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Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 47

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 47 - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 47
publisherprojekt.gutenberg.de
year2014
firstpub2014
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20140303
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 5. Band – Kapitel 47

  

Übersetzung und © 2014:
Cornelius Melville

  

XLVII

THEOLOGISCHE GESCHICHTE VON DER MENSCHWERDUNG · MENSCHLICHE UND GÖTTLICHE NATUR CHRISTI · FEINDSCHAFT DER PATRIARCHEN VON ALEXANDRIA UND KONSTANTINOPEL – KYRILLOS UND NESTORIUS · DIE 3. ALLGEMEINE KIRCHENVERSAMMLUNG VON EPHESOS · KETZEREI DES EUTYCHUS · DIE 4. ALLGEMEINE KIRCHENVERSAMMLUNG VON CHALCEDON · BÜRGERLICHE UND KIRCHLICHE ZWIETRACHT · JUSTINIANS UNDULDSAMKEIT · DIE DREI KAPITEL · MONOTHELITISCHER STREIT · DIE ORIENTALISCHEN SEKTEN · I. DIE NESTORIANER · II. DIE JAKOBITEN · III. DIE MARONITEN · IV. DIE ARMENIER · V. DIE KOPTEN UND DIE ABESSINIER

 

DIE MENSCHWERDUNG CHRISTI

Nach dem Untergang des Heidentums hätten die Christen in Frieden und Gottseligkeit ihren endgültigen, unbestrittenen Triumph genießen können. Aber in ihrer Brust obwaltete die Doktrin der Zwietracht, und ernstlicher war es ihnen darum zu tun, die Natur ihres Stifters zu ergründen als nach seinen Geboten zu leben. Ich habe bereits angemerkt, dass auf den Dreieinigkeitsstreit jener über die Menschwerdung folgte, für die Kirche ebenso ärgerlich wie verheerend für den Staat, noch geringfügiger in seinem Ursprung und noch anhaltender in seinen Spätfolgen.

Es ist nun meine Absicht, in diesem gegenwärtigen Kapitel einen Religionsstreit von 250 Jahren vorzuführen, die kirchlichen und politischen Spaltungen der orientalischen Sekten zu schildern, und ihren lautstarken und blutigen Zänkereien eine anspruchslose Untersuchung der urkirchlichen Dogmen voranzustellen Auf welche Weise soll ich nun diese vorläufige Untersuchung glaubwürdig machen, die zusammenzudrängen und einzugrenzen ich bemüht war? – Wollte ich darauf bestehen, jede Tatsache und jede Überlegung durch einen passenden und speziellen Nachweis zu belegen, dann würde jede Zeile einen Schweif von Zeugnissen erfordern, würde jede Fußnote zu einer kritischen Studie anschwellen. Doch wurden die ungezählten Textstellen der Alten, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, von Petavius und le Clerc, von Beausobre und Mosheim gesammelt, geordnet und erläutert. Mir genügt es, meinen Bericht durch die Namen und den Ruf dieser ausgewieseen Kenner zu autorisieren und trage keine Bedenken, mir zur Betrachtung noch so entlegener oder geringfügiger Gegenstände die schärfsten Gläser zu entleihen: 1. Die Dogmata Theologica des Petavius sind ein Werk von unglaublichem Fleiß und Umfang; die Bände, die ausschließlich von der Menschwerdung handeln, (zwei Foliobände, VI und VII Band, 837 Seiten) sind in 16 Büchergeteilt, der erste zur Geschichte, die übrigen zum Dogma und zum Dogmenstreit. Die Kenntnisse dieses Jesuiten sind umfassend und zuverlässig; sein Latein ist rein, seine Methode durchsichtig, seine Beweisführung gründlich und lückenlos; aber er ist ein Sklave der Kirchenväter, eine Geißel der Ketzer und ein Feind der Wahrheit und Offenheit, sobald sie der katholischen Sache entgegen sind. 2. Der Arminianer le Clerc, der in einem Quartband (Amsterdam 1716) die Kirchengeschichte der ersten zwei Jh. geschrieben hat, war in seinem Denken und seiner Lage nach frei: sein Sinn ist klar, aber die Gedanken beschränkt: er beurteilt die Vernunft und die Torheiten von Jahrhunderten nach den Maßgaben seines Privaturteils, und seine Objektivität wird durch seine Opposition zu den Vätern zuweilen geschärft, zuweilen eingetrübt. Man sehe die Ketzergeschichte an ihrem jeweiligen Ort (Cerinthianer LXXX. Ebioniten CIII. Carpocratianer CXX. Valentinianer CXXI. Basilidianer, CXXIII. Marcioniten CXLI. usw). 3. Die Histoire Critique du Manicheisme (Amsterdam, 1734, 1739 zwei Bände 4°) von Herrn Beausobre, eine Fundgrube für alte Theologie und Philosophie. Der kundige Historiker spinnt mit unvergleichlicher Kunst die Meinungstränge zu einem Faden und macht sich selbst mal zu einem Heiligen, einem Weisen oder Ketzer. Doch übertreibt er gelegentlich seine Raffinesse: er begünstigt die schwächere Seite freundschaftlich, und indem er sie schützt, gibt er dem Aberglauben und der Schwärmerei nicht genug Spielraum. Ein reichhaltiges Inhaltsverzeichnis führt den Leser zu jedem gesuchten Gegenstand. 4. Weniger gelehrt als Patavius, weniger unabhängig als le Clerc, weniger scharfsinnig als Beauobre ist der Historiker Mosheim: vollständig, vernunftgeleitet, korrekt, maßvoll. In seinem gelehrten Werk Histoire Critique du Manicheisme (Amsterdam, 1734, 1739, 4°) sehe man die Nazarener und Ebionites, p. 172–179, 328–332. Die Gnosis i.A. p. 179ff. Cerinthus p. 196–202. Basilides p. 352–361. Carpocrates, p. 363–367. Valentinus, p. 371–389. Marcion, p. 404–410. Die Manichaeer p. 829-837..

 

CHRISTUS FÜR EBIONITEN EIN BLOSSER MENSCH

I. Ein löblicher Respekt vor der Ehre der ersten Proselyten hat die Meinung, die Hoffnung, den Wunsch evoziert, dass die Ebioniten oder zumindest die Nazarener sich nur durch ihr hartnäckiges Beharren in der Ausübung mosaischer Gebräuche abhoben. Ihre Kirchen sind verschwunden, ihre Bücher vernichtet; ihre im Verborgenen lebende Freiheit mochte eine Erweiterung ihres Glaubens zulassen und ihr junges, noch formbares Bekenntnis durch den Eifer oder die Weisheit von drei Jahrhunderten mannigfach ungeschmolzen worden sein. Doch selbst die mildeste Kritik muss diesen Sektierern jede Kenntnis der reinen und eigentlichen Gottesnatur Christi absprechen. Aufgezogen in der Schule des jüdischen Prophetentums und seiner Vorurteile hatten sie niemals gelernt, sich mehr als einen menschlichen und irdischen Messias zu erhoffen »Denn wir alle erwarten, der Mensch Christus werde vom Menschen geboren« sagt der Jude Tryphon (Justin, Dialog, p.207) im Namen seiner Landsleute, und unter den modernen Juden haben die wenigen, die ihr Denken vom Geld auf die Religion hinlenken, immer noch dieselbe Sprache und heben ab auf den wörtlichen Sinn der Propheten.. Wenn sie auch den Mut besaßen, ihrem König zuzujauchzen, da er in geringem Gewand erschien, so waren ihre schlichten Vorstellungen gleichwohl außerstande, einen Gott zu erkennen, welcher bewusst unter dem Namen und in der Gestalt eines Sterblichen seine Gottesnatur verborgen hielt Chrysostomos (Basnage, Hist. des Juifs, Bd. 5,9, p. 183) und Athanasius (Petav. Dogmat. Theolog. Bd. 5. 1,2, p. 3) müssen eingestehen, dass die Gottesnatur Christi nur selten von ihm oder seinen Aposteln erwähnt wird..

Die vertrauten Begleiter Jesus' von Nazareth hatten Umgang mit ihm als ihrem Freunde und Landsmann, welcher bei allen Äußerungen rationaler oder animalischer Natur von gleicher Artung zu sein schien wie sie selbst. Sein Fortschreiten von der Kindheit bis zum Manne ist gekennzeichnet durch eine Zunahme an Körpergröße und Weisheit; und nach einem schmerzvollen Todeskampf starb er am Kreuz. Er lebte und starb zum Segen des Menschengeschlechtes; doch auch Leben und Sterben des Sokrates waren der Sache der Religion und der Gerechtigkeit gewidmet gewesen, und obwohl der Stoiker oder der Held die Demutstugenden Jesu gering schätzen mögen, muss man die Tränen, die er über seinen Freund und sein Vaterland vergoss, als die klarsten Beweise seiner Menschlichkeit gelten lassen. Die Wunder des Evangeliums konnte ein Volk nicht verblüffen, welches die glänzenderen Wundererscheinungen des mosaischen Gesetzes mit unerschütterter Glaubensfestigkeit geschaut hatte. Die Propheten der Vorzeit hatten Krankheiten geheilt, Tote auferweckt, das Meer geteilt, die Sonne in ihrer Bahn aufgehalten und sich in feurigen Wagen zum Himmel erhoben. Und da konnte der metaphernreiche Sprachgebrauch der Hebräer einem Heiligen oder Märtyrer leicht den angenommenen Titel eines Gottessohnes beilegen.

 

SEINE GEBURT UND ERHÖHUNG

Indessen, es lässt sich in dem unzulänglichen Glaubensbekenntnis der Nazarener und der Ebioniten ein geringfügiger Unterschied feststellen zwischen denjenigen Ketzern, welche die Erzeugung Christi für einen natürlichen Vorgang hielten und den weniger schuldigen Schismatikern, die die Jungfräulichkeit seiner Mutter verehrten und die Mitwirkung eines irdischen Vaters ausschlossen. Der Unglaube der ersteren wurde gestützt durch die bekannten Umstände seiner Geburt, die gesetzmäßige Ehe seiner mutmaßlichen Eltern Joseph und Maria und seine direkten Ansprüche auf das Königreich David und Erbteil Judas. Aber diese geheime und originale Geschichte ist in diversen Abschriften des Matthäus-Evangeliums aufgezeichnet Die ersten beiden Kapitel des Matthäusevangeliums fehlten in den Abschriften der Ebioniten (Epiphan. Haeres. xxx. 13); und die wundersame Empfängnis ist eines der letzten Artikel, die Herr Dr. Priestley aus seinem mageren Glaubensbekenntnis herausgeschnitten hat., welches diese Sektierer lange Zeit im Hebräischen Original Es ist durchaus wahrscheinlich, dass das erste Evangelium zum Gebrauch für konvertierte Juden in hebräischer oder syrischer Sprache verfasst wurde. Eine Reihe von Kirchenvätern bestätigen dieses Faktum: Papias, Irenaeus, Origenes, Hieronymus u.a. Die Katholiken glauben es mit Inbrunst, und unter den protestantischen Gelehrten nehmen es Casaubon, Grotius und Isaac Vossius an. Aber dieses hebräische Matthäusevangelium ist unerklärlicherweise verloren gegangen, und wir können deshalb die Sorgfalt und Treue der Urkirche anklagen, die die unautorisierte Übersetzung eines unbekannten Griechen vorgezogen hat. Erasmus und seine Anhänger, die den griechischen als das Originalevangelium ansehen, nehmen sich selbst das Indiz fort, welches den Text zu einem Werk der Apostel erklärt. Sieh Simon, Hist. Critique, &c., Bd. iii. c. 5–9, p. 47–101, und die Prolegomena von Mill und Wetstein auf das NT. als den einzigen Beweis für ihren Glauben bewahrten. Der begreifliche Argwohn des Gatten, der sich seiner eigenen Enthaltsamkeit durchaus bewusst war, wurde durch die – ihm im Traume gegebene – Zusicherung zerstreut, dass seine Gattin vom Heiligen Geiste empfangen habe. Und da dieses abgelegene und häusliche Wunder sich der persönlichen Beobachtung des Historikers entzog, muss er derselben Stimme gelauscht haben, welche schon Isaia die künftige jungfräuliche Empfängnis zugeflüstert hatte.

Der Sohn einer Jungfrau, entstanden durch die unerforschliche Wirkmächtigkeit des Heiligen Geistes, war ein Geschöpf ohne Vorbild und Ebenbild und in jeder Eigenschaft von Geist und Körper den Adamskindern überlegen. Seit der Einführung der griechischen oder chaldäischen Philosophie Die Metaphysik der Seele wird von Cicero (Tuscul. Buch 1) und Maximus von Tyros (Diss 16) von den Verwicklungen durch die Dialogform befreit, welche die Lektüre von Platos Phaidros, Phaidon und Nomoi zuweilen unterhaltsam und oft unübersichtlich macht. glaubten die Juden Die Jünger Jesu waren überzeugt, dass ein Mensch schon vor seiner Geburt gesündigt haben könne (Joh. 9,2), die Pharisäer glauben an die Seelenwanderung der Tugendsamen (Flavius Joseph, Bell. Jud. 2,7); und ein moderner Rabbi hegt die bescheidene Gewissheit, dass Hermes, Pythagoras, Plato u.a. ihre Metaphysik von seinen berühmten Landsleuten entlehnt hätten. an das Vorhandensein, die Wanderung und die Unsterblichkeit der Seele, und die Vorsehung ward gerechtfertigt durch die Annahme, dass sie in ihrem irdischen Kerker eingeschlossen sei, um die Makel zu büßen, die sie in einem früheren Zustande an sich gezogen hätten Zur Entstehung der menschlichen Seele sind vier unterschiedliche Meinungen geäußert worden: 1. Dass sie göttlich und ewig seien. 2. Dass sie vor ihrer Vereinigung mit dem Körper in einem gesonderten Zeugungsakt entstanden seien. 3. Dass sie fortgepflanzt sei von Originalstamme Adams, welcher den geistigen wie den körperlichen Samen für seine Nachkommenschaft in sich enthielt. 4. Dass jedwede Seele im Augenblick der Empfängnis erschaffen werde und in den Körper eingehe. – Die letztere Meinung scheint unter den Neueren vorzuherrschen; dadurch wird die Geschichte unserer Seele weniger erhaben, ohne verständlicher zu werden.. Aber die Grade von Reinheit und Verderbnis sind schier unmessbar. Mit Fug ließ sich annehmen, dass in den Sohn der Maria und des Heiligen Geistes der erhabenste und tugendreichste aller menschlichen Geister eingehaucht sei »Dass die Seele des Erlösers auch die Adams sei« war eine der fünfzehn Ketzereien, die man dem Origines zur Last legte und gegen die seine Verteidiger abstreiten (Photius, Bibliothec. cod. cxvii. p. 296). Einige Rabbiner sprechen ein und dieselbe Seele den Personen Adam, David und Messias zu.; dass seine Erniedrigung die Folgen einer freien Wahl sei und dass der Zweck seiner Sendung nicht die Sühnung seiner, sondern der Sünden der ganzen Welt gewesen sei. Bei seiner Rückkehr in den väterlichen Himmel, seine Heimat, empfing er den unermesslichen Lohn für seinen Gehorsam, das ewige Königreich des Messias, das die Propheten mit weltlichen Bildern wie Frieden, Eroberung und Sieg bereits dunkel beschrieben und angekündigt hatten. Die Allmacht konnte die menschlichen Fähigkeiten Christi bis zu dem Ausmaß seines himmlischen Berufs erweitern. In der Sprache der Antike ist der Begriff Gott nicht streng auf den ewigen Vater eingeschränkt worden, und sein unvergleichlicher Diener und eingeborener Sohn mochte ohne Anmaßung die religiöse, wenngleich untergeordnete Verehrung einer unterworfenen Welt in Anspruch nehmen.

 

EIN REINER GOTT NACH DEN DOCETEN

II. Die Saat des Glaubens, die auf dem steinigen und unfruchtbaren Boden Israels allmählich aufging, wurde im vollen Reifezustand in die gesegneteren Länder der Heiden verpflanzt, und die Fremdlinge in Rom oder Asien, die Christus niemals als Mensch erlebt hatten, konnten umso bereitwilliger an seine Göttlichkeit glauben. Ein Polytheist und ein Philosoph, Grieche oder Barbar waren gleichermaßen vertraut damit, sich eine lange Stufenfolge, eine unendliche Kette von Engeln oder Dämonen, Gottheiten oder Äonen oder Emanationen zu denken, welche am Throne des Lichts ihren Ausgang genommen hatten. Auch schien es ihnen weder befremdlich noch unglaublich, dass der erste dieser Äonen, der Logos oder das Wort Gottes, mit dem Vater von einerlei Wesenheit, auf die Erde hernieder gestiegen sei, das Menschengeschlecht von Lastern und Irrtum zu befreien und es auf die Pfade des Lebens und der Unsterblichkeit zu führen.

Aber die vorherrschende Doktrin von der Ewigkeit und der der Materie innewohnenden Verderbtheit infizierte die frühen Kirchen des Ostens. Viele heidnische Proselyten weigerten sich zu glauben, dass ein himmlischer Geist, ein unabgetrennter Teil des ersten Wesens sich persönlich mit einem Stück unreinen und sündhaften Fleisches vereinigt habe, und in ihrem frommen Eifer für die Gottesnatur Christi schworen sie der Menschennatur Christi ab. Während dessen Blut auf dem Kalvarienberge Apostolis adhuc in seculo superstitibus, apud Judaeam Christi sanguine recente, Phantasma domini corpus asserebatur. (Während die Apostel noch Zeuge dieses Jahrhunderts sind und das Blut Christi noch frisch ist, wird der Leib des Herrn zum Trugbild erklärt. Hieronym, advers. Lucifer. c. 8.) Die Epistel des Ignatius von Smyrna und selbst noch das Evangelium nach Johannes richten sich gegen die wachsenden Irrtümer der Doketen, welche in der Welt zuviel Glauben gefunden hätten. (1. Joh. 4,1-5) noch warm war, ersannen die Doceten, eine gelehrte und zahlenstarke Sekte aus Asien, das phantastische System, welches später von den Marcioniten, Manichäern und den verschiedenen Abteilungen der Gnosis propagiert wurde Um das Jahr 200 christlicher Zeitrechnung widerlegten Irenäus und Hippolytus die 32 Sekten der »so genannten Gnosis,« welche sich bis in die Zeit von Epiphanias auf 80 vermehrt hätten. Die 5 Bücher des Irenäus sind nur in Barbaren-Latein vorhanden, aber vielleicht lässt sich das Originalmanuskript in irgendeinem griechischen Kloster aufstöbern..

Sie bestritten Wahrheit und Authentizität der Evangelien, sofern sie von Marias Empfängnis, der Geburt Christi und den dreißig seinem Lehramt vorausgehenden Jahren erzählten. Er trat zum ersten Male am Jordanufer auf in vollständiger Menschengestalt; dies aber war nur die Form, nicht das Wesen; eine menschliche Gestalt, erschaffen von der Hand der Allmacht, um die Eigenschaften und die Handlungen eines Menschen vorzuspielen und so die Sinne von Freund und Feind fortwährend zu täuschen. Artikulierte Laute gelangten an die Ohren seiner Jünger; aber das Bild, das sich von ihm auf ihren Sehnerven abdrückte, entzog sich der handgreiflichen Probe durch eine Berührung, und so erfreuten sie sich der geistigen, aber nicht der realen Gegenwart des Sohnes Gottes.

Der Zorn der Juden richtet sich somit ganz vergebens gegen ein gefühlloses Trugbild; und auf dem Schauplatz Jerusalem wurden zum Besten der Menschheit die mystischen Szenen des Leidens und Todes, der Auferstehung und Himmelfahrt aufgeführt. Machte man geltend, dass solch phantastischer Mummenschanz und unablässige Täuschung zu einem Gott der Wahrheit nicht passten, bestand zwischen den Doceten und viel zu vielen ihrer orthodoxen Glaubensbrüdern Übereinstimmung in der Rechfertigung des frommen Betrugs. Nach dem System der Gnosis war der Jehova Israels, der Schöpfer der Erde hienieden, ein aufsässiger, zumindest aber ein unwissender Geist. Der Sohn Gottes aber sei auf die Ede herabgestiegen, seinen Tempel und sein Gesetz zu stürzen; und zur Erreichung dieses heiligen Zweckes bezog er geschickt die Hoffnungen und Weissagungen eines irdischen Messias auf seine eigene Person.

 

SEIN UNVERWESLICHER KÖRPER

Einer der bedachtsamsten Verfechter der manichäischen Schule hatte das Gefährliche und Anstößige der Meinung evoziert, welche annimmt, dass der Gott der Christen sich im Zustande eines Embryos nach Ablauf von neun Monaten aus dem Leibe eines Weibes herausgewunden habe. Frommer Schauder vermochte seine Gegner, alle natürlichen Begleitumstände von Empfängnis und Geburt zu leugnen und zu behaupten, dass die Gottheit durch Maria gedrungen sei wie ein Sonnenstrahl durch eine Glasscheibe und dass das Siegel ihrer Jungfräulichkeit unversehrt geblieben sei selbst dann, als sie zur Mutter Christi geworden war. Doch diese vorschnelle Gedankenlosigkeit leistete den milderen Auffassungen der Doceten Vorschub, welche lehrten, dass Christus zwar kein bloßes Phantom, aber doch mit einem leidensfreien und unverweslichen Körper ausgestattet sei.

In der Tat hatte er, dem orthodoxen Lehrgebäude zufolge, einen solchen nach seiner Wiederauferstehung erhalten, und einen solchen muss er auch schon immer besessen haben, wenn er denn ohne Widerstand und Blessur durch die Dichtigkeit der zwischenliegenden Materie zu dringen imstande war. Ledig der wesentlichsten Eigenschaften des Fleisches, mochte er wohl auch von dessen Bedürfnissen und Schwächen frei sein. Ein Fötus, der von einem unsichtbaren Punkt zur vollendeten Reife heranwachse, ein Kind, dass den vollständigen Wuchs eines Mannes erreichen könne, ohne irgend eine Nahrung aus den üblichen Quellen zu ziehen, mochte zu leben fortfahren, ohne den täglichen Verlust durch täglichen Ersatz mit fremden Stoffen auszugleichen. Jesus konnte an den Mahlzeiten seiner Jünger teilnehmen, ohne den Gesetzen von Hunger und Durst gehorchen zu müssen; und niemals wurde seine jungfräuliche Reinheit durch die unwillkürlichen Regungen niederer Lust befleckt.

Ein so eigenartig beschaffener Körper konnte zu der Frage Anlass geben, aus welchem Stoffe und auf welche Weise er denn ursprünglich gebildet sei? Und unsere gediegenere Theologie gerät über eine Antwort in Staunen, die noch nicht einmal zu dem System der Gnosis gehört, dass nämlich Form und Substanz von dem göttlichen Wesen ausgegangen seien. Die Idee eines reinen und absoluten Geistes ist eine Amelioration der modernen Philosophie. Die körperlose Wesenheit, welche Eigenschaft die Alten der menschlichen Seele, himmlischen Wesen, der Gottheit selbst zugeschrieben haben, schließt die Auffassung der räumlichen Ausdehnung nicht aus; ihre Phantasie war mit einer feineren Natur der Luft, des Feuers oder Äthers zufrieden, die alle unendlich vollkommener waren als die grob-irdische Materie.

Wenn wir der Gottheit räumliche Ausdehnung zuschreiben, dann müssen wir auch ihre Gestalt beschreiben können. Unsere Erfahrung, vielleicht auch unsere Eitelkeit stellt sich die Kräfte der Vernunft, der Tugend unter menschlicher Gestalt vor. Die Anthropomorphisten, deren es unter den ägyptischen Mönchen und den afrikanischen Katholiken ungezählte gab, konnten auf die ausdrückliche Aussage der Schrift hinweisen, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes gemacht sei Der Pilger Cassianus, der Anfang des VI Jh. Ägypten besuchte, bemerkt und beklagt die Vorherrschaft des Anthropomorphismus unter den Mönchen, denen es nicht bewusst war, dass sie auf das System des Epikur zurückgriffen (Cicero, de nat Deo. 1,18,34) Ab universo propemodum genere monachorum, qui per totam provinciam Egyptum morabantur, pro simplicitatis errore susceptum est, ut e contrario memoratum pontificem (Theophilus) velut haeresi gravissima depravatum, pars maxima seniorum ab universo fraternitatis corpore decerneret detestandum, ( ...dies wurde von fast dem ganzen Geschlecht der Mönche, die sich in der Provinz Ägypten aufhielten, im Irrtume ihrer Einfalt so bitter aufgenommen, dass der größte Teil der Altväter beschloss, es sei im Gegenteil der erwähnte Bischof (Theophilus) von der größten Häresie verführt und von der ganzen Körperschaft der Brüder zu verabscheuen... Cassianus, Collation. 10, 2). Solange Augustinus ein Manichäer war, ärgerte er sich an dem Anthropomorphismus der einfachen Katholiken.. Serapion der Ehrwürdige, einer der Heiligen der nitrianischen Wüste, gab unter zahlreichen Zähren sein Lieblingsvorurteil auf; und beweinte, einem Kinde vergleichbar, seine unglückliche Bekehrung, die ihm seinen Gott fortgenommen und seine Seele ohne irgendein sichtbares Objekt des Glaubens oder der Anbetung zurückgelassen habe Ita est in oratione senex mente confusus, eo quod illam anthropomorphon imaginem Deitatis, quam proponere sibi in oratione consueverat, aboleri de suo corde sentiret, ut in amarissimos fletus, crebrosque singultus repente prorumpens, in terram prostratus, cum eiulatu validissimo proclamaret; »Heu me miserum! tulerunt a me Deum meum, et quem nunc teneam non habeo, vel quem adorem, aut interpllem iam nescio.« (Und so war der Greis beim Gebet verwirrt, weil er merkte, dass jenes anthropomorphe Götterbild, welches er sich bei seinen Gebeten vorzustellen pflegte, aus seinem Herzen verdrängt wurde, so dass er unerwartet in bitterste Tränen und häufiges Schluchzen ausbrach, zur Erde niederfiel und unter Heulen lauthals ausrief: »Oh über mich Armen! Sie haben mir meinen Gott fort getragen, ich habe keinen, den ich jetzt festhalten könnte, noch weiß ich, welchen ich jetzt anbeten oder befragen könnte.) Cassian, Collat. 10.3..

 

SEINE DOPPELTE NATUR NACH CERINTHUS

III. Von dieser Art also waren die zerfließlichen Schatten der Doceten. Eine weniger luftige, wenn auch weniger schlichte Hypothese ersann Cerinthus aus Asien St. Johannes und Cerinthus (A.D. 80. Cleric. Hist. Eccles. p. 493) begegneten sich zufällig im öffentlichen Bad zu Ephesos; doch floh der Apostel seine Gegenwart in der Besorgnis, das Dach möchte über ihnen aufs Haupt stürzen. Diese alberne Anekdote, welche Dr. Middleton (Miscellaneous Works, vol. ii.) verwirft, wird dennoch von Irenäus (3,3) erzählt, der sich Polykarp zum Zeugen nimmt und wurde vermutlich passend zu den Zeiten des Cerinthus umgemodelt. Die veraltete, aber vermutlich korrekte Lesart von Johannes 1,4,3 – o luei ton Ihsoun – spielt auf die doppelte Natur dieses frühen Ketzers an., der es sogar wagte, sich mit dem letzten der Apostel anzubinden. Im Grenzgebiet zwischen jüdischem und heidnischem Universum angesiedelt, war er um eine Aussöhnung zwischen Gnostikern und Ebioniten bemüht, indem er die übernatürliche Vereinigung eines Gottes und eines Menschen in demselben Messias bekannte, und diese mystische Lehre wurde von Karpokrates, Basilides und Valentinian Die Valentinianer konstruierten ein kompliziertes und sehr inkonsistentes Glaubenssystem. Christus und Jesus waren beide Äonen, wenn auch verschiedenen Grades. Der eine handelte als die vernunftbegabte Seele, der andere als der göttliche Geist des Erlösers. 2. Zur Zeit des Leidens zogen sich beide zurück und ließen lediglich eine empfindende Seele und einen menschlichen Körper zurück. 3 Selbst dieser Leib war ätherisch und vielleicht nur ein Scheinkörper. – Das sind die mühseligen Schlussfolgerungen Mosheims. Doch befallen mich massive Zweifel, ob der lateinische Übersetzer den Irenaeus verstand und ob Irenaeus und Valentinian sich selbst verstanden., den Ketzern aus der ägyptischen Schule, angenommen und mit allerlei phantastischen Ingredienzien angereichert. In ihren Augen war Jesus von Nazareth ein bloßer Sterblicher, der natürliche Sohn von Joseph und Maria: zugleich aber war er auch der beste und weiseste aller Menschen, bestimmt, auf Erden die Verehrung des wahren und höchsten Gottes wieder herzustellen. Als er im Jordan getauft wurde, kam der Christus, der erste der Äonen, der Sohn Gottes selbst, in Gestalt einer Taube auf Jesus herab, um während der zugemessenen Dauer seines Lehramtes seine Seele zu bewohnen und seine Handlungen zu lenken. Als der Messias den Juden in die Hand gegeben wurde, verließ der Christus als ein unsterblicher und leidensunfähiger Äone seine irdische Behausung, flog zurück zum Pleroma, der Welt der Geister und ließ Jesus allein zurück, damit er leide, klage und verscheide.

Aber zweifelhaft sind die Gerechtigkeit und der Edelmut einer solchen Flucht; jedenfalls musste das Schicksal dieses unschuldigen Märtyrers weltliches Mitleiden und Ablehnung bewirken, der von seinem göttlichen Gefährten erst befeuert und dann verlassen wurde. Diese Bedenken brachten die Sektierer, die das System des Cerinthus annahmen und abänderten, auf unterschiedliche Weise zum Schweigen. So wurde davon gesprochen, Jesus sei, da er an das Kreuz genagelt wurde, mit einer wundervollen Schmerzunempfänglichkeit des Leibes und der Seele begabt worden, welche ihn für das folgende Leiden ganz fühllos machte. Oder sie behaupteten, das diese vorübergehenden, wenngleich sehr realen Schmerzen durch die irdische Herrschaft von tausend Jahren, die dem Messias in seinem Königreich des neuen Jerusalem vorbehalten wäre, im Übermaß vergütet würden. Auch ward angedeutet, dass er es verdient habe zu leiden, wenn er denn wirklich leide; dass die Natur des Menschen niemals ganz vollkommen sein könne und dass das Kreuz und die Schmerzen zur Sühnung der geringen Vergehen von Josephs Sohn dienen mochten, die er vor seiner geheimnisvollen Vereinigung mit dem Sohne Gottes mochte begangen haben Die Ketzer missbrauchten den leidenschaftlichen Ausruf: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Rousseau, der einen schönen, aber ungehörigen Vergleich zwischen Christus und Sokrates gezogen hat, übersieht, dass dem sterbenden Philosoph nicht eine Silbe des Zornes oder der Verzweiflung entfloh. Bei dem Messias konnte solche Gefühle nur scheinbare sein; solche übellautenden Worte werden schicklich als Psalmzitate oder Weissagungen ausgelegt..

 

MENSCHWERDUNG GOTTES NACH APOLLINARIS

IV. Alle, welche die schöne und bedeutende Lehre von der körperlosen Seele glauben, müssen aus ihrer eigenen Erfahrung zugeben, dass die Vereinigung von Körper und Geist nicht zu begreifen ist. Eine ähnliche Vereinigung mit einem viel höheren, dem höchsten Grade der geistigen Fähigkeiten ist jedoch nicht undenkbar; und die Inkarnation eines Äonen oder Erzengels, des vollkommensten aller erschaffenen Geister, enthält nicht notwendig einen positiven Widerspruch oder eine Ungereimtheit. Im Zeitalter der Religionsfreiheit, die mit dem Konzil von Nikäa zu Ende ging, bemaß jeder die Würde Christi nach eigenem Gutdünken, das sich nach den unbegrenzten Regeln der Schrift, der Vernunft oder der Überlieferung gebildet hatte. Als aber seine reine und wahrhafte Gottesnatur auf den Trümmern des Arianismus errichtet war, bebte der Glaube des Katholizismus am Rande eines Abgrunds, von dem zurückzutreten unmöglich, an dem stehen zu bleiben gefährlich und in den zu stürzen fürchterlich war; auch machte der erhabene Charakter ihrer Theologie die vielfachen Ungelegenheiten ihres Glaubensbekenntnisses noch gravierender.

