Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Gibbon >

Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 42

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 42 - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 42
publisherprojekt.gutenberg.de
year2013
firstpub2013
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20130720
Schließen

Navigation:

Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 5. Band – Kapitel 42

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XLII

ZUSTAND DER BARBAREN-WELT · BESIEDLUNG DES DONAURAUMES DURCH DIE LANGOBARDEN · STÄMME UND EINFÄLLE DER SLAVEN · DIE TÜRKEN, HERKUNFT UND REICH · DIE FLUCHT DER AVAREN · CHOSROES I. ODER NUSHIRWAN, KÖNIG DER PERSER · SEINE GLÜCKLICHE REGIERUNG UND KRIEGE MIT DEN RÖMERN · DER COLCHISCHE ODER LAZISCHE KRIEG · DIE ÄTHIOPIER

SCHWÄCHE DES REICHES UNTER JUSTINIAN 527 – 567

Unsere Einschätzung des persönlichen Verdienstes richtet sich nach dem Durchschnittsmenschen. Die überragenden Leistungen eines Genies oder einer Tugend, sei es im tätigen oder im kontemplativen Leben, werden nicht nach ihrem absoluten Kulminationspunkt bemessen, sondern nach der Höhe, die sie über dem Durchschnitt ihres Jahrhunderts oder ihres Landes erreichen; so wird eine Statur, die in einem Volk von Riesen unbemerkt bliebe, in einer Zwergennation Aufsehen erregen. Leonidas und seine dreihundert Mitkämpfer haben an den Thermopylen ihr Leben hingegeben; aber die jeweilige Erziehung des Kleinkindes, des Knaben und des Mannes haben dieses eindrucksvolle Opfer vorbereitet und fast schon sichergestellt; und jeder Spartaner hätte diese pflichtgemäße Handlung eher bejaht als bewundert, zu der er ebenso bereit gewesen wäre wie achttausend seiner Landsleute Es ist ein Genuss und keine Arbeit, hierzu Herodot zu lesen (7,104 und 134). Die Unterredung zwischen Xerxes und Demaratus bei den Thermopylen ist eine der anziehendsten und Lehrreichsten Szenen der Geschichte. Es war für den königlichen Spartaner eine Folter, mit Angst und schlechtem Gewissen Zeuge der Größe seines Landes zu sein.. Der große Pompeius mochte sich immerhin in seine Gedenktafeln einmeißeln lassen, dass er zwei Millionen Feinde im Felde besiegt und 1.500 Städte vom Mäotischen See bis an das Rote Meer erobert habe Hierzu sehe man die stolze Inschrift im Plinius (Nat. His. 7,27) Nur wenige Menschen haben Ruhm und Schmach in ausgesuchterem Maße geschmeckt; und Juvenal (Sat 10) konnte für die Unbeständigkeit des Glückes und die Eitelkeit menschlichen Strebens kein treffenderes Beispiel beibringen als eben dieses.: aber Roms Glück flog seinen Legionsadlern voran; die Völker erstickten an ihrer eigenen Furcht und die unbezwinglichen Legionen, denen er befehligte, waren in Jahrhunderten durch Eroberungskriege und Heeresdisziplin geformt worden.

Bei solcher Sichtweise verdient Belisar noch vor den Helden der untergegangenen Republik genannt zu werden. Seine Unzulänglichkeiten leiten sich von den politischen Verderbnissen seiner Zeit her; seine Vorzüge waren sein persönlicher Besitz, ein Geschenk der Natur oder der Selbstreflexion; und, ohne Lehrer und ohne Nebenbuhle wuchs er empor; und die ihm anvertrauten Waffen waren so unverhältnismäßig, dass sein einziger Vorteil aus dem Hochmut und der Dummheit seiner Kriegsgegner erwuchs. Unter seinem Kommando verdienten die Untertanen Justinians sich oft genug den Ehrennamen von Römern, während ihnen der unkriegerische Spottname ›Griechen‹ von den hochtönenden Goten beigelegt wurde, die zu erröten vorgaben, mit einem Volk von Schauspielern, Pontomimen und Piraten Das Epitheton des Prokopios ›lopodytas‹ ist mit ›Piraten‹ viel zu vornehm übersetzt; Schiffsdieb oder Seeräuber, Kleiderentreißer zum Schaden oder Schimpf sind die eigentlichen Bedeutungen. (Demosthenes contra Canon, Reiske, Orat. Graec. Band 2, p. 1264) um Italien raufen zu müssen.

