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Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 44

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 44 - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 44
publisherprojekt.gutenberg.de
year2013
firstpub2013
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20130916
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 5. Band – Kapitel 44

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XLIV

ABRISS DES RÖMISCHEN RECHTS · GESETZE DER KÖNIGE · DAS ZWÖLFTAFELGESETZ · DIE GESETZE DES VOLKES · DIE SENATSBESCHLÜSSE · EDIKTE DER PRÄTOREN UND KAISER · MACHTBEFUGNISSE DER ZIVILISTEN · JUSTINIANS GESETZBUCH, PANDEKTEN, NOVELLEN UND INSTITUTIONEN: I. PERSONENRECHT – II. SACHENRECHT – III. PRIVATE VERGEHEN UND KLAGEN – IV. VERBRECHEN UND STRAFEN

BÜRGERLICHES ODER RÖMISCHES RECHT

Die nichtigen Ehreninschriften von Justinians militärischen Siegen sind mittlerweile Staub: aber unvergänglich und schön ist sein Name in sein Denkmal als Gesetzgeber eingemeißelt. Unter seiner Herrschaft und durch seine Obsorge wurde die bürgerliche Rechtswissenschaft in den unsterblichen Werken des Kodex, der Pandekten und der Institutionen geordnet Die Zivilrechtler aus finsteren Zeiten haben eine absurde und unbegreifliche Zitiermethode etabliert, die, durch ich Alter ehrwürdig, noch heute üblich ist. Wenn sie den Codex, die Pandekten und die Institutionen anführen, so nennen sie nicht die Nummer des Buches, sondern nur des Gesetzes (bei den Pandekten die ausgezogenen Stellen oder das Fragment) und begnügen sich damit, die ersten Worte des zugehörigen Titels (der Überschrift) und der Sammlung selbst anzugeben; von diesen Titeln aber gibt es mehr als tausend: in den Institutionen 99, in den Pandekten 431, im Codex 763. Ludwig (Vita Justitiani p. 268) wollte dieses Joch der Pedanterie abschütteln; und ich habe es gewagt, die einfache Methode zu verwenden und die Nummer des Buches, des Titels und des Gesetzes zu nennen.: Roms Staats-Weisheit wurde den einheimischen Einrichtungen Europas unbemerkt oder planmäßig eingefügt Deutschland, Böhmen, Ungarn, Polen und Schottland haben sie als gemeines Recht oder Rechtsgrund angenommen; in Frankreich, Italien usw. besitzen sie direkten oder indirekten Einfluss, und in England wurden sie von Stephan bis auf Edward I., unserem heimischen Justinian, zumindest beachtet. (Duck. de Usu et Auctoritate Juris Civilis, 2, c. 1, 8–15. Heineccius, Hist. Juris Germanici, c. 3, 4, No. 55-124, und die Rechtsgeschichte der jeweiligen Nationen.), und noch heute fordern die Gesetze Justinians den Gehorsam und den Respekt unabhängiger Völker. Weise ist der Herrscher zu nennen und glücklich, wenn er seinen Ruf mit der Anerkennung und der Zielsetzung einer ewigen menschlichen Ordnung verknüpft. Die Verteidigung ihres Stifters ist das wichtigste Anliegen, welches den Eifer und den Fleiß der Rechtsgelehrten in jedem Zeitalter aufgerufen hat. Man gedenkt seiner Tugenden in Andacht; leugnet oder verheimlicht seine Fehler; und mit Strenge geht man vor gegen jeden, der aus Vorsatz oder Torheit mit frevelnder Hand die Majestät des Purpurs zu besudeln sich erfrecht. Wie es zu gehen pflegt, hat auch hier die götzendienerische Liebe zum entschiedenem Widerspruch aufgereizt; der Charakter Justinians ist der blindgläubiger Schmeichelei ebenso ausgesetzt gewesen wie der Schmähung; und die Niedertracht einer Sekte (der Anti-Tribonianer) hat dem Herrscher, seinen Helfern und seinen Gesetzen jedwedes Verdienst abgesprochen Francis Hottoman, ein gelehrter und spitzfindiger Jurist des XVI. Jhs. möchte Cujacius kränken und zugleich dem Chancellor de l'Hopital eine Freude machen. Sein Anti-Tribonianus (welche Schrift ich mir nie habe besorgen können) erschien 1609 in französischer Sprache, und seine Sekte breitete sich in Deutschland aus (Heineccius, Op. Band 3, Sylloge 3, p. 171–183)..Zu keiner Partei gehörig, an nichts anderem als an der objektiven historischen Wahrheit interessiert und geleitet nur von den umsichtigsten und kundigsten Führern An erster Stelle möchte ich hier respektvoll den gelehrten und scharfblickenden Heineccius nennen, ein deutscher Professor, der 1741 zu Halle verstarb (man sehe seinen Nachruf in der Nouvelle Bibliotheque Germanique, tom. 2, p. 51–64). Sein umfangreiches Werk wurde zu Genf 1743-1746 in acht Bänden gesammelt. Daneben habe ich folgende Abhandlungen herangezogen: 1. Historia Juris Romani et Germanici, Lugd. Batav. 1740, in 8 vo. 2. Syntagma Antiquitatum Romanam Jurisprudentiam illustrantium, 2 vols. in 8 vo. Traject. ad Rhenum. 3. Elementa Juris Civilis secundum Ordinem Institutionum, Lugd. Bat. 1751, in 8 vo. 4. Elementa J. C. secundum Ordinem Pandectarum Traject. 1772, in 8vo. 2 vols., nähere ich mich mit begründetem Misstrauen in meine Kräfte dem Gegenstand des bürgerlichen Rechts, welches so viele Gelehrtenleben erschöpft und die Regale so vieler geräumiger Bibliotheken zugestellt hat. In einem nach Möglichkeit kurzgefassten Abschnitt will ich die römische Jurisprudenz von Romulus bis auf Justinian Unser grundlegender Text ist das Fragment de Origine Juris (Pandect. l. i. tit. ii.) des Pomponius, eines römischen Rechtslehrers, der unter den beiden Antoninen lebte (Heinecc. tom. iii. syl. iii. p. 66–126). Tribonian hat es verkürzt und vermutlich verfälscht, Bynkershoek (Opp. tom. i. p. 279–304) seitdem wieder hergestellt. skizzieren, die Leistung dieses Kaisers würdigen und danach innehalten, um die Grundlegungen einer Wissenschaft zu durchdenken, die für den Frieden und das Glück menschlicher Gesellschaften so bedeutungsvoll ist. Die Gesetze eines Volkes sind zugleich der lehrreichste Teil seiner Geschichte, und wenn ich mir auch vorgesetzt habe, die Annalen einer untergehenden Monarchie zu schreiben, will ich doch die Gelegenheit ergreifen, die saubere und gesunde republikanische Luft zu atmen.

GESETZE DER RÖMISCHEN KÖNIGE

Die ursprüngliche Regierung Roms Die römische Verfassungsgeschichte unter den Königen kann man im 1. Buch des Livius und ausführlicher noch bei Dionysius Halicarnassus, (51, p. 80–96, 119–130, 4, p. 198–220) studieren, der zuweilen den Charakter eines Redners und Griechen preisgibt. war, nicht ohne politisches Geschick, zusammengesetzt aus einem Wahlkönig, einem Rat der Edlen und einer allgemeinen Volksversammlung. Krieg und Religion lagen in den Händen des obersten Magistrates; und er allein schlug die Gesetze vor, die danach im Senat debattiert und endlich von einer Mehrheit in den dreißig Kurien oder Stadtbezirken gebilligt oder zurückgewiesen wurden. Romulus, Numa und Servius Tullius stehen als die ältesten Gesetzgeber rühmlich in Erinnerung; und jeder von ihnen beansprucht seinen besonderen Beitrag an einem der Teile des Rechtes Justus Lipsius (Opera 4, p. 279) hat diese dreifache Einteilung des Rechtes auf die genannten drei römischen Könige angewandt; Gravina hat sie übernommen (Origines Juris Civilis, p. 28, edit. Lips. 1737) und dessen deutscher Herausgeber Mascou erkennt sie widerwillig an.. Die Gesetze über die Ehe, die Kindererziehung und das Elternrecht, die die Natur vorgegeben zu haben scheint, werden der unverbildeten Weisheit des Romulus zugeschrieben. Das Völkerrecht und die Gesetze des Gottesdienstes, die Numa einbrachte, empfing er während seines nächtlichen Umgangs mit der Nymphe Egera. Das Zivilrecht endlich wird der Weltklugheit des Servius zugeschrieben: er wog die Rechte und das Vermögen von sieben Bürgerklassen und sicherte durch fünfzig neue Verordnungen die Einhaltung von Verträgen und die Bestrafung von Verbrechen.

Der Staat, den er in die Richtung auf eine Demokratie hingelenkt hatte, verkam unter den letzten Tarquiniern zu einem gesetzlosen Despotismus. Doch als das Königtum abgeschafft war, rafften die Patrizier die Wohltaten der Freiheit an sich. Die Gesetze der Könige waren verhasst oder wurden allmählich vergessen; Priester und Adel bewahrten schweigend die geheimnisvolle Hinterlassenschaft, und noch nach sechzig Jahren klagten Roms Bürger, dass sie nach ganz willkürlichen Maßregeln der Obrigkeiten regiert würden. Inzwischen aber hatten die positiven Einrichtungen der Könige sich mit den öffentlichen Gebräuchen und den privaten Gepflogenheiten verwoben; einige Restbestände dieser altehrwürdigen Jurisprudenz Der älteste Kodex der Digesten hieß nach Papirius, dem ersten Kompilator, Ius Papirianum, der um die Zeit nach der Verbannung der Könige lebte. (Pandect. 1, tit. II). Die klügsten Gelehrten, selbst Bynkershoek (Bd. 1, p. 284, 285) und Heineccius, (Hist. J. C. R. 1,16 und 17, und Opp. Bd. 3, Sylloge iv. p. 1–8) schenken dieser Fabel des Pomponius Glauben, ohne ausreichend den Wert und die Seltenheit eines solchen Dokumentes aus dem III. Jh. der ungelehrten Stadt zu bedenken. Ich argwöhne, dass der Pontifex maximus Caius Papirius, der die Gesetze des Numa wiederbelebte (Dionys. Hal. 3, p. 171), nur eine mündliche Überlieferung begründete, und dass das Ius Papirianum des Granius Flaccus (Pandect. l. L. tit. xvi. leg. 144) nicht ein Kommentar, sondern ein eigenständiges Werk aus Caesars Zeiten war (Censorin. de Die Natali, 3, p. 13, Duker de Latinitate J. C. p. 154). haben fleißige Altertumsforscher gesammelt Ein prächtiger, wenngleich schwächlicher Versuch zur Wiederherstellung des Originals wurde gemacht in der Histoire de la Jurisprudence Romaine of Terasson, p. 22–72, Paris, 1750, im Folioformat; ein Werk, welches mehr verspricht als hält., und in mehr als zwanzig Texten finden wir noch die grobe pelasgische Mundart der Latiner Im Jahre 1444 wurden 7 oder 8 Kupfertafeln zwischen Cortona und Gubio ausgegraben. Ein Teil von ihnen (der Rest ist in etruskischer Sprache) zeigt den ursprünglichen Zustand der pelasgischen Sprache und Schrift, die Herodot (1, 56ff.) diesem Distrikt Italiens zuschreibt, obwohl diese schwierige Stelle von einem Crestona in Thrakien erklärt werden kann (Notes de Larcher, tom. i. p. 256–261). Der rohe Dialekt der eugubinischen Tafeln hat die Divinationskräfte der Gelehrten mobilisiert und mag sie nach die vor in die Irre führen; aber die Wurzel ist unstreitig Lateinisch, ebenso alt und ebenso geartet wie das Saliare Carmen, welches zu Horaz' Zeiten kein Mensch mehr verstand. Durch Beimengungen des dorischen und aeolischen Griechisch reifte das Römische allmählich zu dem Stil heran, der auf den Zwölf Tafeln, der Duilischen Säule, bei Ennius, Terenz und Cicero zu finden ist. (Gruter. Inscript. Bd.1, p. cxlii. Scipion Maffei, Istoria Diplomatica, p. 241–258. Bibliotheque Italique, Bd.3, p. 30–41, 174–205. Bd. 14, p. 1–52.).

DAS ZWÖLFTAFELGESETZ DER DECEMVIRN

Ich werde jetzt nicht die wohlbekannte Geschichte der Decemvirn Vergleiche Livius 3,31-59 mit Dionysius Harlicarnassus 10, p. 644 – 11, p. 691. Wie bündig und lebhaft ist doch der Römer – und wie ausufernd und leblos der Grieche! Und dennoch hat er die Meister der historischen Kunst beurteilt und deren Regeln aufgestellt. wiederholen, welche durch ihre eigenen Taten den Ruhm besudelt haben, die römischen Gesetze der Zwölf Tafeln in Erz, Holz oder Elfenbein eingegraben zu haben Aus den Historikern weiß Heineccius (Hist. J. R. 1, No. 26) sicher, dass die Zwölf Tafeln von Erz (aereas) waren; bei Pomponius lesen wir eboreas, wofür Scaliger roboreas gesetzt hat (Bynkershoek p. 286). Holz, Erz, Elfenbein wurde vielleicht nacheinander dazu verwendet.. Diese hatte der strenge und eifersüchtige Geist der Aristokratie diktiert, die den berechtigten Forderungen des Volkes nur sehr ungern nachgegeben hatten. Aber im Kern waren die Zwölf Tafeln dem Zustand des Staates angemessen, und nur deshalb hatten sich die Römer aus dem Zustand der Barbarei erhoben, weil sie imstande waren, die Einrichtungen ihrer aufgeklärteren Nachbarn zu studieren und zu kopieren. Einen Weisen aus Ephesos hatte Missgunst aus seiner Heimatstadt vertrieben; bevor er die Küste Latiums erreichte, hatte er die Menschennatur und ihre Gesellschaftsformen in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen zu studieren Gelegenheit gehabt: er teilte sein Wissen mit den römischen Gesetzgebern, und eine Statue auf dem Forum wurde dem immerwährenden Andenken an den Hermodoros errichtet Sein Exil wird erwähnt bei Cicero (Tusc. Quaest. 36); seine Statue von Plinius (Nat. His. 34,11). Brief, Traum und Prophezeiung des Heraklit sind gleichermaßen unecht..

Die Namen und die Stückelung der Kupfermünzen, der einzigen Währung des jugendlichen Staates, waren dorischen Ursprunges Die komplizierte Materie der sizilianischen und römischen Währung ist von Dr. Bentley (Dissertation on the Epistles of Phalaris, p. 427–479) mit viel Geschicklichkeit erörtert worden. Seine Kräfte wurden bei dieser Darstellung allerdings von Ehrsucht und Ingrimm befeuert.: die Ernten von Kampanien und Sizilien halfen die Bedürfnisse eines Volke zu decken, deren eigener Ackerbau infolge von Krieg und Bürgerkrieg häufig genug darnieder lag; und da der Handel nun einmal in Schwung gekommen war Die Römer und ihre Alliierten segelten bis an das schöne Vorgebirge von Afrika (Polyb. 3, p.117, ed. Casaubon, Folio). Ihre Fahrten nach Cumae etc werden von Livius und Dionysios erwähnt., so mochten die Beauftragten, die aus dem Tiber abgesegelt waren, von den angesegelten Häfen ebenso gut mit einer wertvolleren Ladung politischer Weisheit zurückkehren. Die Kolonien von Magna Graeca hatten die Künste ihres Mutterlandes mitgenommen und weiter ausgebaut. Cumae und Rhegium, Crotona und Tarent, Agrigent und Syrakus zählten zu den mächtigsten Städten. Pythagoras' Schüler stellten ihre Philosophie in den Dienst ihrer Regierung; die ungeschriebenen Gesetze des Charondas bedienten sich der Hilfestellung der Dichtkunst und der Musik Dieser Umstand alleine würde das Altertum des Charondas, Gesetzgebers von Rhegium und Catana, beweisen, den ein befremdlicher Irrtum des Diodorus Siculus (Bd. 1, 12, p. 485-492) lange danach als den Stifter der Staatsverfassung von Thurium gepriesen hat., und Zaleukos ordnete die Republik der Lokrer, welche dann unverändert zweihundert Jahre Bestand hatte Zaleukos, dessen Existenz voreilig bestritten wurde, hat das Verdienst und den Ruhm, einen Haufen Gesindel, die Lokrer, in die tugendreichste und ordentlichste griechische Republik umgewandelt zu haben. (Siehe die beiden Memoirs des Baron de St. Croix, sur la Legislation de la Grande Grece, Mem. de l'Academie, Bd. 42, p. 276–333). Aber die Gesetze des Zaleukos und Charondas, die den Diodoros und Stobäus täuschten, sind das untergeschobene Machwerk eines pythagoräischen Sophisten, dessen Betrug erst der kritische Geist des Bentley aufgedeckt hat. (p. 335-377). Aus einem ähnlichen Grunde, dem Nationalstolz, neigen auch Livius und Dionysios der Auffassung zu, dass die Abgesandten Roms das Athen unter der weisen und ruhmseligen Regierung des Perikles besucht und die Gesetze Solons Eingang in die Zwölftafelgesetze gefunden hätten. Hätte wirklich eine solche Gesandtschaft der Barbaren Hesperiens bei den Athenern Aufnahme gefunden, dann hätte der Name Roms den Griechen noch vor der Herrschaft Alexanders bekannt sein müssen Ich nutze die Gelegenheit, den Fortgang des Austausches zwischen diesen beiden Völkern zu verfolgen. 1: Herodot und Thukydides (a.u.c. 300-350) kannten Rom offenkundig nicht. (Joseph. contra Appion Bd. 2,1,12, p. 444, edit. Havercamp). 2. Theopompus (a.u.c. 400, Plinius 3,9) erwähnt den Galliereinfall, welchen auch Heraclides Ponticus, (Plutarch in Camillo, p. 292, edit. H. Stephanus) in unbestimmter Terminologie andeutet. 3. Die historische oder auch fiktionale Gesandtschaft der Römer zu Alexander (a.u.c. 430) wird bekräftigt von Klitarchos, (Plin. 3,9), von Aristus und Asclepiades, (Arrian. 7, p. 294, 295) und von Memnon von Heraklea (bei Photium, cod. 224, p. 725), wenngleich Livius sie durch sein Stillschweigen in Abrede stellt. 4. Theophrastos (a.u.c. 440) primus externorum aliqua de Romanis diligentius scripsit (...hat als erster etwas über römische auswärtige Angelegenheiten geschrieben... (Plin. 3,9). 5. Lycophron (a.u.c. 480–500) streute den ersten Samen der Sage über eine trojanische Kolonie und die Fabel des Aeneas (Callandia 1226-1280) und »ihre künftige Herrschaft über Land und Meer«, eine kühne Prophezeiung noch vor Ende des ersten Punischen Krieges!; und noch den schwächsten Hinweis hätte die Forschung der nachfolgenden Zeiten ausgedeutet und hervorgehoben. Aber Athens Denkmäler schweigen; und außerdem scheint es wenig glaubhaft, dass die Patrizier Roms eine lange und gefährliche Seereise sollten auf sich genommen haben, um das reinste Muster einer Demokratie zu kopieren. Beim Vergleich der Gesetze Solons mit den Zwölftafelgesetzen kann man allerdings einige zufällige Übereinstimmungen ausmachen; Regeln, die die Natur und die Vernunft in jeder Gesellschaftsform entstehen lassen; Hinweise auf eine gemeinsame Herkunft von Ägypten und Phönizien Die zehnte Tafel, – de modo sepulturae – war von Solon entlehnt. (Cicero de Legibus, 2, 23–26): das furtem per lancem et licium conceptum (vgl. Anm.51) leitet Heineccius von den Sitten Athens her (Antiquitat. Rom. tom. ii. p. 167–175). Das Recht zur Tötung eines nächtlichen Diebes erteilten Moses, Solon und die Decemvirn. (Exodus 22,3. Demosthenes contra Timocratem, Bd. 1, p. 736, edit. Reiske. Macrob. Saturnalia1,4. Collatio Legum Mosaicarum et Romanatum, tit 7, No.1, p. 218, edit. Cannegieter.). Aber in allen Hauptzügen scheinen die Gesetzgeber Roms und Athens einander fremd, wo nicht entgegengesetzt zu sein.

ZWÖLFTAFELGESETZE – EIGENART UND WIRKUNG

Wie immer es sich nun mit Ursprung und Wert der Zwölf Tafeln verhalten haben mag Das Lob Diodors aus Bd. 1, 12, p. 494 wäre durch die »eleganti atque absoluta brevitate verborum» (Eleganz und präzise Knappheit des Textes) des Aulus Gellius, (Noct. Attic. 21, 1) angemessen übersetzt., unter den Römern erlangten sie jene blindgläubige und einseitige Wertschätzung, welche die Rechtskundigen aller Länder ihren Munizipialeinrichtungen zukommen lassen. Cicero Man höre Cicero (de legibus 2,23) und sein Sprachrohr Crassus (de Oratore 1, 43f.). empfiehlt ihr Studium als erquicklich und gleichermaßen unterrichtend. »Sie unterhalten den Geist durch das archaische Vokabular und das Bild vorvergangener Sitten; sie prägen die trefflichsten Grundsätze von Regierung und Moral ein; und ich stehe nicht an zu betonen, dass das kurze Werk der Decemvirn an innerem Wert ganze Bibliotheken griechischer Philosophie übertrifft. Wie bewundernswert» so fährt Cicero mit ehrlichem oder vielleicht auch erheucheltem Vorurteil fort, »ist doch die Weisheit unserer Vorväter! Wir allein sind die Meister der bürgerlichen Rechtskunde, und unsere Überlegenheit erstrahlt noch deutlicher, wenn wir es auf uns nehmen, einmal einen Blick auf die unbeholfene, fast schon alberne Gesetzgebung eines Drakon, Solon oder Lykurgs zu werfen.»

Die Zwölf Tafeln wurden der Jugend zur Bewahrung und den Alten zum Nachdenken anvertraut; sie wurden abgeschrieben und mit gelehrtem Fleiße erläutert; sie entkamen den Flammen der Gallier, lebten fort noch im Zeitalter Justinians, doch ihr späterer Verlust wurde durch die Bemühungen der modernen Kritik nur unvollkommen ersetzt Siehe Heineccius (Hist. J. R. No. 29–33). Ich habe mich der Restauration der Zwölf Tafeln durch Gravina (Origines J. C. p. 280–307) und Terrasson, (Hist. de la Jurisprudence Romaine, p. 94–205.) angeschlossen.. Obgleich nun diese ehrbaren Dokumente als die Richtschnur und Quelle der Gerechtigkeit galten Finis aequi juris (Vollendung (Ende?) der Rechtsgleichheit, Tacit. Annal. 3,27.) Fons omnis publici et privati juris (Quelle für jedwedes Privat- und Staatsrecht, T. Livius 3,34.), wurden sie schier erstickt von der Unmasse neuer Gesetze, welche sich nach Ablauf von fünf Jahrhunderten zu einem schlimmeren Übel angetürmt hatten als sämtliche Laster der Stadt »De principiis juris, et quibus modis ad hanc multitudinem infinitam ac varietatem legum perventum sit altius disseram.» (...ich würde weitergehend über den Ursprung des Rechtes Erörterungen anstellen und wie es zu dieser Unmasse und Vielfalt der Gesetze gekommen ist...Tacit. Annal. 3,25.) Diese tiefschürfende Untersuchung nimmt nur zwei Seiten ein, aber es sind Seiten von Tacitus. Im gleichen Sinne, aber kraftloser beklagt sich Livius (3,34), in hoc immenso aliarum super alias acervatarum legum cumulo, (...bei dem ungeheuren Wust an Gesetzen, die sich übereinander auftürmen...).. Dreitausend Erztafeln, die Gesetze von Senat und Volk, waren im Capitol niedergelegt Sueton, Vespasian 8., und einige dieser Gesetze, etwa die lex Iulia gegen Erpressung, enthielten mehr als einhundert Kapitel Cicero ad Familiares 8,8.. Die Decemvirn hatten es unterlassen, die Sanktionen des Zaleukos aufzunehmen, welche die Unversehrtheit seiner Republik sichergestellt hatte: Ein Lokrer, der ein neues Gesetz vorschlug, stand vor der Volksversammlung mit einem Strick um den Hals, und falls das Gesetz abgelehnt wurde, erdrosselte man der Neuerer auf der Stelle!

GESETZE DES VOLKES

In einer Versammlung von Zenturien, in welcher der Reichtum mehr Gewicht hatte als die Zahl der Stimmen, waren nicht nur die Decemvirn ernannt, sondern ach ihre Gesetze gebilligt worden. Die erste Klasse der Römer, die Eigentümer von hunderttausend Pfund Kupfer Dionysius mit Arbuthnot und den meisten Neuzeitlichen (außer Eisenschmidt de Ponderibus, p. 137–140) setzen 100.000 Asse 10.000 attischen Drachmen gleich, etwas mehr als dreihundert Pfund Sterling. Diese Berechnung passt aber nur auf die späteren Zeiten, als die Drachme auf 1/24 ihres ursprünglichen Gewichtes gefallen war: auch kann ich nicht glauben, dass in den ersten Jahrhunderten, wie groß auch der Mangel an Edelmetallen gewesen sein mag, ein Pfund Silber gegen 70 Pfund Kupfer oder Erz getauscht werden konnte. Einfacher und sicherer ist es, das Kupfer selbst nach den gegenwärtigen Preisen zu schätzen, und wenn man nun den Marktpreis und die Münze, unser gesetzliches (averdupois) und das römische Gewicht vergleicht, so kann das römische Pfund Kupfer einem englischen Schilling, mithin die 100.000 Asse der ersten römischen Vermögensklasse 5.000 Pfund Sterling gleichgesetzt werden. Dieselbe Rechnung würde zu dem Ergebnis führen, dass ein Ochse in Rom für 5 Pfund verkauft wurde, ein Schaf für zehn Schilling und ein Quarter Weizen für 1 Pfund und zehn Schillinge. (Festus, p. 330, edit. Dacier. Plin. Hist. Natur. 38,4): und ich sehe auch keinen Grund, solche Schlussfolgerungen zu verwerfen, die unsere Begriffe von der Armut der ersten Römer abmildern., erhielten achtundneunzig Wahlstimmen, und nur fünfundneunzig Stimmen blieben für die unteren sechs Klassen übrig, welche die berechnende Politik des Servius nach ihrem Vermögen eingeteilt hatte. Aber schon bald führten die Tribunen den unmittelbar einleuchtenden und volkstümlichen Grundsatz ein, dass jeder Bürger das gleiche Recht habe, die Gesetze in Kraft zu setzen, denen er schließlich zu gehorchen verpflichtet sei. Anstatt nach den Zenturien hielten sie die Versammlungen nach Tribus ab, und die Patrizier, die zunächst die Widerstrebenden gespielt hatten, unterwarfen sich schließlich den Beschlüssen einer Versammlung, in der ihre Stimme der des geringsten Plebejers gleich war. Indessen: solange ein Tribus nach dem anderen über schmale Brücken gehen musste Siehe die bewährten Autoren zu den römischen Comitien, besonders Sigonius und Beaufort. Spanheim (de Praestantia et Usu Numismatum, Bd 2, Dissert.10, p. 192, 193) zeigt auf einer eigenartigen Medaille die Cista, Pontes, Septa, Diribitor usw)., solange die Stimme laut abgegeben werden musste, war das Wahlverhalten jedes einzelnen Bürgers den Augen und Ohren seiner Freunde und Landsleute bloßgestellt: Der insolvente Schuldner orientierte sich an den Wünschen seines Gläubigers; der Klient würde sich geschämt haben, dem Befinden seines Patrons zuwider zu handeln; dem General folgte seine Veteranen auf dem Fuße; und der Anblick eines ehrachtbaren Staatsmannes war für die Menge ein lebendes Beispiel.

Eine neue Art der geheimen Abstimmung schaffte den Einfluss von Furcht und Scham, von Ehre und Eigennutz ab, und der Missbrauch dieser Freiheit erleichterte das Anwachsen von Anarchie und Despotismus Cicero erörtert diese staatsrechtliche Frage (de leg. 3,16-18) und schiebt seinem Bruder Quintus die Rolle zu, die beim Volke unpopulärste Meinung zu verteidigen.. Die Römer hatten nach Gleichheit gestrebt; sie wurden es durch die Gleichheit in der Knechtschaft; und die Tribus und Zenturien pflichteten mit ihrer förmlichen Zustimmung den Vorgaben des Augustus geduldig bei. Einmal, ein einziges Mal nur erlebte er einen ernstlichen und hartnäckigen Widerstand. Seine Untertanen hatten auf alle politischen Freiheiten verzichtet, aber die Freiheit ihres häuslichen, ihres privaten Lebens verteidigten sie. Ein Gesetz, welches die Verbindlichkeit der Ehe schärfen und ihre Bande stärken sollte, wurde mit Getöse zurückgewiesen. Propertius feierte in den Armen von Delia den Sieg der freien Liebe; und folglich wurde dieses Vorhaben solange suspendiert, bis der Welt ein neues und fügsameres Geschlecht entstanden war Prae tumultu recusantium perferre non potuit, (Gegen den Krawall der Ablehnungsfraktion konnte er es nicht durchbringen...Sueton, Augustus 34.) Siehe Propertius 2,6 Eleg. Heineccius hat in einer gesonderten Geschichte alles dargestellt, was zum Iulischen und Papia-Poppaeischen Gesetz gehört. (Op. Bd.7, Teil 1, p. 1–479).. Ein solches Beispiel war gar nicht erst nötig, um einen intelligenten Usurpator von dem Schädlichen jeder Volksversammlungen zu überzeugen; und deren Abschaffung, die Augustus in aller Stille vorbereitet hatte, wurde bei der Thronbesteigung seines Nachfolgers endgültig vollzogen, ohne Widerstand und ohne dass es überhaupt bemerkt worden wäre Tacitus, Annal. 1,15. Lipsius, Excursus E in Tacitum..

SENATSBESCHLÜSSE

Sechzigtausend plebejische Gesetzgeber, bedrohlich durch ihre Anzahl und harmlos durch ihre Armut, wurden durch sechshundert Senatoren abgelöst, deren Ehrenstellen, Güter und Leben von der kaiserlichen Gnade abhingen. Der Verlust ihrer exekutiven Gewalt wurde ihnen durch die Übernahme der legislativen erleichtert, und so konnte Ulpian nach der in zwei Jahrhunderten geübten Praxis behaupten, dass die Senatsbeschlüsse die Wirkung und Gültigkeit von Gesetzen erhalten hätten. In den Zeiten der freien Republik gaben oft genug die Stimmungen eines Augenblicks dem Volk die Entschließungen ein. Das cornelische, pompejische und julische Gesetz etwa waren durch die Stimme eines Einzigen gegen die vorherrschende Unordnung durchgesetzt worden; doch unter der Regierung der Kaiser setzte sich der Senat aus Beamten und Rechtsgelehrten zusammen, und in Fragen des Privatrechtes war die Redlichkeit ihres Urteils nur selten von Furcht oder Eigennutz umdunkelt Non ambigitur senatum ius facere posse (es steht außer Frage, dass der Senat Gesetze erlassen kann): dies ist Ulpians gegründete Meinung. (l. xvi. ad Edict. in Pandect. l. i. tit. iii. leg. 9.) Pomponius nennt die Comitien (Pandect. l. i. tit. ii. leg 9.) eine turba hominum (Menschenmasse)..

