen, und er starb im Palast, beweint von seiner Familie und seinen Untertanen. Wenn er dem getreuen Diener den Kopf abschlagen ließ, weil er es gewagt hatte, das Schwert gegen seinen Herren zu ziehen, dann war die Anmaßung des Despotismus, die sein ganzes Leben lang geruht hatte, in den letzten Augenblicken der Verzweiflung wieder erwacht, als er die Meinung des Menschengeschlechtes nicht mehr benötigte noch sie überhaupt beachtete.

 

LEO V. DER PHILOSOPH – 1. MÄRZ 886

Von den vier Söhnen des Kaisers starb Konstantin noch vor seinem Vater, dessen Kummer und Leichtgläubigkeit von einem Betrüger und einer eingebildeten Erscheinung gefoppt wurden. Stephan, der Jüngste, gab sich mit den Ehren eines Patriarchen und eines Heiligen zufrieden; Leo und Alexander wurden gleichberechtigt mit dem Purpur angetan, die Regierungsgeschäfte jedoch nur durch den Älteren ausgeübt. Der Name von Leo VI wurde mit dem Zusatz ›der Philosoph‹ versehen, und eine Vereinigung eines Fürsten mit einem Weisen, die Verbindung der handelnden mit der kontemplativen Tugend wäre allerdings die Vollendung der Menschennatur gewesen. Doch stehen die Ansprüche Leos auf den Titel tief unter diesem Vollkommenheitsideal. Unterwarf er etwa seine Leidenschaften und Wünsche der Herrschaft der Vernunft? Er verlebte seine Jahre im Pomp des Palastes und in der Gesellschaft seiner Frauen und Beischläferinnen; und selbst die Milde, die er zur Schau stellte und der Friede, um dessen Erhaltung er immerhin bemüht war, müssen im Grunde seinem nachgiebigen und trägen Naturell zugerechnet werden. Konnte er seine und seiner Untertanen Vorurteile besiegen? Sein Geist war beherrscht von dem allerkindischsten Aberglauben; die Vormachtstellung des Klerus und die populären Irrtümer galten als unantastbar von Gesetzes wegen, und die Orakelsprüche Leos, welche in prophetischem Duktus des Reiches Schicksal offenbarten, beruhen auf astrologischen und divinatorischen Kunstgriffen. Wenn wir also weiterhin nachfragen, worauf sein Beiname ›Der Weise‹ beruht, kann man nur zur Antwort geben, dass der Sohn des Basilius weniger dumm und unwissend war als die Mehrheit seiner Zeitgenossen aus Kirche und Staat; dass der gelehrte Photios sein Erzieher war; und dass mehrere Bücher zu weltlichen oder kirchlichen Gegenständen von der Feder oder im Auftrage des kaiserlichen Philosophen verfasst worden sind.

Doch wurde die Reputation seiner Philosophie und Religiosität durch seinen häuslichen Lebenswandel überschattet, seine mehrfachen Vermählungen. Mönche hatten die Idee der frühen Kirche bezüglich der Verdienstlichkeit und Heiligkeit des Zölibates gepredigt, und die Griechen traten diesen Lehren bei. Die Ehe war zugelassen als ein notwendiges Mittel zur Fortpflanzung des Menschengeschlechtes. Nach dem Tode des einen Gatten mochte der andere durch eine zweite Verbindung der Schwäche des Fleisches – oder seiner Stärke – genügen; eine dritte Ehe sah man als eine Art legalisierter Hurerei an, und eine vierte gar war nur noch eine Sünde oder Ärgernis, das den Christenmenschen im Morgenland bis dahin ohne Beispiel war. Leo selbst hatte zu Beginn seiner Regierung das Konkubinat abgeschafft und die dritte Eheschließung verurteilt, aber nicht für ungültig erklärt. Doch nötigten ihn schon bald Patriotismus und Liebeslust, seine eigenen Gesetze zu übertreten und sich den Strafen auszusetzen, die er bei ähnlichen Gelegenheiten für seine Untertanen bereithielt.

Seine ersten drei Ehen waren kinderlos geblieben; Leo verlangte nach einer Gefährtin, das Reich nach einem Erben. Die liebliche Zoe wurde in den Palast gebracht als eine neue Beischläferin; und nachdem sie einen Nachweis ihrer Fruchtbarkeit geliefert und Konstantin zur Welt gebracht hatte, erklärte ihr Liebhaber seine Absicht, Mutter und Kind durch eine vierte Eheschließung zu legitimieren. Doch verweigerte der Patriarch Nikolaus seinen Segen; die kaiserliche Taufe war nur gegen ein Trennungsversprechen zu bekommen, und schon bald wurde der Gatte der Zoe – wegen vorsätzlichen Ungehorsams – aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Nichts konnte den Sinn dieses verstockten Mönches beugen, weder die Furcht vor der Verbannung noch der Bruch mit seinen Glaubenbrüdern, nicht die Autorität der lateinischen Kirche noch die Gefahr einer unterbrochenen oder angezweifelten Thronfolge. Nach dem Tode Leos wurde er aus dem Exil zur Verwaltung von Kirche und Staat zurückberufen, und ein im Namen Konstantins promulgiertes Edikt verurteilte für alle Zukunft vierte Eheschließungen und drückte so seiner eigenen Geburt unausgesprochen einen Makel auf.

 

ALEXANDER – KONSTANTIN VII. PORPHYROGENITOS – 11. MAI 911

Porphyra bedeutet im Griechischen Purpur, und da natürliche Farben sich nicht verändern, so wissen wir, dass der tyrische Purpur der Alten ein dunkles Rot war. Im Palast von Byzanz war ein Zimmer mit Purpur ausgekleidet und bestimmt zum Gebrauch durch die Kaiserin, wenn sie gesegneten Leibes war; und die kaiserlich-standesgemäße Geburt ihrer Kinder wurde durch die Bezeichnung Porphyrogenitos (der ›Purpurgeborene‹, A.d.Ü.) angezeigt. Mehrere regierende römische Kaiser waren mit einem Erben gesegnet; aber erst Konstantin VII. hatte diesen besonderen Beinamen erhalten. Sein Leben und seine Titularregierung waren gleich lang; aber von diesen fünfundvierzig Jahren waren bis zum Tode seines Vaters nur sechs vergangen, und Leos Sohn war zeitlebens, freiwillig oder genötigt, der Sklave derjenigen, die seine Schwäche ausnutzten oder sein Vertrauen missbrauchten. Sein Onkel Alexander, der schon lange den Augustustitel trug, war der erste Mitregent und Aufpasser des jungen Prinzen: doch in einer Blitzkarrtiere aus Verbrechen und Dummheit hatte Leos Bruder schon bald den Ruf des Michael eingeholt, und als er durch einen rechtzeitigen Tod abberufen wurde, ging er gerade mit Entwürfen schwanger, seinen Neffen zu entmannen und das Reich einem unwürdigen Günstling zu hinterlassen. In den folgenden Jahren der Minderjährigkeit Konstantins war die Regierung in den Händen seiner Mutter Zoe und einem Rat von sieben aufeinander folgenden Herrschern, welche ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgten, ihre Leidenschaften bedienten, die Republik sich selbst überließen, sich gegenseitig aus dem Weg räumten und endlich allesamt verschwanden, als ihnen ein Soldat gegenüber stand.

 

ROMANUS I. LECAPENUS 24 DEZEMBER 919 – CHRISTOPH, STEPHAN, KONSTANTIN VIII

Dieser Romanus Lecapenus hatte sich aus geringen Anfängen zum kommandierenden Befehlshaber der Marine emporgearbeitet und sich in den anarchischen Zeitläuften die öffentliche Wertschätzung verdient oder zumindest behalten. Mit einer siegreichen und zugleich ergebenen Flotte segelte er von der Donaumündung bis in den Hafen von Konstantinopel, wo er mit Jubel empfangen wurde als der Befreier des Volkes und Hüter des Prinzen. Sein hohes Amt brachte ihm zunächst den Titel ›Vater des Kaisers‹ ein; schon bald jedoch verschmähte Romanus seine nachgeordnete Stellung eines Ministers, eignete sich zusammen mit dem Caesar- und Augustustitel die ganze kaiserliche Machtfülle an und behielt sie beinahe fünfundzwanzig Jahre lang. Seine drei Söhne Christoph, Stephan und Konstantin wurden nacheinander mit den gleichen Ehren bekleidet und der eigentliche, rechtmäßige Kaiser in diesem Fürstenkollegium vom ersten auf den fünften Rang herabgestuft.

Da ihm indessen nach wie vor das Leben und der Thron gelassen wurden, mochte er sich bei seinem Glück bedanken und die gnadenreiche Gesinnung des Thronräubers rühmen. Beispiele aus der alten und jüngeren Geschichte würden dem Ehrgeiz des Romanus zur Entschuldigung gedient haben: die Machtmittel und die Gesetze des Reiches lagen in seinen Händen; die uneheliche Geburt Konstantins hätte einen Vorwand liefern können, ihn von der Thronfolge auszuschließen; und ein Grab oder ein Kloster standen jederzeit geöffnet, den Sohn einer Beischläferin aufzunehmen. Doch scheint Lecapenus weder die Tugenden eines Tyrannen besessen zu haben noch seine Untugenden. Der Geist und die Tätigkeiten, die er im Privatleben beobachtet haben mochte, verdunsteten in der Sonnenhelle des Thrones, und über seinen ausschweifenden Lustbarkeiten vergaß der Kaiser, sich um die Sicherheit des Reiches und seiner Familien zu kümmern.

Mild und religiös veranlagt, waren ihm die Eide heilig, ebenso die Unschuld des Jünglings, das Andenken an seine Eltern und die Anhänglichkeit des Volkes. Konstantins Neigung zu den Studien und zur Einsamkeit entwaffnete die Eifersucht der Macht; seine Bücher, seine Musik, seine Feder und sein Pinsel waren ihm eine nie versiegende Quelle der Freude; und wenn er durch den Verkauf seiner Bilder einen geringen Zugewinn erzielen konnte, so besaß er offenbar – falls nicht der Name des Künstlers sich preissteigernd auswirkte – ein persönliches Talent, auf welches nur ganz wenige Fürsten in der Stunde des Unglücks zurückgreifen konnten.

 

KONSTANTIN VII. – 17. JANUAR 945

Ursache für den Sturz des Romanus waren seine eigene Verkommenheit und die seiner Kinder. Nach dem Tode von Christoph, dem Ältesten, haderten die beiden jüngeren Brüder untereinander, verschworen sich dann aber gegen ihren Vater. Zur Mittagszeit, wenn der Palast für gewöhnlich allen Fremden geschlossen war, drangen sie zusammen mit einem bewaffneten Haufen in das Zimmer ihres Vaters und verschleppten ihn auf eine kleine Insel in der Propontis, welche von einer religiösen Gemeinschaft bewohnt wurde. Das Gerücht von dieser Palastrevolution trat in der Stadt einen Tumult los; aber nur der wahre und rechtmäßige Kaiser, Porphyrogenitos, war Gegenstand der populären Besorgnisse; die Söhne des Lecapenus erfuhren, allerdings mit Verspätung, dass sie mit ihrem heiklen und ungesetzlichen Vorgehen lediglich das Beste ihres Nebenbuhlers vorangebracht hatten.

Ihre Schwester Helena, die Gattin des Konstantin, entdeckte oder sagte ihnen jedenfalls nach, dass sie mit den hochverräterischen Entwürfen umgingen, ihren Gemahl beim Kaiserbankett zu meucheln. Seine loyalen Anhänger waren alarmiert, kamen den beiden Usurpatoren zuvor, verhafteten sie, rissen ihnen den Purpur herunter und setzten mit ihnen zu demselben Inselkloster über, wo sie kurze Zeit zuvor ihren Vater eingesperrt hatten. Der alte Romanus kam ihnen am Strande mit sarkastischem Lächeln entgegen und bot seinen kaiserlichen Kollegen von seiner Gemüse- und Wasserdiät an, nachdem er ihnen mit Recht ihre Dummheit und ihren Undank vorgeworfen hatte.

Konstantin VII. sah sich nunmehr in seinem mittlerweile vierzigsten Regierungsjahr im Besitze des orientalischen Reiches, welches er noch nahezu fünfzehn Jahre beherrschte oder zu beherrschen schien. Denn es ging ihm jene charakterliche Entschlossenheit ab, die die Voraussetzung zu einem Leben der Aktivität und des Außenwirkung ist; und die Studien, mit denen er zuvor seinen vielen Mußestunden Ablenkung und Würde verliehen hatte, vertrugen sich nicht mit den ernsten Pflichten eines Herrschers. Der Kaiser vernachlässigte seine Herrscherpflichten und erteilte stattdessen seinem Sohn Romanus Unterrichtsstunden in der Theorie des Regierens. Während er sich aus alter Gewohnheit der Unmäßigkeit und der Trägheit überließ, glitten die Zügel der Regierung immer mehr in die Hände seiner Gattin Helena, deren Launen und Sprunghaftigkeit ständig die Szenerie veränderten, sodass auf jede Entlassung eines Ministers zuverlässig das Bedauern über die Ernennung eines noch unfähigeren Nachfolgers anhub.

Aber die Umstände seiner Geburt und seine andauernden Unglücksfälle hatten Konstantin den Griechen lieb und wert gemacht; sie sahen ihm seine Schwächen nach; sie bewunderten seine Gelehrsamkeit, seine Arglosigkeit, seine Milde, seine Gerechtigkeitsliebe, und die Tränen, die seine Untertanen auf seiner Leichenfeier vergossen, waren ungeheuchelt. Die Leiche lag nach altem Herkommen in der Vorhalle des Palastes aufgebahrt, und die Würdenträger aus Militär und Zivilverwaltung, die Patrizier, der Senat und der Klerus nahten in gehöriger Ordnung, um dem entseelten Leichnam ihres Herrschers die letzte Ehre zu erweisen und ihn zu küssen. Bevor die Prozession sich dem kaiserlichen Grab zubewegte, rief ein Herold diese ernsten Worte: »Erhebe dich, oh König der Welt, und gehorche dem Ruf des Königs der Könige!»

 

ROMANUS II. DER JÜNGERE – 15. NOVEMBER 959

Der Tod des Konstantin wurde einer Vergiftung zugeschrieben, und sein Sohn Romanus II, der diesen Namen nach seinem Großvater mütterlicherseits führte, bestieg den Thron Konstantinopels. Wenn es möglich war, einen Prinzen von nur zwanzig Jahren eines solchen kriminellen Vorgriffes auf seine Erbschaft für fähig zu halten, muss er bereits zuvor jedes öffentliche Ansehen verloren haben; doch scheint Romanus eher eine schwache als eine verbrecherische Natur gewesen zu sein, und so schob man die Hauptverantwortung auf seine Gattin Theophano, ein Weib von geringer Herkunft, männlichem Geist und ausschweifenden Sitten. Der Sinn für persönlichen Ruhm und die Wohlfahrt des Landes, diesen eigentlichen Freuden der Königswürde, blieben dem Sohn Konstantins völlig fremd; und während seine beiden Brüder Nikephoros und Leo über die Sarazenen triumphierten, verbrachte der Kaiser die Stunden, die dem Volke gehörten, in angestrengtem Müßiggang. Am Vormittag besuchte er den Zirkus; zur Mittagszeit bewirtete er die Senatoren; den größten Teil des Nachmittags verbrachte er auf dem sphairisterion oder Ballspielplatz, dem einzigen Schauplatz übrigens, auf dem er Siege errang, setzte von da nach Asien über, jagte und tötete vier mächtige Eber und kehrte, stolz und zufrieden nach sotanem Tagwerk, in den Palast zurück. An Kraft und Schönheit übertraf er alle seines Alters; schlank und hochgewachsen wie eine junge Zypresse, hatte er eine helle und blühende Gesichtsfarbe, strahlende Augen, breite Schultern und eine lange Adlernase. Doch reichte alles dies nicht hin, ihm Theophanos Liebe zu bewahren: denn nach vierjähriger Regierungszeit bereitete sie ihrem Gatten den gleichen tödlichen Gift-Trunk, den sie vormals ihrem Vater angerührt hatte.