Sie zögerten zu sagen, dass Gott selbst –die zweite Person einer gleichen und mit gleichen Wesen begabten Dreieinigkeit – im Fleische offenbart worden sei Dieser starke Ausdruck lässt sich vielleicht durch die Sprache von Paulus rechtfertigen (1.Timoth. 3,16); aber wir werden durch unsere modernen Bibelausgaben getäuscht: Das griechische Wort ›ho‹ (welcher) wurde in Konstantinopel am Anfang des VI Jh. in ›theos‹ (Gott) umgewandelt; die richtige Lesart, die in den lateinischen und syrischen Übersetzungen vorkommt, findet sich fortwährend bei den lateinischen und griechischen Kirchenvätern, wurde zusammen mit den drei Zeugen des St. Johannes von Sir Isaac Newton genial aufgedeckt. (S. seine beiden Briefe, übersetzt von Herrn de Missy in: The Journal Britannique, Bd. xv. p. 148–190, 351–390). Ich habe alle Argumente erwogen und beuge mich dem Ansehen des ersten der Naturforscher, der in Textkritik und Theologie zutiefst bewandert ist.; dass ein Wesen, welches das Weltall durchdringt, in Marias Schoß sollte eingeschlossen gewesen sein.; dass seine ewige Dauer nach den Tagen, Monden und Jahren der menschlichen Lebens sollte bemessen werden; dass der Allmächtige gegeißelt und gekreuzigt wurde; dass sein leidensunfähiges Wesen Schmerz und Angst gespürt haben soll; dass seine Allwissenheit ihn nicht vor Unkenntnis bewahrt habe und dass auf der Schädelstätte die Quelle des Lebens und der Unsterblich versiegt sei. Diese erschreckenden Schlussfolgerungen lehrte Apollinaris, Bischof von Laodicaea und eine Leuchte der Kirche, und seine Einfalt errötete nicht darüber Zu Apollinaris und seiner Sekte s. Socrates, 2,46; 3,16; Sozomenos, 5,18; 6,25, 27. Theodoret, 5,3, 10f. Tillemont, Memoires Ecclesiastiques, Bd. vii. p. 602–638. Not. p. 789–794, in 4°, Venise 1732. Die zeitgenössischen Heiligen erwähnen den Bischof von Laodicaea immer als einen Freund und Bruder. Die neueren Historiker sind da grobgekörnt und feindselig. Philostorgos vergleicht ihn mit Basilius und Gregor (8,11-15)..

Als der Sohn eines gebildeten Grammatikers besaß er Kenntnisse in allen Wissenschaften Griechenlands. Die in den Schriften des Apollinaris hervorschimmernde Beredsamkeit, Gelehrsamkeit und Philosophie stellte er demütig in den Dienst der Religion. Als ein würdiger Freund des Athanasius und ein ebenso würdiger Gegner Julians nahm er es tapfer mit den Arianern und Polytheisten auf, und obgleich er die strenge Beweisführung der Geometrie kopierte, ließen seine Kommentare doch den wörtlichen und allegorischen Sinn der Hl. Schrift erkennen. Ein Mysterium, das so lange unter das diffuse Ungefähr des Volksglaubens gemengt war, wurde durch seinen falsch angebrachten Eifer in eine technische Form umgegossen, und er sprach zuerst die merkenswerten Worte aus von der »einen menschgewordenen Natur Christi«, die aus den Kirchen Asiens, Ägyptens und Äthiopiens mit feindseligem Geschrei zurückhallten. Er lehrte, das die Gottheit mit dem Körper eines Menschen vereint oder vermischt gewesen war; und dass der Logos, die ewige Weisheit, im Fleische den Platz und die Aufgabe der menschlichen Seele vertrete.

Als aber der Doktor tiefgelehrt sich über seine Voreiligkeit entsetzte, hörte man Apollinaris einige schwache Ausdrücke der Entschuldigung und Erklärung murmeln. Er beließ es mit der alten Unterscheidung der griechischen Philosophen zwischen der vernünftigen und der sinnlichen Seele des Menschen bewenden, auf dass er den Logos aufsparen könne für die geistigen Verrichtungen und das nachgeordnete menschliche Prinzip für die niederen Handlungen des organischen Lebens. Mit den gemäßigten Doceten verehrte er in Maria mehr die geistige denn die fleischliche Mutter Christi, dessen Körper, unzerstörbar und leidensunfähig, entweder vom Himmel herabgekommen war oder in das Wesen der Gottheit aufgenommen und gleichsam umgebildet worden sei.

Dieses System des Apollinaris wurde nun von den Gottesgelahrten Asiens und Syriens nach Kräften bestritten, deren Schulen sich immerhin mit einem Basilius, Gregor und Chrysostomos schmücken konnten, während sie von Diodorus, Theodorus und Nestorius geschmäht wurden. Aber die Person des betagten Bischofs von Laodicaea, sein Charakter und seine Würde bleiben unbeschädigt; seine Nebenbuhler –wir können sie weder der Schwäche noch der Duldsamkeit verdächtigen – stutzten vielleicht über die Neuheit des Argumentes und blieben misstrauisch gegenüber dem Endausspruch der katholischen Kirche. Ihr Urteil neigte sich endlich zu ihren Gunsten, die Ketzerei des Apollinaris wurde verdammt und die Sonderversammlung seiner Schüler durch kaiserliches Edikt geächtet. Aber in den Klöstern Ägyptens wurden seine Prinzipien noch weiterhin im Verborgenen gepflegt, und seine Feinde bekamen den Hass des Theophilus und Cyrillos zu schmecken, welche nacheinander die Patriarchenwürde von Alexandria bekleideten.

 

ORTHODOXE ÜBEREINSTIMMUNG – STREIT UM WORTE

V. Der erdennahe Ebionites und der schwärmerische Docetes waren verworfen und abgetan. Der noch unverbrauchte Eifer gegen den Irrtum des Apollinaris stellte zwischen Katholiken und dem Cerinthus bezüglich der doppelten Natur Christi scheinbare Einigkeit her: Aber statt einer vorübergehenden und eher zufälligen Allianz etablierten sie – und wir glauben noch heute daran – die wesensmäßige, unauflösliche und ewige Vereinigung eines wirklichen Gottes mit einem wirklichem Menschen als der zweiten Person der Dreieinigkeit mit einer vernunftbegabten Seele und einem menschlichem Leib. Zu Beginn des V. Jh. war die Einheit dieser beiden Naturen die herrschende Lehre der Kirche. Allseits ward zugestanden, dass die Art ihres Zusammenseins weder durch unsere Ideen vorzustellen noch durch unsere Worte auszudrücken sei. Doch lebte geheime und unverwelkliche Spannung fort und fort zwischen denen, welche am meisten fürchteten, die Gottheit und Menschheit Christi zu vermengen und denen, welche ängstlich besorgt waren, sie zu scheiden. Getrieben vom frommen Irrsinn flohen sie hastig und in entgegengesetzter Richtung vor dem Irrtum zurück, den sie jeweils als den verderblichsten für Wahrheit und Erlösung ansahen. Beiderseitig war man bänglich bestrebt, die Einheit bzw. die Unterscheidung der beiden Naturen zu bewahren, eifersüchtig bedacht, sie zu verteidigen und solche Redewendungen und Lehrsymbole zu erfinden, die am wenigsten Zweifel und Mehrdeutigkeit gestatteten.

Die Dürftigkeit der Sprache und der Ideen bestimmte sie, Kunst und Natur auszubeuten, doch jeder Vergleich ging ins Leere Irre, wenn durch ihn ein unvergleichliches Geheimnis erläutert werden sollte. Unter dem Mikroskop der Polemik wird jedes Atom zu einem Monstrum, und so war jede Partei eifrig bemüht, die abwegigen und gottlosen Folgerungen zu überzeichnen, die sich aus den Grundsätzen ihrer Feinde etwa herausdestillieren ließen. Um einander auszuweichen, wandelten sie durch manches dunkle und abgelegene Dickicht, bis sie sich entsetzten über die Schreckensfiguren des Apollinaris und Cerinthus, welche die gegensätzlichen Eingänge in das Labyrinth der Theologie bewachten. Sobald sie dann die Morgenröte der Vernunft und Ketzerei gewahrten, zuckten sie zusammen, lenkten ihre Schritte rückwärts und verloren sich neuerlich im undurchdringlichen Dunkel der Orthodoxie. Um sich nun selbst vom Vorwurf oder der Schuld eines anathematisierten Irrtums zu reinigen, leugneten sie ihre Schlussfolgerungen, erläuterten ihre Grundsätze, entschuldigten ihre Fahrlässigkeit und sprachen eines Sinnes die Sprache der Eintracht und des Glaubens. Doch verborgen, fast schon unsichtbar glomm unter der heißen Asche des Streites ein Funke fort: ein Luftzug von Vorurteil und Religionseifer fachte in wieder zu einer machtvoller Flamme an, und so haben die Streitigkeiten der orientalischen Sekten um Worte Ich beziehe mich auf das Bekenntnis zweier orientalischer Prälaten, des Gregor Abulpharagius, des jakobitischen Primas des Orients, und des Elias, des nestorianischen Metropoliten von Damaskus (s. Asseman, Bibliothec. Oriental. Bd. ii. p. 291, Bd. iii. p. 514 u.a.), dass die Melciten,, Jakobiten, Nestorianer etc in der Lehrmeinung übereinstimmten und nur in der Wortwahl auseinander gingen. Unsere gelehrtesten und einsichtigsten Gottesgelehrten – Basnage, Le Clerc, Beausobre, La Croze, Mosheim, Jablonski–neigen diesem nachsichtigen Urteil zu; aber der Eifer des Petavius ist laut und zornig, und die Zurückhaltung des Dupin erstirbt in einem Flüstern. die Grundfesten von Kirche und Staat erschüttert.

 

KYRILLOS VON ALEXANDRIA 18. OKTOBER 412 – 27. JUNI 444

Der Name Kyrillos von Alexandria steht in der Geschichte der Religionsstreitigkeiten an prominenter Stelle, und sein Heiligen-Titel ist ein Hinweis darauf, dass seine Meinungen und seine Partei am Ende obsiegten. Im Hause seines Onkels, des Erzbischofs Theophilos, sog er die orthodoxen Lektionen des Glaubenseifers und der Machtausübung auf, und fünf weitere ertragreiche Jugendjahre verbrachte er in den unfernen Klöstern von Nitria. Unter der Anleitung des Abtes Serapion warf er sich mit solch' unermüdlichem Eifer auf die theologischen Studien, dass er irgendwann in nur einer schlaflosen Nacht die vier Evangelien, die katholischen Episteln und die Römerbriefe durchzulesen imstande war. Origines war ihm widerwärtig. Doch hatte er immer die Schriften des Clemens und Dionysius, des Athanasius und Basilius zur Hand. Durch Theorie und Praxis gelehrten Wortstreites wurde sein Glaube gefestigt und sein Witz geschärft. Rund um seine Zelle spann er das feine Gewebe der scholastischen Theologie, studierte Werke über Allegorie und Metaphysik, deren Überreste in sieben starken Foliobänden heute friedlich neben denen ihrer früheren Feinde schlummern La Croze (Hist. du Christianisme des Indes, Bd. i. p. 24) bekennt seine Verachtung für den Genius und die Schriften des Cyrillos. De tous les on vrages des anciens, il y en a peu qu'on lise avec moins d'utilite: und Dupin, (Bibliotheque Ecclesiastique, Bd. iv. p. 42–52) lehrtu uns in respektvoller Sprache ihn zu verachten..

Kyrillos betete und fastete in der Wüste, aber sein Denken – so der Tadel eines Freundes Nämlich des Isidor von Pelusium, (Epist. 1,25, p. 8). Da der Brief nicht von der glaubhaften Sorte ist, so fingiert Tillemont Zweifel, weniger aufrichtig als die Bollandisten, dass dieser Cyrill der Neffe des Theophilus sei (Mem. Eccles. Bd. xiv. p. 268.). – war immer noch weltzugewandt; auch gehorchte der emporstrebende Eremit allzu bereitwillig dem Rufe des Theophilos, der ihn in das Getümmel der Städte und Kircheversammlungen schickte. Mit Billigung seines Onkels übernahm er das Amt und erwarb sich einen Ruf eines Volkspredigers. Mit seiner sympathischen Figur schmückte er die Kanzel, seine klangvolle Stimme erfüllte die Kathedrale und seine Freunde wurden so positioniert, dass sie den Beifall der Gemeinde auslösen oder steuern konnten Vgl. die Darstellung eines Grammatikers bei Sokrates: diapuroV de akroaths tou episkopou Kyrillou kaqestwV , kai peri to krotous en taiV didaskaliaiV autou egeirein hn spoudaiotatoV (»...war ein entzückter Hörer der Predigten von Bischof Kyrillos und machte sich selbst in seinen Schulen bekannt als engagierter Beifallspender. 7,13).; und die raschen Notizen der Schreiber bewahrten seine Predigten auf, welche wegen ihrer Wirkung, wenn auch nicht wegen ihrer Komposition, mit denen der attischen Redner verglichen werden konnten. Der Klerus von Alexandria war geteilt; die Soldaten und ihr Feldherr unterstützten die Ansprüche des Archidiakons; aber die Volksmassen förderten unwiderstehlich mit Worten und Werken die Sache ihres Lieblings, und so saß dann nach neununddreißig Jahren Kyrillos auf dem Sitz des Hl. Athanasius Betreffend die Jugend und Karriere des Cyrill siehe Sokrates, (7, 7) und Renaudot, (Hist. Patriarchs. Alexandrin. p. 106, 108). Der Abbe Renaudot entnimmt sein Material der Geschichte Arabiens des Severus, Bischofs von Hermopolis Magma im XI Jh, dem man niemals trauen kann, wenn nicht die Stimmigkeit der Tatsachen uns Zustimmung und Beifall abverlangt..

 

SEINE ALLEINHERRSCHAFT

Der Preis rechtfertigte die Anstrengungen. In einer sicheren Entfernung vom Hof und an der Spitze einer riesigen Hauptstadt hatte der Patriarch von Alexandria, wie er nun genannt wurde, sich allmählich die Stellung einer weltlichen Obrigkeit angeeignet. Die staatlichen und privaten Wohltätigkeitsmaßnahmen wurden von ihm nach Belieben verwaltet, seine Stimme erhitzte oder dämpfte die Leidenschaften der Massen, seine Anordnungen wurden blindlings von seinen zahllosen, fanatisch ergebenen Parabolanen Die Parabolanen von Alexandria waren ursprünglich eine Genossenschaft der Barmherzigen, während der Pest unter Gallienus gestiftet, die die Kranken besuchten und die Toten begruben. Im Laufe der Zeit vergrößerten, erweiterten und verkauften sie sogar die Privilegien ihres Ordens. Ihre gewalttätigen Aufführungen während Kyrillos' Herrschaft veranlasste den Kaiser, ihre Ernennung dem Patriarchen zu entziehen und ihre Zahl auf 500 bis 600 zu begrenzen. Aber diese Einschränkungen waren nur vorübergehend und außerdem wirkungslos. Man sehe den Cod. Theodos. l. xvi. tit. ii. und Tillemont, Mem. Eccles. Bd. xiv. p. 276–278. ausgeführt, die infolge ihres täglichen Dienstes mit der Szenerie des Todes wohlvertraut waren; doch die eigentlichen Präfekten Ägyptens wurden durch die weltliche Macht dieser christlichen Pontifeces eingeschüchtert oder aufgereizt. Da ihm die Ketzerverfolgung ein glühendes Anliegen war, war die erste Tat seiner Regierung die Unterdrückung der Novitianer, der unschuldigsten und harmlosesten aller Sektierer. Das Verbot ihrer Religionsausübung war nach seiner Einschätzung ein gerechter und verdienstlicher Akt, und ihre heiligen Gefäße nahm er ihnen fort, ohne die Schuld des Kirchenraubes zu besorgen.

Für die Duldung und selbst noch die Privilegien der Juden, die inzwischen auf vierzigtausend Bewohner angewachsen waren, bürgten die Gesetze der Caesaren und der Ptolemäer und ein fast siebenhundertjähriges Gewohnheitsrecht, gültig seit der Gründung Alexandrias. Ohne irgendein rechtskräftiges Urteil, ohne ein kaiserliches Mandat führte der Patriarch mit Tagesanbruch rabiate Mordbanden zum Überfall auf die Synagogen. Unbewaffnet und völlig ahnungslos waren die Juden zu keinem Widerstand fähig, ihre Gebetshäuser wurden eingeebnet, und der episkopale Gotteskrieger trieb den Rest des ungläubigen Volkes aus der Stadt hinaus, nachdem er seinem Pöbelhaufen zur Belohnung die Habe der Juden zur Plünderung freigegeben hatte. Allenfalls hätte er ihren hochfahrenden Wohlstand und ihren tödlichen Hass auf die Christen vorschützen können, deren Blut sie erst unlängst in einem inszenierten oder zufälligen Volkstumult vergossen hatten; doch machten derlei Verbrechen die Ahndung durch die Obrigkeit erforderlich.

Aber in diesem tumultuösen Ausbruch wurde Schuldige und Unschuldige gleichbehandelt, und Alexandria verarmte durch den Verlust einer wohlhabenden und fleißigen Bevölkerungsgruppe. Kyrillos' Furor hätte nach den Maßgaben der julischen Gesetze bestraft werden müssen. Doch unter einer machtlosen Regierung und in einem abergläubischen Zeitalter konnte er der Straflosigkeit und sogar noch einer Belobigung sicher sein. Orestes führte Klage; doch seine berechtigte Klage hatten die Minister des Theodosius schon bald vergessen, während der Priester sie sich umso besser merkte, aber Vergebung heuchelte und dann fortfuhr, den Präfekten von Ägypten umso inbrünstiger zu hassen. Als dieser durch die Straßen fuhr, wurde sein Wagen von einem Haufen von fünfhundert nitrianischen Mönchen überfallen; seine Leibwache floh vor diesen wilden Bestien der Wüste; seine Beteuerungen, dass er doch ein Christenmensch und Katholik sei, wurde mit einem Steinhagel beantwortet, und Orestes' Gesicht war mit Blut überströmt. Die rechtstreuen Bürger von Alexandria stürmten zu seiner Rettung herbei; augenblicklich stellte er sich in den Dienst der Gerechtigkeit und seiner Rachegelüste, und der Mönch, der ihn verwundet hatte, Ammonius, verschied unter dem Rutenbündel des Liktors. Auf Kyrillos' Befehl wurde der Körper vom Boden aufgehoben und in feierlicher Prozession in die Kathedrale verbracht; der Name Ammonius wurde zu Thaumasius, der Wunderbare, und sein Grab mit den Insignien der Märtyrer geschmückt; es bestieg aber der Patriarch die Kanzel, die Seelengröße eines Totschlägers und Mörders zu rühmen.

 

DIE ERMORDUNG DER HYPATIA

Dieserart Ehrbezeigungen mochten die Gläubigen wohl ermuntern, unter dem Banner des Heiligen zu fechten und zu sterben; und so veranlasste er – oder billigte zumindest – die Ermordung einer Jungfrau, welche sich zu der Religion der Griechen bekannte und mit Orestes freundschaftlich verbunden war. Hypatia, die Tochter des Mathematikers Theon Zu Theon und seiner Tochter Hypatia sehe man Fabricius, Bibliothec. Bd. viii. p. 210, 211. Ihr Artikel im Suidas-Lexikon ist lesenswert und original. Hesychius (Meursii Opera, Bd. vii. p. 295, 296) bemerkt, dass sie »wegen ihrer überragenden Klugheit« ermordet wurde, und ein Epigramm in der Anthologie Graeca (1,76) feiert ihre Weisheit und Eloquenz. Ihr Freund und Schüler, der philosophische Bischof Synesius gedenkt ihrer in Ehren (Epist. 10, 15 16, 33–80, 124, 135, 153)., war in die Studien ihres Vaters initiiert; mit ihren gelehrten Kommentaren erläuterte sie die geometrischen Schriften des Apollonius und Diophantus, zugleich hielt sie öffentliche Vorlesungen in Athen und Alexandria über die Philosophie des Plato und Aristoteles. In der Blüte ihrer Schönheit und der Reife ihrer Weisheit wies die bescheidene Jungfrau ihre Verehrer zurück und unterrichtete ihre Schüler. Noch die ranghöchsten und angesehensten Personen waren ungeduldig, diese Philosophin aufzusuchen; und Kyrillos sah mit Neide den prachtvollen Fuhrpark und den Zug von Pferden und Sklaven, die sich vor der Tür ihrer Akademie stauten. Unter den Christen wurde das Gerücht gestreut, dass die Tochter Theons das einzige Hindernis für die Aussöhnung zwischen dem Präfekten und dem Erzbischof sei; und rasch ward da das Hindernis entfernt. An einem Tage des Unheils, während der heiligen Fasten, wurde Hypatia von ihrem Wagen heruntergerissen, nackt ausgezogen, in die Kirche verschleppt und auf unmenschliche Weise von dem Lektor (Vorleser) Petrus und einer Meute aufgehetzter und unbarmherziger Fanatiker geschlachtet: mit scharfen Austernschalen OstrakoiV aneilon kai melhdon diaspranteV. Austerschalen lagen am Gestade vor Caesareum im Überfluss. Ich möchte also den wörtlichen Sinn vorziehen, ohne die metaphorische Übersetzung von Tegulae (Ziegel) zu verwerfen, wie sie Herr de Valois vorschlägt. Ich weiß es nicht, und ihre Mörder kümmerte es nicht, ob ihr Opfer noch am Leben war. wurde ihr das Fleisch von den Knochen geschabt und die noch zuckenden Gliedmaßen den Flammen übergeben. Die nachfolgende Untersuchung und die Bestrafungen wurden infolge zeitlich passender Geschenke abgebrochen; aber die Ermordung der Hypatia hat dem Charakter und der Religiosität des Kyrillos von Alexandria gleichwohl ein unauslöschliches Schandmal eingebrannt Von dieser Heldentat des Heiligen Cyrill berichtet Sokrates (7,13-15). Und die widerstrebendste Bigotterie muss mobilisiert werden und einem Historiker nachschreiben, welcher kaltblütig die Mörder der Hypathia »vom Hochsinn durchglüht« nennt. Bei der Erwähnung dieses beschmutzten Namens bemerke ich mit Lust, dass selbst die Wangen des Baronius ansatzweise scham-erröten (A.D. 415, No. 48)..

 

NESTORIUS, PATRIARCH VON KONSTANTINOPEL – 10. APRIL 428

Vielleicht ist ja der Aberglauben eher geneigt, die Ermordung einer Jungfrau zu verzeihen als die Verbannung eines Heiligen; und Kyrillos hatte seinen Onkel zu der mörderischen Eichensynode begleitet: als dann das Andenken des Chrysostomos neuerlich restauriert und geheiligt war, verteidigte an der Spitze einer dahinsiechenden Parteiung der Neffe von Theophilos unverdrossen die Rechtmäßigkeit seines Urteilsspruches; und erst, nachdem er lange den Spröden gespielt und zählebigen Widerstand geleistet hatte, fügte er sich dem einmütigen Willen der katholischen Welt Er stellte sich taub gegen alle Vorhaltungen des Atticus von Konstantinopel und des Isidor von Pelusium und gab einzig –wenn wir denn dem Nicephorus, 14,18 glauben dürfen – der persönlichen Fürbitte der heiligen Jungfrau nach. Doch selbst noch in seinen letzten Jahren murrte er, dass Chrysostomos ganz zu Recht verurteilt worden sei (Tillemont, Mem. Eccles. Bd. xiv. p. 278–282. Baronius Annal. Eccles. A.D. 412, No. 46–64).. Seine Abneigung gegen die byzantinischen Erzbischöfe Ihre Charakterisierung bei Sokrates 7,25-28); ihre Macht und ihre Pläne in dem gewaltigen Sammelwerk des Thomassin (Discipline de l'Eglise, Bd. i. p. 80-91). war die Frucht von kalkuliertem Eigennutzes und keinesfalls ein Ausbruch der Leidenschaft: er beneidete sie um ihre Stellung in den Sonnenstrahlen der Macht am Kaiserhof zu Byzanz und fürchtete von ihnen den Ehrgeiz, der Emporkömmlinge auszeichnet und der sie vermochte, die Metropolitanbischöfe Europas in den Staub zu drücken, sich in die Angelegenheiten der Provinzen Antiochia und Alexandria einzumischen und die Grenzen ihrer Diözese nur noch nach den Grenzen des Reiches zu bemessen. Das ausdauernde moderierende Eingreifen von Atticus, des mildgestimmten Usurpators von Chrysostomos' Thron, schläferte die Feindseligkeiten der orientalischen Patriarchen für eine Zeitlang ein; aber schließlich ward Kyrillos durch die Thronerhebung eines Nebenbuhlers aufgeschreckt, der sich seine Achtung und seinen Hass wahrhaft verdient hatte. Nach einer kurzen und ungeordneten Regierung des Bischofs Sisinnius, Bischofs von Konstantinopel, wurden Volk und Klerus durch die Wahl des Kaisers zufrieden gestellt, der diesmal auf die Stimme des Gerüchtes gehört und einen Fremden mit wirklichen Verdiensten ernannt hatte.

Nestorius Ernennung und Regentschaft bei Sokrates 7,29-31; und Marcellinus scheint Sallustius' eloquentiae satis, sapientiae parum, (...Eloquenz genug, zu wenig Weisheit) angewandt zu haben., gebürtig zu Germanicia und Mönch zu Antiochia, empfahl sich durch die Strenge seiner Lebensführung und seine Kanzel-Rhetorik; doch verriet die erste Homilie, die er dem andächtig lauschenden Theodosius las, zugleich die Schärfe und die Rücksichtslosigkeit seines Glaubenseifers. »Gib mir, o Caesar,« so rief er aus, »gib mir die Erde, gereinigt von Ketzern, und ich will dir im Gegenzug das Königreich des Himmels geben. Vertilge mit mir zusammen die Häretiker; so will ich mit dir zusammen die Perser vertilgen.« Schon am fünften Tage, als wäre der Vertrag bereits geschlossen, entdeckte, überraschte und überfiel der Patriarch ein geheimes Konvent von Arianern: sie zogen den Tod der Unterwerfung vor; das Feuer, das sie in ihrer Verzweiflung entzündeten, sprang auf die Nachbarhäuser über, und so ward der Sieg des Nestorius mit dem Epitheton eines Mordbrenners umdunkelt. Zu beiden Seiten des Hellespont machte er mit episkopalem Nachdruck eine strenge Glaubensformel und rigide Kirchenzucht zum Gesetz; ein Rechenfehler in der Chronologie, das Datum des Osterfestes betreffend, wurde wie ein Staats- und Kirchenverbrechen geahndet. Lydien und Karien, Sardes und Milet wurden durch das Blut der hartnäckigen Quartodecianer gereinigt; und das Edikt des Kaisers – besser wohl: das des Patriarchen – zählte dreiundzwanzig Grade der Bezeichnungen von Schuld und Ahndung der Ketzerei auf Cod. Theodos. l. xvi. tit. v. leg. 65, nebst Baronius Kommentaren (A.D. 428, No. 25, &c); Godefroy, (ad locum,) und Pagi, Critica, (Bd. ii. p. 208.). Indessen, das Schwert der Verfolgung, welches Nestorius so ausdauernd schwang, richtete sich gar bald gegen die eigene Brust. Religion war nur ein Vorwand; aber nach einem Urteil eines zeitgenössischen Heiligen war Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder dieses bischöflichen Feldzugs Isidor von Pelusium 4, Ep. 57. Seine Worte sind derb und erregen Anstoß. Isidor ist ein Heiliger, doch wurde er niemals Bischof; und ich argwöhne fast, dass der Stolz des Diogenes den Stolz des Plato mit Füßen trat..

 

SEINE KETZEREI 429-231

In der syrischen Schule hatte Nestorius gelernt, die Vermengung der beiden Naturen zu verabscheuen und die Menschennatur seines Meisters Christus von der Gottheit seines Herren Jsus reinlich zu unterscheiden La Croze (Christianisme des Indes, Bd. i. p. 44-53. Thesaurus Epistolicus, La Crozianus, Bd. iii. p. 276–280 hat den Gebrauch der Worte »Meister« und »Herr Jesus« entdeckt, welche im IV, V und VI Jh. die Schule des Diodor von Tharsus und seine nestorianischen Schüler unterschied.. Die Heilige Jungfrau wurde als die Mutter Christi verehrt, aber seine Ohren wurden beleidigt durch die verwegene und moderne Titulatur einer Mutter Gottes Deipara (lat.) od. Qeotóko (agr.), so wie wir in der Zoologie gemeinhin von animalia vivipara (lebendgebärende Tiere) und animalia ovipara (eierlegende Tiere) sprechen. Es lässt sich die Erfindung dieses Wortes nicht leicht zuordnen, welches La Croze (Christianisme des Indes, Bd. i. p. 16) dem Eusebius von Caesarea und den Arianern zuschreibt. Die Belege der Rechtgläubigen werden von Kyrillos und Petavius (Dogmat. Theolog. Bd. V, 5,15, p. 254); aber die Wahrheitsliebe des Heiligen ist schwankend, und das Epitheton »Theotokos« rutscht gar leicht vom Rande in den Text eines katholischen Manuskriptes., was seit Beginn der arianischen Kontroverse allmählich in Gebrauch gekommen war. Und so predigten von der Kanzel zu Konstantinopel ein Freund des Patriarchen und endlich der Patriarch in Person abwechselnd gegen den Gebrauch, oder besser wohl: Missbrauch eines den Aposteln unbekannten und von der Kirche nicht zugelassenen Begriffes In seiner umstrittenen Histoire de l'Eglise (Bd l. p. 505) rechtfertigt Basnage die Mutter Gottes durch das Blut Gottes (Apg. 20,28 mit den Varianten von Mill). Aber die griechischen Handschriften stimmen bei weitem nicht überein, und der ursprüngliche Ausdruck Blut Christi wurde in der syrischen Übersetzung beibehalten selbst in den Abschriften, die von den Christen des St. Thomas auf der Küste Malabar benutzt wurde (La Croze, Christianisme des Indes, Bd. i. p. 347). Die Eifersucht der Nestorianer und der Monophysiten hat denText rein erhalten., welcher geeignet sei, die Schüchternen zu entsetzen, die Einfältigen fehlzuleiten, die Heiden zu erheitern und durch eine scheinbare Ähnlichkeit die alten Stammbäume der olympischen Götter zu rechtfertigen Die Heiden in Ägypten lachten schon über die neue Cybele der Christen (Isidor 1, Epist. 54); unter dem Namen der Hypatia wurde ein Brief gefälscht, der die Theologie ihrer Mörder lächerlich machen sollte; (Synodicon, c. 216, in iv. Bd. Concil. p. 484). In dem Artikel ›Nestorius‹ hat Bayle ein paar Bemerkungen über die Verehrung der Jungfrau Maria eingestreut.. In seinen entspannteren Augenblicken bekannte Nestorius, dass es durch die Vereinigung der beiden Naturen und durch die Übertragung ihrer beiden Idiome Die » AntidosiV « der Griechen, die gegenseitige Verleihung oder Übertragung der Idiome oder Eigenschaften jeder Natur an die andere, z.B. der Unendlichkeit an den Menschen oder der Leidensfähigkeit an Gott. Zwölf Regeln über diese diffizilste aller Materien bilden die theologische Grammatik des Petavius (Dogmata Theolog. Bd. v. 5,14 und 15, p 209). geduldet oder wenigstens entschuldigt werden könne.

Doch ward er so sehr aufgebracht durch Widerspruch, dass er die Verehrung eines neugeborenen, eines Kind-Gottes ablehnte, unziemliche Vergleiche von der bürgerlichen Lebensgemeinschaft bemühte und die Menschheit Christi als das Kleid, die Hülle, das Werkzeug, die Wohnung seiner Gottheit beschrieb. Durch solche gotteslästerlichen Töne gerieten die Säulen der Kirche ins Wanken. Die erfolglosen Mitbewerber des Nestorius kultivierten ihren persönlichen oder frommen Empfindungen; die byzantinische Geistlichkeit ärgerte sich insgeheim an dem ihnen vorgesetzten Fremdling: alles, was abergläubisch oder abwegig ist, kann sich des Unterstützung der Mönche sicher sein; und das Volk hatte ein lebhaftes Interesse an dem Ruhme seiner jungfräulichen Schutzheiligen Siehe Ducange, C. P. Christiana, l. i. p. 30ff.. Predigten und Altardienst des Erzbischof wurden durch aufsässigen Krawall gestört; Splitter-Gemeinden sagten sich los von seiner Aufsicht und Lehre; jeder Wind blies die Blätter dieses Streites durch das Reich, und noch in den Klosterzellen Palästinas und Ägyptens hallten die Stimmen der Kämpfer auf der lärmerfüllten Bühne.

Da nun war es Kyrillos' Pflicht, den blinden Eifer und die Unwissenheit seiner ungezählten Mönche zu erleuchten; in der Schule von Alexandria hatte er die Lehre von der Menschwerdung der einen Natur aufgesogen und bekannt. Und der Nachfolger des Athanasius lieh der Stimme seines Stolzes und seines Ehrgeizes Gehör, wenn er sich gegen den zweiten Arius rüstete, einen, der schlimmer und grässlicher war und jetzt sogar auf dem zweiten Thron der Hierarchie saß. Nach kurzem Briefwechsel, in welchem die feindlichen Prälaten ihren Hass hinter hohlen Artigkeiten von Respekt und Nächstenliebe verbargen, kündete der Patriarch von Alexandria dem Kaiser und dem Volk, dem Abend- und dem Morgenlande die verdammungswürdigen Irrlehren des Oberpriesters von Byzanz. Aus dem Osten, zumal aus Antiochia, empfing er wolkige Ratschläge, Toleranz und Stillschweigen zu beobachten, welche an beide Parteien ergingen, aber die Sache des Nestorius begünstigten. Der Vatikan hingegen empfing die Boten aus Ägypten mit offenen Armen. Coelestins Eitelkeit fühlte sich gekitzelt, da man sich auf ihn berief, und die verfälschte Übersetzung eines Mönches entschied den Glauben eine Papstes, welcher zusammen mit seiner Klerisei von der Sprache, den Künsten und der Theologie der Griechen nichts verstand.