DIE EDIKTE DER PRÄTOREN

Dem Stillschweigen oder der Mehrdeutigkeit der Gesetze wurde durch gelegentliche Edikte von solchen Magistraten abgeholfen, welche staatliche Ehrenämter bekleideten Das ius honorarium des Prätors und anderer Beamter ist genau definiert im lateinischen Text der Institutionen (l. i. tit. ii. No. 7) und etwas unbestimmter in Theophils griechischer Paraphrase erläutert (p. 33-38, ed. Reitz), der das wichtige Wort honorarium unterschlägt.. Dieses alte, königliche Vorrecht ging entsprechend ihren Amtsbefugnissen auf die Konsuln und Diktatoren, die Zensoren und Prätoren über, und ein ähnliches Recht beanspruchten auch die Volkstribunen, Ädilen und Prokonsuln. In Rom und in den Provinzen wurden die Pflichten der Untertanen und die Absichten der regierenden Gouverneure durch Ausruf kundgetan und die bürgerliche Rechtswissenschaft durch die jährlichen Edikte des obersten Richters, des Prätors der Stadt, nachgebessert. Sobald er seinen Richterstuhl bestiegen hatte, ließ er durch einen Herold verkünden und anschließend noch einmal an eine weiße Wand aufschreiben, welchen Regeln er bei der Entscheidung strittiger Fälle zu folgen gewillt sei und welche Milderungen gegenüber der wörtlichen Auslegung alter Satzungen er nach billigem Ermessen gewähren wolle. Ein mehr auf die Monarchie passendes Prinzip des freien Ermessens wurde bereits in der Republik eingeführt: die Kunst, die Gesetze dem Worte nach zu bewahren und zugleich ihre Wirkungskraft aufzuweichen, wurde von aufeinander folgenden Prätoren vervollkommnet: man ersann Spitzfindigkeiten und Annahmen, um die klarsten Absichten der Decemvirn auszuhebeln, und wenn der Zweck nur heilsam war, dann durften die Mittel zuweilen auch ungereimt sein:

Der geheime oder vermutete Wunsch des Verstorbenen sollte dann mehr gelten als die gesetzliche Erbfolge und die vorgeschriebene Form des Testamentes; und der Kläger, dem keine Eigenschaft eines Erben zukam, nahm dennoch mit gleichem Vergnügen von einem menschenfreundlichen Prätor den Besitz der Güter seines verstorbenen Verwandten oder Wohltäters an. Bei der Ahndung von privatem Ungemach traten Vergütungen oder Geldbußen an die Stelle der veralteten Strenge der Zwölf Tafeln; Zeit und Raum wurden aufgehoben durch lebhafte Einbildungskraft; und die Einrede der Jugend, der Täuschung, der Gewaltanwendung hob die Verbindlichkeit eines nachteiligen Vertrages auf oder entpflichtete von seiner Vollziehung. Eine so unsichere und willkürliche Rechtspflege war dem übelsten Missbrauch ausgesetzt: Inhalt und Form des Rechtes waren häufig den tugendsamen Vorurteilen, dem Einfluss einer an sich löblichen Zuneigung oder auch den robusteren Auswirkungen des Eigeninteresses oder sogar der Rache ausgesetzt. Aber die Irrtümer und Verfehlungen eines Prätors erloschen zugleich mit seinem Amtsjahr; alleine die Grundsätze, die auch vor der Vernunft und in der Rechtspraxis bestanden hatten, wurden von den nachfolgenden Richtern übernommen. Die Vorgehensweise wurde durch die Lösung neuer Fälle festgesetzt, und die Versuchung, Recht zu beugen, wurde durch die lex Cornelia beiseite geräumt, da es den Prätor des jeweiligen Jahres zwang, nicht von Buchstaben und Geist seines gleich zu Beginn gemachten Ediktes abzuweichen Cassius Dio (Bd.1, 36, p.100) verlegt das immerwährende Edikt in das Jahr 686 der Stadt Rom. Ihre Etablierung fällt nach den acta diurna in das Jahr 585, welche nach den Papieren des Ludovicus Vives herausgegeben wurden. Für ihre Echtheit sprechen sich aus Pighius, (Annal. Rom Bd. 2, p. 377, 378), Graevius, (ad Sueton. p. 778), Dodwell, (Praelection. Cambden, p. 665) und Heineccius: aber ein einziges Wort deckt den Schwindel auf: scutum Cambricum (Moyle's Works, Band 1, p. 303.).

DAS IMMERWÄHRENDE EDIKT

Es blieb der Wissbegierde und der Gelehrsamkeit Hadrians aufgespart, ein Vorhaben zu vollenden, mit dem bereits Caesars Genie umgegangen war und durch dessen Vollendung in Form des immerwährenden Ediktes (Edictum perpetuum) die Prätur des großen Rechtsgelehrten Salvius Julianus unsterblich wurde. Dieses gut durchdachte Gesetzbuch wurde von Kaiser und Senat bestätigt, der ewige Widerspruch zwischen Gesetzestext und Billigkeit ausgesöhnt, und statt der Zwölftafeln ward das immerwährende Edikt zur unveränderlichen Richtschnur der bürgerlichen Rechtswissenschaft gemacht Die Geschichte der Edikte wurde verfasst und der Text des immerwährenden Ediktes rekonstruiert von der Meisterhand des Heineccius, (Opp. Bd.7, Teil 2, p. 1–564), auf dessen Forschungen ich mich getrost verlassen kann. In der Academy of Inscriptions hat Herr Bouchaud eine Reihe von Abhandlungen über diesen für das Recht und die Literatur so interessanten Gegenstand gegeben..

DIE KONSTITUTIONEN DER KAISER

Von Augustus bis Trajan begnügten sich die Caesaren in aller Bescheidenheit damit, ihre Edikte in den verschiedenen Ämtern bekannt zu machen, auch wurden die Episteln und Reden der Herrscher respektvoll in die Senatsbeschlüsse eingerückt. Hadrian Seine Gesetze stehen im Codex an erster Stelle. Siehe Dodwell, (Praelect. Cambden, p. 319–340), der sich von diesem Gegenstand in verworrener Lesart entfernt. scheint der Erste gewesen zu sein, der die legislative Gewalt ungeniert in ihrer ganzen Fülle an sich gerissen hat. Und diese Neuerung, die so gut zu seinem regsamen Geiste passte, wurde durch den duldenden Gehorsam seiner Zeit und seine lange Abwesenheit vom Regierungssitz noch gefördert. Die nachfolgenden Monarchen führten diese Politik fort, und so wurde nach Tertullians bitterer Metapher »der düstere und unwegsame Wald alter Gesetze durch die Axt kaiserlicher Mandate und Konstitutionen ausgeholzt »Totam illam veterem et squalentem sylvam legum novis principalium rescriptorum et edictorum securibus truncatis et caeditis;» (Apologet. c. 4, p. 50, edit. Havercamp). Dann lobt er die Verwegenheit des Severus, der erst kürzlich nutzlose oder sogar gefährliche Gesetze abgeschafft habe, ihres Alters oder Ansehens ungeachtet.

Vier Jahrhunderte, von Hadrian bis auf Justinian wurde nun das Staats- und Privatrecht durch den kaiserlichen Willen geformt, und nur wenige Einrichtungen, menschliche und göttliche, blieben unangetastet. Der Ursprung der kaiserlichen Gesetzgebung geriet in Vergessenheit in solchen finsteren Zeiten des bewaffneten Despotismus'; und durch die Knechtssinnigkeit oder vielleicht auch infolge der Unwissenheit der Rechtsgelehrten, die in der Gnadensonne des römischen oder byzantinischen Hofes gediehen, wurden zwei Fiktionen verbreitet:

1: Auf Ansuchen der alten Caesaren hatte ihnen der Senat oder das Volk zuweilen eine persönliche Ausnahme von der Verbindlichkeit oder der Bestrafung aus bestimmten Gesetzen zugebilligt; und jede derartige Ausnahmegenehmigung galt als ein Akt der Rechtsprechung des Staates über seinen ersten Bürger. Aus diesem bescheidenen Vorrecht wurde schließlich zum Vorrecht eines Tyrannen, und die lateinische Redewendung »von den Gesetzen befreit Der verfassungsgemäße Terminus »legibus solutus» wird von der Schlauheit oder der Unwissenheit des Cassius Dio (Bd. 1, 53, p. 713) falsch ausgelegt. Bei dieser Gelegenheit tritt sein Herausgeber Reimar dem allgemeinen Tadel bei, welchen Freiheitssinn und Wissenschaft gegen diesen knechtsinnigen Historiker ausgesprochen haben.» wurde dahin ausgelegt, als stehe der Kaiser über jeder menschlichen Beschränkung und als seien kaiserliches Gewissen und Vernunft die alleinige, heilige Richtschnur seines Handelns.

2: In den Senatsbeschlüssen, die bei jeder Regierung die Titel und Machtbefugnisse des gewählten ersten Staatsbeamten umrissen, lag eine ähnliche Abhängigkeit. Aber erst mussten die Denkart, ja selbst die Sprache der Römer korrumpiert sein, damit hieraus in Ulpians oder –noch wahrscheinlicher – Trebonians Phantasie ein königliches Gesetz Das Wort lex regia ist noch jünger als die Sache selbst. Die Sklaven eines Commodus oder Caracalla wären bei der Bezeichnung »königlich» zusammengezuckt. und eine unwiderrufliche Schenkung des Volkes entstehen konnten Siehe Gravina (Opp. p. 501–512) und Beaufort, (Republique RomaineBd. 1, p. 255–274). Er hat zwei Abhandlungen von John Frederic Gronovius und Noodt angemessen genutzt; beide wurden übersetzt und mit wertvollen Anmerkungen versehen von Barbeyrac, 2 Bd. 1731.; und so konnte sich der Ursprung der kaiserlichen Gewalt, historisch falsch und in seinen Folgen sklavisch, dennoch auf den Grundsatz von Freiheit und Gerechtigkeit gründen.

IHRE GESETZGEBENDE GEWALT

»Der ungehinderte Wille des Kaisers hat die Kraft und die Wirkung eines Gesetzes, da das Römische Volk mittels des königlichen Gesetzes seine eigene Macht und Souveränität im vollen Umfang auf den Herrscher übertragen hat Institut. l. i. tit. ii. No. 6. Pandect. l. i. tit. iv. leg. 1. Cod. Justinian, l. i. tit. xvii. leg. 1, No. 7. In seinen Antiquitäten und Elementen hat Heineccius weitläufig de constitutionibus principum gehandelt, welche Godefroy (Comment. ad Cod. Theodos. l. i. tit. i. ii. iii.) und Gravina, (p. 87–90) erläutert haben..» Der Wille eines einzigen Mannes, eines Kindes sogar, sollte demnach mehr gelten als alle Weisheit aus Jahrhunderten und die Neigung von Millionen; und die verkommenen Griechen erklärten mit Stolz, dass allein in seinen, des Kaisers Händen, die uneingeschränkte Macht zur Gesetzgebung zuverlässig aufgehoben sei. »Welche Parteiinteressen, welche Gefühlswallungen,» so Theophilos' Bekundung an Justinians Hof, »könnten die ruhige und unendliche Erhabenheit des Monarchen erreichen? Er ist doch bereits Herr über Leben und Vermögen seiner Untertanen, und diejenigen, an denen er sich geärgert hat, zählt man bereits zu den Toten Theophilus, in Paraphras. Graec. Institut. p. 33, 34, edit. Reitz. Zur Person, Zeit und Schriften siehe Theophilus von J. H. Mylius, Excurs. iii. p. 1034–1073.» Der Historiker, der Sprache der Schmeichelei abgeneigt, muss gleichwohl bekennen, dass der Herrscher eines sehr großen Gebietes in Fragen des Privatrechtes nur selten durch persönliche Rücksichten gelenkt werden kann. Eine intakte Gesinnung oder auch nur der Vernunftgebrauch muss seinem unparteiischen Verstand zeigen, dass er der Hüter von Ruhe und Ordnung ist und dass zwischen dem Interesse der Gesellschaft und seinem eigenen ein unauflöslicher Zusammenhang besteht. Unter den erbärmlichsten und korruptesten Regierungen saßen die Weisheit eines Papinian und Ulpian auf dem Thron der Justiz In der Klage des Macrinus findet sich mehr Neid als Vernunft (Jul. Capit. 13): ...nefas esse leges videri Commodi et Caracallae et hominum imperitorum voluntates. (...dass es Unrecht sei, die Willenäußerungen eines Commodus und Caracalla und eines unerfahrenen Menschen wie Gesetze zu betrachten...). Commodus wurde von Severus zum Divus gemacht (Dodwell, Praelect. viii. p. 324, 325.), kommt aber nur zweimal in den Pandekten vor., und die besten Materialien des Codex und der Pandekten tragen den Namen eines Caracalla und seiner Minister Von Antoninus Caracalla sind über 200 Konstitutionen im Codex überliefert, und mit seinem Vater zusammen 160. Diese beiden Herrscher werden in den Pandekten fünfzig Mal zitiert und in den Institutionen acht Mal.. Bisweilen war der Tyrann von Rom der Wohltäter der Provinzen. Ein Dolch beendete die kriminelle Karriere eines Domitian; aber Nervas Klugheit bestätigte die Maßnahmen, welche der Senat in seiner Freude über seine Befreiung vorschnell annulliert hatte Plin. Secund. Epist. 10,66. Suet. Domitian 23..

IHRE RESKRIPTE

Indessen, in den Reskripten Es war eine Maxime des Constantin, dass contra jus rescripta non valeant, (...dass gegen das Recht Reskripte wirkungslos seien...Cod. Theodos. l. i. tit. ii. leg. 1). Die Kaiser gewährten, wenngleich nicht gerne, einige Nachprüfungen zum Gesetz und den Tatbeständen, Aufschub und Anfragen etc, aber diese unzulänglichen Hilfsmittel lagen zu sehr im Belieben des Richters., den offiziellen Antworten auf die Befragung einer Obrigkeit, konnte selbst der weiseste Herrscher durch eine parteiische Darstellung eines Falles hintergangen werden. Dieser Missbrauch, durch den ihre Augenblicksentscheidungen auf die gleiche Stufe gestellt wurden wie reife und wohldurchdachte gesetzgeberische Handlungen, wurde durch Trajans Einsicht und Vorbild –vergeblich – missbilligt. Die Reskripte der Kaiser, ihre Privilegien und Dekrete, Edikte und pragmatischen Sanktionen wurden mit Purpurtinte unterfertigt Eine Mischung von Mennige und Zinnober, welche die kaiserlichen Diplome von Leo I. bis zum Untergang des griechischen Kaisertums schmückte. (Bibliotheque Raisonnee de la Diplomatique, Bd., p. 504–515. Lami, de Eruditione Apostolorum, Bd. 2, p. 720-726.) und danach als allgemeine oder spezielle Gesetze in den Provinzen promulgiert, wo die Magistrate sie zu exekutieren und die Bevölkerung ihnen zu gehorchen hatten. Da nun aber ihre Zahl beständig anwuchs, wurde die Pflicht zum Gehorsam täglich heikler und unbestimmter, bis dann endlich der Herrscherwillen in den Gregorianischen, Hermogenianischen und Theodosianischen Codices festgestellt und abgesichert wurde. Die beiden Erstgenannten, von denen nur einige Fragmente auf uns gekommen sind, waren von nicht offiziellen Rechtsgelehrten abgefasst worden, um die Konstitutionen der heidnischen Kaiser von Hadrian bis Constantin zu bewahren. Der dritte, noch vorhandene Codex wurde auf Anordnung des jüngeren Theodosius in sechzehn Büchern abgefasst, auf dass die Gesetze der christlichen Herrscher von Constantin bis auf seine eigene Zeit geheiligt würden. Es hatten aber diese drei Gesetzes-Sammlungen gleiches Ansehen in den Gerichtshöfen, und jeder Richter konnte jedes Gesetz, welches nicht in das heilige Depositum eingeschlossen war, als unecht oder veraltet verwerfen Schulting, Jurisprudentia Ante-Justinianea, p. 681-718. Cujacius schreibt Gregor die Hauptsammlung von Hadrian bis auf Gallienus zu und seinem Mitarbeiter Hermogenes die Fortsetzung. Diese Einteilung ist wohl zutreffend, dennoch kamen sie einander öfters ins Gehege..

FÖRMLICHKEITEN DES RÖMISCHEN RECHTS

Bei den Völkern der Wildnis wird das Fehlen der Schrift nur unvollkommen durch den Gebrauch sichtbarer Zeichen ausgeglichen, welche die Aufmerksamkeit erregen und so die Erinnerung an öffentliche oder private Vereinbarungen bewahren. Die Jurisprudenz der frühen Römer bot die Szenerie einer Pantomime; die Worte waren der Gestik angepasst, und bereits der kleinste Irrtum, die winzigste Unachtsamkeit bei den Förmlichkeiten des Vorgehens reichten hin, den Inhalt eines noch so gerechtfertigten Anspruches aufzuheben. Eine eheliche Gemeinschaft wurde durch die notwenigen Elemente von Feuer und Wasser bezeichnet Scaevila, höchst wahrscheinlich Q. Cervidius Scaevola; der Lehrer des Papinian sieht die Annahme von Feuer und Wasser als konstitutiv für die Ehe an. (Pandect. l. xxiv. tit. 1, leg. 66. Siehe Heineccius, Hist. J. R. No. 317.): die geschiedene Gattin händigte den Schlüsselbund aus, durch dessen Empfang sie vordem in das häusliche Regiment (»Schlüsselgewalt») eingesetzt worden war. Die Freilassung eines Sohnes oder eines Sklaven geschah dadurch, dass man ihm einen gelinden Backenstreich versetzte und dabei gleichzeitig umdrehte; ein Bauvorhaben wurde unterbrochen, indem man einen Stein dagegen warf; Verjährung wurde durch das Zerbrechen eines Zweiges aufgehoben; die geballte Faust war das Symbol für Pfand oder Depositum; die rechte Hand reichte man, Treue und Vertrauen zu versprechen. Verträge zu schließen war ein zerbrochener Strohhalm vonnöten; zu jeder Zahlung gehörten Gewicht und Waage, und der Erbe, der ein Testament annahm, war zuweilen gehalten, mit den Fingern zu schnipsen, seine Kleidung abzulegen und mit echter oder erkünstelter Freude zu tanzen und zu springen Cicero (de Officiis, 3,19) mag einen fiktiven Fall setzen; aber Ambrosius (de Officiis, 3,2) beruft sich auf die Gepflogenheiten seiner eigenen Zeiten, die er als Rechtsgelehrter und als Magistratsperson kannte. (Schulting ad Ulpian, Fragment. tit. xxii. No. 28, p. 643, 644).. Wenn ein Bürger im Hause eines Nachbarn nach gestohlenem Gut fahndete, schirmte er seine Nacktheit mit einem linnenen Schurze und barg sein Gesicht hinter einer Maske oder einem Becken, auf dass er nicht den Blicken einer Jungfrau, gar einer Matrone begegne Das furtum lance licioque conceptum verstand man bereits in der Zeit der Antonine nicht mehr (Aulus Gellius 16,10). Heineccius' Herleitung aus dem Attischen (Antiquitat. Rom. l. iv. tit. i. No. 13–21) wird durch Aristophanes, seinen Scholiasten und durch Pollux gestützt..

In einer Zivilklage fasste der Kläger den Zeugen am Ohr, packte den widerstrebenden Prozessgegner am Nacken und erflehte im Tone feierliche Klage den Beistand seiner Mitbürger. Beide Gegner ergriffen jeweils die Hand des anderen, als ständen sie kampfbereit vor dem Tribunal des Prätors; dieser gebot ihnen, den Streitgegenstand vorzutragen; daraufhin gingen sie, kehrten gemessenen Schrittes zurück, eine Erdscholle ward zu seinen Füßen niedergelegt, um so das Stück Land zu bezeichnen, um welches sie stritten. Diese Geheimwissenschaft aus gesetzlich vorgeschriebenen Worten und Gesten gehörte zur Erbschaft von Priestern und Patriziern; ähnlich wie die chaldäischen Priester kündeten sie ihren Klienten die Tage des Geschäftes und der Ruhe; diese bedeutungsvollen Quisquilien waren mit der Religion Numas verwoben, und nach der Bekanntgabe der Zwölf Tafeln war das römische Volk infolge seiner Unkenntnis des gerichtlichen Procedere nach wie vor im Zustand der Sklaverei. Der Verrat einiger plebejischer Beamten enthüllte endlich dieses einträgliche Geheimnis; in aufgeklärteren Zeiten wurden diese gerichtlichen Umständlichkeiten verlacht und dennoch beachtet; und dieselbe Altertümlichkeit, die den Gebrauch heiligte, hatte den Nutzen und die Bedeutung jener archaischen Sprache in Vergessenheit gebracht In seiner Rede pro Murena (9-13) veralbert Cicero die Formeln und Geheimnisse der Rechtsgelehrten, die bei Gellius (20,10), Gravina, (Opp p. 265, 266, 267) und Heineccius (Antiquitat. l. iv. tit. vi.) mit mehr Seriosität behandelt werden..

RÖMISCHE ZIVILRECHTLER

Liberaler war die Kunst der Weisen von Rom, die im engeren Sinne die Schöpfer des Zivilrechtes genannt werden dürfen. Sprachwandel und Änderungen in den Gebräuchen machten jeder nachwachsenden Generation den Stil der Zwölf Tafeln immer unverständlicher, und die schwierigen Stellen wurden trotz der Bemühungen der juristischen Altertumsforscher nur unzureichend erklärt. Die Zweideutigkeiten bereinigen, den umfassenden Sinn eingrenzen, Grundsätze anwenden, Folgerungen erweitern und die wirklichen oder scheinbaren Gegensätze versöhnen: das waren edlere und wichtigere Aufgaben, und so beeinflussten die Interpreten der alten Gesetze stillschweigend den Bereich der neueren Gesetzgebung. Ihre feinsinnigen Auslegungen unterstützten die Ansprüche des Prätors, die Tyrannei der finsteren jahrhunderte abzuschaffen: wie sonderbar oder verwickelt die Mittel auch sein mochten, es blieb doch das Ziel der wissenschaftlichen Jurisprudenz, die einfachen Gebote der Natur und der Vernunft wieder herzustellen, und die Geschicklichkeit einzelner Mitbürger war erfolgreich damit beschäftigt, die öffentlichen Einrichtungen ihres Landes zu untergraben. Die Umwälzungen von fast tausend Jahren von den Zwölf Tafeln bis zur Regierung Justinians kann man in drei etwa gleichlange Perioden unterteilen, die sich wesentlich durch die Art der Lehre und den Charakter der Rechtsgelehrten unterscheiden Die Reihe der Zivilrechtsgelehrten führt Pomponius an (de Origine Juris Pandect. l. i. tit. ii). Die Neuern haben mit Gelehrsamkeit und Kritik diesen Zweig der Literaturgeschichte bearbeitet; unter ihnen haben mich am zuverlässigsten geleitet Gravina (p. 41–79) und Heineccius, (Hist. J. R. No. 113-351.) Cicero, insbesondere in den Büchern de Oratore, de Claris Oratoribus, de Legibus und der Clavis Ciceroniana des Ernesti (unter dem Eintrag Mucius, &c.) halten mancherlei echte und angenehme Information bereit. Horaz spielt oftmals auf die Morgenarbeiten von Rechtsgelehrten an. (Serm. I. 1,10; Epist. II. 1,103)..

DIE ERSTE PERIODE A.U.C. 503 – 648

Stolz und Dummheit taten das ihre, um in der ersten Periode die römische Rechtswissenschaft in engen Grenzen zu halten. An den Markt- oder Versammlungstagen sah man die Meister ihrer Kunst auf dem Forum einhergehen, bereit, noch dem geringsten ihrer Mitbürger mit nützlichem Rat beizuspringen, da sie sich von dessen Stimme bei späterer Gelegenheit dankbare Erwiderung erhofften. Wenn sie dann zugenommen hatten an Jahren und Würde, saßen sie zu Hause auf einem Stuhl oder Thron und warteten mit ernster Würde auf die Ankunft ihrer Klienten, die schon bei Tagesanbruch aus Stadt und Land herbeikamen und gegen die Haustür dröhnten. Gegenstand dieser Beratungen waren die Pflichten des gesellschaftlichen Lebens und die Wechselfälle der gerichtlichen Verfahren, und die mündlichen oder schriftlichen Antworten dieser Rechtsratgeber bewegten sich im Rahmen des Vernünftigen und der Gesetze. Jünglinge ihres Standes oder aus ihrer Familie durften zuhören; ihre Kinder genossen dazu noch den Vorteil eines individuellen Unterrichtes, sodass etwa die Familie der Mucier noch lange Zeit berühmt war wegen ihrer sozusagen ererbten Kenntnisse des bürgerlichen Rechtes.

DIE ZWEITE PERIODE A.U.C. 648 – 988

Die zweite Periode, das gelehrte und gerühmte Zeitalter der Rechtswissenschaft, erstreckte sich von Ciceros Zeiten bis zur Regierung von Alexander Severus. Ein Rechtssystem wurde ausgeformt, Schulen wurden begründet, Lehrbücher verfasst, und die Studierenden nahmen bei den Toten und den Lebenden Unterricht. Das ius tripartitum des Aelius Paulus, auch Catus oder der Schlaue zubenannt, wurde als das älteste Werk der Rechtswissenschaft aufgehoben. Cato der Censor erwarb durch seine und seines Sohnes juristische Studien ferneren Ruhm; der Gens-Name Mucius Scaevola wurde durch drei Leuchten der Jurisprudenz berühmt; aber die eigentlichen Vollendung dieser Wissenschaft wurde Servius Sulpicius zugeschrieben, ihrem Schüler und Ciceros Freund; die lange Reihe derer, die mit gleichem Glanze in der Republik und im Kaiserreich erstrahlten, wurde endlich durch die honorigen Namen des Papinian, Paulus und Ulpian beschlossen.

Ihre Namen und die verschiedenen Werktitel sind minutiös bewahrt worden, und das Beispiel eines Labeo möge einen Beweis ihrer Fruchtbarkeit und ihres Fleißes geben. Dieser tadellose Jurist aus der Zeit des Augustus teilte das Jahr zwischen Stadt- und Landleben auf, zwischen Arbeit und Schreiben, und die Früchte seiner Zurückgezogenheit sind vierhundert verschiedene Titel. Von den Sammlungen seines Rivalen Capito wird das zweihundertfünfundneunzigste Buch expressis verbis genannt, und überhaupt vermochten nur wenige Rechtsgelehrte ihre Auffassungen in weniger als einhundert Bänden mitzuteilen.

DIE DRITTE PERIODE A.U.C. 988 – 1230

Zwischen der Regierung Alexanders und Justinians waren die Orakel der Jurisprudenz nahezu stumm. Das Maß der Neugierde war voll; auf den Thronen saßen Verbrecher und Barbaren; und tätige Geister verloren sich in religiösen Zänkereien, während die Professoren von Rom, Konstantinopel und Berytos sich damit beschieden, die Lektionen ihre erleuchteten Vorgänger zu wiederholen. Aus dem langsamen Fortschritten und den raschen Verfall dieser Rechtsstudien kann man schließen, dass sie einen Zustand des Friedens und einer hohen Bildung voraussetzen. Aus der großen Zahl der juristischen Vielschreiber der Zwischenzeit geht deutlich hervor, dass mit einem durchschnittlichen Maß an Urteilskraft, Erfahrung und Fleiß solche Studien betrieben, solche Werke verfasst werden konnten. Das Genie Ciceros und Vergils wird umso deutlicher gefühlt, da alle folgenden Zeitalter außerstande waren, etwas gleiches oder auch nur vergleichbares hervorzubringen: doch selbst die hervorragendsten Rechtslehrer konnten sich überzeugt halten, Schüler zu hinterlassen, die ihnen an Verdiensten und Bedeutung gleich waren oder sogar noch übertrafen.

IHRE PHILOSOPHIE

Die Rechtskunde, welche den Bedürfnissen der Römer grob angepasst war, wurde im siebenten Jahrhundert der Stadt durch ihre Bekanntschaft mit der griechischen Philosophie geglättet und verfeinert. Die Scaevolas hatten noch durch Übung und Erfahrung gelernt; Servius Sulpicius aber war der erste Jurist, welcher seine Kunst auf einer festen und allgemeinen Theorie begründete Crassus oder vielmehr Cicero selbst (der Orat. 41f.) entwickelt die Idee einer Wissenschaft von der Jurisprudenz, die der beredte, aber ungebildete Antonius (1,58) verhöhnen möchte. Diese Idee wurde teilweise von Sulpicius Severus ausgearbeitet (Brut. 41) dessen Lob der Römer Gravina in seinem klassischen Latein mit viel Eleganz abwandelt.. Zur Unterscheidung von falsch und wahr wendet er als unfehlbares Regel die Logik des Aristoteles und der Stoiker an, führte spezielle Fälle auf allgemeine Prinzipien zurück und verbreitete über die ungeordnete Masse das Licht aus Ordnung und Beredsamkeit. Sein Zeitgenosse und Freund Cicero mied den Ruf eines Rechtsgelehrten, doch wurde die Jurisprudenz seines Vaterlandes geschmückt durch sein unvergleichliches Talent, welches jeden von ihm berührten Gegenstand zu Gold verwandelte.

Nach dem Vorbild Platos entwarf er eine Republik und, zum Gebrauch in dieser Republik, eine Abhandlung über die Gesetze; in welcher er sich bemüht, die Gerechtigkeit und Weisheit der römischen Verfassung von einem himmlischen Ursprung herzuleiten. Das ganze Weltall bildet nach dieser erhabenen Theorie ein einziges unermessliches Gemeinwesen: Götter und Menschen, die an einerlei Wesenheit teilhaben, sind Mitglieder dieser einen Gemeinde. Die Gesetze der Natur und der Völker werden von der Vernunft vorgeschrieben, und alle positiven Verfassungen, wie immer der Zufall oder die Gewohnheit sie abgeändert haben mögen, entstammen jener Rechtsregel, welche die Gottheit in jedwede tugendhafte Seele gesenkt hat. Von diesen philosophischen Geheimnissen schließt er nachsichtig die Skeptiker aus, welche nicht glauben wollen, und die Epikureer, welche nicht handeln wollen. Letztere sollten sich nicht um das Gemeinwohl kümmern: er rät ihnen, in ihren schattigen Gärten Schlummers zu pflegen; doch er bittet in aller Demut die neue Akademie, ihm nicht zu widersprechen, könnten doch ihre kühnen Einwürfe nur zu bald das anmutige und wohlgeordnete Gebäude seines erhabenen Systems zerstören Perturbatricem autem omnium harum rerum academiam, hanc ab Arcesila et Carneade recentem, exoremus ut sileat, nam si invaserit in haec, quae satis scite instructa et composita videantur, nimis edet ruinas, quam quidem ego placare cupio, submovere non audeo. (Die neue Akademie, deren Häupter Arcesilas und Carneades sind und die alles auf den Kopf stellen, wollen wir bitten zu schweigen; denn würde sie sich mit diesen Gegenständen befassen, welche nach unserem Ermessen hinreichend geklärt und geordnet sind, so hinterließe sie nur Chaos; ich wollte sie vielmehr ruhig stellen, da ich mir ihre Unterwerfung nicht zutraue...Cicero, de Leg. 1,13.) Schon aus dieser einen Textstelle hätte Bentley (Remarks on Free-thinking p. 250) entnehmen können, wie fest Cicero an die von ihm ausgearbeiteten Lehren glaubte..

Plato, Aristoteles und Zeno sind für ihn die einzigen Lehrer, die den Bürger für Pflichten in einer Gemeinschaft ausrüsten und unterweisen. Von diesen wiederum wurde die Ausrüstung der Stoa Der erste Lehrer der Stoa in Rom war Panaetius, ein Freund von Scipio dem Jüngeren (siehe seine Lebensbeschreibung in den Mem. de l'Academis des Inscriptions, Bd.10, p. 75–89). für die beste und zuverlässigste gehalten und in der Schule der Jurisprudenz zu Schmuck- und Gebrauchszwecken am häufigsten getragen. Von der Stoa lernten die römischen Juristen zu leben, zu denken und zu sterben: aber sie sogen auch die Vorurteile dieser Sekte in sich auf. Die Liebe zum Paradox, die Unsitte der permanenten Diskussion und die Lust an Worten und Wortunterscheidungen. Die Überlegenheit der Form über die Materie ward eigens eingeführt, um das Recht auf Eigentum zu begründen: und die Gleichheit aller Verbrechen wird durch die Auffassung des Trebatius Nach dem Zitat des Ulpian (leg.40, 40, ad Sabinum in Pandect. l. xlvii. tit. ii. leg. 21). Doch wurde Trebatius zum Epikureer, nachdem er es zum führenden Zivilrechtler gebracht hatte (Cicero ad Fam. 7,5). Vielleicht war er in seiner neuen Sekte auch nicht charakterfest und aufrichtig gewesen. unterstützt, dass jemand, der ein Ohr berührt, den ganzen Körper berührt und dass der, welcher von einem Getreidehaufen oder aus einem Weinfass nimmt, des Diebstahls des Ganzen schuldig sei Siehe Gravina (p. 45-51) und die wirkungslosen Trickereien von Mascow. Heineccius (Hist. J. R. No. 125) zitiert zustimmend eine Abhandlung von Everard Otto, de Stoica Jurisconsultorum Philosophia..