In der Tat hatte sich das Klima Asiens dem militärischen Geist als wenig förderlich erwiesen. Die großen Völkerscharen waren durch Luxus, Despotismus und Aberglauben angefault und Mönche waren im Orient zahlreicher und teurer als Krieger. Die reguläre Mannschaftsstärke des Reichs hatte einstmals 645.000 betragen; unter Justinian war sie auf 150.000 Mann herabgesunken; und diese Masse, die sich gewiss gewaltig anhören mag, war dünn verteilt über Land und Meer, Spanien und Italien, Afrika und Ägypten, die Donauufer und die Schwarzmeerküste und die Grenze zu Persien. Der Bürger war finanziell ausgezehrt und der Soldat dennoch unbezahlt; seine Armut fand eine gewisse Milderung in den unseligen Vorrechten zum Plündern und Müßiggang; und die kümmerliche und verspätete Soldzahlung wurde noch weiter verzögert und geschmälert durch die Unterschlagungen jener Staatsdiener, die ohne irgendein Risiko die Erträge des Krieges an sich rissen. Allgemeine oder individuelle Notlagen führte der Armee Rekruten zu; aber im Feld und noch mehr vor dem Feinde waren es ihrer immer zu wenige. An die Stelle des nationalen Stolzes traten schwankende Treue und der unsortierte Dienst der barbarischen Miettruppen. Sogar die militärische Ehre, die noch oft den Verlust der Tugend und der Freiheit überlebt hat, war nahezu erloschen. Die Generäle, deren Zahl im Vergleich zu früher übermäßig angewachsen war, arbeiteten ausschließlich daran, der Karriere von Kollegen im Wege zu stehen oder ihren Ruf zu beschädigen; und die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass das Verdienst zuweilen zwar Neid hervorrief, dass aber Irrtümer und selbst Dienstvergehen auf die Nachsicht eines gnadenreichen Kaiser rechnen konnten Hierzu sehe man das 3. und 4. Buch der Gotenkriege: der Verfasser der Anekdoten kann diese Missbräuche gar nicht übertreiben..

In solchen Zeitläuften müssen Belisars und nach ihm Narses' Triumphe unvergleichlich hell leuchten; aber sie sind vom Odium des finstersten Undanks und Unglückes umdunkelt. Während Justinians Stellvertreter die Königreiche der Vandalen und Goten zu Boden warf, spielte der ebenso erbärmliche wie ehrgeizige Kaiser Agathias 5, p. 157, 158. Diese Schwäche des Imperators und Imperiums beschränkt er auf Justinians alte Tage; doch ach! er war ja niemals jung. die Barbaren gegeneinander aus, nährte und pflegte ihre Uneinigkeit durch Schmeichelrede und Lügen und lud durch seine Langmut und Freigebigkeit zur Wiederholung dieser Missgriffe auf Diese unselige Politik, die Prokopios dem Kaiser zur Last legt (Anekd. 19), wird offenkundig in einem Brief an einen Skythenfürsten, der imstande war, ihn zu verstehen «Zu vorausschauend und geistesgegenwärtig« sagt Agathias (5, p. 170, 171).. Die Schlüssel von Karthago, Rom und Ravenna wurden ihrem Bezwinger übergeben: währenddessen wurde Antiochia von den Persern zerstört, und Justinian bebte um Konstantinopels Sicherheit.