An der Spitze der italienischen Synode erwog Coelestin die Bedeutung des Falles, billigte die Glaubensformel des Kyrillos, verdammte des Nestorius Ansichten und Person, entsetzte den Ketzer seiner Bischofswürde, gestattete eine zehntägige Widerrufs- und Bußfrist und beauftragte seinen Feind, dieses überhastete und illegale Urteil zu vollstrecken. Aber da der Patriarch von Alexandria göttlichen Donner schleuderte, zeigte er doch die Fehlbarkeit und Leidenschaften eines Sterblichen. Seine zwölf Anathemata (Bannflüche) Concil. Bd. iii. p. 943. Die Kirche hat sie niemals ausdrücklich gebilligt (Tillemont. Mem. Eccles. Bd. xiv. p. 368–372). Fast bemitleide ich die extreme Wut und die Sophisterei, mit der Patavius im VI Buch seiner Dogmata Theologica zu ringen scheint. quälen noch heute seine orthodoxen Sklaven, welche das Andenken an einen Heiligen anbeten und zugleich ihrer Treue gegenüber der Synode von Chalkedon bewahren müssen. Seine kühnen Behauptungen sind unauslöschlich durch die apollinarischen Ketzerei verfärbt, während die ernsthafteren und vielleicht auch aufrichtigeren Bekenntnisse des Nestorius den weniger parteiischen und weiseren Teil der heutigen Theologen durchaus zufrieden stellen Etwa den sachlichen Basnage (ad Bd. i. Variar. Lection. Canisine in Praefat. c. 2, p. 11–23) und La Croze, den Universalgelehrten (Christianisme des Indes, Bd. i. p. 16–20. De l'Ethiopie, p. 26, 27. Thesaur. Epist. p. 176, &c., 283, 285). Sein freies Wort wird auch durch seine Freunde Jablonski (Thesaur. Epist. Bd. i. p. 193–201) und Mosheim, (idem. p. 304, Nestorium crimine caruisse est et mea sententia) bestätigt: und drei respektablere Beurteiler wird man nicht so bald finden. Assemanni, ein gelehrter, bescheidener Sklave kann nur mit Mühe die Schuld und den Irrtum der Nestorianer ausmachen (Bibliothec. Orient. Bd. iv. p. 190–224)..

 

DAS 1. KONZIL IN EPHESOS – JUNI-OKTOBER 431

Doch waren weder der Kaiser noch der Primas des Ostens gemeint, der Anordnung eines italienischen Priesters zu gehorsamen; dagegen wurde einhellig eine Synode der katholischen oder besser noch der griechischen Kirche gefordert, da es das einzige Heilmittel sei, diesen Kirchenstreit beizulegen oder sogar zu entscheiden Entstehung und Verlauf der nestorianischen Kontroverse bis zur Synode von Ephesos findet man bei: Sokrates (7,32); Evagrius, (1,1 und 2); Liberatus, (Brev. 1–4); Originalakten (Concil. Bd. iii. p. 551–991, edit. Venedig, 1728); Annalen von Baronius und Pagi und die zuverlässigen Sammlungen von Tillemont, (Mem. Eccles. Bd. xiv p. 283–377).. Als Ort der Begegnung erkieste man Ephesos, allseitig zu Lande und zu Wasser erreichbar, als Zeitpunkt wurde Pfingsten bestimmt; jeder Metropolit erhielt ein Einladungsschreiben, und eine Wache ward aufgestellt, die Väter zu schützen und in Verwahrsam zu nehmen, bis dass sie sich geeinigt hätten, was des Himmels Geheimnisse seien und wie der Glauben der Erde. Nestorius erschien nicht wie ein Schuldiger, sondern als ein Richter. Er baute mehr auf die Einflussnahme als auf die Zahl seiner Prälaten, und seine handfesten Sklaven aus den Bädern des Zeuxippos standen zu jeden Dienst des Angriffs wie der Verteidigung bereit.

Aber sein Gegner Kyrillos war mächtiger an Waffen sowohl des Fleisches wie des Geistes. Im Ungehorsam gegen den Buchstaben, zumindest aber gegen des Sinn der kaiserlichen Ladung ließ er sich begleiten von fünfzig ägyptischen Bischöfen, die von ihres Herren Kopfnicken eine Eingebung des Heiligen Geistes erwarteten. Mit Memnon, dem Bischof von Ephesos, hatte er ein enges Freundschaftsband geknüpft. Der despotische Primas von Asien verfügte jederzeit über den Beistand von 30-40 bischöflichen Stimmen; ein Haufen von Bauern und Kirchensklaven wurden in die Stadt geführt, um mit Lärmen und Stockschlägen einem metaphysischen Argument Nachdruck zu verleihen; das Volk hingegen verfocht mit Eifer die Ehre der Jungfrau, deren Leib in den Mauern von Ephesos ruhte Die Christen der ersten vier Jahrhunderte wussten vom Tod und Begräbnis der Maria gar nichts. Die Überlieferung von Ephesos wird durch die Kirchenversammlung bestätigt (»...wo der Theologe Ioannes und die Gottesgebärerin, die heilige Maria...«) (Concil. Bd. iii. p. 1102), ist aber durch Jerusalems Anspruch abgelöst worden. Und das leere Grab, das man den Pilgern zeigte, war Ursache für die Fabel von ihrer Wiederauferstehung und Himmelfahrt, worauf die griechische und römische Kirche noch heute andächtig beharren. Siehe Baronius, (Annal. Eccles. A.D. 48, No. 6, &c.) und Tillemont, (Mem. Eccles. Bd. i. p. 467–477.). Die Schiffe, die Kyrillos von Alexandria gebracht hatten, waren mit den Schätzen Ägyptens beladen; auch hatte er zahlreiche Seeleute, Sklaven und Fanatiker mitgebracht, welche ihm blindergeben unter der Fahne von St. Marcus und der Gottesmutter folgten. Dieses martialische Aufgebot versetzte die Väter und sogar die Bewachung des Konzils in Besorgnis; die Gegner des Kyrillos und der Maria wurden auf den Straßen verhöhnt, angepöbelt oder sogar in ihren Häusern bedroht. Täglich wuchs auch dank der Beredsamkeit des Kyrillos seine Anhängerschaft, und schon bald konnten die Ägypter die Zahl seiner Stimmen auf etwa zweihundert dienstbare Bischöfe schätzen Die Konzilsakten von Chalcedon (Concil. Bd. iv. p. 1405, 1408) entwerfen ein lebendiges Bild von der blinden, fast schon verbissenen Gefolgstreue der Ägyptischen Bischöfe zu ihrem Patriarchen..

Doch der Verfasser der zwölf Bannflüche sah die Opposition des Johannes von Antiochia voraus, und er fürchtete sie; er war mit einem kleinen, aber respektablen Gefolge von Metropoliten und Gottesgelahrten in langsamen Tagesreisen von der Hauptstadt des Orients dazugekommen. Kyrillos, der sich über diese Verspätung erregte und sie vorsätzlich und kriminell schalt, erklärte den sechzehnten Tag nach Pfingsten zum Eröffnungstag der Synode Zivile und kirchliche Geschäfte hielten die Bischöfe in Antiochia bis zum 18. Mai zurück. Ephesos lag 30 Tagesreisen davon entfernt. Für kleinere Unfälle und Rasttage sollte man noch zehn Tage verrechnen. Xenophonn zählt auf seinem Zuge durch dieselbe landschaft 260 Parasangen oder Meilen; diese Entfernung ließe sich aus neueren und älteren Reisebeschreibungen bestimmen, wenn ich nur wüsste, wie die Reisegeschwindigkeit eines Armee, einer Synode oder einer Karawane zu vergleichen wäre. Johann von Antiochia wurde selbst von Tillemont –widerstrebend –freigesprochen (Concil. Bd. iv. p. 1405, 1408).. Nestorius, der auf die baldige Ankunft seiner östlichen Freunde rechnete, beharrte –wie sein Vorgänger Chrysostomos – darauf, dass er die Gerichtsbarkeit seiner Gegner nicht anerkennen und ihren Anordnungen nicht Folge leisten werde. Diese aber beschleunigten seinen Prozess, bei dem sein Ankläger zugleich den Vorsitz führte. Achtundsechzig Bischöfe, davon zweiundzwanzig im Range eines Metropoliten, setzten sich mittels einer maßvollen und bescheidenen Protestation für ihn ein: da wurden sie denn von den Beratschlagungen der Brüder ausgeschlossen. Candidianus ersuchte im Namen des Kaisers um einen Aufschub von vier Tagen: da ward der weltliche Beamte schimpfiert und mit Hohn aus der Versammlung der Heiligen hinausgejagt.

 

NESTORIUS VERURTEILT – 22 – JULI 431

Diese gewichtige Verhandlung wurde in den engen Zeitraum eines einzigen Sommertages zusammengedrängt: die Bischöfe gaben ihre Stimme jeder für sich; aber die Gleichförmigkeit der Schrift zeigt die Hand des Meisters, dem man vorwarf, ihre Urkunden und Unterschriften gefälscht zu haben Evagrius 1,7. Die gleiche Beschuldigung wurde vom Comes Irenäus vorgebracht (Bd.III, p. 1249). Und die orthodoxen Wissenschaftler halten es für kein kleines Stück Arbeit, die Korrektheit der griechischen und lateinischen Kopien zu verteidigen.. Ohne eine einzige Gegenstimme anerkannten sie in den Briefen des Kyrillos die nicäischen Glaubensregeln und die Lehre der Väter an: aber die Verlesung der einseitigen Auszüge aus den Episteln und Homilien des Nestorius wurde von Verfluchungen und Bannstrahlen unterbrochen: und so wurde der Häretiker seiner episkopalen und klerikalen Würden entkleidet. Der Urteilsspruch, in bösartiger Weise auch noch an den neuen Judas adressiert, wurde in den Straßen von Ephesos angeheftet und bekannt gemacht. Die ermatteten Prälaten wurden, da sie die Kirche der Gottesmutter verließen, als ihre Vorkämpfer begrüßt; und ihr großer Sieg ward feierlich begangen mit Illuminationen, Liedern und misstönigem Gegröle.

 

OPPOSITION DER OSTKIRCHE – 27. JULI 431

Doch wurde nach fünf Tagen der helle Glanz dieses Triumphes eingetrübt durch den Auftritt der morgenländischen Bischöfe. In einem Zimmer des Gasthofs empfing er, noch bevor er sich den Staub von den Schuhen geschüttelt hatte, den kaiserlichen Minister Candidianus zur Audienz, auf welcher dieser von seinen vergeblichen Bemühungen berichtete, dem wilden Ungestüm des Ägypters entgegen zu treten oder ihn sogar zu verhindern. Mit vergleichbar wildem Ungestüm entkleidete daraufhin die orientalische Synode aus fünfzig Bischöfen Kyrillos und Memnon ihrer Bischofswürden, verfluchte die zwölf Anathemata als das reinste Gift der apollinarischen Ketzerei und hieß den Primas aus Alexandria ein Monstrum, geboren und erzogen, die Kirche zu zerstören O de ep oleqtrw twn ekklhsiwn tecqeiV kai trafeiV ’. Nachdem Johannes und Cyrillos sich vereint hatten, vergaßen beide Seiten diese Invektiven. Der Ton solcher Schmähreden sollte niemals mit den wahren Gefühlen verwechselt werden, die respektable Gegner von den gegenseitigen Verdiensten hegen. (Concil Bd. iii. p. 1244.. Sein Bischofsthron war zwar weit und unerreichbar, doch auf der Stelle fassten sie den Beschluss, der Herde zu Ephesos die Segnungen eines getreuen Hirten zuteil werden zu lassen. Der wachsame Memnon ließ sogleich die Kirchen vor ihnen verschließen und warf eine starke Besatzung in die Gotteshäuser. Unter dem Befehl von Candinianus rückten starke Truppen zum Sturme heran; die Außenposten wurden überwältigt und niedergemacht, aber der Platz blieb uneinnehmbar; die Belagerer zogen sich zurück; ein massiver Ausfall setzte ihnen nach; sie verloren ihre Pferde, und mehrere Soldaten wurden mit Keulen und Steinen gefährlich verletzt. Ephesos, die Stadt der Jungfrau, wurde geschändet und befleckt durch Wut und Geschrei, durch Aufruhr und Blut; die verfeindeten Synoden schleuderten Bannflüche und Exkommunikationen von ihrer jeweiligen geistlichen Kriegsmaschinerie herab, und der Kaiserhof des Theodosius fand sich in den widersprüchlichen Darlegungen der syrischen und ägyptischen Fraktionen nicht mehr zurecht.

Drei arbeitsreiche Monate lang versuchte der Kaiser alles, diesen Theologenzank beizulegen, das wirkmächtigste Mittel ausgenommen: Gleichgültigkeit und Verachtung. So unternahm er es, die beiden Anführer durch ein allgemeines Lossprechungs- oder Verdammungsurteil einzuschüchtern oder ruhig zu stellen; seine Stellvertreter in Ephesos wurden mit ausgedehnten allgemeinen und militärischen Vollmachten ausgestattet; er lud von beiden Parteien acht ausgewählte Vertreter, auf dass diese sich, unfern der Hauptstadt, aber weit genug vom schädlichen Giftgewölk der Volkswut, frei und unbefangen beratschlagen möchte. Doch der Orient blieb verstockt, und die Katholiken wiesen im Bewusstsein ihrer Stärke und ihrer lateinischen Verbündeten alle Duldungsangebote zurück. Irgendwann war die Geduld des sanftmütigen Theodosius aufgezehrt; im Zorn löste er dieses episkopale Handgemenge auf, welches nach dreizehn Jahrhunderten das achtbare Etikett der Dritten ökumenischen Kirchenversammlung erhielt Siehe die Akten der Synode von Ephesos in der griechischen Originalversion und der fast zeitgleichen lateinischen Fassung (Concil. Bd. iii. p. 991–1339, mit dem Synodicon adversus Tragoediam Irenaei, Bd. iv. p. 235–497), der Kirchengeschichte des Sokrates (7,34) und Evagrius, (1,3-5), dem Breviarium von Liberatus (in Concil. Bd. vi. p. 419–459, c. 5, 6) und den Memoires Eccles von Tillemont, (Bd. xiv p. 377-487).. »Gott ist mein Zeuge,« sprach der fromme Fürst, »dass ich nicht der Urheber dieser Verwirrung bin. Seine Vorsehung wird den Schuldigen erkennen und ihn bestrafen. Geht zurück in eure Provinzen, und mögen die Tugenden, die ihr im Privatleben besitzt, hinreichen, das Unheil und Ärgernis eurer Versammlung wieder gut machen.« Sie kehrten zurück in ihre Provinzen; doch die gleiche Verbissenheit, die die Synode von Ephesos zum Scheitern gebracht hatte, nahm nun vom ganzen Osten Besitz. Nach drei zähen und ergebnislosen Feldzügen fanden Johannes von Ephesos und Kyrillos von Konstantinopel – eher wohl durch Erschöpfung geeint als durch christliche Nächstenliebe – sich endlich zur Verständigung bereit und herzten sich darob: aber ihre scheinbare Versöhnung muss man wohl eher strategischen Berechnungen als einsichtvollem Handeln zuschreiben.

 

KYRILLOS' SIEG – 431-435

Der Bischof von Byzanz hatte seinem Kaiser ein unseliges Vorurteil gegen den Charakter und die Aufführungen seines ägyptischen Nebenbuhlers eingeflüstert. Ein Schriftsatz, voll mit Drohgebärden und Schmähungen (»Verwirrung hast du« (so der Kaiser scharfzüngig) »auf dich selbst und Entzweiung auf den Klerus verstreut...&c«). Ich wüsste gern, wie viel Nestorius für die seinen Rivalen so beschämenden Worte gezahlt hat., welcher der Vorladung beigefügt war, klagte ihn an als einen umtriebigen, zügellosen und missgünstigen Priester, der die Schlichtheit des Glaubens verwirre, den Frieden der Kirche und des Staates störe und sich erdreiste, durch ränkevolle und geheime Zuschriften an Gattin und Schwester des Theodosius Zwietracht in der kaiserlichen Familie zu unterstellen oder zu stiften. Auf das strenge Geheiß seines Souveräns hatte Kyrillos sich nach Ephesos verfügt, wo er von den Obrigkeiten auf der Seite des Nestorius angefeindet, bedroht und eingekerkert wurde, welche sogar die Truppen Lydiens und Ioniens versammelten, um das fanatische und gesetzlose Gefolge des Patriarchen zu dämpfen. Ohne die kaiserliche Erlaubnis abzuwarten, entkam er seinen Bewachern, schiffte sich in großer Hast ein, ließ die unvollendete Synode hinter sich und entfloh in seine bischöfliche Burg, den Sitz seiner Sicherheit und Freiheit.

Seine Emissäre, kundig des Vorteils, arbeiteten indessen am Hofe und in der Stadt erfolgreich daran, des Kaisers Zorn zu stillen und sein Wohlwollen zu ergattern. Des Arkadius schwächlicher Sohn wurde abwechselnd von seinem Weib oder seiner Schwester regiert, von den Eunuchen oder den Damen des Palastes: ihre herrschenden Leidenschaften waren der Aberglaube und die Habgier, und die Häupter der orthodoxen Faktion waren unablässig darum bemüht, erstere zu beunruhigen und letztere zu befriedigen. Konstantinopel und seine Vorstädte waren geheiligt durch zahlreiche Klöster, und die frommen Äbte Dalmatius und Eutyches Eutyches, der Ketzerkönig Eutyches erhält von Kyrillos die Ehrennamen Freund, Heiliger und strenger Glaubenswächter. Sein Bruder Dalmatius wird ebenso eingespannt, um den Kaiser und alles Hofvolk terribili conjuratione zu binden. Synodicon. c. 203, in Concil. Bd. iv p. 467. hatten ihren ganzen Glaubenseifer der Marienverehrung und der Einheit Christi gewidmet. Von Anbeginn ihres Mönchslebens hatten sie alles weltliche Getriebe vermieden noch den profanen Boden der Stadt betreten. Doch in diesem schrecklichen Augenblick der Gefahr für die Kirche wurden sie durch eine noch erhabenere und noch größere Pflicht von ihrem Eid gelöst.

An der Spitze einer langen Reihe von Mönchen und Eremiten, mit brennenden Wachskerzen in den Händen und Litaneien zur Ehre der Mutter Gottes im Munde, rückten sie von ihren Klöstern bis zum Palast vor. Dieses außerordentliche Spektakel erbaute, ja entflammte das Volk, und der bebende Monarch lauschte auf die Gebete und Beschwörungen der Heiligen, welche mit Dreistigkeit behaupteten, dass niemand auf Seligkeit hoffen dürfe, er hätte sich denn der Person und der Glaubensformel des rechtgläubigen Nachfolgers des Athanasius angeschlossen. In jener Zeit ward jeder Zugang zum Kaiserthron mit Gold gebahnt. Unter der achtbaren Benennung Eulogien und Segnungen wurden die Höflinge beiderlei Geschlechtes nach Maßgabe ihrer Habsucht und ihres Einflusses bestochen. Aber ihre unablässigen Forderungen hatten irgendwann die Heiligtümer von Konstantinopel und Alexandria geleert, und die Stimme des Patriarchen reichte nicht hin, das berechtigte Murren seines Klerus' zum Schweigen zu bringen, dass nämlich ein Schuldenberg von sechzigtausend Pfund Gold aufgehäuft sei, um diese skandalträchtige Bestechung zu bestreiten Clerici qui hic sunt contristantur, quod ecclesia Alexandrina nudata sit hujus causa turbelae: et debet praeter illa quae hinc transmissa sint auri libras mille quingentas. Et nunc ei scriptum est ut praestet; sed de tua ecclesia praesta avaritiae quorum nosti, &c. (Betrübt sind die Kleriker hierselbst, weil die Kirchen Alexandrias kahlgefressen sind wegen dieses gesetzlosen Haufens: und sie schuldet außer dem, was von hier dorthin überwiesen wurde, fünfhunderttausend Pfund Gold; und nun wurde ihm geschrieben, dass sie dies leisten solle; aber leiste etwas von deiner Kirche für die Habgier derer, die du kennst). Dieser merkwürdige Originalbrief von Kyrillos' Archidiakon an seine Kreatur, den neuen Bischof von Konstantinopel ist unerklärlicherweise in einer alten Übersetzung in das Lateinische erhalten (Synodicon, c. 203, Concil. Bd. iv. p. 465–468). Die Maske ist beinahe abgefallen und die Heiligen sprechen die ehrliche Sprache des Eigeninteresses und der Seilschaften.. Pulcheria, die ihrem Bruder die Regierungslast zu tragen half, war zugleich die solideste Stütze der Orthodoxie, und so innig waren die Bann-Donner der Synode mit dem Säuseln des Hofes verbunden, dass Kyrillos sich seines Erfolges sicher wähnte, wenn er nur einen Eunuchen aus der kaiserlichen Gnadensonne verdrängen und Theodosius einen anderen unterschieben konnte. Indessen, eines glorreichen oder gar entscheidenden Sieges konnte sich der Ägypter nicht rühmen: der Kaiser blieb mit einer für ihn unüblichen Standhaftigkeit bei seinem Versprechen, die Unschuld der orientalischen Bischöfe zu schützen; und Kyrillos mäßigte seine Bannflüche und bekannte mit zweideutiger Rede und unter Widerstreben eine doppelte Natur Christi, bevor er dann endlich seine Rache an dem glückverlassenen Nestorius nehmen konnte Die zähflüssigen Verhandlungen, welche auf die Synode von Ephesos folgten, werden in verschiedenen Originaldokumenten beschrieben: (Concil. Bd. iii. p. 1339–1771, ad fin. vol. und im Synodicon, Bd. iv.); Sokrates (7,28, 35, 40f.) Evagrius, (1,6-8, 12,) Liberatus, (c. 7–10) Tillemont, (Mem. Eccles. Bd. xiv. p. 487–676). Noch der geduldigste Leser wird mir Dank wissen, wenn ich soviel Unsinn und freie Erfindung in ein paar Zeilen zusammenfasse..

 

DIE VERBANNUNG DES NESTORIUS 534

Noch vor Ende der Synode wurde der hitzige und verstockte Nestorius von Kyrillos niedergemacht, vom Hof fallen gelassen und selbst von seinen Freunden aus dem Osten nur noch matt unterstützt. Ein Gefühl der Furcht oder der Entrüstung gab ihm ein, durch einen freiwilligen Rücktritt Ruhm zu erwerben Evagrius, 1,7. Die Originalbriefe im Synodicon (c. 15; 24-26) sprechen für eine freiwillige Abdankung, die auch Ebed-Jesus, ein nestorianischer Autor behauptet. Siehe Asseman. Bibliot. Oriental. Bd. iii. p. 299, 302., solange dies noch möglich war; sein Wunsch, oder doch wenigstens sein Anspruch wurde anstandslos gewährt; er ward in allen Ehren aus Ephesos zu seinem früheren Kloster in Antiochia geleitet und nach einer kurzen Anstandspause wurden seine Nachfolger Maximian und Proklos als die rechtmäßigen Bischöfe von Konstantinopel anerkannt. Doch in der stillen Abgeschiedenheit seiner Klosterzelle war es dem abgesetzten Patriarch unmöglich, das unschuldige und behütete Dasein eines schlichten Mönches wieder aufzunehmen. Er haderte mit der Vergangenheit, ärgerte sich an der Gegenwart und hatte gute Gründe, sich um die Zukunft zu sorgen: ein orientalischer Bischof nach dem anderen sagte seine eigene Sache von dem ominösen Namen los, und jeder Tag verkleinerte die Zahl der Schismatiker, die Nestorius als einen Bekenner des wahren Glaubens verehrten. Nach vierjährigem Aufenthalt in Antiochia unterfertigte Theodosius mit eigener Hand ein Edikt Siehe hierzu die Briefe des Kaisers in den Akten der Synode von Ephesos (Concil. Bd. iii. p. 1730–1735). Simon leitet sich ab aus dem grässlichen Name Simonianer, der den Schülern dieser »unbegreiflichen Schule« appliziert wurde. Und doch waren es Christen, die sich nur im Namen und Schattierungen unterschieden., durch welches Nestorius dem Zauberer Simon gleichgestellt, seine Meinungen und Anhänger geächtet, seine Schriften den Flammen überantwortet und er selbst zunächst nach Petra in Arabien und dann nach Oasis in der libyschen Wüste verbannt wurden Die Insel-Metapher wird von ernsthaften Zivilrechtlern (Pandect. l. xlviii. tit. 22, leg. 7) auf jene glücklichen Flecken in der libyschen Wüste angewendet, die sich durch Wasser und Vegetation vom umgebenden Sand unterscheiden. Drei führen den Sammelnamen Oasis oder Alvahat: 1. Der Tempel von Jupiter Ammon; 2. Die mittlere Oasis, 3 Tagesreisen westlich von Lyopolis; 3. Die südliche, in die Nestorius verbannt war, nur 3 Tagesreisen von Nubien. Siehe die gelehrte Anmerkung von Michaelis (ad Descript. Aegypt. Abulfedae, p. 21-34.).

Getrennt von Kirche und abgeschnitten von der Welt, wurde dem Verbannten gleichwohl von Religionsschwärmerei und Kriegslärm zugesetzt. Ein nomadisierender Stamm der Blemmyer oder Nubier drang in seinen stillen Kerker ein; auf ihrem Rückzug ließen sie eine Gruppe nutzloser Gefangener laufen: doch kaum, dass Nestorius das Nilufer erreicht hatte, wäre er auch schon mit Freuden aus einer römisch-rechtgläubigen Stadt in die mildere Sklaverei unter den Wilden entronnen. Seine Flucht wurde als ein ganz neuartiges Verbrechen geahndet: der Geist des Patriarchen spornte die zivilen und kirchlichen Mächte Ägyptens zu neuen Taten; Obrigkeit, Krieger und Mönche quälten in frommer Andacht diesen Feind Christi und Kyrillos'; und bis an die Grenzen Äthiopiens ward der Ketzer abwechselnd fortgeschleppt und zurückbeordert, bis sein greiser Körper den Strapazen und Unfällen dieses Hin- und Herziehens erlag. Doch blieb sein Geist stets unabhängig und ungebrochen; seine Hirtenbriefe hatten den Statthalter von Thebais verängstigt, er selbst überlebte den katholischen Tyrannen von Alexandria, und möglicherweise hätte die chalkedonische Synode ihn nach sechzehnjähriger Verbannung wieder in Amt und Würden eingesetzt, zumindest aber in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen.

0Der Tod hinderte Nestorius, diesem willkommenen Ruf zu folgen Von der Einladung des Nestorius auf die Synode von Chalkedon erzählt Zacharias, Bischof von Melitene (Evagrius, 2,2. Asseman. Biblioth. Orient. Bd. ii. p. 55,) und der bekannte Xenaias oder Philoxenus, Bischof von Hierapolis, (Asseman. Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 40). Bestritten wird sie von Evagrius and Asseman und von La Croze mit Nachdruck aufrechterhalten (Thesaur. Epistol. Bd. iii. p. 181ff). Unwahrscheinlich ist es nicht, doch war es im Interesse der Monophysiten, den verleumderischen Bericht zu verbreiten, und Eutycius (Bd.2, p. 12) behauptet, Nestorius sei nach siebenjährigem Exil und somit zehn Jahre vor dem chalkedonischen Konzil gestorben.; und die Art seiner Erkrankung mochte den schimpflichen Bericht bestätigen, dass nämlich seine Zunge, das Organ der Gotteslästerung, von Würmern zerfressen sei. In einer Stadt in Oberägypten, bekannt unter dem Namen Chemnis, Panopolis oder Akmin Siehe D'Anville (Memoire sur l'Egypte, p. 191), Pocock (Description of the East, vol. i. p. 76), Abulfeda, (Descript. Aegypt, p. 14) und seinen Kommentator Michaelis, (Not. p. 78–83) und den nubischen Geographen (p. 42), welcher im XII Jh. die Ruinen von Akmin und das Zuckerrohr erwähnt., wurde er beigesetzt; aber die unsterbliche Bösartigkeit der Jakobiten hat über Jahrhunderte nicht aufgehört, Steine gegen sein Grab zu werfen und die läppische Fabel zu verbreiten, dass diese Stätte niemals durch den Regen des Himmels benetzt worden sei, der doch auf Sünder und Heilige unterschiedslos niedergehe Eutychius (Annal. Bd. ii. p. 12) und Gregor Bar-Hebraeus von Abulpharagius, (Asseman, Bd. ii. p. 316,) repräsentieren die Leichtgläubigkeit des X und des XII Jh.. Menschliches Rühren darf sich bereit finden, über das Schicksal des Nestorius eine Zähre zu vergießen; aber die Gerechtigkeit muss auch anmerken, dass er genau die Art von Verfolgung durchlitten hatte, die er anderen zugedacht und über sie verhängt hatte Wir sind Evagrius (1,7) für einige Auszüge aus Briefen des Nestorius verpflichtet, doch wird die eindringliche Schilderung seiner Leiden von dem rohen und stumpfsinnigen Fanatiker mit Hohn bedacht..

 

DIE KETZEREI DES EUTYCHES

Der Tod des alexandrinischen Patriarchen nach einer Regierungszeit von zweiunddreißig Jahren setzte die Katholiken einem Übermaß an religiösem Fanatismus und der missbräuchlichen Ausbeutung des Sieges aus Dixi Cyrillum dum viveret, auctoritate sua effecisse, ne Eutychianismus et Monophysitarum error in nervum erumperet: idque verum puto...aliquo... honesto modo › palinwdian‹ cecinerat. (Ich sagte, dass Kyrillos zu Lebzeiten durch seine Autorität bewirkt habe, dass der eutychische und monophysitische Irrtum gefesselt lag. Und auch das halte ich für wahr, dass er auf irgendeine ehrbare Weise den Widerruf hat hören lassen).Der gelehrte und vorsichtige Jablonski sprach nicht immer die volle Wahrheit. Cum Cyrillo lenius omnino egi, quam si tecum aut cum aliis rei huius probe gnaris et aequis rerum aestimatoribus sermones privatos conferrem (Mit Kyrillos bin ich insgesamt sanfter umgegangen, als wenn ich mit dir oder anderen, in diesen Dingen wohlerfahrenen Sachkundigen, Privatgespräche führen würde. Thesaur. Epistol. La Crozian. Bd. i. p. 197, 198), ein vorzüglicher Schlüssel zu seinen Abhandlungen über die nestorianische Kontroverse!. Die monophysitische Glaubenslehre (nur eine einzige inkarnierte Natur) wurde in Ägyptens Kirchen und in den Klöstern des Orients mit Nachdruck gepredigt; die ursprüngliche apollinarische Glaubensformel stand unter dem Schutze der Heiligkeit des Kyrillos, und der Name seines ehrwürdigen Freundes Eutyches wurde jener Sekte beigelegt, die der syrischen Ketzerei des Nestorius am feindlichsten gegenüberstand. Eutyches, der Gegner der Nestorius, war der Abt oder Archimandrit oder Superior von dreihundert Mönchen, aber die Meinungen eines schlichten und ungelehrten Klausners wären wohl in der Zelle, in der er bereits siebzig Jahre geruht hatte, mit ihm erloschen, hätte nicht die Unbesonnenheit oder die Torheit Flavians, des Oberpriesters von Byzanz, der christlichen Welt diesen Skandal aufgedeckt. Rasch war eine regionale Synode einberufen, Gelärme und Trickereien bestimmten die Verhandlungen und unversehens hatte der greise Ketzer ein so genanntes Geständnis abgelegt, dass Christi Leib nicht vom Fleische der Jungfrau Maria gewesen sei.

Nach ihrem Willkürurteil appellierte er an ein allgemeines Konzil; mit Nachdruck vertrat sein Taufpate, der einflussreiche Eunuch Chrysaphius, seine Sache, außerdem noch sein Gefährte Dioskorus, der vom Neffen des Theophilus, Kyrillos, den Thron, das Glaubensbekenntnis und die Talente und Laster geerbt hatte. Auf besondere Veranlassung des Theodosius wurde die zweite Synode von Ephesos klüglich aus zehn Metropoliten und zehn Bischöfen des Ostens zusammengestellt, einige Ausnahmen –Begünstigung oder Verdienste ermöglichten sie – wurden zugelassen und erhöhten die Zahl auf 135 Teilnehmer, und auch der Syrier Barsumas erhielt in seiner Eigenschaft als Oberhaupt und Vertreter der Mönche eine Einladung, mit den Nachfolgern der Apostel zu tagen und zu votieren.

Aber schon wieder verhinderte das selbstherrliche Auftreten des alexandrinischen Patriarchen jede freie Debatte. Die gleichen weltlichen und geistlichen Geschosse wurden aus den ägyptischen Arsenalen hervorgezogen: die asiatischen Veteranen, ein Trupp von Bogenschützen, diente unter dem Kommando von Dioskorus; und die Mönche, noch unheilvoller als jene und unbekannt mit der Vernunft und dem Mitleid, belagerten die Tore der Kathedrale. Die allgemeine und dem Scheine nach unerzwungene Stimmabgabe der Väter bestätigte die Glaubenslehre und sogar die zwölf Anathemata des Kyrillos; und die Ketzerei von den zwei Naturen wurde in den Personen und Schriften noch der gelehrtesten Orientalen offiziell verdammt. »Mögen diejenigen, die Christus teilen, mit dem Schwerte geteilt sein, mögen sie in Stücke gehauen und – lebendig verbrannt sein!«: so klangen die gemeinnützigen Wünsche dieser Synode der Christen Auf Dioskorus' Anregung sollte die, die zum Brüllen (bohsai) außerstande waren, ihre Hände ausstrecken. Zu Chalkedon verwahrten sich die Orientalen gegen dieses Geschrei; aber die Ägypter erklärten mit Stärke: So haben wir damals gesprochen und so tun wir es jetzt auch. (Concil. Bd 4, p. 1012). Ohne jedes Bedenken wurde die Unschuld und die Heiligkeit des Eutyches bestätigt; aber die Prälaten, zumal die aus Thrakien und Asien, zeigten sich abgeneigt, ihren Patriarchen wegen der Ausübung – und selbst wegen der missbräuchlichen Ausübung – seiner rechtmäßigen Gerichtsbarkeit seines Amtes zu entheben.