IHR ANSEHEN

Militär, Rhetorik und Zivilrecht verhalfen einem Bürger zu staatlichen Ehrenstellen; und waren sie in einer Person vereinigt, erhielten diese drei Berufsgruppen womöglich noch höheren Glanz. Bei der Abfassung eines Ediktes verlieh ein gelehrter Prätor seinen persönlichen Ansichten Nachdruck und Rechtskraft; der Meinung eines Konsuls oder Zensors begegnete man mit Respekt; und eine strittige Gesetzesauslegung mochte durch die Tugenden und militärischen Triumphe eines Rechtsgelehrten Unterstützung erhalten. Lange Zeit hielt man die Künste der Patrizier hinter einem Schleier des Geheimnisses verborgen; und erst in aufgeklärteren Zeiten konnte die Freiheit der Forschung allgemeine Grundsätze für die Rechtswissenschaft aufstellen. Delikate und verwickelte Fälle wurden durch Vortrag entgegengesetzter Auffassungen auf dem Forum durchleuchtet; Regeln, Axiome und Definitionen So haben wir gehört von der Catonischen Regel, der Äquilianischen Übereinkunft und den Manilianischen Formeln sowie von 211 Rechtsregeln und 247 Erklärungen (Pandect. l. i. tit. xvi. xvii). akzeptierte man als die eigentlichen Vorgaben der Vernunft; sodass die übereinstimmende Meinung der Rechtslehrer auch Einfluss auf die Rechtsprechung nahm. Doch konnten diese Interpreten die Gesetze der Republik weder erlassen noch vollziehen; und die Richter durften sogar die Autorität der Scaevolas hintan stellen, wenn diese etwa –was öfters geschah – durch die Beredsamkeit oder die Sophisterei eines windigen Anwaltes überwunden wurde Man lese Cicero, de Oratore, 1. Buch; Topica; pro Murena..

Augustus und Tiberius waren die ersten, die die Kunst der Juristen als ein nützliches Werkzeug begriffen, und infolge ihres Bemühens um Knechtung passte sich das alte System dem Geiste und den Zielsetzungen des Despotismus an. Unter dem ehrsamen Vorwand, die Würde der Wissenschaft zu sichern, wurde das Recht, gesetzeskonforme und verbindliche Gutachten zu erstellen, auf die Weisen aus dem Ritter- und Senatorenstande beschränkt, welche zuvor durch kaiserliches Edikt bestätigt worden waren; dieses Monopol dauerte an, bis endlich Hadrian jedem Bürger, der sich seiner Fähigkeiten und Kenntnisse sicher war, die freie Berufsausübung gestattete. Das Ermessen eines Prätors wurde von nun an durch die Merkregeln seiner Lehrer gegängelt; die Richter mussten sich an den Wortlaut des Gesetzes und der Kommentare halten; und die Einführung der Kodizille war eine bemerkenswerte Neuerung, die Augustus auf den Rat der Juristen einführte Siehe Pomponius (de Origine Juris Pandect. l. i. tit. ii. leg. 2, No 47), Heineccius (ad Institut. l. i. tit. ii. No. 8, l. ii. tit. xxv. in Element et Antiquitat.) und Gravina, (p. 41–45). Indessen mochte dieses Monopol, eine harte Maßregel des Augustus, den zeitgenössischen Autoren weniger streng erscheinen; und vermutlich musste ein Senatsbeschluss ihm einen Schleier umhängen..

IHRE SCHULEN

Selbst das unumschränkteste Gebot konnte nur verlangen, dass Richter und Rechtsgelehrte einig sein sollten, wenn letztere untereinander einig wären. Aber positive Einrichtungen sind oft nur das Ergebnis von Gewohnheit und festen Meinungen; Gesetze und Sprache sind mehrdeutig und beliebig; und wenn die Vernunft außerstande ist, Entscheidungen zu fällen, dann wird die Streitsucht befeuert durch den Neid auf Nebenbuhler, die Eitelkeit der Lehrer, die blinde Anhänglichkeit der Schüler; und so teilte sich die römische Rechtsgelehrsamkeit in die vormals berühmten Schulen der Proculianer und Sabinianer Ich habe die Abhandlung von Gotfridus Mascovius, des gelehrten Mascov, de Sectis Jurisconsultorum (Lipsiae, 1728, p. 276) studiert, jene gelehrte Ausführung zu einem engen und unergiebigen Gegenstand.. Zwei Gesetzeskundige, Ateus Capito und Antistius Labeo Zu Antistius Labeo siehe Tacitus, Ann 3,75 und in einem Brief des Anteius Capito (Gell. 13,12), der seinen Rivalen einer libertas nimia et vecors zeiht. Doch würde Horaz einen tugendhaften und ehrwürdigen Senator nicht geißeln, und so nehme ich Bentleys Verbesserung an, welcher Labieno insanior liest, (Serm. I. iii. 82.) Siehe Mascov, de Sectis, (1, p. 1–24)., zierten das friedliche Zeitalters von Augustus, jener ausgezeichnet durch die Gunst seines Kaisers, letzterer noch berühmter durch die Verachtung eben dieser Gunst sowie seine strenge, wenngleich unbedarfte Opposition gegen den Tyrannen von Rom. Ihre unterschiedlich gefärbten Charaktere hatten naturgemäß Einfluss auf ihre jeweiligen Gesetzesstudien. Labeo war Anhänger der alten Republik, sein Nebenbuhler passte sich mit Vorteil den Erfordernissen der ertragreicheren Monarchie an.

Aber das Höflingsgemüt ist nun einmal handzahm und geschmeidig: selten nur wagte Capito, sich von den Meinungen oder wenigstens den Worten seiner Vorgänger zu entfernen, während der kühne Republikaner seine selbständigen Ideen ohne Angst vor Paradoxien oder Neuerungen verfolgte. Dennoch war die Freiheit des Labeo durch die Unnachsichtigkeit seiner eigenen Folgerungen eingegrenzt, und er entschied Fälle nach dem Buchstaben des Gesetzes, welche sein nachsichtiger Gegner nach weniger beengenden Billigkeitsgrundsätzen löste, die dafür aber dem Menschenverstande und dem natürlichen Empfinden gemäßer waren. War ein ehrlicher Tausch an die Stelle einer Barzahlung getreten, so sah Capito hierin immer noch einen gesetzlichen Kauf Justinian (Institut. l. iii. tit. 23 und Theophil. Vers. Graec. p. 677, 680) führt diese wichtige Debatte und die Verse aus Homer an, die von beiden Seiten als gesetzliche Autorität zitiert wurden. Paulus entschied (leg. 33, ad Edict. in Pandect. l. xviii. tit. i. leg. 1), dass man bei einem bloßen Tausch nicht zwischen Käufer und Verkäufer unterscheiden könne.; und bei der Feststellung der Mannbarkeit richtete er sich nach der Natur und nicht nach dem genauen Datum des Eintritts in das zwölfte oder vierzehnte Lebensjahr Auch dieser Streit wurde für die Proculeianer entschieden, um eine anrüchige anatomische Untersuchung zu vermeiden und einen Grundsatz des Hippokrates zu befolgen, welcher der siebenfachen Anzahl von zwei Jahreswochen oder 700 Tagen anhing (Institut. l. i. tit. xxii.). Plutarch und die Stoiker (de Placit. Philosoph. 5,24) geben einen naturgemäßen Grund an: Vierzehn Jahre ist das Alter, »in welchem die Zeugungskraft einsetzt.» Siehe die Vestigia der Sekten bei Maskov, 9, p. 145-276)..

Dieser Widerspruch im Grundsätzlichen wurde in den Vorlesungen und Schriften der beiden Schulgründer fortgesetzt; die Schulen des Capito und Labeo beharrten auf ihrem althergebrachten Streit von Augustus' bis auf Hadrians Zeiten Maskov beschreibt (2-7, p. 24-120) die Abfolge und den Schluss dieser Sekten, und wäre nahezu lächerlich, seine gleich bleibende Gerechtigkeit gegenüber diesen veralteten Sekten zu rühmen.; und von Sabinus und Proculus, den berühmtesten Lehrern, erhielten diese beiden Sekten ihre jeweiligen Namen. Die Namen Cassianer und Pegasianer wurden den beiden Parteien ebenfalls beigelegt; doch durch eine merkwürdige Verkehrung war die Sache des Volkes in den Händen des Pegasus Nach der ersten Aufforderung fliegt er zum Flunder-Rat; doch Juvenal (Sat 4,75-81) nennt ihn den Präfekten oder Stadtrichter von Rom und den »legum sanctissimus interpres» (den allerheiligsten Ausleger der Gesetze). Seiner Gelehrsamkeit wegen nannte man ihn nicht einen Menschen, sondern ein Buch, so ein alter Scholiast. Seinen seltsamen Namen Pegasus hatte er nach der Galeere, über die sein Vater das Kommando führte., eines furchtsamen Sklaven des Domitian, während Cassius Tac. Ann. 17,7; Sueton, Nero 37. den Günstling der Kaiser abgab, er, der sich seiner Herkunft von dem patriotischen Tyrannenmörder rühmte.

Mit dem immerwährenden Edikt fand diese Kontroverse der beiden Sekten ihr Ende. Zu diesem wichtigen Werk zog Hadrian das Schulhaupt der Sabinianer heran: die Freunde der Monarchie obsiegten, aber der ausgleichende Salvius Julian versöhnte ganz unmerklich Sieger und Besiegte. Ähnlich wie die zeitgenössischen Philosophen verwarfen die Rechtsgelehrten unter den Antoninen die Autorität eines Großmeisters und übernahmen von jedem System die jeweils am besten passenden Grundsätze Mascou, de Sectis, c. viii. p. 120–144 de Herciscundis, ein gesetzlicher Ausdruck, der auf diese zerteilenden Juristen angewandt wurde; heriscere ist synonym mit dividere (teilen).. Wäre diese ihre Wahl mit mehr Übereinstimmung erfolgt, hätten sie gewiss weniger Bücher geschrieben. So aber wurde das Gewissen des Richters durch die Unzahl und das Gewicht der widersprüchlichen Belege beunruhigt, und jedes Urteil, das ihm Leidenschaft oder Eigennutz eingegeben hatte, wurde durch das Ansehen eines großen Namens abgesegnet. Ein menschenfreundliches Edikt von Theodosius d.J. überhob ihn der Mühe, deren Gründe zu vergleichen und zu wägen. Fünf Namen, Caius, Papinian, Paulus, Ulpian und Modestinus, galten als die Orakel der Jurisprudenz, die Stimmenmehrheit entschied, und bei Stimmengleichheit gab Papinians überlegene Weisheit den Ausschlag Siehe den Cod. Theod., l. i. tit. iv. nebst Godefroys Kommentar, tom. i. p. 30–35. Dieses Dekret mag Anlass geben für jesuitische Disputationen wie die in des Lettres Provinciales, ob nämlich ein Richter gegen seine Einsicht, gegen sein Gewissen etc sich der Meinung des Papinian oder der Mehrheit anschließen müsse. Aber ein Gesetzgeber konnte auch einer falschen Meinung die Gültigkeit wenn schon nicht der Wahrheit, so doch eines Gesetzes verleihen..

REFORMATION DES RÖMISCHEN RECHTES DURCH JUSTINIAN

Als Justinian den Thron bestieg, war die Reform des Römischen Rechtes eine ebenso mühselige wie unerlässliche Aufgabe. Im Laufe von zehn Jahrhunderten hatte die unmessbare Vielfalt der Gesetze und gesetzlichen Meinungen abertausend Bände angefüllt, die niemandes Reichtum kaufen und keines Menschen Fassungskraft überschauen konnte. Bücher fanden sich nicht ohne weiteres; und Richter, arm inmitten des Reichtums, waren gehalten, sich auf ihren eigenen ungelehrten Instinkt zu verlassen. Die Untertanen in den griechischen Provinzen waren der Sprache unkundig, welche über ihr Leben und ihr Eigentum obwaltete, und der barbarische Dialekt der Lateiner wurde auf den Akademien zu Konstantinopel und Berytus nur unzureichend gelernt. Justinian, ein Krieger aus Illyrien, war mit diesem Idiom seit seiner Kindheit vertraut, in seiner Jugend wurde er in die Jurisprudenz eingeführt, und als Kaiser suchte er sich die gelehrtesten Rechtskundigen des Ostens, mit ihrem Kaiser an dem großen Werke der Reform des Rechtswesens zu arbeiten Hinsichtlich der Bemühungen Justinians um das Recht habe ich die Vorrede der Institutionen studiert; die 1., 2. und 3. Vorrede zu den Pandekten; und die 1. und 2. Vorrede zum Codex; den Codex selbst ((l. i. tit. xvii. de Veteri Jure enucleando). Nach diesen Originalzeugnissen habe ich von den Neueren unter anderem konsultiert: Heineccius, (Hist. J. R. No. 383–404); Terasson (Hist. de la Jurisprudence Romaine, p. 295–356); Gravina, (Opp. p. 93-100) und Ludewig, in seinem Life of Justinian, (p.19–123, 318-321; zu Codex und Novellen p. 209–261; zu Digesten und Pandecten p. 262–317).. Der professoralen Theorie assistierten die Praxis der Advokaten und die Erfahrung der Richter, und schließlich wurde das ganze Unternehmen von Trebonians Geist belebt Zum Charakter Tribonians sehe man die Zeugnisse von Prokopios, (Persic. 1,23 und 24. Anecdot. 13 und 20,) und Suidas, (Band 3, p. 501, edit. Kuster). Ludewig (in Vit. Justinian, p. 175–209) strengt sich an, strengt sich sogar sehr an, den Mooren weiß zu waschen..

TRIBONIAN A.D. 527 – 546

Dieser außerordentliche Mann, Zielscheibe von viel Lob und Tadel, war zu Sida in Pamphilien geboren; und so wie Bacons Genie überblickte auch das seine alle Geschäfte und alle Kenntnisse seines Zeitalters. Tribonian schrieb in Prosa und Versen über eine bemerkenswerte Vielfalt von interessanten und abseitigen Gegenständen Ich beziehe die beiden Suidas-Stellen auf denselben Mann: jeder Umstand passt genau. Die Juristen scheinen dies nicht zu wissen, und Fabricius will die beiden Figuren sogar trennen. (Bibliot. Grae. Bd. 1, p. 341, 2, p. 518, 3, p. 418, 12, p. 346, 353, 474.): eine zweifache Lobrede auf Justinian und das Leben des Philosophen Theiodotus; über die Natur des Glücks und die Pflichten einer Regierung; Homers Schiffskatalog und die vierundzwanzig Arten von Versmaßen; über den astronomischen Kanon des Ptolemäus; die Mondphasen, die Häuser der Planeten und das harmonischen System des Universums. Mit der griechischen Literatur verband er die Kenntnis der lateinischen Sprache; in seiner Bibliothek und in seiner Seele waren die römischen Rechtsgelehrten bewahrt, und mit besonderem Eifer oblag er den Künsten, die die Türen zu Ehrenstellen und Reichtum eröffneten. Von den Schranken des Gerichtes der prätorianischen Präfekten ging es zu den Ehrenstellen des Quaestors, des Konsuls und des magister officium (Kanzler). Justinians Staatsräte lauschten seiner Beredsamkeit und Weisheit; und etwaige Neidgefühle wurden durch sein mild-leutseliges Auftreten besänftigt. Der Vorwurf der Gottlosigkeit und der Habsucht hat Trebonians Tugenden und seine Ruf verdunkelt. An einem bigotten und ränkefreudigem Hofe beschuldigte man den ersten Minister einer heimlichen Abneigung gegen den Christenglauben und meinte gar, er hege die Ansichten eines Heiden und Atheisten, was man, widersprüchlich genug, den letzten Philosophen Griechenlands vorgeworfen hat.

Seine Habsucht allerdings war deutlicher erwiesen und deutlicher spürbar. Wenn in der Justizverwaltung ihn Geschenke anleiteten, erinnert man sich ebenfalls des Beispiels eines Bacon; und die Verdienste Tribonians können seine Niedertracht nicht ausgleichen, wenn er die Heiligkeit seines Berufes herabwürdigte und wenn er, aus erbärmlicher Rücksicht auf seinen persönlichen Vorteil, jeden Tag Gesetze gab, änderte oder widerrief. Während der Unruhen in Konstantinopel gestand man den Lärm des Volkes, vielleicht sogar seiner gerechten Empörung, Tribonians Entlassung zu. Aber in aller Eile wurde der Quaestor wieder in sein Amt eingesetzt, und zwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tode, genoss er das unbedingte Vertrauen seines Kaisers. Seine stille und pflichtgetreue Unterwürfigkeit wurde von Justinian mit persönlichem Lob bedacht, aber dieser selbstgefällige Herrscher war außerstande zu unterscheiden, wie oft diese Unterwürfigkeit zu einer unverfrorenen Kriecherei ausgeartet war. Tribonian betete die Tugenden seines gnadenvollen Gebieters an: Unwürdig eines solchen Herrschers sei die Erde; und fromme Sorge heuchelte er, Justinian möchte, vergleichbar mit Elias und Romulus, der Erde entrückt und lebendig in die Wohnungen himmlischen Ruhmes versetzt werden Diese Geschichte erzählen Hesychius, (de Viris Illustribus,) Prokopios, (Anecdot. c. 13,) und Suidas, (Bd.3, p. 501). Eine derartige Schmeichelei ist unglaublich! Nihil est quod credere de se/Non possit, cum laudatur Diis aequa potestas. (Es gibt nichts, was eine den Göttern gleiche Macht nicht von sich glauben würde. Wenn es nur ein Lob ist.) Fontenelle (Bd.1, p. 32–39) mokiert sich über die Unverschämtheit des bescheidenen Vergil. Derselbe Fontenelle stellt indessen seinen König über den göttlichen Augustus, und der weise Boileau errötet nicht darüber zu sagen (Epitre IV, A.d.Ü.): »Le destin a ses yeux n'oseroit balancer.» (Vor seinen (Ludwig XIV) Augen würde das Schicksal nicht wagen zu schwanken). Doch weder Augustus noch Ludwig XIV waren Einfaltspinsel..

DER CODEX JUSTINIANUS 15. FEBRUAR 528 – 27. APRIL 529

Wenn Caesar die Reform des römischen Rechtswesens ausgeführt hätte, so würde sein kreativer Geist, zusätzlich erleuchtet durch Studien und Nachdenken, der Welt ein reines und einzigartiges System der Jurisprudenz geschenkt haben. Die Schmeichelei mochte ihm einflüstern was sie wollte, der Kaiser des Orients trug dennoch Bedenken, seine persönlichen Ansichten zum Maßstab für Gerechtigkeit zu machen: ob er gleich im Besitz der gesetzgeberischen Macht war, griff er auf die Hilfe der Zeit und der Erfahrung zurück, und seine mühseligen Kompilationen standen unter der Aufsicht der Weisen und der Gesetzgeber früherer Jahrhunderte. Statt einer Statue, von Künstlerhand zu einem Guss geformt, gleichen seine Werke einer musivischen Arbeit aus alten und kostbaren, aber oft nur unzusammenhängenden Bruchstücken. In seinem ersten Regierungsjahr wies er den treuen Tribonian und neun gelehrte Assistenten an, die Verordnungen seiner Vorgänger durchzusehen, welche seit Hadrians Zeiten in die gregorianischen, hermogenianischen und theodosianischen Codices Eingang gefunden hatten; sie von Irrtümern und Widersprüchen zu reinigen; alles zu entfernen, was veraltet oder überflüssig war; und alle die weisen und heilsamen Gesetze auszuheben, welche zum Gebrauch vor Gericht und zum Besten seiner Untertanen am tauglichsten schienen. Nach vierzehn Monaten war die Arbeit getan. Und die zwölf Bücher oder Tafeln, die die neuen Decemvirn zustande gebracht hatten, konnten ihrer Anlage nach für eine Nachahmung ihrer römischen Vorgänger gelten. Der neue Codex Justinianus wurde mit seinem Namen beehrt und durch seine eigenhändige Unterschrift bestätigt: die Federn von Notaren und Schreibern fertigten authentische Abschriften; sie wurden den Obrigkeiten der europäischen, asiatischen und später auch der afrikanischen Provinzen zugesandt; und das Gesetz des Reiches wurde an hohen Feiertagen vor den Kirchentüren bekannt gemacht.

DIE PANDEKTEN ODER DIGESTEN 15. DEZEMBER 530, 16. DEZEMBER 533

Eine noch größere Arbeit blieb zu tun übrig: aus den Entscheidungen und Mutmaßungen, aus den Problemen und Streitfragen der römischen Juristen den Geist der Rechtsgelehrsamkeit zu extrahieren. Siebzehn Rechtskundige, Tribonian an ihrer Spitze, wurden vom Kaiser angewiesen, über die Werke ihrer Vorgänger uneingeschränkt zu Gericht zu sitzen. Hätten sie diesen Befehl innert zehn Jahren ausgeführt, dann wäre Justinian mit ihrem Eifer wohl zufrieden gewesen; und so verdient die rasche Zusammenstellung der Digesten oder Pandekten ›Pandektoi‹ (»Allumfassendes Nachschlagewerk») war der übliche Titel griechischer vermischter Schriften. (Plinius Praefatio ad Historia Natururalis). Die digesta des Scaevola, Marcellinus, Celsius waren den Juristen bereits geläufig: indessen irrte Justinian, wenn er die beiden Begriffe wie Synonyme behandelte. Ist das Wort Pandekten griechischer oder lateinischer Herkunft, ist es männlich oder weiblich? Der gründliche Brenckmann wagt es nicht, diese wichtige Kontroverse zu entscheiden (Hist. Pandect. Florentine., p. 200-304). innerhalb von nur drei Jahren Lob oder Tadel je nach Qualität der Ausführung. Aus der Bibliothek Tribonians wählten sie die vierzig renommiertesten Juristen vergangener Zeiten Angelus Politianus (5, letzter Brief, p. 192–200) zählt in den Pandekten 37 Juristen – ein gelehrtes und für die damalige Zeit außergewöhnliches Verzeichnis. Der griechische Index zählt 39, und der unermüdliche Fabricius schafft sogar vierzig (Bibliot. Graec. Bd. 3, p. 488–502). Antoninus Augustus (de Nominibus Propriis Pandect. apud Ludewig, p. 283) soll 45 weitere hinzugefügt haben, es müssen aber zweifelhafte sein oder Nachweisungen aus zweiter Hand.: zweitausend Abhandlungen wurden zu einem Auszug von fünfzig Bänden verdichtet, auch ward mit Genauigkeit festgehalten, dass drei Millionen Zeilen oder Sentenzen Die ›stichoi‹ (»Zeilen») kann man definieren als Sätze oder Perioden mit einem vollständigen Sinn, die auf der Breite von Pergamentrollen oder volumina ebenso viele Zeilen von unterschiedlicher Länge ergaben. Die Zahl der stichoi in jedem Buche war zugleich eine Kontrolle über die Fehler des Kopisten. (Ludewig, p. 211–215; und seine Quelle Suicer. Thesaur. Ecclesiast. Bd.1, p 1021-1036). in diesem Exzerpt auf mäßige einhundertundfünzigtausend vermindert worden seien. Die Herausgabe dieses großen Werkes wurde einen Monat nach der der Institutionen verschoben, denn es schien naheliegend, dass die Elemente des römischen Rechtes dem ausführlichen System vorausgehen sollten. Sobald der Kaiser diese Arbeit gutgeheißen hatte, erteilte er kraft seiner legislativen Gewalt diesen Untersuchungen von Privatpersonen Gesetzeskraft: ihren Kommentaren zu den Zwölf Tafeln, dem immerwährenden Edikt, den Gesetzen des Volkes und den Senatsdekreten traten an die Stelle oder Autorität des ursprünglichen Textes, welcher als ein nutzloses, wenngleich ehrwürdiges Überbleibsel aus alten Zeiten fallengelassen wurde. Codex, Pandekten und Institutionen wurden zum gesetzlichen System der zivilen Rechtsprechung erklärt, sie allein wurden vor den Gerichtshöfen zugelassen, sie allein wurden an den Akademien von Rom, Konstantinopel und Berytus gelehrt. Justinian ließ an Senat und Provinzen seine ewigen Orakel ergehen, und in seinem Stolz –getarnt als fromme Bekundung– führte er die Vollendung dieses großen Werkes der Hilfe und Eingebung der Gottheit zu.

LOB UND TADEL FÜR CODEX UND PANDEKTEN

Da der Kaiser den mit Neuschöpfungen verbundenen Ruhm und Neid für seine Person ablehnte, so dürfen wir von ihm lediglich Methode, Auswahl, Werktreue, mithin die bescheidenen, aber unerlässlichen Tugenden eines Kompilators einfordern. Es fällt schwer, unter den mannigfachen Ideenverknüpfungen irgendeiner begründeten Vorzug zu geben; da nun aber Justinian in den drei Werken unterschiedliche Ordnung hält, so können möglicherweise alle drei fehlerhaft, aber ganz gewiss nicht zwei gleich zuverlässig sein. Bei der Auswahl der althergebrachten Gesetze scheint er seinen Vorgängern frei von Neid und mit gleichem Respekt begegnet zu sein; er konnte nicht vor Kaiser Hadrians Zeit zurückgehen, und der trübe Unterschied zwischen Heidentum und Christentum, den Theodosius' Köhlerglauben eingeführt hatte, war durch das Menschengeschlecht einhellig abgeschafft worden. Aber die Rechtswissenschaft der Pandekten begreift nur den Zeitraum von einhundert Jahren zwischen dem immerwährenden Edikt und dem Tod von Alexander Severus in sich: die Rechtskundigen aus der Zeit der ersten Caesaren kommen nur selten zu Wort, und lediglich drei Namen können der Zeit der Republik zugeordnet werden. Justinians Liebling, so hat man mit Bitterkeit bemerkt, schreckte zurück vor einer Begegnung mit dem Licht der Freiheit und der Würde römischer Weiser.

Tribonian überantwortete die echte und patriotische Weisheit eines Cato, eines Scaevolas und des Sulpicius dem Vergessen, während er zugleich die ihm gleichgestimmten Geister anrief, Syrer, Griechen und Afrikaner, welche an den Kaiserhof strömten, um Latein als Fremdsprache und Rechtswissenschaften als einträgliches Handwerk zu erlernen. Aber Justinians Minister Eine treffliche und gelehrte Rede von Schultingius (Jurisprudentia Ante-Justinianea, p. 883–907) rechtfertigt Teribonians Wahl gegen Franz Hotmans und seiner Schüler heftige Attacken. hatten Weisung erhalten, nicht der Neugierde der Altertumsforscher zuzuarbeiten, sondern dem unmittelbaren Wohl seiner Untertanen. Es wurde ihnen zur Pflicht, die praktischen und anwendbaren Teile des römischen Rechtes auszuwählen, und wie interessant und trefflich auch immer die Schriften der alten Republikaner sein mochten, zu dem neuen System der Sitten, Religion und der Regierung passten sie nun einmal nicht. Vielleicht würden wir ja zugestehen, wenn uns die Lehrer und Freunde Ciceros noch zuhanden wären, dass, abgesehen von der Reinheit der Sprache Entfernt man von Tribonian die Hülle und übergeht man seinen Gebrauch an technischen Fachausdrücken, dann wird man finden, dass sein Latein der Pandekten des silbernen Zeitalters nicht unwürdig ist. Lorenzo Valla, ein staubiger Pedant aus dem XV. Jh., und sein Parteigänger Floridus Sabinus haben es massiv kritisiert. Alciat hat es verteidigt, ebenso ein Unbekannter (vermutlich Jacob Capellus). Ihre Beiträge hierzu hat Duker gesammelt (Opuscula de Latinitate veterum Jurisconsultorum, Lugd. Bat. 1721)., Papinians und Ulpians Schulen ihren inneren Wert sogar noch übertrafen.

Die Rechtswissenschaft reift allgemach mit der Zeit und der Erfahrung, und Fortschritte in der Methode wie in den Materialien darf man deshalb bei den neuesten Autoren billig voraussetzen. Die Rechtsgelehrten aus der Zeit der Antonine hatten die Schriften ihrer Vorgänger studiert: den Rigorismus der Alten hatte ihre philosophische Denkweise abgemildert, die Verfahrensregeln hatten sie vereinfacht und sich der Eifersucht und Vorurteile rivalisierender Sekten entäußert. Die Auswahl der Autoritäten, deren Sprüche in die Pandekten Eingang fanden, hing ab von Tribonians Beschluss und Befinden; aber von den heiligen Pflichten zur Wahrheit und Treue konnte ihn auch sein allmächtiger Souverän nicht entbinden. Als der Gesetzgeber des Imperiums mochte Justinian die Satzungen der Antonine aufheben oder die von den letzten römischen Juristen behaupteten freisinnigen Prinzipien als umstürzlerisch verwerfen Nominibus etenim veteribus relictis, quidquid legum veritati decorum et necessarium fuerat, hoc nostris emendationibus servavimus. (»Denn nachdem wir die alten Bezeichnungen aufgegeben hatten, haben wir durch unsere Verbesserungen all das bewahrt, was für die Wahrheit der Gesetze ausgezeichnet und notwendig war.» Cod. Justinian. l. i. tit. xvii. leg. 3, No 10.) Ein freimütiges Geständnis!. Aber die Existenz vorvergangener Tatsachen ist dem Zugriff der Despoten entzogen; und der Kaiser machte sich des Betrugs und der Urkundenfälschung schuldig, wenn er die Zuverlässigkeit ihrer Texte verdarb, die Worte und Vorstellungen seiner Knechtsregierung mit ihrem ehrbaren Namen versah Die Anzahl dieser Embleme – ein Hüll-Synonym für ›Fälschung‹ – setzt Bynkershoek deutlich herab (in den vier letzten Büchern seiner Observationes) und behauptet ziemlich armselig das Recht Justinians und die Pflicht Tribonians. und mit Gewalt die reinen und wortgetreuen Abschriften ihrer Ansichten unterdrückte. Die Einschiebsel und Veränderungen des Tribonian und seiner Kollegen entschuldigt man gerne mit der Notwendigkeit eines einheitlichen Sprachgebrauches: aber ihre Sorgfalt war unzureichend, und die Antinomien und Widersprüche in Codex und Pandekten fordern noch von den modernen Rechtsgelehrten Proben von Geduld und Scharfsinn Die Antinomien oder widersprüchlichen Gesetze des Codex und der Pandekten sind oftmals die Ursache und der Vorwand für die glorreiche Ungewissheit des Zivilrechtes, das so viele, wie Montaigne es nennt, "Questions pour l'Ami" (Fälle für Freunde) ermöglicht. Eine schöne Stelle findet sich bei Franciscus Balduinus in Justinian, (2, p. 259, &c., apud Ludewig, p. 305, 306.).

UNTERGANG DER ALTEN JURISPRUDENZ.