ZUSTÄNDE BEI DEN BARBAREN – DIE GEPIDEN

Selbst die Unterwerfung der Goten durch Belisar waren für den Staat nachteilig, weil hierbei die Grenzbefestigungen der oberen Donau zerstört wurden, welche Theoderich und seine Tochter so getreulich bewacht hatten. Um Italien zu verteidigen, räumten die Goten Pannonien und Noricum in Eile und hinterließen zwei friedliche und blühende Provinzen: der Kaiser Roms forderte die Oberherrschaft zurück; der wahre Besitz fiel indessen der Entschlossenheit des ersten Eindringlings zu. Auf der gegenüberliegenden Seite der Donau befanden sich die Ebenen Ungarns und die Berge von Transsilvanien (Siebenbürgen) seit dem Tode Attilas in der Hand der Gepiden, welche den Waffen der Goten mit Respekt und nicht eben dem Gold der Römer, wohl aber den heimlichen Beweggründen für deren jährliche Zahlungen mit Verachtung begegneten. Die leerstehenden Festungen am Fluss wurden nun unverzüglich von diesen Barbaren mit Beschlag belegt; auf den Mauern von Sirmium und Belgrad wurden ihre Fahnen emporgezogen; und der höhnische Ton ihrer Schutzrede machte diese Kränkung der Majestät des Reiches nur umso schwerer.

»Wie so weitläufig sind doch deine Staaten, oh Caesar, wie zahlreich deine Städte, dass du beständig nach Völkern ausspähen musst, um ihnen, sei es nun im Frieden, sei es im Kriege, diese nutzlosen Besitzungen zu überlassen. Siehe, die Gepiden sind deine wackeren und redlichen Bundesgenossen, und wenn sie heute deinen Geschenken vorgegriffen haben, so haben sie damit nur ein gerechtfertigtes Zutrauen in deine spätere Güte erzeigt.« Ihre Frechheit wurde durch die Art der Rache, welche Justinian nahm, im Nachhinein gleichsam gerechtfertigt. Anstelle die Rechte eines Souveräns zu behaupten, der seine Untertanen schützen muss, lud der Kaiser ein fremdes Volk ein, die Provinzen zwischen Donau und Alpen zu überfallen und in Besitz zu nehmen; und tatsächlich wurde dem Ehrgeiz der Gepiden durch die aufstrebenden Macht und den Ruhm der Lombarden »Gens Germana feritate ferocior« (Ein Volk, wilder als germanische Wildheit) sagt Velleius Paterculus von den Lobarden (2,106). Langobardos paucitas nobilitat. Plurimis ac valentissimis nationibus cincti non per obsequium, sed praeliis et perilitando, tuti sunt, ( Die Langobarden adelt ihre kleine Zahl. Eingekreist von zahlreichen starken Völkern, sichern sie sich nicht durch Unterwürfigkeit, sondern durch Kampf und Wagemut), Tacit. de Moribus German. c. 40. Vergleiche auch Strabo, 8, p.446. Die zuverlässigsten Geographen verlegen sie jenseits der Elbe, in das Bistum Magdeburg und nach Brandenburg, Mittelmark. Und so mag ihre Lage mit der patriotischen Anmerkung des Grafen v. Herzberg zusammenpassen, dass nämlich die meisten Eroberer der Barbaren aus genau der Gegend stammen, aus der sich noch heute die preußische Armee rekrutiert. Grenzen gesetzt.

DIE LANGOBARDEN ODER LOMBARDEN

Diese verderbte Namensgebung wurde im XIII. Jahrhundert durch die Kaufleute und Wechsler, die italienischen Nachfahren dieser wilden Krieger verbreitet; aber der ursprüngliche Name Langobarden bringt lediglich die besondere Länge ihrer Bärte zum Ausdruck. Ich verspüre keine Neigung, ihren skandinavischen Ursprung zu bestreiten oder zu erhärten Der skandinavische Ursprung der Goten und Lombarden, wie ihn Paul Warnefrid, zubenannt der Diakon, vertritt, wird von Cluverius bestritten (Germania, Antiq. l. iii. c. 26, p. 102, &c.), einem gebürtigen Preußen, und verteidigt von Hugo Grotius (Prolegom. ad Hist. Goth. p. 28, &c.,), dem schwedischen Botschafter. oder der Langobarden wundersamen Reisen durch unbekanntes Land nachzuspüren. In der Zeit von Augustus und Trajan bricht ein Strahl hellen Lichts aus der Dunkelheit ihrer Altertümer, und sie werden zum ersten Male zwischen Elbe und Oder entdeckt. Unvergleichlich grimmiger als die Germanen ergötzten sie sich an der Verbreitung der Schauermär, dass ihre Köpfe denen von Hunden glichen und sie das Blut ihrer in der Schlacht getöteten Feinde tränken. Ihre kleine Zahl ergänzten sie durch die Aufnahme der tapfersten Sklaven, und auf sich gestellt unter mächtigen Nachbarn, verteidigten sie ihre hochgesinnte Freiheit mit den Waffen. In den Stürmen des Nordens, die so viele Völker und Namen verschlangen, schwamm diese kleine Barke der Langobarden immer obenauf; allmählich zogen sie gen Süden an die Donau; und nach vierhundert Jahren kehrten sie wieder, berühmt und tapfer wie eh. Auch ihre Sitten waren nicht minder wild. Die Ermordung eines königlichen Gastes fand auf Geheiß und in Gegenwart der Königstochter statt, die sich durch ein paar unbedachte Worte provoziert und durch seine unansehnliche Gestalt in ihren Erwartungen getäuscht fühlte; das Blutgeld wurde den Langobarden durch seinen Bruder, den König der Heruler in Form eines Tributes auferlegt.