Sie umfassten die Knie des Dioskorus, da er mit verfinsterter Miene auf den Stufen zu seinem Throne stand, und flehten um Vergebung für die Verfehlungen ihres Bruders und um Respekt vor seiner Würde. »Habt ihr vor, einen Aufruhr zu erregen?« dröhnte der unerbittliche Tyrann. »Wo sind die Wachen?« Bei diesen Worten stürmte eine aufgehetzte Meute von Kriegern und Mönchen in die Kirche, bewaffnet mit Prügeln, Schwertern und Ketten; zitternd verbargen sich die Bischöfe hinter dem Altar oder unter den Bänken, und da sie nicht nach Märtyrerehren verlangten, unterschrieben sie nacheinander ein leeres Blatt Papier, das später mit dem Bannspruch über den byzantinischen Bischof ausgefüllt wurde. Flavian selbst wurde augenblicklich den wilden Bestien dieses geistlichen Amphitheaters überliefert: die Mönche wurden durch das Anfeuerungsgeschrei und das tätige Vorbild des Barsumas angereizt, die Leiden Christi zu rächen: der Patriarch soll seinen Bruder aus Konstantinopel beschimpft, mit Fäusten geschlagen, mit Füßen getreten und gestoßen haben ›Ich sagte‹, (Eusebios, Bischof von Dorylaeum) ›dass der ängstliche Flavianus zu Dioskorus emporgehoben und mit den Hacken getreten wurde.‹ Diese Zeugnis des Evagrios (2,2) erweitert der Historiker Zonaras noch durch die Behauptung, das Dioskuros wie ein Wildesel ausgekeilt habe. Liberatus führt eine maßvollere Sprache (Brev. c. 12, in Concil. Bd. vi. p. 438); und die Akten von Chalkedon, die Worte wie Menschenmörder, Kain u.a. enthalten, rechtfertigen eine so heftige Beschuldigung nicht. Besonders der Mönch Barsumas wird angeklagt (Bd. IV, p. 1413): ›Er schlug den seligen Flavianus und nannte ihn Hornisse.‹. Dieses aber steht fest, dass das Opfer nach drei Tagen und noch vor Erreichen des ihm zugedachten Exilortes an Wunden und inneren Verletzungen starb. Ganz zu Recht wurde diese zweite Kirchenversammlung als eine Räuber- und Mördersynode bezeichnet, doch mögen die Ankläger des Dioskurus seine Gewaltanwendungen auch übertrieben haben, um ihre eigene Feigheit und ihren Wankelmut zu beschönigen.

 

KIRCHENSYNODE VON CHALKEDON – 8. OKTOBER – 1. NOVEMBER 451

So hatte nun Ägyptens Glaubensstärke obsiegt. Aber die unterlegene Partei hatte denselben Papst auf ihrer Seite, der sich furchtlos dem Furor Attilas und Geiserichs entgegengestellt hatte. Die Theologie von Papst Leo, sei berühmtes Schreiben Tomus oder den Sendbrief vom Mysterium der Inkarnation, hatte die Synode von Ephesos unbeachtet gelassen. Sein Ansehen und das der lateinischen Kirche wurde in den Personen seiner Gesandten beschädigt, welche der Sklaverei und dem Tod mit Mühe entkamen, um die schlimme Geschichte von der Tyrannei des Dioskurus und dem Märtyrertum des Flavianus zu berichten. Seine Provinzialsynode annullierte das gesetzwidrige Vorgehen von Ephesos; da nun aber auch diese Vorgehensweise gesetzwidrig war, betrieb er die Einberufung einer allgemeinen Kirchenversammlung in den freien, rechtgläubigen Provinzen Italiens. Der römische Bischof sprach und handelte von seinem unabhängigen Throne als das Oberhaupt aller Christenmenschen, und seine Verfügungen wurden von Placidia und ihren Sohne Valentinian submissest abgeschrieben, worauf sie sich an ihre Standesgenossen im Orient wandten, um den Frieden und die Eintracht in der Kirche wieder herzustellen.

Aber der orientalische Puppenkaiser wurde mit gleicher Geschicklichkeit durch die Fäden der Eunuchen gegängelt; und Theodosius konnte ohne Anstand sagen, dass sich die Kirche bereits des Friedens erfreue und triumphiere und dass der jüngste Brand durch die gerechte Bestrafung des Nestorius erstickt worden sei. Vielleicht würden die Griechen noch heute dem ketzerischen Monophysitismus anhängen, wenn des Kaisers Pferd nicht glücklicherweise gestürzt wäre: Theodosius verschied; seine rechtgläubige Schwester Pulcheria aber folgte auf den Thron, nominell verheiratet; Chrysaphius wurde verbrannt, Dioskorus fiel in Ungnade, die bis dato Verbannten wurden zurückgeholt und die Bischöfe des Ostens unterschrieben den Tomus von Leo.

Doch schlug das päpstliche Lieblingsprojekt fehl, nämlich die allgemeine Kirchenversammlung auf italienischem Boden: der griechischen Kirchenversammlung, die rasch nach Nicäa in Bithynien einberufen wurde, mochte er nicht vorsitzen; auch forderten seine Legaten mit nachdrücklicher Betonung die persönliche Anwesenheit des Kaisers; und die ermatteten Väter wurden nach Chalkedon unter die direkte Aufsicht von Marcian und dem Senat von Konstantinopel verbracht. Ein Viertelmeile entfernt von thrakischen Bosporus war die Kirche der heiligen Euphemia erbaut worden, auf einem hohen, wenngleich nur sanft ansteigenden Berge; der dreigliedrige Bau ward als Wunder der Kunst gerühmt, und der unbegrenzte Ausblick über Land und Meer hätte selbst das Herz eines Sektierers zu Betrachtungen über den Gott des Universums veranlassen mögen. Sechshundertunddreißig Bischöfe waren im Kirchenschiff nach der Ordnung gereiht; dem Patriarchen des Ostens schritten die Legaten voran, von denen der Dritte ein schlichter Priester war, während zwanzig Laien von senatorischem und konsularischem Rang einen reservierten Ehrenplatz einnahmen. Im Mittelpunkt lag eine Prachtausgabe des Evangeliums aufgeschlagen, doch die Glaubensregel wurde vom Papst und den kaiserlichen Ministern festgelegt, die auch den dreißig Sessionen des Konzils von Chalkedon vorsaßen Die Konzilsakten von Chalkedon (Bd IV, p. 761-2071) umfassen auch die von Ephesos (p.890-2071), diese wieder die Synode von Konstantinopel unter Flavian (p. 930-1072); dies zu entwirren erfordert einige Aufmerksamkeit. Den Vorgang zwischen Eutyches, Flavian, and Dioskurus, erzählt Evagrius (1,9–12 und 2,1-4) und Liberatus (Brev.11-14). Noch einmal, und wohl zum letzten Male berufe ich mich auf Tillemonts Fleiß (Mem. Eccles. Bd.. xv. p. 479-719). Die Annalen des Baronius und Pagi werden mich auf meiner langen und mühsamen Fahrt weiterhin begleiteten..

Ihr parteiisches Eingreifen brachte die undisziplinierten Schreie und Flüche zum Schweigen, mit denen die Bischöfe ihr Ansehen schädigten. Aber infolge eines offiziellen Begehrens der Legaten musste Dioskurus von seinem Throne zum Rang eines gewöhnlichen Kriminellen herabsteigen, der nach der Meinung seiner Richter bereits verurteilt war. Die Orientalen, die gegen Nestorius weniger Abneigung empfanden als gegen Kyrillos, empfingen die Römer geradezu als Befreier: Thrakien, Pontus und Asien waren aufgebracht gegen die Mörder des Flavianus, und die neuen Patriarchen von Konstantinopel und Antiochia sicherten ihre neuen Posten durch die Aufopferung ihres Förderers. Die Bischöfe von Palästina, Makedonien und Griechenland hingen dem Glauben des Kyrillos an; aber angesichts der Synode, in der Hitze des Gefechtes gingen die Anführer nebst Gefolge vom rechten zum linken Flügel über und entschieden durch ihren kühlkalkulierten Abfall den Sieg.

Von den siebzehn stimmberechtigten Weihbischöfen aus Alexandria wurden vier ihrer Pflicht untreu, während die dreizehn anderen niederwärts zu Boden fielen und mit Seufzen und Tränen die Gnade der Versammlung herbeiflehten mit der nun allerdings zu Herzen gehenden Begründung, dass sie im Falle der Nachgiebigkeit bei ihrer Rückkehr nach Ägypten ihre Ermordung durch den Volkszorn zu gewärtigen hätten. Die Schuld oder der Irrtum der Anhänger des Dioskorus konnten immerhin durch eine späte Reue gesühnt werden; aber ihre Sünden wurden ihm aufs Haupt gehäuft: er verlangte keine Vergebung und erhoffte sie noch nicht einmal; und diejenigen, die moderierend eingriffen und eine Amnestie anregten, fanden in dem allgemeinen Sieges- und Rachegeschrei kein Gehör. Um den guten Ruf seiner früheren Anhänger zu retten, entdeckte man in geschickter Weise einige persönliche Vergehen, etwa seine dreiste und ungesetzliche Exkommunikation des Papstes oder seine verstockte Weigerung, während er noch einsaß, der Vorladung des Konzils Folge zu leisten. Auch machte man Zeugen ausfindig, um einzelne aus Habsucht, Stolz oder Grausamkeit resultierende Taten zu erhärten, und die Väter erfuhren mit Abscheu, dass die Kirchenspenden an Tänzerinnen verschwendet wurden, dass sein Palast und selbst sein Bad den feilen Buhldirnen Alexandrias offen gestanden und er die schamlose Pansophia oder Irene öffentlich als seine Beischläferin ausgehalten habe Eine Probe des Volkswitzes und der Bosheit hat die Anthologia Graeca überliefert (2,5, p.188), obgleich dem Herausgeber der Hintergrund unbekannt war. Der anonyme Epigrammdichter konstruiert ein leidliches Wortspiel, indem er den Gruß des Bischofs »Friede (›Eirene‹) sei mit euch!« mit dem Namen der Hure (echt oder Pseudonym) verwechselt: ›Friede (Irene) euch allen, sprach der Bischof beim Herannahen/wie aber kann sie für alle, wenn er sie Innen als einziger behält?‹ Ich weiß nicht, ob der Patriarch – er scheint ein eifersüchtiger Liebhaber gewesen zu sein – der Kimon eines vorhergehenden Epigrammes ist, dessen ›aufgestelltes Glied‹ selbst ein Priapos (Fruchtbarkeitsgott) mit Neid und Staunen angesehen habe..

 

GLAUBENSBEKENNTNIS VON CHALKEDON

Wegen dieser anstößigen Ärgernisse wurde Dioskorus von der Synode abgesetzt und vom Kaiser verbannt; doch ward die Reinheit seines Glaubens in Anwesenheit und stillschweigendem Einverständnis der Konzilsväter zu Protokoll gegeben. Sie waren klug genug, die Ketzerei des Eutychos vorauszusetzen, aber nicht festzustellen: nie wurde er vor ein Tribunal zitiert. Und in beschämten Stillschweigen saßen sie, als ein kühner Monophysit ihnen einen Band mit Kyrillos Schriften vor die Füße warf und sie aufforderte, die Lehre des Heiligen Geistes in seiner, Kyrillos', Person mit dem Bannfluch zu belegen. Lesen wir vorurteilsfrei die Akten des Konzils zu Chalkedon, wie sie die orthodoxe Partei aufgezeichnet hat Wer die Unfehlbarkeit von Konzilien verehrt, möge versuchen, ihren Sinn zu entdecken. Die leitenden Bischöfe hatte parteiische oder unbesorgte Schreiber, welche ihre Abschriften um die Welt verbreiteten. Unsere griechischen mss. sind verdorben durch die falsche und tabuisierte Lesart von ek twn fusewn (»aus den Naturen«, Concil. Bd. iii, p. 1460): die offizielle Übersetzung von Papst Leo I scheint nicht ausgeführt worden zu sein; und die alten lateinischen Fassungen unterscheiden sich wesentlich von der gegenwärtigen Vulgata, welche i.J. 550 von Rusticus, einem römischen Priester, nach den besten mss. der akoimhtoi zu Konstantinopel (»die Ungeselligen«, ein berühmtes Kloster von Lateinern, Griechen und Syrern; Ducagne, C.P. Christiania IV, p. 151) revidiert wurde. Siehe Concil. Bd. iv, p 1959-2049 und Pagi, Critica, Bd. ii, p. 326ff.), dann können wir finden, dass eine überwiegende Mehrheit der Bischöfe für die bloße Einheit Christi eintrat. Und das unpräszise Zugeständnis, dass er von zwei oder aus zwei Naturen gebildet worden sei, konnte so manches bedeuten, entweder ihr früheres Dasein, oder auch ihre nachfolgende Vermengung oder schließlich auch irgendeinen gefahrvollen Zwischenzustand zwischen der Empfängnis des Menschen und der Menschwerdung des Gottes. Die in diesem Punkte positivere und genauere römische Theologie nahm die für ägyptische Ohren am meisten beleidigende Form an, dass nämlich Christus IN zwei Naturen existiere; und diese entscheidende Partikel Sie wird unter dem Mikroskop des Petavius dunkel angedeutete (Bd. v, 3,5); doch ist der scharfsinnige Theologe selber beunruhigt, ne quis fortasse supervacaneam, et nimis anxiam putet huiusmodi vocularum inquisitionem, et ab instituti theologici gravitate alienam, (ob nicht vielleicht irgendwer eine überflüssige und allzu ängstliche und durch den Einfluss einer theologischen Lehre voreingenommene Untersuchung jener Nachreden vornehme p. 124.), (welche mehr das Gedächtnis als der Verstand bewahren muss) hätte fast eine Spaltung unter den orthodoxen Bischöfen gestiftet. Den Tomus von Leo hatten sie alle ehrfürchtig und vielleicht sogar aufrichtig unterschrieben; aber in zwei aufeinander folgenden Verhandlungstagen beharrten sie darauf, dass es weder rechtens noch rätlich sei, die heiligen Grenzsteine zu überschreiten, die die Konzilien in Ephesos, Nikäa und Konstantinopel vordem gesetzt hätten, und zwar in Übereinstimmung mit der Norm, der Schrift und der Tradition.

Zuletzt jedoch gaben sie den zudringlichen Anliegen ihrer Gebieter nach; doch wurde ihr unfehlbarer Beschluss, nachdem er erst einmal mit wohlerwogenen Stimmen und viel Beifallsgejohle gutgeheißen war, schon in der nächsten Sitzung durch die den Widerstand der Legaten und ihrer orientalischen Freunde wieder umgestoßen. Vergeblich wiederholte ein Chorus bischöflicher Stimmen: »Die Entscheidung der Väter ist rechtgläubig und unumstößlich! Nunmehr sind alle Ketzer entlarvt! Den Nestorianern Fluch! Mögen sie die Synode verlassen! Mögen sie nach Rom gehen ›Sie schrieen, dass die Bestimmung in Kraft sei, oder man müsse gehen; die Abweichler seien nun offenbar, die Abweichler sind Nestorianer, die Abweichler möchten nach Rom gehen.‹ Concil. Bd. iv. p. 1449. Evagrius und Liberatus stellen nur die gemäßigte Ansicht des Konzils dar und gleiten bedächtig über die glühenden Kohlen suppositos cineri doloso (der trügerischen Asche beigefügt).!« Die Legaten drohten, der Kaiser blieb unerschüttert, und eine Kommission von achtzehn Bischöfen formulierte ein neues Dekret, das der Versammlung gegen ihren Willen vorgelegt wurde. Im Namen der vierten allgemeinen Kirchensynode wurde Christus in einer Person, aber in zwei Naturen der katholischen Welt verkündet: zwischen der apollinarischen Ketzerei und Kyrillos' Glaubensformel ward eine unsichtbare Linie gezogen; und der Weg ins Paradies, eine Brücke so scharf wie ein Rasiermesser, schwebte über dem Abgrund, von der Meisterhand eines theologischen Künstlers aufgehängt. Zehn Jahrhunderte der Blindheit und Knechtschaft hindurch empfing Europa seine religiösen Meinungen vom Vatikanischen Orakel; und diese schon vom Rost des Altertums überzogene Lehre wurde widerstandslos in das Glaubensbekenntnis der Reformation aufgenommen, welche doch die Oberherrschaft des römischen Pontifex zurückwiesen. Die Synode von Chalkedon triumphiert noch heute in den Kirchen der Protestanten, aber der Streit gärt mittlerweile nicht mehr, und noch die frömmsten Christen der Gegenwart wissen nichts von ihrem Glauben hinsichtlich der Inkarnation, oder es kümmert sie nicht.

 

ZWIETRACHT IM ORIENT 451-482

Deutlich verschieden waren die Verhältnisse unter der orthodoxen Regierung von Leo und Marcianus. Diese frommen Kaiser halfen ihrem Glauben mit Waffengewalt und Edikten nach Man sehe im Anhang der Konzilsakten zu Calchedon die Bestätigung der Synode durch Marcian (Concil. Bd. iv. p. 1781, 1783); seine Briefe an die Mönche von Alexandria (p.1791), auf dem Berge Sinai (p.1793), in Jerusalem und Palästina (p. 1798); seine Gesetze gegen die Eutxchianer (p. 1809, 1811, 1831); die Korrespondenz Leos mit den Provinzialsynoden über die Umwälzungen in Alexandria (p. 1835-1930).; und fünfhundert Bischöfe erklärten auf Ehre und Gewissen, dass die Beschlüsse von Chalkedon mit bestem Recht sogar durch Blut zu unterstützen seien. Den Katholiken entging es zu ihrer Genugtuung des Weiteren nicht, dass eben diese Kirchenversammlung den Nestorianern und den Monophysiten ein Gräuel war Photius (oder vielmehr Eulogius von Alexandria) gesteht in einer schönen Textpassage die trügerischen Färbung dieser zweifachen Beschuldigung gegen Papst Leo und seine chalkedonische Synode (Bibliot. cod. ccxxv. p. 768). Er führte einen Zweifrontenkrieg gegen die Feinde der Kirche und verwundete jeden Feind mit dengegnerischenn Geschossen. Gegen Nestorius führte er die ›Vernichtung‹ der Monophsyten inds Feld, gegen Eutyches die ›Ungleichheit der Fundamente‹. Der Apologet beansprucht eine milde Wortauslegung für die Heiligen: wäre man auch mit den Ketzern so verfahren, dann hätte sich das Geräusch des Meinungsstreites in Luft aufgelöst.; indessen waren die Nestorianer weniger zornig oder weniger einflussreich, und der Osten wurde durch den verbissenen und blutrünstigen Fanatismus der Monophysiten zerrüttet. Jerusalem wurde durch eine Heerschar von Mönchen besetzt; im Namen der einen fleischgewordenen Natur plünderten, sengten und mordeten sie; das Grab Christi wurde mit Blut beschmutzt, und die Stadttore in regellosem Aufruhr gegen die kaiserlichen Truppen verteidigt; nachdem Dioskorus in Ungnade und Verbannung geraten war, sehnten sich die Ägypter weiterhin nach ihrem geistlichen Vater zurück und verabscheuten zugleich den Thronraub des Nachfolgers Proterius, den ihnen die Väter von Chalkedon vorgesetzt hatten.

Zweitausend Mann Wache schützten den Thron des Proterius: er führte einen fünfjährigen Krieg gegen das Volk von Alexandria; und fiel beim ersten Gerücht vom Tode des Marcian ihrem Fanatismus zum Opfer. Drei Tage vor dem Osterfest wurde der Patriarch in der Kathedrale eingeschlossen und im Baptisterium ermordet. Was von seinem verstümmelten Körper übrig war, wurde den Flammen und die Asche anschließend dem Winde überantwortet; die Tat selbst war einem angeblichen Engel eingegeben worden, einem ehrsüchtigen Mönch, der sich unter dem Namen Timotheus der Kater ›Katze‹, nach seinen nächtlichen Ausflügen. In Finsternis und Verkleidung umschlich er die Zellen seiner schlummernden Brüder und flüsterte ihnen Offenbarungen ein. das Amt und die Meinung des Dioskorus aneignete. Auf beiden Seiten erhielt dieser mörderische Aberglauben Nahrung durch die Theorie und Praxis der Wiedervergeltung: Im Verfolg dieses metaphysischen Streites verloren Tausende gewaltsam ihr Leben Dazu noch die hochfahrende Sprache des Henotikon. und die Christen jeden Standes wurden der handfesten Vorzüge des sozialen Lebens und der unsichtbaren Segnungen der Taufe und der Heiligen Kommunion beraubt. Vielleicht enthält eine alberne Fabel jener Zeiten eine Allegorie auf jene Fanatiker, die sich selbst und den anderen Leid zufügten. »Unter dem Konsulat des Venantius und Celer,« spricht allen Ernstes ein Bischof, » wurde alles Volk von Alexandria und Ägypten von einem seltsamen Wahnsinn befallen: Groß und Klein, Sklaven und Freie, Mönche und Kleriker, kurz, alle Bewohner des Landes, die sich der Synode von Chalkedon widersetzt hatten, verloren ihre Sprache und ihren Verstand, belferten gleich Hunden und rissen sich mit eigenen Zähnen das Fleisch von ihren Händen und Armen herunter Siehe die Chronik des Victor Tunnunensis in den Lectiones Antiquae des Canisius, neu herausgegeben von Basnage, Bd.. 326..

 

DAS HENOTIKON DES KAISERS ZENO 482

Immerhin gab die dreißigjährige Unübersichtlichkeit den Anlass zu dem berühmten Henotikon Evarius hat das Henotikon abgeschrieben (3,13) und Liberatus übersetzt (Brev 18). Pagi (Critica, Bd. ii. p. 411) und Asseman (Bibliot. Orient. Bd. i. p. 343), sind gewiss, dass es von Ketzerei frei sei; doch Petavius (Dogmat. Theolog. Bd. v; 1,13; p. 40) behauptet gan z ungescheut. Dass es Chalcedonensem ascivit. (»wissentlich aufgenommen hat«). Ein Gegner könnte nachweisen, dass er das Henoticon nie gelesen hat. des Kaisers Zeno, das unter seiner und des Anastasius Regierung von allen Bischöfen des Ostens unterschrieben wurde, und zwar bei Strafe der Amtsenthebung und Verbannung für den Fall, dass sie dieses heilsame und grundlegende Gesetz zurückwiesen oder gar brächen. Ein Kleriker mochte wohl lächeln oder murren wegen der Anmaßung eines Laien, der Glaubensartikel festsetzt; sollte er sich aber zu diesem demütigenden Geschäft bereit finden, dann ist sein Geist durch Vorurteile oder Eigeninteresse weniger befangen; und das Andehen der Obrigkeit kann nur durch die Eintracht des Volkes bewahrt werden. Es ist Kirchengeschichte, in welcher Zeno noch am wenigsten verächtlich auftritt, und ich sehe mich außerstande, noch die kleinste manichäische oder eutychianische Verfehlung in dem hochherzigen Ausspruch des Anastasius aufzuspüren, dass es eines Kaisers unwürdig sei, den Verehrern Christi und den Bürgern Roms nachzustellen. Den Ägyptern gefiel das Henotikon am meisten, und doch konnten die scheelsüchtigen, fast schon schwarzgalligen Augen unserer orthodoxen Schulgelehrten nicht den kleinsten Makel erspähen, und es stellt mit großer Genauigkeit die katholische Vorstellung von der Menschwerdung dar, ohne dabei die besonderen Glaubensformeln oder –sätze der verfeindeten Sekten zu billigen oder zu verwerfen.

Gegen Nestorius und Eutyches und überhaupt alle diejenigen Ketzer wird ein feierliches Anathema ausgesprochen, welche Christus teilen oder vermengen oder zu einem Trugbild machen. Ohne die Anzahl oder die Art der Naturen zu bestimmen, werden das reine Lehrsystem von St. Kyrillos und die Glaubensartikel von Nikäa, Konstantinopel und Ephesos ehrfürchtig bekräftigt; aber anstatt dass man sich auch vor dem Namen des vierten Konzils verneigt hätte, entledigt man sich des Gegenstandes, indem man alle gegenteiligen Lehren untersagt, wenn derlei zu Chalkedon oder sonst wo gelehrt wurden. Unter diesem unbestimmten Ausdruck mochten sich die Freunde und Feinde aus der letzten Synode in stillem Einverständnis wieder annähern. Und die Christen mit der meisten Vernunft ließen es in der Tat bei dieser Art Duldung beruhen; aber ihre Vernunft war nur schwach und wetterwendisch, und ihr Gehorsam wurde ihnen ausgelegt als furchtsam und sklavisch. Zu einem Gegenstand, der das Denken und den Diskurs der Menschen so mit Beschlag belegte, war nur schwerlich Neutralität zu beobachten; ein Buch, eine Predigt, ein Gebet gab der Kontroverse immer wieder neue Nahrung; und die persönliche Feindschaft zwischen den Bischöfen zerriss und knüpfte immer wieder die Bande der kirchlichen Gemeinschaft.

Zwischen Nestorius und Eutyches lag ein Abgrund mit tausenden Abstufungen der Sprache und Meinung. Die Akephalen Siehe Renaudot, (Hist. Patriarch. Alex. p. 123, 131, 145, 195, 247). Die Vermittlung von Marcus I. (799-819) söhnte sie aus; er versetzte ihre geistlichen Häupter zu den Bischofssitzen von Athridi und Talba (evtl. Tava, siehe D'Anville, p. 82) und erteilte ihnen die Sakramenten, die sie Ermangelung bischöflicher Weihen nicht erhalten hatten. Ägyptens und der Römische Pontifex, beide gleich glaubensmutig, aber ungleich stark, stehen beide auf den äußersten Stufen der theologischen Stufenleiter. Ohne Bischof oder König waren die Akephali (‚ohne Kopf')lebte über dreihundert Jahre von den Patriarchen Alexandrias getrennt, welche in die Kirchengemeinschaft mit Konstantinopel eingetreten waren, ohne ausdrücklich eine Verurteilung der Synode von Chalkedon herbei geführt zu haben. Umgekehrt aber wurden die Patriarchen Konstantinopels, die ohne förmliche Billigung derselben Synode mit Alexandria eine Kommunion aufgenommen hatten, vom Papst mit dem Bann belegt. Wegen ihres unnachgiebigen Despotismus wurden die rechtgläubigen Kirchen des Ostens in diese geistige Epidemie mit hineingezogen, leugneten oder bestritten die Gültigkeit ihrer Sakramente De his quos baptizavit, quos ordinavit Acacius, maiorum traditione confectam et veram, praecipue religiosae solicitudini congruam praebemus sine difficultate medicinam, (...denen, die Acacius nach altem Herkommen getauft und ordiniert hat, gewähren wir ohne Schwierigkeiten eine vollendete, wahrhaftige und vorzüglich zu religiöser Bedenklichkeit passende Medizin...Galacius, in epist. i. ad Euphemium, Concil. Bd. v. 286). Das Angebot einer Medizin setzt eine Krankheit voraus, und zuvor müssen viele umgekommen sein, bevor der Römische Arzt eingreifen konnte. Tillemont selbst (Mem. Eccles. Bd. xvi. p. 372, 642ff) ist über die stolze und lieblose Gemütsverfassung der Päpste entsetzt; jetzt, so sagt er, seien sie froh, St. Flavian von Antiochia und St. Elias von Jerusalem anzurufen, denen sie auf Erden die Kichengemeinschaft verweigert hätten. Nur Kardinal Baronius ist unerschütterlich und hart wie der Fels von St. Peter. und trieben 35 Jahre die Spaltung zwischen morgenländischer und abendländischer Kirche voran, bis sie endlich das Andenken an vier byzantinische Bischöfe tilgten, welche so kühn gewesen waren, die Suprematie von St. Peter zu bezweifeln Ihre Namen wurden aus dem Diptychon der Kirche entfernt: ex venerabili diptycho, in quo piae memoriae transitum ad coelum habentium episcoporum vocabula continentur, (aus dem ehrwürdigen Ditychon, in welchem in frommen Angedenken die Namen der in den Himmel versetzten Bischöfe enthalten sind...Concil. Bd. iv. p. 1846). Diese kirchliche Urkunde hatte also das gleiche Gewicht wie das Buch des Lebens.. Vorher war der – ohnehin instabile –Waffenstillstand zwischen Konstantinopel und Ägypten infolge des Eifers missgünstiger Prälaten gebrochen worden. Macedonius, der der nestorianischen Ketzerei verdächtig war, verteidigte noch im Zustand der Ungnade und Verbannung die Synode von Chalkedon, während Kyrillos' Nachfolger gerne mit einer Kaufsumme von 2000 Pfund Goldes ihre Abschaffung herbeigeführt hätte.

 

DAS TRISAGION – RELIGIONSKRIEG BIS ZUM TODE VON ANASTASIUS 508-518

In diesen fieberkranken Zeiten reichte der Sinn oder sogar nur der Klang eines Wortes hin, den Frieden des Reiches zu erschüttern. Das Trisagion Petavius (Dogmat. Theolog. Bd. v. 5,2-4, p. 217-225) und Tillemont (Mem. Eccles. Bd. xiv. p. 713ff, 799), erzählen die Geschichte und Lehre des Trisagion dar. In den 12 Jh. zwischen Jesaia und dem Knaben des heiligen Proclus, der vor dem Bischof und dem Volk gen Himmel fuhr, wurde der Gesang beachtlich ausgeweitet. Der Knabe hörte die Engel singen: »Heiliger Gott, heiliger, starker Gott! Heiliger, unsterblicher Gott.« (dreimal heilig!), »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen!« ist nach Meinung der Griechen Wort für Wort der Hymnus, den die Engel und Cherubim vor dem Thron Gottes wiederholen ewiglich und der sich im fünften Jahrhundert der Kirche von Konstantinopel auf wundersame Weise offenbarte. Bald fügte die Andacht Antiochias hinzu: »Der für uns gekreuzigt wurde!« und diese dankerfüllte Adresse, ob nun an Christus allein oder an die ganze Dreifaltigkeit, konnte durch das Regelwerk der Theologie gerechtfertigt und in dieser Form auch von den Katholiken im Osten und Westen angenommen werden. Jedoch: ein monophysitischer Bischof hatte sie erdacht Peter Fuller, ein Walkknecht (welches Gewerbe er im Kloster ausgeübt hatte), hernach Patriarch von Antiochia. Seine abstoßende Geschichte findet man bei Pagi (Ann. 477-490) und in einem Kommentar von de Valois am Ende seiner Evagriusausgabe.: das Geschenk dieses Feindes wurde zuerst einmal als eine entsetzliche und verderbliche Gotteslästerung zurückgewiesen und hätte später als eine tollkühne Neuerung Kaiser Athanasius um ein Haar Thron und Leben gekostet Die Unruhen unter Anastasius muss man sich zusammensuchen aus den Chroniken des Victor, Marcellinus und Theophanes. Da der letztere zu Baronius' Zeiten noch nicht gedruckt vorlag, so ist sein Kritiker Pagi vollständiger und zugleich auch zutreffender..

Dem Volk von Konstantinopel gingen alle vernunftgelenkten Freiheitsgrundsätze ab, aber die Farbe eines Wagenlenkers im Circus oder die Färbung eines Mysteriums in der Theologenschule gab ihnen einen rechtsgültigen Anlass zum Aufstand. Das Trisagion wurde in den entgegengesetzten Chören in der Kathedrale mit oder ohne jenen unheilträchtigen Zusatz gesungen, und wenn ihre Lungen leergepumt waren, so griffen sie auf einleuchtendere Argumente wie Steine und Knüppel zurück. Der Kaiser bestrafte die Störenfriede, die Patriarchen nahmen sie in Schutz; Krone und Mitra wurden auf den Ausgang dieses bedeutsamen Zerwürfnisses verwettet. In einem Nu waren die Straßen mit ungezählten Schwärmen Männer, Weiber und Kindern verstopft; ganze Mönchslegionen zogen in regulärer Schlachtordnung auf, fochten an ihrer Spitze und schrieen: »Christen, dieses ist der Tag der Märtyrertums; lassen wir unsere geistlichen Väter nicht im Stich! Fluch dem manichäischen Tyrannen! Unwürdig ist er zu regieren!«

So das Kampfgeschrei der Katholiken; schon lagen die Galeeren des Anastasius vor dem Palast mit eingeschlagenen Rudern bereit, bis denn der Patriarch dem reuigen Herrscher verziehen und die Wogen der Empörung geglättet hatte. Der Triumph des Macedonius wurde durch seine hastige Verbannung erstickt, aber der Religionseifer seiner Herde wurde erneut durch dieselbe Frage aufgerührt, ob denn eine Person der heiligen Trinität gekreuzigt worden sei? Bei diesem bedeutenden Anlass schwieg der ewige Streit zwischen den Blauen und Grünen, und in ihrer Gegenwart wurden militärische und zivile Autoritäten zu Nichts. Die Stadtschlüssel und die Standarten der Leibwache wurden auf dem Konstantins-Forum niedergelegt, dem Sammelpunkt und Lager der Rechgläubigen. Tag und Nacht waren sie damit befasst, Hymnen ihrem Gott zu Ehren zu singen, oder die Diener ihres Fürsten zu plündern oder gleich zu ermorden. Der Kopf seines Lieblingsmönches, »des Freundes der Feinde der Dreieinigkeit«, wie sie ihn nannten, wurde auf einer Stange umhergetragen; und die Feuerbrände, die sie gegen heretische Häuser geschleudert hatten, breiteten sich rasch aus, da die Flammen keinen Unterschied zwischen orthodoxen und ketzerischen Bauwerken machten. Die Kaiserstatuen wurden zertrümmert und er selbst in einer Vorstadt verborgen gehalten, bis er sich nach drei Tagen getraute, seine Untertanen um Gnade anzuflehen.