 

NIKEPHOROS II. PHOKAS – 6. AUGUST 963

Aus der Ehe mit dieser Verruchten hinterließ Romanus zwei Söhne, Basilius II. und Konstantin IX. sowie zwei Töchter, Theophano und Anna. Die älteste Schwester heiratete Otto II, den Kaiser des Abendlandes, die jüngere den Großfürsten und Apostel Wladimir von Russland; und infolge der Hochzeit ihrer Enkelin mit Heinrich I., König von Frankreich, pulst noch heute das Blut der Makedonier und vielleicht sogar der Arsakiden in den Adern der Bourbonen. Nach dem Tode ihres Gatten war die Kaiserin bestrebt, im Namen ihrer beiden Söhne, von denen der ältere fünf und der jüngere zwei Jahre alt waren, die Regierungsgeschäfte zu führen. Doch schon bald spürte sie, wie unsicher sich dieser Thron befand, dessen Stütze eine Frau war, die niemand achtete, sowie zwei Kleinkinder, die niemand fürchtete. So hielt Theophano Ausschau nach einem Beschützer und warf sich dem tüchtigsten Krieger in die Arme; in ihrem Herzen war schon immer viel Platz, doch die Hässlichkeit des neuen Günstlings gab wohlbegründeten Anlass zu der Vermutung, dass Eigeninteresse der Grund und die Entschuldigung für ihre neue Liebschaft war. Nikephoros Phokas vereinigte nach populärer Wahrnehmung in sich das zwiefache Verdienst eines Helden und eines Heiligen. Was den ersten Punkt betrifft, so war sein Talent echt und glänzend bewährt: als der Abkömmling eines durch seine kriegerischen Unternehmungen berühmten Geschlechtes hatte er sich in allen Stufen seiner Laufbahn durch Soldatenmut und Führungsqualitäten hervorgetan und sich erst jüngst noch bei der Eroberung der Insel Kreta ausgezeichnet. Zweifelhafter waren da seine religiösen Attribute, sein härenes Gewand, seine Fasten, seine frommen Redensarten vom Rückzug aus dem Getriebe der Welt, diese war alles nur eine handgerechte Maske, um seinen düsteren und gefährlichen Ehrgeiz zu verbergen.

Immerhin konnte er damit einen braven Patriarchen täuschen, der ihn durch seine Einflussnahme und den Beschluss des Senates für die Dauer der Unmündigkeit des jungen Prinzen mit dem unumschränkten und unabhängigen Oberbefehl über das morgenländische Heer versehen konnte. Sobald er sich der ihm untergebenen Truppenführer versichert hatte, marschierte er auch schon schnurstracks auf Konstantinopel los, trat nieder, was ihm entgegenkam, machte sein Einverständnis mit der Kaiserin bekannt, und übernahm, ohne ihren Söhnen ihre Ansprüche abzusprechen, unter dem Augustustitel die höchste Würden und unumschränkten Machtbefugnisse. Aber derselbe Patriarch, der ihm die Krone aufs Haupt gesetzt hatte, machte bei seiner Vermählung mit Theophano unerwartete Schwierigkeiten: er zog sich durch seine zweite Heirat ein Jahr Kirchenbuße zu, weil eine geistliche Verwandtschaft, die Patenschaft über einen Sohn, der Trauung entgegenstand; es hatte vieler Ausflüchte und eines Meineides bedurft, um die Bedenken des Klerus und des Volkes zu zerstreuen.

Sobald Nikephoros den Purpur besaß, verlor er seine Popularität. In seiner sechsjährigen Regierung zog er sich die Abneigung von Einheimischen und Auswärtigen gleichermaßen zu, denn der Geiz und die Verlogenheit des ersten Nikephoros waren in seinem Nachfolger zu neuer Blüte erwacht. Heuchelei werde ich niemals rechtfertigen oder auch nur beschönigen; aber ich getraue mich doch zu bemerken, dass das niederträchtige Laster des Geizes einem Herrscher heftiger als jedes andere zum Vorwurf gemacht und am unbarmherzigsten verdammt wird. Bilden wir uns ein Urteil über eine Privatperson, dann erwarten wir nur selten eine genaue Untersuchung ihrer Vermögensverhältnisse und ihrer Ausgaben; doch ist die Sparsamkeit des Verwalters eines Staatsschatzes immer eine Tugend und die Vermehrung der Staatseinkünfte sehr oft seine unerlässliche Pflicht. Nikephoros hatte bei der Verwendung seines Privatvermögens Freigiebigkeit bewiesen, und das öffentliche Einkommen hatte er ausschließlich für staatliche Aufgaben verwendet: in jedem Frühjahr zog der Kaiser in eigener Person gegen die Sarazenen ins Feld, und jeder Römer mochte die Verwendung seiner Ausgaben nach Triumphen, Eroberungen und der Sicherheit der Ostgrenzen abschätzen.

 

JOHANNES TZIMISKES – 25. DEZEMBER 969

Unter den Kriegern, welche der Erhebung des Kaisers förderlich waren und unter ihm gedient hatten, hatte sich ein edler und tapferer Armenier zu Recht die üppigsten Belohnungen verdient und auch erhalten. Dieser Johannes Tzimiskes war von unterdurchschnittlichem Wuchs, doch besaß dieser kleingewachsene Krieger Kraft, Schönheit und die Seele eines Helden. Die Eifersucht von Nikophoros' Bruder bewirkte seine Degradierung vom Amte eines Feldherren des Ostens zum Direktor der Poststationen, und seine diesbezüglichen Unmutsbekundungen wurden mit Ungnade und Verbannung bedacht. Indessen: Tzimiskes durfte sich unter die zahlreichen Liebhaber der Kaiserin rechnen, und infolge ihrer Fürbitte durfte er sich zu Chalkedon nahe der Hauptstadt aufhalten: er vergalt ihr diese gütige Verwendung durch heimliche Liebesbesuche im Palast, und Theophano willigte umso bereitwilliger in den Tod ihres ebenso hässlichen wie sparsamen Gatten ein.

Einige furchtlose und vertrauenswürdige Verschworene wurden in den geheimsten Nebengelassen der Kaiserin verborgen gehalten; Tzimiskes bestieg in einer dunklen Winternacht mit seinen vornehmsten Genossen ein kleines Boot, setzte über den Bosporus, ging bei der Haupttreppe des Palastes an Land, und kletterte geräuschlos eine Strickleiter empor, welches ihm weibliche Bedienstete hinab geworfen hatten. Weder sein eigener Argwohn, noch die Warnungen seiner Freunde, noch die verspätete Hilfe seines Bruders Leo, nicht die Zitadelle, welche er in dem Palast hatte errichten lassen konnte den Kaiser Nikephoros vor einer häuslichen Feindin schützen, deren Stimme den Mördern jede Tür öffnete. Der Kaiser schlief auf einem Bärenfell auf dem Boden, wurde durch das Geräusch der Eindringlinge geweckt, und dreißig Dolche blinkten ihm vor den Augen. Man weiß nicht, ob auch Tzimiskes seine Hände mit dem Blut der Kaisers befleckte; aber zumindest weidete er sich an diesem unmenschlichen Schauspiel der Rache.

Unter Hohn und Grausamkeit wurde die Ermordung des Nikephoros dann in die Länge gezogen: sobald aber sein Haupt am Fenster gezeigt wurde, beruhigte sich der Tumult, und der Armenier war Kaiser des Ostens. Am Tage seiner Krönung stellte sich der unerschrockene Patriarch ihm auf der Schwelle zur Hagia Sophia entgegen, redete ihm wegen seiner blutigen Mordtat ins Gewissen und verlangte als Zeichen der Reue, dass er sich von seiner noch stärker schuldbeladenen Genossin trennen möge. Dieser Ausbruch apostolischen Eifers war dem neuen Kaiser nicht unwillkommen, da er keine rechte Zuneigung geschweige denn Vertrauen für ein Weib empfinden konnte, das sich zu wiederholten Malen über ihre heiligsten Pflichten hinweggesetzt hatte; so dass Theophano mit ihrem Gemahle nicht die Kaiserwürde teilte, sondern in Schanden von seiner Seite und aus dem Palast entfernt wurde. Bei ihrer letzten Zusammenkunft raste sie in ohnmächtiger Wut; bezichtigte ihren Liebhaber des schwärzesten Undanks; setzte ihrem Sohn Basilius mit Schlägen und Schmähungen zu, der in Gegenwart eines Ranghöheren dastand, schweigend und unterwürfig; und bekannte sogar ihre eigene Schande und Unzucht, indem sie lauthals die Unechtheit seiner Geburt verriet.

Die öffentliche Empörung konnte nur durch ihre Verbannung und die Bestrafung der Täter geringeren Ranges beigelegt werden: der Tod seines unpopulären Vorgängers ward vergeben und die Schuld des Tzimiskes gegen den Glanz seiner Tugenden aufgewogen. Vielleicht war seine Verschwendungssucht weniger nützlich für den Staat als der Geiz des Nikephoros. Doch erwarb er mit seinem gefälligen und edlen Auftreten die Zuneigung aller, die ihm persönlich näher traten. Der Pfad des Sieges war der einzige, auf welchem der neue Kaiser seinem Vorgänger nachfolgte: den größten Teil seiner Regierung verbrachte er im Feldlager. An Donau und Tigris, den alten Reichsgrenzen, bewährte er seine persönliche Tapferkeit und seine königliche Berufung, und durch seinen zwiefachen Sieg über die Russen und die Sarazenen erwarb er sich den Ehrentitel eines Retters des Reiches und eines Eroberers des Ostens. Als er bei der Rückkehr von Syrien bemerkte, dass die fruchtbarsten Landstriche der neuen Provinzen zum Privateigentum der Eunuchen geworden waren, rief er aus und war ehrlich entrüstet dabei: »Für diese nun also hätten wir gekämpft und gesiegt? Für diese hätten wir unser Blut vergossen und die Schätze des Volkes erschöpft?» Diese Klagte wurde schon bald im Palast vernommen, und Tzmiskes starb, mit deutlichen Symptomen einer Vergiftung.

 

BASILIUS II., KONSTANTIN IX. – 10 JANUAR 976

Während dieser zwölfjährigen Usurpation, oder auch Regentschaft, waren die beiden rechtmäßigen Kaiser, Basilius und Konstantin in aller Stille zu Männern gereift. Ihre Kinderjahre machte sie für den Herrscherberuf ungeeignet; die respektvolle Bescheidenheit, mit der man ihnen begegnete und sie grüßte, war dem Alter und den Verdiensten ihrer Vormünder geschuldet; der Ehrgeiz dieser kinderlosen Vormünder zielte nicht auf eine Verletzung ihres Nachfolgerechtes; ihr Erbe wurde getreulich und gewinnbringend verwaltet, und der frühe Tod des Tzimiskes war für die Söhne des Romanus eher ein Verlust als eine Wohltat: ihre geringe Erfahrung hielt sie so noch zwölf weitere Jahre unter der tatenlosen und freiwilligen Vormundschaft eines Ministers, der seine eigen Herrschaft verlängerte, indem er sie überredete, sich den Freuden der süßen Jugend zu widmen und den Mühen der Regierungen zu verweigern. In diesem Seidengespinst blieb Konstantins Schwachheit für immer verhakelt. Aber sein älterer Bruder fühlte den Antrieb seines Genies, und es verlangte ihn nach Taten; er drohte, und der Minister war nicht mehr.

Basilius II. war nun der anerkannte Herrscher Konstantinopels und der europäischen Provinzen; Asien jedoch wurde von altgedienten Generälen bedrückt, Phokas und Scelerus, welche, mal verfeindet, mal befreundet, mal Untertan, mal Rebell, immer auf ihre eigene Unabhängigkeit bedacht waren und nunmehr dem Vorbild eines erfolgreichen Usurpators nachzueifern schienen. Gegen diese Feinde aus dem eigenen Land zog der Sohn des Romanus als Erster das Schwert, und sie erbebten in der Anwesenheit ihres rechtmäßigen und wohlgemuten Herrschers. Der Erste sank während eines Gefechtes in der vordersten Linie vom Pferd, von Gift hingerafft oder von einem Pfeil. Der Zweite, der zweimal Ketten und zweimal den Purpur getragen hatte, wünschte nur noch, den Rest seiner Tage in Frieden zu verbringen. Als dieser greise General sich dem Throne als Bittender nahte, mit trüben Augen und wanken Schrittes, dazu gestützt auf zwei Begleiter, rief der Kaiser mit dem Übermut der Jugend und in der Fülle seiner Macht: »Ist dies wirklich der Mann, vor dem wir so lange gebebt haben?»

Nachdem er seine eigene Macht und den Frieden im Reich gefestigt hatte, ließen die Siegestrophäen des Nikephoros und Tzimiskes ihren kaiserlichen Schüler im Palast nicht ruhig schlafen. Seine häufigen und ausgedehnten Feldzüge gegen die Sarazenen brachten dem Reich viel Ruhm und wenig Nutzen; doch die endgültige Niederwerfung des Königreichs von Bulgarien war seit Belisars Zeiten immer das wichtigste Kriegsziel Roms gewesen. Aber anstelle sich mit ihrem siegreichen Kaiser zu freuen, ärgerten sich die Untertanen an Basilius' raubsüchtiger und durchgreifender Sparsamkeit; indessen können wir selbst in den unvollständigen Berichten seiner Taten nur den Mut, die Zähigkeit und den Ungestüm eines Soldaten finden.

Eine fehlgeleitete Erziehung hatte zwar nicht seinen Geist klein halten können, aber doch sein Gemüt umdunkelt; er verstand von sämtlichen Wissenschaften nichts; und das Andenken an seinen ebenso gelehrten wie schwachen Großvater hat ihn wohl auch in seiner vorgetäuschten oder echten Verachtung von Recht und Richtern, von Kunst und Künstlern bestärkt. Von einem solchen Charakter konnte in solchen Zeiten eigentlich nur der Aberglaube nachhaltig und dauerhaft Besitz ergreifen: nach den Jahren des jugendlichen Übermutes widmete Basilius II. sein Leben im Palast wie im Feldlager den Bußübungen von Einsiedlern, trug die Mönchskutte unter dem Kaisermantel und der Kriegerrüstung, beobachtete mit Strenge ein Keuschheitsgelübde und untersagte sich dauerhaft den Genuss von Wein und Fleisch. In seinem achtundzwanzigsten Jahr vermochte ihn sein kriegerischer Geist, sich höchstselbst zu einem heiligen Kriege gegen die Sarazenen von Sizilien einzuschiffen; der Tod kam ihm zuvor, und Basilius, zubenannt der Bulgarenschlächter, wurden von dieser Welt abberufen, begleitet von den Segnungen der Klerisei und den Verwünschungen des Volkes.