Justinians Feinde hatten ohne jeden Beweis ein Gerücht verbreitet, der Autor der Pandekten habe die Jurisprudenz des alten Rom in der eitlen Überzeugung, sie sei nunmehr falsch oder überflüssig, zu Asche gemacht. Ohne sich ernstlich dieser unerquicklichen Mühe zu unterziehen, konnte der Kaiser darauf warten, dass die Zeit und das Vergessen dieses zerstörerische Unternehmen zuverlässig für ihn vollenden würden. Vor der Erfindung des Buchdrucks und des Papiers konnte sich nur die Wohlhabenden die Materialien und die Arbeit des Schreibens leisten; und man kann mit Grund annehmen, dass der Preis der Bücher zu jenen Zeiten hundertmal so hoch wie der heutige war Als Fust oder Faustus seine ersten gedruckten Bibeln in Paris als Handschriften verkaufte, fiel der Preis für eine Pergamentausgabe von 400 oder 500 auf 60, 50 und 40 Kronen. Das Publikum war zunächst entzückt über das wohlfeile Angebot und danach verbittert, als es den Betrug entdeckte (Mattaire, Annal. Typograph. Bd. 1, p. 12; 1. Ausgabe).. Abschriften entstanden nur langsam und wurden mit Zurückhaltung erneuert: Hoffnung auf Gewinn verleitete niederträchtige Kopisten, die altertümlichen Schriftzüge abzuschaben; Sophokles oder Tacitus wurden gezwungen, Messbüchern, Predigttexten und goldenen Legenden zu weichen Diese scheußliche Unsitte begann im VIII. Jh. und dauerte fort bis ins XII. Jh., wo er fast allgemein war. (Montfaucon, Memoires de l'Academie, Bd. 6. p. 606ff. Bibliotheque Raisonnee de la Diplomatique, Bd. 1, p. 176).. Wenn dieses das Schicksal der schönsten Werke menschlichen Genies war: welche Lebensdauer konnte man da für die langweiligen und ungenießbaren Hervorbringungen einer obsoleten Wissenschaft erwarten? Die Bücher der Jurisprudenz waren für einige wenige von Bedeutung; Unterhaltung boten sie niemandem. Ihr Wert hing einzig von ihrer aktuellen Nutzbarkeit ab, und sie gingen unter auf ewig, sobald dieser Gebrauch durch neuere Moden, höheres Verdienst oder staatliche Autorität überflüssig wurde.

Bereits im Zeitalter der friedlichen Gelehrsamkeit zwischen Cicero und den Antoninen war vieles verloren gegangen, und mehrere Leuchten der Gerichtshöfe oder des Katheders waren den Interessierten nur noch aus der Überlieferung oder vom Hörensagen bekannt. Dreihundertsechzig Jahre Unordnung und Verfall beschleunigten dieses fortschreitende Vergessen, und wir können mit Grund annehmen, dass viele Texte, deren Vernachlässigung man Justinian vorwirft, zu jener Zeit in den Bibliotheken des Ostens bereits nicht mehr verfügbar waren Pomponius (Pandect. l. i. tit. ii. leg. 2) bemerkt, dass von den drei Begründern der Rechtsgelehrsamkeit, Mucius, Brutus und Manilius extant volumina, scripta Manilii monumenta (Schriftrollen und schriftliche Urkunden des Manilius erhalten sind); dass von einigen Alten Juristen aus den Zeiten der Republik haec versantur eorum scripta inter manus hominum (diese ihre Schriftstücke noch unter den Menschen von Hand zu Hand gingen). Acht von den Weisen des Augustus sind auf ein Kompendium herabgesetzt: von Cascellius scripta non extant sed unus liber, (sind keine Schriftstücke erhalten, sondern nur noch ein Buch). Von Trebatius minus frequentatur (findet sich noch weniger); von Tubero, libri parum grati sunt (sind die Bücher zu wenig erwünscht). Viele Zitate in den Pandekten stammen aus Büchern, die Tribonian nie zu Gesicht bekommen hat. Und in der langen Zeit zwischen VII. bis zum XIII. Jh. hängt die scheinbare Belesenheit der neuern Schriftsteller von den Kenntnissen und der Ehrlichkeit ihrer Vorgänger ab.. Man hielt die Abschriften eines Papinian oder Ulpian, die der Reformer in Acht getan hatte, jeder weiteren Berücksichtigung für unwert: die Zwölf Tafeln und die prätorianischen Edikte verschwanden allmählich, und die Griechen vernachlässigten die Denkmäler des alten Rom, sei es aus Neid oder aus Unkenntnis. Sogar die Pandekten entgingen diesem allgemeinen Schiffbruch nur mit genauer Not, und die Wissenschaft hat darauf hingewiesen, dass alle Ausgaben und Manuskripte des westlichen Reichs auf eine einzige Urschrift zurückgehen Alle wiederholen an bestimmten Stellen dieselben Schreibfehler und die Versetzung einiger Blätter in den florentinischen Pandekten. Stimmt diese Tatsache wirklich, dann ist sie entscheidend. Indessen: schon Ivo von Chartres (gest. 1117), Theobald, Erzbischof von Canterbury und Vacarius, unser erster Professor (im Jahre 1140) zitieren die Pandekten. (Selden ad Fletam, c. 7, Band 2, p. 1080–1085). Wurden denn unsere britischen mss. kollationiert?. Es wurde zu Beginn des VII. Jh. in Konstantinopel abgefasst Siehe die Beschreibung dieses Originals bei Brenckman (Hist. Pandect. Florent. 1, c. 2, 3, p. 4–17, und 2.) Politian, ein Enthusiast, verehrte es als eine echte Urkunde aus der Hand Justinians (p.407f.), aber die Abkürzungen in den florentinischen mss. widerlegen diese Ansicht. (2,3, p. 117-130). Es besteht aus zwei Quartbänden mit breitem Rand auf einem dünnen Pergament, und die lateinischen Buchstaben verraten den griechischen Kopisten., kam infolge kriegerischer oder kommerzieller Wechselfälle nacheinander nach Amalphi Brenckmann hat am Ende seiner Geschichte Abhandlungen über die Republik Amalohi und den Krieg mit Pisa im Jahr 1135f angefügt., Pisa Die Entdeckung der Pandekten in Amalphi 1137 wird zuerst von Ludovicus Bologninus 1501 erwähnt (Brenckman, l. i. c. 11, p. 73, 74, l. iv. c. 2, p. 417–425) nach einer pisanischen Chronik (p. 409f.) ohne Datum und Namen. Dieser Geschichte, obgleich im XII. Jh. unbekannt, in dunklen Zeiten verschönert und von der strengen Kritik bezweifelt, fehlt es nicht an innerer Glaubwürdigkeit (1, c. 4–8, p. 17–50.). Das Liber Pandectarum von Pisa wurde im XIV Jh. unstreitig von dem großen Bartolus herangezogen. (p. 406, 407. Siehe 1, c. 9, p. 50–62.) und Florenz Pisa wurde 1406 von Florenz erobert und 1411 wurden die Pandekten in die Hauptstadt gebracht. Diese Ereignisse sind authentisch und allgemein bekannt. und liegt nun als eine heilige Reliquie Sie wurden neu in Purpur eingebunden, in ein reiches Kästlein gebettet und den interessierten Besuchern von Mönchen und Gerichtsdienern gezeigt, barhäuptig und bei Kerzenschein. in dem alten Palast der Republik aufbewahrt Nach den Kollationierungen durch Politian, Bolignius Antoninus Augustinus und der prachtvollen Pandektenausgabe des Taurentius (1551) unternahm der Holländer Hendrik Brenckmann eine Wallfahrt nach Florenz, wo er mehrere Jahre lang dem Studium einer einzigen Handschrift oblag. Seine Historia Pandectarum Florentinorum, (Utrecht, 1722, im Quartformat) ist eine Denkmal des Fleißes, aber nur ein kleiner Teil seines ursprünglichen Vorhabens..

UNBESTÄNDIGKEIT JUSTINIANS ALS GESETZGEBER

Die erste Sorge eines Reformators muss es sein, jedweder künftigen Reform vorzubauen. Um den Text der Pandekten, Institutionen und des Codex unverändert zu bewahren, war der Gebrauch von Ziffern und Abkürzungen streng verboten; und da es Justinian gegenwärtig war, dass das immerwährende Edikt unter der Last der Kommentare begraben lag, drohte er solchen kecken Juristen die Strafe für Fälschung an, wenn sie sich unterstehen sollten, den Willen ihres Gesetzgebers auszulegen oder zu verdrehen. Die Schüler des Accursius, Bartulus und Cuiacius müssen über ihre angehäufte Schuld erröten, außer sie wären so kühn und bestritten ihm sein Recht, die Autorität seiner Nachfolger und die angeborenen Freiheit des menschlichen Geistes in Fesseln zu schlagen.

ZWEITE AUSGABE DES CODEX 16. NOVEMBER 534 – DIE NOVELLEN 534 – 565

Doch der Kaiser war außerstande, seine eigene Unbeständigkeit zu kontrollieren, und während er sich rühmte, als ein zweiter Diomedes Erz in Gold verwandelt zu haben Apud Homerum patrem omnis virtutis (Bei Homer, dem Vater jeder Tugend. 1.Vorrede auf die Pandect). Ein Vers aus Milton oder Tasso würden wir in einer Parlamentsakte übel vermerken. Quae omnia obtinere sancimus in omne aevum (Was wir doch alles für alle Zeiten festsetzen wollen). Vom ersten Codex sagt er in der 2. Vorrede: in aeternum valiturum (gültig für die Ewigkeit). Menschen und ewig!, entdeckte er die Notwendigkeit, sein Gold von unedleren Metallbeimengungen zu befreien. Noch nicht sechs Jahre waren nach der ersten Veröffentlichung des Codes vergangen, als er diesen unvollkommenen Versuch durch eine neue und korrigierte Ausgabe des gleichen Werkes verwarf; und welches er mit zweihundert Gesetzen eigener Provenienz sowie fünfzig Entscheidungen zu den dunkelsten und verwickeltesten Gegenständen der Jurisprudenz anreicherte.

Jedes Jahr, oder um mit Prokopios zu reden, jeder Tag seiner langen Regierung ward durch irgendeine Abänderung in den Gesetzen bezeichnet. Viele dieser Akte nahm er selbst zurück; manche wurden von seinen Nachfolgern verworfen, wieder andere wurden im Laufe der Zeit obsolet, doch die Zahl von 16 Edikten und 168 Novellen Novella ist ein klassisches Adjektiv, aber ein barbarisches Substantiv (Ludewig p.245). Justinian hat sie nie selbst gesammelt; die neun Kollationen, gesetzliche Richtschnur moderner Gerichtshöfe, bestehen nur aus 98 Novellen; doch ihre Zahl wurde durch den Fleiß von Julian, Holoander und Contius vermehrt. (Ludewig, p. 249, 258 Aleman. Not. in Anecdot. p. 98.) fand im authentischen Corpus der Ziviljurisprudenz bleibende Aufnahme. Nach Meinung eines über die Vorurteile seines Standes erhabenen Philosophen kann man diese unaufhörlichen und fast immer unbedeutenden Änderungen nur mit dem käuflichen Charakter eines Fürsten erklären, der ohne jede Scham seine Urteile und Gesetze verkauft Montesquieu, Considerations sur la Grandeur et la Decadence des Romains, c. 20, Band 3, p. 501. Diesmal legt er die Amtstracht und das Barett eines President à mortier ab..

Die Anklage in der Geheimgeschichte ist allerdings deutlich und heftig, aber der einzige von Prokopios vorgetragene konkrete Fall könnte ebenso gut der Andächtelei wie der Habgier Justinians geschuldet sein. Ein reicher Frömmler hat seine Erbschaft der Kirche von Emesa überschrieben, und der Betrag wurde zusätzlich durch die Geschicklichkeit eines Fälschers vergrößert, der unter Schuldverschreibungen und Zahlungsversprechen die Unterschriften der reichsten Syrer zu setzen wusste. Diese wendeten die gesetzliche Verjährung von 30 oder 40 Jahren ein; aber diese Einwendung wurde durch ein rückwirkendes Edikt verworfen, welches die Ansprüche der Kirche auf die Dauer von 100 Jahren ausdehnte, ein Edikt, derart geschwängert mit Ungerechtigkeit und Willkür, dass es, als es seinem eigentlichen Zweck gedient hatte, noch unter derselben Regierung weislich wieder abgeschafft wurde Prok. Anek. 28. Ein ähnliches Privilegium ward auch der Kirche von Rom erteilt (Novel. IX). Über den allgemeinen Widerruf dieser bösartigen Begünstigung siehe Nov. CXI und Edict. V.. Wenn auch Unparteilichkeit den Kaiser freisprechen und die Verantwortung für diese Verderbtheit auf seine Frau und seine Hofschranzen übertragen sollte, so muss selbst der Verdacht eines so schändlichen Fehlverhaltens die Majestät seiner Gesetze entwürdigen, und die Verteidiger Justinians müssen gestehen, dass ein solcher Gesetzesbruch, aus welchen Gründen auch immer er erfolgt sein mag, eines Gesetzgebers und Menschen unwürdig ist.

DIE INSTITUTIONEN 21 NOVEMBER 533

Selten nur finden sich Monarchen aufgelegt, zu Lehrern ihrer Untertanen zu werden, und so verdient Justinian einiges Lob, da auf seine Anordnung hin ein umfangreiches System auf knappgefasste und verständliche Anfangsgründe zurückgeführt wurde. Unter solchen verschiedenen Institutionen des römischen Rechtes Lactantius versucht, in seinen elegant und gut lesbar geschrieben Institutionen des Christentums Titel und Vorgehensweise der Rechtsgelehrten zu kopieren. Quidam prudentes et arbitri aequitatis Institutiones Civilis Juris compositas ediderunt, (Einige erfahrene Richterhaben Institutionen des Zivilrechtes herausgegeben), z.B. Ulpian, Paul, Florentinus, Marcianus. (Institut. Divin. l. i. c. 1.) waren diejenigen des Caius Kaiser Justinian nennt ihn seinen Caius, obwohl er schon am Ende des zweiten Jahrhunderts gestorben war. Seine Institutionen werden von Servius, Boethius, Priscian u.a. zitiert, und auch die Epitome des Arrian sind erhalten. Siehe auch die Einleitung und die Anmerkungen zur Ausgabe von Schulting, in Jurisprudentia Ante-Justinianea, Lugd. Bat. 1717. Heineccius, Hist. J R No. 313. Ludewig, in Vit. Just. p. 199). in Ost und West die volkstümlichsten; ihre starke Verbreitung mag man als den Maßstab für ihren Wert nehmen. Die kaiserlichen Bevollmächtigten Tribonian, Theophilus und Dorotheus wählten sie aus; und die Freiheit und Lauterkeit des Zeitalters der Antonine ward mit den minderwertigen Materialien eines ausgearteten Jahrhunderts überkleistert. Dasselbe Buch, welche die Jugendlichen von Rom, Konstantinopel und Berytos zu dem Studium des Codex' und der Pandekten hinführte, ist noch heute dem Historiker, dem Philosophen und dem Richter kostbar. Die Institutionen des Justinian sind in vier Bücher untergliedert: sie gehen gemäß einer unverächtlichen Methode von I. Personen zu II. Sachen, und von den Sachen zu III. Klagen über; der IV Abschnitt endlich von den Privatvergehen schließt mit den Grundlagen des peinlichen oder Kriminalrechtes.

I PERSONENRECHT – FREIE UND SKLAVEN

Die Verschiedenheit von Ständen und Personen ist die zuverlässigste Grundlage für eine gemischte und eingeschränkte Regierungsform. In Frankreich werden die Restbestände der Freiheit durch den Geist, die Würde und selbst noch durch die Vorurteile von fünfzigtausend Edelleuten am Leben erhalten Sieh die Annales Politiques de l'Abbe de St. Pierre, Bd. 1, p. 25, der auf das Jahr 1735 datiert. Die ältesten Familien berufen sich seit unvordenklichen Zeiten auf ihren Wappen- und Lehensbesitz. Seit den Kreuzzügen sind einige –im Grunde die ehrwürdigsten –von den Königen ihrer Verdienste halber geadelt worden. Der heutige, gewöhnliche Haufen bildet sich aus der Masse käuflicher Dienste, die ohne Würde und Vertrauen sind und doch beständig den wohlhabenden Plebejer adeln.. Zweihundert Familien bilden in gerade absteigender Linie die zweite Säule der englischen Gesetzgebung und bewahren so das verfassungsmäßige Gleichgewicht zwischen König und Gemeinen. Die Unterscheidung von Patriziern und Plebejern, Fremden und Untertanen hat die Aristokratie von Genua, Venedig und dem alten Rom getragen. Die vollkommene Gleichheit aller Menschen ist genau der Punkt, wo die Extreme der Demokratie und Despotie wieder zusammenfallen, weil die Majestät des Fürsten oder des Volkes gekränkt wäre, wenn irgendwelche Häupter über die Gleichheit ihrer Mitsklaven oder Mitbürger erhoben wären. Da das römische Reich zerfiel, wurden die stolzen Unterscheidungen der Republik allgemach abgeschafft, und Justinians Staatsklugheit oder sein Machtinstinkt brachten die schlichte Regierungsform einer absoluten Monarchie zur Vollendung. Es war ihm unmöglich, die populäre Ehrfurcht abzustellen, die dem Besitz des erblichen Reichtums und dem Andenken berühmter Ahnen immer wieder zuteil wird. Er gefiel sich darin, durch Titel und Vorrechte seine Generäle, Beamten und Senatoren auszuzeichnen; und seine schwankende Milde gönnte auch ihren Frauen und Kindern, sich ein wenig in den Strahlen dieser Gnade zu sonnen.

Aber in den Augen des Gesetzes waren alle römischen Bürger gleich, und alle Untertanen des Imperiums waren Bürger Roms. Dieses unschätzbare Privileg war zu einem veralteten und bedeutungslosen Etikett geworden. Die Stimme eines Römers konnte nicht länger seine Gesetze geben oder einmal im Jahr die Diener seiner Macht ernennen: solche verfassungskonformen Rechte hätten dem unbegrenzten Willen seines Fürsten Fesseln anlegen können: und der kühne Abenteurer aus Germanien oder Arabien wurde mit gleichem Recht zu bürgerlichen oder militärischen Kommandostellen zugelassen, welche einstmals über die Eroberungen seiner Väter einzufordern nur der römische Bürger berechtigt war.

Streng hatten die ersten Kaiser über den Unterschied zwischen freier und sklavischer Geburt gewacht, was durch den Stand der Mutter entschieden wurde; und die Gesetze in ihrer Überparteilichkeit waren's zufrieden, wenn diese Freiheit auch nur für einen einzigen Augenblick zwischen Empfängnis und Geburt nachgewiesen werden konnte. Die Sklaven, die ein gütiger Besitzer freigelassen hatte, traten sogleich ein in die Mittelklasse der libertini oder Freigelassenen: aber der Pflicht zur Dankbarkeit und zum Gehorsam gingen sie niemals ledig: von allen Früchten ihres Fleißes erbte ihr Patron oder seine Familie ein Drittel, ja sogar alles, falls sie kinderlos gestorben waren. Justinian tastete die Rechte der Patrone nicht an; aber immerhin entfernte er von den beiden unteren Klassen der Freigelassenen ihre schimpfliche Kennzeichnung: wer für immer aufgehört hatte Sklave zu sein, erhielt ohne Verzug oder Vorbehalt den Rang des Bürgers; und endlich wurde auch die Ehre einer freien Geburt, die die Natur verweigert hatte, durch kaiserliche Allmacht zugeteilt.

Alle Einschränkungen, bedingt durch Alter, Formalitäten oder Anzahl, welche ehedem eingeführt waren, um dem Missbrauch der Freilassungen und der zu schnellen Vermehrung bedürftiger Römer gegenzusteuern, wurden von Justinian vollständig aufgehoben; und der Geist wenigstens dieser Gesetz beschleunigte das Ende der häuslichen Sklaverei. Indessen waren die Provinzen des Orients in Justinians Zeiten angefüllt mit Massen von Sklaven, entweder als solche geboren oder gekauft zum Gebrauch durch ihren Herren; ihr Preis – zehn bis siebzig Goldstücke – richtete sich nach Alter, Körperkraft oder Ausbildung Wenn mehreren Erben die Auswahl an einem Sklaven vermacht war, dann zogen sie Lose, und der Verlierer forderte seinen Anteil am Geldwert des Sklaven: 10 Goldstücke für einen gewöhnlichen Sklaven unter zehn Jahren, männlich oder weiblich; 20 für ältere; 30, wenn sie ein Handwerk verstanden; 50 für Notare oder Schreiber; 60 für Hebammen oder Ärzte; 30 für Eunuchen unter 10 Jahren, 50 darüber; 70, wenn sie noch ein Gewerbe gelernt hatten. (Cod. l. vi. tit. xliii. leg. 3). Diese gesetzlich fixierten Preise liegen immer unter dem Marktwert.. Aber die Drangsale dieser Abhängigkeit wurden beständig durch den Einfluss von Regierung und Religion abgemildert, und ein Untertan fühlte sich irgendwann nicht länger in erhobener Stimmung bei dem Gedanken an seine absolute Macht über das Lebensglück seiner Leibeigenen Zu Sklaven und Freigelassenen: Institutionen l. i. tit. iii.–viii. l. ii. tit. ix. l. iii. tit. viii. ix. Pandecten oder Digesten, l. i. tit. v. vi. l. xxxviii. tit. i.–iv., und das ganze 40. Buch. Code, l. vi. tit. iv. v. l. vii. tit. i.–xxiii. Es sei angemerkt, dass von jetzt ab mit den Texten der Institutionen und Pandekten auch immer die entsprechenden Stellen in den Antiquitäten und den beiden Kompendien von Heineccius stillschweigend mit angeführt sind und mit den Büchern 1-27 der Pandekten auch immer Gerard Noodts gelehrter Kommentar. (Op. Bd. 2, p. 1-590)..

I PERSONENRECHT – VÄTER UND KINDER

Das Gesetz der Natur veranlasst die meisten Tiere, ihre hilflosen Jungen zu umhegen und aufzuziehen. Das Gesetz der Vernunft gibt dem Menschen kindliche Gegenliebe ein. Doch die ausschließliche, unumschränkte und lebenslänliche Herrschaft des Vaters über seine Kinder ist eine Besonderheit der römischen Jurisprudenz Zur patria potestas (väterliche Gewalt) siehe die Institutionen l. i. tit. ix, Pandekten, (l. i. tit. vi. vii.,) und Codex (l. viii. tit. xlvii. xlviii. xlix). Jus potestatis quod in liberos habemus proprium est civium Romanorum. Nulli enim alii sunt homines, qui talem in liberos habeant potestatem qualem nos habemus. (Die gesetzliche Gewaltbefugnis, die wir über unsere Kinder haben, ist dem römischen Bürger ganz eigentümlich. Denn es gibt keine weiteren Menschen, die über ihre Kinder eine solche Gewaltbefugnis haben wie wir). und scheint ebenso alt zu sein wie die Stadt selbst Dionysius Hal. 2, p. 94, 95. Gravina (Opp. p. 286) führt die Worte der Zwölf Tafeln an. Papinian (in Collatione Legum Roman et Mosaicarum, tit. iv. p. 204) nennt die patria potestas: lex regia (väterliche Gewalt: königliches Gesetz). Ulpian (ad Sabin. l. xxvi. in Pandect. l. i. tit. vi. leg. 8) sagt, jus potestatis moribus receptum (die väterliche Machtausübung ist allgemein angenommen); und furiosus filium in potestate habebit (ein Wahnsinniger wird über seinen Sohn dieses Recht bhalten). Wie heilig – oder vielmehr: wie aberwitzig!. Die elterliche Gewalt wurde von Romulus persönlich eingeführt oder bekräftigt und nach drei Jahrhunderten von den Decemvirn in ihre vierte Tafel eingraviert. Auf dem Forum, im Senat oder im Feldlager war der erwachsene Sohn eines römischen Bürgers mit den öffentlichen und privaten Rechten einer Person begabt: im Hause seines Vaters war er eine bloße Sache, per Gesetz der beweglichen Habe, dem Nutzvieh und den Sklaven gleichgestellt, welche ein unberechenbarer Gebieter verkaufen oder vernichten mochte, ohne sich dafür vor einem irdischen Gericht jemals verantworten zu müssen. Die Hand, die den täglichen Unterhalt darreichte, konnte dieses freiwillige Geschenk zurückhalten, und alles, was der Sohn durch Fleiß oder Zufall erworben haben mochte, verlor sich ohne Verzug im Eigentum des Vaters. Seine ihm gestohlenen Güter (seine Ochsen oder Kinder) konnten durch die gleiche Diebstahlsklage zurückgefordert werden Pandect. l. xlvii. tit. ii. leg. 14, No. 13, leg. 38, No. 1. So die Entscheidung von Ulpian und Paulus.; und wenn einer der beiden einen Schaden angerichtet hatte, stand es in seiner freien Wahl, dies durch Zahlung zu begleichen oder dem Geschädigten das schuldige Tier oder den Sohn zu überlassen.

Im Falle einer Mittellosigkeit oder aus schierer Habsucht konnte ein Familienvorstand seine Sklaven oder Kinder veräußern. Aber der Sklave hatte es insofern weitaus besser, als er durch seine erste Freilassung seine veräußerte Freiheit wiedererlangte. Der Sohn hingegen wurde seinem widernatürlichen Vater wieder gegeben und konnte nun ein zweites oder sogar drittes Mal zur Sklaverei verdammt werden, und erst nach dem dritten Verkauf und dem dritten Freikauf Die trina mancipatio (dreifache feierliche Übereignung) wird genauestens von Ulpian dargestellt (Fragment. x. p. 591, 592, ed. Schulting) und am besten in Heineccius' Altertümern erläutert. war er der häuslichen Gewalt entzogen, die so oft missbraucht worden war. Nach seinem Belieben konnte ein Erzeuger die wahren oder eingebildeten Verfehlungen seiner Kinder auch durch Geißelhiebe, Einkerkerung, Exil oder dadurch bestrafen, dass er ihn aufs Land schickte, um dort mit den geringsten seiner Sklaven in Ketten zu arbeiten. Die Majestät eines Vaters besaß die Gewalt über Leben und Tod Dieses altrömische ius necis eines Vaters ist von Justinian angeführt und verworfen worden. (Institut. l. iv. tit. ix. No. 7). In den Pandekten (l. xliii. tit. xxix. leg. 3, No. 4) finden sich noch einige Spuren davon in den Gesetzen sowie in der Collatio Legum Romanarum et Mosaicarum, (tit. ii. No. 3, p. 189)., und Beispiele solcher blutigen Hinrichtungen, die gelegentlich gelobt und niemals bestraft wurden, lassen sich in den Annalen Roms zurück bis über die Zeiten des Augustus und des Pompeius hinaus verfolgen. Weder Alter noch Rang, weder eine konsularische Stellung noch die Ehre eines Triumphes konnten den ersten Mann des Staates von der Pflicht zur väterlichen Unterwürfigkeit zu lösen Ausgenommen bei öffentlichen Auftritten oder tatsächlicher Amtsausübung. In publicis locis atque muneribus atque actionibus, patrum jura cum filiorum, qui in magistratu sunt, potestatibus collata interquiescere paullulum et connivere, (...an öffentlichen Orten oder bei Verwaltungssachen, bei Verhandlungen müssen die Rechte der Väter von Söhnen, die ein hohes Amt ausüben, auf einige Zeit schweigen und die Augen schließen... Aul. Gellius, Noctes Atticae, 2,2). Die Lehren des Philosophen Taurus werden durch das alte und bemerkenswerte Beispiel des Fabius gerechtfertigt, und dieselbe Geschichte können wir im Stil des Livius (24,44) und dem schlichten Idiom des Annalisten Claudius Quadrigarius lesen.: selbst seine eigenen Kinder waren in der Familie ihres gemeinsamen Ahns einbegriffen, und auch die Rechte der Adoption waren nicht weniger heilig und streng als die der Natur. Ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Gefahr des Missbrauchs hatten die römischen Gesetzesgeber ein unbegrenztes Zutrauen auf die väterliche Liebe gesetzt. Und endlich wurde der Druck gemildert durch die Gewissheit, dass jede Generation ihrerseits in die erhabene Würde eines Vaters und Herren eintreten werde.

I PERSONENRECHT – BESCHRÄNKUNG DER VÄTERLICHEN GEWALT

Die erste Einschränkung der väterlichen Gewalt wird der Weisheit und Menschenfreundlichkeit des Numa Pompilius zugeschrieben; und so war eine Jungfrau, die einen freien Mann mit Einwilligung seines Vaters geheiratet hatte, für alle Zukunft vor der Schande sicher, unvermittelt die Frau eines Sklaven zu sein. In der Frühzeit, als die Stadt durch ihre latinischen und tuskischen Nachbarn oft genug bedrängt und ausgehungert wurde, mochte der Verkauf von Kindern eine häufig geübte Praxis gewesen sein; da aber ein Römer die Freiheit eines Mitbürgers von Gesetzes wegen nicht kaufen konnte, musste dieser Markt allmählich einbrechen und infolge der Eroberungen der Republik ganz aufhören. Im Laufe der Zeit wurde dem Sohne ein unvollständiges Eigentumsrecht zuerkannt und die dreifache Unterscheidung von profectitium, adventitium und professionale (vom Vater erhalten; anderswo erlangt; durch Beruf erworben) wurde durch die Jurisprudenz des Codex und der Pandekten bestimmt Siehe die stufenweise Vergrößerung und Absicherung des peculium (Sondervermögen) der Kinder in den Institutionen (l. ii. tit. ix), den Pandecten, (l. xv. tit. i. l. xli. tit. i) und im Codex (l. iv. tit. xxvi. xxvii).. Von allem, was der Vater hergab, verlieh er nur den Gebrauch und behielt das volle Eigentumsrecht; wenn jedoch seine Güter verkauft wurden, war der Anteil des Sohnes infolge einer günstigen Auslegung von den Forderungen des Gläubigers ausgenommen. Von allem, was dem Sohne durch Heirat, Schenkung oder Erbschaft von Seitenverwandten zufiel, behielt er das Eigentumsrecht, während dem Vater der lebenslängliche Niesbrauch zustand, er wäre denn ausdrücklich davon ausgeschlossen worden.

Zusätzlich zum gerechten und angemessenen Lohn für Tapferkeit im Felde wurde von dem Soldaten allein die dem Feinde abgenommene Beute erworben, in Besitz genommen und vermacht, und diese Regelung erstreckte sich nach einer einleuchtenden Analogie auch auf alles, was durch freie Kunstausübung, Besoldung in einem öffentlichen Amt oder gar die heilige Freigebigkeit des Kaisers oder der Kaiserin erworben wurde. Das Leben eines Bürgers war dem Missbrauch durch väterliche Gewalt weniger ausgesetzt als sein Vermögen. Nun konnte aber selbst sein Leben den Interessen oder den Leidenschaften eines unwürdigen Vaters zuwider laufen: die Verbrechen, die aus der Verderbtheit des augusteischen Zeitalters hervorgingen, wurden von dessen Menschlichkeit umso deutlicher gefühlt; und der grausame Erixo, der seinen Sohn zu Tode gepeitscht hatte, konnte nur durch Eingreifen des Kaisers vor dem gerechten Volkszorn gerettet werden Seneca (de clementia 1,14 und 15) schildert den Fall des Erixo und des Arius, ersteren mit Abscheu, letzteren mit Beifall..

Der römische Vater wurde von der despotischen Ungebundenheit zu Würde und Maß eines Richters geführt. Die Gegenwart und die Stimme des Augustus bestätigten das in einer häuslichen Gerichtsverhandlung ausgesprochene Verbannungsurteil des Arius wegen eines geplanten Vatermordes. Hadrian schickte einen eifersüchtigen Vater auf eine Insel ins Exil, weil dieser wie ein Buschräuber bei Gelegenheit einer Jagd einen Jüngling ermordet hatte, der mit seiner Stiefmutter in einer inzestuösen Beziehung stand Quod latronis magis quam patris jure eum interfecit, nam patria potestas in pietate debet non in atrocitate consistere... (Weil er ihn eher mit dem Recht eines Räubers als eines Vaters getötet hatte, denn die väterliche Gewaltbefugnis soll auf Milde und nicht auf Grausamkeit beruhen... Marcian. Institut. l. xix. in Pandect. l. xlviii. tit. ix. leg.5.). Eine Privatgerichtsbarkeit läuft dem Geiste der Monarchie zuwider; der Vater wurde vom Richter zum Ankläger; und Alexander Severus ordnete die Obrigkeiten an, seine Klage anzuhören und seine Verurteilung zu vollziehen. Er konnte seinen Sohn nicht mehr das Leben nehmen, ohne sich Schuld und Bestrafung wegen Mord aufzuladen; und so wurde die volle Strafe für Verwandtenmord, von der dieser Fall in Pompeius' Gesetz ausgenommen war, durch Konstantins Gerechtigkeit über ihn verhängt Die pompejanischen und cornelischen Gesetze de sicariis et parricidis (Meuchel- und Verwandtenmord) werden wiederholt oder besser abgekürzt zusammen mit den Ergänzungen des Alexander Severus, Konstantin und Valentinian, in den Pandecten (l. xlviii. tit. viii ix) und dem Codex (l. ix. tit. xvi. xvii). Siehe auch den Cod. Theod. (l. ix. tit. xiv. xv.) mit Godefroys Kommentar (Bd. 3, p. 84–113), der über diese Strafgesetze eine Flut alter und neuer Gelehrsamkeit ausschüttet..