Ohne Diadem und in der Stellung eines Bittenden erschien Anastasius auf dem Zirkusthron. Die Katholiken probten vor ihm das echte Trisagion; jauchzten über das Angebot – ein Herold machte es bekannt – den Purpur abzulegen, sie hörten auf seine Mahnung, dass, da nun mal nicht alle regieren könnten, sie sich zunächst über einen Herrscher verständigen sollten; und nahmen endlich das Blut zweier besonders verhasster Minister an, die ihr Herr ohne viele Bedenken den Löwen zum Fraße vorwarf. Die heftigen, aber rasch abklingenden Aufstände wurden durch Vitalians Kriegserfolge noch befördert, welcher sich an der Spitze einer Hunnen- und Bulgarenarmee – diese waren mehrheitlich Götzenanbeter – zum Vorkämpfer des katholischen Glaubens ernannte. Im Laufe dieser heiligen Rebellion entvölkerte er Thrakien und belagerte Konstantinopel, bis er endlich die Rückberufung der Bischöfe, Genugtuung für den Papst und die Anerkennung der Synode von Chalkedon erwirkt hatte; ein orthodoxes Vertragswerk, das der sterbende Anastasius widerstrebend unterzeichnete, der Onkel des Justinian aber getreulich vollzog. – Und dieses war der Ausgang des ersten der Religionskriege, welche alle im Namen eines Gottes des Friedens und seiner Jünger geführt worden sind Die allgemeine Geschichte con der Chalkedonischen Synode bis zum Tod von Anastasius findet man im Breviarium des Liberatus (c 14-19), dem 2. Und 3, Buch des Evagrius, den Excerpten aus den zwei Büchern von Theodor, dem Vorleser, den Synoden-Akten und den Papstepisteln (Conc., Bd. 5) Die Geschichte wird dann mit etwas Unordnung im 15. Und 16 Bd. von Tillemont, Memoires Ecclesiastiques, fortgesetzt. Und hier muss ich nun für immer von diesem unvergleichlichen Kenner Abschied nehmen, dessen Frömmelei mehr als nur aufgewogen wird durch die Verdienste der Gelehrsamkeit, des Fleißes, der Wahrheitsliebe und der gewissenhaftesten Genauigkeit noch im Kleinen. Der Tod machte es ihm unmöglich, das VI Jh. seiner Absicht gemäß zu vollenden..

 

IUSTINIAN – SEIN CHARAKTER –SEINE REGIERUNG 519-565

Iustinian ist uns bisher in den unterschiedlichen Rollen eines Eroberers und Gesetzgebers begegnet. Übrig bleibt noch der Theologe Die Anekdoten des Prokopios (c. 11,13,18,27, 28) nebst Alemanns gelehrtem Kommentar werden eher noch bestätigt als widerlegt durch: die Konzilsakten; Evagrius, 4. Buch; und die Klagen des Afrikaners Facundus in seinem 12. Buch: de tribus capitulis, »cum videri doctus appetit importune...spontaneis quaestionibus ecclesiam turbat.« (von den drei Kapiteln:...da er Gelehrsamkeit beansprucht, verwirrt er durch unangemessene Fragen die Kirche. Siehe Procop. de Bell. Goth. 3,35.), und hier entsteht ein ungünstiger Gesamteindruck, da seine Theologie den beherrschenden Charakterzug abgibt. Der Herrscher war sich mit seinen Untertanen einig in der abergläubischen Verehrung von lebenden oder abgeschiedenen Heiligen: sein Kodex und noch mehr seine Novellen bekräftigen und vergrößern die Vorrechte der Klerisei; und bei jedem Streit zwischen einem Laien und einem Mönch trat der voreingenommene Richter der Ansicht bei, dass die Wahrheit, die Schuldlosigkeit und das Recht stets auf der Seite der Kirche zu finden sei. In seinen Andachtsübungen, öffentlichen und privaten, gab der sich Kaiser eifervoll und mustergültig; seine Gebete, Nachtwachen und Fasten kamen den strengen Bußübungen der Mönche gleich; in seiner Phantasie labte er sich an der Hoffnung, vielleicht sogar an dem Glauben an eine persönliche Gottesoffenbarung. Er hatte sich des Schutzes der Jungfrau und des Erzengels Michael versichert, und es wurde die Genesung von einer gefährlichen Krankheit der wundersamen Vermittlung der Märtyrer Damian und Kosmas zugeschrieben.

Hauptstadt und Provinzen wurden mit den Monumenten seiner Religiosität ausgeschmückt Procop. de Aedificiis, 1,6ff et passim.; und wenn auch der überwiegende Teil dieser kostspieligen Bauten seinem Geschmack und seiner Prunksucht angerechnet werden können, so war der Eifer dieses königlichen Baumeisters vermutlich auch durch ein echtes Gefühl der Liebe und Dankbarkeit gegenüber dem unsichtbaren Wohltäter befeuert. Unter den Epitheta kaiserlicher Größe war ihm der Name ›Pius‹ (der Fromme) am liebsten; die weltlichen und geistlichen Interessen der Kirche zu befördern war ihm der ernsteste Lebenszweck, und oft genug stellte er die Pflichten eines Vaters des Vaterlandes zurück hinter denen eines Verteidigers des Glaubens. Die Kontroversen seiner Zeit fügten sich exakt zu seiner Gemütsverfassung und seinen intellektuellen Möglichkeiten. »Was habt ihr denn,« sprach einst ein kühner Verschwörer zu seinen Kumpanen, »von eurem bigotten Herrscher zu befürchten. Schlaflos und unbewaffnet sitzt er ganze Nächte in seiner Kammer zusammen mit ehrbaren Graubärten und blättert in kirchlichen Wälzern! Procop. de Bell. Goth. 3,32. In der Biographie des St. Eutychius (apud Aleman. ad Procop. Arcan.,18) wird der gleiche Charakterzug geschildert, wenn auch in der Absicht, Iustinian zu rühmen.«

Die Früchte dieser mühseligen Nachtstudien konnten in mancher Zusammenkunft besichtigt werden, wenn sich Iustinian als der vorlauteste und spitzfindigste Disputant profilierte oder in mancher Predigt, die unter dem Tarn-Namen eines Ediktes oder einer Epistel dem Reiche die Theologie seines Kaisers kundtat. Während die Barbaren die Provinzen überfielen, während die Legionen unter Belisar und Narses Siege errangen, begnügte sich Traians Nachfolger, unbekannt mit dem Lagerleben, mit einem Sieg an der Spitze einer Synode. Hätte Iustinian einen unvoreingenommenen und nachdenkenden Zuhörer zu einer solchen Synode eingeladen, dann hätte er vielleicht erfahren, »dass Theologenzank die Ausgeburt von Hochmut und Dummheit sei; dass wahre Frömmigkeit sich im Schweigen und durch Unterwerfung am hellsten zeigt; dass der Mensch, den sogar seine eigenen Natur unbekannt ist, sich nicht erheben sollte, die Natur seines Gottes zu erforschen und dass es für uns zu wissen genüge, dass Allmacht und Güte die vollkommenen Eigenschaften der Gottheit seien Für diese weisen und gemäßigten Ansichten wird Prokopios (de Bell. Goth. 1,3) im Vorwort von Alemannus scharf angegriffen und der Klasse der politischen Christen zugerechnet – sed longe verius haeresium omnium sentinas, prorsusque Atheos – (vielmehr aller Ketzer Auswurf, nachgerade Atheisten), fürchterlichen Atheisten mithin, welche die Nachahmung der Barmherzigkeit Gottes durch die Menschen lehren (ad Hist. Arcan. c. 13..

 

IUSTINIANS VERFOLGT DIE KETZER....

Toleranz gehörte nicht zu den Tugenden jenes Zeitalters, wie denn auch Nachsicht gegen Rebellen selten als eine Herrschertugend vorkommt. Wenn aber ein Fürst zu der engstirnigen und zänkischen Charge eines Disputanten verkommt, findet er sich auch schnell bereit, das, was ihm an Beweisgründen abgeht, durch Einsetzen seiner Machtmittel auszugleichen und gnadenlos die vorsätzliche Blindheit derjenigen abzustrafen, die ihre Augen vor dem hellen Licht seiner beweiskräftigen Gründe verschließen. Die Regierung Iustinians bildet eine gleichförmige und dennoch abwechslungsreiche Szenerie von religiösen Verfolgungen und deutlich übertraf er seine erdenschweren Vorgänger im Ersinnen immer neuer Gesetze und in der Strenge ihres Vollzuges. Eine sehr enge Frist von drei Monaten wurde zur Bekehrung oder Verbannung sämtlicher Ketzer angesetzt Diese Alternative, einen wertvollen Umstand, hat Johannes Malala überliefert (Bd. ii. p. 63, edit. Venet. 1733), der umso glaubwürdiger wird, je mehr er zum Ende seines Werkes kommt. Nach Aufzählung der Ketzer – Nestorianer, Eutychianer – ne expectent, sagt Justinian, ut digni venia iudicentur: iubemus, enim ut...convicti et aperti haeretici iustae et idoneae animadversioni subiiciantur. (...sie sollen nicht erwarten, sagt Iustinian, dass man sie begnadigen werde: wir gebieten, dass sie als überführte und offenbare Ketzer einer gerechten und angemessenen Bestrafung unterworfen werden. Baronius (A.D. 527, No. 39, 40.) schreibt dieses Edikt des Codex ab und lobt es.; und wenn seine Nachsicht ihnen einen so ungewissen Aufenthalt gestattete, verloren sie unter seinem eisernen Joch nicht nur die gesellschaftlichen Vergünstigungen, sondern sogar die allen Menschen und Christen angeborenen gemeinsamen Rechte.

Nach Ablauf von 400 Jahren waren die phrygischen Monatisten Charakter und Grundsätzen der Monatisten s. Mosheim, Rebus Christ. ante Constantinum, p. 410–424. immer noch von jenem wilden Enthusiasmus der Vollkommenheit und der Weissagung beseelt, den sie von ihren männlichen und weiblichen Aposteln eingesogen hatten, den auserlesenen Werkzeugen des Paraklet. Beim Herannahen der katholischen Priester und der Soldaten griffen sie freudig nach der Märtyrerkrone; das Gemeindehaus und die Gemeinde selbst verdarben in den Flammen, und doch waren diese urtümlichen Fanatiker auch 300 Jahre nach dem Tode des Tyrannen nicht ausgetilgt. Unter dem Schutz der verbündeten Goten hatte die Kirche der Arianer in Konstantinopel den Kirchengesetzen getrotzt. Ihre Geistlichkeit nahm es an Reichtum und Prachtentfaltung sogar mit dem Senat auf, und das Gold und Silber, das Iustinians gierige Hände an sich rissen, mochten als die den Provinzen geraubte Beute oder als die Trophäen der Barbaren genommen werden.

 

...UND DIE HEIDEN

Ein unerkannter Überrest der Heiden, der sich noch immer in den vornehmsten oder primitivsten Ständen des Menschengeschlechtes herumschlich, erregte die Empörung der Christenmenschen, die es vermutlich nicht leiden mochten, dass irgendwelche Außenstehenden zu Zeugen ihrer inneren Streitigkeiten werden sollten. Ein Bischof ward eingesetzt als Untersuchungsrichter in Glaubensfragen, und schon bald entdeckte sein Scharfblick am Hofe und in der Stadt Beamte, Richter Ärzte und Philosophen, die immer noch dem Aberglauben der früheren Griechen anhingen. Mit gebotenem Nachdruck ließ man sie wissen, dass sie jetzt rasch zwischen Jupiters oder Iustinians Ungnade wählen müssten und dass sie ihre Abneigung gegen das Evangelium fernerhin nicht mehr hinter der schäbigen Maske der Gleichgültigkeit oder Gottesferne verstecken dürften. Vermutlich war der Patrizier Photius der Einzige, der entschlossen war, wie seine Vorfahren zu leben und zu sterben: er erlöste sich selbst mit einem Dolchstich und überließ dem Tyrannen den billigen Triumph, die Leiche des Geflüchteten mit Schimpf auszustellen

Seine schwächeren Glaubensbrüder unterwarfen sich ihrem irdischen Herrscher, unterzogen sich den Taufritualen und zeigten sich bemüht, durch besonderen Eifer den Verdacht der Götzendienerei zu verwischen oder deren Schuld zu tilgen. Die Heimat Homers und der Schauplatz des Trojanischen Krieges bewahrten die letzten Funken seiner Mythologie; der Diensteifer desselben Bischofs entdeckte in Asien, Phrygien, Lydien und Karien noch siebzigtausend Heiden und bekehrte sie; sechsundneunzig Kirchen wurden für diese neuen Proselyten errichtet; Iustinians fromme Verschwendungssucht aber versah sie mit Leinengewändern, Bibeln, Liturgien und goldenen und silbernen Gefäßen Theophan. Chron. p. 153. Johannes der monophysitische Bishof von Asien ist für diese Transaktion ein besserer Zeuge, da er auf kaiserliche Anordnung selbst daran teilnahm. (Asseman. Bib. Orient. Bd. ii. p. 85.). Die Juden, denen man nach und nach ihre Freiheiten geraubt hatte, wurden durch ein Zwangsgesetz dazu gepresst, am gleichen Tage wie die Christen das Osterfest zu begehen Man vergleiche Prokopios (Hist. Arcan. c. 28, and Aleman's Notes) mit Theophanes, (Chron. p. 190). Das Konzil von Nikäa hat dem Patriarchen von Alexandria oder vielmehr seinen Astronomen die jährliche Berechnung des Osterfestes anvertraut; und wir lesen noch heute (oder vielmehr, wir lesen nicht) viele Osterbriefe von Kyrillos. Seit dem Untergang der monophysitischen Lehre in Ägypten wurden die Katholiken durch ein ebenso abwegiges Vorurteil verwirrt wie das, welches unter den Protestanten sich so hartnäckig der Annahme des Gregorianischen Kalenders widersetzte.. Sie hatten umso mehr Grund zur Klage, da selbst die Katholiken nicht mit den astronomischen Berechnungen ihres Kaisers konform gingen: das Volk von Konstantinopel verschob den Beginn der Fasten eine Woche weiter als von der Regierung angeordnet und hatten dadurch das Vergnügen, sieben Tage lang zu fasten, während auf kaiserlichen Befehl Fleisch zum Verkauf angeboten wurde.

 

DIE SAMARITANER

Die Samaritaner von Palästina Zur Religion und Geschichte der Samaritaner lese man Basnage, Histoire des Juifs, ein gelehrtes und objektives Werk. waren ein buntscheckiger Stamm, eine zusammengewürfelte Sekte, von den Heiden als Juden, von den Juden als Schismatiker und von den Christen als Götzendiener geschmäht. Zwar war das von ihnen verabscheute Kreuz auf ihrem heiligen Berge Garizim errichtet worden Sichem, Neapolis, Naplous, die alten und neuen Siedlungsgebiete der Samaritaner, liegen zwischen dem unfruchtbaren Ebal, dem Berge des Fluchs nach Norden und dem fruchtbaren Garizim, den Berge des Fluchs nach Süden, zehn bis elf Wegstunden von Jerusalem. Siehe Maundrel, Journey from Aleppo., aber Iustinians Verfolgungswahn ließ ihnen nur die Wahl zwischen Taufe und Rebellion. Sie entschieden sich für die letztere Möglichkeit: unter der Fahne eines zu allem entschlossenen Anführers rüsteten sie sich und vergalten das Unrecht, das sie erlitten hatten, an dem Eigentum und den Tempeln eines wehrlosen Volkes. Die reguläre Armee des Ostens unterwarf schließlich die Samaritaner: zwanzigtausend erschlagen, zwanzigtausend von den Arabern verkauft an die Ungläubigen Persiens oder Indiens, und der Rest dieses geschlagenen Volkes büßte für sein Verbrechen des Hochverrates, indem es die Sünde der Heuchelei beging. Einhunderttausend römische Untertanen, so hat man berechnet, kamen in diesem Samaritanischen Krieg ums Leben Procop. Anecdot. 11. Theophan. Chron. p. 122. Johannes Malala Chron. Bd. ii. p. 62. Mir fällt hier eine Bemerkung ein, halb Philosophie, halb Aberglauben, dass nämlich diese Provinz, die Iustinians Bigotterie ruiniert hatte, eben diejenige war, durch welche die Moslems in das römische Reich einfielen., der aus den vormals blühenden Provinzen eine menschenleere und rauchende Wildnis gemacht hatte. Aber nach Iustinians Glaubensvorstellung war das Niedermetzeln von Ungläubigen kein Mord, und folglich war er auch fernerhin fromm darum bemüht, die Einheit des christlichen Glaubens mit Feuer und Schwert zu vollenden Merkenswert ist hier der Ausdruck des Prokopios (Anek. 13): ou gar oi edokei fonoV anqrwpwn einai, hn ge mh thV autou doxhV oi teleutwnteV onteV (er hielt es nicht für Menschenmord, wenn die Toten keine Glaubensgenosse gewesen waren)..

 

IUSTINIANS BLINDER GLAUBE

Bei so gearteter Gesinnungslage lag es ihm naturgemäß ob, wenigstens in eigener Person stets den rechten Pfad zu wandeln. In seinen ersten Regierungsjahren erzeigte er sich als ein strebsamer Schüler und Beschützer der Rechtgläubigkeit: die Aussöhnung der Griechen und Lateiner etablierte das Tome des heiligen Leo als das Glaubensbekenntnis des Kaisers und des Reiches; Nestorianer und Eutychianer waren nun von beiden Seiten dem zweischneidigen Schwert der Verfolgung ausgeliefert, und außerdem wurden die vier Synoden von Nicäa, Konstantinopel, Ephesos und Chalcedon durch den kaiserlichen Gesetzgeber im Codex bestätigt Siehe Victors Chronik p. 328 und das Zeugnis der Gesetze Justinians. In seinen ersten Regierungsjahren steht Baronius in gutem Einvernehmen mit dem Kaiser, welcher die Päpste solange umgarnte, bis er sie in seiner Gewalt hatte..

Doch während Iustinian noch die Gleichartigkeit von Glauben und Gottesdienst überall zu erhalten bemüht war, hatte sein Weib Theodora, deren Verkommenheit durchaus mit ihrer Frömmelei zusammenpasste, monophysitischen Lehrern gelauscht; und es lebten die verborgenen oder auch offenkundigen Kirchenfeinde wieder auf, als ihre gnadenreiche Beschützerin ihnen lächelte. Hauptstadt, Palast, selbst das eheliche Beilager wurden von diesem geistlichen Zwist durchschüttelt; so fraglich war mittlerweile die Aufrichtigkeit des hohen Kaiserpaares, dass ihre scheinbare Uneinigkeit von Vielen als Teil einer geheimen und verderblichen Verschwörung gegen die Religion und die Glückseligkeit des Volkes angesehen wurde Prokopios, Anec. 13. Evagrius, 4,10. Wenn Kirchenbeamten die Geheimgeschichte niemals lesen, so beweist ihr gemeinsamer Argwohn doch ihren allgemeinen Hass..

 

DIE DREI KAPITEL 532-698

Der berüchtigte Streit von den drei Kapiteln Zum Gegenstand ›Die drei Kapitel‹ bieten die Originalakten der V. Kirchenversammlung zu Konstantinopel viele nutzlose, wenn auch authentische Details (Concil. Bd. vi. p. 1-419). Der Grieche Evagrius ist weniger reichhaltig und zuverlässig (4,38) als die drei emsigen Afrikaner Facundus in seinen 12 Büchern de tribus capitulis, beste Ausgabe von Sirmond), Liberatus (Brevarium c.22-24) und Victor Tununensis in seiner Chronik (in Bd. i. Antiq. Lect. Canisii, 330–334). Das Liber Pontificalis, oder Anastasius, (in Vigilio, Pelagio etc) ist ein original italienisches Zeugnis. Der moderne Leser wird einige Belehrung schöpfen aus Dupin (Bibliot. Eccles. Bd. v. p. 189–207) und Basnage, (Hist. de l'Eglise, Bd. i. p. 519–541); doch ist letztere Darstellung fest entschlossen, das Ansehen und den Charakter der Päpste herabzuwürdigen., über den mehr Bücher voll geschrieben wurden als er hier Zeilen beanspruchen darf, ist dieses spitzfindigen und unredlichen Geistes voll. Es waren nun dreihundert Jahre vergangen, seit die Würmer den Leichnam des Origines Origines hatte allerdings eine starke Neigung, ›Irrtum‹ und ›Gottlosigkeit‹ der antiken Philosophen nachzuahmen (Justinian, ad Mennam, in Concil. Bd. vi. p. 356). Seine handzahmen Auffassungen waren mit dem Glaubenseifer der Kirche zu sehr im Widerspruch, sodass er der Ketzerei des vernünftigen Denkens für schuldig befunden wurde. verzehrt hatten. Seine Seele hatte wieder ihre vorherige Daseinsform angenommen und ruhte in der Hand ihres Schöpfers; aber seine Schriften wurden von den Mönchen Palästinas begierig verschlungen. In diesen Schriften entdeckte Iustinians Scharfblick zehn metaphysische Irrtümer, und so wurde dieser frühe Kirchenlehrer, zusammen mit Pythagoras und Plato, vom Klerus zu eben jenen ewigen Flammen der Hölle verurteilt, welche zu leugnen er sich erdreistet hatte. Nach diesen geistlichen Zurüstungen führte man einen hinterhältigen Streich gegen das Konzil von Chalkedon. Die Väter hatten mit viel Geduld der Lobpreisung des Theodor von Mopsuesta gelauscht Basnage (Praefat. p. 11–14, ad Bd. i. Antiq. Lect. Canis.) hat Schuld und Unschuld des Theodor von Mopsuestia säuberlich gewogen. Wenn er 10.000 Bände schrieb, dann wären ebenso viele Irrtümer eine freundschaftliche Begünstigung. In allen folgenden Registern der Ketzerkönige ist er allein und ohne seine zwei Brüder aufgenommen. Und Asseman muss nun das Urteil rechtfertigen (Bibliot. Orient. Bd. iv. p. 203–207).; und ihre Gerechtigkeit oder ihre Nachsicht hatten Theodor von Kyrrhus und Ibas von Edessa wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen.

Jedoch haftete an diesen orientalischen Bischöfen der Vorwurf der Ketzerei; der erste war der Lehrer und die beiden anderen die Freunde des Nestorius gewesen; die anstößigsten Textstellen wurden unter der Überschrift ›Die drei Kapitel‹ gerügt. Die Verurteilung ihres Andenkens musste auch die Ehre einer Synode anfassen, deren Namen die katholische Welt mit aufrichtigem oder erheucheltem Respekt im Munde führte. Wenn diese Bischöfe, ob nun schuldig oder unschuldig, in ihrem Todesschlaf nochmals verurteilt würden, dann hätte sie gewiss nicht das Getöse aufgeweckt, welches hundert Jahre später über ihren Gräbern ertönte. Wenn sie sich bereits in Satanshand befanden, dann konnte Menschenwitz ihre Qualen weder erleichtern noch vertiefen. Wenn sie sich andererseits in der Gesellschaft von Engeln und Heiligen der Belohnungen für ihre Frömmigkeit erfreuen durften, dann dürften sie gelächelt haben über den sinnleeren Zorn jener theologischen Kerbtiere, die über die Oberfläche der Erde krabbelten.

Das führende dieser Insekten, der römische Kaiser, schoss seinen Stachel und träufelte sein Gift und hatte die wahren Beweggründe der Theodora und ihres geistlichen Rudels vermutlich gar nicht durchschaut. Die Opfer waren seiner Gewalt entzogen, und der hitzige Tonfall seiner Edikte konnte einzig ihre Verurteilung kund machen und den Klerus des Ostens aufmuntern, zusammen mit ihm im gemeinsamen Gesang Bannflüche und Verwünschungen auszustoßen.

 

5. ALLGEMEINE SYNODE KONSTANTINOPEL – 4. MÄRZ – 2. JUNI 553

Mit einigem Zögern trat der Osten den Auffassungen ihres Herrschers bei; die 5. Allgemeine Kirchenversammlung, bestehend aus drei Patriarchen und 165 Bischöfen, wurde zu Konstantinopel abgehalten. Die Verfasser und ebenso die Verteidiger ›der drei Kapitel‹ wurden aus der Gemeinschaft der Heiligen ausgestoßen und nachdrücklich dem Fürsten der Finsternis überantwortet. Indessen waren die Lateinischen Kirchen mehr auf Leos Ansehen und die Synode von Chalkedon bedacht, und hätten sie wie sonst unter dem Banner Roms gestritten, so würden sie in der Sache der Vernunft und Humanität vielleicht sogar obsiegt haben. Aber ihr Oberhaupt war gefangen in Feindeshand; der Thron Petri, geschändet durch die Simonie des Vigilius, war durch die Feigheit eben dieses Mannes verraten worden, der nach langem und unsteten Kampfe dem Despotismus Iustinians und der Sophistik der Griechen nachgeben musste. Seine Apostasie erbitterte die Lateiner, und nur zwei Bischöfe fanden sich bereit, ihre Hände seinem Diakon und Nachfolger Pelagius aufzulegen. Doch übertrug die Hartnäckigkeit der Päpste auf ihre Gegner die Benennung der Schismatiker; die illyrischen, afrikanischen und italienischen Kirchen wurden durch den weltlichen und geistlichen Arm und nicht ohne Assistenz der militärischen Macht Man lese die Klagen von Liberatus und Victor und die Ermahnungen von Papst Pelagius an den Eroberer und Exarchen von Italien. Schisma.. per potestates publicas opprimatur, &c (das Schisma...möge durch die Staatsgewalt gedämpft werden) (Concil. Bd. vi. p. 467). Eine Armee wurde zurückbehalten, um den Aufstand in einer illyrischen Stadt zu unterdrücken. Vgl. Prokopios, (de Bell. Goth. 4, 25). Er scheint eine Kirchengeschichte zu versprechen, und diese wäre lesenswert und unparteiisch gewesen. unterdrückt. Die fernen Barbaren unterschrieben die Glaubensformel des Vatikans, und nach Ablauf eines Jahrhunderts erlosch die Spaltung infolge der ›drei Kapitel‹ in einer dunklen Ecke der venetianischen Provinz Die Bischöfe des Patriarchats Aquileia wurden von Papst Honorius mit der Kirche wieder versöhnt, A.D. 638. (Muratori, Annali d' Italia, Bd. v. p. 376), doch fielen sie wieder ab, und erst im Jahre 698 war das Schisma endgültig beigelegt. 14 Jahre zuvor hatte die Kirche Spaniens die V. allgemeine Synode mit verächtlichem Schweigen übergangen. (xiii. Concil. Toretan. in Concil. Bd. vii. p. 487–494.). Aber die religiösen Misshelligkeiten der Italiener hatten bereits die Eroberungen der Langobarden befördert, und die Römer selbst hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, den Glauben des byzantinischen Tyrannen zu beargwöhnen und seine Regierung zu verabscheuen.

 

IUSTINIANS KETZEREI 564

In dem heiklen Bemühen, seine und seiner Untertanen schwankende Meinungen zu festigen, ließ es Iustinian an Standhaftigkeit und Konsequenz fehlen. Da er ein Jugendlicher war, erbitterte ihn die leiseste Abweichung von der orthodoxen Linie; im Alter überschritt er diese Linie zur gemäßigten Ketzerei und war den Jakobiten nicht weniger ein Ärgernis als den Katholiken mit seiner Behauptung, dass der Leib Christi unvergänglich sei und dass er im Mannesalter weder den Bedürfnissen noch den Gebrechen ausgesetzt gewesen sei, die unseres sterblichen Fleisches Erbe seien. Diese phantastische Auffassung nun wurde in Iustinians letzten Edikten verkündet; doch in den Augenblicken seines rechtzeitigen Dahinscheidens hatten der Klerus seine Unterschrift verweigert, der Herrscher sich zur Verfolgung und das Volk zu Leiden oder Widerstand entschlossen gezeigt. Ein Bischof von Trier wandte sich an den Monarchen des Orients aus sicherer Ferne jenseits der Grenze in der Sprache leutseliger Autorität: »Gnadenreicher Iustinian, gedenke deiner Taufe und deines Glaubensbekenntnisses. Lasse deine grauen Haare nicht durch Ketzerei besudelt sein. Rufe die Väter deiner Kirche aus der Verbannung zurück und deine Nachfolger von ihrem Verderben. Es kann dir nicht unbekannt sein, dass Italien und Gallien, Spanien und Afrika deinen Fall beweinen und deinen Namen mit dem Bannfluch belegen. Wofern du nicht unverzüglich widerrufst, was du gelehrt hast; wofern du nicht mit lauter Stimme ausrufst: Ich habe geirrt! Ich habe gesündigt! Fluch über Nestorius! Fluch über Eutychius! – dann so lieferst du deine Seele den gleichen Flammen aus, in denen jene in alle Ewigkeit brennen werden.« Iustinian starb ohne ein solches Zeichen Nicetius, Bischof zu Trier, (Concil. Bd. vi. p. 511-513). Er war, wie die meisten gallischen Prälaten (Gregor. Epist. l. vii. 5 in Concil. Bd. vi. p. 1007), von der Gemeinschaft mit den vier Patriarchen ausgeschlossen, da er sich geweigert hatte, die ›drei Kapitel‹ zu verurteilen. Baronius spricht beinahe schon ein Verdammungsurteil über Iustinian aus. (A.D. 565, Nr. 6).. Sein Tod stellte im gewissen Umfang den Kirchenfrieden wieder her, und unter seinen vier Nachfolgern Iustinus, Tiberius, Mauritius und Phokas zeichnet sich die Kirchengeschichte des Ostens durch eine seltene, gleichwohl aber glückselige Ereignislosigkeit aus Nach der Darstellung von Iustinians letzter Ketzerei (4,39-41) und des Erlasses seines Nachfolgers (5,3) ist die restliche Geschichte des Evagrius mit bürgerlichen statt mit kirchengeschichtlichen Ereignissen belegt..

 

DER MONOTHELETISCHE STREIT 629

Die Kräfte der Sinne und der Vernunft sind am wenigsten dazu fähig, auf sich selbst zu wirken. Das Auge ist der Selbstwahrnehmung am unzugänglichsten, die Seele den Gedanken. Dennoch denken und fühlen wir, dass ein Wille, ein einziges Prinzip des Handelns zu unserem vernünftigen und selbstbewussten Sein schlechterdings unverzichtbar ist. Als Heraklius aus dem Perserfeldzug heimgekehrt war, fragte dieser rechtgläubige Kriegsheld seinen Bischof, ob der Christus, den er anbete als eine Person mit zwei Naturen, von einem einzigen oder einem doppelten Willen zu Handeln veranlasst werde. Sie antworteten mit der Einzahl, was den Herrscher zu der Hoffnung veranlasste, dass die Jakobiten Ägyptens und Syriens sich auf diese Weise durch das Bekenntnis zu einer Lehrmeinung aussöhnen zu könnten, welche ganz gewiss harmlos und höchstwahrscheinlich wahr sei, da sie sogar von den Nestorianern gelehrt werde Diese außerordentliche und wohl widersprüchliche Lehre der Nestorianer ist von La Croze bemerkt (Christianisme des Indes, Bd. i. p. 19, 20), von Abulpharagius, (Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 292. Hist. Dynast. p. 91, vers. Latin. Pocock.) weitläufiger dargestellt und von Asseman selbst (Bd. iv. p. 218.) auseinandergesetzt worden. Sie scheinen nicht zu wissen, dass sie die positive Autorität der Ekthesis anführen könnten. (Concil. Bd. vii. p. 205.). Der Versuch blieb ohne Erfolg, und die ängstlichen oder heftigen Katholiken verurteilten sogar ein nur scheinbares Nachgeben angesichts eines raffinierten und kühnen Gegners. Die rechtgläubige (d.h. die herrschende) Partei ersann neue Methoden der Beweisführung, Deutung und der Sprache; jeder Natur in Christus legten sie scheinbar eine eigene und besondere Energie bei; aber der Unterschied war nicht länger wahrzunehmen, als sie einräumten, dass der menschliche und göttliche Wille unveränderlich derselbe sei Zum orthodoxen Glauben sehe man Petavius, (Dogmata Theolog. Bd. v. 9,6–10, p. 433–447); alle Tiefen dieser Kontroverse sind ergründet in dem griechischen Gespräche zwischen Maximus und Pyrrhus (ad calcem Bd. viii. Annal. Baron. p. 755–794), welcher eine von einer echten Konferenz berichtet und eine ebenso kurzlebige Bekehrung hervorbrachte.. Die Krankheit hatte die üblichen Symptome, doch der griechische Klerus, der des ewigen Inkarnationsstreites nachgerade satt war, träufelte in die Ohren von Herrscher und Volk einen heilsamen Rat: sie erklärten sich zu Monotheleten (Vertreter des einen Willens), aber sie behandelten die Worte als neu, die Fragen als überflüssig und empfahlen religiöses Stillschweigen, was zur Weisheit und Milde des Evangeliums am besten passe.