 

KONSTANTIN IX. – DEZEMBER 1025 UND ROMANUS III. ARGYRUS – 12. NOVEMBER 1028

Nach seinem Tod genoss sein Bruder Konstantin IX etwa drei Jahre lang die Macht oder besser wohl: die Vergnügungen, die mit der kaiserlichen Macht verbunden sind; und seine einzige Sorge war die Regelung der Nachfolge. Den Augustustitel hatte er sechsundzwanzig Jahre geführt, und die Herrschaft der zwei Brüder ist die längste und zugleich dunkelste in der byzantinischen Geschichte. – Die Folge von fünf Kaisern innerhalb von einhundertundsechzig Jahren hatte die Treue der Griechen an die Dynastie dieser Mazedonier geschmiedet, die selbst von illegalen Besitzern ihrer Macht dreimal anerkannt worden waren. Nach dem Tode von Konstantin IX., dem letzten männlichen Vertreter der Kaiserdynastie, bietet sich eine neue und wirre Szene dar, denn die aufsummierten Regierungsjahre von zwölf Kaisern erreichen noch nicht einmal die Länge einer einzigen Regierung.

Sein älterer Bruder Basilius II. hatte sein individuelles Keuschheitsgebaren dem Staatsinteresse vorgezogen und Johannes IX. hatte nur drei Töchter, Eudocia, die den Schleier nahm, sowie Zoe und Theodora, die bis in ihr fortgeschrittenes Alter im Stande der Jungfräulichkeit und der Ignoranz gehalten wurden. Als im Rate ihres sterbenden Vaters die Möglichkeit ihrer Eheschließung erörtert wurde, weigerte sich die frigide oder fromme Theodora, dem Reiche einen Erben zu schenken, ihre Schwester Zoe jedoch bot sich selbst an als freiwilliges Opfer am Altar. Romanus Argyrus, ein Patrizier von angenehmen Äußeren und gutem Leumund, wurde zu ihrem Gatten auserwählt, und als seine Einwilligung ausblieb, ließ man ihn wissen, dass die andere Alternative nur zwischen Blendung oder Tod bestünde. Der eigentliche Grund für seine Weigerung war die eheliche Liebe; aber seine treue Gattin opferte ihr eigenes Lebensglück seiner Sicherheit und Größe auf, und ihr Eintritt in ein Kloster beseitigte das einzige verbliebene Hindernis für diese kaiserliche Hochzeit.

Nach dem Ableben von Konstantin IX fiel das Szepter nun also an Romanus III. Indessen, seine Anstrengungen im häuslichen wie im auswärtigen Bereich waren gleichermaßen matt und fruchtlos. Und das fortgeschrittene Alter, die achtundvierzig Jahre der Zoe, waren der Hoffnung auf eine Schwangerschaft noch weniger günstig als der Bedürfnisbefriedigung. Ihr bevorzugter Kammerherr, ein wohlgeratener Paphlagonier namens Michael, war seines Gewerbes ursprünglich ein Geldwechsler gewesen; und Romanus erzeigte sich entweder aus Dankbarkeit oder aus Gutherzigkeit nachsichtig gegenüber ihrem illegalen Umgang oder begnügte sich mit einer oberflächlichen Vermutung ihrer Unschuld. Zoe aber bestätigte schon nach kurzer Zeit die römische Lebensweisheit, dass jede Ehebrecherin auch befähigt sei, ihren rechtmäßigen Gatten zu vergiften, und so folgte ohne Verzug auf den Tod des Romanus die Anstoß erregende Vermählung und Erhebung von Michael IV.

 

MICHAEL IV, DER PAPHLAGONIER – 11. APRIL 1034

Die Erwartungen Zoes wurden jedoch schmerzlich enttäuscht: anstelle eines leistungsfähigen und dankbaren Liebhabers hatte sie sich einen elenden Schwächling in ihr Bett geladen, dessen Gesundheit und Verstand durch epileptische Anfälle zerrüttet und dessen Gewissen durch Reue und Verzweiflung gefoltert wurden. Die tüchtigsten Ärzte Erkrankungen des Leibes und des Gemütes wurden zu seiner Heilung herzu gerufen; seine Hoffnungen wurden durch zahlreiche Wallfahrten zu Gesundbrunnen und zu den Gräbern der wirkmächtigsten Heiligen am Leben erhalten. Die Mönche lobten ihn für seine Bußübungen und mit Ausnahme von Ersatzleistung (denn wem hätte er Ersatz leisten sollen?) ließ Michael kein Rechtsmittel unversucht, seine Schuld zu tilgen. Während er so in Sack und Asche ächzte und betete, grinste sein Bruder, Johann der Eunuch, zu seinen Gewissensmartern und genoss die Früchte dieses Verbrechens, dessen geheimer und schuldbeladener Urheber er selbst gewesen war. Seine Verwaltungstätigkeit bestand ausschließlich in der Kunst, seine Habgier zu befriedigen, und Zoe wurde im Palast ihrer Väter und in den Händen ihrer Sklaven zur Gefangenen.

 

MICHAEL KALAPHATES – 14. DEZEMBER 1041

Als er sicher war, dass es mit seinem Bruder zu Ende ging, führte er seinen Neffen, der ebenfalls Michael hieß, bei Hofe ein; er hatte seinen Beinamen Kalaphates von dem Beruf seines Vaters, der Schiffe mit Teer kalfaterte. Auf Anordnung des Eunuchen nahm Zoe den Sohn dieses gewöhnlichen Handwerkers an Kindes statt annehmen; und in Anwesenheit von Senat und Geistlichkeit wurde dieser untergeschobene Erbe mit dem Titel und dem Purpur eines Caesar bekleidet. So schwach aber war die Gemütsverfassung der Zoe, dass ihr die Freiheit und die Macht, die sie nach dem Tode des Paphlagoniers wiedererlangt hatte, unerträglich wurden. Nach nur vier Tagen stülpte sie die Krone dem jungen Michael V. auf den Kopf, der ihr unter Tränen und Schwüren zugesichert hatte, dass er sich während seiner Regentschaft stets als der getreueste und gehorsamste ihrer Untertanen erweisen werde.

Die einzige Tat in der kurzen Regierungszeit dieses Herrschers war seine erbärmliche Undankbarkeit gegen seinen Förderer, Johann den Eunuchen und die Kaiserin. Die Ungnade gegen den Ersteren wurde vom Publikum begrüßt; doch die Verbannung der Zoe, der Tochter so vieler Kaiser, wurde erst mit dem Murren und schließlich dem Zorngeschrei Konstantinopels quittiert; ihre Verbrechen hatte man inzwischen vergessen, und Michael musste lernen, dass es Zeiten gibt, in denen die Geduld selbst der artigsten Sklaven zu Wut und Rache emporflammt. Die Bürger jeden Standes vereinigten sich zu einem entsetzlichen Aufruhr, der drei Tage anhielt. Sie belagerten den Palast, traten die Tore ein, riefen ihre Mütter, Zoe aus dem Gefängnis und Theodora aus dem Kloster wieder auf den Thron zurück und verurteilten den Sohn des Kalaphates, seine Augen oder sein Leben zu verlieren.

 

ZOE UND THEODORA – 21. APRIL 1042

Zum ersten Male sahen die Griechen – und sie erstaunten darüber – zwei kaiserliche Schwestern auf einem Throne sitzen, im Senat den Vorsitz führen und ausländischen Gesandtschaften Gehör geben. Doch dauerte diese einzigartige Koalition nur zwei Monate; die beiden Herrscherinnen, ihre Charaktere und ihre jeweilige Anhängerschaft standen sich insgeheim feindlich gegenüber: und da Theodora nach wie vor einer Heirat abgeneigt war, fand die unermüdliche Zoe sich erneut bereit, im Alter von immerhin sechzig Jahren die Umarmungen eines dritten Gatten und die Vorhaltungen der griechischen Kirche zu ertragen.

 

KONSTANTIN X MONOMACHOS – 11. JUNI 1042

Der Name dieses neuen Gemahls der Zoe war Konstantin X. Sein Zuname Monomachos, der Einzelkämpfer, weist wohl auf seinen Mut und einen Sieg in einem öffentlichen oder privaten Zweikampf hin. Doch die Foltern der Gicht hatten seine Gesundheit untergraben, und so wechselte seine ausschweifende Regentschaft zwischen Siechtum und Frohsinn. Eine wohlgestaltete Witwe von Adel hatte Konstantin während seines Exils auf der Insel Lesbos begleitet, und diese Sclerena schmückte sich mit ihrer Stellung als seiner Geliebten. Nach ihrer Hochzeit und Thronerhebung wurde sie mit dem Titel und allem zugehörigen Pomp einer Augusta investiert und bezog eine dem Palast benachbarte Wohnung. Seine offizielle Gattin – soweit ging das Zartgefühl oder auch nur die Verderbtheit jener Zeiten – willigte in diese befremdliche und anstößige Teilung; und in der Öffentlichkeit ließ der Kaiser sich zwischen seiner Gattin und seiner Nebenfrau blicken. Er überlebte sie beide; aber die letzten Bestimmungen Konstantins zur Regelung der Nachfolge wurden von den aufmerksameren Freunden der Theodora vereitelt.

 

THEODORA – 30. NOVEMBER 1054

Nach dem Tod des Kaisers wurde unter allgemeiner Zustimmung der Thron neuerlich von Theodora in Besitz genommen. In ihrem Namen und unter der Lenkung von vier Eunuchen wurde der Osten etwa neunzehn friedliche Monate lang regiert; da diese ihre Herrschaft gerne verlängern wollten, überredeten sie die betagte Herrscherin, zu ihrem Nachfolger Michael VI. zu bestimmen.

 

MICHAEL VI. STRATIOTIKOS -22. AUGUST 1056

Der Beiname Stratiotokos, welcher dem Kaiser beigelegt wurde, ist ein Hinweis auf seinen militärischen Beruf, aber der kränkelnde und altersschwache Veteran konnte nur noch mit den Augen seiner Minister sehen und durch ihre Hände tätig sein. Da er den Thron bestieg, fuhr Theodora in die Grube, die letzte aus dem Hause der Makedonier oder Basilier.

Ich habe diese schandbare und niedere Periode von achtundzwanzig Jahren, in welcher die unter das übliche Maß der Sklaverei herabgesunkenen Griechen wie eine Schafherde infolge der Wahl oder der Laune zweier machtloser Frauen hin- und hergeschoben wurden, in Eile überflogen und lasse sie jetzt gern hinter mir.

 

ISAAK I. KOMNENOS – 31. AUGUST 1057

Ein Schimmer von Freiheit oder wenigstens von Mut beginnt jetzt aus dieser Finsternis hervorzuleuchten; den Brauch, das Andenken erblicher Tugenden mit Beinamen zu verewigen, wurde von den Griechen bewahrt oder wiederbelebt; und so können wir den Aufstieg, die Aufeinanderfolge und die Verwandtschaftsbeziehungen der letzten Dynastien von Konstantinopel und Trapezunt verfolgen. Die Komnenen, welche den Untergang des Reiches wenigsten eine Zeitlang aufhielten, konnten auf die Ehre einer römischen Herkunft Anspruch machen; doch die Familie war schon vor langer Zeit von Italien nach Asien übersiedelt. Ihre Erbgüter lagen im Bezirk von Castamona in der Nähe zum Schwarzen Meer; einer ihrer angesehensten Nachfahren, der bereits auf den Pfaden des Ehrgeizes wandelte, besuchte nicht ohne Rührung und vermutlich auch nicht ohne eine Art Nostalgie die bescheidene, aber ehrenvolle Wohnung seiner Väter.

Der erste dieses Geschlechtes war der berühmte Manuel, der unter der Regentschaft von Basilius II. durch Kriegstaten und Friedensschlüsse zur Beilegung der Unruhen im Osten beisteuerte; zwei kleine Söhne hinterließ er, Isaak und Johannes, welche er im Bewusstsein seiner Verdienste dem Wohlwollen und der Dankbarkeit des Herrscher anvertraute. Tatsächlich wurden die edlen Jünglinge sorgfältig in der Gelehrsamkeit der Klöster, den Regeln des Hofes und den Übungen des Feldlagers unterwiesen; und rasch stiegen sie vom häuslichen Wachdienst über die Provinzverwaltung bis zu hohen Armeekommandos empor. Da sie in brüderlicher Eintracht lebten, verdoppelte sich auch ihre Macht und ihr Ansehen, und ihr alter Adel wurde sichtbar durch die Vermählung der beiden mit einer bulgarischen Prinzessin und der Tochter eines Patriziers aufpoliert, der seinen Beinamen Charon nach der Unzahl der von ihm in die Unterwelt geschickten Feinde erhalten hatte.

Die Soldaten hatten nur widerstrebend unter einer Reihe von verweichlichten Herrschern gedient; die Erhebung von Michael VI. war eine persönliche Kränkung der verdienteren Generäle, und zusätzlich wurde ihr Unmut durch die Sparsamkeit des Kaisers und die Arroganz der Eunuchen vergrößert. Sie versammelten sich insgeheim in der Hagia Sophia, und die Abstimmung dieser militärischen Synode wäre eindeutig zugunsten des alten und bewährten Katakalon ausgegangen sein, wenn nicht die Bescheidenheit oder die Vaterlandsliebe dieses würdigen Veteranen sie daran erinnert hätte, welche wichtige Rolle bei der Wahl eines Souveräns dessen Herkunft und Verdiensten beizumessen seien. So erhielt Isaak Komnenos allgemeine Zustimmung, und die Verbündeten trennten sich unverzüglich, um sich in den Ebenen Phrygiens an der Spitze ihrer jeweiligen Heeresabteilungen zu vereinen. Die Sache Michaels wurde in nur einem Treffen von den Söldnern der kaiserlichen Leibwache verteidigt, welchen das Staatsinteresse fremd war und die nur von den Grundsätzen der Ehre und Treue gelenkt wurden.

Nach seiner Niederlage schlug der verängstigte Kaiser einen Vertrag vor, den der maßvolle Komnene auch beinahe angenommen hätte. Jener wurde jedoch von seinen Gesandten hintergangen und dieser von seinen Freunden davon abgebracht. Der verlassene Kaiser Michael unterwarf sich Volkes Stimme; der Patriarch sprach sie von ihrem Treueid los; und als er dem kaiserlichen Mönch das Haupt schor, gratulierte er ihm zu diesem heilsamen Tausch des weltlichen Königreiches gegen das himmlische; welchen Tausch der Gottesmann für seine eigene Person vermutlich abgelehnt hätte. Aus der Hand desselben Priesters empfing Isaak I. Komnenos feierlich die Krone: das Schwert, das er auf seine Münzen prägen ließ, hätte man geradezu als Beleidigung auslegen können, wenn es denn ein Recht auf Eroberung andeutet hättee; aber es sollte dieses Schwert nur gegen die äußeren und inneren Feinde des Reiches gezogen werden.