Solcher Schutz steht jedem Lebensabschnitt zu, und die Vernunft kann der Menschlichkeit des Paulus ihren Beifall nicht versagen, wenn er den Vater des Mordes für schuldig erklärt, der sein neugeborenes Kind erwürgt, verhungern lässt, sich seiner nicht annimmt oder es an einem öffentlichen Platz aussetzt, damit es dort das Erbarmen finde, das er selbst ihm verweigert hatte. Aber Kindesaussetzung war im Altertum ein vorherrschendes und zählebiges Verbrechen: Völker, die niemals den römischen Begriff der väterlichen Gewalt kannten, verboten es zuweilen, erlaubten es oft und bestraften es niemals. Und die dramatischen Dichter, die doch immer an das Menschenherz appellieren, sprechen mit Gleichmut von dieser Sitte, welche mit Wirtschaftlichen Gründen und selbst noch mit Mitleid beschönigt wurde Wenn der Chremes des Terenz seinem Weibe Ungehorsam vorwirft, da sie ihr beider Kind nicht ausgesetzt habe, spricht er als Vater und Gebieter und bringt so die Skrupel einer törichten Frau zum Schweigen. Siehe Apuleius, Metamorphosen 10, p. 337, ed. Delphin.. Wenn der Vater seine eigenen Gefühle zum Schweigen bringen konnte, mochte er vielleicht nicht dem Tadel, aber doch wenigstens der Bestrafung der Gesetze entgehen; und das römische Reich war mit Kinderblut befleckt, bis endlich Valentinian und seine Kollegen auf dem Throne diese Mordtaten in Buchstaben und Geist des cornelischen Gesetzes einfügten. Die Jurisprudenz Die Meinungen der Juristen und die obrigkeitlichen Einwendungen hatten in der Zeit des Tacitus einige gesetzliche Einschränkungen bewirkt, die seinen Gegensatz betonten zwischen den boni mores (reine Sitten) der Germanen gegenüber den bonae leges alibi (gute Gesetze anderswo) – womit Rom gemeint ist (de Moribus Germanorum, c. 19). Tertullian ad nationes 1,15 widerlegt seine eigenen und seiner Glaubensbrüder Vorwürfe gegen die heidnische Jurisprudenz. und die christlichen Lehren allein waren unvermögend gewesen, diese unmenschliche Praxis abzuschaffen, bis schließlich ihrem milden Einfluss das Entsetzen vor der Todesstrafe den erforderlichen Nachdruck verlieh Der weise und humane Ausspruch des Juristen Paulus (l. ii. Sententiarum) in den Pand. (1. xxv. tit. iii. leg. 4) wird von Gerard Noodt (Opp. Bd.1. in Julius Paulus, p. 567–558 und Amica Responsio, p. 591-606), wo er die Auffassung des Lipsius vertritt (Opp. Bd.2, p. 409, ad Belgas. cent. i. epist. 85), als bloße Vorschrift der Moral-Lehre angesehen, indessen von Bynkershoek, (de Jure occidendi Liberos, Opp. Bd.1. p. 318–340. Curae Secundae, p. 391–427) als ein ausdrückliche bindendes Gesetz. In dieser gelehrten und hitzigen Kontroverse gerieten die beiden Freunde auf je unterschiedliche Abwege..

I PERSONENRECHT – MANN UND FRAU

Die Erfahrung lehrt, dass Wilde die Tyrannen des weiblichen Geschlechtes sind und dass die Rechtstellung der Frau durch die Verfeinerung des gesellschaftlichen Lebens für gewöhnlich verbessert wird. In der Hoffnung auf kräftigen Nachwuchs hatte Lykurg das Heiratsalter heraufgesetzt: Numa legte fest, dass der römische Ehemann eine reine und gehorsame Jungfrau im zarten Alter von zwölf Jahren nach seinem Willen erziehen könne Dionys. Hal. 2, p. 92, 93. Plutarch, Numa, p. 140-141.. Gemäß antikem Brauchtum kaufte er die Braut ihren Eltern ab, und sie vollzog die coemptio (den Aufkauf), indem sie sich mit drei Kupfermünzen den rechtmäßigen Eintritt in sein Haus und den Zugang zu seinen Hausgöttern erwarb. Priester brachten ein Opfer aus Früchten in Gegenwart von zehn Zeugen dar; die beiden Parteien des Ehekontraktes saßen auf demselben Schafs-Vlies; sie aßen von einem gesalzenen Kuchen aus Dinkelschrot oder Reis; und diese Eheschließung Unter den Winterfrüchten triticum (Bartweizen), siligo (Winterweizen), far (Dinkel), adorea und oryza, dersen Beschreibung mit dem italienischen und spanischen Reis genau übereinstimmt. Ich vertraue mit dieser Aussage auf Herrn Pauctons nützliche und mühselige Metrologie (p. 517-529)., welche auf die älteste Nahrung Italiens hinweist, versinnbildlichte ihre mystische Vorstellung von der Vereinigung Leibes mit der Seele. Aber von Seiten der Frau war diese Vereinigung bitter und ungleich; sie gab den väterlichen Namen und die Götter der Väter auf und trat dafür in eine neue Sklaverei ein, die nur durch den Namen einer Adoption geziert wurde. Eine gesetzliche Fiktion, weder vernünftig noch zärtlich, gab der Mutter der Familie Aulus Gellius (18,6) zitiert eine alberne Definition des Aelius Melissus: Matrona, quae semel, materfamilias quae saepius peperit (matrona heißt eine Frau, die einmal geboren hat, materfamilias, welche mehrfach geboren hat), so wie porcetra und scropha unter den Schweinen unterschieden werden (die einmal bzw. öfter geworfen hat). Dann nennt er den eigentlichen Sinn: quae in matrimonium vel in manum convenerat. (...welche in die Ehe oder in die Gewalt des Mannes geraten ist...). (so ihre offizielle Bezeichnung) die merkwürdigen Rollen einer Schwester ihrer eigenen Kinder oder einer Tochter ihres Mannes bzw. Gebieters, dem die Fülle der väterlichen Gewalt zustand. Je nach Einsicht und Laune wurde ihr Verhalten gebilligt, gerügt oder bestraft; er hatte Gewalt über Leben und Tod, und es wurde ihm zugestanden, dieses Urteil in Fällen von Ehebruch oder Trunkenheit Es genügte, wenn sie vom Wein gekostet oder den Kellerschlüssel an sich genommen hatte, Plin. N. H. 14,14. auch tatsächlich zu vollstrecken. Erwerben oder erben durfte sie ausschließlich zu ihres Herren Vorteil, und so eindeutig hatte die Gattin nur die Rechtsstellung einer Sache und nicht einer Person, dass sie, falls der ursprüngliche Rechtstitel fehlte, der Anspruch auf sie, wie auf andere bewegliche Sachen, durch den Gebrauch und Besitz eines ganzen Jahres erworben werden konnte. Von der Neigung des römischen Gatten hing die Erfüllung oder Verweigerung der ehelichen Pflichten ab, die in den athenischen oder jüdischen Gesetzen so pedantish vorgeschrieben sind Solon forderte eine dreimalige Pflichterfüllung monatlich. Die Mischna auferlegte einem jungen und leistungsfähigen Ehemann eine tägliche Schuldbegleichung; ein Bürger sollte in der Woche zwier, ein Bauer einmal; ein Kameltreiber im Monat und ein Seemann im halben Jahr einmal seine Pflicht tun. Gelehrte oder Doktoren waren dieses Tributes ledig; und keine Frau konnte auf Scheidung klagen, wenn sie denn einmal in der Woche ihre Zuwendung erhielt; denn ein Gelübde auf einwöchige Enthaltsamkeit war freigestellt. Polygamie teilte, aber vermehrte nicht die Gatten-Pflichten. (Selden, Uxor Ebraica, 3,6, Werke Bd. 2, p. 717–720.): da aber Polygamie unbekannt war, konnte er niemals eine schönere oder geliebtere Bettgenossin bei sich aufnehmen.

I PERSONENRECHT – FREIHEIT DES EHEVERTRAGES

Nach den Erfolgen in den punischen Kriegen verlangte es die römischen Matronen nach den Vergünstigungen einer freien und wohlhabenden Republik: Ihre Väter und Liebhaber willfahrten zärtlich und der ernste Cato, der Zensor, murrte vergeblich dawider Zu der lex Oppia können wir die versöhnliche Rede des Valerius Flaccus vernehmen und der gestrengen zensorischen Darlegung Catos lauschen (Livius 34, 1-8). Aber lieber hören wir die ausgebildeten Historiker des achten als die groben Moralprediger des sechsten römischen Jahrhunderts. Die Grundsätze Catos und selbst noch seinen Stil hat Gellius (10,23) mit Genauigkeit festgehalten.. Sie lehnten die hergebrachten Hochzeitsbräuche ab, umgingen die Verjährung durch die Abwesenheit von drei Tagen und unterschrieben ohne den Verlust ihres Namens oder ihrer Unabhängigkeit die freisinnigen und eindeutigen Bestimmungen eines Ehevertrags. Den Nießbrauch ihres Vermögens teilten sie, die Eigentumsrechte behielten sie für sich allein; ein verschwenderischer Ehemann konnte die Güter seiner Frau weder veräußern noch verpfänden; der Argwohn der Gesetze verbot alle Geschenke untereinander; und wenn sich einer der Partner übel aufführte, so konnte dies – unter einem anderem Namen – zu einer künftigen Diebstahlsklage Anlass geben. Zur Besiegelung dieser lockeren und freiwilligen Übereinkunft war religiöses oder bürgerliches Brauchtum nicht weiter vonnöten, vielmehr galt die sichtbare Lebensgemeinschaft zwischen Personen gleichen Ranges als hinreichender Nachweis für eine Vermählung.

Die Christen stellten die Würde der Ehe wieder her, indem sie alle geistige Gnade auf die Gebete der Gläubigen und auf den Segen des Priesters oder Bischofs zurückführten. Ursprung, Gültigkeit und Verpflichtungen dieser heiligen Einrichtung regelten sich gemäß der Überlieferung der Synagoge, den Lehren des Evangeliums und den Bestimmungen der allgemeinen oder Provinzialsynoden Zum System der jüdischen oder katholischen Ehe sehe man Selden, (Uxor Ebraica, Opp. Bd.2, p. 529–860), Bingham (Christian Antiquities, l. xxii.), und Chardon, (Hist. des Sacremens, Bd. 6).; und heilige Scheu erwuchs dem Gewissen der Christenheit aus den Beschlüssen und Strafdrohungen ihrer geistlichen Herrscher. Doch waren die Magistrate Justinians den kirchlichen Autoritäten nicht untertänig: der Kaiser erholte sich auch bei den ungläubigen Zivilrechtlern des Altertums Rats, und die Auswahl der Ehegesetze in den Pandekten und im Codex wurde bestimmt durch irdische Beweggründe wie Gerechtigkeit, Politik und die naturgegebene Freiheit der beiden Geschlechter Die bürgerlichen Ehegesetze befinden sich in den Institutionen (l. i. tit. x.), den Pandekten, (l. xxiii. xxiv. xxv.) und dem Codex (l. v.); doch da der Titel de ritu nuptiarum (von den Hochzeitsbräuchen) unvollständig ist, müssen wir noch die Fragmente Ulpian (tit. ix. p. 590, 591), und die Collatio Legum Mosaicarum, (tit. xvi. p. 790, 791) heranziehen, zusammen mit den Anmerkungen von Pithaeus und Schulting. Im Kommentar des Servius (zu Georgia 1 und Aneis 4) finden sich zwei merkwürdige Stellen..

I PERSONENRECHT – FREIHEIT UND MISSBRAUCH DER SCHEIDUNG

Neben der Einwilligung der beiden Partner, dem Wesen jeden sinnvollen Vertrages, bedurfte die römische Ehe auch noch der vorläufigen Zustimmung der Eltern. Ein Vater mochte ja durch einige neuere Gesetze genötigt werden, die Ansprüche seiner erwachsenen Tochter zu befriedigen; aber selbst bei einer Geistesverwirrung wurde seine Zustimmung im Allgemeinen nicht überflüssig. Die Ursachen für Ehescheidungen haben bei den Römern gewechselt Nach Plutarch (p.57) ließ Romulus nur drei Scheidungsgründe zu: Trunkenheit, Ehebruch und falsche Schlüssel. Sonst fiel das Vermögen des Mannes, der seine Machtstellung missbraucht hatte, zur Hälfte seiner Frau und zur anderen der Göttin Ceres anheim, auch musste er ein Opfer an die irdischen Gottheiten darbringen (mit dem Rest?). Dieses seltsame Gesetz war weder erdichtet noch eine vorübergehende Erscheinung.; doch selbst das heiligste Band, die Confarreation, konnte durch Riten entgegengesetzter Wirkung wieder gelöst werden. In den ersten Jahrhunderten konnte ein paterfamilias seine Kinder verkaufen, und seine Frau wurde unter seine Kinder gerechnet, der häusliche Richter konnte der Verbrecherin die Todesstrafe zuerkennen, oder seine Gnade verbannte sie aus seinem Bett und Haus; doch die folgende Sklaverei für die Frau war hoffnungslos und lebenslang, es sei denn, er machte der Einfachheit halber das nur dem Manne zustehende Recht auf Scheidung geltend. Man hat die Tugend der Römer, die sich über 500 Jahre dieses verführerischen Vorrechtes enthielten, mit dem wärmsten Beifall überhäuft Im Jahre 523 a.u.c. verstieß Spurius Carvilius Ruga seine schöne, brave, aber unfruchtbare Frau. (Dionysius Hal. 2, p. 93. Plutarch, Numa, p. 141; Valerius Maximus, 2,1; Aulus Gellius, 4,3). Die Zensoren stellten ihn zur Rede, das Volk hasste ihn, aber die Scheidung war völlig gesetzeskonform.: aber dies beweist lediglich die ungleichen Bedingungen einer Verbindung, in welcher die Sklavin sich dem Tyrannen nicht entziehen konnte, während der Tyrann seine Sklavin nicht entlassen wollte.

Als die römischen Matronen zu gleichberechtigten und freiwilligen Partnern ihrer Herren wurden, entstand die Rechtsauffassung, dass die Ehe, hierin jeder anderen Genossenschaft vergleichbar, durch den Rücktritt eines der Partner aufgelöst werde. In nur drei Jahrhunderten Wohlstand und Verkommenheit verkehrte sich dieser Grundsatz zur einer verbreiteten Sitte und einem ruinösen Missbrauch. Leidenschaft, Eigeninteresse, Launenhaftigkeit lieferten tagtäglich Gründe für Ehescheidungen; ein Wort, ein Wink, eine Nachricht, ein Brief, der Auftrag eines Freigelassenen sprachen die Trennung aus; und die schönste aller menschlichen Verbindungen wurde zu einer kurzfristigen Wirtschafts- oder Paarungsgemeinschaft pervertiert. Je nach aktueller Lebenssituation fühlten beide Geschlechter abwechselnd die schlimmen und schmerzlichen Folgen: eine sprunghafte Frau nahm ihren Reichtum in ihre neue Familie mit und überließ eine zahlreiche, am Ende sogar ehebrecherisch gezeugte Nachkommenschaft der Gewalt und Fürsorge ihres vorigen Mannes; eine anmutige Jungfrau konnte in die Welt verstoßen werden, alt, arm und unattraktiv. Aber die Weigerung der Römer gegenüber Augustus' Drängen nach häufiger Vermählung beweist hinlänglich, dass die herrschenden Einrichtungen den Männern entschieden nicht günstig waren.

Diese Erfahrungstatsachen zeigen unwiderlegbar, dass die Freiheit der Ehetrennung, entgegen einer vordergründig überzeugenden Theorie, zu Glück und Tugend nicht beiträgt. Die Leichtigkeit der Trennung wird alles gegenseitige Zutrauen ruinieren und den kleinsten Zwist zum Hass anfachen; der kleine Unterschied zwischen Ehemann und Fremden, der so leicht zu beheben ist, ist noch leichter zu vergessen; und die Matrone, die sich in fünf Jahren den Umarmungen von acht Männern hingegeben hat, kann zum Schluss von ihrer Sittsamkeit keine hohe Auffassung mehr haben Sic fiunt octo mariti Quinque per autumnos (So werden acht Gatten in fünf Herbsten gemacht) Juvenal, Satir. vi. 20. Eine schnelle Aufeinanderfolge, die ebenso glaubwürdig ist wie das non consulum numero, sed maritorum annos suos computant des Seneca (nicht durch die Anzahl der Konsuln sondern die seiner Eheschließungen bestimmte er seine Lebensjahre, (de Beneficiis, iii. 16). Hieronymus sah in Rom, wie ein Mann im Triumph seine 25. Ehefrau zu Grabe trug, welche ihrerseits 22 seiner nicht ganz so strapazierfähigen Vorgänger beigesetzt hatte. (Opp., Bd 1, p. 90, ad Gerontiam). Doch die zehn Männer pro Monat bei Martial (6,7) sind ausschweifendes Übermaß..

I PERSONENRECHT – EINSCHRÄNKUNG DIESER FREIHEIT

Auf dieses rapide Fortschreiten des Übels folgten mit großem Abstand und schleppenden Schrittes die Gegenmittel. Die alte Religion der Römer kannte eine Göttin, die die Klagen des Ehestandes anhörte und abstellte; ihr Beiname Viriplaca Sacellum Viriplacae, (Valerius Maximus, l. ii. c. 1) im Palatin-Viertel, tritt zum ersten Male in der Zeit von Theodosius in Publius Victors Rombeschreibung auf., Versöhnerin des Mannes, zeigt unverkennbar, von welcher Seite immer mal wieder Unterwerfung und Reue erwartet wurde. Jedes Tun eines Bürgers war dem Urteil eines Zensors unterworfen, und der erste, der von dem verbrieften Recht zur Ehescheidung Gebrauch machte, nannte auf ihre Anweisung hin die Gründe für sein Handeln Valerius Maximus 2,9. Nicht ganz zu Unrecht schätzt er eine Scheidung für verwerflicher ein als Ehelosigkeit: illo namque conjugalia sacra spreta tantum, hoc etiam iniuriose tractata (durch jene nämlich wird die heilige Ehe verächtlich gemacht, durch diese auch noch widerrechtlich behandelt).; auch ward ein Senator verstoßen, weil er seine jungfräuliche Braut verstoßen hatte, ohne vorher seine Freunde zu informieren oder um Rat zu fragen.

Wann immer eine Klage auf Herausgabe der Mitgift anhängig war, untersuchte der Prätor als der Bewahrer der Objektivität den Fall sowie den Leumund der Beteiligten und senkte die Wagschale der Gerechtigkeit zu Gunsten des gekränkten oder schuldlosen Teils. Augustus, der die Befugnisse beider Ämter in sich vereinigte, bediente sich ihrer beider Arbeitsweisen, um das ausufernde Scheidungsunwesen einzudämmen Siehe die Gesetze des Augustus und seiner Nachfolger in Heineccius, ad Legem Papiam-Poppaeam, c. 19 in: Opp. Bd.6. pars. 1. p. 323–333.. Es war die Anwesenheit von sieben römischen Zeugen erforderlich, um die Gültigkeit dieser ernsten und wohlüberlegten Maßnahme herzustellen: hatte der Mann dazu auf eine eindeutige Weise Anlass gegeben, dann musste er statt nach zwei Jahren die Mitgift sofort, spätestens aber nach sechs Monaten zurückgeben; konnte er jedoch gegen die Aufführungen der Gattin begründete Klagen vorbringen, dann büßte sie für ihre Schuld oder ihren Leichtsinn mit dem Verlust eines Sechstels oder Achtels ihres Brautschatzes.

Die christlichen Kaiser waren die ersten, die für private Scheidungsbegehren Rechtsgründe voraussetzten; ihre Setzungen schwankten in den Zeiten von Konstantin bis Justinian zwischen den reichsüblichen Gebräuchen und den Forderungen der Kirche hin und her Aliae sunt leges Caesarum, aliae Christi; aliud Papinianus, aliud Paulus nocter praecipit (Andere sind die Gesetze der Kaiser, andere Christi; anderes hat uns Papinian gelehrt, anderes Paulus. Hieronymus Bd.1 p. 198. Selden, Uxor Ebraica 3,31 p. 847–853)., und der Autor der Novellen ändert allzu oft die Jurisprudenz in den Pandekten und im Codex. In den drakonischsten Gesetzen war es einer Gattin auferlegt, einen Spieler, einen Trunkenbold oder einen Wüstling zu erdulden, er wäre denn des Mordes, des Giftanschlages oder des Kirchenraubes schuldig befunden, in welchen Fällen, so sollte man meinen, die Ehe ohnehin durch Henkershand getrennt worden wäre. Die geheiligte Gerechtsame des Mannes, seinen Namen und seine Familie vor der Schande des Ehebruchs zu erlösen, blieb jedoch unverändert bestehen: die Liste der männlichen und weiblichen Todsünden wurde durch aufeinander folgende Verordnungen bald verkürzt, bald erweitert, wie denn auch unheilbare Impotenz, lange Abwesenheit oder der Eintritt in das Klosterleben als Trennungsgründe anerkannt wurden. Wer immer die gesetzlichen Grenzen überschritt, war vielerlei schweren Strafen unterworfen. Der Frau wurde ihr gesamter Reichtum und ihr Schmuck bis zur letzten Haarnadel genommen; führte ein Mann eine neue Braut seinem Bett zu, dann war ihr Reichtum kraft Gesetzes der Rache der vertriebenen Frau verfallen. Die Einziehung des Vermögens konnte zuweilen in eine Geldzahlung umgewandelt werden, welche Strafe dann aber oftmals durch die Verbannung auf eine Insel oder Einsperrung in ein Kloster verschärft wurde; der beleidigte Teil wurde von den Banden der Ehe losgezählt, der Schuldige indessen auf Lebenszeit oder für eine gewisse Zahl von Jahren von einer Wiedervermählung ausgeschlossen. Der Nachfolger Justinians erhörte die Bitten seiner unglücklichen Untertanen und stellte die Möglichkeit der Ehescheidung im beiderseitigen Einverständnis wieder her: die Zivilrechter waren in diesem Punkte einig Die Institutionen schweigen sich aus, aber wir können uns Belehrung holen aus: Codex Theodosianus (l. iii. tit. xvi., mit Godefroy's Kommentar, Bd.1, p. 310–315) und Codex Iustinianus, (l. v. tit. xvii.), den Pandekten (l. xxiv. tit. ii.) und Novellen, (xxii. cxvii. cxxvii. cxxxiv. cxl). Justinian konnte sich bis zum Schluss nicht für Zivil- und Kirchenrecht entscheiden., die Theologen stritten sich In reinem Griechisch ist ›porneia‹ kein allgemein übliches Wort; und die eigentliche Bedeutung, ›Hurerei‹, kann nicht wörtlich auf Eheverfehlungen angewandt werden. Und im übertragenen Sinne: wie weit und auf welche Vergehen lässt es sich anwenden? Sprach Christus Syrisch oder das Idiom der Rabbiner? Welches ist die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung von porneia? Welche Varianten gibt es für dieses griechische Wort in alten und neuen Übersetzungen? Es gibt zwei Zeugnisse (Marcus 10,11 und Lukas 16,18) gegen eines (Matthäus 19,9), dass Jesus einen solchen Scheidungsgrund nicht ausgenommen hatte. Einige Forscher waren so dreist und meinten, dass er durch eine ausweichende Antwort weder die Schule von Samai noch die von Hillel gegen sich aufbringen wollte (Selden, Uxor Ebraica, l. iii. c. 18–22, 28, 31)., und das mehrdeutige Wort, welches Christi Befehl kundgibt, ist jeder Auslegung fähig, nach welcher die gesetzgeberische Weisheit nur immer suchen mag.

I PERSONENRECHT – BLUTSCHANDE, KONKUBINAT, BASTARDE

Die Freiheit zur Liebe und zur Ehe war bei den Römern durch naturgegebene und bürgerliche Hindernisse eingeschränkt. Es will scheinen, dass ein fast schon angeborener und allgemeiner Instinkt den blutschänderischen Verkehr Die Grundlegungen des römischen Rechtes werden von Justinian (Institut. l. i. tit. x.) vorgetragen. Und die Gesetze und Sitten der verschiedenen Völker des Altertums bezüglich verbotener Verwandtschaftsgrade behandelt Dr. Taylor ausführlich in seinen Elements of Civil Law, (p. 108, 314–339), einem Werk, welches man mit je und je unterschiedlichem Vergnügen liest und welches sich kein Lob für philosophische Strenge verdient. zwischen Eltern und Kindern in einer unendlichen Reihe aufsteigender und absteigender Generationen verbietet. Hinsichtlich der Seitenverwandtschaften ist die Natur gleichgültig, die Vernunft stumm und die Bräuche von schillernder Uneinheitlichkeit. Im alten Ägyptenland war Geschwisterehe ohne Einwände und Ausnahme gestattet; ein Spartaner durfte sich mit der Tochter seines Vaters, ein Athener mit der seiner Mutter verheiraten, und eine Ehe zwischen Onkel und Nichte begrüßte man in Athen als eine glückliche Vereinigung zwischen den teuersten Verwandten. Roms diesseitige Gesetzgeber sahen sich weder durch Eigeninteresse noch durch Aberglauben veranlasst, die Anzahl der verbotenen Verwandtschaftsgrade zu mehren; aber unnachsichtig verboten sie die Ehe zwischen Bruder und Schwester, schwankten, ob nicht dasselbe Verbot für Cousinen ersten Grades gelten sollte, betonten den Eltern-Charakter von Tanten und Onkeln und behandelten Verschwägerung und Adoption als eine rechtswirksame Nachahmung von Blutsbanden. Entsprechend den stolzen Grundsätzen der Republik konnte eine gesetzliche Ehe nur zwischen freien Bürgern geschlossen werden; eine ehrenvolle, wenigstens aber eine freie Geburt wurde von der Frau eines Senators verlangt: doch nimmermehr konnte selbst das Blut von Königen sich mit dem eines Römern mischen; und da Kleopatra und Berenike Als ihr Vater Agrippa starb (A.D. 44), war Berenike 16 Jahre alt, (Joseph. Bd.1, Antiquit. Judaic. 19,9). Sie war mithin über 50 Jahre alt, als Titus A.D. 79 invitus invitam dimisit (Titus entließ widerwillig die Widerwillige). Diese Chronologie hätte die Tragödie oder das Schäferspiel des sanften Racine nicht geziert. die Epitheta einer Fremden erhalten hatten, waren sie genötigt, nur die Beischläferinnen von Marcus Antonius und Titus zu sein Die Aegyptia coniunx bei Vergil (Äneis 8,688) scheint eine der Monstrositäten zu sein, welche zusammen mit Marcus Antonius gegen Augustus, Senat und Italiens Götter sich erhoben.. Diese der Majestät so abträgliche Benennung kann nicht ohne nachsichtige Betrachtung der orientalischen Sitten beider Königinnen verwendet werden.

Eine Konkubine im engen juristischen Sinne war eine Frau aus dem Sklaven- oder Plebejerstande und die einzige und treue Gefährtin eines römischen Bürgers, der im Stand der Ehelosigkeit verblieb. Dieses bescheidene Los, unter dem Rang einer Ehefrau und über dem einer Prostituierten, wurde vom Gesetz anerkannt und gebilligt: von den Zeiten des Augustus bis in das zehnte Jahrhundert war diese Ehe zweiter Klasse im Orient und Okzident vorherrschend, und oftmals wurden die anspruchlosen Tugenden eine Beischläferin der pompösen Überheblichkeit einer blasierten Matrone von Adel vorgezogen. In einer solchen Verbindung lebten auch die beiden Antonine, die besten Herrscher und Menschen, und genossen die Freuden häuslicher Liebe: viele Bürger ahmten sie nach, denen die Ehelosigkeit widrig und ihre Familie wichtig war. Wenn sie irgendwann ihre natürlichen Kinder legitimieren wollten, dann wurde diese Umwandlung nach kurzer Frist durch eine Hochzeitsfeier mit einer Partnerin vollzogen, deren Treue und Fruchtbarkeit sich bereits bewährt hatte. Durch dieses Beiwort › natürlich‹ unterschied sich der Nachwuchs einer Konkubine von der unechten Brut des Ehebruchs, der Prostitution oder der Blutschande, denen Justinian allenfalls den Lebensunterhalt zugestehen möchte; die natürlichen Kinder indessen konnten den sechsten Teil des Vermögens ihres angenommenen Vaters erben. Die Bastarde jedoch wurden gemäß der Strenge des Gesetzes nur mit dem mütterlichen Namen und ihrem Stand einer Sklavin, Fremden oder Bürgerin versehen, was ihnen die Rechtsstellung eines Sklaven, Fremden oder Bürgers einbrachte. Die von ihren Familien verstoßenen Bastarde wurden ohne Einwände vom Staat zu seinen Kindern angenommen Die geringen, aber gesetzlichen Rechte des Konkubinen und natürlichen Kinder werden dargelegt in den Institutionen (l. i. tit. x.), den Pandekten (l. i. tit. vii.), dem Codex, (l. v. tit. xxv.,) und den Novellen, (lxxiv. lxxxix). Die Forschungen von Heineccius und Giannone, (ad Legem Juliam et Papiam-Poppaeam, c. iv. p. 164-175. Opere Posthume, p. 108–158) beleuchten dieses interessante häusliche Problem..

I PERSONENRECHT – MÜNDEL UND VORMÜNDER

Das Verhältnis zwischen Vormund und Mündel, oder, in lateinische Sprache, tutor und pupillus, welches so viele Titel in den Institutionen und Pandekten Siehe dazu die Artikel über Vormünder und Mündel in den Institutionen (l. i. tit. xiii.–xxvi.), den Pandekten, (l. xxvi. xxvii.)uu nd dem Codex (l. v. tit. xxviii.–lxx.). belegt, ist von einfacher und unveränderlicher Natur. Person und Eigentum einer Waise muss stets der Obhut eines zuverlässigen Freundes anvertraut sein. Falls der verstorbene Vater hierzu keine Wahl erklärt hatte, dann war es die Pflicht der Agnaten oder väterlichen Verwandten nächsten Grades, als die natürlichen Vormünder einzutreten: die Athener trugen Bedenken, den Unmündigen der Obhut desjenigen auszusetzen, der an seinem Tod das meiste Interesse hatte; aber ein Axiom der römischen Jurisprudenz lautete, dass die Last der Vormundschaft stets mit der Hoffnung auf Erbschaft verbunden sein solle. Wenn nun aber weder die Entscheidung des Vaters noch irgendwelche verwandtschaftlichen Linien zur Wahl eines Vormundes beitrugen, half die Ernennung durch den Stadtprätoren oder Provinzstatthalter diesem Mangel ab. Aber die zu diesem Amte berufenen Personen konnten sich, ganz in Übereinkunft mit dem Gesetz, entziehen mit dem Hinweis auf Wahnsinn oder Blindheit, Unwissenheit oder Unfähigkeit, alte Feindschaft oder konträre Interessen, die große Zahl eigener Kinder oder bereits bestehende Vormundschaften, durch die sie bereits hinreichend belastet waren oder schließlich durch die nützlichen Berufe eines Richters, Rechtsgelehrten, Arztes oder Lehrers.

