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Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 43

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 43 - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 43
publisherprojekt.gutenberg.de
year2013
firstpub2013
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20130722
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 5. Band – Kapitel 43

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XLIII

REBELLIONEN IN AFRIKA · WIEDERHERSTELLUNG DES GOTENREICHES DURCH TOTILA · VERLUST UND WIEDEREROBERUNG VON ROM · ITALIEN DURCH NARSES ENDGÜLTIG EROBERT · UNTERGANG DER OSTGOTEN NIEDERLAGE DER FRANKEN UND ALAMANNEN · LETZTER SIEG BELISARS, SEINE UNGNADE UND TOD · TOD JUSTINIANS · SEIN CHARAKTER · KOMET, ERDBEBEN UND SEUCHE

Die Völkerschau von der Donau bis zum Nil hat uns, wohin wir auch sahen, die Schwäche der Römer enthüllt, und nicht zu Unrecht staunen wir, dass sie sich unterfingen, auf die Erweiterung ihres Imperiums zu sinnen, da sie doch gleichzeitig unvermögend waren, auch nur seine alten Grenzen zu schützen. Aber Justinians Kriege, Eroberungen und Triumphe müssen wir zu den schwächlichen und unseligen Anstrengungen des Greisenalters rechnen, welche die letzten Reste von Stärke erschöpfen und die Lebenskraft schneller verzehren. Er jubelte über die Wiedereingliederung Afrikas und Italiens in das Reich; aber die Notlagen, die sich nach Belisars Abreise einstellten, verrieten die Ohnmacht des Eroberers und vollendeten den Untergang dieser glückverlassenen Länder.

UNRUHEN IN AFRIKA 535–545

Von diesen Neuerwerbungen erwartete sich Justinian für seine Habgier und Hoffart neuerliche Befriedigung. Ein raubseliger Finanzminister folgte Belisar dicht auf dem Fuße, und da die Vandalen die alten Steuerlisten verbrannt hatten, ließ er seiner Phantasie durch haltlose Berechnung und willkürliche Schätzung freien Auslauf Zu den Unruhen in Afrika besitze ich keine anderen Quellen – und verlange auch nicht darnach- als Prokopios, der als echter Augen- und Ohrenzeuge die bemerkenswerten Ereignisse seiner Zeit gesehen und gehört hat. Im zweiten Buch über den Vandalenkrieg berichtet er von der Revolte des Storza (14-24), Belisars Rückkehr (15), dem Sieg des Germanus (16-18), Salomons zweiter Amtszeit (19-21), der Regierung des Sergius (22 und 23) und Areobindus (24), der Tyrannis und dem Tod des Gontharis (25-28); auch finde ich in seinen vielfältigen Schilderungen keine Anzeichen von Schmeichelei oder Abneigung.. Die erhöhten Steuern, die ein entfernter Souverän an sich raffte, und eine allgemeine Wegname der Patrimonial- oder Krongüter hatte schon sehr bald den allgemeinen Freudenrausch erstickt; aber der Kaiser blieb taub noch gegen die sanftesten Beschwerden, bis ihn endlich das zornige Lärmen des Militärs aufweckte, ja, erschreckte: Viele römische Krieger hatten die Witwen und Töchter der Vandalen geheiratet. Nun forderten sie, durch das Recht des Siegers und das Erbrecht doppelt gesichert, die Ländereien für sich, die Geiserich vordem seinen siegreichen Truppen zugeteilt hatte. Mit Abneigung hörten sie auf die kalten und abweisenden Ausführungen ihrer Vorgesetzten, dass nämlich Justinians Freigebigkeit und Edelmut sie aus der Knechtung und Barbarei emporgehoben habe; dass sie sich an der afrikanischen Beute bereits bereichert hätten, am Vermögen, den Sklaven und der beweglich Habe. Und dass der alte und gesetzmäßige kaiserliche Privatbesitz nur zur Unterstützung derjenigen Regierung verwendet werden dürfe, von der auch ihre, der Soldaten, eigene Besoldung und Wohlergehen letztlich abhingen.

Die Meuterei selbst ward dann insgeheim von eintausend Soldaten angezettelt, überwiegend Herulern, welche den Lehren der Arianischen Sekte anhingen; und da sie von ihren Priestern aufgehetzt worden waren, war auch das Problem des Meineides und der Gehorsamsverletzung durch die lösende Kraft des Religionsfanatismus rasch geheiligt. Die Arianer beweinten den Niedergang ihrer Kirche, die sich länger als ein Jahrhundert im Triumph über Afrika erhoben hatte; und ganz zu Recht fühlten sie sich durch die Gesetze des Eroberers aufgereizt, der ihnen die Kindertaufe und die Ausübung jeder Art der Gottesdienste verbot. Die große Mehrheit der von Belisar in Dienst genommenen Vandalen jedoch vergaß über dem Ehrenglanze des Dienstes im Osten ihre Religion und ihre Herkunft.

Nur eine edelsinnige Gruppe von vierhundert Mann zwang, da die Insel Lesbos in Sicht kam, die Seeleute zum Kurswechsel; sie segelten dicht unter dem Peloponnes, gingen in Eile an der verödeten afrikanischen Küste an Land und zogen kühn auf dem Berge Aurasius die Fahne der Unabhängigkeit und der Empörung auf. Während also in der Provinz die Truppen ihren Befehlshabern den Gehorsam verweigerten, entwickelte sich in Karthago eine Verschwörung gegen das Leben Salomons, der Belisar in Ehren vertrat; die Arianer hatten frommgestimmt beschlossen, das Leben dieses Tyrannen am Fuße des Altars während der Mysterien des heiligen Osterfestes dahinzuopfern. Furcht oder Gewissensbisse hielten die Dolche der Meuchler zurück, aber die Nachsicht Salomons reizte ihren Unmut zur Tollkühnheit, und nach zehn Tagen brach im Zirkus ein wütender Aufstand los, welcher Afrika über zehn Jahre verheerte. Nur die Dunkelheit, der Schlaf und die Volltrunkenheit verhinderten, dass die Stadt sogleich geplündert und die Einwohner unterschiedslos massakriert wurden. Der Statthalter entfloh nach Sizilien, mit ihm noch sieben Begleiter, unter denen sich auch der Historiker Prokopios befand. Zwei Drittel der Armee hatten sich des Hochverrats schuldig gemacht, und achttausend in der Ebene von Bulla versammelte Aufrührer wählten Stoza zu ihrem Anführer, einen einfachen Soldaten, der aber ein überdurchschnittliches Talent zum Rebellen besaß.

Getarnt durch allerlei Freiheitsrhetorik vermochte seine Beredsamkeit die Leidenschaften seiner Kameraden zu leiten, zumindest aber zu erhitzen. Er stellte sich auf die gleiche Stufe mit Belisar und dem Neffen des Kaisers, indem er es wagte, ihnen im Felde entgegen zu treten; die siegreichen Feldherren sahen sich zu der Feststellung genötigt, dass Stoza eine bessere Sache und ein rechtmäßigeres Kommando verdient hätte. Nach seiner Niederlage in der Schlacht entwickelte er beachtliches Verhandlungsgeschick; er verführte ein römisches Heer zur Untreue, und die Oberkommandierenden, die sich auf seine Zusagen verlassen hatten, wurden auf seinen Befehl in einer numidischen Kirche ermordet. Als nun alle Hilfsquellen der Gewalt oder des Wortbruchs erschöpft waren, zog sich Stoza mit einigen verzweifelten Vandalen in die Wildnis Mauretaniens zurück, heiratete die Tochter eines Barbarenfürsten und entging den Nachstellungen seiner Feinde, indem er das Gerücht von seinem Tode streuen ließ.

Belisars persönliches Ansehen, der Rang, der Mut und die Besonnenheit des kaiserlichen Neffen Germanus wie auch der Elan und der Erfolg der zweiten Amtszeit des Eunuchen Salomon stellten die Ordnung im Lager wieder her und sicherten für eine Zeitlang die Ruhe in der afrikanischen Provinz. Jedoch: die Lasterhaftigkeiten am byzantinischen Hof waren noch in der entferntesten Provinz spürbar; die Truppe beschwerte sich, dass sie weder besoldet noch abgelöst werde, und sobald der öffentliche Unmut zur gehörigen Reife gediehen war, kehrte Stoza zum Leben zurück, unter Waffen und vor den Toren Karthagos. Er fiel in einem Zweikampf, aber noch im Todeskampf lächelte er, als er hörte, dass sein Speer das Herz seines Gegners getroffen habe. Stozas Vorbild und die Überzeugung, der erste König sei ein glücklicher Krieger gewesen, stachelte den Ehrgeiz des Gontharis auf, welcher in einem Geheimvertrag mit den Mauren versprochen hatte, mit ihnen Afrika zu teilen, wenn sie ihm ihrerseits durch ihre – unzuverlässige – Hilfe auf den Thron von Karthago geholfen hätten. Dem schwachen Areobindus, in der Praxis des Krieges wie des Friedens gleichermaßen unkundig, war infolge seiner Hochzeit mit einer Nichte Justinians das Amt des Exarchen Afrikas zugefallen. Ein unvermittelter Aufruhr seiner Leibwachen überwältigte ihn, doch sein erbärmliches Winseln erregte durchaus den Widerwillen, aber nicht das Mitleid des gnadenlosen Tyrannen. Nach einer anschließenden Regierungszeit von dreißig Tagen wurde Gontharis seinerseits auf einem Bankett von der Hand des Artaban gemeuchelt; und es klingt allerdings seltsam, dass ein armenischer Prinz aus dem Königshaus der Arsaciden das Ansehen des Römischen Reiches zu Karthago wieder herstellen sollte.

In der Verschwörung, die Brutus' Dolch gegen Caesars Leben entblößte, ist für die Nachwelt jeder Umstand merkenswert und bedeutsam; aber die Schuld oder das Verdienst dieser treuen oder auch rebellischen Mörder interessierten nur die Zeitgenossen des Prokopios, welche durch ihre Hoffnungen oder Ängste, ihre Freundschaft oder Feindschaft persönlichen Anteil an den afrikanischen Umwälzungen hatten Aber ich kann ihm nicht das Verdienst absprechen, die Ermordung des Gontharis mit lebendigen Farben ausgemalt zu haben. Einer der Mörder ließ eine Gesinnung erkennen, die eines römischen Patrioten nicht unwürdig war: »Wenn ich den ersten Stich verfehle,« sagte Artasius, »so tötet mich auf der Stelle, damit mir nicht die Folter die Namen meiner Mittäter abpresse.«.

AUFSTAND DER MAUREN 543–558

Rasch sank das Land wieder in jenen Zustand der Barbarei zurück, aus der phönizische Kolonisten und römische Gesetze es emporgehoben hatten, und jeder weitere Schritt der inneren Zwietracht trägt als ein Merkmal einen beklagenswerten Sieg der Wildnis über die zivilisierte Gesellschaft. Die Mauren Die Kriege gegen die Mauren (»Mohren«) sind in Prokopios' Darstellung gelegentlich eingeflochten (Vandal. 2,19–23 und 25, 27, 28. Gothic. 4,17). Theophanes fügt einige glückliche und widrige Begebenheiten aus Justinians letzten Jahren hinzu. waren zwar unbekannt mit dem Recht, aber auch unduldsam gegenüber Bedrückungen. Ihre unstete Lebensweise und die grenzenlose Wildnis narrten die Waffen der Eroberer und entwanden sich ihren Ketten, und aus Erfahrung wusste man, dass weder Eide noch Treueverpflichtungen ihren Gehorsam und ihre Anhänglichkeit garantieren würden. Der Sieg am Berge Auras hatte sie zu augenblicklicher Unterwerfung genötigt; aber so, wie sie den Charakter Salomons hochschätzten, so hassten und verachteten sie wegen deren Prunk- und Prahlsucht seine beiden Neffen Cyrus und Sergius, denen ihr Onkel fatalerweise die Provinzialverwaltung von Tripolis und Pentapolis übertragen hatte. Ein Maurenstamm lagerte vor den Toren von Leptis, um ihr Bündnis zu erneuern und die üblichen Geschenke zu erhalten. Achtzig Deputiert wurden als Freunde in die Stadt eingelassen, aber wegen eines unbestimmten Verschwörungs-Verdachtes an der Tafel des Sergius niedergemetzelt, und schon hallten Waffengeklirr und Rachegeschrei durch die Täler des Atlas von den beiden Syrten bis zum Atlantik. Ein persönliches Leid, die widerrechtliche Hinrichtung seines Bruders, hatte Antalas zum Feind der Römer gemacht. Zuvor hatte er bei dem Sieg über die Vandalen seine Tapferkeit erkennen lassen; Ansätze zu Rechtsbewusstsein und Besonnenheit waren bei einem Mauren nur umso auffälliger; und während er Adrumentum in Asche legte, erinnerte er den Kaiser mit kalter Ruhe daran, dass der Frieden in Afrika durch die Abberufung seines unfähigen Neffen und Exarchen Salomon gesichert werden könne.

Der Exarch führte seine Truppen aus Karthago hinaus: aber nach sechs Tagesmärschen, in der Nähe von Tebeste Nahe Tibesch, im heutigen Königreich Algier. Er wird von dem Fluss Sujerass bewässert, der in den Mejarda (Bagradus) fällt. Tibesch ist noch erwähnenswert durch sein Stadtmauern aus gewaltigen Steinen (wie etwa am Kolosseum zu Rom), einen Brunnen und einen Hain mitWalnussbäumen. Die Landschaft ist fruchtbar, und die benachbarten Berber sind kriegerisch. Aus einer Inschrift entnehmen wir, dass die Straße von Karthago nach Tebest von der 3. Legion angelegt wurde (Marmol, Description de l'Afrique, Band 2, p. 442, 443. Shaw's Travels, p. 64, 65, 66.), flößten ihm die überlegene Anzahl und der bedrohliche Anblick der Barbaren Furcht ein. Er schlug einen Vertrag vor; bat nachdrücklich um Aussöhnung; und bot an, sich selbst durch die allerheiligsten Eide zu binden. »Durch welche Eide kann er sich selbst noch binden?« unterbrach ihn das der Maure nicht ohne Entrüstung, »Will er auf die Evangelien schwören, die heiligen Bücher der Christenheit? Auf diese Bücher hatte auch sein Neffe Sergius seine Treue verpfändet, gegenüber achtzig unserer unschuldigen und unglücklichen Brüder. Bevor wir ihnen ein zweites Mal trauen, lasst uns ihre Wirkmächtigkeit lieber dadurch erproben, dass wir ihren Meineid bestrafen und ihre Ehre rehabilitieren.« Ihre Ehre wurde auf dem Schlachtfeld durch den Tod des Salomon und den Untergang seines gesamten Heeres gerächt.

Die Ankunft frischer Truppen und besserer Feldherren dämpfte schon bald den Übermut der Mauren, siebzehn ihrer Fürsten wurden in einer einzigen Schlacht getötet, und die temporäre und fragliche Unterwerfung ihrer Stämme wurde vom Volk zu Konstantinopel lauthals bejubelt. Durch aufeinander folgende Einbrüche war Afrika bis auf ein Drittel der Größe Italiens geschrumpft, und doch herrschten die römischen Kaiser noch länger als ein Jahrhundert über Karthago und die fruchtbare Mittelmeerküste. Aber Justinians Siege und Niederlagen waren für die Menschheit in gleichem Maße verderblich: und so sehr war Afrika verödet, dass ein Fremder wohl tagelang wandern mochte, ohne Freund oder Feind zu Gesichte zu bekommen. Die Vandalen gab es nicht mehr: einst zählte sie hundertundsechzigtausend Krieger, Frauen, Kinder und Sklaven nicht mitgerechnet. Unmessbar wurde diese Zahl von der Zahl der maurischen Familien übertroffen, die in einem gnadenlosen Krieg ausgerottet wurden; und mit gleicher Verheerung wurde es den Römern und ihren Verbündeten vergolten, die durch das Klima, ihr gegenseitiges Abschlachten und die Wut der Barbaren umkamen. Bei seiner ersten Landung staunte Prokopios noch über die Volksmengen in den Städten und im Lande, welche den Geschäften des Handels und Landbaus mit Eifer oblagen. In weniger als zwanzig Jahren war die geschäftige Szenerie in eine schweigende Einöde verwandelt; die Reichen wanderten nach Sizilien und Konstantinopel aus, und der Historiker hat in seiner Geheimgeschichte mit Bestimmtheit versichert, dass durch Justinians Kriege und seine Regierung fünf Millionen Menschen ihr Leben verloren hätten Prokopios, Anekdota 18. Die lange Folge der afrikanischen Feldzüge belegt diese traurige Wahrheit..

ERHEBUNG DER GOTEN A.D. 540

Die Missgunst des Byzantinischen Hofes hatte es Belisar unmöglich gemacht, die Eroberung Italiens zu vollenden; seine plötzliche Abreise belebte neuerlich den Mut der Goten In 2,30 und 3,1-40 setzt Prokopios die Geschichte des Gotenkrieges vom 5. bis zum 15. Regierungsjahr Justinians fort. Da die Vorkommnisse weniger Interesse beanspruchen, verwendet er für die doppelte Zeitspanne nur noch den halben Raum. Jordanes und die Chronik des Marcellinus bieten einige Nebenaspekte; Sigonius, Pagi, Muratori, Mascou und de Buat sind mit Nutzen zu lesen und auch benutzt worden., welche sein Genie anerkannten und ebenso seine Überlegenheit und die achtbaren Beweggründe, die Justinians Diener bestimmt hatten, sie zu täuschen und zurückzustoßen. Sie hatten ihren König verloren (ein sehr geringer Verlust), ihre Hauptstadt, ihren Staatsschatz, ihre Provinzen zwischen Alpen und Sizilien, und sie hatten ihre Kriegsmacht von zweihunderttausend bestens gerüsteten Berittenen verloren. Es war indessen noch nicht alles verloren, solange noch Pavia von eintausend Goten verteidigt wurde, die von Ehrgefühl, Freiheitsliebe und der Erinnerung an eine große Vergangenheit beseelt waren. Das Oberkommando wurde einstimmig dem wackeren Urajas zugesprochen, und nur in seinen Augen konnte die Schande seines Onkels Witiges ein Grund zur Ablehnung sein. Seine Fürsprache gab den Ausschlag für Hildibald, dessen persönliches Verdienst durch die –eitle– Hoffnung zusätzliches Gewicht erhielt, dass sein Verwandter Theudes, König von Spanien, das gemeinsame Interesse des Gotenstammes fördern würde. Seine kriegerischen Erfolge in Ligurien und Venetien schienen ihre Wahl zu rechtfertigen, aber schon bald offenbarte er der Welt, dass er ebenso unfähig war, seinem Gönner zu verzeihen wie ihm zu gebieten. Hildibalds Prinzgemahlin fühlte sich zutiefst verletzt durch die Schönheit, den Reichtum und die Hoffahrt der Gattin des Urajas, und der Tod dieses tugendhaften Patrioten empörte nun wieder das freie Volk. Ein kühner Mörder exekutierte ihr Urteil und schlug während eines Banketts Hildibald den Kopf ab; die Rugier, ein ausländischer Volksstamm, maßten sich nunmehr das Recht zur Königswahl an, und Totila, der Neffe des ermordeten Königs, erwog, von Rache geleitet, sich selbst und die Garnison von Trevigo in die Hände der Römer zu überliefern. Aber kurzhin war der tapfere und hochbegabte Jüngling beredet, dem Dienst bei Justinian den Thron der Goten vorzuziehen; und als der Palast zu Pavia erst einmal von den rugischen Thronräubern gesäubert war, hielt er Heerschau über die Armee von fünftausend Kriegern und unternahm wohlgemut die Wiederherstellung des Königreiches von Italien.

SIEGE VON TOTILA, DES KÖNIGS VON ITALIEN A.D. 541–544

Belisars Nachfolger, elf gleichrangige Generäle, unterließen es, die uneinigen und schwachen Goten zu zerschmettern, bis die Erfolge Totilas und die Vorhaltungen Justinians sie aufscheuchten. Heimlich wurden die Stadttore von Verona dem Artabazus geöffnet, der an der Spitze von einhundert Persern in römischen Diensten stand. Die Goten entkamen aus der Stadt. In einer Entfernung von etwa sieben Meilen machten die römischen Feldherren Halt, um die Verteilung der Beute in geordnete Bahnen zu lenken. Während sie noch feilschten, gewahrten die Goten die wirkliche Zahl der Sieger: die Perser wurden in einem Augenblick niedergemacht, und Artabazes rettete nur durch einen gewagten Sprung von der Mauer sein Leben, welches er wenige Tage später durch den Lanzenwurf eines Barbaren verlor, der ihn zum Zweikampf gefordert hatte.