Die Abnahme seiner Gesundheit und Kräfte verboten ihm die Ausübung fernerer Heldentaten, und der nahende Tod bestimmte ihn, zwischen irdisches Leben und Ewigkeit noch ein paar Augenblicke einzuschieben. Aber anstelle das Reich seiner Tochter als Mitgift zu übertragen, nötigte ihn Vernunft und Zuneigung, seinen Bruder Johannes vorzuziehen, einen Krieger, Patrioten und Vater von fünf Söhnen, die Säulen für künftige Thronfolgen. Dessen erste bescheidene Weigerung könnte man noch als die natürlichen Folgen von Bescheidenheit und Feingefühl ansehen; aber seine hartnäckige und letztlich erfolgreiche Weigerung muss man, selbst wenn sie noch den Anschein von Tugend erkennen lässt, als massive Pflichtverletzung und einen seltenen, fast sträflichen Verstoß gegen Familie und Land ansehen.

Den Purpur, den er ablehnte, empfing dann Konstantin Dukas, ein Freund des Hauses der Komnener, der neben dem Adel seiner Geburt auch noch auf politische Klugheit verweisen konnte. Isaak jedoch kam im Gewande des Mönchs wieder zu Gesundheit und Kräften und lebte nach seiner freiwilligen Abdankung noch zwei weitere Jahre. Auf Anweisung des Abtes beobachtete er die Regeln des heiligen Basilius und verrichtete im Konvent niedere Dienste: doch wurde seine unterdrückte Eitelkeit durch die häufigen und ehrerbietigen Besuche des regierenden Monarchen gekitzelt, welcher in seiner Person einen Wohltäter und zugleich einen Heiligen verehrte.

 

KONSTANTIN XI DUKAS – 25. DEZEMBER 1059

Falls Konstantin XI. Dukas wirklich der würdigste Nachfolger im Reich war, dann liegt es uns ob, den entarteten Zustand der Zeiten und des Volkes zu beklagen, aus welchem er gewählt wurde. In kindisch-angestrengten Redeübungen strebte er vergeblich nach der Krone der Beredsamkeit, die ihm mehr galt als die des Kaisers; und er vergaß in der Ausübung nachgeordneter Pflichten die Aufgaben eines Regenten und Kriegers. Es lag ihm ferne, der patriotischen Uneigennützigkeit seines Förderers nachzueifern, vielmehr war Dukas ausschließlich bestrebt, auf Kosten des Staates die Macht und das Emporkommen seiner Kinder sicherzustellen. Seine drei Söhne, Michael VII., Andronikus I. und Konstantin XII. erhielten bereits im zarten Jugendalter den Augustustitel, und mit dem Tode ihres Vaters eröffnete sich ihnen schon bald die Nachfolge.

 

EUDOKIA – MAI 1067

Nun wurde seiner Witwe Eudokia die Verwaltung des Reiches übertragen; jedoch hatte die Erfahrung dem sterbenden Monarchen es angelegen sein lassen, seine drei Söhne vor den Gefahren einer zweiten Ehe zu schützen, und ihr feierliches und von den vornehmsten Senatoren schriftlich bezeugte Versprechen wurde in die Hände des Patriarchen niedergelegt. Doch ehe sieben Monde vergangen waren, riefen Eudokias Bedürfnisse – oder vielleicht auch die des Staates – dringlich nach den Tugenden eines männlichen Kriegers; und da zeigte es sich, dass die Wahl ihres Herzens bereits auf Romanus Diogenes gefallen war, den sie vom Schafott auf den Thron befördert hatte. Die Entdeckung eines hochverräterischen Unternehmens hatte ihn mit der Strenge der Gesetze konfrontiert; in den Augen der Kaiserin sprachen ihn seine Anmut und Manneskraft von jedem Vorwurf frei, und nach zwei Tagen einer milden Verbannung wurde Romanus zurückberufen und über die Heere des Ostens als Oberbefehlshabers eingesetzt.

Dem Publikum war die kaiserliche Wahl bis dahin noch verheimlicht worden; und das schriftliche Dokument, mit dem ihre Verlogenheit und ihr Leichtsinn öffentlich belegt worden wäre, wurde durch einen geschickten Abgesandten dem ehrgeizigen Patriarchen entwunden. Xiphilin gebrauchte zunächst Redensarten von der Heiligkeit der Eide und der Unverletzlichkeit eines anvertrauten Gutes, aber seine Skrupel zerstreuten sich, als man ihm zuflüsterte, dass sein Bruder der nächste Kaiser sein würde, und so stand er nicht an zu bekennen, dass dem Staatswohl die oberste Priorität zukomme. Er gab das wichtige Dokument heraus; doch als er sich infolge der Ernennung des Romanus in seinen Hoffnungen betrogen sah, konnte er weder die Urkunde zurückerlangen noch seine Erklärung widerrufen geschweige denn die zweite Eheschließung der Kaiserin hintertreiben.

 

ROMANUS III. DIOGENES – AUGUST 1067

Aber im Palast wurde dennoch ein Murren laut; schon hatten die ausländischen Leibwachen ihre Streitäxte für das Haus des Dukas erhoben, als es der Kaiserin unter Einsatz von Tränen und feierlichen Versicherungen gelang, die jungen Prinzen von der Treue ihres Vormundes zu überzeugen, welcher tatsächlich das kaiserliche Amt mit Würde und Ehre versehen hatte. Ich werde noch von seinen tapferen, wenn auch letzthin erfolglosen Versuchen zu erzählen haben, den Fortschritt der Türken aufzuhalten. Seine Niederlage, seine Gefangenschaft: dies waren tödliche Wunden für die Monarchie des Ostens; und als er aus den Ketten des Sultans entlassen war, schaute er sich vergeblich nach seiner Frau und seinen Untertanen um. Seine Frau hatte man in ein Kloster gesteckt; und die Untertanen des Romanus hatten sich an die strengen Grundsätze des Zivilrechtes erinnert, dass ein Gefangener in Feindeshand seiner bürgerlichen und privaten Rechte verlustig gehe, als sei er gestorben.

In dieser allgemeinen Konfusion machte der Caesar Johannes die unverbrüchlichen Gerechtsame seiner drei Neffen geltend; Konstantinopel hörte tatsächlich auf seine Stimme, und der Kriegsgefangene der Türken wurde in der Hauptstadt zum Feind der Republik erklärt und an der Grenze wie ein solcher empfangen. In diesem Krieg im Inneren war Romanus ebenso vom Glück verlassen wie im auswärtigen: Nach zwei Niederlagen in zwei Schlachten war er genötigt, sich zu ergeben und dabei auf die Zusicherung einer ehrenvollen und anständigen Behandlung zu setzen. Aber seine Feinde waren ebenso treu- wie gewissenlos. Nach dem bestialischen Ausstechen seiner Augen ließen sie die Wunden des Romanus unbehandelt bluten und eitern, sodass der Tod ihn nach wenigen Tagen von seinem Elend erlöste.

 

MICHAEL VII. PARAPINAKES, ANDRONIKOS I., KONSTANTIN XII. – AUGUST 1071

Während der dreifachen Regierung der Nachkommen des Dukas mussten sich die beiden jüngeren Brüder mit den bedeutungslosen Ehren des Purpurs begnügen; der älteste indessen, der kleinmütige Michael, war unfähig, das römischen Szepter zu ertragen; und sein Zuname Parapinakes (›Minus ein Viertel‹, A.d.Ü) bezeichnet den Vorwurf, der auch auf seinem habgierigen Günstling lastete, welcher den Preis für Weizen erhöht und gleichzeitig das Maß vermindert hatte. In der Schule von Psellos hatte nach dem Vorbild seiner Mutter der Sohn der Eudokia einige Fortschritte in der Philosophie und Rhetorik gemacht; aber Mönchstugenden und Sophistik hatten seinen Charakter eher verbogen als veredelt. Geeint in der Verachtung ihres Herrschers und in der Wertschätzung ihrer selbst nahmen zwei Generäle an der Spitze der europäischen und asiatischen Legionen zu Adrianopel und Nikäa den Purpur an. Ihre Revolte fiel in denselben Monat; beide hießen sie Nikephoros, unterschieden sich aber durch ihre Beinamen Bryennius und Botaniates; der Erste zeichnete sich durch die Reife seiner Weisheit und seines Mutes aus, der Zweite durch zurückliegende Heldentaten.

Während Botaniates vorsichtig und zögernd heranrückte, stand sein Mitbewerber bereits in Waffen vor den Toren Konstantinopels. Bryennius war wohlgelitten, die Griechen waren seiner Sache durchaus nicht entgegen. Aber seine disziplinlose Truppe war nicht davon abzubringen, eine Vorstadt zu plündern und anzuzünden; und das Volk, das den Aufständischen freudig begrüßt haben würde, warf die Mordbrenner seiner Vorstadt hinaus und verjagte sie. Dieser Umschwung der öffentlichen Meinung war dem Botaniates naturgemäß günstig, der sich endlich zusammen mit einem türkischen Heer dem Strand von Chalkedon näherte. Eine offizielle Einladung im Namen der Patriarchen, der Synode und des Senates zirkulierte durch die Straßen von Konstantinopel; in der Hagia Sophia erörterte man in Ruhe und guter Ordnung die Frage der Kaiserwahl. Michaels Leibgarde hätte diese unbewaffnete Synode mühelos verscheuchen können; aber der angstvolle Kaiser, der sich an seiner eigenen Mäßigung und Milde erfreute, legte aus freien Stücken die Insignien seiner Herrscherwürde nieder, wurde stattdessen mit der Mönchstracht investiert sowie mit dem Titel des Erzbischofs von Ephesos. Er hinterließ einen Sohn, Konstantin, der in Purpur geboren und erzogen worden war, und eine Tochter aus dem Hause des Dukas verlieh der komnenischen Dynastie den nötigen Glanz und bekräftigte ihre Nachfolge.

 

NIKEPHOROS III., BOTANIATES – 25. MÄRZ 1078

Johannes Komnenos, Bruder des Kaisers Isaak, lebte nach seinem respektablen Amtsverzicht noch einige Zeit in Frieden und Würde. Mit seiner Gattin Anna, einer Frau von männlichem Geist und ebensolcher Klugheit, hatte er acht Kinder: die drei Töchter vermehrten die Verbindungen der Komnener mit dem griechischen Adel; von den fünf Söhnen wurde Manuel vorzeitig aus dem Leben gerissen; Isaak und Alexius gelang es, die frühere kaiserliche Größe ihres Hauses wieder herzustellen, an der die jüngeren Brüder, Adrian und Nikephoros, ohne nennenswerte Anstrengungen teilhaben durften. Alexius, den dritten und berühmtesten der Brüder, hatte die Natur mit einem üppigen Fundus an geistigen und körperlichen Vorzügen ausgestattet; diese Anlagen wurden durch eine gediegene Erziehung zur Reife gebracht und in der Schule des Gehorsams und der Widrigkeiten vollendet. In ihrer Jugend hatte die väterliche Fürsorge des Kaisers Romanus sie noch nicht den Gefahren des Türkenkrieges ausgesetzt, doch die Mutter der Komnenen und ihre ehrgeizigen Söhne wurden von den Söhnen des Dukas des Hochverrates angeklagt und auf eine Insel des Propontis verbannt.

Doch schon bald gelangten die beiden Brüder wieder zu Gunst und Ämtern, fochten Seite an Seite gegen die Rebellen und Barbaren und dienten dem Kaiser Michael, bis dieser von der Welt und von sich selbst verlassen wurde. Bei seiner ersten Unterredung mit Botaniates sagte Alexius Komnenos mit achtbarem Freimut: »Mein Fürst, meine Pflicht hat mich vordem zu deinem Feinde gemacht; Gottes Wille und der des Volkes machten mich zu deinem Untertan. Beurteile meine zukünftige Treue nach meiner früheren Gegnerschaft.» Der Nachfolger Michaels nahm ihn mit Wertschätzung und Vertrauen auf: seine Tapferkeit bewährte sich gegen die drei Rebellen, die den Frieden des Reiches störten, zumindest den des Kaisers. Ursel, Bryennus und Basilacius waren durch ihr starkes Heer und ihre militärischen Talente ein Schrecknis; nacheinander wurden sie im Felde besiegt und in Fesseln vor den Thron geführt; und welche Behandlung auch immer sie an einem verängstigten oder grausamen Hofe fanden, sie zollten in gleicher Weise der Milde wie dem Mut ihres Besiegers Beifall.

Aber schon bald wurde die Treue der Komnenen durch Furcht und Argwohn getrübt; es ist in der Tat ein missliches Unterfangen, zwischen Untertan und Despot das Problem der Dankesschuld zu klären, welches jener mit dem Schwert der Empörung einzufordern und jener mit dem Henkersbeil zu bezahlen versucht ist. Die Weigerung des Alexius, gegen einen vierten Rebellen ins Feld zu ziehen, der zugleich der Gemahl seiner Schwester war, machte die Erinnerung an seine alten Verdienste zu Nichts: die Günstlinge des Botaniates provozierten genau den Ehrgeiz, den sie fürchteten und bereits vorher angeklagt hatten; und die Entfernung der beiden Brüder ließ sich leicht begründen durch die Notwendigkeit, ihr Leben und ihre Freiheit zu verteidigen.

Die Frauen der Familie wurden in eine Weihestätte verbracht, deren Mauern selbst den Tyrannen heilig waren; die Männer setzten sich zu Pferde, stürmten aus der Stadt und pflanzten die Fahne der Empörung auf. Die Soldaten, die sich allmählich in der Hauptstadt und ihrer Umgebung einfanden, traten bereitwillig der Sache ihres siegreichen und gekränkten Anführers bei; verwandtschaftliche Bande und gemeinsame Interessen bürgten für die Anhänglichkeit des Hauses Dukas, und der edle Wettstreit unter den Komnenen wurde durch die bestimmte Entschussfreudigkeit des Isaak beendet, indem er seinem jüngeren Bruder mit dem Namen und Insignien der Kaiserwürde bekleidete.

Sie kehrten schon bald nach Konstantinopel zurück, nicht so sehr, um diese uneinnehmbare Feste zu belagern als vielmehr zu erschrecken; aber die Treue der Wache war durch Bestechung wankend geworden, ein Tor wurde überrumpelt werden, und die Flotte wurde durch den zupackenden Mut des Georg Paläologos gekapert, welcher gegen sein Vater kämpfte, ohne zu ahnen, dass er für seine Nachkommenschaft tätig war. Alexius bestieg den Thron und sein greiser Nebenbuhler verschwand im Kloster. Ein Söldnerheer aus vielen Völkern durfte zur Belohnung die Stadt plündern, aber diese zerrütteten Verhältnisse würden durch die Tränen und Fasten der Komnenen getilgt, welche sich jedweder Bußübung unterwarfen, welche mit dem Besitz des Thrones nur irgend verträglich war.