Der unglückliche Vorfall weckte in ihnen den Sinn für Mäßigung und Gerechtigkeit, und durch eine merkwürdige Niederlage und die unwiderrufliche Zerstreuung der in Südpolen angesiedelten Heruler wurde auch ihre Freude am Erobern gedämpft Zwei Tatsachen in der Erzählung des Paulus Diakonus (1,20) sind Ausdruck für nationale Gebräuche: 1 »Dum ad tabulam luderet« (indem er am Tische spielte.) und 2. »Camporum viridantia lina« (grünender Flachs der Felder). Der Flachsanbau setzt Grundbesitz, Handel, Ackerbau und Handwerk voraus.. Die Siege der Langobarden empfahlen sie der Freundschaft des Kaisers; und so gingen sie denn auf Empfehlung Justinians über die Donau, um in Erfüllung ihres Vertrages die Städte von Noricum und die Festungen Pannoniens zu besiegen. Aber Raublust lockte sie schon bald über diese weitgesteckten Grenzen hinaus; sie zogen entlang der Adriaküste bis nach Dyrrhachium und nahmen sich mit ihrer altbewährten Brutalität heraus, in die Städte und Häuser ihrer römischen Verbündeten einzudringen, und Gefangene zu machen, die ihren gierigen Händen bislang entkommen waren.

Diese feindseligen Handlungen, Übergriffe umherstreifender Abenteurer, wie man wohl vorgeben mochte, wurden von der Nation verleugnet und vom Kaiser entschuldigt; ernsthafter wurden die Waffen der Langobarden in einer dreißigjährigen Auseinandersetzung gefordert, welche nur durch die Ausrottung der Gepiden beendet wurde. Oft führten die feindlichen Völker ihre Sache vor dem Thron Konstantinopels, und der perfide Monarch, der den Barbaren allesamt seinen bittersten Hass widmete, fällte ein parteiisches, zweideutiges Urteil und zog so den Krieg geschickt durch langsames und wirkungsloses Eingreifen in die Länge. Ihre Stärke war furchtbar, da die Langobarden, die Myriaden Krieger ins Feld schickten, ständig als der unterlegene Teil den Schutz der Römer für sich beanspruchten. Ihr Mut war unerschüttert, doch ach! wie schwankend ist doch der Mut: plötzlich ergriff beide Heere die Panik, beide flohen voreinander und ließen die beiden feindlichen Könige nebst ihren Leibwachen verdutzt in der Mitte eines verwaisten Blachfeldes alleine zurück. Man verabredete einen kurzen Waffenstillstand, bald aber war die gegenseitige Abneigung wiederbelebt, und der Gedanke an die vorvergangene Peinlichkeit machte das nächste Gefecht nur um so verbissener und blutiger. Vierzigtausend Barbaren verloren in dieser Entscheidungsschlacht ihr Leben; die Macht der Gepiden war gebrochen, die Wünsche und Sorgen Justinians erhielten eine andere Richtung und der Charakter des jugendlichen Langobardenfürsten und künftigen Eroberers von Italien Ich habe ohne den Versuch einer inhaltlichen Harmonisierung die mitgeteilten Tatsachen aus folgenden Autoren verwendet: Procopius, (Goth. 2, 14; 3,33f. 4,18 und 25,) Paul Diaconus, (de Gestis Langobard, 1, 1-23; in Muratori, Script. Rerum Italicarum, Band 1, p. 405-419) und Jorndanes, (de Success. Regnorum, p. 242). Der geduldige Leser möge noch einige Erkenntnisse schöpfen bei: Mascou (Hist. of the Germans, Annotat. 23) und De Buat, (Hist. des Peuples, &c. Band 9-11, Alboin, hatte sich zum ersten Male entfaltet.