Bei Faenza und auf den Hügeln von Mugello nahe Florenz trafen zwanzigtausend Römer auf die Truppen Totilas; es begegneten sich freie Männer, die mit Feuer um ihr Vaterland kämpften, und Miet-Krieger von schlaffer und lustloser Gemütsverfassung, denen selbst die Fähigkeiten von ausgebildeten und disziplinierten Kriegsknechten abgingen. Schon beim ersten Angriff warfen sie ihre Waffen fort, zerstreuten sich in alle Winde mit einer Geschwindigkeit, die zwar die Verluste klein hielt, dafür aber die Schande der Niederlage vergrößerte. Der Gotenkönig, der über die Erbärmlichkeit seiner Feinde fast schon errötete, verfolgte mit raschen Schritten den Pfad der Ehre und des Sieges. Totila überquerte den Po, ging über den Apennin, schob die bedeutsamen Belagerungen von Ravenna, Rom und Florenz auf, und rückte durch das Herz Italiens vor, um Neapel zu belagern oder genauer: zu blockieren. Die römischen Feldherren, in ihren Städten je und je eingesperrt und jeder damit befasst, den anderen die Schuld an der allgemeinen Misere anzuhängen, trugen Bedenken, Totilas Kreise zu stören. Der Kaiser indessen, durch den drohenden Verlust seiner italienischen Neuerwerbung in Alarmstimmung versetzt, schickte eine Flotte von Galeeren und ein Corps mit armenischen und thrakischen Kriegern, Neapel zu entsetzen. Sie landeten in Sizilien, welches von seinen reichen Vorräten beisteuerte; dennoch verlängerte der neue Befehlshaber, eine unkriegerischere Beamtenseele, durch sein Zögern die Leiden der belagerten Bevölkerung; und die Hilfe, die er mit Zaudern und Zagen abschickte, wurde nach und nach durch bewaffnete Kriegsschiffe abgefangen, die Totila im Golf von Neapel kreuzen ließ.

Der Oberbefehlshaber der Römer wurde mit einem Strick um den Hals zum Fuß der Mauer geschleppt, von wo er mit bebender Stimme die Bürger mahnte, wie er selbst die Gnade des Siegers zu erflehen. Sie boten einen Waffenstillstand an, der das Versprechen enthielt, in einem Monat die Stadt zu übergeben, wenn bis dahin kein wirksameres Entsatzheer eingetroffen sei. Statt einer Frist von einem Monat gewährte der vorwitzige Barbar ihnen sogar eine von dreien in der wohlgegründeten Erwartung, dass der Hunger den Zeitpunkt der Kapitulation schon vorverlegen würde. – Nach der Eroberung von Neapel und Cumae ergaben sich die Provinzen Lucanien, Apulien und Calabrien dem Gotenkönig. Dann führte Totila sein Heer vor die Tore Roms, bezog sein Heerlager zwanzig Meilen vor der Hauptstadt bei Tibur oder Tivoli auf und schlug dem Senat und Volk Roms in guter Ruhe vor, die Tyrannei der Griechen mit den Segnungen der Gotenherrschaft zu vergleichen.

VON TUGEND UND LASTER

Totilas rasanter Siegeslauf lässt sich, jedenfalls zum Teil, durch die Veränderungen erklären, die die Erfahrungen von drei Jahren in den Köpfen der Italiener hervorgerufen hatten. So war ihr geistliches Oberhaupt, der Papst Sylverius, Bischof von Rom, wurde erst nach Patara in Lycien verschleppt und dann auf der Insel Palmara am 20. Juni A.D. 538 durch Verhungern getötet, » sub eorum custodia inedia confectus.« (Vor ihren Augen durch Nahrungsentzug verstorben, Liberat. in Breviar. 22. Anastasius, in Sylverio. Baronius, A.D. 540, No. 2, 3. Pagi, in Vit. Pont. Band 1, p. 285, 286.) Prokopios (Anec.1) beschuldigt allerdings die Kaiserin und Antonina., auf Anordnung, wenigstens aber im Namen eines christlichen Kaisers aus seiner Kirche verschleppt und auf einer einsamen Insel entweder ermordet oder dem Hungertod preisgegeben worden Palmaria, eine kleine Insel gegenüber Teracina und der Küste der Volsker. (Cluver. Ital. Antiq. 3,7, p. 1014).. An die Stelle von Belisars Korrektheit trat nun die in unterschiedlicher oder eigentlich stets gleich bleibender Form ausgeprägte Korruption von elf Befehlshabern, welche zu Rom, Ravenna, Florence, Perugia, Spoleto &c ihre Macht missbrauchten, um ihren Gelüsten oder ihrer Habgier zu frönen. Die Steuererhöhungen waren in die Hände von Alexander gelegt, einem raffinierten Buchhalter, der lange Zeit in der Schule von Byzanz die hohe Kunst des Unterschleifs und der Erpressung gelernt hatte, und der den Beinamen ›Psalliktion‹ oder ›Die Scheren‹ trug, welche Bezeichnung sich von seiner manuellen Geschicklichkeit herleitete, mit der er den Umfang einer Goldmünze zurückschnitt, ohne die Prägung zu beschädigen Da der Schreiber Alexander wie die meisten seiner Kollegen in ziviler oder militärischer Stellung in Ungnade gefallen oder sonst wie verachtet waren, ist die Tinte der Anekdoten (5,4,18) kaum schwärzer als die der Gotischen Geschichte (3,1, 3, 4, 9, 20 und 21).. Statt nun die Friedenszeit und den Erholung des Gewerbes abzuwarten, legte er auf das Vermögen der Italiener eine hohe steuerliche Veranlagung. Aber diese aktuellen oder zukünftigen Forderungen waren weniger verhasst als die vollkommen willkürliche Strenge gegen die Personen und das Vermögen all derer, die in der Zeit der Gotenkönige mit der Einnahme und der Ausgabe öffentlicher Gelder zu tun gehabt hatten. Diejenige Untertanen Justinians, welche dieser Willkür entgangen waren, litten dafür unter der regellos auferlegten Pflicht, für den Unterhalt von Soldaten aufzukommen, welche Alexander betrog und verachtete. Und ihre Schübe von Habgier, mit denen sie sich Reichtümer und Lebensmittel erpressten, brachten die Landesbewohner schließlich soweit, sich von den Tugenden der Barbaren ihre Befreiung zu erhoffen oder zu erflehen.

Totila Prokopios (3,2 und 8) lässt Totila ausschließlich und weitläufig Gerechtigkeit widerfahren. Die römischen Historiker von Sallust bis zu Tacitus waren froh, wenn sie die Verbrechen ihrer Landsleute vergessen konnten über der Betrachtung von barbarischen Tugenden. war keusch und mäßig, und keiner, weder Freund noch Feind, ward betrogen, wenn er sich auf sein Wort oder seine Treue verließ. An die Adresse der Landwirte Italiens ließ er einen willkommenen Aufruf ergehen, mit welchem er ihnen anbefahl, ihre wichtige Arbeit fortzusetzen, und ihnen versicherte, dass sie bei korrekter Zahlung der Steuern durch seine Stärke und Heeresdisziplin vor den Unbilden des Krieges geschützt sein sollten. Die befestigten Städte griff er der Reihe nach an; hatten sie kapituliert, dann ließ er die Festungswerke einreißen, um das Volk vor den Kalamitäten zukünftiger Belagerungen zu schützen, die Römer den Verteidigungskünsten zu entfremden und den langwierigen Krieg auf offenem Felde in einer ehrenhaften und chancengleichen Entscheidungsschlacht zu beenden. Die römischen Gefangenen und Deserteure wurden beredet, in den Dienst eines nachsichtigen und leutseligen Feindes zu treten; Sklaven wurden durch das feste und feierliche Versprechen angelockt, dass sie niemals ihren früheren Herren sollten ausgeliefert werden; und aus den ursprüngliche eintausend Kriegern bildete sich allmählich unter der zusammenfassenden Bezeichnung der Goten ein neues Volk in Totilas Heereslager.

Er erfüllte getreulich alle Bedingungen jeder Kapitulation, ohne dabei aus irgendwelchen mehrdeutigen Formulierungen oder plötzlichen Ereignissen einen schäbigen Vorteil zu ziehen: die Besatzungen von Neapel hatten sich eine Passage zu Wasser ausbedungen; hartnäckige widrige Winde verzögerten die Fahrt, aber großzügig wurden ihnen Pferde, Proviant und ein Schutzgeleit bis vor die Tore Roms gewährt. Die Senatorengattinnen, welche in ihren Villen in Campanien überrascht worden waren, durften ohne Lösegeld zu ihren Männern zurückkehren; die Verletzung der weiblichen Keuschheit wurde unnachsichtig mit dem Tode bestraft, und bei der Durchführung der heilsamen Diätvorschrift für die ausgehungerten Neapolitaner übernahm der Sieger das Amt eines menschenfreundlichen und aufmerksamen Arztes. Totilas Tugenden sind gleichermaßen rühmenswert, ob sie nun politischen oder religiösen Rücksichten geschuldet waren oder einem Gefühl für Menschlichkeit entsprangen: oft hielt er Ansprachen vor einen Kriegern; und es war bei ihm stehende Rede, dass die Laster und der Untergang eines Volkes notwendig zusammenhängen, dass der Sieg nicht minder die Frucht der moralischen als der kriegerischen Tugenden sei, und dass der Fürst und sogar das Volk verantwortlich seien für alle Verbrechen, die zu bestrafen sie vorher verabsäumt hätten.

BELISARS ZWEITES ITALIENKOMMANDO A.D. 544–548

Belisars Rückkehr zur Rettung des Landes, das er schon einmal erobert hatte, wurde von seinen Freunden und Feinden mit gleicher Heftigkeit vorangetrieben, und so wurde der Krieg gegen die Goten dem vielerprobten Feldherren als Vertrauensbeweis oder als Exil zuerteilt. An den Ufern des Euphrat ein Held, im Palast zu Konstantinopel ein Sklave, übernahm er nur widerwillig den peinlichen Auftrag, seinen eigenen Ruf zu retten, indem er die Dummheiten seiner Vorgänger behob. Das Meer stand den Römern offen; die Schiffe und Soldaten waren bei Solana nahe dem Palast des Diocletian versammelt. Er ließ seine Truppe sich erholen und hielt bei Pola in Istrien Heerschau, segelte unter der Küste bis zur Spitze der Adria, lief in den Hafen von Ravenna ein und sandte den gehorsamspflichtigen Städten Weisungen zu, aber keine Truppenverstärkungen.

Seine erste öffentliche Rede war an die Goten und Römer im Namen des Kaisers adressiert, welcher für eine Zeitlang die Niederwerfung Persiens verschoben habe und vorerst dem Flehen seiner italienischen Untertanen Gehör schenke. Die Ursachen und Urheber der gegenwärtigen Kalamitäten berührte er mit schonender Beiläufigkeit, wobei er sich bemühte, die Furcht vor Strafe für das Vergangene ebenso zu beseitigen wie die Hoffnung auf Straflosigkeit für Inskünftiges, und strebte danach, wenn auch mit mehr Eifer als Erfolg, die Mitglieder seiner Statthaltermannschaft zu einem festen Bunde der Liebe und des Gehorsams zusammenzuschweißen. Der gnadenreiche Justinian sei zu Verzeihung und Belohnung aufgelegt, und so sei es ihr Interesse, eigentlich sogar ihre Pflicht, ihre verführten und durch die Ränke des Thronräubers irregeleiteten Brüder auf den rechten Weg zu führen. Nicht ein Mann fühlte sich versucht, die Fahne des Gotenkönigs zu verlassen. Belisar bemerkte schon bald, dass er nur hergeschickt sei, um den müßigen und ohnmächtigen Betrachter des Ruhmes eines jungen Barbaren abzugeben, und so bietet denn sein eigenes Schreiben ein anschauliches und unverfälschtes Bild von der Notlage eines edlen Gemütes:

»Bester der Herrscher, wir sind nunmehr in Italien gelandet, und alle notwendigen Zurüstungen für den Krieg, Truppen, Pferde, Waffen und Geld gehen uns ab. Während unseres letzten Marsches durch die thrakischen Ortschaften haben wir mit größter Mühe etwa viertausend Rekruten angeworben, letztere nackt, ungeübt im Waffengebrauch und unbekannt mit dem Lagerleben. Die bereits in der Provinz einquartierten Krieger sind in übler Verfassung, ängstlich und verzagt; hören sie den Feind, dann lassen sie ihre Pferde laufen und werfen ihre Waffen zur Erde. Steuern können keine erhoben werden, da Italien in den Händen der Goten ist; und da der Sold ausbleibt, habe ich mittlerweile das Recht verloren, auch nur Ermahnungen, geschweige denn Befehle auszusprechen. Vernimm, mein Gebieter, dass die Mehrheit deiner Krieger bereits zu den Goten übergelaufen ist. Wenn der Krieg lediglich durch meine Anwesenheit zu einem Ende gebracht werden könnte, ließen sich deine Wünsche erfüllen: Belisar steht mitten in Italien. Wenn du aber den Sieg willst, dann sind Mittel von einem anderen Format erforderlich; ohne ausreichende Streitmacht ist der Titel eines Feldherrn nur leerer Schall. Es wäre zweckdienlich, meine eigenen Veteranen und Leibwachen in meinen Dienst zu stellen. Bevor ich indessen ins Feld rücken kann, muss ich eine angemessene Verstärkung an Leicht- und Schwerbewaffneten erhalten, und nur bares Geld ist es, womit du die unerlässliche Unterstützung einer schlagkräftigen hunnischen Reiterarmee erlangen kannst. Prokopios, 3,12. Die Seele eines Helden hat diesem Brief das Gepräge gegeben; auch können wir solche echten Originaldokumente nicht mit den schulmäßigen und meist inhaltsleeren Reden verwechseln, die wir bei byzantinischen Historikern oft genug vorfinden.«

Ein Offizier mit Belisars Vertrauen wurde aus Ravenna abgeschickt, die Hilfe zu beschleunigen und danach sicher heranzuführen. Aber der Bote vernachlässigte seinen Auftrag, ließ er sich doch zu Konstantinopel durch eine vorteilhafte Hochzeit seinen Pflichten abspenstig machen. Da sich die Geduld des Feldherren wegen dieser Verzögerung und Enttäuschung erschöpft hatte, fuhr er wieder über die Adria zurück und wartete zu Durrhachium auf die Antwort der Truppen, welche im schleppenden Tempo aus den Untertanen und Verbündeten des Reiches zusammengelesen wurden. Ihre Stärke entsprach entschieden nicht dem Vorhaben der Römer, welche vom Gotenkönig hart bedrängt wurden. Die Via Appia, vierzig Tagesmärsche lang, war dicht von Barbaren belebt. Und da Belisar klüglich einer Schlacht ausweichen wollte, zog er die sichere und ungehinderte Seepassage von fünf Tagen Dauer von der Epirusküste bis zur Tibermündung vor.

ROM WIRD VON DEN GOTEN BELAGERT – MAI 546

Nachdem Totila die Kleinstädte in den mittelitalienischen Provinzen durch Gewalt oder durch Verträge bezwungen hatte, ging er dazu über, die alte Hauptstadt nicht zu bestürmen, sondern einzuschließen und auszuhungern. Rom wurde ausgeplündert von der Habgier und behütet von der Entschlossenheit des Bessas, eines gotischstämmigen Veteranen, der mit dreitausend Mann Garnison den weiträumigen, von altehrwürdigen Mauern umzirkten Bereich besetzt hielt. Aus der Not des Volkes machte er ein einträgliches Gewerbe und freute sich insgeheim über die Fortdauer der Belagerung. Die Kornspeicher waren wohlgefüllt, und dies beutete er allein zu seinem Nutzen aus. In christlicher Nächstenliebe hatte Papst Vigilus einen reichlichen Vorrat von sizilianischem Getreide aufgekauft und einschiffen lassen: die Schiffe, die den Barbaren entkommen waren, wurden von dem raubsüchtigen Statthalter aufgegriffen, welcher seinen Soldaten Hungerrationen gewährte und den Rest an wohlhabende Römer verkaufte. Eine Medimne, ein Fünftel eines Quarters Weizen (ca. 50 l) wurde für sieben Goldstücke abgegeben, ein Ochse, eine seltene und zufällige Kostbarkeit, kostete fünfzig Goldstücke. Mit der Fortdauer der Hungersnot erhöhten sich selbst diese Wucherpreise, und die Mietkrieger fühlten sich versucht, sich ihre erbärmliche Ration abzuhungern und zu verkaufen, die doch kaum hinreichte, das eigene Überleben zu fristen. Ein ungenießbares und ungesundes Gemisch aus drei Teilen Kleie und einem Teil Getreide musst den Armen genügen; irgendwann waren sie gezwungen, das Fleisch von toten Pferden, Hunden und Mäusen zu verzehren und selbst noch das Gras und die Nesseln auszureißen, die auf den Trümmern der Stadt wuchsen.

Eine Gruppe von Gespenstern, blass und ausgehungert, von Krankheiten ausgemergelt und von Verzweiflung niedergedrückt, umringte den Palast des Statthalters, drang ihm –natürlich ergebnislos – die Wahrheit an, dass es Herrenpflicht sei, für den Unterhalt seiner Sklaven zu sorgen, und baten in aller Demut, dass er entweder für ihr Überleben Sorge trage, ihnen die Flucht erlaube oder den Befehl zu ihrer unverzüglichen Hinrichtung gebe. Ungerührt und kalt erwiderte Bessas, die Untertanen des Kaisers zu ernähren sei unmöglich, sie zu entlassen, gefährlich und sie hinzurichten gesetzwidrig. Aber ein Privatmann hätte den Römern ein Beispiel geben können, dass selbst ein Tyrann das Vorrecht zu sterben nicht fortnehmen könne. Vom vergeblichen Gejammer seiner Kinder nach Brot zur Verzweiflung getrieben, befahl er ihnen, ihm zu folgen, kam in stummer Verzweiflung an einer der Tiberbrücken an und stürzte sich verhüllten Hauptes in Anwesenheit seiner Familie und des römischen Volkes in den Fluss. Den Reichen und Kleinmütigen verkaufte Bessas Die Habgier des Bessas wird von Prokopios nicht verhehlt (3,17 und 20). Den Verlust von Rom glich er durch die Eroberung von Peträa aus (Goth. 4,12), aber auch seine Untugenden folgten ihm vom Tiber an den Phasis (13). Und so bleibt der Historiker Bessas' Fähigkeiten ebenso treu wie seiner Verbrechernatur. Die Strafe, die der Verfasser des Romans Belisar über den Tyrannen von Rom ausgesprochen hat, genügt unserem Gerechtigkeitsempfinden, aber nicht der Geschichte. die Ausreiseerlaubnis; aber der größte Teil der Flüchtlinge verstarb auf der Heerstraße oder wurde von streifenden Barbaren erschlagen. Inzwischen beruhigte der perfide Statthalter den Zorn der Bevölkerung und belebte ihre Hoffnungen durch gestreute, widersprüchliche Gerüchte über Flotten und Heere, die vom äußersten Osten zu ihrer Errettung herzueilten. Einen besseren Trost schöpften sie allerdings aus der Versicherung, dass Belisar im Hafen angelandet sei, und ohne seine tatsächliche Stärke zu kennen, verließen sie sich auf die Menschlichkeit, die Tapferkeit und die Erfahrung des großen Befreiers.

BELISARS UNTERNEHMUNGEN

Totila hatte in klugem Vorbedacht Hindernisse errichtet, die einem solchen Gegner angemessen waren. Neunzig Furlong (ca. 18 km) unterhalb der Stadt, dort, wo der Fluss am engsten fließt, ließ er beide Ufer durch Stricke und massive Balken verbinden und auf ihr zwei hohe Türme errichten, die mit den tapfersten seiner Leute bemannt und mit Schuss- und Angriffswaffen über und über bestückt waren. Die Zufahrt zu Brücke und Türmen war mit einer starken und massiven Eisenkette gesperrt; und beide Enden dieser Kette waren auf den gegenüberliegenden Ufern des Tibers durch eine handverlesene Schar von Bogenschützen gesichert. Es gehört das Unternehmen, diese Vormauer aus Eisen zu sprengen und die Hauptstadt zu befreien, zu den leuchtendsten Beispielen für Belisars Kühnheit und Klugheit.

Seine Reiterei rückte vom Hafen her auf den Heerstraßen vor, um die Bewegung des Feindes zu hindern und seine Aufmerksamkeit abzulenken. Die Infanterie und die Lebensmittel waren auf zweihundert breite Boote verteilt, welche jeweils mit hohen Brustwehren aus dicken Brettern beschirmt waren; diese waren zusätzlich vom zahlreichen kleineren Löchern durchbohrt, durch welche Schusswaffen abgeschossen werden konnten. Vorneweg schwamm ein auf zwei großen zusammengeketteten Schiffen montiertes Kastell, welches die Türme unter Beschuss nehmen konnte und zugleich in einem Magazin brennbare Stoffe, Schwefel und Erdpech, mitführte. Die ganze Flotte, die äußerst mühsam gegen den Strom gerudert werden musste, führte der General in Person. Die Kette gab ihrem Druck nach, und die Mannschaften, die am Ufer wachten, wurden entweder erschlagen oder ergriffen die Flucht. Sobald sie die Hauptwehr erreichten, wurde das Brandschiff an der Brücke festgemacht; einer der Türme mit zweihundert Goten wurde von den Flammen vernichtet, die Angreifer erhoben das Siegesgeheul, und Rom wäre gerettet worden, hätten zwei Unterbefehlshaber Belisars Pläne nicht durch ihre Unfähigkeit zunichte gemacht.