 

EKTHESIS DES HERAKLIUS 639 – TYPUS DES KONSTANS 648

Diese Schweigegebot wurde nacheinander durch die Ekthesis oder Auseinandersetzung des Heraklius und den Typus oder das Muster seines Enkels Konstans verschärft Impiissimam ecthesim.... scelerosum typum (Concil. Bd. vii p. 366) diabolicae operationis genimina, (evtl. germina, agr. Gennhmata) (...die gottloseste Ekthesis,...den verruchten Typus...Früchte (evtl. Sprösslinge) aus teuflischer Hantierung, Concil. p. 363, 364) sind die Ausdrücke des 18. Anathemas. Der Sendbrief von Papst Martin an den gallikanischen Bischof Amandus brandmarkt die Monotheleten mit vergleichbarer Hitze (p. 329)., und die kaiserlichen Edikte wurden von den vier Patriarchen zu Rom, Konstantinopel, Alexandria und Antiochia teils mit Freuden, teils mit Abneigung unterschrieben. Doch Bischof und Mönche von Jerusalem schlugen großen Lärm; in der Sprache und selbst noch im Schweigen der Griechen witterten die lateinischen Kirchen Ketzerei: und die Folgsamkeit des Papstes Honorius gegen seinen Herrscher wurde von der unbedarften Kühnheit seiner Nachfolger gerügt und widerrufen. Sie verdammten und verfluchten die abscheuliche monotheletische Ketzerei, welche die Irrtümer des Manes, Apollinaris, Eutyches u.a. wieder zum Leben erweckte, und sie unterschrieben das Exkommunikationsurteil am Grabe von St.Peter; die Tinte wurde mit dem Abendmahlswein, dem Blut Christi, vermischt und kein Zeremonie ausgelassen, welche ein abergläubisches Gemüt mit Schrecken und Schaudern erfüllen musste. Als der Repräsentant der Abendländischen Kirche belegten Papst Martin und seine Lateransynode das ungetreue und sträfliche Schweigen der Griechen mit dem Bannfluche; einhundertundfünfzig italienische Bischöfe, überwiegend Untertanen von Konstans, erkühnten sich, seinen verruchten Typus und die gottlose Ekthesis seines Großvaters zu verwerfen und deren Verfasser und Anhänger mit den einundzwanzig berüchtigten Ketzern, den Apostaten der Kirche und Werkzeugen des Teufels in Eins zu werfen. Einen solchen Schimpf konnte auch die gutmütigste Regierung nicht ungestraft durchgehen lassen. Papst Martin beschloss seine Erdentage an der unwirtlichen Küste des taurischen Chersonesus, und sein Orakel, der Abt Maximus wurde in bestialischer Weise durch Abschneiden der Zunge und der rechten Hand gezüchtigt Die Leiden des Martin und des Maximus sind in ihren Originalbriefen (Concil. Bd. vii. p. 63–78. Baron. Annal. Eccles. A.D. 656, No. 2, et annos subsequent) mit schlichten Worten beschrieben. Doch war diese ›Landesverweisung und Leibesschädigung‹ schon vorgreifend in dem Typus des Konstans angedroht worden.. Aber in ihren Nachfolgern lebte derselbe unbeugsame Geist fort, und der Triumph der Lateiner war die Rache für ihre neuerliche Niederlage und tilgte die Schmach der drei Kapitel.

 

6. ALLGEMEINE KIRCHENSYNODE, 3. VON KONSTANTINOPEL – 7. NOVEMBER 680-16. SEPTEMBER 681

Das 6. Allgemeine Konzil zu Konstantinopel im Palast und in Anwesenheit eines neuen Konstantin und Nachfahren des Heraklius bestätigte die Synoden von Rom. Der kaiserliche Neubekehrte bekehrte seinerseits den byzantinischen Patriarchen und eine Mehrheit der Bischöfe Eutychius (Annal. Bd. ii. p. 368) vermutet höchst irrig, dass die 124 Bischöfe der römischen Synode sich nach Konstantinopel verfügt hätten; und kommt durch Hinzuaddieren zu den 168 Griechen auf 292 Väter des sechsten Konzils.; die Abweichler unter der Führung des Makarios von Antiochia wurden zu den geistlichen und irdischen Strafen für Ketzer verurteilt; der Osten fand sich darein, die Lehren des Westens anzunehmen; und am Ende war das Bekenntnis zur Belehrung der Katholiken jedes Zeitalters festgelegt, dass in der Person Christi zwei Willen oder Willenskräfte vereint seien. Die päpstliche Majestät und die römische Synode wurden durch zwei Priester, einen Diakon und drei Bischöfe vertreten; aber diese unbekannten Lateiner besaßen weder Waffen, um zu zwingen, noch Schätze, um zu bestechen, noch auch Beredsamkeit, um zu überzeugen. Und ich sehe auch nicht, durch welche Kunstgriffe sie den hochmütigen Griechenkaiser hätten veranlassen können, dem Katechismus seiner Kindertage abzuschwören und dafür die Religion seiner Väter zu bekämpfen.

Vielleicht waren Volk und Mönche von Konstantinopel Den monothelischen Konstans hassten alle ›aus diesem Grunde‹ sagt Theophanes, Chron. p. 292) ›wurde er bei allen unmäßig gehasst‹ Als dem monothelischen Mönch sein Wunder missriet, ›brüllte das Volk auf‹; Concil. Bd. vii. p. 1032). Doch war dies eine natürliche und vorübergehende Entladung; doch ich fürchte sehr, dass diese letztere Regung eine Vorwegnahme der Orthodoxie in dem guten Volk von Konstantinopel war. dem lateinischen Glaubensbekenntnis sogar zugetan, welches in der Tat das unvernünftigste von beiden ist: und dieser Verdacht wird bestärkt durch die geradezu atypische Mäßigung der griechischen Kleriker, die sich zumindest in diesem Streitfall ihrer Schwäche durchaus bewusst waren. Während die Synode debattierte, schlug ein Fanatiker einen kürzeren Findungsprozess durch die Erweckung eines Toten zum Leben vor: die Prälaten wohnten dem Versuch bei; doch mag das offenkundige Misslingen andeuten, dass Leidenschaft und Vorurteil der Menge nicht auf Seiten der Monotheliten waren. In der nächsten Generation, als der Sohn des Konstantin von dem Schüler des Makarios festgesetzt und umgebracht wurde, kosteten sie die Süße der Rache und der Herrschaft: das Bild, das Denkmal der sechsten Kirchensynode wurde zerschlagen und die Originalakten den Flammen übergeben. Aber wieder zwei Jahre später wurde ihr Beschützer vom Thron gestürzt, die Bischöfe des Ostens von ihrer zeitweiligen Pflicht zur Übereinstimmung entbunden, die rechtgläubigen Nachfolger des Bardanes pflanzten die römische Glaubensnorm fester als je zuvor, und die Haarspaltereien über Inkarnation waren vergessen angesichts der volksnahen und sinnlich fassbaren Zänkereien über die Bilderverehrung Die Geschichte des Monothelitismus findet man in den Akten der Synode von Rom (Bd. vii. p. 77–395, 601–608) und Konstantinopel (p.609 – 1429). Baronius hat einige Originalzeugnisse aus der Bibl. Vaticana ausgehoben, seine Angaben werden von Pagi bekräftigt. Selbst Dupin (Bibliotheque Eccles. Bd. vi. p. 57–71) und Basnage (Hist. de l'Eglise, Bd. i. p. 451–555) bieten einen brauchbaren Auszug..

 

EINIGKEIT DER GRIECHISCHEN UND LATEINISCHEN KIRCHE

Noch vor Ende des siebten Jahrhunderts wurde der Glaubenssatz von der Menschwerdung, der in Rom und Konstantinopel festgesetzt worden war, im entlegenen Britannien und Irland in einheitlicher Weise gepredigt In der Lateransynode von 679 unterschrieb der angelsächsische Bischof Wilfried pro omni Aquilonati in parte Britanniae et Hiberniae, quae ab Anglorum et Britonum, nec non Scotorum et Pictorum gentibus colebantur, (...für den ganzen nördlichen Teil Britanniens und Irlands, der von Angeln und Briten und noch nicht von den Scoten und Picten beackert wird... Eddius, in Vit. St. Wilfrid. c. 31, apud Pagi, Critica, Bd. iii. p. 88). Theodor (magnae insulae Britanniae archiepiscopus et philosophus) wurde in Rom lange erwartet (Concil. Bd. vii. p. 714), begnügte sich indessen damit, in Hatfield 680 seine Provinzialsynode zu halten, wo er auch die Dekrete von Papst Martin und des 1. Laterankonzils gegen die Monotheleten erhielt (Concil. Bd. vii. p. 597). Der Mönch Theodor von Tarsus in Kilikien wurde von Papst Vitalian zum Primas von Britannien ernannt, (A.D. 688; siehe Baronius und Pagi), dessen Respekt vor Theodors Gelehrsamkeit und Frömmigkeit durch einiges Misstrauen gegen seinen Volkscharakter gemindert wurde (ne quid contrarium veritati fidei, Graecorum more, in ecclesiam cui praeesset introduceret – dass er doch nicht nach griechischer Weise ein dem wahren Glauben Widersprechendes in die von ihm verwaltete Kirche einführen möge!) Der Kilikier wurde unter der Aufsicht eines afrikanischen Begleiters von Rom nach Canterbury geschickt (Bedae Hist. Eccles. Anglorum. 4,1). Er neigte der römischen Lehre zu. Und eben diese Glaubensformel von der Menschwerdung ist von Theodor unverändert bis zu den modernen Prälaten weitergegeben worden, deren konkretes Denken sich nur selten auf diesen dunklen Mystizismus einlässt.; dieselben Vorstellungen hegten oder besser: dieselben Worte wiederholten alle die Christen, deren Liturgie in der lateinischen oder griechischen Sprache gehalten wurde. Ihre große Zahl und der sichtbare Glanz verliehen ihnen einen halbwegs berechtigten Anspruch auf die Bezeichnung Katholiken: im Osten allerdings gab man ihnen den weniger achtbaren Namen von Melchiten oder Royalisten Dieser bis ins X. Jh. unbekannte Name scheint syrischer Herkunft zu sein. Erfunden haben ihn die Jakobiten, und die Nestorianer und Moslems griffen ihn freudig auf; doch legten die Katholiken ihn sich bedenkenlos zu, auch in den Annalen des Eutychius findet man ihn oftmals. (Asseman. Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 507, &c., Bd. iii. p. 355. Renaudot, Hist. Patriarch. Alexandrin. p. 119). Hmei douloi t' Basilew (Wir sind des Königs Knechte) war der Ausruf der Väter zu Konstantinopel. (Concil. Bd. vii. p. 765.); Menschen mithin, deren Glaube nicht auf der Schrift, der Vernunft oder der Überlieferung gegründet war, sondern durch die willkürlichen Machtanwandlungen eines irdischen Alleinherrschers festgestellt und noch immer aufrechterhalten wurde. Ihre Gegner konnten sogar die Worte der Väter von Konstantinopel anführen, die sich selbst Sklaven des Königs nannten; und sie konnten mit boshafter Freude berichten, wie der Kaiser Marcian und seine jungfräuliche Braut die Beschlüsse von Chalkedon eingegeben und nachgebessert hatten. Die jeweils vorherrschende Partei wird naturgemäß die Pflicht zum Gehorsam einschärfen, und ebenso natürlich ist es, dass Andersdenkende die Freiheitsprinzipien entdecken und beanspruchen. Unter den Bedrängnissen der Verfolgung wurden aus Nestorianern und Monophysiten Aufständische oder Flüchtlinge, und die ältesten und nützlichsten Bundesgenossen Roms lernten den Kaiser nicht als das Oberhaupt, sondern als den Feind der Christen anzusehen.

 

IMMERWÄHRENDE TRENNUNG DER ORIENTALISCHEN SEKTEN

Die Sprache, das wichtigste Prinzip, welche die Stämme des Menschengeschlechtes vereint oder sondert, unterschied die Sektierer des Ostens schon bald durch ein besonderes und überdauerndes Kennzeichen, welches alle Mittel der Kommunikation und jede Hoffnung auf Versöhnung tilgte: Die lange Herrschaft der Griechen, ihre Kolonien und vor allen Dingen ihre Beredsamkeit hatte eine Sprache verbreitet, welche unbestreitbar die vollkommenste ist, die Menschenwitz jemals ersonnen hat. Aber die Volksmassen in Ägypten und Syrien blieben bei dem Gebrauch ihrer Nationalsprache, mit dem Unterschied jedoch, dass das Koptische auf die schriftunkundigen Bauern des Nils beschränkt blieb, während das Syrische Das Syrische, das die Einwohner des Landes als die Ursprache verehren, besitzt drei Dialekte: Das Aramäische, wie es in Edessa und den Städten Mesopotamiens verfeinert vorkam; 2 Das Palästinensische, in Jerusalem, Damaskus u.a. Städten gebräuchlich; 3. Das Nabathäische, die Bauernsprache der Gebirge Assyriens und der Dörfer Iraks. (Gregor, Abulpharag. Hist. Dynast. p. 11.) Zum Syrischen sehe man Ebed-Jesu, (Asseman. Bd. iii. p. 326ff), dessen Vorurteil allein es dem Arabischen vorziehen konnte. von den Bergen Assyriens bis zum Roten Meer den höheren Zwecken der Dichtkunst und der Wissenschaft diente. Armenien und Abessinien waren von der Sprache und Gelehrsamkeit der Griechen infiziert; und ihre barbarischen Sprachen, welche erst in den Studierstuben des modernen Europa wieder zum Leben erweckt wurden, waren den Bewohnern des römischen Reiches schlechthin unverständlich. Das Syrische und das Koptische, das Armenische und das Äthiopische sind durch den Dienst in ihrer jeweiligen Kirche geheiligt und ihre Theologie durch die landessprachlichen Übersetzungen Ich will jetzt nicht meine Unkenntnis mit der intellektuellen Beute ausstaffieren, die ich bei Simon, Walton, Mill, Wetstein, Assemannus, Ludolphus und La Croze gemacht habe und die ich mit gebotener Sorgfalt zu Rate gezogen habe. Es scheint, 1. dass es immer noch zweifelhaft ist, ob von den Übersetzungen, die die Väter gelobt haben, auch nur eine in ihrer ursprünglichen Gestalt vorhanden ist. 2. dass das Syrische den besten Anspruch hat und 3. dass die Übereinstimmung der orientalischen Sekten ein Beweis dafür ist, dass es älter ist als das Schisma. der heiligen Schriften und der bekanntesten Kirchenväter angereichert.

Nach Ablauf von dreizehnhundertundsechzig Jahren ist der Funken der Zwietracht, der zuerst in einer Predigt des Nestorius gezündet wurde, immer noch nicht erloschen, sondern glimmt fort im Busen des Orients, und die feindlichen Kirchengemeinden halten noch immer am Glauben und der Kirchenzucht ihrer Stifter fest. Im Zustande tiefster Unwissenheit, Armut und Abhängigkeit verwerfen Nestorianer und Monophysiten die geistliche Oberhoheit Roms und schätzen die Duldung ihrer türkischen Gebieter, welche ihnen einerseits gestatten, Kyrillos und die Synode von Ephesos und andererseits Papst Leo und das Konzil von Chalkedon mit Bannflüchen einzudecken. Die Last, welche sie auf das untergehende oströmische Reich warfen, verlangt unsere Aufmerksamkeit, und der Leser mag sich mit den mannigfachen Darstellungen vergnügen, nämlich der I. Nestorianer; II. Jakobiten Hinsichtlich der Monophysiten und Nestorianer bin ich der Bibliotheca Orientalis Clementino-Vaticana von Joseph Simon Assemannus zutiefst verplichtet. Dieser gelehrte Maronite wurde im jahr 1715 von Papst Clemens XI. abgesandt, die Klöster Ägyptens und Syriens aufzusuchen und nach mss. zu fahnden. Seine vier Foliobände (Rom 1719-1728) enthalten wohl nur einen Teil, vermutlich den wertvollsten, seines ausgedehnten Vorhabens. Als gebürtiger Syrier und als Gelehrter besaß er die syrische Sprachkenntnis; und obwohl von Rom anhängig, beansprucht er für sich wissenschaftliche Zurückhaltung und Unbefangenheit.; III. Maroniten; IV. Armenier; V. Kopten; VI. Abyssinier. Den drei erstgenannten ist das Syrische gemeinsam, die anderen unterscheiden sich durch den Gebrauch einer je eigenen Nationalsprache.

Allerdings wären die Armenier und Abyssinier der Gegenwart außerstande, sich mit ihren antiken Vorfahren zu unterhalten; und die Christen Ägyptens und Syriens haben die Sprache der Araber angenommen, wenn sie auch deren Religion zurückweisen. Die Zeitläufte waren den Künsten der Priester günstig, und im Osten wie im Westen wird die Gottheit in einer untergegangenen Sprache angerufen, die der Gemeinde mehrheitlich unbekannt ist.

 

I. DIE NESTORIANER

Sowohl in seinem Heimatland wie auch in seinem Bistum war die Ketzerei des glückverlassenen Nestorius nach kurzer Zeit untergegangen. Die Bischöfe des Ostreiches, welche sich zu Ephesos noch den Anmaßungen des Kyrillos offen widersetzt hatten, ließen sich durch seine spätere Nachgiebigkeit erweichen. Dieselben Prälaten oder ihre Nachfolger unterschrieben, wenn auch mit Murmeln, die Beschlüsse von Chalkedon; der Einfluss der Monophysiten söhnte sie mit den Katholiken aus bis hin zur Übereinstimmung ihrer religiösen Leidenschaft, des Interesses und schließlich sogar des Glaubens, und bei der Verteidigung der drei Kapitel verwehte auch ihr letzter widerständiger Seufzer. Ihre anders denkenden Brüder im Glauben, die entweder aufrichtiger oder weniger gemäßigt waren, wurden durch die Strafgesetze zermalmt, und so waren bereits zu Beginn der Regierungszeit des Iustinian nur noch mit Mühe Kirchen der Nestorianer innerhalb des Reiches auszumachen.

Hinter dessen Grenzen hatten sie eine neue Welt entdeckt, in der sie auf Freiheit hoffen und auf Eroberung sinnen konnten: In Persien hatte das Christentum, des Widerstandes der Magier ungeachtet, bereits tiefe Wurzeln geschlagen, und die Völker des Orients hatten in seinem heilkräftigen Schatten Ruhe gefunden. Der Katholikos oder Primas residierte in der Hauptstadt: auf seinen Synoden und in seinen Diözesen verkörperten seine Metropoliten, seine Bischöfe und sein Klerus die Pracht und die Ordnung einer regulären Kirchenhierarchie; sie freuten sich über die wachsende Zahl der Proselyten, die sich vom Zend Avesta zum Evangelium und vom weltlichen zum mönchischen Leben bekehrt hatten; und die Anwesenheit eines arglistigen, furchtbaren Feindes befeuerte sie noch in ihren Anstrengungen.

Syrische Glaubensboten hatten die persische Kirche gestiftet; und in Sprache, Kirchenzucht und Glaubenssätzen waren diese eng mit ihrer ursprünglichen Einrichtung verbunden. Der Kotholikos wurde von seinen eigenen untergebenen Suffraganen gewählt, doch wird dessen Sohnes-Abhängigkeit vom Patriarchen zu Antiochia in den Kanones der morgenländischen Kirche bekräftigt Die arabischen Kanones von Nicäa sehe man in der Übersetzung von Abraham Ecchelensis, No. 37, 38, 39, 40. Concil. Bd. ii. p. 335, 336, edit. Venet. Diese gängigen Bezeichnungen, nikäisch und arabisch, sind beide apokryph; das Konzil von Nikäa erließ nicht mehr als 20 Kanones (Theodoret. Hist. Eccles.1,8); die übrigen 70 oder 80 wurden aus den Synoden der griechischen Kirche zusammen gelesen. Die syrische Ausgabe des Maruthas ist verloren, (Asseman. Bibliot. Oriental. Bd. i. p. 195, Bd. iii. p. 74) und in der arabischen Ausgabe sind zahlreiche moderne Einschübe. Doch enthält dieser Kodex viele lesenswerte Altertümer der Kirchenzucht; und da alle östlichen Gemeinden ihn in gleicher Weise verehren, ist er wohl noch vor den Schisma der Nestorianer und Jakobiten beendigt worden. (Fabric. Bibliot. Graec. Bd. xi. p. 363–367).. In der persischen Schule zu Edessa Theodor der Vorleser (2,5.49, ad calcem Hist. Eccles) hat diese persische Schule von Edessa erwähnt. Assemannus (Biblioth. Orient. Bd. ii. p. 402, iii. p. 376, 378, iv. p. 70, 924.) hat ihren früheren Glanz und die zwei Perioden ihres Verfalles (A.D. 431 and 489) mit Genauigkeit erörtert. nahmen die nachwachsenden Generationen der Gläubigen ihr Theologen-Idiom in sich auf. Sie studierten die syrische Fassung der zehntausend Bücher des Theodor von Mopsuestia; und sie beugten sich in Ehrfurcht vor dem apostolischen Glauben und dem heiligen Märtyrertum seines Schülers Nestorius, dessen Person und Sprache den Völkern jenseits des Tigris völlig unbekannt war.

Die erste, unverwelkliche Lehre des Bischofs Idas von Edessa lehrte sie die Verfluchung der Ägypter, da sie in der Synode von Ephesus die zwei Naturen auf gottlose Weise vermischt hatten. Die Flucht des Meisters und der Schüler, die zweimal aus dem Athen Syriens hinausgeworfen wurden, führte zu einer Überschwemmung mit Missionaren, entflammt von den zwiefachen Feuern des religiösen Eifers und der Rachsucht. Und die strenge Einheit der Monophysiten, die während der Herrschaft von Zeno und Anastasius die Bischofsstühle des Ostens erobert hatten, reizte ihre Gegner auf, in dem Land der Freiheit eher eine moralische als eine physische Einheit der beiden Naturen Christi anzuerkennen. Seit der ersten Verkündigung des Evangeliums hatten die sassanidischen Herrscher ein wachsam-misstrauisches Auge auf ein Geschlecht von Landesfremden und Apostaten gehabt, welche die Religion der Erbfeinde ihres Landes angenommen hatten und welche imstande sein mochten, deren Sache zu befördern.

Oft war ihnen durch königlichen Erlass die bedenkliche Korrespondenz mit der Geistlichkeit Syriens untersagt worden: mit Lust gewahrte der eifersüchtige Stolz des Perozes das Fortschreiten des Schismas, und mit Vergnügen lauschte er den Einflüsterungen eines listenreichen Prälaten, welcher Nestorius als Freund Persiens darstellte und ihn drängte, sich der Anhänglichkeit seiner christlichen Untertanen zu versichern, indem er diesen Opfern und Feinden des römischen Tyrannen eine berechtigte Vorzugsstellung einräume. Unter der Geistlichkeit und im Volk bildeten die Nestorianer eine beachtliche Mehrheit, die in der Gnadensonne des Despoten gedieh und durch sein Schwert bewaffnet wurde. Doch entsetzten sich viele der kleingläubigen Brüder vor dem Gedanken, sich nunmehr aus der Gemeinschaft aller Christen zu verabschieden; doch das Blut von siebentausendsiebenhundert Monophysiten stärkte die Einheit des Glaubens und der Kirchenzucht der persischen Gemeinden Eine Erörterung der Situation der Nestorianer ist unter den Händen des Assemann zu einem 950-Seiten-Folioband angeschwollen, und seine gelehrten Nachforschungen sind in klarer Anordnung erstellt. Außer diesem IV. Bd der Bibliotheca Orientalis können die Auszüge der drei vorangegangenen Bände Bd. i. p. 203, ii. p. 321-463, iii. 64–70, 378–395ff, 405–408, 580–589) mit Nutzen konsultiert werden..

Ihre kirchlichen Einrichtungen zeichneten sich aus durch eine liberale Vernunft oder doch wenigstens Politik: die strenge Klosterzucht milderte sich und wurde irgendwann ganz vergessen; mildtätige Einrichtungen für Waisen und Findelkinder wurden gestiftet; die Verpflichtung zum Zölibat, das die Griechen und Lateiner so dringlich anempfahlen, fand bei der persischen Geistlichkeit keine Beachtung, vielmehr wurde die Zahl der Auserwählten durch die wiederholten öffentlichen Eheschließungen der Priester, der Bischöfe und sogar des Patriarchen selbst vergrößert. Unter dieses Banner der natürlichen und religiösen Freiheit strömten aus allen Provinzen des Ostreiches in hellen Scharen die Flüchtlinge. Der Verlust seiner fleißigsten Untertanen war die Strafe für Iustinians bornierte Bigotterie; sie brachten den Persern die Künste des Krieges und des Friedens, und wer es sich verdient hatte, wurde im Dienste eines einsichtigen Monarchen entsprechend gefördert. Den Heeren Nurshivans und seines grimmen Enkels leisteten die bedrängten Sektierer, die sich noch in ihren Heimatstädten im Osten verborgen hielten, Beistand durch Rat, Gold und Truppen; mit Geschenken belohnten die katholischen Kirchen ihren Eifer; als aber diese Städte und Kirchen von Heraklius zurückerobert wurden, zwang sie das offene Geständnis ihres Hochverrates und ihrer Ketzerei, im Reich des auswärtigen Verbündeten Zuflucht zu suchen.

Doch war diese trügerische Ruhe der Nestorianer oftmals gefährdet und zuweilen aufgehoben. So waren sie etwa in die üblichen Missstände des orientalischen Despotismus eingebunden; Ihre Anhänglichkeit an das Evangelium konnte ihre Feindschaft zu Rom nicht ununterbrochen abbüßen; einer Kolonie von dreihunderttausend Jakobiten, Gefangenen von Antiochia und Apamea, durften vor den Augen des Katholikos und im Glanze des Hofes einen gegnerischen Altar errichten. In seinen letzten Vertrag hatte Iustinian einige Bedingungen eingeschaltet, welche geeignet waren, die Duldung des Christentums im Perserreich auszudehnen und abzusichern. Der Kaiser, dem Gewissensentscheidungen unbekannt waren, war außerstande, Mitleid oder Achtung mit den Ketzern zu empfinden, die die Autorität der heiligen Synoden leugneten; doch konnte er sich schmeicheln, dass sie irgendwann die materiellen Vorteile einer Vereinigung mit der römischen Herrschaft und Kirche erkennen würden; und sollte er ihre Dankbarkeit nicht gewinnen können, so konnte er doch hoffen, wenigstens die Eifersucht ihres Herrschers gegen sie zu erwecken. In einer viel späteren Zeit veranlasste der Aberglauben des allerchristlichsten Herrschers, dass die Hugenotten zu Paris ermordet und in Deutschland geschützt wurden.

 

IHRE MISSIONEN A.D. 500-1200

Zu allen Zeiten wurde der Tätigkeitsdrang christlicher Priester von dem Wunsche gespornt, Seelen für Gott und Untertanen für die Kirche zu gewinnen. Nach der Eroberung Persiens trugen sie ihre geistlichen Waffen nach Norden, Osten und Süden, die Schlichtheit des Evangeliums aber wurde mit den Farbtönen der syrischen Theologie gemodelt und gewandelt. Kann man den Nachrichten eines nestorianischen Reisenden trauen Siehe die Topographia Christiana von Cosmas, oder der Indienfahrer (Indicopleustes), iii. p. 178, 179; xi. p. 337. Das ganze Werk, von welchem man lesenswerte Auszüge finden kann bei Photius, (cod. xxxvi. p. 9, 10, edit. Hoeschel), Thevenot, 1. Teil seiner Relation des Voyages) und Fabricius, (Bibliot. Graec. 3,25, Bd. ii. p. 603-617), wurde veröffentlicht von Father Montfaucon zu Paris, 1707, in der Nova Collectio Patrum, (Bd. ii. p. 113–346). Es war die Absicht des Verfassers, die gottlose Meinung derjenigen zu widerlegen, welche behaupten, dass die Erde eine Kugel sein und nicht, wie es in den heiligen Schriften zu lesen ist, eine flache, längliche Scheibe (2, p. 138). Aber der Unfug des Mönches ist durchmengt mit den praktischen Ergebniossen des Reisenden, welcher seine Faht 522 antrat und sein Buch 5478 in Alexandria herausgab. (l. ii. p. 140, 141. Montfaucon, Praefat. c. 2). Der Nestorianismus des Cosmas, der seinem gelehrten Herausgeber noch unbekannt war, wurde von la Croze nachgewiesen (Christianisme des Indes, tom. i. p. 40–55) und von Assemannus bestätigt (Bibliot. Orient. tom. iv. p. 605, 606.), dann wurde das Christentum mit gutem Erfolg den Baktrianern, Hunnen, Persern, Indern, Persameniern, Medern und Elamiten gepredigt. Die barbarischen Kirchen zwischen persischem Meerbusen und Kaspischem Meer waren ungezählt, und ihr neugewonnener Glaube leuchtete hervor durch die Anzahl und die Heiligkeit der Mönche und Märtyrer. Die Pfefferküste von Malabar und die Inseln des Ozeans, Sokotora und Ceylon, waren bevölkert von einer wachsenden Zahl von Christen, und die Bischöfe und die anderen Geistlichen dieser entlegenen Regionen hatten ihre Weihe von dem Katholikos zu Babylon empfangen.

In späteren Zeiten überschritt der Glaubenseifer der Nestorianer die Grenzen, vor denen der Ehrgeiz und der Forschungsdrang der Griechen und Perser noch Halt gemacht hatten: Die Glaubensboten von Balch und Samarkand folgten furchtlos den Spuren der nomadisierenden Tartaren und schlichen sich im Imäustal und an den Selinga-Ufern in ihre Lager ein. Sie setzten diesen illiteraten Hirten eine metaphysische Glaubenslehre vor und predigten diesen blutdürstigen Kriegern Menschlichkeit und Seelenruhe. Dennoch soll ein Khan, dessen Bedeutung sie ruhmredig übertrieben, von ihren Händen das Sakrament der Taufe, ja sogar der Priesterweihe empfangen haben; und lange entzückte sich die Leichtgläubigkeit Europas am Ruhm des Priesters oder Presbyters Johannes Auf ihrem langen Weg nach Mosul, Jerusalem, Rom &c. verflüchtigte sich die Historie vom Priester Johannes zu einer ungeheuren Fabel, in der einige Züge sogar dem tibetanischen Lama entlehnt sind (Hist. Genealogique des Tartares, P. ii. p. 42. Hist. de Gengiscan, p. 31, &c.) und aus Unkenntnis von den Portugiesen dem Kaiser von Abyssinien angehängt wurden (Ludolph. Hist. Aethiop. Comment. 2,1). Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass das nestorianische Christentum im XI. und XII Jh. in der kraitischen Horde bekannt wurde. (D'Herbelot, p. 256, 915, 959. Assemanni, Bd. iv. p. 468–504).. Man gestand dem königliche Konvertiten den Gebrauch eines transportierbaren Altars zu; aber er schickte eine Gesandtschaft zum Patriarchen, um erkunden zu lassen, wie er sich während der Fastenzeit tierischer Nahrungsmittel enthalten solle und wie er in einer Wüste, die weder Korn noch Wein bereithalte, das heilige Abendmahl zelebriert werden könne.

Da sie zu Wasser und Lande immer weiter vorwärts kamen, gelangten die Nestorianer über den Hafen von Kanton und die nördliche Residenzstadt Sigan endlich nach China. Anders als die römischen Senatoren, welche das Amt eines Priesters oder Auguren immer mit einem Lächeln auf sich nahmen, waren die Mandarine, die sich in der Öffentlichkeit mit philosophischem Ernste umgaben, im Privatleben für jede Torheit des Volksaberglaubens offen. Sie hegten und mengten die Götter Palästinas und Indiens; doch die Ausbreitung des Christentums erweckte staatliche Missgunst, und nach einem jeweils kurzen Intermezzo von Duldung und Verfolgung erlosch die Sekte und versankt im Dunklen des Vergessens Das chinesische Christentum zwischen VII und XII Jh. ist unwiderleglich nachgewiesen durch übereinstimmende chinesische, arabische, syrische und lateinische Zeugnisse. (Assemanni, Biblioth. Orient. Bd. iv. p. 502–552. Mem. de l'Academie des Inscript. Bd. xxx. p. 802–819). Die Inschrift von Siganfu, welche das Schicksal der nestorianischen Kirche von 636 bis zur gegenwärtigen Jahr 781 beschreibt, wird von la Croze, Voltaire u.a. als Fälschung ausgegeben, welche von ihrer eigenen Durchtriebenheit getäuscht werden, weil sie einen jesuitischen Betrug argwöhnen..