 

ALEXIUS KOMNENOS – 1. APRIL 1081

Das Leben des Kaisers Alexius ist von einer geliebten Tochter beschrieben worden, die von einer zärtlichen Hochachtung für seine Person beseelt war sowie von dem löblichen Wunsch, das Andenken seiner Tugenden zu verewigen. Im Bewusstsein des berechtigten Argwohns ihrer Leser betont Prinzessin Anna Komnena wiederholt, dass sie – außer ihrer persönlichen Kenntnis – besonders aus Gesprächen und Aufzeichnungen der ältesten und zuverlässigsten Veteranen geschöpft habe; dass sie nach Ablauf von dreißig Jahren, in der die Welt von ihr und sie von der Welt Abstand gewonnen hätten, sie in ihrer düsteren Einsamkeit durch Furcht oder Hoffnung nicht mehr zu beeindrucken sei und dass ihr mittlerweile die nackte, unverstellte Wahrheit wichtiger geworden sei als selbst das Andenken an ihren Vater. Doch lässt sie allenthalben durch bemühte rhetorische Künstelei und Wissenschaftlichkeit die Eitelkeit der Schriftstellerin durchschimmern, anstelle durch die Schlichtheit des Stiles und des Erzählflusses zuverlässig unser Vertrauen zu gewinnen. Der wahre Charakter des Kaisers verliert sich im diffusen Ungefähr einer Ansammlung von Tugenden, die ununterbrochene Lob- oder Verteidigungsrhetorik macht uns misstrauisch und gibt uns Anlass, die Wahrheitsliebe der Historikerin und die Verdienste des Helden zu bezweifeln.

Wir können uns jedoch der wichtigen und wohlerwogenen Bemerkung der Prinzessin nicht verschließen, dass die ungeordneten Zustände seiner Zeit das Unglück und zugleich der Ruhm des Alexius waren; und dass sich alles, was nur irgendwie einem untergehenden Reich zusetzen kann, infolge des gerechten Zorns des Himmels und der Unfähigkeit seiner Vorgänger auf seine Regierung türmte: Im Osten hatten die siegreichen Türken von Persien bis zum Hellespont die Herrschaft des Korans und des Halbmondes etabliert; den Westen überrannte die abenteuernde Kühnheit der Normannen, und wenn es einmal Frieden gab, dann goss die Donau neue Völkerschaften aus, die in der Kriegskunst das hinzugelernt hatten, was sie auf der anderen Seite an der Wildheit ihrer Sitten verloren haben mochten. Die See war nicht minder von Feinden durchwimmelt wie das feste Land, und während die Grenzen von den Feinden in offenen Feldzügen angegriffen wurden, war der Palast beständig heimlichen Verschwörungen und Kabalen ausgesetzt. Dann wurde unvermittelt von den Lateinern das Kreuzesbanner entrollt, Europa fiel über Asien her, und Konstantinopel wäre in dieser reißenden Überschwemmung fast untergegangen.

In diesen Stürmen lenkte Alexius das kaiserliche Staatsschiff mit ebensoviel Gewandtheit wie Kühnheit. An der Spitze seiner Armee war er kampfeskühn, listenreich, ausdauernd und immer bereit, einen Vorteil zu seinen Gunsten auszubeuten oder nach einem Rückschlag sich unverdrossen wieder aufzurappeln. Die Zucht im Militärlager trat wieder in ihre alten Rechte ein, und eine neue Generation von Männern und Kriegern erwuchs nach seinem Vorbild und seiner Anleitung. Im Verkehr mit den Lateinern war er geduldig und fintenreich: sein scharfblickendes Auge durchschaute das ihm unbekannte System einer neuen Welt; und ich werde demnächst die überlegene Staatsklugheit darzustellen haben, mit der er die Leidenschaften und Interessen der Streiter des ersten Kreuzzuges auszugleichen Verstand. In einer langen, siebenunddreißigjährigen Regierungszeit überwand und verzieh er den Neid von Gleichgestellten, stellte das öffentliche und Privatrecht wieder her, förderte Handel und Wissenschaft, erweiterte die Grenzen des Reiches in Europa und Asien und überlieferte das komnenische Szepter bis in die dritte und vierte Generation.

Doch haben die misslichen Zeitläufte auch einige Charaktermängel an ihm bloßgelegt und sein Gedächtnis einigem berechtigten oder infamen Tadel ausgesetzt. Der Leser wird vermutlich das üppige Lob belächeln, mit welchem seine Tochter so oft einen fliehenden Helden überschüttet; man könnte seine in unvorteilhafter Lage praktizierte Vorsicht und Klugheit leicht als Mangel an persönlichem Mut auslegen, und seine politische Kunstfertigkeit belegten die Lateiner mit den Schmähnamen des Betruges und der täuschenden Verstellung. Die neuen männlichen und weiblichen Sprossen seines Hauses waren eine Zierde des Thrones und sicherten die Thronfolge ab; aber ihr fürstlicher Aufwand und ihr hoffärtiges Auftreten ärgerten die Patrizier, plünderten den Staatsschatz und waren ein Hohn über die Armut des Volkes. Anna ist in diesem Punkte eine glaubwürdige Zeugin, dass die Sorgen um das Staatswohl sein Lebensglück zerstörten und seine Gesundheit unterminierten: Konstantinopels Geduld wurde durch seine überlange und strenge Regierung strapaziert, und bevor Alexius verstarb, hatte er die Zuneigung und Verehrung seiner Untertanen verspielt. Der Klerus vergaß ihm die Verwendung ihrer heiligen Reichtümer zum Besten des Staates niemals, verweigerte aber seiner theologischen Gelehrsamkeit und seinem glühenden Eifer für die Orthodoxie ihren Beifall nicht, welche er mit Wort, Schrift und Schwert verteidigte.

Griechischer Aberglauben trübte seinen Charakter ein, und ein und dasselbe, in sich selbst widersprüchliche Prinzip der menschlichen Natur bestimmte ihn, ein Armenhospital zu errichten und die Hinrichtung eines Ketzers zu leiten, der auf dem Platz vor der Hagia Sophia lebendig verbrannt wurde. Selbst die Aufrichtigkeit seiner moralischen Prinzipien wurde bezweifelt, und zwar ausgerechnet von solchen Personen, die ihr Leben lang vertrauten Umgangs mit ihm gepflogen hatten. Als ihn in seinen letzten Stunden sein Weib drängte, die Nachfolgeregelung zu ändern, hob er den Kopf und ließ fromme Redensarten von der Eitelkeit allen irdischen Strebens und Mühens vernehmen. Die Antwort der entrüsteten Kaisein hätte man als Grabinschrift für ihn verwenden können: »Du stirbst so, wie du gelebt hast – als ein Heuchler

 

JOHANNES ODER JOHANNES KALOS – 15. AUGUST 1118

Es war der Wunsch Irenes gewesen, an die Stelle ihres ältesten noch lebenden Sohnes ihre Tochter, die Prinzessin Anna zu platzieren, welche trotz aller philosophischen Vorlieben die Last des Diadems als nicht zu schwer empfunden haben würde. Doch die Freunde des Vaterlandes verteidigten die männliche Thronfolge; der rechtmäßige Erbe zog den kaiserlichen Siegelring vom Finger seines bewusstlosen oder noch seiner Sinne mächtigen Mannes, und das Reich gehorchte dem Gebieter des Palastes. Ehrgeiz und Rachegelüste vermochten Anna, sich auf eine Verschwörung gegen das Leben ihre Bruders einzulassen, und als dieser Entwurf durch die Ängste oder die Skrupel ihres Gatten zuschanden ging, rief sie grimmgemut aus, die Natur habe hier wohl die beiden Geschlechter verwechselt und Bryennius mit der Seele eines Weibes ausgestattet. Die beiden Söhne des Alexius, Johann und Isaak, übten sich in brüderlicher Eintracht, welche Tugend in diesem Hause gleichsam erblich war: der Jüngere begnügte sich mit dem Titel Sebastokrator, welcher der kaiserlichen Würde nahe kam, ohne ihm etwas von ihrer Macht zu verleihen. Glücklicherweise waren die Gerechtsame der Erstgeburt und des Verdienstes in ein und derselben Person vereint: seine fast schwarze Gesichtsfarbe, seine groben Gesichtszüge und sein Minderwuchs hatten ihm den ironischen Beinamen Kalo-Johannes oder Johann der Schöne eingetragen, den seine dankbaren Untertanen indessen mit besserem Recht der Schönheit seiner Seele zulegten.

Nach der Aufdeckung ihres Verrates waren Leben und Vermögen der Anna zu Recht verwirkt. Die Milde des Kaisers schonte ihr Leben, allerdings besichtigte er den Prachtaufwand und die Schätze ihres Palastes und verschenkte diese verwirkten Güter an den verdienstvollsten seiner Freunde. Dieser ehrachtbare Freund, Axuch, ein Sklave türkischer Herkunft, wagte es tatsächlich, das Geschenk abzulehnen und sich für die Verbrecherin zu verwenden; sein großherziger Gönner pries die Tugend seines Günstlings und übertraf sie sogar noch, und so blieb als einzige Strafe für die schuldbeladene Prinzessin der Vorwurf ihres gekränkten Bruders übrig.

Nachdem er dieses Beispiel von Milde gegeben hatte, blieb seine ganze verbleibende Regierung von Aufruhr oder Verschwörung ungestört: von den Großen der Krone gefürchtet, vom Volk geliebt, sah sich Johannes niemals gegen seinen Willen gezwungen, persönliche Feinde bestrafen oder ihnen auch nur verzeihen zu müssen. Während seiner fünfundzwanzigjährigen Regierung war sogar die Todesstrafe im Römischen Reich aufgehoben; ein mildtätiges Gesetz, freudevoll der humanen Theorie, deren Praxis jedoch in einer großen und verkommenen Volksmasse nur selten mit den Belangen der öffentlichen Sicherheit verträglich ist. Streng gegen sich selbst, nachsichtig gegen andere, keusch, karg, enthaltsam, würde der philosophische Marcus Aurelius die ungekünstelten Tugenden seines Nachfolgers gerühmt haben, die ihm aus dem Herzen kamen und nicht von irgendwelchen Philosophenschulen ausgeborgt waren. Er verachtete den überbordenden Prunk des byzantinischen Hofes und versuchte ihm gegenzusteuern, da er für das Volk so drückend und für das Auge der Vernunft so erbärmlich war. Unter einem solchen Fürsten hatte die Unschuld nichts zu befürchten und das Verdienst alles für sich zu erwarten; und so führte er allmähliche und gleichzeitig jedermann erkennbare Reformen in den öffentlichen und privaten Sitten Konstantinopels ein, ohne dabei das diktatorische Zensorenamt zu übernehmen.

Der einzige Fehler dieser vollkommenen Seele war die Schwäche vieler edler Charaktere, die Liebe zu Waffen und Kriegsruhm. Doch lassen sich die zahlreichen Feldzüge von Johannes dem Schönen zumindest grundsätzlich durch die Notwendigkeit rechtfertigen, die Türken vom Hellespont und Bosporus zurückzudrängen. Der Sultan von Ikonium wurde auf seine Hauptstadt beschränkt, die Barbaren in die Berge getrieben, und die Seeprovinzen Asiens durften wenigstens eine vorübergehende Freiheit genießen. Er zog an der Spitze eines siegreichen Heeres mehrmals von Konstantinopel nach Aleppo und Antiochia, und während der Gefechte und Belagerungen dieser heiligen Kriege hatten die Lateiner mehrfach Gelegenheit, die überlegene Tapferkeit und den hohen Mut der Griechen zu bewundern. Als der Kaiser dann aber anfing, sich der ehrgeizigen Hoffnung zu überlassen, das Reich in seinen alten Grenzen zu erneuern, als er in seinen Gedanken mit Euphrat und Tigris, der Herrschaft über Syrien, der Eroberung von Jerusalem beschäftigt war, zerriss ein äußerst merkwürdiger Unfall seinen Lebensfaden und das Fortschreiten des öffentlichen Wohls. Er jagte im Tale von Anazarbus einen Wildeber und hatte bereits seinen Wurfspieß in den Leib des wütenden Tieres gerammt. Aber während des folgenden Kampfes fiel aus seinem Köcher ein vergifteter Pfeil, und die Schramme an der Hand, welche einen Wundbrand zur Folge hatte, brachte dem größten und Besten der Komnenen den Tod.

 

MANUEL 8. APRIL 1143

Ein vorzeitiger Tod hatte die beiden ältesten Söhne Johannes' des Schönen dahingerafft; von den beiden Überlebenden, Isaak und Manuel, bevorzugte er aus Liebe oder Einsicht den Jüngeren, und die Krieger, die seine Tapferkeit im Türkenkrieg erlebt hatten, begrüßten die Wahl ihres sterbenden Kaisers. Der getreue Axuch eilte sogleich zur Hauptstadt, versicherte sich der Person Isaaks durch einen ehrenvollen Gewahrsam und erkaufte mit einem Geschenk von zweihundert Pfund Silber die vornehmsten Geistlichen der Hagia Sophia, da sie bei Kaiserwahlen die entscheidenden Stimmen hatten. An der Spitze seiner kampfbewährten und treuergebenen Veteranen zog Manuel vor die Tore Konstantinopels; sein Bruder gab sich mit dem Titel des Sebastiokrators zufrieden, seine Untertanen bestaunten den hohen Wuchs und das Kriegerische ihres neuen Herrschers und lauschten mit Bereitwilligkeit der wohlklingenden Verheißung, dass er die Weisheit des Alters aufs harmonischste mit der Umtriebigkeit der Jugend verknüpfen werde. Seine Regierungstätigkeit überzeugte sie davon, dass er es mit dem hohen Mute seines Vaters aufnehmen konnte, er auch die anderen Talente des Verstorbenen besaß, aber dessen soziale Fähigkeiten mit ihm begraben seien.

Seine siebenunddreißigjährige Regierung ist jedoch ein einziger ununterbrochener, wenngleich wechselvoller Krieg gegen die Türken, die Christen und die wilden Horden jenseits der Donau. Manuels Waffen bewährten sich im Taurusgebirge, in der ungarischen Ebene, an der italienischen und ägyptischen Küste, zur See vor Sizilien und Griechenland; seine Unterhandlungen wirkten sich von Jerusalem bis nach Rom und Russland aus, und eine Zeitlang war die byzantinische Monarchie den Mächten Asiens und Europas ein Gegenstand des Staunens oder des Schreckens. Aufgebracht in Seide und Purpur des Orients, besaß Manuel gleichwohl den abgehärteten Körper und Geist eines Kriegers in einem Maße, dass sich dazu in der Geschichte kaum eine Parallele nachweisen lässt, Richard II von England und Karl XII von Schweden vielleicht ausgenommen. So gewaltig waren seine Stärke und seine Waffenkunst, dass Raymond, genannt der Herakles von Antiochia, außerstande war, die Lanze und den Schild des griechischen Kaisers zu führen.