Er hatte Bessas zuvor den Befehl erteilt, seine Operationen rechtzeitig durch einen Ausfall zu unterstützen und außerdem seinem Unterfeldherren Isaak eingeschärft, auf keinen Fall von seinem Posten am Hafen abzurücken. Habsucht machte Bessas unbeweglich, und Isaaks jugendliche Hitze lieferte ihn einem überlegenen Feind in die Hände. Das aufgebauschte Gerücht von seiner Niederlage wurde Belisar sofort zu Ohren gebracht; er stutzte; zeigte in diesem Augenblick zum ersten Male in seinem Leben ein Anzeichen von Überraschung und Verwirrung und ließ widerstrebend zum Rückzug blasen, um wenigstens seine Frau Antonina, seine Schätze und den einzigen Hafen zu retten, über den er an der Toskanaküste noch verfügte. Seine Gemütserschütterung verursachte ihm ein heftiges, fast schon tödliches Fieber, während Rom schutzlos Totilas Gnade oder Zorn überlassen war. Die Fortdauer der Feindseligkeiten hatte die nationalen Hassgefühle gesteigert; die arianische Geistlichkeit musste Rom mit Schimpf verlassen, der Archidiakon Pelagius kehrte ergebnislos von einer Mission in das Lager der Goten zurück, und ein sizilianischer Bischof, ein Gesandter oder Nuntius des Papstes, wurde seiner beiden Hände beraubt, da er es gewagt hatte, im Dienste von Kirche oder Staat Lügen vorzubringen.

ROM VON DEN GOTEN EINGENOMMEN – 17. DEZEMBER 546

Infolge der Hungersnot hatten Stärke und Disziplin der römischen Garnison nachgelassen. Von einem dahinwelkenden Volk war keine wirksame Hilfe zu erwarten, und die mörderische Habgier des Kaufmanns absorbierte irgendwann die Wachsamkeit des Befehlshabers. Vier isaurische Wachposten ließen sich, während ihre Kameraden schliefen und ihr Vorgesetzter abwesend war, an einem Seil an der Mauer herunter und unterbreiteten dem Gotenkönig das Angebot, seine Truppen in die Stadt einzulassen. Das Angebot ward mit Kälte und Argwohn aufgenommen, doch sie kehrten ungefährdet zurück und wiederholten ihren Besuch noch zweimal; die vorgesehene Stelle wurde zweimal inspiziert; dann wurde die Verschwörung bekannt, aber nicht weiter beachtet, doch kaum hatte Totila in das Vorhaben eingewilligt, als sie auch schon das Asinaria-Tor öffneten und den Goten einließen. Diese aber standen bis zur Morgendämmerung in Schlachtordnung, da sie immer noch eines Verrats oder Hinterhaltes gewärtig waren; aber Bessas' Truppen waren mitsamt Anführer geflohen; und als man den König drängte, ihren Rückzug zu stören, gab er die lebenskluge Antwort, dass kein Anblick lieblicher sei als der eines fliehenden Feindes. Die Patrizier, die noch Pferde besaßen, Decius, Basilius und andere noch, begleiteten den Statthalter; ihre Brüder, unter welchen der Historiker die Namen Olybrius, Orestes, und Maximus nennt, nahmen Zuflucht in die Kirche von St. Peter: aber die Behauptung, dass nur fünfhundert Personen in der Hauptstadt zurückgeblieben seien, ruft denn doch einigen Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Erzählung oder eines Kopisten auf.

Sobald nun das Tageslicht den Blick auf den vollständigen Sieg der Goten freigab, besuchte ihr König in aller Andacht das Grab des Apostelfürsten; doch während er noch am Altar in das Gebet versunken war, wurden fünfundzwanzig Soldaten und sechzig Bürger im Tempelvorhof erschlagen mit der Schärfe des Schwertes. Der Archidiakon Pelagius Während des langen Exils und nach dem Tode des Vigilius stand der römischen Kirche der Archidiakon und endliche Papst Pelagius vor, den man an den Leiden seines Vorgängers für nicht vollständig unschuldig glaubt. Man sehe die Original-Papstbiographie mit dem Namen Anastasius (Muratori, Script. Rer. Italicarum, Band 3, Teil 1, p. 130, 131), welcher von verschiedenen merkwürdigen Vorfällen während der Belagerung Roms in des Krieges in Italien berichtet. stand vor ihm, das Evangelium in der Hand. »O Herr, habe Erbarmen mit deinem Knecht.« »Palagius,« erwiderte Totila hohnlächelnd, »dein Stolz verstattet dir endlich ein Flehen.« »Ich bin ein Flehender,« antwortete der Archidiakon; »Gott hat uns zu deinen Untertanen gemacht, und als deine Untertanen machen wir Ansprüche auf deine Gnade.« Durch sein demütiges Flehen rettete er den Römern das Leben; und die Reinheit von Jungfrauen und Matronen wurde vor der Gier der ausgehungerten Soldaten bewahrt.

Entschädigt wurden sie dafür durch die Lizenz zum Plündern, nachdem die kostbarsten Beutestücke für den königlichen Schatz waren einbehalten worden. Die Häuser der Senatoren waren mit Gold und Silber reich versehen, und Bessas' Habgier hatte bei allen seinen Verbrechen zum Vorteil des Eroberers gearbeitet. In dieser Umwälzung schmeckten die Söhne und Töchter römischer Senatoren das Elend, welches sie vordem verachtet – oder abgemildert – hatten, irrten in Lumpen durch die Straßen der Stadt und bettelten, vielleicht erfolglos, vor den Türen ihrer eigenen Erbhäuser um Brot. Rusticiana, des Symmachus Tochter, und Witwe des Boëthius hatte allen ihren Reichtum gestiftet zu dem Ende, die Not der Hungernden zu lindern. Die Barbaren aber ärgerten sich an der Nachricht, dass sie das Volk verleitet habe, die Bildsäule des großen Theoderich niederzureißen; und es wäre wohl das Leben dieser ehrwürdigen Matrone seinem Andenken aufgeopfert worden, wenn Totila nicht ihre Abstammung, ihre Tugenden und sogar den frommen Beweggrund ihrer postumen Rache respektiert hätte.

Anderentags hielt er zwei Reden: in der ersten beglückwünschte und ermahnte er seine siegreichen Goten, legte ihnen auch gute Lehren ans Herz, und in der zweiten warf er den Senatoren, diesen erbärmlichsten aller Sklaven ihren Meineid, ihre Dummheit, ihren Undank vor; und erklärte mit drohendem Ernst, dass ihre Ländereien und Ehrenstellen völlig zu Recht seinen Waffengefährten sollten übertragen werden. Doch dann zeigte er sich geneigt, ihnen ihre Empörung zu verzeihen; und die Senatoren vergalten ihm seine Milde, indem sie Rundbriefe an ihre Pächter und Gefolgsleute in den italienischen Provinzen abfassten und ihnen mit Nachdruck einschärften, die Fahne der Griechen zu verlassen und von ihnen, ihren Herren, den Gehorsam gegen einen gotischen Herrscher zu lernen. Gegen die Stadt jedoch, die sich seinem Siegeslauf so lange in den Weg gestellt hatte, zeigte Totila sich unerbittlich. Ein Drittel der Mauern wurden an verschiedenen Stellen niedergerissen, es wurden Brennmaterialien und verschiedene Maschinen vorbereitet, um die herrlichen Denkmäler des Altertums zu verbrennen oder zu zerstören und schließlich wurde die Welt durch das Dekret entsetzt, dass Rom in eine Viehweide umgewandelt werden solle. Belisar konnte durch entschiedene und maßvolle Gegenvorstellungen die Vollstreckung aussetzen; er warnte den Barbaren davor, seinen Ruf nicht durch die Zerstörung jener Monumente zu ruinieren, die den Ruhm der Toten und die Freude der Lebenden ausmachten; also ließ sich Totila durch den Rat eines Feindes bestimmen, Rom als die Zierde seines Reiches und das schönste Unterpfand des Friedens und der Versöhnung zu erhalten. Nachdem er dem Abgesandten Belisars seinen Entschluss verkündet hatte, die Stadt zu schonen, stellte er sein Heer im Abstand von 120 Furlong (ca. 24 km) auf, um die Bewegung des Römischen Feldherren zu beobachten. Mit dem Rest seiner Armee zog er nach Lukanien und Apulien und besetzte den Gipfel des Garganus Der Berg Garganus –heute Monte St. Angelo im Königreich Neapel- läuft 300 Stadien in die Adria hinaus (Strabo, 6, 436) und war in den dunkleren Zeiten durch die Erscheinungen, Wunder und die Kirche des Erzengels Michael ausgezeichnet. Horaz, ein Apulier oder Lucaner, hatte die Ulmen und Eichen des Garganus gegen den Nordwind anbrüllen und ankämpfen gesehen, der diese Steilküste anwehte. (Carm. 2,9; Epist. 2,201)., einen der Lagerplätze Hannibals Ich kann dieses spezielle Lager Hannibals nicht verorten; aber die Quartiere der Punier waren oft und lange in der Nachbarschaft von Arpi. (Livius, 22,9,12 und 24,3).. Die Senatoren wurden in seinem Gefolge mitgeschleppt und danach in kampanische Festungen gesperrt, die Bürger mit Frauen und Kindern in die Verbannung geschickt und Rom für vierzig lange Tage in eine verheerte und schaurige Einöde verwandelt »Totila.... Romam ingreditur.... ac evertit muros, domos aliquantas igni comburens, ac omnes Romanorum res in praedam accepit, hos ipsos Romanos in Campaniam captivos abduxit. Postquam devastationem, XL aut amplius dies, Roma fuit ita desolata, ut nemo ibi hominum, nisi (nulloe?) bestiae morarentur« (Totila...marschierte in Rom ein...und riß die Mauern nieder, verbrannte Häuser in ziemlichen großem Umfang, nahm sämtliche Habe der Römer als beute und führte die Römer selbst als Gefangene nach Campanien. Nach dieser Verwüstung war Rom vierzig oder noch mehr Tage derart verödet, dass sich dort nicht Mensch noch Tier aufhielt.) Marcellin. in Chron. p. 54..

RÜCKEROBERUNG ROMS DURCH BELISAR – FEBRUAR 547

Der Verlust Roms wurde schon bald durch eine Tat ausgeglichen, der die öffentliche Meinung je nach dem Ausgang die Bezeichnung Überstürzung oder Heldenmut beilegte. Nach Totilas Abmarsch tat der römische Feldherr an der Spitze von eintausend Berittenen einen Ausfall aus dem Hafen, metzelte die Feinde nieder, die sich ihm in den Weg stellten und besuchte danach, Mitleiden und Ehrfurcht in der Seele, das auf, was von der ewigen Stadt geblieben war. Fest entschlossen, einen im Urteil der Menschheit so ausgezeichneten Vorposten zu behaupten, sammelte er den größten Teil seiner Truppen wieder unter seiner Fahne, die er auf dem Kapitol emporzog: Vaterlandsliebe und die Hoffnung auf Nahrung riefen die alten Einwohner wieder zurück; und zum zweiten Male wurden die Schlüssel der Stadt dem Kaiser Justinian übergeben. Die Mauern wurden, soweit die Goten sie eingerissen hatten, durch rohe und ungleiche Materialien geflickt, der Graben neuerlich angelegt, eiserne Spitzen Die tribuli sind kleine Vorrichtungen mit vier Eisenspitzen, von denen eine im Boden befestigt ist, während drei nach oben gerichtet sind (Prok. Gothic. 3, 24. Just. Lipsius, Poliorcetwv, 5,3). Der Name war von den Tribuli (Erdfußangel, Burzeldorn) geborgt, einem Kraut mit stacheliger Frucht, in Italien stark verbreitet (Martin, ad Virgil. Georgic. 1,153 vol. ii. p. 33). in großen Mengen auf den Heerweg gestreut, um die Füße der Pferde zu verletzen, und da neue Tore nicht so schnell zu beschaffen waren, wurden die Zugänge zur Stadt durch einen spartanischen Wall mit seinen tapfersten Soldaten gesichert. Nach Ablauf von fünfundzwanzig Tagen nahte Totila in zornigen Eilmärschen von Apulien heran, die Kränkung und die Schmach zu rächen. Belisar wartete nur auf ihn. Dreimal griffen die Goten im Sturm an, dreimal wurden sie zurückgeworfen, sie verloren die Blüte ihres Heeres, fast wäre die Königsfahne dem Feinde in die Hände gefallen, und Totilas Stern ging so, wie er mit dem Glück seiner Waffen gestiegen war, auch wieder unter.

Was immer nur Erfahrung, Geschick und Tapferkeit vermochten: Belisar hatte es vollendet. Es blieb nur noch übrig, dass Justinian durch einen nachdrücklichen und rechtzeitigen Kraftakt den Krieg beendigte, den er aus reinem Ehrgeiz begonnen hatte. Die Schwerfälligkeit, vielleicht auch die Unfähigkeit eines Herrschers, der seine Feinde verachtete und seine Diener beneidete, verlängerte die Not Italiens. Nach langem Schweigen erhielt Belisar den Befehl, eine ausreichend starke Garnison in Rom zurückzulassen und sich nach Lukanien zu verfügen, dessen im katholischen Glaubenseifer glühenden Einwohner das arianische Joch ihrer Besatzer abgeschüttelt hätten. In diesem läppischen Feldzug wurde der Held, von Barbaren unbesiegt, durch das Zögern, den Ungehorsam und die Feigheit seiner Unterfeldherren niedergemacht. Er bezog bei Krotona sein Winterquartier in der festen Überzeugung, dass die beiden Pässe des Lukanischen Hügellandes von seiner Reiterei gesichert werde. Sie wurden indessen preisgegeben, Verrat oder Schwäche waren die Ursachen, und das rasche Vorrücken der Goten ließ Belisar nur soviel Zeit, dass er mit genauer Not nach Sizilien entfliehen konnte. Schließlich wurden eine Flotte und eine Armee zusammengestellt, Ruscianum – oder Rossam Ruscia, das navale (Marinearsenal) Thuriorum, ward 60 Stadien weiter nach Buscianum (Rossam) verlegt, eine Erzbistum ohne Suffraganbischöfe. Die Republik Sybaris ist heute das Gebiet des Herzogs von Corigliano (Riedesel, Travels into Magna Graecia and Sicily, p. 166–171). – zu entsetzen, eine von den Ruinen von Sybaris etwa 60 Furlong (ca. 12 km) entfernte Festung, in welcher Lukaniens Edle ihre Zuflucht genommen hatten. Den ersten Landungsversuch der Römer zerstreute ein Sturm; beim zweiten kamen sie bis vor den Uferstreifen, aber sie sahen zugleich die Hügel mit Bogenschützen besetzt, den Landungsplatz durch eine Linie mit Speeren gesichert und den Gotenkönig brennend vor Ungeduld, eine Schlacht zu schlagen. Der Eroberer Italiens zog sich mit einem Seufzen zurück und verlegte sich weiterhin auf ruhmloses und untätiges Abwarten, bis Antonina, die nach Konstantinopel entsandt war, um Verstärkung zu erbitten, nach dem Tode der Kaiserin endlich die Erlaubnis zu seiner Rückkehr erhielt.

ENDGÜLTIGE ZURÜCKBERUFUNG BELISARS – SEPTEMBER 548

Belisars letzte fünf Feldzüge waren geeignet, den Neid seiner Gegner zu beruhigen, deren Augen der Glanz seiner früheren Erfolge geblendet und beleidigt hatte. Anstelle Italien von den bösen Goten zu befreien, war er, einem Flüchtling vergleichbar, an der Küste herumgekreuzt, ohne sich landeinwärts zu wagen oder Totilas wiederholte, kühne Herausforderungen anzunehmen. Aber in dem Urteil der ganz Wenigen, die Plan und Erfolg zu unterscheiden und die Werkzeuge mit der Durchführung zu vergleichen imstande sind, war er jetzt ein besserer Meister der Kriegskunst als in der Zeit seiner Blüte, als er zwei gefangene Könige vor Justinians Thron führen konnte. Belisars Tapferkeit hatte sich im Alter nicht abgekühlt, seine Klugheit war durch Erfahrung gereift, aber seine sittlichen Tugenden, seine Menschlichkeit und sein Gerechtigkeitssinn hatten dem bitteren Drängen der Läufte offenbar nachgegeben. Die Sparsamkeit oder die Geldnot des Kaisers bestimmten ihn, sich von bewährten Verhaltensmaßregeln zu verabschieden, mit denen er die Zuneigung und das Zutrauen der Italiener gewonnen hatte.

Der Krieg wurde also fortgesetzt, indem Ravenna, Sizilien und alle treuen Untertanen des Reiches unterdrückt wurden, und die unnachsichtige Strafverfolgung des Herodian veranlasste diesen Befehlshaber, der in seinen Rechten gekränkt oder tatsächlich schuldig sein mochte, Spoleto dem Feind in die Hände zu spielen. Die Habsucht der Antonina, die vordem – jedenfalls gelegentlich – durch das Gefühl der Liebe abgelenkt worden war, herrschte nun unangefochten in ihrem Busen. Belisar hatte seit jeher erkannt, dass in einem korrupten Zeitalter Reichtum persönliches Verdienst ausschmückt und erhöht. Und es steht nicht zu vermuten, dass er seinen Ruhm im Dienste des Staates sollte besudelt haben, ohne einen Teil der Beute zu seinem persönlichen Nutzen zu verwenden. Der Held war dem Schwert der Barbaren entkommen; aber der Dolch der Verschwörer Prokopios (Goth. 3,31 und 32) berichtet von dieser Verschwörung derartig offen und unverblümt, dass für die zügellosen Anekdota nichts mehr zu tun übrig ist. wartete schon auf seine Rückkehr.

Artaban, welcher den afrikanischen Tyrannen abgestraft hatte, führte inmitten aller Reichtümer und Ehrenstellen bittere Klage über die Undankbarkeit der Höfe. Er freite des Kaisers Nichte Praejecta, welche sich ihrem Befreier erkenntlich zeigen wollte. Aber Theodoras Frömmelei führte seine frühere Vermählung als Ehehindernis an. Der Stolz auf königliche Abkunft wurde durch Schmeichelrede angestachelt; und der Dienst, in welchem er Ruhm erworben hatte, hatte demonstriert, dass er kühner und blutiger Taten fähig war. Justinians Tod war beschlossene Sache; aber die Verschwörer schoben die Ermordung solange hin, bis sie Belisar im Palast von Konstantinopel unbewaffnet und nackt überrumpeln konnten. Es war nicht entfernt daran zu denken, seine langbewährte Treue zu erschüttern; und mit guten Gründen fürchteten sie die Rache oder wohl besser: die Gerechtigkeit des ergrauten Feldherren, der in einem Nu die thrakischen Armee mobilisieren, die Mörder bestrafen und vielleicht sogar die Früchte ihrer Tat genießen würde. Der Aufschub gab Gelegenheit zu unbedachte Mitteilungen und zu ehrlichen Geständnissen: Artaban und seine Mitverschwörer wurden vom Senat zum Tode verurteilt, aber des Kaisers übergroße Milde hielt sie nur im Palast zu bequemer Haft zurück, und schließlich verzieh er ihnen sogar diese ruchlose Verschwörung gegen Thron und Leben.

Wenn der Kaiser seine Feinde begnadigte, dann musste er umso herzlicher einen Freund umarmen, zu dem ihm nur dessen Siege einfielen und der seinem Fürsten durch diese erst kürzlich bestandene gemeinsame Gefahr noch teurer geworden war. Belisar erholte sich von den jüngsten Strapazen auf den gehobenen Posten eines Heermeisters des Orients und des comes der Palastwache. Und die älteren Konsuln und Patrizier erzeigten ihren tiefen Respekt gegenüber den unvergleichlichen Verdiensten dieses Ersten der Römer Die Ehrenstellungen des Belisar werden von seinem Sekretär freudevoll gewürdigt, Prokopios, Goth 3,35; 4,21. Der Titel ›Strategos‹ wird, wenigstens bei dieser Gelegenheit, unzureichend übersetzt durch Praefectus Praetoris: und für einen militärischen Rang passt Magister equitum besser und ist angemessener (Ducange, Gloss. Graec. p. 1458, 1459).. Dieser Erste der Römer erniedrigte sich indessen nach wie vor zum Sklaven seines Weibes; aber die Knechtschaft, die auf Gewohnheit und Zuneigung gegründet war, verlor das Schmachvolle, seitdem durch Theodoras Tod der niedere Einfluss der Angst zurückgedrängt war. Ioannina, die Tochter und einzige Erbin ihres Vermögens, war mit Anastasius, dem Enkel oder vielmehr Neffen der Kaiserin verlobt Alemannus (ad Hist. Arcanum, p. 68), Ducange (Familiae Byzant. p. 98) und Heineccius (Hist. Juris Civilis, p. 434); alle drei nennen Anastasius den Sohn der Tochter der Theodora; und ihre Meinung beruht auf der eindeutigen Aussage von Prokopios (Anekdota 4,5). Ich möchte dazu bemerken: 1. Im Jahre 547 konnte Theodora schwerlich einen Enkel im Pubertätsalter haben; 2. Von dieser Tochter und deren Mann wissen wir schlechterdings nichts; 3: Theodora verheimlichte ihre nichtehelichen Kinder, und ihr Enkel von Justinian wäre vermutlich Reichserbe geworden., deren freundliche Fürsprache die Erfüllung des Wünsche der beiden Liebenden beförderte. Aber Theodoras Macht erlosch mit ihrem Leben, die Eltern der Ioannina traten zurück, und ihre Ehre, vielleicht sogar ihr Lebensglück wurde der Rachsucht einer gefühlskranken Mutter aufgeopfert, welche das unfertige Heiratsband auflöste, ehe es durch die kirchliche Zeremonie unauflöslich geworden war Die Sünden des Helden in Italien werden vom Verfasser der Anekdota (c 4.5.) offen gelegt und sehr wahrscheinlich überzeichnet. Die Pläne der Antonina wurden durch Justinians flatterhafte Rechtsauffassung begünstigt. In Ehe- und Ehescheidungsgesetzen war dieser Kaiser trocho versatilior (Schmiegsamer als eine Halskette.) Heineccius, Element Juris Civil. ad Ordinem Pandect. Pars 4, No. 233..