Während der Kalifenherrschaft breitete sich die Kirche der Nestorianer von China nach Jerusalem und Zypern aus; und an der Zahl, die Jakobiten mitgerechnet, übertrafen sie die griechischen und lateinischen Gemeinden Jacobitae et Nestorianae plures quam Graeci et Latini (Jakobiten und Nestorianer sind mehr als die Griechen und Lateiner). Jacob a Vitriaco, Hist. Hierosol. 2,76, p. 1093, in der Gesta Dei per Francos. Ihre Anzahl teilt Thomassin mit, Discipline de l'Eglise, Bd. i. p. 172.. Ihre Hierarchie bestand aus fünfundzwanzig Metropoliten oder Erzbischöfen; doch waren mehrere von ihnen wegen der langen und gefährlichen Wegstrecke von der Pflicht zum persönlichen Erscheinen ausgenommen, unter der leicht einlösbaren Bedingung, dass sie alle sechs Jahre ihren Glauben und ihren Gehorsam gegenüber dem Katholikos oder Patriarchen von Babylon bekräftigen sollten, eine unverbindliche Bekundung, die nacheinander auch auf den Königssitz von Seleukia, Ktesiphon und Bagdad Anwendung fand. Diese entlegenen Abzweigungen sind längst verdorrt; und der alte patriarchalische Hauptstamm Die Aufsplitterung des Patriarchats kann man verfolgen in der Bibliotheca Orient. of Assemanni, Bd. i. p. 523–549, Bd. ii. p. 457ff, Bd. iii. p. 603, p. 621–623, Bd. iv. p. 164-169, p. 423, p. 622–629ff. teilt sich heute in die Elijahs von Mosul, die in fast direkter Linie abstammenden Vertreter der eigentlichen und ursprünglichen Patriarchenfolge, die Josephs von Amida, die sich mit der römischen Kirche wieder vertragen haben Die pompöse Sprache Roms im Zusammenhang mit dieser Unterwerfung eines nestorianischen Patriarchen wird im VII. Buch des Fra Paola kunstreich vorgeführt, Babylon, Ninive, Arbela und Eroberungen des Alexander, Tauris und Ekbatana, Tigris und Indus., und die Simeons von Van oder Ormea, welche im XVI. Jh von den persischen Sophis an der Spitze von vierzigtausend Familien zur Empörung gereizt worden sind. Der gesamten Gemeinde der Nestorianer rechnet man 600.000 Seelen zu, welche unter dem Namen der Chaldäer oder Assyrer mit der gelehrtesten und mächtigsten Nation des orientalischen Altertums vermischt sind.

 

DIE THOMASCHRISTEN IN INDIEN A.D. 833

Entsprechend der Legende des Altertums wurde das Evangelium in Indien vom heiligen Thomas gepredigt Der indische Missionar St. Thomas, ein Apostel, ein Manichäer oder vielleicht ein armenischer Kaufmann (La Croze, Christianisme des Indes, Bd. i. p. 57–70), war schon zu den Zeiten von Hieronymus eine Berühmtheit (ep. 148 ad Marcellam). Marco-Polo erfuhr an Ort und Stelle, jener habe in der Stadt Malabar oder Meliapour, nur ein Meile von Madras, (D'Anville, Eclaircissemens sur l'Inde, p. 125), den Märtyrertod erlitten, wo die Portugiesen dann eine Episkopalkirche mit dem Namen St.Thomas begründeten und wo der Heilige jährlich ein Wunder geschehen ließ, bis ihn die profane Nachbarschaft der Engländer zum Schweigen brachte.. Am Ende des IX Jh. wurde sein Schrein, vielleicht in der Nähe von Madras, andachtsvoll von den Gesandten Alfreds aufgesucht; und ihre Rückkehr, bereichert um eine Ladung Perlen und Gewürze, belohnte den englischen Monarchen, der umfängliche Handels- und Entdeckungspläne hegte Weder der Verfasser der Sachsenchronik (A.D. 833) noch William von Malmesbury (de Gestis Regum Angliae, 2,4, p. 44) waren im XII Jh. imstande, sich dieses bedeutende Ereignis auszudenken; sie vermögen nicht die Beweggrunde und Maßregeln Alfreds zu erläutern, und ihre hastige Mitteilung dient nur dazu, unsere Neugier zu wecken. William von Malmesbury ahnt die Schwierigkeiten des Unterfangens, quod quivis in hoc saeculo miretur (das in jenem Jahrhundert jedermann bewundern mochte); und ich selbst hege beinahe den Verdacht, dass die englischen Gesandten ihre kostbare Fracht und ihre Legende in Ägypten gesammelt haben. Der königliche Autor hat seinen Orosius (siehe Barrington's Miscellanies) weder mit einer indischen noch mit einer skandinavischen Reise bereichert.. Als die Portugiesen zuerst den Seeweg nach Indien erkundeten, siedelten schon seit Jahrhunderten die Thomaschristen an der malabarischen Küste, und die Unterschiede ihrer Hautfarbe und ihres Charakters deuteten auf den Einfluss eines anderen Menschenschlages hin. In den Waffen, den Künsten und vielleicht auch in den Tugenden waren sie den Einheimischen Hindostans voraus: die Landwirte pflanzten den Palmbaum, die Kaufleute wurden durch Pfefferhandel reich, die Krieger gingen den Nairs oder Edlen Malabars voraus und ihre erblichen Vorrechte wurden, ob nun aus Dankbarkeit oder Furcht, von dem König von Cochin und selbst noch von dem Zamorin respektiert. Sie erkannten einen Hindu-Souverän an, wurden aber selbst in weltlichen Angelegenheiten von dem Bischof von Angamala regiert. Dieser behauptete beständig seinen althergebrachten Titel eines Metropoliten von Indien, doch erstreckte sich seine eigentliche Jurisdiktion über 1.400 Kirchen, und 200.000 Seelen waren seiner Obsorge anvertraut.

Ihre Religion würde sie zu den zuverlässigsten und getreuesten Untertanen Portugals gemacht haben, doch gar bald entdeckte die Inquisition an den St.-Thomas-Christen die unverzeihliche Sünden der Ketzerei und des Schismas. Statt sich als Untertanen des römischen Pontifex zu bekennen, des geistlichen und weltlichen Herrschers der Welt, verweilten sie, ihren Vorfahren gleich, immer noch in der Gemeinschaft mit dem nestorianischen Patriarchen; und die Bischöfe, die er zu Mosul weihte, nahmen die Gefahren einer See- und Landreise auf sich, um zu ihren Sprengeln an der Küste Malabars zu gelangen. In ihrer syrischen Liturgie erwähnte man andächtig die Namen Theodor und Nestorius; gemeinsam beteten sie die beiden Naturen Christi an; die Benennung ›Gottesmutter‹ war ihren Ohren eine Beleidigung, und mit pedantischer Genauigkeit wogen sie den Umfang der der Jungfrau Maria erwiesene Verehrung, welche der Aberglauben der Römer fast in den Rang einer Göttin erhoben hatte. Als ihr Bildnis den Schülern des heiligen Thomas zum ersten Male vorgezeigt wurde, riefen sie mit Abneigung: »Wir sind Christen und keine Bilderverehrer.« Und ihre schlichte Andacht gab sich mit der Verehrung des Kreuzes zufrieden. Ihre Trennung vom Westen hatte sie in Unkenntnis der Veränderungen oder besser: der Verderbnis eines ganzen Jahrtausends belassen. Und ihre Nähe zu der Glaubenspraxis des fünften Jahrhunderts würde in gleicher Weise die Vorurteile eines Protestanten wie eines Papisten überfordert haben. Die erste Sorge der Diener Roms war es daher, allen Verkehr mit den nestorianischen Patriarchen zu unterbinden, und so starben denn mehrere Bischöfe in den Kerkern des Heiligen Officiums.

 

DIE JAHRE 1500-1663

Die Herde, ihres Hirten beraubt, wurde von der Macht der Portugiesen, vereint mit jesuitischer Tücke und dem Glaubenseifer des Bischofs Alexis de Menzis von Goa, bei seiner persönlichen Visitation der Küste von Malabar überrannt. Die Synode von Diamper, wo er den Vorsitz führte, vollendete das gottselige Werk der Zwangsvereinigung; mit Nachdruck wurden die Doktrin und die Zucht der römischen Kirche aufgenötigt, auch vergaß man nicht die Ohrenbeichte, dieses wirksamste aller geistlichen Folterwerkzeuge. Das Andenken an Theodorus und Nestorius ward geächtet und Malabar unter die Herrschaft des Papstes, des Primas und der Jesuiten gezwungen, die sich des Sitzes von Angamals oder Kranganor bemächtigt hatten.

Geduldig ertrug man sechzig Jahre Knechtschaft und Verlogenheit, sobald aber das portugiesische Reich durch den Mut und die Umtriebigkeit der Niederlande erschüttert wurde, behaupteten sich die Nestorianer mit Mut und Erfolg für die Religion ihrer Väter. Die Jesuiten waren außerstande, die Macht zu verteidigen, die sie zuvor missbraucht hatten; die Waffen von vierzigtausend Christen richteten sich gegen ihre hinsinkenden Tyrannen; und der Archidiakon von Indien nahm vorübergehend die Stellung eines Bischofs ein, bis eine frische Lieferung bischöflicher Gaben und syrischer Glaubensboten von dem Patriarchen aus Babylon eintraf. Seit der Vertreibung der Portugiesen wird der nestorianische Glaube an der Küste von Malabar frei bekannt. Die holländischen und englischen Handelsgesellschaften sind offen für Toleranz; falls aber Verachtung bedrückender sein sollte als Unterdrückung, haben die Christen von St. Thomas allen Grund, sich über die kalte und schweigende Gleichgültigkeit der europäischen Glaubensbrüder zu beklagen Bezüglich der Christen von St. Thomas sehe man Assemann, Bibl. Orient. Bd. iv. p. 391–407, 435–451; Geddes, Church History of Malabar; und vor allen La Croze, Histoire du Christianisme des Indes, in 2 Bd, La Haye, 1758), ein gelehrtes und einleuchtendes Werk. Sie haben die portugiesischen und italienischen Nachrichten aus derselben Quelle geschöpft; und die jesuitischen Vorurteile werden durch die Protestanten hinlänglich richtig gestellt..

II. DIE JAKOBITEN

Die Geschichte der Monophysiten ist kürzer und weniger interessant als die der Nestorianer. Unter der Regierung des Zeno und des Anastasius fanden ihre gewitzten Anführer Zugang zum Ohr des Fürsten, usurpierten die Bischofsstühle des Ostens und drückten die syrischen Schulen auf ihrem heimatlichen Boden nieder. Die monophysitische Glaubensregel wurde mit ausgesuchter Klugheit von Severus, dem Patriarchen von Antiochia festgelegt; er verdammte in der Sprache des Henotikons die entgegengesetzte Ketzerei des Nestorius und Eutychus, behauptete gegen letztere die Wirklichkeit des Körpers Christi und zwang die Griechen zuzugeben, dass er ein Lügner sei, der die Wahrheit spreche ›...allein sprach er falsch-wahr...‹ ist der Ausdruck von Theodor in seinem Traktat über die Inkarnation, p. 245, 247, wie es von La Croze, (Hist. du Christianisme d'Ethiopie et d'Armenie, p. 35) zitiert wird und welcher vielleicht übereilt ausruft: »Quel pitoyable raisonnement!" (Was für eine jämmerliche Beweisführung). Renaudot hat (Hist. Patriarch. Alex. p. 127–138) die orientalischen Berichte des Severus berührt; und sein echtes Glaubensbekenntnis kann man in dem Briefe finden, den der jakobitische Patriarch von Alexandria, Johannes, im X. Jh an seinen Bruder, den Mennas von Alexandria geschrieben hatte (Asseman. Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 132–141.). Aber die Annäherung der Ideen wirkte nicht sedierend auf die Heftigkeit der Leidenschaften; jede Partei gab sich erstaunt, dass ihr blinder Gegner über einen so bedeutungslosen Unterschied überhaupt streiten könne; der Tyrann von Syrien erzwang den Glauben an sein Bekenntnis, und seine Herrschaft war mit dem Blut von dreihundertundfünfzig Mönchen besudelt, welche unter den Mauern von Apamea erschlagen wurden, wohl nicht ohne vorhergegangene Herausforderung und Widerstand von ihrer Seite (518) Epist. Archimandritarum et Monachorum Syriae Secundae ad Papam Hormisdam, Concil. Bd. v. p. 598–602. Die Tapferkeit des St. Sabas, ut leo animosus (wie ein zorniger Löwe), legt den Verdacht nahe, dass die Waffen dieser Mönche nicht immer rein geistlicher oder defensiver Natur waren (Baronius, A.D. 513, No. 7)..

Der Nachfolger des Anastasius pflanzte im Osten neuerlich die Fahne der Rechtgläubigkeit; Severus entfloh nach Ägypten; und sein Freund, der redegewandte Xenaias Assemanni (Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 10–46) und La Croze (Christianisme d'Ethiopie, p. 36–40) berichten die Geschichte des Xenaias oder Philoxenus, Bischhofs von Mabug oder Hierapolis in Syrien. Er war ein meisterlicher Kenner der syrischen Sprache und der Verfasser oder Herausgeber einer Übersetzung des NT., der vor den Nestorianern Persiens entfliehen musste, wurde in seinem Exil von den Melchiten Paphlagoniens erwürgt. Vierundfünfzig Bischöfe wurden von ihren Sitzen gestürzt, achthundert Kleriker ins Gefängnis geworfen Namen und Titel der 54 von Iustinus verbannten Bischöfe sind in der Chronik des Dionysius bewahrt (apud Asseman. Bd. ii. p. 54). Severus wurde persönlich nach Konstantinopel zitiert – zu einem Verhör, sagt Liberatus (Brev. 19); – damit ihm die Zunge herausgeschnitten werde, sagt Evagrius (4,4). Der vorbedachte Patriarch verweilte nicht, den Unterschied herauszufinden. Diese kirchliche Revolution setzte Pagi in den September 518 (Critica, Bd. ii. p. 506). und ungeachtet der zweideutigen Gunstbezeigungen der Theodora hätten die orientalischen Herden, ihrer Hirten ledig, allmählich verhungern oder infiziert worden sein müssen. In dieser geistlichen Notlage wurde die dahinsiechende Partei wiederbelebt, vereint und fortgesetzt durch die Anstrengungen eines einzigen Mönches; und der Name des Jakob Baradäus Die dunkle Geschichte des Jakob, oder Iacobus Baradaeus oder Zanzalust kann man sich zusammensuchen aus Eutychius, (Annal. Bd. ii. p. 144, 147), Renaudot, (Hist. Patriarch. Alex. p. 133) und Assemannus, (Bibliot. Orient. Bd. i. p. 424, Bd. ii. p. 62-69, 324–332, 414, Bd. iii. p. 385–388). Die Griechen scheinen ihn nicht zu kennen. Die Jakobiten selber leiten ihren Namen und Stammbaum lieber vom Apostel Jakob persönlich her. lebt in der Benennung ›Jakobiten‹ fort, ein vertrauter Missklang, der den englischsprachigen Leser aufhorchen lässt. Von den heiligen Bekennern in ihren Gefängnissen zu Konstantinopel erhielt er die Bestallung zum Bischof von Edessa und zum Apostel des Orients, und ebenso entspringt dieser unerschöpflichen Quelle die Ordination von achtzig Bischöfen, Priestern und Diakonen. Den raschen Lauf der glaubenseifrigen Missionare befeuerten die hurtigen Dromedare eines ergebenen Araberhäuptlings; Lehre und Kirchenzucht der Jakobiten wurde unbemerkt in Iustinians Land verwurzelt, und so war jeder Jakobit gezwungen, die Gesetze zu übertreten und den römischen Gesetzgeber zu hassen.

Die Nachfolger des Severus, mögen sie nun in Klöstern oder Dörfern sich verborgen halten, mögen sie ihre geächteten Häupter in den Höhlen der Einsiedler bergen oder in den Zelten der Sarazenen, behaupteten unverdrossen und behaupten noch heute ihr unveräußerliches Recht auf den Titel, den Rang und die Privilegien des Patriarchen von Antiochia; unter der milderen Herrschaft der Ungläubigen siedeln sie ungefähr eine Meile von Merdin im lieblichen Kloster Zapharan, das sie durch Zellen, Wasserleitungen und Pflanzungen verschönert haben. Den zweiten, durchaus ehrenvollen Platz nimmt der Maphrian ein, der auf seinem Posten in Mosul sogar dem nestorianischen Katholikos die Stirn bietet, indem er mit ihm um den Vorrang im Osten streitet. Unter dem Patriarchen und Maphrian hat man in den verschiedenen Zeitaltern der jakobitischen Kirche 150 Erzbischöfe und Bischöfe gezählt, aber die hierarchische Ordnung ist erschlafft oder sogar aufgelöst, und die meisten Sprengel sind zurückgedrängt bis in die Nähe von Euphrat und Tigris.

Aleppo und Amida, welche Städte der Patriarch des Öfteren besucht, beherbergen einige reiche Kaufleute und gewerbefleißige Handwerksbetriebe, aber die Mehrheit gewinnt sein karges Einkommen aus seiner täglichen Arbeit: Armut und wohl auch Aberglauben sind die Ursachen für ihre überzogen Enthaltsamkeit; es sind fünf Fastenzeiten im Jahr, in welchen sich Geistliche und Laien nicht nur vom Fleisch und Eiern fernhalten, sondern auch vom Wein, Öl und Fisch. Gegenwärtig schätzt man sie auf fünfzig- bis achtzigtausend Seelen, der Rest einer ehemals starken Gemeinde, die unter den Widrigkeiten von zwölf Jahrhunderten allmählich kleiner geworden ist. Doch sind in dieser langen Zeit einige Fremde von Verdienst zum monophysischen Glauben konvertiert, und ein Jude war der Vater des Abulpharagius Die Geschichte dieses Mannes und seiner Schriften ist wohl das interessanteste Kapitel in der Bibliothek des Assemannu (Bd ii, p. 244-321) unter dem Namen Gregorius Bar-Hebroeus). La Croze (Christianisme d'Ethiopie, p. 53–63) macht das spanische Vorurteil gegen das jüdische Blut lächerlich, welches unbemerkt ihre Kirche und ihren Staat verunreinigt., Primas der Orients, dessen Leben und Sterben diesen Mann so wahrhaft auszeichnete.

In seinem Leben war er ein kunstfertiger Schriftsteller in arabischer und syrischer Sprache, ferner Dichter, Arzt, Historiker, scharfsinniger Philosoph und gemäßigter Gottesgelahrter. Nach seinem Tode waren bei seinem Leichenbegängnis sein Nebenbuhler, der nestorianische Patriarch, mit einer Gefolgschaft von Griechen und Armeniern zugegen, welche ihre Streitigkeiten vergaßen und über dem Grabe eines Feindes gemeinsame Tränen vergossen. Die Sekte jedoch, die sich mit Ablpharagius' Tugenden schmückte, scheint weniger bedeutend als ihre nestorianischen Brüder zu sein. Der Aberglaube der Jakobiten ist abwegiger, ihrer Fasten strenger Diese exzessive Abstinenz wird scharf kritisiert von La Croze, (p. 352) und sogar von dem Syrer Assemannus, (Bd. i. p. 226, Bd. ii. p. 304, 305)., ihre inneren Streitigkeiten häufiger und ihre Gelehrten, (soweit ich denn das Ausmaß des Unsinns ermessen kann) sind weiter entfernt von dem Bezirk, wo die Vernunft wohnt. Einiges davon geht wohl auf Rechnung der Strenge der monophysitischen Theologie, noch mehr aber dem Einfluss des obwaltenden Mönchlebens zuzuschreiben sein. In Syrien, Ägypten und Äthiopien haben sich die jakobitischen Mönche seit ehedem durch die Unerbittlichkeit Bußübungen ausgezeichnet sowie durch die Absurdität ihrer Legenden. Lebend oder tot werden sie als die Lieblinge der Gottheit verehrt; ihren ehrwürdigen Händen allein gebührt der Bischofs- oder Patriarchenstab; und sie maßen sich die Herrschaft über die Menschen an, während sie noch immer nach den Bräuchen und Vorurteilen des Klosters stinken Die Befindlichkeit der Monophysiten findet man vorzüglich dargestellt in einer Abhandlung am Anfang des 2. Bandes von Assemann, die 142 Seiten umfasst. Die syrische Chronik des Gregor Bar-Hebraeus, oder Abulpharagius, (Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 321–463) verfolgt die doppelte Reihe der nestorianischen Katholiken und der Maphrianer oder Jakobiten..

III. DIE MARONITEN

Der Sprachgebrauch der orientalischen Christen hat die Monotheleten aller Zeiten unter dem Oberbegriff der Maroniten Die synonyme Verwendung der beiden Worte kann man mit Eutychus belegen (Annal. Bd. ii. p. 191, 267, 332) sowiemit vergleichbaren Textstellen die man in Peacock, Methodische Tabelle nachsehen kann. Er wurde von keinem Vorurteil gegen die Maroniten des X. Jhs getrieben; und wir dürfen einem Melchiten glauben, dessen Zeugnis von den Jakobiten und Lateinern bekräftigt wurde. zusammengefasst, welcher Name unmerklich von einem Eremiten auf ein Kloster, von einem Kloster aber auf ein ganzes Volk übergegangen ist. Maron, ein Heiliger oder ein Wilder aus dem fünften Jahrhundert, ließ seinen religiösen Irrsinn in Syrien erblühen, und die konkurrierenden Städte Apamea und Emesa neideten sich seine Reliquien, über seinem Grabe ward ein prachtvolle Kirche errichtet, und 600 Jünger vereinten ihre vereinzelten Zellen an den Ufern des Orontes. Hinsichtlich der Inkarnationsfrage balancierten sie mit viel Geschick auf der Haarlinie zwischen der nestorianischen und der eutychischen Sekte: die verhängnisvolle Streitfrage über den einen Willen oder die eine Wirksamkeit in den zwei Naturen Christi indessen war eine Frucht ihres gelehrten Müßigganges. Der Kaiser Heraklius, ihr Gefolgsmann, ward vor den Mauern von Emesa als ein Maronit abgewiesen, fand aber Aufnahme im Kloster seiner Glaubensbrüder; und für ihre Unterrichtsstunden in Theologie zahlte er ihnen mit einer weitläufigen und ergiebigen Domäne.

Der Name und die Lehrmeinung dieser ehrbaren Schule fanden unter den Griechen und Syrern viele Anhänger, und den Eifer für ihre Sache gibt der Patriarch von Antiochia, Makarios, zu erkennen durch die Erklärung, dass er sich eher in Stücke hauen und ins Meer werfen lassen würde, bevor er den doppelten Willen Christi durch seine Unterschrift anerkennen würde Concil. Bd. vii. p. 780. Die monothelische Sache wurde von einem syrischen Priester aus Apamea, Konstantin, mit Standhaftigkeit und Scharfsinn vertreten (p. 1040ff).. Eine ähnliche oder auch weniger grausame Methode der Verfolgung bekehrte schon bald die friedfertigen Bewohner der Ebene, während die kühnen Gebirgsbewohner des Libanon ihren ruhmbesetzten Beinamen Mardaiten Theophanes (Chron. p. 295, 296, 300, 302, 306) und Cedrenus (p. 437, 440) berichten von den Taten der Mardaiten; der Name Mard (syrisch für ‚rebellavit') wird von La Roque (Voyage de la Syrie, Bd. ii. p. 53) erklärt; die Daten bestimmt Pagi (A.D. 676, No. 4–14, A.D. 685, No. 3, 4); und selbst die unklare Geschichte des Patriarchen Johannes Maron (Asseman. Bibliot. Orient. Bd. i. p. 496–520) erhellt für die Jahre 686-707 die Unruhen auf dem Libanon. oder Rebellen durch ihre Tapferkeit bewährten. Johannes Maron, einer der gelehrtesten und populärsten ihrer Mönche, nahm den Titel eines Patriarchen von Antiochia an, und sein Neffe Abraham verteidigte an der Spitze der Maroniten ihre bürgerlichen und religiösen Freiheiten gegen die Despoten des Ostens.

Der Sohn des rechtgläubigen Konstantin verfolgte mit frommen Hass ein Volk von Kriegern, das ein festes Bollwerk seines Reiches gegen die gemeinsamen Feinde Christi und Roms hätte abgeben können. Eine ganze Armee Griechen brach in Syrien ein; das St.Maron-Kloster wurde eingeäschert; die tapfersten Stammeshäuptlinge wurden verraten und ermordet; und zwölftausend ihrer Anhänger wurden an die fernen Grenzen zu Armenien und Thrakien umgesiedelt. Nur das schlichte Volk der Maroniten hatte das oströmische Reich überlebt und erfreut sich noch heute unter seinen türkischen Herren des freien Gottesdienstes und einer abgemilderten Knechtschaft. Ihre einheimischen Regenten erwählen sie sich aus dem alteingesessenen Adel; der Patriarch in seinem Kloster zu Canobin träumt sich noch immer noch auf seinem Thron in Antiochia; neun Bischöfe bilden seine Synode und einhundertundfünfzig Priester, die sich die Freiheit zu heiraten bis heute vorbehalten, kümmern sich um das Heil von einhunderttausend Seelen. Ihr Land erstreckt sich von der Kuppe des Libanon bis nach Tripolis; und der sanft abfallende Hang bietet auf engem Raum jede Abwechslung von Boden und Klima dar, angefangen mit der schneebedeckten Im vorigen (dem XVI.) Jh waren noch zwanzig große Zedern vorhanden (Voyage de la Roque, Bd. i. p. 68–76); gegenwärtig gibt es nur noch vier oder fünf (Volney, Bd. i. p. 264). Diese im Schrifttum so berühmten Bäume stehen bei Strafe der Exkommunikation unter Schutz: ihr Holz wurde in geringem Umfang für kleine Kreuze &c. entlehnt. In ihrem Schatten wurde jährlich eine Messe gelesen; und die Syrer statteten ihre Äste mit einer emporstrebenden Kraft aus, um den Schnee abzuschütteln, dem der Libanon weniger treu ist als Tacitus es schildert: inter ardores opacum fidumque nivibus (...während der Gluthitze schattig und treu zu den Schneemassen) – eine gewagte Metapher (für ›ewigen Schnee‹, Hist. 5,6). heiligen Zeder bis hin zum Weinstock, der Maulbeere und dem Olivenbaum des fruchtbringenden Tales. Im XII. Jh. schworen die Maroniten dem monothelitischen Irrtum ab und wurden mit den lateinischen Kirchen von Rom Das Zeugnis des Wilhelm von Tyrus (Hist. in Gestis Dei per Francos, l. xxii. c. 8, p. 1022) hat Jacques de Vitra, (Hist. Hierosolym. 2,77, p. 1093, 1094) abgeschrieben oder bestätigt. Doch erlosch dieses unnatürliche Bündnis mit der Macht der Franken. Und Abulpharagius, der 1286 starb sieht in den Maroniten eine monothelische Sekte (Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 292). und Antiochia wieder versöhnt, ein Bündnis, welches der Ehrgeiz der Päpste und die Not der Syrer noch häufig erneuern mussten. Doch darf man vernünftigerweise wohl fragen, ob denn ihre Vereinigung jemals vollständig und aufrichtig gewesen ist; und vergeblich haben sich die gelehrten Maroniten in Rom bemüht, ihre Vorväter von der Schuld des Schismas und der Ketzerei freizusprechen Ich finde eine Beschreibung und die Geschichte der Maroniten in Voyage de la Syrie et du Mont Liban par la Roque, (2 Bd., Amsterdam, 1723; besonders Bd. i. p. 42–47, p. 174–184, Bd. ii. p. 10–120). Im älteren Teil übernimmt er die Vorurteile von Nairon und übrigen Maroniten von Rom, welche Assemann aufzuschreiben Bedenken trägt und zu vertreten sich schämt. Jablonski, (Institut. Hist. Christ. Bd. iii. p. 186), Niebuhr, (Voyage de l'Arabie, Bd. ii. p. 346, 370–381) und besonders Volney, (Voyage en Egypte et en Syrie, Bd. ii. p. 8–31, Paris, 1787) sollte man heranziehen..

IV. DIE ARMENIER

Seit Konstantins Zeiten hatten die Armenier Die Religion der Armenier beschreibt in knappen Worten La Croze, (Hist. du Christ. de l'Ethiopie et de l'Armenie, p. 269–402). Er nimmt Bezug auf die große Geschichte Armeniens von Galanus, (3 vols. in fol., Rom, 1650–1661) und empfiehlt hinsichtlich des Zustandes Armeniens den 3. Bd. der Nouveaux Memoires des Missions du Levant. Das Werk eines Jesuiten, das la Croze lobt, muss gediegen und verdienstvoll sein. ihre Anhänglichkeit an die Religion und die Herrschaft der Christen bewährt. Die schlimmen Zustände in ihrem Vaterland und ihre Unkenntnis der griechischen Sprache bewahrten ihren Klerus davor, der Synode von Chalkedon beizuwohnen, und so befanden sie sich vierundachtzig Jahre Das Schisma der Armenier wird 84 Jahre nach Chalkedon gesetzt (Pagi, Critica, ad A.D. 535). Nach 17 Jahren war es vollendet; und vom 552 datieren wir die armenische Ära. (L'Art de verifier les Dates, p. xxxv.) in einem Zustand der Schwebe und des Abwartens, bis sich ihres unentschiedenen Glaubens endlich die Missionare des Julian von Halikarnass Die Meinungen und Taten des Julian von Halikarnass liest man bei Liberatus, (Brev. c. 19), Renaudot, (Hist. Patriarch. Alex. p. 132, 303) und Assemannus, (Bibliot. Orient. Bd. ii. Dissertat. Monophysitis, l. viii. p. 286). annahmen, welcher durch die Argumente oder den stärkeren Einfluss seines Gegners Severus, des monophysitischen Patriarchen von Antiochia in ihrem gemeinsamen Verbannungsort Ägypten besiegt worden war. Alleine die Armenier sind die wahren Jünger des Eutychus, eines glücklosen Vaters, den der größte Teil seiner geistlichen Kinder verleugnet hat. Alleine die Armenier beharren in der Meinung, dass Christus aus einem göttlichen und unverwesbaren Stoffe geschaffen sei oder sogar ohne eigene Erschaffung existiere. Ihre Gegner zeihen sie der Verehrung eines Truggebildes; und sie werfen die Anklage zurück, indem sie die Lästerungen der Jakobiten verfluchen, die der Gottheit die Schwächen des Fleisches, ja sogar natürliche Vorgänge wie Essen und Verdauung beilegen.

Aus der Zahl ihrer Bekenner und aus dem Grad ihrer Gelehrsamkeit ließ sich für die Religion der Armenier nur wenig Glanz ableiten. Zusammen mit der Entstehung ihres Schismas erlosch dieses Königtum, denn ihre christlichen Könige, welche im XIII. Jh. an der Grenze zu Kilikien erblühten und untergingen, waren lediglich die Schützlinge der Lateiner und die Vasallen des türkischen Sultans von Iconium. Selbst die Ruhe einer Knechtschaft war diesem hilflosen Volk nur selten gegönnt: Armenien war von Anfang an bis zum heutigen Tag der Schauplatz ununterbrochener Kriege; die Landschaft zwischen Tauris und Eriwan wurde durch die unmenschliche Politik der Sophis nahezu entvölkert und ungezählte christliche Familien in die entferntesten Regionen Persiens verpflanzt, um dort zu verderben oder irgendwie zu überleben. Unter der Fuchtel der Unterdrückung ist der Aberglaube der Armenier heftig und ungebrochen; oft genug zogen sie die Märtyrerkrone dem weißen Turban Mohammeds vor; mit Inbrunst hassten sie die Glaubensirrtümer und die Abgötterei der Griechen; und ihr kurzfristiges Bündnis mit den Lateinern ist ebenso frei von Wahrheit wie das Opfer der tausend Bischöfe, die ihr Patriarch dem römischen Pontifex zu Füßen legte Man sehe ein bemerkenswertes Faktum des XII Jh. in der Geschichte des Nicetas Choniates, (p. 258). Doch 300 Jahre zuvor hatte Photius (Epistol. ii. p. 49, edit. Montacut) mit der Bekehrung der Armenier geprahlt. ›Tut heute rechtgläubig Sklavendienst‹..

Der Katholikos oder Patriarch von Armenien residiert in dem Kloster Ekmiasin, drei französische Meilen von Eriwan. Siebenundvierzig Bischöfe, von denen jeder Anspruch auf den Gehorsam von drei bis vier Weihbischöfen hat, werden durch seine Hände geweiht; aber die meisten sind bloße Titularprälaten, die durch ihre Anwesenheit und ihre Dienste dem schlichten Zuschnitt seiner Residenz Würde verleihen sollen. Sobald sie die Liturgie verrichtet haben, gehen sie an die Gartenarbeit, und mit Erstaunen dürften unsere Bischöfe hören, dass die Einfachheit ihrer Lebensführung direkt proportional zu der Erhöhung ihres Ranges ist.

In den achtzigtausend Städten oder Dörfern seines geistlichen Reiches erhält der Patriarch von jedem Einwohner, der älter als fünfzehn Jahre ist, eine geringe und freiwillige Steuer; doch sind die jährlichen Einkünfte von 600.000 Kronen unzureichend, die immerwährenden Almosen oder Tribute zu bestreiten. Seit Beginn des vorigen Jahrhunderts haben die Armenier einen großen und ergiebigen Anteil am Orienthandel erlangt; auf dem Rückweg nach Europa macht die Karawane für gewöhnlich in der Nähe von Eriwan Halt; die Altäre werden mit den Früchten ihres unermüdlichen Fleißes versehen, und der Glaube des Eutyches wird in ihren neuen Gemeinden in der Diaspora und Polen gepredigt Reisende Armenier gehen den Weg aller Reisenden, und ihre Mutterkirche liegt auf der Landstraße zwischen zwischen Konstantinopel und Isphahan. Zu ihrem gegenwärtigen Stand siehe Fabricius (Lux Evangelii xxxviii. p. 40–51), Olearius, (4,40), Chardin, (Bd. ii. p. 232), Teurnefort (lettre xx) and, vor allen Tavernier, (Bd. i. p. 28–37, 510-518), jenen schweifenden Juwelier, der nichts gelesen, aber so vieles so genau beobachtet hat..