Solange das Mündel nicht sprechen oder denken konnte, wurde es durch den Vormund vertreten, dessen Amt mit dem Eintritt in die Pubertät im 14. Lebensjahr unwiderruflich erlosch. Ohne seine Zustimmung konnte keine Handlung des Mündels diesen zu seinem eigenen Nachteil binden, selbst wenn andere sich um seines Vorteils willen Pflichten auferlegten. Es ist hier die Bemerkung überflüssig, dass der Vormund oftmals Sicherheit leisten und stets Rechnung ablegen musste du dass Mangel an Sorgfalt oder Integrität ihn dem Risiko eines Zivil- oder sogar eines Strafprozesses wegen Verletzung seines heiligen Amtes aussetzte. Man hatte die Mündigkeit etwas voreilig auf das 14. Lebensjahr festgelegt, aber da die geistigen Kräfte oftmals langsamer reifen als die körperlichen, wurde oftmals ein Kurator eingesetzt, um das Vermögen eines römischen Jünglings vor dessen Mangel an Erfahrung oder gegen seine unbedachten Leidenschaften in Schutz zu nehmen. Ein solcher Pfleger ursprünglich eingesetzt worden, um eine Familie gegen den ruinösen Aktionismus eines Verschwenders oder Geisteskranken zu schützen; den Minderjährigen legte das Gesetz die gleiche Verpflichtung auf, denselben Schutz zu suchen, um seinen Handlungen Gültigkeit zu verleihen, solange er das Vollalter von fünfundzwanzig Jahren noch nicht erreicht hatte. Frauen waren zur ewigen Bevormundung durch Eltern, Gatten oder Vormünder verurteilt: dem Geschlecht, das zur Lust und zum Gehorsam geboren ist, traute man niemals zu, die Jahre der Vernunft und der Erfahrung erreichen zu können. Dies jedenfalls waren des alten Gesetzes hoher Geist und ernstes Gebot, welche jedoch schon vor Justinians Zeiten allgemach zerbröckelt waren.

II DAS SACHENRECHT – DAS EIGENTUM

Das ursprüngliche Recht am Eigentum kann nur durch den Zufall oder das Verdienst der ersten Besitzergreifung gerechtfertigt werden, und die Philosophie der Rechtsgelehrten fundiert es auch weislich darauf Institut. l. ii. tit i. ii. Vergleiche die klaren und gelehrten Betrachtungen des Caius und Heineccius (l. ii. tit. i. p. 69-91) mit der assoziativen Weitläufigkeit des Theophilus, (p. 207–265). Ulpians Auffassungen finden sich in den Pandekten (l. i. tit. viii. leg. 41, No. 1).. Der Wilde, der einen Baumstamm aushöhlt, einen scharfkantigen Stein in einen Holzstiel einfügt oder eine Schnur an einem elastischen Ast anbindet, erhält im Naturzustand das rechtmäßige Eigentum an dem Einbaum, der Axt, dem Bogen: die Materialien gehören allen, die neue Form, die Frucht seines Fleißes und seines Zeitaufwandes, gehören ihm allein. Die hungrigen Stammesgenossen des Jägers können nicht ohne Unrechtsbewusstsein dem Jäger das Wild abfordern, das er durch seine Geschicklichkeit und Stärke gefangen oder erlegt hat. Wenn er gezähmte Tiere durch seine vorausschauende Fürsorge erhält und vermehrt, sofern ihre Natur dies ermöglicht, erwirbt er sich ein dauerhaftes Recht an Nutzung und Dienst ihrer zahlreichen Nachkommenschaft, die ihr Dasein schließlich seiner Obsorge verdankt. Hegt er ein Feld zu ihrem und seinem Unterhalt ein und bebaut es, so wird aus einer dürren Weide fruchtbarer Boden; Aussaat, Düngung und Pflege schaffen neue Werte und die Belohnung für die Arbeit des Jahres kann am Ende in Form einer Ernte eingefahren werden.

In den aufeinander folgenden Entwicklungsstufen der Gesellschaft können der Jäger, der Hirtennomade und endlich der Ackermann ihren Besitz mit zwei Gründen verteidigen, die das menschliche Gefühl besonders stark ansprechen: dass alles, was sie genießen, ist die Frucht ihres eigenen Fleißes ist; und dass jeder, der ihnen ihren Besitz neidet, sich ähnliches durch ähnliche Anstrengungen selbst erwerben kann. So kann man sich die Freiheit und den Überfluss einer auf eine kleine Insel verschlagenen Kolonie denken. Indessen: die Kolonie wächst heran, der Boden nicht: die Dreisten und Verschlagenen reißen die gemeinen Rechte, das gleiche Erbteil aller Menschen an sich. Jedes Feld, jedes Waldstück wird durch die Grenzmarkierungen eines missgünstigen Besitzers umzirkt; und dies ist das besondere Lob für die römische Rechtswissenschaft, dass sie das Recht der ersten Besitzergreifung auf die wilden Tiere des Landes, des Wassers und der Luft heiligt. Im Fortschreiten von der archaischen Gleichheit bis zur endlichen Ungerechtigkeit sind die Abstufungen fließend, die Schattierungen nahezu unsichtbar, und am Ende wird das absolute Monopol durch positives Recht und konstruierte Vernunftschlüsse geschützt. Der wirkmächtige und unerschöpfliche Urinstinkt der Selbstliebe alleine erzeugt die Künste des Lebens und den Lohn des Fleißes, und sobald bürgerliche Regierungsformen und ausschließliches Eigentumsrecht etabliert sind, werden sie konstitutiv für des Dasein des Menschengeschlechtes. Mit Ausnahme der merkwürdigen Regelungen Spartas haben die weisesten Gesetzgeber ein Landteilungsgesetz als eine falsche und verhängnisvolle Neuerung verworfen. Bei den Römern überstieg die erhebliche Ungleichheit des Reichtums die idealistischen Beschränkungen, die eine diffuse Überlieferung und eine veraltete Satzung etabliert hatten: die Überlieferung nämlich, die auch den Ärmsten, der mit Romulus gezogen war, in ein immerwährendes Erbgut von zwei iugera einsetzte Das heredium (Erbgut) der ersten Römer wird von Varro festgelegt (de Re Rustica, l. i. c. ii. p. 141, c. x. p. 160, 161, edit. Gesner) und von Plinius' (Nat.His. 18,2) Deklamationen wieder verwässert. Eine zutreffende und gelehrte Erläuterung findet sich in Administration des Terres chez les Romains, (p. 12–66)., und die Satzung, die den Landbesitz des reichsten Bürgers auf fünfhundert iugera oder dreihundertzwölf acres begrenzte.

Das ursprüngliche Gebiet Roms bestand nur aus ein paar Meilen Wald und Wiese entlang des Tiberufers, und der inländische Warenverkehr konnte zum Nationalvermögen nichts beitragen. Aber das Eigentum eines Fremden, eines Feindes gar, gehörten per Gesetz dem ersten feindlichen Besitzergreifer; die Stadt bereicherte sich durch das einträgliche Handwerk des Krieges, und das Blut ihrer Söhne war der einzige Preis, den sie für volskische Schafe, britannische Sklaven oder Gold und Edelsteine der asiatischen Königreiche erlegen mussten. In der Sprache des archaischen Rechtes, die lange vor Justinians Zeiten vergessen und verderbt war, bezeichnete man diese Spolien (Beutestücke) als manceps oder manicipium, als mit der Hand genommen, und wann immer sie verkauft ( emanzipiert) wurden, verlangte der Käufer Sicherheit, dass sie das Eigentum eines Feindes und nicht etwa eines Mitbürgers gewesen seien Die res mancipi werden von Ulpian (Fragment. tit. xviii. p. 618, 619) und Bynkershoek, (Opp tom. i. p. 306–315) mit ein paar schwachen und abwegigen Indizien erklärt. Die Definition ist etwas willkürlich, und da keiner außer mir eine Begründung angegeben hat, bin ich gegenüber der meinen auch ein wenig misstrauisch.. Ein Bürger konnte seine Rechte indessen nur durch einen freiwilligen Verzicht verlieren, und dieser Verzicht war bei einem wertvollen Gegenstande nicht ohne weiteres anzunehmen. Nach den Zwölf Tafeln jedoch verjährte der Anspruch des vorigen Besitzers an seiner beweglichen Habe nach einem und an der unbeweglichen nach zwei Jahren, wenn der gegenwärtige Besitzer sie durch eine gesetzesgemäße Handlung von der Person erworben hatte, die er für den rechtmäßigen Eigentümer gehalten hatte Aus dieser kurzen Verjährung folgert Herr Hume (Essays, Bd.1, p.423), dass in jenen Zeiten in Italien nicht mehr Sicherheit und Ordnung sein konnte als etwa heute unter den Tartaren. Doch sein Gegner, der Rechtgelehrte Wallace, wirft ihm nicht ohne Grund vor, dass die Verhältnisse übersehen habe (Institut. l. ii. tit. vi)..

Eine solche Ungerechtigkeit, die lediglich vom Gewissen gesteuert wurde, ohne irgendeine Zutat von Betrug oder Gewalt, konnte den Mitgliedern eines kleinen Freistaates nur selten Schaden zufügen; die von Justinian festgesetzten Zeiträume von drei, zehn oder sogar zwanzig Jahren passen da schon besser zu der Ausdehnung eines großen Reiches. Nur bezüglich der Verjährungsfristen haben die Rechtsgelehrten einen Unterschied zwischen dinglichem und persönlichem Vermögen gemacht, und ihr allgemeiner Begriff vom Eigentum ist der einer einfachen, gleichen und unumschränkten Verfügbarkeit. Die untergeordneten Ausnahmen des Gebrauchs ( usus), Nießbrauchs ( usufructus) Siehe Instit. (l. i. tit. iv. v.) und Pandekten (l. vii). Noodt hat eine gelehrte und klare Übersicht über den Niesbrauch verfasst (Opp. tom. i. p. 387–478). und der Dienstbarkeiten Die Thematik der Dienstleistungen wird behandelt in den Instit. (l. ii. tit. iii) und Pandekten (l. viii). Cicero (pro Murena, c. 9) und Lactantius (Institut. Divin. l. i. c. i) geben sich den Anschein, über Quisquilien wie de aqua pluvia arcenda (über die Zurückhaltung des Regenwassers) zu lachen, aber unter streitbaren Nachbarn auf dem Lande und in der Stadt konnte so etwas häufig vorkommen. zum Vorteil eines Nachbarn auf Grundstücken und anderen Immobilien hingegen werden von den Rechtslehrern mit vieler Weitläufigkeit erklärt. Mit metaphysischer Genauigkeit untersuchen diese auch die Eigentumsrechte, insofern durch Vermischung, Teilung oder Umwandlung der Substanzen verändert werden.

II SACHENRECHT – ERBSCHAFT UND ERBFOLGE

Das persönliche Recht des ersten Besitzers endet notwendig mit seinem Tode: der Besitz jedoch wird ohne merkliche Veränderungen friedlich in seinen Kindern fortgesetzt, den Genossen seiner Arbeit und den Teilhabern seines Reichtums. Dieses naturgewollte Erbrecht ist durch die Gesetzgeber aller Länder und aller Zeiten geschützt worden, und der Vater fühlt sich durch die liebevolle Hoffnung, dass einst eine lange Reihe von Nachfahren die Früchte seiner Mühen genießen werde, zu bedachten und fernwirkenden Anstrengungen ermuntert. Das Prinzip der Erbfolge ist überall dasselbe; aber die Regeln, nach denen sie vollzogen wird, wurde unterschiedlich nach Zweckmäßigkeitserwägungen oder Launen, durch den Geist der Landesverfassung oder ein einziges, zunächst durch Trug oder Gewalt entschiedenes Vorbild festgelegt. Die römische Jurisprudenz scheint von der naturgegebenen Ungleichheit weit weniger abgewichen zu sein als die jüdischen Unter den Patriarchen besaß der älteste Sohn eine mystische und geistliche Erstgeburt (Genesis, 20,31). Im Lande Kanaan hatte er Anrecht auf einen doppelten Anteil (Deuteronomoi, 21, 17 nebst le Clercs scharfsinnigem Kommentar)., athenischen In Athen galten die Söhne gleichviel, aber die armen Töchter wurden allenfalls nach dem Befinden ihrer Brüder ausgestattet. Siehe die Reden des Isaeos, (Bd. 7 der Greek Orators), erläutert durch die Übersetzung und den Kommentar von Sir W. Jones, einem tadellosen Gelehrten, Juristen und Manne von Bedeutung. oder englischen In England erbt der älteste Sohn allein den Landbesitz, welches Gesetz nach den Worten des orthodoxen Richters Blackstone (Commentaries on the Laws of England, vol. ii. p. 215) nur den jüngeren Brüdern ungerecht erscheint. Es kann politisch nützlich sein, indem es ihren Fleiß anspornt. Gesetze. Beim Tode eines Bürgers wurden sämtliche Nachkommen, wenn sie nicht bereits von der väterlichen Gewalt befreit waren, zur Erbschaft seines Vermögens gerufen. Das drückende Erstgeburtsrecht war unbekannt, beide Geschlechter waren billigerweise gleichberechtigt, Söhne und Töchter hatten Anrecht auf einen gleichen Anteil der väterlichen Hinterlassenschaft, und wenn einen der Söhne ein früher Tod fortgerafft hatte, so wurde seine Person durch seine hinterlassenen Kinder vertreten und der Anteil unter sie verteilt, welcher sonst auf ihn gefallen wäre.

II SACHENRECHT – VERWANDTSCHAFTSGRADE IM ZIVILRECHT

Fehlt eine gerade Linie, dann muss die Erbfolge auf die Seitenzweige übergehen. Die Verwandtschaftsgrade W. Blackstones Tabellen (Bd.2, p. 202) demonstrieren und vergleichen die Berechnungsmethoden nach dem Zivil-, dem Kirchen- und dem gemeinen Recht. Eine eigenständige Abhandlung des Julius Paullus (de gradibus et affinibus) findet sich abgekürzt in den Pandekten (l. xxxviii, tit x). Im 7. Grad berechnet er 1024 Personen. werden von den Zivilrechtlern als aufsteigend gerechnet vom letzten Besitzer bis zu einem gemeinsamen Vorfahr und als absteigend vom gemeinsamen Vorfahr zum nächsten Erben: mein Vater steht im ersten Grade, mein Bruder im zweiten, dessen Kinder im dritten, und die verbleibende Linie kann man sich leicht selbst denken oder als Stammbaum darstellen. Bei dieser Berechnung wurde jedoch eine für die Gesetze, ja sogar für die Verfassung Roms wichtige Unterscheidung gemacht: die Agnaten oder Blutsverwandte in männlicher Linie waren zu gleicher Teilung je nach Nähe des Grades aufgerufen; eine Frau indessen konnte keine gesetzlichen Ansprüche weitergeben und die Kognaten (Blutsverwandte, die nicht Agnaten sind) jeden Ranges, die enge Mutter-Sohn-Verwandtschaft nicht ausgenommen, wurden von den Zwölf Tafeln als Fremde und Nichtangehörige enterbt.

Unter den Römern war eine gens oder ein Geschlecht durch einen gemeinsamen Namen und Hausgottesdienst verbunden; die unterschiedlichen cognomen (Beinamen) Scipio oder Marcellus zeichneten die einzelnen Nebenzweige der cornelischen oder claudischen gens voneinander aus. Gab es keine Agnaten desselben Beinamens, dann ersetzte die umfassendere Benennung der gentiles diesen Mangel, und das wachsame Gesetz bewahrte in demselben Geschlechtsnamen die Fortdauer des Hausgottesdienstes und des Eigentums. Ein ähnliches Prinzip diktierte das vokonische Gesetz Das vokonische Gesetz wurde a.u.c. 584 eingebracht. Der jüngere Scipio, der damals 17 Jahre alt war, (Frenshemius, Supplement. Livian. xlvi. 40), fand hier eine Gelegenheit, sich seiner Mutter und Schwestern gegenüber großmütig zu erzeigen (Polybius, Bd. ii. l. xxxi. p. 1453–1464, edit Gronov., ein Zeuge, der zum Hause gehörte.), welches das Recht der weiblichen Erbfolge abschaffte. Solange man Jungfrauen zur Ehe verschenkte oder verkaufte, vernichtete die Adoption der Gattin die Hoffnungen der Tochter. Aber das gleiche Erbrecht unabhängiger Matronen vergrößerte ihren Stolz und ihre Prachtliebe und konnte die Reichtümer ihres Vaters in ein fremdes Haus bringen.

So lange noch die Grundsätze Catos Legem Voconiam (Ernesti, Clavis Ciceroniana) magna voce bonis lateribus suasissem, (ich hätte das vokonische Gesetz mit lauter Stimme und kräftiger Lunge empfohlen) sagt der alte (65. Lebensjahr!) Cato, (de Senectute, c. 5). Aulus Gellius (7,13 und 17,6) hat einige Abschnitte gerettet. in Ehren standen, wirkten sie darauf hin, in jeder Familie ein vernünftiges wirtschaftliches Mittelmaß zu verewigen: bis dann weibliche Einflüsterungen endlich obsiegten und sich jede heilsame Einschränkung in der ausufernden Größe der Republik verlor. Die Strenge der Decemvirn wurde durch nachsichtige Prätoren gelockert. Ihre Edikte gaben den emanzipierten und nach des Vaters Tode geborenen Kindern ihre natürlichen Rechte zurück, und beim Fehlen von Agnaten zogen sie das Blut der Kognaten dem Namen der gentiles vor, deren Rechtstitel und Eigenschaften auf diese Weise allmählich in Vergessenheit gerieten. Ein menschenfreundlicher Senat führte mittels der tertullianischen und orphitianischen Beschlüsse die gegenseitige Erbfolge von Mutter und Söhnen ein. Justinian setzte in den Novellen eine neue und unparteiische Ordnung fest, gab er sich doch den Anschein, die Grundsätze der Zwölf Tafeln wiederzubeleben. Männliche und weibliche Verwandtschaft wurden zusammengelegt, die absteigende, aufsteigende und Seitenlinie wurde genau bestimmt, und jeder Grad erbte je nach verwandtschaftlicher oder emotionaler Nähe vom erledigten Vermögen eines römischen Bürgers Siehe hierzu die Erbfolgegesetze in den Institutionen des Caius, (l. ii. tit. viii. p. 130–144) und Justinians (l. iii. tit. i.–vi. nebst der griechischen Fassung des Theophilus, p. 515–575, 588–600), den Pandekten, (l. xxxviii. tit. vi.–xvii.), dem Codex (l. vi. tit. lv.–lx.) und den Novellen, (cxviii)..

TESTAMENTE

Die Erbfolge regelt sich nach den Vorgaben der Natur oder doch wenigstens nach der immer gleich bleibenden Vernunft eines Gesetzgebers, doch wird diese Ordnung oftmals durch die willkürlichen und parteiischen Verfügungen verletzt, durch welche die Herrschaft des Erblassers noch über das Grab hinaus verlängert wird Dass die natürliche Erbfolge und das Testament die Ausnahme waren, beweist Taylor (Elements of Civil Law, p. 519-527), ein gelehrter, bisweilen weitläufiger und geistvoller Autor. Im 2. und 3. Buch ist die Methode der Institutionen zweifellos falsch, und der Kanzler Daguesseau (Oeuvres, Bd. i. p. 275) wünscht sich seinen Landsmann Domat an die Stelle von Tribonian. Indessen sind Verträge vor Erbfolge gewiss nicht die naturgewollte Ordnung der bürgerlichen Gesetze.. Im ursprünglichen Zustand einer Gesellschaft wird diesem letzten Brauch oder Missbrauch des Eigentumsrechtes nur selten stattgegeben: in Athen wurde er durch die Gesetzgebung des Solon eingeführt, und die Zwölf Tafeln gestatteten das Privat-Testament eines Familienvaters. Vor den Zeiten der Decemvirn Frühere Beispiele für Testamente sind möglicherweise erdacht. In Athen durfte nur ein kinderloser Hausvater ein Testament machen. Plutarch, Solon, Bd. 1, p. 164. legte ein römischer Bürger seine Wünsche und Beweggründe den dreißig curiae oder Bezirken vor, und dann war für diesen Fall das allgemeine Erbrecht durch einen legislativen Akt aufgehoben. Lag die Erlaubnis der Decemvirn vor, dann verkündete jeder Privat-Gesetzgeber sein mündliches oder schriftliches Testament in Gegenwart von fünf Bürgern, die die fünf Klassen des römischen Volkes vertraten; ein sechster bestätigte ihre Zustimmung; ein siebter wog das kupferne Kaufgeld, das ein fiktiver Käufer bezahlt hatte, und der Besitz wurde durch einen gespielten feierlichen Verkauf und unmittelbar darauf erfolgende Rückgabe veräußert.

Dieser merkwürdige Brauch Das Testament des Augustus, das man als einen Codex römischer Altertümer studieren kann, wird bei Sueton (Aug. 101; Nero 4) ausführlich beschrieben. Plutarch (Opuscul. tom. ii. p. 976) staunt, und Ulpian (Fragment. tit. xx. p. 627, edit. Schulting) redet fast zu dezidiert: solum in usu est (Nur dieses ist im Gebrauch)., der das Staunen der Griechen erregt hatte, war noch in Severus' Zeiten in Übung; doch hatten die Prätoren ein einfacheres Testament gebilligt, für das Siegel und Unterschriften von sieben Zeugen genügten, gegen die gesetzlich nichts vorgebracht werden konnte und die eigens zum Vollzug dieses wichtigen Aktes berufen worden waren. Ein Haus-Alleinherrscher, der über Leben und Vermögen seiner Kinder waltete, durfte je nach ihren Verdiensten und seiner Zuneigung ihren Anteil bemessen: sein Missfallen bestrafte willkürlich einen unwürdigen Sohn mit völliger Enterbung und der kränkenden Bevorzugung eines Fremden. Doch empfahl das Beispiel einiger unnatürlicher Eltern die Begrenzung ihrer testamentarischen Allmacht. Ein Sohn, oder gemäß Justinians Gesetzen sogar eine Tochter konnten nicht mehr infolge ihres (der Eltern) Stillschweigens enterbt werden; sie waren gehalten, den Verbrecher und sein Vergehen zu benennen; und der Kaiser in seiner Gerechtigkeit zählte die Fälle einzeln her, die eine solche Verletzung der ersten Grundsätze der Gesellschaft und Natur rechtfertigen konnten Justinian (Novell. cxv. No. 3, 4) zählt nur die öffentlichen und privaten Vergehen auf, auf Grund derer ein Sohn in gleicher Weise seinen Vater enterben konnte.. Wenn nicht der gesetzliche Pflichtteil, ein Viertel, für die Kinder vorgesehen war, dann durften sie Klage oder Beschwerde wegen des pflichtwidrigen Testamentes führen; vermuten, dass ihres Vaters Einsicht durch Krankheit oder hohes Alter gelitten habe; gegen dessen strengen Beschluss vorzugehen und sich der vielbewährten Weisheit der Richter anzuvertrauen.

Im römischen Recht wurde streng zwischen Erbschaft und Vermächtnis unterschieden. Die Erben, die in die Gesamtheit oder einem der zwölf Teile der Hinterlassenschaft des Erblassers eintraten, stellten seinen bürgerlichen oder religiösen Charakter vor, behaupteten seine Rechte, erfüllten seine Verbindlichkeiten und zahlten die Gaben der Freundschaft oder der Milde, die sein letzter Wille unter dem Titel von Vermächtnissen festgesetzt hatte. Da nun aber Unklugheit oder Verschwendung eines Sterbenden seine Hinterlassenschaft erschöpfen und seinem Nachfolger nur Risiken oder Verdruss einbringen konnten, hatte dieser das Recht, die Falcidia für sich zu behalten, das heißt, noch vor Auszahlung der Legate ein ungemindertes Viertel zu eigenem Besten an sich zu nehmen. Eine angemessene Zeitspanne ward ihm zugestanden, Schulden und Vermögen gegeneinander abzuwägen und dann zu entscheiden, ob er das Testament annehmen oder ausschlagen wolle. Wenn er sich die Rechtswohltat der Inventarisation zu Nutzen machte, dann konnten die Forderungen der Gläubiger nicht über den Wert der Hinterlassenschaft hinausgehen.

Der letzte Wille eines Bürgers konnte noch zu seinen Lebzeiten abgeändert oder nach seinem Tode unwirksam werden; die von ihm eingesetzten Personen konnten noch vor ihm sterben oder die Erbschaft ausschlagen oder irgend einer gesetzlichen Einschränkung unterliegen. In Hinsicht auf diese denkbaren Fälle hatte er die Möglichkeit, zweite und dritte Erben zu substituieren, damit sie sich nach den testamentarischen Verfügungen einander ersetzen konnten, auch konnte die Unfähigkeit eines Geisteskranken oder Kindes, sein Eigentum zu vererben, durch eine vergleichbare Substitution aufgehoben werden Die Fideikommissarischen Substitutionen des neueren Zivilrechtes sind eine auf das römische Recht aufgepfropfte Feudal-Idee und haben kaum einen Bezug zu dem alten Fideikommiss (Institutions du Droit Francois, Bd. i. p. 347-383. Denissart, Decisions de Jurisprudence, Bd. iv. p. 577-604). Sie wurden bis auf den 4. Grad durch einen Missbrauch der 159. Novelle ausgedehnt, eines parteiischen, konfusen und aufgeblähten Gesetzes.. Aber die Möglichkeiten des Erblassers erloschen im Augenblick der Testamentsannahme: jeder volljährige Römer mit ausreichenden Verstandeskräften erwarb volles Eigentum an seinem Erbteil, und das Zivilrecht in seiner Klarheit wurde niemals durch jene langen und undurchschaubaren Erbbestimmungen verdunkelt, welche das Glück und die Freiheit künftiger Geschlechter beschränken.

KODIZILLE UND FIDEIKOMISSE

Eroberungen und Gesetzesförmlichkeiten führten den Gebrauch von Kodizillen ein: Wenn ein Römer in einer entfernten Provinz den Tod nahen fühlte, richtete er ein Kodizill (kurzes Schreiben) an seinen gesetzlichen oder testamentarisch bestimmten Erben, der diese letzte Bitte entweder in allen Ehren erfüllte oder auch ohne Furcht vor Strafe unbeachtet lassen konnten, da vor den Zeiten eines Augustus die Richter noch nicht angewiesen waren, auf die Erfüllung zu drängen. Ein Kodizill konnte auf welche Art und in welcher Sprache auch immer abgefasst sein, allerdings mussten fünf Zeugen mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass es tatsächlich von Verstorbenen verfasst worden sei. Seine Zielsetzung war, wenngleich löblich, gelegentlich auch gesetzwidrig; und die Erfindung der Fideikommisse (anvertrauter Erbschaften) war ein Ergebnis des Konfliktes zwischen natürlicher Gerechtigkeit und positivem Recht. Ein Fremdling aus Griechenland oder Afrika konnte der Freund oder Wohltäter eines römischen Bürgers sein, aber niemand als ein Mitbürger konnte sein Erbe werden. Das vokonische Gesetz, das weibliche Erbfolge ausschloss, schränkte das Vermächtnis oder den Erbteil, der einer Frau hinterlassen werden konnte, auf 100.000 Sesterzen ein Cassius Dio(Bd. 2, 56, p. 814, mit Reimar's Anmerkungen) berechnet es zu 25.000 Griechischen Drachmen., und eine einzige Tochter ward im Hause ihres leiblichen Vaters wie eine Fremde ausgegrenzt.

Freundschaftsbande oder väterliche Zuneigung verfielen auf einen unverächtlichen Kunstgriff: ein erbschaftsfähiger Bürger wurde im Testament mit der Bitte oder dem Auftrag genannt, seine Erbschaft an die Person abzutreten, für die sie tatsächlich gedacht war. Die Personen, denen dieses Erbe anvertraut war (Fideikommisserben), führten sich in diesem Zwiespalt sehr unterschiedlich auf: sie hatten den Eid geleistet, die Gesetze ihres Landes zu respektieren, aber ihre Ehre gebot ihnen, sie in diesem Falle zu verletzen; und wenn sie gar, unter dem Vorwand der patriotischen Gesetzestreue ihre eigenen Interessen bedienten, so verloren sie die Achtung eines jeden Mannes von Ehre. Eine Erklärung des Augustus überhob sie aller Zweifel, gab solchen vertraulichen Testamenten und den Kodizillen Gültigkeit von Gesetz wegen und entwirrte gewaltfrei die Formalien und Hemmnisse der republikanischen Jurisprudenz Die Veränderungen der römischen Erbfolgegesetze werden von Montesquieu (Esprit des Lois, l. xxvii.) mit viel Scharfsinn und gelegentlich auch einiger Phantasie ausgeführt.. Da aber diese neue Praxis der Fideikommisse in allerlei Missbrauch ausartete, wurde der Betraute durch die trebellianische und pegasianische Dekrete ermächtigt, ein Viertel der Hinterlassenschaft zu behalten oder dem tatsächlichen Erben auch allen Schulden und Klagen zu übertragen, welche darauf lasteten. Die Deutung der Testamente war streng und an den Buchstaben gebunden; aber die Sprache der Kodizille und Fideikommisse war von der pedantischen und technischen Genauigkeit der Juristen befreit Grundsätze des römischen Rechts über Erbfolge, Testamente, Kodizille, Vermächtnisse und Fideikommisse sind festgehalten in den Instit. des Caius (l. ii. tit. ii.–ix. p. 91–144), Justinian (l. ii. tit. x.–xxv.) und Theophilus (p. 328–514); und die unermessliche Fülle an Details nimmt 12 Bände (28-39) in Anspruch..

III KLAGEN

Die allgemeinen Pflichten des Menschen werden durch sein öffentliches und sein privates Verhältnis bestimmt, aber die besonderen Verbindlichkeiten der Menschen untereinander sind die Auswirkungen eines Versprechens, einer Wohltat und eines Vergehens. Und wenn das Gesetz diese Verbindlichkeiten anerkennt, dann kann eine der involvierten Parteien auf gerichtlichem Wege die Erfüllung erzwingen. Auf dieser Grundlage haben die Rechtsgelehrten aller Länder eine vergleichbare Jurisprudenz aufgeschichtet, als die einleuchtende Folgerung einer allgemeinen Vernunft und Gerechtigkeit Institutiones des Caius, (l. ii. tit. ix. x. p. 144–214), des Justinian, (l. iii. tit. xiv.–xxx. l. iv. tit. i.–vi.) un des Theophilus, (p. 616–837) unterscheiden vier Sorten von Verbindlichkeiten: aut re, aut verbis, aut literis aut consensu (durch eine Sache oder durch Worte oder durch Text oder durch Verabredung). Aber ich gestehe, dass ich meiner eigenen Einteilung den Vorzug gebe..

VERSPRECHEN

1. Die Göttin der Treue, der Treue zu Menschen und zur Gesellschaft, wurde von den Römern nicht nur in ihren Tempeln, sondern auch durch ihre Lebenspraxis geheiligt; und wenn diesem Volke auch die liebenswürdigen Eigenschaften wie etwa Wohlwollen oder Großmut abgingen, so setzten sie die Griechen gleichwohl durch ihre aufrichtige und prompte Erfüllung selbst der lästigsten Zusagen in Erstaunen Wie sehr ist doch das herzenskühle und rationale Zeugnis des Polybios (6, p. 693; 31, p. 1459, 1460) dem unbestimmten und beliebigen Lobe des Gellius (20,1) überlegen: omnium maxime et praecipue fidem coluit (am meisten und vorzüglichsten von Allem hielt er die Treue aufrecht)!. Und doch schuf in diesem Volk in Übereinstimmung mit den strengen Grundsätzen der Patrizier und Decemvirn ein bloßes pactum, ein Versprechen und selbst ein Eid keine zivilrechtliche Verbindlichkeit, solange es nicht durch die gesetzliche Form einer Stipulation bestätigt war. Welche Etymologie dieses lateinische Wort auch besitzen mag, es war dem Inhalt nach ein fester und unverbrüchlicher Kontrakt, der immer in der Form von Frage und Antwort ausgedrückt ward. »Versprichst du, mir einhundert Goldstücke zu zahlen?» – war die feierliche Frage des Seius. »Ich verspreche es» war die Antwort des Sempronius. Die Freunde des Sempronius, welche für seine Zahlungsfähigkeit und -bereitschaft bürgten, konnten nach Wunsch des Seius einzeln belangt werden; und die Rechtswohltat, gemäß der Klagen geteilt und nacheinander vorgebracht werden konnten, entfernte sich nach und nach von der strengen Lehre der Stipulation. Die vorsichtigste und durchdachteste Einwilligung wurde zu Recht gefordert, um die Gültigkeit eines freiwilligen Versprechens abzusichern; und der Bürger, der diese gesetzliche Sicherheit hätte erhalten können (aber nicht besaß), stand im Verdacht des Betruges und musste für seine Unterlassung büßen. Doch die erfindungsreichen Zivilrechtler arbeiteten mit Erfolg daran, einfache Versprechen in die Form von feierlichen Stipulationen umzuwandeln. Die Prätoren als die Hüter der gesellschaftlichen Verlässlichkeit ließen jeden Beweis einer freiwilligen und überlegten Handlung zu, die vor ihrem Richterstuhl eine begründete Verbindlichkeit schuf und für welche sie eine Klage und eine Einrede gestatten konnten Das Jus Praetorium de Pactis et Transactionibus ist ein eigenständiges und zufrieden stellendes Werk von Gerard Noodt (Opp. Bd. 1, p. 483-564). Und ich will hier anmerken, dass man zu Beginn dieses Jahrhunderts an den Universitäten in Holland und Brandenburg das Bürgerliche Recht nach den besten und freisinnigsten Grundsetzen behandelt zu haben scheint..