ROM ERNEUT VON GOTEN EROBERT A.D. 549

Vor Belisars Abreise wurde Perugia belagert, und nur wenige Städte waren für die Waffen der Goten uneinnehmbar. Ravenna, Ancona und Crotona widerstanden noch den Barbaren; doch als Totila eine fränkische Prinzessin zum Weibe begehrte, schmerzte ihn der Vorwurf, dass der König von Italien dieses Titels nicht würdig sei, solange er nicht vom Volk Roms anerkannt sei. Dreitausend der wackersten Krieger hatte Belisar zur Bewachung der Hauptstadt zurückgelassen. Auf den Verdacht eines Handelsmissbrauches wurde der Statthalter ermordet, und durch eine Deputation von Geistlichen ließen sie den Kaiser wissen, sie würden sich, sofern ihr Vergehen nicht verziehen und ihr ausstehender Sold nicht bezahlt werde, freudig bereit finden, auf die verlockenden Angebote Totilas einzugehen. Aber der Befehlshaber, der dem erschlagenen Statthalter nachfolgte (sein Name war Diogenes) erwarb sich ihre Achtung und ihr Zutrauen; und die Goten, die sich eine leichte Beute ausgemalt hatten, begegneten stattdessen einem verbissenen Widerstand der Soldaten und Städter, welche auch den Verlust des Hafens und damit aller Zufuhr von See her geduldig ertrugen.

Vielleicht hätte man die Belagerung Roms abgebrochen, hätte nicht Totilas Großzügigkeit einige ihrer käuflichen Landsleute verführt, es auch einmal mit Verrat zu versuchen. In einer finsteren Nacht, während die Kriegstrompete der Goten auf der anderen Seite der Stadt erdröhnte, öffneten sie heimlich das Tor von St. Paul: die Barbaren schlüpften hinein, die Besatzung floh, doch wurde sie niedergemacht, bevor sie noch den Hafen von Centumcellae erreichen konnten. Ein Krieger mit Namen Paul von Cilicien, der durch die Schule Belisars gegangen war, zog sich mit 400 Mann auf die Mole Hadrians zurück. Sie schlugen die Goten zurück; aber sie fühlten das Herannahen einer weiteren Hungersnot, und ihre Abneigung gegen den Geschmack des Pferdefleisches bestärkte sie in ihrem Entschluss, alles auf einen entscheidenden Verzweiflungsausfall ankommen zu lassen. Doch allgemach lieh ihr hoher Mut auch den Kapitulationsangeboten Gehör; durch den Eintritt in Totilas Dienste erhielten sie ihren rückständigen Sold sowie ihre Waffen und Pferde zurück; ihre Anführer, die eine durchaus löbliche Anhänglichkeit an ihre Frauen und Kinder im fernen Osten vorschützten, wurden in allen Ehren entlassen, und etwa vierhundert Feinde, die sich in heilige Stätten geflüchtet hatten, rettete des Siegers Gnade. Er verfolgte auch nicht weiter den Gedanken, die Gebäude Roms zu zerstören Die Römer bewahrten immer noch eine gewisse Anhänglichkeit an die Denkmale ihrer Altvordern; und glaubt man Prokopios (Got. 4,22), dann wurde die Galeere des Äneas mit einer einzigen Reihe von Ruderbänken (25 Fuß breit und 120 Fuß lang) völlig unversehrt in der Werft beim Monte Testaceo am Fuße des Aventin aufbewahrt. (Nardini, Roma Antica, 7, 9, p. 466. Donatus, Rom Antiqua, 4,3, p. 334). Doch das ganze Altertum weiß nichts von dieser Reliquie., welches er jetzt vielmehr als die Königsstadt des Gotenreiches achtete. Senat und Volk wurden der Vaterstadt wiedergegeben; man sorgte für reichlichen Unterhalt; und Totila, angetan mit den Friedenshabit, veranstaltete im Zirkus Pferderennen.

Während er so für die Unterhaltung der Menge sorgte, wurden vierhundert Fahrzeuge bereitgestellt, um Truppen einzuschiffen. Rhegium und Tarent wurden genommen; dann setzt er nach Sizilien über, dem Ziel seines unverwelklichen Hasses; und die Insel wurde beraubt: ihres Goldes und Silbers, der Ernte und einer unzählbaren Menge von Pferden, Schafen und Ochsen. Sardinien und Korsika entschieden sich für das Los Italiens, auch stattete eine Flotte von dreihundert Galeeren In diesen Meeren fahndete Prokopios vergeblich nach der Insel der Kalypso. Man zeigte ihm auf Phäakia oder Kerkyra das versteinerte Schiff des Ulysses (Odys. 13, 163), er aber fand nur eine rezente Ansammlung von Steinen, das Weihgeschenk eines Kaufmannes an Jupiter Cassius (4,22). Eustathius hielt es für eine phantastische Felsformation. der Küste Griechenland einen Besuch ab. Die Goten waren in Kerkyra und dem alten Festland von Epirus gelandet; sie gelangten bis Nikopolis, Augustus' Siegesdenkmal und Dodona Herr d'Anville (Memoires de l'Acad. Band 32, p. 513–528) verbreitet Licht über den Meerbusen von Ambracia, kann aber Dodona nicht eindeutig verorten. Ein Land, das man noch von Italien aus sehen kann, ist unbekannter als die Wildnis von Amerika., vorzeiten berühmt als das Orakel Jupiters. Bei jedem weiteren Sieg wiederholte der kluge Barbar Justinian sein Verlangen nach Frieden, rühmte die Eintracht zwischen ihren Vorgängern und bot an, die gotischen Waffen in den Dienst des Reichs zu stellen.

JUSTINIANS VORBEREITUNGEN ZUM GOTENKRIEG 549 – 551

Justinian stellte sich indessen taub gegen die Stimme des Friedens, vernachlässigte aber gleichzeitig die Fortführung des Krieges, und so war seine Trägheit im gewissen Umfang seinen zählebigen Leidenschaften hinderlich. Aus diesem heilsamen Schlummer weckte den Kaiser indessen der Papst Vigilius und der Patrizier Cethegus, welcher vor seinem Throne auftauchten und ihn in Gottes und Volkes Namen beschworen, die Eroberung und Befreiung Italiens wieder aufzunehmen. Bei der Wahl seiner Feldherren ließ er Launenhaftigkeit ebenso erkennen wie Einsicht. Unter dem Oberkommando von Liberius wurden Flotten- und Heeresmacht abgefertigt, Sizilien zu befreien; aber seine Jugend und sein Mangel an Erfahrung entdeckten sich erst nach und nach, und ehe er überhaupt einen Fuß an Land gesetzt hatte, hatte ihn sein Nachfolger bereits eingeholt und ersetzt. An die Stelle des Liberius wurde der Verschwörer Artaban direkt aus dem Gefängnis auf einen hohen militärischen Rang befördert; dies unter der frommherzigen Arbeitshypothese, dass Dankbarkeit seine Tapferkeit neuerlich beleben und seine Treue festigen werde. Belisar ruhte im Schatten seiner Lorbeeren aus, doch der Oberbefehl über die Hauptarmee blieb dem kaiserlichen Neffen Germanus Man sehe die Leistungen des Germanus in der öffentlichen Geschichte (Vandal. 2, 16 – 18; Goth. 3, 31- 32) und der nichtöffentlichen (Anekdota 5), sowie die seines Sohnes bei Agathias, (4, p. 130f.). Ungeachtet eines unklaren Ausdrucks bei Jordanes (fratri suo: seinem Bruder) hat Alamannus erwiesen, dass er der Nefe des Kaisers war. aufgespart, dessen Rang und Meriten der missgünstige Hof für lange Zeit kleingeredet hatte. Theodora hatte ihm in der Wahrung seiner bürgerlichen Rechte, der Verheiratung seiner Kinder und dem Testament seines Bruders Unrecht zugefügt, und so rein und unangreifbar sein Auftreten auch war, Justinian gefiel es dennoch übel, dass die Neider ihm ihr Vertrauen zu schenken schienen.

Das Leben des Germanus war ein Lehrstück des unbedingten Gehorsams; vornehm weigerte er sich, seinen Namen oder sein Ansehen einer der Zirkusparteien anzudienen; unschuldiger Frohsinn milderte den Ernst seiner Sitten; und seine Reichtümer verlieh er bedürftigen oder verdienten Freunden ohne einen Gedanken an eigene Interessen. Seine Tapferkeit hatte schon zuvor über die Donau-Slawen und afrikanischen Rebellen obsiegt. Die ersten Gerüchte von seiner Beförderung belebten die Hoffnungen Italiens aufs Neue; und er selbst erhielt geheime Kunde, dass ein Haufen römischer Deserteure bei seiner Annäherung Totilas Fahne verlassen werde. Seine zweite Ehe mit Theoderichs Enkeltochter Malsuntha machte Germanus den Goten selbst teuer, und nur widerstrebend zogen sie gegen den Vater eines Prinzen, des letzten aus dem Hause der Amaler »Coniuncta Aniciorum gens cum Amala stirpe spem adhuc utriusque generis promittit« (Aus der Verbindung der Anicier mit dem Geschlecht der Amaler erwuchs bis zu diesem Augenblick beiden Geschlechtern Hoffnung), Jornandes, c. 60, p. 703. Er schrieb in Ravenna noch vor Totilas Tod..

Eine glänzende Ausstattung wurde ihm vom Kaiser angewiesen; der Feldherr schoss sein Privatvermögen dazu, seine beiden Söhne waren populär und umtriebig, und er selbst übertraf mit der Schnelligkeit und dem Erfolg seiner Rekrutierung jedermanns Erwartungen. Er hatte Vollmacht, einige Schwadrone thrakischer Reiterei auszuheben; Veteranen und Jugendliche aus Konstantinopel und Europa schlossen sich freiwillig an; und bis ins innerste Germanien zogen sein Ruf und seine Freigebigkeit die Hilfeleistung der Barbaren an. Die Römer rückten bis Sardica vor; ein Heer von Slawen entfloh bei seiner Annäherung; aber innerhalb von zwei Tagen nach ihrem endgültigen Abmarsch gingen alle Pläne des Germanus zuschanden, durch seine Erkrankung und seinen Tod. Aber der Anstoß, den er dem italienischen Kriege gegeben hatte, wirkte fort, energisch und mit Nachdruck. Die Hafenstädte Ancona, Crotona und Centumcellae widerstanden Totilas Attacken; Sizilien ward durch Artabans Eifer bezwungen und die Seemacht der Goten an der Adriaküste geschlagen. Beide Flotten waren nahezu gleich stark, siebenundvierzig gegen fünfzig Galeeren; die Erfahrung und Geschicklichkeit der Griechen entschieden den Sieg; aber so eng waren die Schiffe ineinander verkeilt, dass nur zwölf aus der gotischen Flotte diesem Unglücksgefecht entkamen. Sie gaben sich die Miene, ein Element zu verachten, mit dem sie wenig Umgang hätten; aber auch ihre Erfahrung bestätigte die Regel, dass der nur Beherrscher der See immer auch das feste Land besitzen kann Mit dem Tod des Germanus endet das 3. Buch von Prokopios. (Add. 4, 23-26)..

NARSES. SEIN CHARAKTER UND SEINE FELDZÜGE IM JAHRE 552

Den Völkern Europas nötigte nach dem Tod des Germanus die befremdliche Nachricht ein Lächeln ab darüber, dass der Oberbefehl über die römische Heeresmacht einem Eunuchen übertragen worden sei. Aber der Eunuch Narses gehört zu den ganz Wenigen, welche diesen Schmähnamen von der Verachtung und der allgemeinen Abneigung der Menschheit freigesprochen haben Prokopios erzählt den ganzen Verlauf dieses zweiten Gotenkrieges und Narses' Sieg (4,21 und 31-35). Eine glanzvolle Szenerie! Unter den sechs Themen zu epischen Dichtungen, die Tasso in seiner Seele bewegte, schwankte er zwischen der Eroberung Italiens durch Belisar oder Narses. (Hayley's Werke, Band 4, p-70). In einem schwächlichen, verstümmelten Körper hielt sich die Seele eines Staatsmannes und Kriegers verborgen. In seiner Jugend war er wesentlich mit Webstuhl und Spinnrocken befasst, mit Hauswirtschaftsfragen und dem Dienst an der weiblichen Üppigkeit. Während aber so seine Hände beschäftigt waren, übte er insgeheim die Fähigkeiten seines starken und durchdringenden Verstandes. In den Schulen und im Lager ein Fremdling, lernte er im Palast die Kunst der Verstellung, des Schmeichelns und der Überredung; und als er erst einmal Zutritt zur Person des Kaisers hatte, lauschte Justinian mit Erstaunen und Wohlgefallen auf die Ratschläge seines Kammerdieners und privaten Schatzmeisters Narses' herkunft ist unbekannt, den er sollte nicht mit dem Persarmenier verwechselt werden. Prokopios (Got. 2,13) nennt ihn den Schaffner der königlichen Schatulle, Paul Warnefrid, (2,3, p. 776,) Chartularius (Briefbesorger) ; Marcellinus fügt noch Cubicularius (Hüter des Schlafgemaches) hinzu. Eine Inschrift an der Salarianischen Brücke nennt ihn Ex-consul, Ex-praepositus, Cubiculi Patricius genannt (Mascou, Hist. of the Germans, 13, 25). Das Gesetz des Theodosius gegen die Eunuchen war entweder verjährt oder abgeschafft (Annot.20) aber die läppische Prophezeiung der Römer stand noch im vollen Safte. (Prok. 4,21). Die Talente des Narses wurden verschiedentlich auf Gesandtschaften erprobt und verfeinert; einmal führte er eine Armee nach Italien, erwarb sich praktische Kenntnisse des Krieges, lernte das Land kennen und verstieg sich dazu, es mit Belisars Genie aufnehmen zu können.

Zwölf Jahre nach seiner Rückkehr beauftragte man den Eunuchen, die Eroberung zu vollenden, die der erste der römischen Generäle unvollendet hatte liegen lassen. Statt sich aber nun von Eitelkeit oder Wetteifer verblenden zu lassen, erklärte er mit Bestimmtheit, dass er ohne eine angemessene Heeresmacht niemals sein und seines Herrschers Ansehen auf das Spiel setzen würde. Justinian versprach seinem Favoriten, was er dem Helden vielleicht verweigert hätte: der Gotenkrieg wurde erneut aus der Asche angefacht, und die Vorbereitungen waren der Größe des alten Reiches nicht unwürdig. Er verfügte über den Schlüssel zum Staatsschatz, um Magazine anzulegen, Soldaten zu werben, Waffen und Pferde aufzukaufen, den ausstehenden Sold zu bezahlen und um die Treue der Überläufer und Flüchtlinge schwankend zu machen. Die Truppen des Germanus waren noch unter Waffen, sie standen in Salona in der Erwartung eines neuen Heerführers, und Legionen aus neuen Untertanen und Verbündeten entstanden dank der bewährten Freigebigkeit des Verschnittenen Narses. Der König der Langobarden Der Langobarde Paul Warnefried berichtet mit Wohlbehagen vom Beistand, dem Dienst und der ehrenvollen Entlassung seiner Landsleute: »reipublicae Romanae adversus aemulos adjutores fuerant,« (Sie waren Helfer gegen die Feinde Roms). 2,1, p. 774, edit. Grot. Mich überrascht, dass ihr kriegsfroher König Alboin nicht in Person dabei war. erfüllte seine vertraglichen Verpflichtungen und übertraf sie sogar, indem er zweitausendzweihundert seiner wackersten Krieger zur Verfügung stellte, denen wiederum dreitausend kriegserprobte Begleiter folgten. Dreitausend Heruler kämpften zu Pferde unter Pilemuth, ihrem angestammten Fürsten, und der edle Aratus, der sich Sitten und Kultur Roms angeeignet hatte, führte eine Veteranentruppe vom gleichen Stamme an. Dagistheus wurde vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, ein Hunnenkontingent anzuführen; Kobad endlich, Enkel und Neffe des Großkönigs, verbreitete Glanz mit der königlichen Tiara an der Spitze seiner getreuen Perser, die sich dem Schicksal ihres Fürsten geweiht hatten Er war, falls er kein Betrüger war, der Sohn des blinden Zames, wurde aus Mitleid gerettet und aus unterschiedlichen Beweggründen –Politik, Stolz, Großmut- in Byzanz erzogen. Prok. Pers. 1,23.. Unumschränkt in der Ausübung seiner Befehlsgewalt, noch unbeschränkter in der Zuneigung seiner Leute, führte Narses ein zahlenmächtiges und tapferes Heer von Philippopolis nach Salona, von wo er an der östlichen Adriaküste bis zu den Grenzen Italien vorrückte.

Doch da geriet sein Fortkommen ins Stocken. Der Orient war außerstande, hinreichend Schiffe zu liefern, die solche Massen an Pferden und Mannschaften hätten übersetzen können. Die Franken, die sich in der allgemeinen Unübersichtlichkeit der Provinz Venetia bemächtigt hatten, verweigerten den Freunden der Langobarden den freien Durchgang. Die Stellung von Verona hielt Teias mit der Blüte der gotischen Streitkräfte besetzt; dieser vielerprobte Truppenführer hatte die Umgegend mit niedergeholzten Wäldern und künstlichen Überschwemmungen unpassierbar gemacht Von Augustus' Zeiten bis ins Mittelalter war die ganze Landschaft von Aquileia bis Ravenna eine einzige Wildnis aus Wäldern, Seen und Morast. Der Mensch hat die Natur bezwungen und das Land bebaut, als man das Wasser einzudämmen die linke Flanke wurd von der Reiteri der Hunnen gedeckt, die rechte Seite von gelernt hatte. Man sehe hierzu die gelehrten Untersuchungen von Muratori, (Antiquitat. Italiae Medii Aevi. Band 1, dissert 21, p. 253, 254), von Vitruvius, Strabo, Herodian, alten Landkarten und lokalen Kenntnissen.. In dieser Verlegenheit schlug ein altgedienter Offizier eine Maßnahme vor, die trotz ihrer scheinbaren Tollkühnheit zuverlässig war: dass nämlich die römische Armee entlang der Adriaküste vorrücken sollte, während eine Flotte ihnen voransegeln und nacheinander Schiffsbrücken über die Flüsse Timavus, Brenta, Etsch und Po schlagen sollte, die alle nördlich von Ravenna in die Adria mündeten. Neun Tage blieb er in der Stadt, sammelte die abgesprengten Teile der italienischen Armee und rückte dann gegen Rimini vor, den Herausforderungen eines übermütigen Feindes zu begegnen.

TOTILAS NIEDERLAGE UND TOD – JULI 552

Klugheit drängte Narses zu einer baldigen Entscheidungsschlacht. Seine Heeresmacht war die letzte Kraftanstrengung des Staates gewesen; die Kriegskosten jedes einzelnen Tages häuften sich zu einer ungeheuren Gesamtrechnung an, und die Kriegsvölker, die weder an Disziplin noch an längere Strapazen gewöhnt waren, mochten leicht die Geduld verlieren und dann die Waffen gegeneinander oder ihren Wohltäter kehren. Eben diese Überlegungen hätten Totilas Hitze abkühlen sollen; aber er war sich bewusst, dass Volk und Geistlichkeit Italiens auf eine zweite Umwälzung hofften, er fühlte oder argwöhnte schnelles Anwachsen von Verrat ringsum und beschloss daher, das Königreich der Goten auf den Zufall eines einzigen Tages zu setzen, an welchem die Tapferen durch die unmittelbare Gefahr befeuert und die Unzuverlässigen wegen der allgemeinen Ungewissheit sich in Zurückhaltung üben würden. Auf seinem Marsch von Ravenna bestrafte der römische Feldherr noch die Garnison von Rimini, rückte auf kürzestem Wege über das Gebirge von Urbino und benutzte dann wieder die Via Flaminia neun Meilen unterhalb des durchbohrten Felsens, welches künstliche oder naturgegebene Hindernis seinem Vormarsch durchaus hätte hinderlich sein können Die Via Flaminia, wie sie von d'Anville (Analyse de l'Italie, p. 147–162) nach Itinerarien und den zuverlässigsten modernen Karten berichtigt worden ist, hat folgenden Verlauf: Rom bis Narni, 51 Römische Meilen; Terni, 57; Spoleto, 75; Foligno, 88; Nocera, 103; Cagli, 142; Intercisa, 157; Fossombrone, 160; Fano, 176; Pesaro, 184; Rimini, 208–ca. 189 Englische Meilen. Vom Ende Totilas nimmt er keine Notiz; aber Wesseling (Itiner. p. 614) ersetzt die unbekannte Bezeichnung Ptanias, 8 Meilen von Nocera, gegen das Feld von Taginas..