Auf einem berühmten Turnier ritt er mit einem feurigen Streitross in die Schranken und warf im ersten Anlauf zwei der stärksten italienischen Reiter. Bei jedem Angriff der Erste und bei jedem Rückzug der Letzte, bebten seine Freunde und seine Feinde gleichermaßen, die Ersteren um sein Leben und die Letzteren um ihr eigenes. Nachdem er in einem Walde einen Hinterhalt aufgestellt hatte, ritt er auf der Suche nach irgendeinem gefährlichen Abenteuer weiter, nur von seinem Bruder begleitet und dem treuen Axuch, die sich auch jetzt noch weigerten, ihren Herren alleine zu lassen. Achtzehn Reiter flohen vor ihnen nach kurzem Kampf; doch wurde die Zahl der Feinde größer; die Verstärkung kam nur verspätet und verzagt; und Manuel schlug sich ohne eine einzige Wunde durch eine Schwadron von fünfhundert Türken hindurch. In einer Schlacht gegen die Ungarn riss er, unzufrieden mit der Langsamkeit seiner Truppe, von der Spitze der Marschkolonne die Standarte an sich und war der erste, fast schon der einzige, der die Brücke überquerte, die ihn vom Feinde trennte. In eben diesem Lande schickte er die Boote, mit denen er seine Arme über die Save gesetzt hatte, wieder zu ihrem Kommandeur zurück und befahl ihm bei Androhung der Todesstrafe, ihn im Feindesland siegen oder sterben zu lassen. Als bei der Belagerung von Korfu das kaiserliche Schiff eine feindliche Galeere in Schlepp genommen hatte, stand Manuel auf dem Achterdeck, wo er gegen den Hagel von feindlichen Pfeilen keine andere Deckung hatte als seinen Schild und ein herabhängendes Segel; doch wäre er dem sicheren Tod nicht entgangen, wenn der sizilianische Admiral seinen Schützen nicht befohlen hätte, das Leben dieses Helden zu schonen. An einem einzigen Tage tötete er vierzig Feinde und kehrte in das Lager zurück, wobei er noch vier türkische Gefangene mitschleppte, die er an seinem Sattelriemen angeknotet hatte. Er war immer mit dabei, wenn es darum ging, zum Zweikampf zu fordern oder ihn anzunehmen, und die riesenhaften Kämpen, die sich ihm stellten, wurden entweder von seiner Lanze durchbohrt oder zerhauen vom Schwert des unüberwindlichen Manuel.

Die Geschichte seiner Kriegstaten, die eine Vorlage oder eine Kopie der Ritterromane abgeben könnte, mag einen begründeten Verdacht auf die Wahrheitsliebe der Griechen werfen; ich will nun, um ihre Glaubwürdigkeit zu verteidigen, meine eigene nicht aufs Spiel setzen. Ich möchte aber wenigstens anmerken, dass in der langen Folge ihrer Annalen Manuel der einzige Herrscher ist, dem vergleichbare Übertreibungen gewidmet wurden. Mit seinem Soldatenmut verband sich nicht die planende Klugheit eines Generals; seine Siege waren nutzlos, da sie keine dauernden Eroberungen zur Folge hatten; und seine türkischen Lorbeeren wurden auf seinem letzten, unglücklich verlaufenden Feldzug zu Nichts, da er seine Heere in den pisidischen Gebirgen einbüßte und sein Leben nur dem Edelmut des Sultans zu danken hatte.

Doch der merkwürdigste Zug in Manuels Charakter ist der Gegensatz oder vielmehr die Nachbarschaft von Tätigkeit und Trägheit, von Abhärtung und Weichlichkeit. Im Kriege schien er vom Frieden nichts zu wissen, im Frieden schien er zum Kriege untauglich. Im Felde schlief er in der Sonne oder im Schnee, forderte auf den längsten Märschen Mann und Ross bis zur Erschöpfung und teilte mit einen Lächeln ihre dürftige Lagerkost. Kaum nach Konstantinopel zurückgekehrt, gönnte er sich die Freuden eines Lebens in Üppigkeit. Die Ausgaben für Prachtgewänder, Tafel und Palast übertrafen alles, was seine Vorgänger aufgewendet hatten, und ganze Sommertage dämmerte er auf einer der anmutigen Propontis-Inseln in Trägheit dahin oder verbrachte sie in Blutschande mit seiner Nichte Theodora. Die doppelten Ausgaben für wechselweise Krieg oder Luxus leerten die Schatzkammer und vermehrten die Steuern. Und bei Gelegenheit der Not des letzten Feldzuges gegen die Türken musste sich Manuel im Lager einen harschen Vorwurf aus dem Munde eines verbitterten Kriegers anhören. Da er seinen Durst löschte, bemängelte er, dass das Quellwasser, das man ihm gereicht hatte, mit Christenblut durchmischt sei. »Es ist dies nicht das erste Mal, dass du das Blut deiner christlichen Untertanen getrunken hast, o Kaiser!»

Manuel Komnenos war zweimal verheiratet, mit der tugendhaften Bertha oder Irene aus Deutschland und mit der anmutigen Maria, einer fränkischen oder lateinischen Prinzessin aus Antiochia. Die einzige Tochter aus erster Ehe war dem ungarischen Fürsten Bela versprochen, der unter dem Namen Alexius in Konstantinopel erzogen wurde; durch den Vollzug dieser Ehe hätte das römische Szepter an einen Stamm freier und kriegerischer Barbaren übergehen können. Indessen, sobald Maria von Antiochia dem Reiche einen Sohn und Erben geschenkt hatte, wurden Belas vermuteten Rechte für nichtig erklärt und ihm selbst auch noch die verheißene Braut fortgenommen. Doch nahm der Fürst der Ungarn seinen angestammten Namen und Titel wieder an und entwickelte Fähigkeiten, dass in den Griechen Neid- und Reuegefühle aufkeimten. Marias Sohn wurde Alexius genannt; im Alter von zehn Jahren bestieg er den Thron von Byzanz, nachdem mit dem Tod seines Vaters zugleich der Glanz des komnenischen Hauses erloschen war.

 

ALEXIUS II – 24 SEPTEMBER 1180 – CHARAKTER UND ERSTE ABENTEUER DES ANDRONIKOS

Die brüderliche Eintracht der beiden Söhne des großen Alexius war zuweilen durch Interessengegensätze und Leidenschaften umwölkt worden; der Sebastokrator Isaak hatte sich durch Ehrgeiz zu Flucht und Rebellion bestimmen lassen, von welchen Vorhaben ihn Johannes der Schöne mit Milde, aber Bestimmtheit zurückberufen hatte. Die Irrtümer von Isaak, dem Ahnherren der Kaiser von Trapezunt, waren kurzlebig und verzeihlich. Sein älterer Sohn Johannes indessen hatte für immer seiner Religion entsagt. Gekränkt durch eine wirkliche oder auch nur eingebildete Beschimpfung seines Onkels floh er aus dem römischen in das türkische Lager. Für den Abfall von seinem Glauben erhielt er eine Tochter des Sultans, den Titel Chelebi oder Edler und ein fürstliches Erbe zur Belohnung, und im fünfzehnten Jahrhundert mochte dann Mohammed II sich seiner Abstammung aus dem Hause der Komnenen rühmen. Andronikus, der jüngere Bruder des Johannes, der Sohn von Isaak und der Enkel von Alexius Komnenos ist einer der auffälligsten Charaktere dieses Zeitalters; und seine ureigensten Abenteuer möchten den Stoff zu einem lesenswerten Roman abgeben. Um die Wahl von drei Damen aus königlichem Geblüt zu rechtfertigen, liegt es mir an dieser Stelle die Anmerkung ob, dass in der Gestalt und Körperbildung ihres glücklichen Liebhabers Kraft und Schönheit aufs trefflichste harmonierten, und dass er den Mangel an sanfteren Sitten durch eine männliche Erscheinung, hohen Wuchs, athletische Muskulatur und das unverbildete und freie Auftreten eines Kriegsmannes ausglich. Dass er sich bis ins hohe Alter bester Gesundheit und Rüstigkeit erfreuen konnte, hatte er seiner Mäßigung und beständigen Leibesübungen zu danken. Ein Ranft Brot und ein Krug Wasser waren oft seine ganze, abendliche Mahlzeit; und wenn er von einem Reh oder Wildeber, die er eigenhändig gebraten hatte, etwas genoss, so war dies die wohlverdiente Belohnung für eine lange und ermüdende Jagd. Geschickt in der Handhabung von Waffen, kannte er keine Furcht; seine einnehmende Eloquenz fügte sich in alle Lagen und Gegebenheiten des Lebens; er hatte seine Ausdrucksweise, wenn auch nicht eben Wandel und Wesen nach dem Vorbild von St. Paulus eingerichtet, und zu jedem mutwilligen Streich hatte er ein entschlossenes Herz, einen anschlägigen Kopf und eine tatbereite Hand.

In seiner Jugend schloss er sich, als Kaiser Johannes gestorben war, dem römischen Heer auf dessen Rückzug an; doch hatte er sich auf dem Marsch durch Kleinasien aus Zufall oder absichtlich einfallen lassen, im Gebirge umherzustreifen; dort nun wurde der Jäger von türkischen Jägern eingekreist und blieb, genötigt oder aus freien Stücken, eine Zeitlang in der Gefangenschaft des Sultans. Seinem Vetter empfahl er sich gleichermaßen durch seine Talente und seine Laster; er teilte mit Manuel dessen Vergnügungen und Gefahren; und während der Herrscher vor aller Öffentlichkeit mit seiner Nichte Theodora im Inzest lebte, verführte und genoss Andronikos die Liebe ihrer Schwester Eudokia. Diese setzte sich über die Anstandsregeln ihres Geschlechtes und ihres Ranges derart hinweg, dass sie schließlich auf die Stellung seiner Beischläferin stolz war und Stadt und Lager Zeuge wurden, wie sie in ihres Liebhabers Armen schlief und wachte.

Sie begleitete ihn nach Kilikien, wo er ein Kommando übernahm und sofort erste Proben von Tapferkeit und Gedankenlosigkeit ablegte. Er betrieb die Belagerung von Mopsuesta mit glühendem Eifer; am Tage wurden kühne Angriffe vorgetragen, die Nacht jedoch verging mit Tanz und Gesang, und der größte Teil seines Gefolges war eine wandernde griechische Komödiantentruppe. Durch eine plötzliche Attacke wurde Andronikos von einem wachsamen Feind überrumpelt. Während aber seine Truppen in Auflösung entflohen, durchbohrte seine unwiderstehliche Lanze die dichtesten Haufen der Armenier. Nach seiner Rückkehr in das Lager zu Makedonien empfing ihn Manuel öffentlich mit Freundschaft, insgeheim jedoch mit Vorwürfen: doch waren die Herzogtümer von Naissus, Braniseba und Kastoria die Belohnung oder der Trost für diesen glücklos verlaufenen Feldzug.

Eudokia folgte ihm mit Beharrlichkeit überallhin. Ihr gemeinsames Zelt wurde einst um Mitternacht von ihren aufgebrachten Brüdern angegriffen, welche die Schande ihrer Schwester mit dem Blute ihres Liebhabers auswaschen wollten. Den Rat seiner Geliebten, sich in Frauenkleidung durch die Flucht zu retten, verwarf der kühne Andronikos, vielmehr sprang er beherzt von seinem Lager auf, zog das Schwert und schlug sich durch die zahlreichen Mordgesellen einen Weg. Zu dieser Zeit ließ er auch zum ersten Male etwas von seinem Undank und seinem Hang zum Verrat durchblicken: er ließ sich in eine verräterische Beziehung zu dem König von Ungarn und dem deutschen Kaiser ein; nahte zu verdächtiger Stunde mit gezücktem Schwert und in der Kriegstracht eines lateinischen Soldaten dem Gezelte Manuels und gab dann an, sich an einem Todfeinde rächen zu wollen. Auch rühmte er unklugerweise sein schnelles Pferd als ein Mittel zu Flucht und Sicherheit. Der König verhehlte sein Missvertrauen, aber nach dem Ende des Feldzuges wurde Andronikos gefangen gesetzt und in einem Turm des Palastes zu Konstantinopel in strenger Haft gehalten.

In diesem Gefängnis hielt man ihn beinahe zwölf Jahre gefangen; ein äußerst peinlicher Aufenthalt, dem zu entkommen ihn seine Taten- und Vergnügungslust unaufhörlich drängte. Allein gelassen und in Gedanken bemerkte er dann in einer Ecke der Zelle einige gelockerte Ziegel und weitete diesen Durchgang allmählich auf, bis er zu einem dunklen und abgeschiedenen Winkel gelangte. In dieses Gelass zog er sich mit dem Rest seiner Lebensmittel zurück, brachte die Steine in ihre vorige Lage und verwischte sorgfältig alle Spuren seines Versteckes. Zur Stunde des gewöhnlichen Kontrollganges staunten die Wachen über die Stille und Einsamkeit des Gefängnisses und meldeten mit Scham und Furcht dieses unbegreifliche Verschwinden. Palast- und Stadttore wurden augenblicklich geschlossen, an die Provinzen wurden die strengsten Befehle zur Wiederergreifung abgeschickt, und seine Frau, die man frommer Beihilfe allenfalls verdächtigen konnte, wurde in niederträchtiger Weise in denselben Turm gesperrt. Zu mitternächtlichen Stunde hatte sie eine Erscheinung: sie erblickte ihren Gemahl. Nun teilten sie ihre Kost, und ein Sohn war die Frucht dieser heimlichen Zusammenkünfte, welche die Langeweile während ihrer Haft erleichterten.

Da sie eine Frau zu bewachen hatten, wurde die Wachsamkeit der Wärter allgemach sorgloser, und schon war der Gefangene wirklich entkommen; aber er ward entdeckt, nach Konstantinopel zurück verbracht und mit doppelten Ketten gesichert. Und trotzdem fand er Mittel und Gelegenheit zum Entkommen. Ein Knabe, zugleich Sklave in seinem Haus, machte die Wache betrunken und stellte einen Abdruck des Schlüssels in Wachs her. Mit Hilfe seiner Freunde wurde ein ähnlicher Schlüssel samt einem Bündel von Seilen in einem Weinschlauch in das Gefängnis geschmuggelt. Mit Mut und Geschick nutzte Andronikos diese Werkzeuge seiner Rettung, schloss die Tür auf, ließ sich am Seil vom Turm herunter, versteckte sich den ganzen Tag über im Gebüsch, stieg nachts über die Gartenmauer des Palastes; ein Boot lag bereit, ihn aufzunehmen; er suchte sein Haus auf, herzte seine Kinder, warf die Ketten fort, bestieg ein rasches Ross und eilte in schnellem Ritt zum Ufer der Donau. In Anchialus in Thrakien versah ihn ein furchtloser Freund mit Pferden und Geld; Andronikos setzte über den Fluss, durchquerte in Eile die Wüste Moldaviens und die Hügel der Karpaten und hatte beinahe schon die Stadt Halicz im polnischen Russland erreicht, als er von streifenden Walachen aufgegriffen wurde, welche sich entschlossen zeigten, ihren prominenten Gefangenen bis nach Konstantinopel zu bringen. Sein Einfallsreichtum half ihm auch aus dieser Gefahr: Unter dem Vorwand eines Unwohlseins stieg er nachts ab und erhielt die Erlaubnis, sich ein paar Schritte von seinen Wächtern zu entfernen. Hier steckte er seinen langen Stock in den Boden, umhängte ihn mit Mütze und Obergewand, stahl sich in den Wald und ließ das Phantom eine Weile die Aufmerksamkeit der Wachleute narren.

Von Halicz wurde er in allen Ehren zum Sitze des Großherzogs in Kiew geleitet, und schon bald hatte sich der anschlägige Grieche das Vertrauen des Jaroslaw erworben. Er war imstande, sich den Sitten und Anforderungen jedweder Weltgegend anzupassen, und die Barbaren hatten ihre Freude an seinem Mut und seiner Kraft, die er bei der Bären- und Elchjagd bewährte. In dieser nördlichen Region war es auch, wo ihm von Manuel Pardon gewährt wurde, als dieser den russischen Herrscher um Waffenhilfe gegen die Ungarn anging. Der Einfluss des Andronikos leistete ihm hier wichtige Dienste: der ihn betreffende Abschnitt des Bündnisvertrages enthielt das Versprechen der Treue auf der einen und des Vergessens auf der anderen Seite, und dann zog er an der Spitze der russischen Reiterei von Borysthenes an die Donau. Trotz seines Zornes hatte Manuel immer mit dem kriegerischen und überbordenden Temperament seines Vetters sympathisiert, und die endgültige Verzeihung erhielt er nach dem Sturm auf Semlin, bei welchem er an Tapferkeit dem Kaiser und nur diesem nachgestanden hatte.