V. DIE KOPTEN ODER ÄGYPTER

In den anderen Teilen der römischen Reiches konnte der Despotismus eines Herrschers die Bekenner einer anstößigen Glaubensrichtung auslöschen oder wenigstens zum Schweigen bringen; aber Ägyptens halsstarriger Charakter behauptete sich in seinem Widerstand gegen das Konzil von Chalkedon, und die politische Strategie Iustinians fand sich bereit, die Gelegenheit einer Entzweiung abzuwarten und auszubeuten. Die monophysitische Kirche von Alexandria Die Geschichte der Patriarchen von Alexandria von Dioscorus bis zu Benjamin ist Renaudot (p.114-164) und dem zweiten Band der Annalen des Eutycius entnommen. wurde auf eine Zerreißprobe gestellt durch die Streitigkeiten zwischen den Verweslichen und Unverweslichen, und nach dem Tode des Patriarchen unterstützten beide Parteien ihren jeweiligen Kandidaten Liberat. Brev. c. 20, 23. Victor. Chron. p. 329 330. Procop. Anecdot. c. 26, 27.. Gaian war der Schüler Julians, Theodosius der Zögling des Severus: die Ansprüche des ersteren wurden durch die einhellige Zustimmung der Mönche, der Senatoren, der Stadt selbst und der Provinz getragen; der letztere führte seine frühere Weihe an, die Gunst der Kaiserin Theodora und die Heeresmacht des Eunuchen Narses, die in einem ehrenhaften Kriege bessere Verwendung gefunden hätte.

Die Verbannung des volkstümlichen Kandidaten nach Karthago und Sardinien verursachte in Alexandria unkontrollierbare Gärungen, und nach einem Schisma von 170 Jahren verehrten die Gaianiten nach wie vor das Andenken und die Glaubenssätze ihres Stifters. Die Möglichkeiten der zahlenmäßigen Übermacht gegen die Kriegskunst wurde in einem verzweifelten, blutigen Gefecht erprobt, die Straßen füllten sich mit toten Bürgern und Soldaten; die frommen Frauen bestiegen die Dächer und schleuderten von dort alle scharfen und schweren Hausgeräte den Feinden aufs Haupt; Narses verdankte seinen schließlichen Sieg nur den Flammen, mit denen er die dritte Metropole des römischen Reiches einäscherte. Doch hatte Iustinians Stellvertreter nicht für die Sache eines Ketzers gesiegt: Theodosius wurde schon bald, wenn auch mit Glimpf, seines Thrones entsetzt, und ein orthodoxer Mönch, Paul von Tanis, auf den Stuhl des Athanasius erhoben (538).

Alle Machtmittel einer Regierung wurden zu seiner Unterstützung aufgeboten; er durfte die Tribunen von Ägypten einsetzen oder entlassen; die von Diokletian bewilligte Brotverteilung wurde eingestellt, die Kirchen wurden geschlossen, und so wurde ein Volk von Schismatikern auf einen Schlag seiner geistlichen und körperlichen Nahrung beraubt. Im Gegenzug wurde dann der Tyrann durch des Volkes Glaubenseifer und Racheverlangen aus der Kirchengemeinschaft ausgestoßen, und niemand fand sich, seine erbärmlichen Melchiten ausgenommen, ihn als Menschen, als Christen oder als Bischof zu begrüßen. So blind aber macht der Ehrgeiz, dass Paul, der wegen einer Mordanklage vertrieben wurde, mit Hilfe einer Bestechungssumme von 700 Pfund Gold wieder auf den früheren Platz des Hasses und der Ehrlosigkeit zurückdrängte.

 

APOLLINARIS 551

Sein Nachfolger Apollinaris betrat die feindliche Stadt in militärischer Ordnung und war vorbereitet auf beides, zu beten und zu kämpfen. Seine Truppen wurden kampfbereit auf die Straßen der Stadt verteilt; die Tore der Kathedrale wurden bewacht, und eine handverlesene Abteilung besetzte den Chor, um die Person ihres Anführers zu schützen. Aufrecht stand er vor seinem Thron, dann warf er unvermittelt die Kriegstracht beiseite und stand in der Robe des Patriarchen von Alexandria vor der gaffenden Menge. Erstaunen ließ sie verstummen; aber kaum hatte Apollinaris damit begonnen, den Tomus von Leo zu verlesen, als eine Salve von Flüchen, Schmähungen und Steinen den verhassten Knecht des Kaisers und der Synode eindeckte. Augenblicklich ließ der Nachfolger der Apostel zum Angriff blasen; die Soldaten wateten bis zu den Knien im Blute, und zweihunderttausend Christen sollen durch das Schwert umgekommen sein: eine völlig unglaubwürdige Zahl selbst dann noch, wenn man sie vom Massaker eines einzigen Tages auf die achtzehn Regierungsjahre des Apollinaris umverteilen würde.

Zwei nachfolgende Patriarchen, Eulogius Eulogius, der Mönch in Antiochia gewesen war, tat sich mehr durch Scharfsinn als durch Beredsamkeit hervor. So beweist er, dass die Glaubensfeinde, die Gaianiten und Theodosianer nicht mit der Kirche ausgesöhnt werden dürfen; dass ein und derselbe Satz in Kyrills Mund orthodox und in Severus' ketzerisch sei; dass entgegengesetzte Behauptungen Leos gleich wahr sein usw. Seine Schriften sind verloren außer in den Auszügen des Photios, welcher sie mit Sorgfalt und Befriedigung gelesen hatte. ccviii. ccxxv. ccxxvi. ccxxvii. ccxxx. cclxxx. und Johannes Die Lebensbeschreibung von Johannes dem Almosengeber sehe man bei seinem Zeitgenossen Leontius aus Neapel auf Zypern, dessen griechischen Text, der entweder verloren oder versteckt ist, Baronius in lateinischer Übersetzung bietet. (A.D. 610, No.9, A.D. 620, No. 8). Pagi (Critica, Bd. ii. p. 763) und Fabricius (5,11, Bd. vii. p. 454) haben einige kritische Anmerkungen dazu gemacht. arbeiteten an der Bekehrung der Ketzer mit solchen Waffen und Gründen, die sich besser zu ihrem evangelischen Berufe schickten. Eulogius zeigte seine theologischen Kenntnisse in mancher Abhandlung, in denen er die Irrtümer des Eutychus und Severus vergröberte und zugleich versuchte, das diffuse Ungefähr von Kyrillos' Sprachduktus mit dem orthodoxen Glaubensbekenntnis Leos und der Konzilsväter von Chalkedon zu vereinbaren. Die milden Spenden von Johannes dem Almosengeber waren die Frucht entweder des Aberglaubens oder der Herzensgüte oder der Politik. 7.500 Bedürftige wurden auf seine Kosten unterhalten; er fand bei seiner Thronbesteigung im Kirchenschatz achttausend Pfund vor; zehntausend sammelte er dank der Milde der Gläubigen; und doch konnte sich der Primas in seinem Testament rühmen, dass er nicht mehr als den dreißigstens Teil, und den in der kleinsten Silbermünze, zurücklasse. – Die Kirchen Alexandrias wurden den Katholiken überhändigt, die Religion der Monophysiten in Ägyptenland war geächtet, und ein Gesetz ward erneuert, das alle Eingebornen von den Ehrenstellen und Vergünstigungen des Staates ausschloss.

 

IHRE TRENNUNG UND IHR VERFALL

Ein weiterer, wichtigerer Sieg stand noch aus, der über den Patriarchen, das Orakel und den Anführer der ägyptischen Kirche. Theodosius hatte den Drohungen und Angeboten Iustinians mit dem Mut eines Apostels oder eines Schwärmers widerstanden. »Von dieser Art,« erwiderte der Patriarch, »waren die Verheißungen des Versuchers, da er die Königreiche der Erde zeigte. Aber es ist mir meine Seele weit lieber als mein Leben oder eine Herrschaft. Die Kirche ist in der Hand eines Fürsten, der den Leib wohl töten kann; aber mein Gewissen gehört mir; und in Verbannung, Armut oder gar in Ketten werde ich fest im Glauben meiner heiligen Vorgänger Athanasius, Kyrillos und Dioskorus beharren. Fluch über den Tome Leos und die Synode von Chalkedon! Fluch all denen, die ihres Glaubens sind! Fluch ihnen jetzt und immerdar! Nackt kam ich aus meiner Mutter Schoß, nackt werde ich ins Grab sinken. Mögen die, welche Gott lieben, mir nachfolgen und ihre Erlösung suchen.«

Nachdem er seine Glaubensbrüder getröstet hatte, schiffte er sich nach Konstantinopel ein und ertrug in sechs aufeinander folgenden Unterredungen den fast unwiderstehlichen Druck der kaiserlichen Gegenwart. In Palast und Stadt fand seine Meinung günstige Aufnahme; Theodoras Einfluss stellte ihm ein sicheres Geleit und eine ehrenvolle Entlassung sicher, und er selbst beschloss seine Erdentage zwar nicht auf dem Thron, aber doch im Schoße seiner Heimat. Auf die Nachricht von seinem Tode gab Apollinaris dem Adel und Klerus anstößigerweise ein festliches Mahl, doch wurde seine Freude schon bald getrübt durch die Kunde von einer neuen Wahl; und während er sich immer noch den Reichtum Alexandrias gefallen ließ, herrschten seine Gegner in den Klöstern von Thebais und wurden durch freiwillige Spenden des Volkes unterhalten. Aus Theodosius' Asche erhob sich eine ununterbrochene Folge von Patriarchen, und die monophysitischen Gemeinden Syriens und Ägyptens wurden durch den Namen Jakobiten und durch die Gemeinschaft des Glaubens geeint. Aber derselbe Glaube, der zunächst nur einer kleinen Gemeinde von Syrern zugehört hatte, wurde nun über die ganze Masse des ägyptischen oder koptischen Volkes verbreitet, welches fast einstimmig die Beschlüsse von Chalkedon zurückwies.

Eintausend Jahre waren vergangen, seit Ägypten aufgehört hatte, ein Königreich zu sein, seitdem die Eroberer aus Asien und Europa ihren Fuß auf den willfährigen Nacken eines Volkes gestellt hatten, dessen alte Weisheit und Macht über alle historischen Urkunden hinausreicht. Der Konflikt zwischen Glaubenseifer und Verfolgung ließ ein paar Funken ihres Nationalgeistes wieder aufglimmen. Zusammen mit einer fremden Ketzerei schworen sie auch der Sprache und den Sitten der Griechen ab: jedweder Melchit galt ihnen ein Fremder, jeder Jakobit ein Bürger; Eheschließungen mit ihnen, selbst die von der Menschlichkeit gebotenen Dienste wurden als Todsünde verurteilt; die Einheimischen kündigten jede Pflichttreue gegen den Kaiser auf; und seine Anweisungen konnten in einiger Entfernung von Alexandria nur noch mit Hilfe militärischer Gewalt ausgeführt werden. Eine beherzte Kraftanstrengung hätte die Religion und die Freiheit Ägyptens vielleicht gerettet: ihre sechshundert Klöster hätten Myriaden von heiligen Kriegern entsenden können, die den Tod nicht fürchteten, da ihnen das Leben keine Freuden und Tröstungen mehr bot. Doch der Unterschied zwischen tätigem und duldendem Mut ist durch Erfahrung erhärtet: der Glaubensfanatiker, der lautlos die Qualen der Folter oder des Scheiterhaufens erduldet, bebt und flieht angesichts einer feindlichen Armee. Der verzagte Mut der Ägypter konnte sich Veränderungen allenfalls von einem neuen Herrscher erhoffen; Chosroes Waffen entvölkerten das Land; und dennoch erfreuten sich die Jakobiten einer kurzen, aber ungewissen Schonzeit.

 

BENJAMIN, PATRIARCH DER JAKOBITEN 625-661

Der Sieg des Kaisers Heraklius erneuerte die Verfolgungen, machte sie sogar noch drückender, und der Patriarch entwich erneut von Alexandria in die Wüste. Auf seiner Flucht sprach eine Stimme Benjamin Mut zu, welche ihm gebot, nach Verlauf von zehn Jahren die Hilfe eines fremden Volkes zu erwarten, welches – genau wie die Ägypter – der alte Ritus der Beschneidung auszeichne. Den Charakter dieser Befreier und die Natur dieser Befreiung werden wir zu gegebener Zeit näher kennen lernen; für den Augenblick überspringe ich elf Jahrhunderte, um das heutige Elend der Jakobiten in Ägypten zu betrachten. Das volkreiche Kairo gewährt ihrem armseligen Patriarchen und zehn verbliebenen Bischöfen eine Residenz oder vielmehr Unterschlupf; vierzig Klöster haben die Einfälle der Araber überlebt; und infolge von fortschreitender Knechtung und Apostasie sind die Kopten zu einer vernachlässigbaren Größe aus fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Familien zusammen geschrumpft Diese Zahl ist den genauen Recherches sur les Egyptiens et les Chinois, (Bd. ii. p. 192, 193) entnommen und klingen glaubwürdiger als die 600.000 antiken und 15.000 modernen Kopten des Gemelli Carreri. Cyril Lucar, der protestantische Patriarch von Konstantinopel, beklagt sich darüber, dass diese Ketzer zehnfach zahlreicher als seine orthodoxen Griechen seien, wobei er Homers ›Viele der Zehenten wohl entbehrten, mein ich, des Schenkens.‹ J.H. Voss, Ilias 2,128) als Ausdruck höchster Verachtung anwendet. (Fabric. Lux Evangelii, 740).: ein Haufen von illiteraten Bettlern, die ihren einzigen Trost aus dem noch größeren Elend des griechischen Patriarchen und seiner verschwindend kleinen Gemeinde schöpfen müssen Die Geschichte der Kopten, ihre Religion, Sitten &c findet man in dem buntscheckigen Werk des Abbé Renaudot, das weder Übersetzung noch Original ist; im Chronicon Orientale von Peter, einem Jakobiten; in den beiden Übersetzungen des Abraham Ecchellensis, Paris, 1651 und des John Simon Asseman, Venet. 1729. Diese Annalen reichen nicht weiter als bis in des XIII. Jh. hinab. Neuere Nachrichten suche man in den Reisebeschreibungen Ägyptens und in den Nouveaux Memoires des Missions du Levant. Im vorigen (17.) Jh. gab Joseph Abudacnus, ein geborener Kairoer zu Oxford auf 30 Seiten eine dürftige Historia Jacobitarum, 147, post p.150 heraus..

 

VI. DIE ABESSINIER UND NUBIER

Der Patriarch der Kopten, Rebell gegen die Caesaren und Sklave der Kalifen, rühmte sich immer noch des kindlichen Gehorsams der Könige Nubiens und Abessiniens. Er bezahlte für ihre Huldigung, indem er ihre Bedeutung vergrößerte; und so wurde dann dreist behauptet, dass sie hunderttausend Pferde und ebenso viele Kamele Um das Jahr 737. Siehe Renaudot, Hist. Patriarch. Alex p. 221, 222. Elmacin, Hist. Saracen. p. 99. mobilisieren könnten, dass ihre Hand die Gewässer des Nils ausgießen oder zurückhalten könnten Ludolph. Hist. Aethiopic. et Comment1,8. Renaudot Hist. Patriarch. Alex. p. 480ff. Diese Meinung, in Ägypten und Europa eingeführt durch die List der Kopten, die Prahlsucht der Abessinier und die Unkenntnis der Araber, hat auch nicht den leisesten Anschein von Wahrheit für sich: die Niederschlage Äthiopiens, die den Nil ansteigen lassen, fragen nicht beim Monarchen an. Wenn der Fluss bei Napata 3 Tagesreisen vom Roten Meer entfernt ist, (sie d'Anviilles Karten) würde ein Kanal, der ihn ablenken soll, die Möglichkeiten eines Kaisers erfordern und vermutlich noch überfordern.; und dass sogar in der diesseitigen Welt der Friede und der Wohlstand der Ägypter von der Fürsprache des Patriarchen abhänge. Während seiner Verbannung in Konstantinopel hatte Theodosius seiner Gönnerin empfohlen, die schwarzen Völker Nubiens vom Wendekreis des Krebses bis zu den Grenzen Abessiniens zu bekehren Die Abessinier, die immer noch das Aussehen und die olivenbraune Hautfarbe der Araber besitzen, liefern den Beweis, dass auch zweitausend Jahre nicht vermögend sind, die Farbe einer Menschenrasse zu verändern. Die Nubier, eine afrikanische Rasse, sind reine Neger, schwarz wie die im Senegal oder am Kongo, mit breiten Nasen, dicken Lippen und wolligen Haaren. (Buffon, Hist. Naturelle, tom. v. p. 117, 143, 144, 166, 219, edit. Paris, 1769). Die Antike betrachtete ohne sonderliche Aufmerksamkeit diese außerordentliche Erscheinung, die die Philosophen und Theologen der Gegenwart herausgefordert hat.. Indessen beargwöhnte der rechtgläubige Kaiser ihren Plan und suchte ihn zu hintertreiben. Die rivalisierenden Missionare, ein Melchit und ein Jakobit schifften gleichzeitig ein; doch fand die Kaiserin aus Gründen der Liebe oder der Angst wirkungsvolleren Gehorsam: der katholische Priester wurde von dem Statthalter von Thebais zurückgehalten, während der König von Nubien und sein Hofstaat in aller Eile in dem Glauben des Dioskorus getauft wurden. Iustinians saumselige Missionare wurden in allen Ehren empfangen und dann wieder entlassen: als sie aber die Ägypter der Ketzerei und des Verrates bezichtigten, antwortete der neubekehrte Mohr seiner Anweisung gemäß, niemals werde er seine Brüder, die echten Gläubigen, verraten noch sie den racheschnaubenden Dienern der chalkedonischen Synode ausliefern Asseman. Bibliot. Orient. Bd. i. p. 329..

Über mehrere Jahrhunderte werden die nubischen Bischöfe vom jakobitischen Patriarchen von Alexandria ernannt und geweiht: die Christentum herrschte bis in das XII. Jahrhundert vor, und noch heute sind einige Rituale und Ruinen in den verwilderten Städten von Sennaar und Dongola zu beschauen Das Christentum der Nubier (A.D. 1153) bestätigt der Sherif al Edrisi, fälschlich ausgegeben als der nubische Geograph (p.18), der sie als ein Volk von Jakobiten darstellt. Die Strahlen des historischen Lichtes, das uns in Ranaudots Historie überall begegnet (p. 178, 220–224, 281–286, 405, 434, 451, 464), liegen allesamt früher. Zum gegenwärtigen Zustand sehe man die Lettres Edifiantes (Recueil, iv) und Busching, (Bd. ix. p. 152–139, par Berenger).. Endlich aber machten die Nubier ihre Drohung wahr und kehrten zum Götzendienst zurück; die naturgegebenen Verhältnisse machten die Erlaubnis zur Polygamie erforderlich, und endlich haben sie den Triumph des Korans der Erniedrigung durch das Kreuz vorgezogen. Eine metaphysische Religion mag zu subtil für die Fassungskraft eines Mauren sein; doch kann man einen Schwarzen oder einen Papagei abrichten, die Worte des chalkedonischen oder monophysitischen Glaubensbekenntnisses nachzusprechen.

 

DIE ABESSINISCHE KIRCHE UM 530

Tiefere Wurzeln hatte das Christentum im abessinischen Reich geschlagen, und obgleich die Verbindung zur Mutterkirche von Alexandria bisweilen für 70, ja sogar 100 Jahre unterbrochen war, so erhielt diese ihren Abkömmling in einem Zustand der dauerhaften Bevormundung. Einst bildeten sieben Bischöfe die äthiopische Gemeinde: wären es zehn gewesen, hätten sie einen unanhängigen Primas wählen können: und tatsächlich war einer ihrer Könige bestrebt, seinem Bruder auf diesen Kirchen-Thron zu verhelfen. Indessen, die Absicht wurde bemerkt und die Vermehrung der Bischofsitze verweigert; etappenweise wurde das Bischofsamt auf den Abuna zurück geschnitten Der Abuna wird von den Lateinern inkorrekt mit dem Patriarchentitel versehen. Die Abessinier erkennen nur die vier Patriarchen an, und ihr Oberhaupt ist nichts anderes als ein Metropolit. Ludolph. Hist. Aethiopic. et Comment. 3,7). Die sieben Bischöfe des Renaudot, (p. 511,) welche A.D. 1131 nachgewiesen sind, sind dem Historiker unbekannt., das Haupt und den Stifter der abessinischen Priesterschaft. Der Patriarch besetzt jede erledigte Pfründe mit einem ägyptischen Mönch; und dem Volk erscheint jeder Ausländer ehrwürdiger und dem König weniger verdächtig. Im VI. Jahrhundert, als in Ägypten sich das Schisma verfestigt hatte, strebten die beiden rivalisierenden Oberhäupter mit Hilfe ihrer jeweiligen Gönner Theodora und Iustinian einander in der Eroberung dieser entlegenen und unabhängigen Provinz zuvor zu kommen.

Noch einmal siegte die größere Gewandtheit der Kaiserin. Und dann hat die fromme Theodora in dieser fernen Glaubensprovinz die Glaubenslehre und Kirchenzucht der Jakobiten etabliert Ich weiß nicht, warum Assemannus (Bibliot. Orient. Bd. ii. p. 384) diese denkbaren Missionen der Theodora nach Nubien und Äthiopien in Frage stellt. Die wenigen Notizen über Abessinien ergänzt Ranaudot (p. 336-341, 381, 382, 405, 443, &c., 452, 456, 463, 475, 480, 511, 525, 559–564) aus koptischen Autoren. Ludolphs Seele war ein vollständig unbeschriebenes Blatt.. Von allen Seiten eingekreist von ihren Glaubensfeinden schlummerten die Äthiopier fast eintausend Jahre und vergaßen die Welt, von der auch sie vergessen wurden. Erst die Portugiesen weckten sie wieder, welche, die Südspitze Afrikas umsegelnd, in Indien und im Roten Meer aufkreuzten, gleichsam, als wären sie aus den Lüften von einem fremden, fernen Planeten herabgesegelt. Im ersten Augenblick der Begegnung bemerkten die Untertanen Roms und Alexandrias die Ähnlichkeit stärker als die Unterschiede ihres Glaubens, und beide Völker erwarteten von einem Bündnis mit den christlichen Brüdern die handgreiflichsten Vorteile. In ihrer Abgeschiedenheit hatten sich die Äthiopier nachgerade zu Wilden zurückentwickelt. Mit ihren Schiffen, die bis nach Ceylon Handel getrieben hatten, getrauten sich kaum noch, die Flüsse Afrikas zu befahren; Axumes Ruinen lagen verödet, die Bevölkerung verstreute sich auf Dörfer, und ihr Kaiser – ein pompöser Titel! – begnügte sich in Kriegs- und Friedenszeiten mit einem stationären Lager.

Im richtigen Bewusstsein ihrer eigenen Rückständigkeit hatten sie den vernünftigen Beschluss gefasst, die Künste und Gewerbe der Europäer in ihr Land zu holen Ludolph. Hist. Aethiop. l. iv. c. 5. Die wichtigsten Künste werden heute von Juden ausgeübt, und der Außenhandel ist in den Händen der Armenier. Was Gregor am meisten bewunderte und beneidete, war europäisches Gewerbe – artes et opificia (Künste und Handwerk).; und so waren ihre Gesandten angewiesen, in Lissabon und Rom um eine Kolonie von Schmieden, Zimmerern, Ziegelstreichern, Maurern, Buchdruckern, Chirurgen und Ärzten zu unterhandeln. Aber die allgemeine Gefahr machte schon bald unverzügliche und umfängliche Hilfe von Waffen und Soldaten notwendig, um ein kriegsentwöhntes Volk gegen die Barbaren, die das Innere verheerten, sowie gegen die Türken und Araber zu verteidigen, die mit furchtbaren Kolonnen von der Küste heranrückten. Äthiopien wurde durch ganze vierhundertundfünfzig Portugiesen gerettet, die im Kampfe die angeborene Tapferkeit der Europäer und zugleich die künstliche Stärke der Musketen und Kanonen bewährten.

Im Augenblick des Entsetzens hatte der Kaiser gelobt, sich und sein Volk mit dem katholischen Glauben auszusöhnen; ein lateinischer Patriarch vertrat die päpstliche Suprematie John Bermudez, dessen Erzählung, gedruckt 1569 in Lisabon, ins Englische von Purchas (Pilgrims7,7, p. 1149ff) und von da ins Französische übersetzt wurde von La Croze, (Christianisme d'Ethiopie, p. 92–265). Ein lesenswertes Stück. Aber der Verfgasser steht untzer dem Verdacht, dass er Abessinien, Rom und Portugal betrogen habe. Sein Reichstitel auf den Patriarchenrang ist ungewiss und zweifelhaft. (Ludolph. Comment. No. 101, p. 473).: man dachte, das Reich, das man sich zehnmal größer vorstellte, enthalte mehr Gold als alle Minen Amerikas; und man baute auf die freiwillige Unterwerfung der afrikanischen Christen die wüstesten Hoffnungen der Habgier und des Bekehrungseifers.

 

DIE JESUITENMISSION A.D. 1557

Doch von den Gelübden, die die Not abgepresst hatte, sagte man sich los, sobald die Lage sich beruhigt hatte. Die Abessinier hingen mii unerschütterter Treue dem monophysitischen Bekenntnis an; ihr lauer Glaube wurde durch die Einübung der Debattierkunst neu entflammt; dann belegten sie die Lateiner mit Ekelnamen wie Arianer oder Nestorianer und ziehen die, welche die beiden Naturen Christi trennten, der Anbetung von vier Göttern. Fremona, ein Ort der Anbetung oder wohl eher des Exils, wurde den Missionaren der Jesuiten zugewiesen. Ihre Kenntnisse in den mechanischen und freien Künsten, ihre Gelehrsamkeit in den theologischen Wissenschaften und ihr durchaus gesittetes Auftreten verschaffte ihnen eine Art von fruchtlosem Respekt; indessen, Wunder konnten sie nicht wirken Religio Romana...nec precibus patrum nec miraculis ab ipsis editis suffulciebatur, (die römische Religion wird weder durch die Gebete der Väter gefördert noch durch Wunder, die sie selbst vollbracht hat) ist die unwidersprochene Versicherung des ergebenen Kaisers Susneus an seinen Patriarchen Mendez (Ludolph. Comment. No. 126, p. 529); und derlei Zusicherung sollte als ein Gegengift gegen jederart Legenden wie ein Schatz gehütet werden., und ganz vergeblich drängten sie auf die Verstärkung der europäischen Truppen. Vierzig Jahre Geduld und Geschick verschaffte ihnen endlich ein aufmerksameres Gehör, und zwei abessinische Kaiser ließen sich bereden, dass Rom seinen Bekennern die weltliche und ewige Glückseligkeit sicherstellen könne. Der erste dieser königlichen Konvertiten verlor Krone und Leben; und die aufständische Armee wurde von Abuna gerechtfertigt, der auch einen Bannfluch gegen den Abtrünnigen schleuderte und seine Untertanen von dem Treueid entband.

Der Tod des Zadenghel wurde durch die Tapferkeit und das Glück des Susneus gerächt, der den Thron unter dem Namen Segued bestieg und das fromme Unterfangen seines Verwandten mit größerem Nachdruck fortsetzte. Nach den ungleichen verbalen Scheingefechten zwischen den Jesuiten und seinen unbedarften Priestern erklärte der Kaiser sich selbst zum Proselyten der Synode von Chalkedon unter der Voraussetzung, dass sein Klerus und sein Volk ohne Verzug der Religion ihres Fürsten beitreten würden. Im Anschluss an diese Wahlfreiheit gab es dann ein Gesetz, das bei Todesstrafe den Glauben an die beiden Naturen Christi vorschrieb; auch wurde den Abessiniern eingeschärft, am Sabbath zu spielen und zu arbeiten; und Segued selbst kündigte im Angesicht von Europa und Afrika seine Verbindung mit der Kirche Alexandrias (1626). Der Jesuit Alphonso Mendez, der katholische Patriarch von Äthiopien empfing im Auftrage von Urban VIII. die Huldigung und Abschwörung seines Beichtkindes.

»Ich bekenne,« so sprach der Kaiser im Knien, »ich bekenne, dass der Papst der Stellvertreter Christi, der Nachfolger Petri und der Gebieter der Welt ist. Ihm schwöre ich wahrhaften Gehorsam, und zu seinen Füßen lege ich meine Person und mein Reich nieder.« Einen vergleichbaren Eid wiederholte sein Sohn, dann sein Bruder, der Klerus, der Adel, die Hofdamen gar; der lateinische Patriarch wurde mit Ehrungen und Materiellem überschüttet; und seine Missionare errichteten ihre Kirchen oder Zitadellen an den strategisch günstigsten Punkten des Reiches. Die Jesuiten selbst beklagten die verhängnisvolle Torheit ihres Oberen, welcher die Milde des Evangeliums und die Politik seines Ordens außer Acht ließ und mit brutaler Hast die Liturgie Roms und die – Inquisition Portugals einführte. Er verdammte den uralten Brauch der Beschneidung, welche vor Zeiten in Äthiopiens Klima eher die Sorge um die Gesundheit als der Aberglaube hatte aufkommen lassen Ich bin mir bewusst, wie delikat das Problem der Beschneidung ist. Doch möchte ich behaupten: 1. Das die Äthiopier physische Gründe zur Beschneidung des Mannes und sogar der Frauen haben (Recherches Philosophiques sur les Americains, Bd. ii); 2. Dass sie in Äthiopien lange vor der Einführung des Judentums oder des Christentums üblich war (Herodot, 2,104. Marsham, Canon. Chron. p. 72, 73). "Infantes circumcidunt ob consuetudinemn, non ob Judaismum," (sie beschneiden Kinder aus Gewohnheit, nicht wegen des Judentums). Sagt der abessinische Priester Grgor (apud Fabric. Lux Christiana, p. 720). Doch wurden die Portugiesen in der Hitze der Auseinandersetzung zuweilen mit dem Namen der Unbeschnittenen belegt. La Croze, p. 90. Ludolph. Hist. und Comment.3,1).. Eine neue Weihe und Taufe wurde den Eingeborenen aufgezwungen; sie bebten vor Schauder, als ihre heiligsten Toten aus den Gräbern gerissen wurden und ihre erlauchtesten Lebenden von einem ausländischen Priester exkommuniziert wurden.

 

ENDGÜLTIGE VERTREIBUNG DER JESUITEN 1662

Zur Verteidigung ihrer Religion und ihrer Freiheit griffen die Abessinier zu den Waffen mit einem ebenso verzweifeltem wie erfolglosen Eifer. Fünf Erhebungen wurden mit dem Blute der Rebellen erstickt; zwei Abunas wurden im Kampf getötet, ganze Legionen im Felde niedergemacht oder in ihren Höhlen erwürgt; und weder konnten Verdienste oder Rang noch das Geschlecht die Feinde Roms vor einem schmachvollen Tod bewahren. Und doch wurde der siegreiche Monarch endlich durch das Stehvermögen seines Volkes, seiner Mutter, seines Sohnes und seiner besten Freunde besiegt. Segued hörte auf die Stimme der Vernunft, des Mitleids und vielleicht auch der Furcht; und sein Edikt zur Freiheit des Gewissens enthüllte in einem Augenblick die Tyrannei und die Schwäche der Jesuiten. Nach seines Vaters Tod verjagte Basilides den lateinischen Patriarchen und gab seinem Volk entsprechend seinen Wünschen den Glauben und die Kirchenzucht Ägyptens zurück. In den monophysitischen Kirchen erklangen Hymnen des Sieges, »dass die Schafe Äthiopiens nun endlich von den Hyänen des Westens befreit seien.«

Und die Tore dieses einsamen Reiches blieben den Künsten, den Wissenschaften und dem Fanatismus Europas für alle Zeiten verschlossen Die drei protestantischen Historiker Ludolphus, (Hist. Aethiopica, Frankfurt. 1681; Commentarius, 1691; Relatio Nova, 1693, in folio), Geddes (Church History of Aethiopia, London, 1696, in 8vo.) und La Croze, (Hist. du Christianisme d'Ethiopie et d'Armenie, La Haye, 1739, in 12mo.) haben ihr wichtigstes Material vorwiegend aus den Texten der Jesuiten geschöpft, besonders aus General History of Tellez, veröffentlicht in Portugal, Coimbra, 1660. Wir sollten ihren Freimut bewundern, doch war ihr schlimmstes Laster, ihre Verfolgungswut in ihrer Wahrnehmung ihre größte Tugend. Ludolphus besaß einen wenn auch nur geringfügigen Vorzug durch seine Kenntnisse der äthiopischen Sprache und durch seinen persönlichen Umgang mit Gregor, einem freidenkenden abessinischen Priester, den er von Rom aus an des Hofzu Sachsen-Gotha einlud. Siehe auch die Theologia Aethiopica des Gregory, in (Fabric. Lux Evangelii, p. 716–734.).








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