Die Goten hatten sich unfern Roms versammelt, rückten ohne Verzug vor, einem überlegenen Feind zu begegnen, und beide Heere kamen einander bis auf zwölf Meilen zwischen Tagina Taginae oder besser Tadinae wird von Plinius erwähnt; aber das Bistum dieser wenig bekannten Stadt, eine Meile von Gualdo entfernt, ward 1007 mit dem von Nocera vereint. Die Spuren des Altertums sind noch in einigen lokalen Bezeichnungen zu erkennen: Fossato, das Lager; Capraia, Caprea; Bastia, Busta Gallorum. Siehe Cluverius, (Italia Antiqua, 2,6 p. 615, 616, 617) Lucas Holstenius, (Annotat. ad Cluver. p. 85, 86,) Guazzesi, (Dissertat. p. 177–217, eine Untersuchung ex professio) und die Karten des Kirchenstaates und der Mark Ancona von le Maire und Magini. und den Gräbern der Gallier Die Schlacht wurde im Jahre 458 a.u.c. geschlagen; der Konsul Decius sicherte durch Aufopferung seines Lebens seinem Land und dem Mitkonsul Fabius den Sieg (Liv. 10, 28f.). Prokopios schreibt den Sieg bei der Busta Gallorum dem Camillus zu; sein Irrtum wird von Cluverius mit dem nationalistischen Vorurteil »Nugamenta Gaecorum« (Griechischer Unfug) getadelt. nahe. Die hochtönende Botschaft des Narses war kein Friedens- sondern ein Begnadigungsangebot, und die Antwort des Gotenkönigs kündete folglich von der Bereitschaft, zu siegen oder zu sterben. »Welchen Tag,« sprach der Bote, »bestimmst du zum Kampfe?« – »Den achten,« erwiderte Totila; aber schon am nächsten Tag in der Frühe versuchte er eine Überrumpelung des Feindes, der allerdings mit einer List gerechnet und sich zur Schlacht gerüstet hatte. Zehntausend Heruler und Langobarden von erprobter Tapferkeit und fragwürdiger Treue standen im Zentrum. Beide Flügel bestanden aus achttausend Römern; die rechte Flanke wurde von der Reiterei der Hunnen gedeckt, die linke von 1500 auserlesenen Reitern, deren Aufgabe es war, je nach den Erfordernissen der Schlacht den Rückzug ihrer Kameraden zu decken oder den Feind von der Seite her anzugreifen. Von seinem eigentlichen Posten an der Spitze des rechten Flügels ritt der Eunuch die Front ab, gab durch Stimme und Geste seine Siegeszuversicht zu erkennen, ermahnte die Soldaten des Kaisers, die Schuld und den Wahnsinn einer Räuberbande zu bestrafen und ließ vor ihren Augen Goldketten und Halsbergen funkeln, die Belohnungen für militärische Tapferkeit. Den Ausgang eines Zweikampfes deuteten sie als Omen für den günstigen Ausgang der Schlacht; mit Vergnügen beobachteten sie den Mut von fünfzig Bogenschützen, die eine kleine Anhöhe gegen drei aufeinander folgende Attacken der gotischen Reiterei behaupteten. In der Entfernung von nur zwei Bogenschusslängen verbrachten die beiden Heere den Morgen in einem zermürbenden Schwebezustand, wobei die Römer einige unentbehrliche Nahrung zu sich nahmen, ohne den Brustpanzer zu öffnen oder ihren Pferden das Zaumzeug abzunehmen. Narses erwartete den Angriff, den Totila aber solange verschieben wollte, bis seine letzte Verstärkung –zweitausend Goten – zu ihm gestoßen wären. Während der König die Stunden mit fruchtlosen Unerhandlungen zubrachte, zeigte er auf engem Raum die Stärke und Geschicklichkeit eines Kriegers. Seine Rüstung war mit Gold plattiert, seine Purpurfahne flatterte: er schleuderte seinen Spieß in die Luft; fing sie mit der Rechten wieder auf; wechselte ihn in die Linke, warf sich selbst nach hinten; saß erneut im Sattel und tummelte sein lebhaftes Ross in allen Schritten und Gangarten der Hohen Reitschule.

Sobald aber die Hilfsvölker eingetroffen waren, suchte er sein Zelt auf, legte Kleidung und Rüstung eines gewöhnlichen Soldaten an und gab das Signal zur Schlacht. Die Reiterei, die die erste Linie bildete, rückte mit viel Mut und wenig Umsicht voran und ließ so die Infanterie der zweiten Linie hinter sich. Schon bald befanden sie sich zwischen den Spitzen eines Halbmondes, zu welchem sich die feindlichen Flügel unmerklich eingekrümmt hatten, und wurden jetzt von allen Seiten von den Salven der viertausend Bogenschützen empfangen. Ihre Hitze und selbst ihre missliche Lage trieb sie voran in ein dichtes und ungleiches Handgemenge, in welchem sie nur ihre Lanzen einsetzen konnten gegen einen Feind, der in allen Kampf- und Waffentechniken gleichermaßen geübt war. Ein edler Wettstreit beseelte die Römer und ihre barbarischen Bundesgenossen, so dass Narses, der ihre Anstrengungen in Seelenruhe überblickte und lenkte, im Zweifel war, wem er denn nun den Preis für die größte Tapferkeit zuerkennen sollte. Die Reiterei der Goten geriet in Verwirrung und Auflösung, wurde zusammengedrängt und gesprengt, und die Infanterie wurde, anstatt ihre Lanzen vorzuhalten oder die Zwischenräume zu öffnen, unter den Hufen der fliehenden Pferde zertrampelt. Sechstausend Goten wurden auf dem Feld von Tagina gnadenlos niedergemacht. Ihr Fürst aber wurde nebst fünf Begleitern von Asbad von Stamme der Gepiden eingeholt. »Schone wenigstens den König von Italien,« rief eine getreue Stimme, dann durchbohrte Asbads Speer Totilas Leib. Im nächsten Augenblick hatten die treuen Goten die Tat gerächt; dann trugen sie ihren sterbenden König sieben Meilen von dem Schauplatz seiner Niederlage fort, und wenigsten wurden ihm seine letzten Augenblicke nicht durch die Anwesenheit seiner Feinde verbittert. Mitgefühl gewährte ihm den Schutz eines armseligen Grabes, doch die Römer waren ihres Sieges nicht eher froh, als bis sie den Leichnam des Gotenkönigs gesehen hatten. Sein mit Edelsteinen reich besetzter Helm und sein blutiges Gewand wurden Justinian von den Siegesboten vorgelegt Theophanes, Chron. p. 193. Hist. Miscell.16, p. 108.

NARSES EROBERT ROM

Sobald Narses sich dem Spender des Sieges und der gebenedeiten Jungfrau, seiner besonderen Schutzheiligen, in Andacht hingegeben hatte Evagrius, 4,24. Die Eingebung der heiligen Jungfrau offenbarte Narses den Tag und die Parole der Schlacht (Paulus Diaconus, 2,3, p. 776)., belobigte, belohnte und entließ er die Langobarden. Diese wackeren Wilden hatten Dörfer in Asche gelegt, ehrbare Matronen und Jungfrauen von Altar fortgezerrt und wurden dafür nun von einem starken Detachement regulärer Krieger auf ihrem Rückzug beobachtet, auf dass sich derlei Gräuel nicht wiederhole. Dann setzte der siegreiche Eunuch seinen Marsch durch die Toscana fort, nahm die Unterwerfung der Goten an, hörte das Freudengeheul und öfters noch die Beschwerden der Italiener und umstellte die Mauern Roms mit den immer noch furchtbaren Resten seines Heeres. Auf diesem weiten Umkreis wies Narses jedem seiner Unterfeldherren einen Platz für einen echten oder vorgetäuschten Angriff an, während er insgeheim diejenige Stelle bezeichnete, die einen einfachen und unbewachten Zugang ermöglichte. Weder die Festungswerke des Hadrianischen Bollwerkes noch die des Hafens konnten seinen Siegeslauf hemmen, und so erhielt Justinian neuerlich die Schlüssel der Stadt Rom, welches unter seiner Regierung insgesamt fünfmal genommen und wiedererobert wurde Im Jahre 536 von Belisar, 546 von Totila, 547 von Belisar, 549 von Totila und 552 von Narses. Maltretus hat unachtsamerweise sextum (sechsmal) übersetzt, welche Irrtuzm er später widerrufen hat; aber der Fehler war in der Welt, und Cousin nebst einem Gefolge von lateinischen oder französischen Lesern saßen in der Falle..

Aber die Befreiung Roms war die letzte Misshelligkeit des römischen Volkes. Die barbarischen Verbündeten des Narses verwechselten immer wieder Kriegsrecht mit dem des Friedens. Und die Verzweiflung der Goten suchte sich mit blutiger Rache zu trösten, indem Totilas Nachfolger dreihundert Jünglinge, die man als Geiseln über den Po geschickt hatte, auf unmenschliche Weise ermordeten. Das Schicksal des Senates hingegen bietet eine eindrückliche Lehre von der Unbeständigkeit der menschlichen Verhältnisse: Von den Senatoren, die Totila außer Landes verbannt hatte, wurden etliche von einem Offizier Belisars gerettet und von Campanien nach Sizilien verbracht; andere wiederum waren zu schuldbeladen, um noch auf Justinians mildem Sinn zu vertrauen, andere waren zu arm, um sich für ihre Flucht an die Küste wenigstens ein Pferd zu verschaffen. Ihre Gebrüder schmachteten fünf lange Jahre im Elend und Verbannung; Narses' Sieg belebte ihre Hoffnungen, aber die aufgebrachten Goten kamen ihrer vorzeitigen Rückkehr nach Rom zuvor, und alle Festungen Campaniens waren mit dem Blut von Patrioten besudelt Man vergleiche zwei Textstellen bei Prokopios (3,26 und 4,24), welche zusammen mit einigen nebensächlichen Hinweisen von Marcellinus und Jordanes den Zustand des sterbenden Senats illustrieren.. Nach einem Zeitraum von immerhin dreizehn Jahrhunderten erstarb diese Einrichtung des Romulus; und wenn die Edlen Roms auch fortfuhren, den Senatorentitel zu tragen, lassen sich später nur wenige Spuren von einer öffentlichen Sitzung oder einem verfassungskonformen Stande feststellen. Und dann sehe man sechs Jahrhunderte zurück und betrachte die Könige der Erde, die als die Freigelassenen oder Sklaven des Senates um eine Audienz nachsuchten Siehe am Beispiel des Prusias, wie es in den Fragmenten des Polybius dargestellt wird (Excerpt. Legat. 98, p. 927, 928), ein interessantes Bild eines solchen königlichen Sklaven.!

NIEDERLAGE UND TOD VON TEJA, DES LETZTEN GOTENKÖNIGS – MÄRZ 553

Der Gotenkrieg indessen war noch nicht beendet. Die Tapfersten dieses Volkes zogen sich über den Po zurück und wählten Teja zum Nachfolger und Rächer ihres dahingegangenen Helden. Der neue König schickte unverzüglich Botschafter ab, um die Hilfe der Franken zu erflehen, besser wohl: zu erkaufen, und setzte großzügig die Schätze, die im Palast zu Ravenna lagerten, für die allgemeine Sicherheit ein. Was übrig war vom königlichen Hort, das bewahrte sein Bruder Aligern zu Cuma in Campanien. Doch wurde das von Totila befestigte starke Kastell von Narses mit Nachdruck belagert. Von den Alpen bis zum Fuße des Vesuv zog der Gotenkönig in geheimen Eilmärschen, seinem Bruder beizustehen, überlistete die Aufmerksamkeit der römischen Bewacher und schlug sein Lager am Ufer des Sarnus oder Draco Der Drako des Prokopios (Got. 4,35) ist eindeutig der Sarnus. Der rasche und gewalttätige Eingriff des Cluverius (4,3, p. 1156) hat dem Text geschadet und ihn verändert. Aber Camillo Pellegrini von Neapel (Discorsi sopra la Campania Felice, p. 330, 331) hat mit alten Aufzeichnungen bewiesen, bereit im Jahre 822 dieser Fluss Dracontio, oder Draconcello genannt wurde. auf, der von Nuceria in den Golf von Neapel fließt.

Dieser Fluss trennte beide Heere. Sechzig Tage vergingen mit ergebnislosen Fern-Geplänkeln, Teja behauptete diesen wichtigen Posten, bis ihn seine Flotte und damit die Hoffnung auf Nachschub verließen. Widerstrebend bestiegen sie den Lactarischen Berg, wohin die Ärzte Roms seit Galens Zeiten ihre Patienten geschickt hatten, der wohltätigen Luft und Milch halber Galen (de Method. Medendi, l. v. apud Cluver. 4,3, p. 1159, 1160) beschreibt sie hohe Lage, die reine Luft und die fette Milch des Berges Lactarius, dessen heilsame Eigenschaften auch in Symmachus (6, epist. 18) und Cassiodors (Var, 11,10) Zeiten bekannt und gerühmt waren. Hiervon ist außer dem Stadtnamen Lettere nichts geblieben.. Die Goten fasten indessen einen beherzteren Entschluss: den Berg hinab zu steigen, ihre Pferde freizulassen und mit ihren Waffen in der Hand und in Freiheit zu sterben. An ihrer Spitze zog ihr König, die Lanze in der Rechten und einen gewaltigen Schild in der Linken; mit der einen stieß er die vordersten der anstürmenden Feinde nieder, mit der anderen wehrte er die Waffen ab, die jede Hand gegen sein Leben zu richten begehrte. Nach mehrstündigem Kampf war sein Arm ermattet von dem Gewicht der zwölf Speere, die in seinem Schild steckten. Ohne sich zur Seite zu bewegen oder mit seinen Hieben auszusetzen, rief der Held seinen Gefolgsleuten zu, ihm einen frischen Schild zu reichen. Doch genau in dem Moment, wo seine Seite ungedeckt war, durchbohrte ihn ein tödlicher Pfeil. Er fiel; und sein Kopf, auf einen Speer gesteckt, verkündete den Völkern, dass das Königreich der Goten aufgehört hatte zu sein.

Doch das Beispiel seines Todes bewirkte lediglich, dass seine Gefährten, die mit ihrem Anführer unterzugehen geschworen hatten, nur umso wütender weiterfochten. Sie kämpften, bis die Dunkelheit auf die Erde niedersank. Auf ihren Waffen ruhten sie aus. Da das Licht wiederkehrte, wurde das Gefecht erneut aufgenommen und mit unverminderter Wut bis zum Abend behauptet. Die Ruhe der zweiten Nacht, der Wassermangel und der Tod ihrer tapfersten Gefährten bestimmten sie, die vorteilhaften Kapitulationsbedingungen anzunehmen, die Narses ihnen anzudienen klug genug war. Sie hatten die Wahl, sich entweder in Italien als Justinians Untertanen und Soldaten anzusiedeln oder mit einem Teil ihres persönlichen Eigentums auszuwandern, um einen neuen, unabhängigen Wohnsitz zu suchen Buat (Band 9, p.2 ff) führt diese Überbleibsel der Goten in sein liebes Baiernland, während andere wiederum sie in Uri begraben oder ihnen ihre vaterländisches Gotland zurückgeben. (Mascou, Annot. 21).

Eintausend Goten indessen wiesen Treueeid oder Exil im Trotz zurück, brachen auf noch vor Unterzeichnung des Vertrages und vollendeten ihren kühnen Rückzug bis vor die Mauern von Pavia. Der kühne Geist und die missliche Lage bewogen Aliger, seinem Bruder nachzueifern, nicht ihn zu beweinen: als ein starker und präziser Bogenschütze hatte er mit einem einzigen Schuss die Rüstung und die Brust eines Feindes durchbohrt; seine militärischen Fähigkeiten verteidigten Cumae Ich überlasse Scaliger (Animadvers. in Euseb. p. 59) und Salmasius (Exercitat. Plinian. p. 51, 52) den Streit über den Ursprung von Cumae, der ältesten Kolonie der Griechen in Italien, (Strabo 5, p. 372; Velleius Paterculus 1,4), in Iuvenals Zeiten aufgegeben (Sat. 3) und heute eine Ruinenstätte. ein ganzes Jahr gegen die Übermacht der Römer. Diese hatten mit vielem Fleiß die Grotte der Sibylle Aghathias (1,21) verlegt die Grotte der Sibylle unter die Stadtmaueer von Cumae: er stimmt mit Servius (ad 6. Buch Aeneis) überein, und ich kann auch nicht begreifen, warum der vorzügliche Vergilherausgeber Heyne (Band 2, 650f.) ihre Auffassung zurück weist. Indessen: Cumae war noch nicht erbaut, und die Verse 6,96 und 97 wären albern, wenn Aeneas sich in einer griechischen Stadt befände. zu einer gewaltigen Mine ausgeschaufelt; dann wurde Brennmaterial hineingelegt, um die provisorischen Stützbalken zu verbrennen. Die Mauer und das Stadttor von Cumae stürzten in die Höhle, aber die Trümmer bildeten einen steilen, unzugänglichen Abgrund. Auf einem Felsbrocken stand Aligern, allein und unerschüttert, bis er in aller Ruhe die hoffnungslose Lage seines Landes durchdacht und es für ehrenhafter befunden hatte, der Freund des Narses als der Sklave der Franken zu sein. Nach dem Tod von Teja teilte der Feldherr seine Truppen auf, um die Städte Italiens einzeln zu bezwingen. Lucca hielt eine längere und schwere Belagerung aus; und tatsächlich ging Narses' Menschlichkeit oder Klugheit so weit, das selbst die wiederholte Treulosigkeit der Bewohner ihn nicht dazu bestimmte, das Leben der Geiseln zu fordern. Sie wurden vielmehr unversehrt entlassen, und in dankbarem Eifer überwanden sie endlich die abweisende Hartnäckigkeit ihrer Landsleute Es ist einigermaßen schwierig, Prok. Got. 4,35 und Agathias 1. Buch zu harmonisieren. Wir müssen nun einen Staatsmann und Krieger verlassen, um einem Dichter und Redner zu folgen. (1, p. 11 und 2, p. 51, ed. Louvre)..

EINFALL DER FRANKEN UND ALAMANNEN IN ITALIEN – AUGUST 553

Noch vor der Übergabe Luccas wurde Italien von einer Barbaren-Sintflut überschwemmt. Ein dürftiges Jüngelchen, Chlodwigs Enkel, herrschte über die austrasischen oder Ost-Franken. Die Vormünder von Theodebald nahmen die großspurigen Versprechen der gotischen Gesandten mit Kälte und Abneigung auf. Aber die Gemütslage eines kriegsfreudigen Volkes schlug die ängstlichen Einwände des Hofes in den Wind: die Brüder Lothar und Buccelin Zu den Fabel-Taten von Buccelin gehört der große Sieg über Belisar, die Eroberung von Italien, Sizilien etc. Sie hierzu die Geschichtsschreiber Frankreichs, Gregor von Tours, (Band 2; 3,32, p. 203,) und Aimoin, (Band 3; 2. de Gestis Francorum, c. 23, p. 59)., die Herzöge der Alamannen, warfen sich auf zu Anführern in diesem Italienfeldzug auf. Siebenundfünfzigtausend Germanen stiegen im Herbst aus den rhätischen Alpen zu Tal und in die Ebene von Mailand. Der römische Vortrab stand nahe am Po unter dem Kommando des Fulkaris, eines kühnen Herulers, welcher sich raschbedacht die Meinung gebildet hatte, dass die einzige Pflicht eines Heerführers seine persönliche Tapferkeit sei. Als er nun ohne Ordnung und Vorausschau längs der Via Aemilia dahinzog, brachen unvermittelt die Franken aus ihrem Hinterhalt im Amphitheater von Parma hervor; seine Truppen wurden überrumpelt und zerstreut, aber ihr Anführer weigerte sich zu fliehen und erklärte bis zum letzten Augenblick, der Tod sei weniger schrecklich als Narses' Zorn. Fulkaris Tod und die Flucht der überlebenden Kommandeure halfen den schwankenden und rebellischen Goten zu einer Entscheidung: Sie flohen zu den Fahnen ihrer Befreier und ließen sie in die Städte ein, die bis dahin noch den Waffen des Römischen Generals widerstanden.

Italiens Eroberer gestattete dem unwiderstehlichen Strom der Barbaren die ungehinderte Passage. Sie rückten vor die Mauern Cesenas und erübrigten für Aligerns Hinweis nur Drohungen und Vorwürfen, dass nämlich die Schätze der Goten die Ausgaben für den Einmarsch nicht leisten könnten. Zweitausend Franken verloren durch Narses' Können und Mut ihr Leben, indem er an der Spitze von dreihundert Berittenen einen Ausfall aus Rimini unternahm, um die Räubereien während ihres Marsches zu bestrafen. An der Grenze zu Samnium teilten die Brüder ihre Streitkräfte. Mit dem rechten Flügel übernahm Buccellin die Plünderung von Lucaniens und Bruttiums; mit dem linken wollte sich Lothar Apulien und Calabrien zur Beute nehmen. Sie folgten dem Küstenverlauf der Adria beziehungsweise des Mittelmeeres bis Rhegium und Othranto, und erst die äußersten Landspitzen Italiens beendeten ihren Plünderungsfeldzug. Die Franken, welche brave Christen und Katholiken waren, gaben sich mit Raub zufrieden und mordeten nur gelegentlich ein wenig. Doch wurden die Kirchen, die zu verschonen ihre Frömmigkeit sie vermocht hatte, jetzt zum Opfer der frevelnden Hände der Alamannen, welche ihren eigenen Wald- und Flussgottheiten Pferdeköpfe opferten Agathias ergeht sich in philosophischem Ductus über ihren Aberglauben (1, p.18). In Zug in der Schweiz war der Aberglauben noch bis in das Jahr 613 lebendig. St. Columban und St. Gallus waren die Apostel jener rauen Landstriche; letzterer begründete eine Einsiedelei, welche sich zu einem geistlichen Fürstentum und einer volkreichen Stadt auswuchs, dem Sitz der Freiheit und des Handels.; sie schmolzen die heiligen Gefäße ein, profanisierten sie, und die zertrümmerten Heiligenschreine und Altäre wurden mit dem Blut der Gläubigen befleckt. Buccelin war vom Ehrgeiz und Lothar von Habsucht getrieben. Jener wollte das gotische Königreich wieder herstellen, dieser versprach seinem Bruder schleunige Hilfeleistung und kehrte dann auf demselben Wege über die Alpen zurück, seine Kriegsbeute in Sicherheit zubringen. Klimawechsel und ansteckende Seuchen hatten ihre Truppen mittlerweile dezimiert: die Germanen schwelgten ausgelassen in Italiens Weinernte; und ihre eigen Maßlosigkeit wurde gewissermaßen zum Rachewerkzeug einer schutzlosen Bevölkerung.