Kaum war Andronikos frei und in seine Heimat zurückgekehrt, als sein Ehrgeiz auch schon wieder erwachte, zunächst zu seinem und später dann auch zum allgemeinen Unglück. Eine Tochter Manuels war ein – allerdings nur geringes – Hindernis für die Thronfolge der verdienteren männlichen Nachkommen aus dem Stamme der Komnenen. Ihre künftige Hochzeit mit dem Prinzen von Ungarn war den Hoffnungen und der Borniertheit der Edlen und Prinzen entgegen. Als aber ein Treueid gegen den mutmaßlichen Erben verlangt wurde, besaß von all' diesen nur Andronikos den Mut, die Ehre des römischen Namens zu behaupten, indem er diese unrechtmäßige Verpflichtung ablehnte und gegen die Adoption eines Fremdlings die Stimme erhob. Mit dieser Art Patriotismus war Manuel übel zufrieden, auch wenn er der Volksmeinung entsprach, und also wurde Andronikos ehrenvoll aus der Nähe des Kaisers verbannt, wurde ihm erneut ein Oberbefehl über die kilikische Grenze zugesprochen und das unbeschränkte Verfügungsrecht über die Einkünfte der Insel Zypern. Die Armenier erprobten auf diesem Posten schon bald seinen Mut und nutzten seinen Leichtsinn. Derselbe Rebell, der alle seine militärischen Anstrengungen vereitelte, wurde durch die Wucht seiner Lanze von Pferd gestoßen und beinahe getötet.

Aber schon bald tat sich Andronikos eine leichtere und erquicklichere Eroberung auf, die schöne Philippa, Schwester der Kaiserin Maria und Tochter des Raimund von Poitou, des lateinischen Fürsten von Antiochia. Wegen ihr verließ er sein Kommando und vertat den Sommer mit Lustbarkeiten und Turnieren; sie opferte seiner Liebe ihre Unschuld, ihren Ruf und das Anerbieten einer vorteilhaften Ehe. Aber Manuels Grimm über diese neuerliche Familienschmach setzte diesen Freuden ein vorzeitiges Ende; Andronikos überließ es der Fürstin, die Tränen der Reue zu weinen und unternahm mit einer Schar Desperados einen Pilgerzug nach Jerusalem. Seine edle Geburt, sein Ruf als Kriegsmann und das Bekenntnis seines Glaubenseifers wiesen ihn aus als Streiter für das Kreuz; schon bald hatte er die Zuneigung der Geistlichkeit und des Volkes gewonnen und erhielt das Fürstentum Berytus an der phönizischen Küste zum Lehen.

Es residierte aber unfern von ihm eine Königin seines eigenen Volkes und Hauses, die war jung und schön und war die Urenkelin des Kaisers Alexius und die Witwe des Königs von Jerusalem, Balduin III. Sie besuchte ihren Verwandten und hatte ihn sehr lieb. Diese Theodora war also das dritte Opfer seiner Verführungskünste, allerdings war ihre Schmach öffentlicher und dadurch noch ärgerlicher als bei ihren beiden Vorgängerinnen. Noch immer dürstete es den Kaiser nach Rache, und seine Untertanen und Verbündeten an der syrischen Grenze hatte wiederholt Weisungen erhalten, sich dieses Flüchtlings in Person zu bemächtigen und ihm die Augen auszustechen. In Palästina war er seines Lebens nicht mehr sicher; aber die zärtliche Theodora hatte ihm die Gefahr offenbart und begleitete ihn auf der Flucht. Der Orient sah in der Königin von Jerusalem nur noch seine gehorsame Bettgenossin, und zwei uneheliche Kinder waren die lebenden Andenken an diese ihre Schwäche.

Seine erste Zuflucht war Damaskus. Hier hätte der abergläubische Andronikos lernen können, in dem Charakter des großen Nureddin und seines Dieners Saladin die Tugenden der Muslime zu verehren. Als ein Freund des Nureddin besuchte er vermutlich Bagdad und die Höfe Persiens; endlich jedoch, nach langen Reisen entlang des Kaspischen Meeres und durch die Berge Georgiens, ließ er sich unter den Türken Kleinasiens nieder, die die Erbfeinde seines Vaterlandes waren. Das Haus des Sultans von Colonia stand gastlich offen für Andronikos, seine Konkubine und seine Bande von Geächteten; seine Dankesschuld trug er ab durch zahl- und erfolgreiche Überfälle in die römische Provinz Trebizond, und selten nur kehrte man zurück ohne reiche Beute und zahlreiche christliche Gefangene.

Bei der Erzählung seiner Abenteuer gefiel es Andronikos, sich mit dem biblischen König David zu vergleichen, welcher ja auch nach langem Exil den Schlingen der Gottlosen entkommen sei. Doch (so fügte er frivol hinzu) begnügte sich der königliche Prophet damit, an den Grenzen Judäas zu herum zu lungern, einen Amalekiten zu erschlagen und in seiner elenden Lage auch noch dem geizigen Nabal beschwerlich zu fallen. Die Raubzüge des komnenischen Prinzen waren indessen umfänglicher gewesen und hatten in der Welt des Orients den Ruhm seines Namens und seiner Religion verbreitet. Irgendwann verfügte die griechische Kirche den Ausschluss dieses Räuberhauptmanns aus der Gemeinschaft der Gläubigen, doch beweist selbst diese Exkommunikation, dass er dem Christentum niemals abgeschworen hatte.

Seine Wachsamkeit hatte bis dahin noch immer den verborgenen oder offenkundigen Nachstellungen des Kaisers ein Schnippchen geschlagen, endlich aber ging er ihm infolge der Gefangennahme seiner ständigen Begleiterin in die Schlinge. Dem Statthalter von Trebizond gelang es, sich der Person Theodoras durch einen Überraschungscoup zu bemächtigen: die Königin von Jerusalem wurde nebst ihren zwei Kindern nach Konstantinopel überstellt, und ihr Verlust machte ihm die trübselige Langeweile seiner Verbannung noch saurer. In Demut erflehte und erhielt der Flüchtling die abschließende Verzeihung und zugleich die Erlaubnis, sich seinem beleidigten Herrscher zu Füßen zu werfen, der sich mit dieser Demütigung seines hochfahrenden Geistes zufrieden gab. In den Staub hingestreckt beklagte und gestand er unter Tränen und Seufzern die Schuld seiner früheren Auflehnung und mochte sich nicht eher erheben, als bis irgendein getreuer Untertan ihn mit einer Eisenkette, die er sich insgeheim schon vorher umgebunden hatte, zum Fuße des Thrones zerren würde. Staunen und Mitleiden erregte bei den Anwesenden diese außerordentliche Bußgeste; Kirche und Staat vergaben ihm seine Sünden; doch Manuels festbegründetes Misstrauen wies ihm als Aufenthalt die Stadt Oenoe an, am Pontos in einer gewissen Entfernung vom Hofe gelegen, umgeben von üppigen Weingärten.

Doch eröffneten der Tod Kaiser Manuels und die Unruhen während der Minderjährigkeit seines Nachfolgers ihm schon bald ein neues Betätigungsfeld. Dieser Kaiser war ein dummer Junge von zwölf oder vierzehn Jahren, ohne Ehrgeiz, ohne Einsicht, ohne Erfahrung. Seine Mutter, die Kaiserin Maria, trat ihre Person und ihre Regierung einem Favoriten aus dem Hause der Komnenen ab; seine Schwester, ebenfalls Maria geheißen, deren Gemahl ein Italiener mit dem schmückenden Rang eines Caesaren war, stiftete eine Verschwörung und schließlich sogar einen Aufruhr gegen ihre verhasste Stiefmutter an. Die Provinzen wurden vergessen, die Stadt stand in Flammen, und ein Jahrhundert des Friedens und der Ordnung ging in wenigen Monaten der Anarchie zuschanden. Ein Bürgerkrieg brach aus in Konstantinopel, beide Parteien trugen ein blutiges Gemetzel auf dem Vorplatz des Palastes aus, und die Aufständischen standen sogar eine regelrechte Belagerung in der Hauptkirche der Hagia Sophia aus. Der Patriarch war mit löblichstem Eifer um die Heilung der Wunden bemüht, die dem Staat geschlagen waren, achtbare Patrioten riefen laut nach einem Vormund und Rächer, und eine jede Zunge wiederholte das Lob von Andronikos' Talenten, seiner Tugenden gar.

Dieser gab vor, in seiner Zurückgezogenheit über die heiligen Pflichten zu grübeln, die ihm aus seinem Eide erwachsen waren: »Sollte die Sicherheit oder die Ehre der kaiserlichen Familien bedroht sein, so will ich diese Unbill aufdecken und ihr mit allen meinen Kräften widerstehen.» Seine Briefe an den Patriarchen und die Patrizier war mit kluggewählten Sinnsprüchen aus den Psalmen Davids und den Paulus-Briefen gewürzt, und geduldig wartete er, bis dass er den Ruf des Vaterlandes zu dessen Befreiung vernähme.

Auf seinem Zuge von Oenoe nach Konstantinopel schwoll sein kleines Gefolge allmählich zu einer Schar und schließlich zu einem Heer an; seine Bekenntnisse zu Religion und Loyalität hielt man naiverweise für die Sprache eines reinen Herzens, und seine schlichte und zugleich fremdartigen Kleidung, welche seine athletische Körperbildung aufs trefflichste zur Geltung brachte, entwarf jedem ein lebendiges Bild seines Elends und seiner Verbannung. Jeder Widerstand ging ihm aus dem Wege; er gelangte an die Meerenge des thrakischen Bosporus, die Flotte von Byzanz verließ ihren Hafen, den Retter des Reiches aufzunehmen und überzusetzen. Der Sturzbach wogte laut und unaufhaltsam, und die Insekten, die bis dahin in den Strahlen der kaiserlichen Gnadensonne so prächtig gediehen waren, verzogen sich beim ersten Anzeichen eines Unwetters. Andronikos' dringlichste Sorge war es, den Palast in seinen Besitz zu bringen, den nominellen Kaiser zu begrüßen, dessen Mutter zu verhaften, die Minister zu bestrafen und überhaupt sich um Ruhe und Ordnung zu kümmern.

Dann besuchte er das Grab Manuels; seine Begleitung hielt er auf Disztanz, und da er sich wie zum Gebet neigte, hörte man oder glaubte zumindest, ein Gemurmel des Triumphes und der Rache zu vernehmen: »Jetzt fürchte ich dich nicht mehr, mein ewiger Feind, der du mich wie einen Landstreicher durch sämtliche Weltgegenden gejagt hast. Mögest du sicher geborgen sein unter deinem siebenfältigen Gewölbe, aus dem du dich niemals wieder erheben sollst als bis zum Schall der letzten Posaune. Nun ist es an mir, und schon bald werde ich deine Asche und deine Nachkommen unter meine Füße treten.» Im Hinblick auf seinen schon bald einsetzenden Despotismus können wir solcherlei Gefühle dem Mann und dem gegebenen Augenblick zutrauen; doch ist es wenig wahrscheinlich, dass er seinen geheimsten Gefühlen und Gedanken hörbaren Ausdruck verlieh.

In den ersten Monaten seiner Regierung umhüllte er alle seine Entwürfe mit einem dichten Schleier aus Heuchelei und Verstellung, womit er aber nur die Gemüter der Menge täuschen konnte: die Krönung des jungen Alexius wurde mit angemessener Feierlichkeit vollzogen, und sein perfider Vormund erklärte mit inbrünstigem Nachdruck, dass er vorbereitet sei, im Dienste seines geliebten Mündels zu leben und zu sterben; wobei er noch den Körper und das Blut Christi in seinen Händen hielt. Aber seine zahlreichen Anhänger waren bereits angewiesen, aller Welt zu erklären, dass das sinkenden Reich in den Händen eines Kindes notwendig verderben müsse, dass ferner die Römer nur durch einen bewährten Herrscher gerettet werden könnten, welcher waffenkühn und politikerfahren und durch lange Vertrautheit mit den Wechselfällen des Glückes und umfassende Menschenkenntnis zum Herrschen geschickt sei und dass es endlich die Pflicht eines jeden Römers sei, das kokettierende Widerstreben des Andronikos zu nötigen, die Last der staatlichen Sorgen auf seine Schultern zu nehmen. Der junge Kaiser selbst wurde gezwungen, diesem allgemeinen Jubelchor seine Stimme zu leihen und um die Mithilfe eines Kollegen zu flehen, welcher ihn sogleich seines höchsten Ranges beraubte, einschloss und dadurch die kühne Verlautbarung des Patriarchen bewahrheitete, dass man Alexius für tot ansehen könne, sobald er der Obhut seines Vormundes ausgeliefert sei.

Doch ging seinem Tode die Einkerkerung und Ermordung seiner Mutter voraus. Nachdem der Despot ihren guten Namen in den Kot gezogen und so den Mob gegen sie aufgehetzt hatte, klagte er die Kaiserin einer hochverräterischen Korrespondenz mit dem König von Ungarn an. Sein eigener Sohn, ein Jüngling mit einem Gefühl für Ehre und Menschlichkeit, äußerte seinen Abscheu vor dieser Justizverbrechen, und immerhin drei Richter erwarben sich das Verdienst, mehr auf die Stimme ihres Gewissen zu hören als auf irgendwelche Sicherheitserwägungen. Aber der Rest dieser Kriecher verurteilte Manuels Witwe, ohne irgendeinen Beweis zu verlangen oder eine Verteidigung zuzulassen; und ihr unglückseliger Sohn musste ihr Todesurteil unterschrieb. Maria wurde erdrosselt und ihr Leichnam ins Meer geworfen. Ihr Andenken aber wurde durch die der weiblichen Eitelkeit am meisten zusetzenden Verleumdung gekränkt, nämlich eine erlogene Schilderung der Hässlichkeit ihrer liebreizenden Gestalt. Das Schicksal ihres Sohnes blieb nicht lange in der Schwebe. Er wurde mit einer Bogensehne erdrosselt; und der Tyrann, dem Mitleid oder Reue fremd waren, betrachtete die Leiche des unschuldigen Jünglings, trat gegen sie und rief aus: »Dein Vater war ein Schurke, deine Mutter eine Hure und du selbst warst ein Schwachkopf

 

ANDRONIKOS I. KOMNENOS – OKTOBER 1183

Andronikos hielt das römische Szepter, die Belohnung für seine Verbrechen, etwa drei und ein halbes Jahr in den Händen als der Regent oder vielmehr der Beherrscher des Reiches. Seine Herrschaft zeigt einen ungewöhnlichen Kontrast zwischen Verbrechen und Tugend. Wenn er sich seinen Leidenschaften überließ, war er die Geißel, wenn er auf die Stimme der Vernunft hörte, war er der Vater des Volkes. In der Zivilgerichtsbarkeit war gerecht und doch streng; die schandbare und verhängnisvolle Korruption wurde abgeschafft, und Ämter wurden mit den tüchtigsten Kandidaten besetzt, die von einem Fürsten ausgewählt worden waren, der wählen konnte und zu strafen imstande war. Er verbot die unmenschliche Praxis, Schiffbrüchige selbst oder ihren Besitz zu plündern; die Provinzen, die so lange Zeit vernachlässigt oder unterdrückt worden waren, lebten wieder auf und gelangten zu neuem Wohlstand; so lobten Millionen die fernhinwirkenden Segnungen seiner Regierung, während ihn die Zeugen seiner täglichen Grausamkeit nur noch verfluchten. Das alte Sprichwort: ›Nach Blut dürstet der Mann, der aus der Verbannung an die Macht zurückgekehrt ist‹ und das mit nur zu viel Recht auf Marius und Tiberius zutraf, bewährte sich jetzt zum dritten Male zu Lebzeiten des Andronikos. Sein Gedächtnis hatte eine schwarze Liste von Gegnern und Feinden angelegt, die seine Verdienste geleugnet, ihn im Unglück gehöhnt oder sich seiner Größe in den Weg gestellt hatten: sein einziger Trost in der Verbannung war die heilige Hoffnung und Verheißung der Rache. Die staatsnotwendige Austilgung des jungen Kaisers und seiner Mutter hatte für ihn die fatale Folge, jetzt auch die Freunde vernichten zu müssen, die den Mörder hassten und vermutlich bestrafen wollten; und durch die Wiederholung des Mordes wurde er zur Verzeihung noch weniger geneigt und noch weniger fähig.