2. Die Verbindlichkeiten der zweiten Art werden durch die Überlassung einer Sache eingegangen, weshalb die Rechtslehrer ihnen das Adjektiv dinglich Die heikle und vielseitige Materie von Konsensualverträgen umfasst vier Bücher der Pandekten (xvii-xx) und ist ein Abschnitte, der die Aufmerksamkeit eines englischen Gelehrten besonders verdient. beilegen. Dem Urheber einer Wohltat steht eine dankbare Erwiderung zu, und wem immer das Eigentum eines anderen anvertraut war, der hat damit auch die heilige Pflicht der Zurückerstattung auf sich genommen. Liegt ein freundschaftliches Verleihen vor, ist nur der Darleiher wegen seines Edelmutes verdienstvoll, bei einem Deposit derjenige, der die Sache zur Verwahrung nimmt: bei einem Pfand aber und bei dem ganzen übrigen eigennützigen Verkehr des täglichen Lebens wird der jeweilige Vorteil durch ein Äquivalent vergütet, und die Verpflichtung zur Wiedererstattung je nach Verhandlungsergebnis vielfältig modifiziert.

Das Lateinische drückt den grundlegenden Unterschied zwischen commodatum (Leihvertra) und mutuum (Darlehensvertrag) sehr gut aus, die Armut der englischen Sprache hat dafür nur den sehr unbestimmten und allgemeinen Terminus loan (Ausleihe). Bei jenem war der Borger verpflichtet, genau dieselbe Sache zurückzugeben, die ihm überlassen worden war, um damit eine Zeitlang seinen Bedürfnissen abzuhelfen; im zweiten Fall war die geliehene Sache für seinen Gebrauch oder zum Verzehr bestimmt, und er erfüllte seine mutuelle (gegenseitige) Verbindlichkeit, indem er eine Sache der gleichen Art und von gleichem Wert nach richtiger Schätzung der Zahl, des Gewichtes und der Größe erstattete. Durch einen Kaufvertrag geht das uneingeschränkte Eigentum auf den Käufer über, und er bezahlt für diesen Vorteil mit der entsprechenden Menge Gold oder Silber, dem Preis und allgemeingültigen Maßstab für alles irdische Besitztum. Die Verpflichtungen aus einem Mietvertrag sind ihrer Natur nach diffiziler. Land oder Häuser, Arbeitskraft oder Talente können für eine bestimmte Zeit gemietet werden; ist die Zeit abgelaufen, dann muss die Sache dem Eigentümer zurückgegeben werden nebst einer Belohnung für den fruchtbringenden Gebrauch und Besitz.

Bei solchen für beide Seiten vorteilhaften Kontrakten, zu denen auch die Compagnie und die Kommissionen zu rechnen sind, wird von den Juristen zuweilen die Übergabe der Sache und die Einwilligung der Parteien vermutet. Das handfeste Pfand wurde zu einer Hypothek oder Verschreibung verfeinert; und der Abschluss eines Kaufes zu einem festgesetzten Preis schließt von diesem Augenblick an die zufälligen Gewinne und Verluste auf Rechnung des Käufers in sich. Es lässt sich mit gutem Grund voraussetzen, dass jeder Mensch seinem eigenen Interessen folgt; und dass er folglich, wenn er denn den Nutzen hat, auch für die Kosten des Geschäftes aufkommen muss. In dieser unendlichen Materie wird der Historiker die Vermietung von Grundstücken, die Verleihung von Geld, das Pachtgeld beim ersten und die Zinsen der letzteren besonders im Auge behalten, haben sie doch einen wesentlichen Einfluss auf das Wohl und Wehe des Handels und des Landbaus. Der Gutsbesitzer war oft gehalten, Geld und Werkzeuge zur Landwirtschaft vorzuschießen und sich dann mit der Teilung der Ernte zu begnügen. Wenn der arme Pächter durch Zufall, Seuchen oder Feindeshand in Not geriet, dann forderte er von den Gesetzen billig einen Nachlass: fünf Jahre waren die übliche Frist, und keine arbeitsintensiven oder kostspieligen Verbesserungen ließen sich von dem Pächter erwarten, wenn er jeden Augenblick durch Landverkauf aus seiner Pacht vertrieben werden konnte Pachtverträge werden in den Pandekten (l. xix) und im Codex (l. iv. tit. lxv) erklärt. Die Fünfjahresfrist scheint mehr ein Herkommen als ein Gesetz zu sein: in Frankreich indessen endeten alle Pachtverträge von Ländern nach neun jahren. Diese Einschränkung wurde im Jahre 1775 aufgehoben (Encyclopedie Methodique, Bd. i. de la Jurisprudence, p. 668, 669); und es schmerzt mich, hier anzumerken, dass sie in dem schönen und wohlhabenden Lande, in dem zu leben ich das Glück habe, immer noch fortdauert..

GELD UND ZINSEN

Dem Wucher Ich könnte mich bedenkenlos mit der Gelehrsamkeit und dem Scharfsinn in den drei Bänden von G. Noodt, de foenore et usuris. (Opp. Bd. i. p. 175–268) zufrieden geben. Die Auslegung der asses oder centesimae usurae zu 1/12 und der unciariae zu 1v.H. wird von den besten Wissenschaftlern und Juristen geteilt : Noodt, (2,2 p. 207), Gravina (Opp. p. 205, &c., 210), Heineccius (Antiquitat. ad Institut. l. iii. tit. xv.), Montesquieu (Esprit des Loix, l. xxii. c. 22, tom. ii. p. 36). Defense de l'Esprit des Loix, (Bd.3, p. 478, &c.) und vor allen anderen John Frederic Gronovius (de Pecunia Veteri, 3,13, p. 213–227,) und seine drei Antexegeses, (p. 455–655), der Begründer oder wenigstens der Vertreter dieser wahrscheinlichsten Meinung, die aber gleichwohl mit Schwierigkeiten behaftet ist., diesem ewigen Übel der Stadt Rom, waren die Zwölf Tafeln Primo xii. Tabulis sancitum est ne quis unciario foenore amplius exerceret, (Auf der ersten der XII. Tafeln wird gesetzlich bestimmt, dass niemand mehr als 8,5 Prozent Zinsen nehmen darf, Tacit. Annal. vi. 16.) Pour peu (sagt Montesquieu, Esprit des Loix, l. xxii. 22) qu'on soit verse dans l'histoire de Rome, on verra qu'une pareille loi ne devoit pas etre l'ouvrage des decemvirs. Wusste Tacitus dies nicht? Oder war er töricht? Aber die weiseren und maßvolleren Patrizier konnten ihre Habgier ihrem Ehrgeiz opfern und versuchen, die verhasste Sache durch einen Zinsfuß einzuschränken, den kein Gläubiger annehmen würde und durch Strafen, denen sich kein Verleiher aussetzen würde. entgegengetreten; durch das Geschrei des Volkes waren sie dann endgültig abgeschafft worden. Durch dessen Notstand und Faulheit war er wieder ins Leben zurückgekehrt, die Nachsicht der Prätoren duldete ihn, und schließlich wurde er durch Justinians Codex genau bestimmt. Personen von Rang waren auf einen Gewinn von mäßigen vier Prozent eingeschränkt; sechs waren das gewöhnliche und gesetzliche Zins-Maß; acht wurden erlaubt zum besten der Fabrikanten und Kaufleute, zwölf für die Versicherung von Schiffen, woran sich die Alten weislich nicht herangewagt hatten: überall – mit Ausnahme dieses hochriskanten Geschäftszweiges – wurde übermäßiger Wucher mit Nachdruck bestraft Justinian hat sich nicht dazu herabgelassen, dem Wucher einen Platz in den Institutionen einzuräumen; aber die notwendigen Regeln und Einschränkungen finden sich in den Pandekten (l. xxii. tit. i. ii.) und im Codex, (l. iv. tit. xxxii. xxxiii.).. Auch die kleinsten Zinsen wurden von der Geistlichkeit des Westens und des Ostens In diesem Punkte sind die Kirchenväter einmal einig: Barbeyrac, Morale des Peres, p. 144ff.), Cyprian, Lactantius, Basil, Chrysostomos, (siehe seine albernen Argument bei Noodt, 1,7 p.188), Gregor von Nyssa, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus und ungezählte Konzilien und Kasuisten. streng verurteilt, doch das Gefühl des gegenseitigen Nutzens, das bereits die Gesetze der Republik überlebt hatte, widerstand mit gleicher Festigkeit den Dekreten der Kirche, ja selbst der Vorurteilen der Menschheit Cato, Seneca und Plutarch haben mit Nachdruck die Praxis und den Missbrauch des Wuchers verdammt. Folgt man der Etymologie von faenus oder tokos, wird gleichsam unterstellt, dass das Kapital die Zinsen gebäre: eine Brut des unfruchtbaren Metalles, ruft Shakespeare aus – und das Theater ist das Echo von Volkes Stimme..

RECHTSVERLETZUNGEN

3. Natur und Gesellschaft verlangen unnachsichtig eine Gutmachung einer Rechtsverletzung, und wem durch einen einzelnen Unrecht geschieht, erwirbt ein persönliches Recht und eine gesetzmäßige Klage. Wenn das Eigentum eines anderen unserer Obsorge anvertraut ist, kann das nötige Ausmaß an Anstrengung steigen oder sinken entsprechend den Vorteilen, den wir von diesem vorübergehenden Besitz haben; selten sind wir verantwortlich für einen unausweichlichen Zufall, doch die Folgen eines vorsätzlichen Missgriffs müssen stets dem Urheber angelastet werden Sir William Jones hat einen scharfsinnigen und klugen Essay on the law of Bailment, (London, 1781, p. 127) vorgelegt. Er ist vermutlich der einzige Jurist, der in den Jahrbüchern von Westminster ebenso gut zu Hause ist wie in Ulpians Kommentaren, Isaeos' attischen Reden und den Aussprüchen arabischer und persischer Kadis.. Ein Römer forderte und erlangte seine ihm gestohlenen Sachen mit einer zivilen Diebstahlsklage zurück; sie mochte durch mehrere Hände gegangen sein, allesamt unwissend und unschuldig, sein Anrecht verjährte erst nach einer Frist von dreißig Jahren. Sie wurden ihm durch das Urteil des Prätors zurückerstattet und der Schaden durch zwei-, drei-, ja sogar vierfachen Ersatz vergütet, je nachdem die Tat durch heimliche Täuschung oder offenen Raub ausgeführt war und der Räuber auf frischer Tat ertappt oder erst durch späteres Nachforschen entdeckt worden war. Das aquilische Gesetz Noodt (Opp. Bd. i. p. 137–172) hat eine eigenständige Abhandlung geschrieben, ad Legem Aquilian, (Pandect. l. ix. tit. ii). schützte auch das lebende Eigentum eines Bürgers, seine Sklaven und sein Vieh, gegen vorsätzliche oder fahrlässige Verletzung; das Gesetz nahm für das Tier den höchsten Preis an, den man irgendwann einmal im letzten Jahre vor seinem Tode hätte erzielen können; ein vergleichbarer Zeitraum von dreißig Tagen galt für die Zerstörung anderer wertvoller Gegenstände.

Persönliches Unrecht wird entsprechend den jeweilig vorherrschenden Gebräuchen und den Empfindlichkeiten des Individuums als mehr oder weniger kränkend empfunden: Schmerz oder Schmach infolge einer Beleidigung oder eines Schlages kann nicht leicht durch eine finanzielle Vergütung bemessen werden. Die grobschlächtige Jurisprudenz der Decemvirn hatte alle spontanen Attacken, die nicht bis zum Bruch eines Körpergliedes führten, einander gleichgesetzt, indem sie den Täter pauschal zu 25 Assen Bußgeld verurteilte. Diese Münze hatte im Laufe von drei Jahrhunderten ihren Namen beibehalten, war aber an Wert von einem Pfund bis hinab zum Gewicht einer Unze gesunken; und der Übermut eines Römers verschaffte ihm das preisgünstige Vergnügen, ein Gesetz der Zwölf Tafeln zu brechen und ihm gleichzeitig Genüge zu leisten: Veratius lief durch die Straßen und schlug den arglosen Passanten ins Gesicht, und sein ihn begleitender Säckel-Knecht brachte ihr Protestgeschrei mit dem gesetzlichen Anerbieten von 25 Kupfermünzen im Werte von ca. einem Schilling augenblicklich zum Schweigen Aulus Gellius (Noct. Attic. 20,1) entlieh diese Geschichte den Kommentaren des Q. Labeo zu den Zwölf Tafeln..

Die Prätoren prüften und schätzten unparteiisch die besondere Gültigkeit jeder einzelnen Klage. Beim Zuerkennen der Entschädigung nahm sich Obrigkeit das Recht, die verschiedenen Umstände von Zeit und Ort, von Alter und Würde zu berücksichtigen, welche für den Geschädigten den Schmerz und die Schande vergrößert haben mochten, aber wenn der Prätor an eine Geldbuße, eine Züchtigung oder ein warnendes Exempel dachte, so drang er auf das Gebiet der Strafjustiz vor, wo er gegebenenfalles ihre Lücken ergänzte.

STRAFEN

Die Hinrichtung des Diktators Alba, der von acht Pferden zerrissen wurde, wird von Livius als das erste und letzte Beispiel für römische Grausamkeit bei der Bestrafung der allerdings furchtbarsten Verbrechen erzählt Livius' Bericht (1,28) ist bedeutend und ernsthaft. At tu dictis, Albane, maneres (...dass du doch dem Worte treu geblieben wärest, Albaner) ist ein harter und der Humanität Vergils unangemessener Ausdruck (Äneis 8,643). Heyne bemerkt mit seinem gewohnt untrüglichen Geschmack, dass der Gegenstand für den Schild des Äeneas zu scheußlich war. (Bd. 3, p. 229).. Aber dieser Justiz- oder besser Rache-Akt an einem auswärtigen Feind war in der Hitze des Sieges und dazu noch auf Befehl eines einzelnen Mannes geschehen. Deutlicher legen die Zwölf Tafeln die wahre Denkungsart des römischen Volkes dar, denn die wurden von den weisesten Senatoren entworfen und von der freien Stimme des Volkes gebilligt; doch es sind die Buchstaben dieses Gesetzes wie die des Drako Drakos Zeit (39. Olympiade, 1) wird von Sir John Marsham (Canon Chronicus, p. 593–596) und Corsini, (Fasti Attici, Bd. 3, p. 62) bestimmt. Zu seinen Gesetzen lese man die Autoren der athenischen Staatsverfassung Sigonius, Meursius, Potter &al. mit Blut geschrieben Die 7. der 12 Tafeln (de delictis) rekonstruiert Gravina, (Opp. p. 292, 293, mit Kommentar, p. 214–230.) Aulus Gellius (20,1) und die Collatio Legum Mosaicarum et Romanarum bieten viele Originaltexte.. Sie billigen das inhumane und ungerechte Retaliations-Prinzip, und dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn und Glied um Glied wurde streng exekutiert, falls der Täter nicht durch eine Zahlung von dreihundert Pfund Kupfer seine Begnadigung erkaufen konnte. Mit freier Hand verteilten die Decemvirn zu kleineren Strafen wie Geißelung oder Sklaverei, doch wurden neun Verbrechen unterschiedlichster Natur für todeswürdig gehalten:

1: Jede Art von Verrat am Staat oder des Einverständnisses mit einem öffentlichen Feind. Die Art der Hinrichtung war schmerzhaft und schimpflich: der Kopf des ausgearteten Römers wurde in einen Tuch gehüllt, seine Hände auf dem Rücken gebunden und nach seiner Auspeitschung durch den Liktor hing man ihn mitten auf dem Forum an ein Kreuz oder einen Baum von üblem Rufe;

2: nächtliche Zusammenkünfte in der Stadt, der Anlass mochte dem Vergnügen, der Religion oder sogar dem Staatswohl gewidmet sein;

3: Mord an einem Bürger. In diesem Falle schreien die Gefühle der Menschen im Allgemeinen nach dem Blute des Mörders. Gift ist noch ruchloser als Schwert und Dolch, und mit Erstaunen erfahren wir anhand von zwei abscheulichen Vorfällen, wie früh bereits diese perfide Bosheit die Treuherzigkeit der frühen Republik und ihre reinen Tugenden angesteckt hatte Livius erwähnt zwei denkwürdige Epochen, als 3000 Personen des Verbrechens der Vergiftung angeklagt und 190 Matronen überführt wurden (40, 43 und 8,18). Herr Hume (Essays, vol. i. p. 22, 23) unterscheidet zwischen dem Zeitalter der öffentlichen und der privaten Tugend. Ich möchte lieber sagen, dass solche Aufwallungen des Grauens (wie etwa in Frankreich 1680) Zufälle und Unglücksfälle sind, welche aber im Charakter eines Volkes keine Spuren hinterlassen.. Der Vatermörder, der die Gesetze der Natur und der Dankbarkeit missachtet hatte, wurde in einen Fluss oder in das Meer geworfen, eingehüllt in einen Sack; ein Hahn, eine Viper, ein Hund und ein Affe wurden ihm als die passenden Reisegefährten beigegeben Die Zwölf Tafeln und Cicero (pro Riscio Amerino 25 und 26) begnügen sich mit dem Sack; Seneca (Excerpt. Controvers. v 4) schmückt ihn mit Schlangen aus; Juvenal hat mit dem unschuldigen Affen Mitleid: (innoxia simia–156). Adrian (apud Dositheum Magistrum, l. iii. c. p. 874–876 mit Schultings Anmerkung), Modestinus, (Pandect. xlviii. tit. ix. leg. 9) Constantin, (Cod. l. ix. tit. xvii.) und Justinian, (Institut. l. iv. tit. xviii.) zählen allesamt die Begleiter des Vatermörders her. Indessen wurde diese elaborierte Strafe am Leibe in der Praxis vereinfacht. Hodie tamen vivi exuruntur vel ad bestias dantur, (Heute werden sie lebendig verbrannt oder den wilden Tieren vorgeworfen. Paul. Sentent. Recept. l. v. tit. xxiv p. 512, edit. Schulting).. Affen kommen in Italien nicht vor; aber dieser Mangel wurde erst fühlbar, als zuerst in der Mitte des VI. römischen Jahrhunderts der Vatermord aufkam Der erste Vatermörder in Rom war L. Ostius nach dem zweiten punischen Krieg (Plutarch, Romulus, Bd. 1, p. 54). Während des Cimbernkrieges machte sich P. Malleolus des ersten Muttermordes schuldig. (Livius Epitome 68).;

4. Brandstiftung. Nach einer einleitenden Auspeitschung wird der Brandstifter ebenfalls den Flammen überantwortet; und zumindest in diesem Fall ist unsere Vernunft versucht, dem Gerechtigkeitsprinzip der Retaliation beizutreten;

5. Gerichtlicher Meineid. Der gekaufte oder bösartige Zeuge wurde vom Tarpeiischen Felsen herabgestürzt, um für seine Falschaussage zu büßen, welche wegen der Strenge der Gesetze und dem Mangel an schriftlichen Beweisen nur noch verhängnisvoller war;

6. Die Bestechlichkeit eines Richters, welcher Geschenke annahm und dann ein ungerechtes Urteil fällte.

7. Schmähschriften und Satiren, deren grobe Attacken zuweilen die Ruhe einer illiteraten Stadtbevölkerung aufstörten. Der Autor bezog verdientermaßen Prügel, aber ob er wirklich von Henkershand sterben musste, ist ungewiss Horaz redet (Episteln, 2,2,154) von der formidine fustis (durch den Schrecken vor dem Knüppel), doch Cicero (de Republica, l. iv. apud Augustin. de Civitat. Dei, ix. 6, in Fragment. Philosoph. Bd. 3, p. 393, edit. Olivet) bekräftigt, dass die Decemvirn Schmähschriften zu den Kapitalverbrechen rechneten. (cum perpaucas res capite sanxissent–perpaucas! ...da sie nur sehr wenige Vergehen mit dem Tode bestraften – sehr wenige!);

8. die Untat, nächtens dem Nachbarn das Korn zu verderben oder zu ruinieren. Der Übeltäter wurde erhängt, der Ceres zum angenehmen Opfer. Die Waldgottheiten waren in diesem Punkte weniger unversöhnlich: das Umreißen eines wertvollen Baumes wurde mit der maßvollen Buße von 25 Pfund Kupfer geahndet.

9. Zaubergesänge, die nach der Auffassung der Hirten Latiums die Macht besaßen, die Stärke eines Feindes zu erschöpfen, sein Leben zu beenden und tiefwurzelnde Pflanzen von ihrer Stelle zu versetzen.

Es müsste jetzt noch die Grausamkeit der Zwölf Tafeln gegen zahlungsunfähige Schuldner aufgeführt werden, aber ich will es auf mich nehmen, den Wortsinn des Altertums den ausgeklügelten Raffinessen der modernen Kritik vorzuziehen Bynkershoek (Observat. Juris Rom. l. i. c. 1, in Opp. tom. i. p. 9, 10, 11) möchte nachweisen, dass die Gläubiger nicht den Leib, sondern den Preis für den insolventen Schuldner unter sich teilten. Aber seine Interpretation ist eine fortdauernde kühne Metapher; und er kann damit die römischen Autoritäten wie Quintilian, Caecilius, Favonius und Tertullian nicht aushebeln. Siehe Gellius, 21.. Nach dem Gerichtsurteil oder dem Schuldeingeständnis waren dem Römer dreißig Gnadentage gegeben, bevor er seinem Mitbürger ausgeliefert wurde. In dessen Privatgefängnis waren zwölf Unzen Reis seine tägliche Nahrung; er durfte mit einer fünfzehn Pfund schweren Kette belastet werden, und dreimal konnte man ihn in seinem Elend auf dem Marktplatz ausstellen, um dort das Mitleid seiner Freunde oder Landsleute zu rühren. Wenn der sechzigste Tag abgelaufen war, wurde die Schuld getilgt – durch Verlust der Freiheit oder des Lebens: der zahlungsunfähige Schuldner wurde entweder zum Tode geführt oder er wurde in ausländische Sklaverei jenseits des Tibers verkauft. Wenn indessen mehrere Schuldner gleichermaßen unbarmherzig und halsstarrig waren, konnten sie in Übereinstimmung mit dem Gesetz seinen Körper zerstückeln und ihre Rachegelüste durch diese barbarische Teilung befriedigen.

Die Befürworter dieses grauenhaften Gesetzes haben geltend gemacht, dass es Müßiggänger und Betrüger nachdrücklich davor abschrecken müsse, Schulden zu machen, die sie niemals würden bezahlen können; aber schon bald wurde dieser heilsame Schrecken durch die Erfahrung zerstreut, dass kein Gläubiger sich jemals zu dieser völlig nutzlosen Strafe an Leib oder Leben bereit fand. Als sich daher die Bräuche unter den Römer allgemach glätteten, wurde das Strafgesetz der Decemvirn durch die Menschlichkeit von Anklägern, Zeugen und Richtern gemildert, und an die Stelle der übertriebenen Strenge trat nun die Straflosigkeit. Das porcische und valerische Gesetz verbot den Richtern, einen freien Bürger mit der Todes- oder auch nur einer Leibesstrafe zu belegen; und die obsoleten Blutgesetze wurden jetzt klüglich, vielleicht sogar zu Recht, dem Geiste nicht der patrizischen, sondern der königlichen Tyrannei zugeschrieben.

ABSCHAFFUNG DER STRAFGERICHTSBARKEIT

Beim Fehlen von Strafgesetzen und der Unzulänglichkeit von Zivilklagen wurde der Rechtsfrieden in Rom durch die Privat-Rechtsprechung nur unvollkommen aufrechterhalten. Die Übeltäter, die unsere Gefängnisse heutzutage überfüllen, sind die Ausgestoßenen unserer Gesellschaft, und die Verbrechen, für welche sie leiden, werden gemeinhin der Unwissenheit, der Armut oder den viehischen Gelüsten zugeschrieben. Ein elender Plebejer konnte nach der Begehung ähnlicher Gräuel immer noch die geheiligten Eigenschaften eines Mitgliedes der freien Republik in Anspruch nehmen: der Sklave oder Fremdling wurde bei nachgewiesener oder auch nur vermuteter Schuld an das Kreuz genagelt; und diese strenge und summarische Justiz konnte gegen den größten Teil des römischen Pöbels geübt werden.

Jede Familie hatte ein eigenes, häusliches Tribunal, welches, anders als das eines Prätors, nicht auf die Untersuchung äußerer Tathandlungen beschränkt war: Grundsätze und Fertigkeiten der Tugend wurden durch nachdrückliche Erziehung vermittelt und ein römischer Vater war dem Staate für die Aufführungen seiner Kinder verantwortlich, weil er letztinstanzlich über ihr Leben, ihre Freiheit und ihr Erbe entschied. In ausgesuchten Notfällen durfte der Bürger seine private oder öffentlich erlittenen Unbilden mit eigener Hand rächen. Übereinstimmend billigten das jüdische, das athenische und das römische Recht die Tötung eines nächtlichen Diebes; bei Tageslicht hingegen durfte der Räuber nicht ohne Nachweis einer unmittelbaren Gefahr erschlagen werden. Wer immer einen Ehebrecher in seinem Bette überraschte, durfte unbesorgt und nach Belieben seine Rache üben Die erste Rede des Lysias (Reiske, Orator. Graec. tom. v. p. 2–48) ist die Verteidigung eines Ehemannes, der den Ehebrecher erschlagen hatte. Die Rechte der Ehegatten und Väter in Rom werden mit viel Gelehrsamkeit erörtert von Dr. Taylor, (Lectiones Lysiacae, c. xi. in Reiske, Bd. 6, p. 301–308).; noch die blutigste und wüsteste Tätlichkeit war durch diese Kränkung entschuldigt Man sehe Casaubon ad Athenaeum, 1,5, p. 19. Percurrent raphanique mugilesque, (Rettiche und Meeresfische werden durchmarschieren...Catull.15) Hunc mugilis intrat, (In diesen (erg. Ehebrecher) dringt der Meeresfisch ein...Juvenal. Satir. 10, 317.) Hunc perminxere calones, (Diesen bepinkeln die Knechte, Hor. Sat 1,2,44.) Familiae stuprandum dedit-fraudi non fuit, (...übergab er ihn (den ertappten Ehebrecher) der Sklavenschar zur Schändung, es war ihnen nicht zum Nachteil...Val. Maxim. 6,1, No. 13.), und erst unter der Regierung des Augustus wurde der Ehemann gehalten, den Rang des ertappten Buben zu erwägen, und der Vater verurteilt, seine Tochter mit ihrem schuldigen Verführer dahinzugeben. Nachdem die Könige vertrieben waren, war jeder aufstrebende Römer, der ihren Titel anzunehmen oder ihre Herrschaftsform nachzuahmen sich erkühnte, den Gottheiten der Unterwelt preisgegeben; jeder seiner Mitbürger war gegen ihn mit dem Schwert der Gerechtigkeit gewappnet, und die Tat des Brutus, mochte sie auch frei sein von Dankbarkeit oder Klugheit, war gleichwohl durch das Urteil seines Vaterlandes geheiligt Livius 2,8 erwähnt dieses Gesetz wie auch Plutarch, Publicola Bd.1, p.187, und es rechtfertigt vollständig die öffentliche Meinung zu Caesars Tod, die Sueton unter der Regierung eines Kaisers bekannt machen durfte. Jure caesus existimatur, (in Julio, c. 76). Man lese dazu den Briefwechsel wenige Monate nach den Iden des März zwischen Cicero und Matius (Fam. 11,27 und 28).

Die barbarische Sitte, mitten im Frieden Waffen zu tragen ›Als erste legten die Athener das Schwert nieder.‹ Thukydides 1,6. Der Historiker, der diesen Umstand als einen Prüfstein für Kultur ansieht, würde die Barbarei an den europäischen Königshöfen verachten., war den Römern unbekannt, ebenso wie die blutigen Gesetze der Ehre; und während der zwei reinsten Jahrhunderte – von der Etablierung der allgemeinen Freiheit bis zum Ende der Punischen Kriege – gab es in der Stadt nicht einen einzigen Aufruhr und nur selten schwere Verbrechen. Das Fehlen eines Strafgesetzes wurde fühlbarer, als jedes Laster durch Parteienhader im Inneren und Willkürherrschaft in den Provinzen befördert wurde. Zu Ciceros Zeiten genoss jeder Bürger das Vorrecht zu Anarchie, jeder Staatsdiener war bis zu den Versuchungen königlicher Macht erhoben, und ihre Tugenden rühmte man überschwänglich als die Sua-sponte-Früchte der Natur und der Philosophie. Nachdem er sich drei Jahre lang in Wollust, Habgier und Grausamkeit gesuhlt hatte, konnte Verres, der Tyrann von Sizilien, nur auf Erstattung von 300.000 Pfund Sterling verklagt werden; und derart sanft waren die Gesetze, die Richter und möglicherweise sogar der Ankläger selbst Er rechnete zuerst den Schaden, den Sizilien erlitten hatte, auf 800.000 Pfund (Divinatio in Caecilium, 5), setzte ihn danach aber auf quadringenties, (320,000 Pfund.–1 Actio in Verrem, 18) herab, und gab sich endlich mit tricies (24,000 Pfund) zufrieden. Plutarch (Cicero, Bd. 3, p. 1584) hat den Verdacht und die Gerüchte im Volke nicht zurückgehalten., dass er nach Rückerstattung des dreizehnten Teils seiner Beute sich in ein friedliches und üppiges Exil verziehen konnte Verres lebte nach seiner Verurteilung noch dreißig Jahre bis zum zweiten Triumvirat, als Marcus Antonius ihn wegen seiner Liebhaberei, den korinthischen Vasen, auf die Proskriptionsliste setzte. Plinius N.H. 34,3..

WIEDEREINFÜHRUNG DER TODESSTRAFE

Den ersten und missglückten Versuch, das Gleichgewicht zwischen Verbrechen und Strafe wieder herzustellen, veranstaltete der Diktator Sulla, der inmitten seines blutigen Triumphes danach strebte, die Zügellosigkeit der Römer zu dämpfen, nicht so sehr, ihre Freiheit zu beschneiden. Er rühmte sich der willkürlichen Proskription von 4.700 Bürgern Dies ist die von Valerius Maximus angegebene Anzahl (l. ix. c. 2, No. 1) während Florus (4,21) 2000 Senatoren und Ritter bezeichnet. Appian (de Bell. Civil. 1,95, Bd.2 p. 133, edit. Schweighäuser) rechnet genauer und kommt auf 40 Senatoren und 1600 Opfer aus dem Ritterstand.. In seiner Eigenschaft als Gesetzgeber achtete er die Vorurteile seiner Zeit: und anstelle nun seine Todesurteile auszusprechen gegen den Raub- oder Meuchelmörder, gegen den General, der seine Truppe verraten oder den Statthalter, der eine Provinz geplündert hatte, begnügte sich Sulla damit, die Geldstrafe durch die Strafe der Verbannung oder, in der Sprache des römischen Staatsrechtes, durch das Verbot von Feuer und Wasser zu verschärfen. Die cornelischen und später die pompejanischen Gesetze etablierten ein neues System der Kriminalrechtsprechung Zum Strafrecht (Leges Corneliae, Pompeiae, Julae, des Sulla, Pompeius und den Caesaren) siehe die Sentenzen des Paulus, (l. iv. tit. xviii.–xxx. p. 497–528, edit. Schulting), den Gregorianichen Codex, (Fragment. l. xix. p. 705, 706, in Schulting), die Collatio Legum Mosaicarum et Romanarum (tit. i.–xv.), den Theodosianischen Codex (l. ix.), den Codex Justinianus (l. ix.), die Pandecten, (xlviii.), die Institutionen (l. iv. tit. xviii.) und die Griechische Fassung des Theophilus, (p. 917–926).; die Kaiser von Augustus bis Justinian versteckten ihre zunehmende Strenge hinter dem Namen der ersten Urheber.