FRANKEN UND ALAMANNEN DURCH NARSES BESIEGT – 554

Zu Beginn des Frühjahrs rückten die Kaiserlichen, die bis dahin die Städte beschützt hatten, nahe Rom in einer Stärke von achtzehntausend Mann zusammen. Im Winter war man indessen auch nicht müßig gewesen. Auf Befehl und nach dem Vorbild von Narses wiederholten sie Tag für Tag ihre Kriegsübungen zu Fuß und zu Pferde; gewöhnten sich daran, dem Trompetenschall zu gehorsamen und übten die Schritte und Entwicklungen des pyrrhischen Waffentanzes. Von der Straße von Messina rückte Buccelin mit dreißigtausend Franken und Alamannen allmählich nach Capua vor, besetzte mit einem Holzturm die Brücke von Casilium, deckte seine rechte Seite durch den Fluss Vulturnus, den übrigen Teil des Lagers durch einen Wall mit spitzen Pfählen und durch eine Wagenburg, deren Räder fest in der Erde staken und wartete dann nur noch mit Ungeduld auf Lothars Rückkunft; ach! er ahnte ja nicht, dass sein Bruder niemals zurückkehren würde, vielmehr mitsamt seinem Heer am Ufer des Benacus-Sees zwischen Trient und Verona von einer seltsamen Seuche weggerafft worden war Zum Tode Lothars siehe Agatias 2, p. 38 und Paul Warnefried, Diakonus zubenannt. (2,3, p. 775) Der Grieche lässt ihn wahnsinnig werden und sich selbst zerfleischen. Hatte er doch Kirchen geplündert..

Schon bald wehten die Fahnen von Narses am Vulturnus, und ängstlich blickte Italien auf den Ausgang dieses letzten, entscheidenden Gefechtes. Am hellsten leuchtete das Talent des Narses während der ruhigen, unauffälligen Operationen, die dem Getümmel einer Schlacht vorausgehen. Durch geschickte Manöver schnitt er den Feind von der Zufuhr ab, beraubte ihn der Vorteile, die ihm die Brücke und die Lage am Fluss boten, und nötigte ihn so, sich bei der Wahl des Geländes und des Zeitpunktes der Schlacht nach dem Willen des Gegners zu richten. Am Morgen des entscheidenden Tages, als die Truppen schon geordnet standen, ward ein Knecht wegen eines ganz trivialen Vergehens von seinem Herren, dem Anführer der Heruler, getötet. Narses Gerechtigkeitssinn oder sein Zorn erwachten; er forderte den Mörder vor sich und gab, ohne auf seine Entschuldigung zu hören, dem Blutrichter das Zeichen. Wenn der grausame Feldherr auch nicht die Gesetze seines Volkes verletzt hatte, so war diese willkürliche Hinrichtung ebenso ungerecht, wie sie unklug gewesen zu sein scheint. Die Heruler fühlten die Schmach; sie machten Halt; aber ohne ihre Wut zu besänftigen oder ihren Entschluss abzuwarten, rief der römische General ihnen zu, als die Trompeten erschallten, wenn sie nicht augenblicklich an ihren Platz zurückkehrten, sie von allen Ehren des Sieges ausgeschlossen sein sollten.

Seine Truppen bildeten ein lange Front Pere Daniel (Hist. de la Milice Francoise, Band 1. p. 17–21) hat von dieser Schlacht ein Phantasiegemälde entworfen wie etwa auch der Chevalier Folard, des weiland berühmten Polybiosherausgebers, der alle militärischen Operationen des Altertums nach seinen persönlichen Gewohnheiten oder Auffassungen ummodelte. mit der Kavallerie an den Flügeln; im Zentrum stand die schwerbewaffnete Infanterie, im Hintertreffen Bogenschützen und Schleuderer. Die Germanen bildeten eine scharf zugespitzte Marschsäule fast in der Form eines Dreiecks oder eines massiven Keils. Leicht durchbrachen sie das schwache Zentrum des Narses, der sie mit einem Lächeln in diese Todesfalle tappen ließ und seine Reiterflügel unauffällig anwies, allmählich um ihre Flanke herum zu schwenken und ihr Hintertreffen anzugreifen. Das Heer der Franken und Alamannen bestand aus Infanterie: ein Schwert und ein Schild hing an ihrer Seite, während ihre Angriffswaffen eine schwergewichtige Streitaxt und ein Wurfspieß mit Widerhaken waren, welche Waffen nur im Handgemenge oder auf geringe Entfernung furchtbar waren.

Die Elite der römischen Bogenschützen umkreiste ohne eigene Gefahr diese unbewegliche Phalanx, ersetzte das, was ihr durch ihre kleine Zahl abging, durch rührige Gewandtheit und schoss ihre Pfeile in eine Schar von Barbaren, welche anstelle eines Panzers und Helms nur ein lockeres Gewand aus Pelz oder Leinen trug. Sie hielten inne, sie bebten, ihre Ordnung löste sich auf, und im entscheidenden Moment griffen die Heruler, denen mehr an Ruhm als an Rache gelegen war, mit furchtbarem Ungestüm die Spitze der Kolonne an. Ihr Anführer Sinbal und der Gotenfürst Aligern verdienten den Preis für die höchste Tapferkeit und ihr Beispiel befeuerte die siegreichen Truppen, die Vernichtung des Feindes mit Schwert und Spieß zu vollenden.

Buccelin und der größte Teil seiner Armee kam auf dem Schlachtfeld um, im Wasser des Vulturnus oder von der Hand der erbitterten Bauern; aber kaum glaublich will es scheinen, dass ein Sieg, den nur fünf Alamannen überlebten, mit dem Tod von lediglich achtzig Römern sollte erkauft worden sein Agathias hat ein griechisches Epigramm von sechs Zeilen über diesen Sieg des Narses erstellt (2, p. 47), den er gefällig mit den Siegen bei Marathon und Platää vergleicht. Der Hauptunterschied liegt in der Tat in den jeweiligen Folgen, die im ersten Falle fast schon trivial, um zweiten so bleibend und ruhmreich sind.. Siebentausend Goten, die Überlebenden des Krieges, verteidigten die Festung Campsa bis zum nächsten Frühjahr; und jeder Bote des Narses berichtete von der Einnahme italienischer Städte deren Namen durch die Ignoranz oder die Eitelkeit der Griechen verballhornt wurden Das Beroia und Brincas des Theophanes –oder seines Kopisten- muss man als Verona oder Brixen lesen.. Nach dem Sieg von Casilinum zog Narses in die Hauptstadt ein; die Waffen und die Schätze der Goten, Franken und Alamannen wurden zur Schau gestellt; seine Krieger sangen, Kränze in den Händen, das Lob des Überwinders und Rom erlebte zum letzten Male überhaupt so etwas wie einen Triumph.

ZUSTÄNDE IN ITALIEN 554 – 568

Nach sechzig Jahren gotischer Regierung wurde der Thron zu Ravenna von Exarchen besetzt, welche den Kaiser der Römer in Friedens- und Kriegzeiten vertraten. Ihre Gerichtsbarkeit wurde schon bald auf die engen Grenzen einer Provinz beschränkt, doch Narses, der erste und mächtigste dieser Exarchen, verwaltete fünfzehn Jahre lang das ganze Italien. Wie Belisar hatte auch er sich die Ehrungen verdient, die aus Neid, übler Nachrede und Ungnade erwachsen: aber immerhin besaß der siegreiche Eunuch noch Justinians Vertrauen; oder der Anführer einer siegreichen Armee bändigte selber den Undank des furchtsamen Hofes. Und es waren auch nicht Schwäche und verderbliche Nachsicht, mit der Narses die Anhänglichkeit seiner Truppen sicherstellte. Uneingedenk der Vergangenheit, unbesorgt um die Zukunft, widmeten sie sich ganz der Gegenwart, ihrem Frieden, ihrem Wohlstand. Italiens Städte hallten wider vom lärmenden Trink- und Tanzveranstaltungen; die Siegesbeute wurde in sinnlicher Lust vergeudet, und es blieb nichts anderes zu tun übrig, sagt Agathias, als dass sie ihre Helme und Schilde gegen die sanfttönende Laute und das geräumige Weinfass tauschten Agathias 2, p. 58. In der ersten Szene von Richard III. hat unser englischer Dichter diesen Einfall schön ausgearbeitet, für den er dem byzantinischen Historiker allerdings nicht verpflichtet ist.. In einer machtvollen Rede, eines römischen Zensors nicht unwürdig, herrschte der Eunuch sie wegen dieser sittenlosen Zustände an, die ihren Ruhm verdunkelten und ihre Sicherheit gefährdeten. Die Krieger erröteten und gehorchten; die Kriegszucht ward gefestigt, die Festungen restauriert, und die Verteidigung der größeren Städte sowie das militärische Oberkommando wurden in die Hände eines dux gelegt Maffei (Verona Illustrata. P. i. l. x. p. 257, 289) hat entgegen der allgemeinen Auffassung gezeigt, dass die italienischen duces schon vor der Eroberung durch die Langobarden durch Narses selbst eingesetzt wurden. In der pragmatischen Sanktion (Nr. 23) beschränkt er die iudices militares (Militärrichter)., während Narses' wachsames Auge das weite Feld von Kalabrien bis an die Alpen durchmusterte.

Wer von den Goten überlebt hatte, verließ das Land oder vermischte sich mit der Bevölkerung. Die Franken verzichteten darauf, Buccelin zu rächen und verließen kampf- und widerspruchslos ihre italienischen Eroberungen, und der rebellische Herulerkönig Sindbal ward besiegt, gefangen und an hohem Galgen aufgehängt infolge der unnachsichtigen Gerechtigkeit des Exarchen Paulus Diaconus 3,2, p. 776. Menander (Excerp. Legat. p. 133) erwähnt ein paar Unbotmäßigkeiten der Franken in Italien, und Theophanes (p. 201) gibt ein paar Hinweise auf gotische Erhebungen.. Die bürgerlichen Verfassungskonstrukte wurden nach den Erschütterungen eines langen Sturmes durch eine pragmatische Sanktion festgesetzt, die der Kaiser auf Ersuchen des Papstes promulgierte. Justinian führte seine Jurisprudenz in den Rechtsschulen und Gerichtshöfen des Westens ein; er bekräftigte die gesetzlichen Erlasse und die seiner direkten Nachfolger, aber jede Maßnahme, die unter der Regierung des Thronräubers Totila durch Gewalt erzwungen oder aus Furcht unterschrieben worden war, wurde für ungültig erklärt, abgeschafft und aufgehoben. Es wurde eine gemäßigte Theorie ersonnen, durch welche die Eigentumsrechte mit der Sicherheit der Verjährung; die staatlichen Ansprüche mit der Armut des Volkes; und die Begnadigung von Verbrechen mit dem Interesse des Rechtsfriedens und der gesellschaftlichen Ordnung vereinbart werden konnten.

Rom war unter den Exarchen auf den zweiten Rang herabgesunken. Dann erhielten die Senatoren die Erlaubnis, ihre italienischen Besitztümer aufzusuchen und sich ohne Hindernisse dem Thron von Konstantinopel zu nähern; Papst und Senat wurden mit der Ordnung der Maße und Gewichte beauftragt; die Besoldung der Rechtsgelehrten und Ärzte, der Redner und Elementarlehrer (›Grammatiker‹) sollten dazu beitragen, das Licht der Wissenschaft über der alten Hauptstadt auch fernerhin zu bewahren oder neuerlich zu entzünden. Justinian mochte wohlmeinende Beschlüsse erlassen Die Pragmatische Sanction, welche die bürgerlichen Verhältnisse in Italien festschreibt und reguliert, besteht aus 27. Artikeln, ist vom 15. August 554 datiert und an Narses, den Praepositus sacri cubiculi sowie an Antiochus, Praefectus Praetorio Italiae gerichtet; und ist von Julianus Antecessor und im Corpus Iuris Civilis im Anschluss an die Novellen und Edikte Justinians, Justins und Tiberius' aufbewahrt worden. und Narses seine Wünsche durch Wiedererrichtung von Städten und besonders der Kirchen unterstützen. Aber die Könige sind nun einmal am wirkmächtigsten dann, wenn es ums Zerstören geht, und so hatten zwanzig Jahre Gotenkrieg Italiens Entvölkerung und Not vollendet. Schon im vierten Feldzug starben trotz Belisars gegenteiliger Bemühungen fünfzigtausend Arbeiter Eine noch größere Anzahl starb Hungers in den südlichen Provinzen außerhalb des Ionischen Meerbusens. Anstelle von Brot musste man Eicheln essen. Prokopios hatte gesehen, wie ein verwaistes Kind von einer Ziege gesäugt wurde. Siebzehn Reisende wurden von zwei Frauen beherbergt, ermordet und verzehrt, wofür sie der achtzehnte totschlug. allein in der kleinen Region von Picenum Quinta regio Piceni est; quondam uberrimae multitudinis, CCCLX millia Picentium in fidem P. R. venere, (Die fünfte Region gehört zu Picenum; einstmals von gewaltiger Bevölkerungszahl, haben sich 360.000 Picener in den Schutz der römischen Volkes begeben. Plin. Hist. Natur. 3,18). Bereits zu Vespasians Zeiten war dieses alte Volk stark vermindert. an Unterernährung, und bei einer wörtlichen Auslegung der Angaben von Prokopios würde der Verlust an Menschenleben in Italien über die Anzahl seiner gegenwärtigen Einwohner anschwellen Vielleicht 15 oder 16 Millionen. Prokopios (Anekdota 18) berechnet, dass Afrika fünf Millionen verlor und Italien mit dem dreifachen Umfang einen proportional stäkeren Verlust an Bevölkerung erlitten hat. Aber seine Berechnung wird von Leidenschaft erhitzt und von Ungenauigkeit umdunkelt..

EINBRUCH DER BULGAREN

Ich möchte es ja gerne glauben, wage es aber nicht zu behaupten, dass Belisar über Narses' Triumph ungeheuchelte Freude empfand. Indessen konnte ihn das Bewusstsein seiner eigenen Leistung lehren, neidlos die Verdienste seines Rivalen anzuerkennen, zumal auch die Ruhe des alten Kriegers durch einen letzten Sieg geschmückt wurde, durch den er den Kaiser und seine Hauptstadt rettete. Die Barbaren, die alljährlich Europas Provinzen heimsuchten, wurden durch zufällige Niederlagen nicht in dem Maße entmutigt, wie sie die zwiefache Aussicht auf Beute und Hilfsgelder aufmunterte. Im zweiunddreißigsten Winter von Julians Herrschaft war die Donau tief zugefroren. Zabergan führte die Reiterhorden der Bulgaren, und seinen Fahnen folgte ein buntscheckiger Haufen slawischer Völker nach. Ohne Widerstand zu erfahren querte der Barbarenhäuptling den Fluss, überschwemmte mit seinen Truppen Makedonien und Thrakien und rückte mit nicht mehr als siebentausend Kriegern bis vor die langen Mauern, welche das Gebiet von Konstantinopel hätten schützen sollten. Aber Menschenwerk ist ohnmächtig gegen die Angriffe der Natur: erst jüngst hatte ein Erdbeben die Mauern in ihren Fundamenten erschüttert, und die Streitkräfte des Reiches standen an den fernen Grenzen Italiens, Persiens und Afrikas. Die sieben Schulen Die Satire des Prokopios (Anekd. 24) über den Verfall dieser militärischen Schule wird von Agathias (5, p. 159) bestätigt und kommentiert, den man nicht als einen voreingenommenen Zeugen ablehnen darf. – oder Kompanien – der Leibwache – oder Haustruppen – waren auf fünftausendfünfhundert Mann aufgefüllt worden, die üblicherweise in den friedlichen Landstädten Asiens stationiert waren. Aber die Stellen der wackeren Armenier waren allmählich immer mehr von den trägen Städtern eingenommen, die hier Befreiung von den bürgerlichen Pflichten suchten, ohne sich jetzt den Gefahren des Kriegsdienstes auszusetzen. Von Soldaten diesen Schlages fühlten sich nur wenige versucht, Ausfälle aus den Stadttoren zu machen, und schon gar nicht konnten sie beredet werden, im Felde zu bleiben, es sei denn, ihnen ging die Behändigkeit oder Schnelligkeit ab, den Bulgaren zu entkommen. Die Berichte der Flüchtlinge übertrieben Zahl und Grausamkeit der Feinde, welche heilige Jungfrauen geschändet und Neugeborene Hunden und Geiern zum Fraß vorgeworfen hatten; auch eine Bauernschar, welche Schutz und Nahrung erbat, mehrte die Bestürzung der Hauptstadt, zumal die Zelte des Zabergan in einer Entfernung von zwanzig Meilen aufgeschlagen wurden, am Ufer eines kleinen Flusses Die Entfernung von Konstantinopel nach Melanthias, Villa Caesarea, (Ammian. Marcellin. 30,11), wird unterschiedlich mit 102 oder 140 Stadien angegeben, (Suidas, Band 2, p. 522, 523. Agathias, 5, p. 158,) oder 18 oder 19 Meilen, (Itineraria, p. 138, 230, 323, 332, und Wesseling, Observations). Die ersten 12 meilen bis Rhegium ließ Justinian pflastern sowie eine Brücke über eine Morast oder einen Abgrund zwischen einem Landsee und dem Meer schlagen. (Prok. De Aedif. 4,8), welcher Melanthias umkreist und anschließend in die Propontis mündet Der Atyras, (Pompon. Mela, 2, 2, p. 169, edit. Voss). An der Flussmündung ließ Justinian eine Festung mit gleichem Namen anlegen (Prok. De Aedif. 4,2. Itinerar. p. 570, und Wesseling).. Justinian bebte: und wer Justinian nur in seinem hohen Alter gesehen hatte, gefiel sich in der Annahme, dass er die Spannkraft und Munterkeit seiner Jugend verloren habe. Auf sein Geheiß wurden die heiligen Gold- und Silbergefäße aus den Kirchen der Umgebung, ja sogar der Vorstädte Konstantinopels fortgeschafft; auf den Wallanlagen sammelten sich zitternder Zuschauer, am Goldenen Tor machten sich nutzlose Generäle und Tribune wichtig, während der Senat mit dem Volk die Sorgen und Ängste teilte.

BELISARS LETZTER SIEG

Aber die Augen des Kaisers und des Volkes schauten auch auf einen mitgenommenen Veteranen, den die öffentliche Notlage zwang, wiederum die Rüstung anzulegen, in denen er in Karthago eingezogen und Rom verteidigt hatte. Hastig wurden die Pferde aus den kaiserlichen Stallungen, aus den Ställen der Bürger und selbst noch aus dem Circus zusammengetrieben. Der Name Belisar regte Alt und Jung zu einer Art Wetteifer an, und sein erstes Feldlager bezog er vor den Augen eines siegreichen Feindes. Seine Umsicht und die vereinte Hilfe freundlich gesonnener Bauern sicherten zusammen mit Wall und Graben die Ruhe in der ersten Nacht; ungezählte Lagerfeuer und wurden mit Vorbedacht so angelegt, dass sie, zusammen mit künstlichen Staubwolken, die Schätzungen über die Truppenstärke in die Höhe trieben; und plötzlich schlug die Mutlosigkeit seiner Krieger in Verwegenheit um; und während zehntausende lauthals nach einer Schlacht verlangten, verschwieg Belisar seine Überzeugung, dass in der Stunde der Entscheidung er sich letztlich auf die Standhaftigkeit von dreihundert Veteranen würde verlassen müssen.

Am nächsten Morgen rückte die bulgarische Reiterei zum Angriff vor. Da aber hörten sie das Feldgeschrei von Tausenden, sahen Waffen und Schlachtordnung der Front, wurden auch schon an den Flügeln von zwei Hinterhalten bestürmt, die im Walde verborgen waren; die Krieger in der vordersten Linie fielen von der Hand des greisen Feldherren und seiner Leibwache; und die Behändigkeit ihrer Schwenks wurde durch die kompakten Angriffe der Römer wirkungslos. In diesem Gefecht verloren die Bulgaren nur vierhundert Pferde, so schnell war ihre Flucht; doch Konstantinopel war gerettet; und Zabergan, der die Hand des Meisters gespürt hatte, zog sich in respektvolle Entfernung zurück. Aber im Rate des Kaisers hatte er zahlreiche Fürsprecher, und Belisar gehorchte mit Unwillen dem Befehl der Scheelsucht und dem Verbot Justinians, die Befreiung seines Heimatlandes zu vollenden. Bei seiner Rückkehr in die Stadt begleitete das Volk seinen Triumph mit dankbarem Jubelgeschrei, da es die ausgestandene Gefahr durchaus noch nicht vergessen hatte; dies aber wurde dem siegreichen Feldherrn als Verbrechen ausgelegt. Als er nämlich den Palast betrat, begegneten ihm die Hofschranzen mit eisigem Schweigen, und der Kaiser ließ ihn nach einer kalten und undankbaren Umarmung abtreten, damit er sich unter den Tross der Sklaven mischen möge. Doch war der Eindruck, den sein Ruhm in den Gemütern der Menschheit hinterlassen hatte, so tief, dass Justinian noch in seinem 77. Lebensjahr sich 40 Meilen von der Stadt entfernte, um sich in höchsteigener Person die Fortschritte bei der Restauration der Langen Mauern zu inspizieren.