Die schaurige Aufzählung aller seiner Opfer, die er durch Gift oder Schwert tötete oder dem Meer oder den Flammen überantwortete, wirft indessen ein weniger grelles Bild auf seine Grausamkeit als die Erwähnung der halkyonischen Tage, eine unblutige, ruhige Woche ohne Hinrichtungen: der Tyrann war angestrengt bemüht, einen Teil seiner Blutschuld auf die Gesetze und die Richter abzuwälzen, aber die Maske war bereits gefallen und sein Untertanen konnten nicht mehr im Zweifel sein über den wahren Urheber ihrer Not. Die edelsten Griechen, besonders aber die, die wegen ihrer Herkunft oder Verbindungen irgendeinen Anspruch auf das Erbe der Komnenen hätten machen können, entflohen aus der Mördergrube dieses Monstrums. Sie nahmen ihre Zuflucht nach Nikäa und Prusa, nach Sizilien oder Zypern, und da sie allein durch ihre Flucht zu Verbrechern geworden waren, rundeten sie ihr Vergehen noch auf durch offene Empörung und die Aneignung des Kaisertitels. Doch Andronikos wusste sich den Dolchen und Schwertern seiner schlimmsten Feinde zu widersetzen: Nikäa und Prusa wurden überwältigt und bestraft, Sizilien zeigte sich durch die Plünderung und Zerstörung von Thessaloniki beeindruckt, und die große Entfernung zu Zypern war den Empörern ebenso hinderlich wie dem Tyrannen. Er wurde gestürzt durch einen Nebenbuhler ohne alles Verdienst und durch ein Volk ohne alle Waffe.

Das Misstrauen oder der Aberglauben des Kaisers hatte den Isaak Angelos, der in weiblicher Linie von dem großen Alexius abstammte, als das nächste Schlachtopfer ausgedacht. In der letzten Verzweiflung verteidigte Angelos sein Leben und seine Freiheit, er erschlug den Henker und floh in die Hagia Sophia. Allmählich füllte sich das Heiligtum mit einer Menge von Neugierigen oder Trauernden, welche aus seinem Schicksal ihr eigenes abzulesen meinten. Aber ihre Klagen verwandelten sich schon bald in Verfluchungen und die Verfluchungen in Drohungen, und sie trauten sich sogar zu fragen: » Warum denn fürchten wir uns? Und warum gehorchen wir? Wir sind Viele, er aber ist allein. Die einzige Kette unserer Sklaverei ist unsere Langmut.» Mit der Morgendämmerung brach in der Stadt eine allgemeine Erhebung los, die Gefängnisse wurden gestürmt und geöffnet, und noch der Gleichgültigste oder Furchtsamste ließ sich aufstacheln, sein Vaterland zu verteidigen, und Isaak, dieses Namens der zweite, wurde vom Heiligtum auf den Thron versetzt.

Der Tyrann ahnte nichts; er hatte sich aus der Stadt entfernt und suchte auf den lieblichen Inseln der Propontis Erholung von den Geschäften des Staates. Er hatte mit Alice oder Agnes, der Tochter von Ludwig VII von Frankreich und der einzigen überlebenden Erbin des unglückseligen Alexius, eine unschickliche Ehe geschlossen; und seine Begleitung, die eher seinen Gelüsten als seinem Alter angemessen war, bestand aus seiner jungen Gattin und der tagesaktuellen Beischläferin. Beim ersten Alarm stürmte er nach Konstantinopel, nach dem Blute der Schuldigen lechzend; doch er fand den Palast zu seinem Erstaunen leer und ruhig, die Stadt in wildem Aufruhr und sich selbst von der Menschheit in Stich gelassen. Andronikos sicherte allen seinen Untertanen eine allgemeine Amnestie zu; aber sie wollten diese Verzeihung nicht annehmen geschweige sie denn gewähren; er versprach, die Krone an seinen Sohn Manuel abzutreten; aber die Tugenden des Sohnes hatten kein hinreichendes Gewicht, die Verbrechen des Vaters auszugleichen. Nun hätte er über das Meer entfliehen können; aber die Nachricht von der Erhebung war bereits die Küste entlang geflogen: da man nichts zu befürchten hatte, war an Gehorsam nicht mehr zu denken; die kaiserliche Galeere wurde von einer bewaffneten Brigg verfolgt und aufgebracht; und dann wurde der Tyrann vor Isaak Angelos geschleppt, beschwert mit Fesseln und einer Eisenkette um den Hals. Seine Beredsamkeit im Verein mit den Tränen seiner weiblichen Begleitung flehten vergeblich um sein Leben; doch anstelle zu einer gesetzeskonformen Exekution entschloss sich der neue Kaiser, den Verbrecher den zahllosen Unglücklichen auszuliefern, die durch ihn einen Vater, einen Gemahl oder einen Freund verloren hatten. Zähne und Haare, ein Auge und eine Hand wurden ihm ausgerissen, ein erbärmlicher Ersatz für den erlittenen Verlust; und ein kleines Weilchen durfte er noch sein Leben fristen, um die Bitternis des Sterbens umso schärfer zu empfinden. Unbesorgt um irgendwelche Rettungsaktionen führte man ihn, rittlings auf ein Kamel gesetzt, durch die Straßen der Stadt, und noch der Armseligste aus dem Volke jubelte, auf der gestürzten Majestät seines Kaisers herumtrampeln zu können. Nach tausend Schlägen und Schmähungen wurde er endlich an den Füßen zwischen zwei Pfosten ausgehängt, an denen das Bild eines Schweines und eines Wolfes angebracht waren; und jede Hand, die nur irgendwie an diesen Feind des Volkes reichen konnte, fügte ihm irgendeine niederträchtige oder brutale Grausamkeit zu, bis zwei wohlmeinende oder aufgebrachte italienische Soldaten ihn mit ihren Schwertern durchbohrten und ihn von allen irdischen Strafen erlösten. In dieser langen und schmerzhaften Todesnot waren die einzigen Sätze, die er über die Lippen bracht: »Herr, erbarme dich meiner!» und »Warum wollt ihr ein zerbrochenes Rohr noch zerknicken?» Unser Hass auf den Tyrannen verliert sich angesichts unseres Mitleids mit dem Menschen; auch können wir seine kleinmütige Selbstaufgabe nicht tadeln, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass dieser griechische Christ nicht mehr der Herr seines Lebens war.

 

ISAAK II ANGELOS – 12 SEPTEMBER 1185

Ich bin der Versuchung erlegen, länger bei der Ausmalung von Andronikos' außerordentlichem Lebensbild zu verweilen; an dieser Stelle aber möchte ich die Schilderung der griechischen Herrschergestalten seit Heraklius beschließen. Die Äste aus dem Stamme der Komnenen waren allmählich verdorrt, und die männliche Linie wurde einzig durch die Nachfahren dieses Andronikos selbst fortgesetzt, die in der allgemeinen Ordnungslosigkeit sich die Herrschaft über Trebizont aneigneten, dieses in der Geschichte so unbedeutenden und in den historischen Romanen so berühmten Reiches. Ein braver Bürger von Philadelphia, Konstantin Angelos, war durch seine Hochzeit mit einer Tochter von Kaiser Alexius zu Reichtum und Ansehen gelangt. Sein Sohn Andronikos war vor allem durch seine Feigheit bemerkenswert. Sein Enkel Isaak bestrafte den Tyrannen und war zugleich sein Nachfolger, verlor den Thron aber durch seine eigene Unfähigkeit und durch den Ehrgeiz seines Bruders; ihre Fehde veranlasste dann wiederum die Lateiner zur Eroberung von Konstantinopel, dem ersten großen Abschnitt in der Verfallsgeschichte des morgenländischen Reiches (12. April 1204).

Zählen wir die Anzahl und die Dauer ihrer Regierungen zusammen, so werden wir finden, dass ein Abschnitt von sechshundert Jahren von etwa sechzig Herrschern ausgefüllt wird; wobei jedoch einige weibliche Herrscherinnen in diese Monarchenreihe mit eingeschlossen und einige Thronräuber, die niemals in der Hauptstadt anerkannt wurden, von ihr ausgeschlossen sind sowie einige Prinzen, die nicht lange genug gelebt hatten, um ihr Erbe anzutreten. Im Durchschnitt ergibt ich eine Regierungsdauer von zehn Jahren pro Herrscher, was deutlich kleiner ist als die von Sir Isaac Newton angegebenen, aus der Erfahrung mit Herrschern jüngeren Datums und geordneteren Regierungen errechneten achtzehn bis zwanzig Jahre für eine Herrschaftsdauer.

Der größten Ruhe und Wohlfahrt erfreute sich Byzanz immer dann, wenn die Regentschaft von einer zur nächsten Generation vererbt wurde: fünf Herrscherhäuser, das heraklische, isaurische, amorische, basilische und komnenische übergaben das kaiserliche Szepter auf fünf, vier, drei, sechs beziehungsweise vier Generationen. Einige Herrscher zählten ihre Regierungsdauer nach den Jahren ihrer Kindheit, während Konstantin VII und seine beiden Enkel allein die Dauer eines ganzen Jahrhunderts einnehmen. Aber zwischen diesen byzantinischen Dynastien ist die Folge der Regenten rasch und abgehackt, und immer wieder wird der Name eines erfolgreichen Kandidaten durch den eines glücklicheren ausgelöscht. Viele Wege führten zum Gipfel der Kaiserwürde: die Frucht einer Empörung wurde durch eine handstreichartige Verschwörung oder durch eine geheime Intrige beseitigt. Nacheinander wurden die Lieblinge der Soldaten oder des Volkes, des Senates oder des Klerus, der Frauen oder der Eunuchen mit dem kaiserlichen Purpur bekleidet; die Mittel zu ihrer Inthronisation waren niederträchtig, ihr Ende oftmals verächtlich oder tragisch.

Ein menschenähnliches Lebewesen von gleichen Anlagen, aber längerer Lebensdauer, würde nur ein Lächeln des Mitleids oder der Verachtung für die Verbrechen und Torheiten des menschlichen Ehrgeizes erübrigen, der in seiner so knappbemessenen Lebensspanne mit soviel Gier nach diesen kurzfristigen und unsicheren Genüssen greift. Gerade auf diese Weise aber erhebt und erweitert die historische Erfahrung unseren geistigen Gesichtskreis. In einer Arbeit von wenigen Tagen, in der Lektüre von wenigen Stunden breiten sich vor uns sechs Jahrhunderte aus, und die Dauer eines Lebens, einer Regierung zieht sich zu einem einzigen, flüchtigen Augenblick zusammen: neben dem Thron steht immer das Grab geöffnet: der erfolgreiche Verbrecher zahl fast im gleichen Augenblick den Preis, und unsere unsterbliche Vernunft überlebt und verachtet die sechzig Schatten, die an uns vorübergezogen sind und sich nur schwach dem Gedächtnis eingeprägt haben. Die Feststellung, dass zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden der Ehrgeiz das menschliche Handeln mit gleichem Nachdruck gelenkt habe, mag das Erstaunen eines Philosophen mindern; aber während er noch die Sinnlosigkeit dieses universellen Strebens nach Machtausübung verurteilt, wird er gleichwohl über die Beweggründe nachgrübeln.

Dem größeren Teil der byzantinischen Herrscher werden wir vernünftigerweise Liebe zum Ruhm oder zum Menschengeschlecht nicht nachsagen. Einzig Johannes Komnenos war wohltätig und rein. Die berühmtesten Monarchen, die diesem honorigen Mann vorausgingen oder folgten, wandelten mit einigem Geschick und Kraft die blutigen und krummen Pfade einer Politik der Selbstsucht: prüfen wir die unvollkommenen Charaktere von Leo, dem Isaurier, Basilius I, Alexius Komnenus, Theophilos, Basilius II und Manuel Komnenos, so halten sich unsere Achtung und unsere Verachtung etwa im Gleichgewicht, und der restliche kaiserliche Haufen kann eigentlich nur wünschen, dass ihn die Nachwelt rasch und vollständig vergessen möge. War ihre individuelle Glückseligkeit Ziel und Zweck ihres Ehrgeizes? Ich will jetzt nicht die allbekannten Gemeinplätze von der Armseligkeit der Könige wiederholen, mit Bestimmtheit aber will ich festhalten, dass ihre Lebenssituation im Vergleich mit anderen für Furcht am meisten und für Hoffnung am wenigsten zugänglich ist. Für diese entgegengesetzten Empfindungen boten die zahlreichen Staatsumwälzungen des Altertums viel mehr Anlass als die sanftre und mildere Neuzeit, welche den Triumph eines Alexander oder den Untergang eines Darius nicht sobald erleben wird.

Doch die byzantinischen Herrscher waren darüber hinaus noch besonderen Gefahren im Inneren ausgesetzt, ohne dass sie eine ausgleichende Hoffnung auf auswärtige Eroberungen gehabt hätten. Andronikos wurde von der Gipfelhöhe seiner Macht herabgestürzt durch einen Tod, wie ihn grausamer und schimpflicher nicht der erbärmlichste Kriminelle erleidet; doch die ruhmreichsten seiner Vorgänger hatten von ihren Untertanen mehr zu fürchten als von ihren Feinden zu erhoffen. Die Armee war disziplin- und seelenlos, das Volk in Gärung, aber ohne den Geist der Freiheit. Die westlichen und östlichen Barbaren bedrängten die Monarchie, und der Verlust der Provinzen neigte sich dem Ende zu, zusammen mit der endgültigen Knechtschaft der Hauptstadt.

Die vollständige Reihe der römischen Kaiser, beginnend mit dem ersten der Caesaren bis zum letzten Konstantin, umgreift mehr als fünfzehn Jahrhunderte. Und die Dauer dieser Herrschaft, ungebrochenen durch äußere Eroberungen, übertrifft bei weitem die der alten Monarchien, die der Assyrer und Meder, der Nachfolger des Cyrus oder des Alexander.








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