Aber die Erfindung und häufige Anwendung von außerordentlichen Strafen entsprangen dem Wunsch, den Fortschritt des Despotismus zu beschleunigen und gleichzeitig zu verhehlen. Zur Verurteilung vornehmer Römer fand sich der Senat allemal vorbereitet, dem Willen seines Herren gemäß die gesetzgebende mit der rechtsprechenden Gewalt zu vermengen. Es war die Obliegenheit der Statthalter, in ihrer Provinz durch unnachsichtig-strenge Rechtsverwaltung den Frieden zu sichern; das römische Bürgerrecht diffundierte in dem Maße, wie sich das Reich vergrößerte, und der spanische Bösewicht, der sie Prärogative eines römischen Bürgers für sich reklamierte, wurde auf Galbas Befehl an ein ausgeschmücktes und höheres Kreuz geschlagen Es war ein Vormund, der seinen Mündel vergiftet hatte. Es war ein abscheuliches Verbrechen, doch die Bestrafung rechnete Sueton (Galba,9) unter die Taten, in welchen sich Galba als acer, vehemens et in delictis coercendis immodicus (...als hart, feurig und maßlos in der Bestrafung von Vergehen...)..

Gelegentliche ergingen Erlasse vom Thron, um solche Fragen zu entscheiden, welche wegen ihrer Bedeutung und Neuheit die Einsichtsfähigkeit und die Befugnisse eines Prokonsuls zu überfordern schienen. Verbannung und Enthauptung blieben vornehmen Rängen aufgespart; Verbrecher von niederem Stande wurden gehenkt, verbrannt, in Bergwerken begraben oder im Amphitheater den wilden Tieren preisgegeben. Bewaffnete Räuber wurden verfolgt und als Feinde der Gesellschaft ausgerottet; Pferde- oder Viehdiebstahl galt als todeswürdig Die abactores oder abigeatores, die ein Pferd, oder zwei Stuten oder Ochsen oder fünf Schweine oder zehn Ziegen forttrieben, waren mit Todesstrafe bedroht. (Paul, Sentent. Recept. l. iv. tit. xviii. p. 497, 498). Hadrian, (ad Concil. Baeticae), immer da am strengsten, wo das Vergehen am häufigsten war, verurteilte die Verbrecher ad gladium, ludi damnationem, (Ulpian, de Officio Proconsulis, l. viii. in Collatione Legum Mosaic. et Rom. tit. xi p. 235.); doch der einfache Diebstahl wurde nach wie vor als ein Zivil- oder Privatvergehen angesehen. Das Ausmaß der Schuld und die Art der Strafe lagen allzu oft im beliebigen Ermessen des Herrschers, und der Untertan blieb im Ungewissen über die gesetzlich vorgesehene Gefahr, in der er sich wegen irgendeiner beliebigen Handlung während seines Lebens befinden mochte.

DAS AUSMASS DER SCHULD

Eine Sünde, ein Laster, ein Verbrechen: dies sind Gegenstände der Theologie, der Ethik, der Rechtswissenschaft. Wenn ihr Urteil übereinstimmt, bestärken sie sich gegenseitig; sooft sie aber voneinander abweichen, bemisst ein kluger Gesetzgeber die Schuld und die Strafe nach der Höhe des sozialen Schadens. Folgt man diesem Grundsatz, ist der dreisteste Angriff auf das Leben und das Eigentum eines einzelnen Bürgers ein weniger schweres Verbrechen als Verrat oder Aufstand, welche gegen die Majestät des Staates gerichtet ist. Einstimmig und gefügig erklärten die Rechtslehrer, dass die Republik in der Person des Herrschers einbegriffen sei; und so wurde die Schneide des julischen Gesetzes durch den unermüdlichen Eifer des Kaisers geschärft. Der promiskuitive Austausch zwischen den Geschlechtern kann als natürlicher Trieb geduldet oder als Quelle der Unordnung und Verderbnis verboten werden: aber der Ehebruch seines Weibes kann den Ruf, das Vermögen und die Familie des Ehemannes ernstlich verletzen. Nachdem die Weisheit des Augustus die ausufernde Selbstjustiz abgeschafft hatte, wurde dieses häusliche Vergehen unter die Ahndung der Gesetze gestellt, und die schuldigen Parteien wurden nach Erlegung schwerer Geldbußen zu langer, zuweilen auch lebenslänglicher Verbannung auf zwei abgelegene Inseln verurteilt Bis zur Veröffentlichung des Iulius Paulus durch Schulting (l. ii. tit. xxvi. p. 317–323) bestand Konsens darüber, dass die iulischen Gesetze den Ehebruch mit dem Tode bestraft hätten, welcher Irrtum auf einer Fälschung oder einem Irrtum Tribonians beruht. Dabei hatte bereits Lipsius die Wahrheit in den Nachrichten des Tacitus (Ann. 2,50; 3,24 und 4,42) und sogar in Augustus' Maßnahmen vermutet, der die Schwächen seiner weiblichen Verwandtschaft als eine Art Hochverrat bezeichnete.. Die Untreue des Mannes wird von der Religion mit gleichem Tadel belegt; doch da sie niemals die ghleichen sozialen Folgen hat, wurde es einer Gattin niemals erlaubt, wegen dieser ihr zugefügten Kränkung die Gerichte anzurufen In Fälen von Ehebruch beschränkte Severus das Recht der öffentlichen Klage auf den Mann (Cod. Justinian, l. ix. tit. ix. leg. 1). Unbillig ist dieses Vorrecht nicht – zu verschieden sind die Folgen weiblicher und männlicher Treulosigkeit.; und die Unterscheidung von doppeltem und einfachem Ehebruch, der der kanonischen Gesetzgebung so bedeutsam und geläufig war, ist dem Codex und den Pandekten ganz unbekannt.

WIDERNATÜRLICHE LASTER

Ich berühre nur widerstrebend und oberflächlich-eilig ein noch hassenswerteres Laster, dessen Namensnennung der Anstand verbietet und dessen Vorstellung die Natur verabscheut. Die ersten Römer waren vom Vorbild der Etrusker Timon (1) und Theopompus (43, apud Athenaeum 12, p. 517) beschreiben Liederlichkeit und Wollust der Etrusker: »Viele verlangen danach, mit Knaben oder Jünglingen zusammen zu kommen.» Zu dieser Zeit (a.u.c. 445) studierte Roms Jugend in Etrurien. (Liv. 9,36). und Griechen In dieser Schule waren auch die Perser verdorben worden (Herodot 1,135): »Von den Hellenen lernten sie den Umgang mit Knaben.» Man könnte eine interessante Abhandlung schreiben über die Entstehung der Päderastie nach Homer, ihre Verbreitung unter den asiatischen und europäischen Griechen, das Ausmaß ihrer Leidenschaften und das luftige Schattenbild aus Tugend und Freundschaft, womit die Philosophen Athens sich begnügten. Aber scelera ostendi oportet dum puniuntur, abscondi flagitia (...die Bestrafung von Verbrechen soll öffentlich erfolgen, Schändlichkeiten aber verheimlicht werden, Tac. Germania 12,2). angesteckt; im sinnlosen Missbrauch von Reichtum und Macht hielt man jedes unschuldige Vergnügen für trist und fade, ja selbst das scatianische Gesetz Name, Entstehungszeit und Inhalt dieses Gesetzes sind gleichermaßen unbestimmt (Gravina, Opp. p. 432, 433. Heineccius, Hist. Jur. Rom. No. 108. Ernesti, Clav. Ciceron. in Indice Legum). Ich bemerka aber, dass die nefanda Venus des aufrechten Deutschen beim höflicheren Italiener aversa heißt., das auf ein Gewaltverbrechen zurückgeht, verlor im Laufe der Zeit und durch die Masse der Übertretungen an Wirkung. Dieses Gesetz legte für die Notzucht, möglicherweise auch die Verführung eines freigeborenen Knaben die erbärmliche Summe von zehntausend Sesterzen bzw. achtzig Pfund als Sühneleistung fest; der Vergewaltiger durfte im Rahmen des Widerstandes der Keuschheit – oder ihrer Rache – erschlagen werden; und nur zu gerne würde ich glauben, dass in Rom wie in Athen dem freiwilligen und effeminierten Verleugner seines Geschlechtes alle bürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen wurden Siehe die Rede des Aischines gegen den Weichling Timarchus.. Aber die öffentliche Meinung konnte die Praxis des Lasters nicht beeindrucken: die untilgbare Schändung der Mannheit wurde mit den verzeihlicheren Vergehen des Ehebruchs oder der Hurerei in eins gesetzt, und auf den dreisten Liebhaber fiel nur ein kleiner Teil von der Unehre zurück, die er dem männlichen oder weiblichen Opfer seiner Übeltat zufügte. Von Catull bis zu Iuvenal Eine Menge ekelhafter Stellen wird sich hier dem in der klassischen Literatur bewanderten Leser aufdrängen. Ich führe hier nur Ovids nüchterne Erklärung an: Odi concubitus qui non utrumque resolvant./Hoc est quod puerum tangar amore minus (Ich hasse den Beischlaf, der nicht beiden Befriedigung gewährt/deshalb werde ich von Knabenliebe weniger berührt). beklagen die Dichter die Ausartung ihrer Zeit; die Besserung und Hebung der Sitten wurde mit nur geringem Erfolg von den Vernunft- und Rechtserwägungen der Juristen in die Wege geleitet, bis endlich der tugendreichste aller Caesaren diese widernatürlichen Vergehen als ein Verbrechen gegen die Gesellschaft ächtete Aelius Lampridius, in Vit. Heliogabal. in Hist. August p. 112 Aurelius Victor, in Philippo, Codex Theodos. l. ix. tit. vii. leg. 7 und Godefroys Kommentar, Bd. iii. p. 63. Theodosius schaffte die unterirdischen Bordelle in Rom ab, in denen beide Geschlechter ungestraft geschändet wurden..

STRENGE DER CHRISTLICHEN KAISER

Ein neuer Geist der Gesetzgebung, achtbar selbst noch in seinen Irrtümern, erhob sich im Reiche zusammen mit der Religion Konstantins Siehe die Gesetze Konstantins gegen Ehebruch, Homosexualität u.a. im Codex Theodosianus, (l. ix. tit. vii. leg. 7, l. xi. tit. xxxvi leg. 1, 4) und Justinianus (l. ix. tit. ix. leg. 30, 31). Diese Herrscher reden in der Sprache der Erbitterung und der Gerechtigkeit und führen zu Unrecht ihre Strenge auf die ersten Caesaren zurück.. Die Gesetze Moses' galten als der Quell göttlicher Gerechtigkeit, und die christlichen Herrscher richteten ihre Strafgesetze nach dem Ausmaß der moralischen und religiösen Verwerflichkeit einer Tat ein. Ehebruch galt zunächst als todeswürdiges Verbrechen, und die Schwachheit beider Geschlechter wurde dem Gift- oder Meuchelmord gleichgestellt, der Zauberei oder dem Vatermord. Aktive und passive Päderastie wurde mit gleicher Strafe für beide Beteiligten geahndet; alle Verbrecher, sie mochten nun Freie sein oder dem Sklavenstand angehören, wurden ertränkt, geköpft oder lebendig den strafenden Flammen übergeben. Die Ehebrecher schonte das allgemein menschliche Mitgefühl, während die gleichgeschlechtlich Liebenden durch eine ebenfalls allgemeine fromme Entrüstung verfolgt wurden: Griechenlands unreinliche Sitten gaben in den asiatischen Städten nach wie vor den Ton an, und jedes Laster wurde durch den Zölibat der Mönche und der Geistlichen geschürt. Justinian milderte das Strafmaß zumindest für weibliche Treulosigkeit: die schuldige Gattin ward verurteilt zu Einsamkeit und Buße und mochte nach Ablauf zweier Jahre in die Arme ihres wiederversöhnten Gatten zurückgerufen werden.

Doch erklärte sich eben dieser Kaiser zum unnachsichtigen Feind männlicher Wollust, und die Grausamkeit seiner Verfolgung kann kaum mit der Reinheit seiner Beweggründen entschuldigt werden Justinian, Novel. lxxvii. cxxxiv. cxli. Prokopios in Anecd 11 und 16, mit den Anmerkungen des Alemannus. Theophanes, p. 151. Cedrenus. p. 688. Zonaras, 14, p. 64.. Jedem Grundsatz der Gerechtigkeit zum Hohne dehnte er die Wirkung seiner Strafedikte auf vergangene wie zukünftige Vergehen dieser Art aus, und nur eine kleine, vorübergehende Zeitspanne zum Bekenntnis und zur Gnade ward eingeräumt. Eine qualvolle Todesstrafe wurde vollzogen durch Abtrennen des sündigen Gliedes oder das Eintreiben spitzer Rohre in die schmerzempfindlichsten Körperöffnungen und -kanäle, und Justinian rechtfertigte diese Art der Hinrichtung, weil Verbrecher, die etwa des Kirchenraubes überführt seien, ihre Hand verloren haben würden.

In diesem Zustand von Schmach und Todesnot wurden zwei Bischöfe, Isaias von Rhodos und Alexander von Diospolis durch die Straßen von Konstantinopel gezerrt, während die Stimme des Herolds ihre Brüder mahnte, diese grässliche Lehre zu beherzigen und nicht die Heiligkeit ihres Amtes zu entweihen. Vielleicht waren diese Prälaten unschuldig. Oft wurden nämlich Todesurteile aufgrund des substanzlosen und verdächtigen Zeugnisses eines Kindes oder Sklaven gefällt: war jemand Mitglied der grünen Zirkuspartei, war er reich, war er ein Feind Theodoras, dann setzten die Richter seine Schuld als erwiesen voraus; Päderastie war das Verbrechen derjenigen, gegen die man überhaupt nichts in der Hand hatte. Ein französischer Philosoph Montesquieu, Esprit des Loix, l. xii. c. 6. Dieser beredte Philosoph versöhnt Natur- und Freiheitsrechte, welche man niemals gegeneinander aufstellen sollte. hat die Bemerkung gewagt, dass alles Geheime gleichzeitig auch zweifelhaft ist, und dass unsere naturgegebene Abscheu vor dem Laster sehr leicht zum Werkzeug für Tyrannen missbrauchen könne. Aber die optimistische Überzeugung eben dieses Autors, dass nämlich ein Gesetzgeber sich getrost auf den Geschmack und die Vernunft der Menschheit verlassen könne, wird durch die unerfreuliche Entdeckung vom Alter und der Verbreitung dieser Seuche widerlegt Zur Sittengeschichte von Palästina (2000 v.Chr.) sehe man die Geschichte und die Gesetze von Moses. Das antike Gallien wird von Diodorus Siculus stigmatisiert, (Bd. i. l. v. p. 356,) China von moslemischen und christlichen Reisenden, (Ancient Relations of India and China, p. 34, translated by Renaudot; und sein bitterer Kritiker, der Pater Premare, Lettres Edifiantes, Bd. xix. p. 435), das eingeborene Amerika durch die spanischen Historiker, (Garcilasso de la Vega, l. iii. c. 13, Rycaut's translation; und das Dictionnaire de Bayle, tom. iii. p. 88.) Ich hoffe und wünsche, dass die Neger in ihrem eigenen Lande von dieser moralischen Pest frei sind..

VOLKSGERICHTE

Die freien Bürger Athens und Roms genossen bei allen Strafprozessen das unschätzbare Privileg, von ihrem eigenen Land angeklagt zu werden Der wichtige Gegenstand der öffentlichen Prozesse und Gerichte wird sehr kenntnisreich und in klassischer Sprache erörtert von Charles Sigonius, (l. iii. de Judiciis, in Opp. Bd. iii. p. 679–864); eine gute Zusammenfassung bietet die Republique Romaine des Beaufort, (Bd. ii. l. v. p. 1–121). Wer komplexere Gesetze studieren will, lese Noodt, (de Jurisdictione et Imperio Libri duo, Bd. i. p. 93–134), Heineccius (ad Pandect. l. i. et ii. ad Institut. l. iv. tit. xvii Element. ad Antiquitat.) und Gravina (Opp. 230–251)..

1. Die Gerechtigkeit zu bewahren ist das älteste Amt eines Herrschers: die römischen Könige übten es aus und Tarquinius missbrauchte es, indem er allein und ohne Ratgeber Urteile nach Belieben fällte. Dieses königliche Prärogativ ging dann auf die Konsuln über; aber das heilige Recht der Berufung überforderte die Rechtsprechung dieser Magistrate schon bald und brachte sie zum Erliegen; von da an wurden sämtliche öffentlichen Prozesse vor dem höchsten Tribunal des Volkes entschieden. Aber eine ungebändigte Demokratie, unbekümmert um formale Vorschriften, achtet die elementaren Grundsätze der Gerechtigkeit oftmals gering: der Neid der niederen Stände vergiftete den Stolz des Despotismus, und die Helden von Athen mochten zuweilen das Glück der Perser preisen, deren Schicksal von der Laune nur eines Tyrannen abhing.

Einige heilsame Einschränkungen, die sich das Volk gegen seine eigene Unbedachtsamkeit auferlegt hatte, waren zugleich Ursache und Wirkung der römischen Würde und Mäßigung. Das Recht zur Anklage stand allein den Magistraten zu. Ein Votum von fünfunddreißig tribus konnte eine Geldstrafe auferlegen; aber das Verhängen von Urteilen bei Kapitalverbrechen war allein der Versammlung der Centurien vorbehalten, wo Machteinfluss und Reichtum entschieden. Wiederholte Vorladungen und Vertagungen wurden dazwischengeschaltet, sodass Zorn und Rachegelüste Zeit hatten, um sich abzukühlen; das ganze Verfahren konnte auch durch ein glückliches Omen oder durch den Widerstand eines Tribuns zu Fall gebracht werden, und dann waren solche Volks-Prozesse eher dem Verbrecher vorteilhaft als der Unschuld verhängnisvoll. Aber diese Vereinigung der rechtsprechenden und gesetzgebenden Gewalt ließ es offen, ob der Angeklagte begnadigt oder freigesprochen worden war, und bei der Verteidigung eines berühmten Klienten richteten die Redner Athens und Roms ihre Argumente ebenso an die Politik und das Wohlwollen wie an den Gerechtigkeitssinn ihres Souveräns.

2. Die Notwendigkeit, die Bürger zum Gericht über jedes einzelne Verbrechen einzuberufen, wurde umso verdrießlicher, je mehr die Zahl der Bürger und Verbrechen anwuchs; so verfiel man auf den nahe liegenden Ausweg, die Volksgerichtsbarkeit den ordentlichen Magistraten und den außerordentlichen Inquisitoren zu übertragen. In den früheren Jahrhunderten kamen derlei Untersuchungen selten vor und wurden nur bei besonderen Anlässen angesetzt. Zu Beginn des siebten römischen Jahrhunderts waren sie zur festen Einrichtung geworden: vier Prätoren erhielten zu Beginn die Vollmacht, über die Staatsverbrechen des Verrates, der Erpressung, Veruntreuung und Bestechung zu Gericht zu sitzen; Sulla fügte noch weitere Prätoren und Untersuchungen für solche Vergehen hinzu, welche mehr sie Sicherheit des Einzelnen betrafen. Diese Inquisitoren bereiteten den Prozess vor und führten ihn durch, aber sie konnten das Urteil nur gemäß der richterlichen Mehrheit verkünden, die mit einigem Grund und noch mehr Vorurteil mit den englischen juries (Geschworenengerichte) verglichen worden sind In Rom und in England muss man es als einen Gelegenheitsauftrag und nicht als obrigkeitliches Amt oder eigenständige Tätigkeit ansehen. Aber die Notwendigkeit eines einstimmigen Urteils ist eine Besonderheit unseres Gesetzes, die den Mitgliedern der Jury die Tortur auferlegen, von der sie den Übeltäter befreit haben..

Um diese ebenso wichtige wie lästige Pflicht zu erfüllen, legte der Prätor jährlich eine Liste von älteren, honorigen Bürgern an. Nach vielen Verfassungskonflikten rekrutierte man sie in jeweils gleicher Anzahl aus dem Senat, Ritterstand und Volk; vierhundertundfünfzig waren für jede Art von Untersuchung bestellt, so dass die verschiedenen Listen oder Dekurien der Richter, die die eigentliche richterliche Gewalt des Staates vorstellten, die Namen von einigen Tausend Römern enthalten haben müssen. Für jeden einzelnen Fall wurde eine hinreichende Zahl aus einer Urne gezogen; ihre Integrität wurde durch einen Eid verbürgt; die geheime Abstimmung stellte ihre Unabhängigkeit sicher; der Verdacht der Parteilichkeit konnte ausgeräumt werden, da Richter von den Anklägern oder Angeklagten abgelehnt werden durften; so wurden die Richter des Milo durch die Streichung von fünfzehn Namen durch jede Partei auf einundfünfzig Stimmen oder Täfelchen herabgesetzt, welche entweder freisprechen, verurteilen oder ehrenvollen Zweifel äußern konnten Diese interessante Tatsache danken wir einem Fragment des Asconius Pedianus, der unter Tiberius lebte. Der Verlust seiner Kommentare zu Ciceros Reden hat uns einen wertvollen Fundus historischer und juristischer Nachrichten genommen..

3. In seiner zivilen Gerichtsbarkeit war der Prätor in der Tat ein Richter und fast schon ein Gesetzgeber; sobald er aber eine gesetzlich gebotene Klage angeordnet hatte, übertrug er die Ermittlung der Tatsachen oftmals einem Beauftragten. Mit der Zunahme der Gerichtsverfahren erwarb das Gericht der centumviri (Hundertmänner), in welchem der Prätor den Vorsitz führte, größere Bedeutung und Ansehen. Aber ob er nun als Einzelrichter oder unter Hinzuziehung seines Rates zu Werke ging, man konnte die uneingeschränkteste Machtfülle getrost einer Person anvertrauen, die jährlich von der freien Stimme des Volkes gewählt worden war. Die Regularien und Einrichtungen der Freiheit machten einige Erläuterungen notwendig: die Ordnung des Despotismus ist primitiv und ohne Leben. Vor Justinians, vermutlich sogar vor Diokletians Zeiten waren die Dekurionen der römischen Richter ein leerer Titel, das demütige Gutachten eines Beisitzers konnte man befolgen oder fortwischen; und in jedem Gerichtshof saß bei Zivil- oder Kriminalsachen eine einzelne Person, die der Kaiser nach willkürlichem Ermessen einsetzen oder in Ungnade fallen lassen konnte.

FREIWILLIGES EXIL UND FREIWILLIGER TOD

Jeder wegen eines Kapitalverbrechens angeklagte Römer konnte einem Urteil durch freiwillige Verbannung oder freiwilligen Tod zuvorkommen. Bis seine Schuld nicht auf gesetzlichem Wege erwiesen war, hatte er die Unschuldsvermutung für sich, und er war frei: bis zur Auszählung und Verkündung der letzten Stimme der letzten Centurie mochte er sich in Frieden zu irgendeiner der befreundeten Städte Italiens, Griechenlands oder Kleinasiens verfügen Polybios, 6, p. 643. Die Ausdehnung des Reiches und der Stadt Rom nötigte den Exilanten, sich eine entlegene Stätte des Rückzugs zu suchen.. Infolge dieses bürgerlichen Todes blieben seinen Kindern wenigstens sein Vermögen und sein Ruf erhalten; und er selbst konnte sich jeden sinnlichen und geistigen Genusses erfreuen, wenn denn anders ein an Roms ehrgeizige Betriebsamkeit gewöhntes Herz den gleichförmigen und stillen Geschäftsgang auf Rhodos oder in Athen zu ertragen imstande war.

Eine kühnere Entschlusskraft war vonnöten, um sich der Tyrannei der Caesaren zu entziehen; aber diese Tat war durch die Lehren der Stoa, das Vorbild tapferer Römer und die gesetzliche Aufforderung zum Suizid achtbar geworden. Die Leichen von Verurteilten wurden der öffentlichen Schande preisgegeben und ihre Kinder, was ein größeres Übel war, kamen durch die Beschlagnahme des väterlichen Vermögens an den Bettelstab. Wenn aber die Mordopfer des Tiberius und Nero die Verurteilung durch Herrscher oder Senat vorwegnahmen, wurden ihr Mut und ihr Tod durch den Respekt der Öffentlichkeit, ein ehrenhaftes Begräbnis und die Gültigkeit ihres Testamentes belohnt Qui de se statuebant, humabantur corpora, manebant testamenta; pretium festinandi (Die über sich ihr eigenes Urteil gefällt hatten, wurden beerdigt, ihr Testament hatte Bestand: der Preis für den freiwilligen Tod. Tacit. Annal. 6,25, mit Lipsius' Anmerkungen).. Die einmalige Habsucht und Grausamkeit des Domitian scheinen die Unglücklichen auch dieses letzten Trostes beraubt zu haben, und selbst die milden Antonine versagten ihn. Ein freiwilliger Tod, der im Falle eines Kapitalverbrechens sich zwischen Anklage und Urteil ereignete, wurde als Schuldeingeständnis angesehen, so dass die unmenschlichen Ansprüche der Schatzkammer sich der Spolien des Verstorbenen bemächtigen konnten Julius Paulus (Sentent. Recept. l. v. tit. xii. p. 476), die Pandekten, (xlviii. tit. xxi.), der Codex (l. ix. tit. l.), Bynkershoek (tom. i. p. 59, Observat. J. C. R. iv. 4) und Montesquieu, (Esprit des Loix, l. xxix. c. ix.) bestimmen die bürgerlichen Grenzen der Freiheit und des Rechtes zum Suizid. Die Kriminalstrafen sind die Erfindungen einer späteren und dunkleren Zeit.. Aber die Rechtsgelehrten haben zu allen Zeiten das natürliche Recht eines Bürgers anerkannt, über sein eigenes Leben zu verfügen; und die posthume Schmach, die Tarquinius sich ausgedacht hatte Plinius, N.H. 36,24. Als er seine Untertanen mit dem Bau des Capitols drangsalierte, legten viele der Zwangsarbeiter Hand an sich; er ließ ihre Leichen an ein Kreuz nageln., um der Verzweiflung seiner Untertanen Einhalt zu gebieten, wurde durch die nachfolgenden Tyrannen nicht wieder aufgegriffen. Die Mächte dieser Welt haben allerdings die Gewalt verloren über den, der entschlossen ist zu sterben; und nur religiöse Furcht vor dem künftigen Leben kann seinen Arm zurückhalten. Vergil rechnet die Selbstmörder eher unter die Unglücklichen als unter die Schuldigen Die bloße Ähnlichkeit eines vorzeitigen gewaltsamen Todes hat Vergil bestimmt (Äneis 6,434-439), Selbstmörder mit Kindern, Liebenden und unschuldig Verurteilten gleichzusetzen. Heyne, sein bester Herausgeber, mag die Idee des Dichters weder weiter entwickeln noch seine Rechtsgelehrsamkeit unterstützen.; und die fabulösen Dichtungen von höllischen Schattenwesen lassen Glauben und Taten der Menschen weitgehend unbeeinflusst. Nur die Vorgaben der Evangelien oder der Kirche haben allmählich dem christlichen Gewissen einen frommen Sklavenstand auferlegt und ihn dazu verurteilt, ohne Murren den letzten Hieb einer Krankheit oder des Henkers abzuwarten.

MISSBRÄUCHE DER ZIVILGERICHTSBARKEIT

Das Strafrecht stellt nur einen kleinen Teil der zweiundsechzig Bücher des Codex oder der Pandekten dar; und im gesamten Gerichtswesen wird über Leben und Tod eines Bürgers mit weniger Umsicht und Zurückhaltung gehandelt als über die trivialste Vertrags- oder Erbschaftsfrage. Dieser merkwürdige Umstand –wenngleich man die dringende Notwendigkeit, in einer Gesellschaft die Ruhe zu sichern, ins Kalkül ziehen sollte – ist bedingt durch die Natur der Kriminal- und Ziviljurisprudenz: Unsere Verpflichtungen gegenüber dem Staat sind einfach und einförmig; das Gesetz, gemäß welchem er verurteilt wird, ist nicht nur in Erz und Marmor geschrieben, sondern auch in das Gewissen des Verbrechers eingegraben, und seine Schuld wird gemeinhin durch einen einzigen Tatbestand erwiesen. Unsere Verhältnisse untereinander jedoch sind von unendlicher Vielfalt; unsere Verpflichtungen werden durch Rechtsübertretungen, gegenseitige Vorteile und ebensolche Versprechen verursacht, aufgehoben und umgeändert, und die Auslegung frei ausgehandelter Verträge und Testamente, die oft von Betrug und Testamente diktiert wurden, geben dem Richter Gelegenheit, seinen Scharfsinn lange und mühsam daran zu wetzen.

Ausgedehnter Handel und die Größe des Reichs vermehren die Geschäfte des Lebens; der Aufenthalt von Parteien in fernen Reichsprovinzen erzeugen Ungewissheit, Verzögerungen und unvermeidlich Berufungen vom Orts- zum höchsten Gericht. Justinian, der griechische Kaiser Konstantinopels und des Orients, war der Rechtsnachfolger jenes latinischen Hirten, der am Tiberufer eine Siedlung begründet hatte. Im Verlauf von dreizehnhundert Jahren waren die Gesetze nur mit Widerstreben den Veränderungen der Sitten und der Verfassung gefolgt; und das löbliche Bemühen, alte Namen mit neuen Einrichtungen zu versöhnen, störte die Harmonie und blähte den Umfang des unverständlichen und regellosen Systems.

Gesetze, die bei beliebigem Anlass die Unwissenheit der Untertanen entschuldigen, bekennen dadurch ihre eigene Unzulänglichkeit: das bürgerliche Recht blieb auch nach der Bearbeitung durch Justinian unverändert eine geheimnisvolle Wissenschaft und ein sehr einträgliches Gewerbe, und die dem Studium innewohnende Unübersichtlichkeit wurde von den Anwälten noch vorsätzlich in zehnfach tieferes Dunkel gehüllt. Die Prozesskosten überstiegen zuweilen den Wert des Prozessgegenstandes, und die Armut oder die Besonnenheit von Klägern musste oft ihre berechtigsten Ansprüche fallen lassen. Eine derart kostspielige Rechtspflege kann ja die Prozesslust dämpfen, aber der ungleiche finanzielle Druck trägt nur dazu bei, den Einfluss der Reichen und das Elend der Armen zu steigern. Durch dieses ausgreifende und kostenintensive Verfahren erlangt die wohlhabende Partei einen handfesteren Vorteil, als er ihn sich durch eine gelegentliche Bestechung des Richters hätte erhoffen können. Die Erfahrung eines Missbrauchs, von dem auch unsere Zeit und unser Land nicht frei sind, mag bisweilen eine berechtigte Entrüstung hervorrufen und zu dem voreiligen Wunsch Anlass geben, unsere elaborierte Jurisprudenz gegen die schlichtgefertigten und kompendiösen Urteile eines türkischen Kadi einzutauschen. Ruhige Überlegung indessen lehrt uns, dass solche Förmlichkeiten und Verzögerungen notwendig sind, wenn das Eigentum und die Person eines Bürgers geschützt werden sollen; dass die Willkür eines Richters das erste Werkzeug der Tyrannis ist und dass die Gesetze eines freien Volkes jede Frage vorhersehen und entscheiden sollte, die in der Ausübung von Macht und bei der Abwicklung von Geschäften vorkommen können. Justinians Regierung vereinigte die Übel der Freiheit und der Sklaverei miteinander; und die Römer wurden gleichzeitig von der Unmasse ihrer Gesetze und den Willkürentscheidungen ihres Herrschers unterdrückt.








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