Die Bulgaren vergeudeten den Sommer in der Ebene Thrakiens; da aber ihre planlosen Überfälle auf Griechenland und die Chersones fehlgeschlagen waren, zeigten sie größere Friedensbereitschaft. Die Zahlung schwerer Lösegelder wurde beschleunigt, indem man ihnen die Tötung der Gefangenen aus ihrem Volke androhte. Befeuernd auf Zabergans Abzug wirkte sich auch die Nachricht aus, dass auf der Donau Schiffe mit doppeltem Bug gebaut würden, mit denen man ihm den Rückzug abschneiden wollte. Die Gefahr war schon bald vergessen; und nur die müßige Frage, ob der Herrscher mehr Weisheit oder mehr Schwäche habe erkennen lassen, versorgte die arbeitsscheue Stadt mit Gesprächsstoff Der Krieg gegen die Bulgaren und Belisars letzter Krieg werden durch Agathias' ausuferndes Pathos (5, 154-174) und Theophanes' trockene Chronik (p. 197f.) nur unvollkommen dargestellt..

BELISARS UNGNADE UND TOD – 561

Etwa zwei Jahre nach Belisars letztem Sieg kehrte der Kaiser von einer Reise heim, die ihn der Gesundheit, der Geschäfte oder der Andacht halber nach Thrakien geführt hatte. Justinian litt unter starkem Hauptweh, und sein nichtöffentlicher Einzug gab dem Gerücht von seinem Tode Nahrung. Vor der dritten Stunde des Tages waren die Bäckerläden leergekauft, die Häuser verriegelt und jedweder Bürger erwartete mit Bangen oder Hoffen den bevorstehenden Krawall. Um die neunte Tagesstunde waren die Senatoren zusammen gekommen, Furcht und Argwohn im Herzen; der Stadtpräfekt erhielt von ihnen Weisung, jedes Stadtviertel aufzusuchen und eine allgemeine Festbeleuchtung zur Feier der Wiedergenesung des Kaisers anzuordnen. Die Unruhe legte sich; aber jeder kleine Vorfall dokumentierte die Machtlosigkeit der Regierung und die angespannte Stimmung des Volkes: Die Leibwachen zeigten sich zum Meutern aufgelegt, sobald nur ihre Quartiere verlegt wurden oder der Sold ausblieb; gewöhnliche Zwischenfälle, Brände oder kleinere Erdbeben lieferten den Anlass für Getöse; die Dauerfehden der Grünen und Blauen, der Orthodoxen und Ketzer arteten zu regelrechten Gefechten aus, und in Gegenwart des persischen Gesandten wusste Justinian über sich selbst und sein Volk nur noch zu erröten.

Begnadigungen je nach Laune und willkürliche Bestrafungen verschärften noch den Verdruss und die Unzufriedenheit über eine allzu lange Regierung; eine Palastverschwörung ward angezettelt; und wenn uns die Namen Marcellus und Sergius nicht trügen, so waren der tugendhafteste und der verworfenste der Höflinge an demselben Vorhaben beteiligt. Der Zeitpunkt der Durchführung war festgelegt, ihr Rang gestattete ihnen jederzeit den Zutritt zur kaiserlichen Tafel, ihre schwarzen Sklaven »Indous«. Schwerlich waren es die wahren Inder; und die Äthiopier, die eine Zeitlang unter diesem Namen bekannt waren, wurden niemals als Wachen oder Gefolgsleute eingesetzt: sie waren die ebenso albernen wie kostspieligen Objekte für weiblichen und kaiserlichen Luxus. (Terent. Eunuch. 1.Akt, 2. Szene; Sueton. Aug. 83 mit brauchbaren Anmerkungen von Casaubon zu Caligula 57). waren in der Vorhalle und den Portikos aufgestellt, den Tod des Tyrannen zu verkünden und den Aufstand in der Stadt loszutreten. Aber die Unachtsamkeit eines Mitverschworenen rettete den erbärmlichen Rest der Tage, die Justinian noch zu leben vergönnt war. Die Verschwörer wurden entdeckt und mitsamt den Dolchen unter ihren Kleidern festgesetzt: Marcellus starb von eigener Hand, Sergius wurde aus dem Heiligtum weggerissen Sergius (Vandal. 2, 21 und 22, Anecdot. 5) und Marcellus (Goth. 3, 32) werden von Prokopios erwähnt. Siehe Theophanes, p. 197, 201.. Gewissensbisse und die Hoffnung auf Gnade verleiteten ihn dazu, zwei Offiziere aus Belisars Haushalt zu beschuldigen; und unter der Folter erpresste man ihnen das Geständnis, dass sie nur geheime Weisungen ihres Patrons befolgt hätten Alemannus (p.3) zitiert hier eine alte byzantinische Handschrift, welche in Banduri Imperio Orientali abgedruckt ist..

Die Nachwelt wird sich nicht so bald einreden lassen, dass ein Held, der in der Blüte seines Lebens zahlreiche Gelegenheiten ausgeschlagen hatte, Rachsucht und Ehrgeiz zu bedienen, sich ausgerechnet jetzt, da er seinen Fürsten nur kurze Zeit zu überleben hoffen konnte, zu seiner Ermordung bereit gefunden habe. Seine Freunde rieten mit Ungeduld zur Flucht; Flucht hätte aber durch Empörung unterstützt werden müssen, und er selbst hatte für seinen Ruhm und seine Natur genug gelebt. Belisar erschien also vor dem Rat (3. Dez. 563) weniger mit Furcht als mit Zorn; nach vierzig Jahren treuer Dienste hatte der Kaiser ohne Prüfung im Voraus seine Schuld festgestellt; und dieses Unrecht wurde durch die Gegenwart des Patriarchen gleichsam noch geheiligt. Gnadenvoll wurde Belisars Leben geschont, man raubte ihm aber sein Vermögen und bewachte von Dezember bis Juli seinen Palast, wo er wie ein Gefangener gehalten wurde. Endlich wurde seine Unschuld anerkannt (15. Juli 564), Freiheit und Ehrenstellen erhielt er zurück, und der Tod, der durch Gram und Verbitterung beschleunigt sein mochte, nahm ihn von dieser Welt etwa im achten Monat nach seiner Befreiung (13. März 565).

Der Name Belisar ist unsterblich. Aber anstelle des Leichenbegängnisses, der Ehrendenkmäler, der Bildsäulen, auf die sein Andenken jeden Anspruch hatte, lese ich bloß, dass der Kaiser seine Schätze, Spolien der Goten und Vandalen, unverzüglich an sich raffte. Indessen ließ man seiner Witwe einen angemessenen Anteil zum Nießbrauch, und da Antonina vieles zu bereuen hatte, widmete sie das, was ihr noch an Leben und Vermögen blieb, der Gründung eines Klosters. – Dieses ist die schlichte und getreuliche Erzählung von Belisars Ende und Justinians Schäbigkeit Die Originalurkunden über Belisars Ungnade und Wiedereinsetzung befindet sich bei Johannes Malala (Bd. 2, p. 234-243) und der genauen Chronik des Theophanes (p. 194-204) Cedreneus (Compend. p. 387, 388) und Zonaras (Bd. 2. 14, p. 69) scheinen zwischen der vergessenen Wahrheit und der sich durchsetzenden Unwahrheit zu schwanken.. Dass er erblindete und vom Neid dazu gezwungen wurde, sein Brot zu erbetteln (»Gebt dem General Belisar einen Pfennig«), ist spätere Erfindung Die Herkunft dieses müßigen Märchens geht auf ein Werk vermischten Inhaltes aus dem 12. Jhdt. zurück, den Chiliaden des Mönches Johannes Tzetzes (Basil. 1546, ad calcem Lycophront. Colon. Allobrog. 1614, in Corp. Poet. Graec.). Er erzählt die Geschichte von Blindheit und Bettelei Belisars in zehn gemeinen, politischen Versen (Chiliad 3, Nr. 88, 339–348, in Corp. Poet. Graec. Band 2, p. 311). Diese moralisch-romanhafte Erzählung kam mit der Sprache und den Handschriften Griechenlands nach Italien; noch vor dem Ende des 15. Jhdts. wiederholt von Crinitus, Pontanus, und Volaterranus, bestritten von Alciat, zur Ehre der Gesetze, und von Baronius (A.D. 561, Nr. 2) verteidigt, zur Ehre der Kirche. Doch hatte Tzetzes in anderen Chroniken davon gelesen, dass Belisar nicht erblindete und dass er auch seinen Ruf und sein Vermögen wieder erlangte., welche viel Glauben und Beifall gefunden hat als ein eindrucksvolles Beispiel für die Wechselfälle des Lebens Die Statue in der Villa Borghese zu Rom, sitzend und mit geöffneter Hand, in der man gemeinhin Belisar erkennen will, kann mit mehr Berechtigung Augustus zugeschrieben werden, wie er gerade die Nemesis versöhnt. (Winckelman, Hist. de l'Art, Band 3, p. 266.) »Ex nocturno visu etiam stipem, quotannis, die certo, emendicabat a populo, cavana manum asses porrigentibus praebens,« (Ebenfalls aufgrund einer nächtlichen Vision pflegte er (Augustus) jährlich an einem bestimmten Tag das Volk um Almosen anzubetteln, und streckte denen, die ihm ein Ass geben wollten, die hohle Hand hin. Sueton, Aug. 91, mit einer trefflichen Anmerkung von Casaubon.).

CHARAKTER JUSTINIANS – SEIN TOD 14. NOVEMBER 565

Sollte sich der Kaiser tatsächlich über Belisars Tod gefreut haben, so genoss er diese niedere Genugtuung nur für acht Monate, die letzte Etappe einer achtunddreißigjährigen Regierung und eines dreiundachtzigjährigen Lebens. Es dürfte schwer fallen, das Charakterbild eines Herrschers zu entwerfen, der in seiner eigenen Zeit nicht zu den auffälligsten Objekten gehörte, aber die Anerkennung eines Feindes kann für den zuverlässigsten Beweis seiner Tugenden genommen werden. Mit einiger Bosheit weist er auf die Ähnlichkeit Justinians mit der Portraitbüste Domitians hin Der rubor (rötliche Gesichtsfarbe) des Domitian ist von Tacitus' Feder feinsinnig genug gebrandmarkt worden (Agric. 45), wurde in ähnlicher Weise von Plinius d.J. angemerkt (Panegyr. 48) sowie von Sueton (Domit. 18 und Casaubon ad loc.). Prokopios (Anec. 8) glaubt einfältigerweise, dass lediglich eine einzige Domitianbüste das 6. Jh. erreicht habe.; gesteht ihm jedoch einen wohlproportionierten Habitus zu, eine rötliche Gesichtsfarbe und gefällige Züge. Der Kaiser war nicht unnahbar, hörte zu mit Geduld, war höflich und leutselig im Gespräch und auf alle Fälle Herr über den Zorn, der ja oftmals mit mörderischer Gewalt im Busen der Despoten tobt. Prokopios rühmt seine Gemütsverfassung, um ihn dann den Vorwurf der kühl berechneten Grausamkeit zu machen; aber in den Verschwörungen gegen sein Leben und seine Herrschermacht wird ein objektiver Beurteiler Justinians Gerechtigkeitssinn schätzen oder seine Milde bestaunen. Er war wohl im privaten Umgang keusch und mäßig: aber eine bedachtsame Liebe zur Schönheit würde weniger Unheil angerichtet haben als seine eheliche Zärtlichkeit für Theodora; und die vom ihm geübte Enthaltsamkeit war nicht philosophischer Einsicht, sondern dem Aberglauben eines Mönches geschuldet. Seine Mahlzeiten waren kurz und frugal; während der wichtigen Fastenzeiten begnügte er sich mit Wasser und pflanzlicher Kost; und so machtvoll waren seine Inbrunst und seine Leibesstärke, dass er oftmals zwei Tage und ebenso viele Nächte ohne jede Nahrung auskommen konnte. Ebenso streng maß er sich die Zeit zum Schlafen zu: nach nur einer Stunde der Ruhe ward der Leib von der Seele geweckt, und zum Erstaunen seines Kammerdieners ging er umher oder studierte bis zum Tagesanbruch. Ein derart rastloser Fleiß vermehrte ihm die Zeit zur Erweiterung seiner Kenntnisse Justinians Studien und Kenntnisse werden durch das Bekenntnis des Prokopios (Anek. 8 und 13) als durch sein Lob (Gothic. 3, 31; de Edific. 1, Proem.7) belegt. Man beachte den umfänglichen Index des Alemannus und lese Ludewigs Justinian-Biographie p. 135-142. oder zur Erledigung von Staatsgeschäften; und ernstlich muss man ihm an dieser Stelle vorwerfen, dass er durch pedantisches und überflüssiges Kümmelspalten den Gang seiner Verwaltung empfindlich gestört hat.

Der Kaiser hielt sich selbst für einen Tonkünstler und Baumeister, für einen Dichter und Philosophen, für einen Rechts- und Gottesgelehrten, und wenn es ihm auch nicht glückte, die christlichen Sekten zu vereinen, so bleibt doch die Revision der römischen Rechtswissenschaft ein respektables Denkmal seines Geistes und Fleißes. In der Regierung des Reiches indessen war er weniger weise und weniger vom Erfolg begünstigt: es waren erbärmliche Zeiten, sein Volk war unzufrieden und bedrückt, Theodora missbrauchte ihre Machtstellung, eine Serie von unfähigen Ministern machte seinen Maßregeln Schande, und so kam es, dass Justinian zu Lebzeiten nicht geliebt und nach seinem Tode nicht vermisst wurde. Tief verwurzelt in ihm war die Ruhmsucht, aber er verfolgte einen trübseligen Ehrgeiz und trachtete nach Titeln, Ehrenbezeugungen und Anerkennung der Zeitgenossen; und indem er nach der Bewunderung der Römer strebte, verspielte er ihre Achtung und Zuneigung.

Der Plan zu dem afrikanischen und italienischen Feldzug war ebenso kühn in der Anlage wie in der Durchführung; und seinem Scharfsinn ist die Entdeckung von Belisars Talenten im Lager und des Narses im Palast zu danken. Aber der kaiserliche Name wird von denen seiner erfolgreichen Feldherren verdunkelt; und Belisar ist uns noch heutet gegenwärtig, um ihm Neid und Undank vorzuhalten. Die parteiische Gunst der Menschen jubelt dem Eroberer zu, welcher seine Untertanen im Felde führt und leitet. Philipp der Zweite und Justinian zeichnen sich durch jenen kalten Ehrgeiz aus, der an Kriegen Freude hat, aber den Gefahren des Krieges aus dem Wege geht. Dennoch stellt eine Kolossalstaue aus Erz den Kaiser dar, wie er sich anschickt, zu Pferde und in der Kriegstracht des Achill gegen die Perser zu ziehen. Auf dem großen Platz vor der Sophienkathedrale war dieses Denkmal auf einer ehernen Säule und einem siebenstufigen, steinernen Podest aufgeführt, während die Säule des Theodosius, die siebentausendvierhundert Pfund Silber wog, von eben diesem Platz von Justinians Habsucht und Eitelkeit fortgeschafft wurde. Spätere Herrscher übten gegen Justinian mehr Nachsicht und mehr Gerechtigkeit; der ältere Andronicus ließ zu Beginn des 14. Jhs. seine Bildsäule ausbessern und verschönen: nach dem Untergang des Reiches haben die Türken sie zu einer Kanone umgeschmolzen Siehe in der C. P. Christiana des Ducange (1,24, No. 1) eine Sammlung von Originalzeugnissen von Prokopios im 6. bis zu Gyllius im 16. Jh..

KOMETEN, ERDBEBEN, PESTILENZ

Ich möchte dieses Kapitel mit der Beschreibung der Kometen, Erdbeben und Seuchen beschließen, welche in Justinians Zeitalter Schrecken und Not verursachten.

I. In seinem 5. Regierungsjahr im Monat September war ein Komet Den ersten Kometen erwähnt Johannes Malala (Bd. 2, p. 190, 219) und Theophanes (p. 154); den zweiten Prokopios (Pers. 2,4). Doch ich vermute stark, dass sie identisch waren. Die Blässe der Sonne (Vand. 2,14) verlegt Theophanes (p.158) in ein anderes Jahr. zwanzig Tage lang im westlichen Teil des Himmels sehen, der seine Strahlen nach Norden schickte. Acht Jahre später, da die Sonne im Steinbock stand, erschien ein zweiter Komet im Schützen: er wurde allmählich größer, der Kopf stand nach Osten, der Schweif im Westen, und er blieb vierzig Tagelang sichtbar. Die Völker betrachteten die Kometen mit Erschrecken und befürchteten von ihrem unheilvollen Einfluss Kriege und andere Drangsal, was sich denn ja auch im Überfluss ereignete. Die Astronomen wussten Nichts über die Natur dieser Erscheinung und verbargen ihre Unkenntnis, indem sie sie die schwebenden Luftmeteore benannten; nur wenige griffen auf die simple Erklärung des Seneca und der Chaldäer zurück, dass es sich bei ihnen um Planeten mit sehr langer Umlaufzeit und sehr exzentrischen Bahnen handele Seneca zeigt im 7. Buch seiner Quaestiones Naturales in seiner Kometentheorie echten philosophischen Geist. Doch wir sollten eine ungefähre Voraussage (ein »veniet tempus«, die Zeit kommt noch) nicht gar zu treuherzig mit dem Wert einer wirklichen Entdeckung verwechseln.. Die Zeit und die Naturwissenschaften haben die Konjekturen und Vorhersagen des römischen Denkers bestätigt; das Teleskop hat dem Astronomen neue Welten eröffnet Astronomen mögen Newton oder Halley studieren; ich schöpfe mein bescheidenes Wissen aus dem Artikel »Comete« der Französischen Enzyklopädie von Herrn d'Alambert.; und in dem engbemessenen Zeitraum der Geschichte und der Sage hat ein und derselbe Komet die Erde in gleichgroßen Umläufen von 575 Jahren Dauer sieben Mal umkreist.

Der erste Komet Whiston, der ehrliche, fromme, träumerische Whiston hat sich für die Zeit von Noahs Sintflut (2242 vor Chr.) eine noch frühere Erscheinung desselben Planeten ausgedacht, welcher dann die Erde mit seinem Schweif überschwemmte., der 1767 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung liegt, ist zeitgleich mit Ogyges, dem Vater des griechischen Altertums. Und diese Erscheinung erklärt auch die von Varro mitgeteilte Überlieferung, dass unter seiner Regierung der Planet Venus Farbe, Größe, Gestalt und Lauf verändert habe, welches Wunder in allen früheren oder späteren Zeiten ohne Beispiel geblieben ist Die Abhandlung von Freret (Memoires de l'Academie des Inscriptions, Bd.10, p. 357-377) ist eine geglückte Verbindung von Philosophie und Gelehrsamkeit. Die Naturerscheinung aus Ogyges Zeiten wurde von Varro aufbewahrt (Apud Augustin. de Civitate Dei, 21,8), der Castor, Dion von Neapel und Adastrus von Cyzicus–»nobiles mathematicos«- anführt. Die zwei folgenden Perioden werden von griechischen Mythologen und den gefälschten Sibyllinischen Büchern erwähnt.. Der zweite Besuch im Jahre 1193 ist von der Sage der Elektra umdunkelt: sie war die siebte der Plejaden, deren Anzahl nach dem Ende des Trojanischen Krieges auf sechs vermindert wurde. Diese Nymphe, Gemahlin des Dardanus, konnte den Untergang ihrer Vaterstadt nicht verschmerzen, verließ den Reigen ihrer Schwestern, floh vom Tierkreis zum Nordpol und erhielt in Anlehnung an ihre aufgelösten Haare den Namen Komet. Die dritte Periode endete im Jahre 618, welches Datum präzise mit dem schrecklichen Kometen der Sibylle und vielleicht des Plinius zusammenfällt und der im Westen zwei Menschenalter vor der Regierung des Kyros aufging. Die vierte Kometenerscheinung im Jahre 44v. Chr. ist die bei weitem wichtigste und bekannteste. Nach Caesars Tod erschien ein langhaariger Stern in Rom und war auch bei den Völkern sichtbar, denen Octavian zu Ehren der Venus und seines Onkels Spiele gab. Die volkstümliche Auffassung, dass er die göttliche Seele des Diktators zum Himmel geleite, wurde von ihm mit staatskluger Frömmigkeit aufgegriffen und gehegt, während sein eigener, geheim gehaltener Aberglaube den Kometen auf seine eigene Zeit bezog Plinius hat das Original des Augustus abgeschrieben (Nat. His. 2,23). Mairan verlegt in seinen klugdurchdachten Briefen an Pater Perennin, Missionar in China, die Spiele und den Kometen vom September 44 in das Jahr 43v.Chr. Aber ich fühle mich durch die Einwände des Astronomen noch nicht vollständig überzeugt. (Opuscula, p. 275).. Die fünfte Erscheinung wurde bereits in das fünfte Regierungsjahr Justinians gesetzt, welches in das Jahr 531 der christlichen Zeitrechnung fällt. Und es verdient weiterhin festgehalten zu werden, dass nach diesem wie nach den vorangegangenen Kometenbesuchen die Sonne, wenn auch nach längerem Abstand, die ein merkwürdig fahles Licht warf. Die sechste Wiederkehr 1106 wird in europäischen und chinesischen Chroniken erwähnt: und während der Hitze der ersten Kreuzzüge mochten Christen und Moslems mit gleichem Grund glauben, dass hierdurch der Untergang der Ungläubigen angekündigt werde. Die siebente Erscheinung dieser Art im Jahre 1680 blieb den Zuschauern eines aufgeklärten Zeitalters aufgespart Diese letzte Kometenerscheinung fand im Dezember 1680 statt. Baile, der mit seinen Pensees sur la Comete im Januar 1681 begann (Oeuvres, Bd 3), sah zu der Annahme genötigt, dass ein übernatürlicher Komet die Alten in ihrem Aberglauben würde bestärkt haben. Bernoulli (siehe seine Eloge, in Fontenelle, Bd.5, p. 99) war zu dem Eingeständnis gezwungen, dass der Kometenschweif, wenn auch nicht der Kopf als ein Zeichen von Gottes Zorn auszulegen sei.. Bayles Philosophie räumte das Vorurteil aus, die Miltons Muse gerade erst so schön ausgemalt hatte, dass nämlich der Komet aus »seinen fürchterlichen Locken Krieg und Pestilenz schüttele.« »Das verlorene Paradies« erschien 1667; und die berühmten Zeilen (2,708), über die der Zensor ins Grübeln geriet, könnten eine Anspielung auf den jüngsten Komet gewesen sein, welche Cassini in Rom in Gegenwart der Königin Christine beobachtete. (Fontenelle, in der Eloge, Bd. 5, p. 338.) Hatte Charles II Anflüge von Neugier oder Angst erkennen lassen? Seine Himmelsbahn ward von Flamstead und Cassini mit außerordentlicher Genauigkeit verfolgt; und die mathematische Gelehrsamkeit eines Bernoulli, Newton und Halley beschrieb die Gesetze ihres Umlaufes. Vor der achten Periode im Jahre 2355 werden ihre Berechnungen vielleicht von den Astronomen einer zukünftigen Großstadt in der Wildnis von Sibirien oder Amerika verifiziert werden.

II. Ein Komet mag bei zu großer Annäherung an unseren Planeten diesen beschädigen oder sogar zerstören; aber die Änderungen an seiner Oberfläche sind bislang nur durch die Tätigkeit von Erdbeben und Vulkanen verursacht worden Zu den Ursachen von Erdbeben sehe man: Buffon, (Bd 1, p. 502–536 Supplement a l'Hist. Naturelle; Bd. 5, p. 382-390, edition in 4to., Valmont de Bomare, Dictionnaire d'Histoire Naturelle, Tremblemen de Terre, Pyrites,) Watson, (Chemical Essays, Band 1, p. 181–209.). Die Bodenbeschaffenheit gibt gewisse Hinweise auf die Länder, welche diesen entsetzlichen Erschütterungen am meisten ausgesetzt sind; denn ihre Ursache ist eine Art unterirdisches Feuer, und dieses wird durch die Vereinigung und Vergärung von Schwefel und Eisen verursacht. Aber ihre Zeiten und ihre Wirkungsweise liegen außerhalb der menschlichen Erkenntnismöglichkeiten, und der Forscher wird sich in angemessener Zurückhaltung irgendwelcher Erdbebenvorhersagen solange enthalten, bis er sämtliche Wassertropfen gezählt hat, welche in aller Stille auf die entzündlichen Gesteine herniedersintern und bis er alle Höhlen vermessen hat, deren Widerstand die Explosionswirkung der eingeschlossenen Luft verstärkt. Ohne nach den Ursachen zu fragen, wird der Historiker lediglich Epochen unterscheiden, in denen diese Katastrophen häufig oder selten aufgetreten sind und es wird ihm auffallen, dass dieses Fieberschütteln der Erde während der Regierungszeit Justinians ganz besonders häufig stattfand Die Erdbeben, die während der Regierung des Justinian die römische Welt heimsuchten, werden beschrieben oder erwähnt von: Prokopios, (Goth. 4, 25 Anecdot.18), Agathias, (2, p. 52, 53, 54; 5, p. 145-152), Johannes Malala, (Chron. Bd.2, p. 140-146, 176, 177, 183, 193, 220, 229, 231, 233, 234), und Theophanes, (p. 151, 183, 189, 191-196).. Jedes Jahr ist durch wenigstens ein Erdbeben bezeichnet, und zwar von einer solchen Dauer, dass Konstantinopel insgesamt vierzig Tage lang erschüttert wurde; und von solcher Ausdehnung, dass die gesamte Erdoberfläche oder doch wenigstens die des Römischen Reiches durchbebt wurden. Eine vorwärts stoßende oder eine schwingende Bewegung war zu spüren, gigantische Abgründe klafften, große und schwere Brocken wurden in die Luft geschleudert, das Meer überschwemmte bald seine hergebrachten Grenzen, bald zog es sich weit zurück, vom Libanon riss sich ein Berg los Eine jähe Anhöhe und eine senkrechte Steilkante zwischen Aradus und Botrys (Polyb. 5, p. 411. Pompon. Mela, 1,12, p. 87, cum Isaac. Voss. Observat. Maundrell, Journey, p. 32, 33. Pocock, Description, Bd. 2, p. 99.) und stürzte in die Fluten, wo er wie eine steinerne Mole den neuen Hafen Botrys in Phönizien schützte Botrys wurde 935-903 von Ithobal, König von Tyrus, gegründet. (Marsham, Canon. Chron. p. 387, 388. Sein armseliger Nachfahre, das Dorf Patrone, hat keinen Hafen..

Der Stoß, der einen Ameisenstaat umstürzt, mag Myriaden dieser Insekten im Staub begraben; aber die Liebe zur Wahrheit muss auch uns das Bekenntnis abtrotzen, dass der Mensch an seiner eigenen Zerstörung mit besonderem Fleiß mitgearbeitet hat. Der Bau großer Städte, welche innerhalb ihrer Mauern ein ganzes Volk aufnehmen, erfüllt schon beinahe Caligulas Wunsch, das Römische Volk möge doch nur einen Nacken haben. Es sollen bei dem großen Erdbeben von Antiochia zweihundertundfünfzigtausend Personen ums Leben gekommen sein (20. Mai 529), deren normale Einwohnerzahl durch ungezählte auswärtige Besucher aus Anlass des Himmelfahrtsfestes beträchtlich angewachsen war. Der Verlust von Berytus Die juristische Hochschule, der Glanz und Untergang von Berytus wird von Heineccius als ein ganz wesentlicher Teil der Geschichte des Römischen Rechts beschrieben. (p. 351-356). Die Stadt ging unter im 25. Jahr Justinians, am 9. Juli A.D. 551 (Theophanes, p. 192); Agathias indessen (2, p. 51f.) hebt sich das Erdbeben bis nach Beendigung des Italienischen Krieg auf. war nur von geringem Umfang, war aber dennoch bedeutender: diese Stadt an der Küste Phöniziens war berühmt durch seine Schulen des bürgerlichen Rechts, welches der sicherste Weg zu Ehre und Reichtum war; die Schulen von Berytus waren mit den aufstrebenden Talenten der Zeit gefüllt, doch verlor mancher Jüngling bei dem Erdbeben das Leben, der andernfalls seiner Heimat zur Geißel oder zur Schutzwehr hätte werden können.

Bei solchen Desastern wird der Architekt gleichsam zum Feind der Menschheit. Die Hütte des Wilden, das Zelt des Arabers können niedergeworfen werden, ohne dass seinen Bewohnern ein Leids geschieht. Und in der Tat hatten die Peruaner Grund, über ihre spanischen Eroberer zu lachen, da sie mit so viel Kosten und Mühe ihre eigenen Gräber bauten. Die prachtvollen Marmorblöcke der Patrizier werden über ihren Köpfen zerschmettert, ein ganzes Volk wird unter den Trümmern öffentlicher und privater Gebäude begraben, und die zahllosen Feuer, die zum Unterhalt des Gewerbes der großen Städte notwendig sind, lösen Flächenbrände aus und nähren sie noch. Anstatt gegenseitiger Anteilnahme, welche den Notleidenden Trost und Hilfe bringen könnte, erleben sie Verbrechen und Leidenschaften, die bis dahin noch aus Furcht vor Bestrafung angekettet waren: Die einstürzenden Häuser werden von tollkühner Habgier geplündert; Rachsucht sieht einen günstigen Zeitpunkt gekommen und sucht ihre Opfer aus und oft verschlingt dann die Erde den Mörder oder Plünderer während seiner Tat. Auch der Aberglaube fügt den gegenwärtigen Schrecknissen noch weitere, unsichtbare hinzu; und wenn die Nähe des Todes zuweilen den Tugenden oder der Reue einzelner aufhilft, so wird ein verängstigtes Volk doch mit mehr Nachdruck dazu veranlasst, auf das Ende der Welt zu denken oder durch unterwürfigste Huldigung eine zürnende Gottheit zu besänftigen.

DIE PEST – URSPRUNG UND VERLAUF – A.D. 542

III. Äthiopien und Ägypten sind seit alters als das Herkunftsland und die Brutstätte der Pest diskriminiert worden Ich habe mit Gewinn die kurzgefasste, aber elegant geschriebene Abhandlung von Mead über die Pesterkrankungen gelesen (8. Ausgabe, London 1722).. In einer dunstigen, schwülen, unbeweglichen Luft wird dieses afrikanische Fieber durch Fäulnis tierischer Substanzen und besonders durch Heuschreckenschwärme erzeugt, die der Menschheit durch ihren Tod ebenso verhängnisvoll sind wie durch ihr Leben. Die fatale Seuche, welche in den Zeiten Justinians und seiner Nachfolger die Erdbevölkerung dezimierte Die große Pest, die 542 und in den folgenden Jahren wütete (Pagi, Critica, Bd. 2, p. 518), sollte man nachlesen bei: Prokopios (Persic. 2,22 und 23), Agathias (5, p. 153f.), Evagrius (4,29), Paul Diaconus (2,4, p. 776, 777), Gregor von Tours (Bd. 2, 4,5, p. 205), welcher sie Lues Inguinaria nennt und die Chroniken von Victor Tunnunensis (p. 9, in Thesaur. Temporum), von Marcellinus (p. 54) und von Theophanes (p. 153.), brach zunächst nahe Pelusium los zwischen serbonianischem Sumpf und dem östlichen Nilkanal. Von dort brach sie sich gleichsam zwiefach Bahn, zog östlich über Syrien, Persien und Indien hin und gelangte in den Westen entlang der Küste Afrikas und über das Festland nach Europa. Im Frühjahr des zweiten Jahres wurde Konstantinopel vier Monate lang von der Pest heimgesucht; dabei hat Prokopios, der ihr Fortschreiten und ihre Symptome mit den Augen eines Arztes verfolgte Dr. Friend (Hist. Medicin. in Opp. p. 416–420, London 1733) ist sicher, dass Prokopios Medizin studiert haben müsse, da er Kenntnis und Sicherheit in der Anwendung der Fachausdrücke besitzt. Doch sind viele Worte, die heute wissenschaftlich sind, durchaus im Alltagsgriechisch üblich., den Eifer und die Sorgfalt entwickelt wie Thukydides für seine Beschreibung der Pest in Athen Siehe Thukydides 2,47-54 und die poetische Beschreibung derselben Krankheit bei Lucretius (6,1136-1284). Ich bin Dr. Hunter verpflichtet für seinen gründlichen Kommentar über diesen Teil des Thukydides auf 600 Seiten Quartformat, welcher in der Bibliothek von St. Marcus von dem Arzt und Philosophen Fabius Paulinus vorgelesen worden war.. Die Infektion gab sich bisweilen durch die Visionen einer gestörten Phantasie zu erkennen, und das Opfer geriet in Verzweiflung, sobald es die Drohungen eines unsichtbaren Geistes gehört und eine Schlag von ihm gespürt hatte. Aber die Mehrheit wurde in ihren Betten, auf der Straße und bei ihren üblichen Geschäften von einem leichten Fieber befallen; es war so leicht, dass weder der Puls des Patienten noch seine Farbe irgendeinen Hinweis auf die drohende Gefahr gab. Noch am selben Tage, oder am folgenden oder dritten gab das Übel sich durch Anschwellen der Drüsen, zumal der im Genitalbereich, an den Armbeugen und unterhalb der Ohren zu erkennen; und wenn diese Geschwüre oder Beulen geöffnet wurden, so fand sich darin eine kohlenartige oder schwarze Substanz von der Größe einer Linse. Schwollen diese gehörig an und eiterten, so war der Patient durch diese naturgegebene und unschädliche Entleerung des Krankheitsstoffes gerettet. Blieben sie jedoch trocken und fest, so folgte bald darauf das Absterben der Körperteile, der kalte Brand, und gewöhnlich trat am fünften Tage der Tod ein.

Oft war das Fieber begleitet von Lethargie und Wahnvorstellungen. Die Kranken waren übersäht mit schwarzen Ausschlägen und Karbunkeln, den Anzeichen des unmittelbar bevorstehenden Todes. War die Leibesverfassung zu schwach, um einen solchen Ausbruch hervorzubringen, dann folgte auf das Erbrechen von Blut der Brand in den Eingeweiden. Für Schwangere war die Seuche fast ausnahmslos tödlich: doch wurde einmal ein Kind aus seiner toten Mutter herausgeschnitten, und dreimal überlebten Mütter den Abgang ihrer infizierten Föten. Die Jugend war die am stärksten gefährdete Lebensperiode, auch zeigte sich das weibliche Geschlecht weniger empfänglich für die Ansteckung; doch wurden Menschen jeden Standes und Berufes mit gleicher Heftigkeit angegriffen; viele der Überlebenden verloren den Gebrauch ihrer Sprache, ohne dass sie deshalb vor einem Rückfall sicher gewesen wären Thukydides (2,51) bekräftigt, dass die Ansteckung nur einmal erfolgte; aber Evagrius, der innerhalb von Familien mit der Krankheit Erfahrungen gesammelt hatte, bemerkt, dass einige Personen, die die erste Ansteckung überlebt hätten, der zweiten erlagen. Die bestätigt auch Fabius Paullinus (p. 588). Ich stelle fest, dass über diesen Punkt keine Einigkeit unter den Ärzten besteht: es mögen aber auch die Natur und der Verlauf dieser Krankheit nicht überall gleich sein.. Die Ärzte von Konstantinopel waren engagiert und tüchtig; aber ihre Kunst wurde durch die verschiedensten Symptome und die persistente Heftigkeit des Übels gefoppt; identische Heilmittel hatten unterschiedliche Wirkungen, und der Erfolg machte ihre Vorhersagen über Tod und Genesung unmöglich.

Die Begräbnisordnung und das Recht an den Gräbern wurden nicht eingehalten; die ohne Freunde oder Diener zurückgeblieben waren, lagen unbeerdigt auf den Straßen oder in ihren verödeten Häusern. Schließlich erhielt eine Magistratsperson die Vollmacht, die herumliegenden Leichenhaufen einzusammeln, sie zu Lande oder zu Wasser zu entfernen und außerhalb des Weichbildes von Konstantinopel in tiefen Gruben zu bestatten. Die eigene Gefährdung und der Anblick der allgemeinen Not weckten in den Seelen auch der Verworfensten so etwas wie Gewissensnot: Vertrauen auf Genesung belebte ihre Leidenschaften und Gewohnheiten aufs Neue, doch muss die Philosophie die Feststellung des Prokopios zurückweisen, dass das Leben solcher Menschen durch eine besondere Gunst des Glückes oder der Vorsehung gerettet worden sei. Er vergaß oder erinnerte sich nur insgeheim daran, dass die Pest auch die höchsteigene Person des Kaisers berührt habe; doch kann die enthaltsame Lebensweise des Kaisers ebenso wie im Falle des Sokrates eine vernünftigere und ehrenvollere Ursache für seine Genesung liefern So wurde Sokrates durch seine Mäßigkeit von der Seuche in Athen gerettet. (Aul. Gellius, Nocht. Att. 2,1) Dr. Mead erklärt die besondere Gesundheit etwa der Klöster mit zwei Vorzügen, ihrer Abgeschiedenheit und ihrer Enthaltsamkeit. (p. 18f.). Während seiner Erkrankung äußerte sich die öffentliche Betroffenheit in den Aufführungen der Bürger, welche durch ihren Müßiggang und ihre Apathie einen allgemeinen Mangel in der Hauptstadt des Ostens verursachten.

VERBREITUNG UND DAUER DER PESTEPIDEMIEN 542 – 594

Ansteckung ist ein von der Pest nicht zu trennendes Symptom. Sie geht durch gegenseitiges Einatmen von der erkrankten Person in die Lungen und den Magen desjenigen über, der sich ihr annähert. Während Naturkundige dies glauben und zittern, ist es merkwürdig, dass das Vorhandensein einer realen Gefahr von einem Volke habe geleugnet werden können, das sonst für alle eitlen und eingebildeten Schrecknisse empfänglich war Mead belegt aus Thukydides, Lucretius, Aristoteles, Galenus und der Erfahrung, dass die Pest ansteckend sei (p. 10-20) und widerlegt (Vorrede p. 2-13) die entgegengesetzte Meinung französischer Ärzte, die im Jahre 1720 die Stadt Marseille untersuchten. Diese waren immerhin die neuesten und kundigsten Augenzeugen einer Pest, die in wenigen Monaten 50.000 Einwohner (sur le Peste de Marseille, Paris, 1786) einer Stadt fortraffte, welche in ihrer gegenwärtigen Phase des Wohlstands und Handelsfleißes mehr als 90.000 Einwohner hat. (Necker, sur les Finances, Band 1, p. 231). Dennoch hielten sich die Mitbürger des Prokopios überzeugt, dass die Ansteckung auch bei engstem Umgang nicht erfolgen könne, und diese Überzeugung mochte wohl den Eifer von Freunden und Ärzten bei der Pflege der Kranken fördern, die ansonsten eine kaltherzige Klugheit zu Einsamkeit und Verzweiflung getrieben haben würde Die nachdrücklichen Behauptungen des Prokopios (»weder dem Arzt noch dem Privatmann«) werden durch die nachfolgenden Erfahrungen des Euagrios widerlegt..

Aber dieses fatale Gefühl der Sicherheit muss, ähnlich wie die Prädestinationslehre der Türken, die Ausbreitung der Seuche noch befördert haben: jene heilsamen Maßnahmen, denen Europa seine Rettung danken muss, waren der Regierung Justinians unbekannt. Dem freien Reiseverkehr zwischen den römischen Provinzen wurde nicht die geringste Beschränkung auferlegt: von Persien bis Frankreich durchmischten Krieg oder Auswanderung die Völker und infizierten sich so gegenseitig. Der Pesthauch, der für Jahre in einem Baumwollballen auf der Lauer lag, wurde durch missbräuchlichen Handel in die entlegensten Regionen exportiert. Die Art und Weise dieser Verbreitung hat Prokopios selbst mit der Beobachtung untermauert, dass die Krankheit ausnahmslos von der Küste auf das Binnenland übergriff; die abgelegensten Inseln und Gebirgsort wurde so im Laufe der Zeit heimgesucht; die Plätze, welche die erste Attacke noch verschont hatte, waren im nächsten Jahr dem Übel ausgesetzt. Winde mochten zusätzlich dieses feine Gift verbreiten, war die Atmosphäre jedoch seiner Aufnahme nicht günstig, so verlor die Seuche sich in den gemäßigten oder kalten Zonen bald von selbst. So stark war die Luft weltweit verdorben, dass die Pest, die in Justinians 15. Regierungsjahr ausbrach, durch keinen Unterschied der Jahreszeiten ausgelöscht oder wenigstens gedämpft wurde. Im Laufe der Zeit wurde ihre anfängliche Heimtücke gehemmt und gemindert; die Krankheit zog sich mal zurück und lebte bald danach wieder auf; aber erst nach langen zweiundfünfzig Jahren hatte die Menschheit ihre Gesundheit wieder hergestellt oder die Luft ihre reinliche und gesunde Beschaffenheit zurück erhalten.

Es sind keinerlei Tatsachen überliefert, die uns eine Berechnung oder wenigstens eine Mutmaßung über die Zahl der Opfer dieses gewaltigen Sterbens erlauben würden. Ich kann lediglich finden, dass innerhalb von drei Monaten täglich fünf- und zum Schluss zehntausend Menschen täglich in Konstantinopel starben; dass manche Städte des Orients vollständig verödeten und dass in manchen Distrikten Italiens die Getreide- und Weinernte am Boden vertrocknete. Die dreifache Geißel des Hungers, des Krieges und der Pest suchte Justinians Untertanen heim, und seine Regierung ist durch eine augenfällige Abnahme des Menschengeschlechtes charakterisiert, von der sich einige der schönsten Länder dieser Erde niemals wieder erholt haben Nach ein paar rhetorischen Topoi wie ›Sand am Meer‹ etc. versucht Prokopios (Anekd. 18) eine genauere Schätzung, indem er sagt, dass »Myriaden von Myriaden von Myriaden« unter der Regierung des Kaisers gestorben wären. Der Ausdruck ist grammatikalischer und arithmetischer Hinsicht unklar, und eine wörtliche Übersetzung würde »Millionen von Millionen« ergeben. Alemannus (p.80) und Cousin (Bd. 3, p. 178) übersetzen diese Stelle mit »200 Millionen«. Ihre Gründe sind mir unbekannt. Wenn wir eine Myriade fallen lassen, ergeben die übrigen Myriaden 100 Millionen, welche Zahl nicht völlig unmöglich ist..








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