DIE SLAWEN

Die wilden Völker, welche in den endlosen Ebenen von Russland, Litauen und Polen siedelten oder umherzogen, konnte man in Justinians Zeiten auf die beiden großen Stämme der Bulgaren Ich übernehme die Bezeichnung Bulgaren von Ennodius, (in Panegyr. Theodorici, Opp. Sirmond, Band 1, p. 1598, 1599,) Jorndanes, (de Rebus Geticis, 5, p. 194, et de Regn. Successione, p. 242,) Theophanes, (p. 185,) und die Chronicles von Cassiodorus und Marcellinus. Der Name ›Hunnen‹ ist zu unbestimmt und die Stämme der Cuttugurier und Uttugurier sind zu klein und ihre Namen misstönend. und Slawen zurückführen. Die Ersteren, Anwohner des Schwarzen und des Mäotischen Meeres, leiten ihren Namen und ihre Abkunft den griechischen Autoren zufolge von den Hunnen her; fruchtlos wäre es, jetzt das schlichte und wohlbekannte Gemälde von den tatarischen Gebräuchen aufzufrischen. Sie waren kühne und treffsichere Bogenschützen, sie tranken die Milch und aßen das Fleisch ihrer flinken und extrem ausdauernden Pferde; ihre Kleinvieh- und Rinderherden verfolgten – oder besser: führten – ihre Zugrichtungen; keine Gegend war für einen Angriff zu entfernt oder unzugänglich, und wenn sie auch keine Angst kannten, so waren sie gleichwohl geübt in der Flucht. Dieses Volk war in zwei machtvolle und einander feindliche Stämme geteilt, die sich gegenseitig in brüderlichem Hass nachstellten. Auch neideten sie einander die Gunst oder vielmehr die Geschenke des Kaisers; und der Unterschied, den die Natur zwischen dem treuen Haushund und dem räuberischen Wolf macht, wurde auch von einem Gesandten auf sich und seinen illiteraten Fürsten angewandt, der lediglich mündliche Anweisungen erteilte Prok., Got. 4,19. Seine mündliche Botschaft (er selbst nennt sich einen ungelehrten Barbaren) wird in Form eines Briefes mitgeteilt. Sein Stil ist ungehobelt, bilderreich und unverfälscht.. Wie auch immer man sie einordnen mag, der Reichtum der Römer lockte auch die Bulgaren unterschiedslos an; sie errichteten eine lockere Herrschaft über alles, was sich slawisch nannte, und ihr rasches Vordringen wurde lediglich durch die Ostsee und die extreme Kälte des Nordens aufgehalten.

Aber derselbe Slawenstamm scheint zu allen Zeiten seine Herrschaft über dieselben Gebiete behauptet zu haben. Ihre zahlreichen Stämme, wie entfernt voneinander und verfeindet miteinander sie auch sein mochten, sprachen eine gemeinsame Sprache (sie war krächzend und regellos) und ließen sich an ihrer ähnlichen Gestalt erkennen, welche sich vom dunkelhäutigen Tataren unterschied und dafür dem hohen Wuchs und der schöne Gesichtsfarbe der Germanen näherte, ohne sie jedoch zu erreichen. 4.600 Dörfer Diese Zahl ergibt sich aus einer besonderen Liste, das in einem lesenswerten ms-fragment aus dem Jahre 550 in der Bibliothek von Mailand gefunden hat. Die undurchdringliche Erdkunde jener Zeiten erregte und beschäftigte die Neugier und Geduld des Grafen Buat (Band 11, p. 69-189). Dieser französische Minister verliert sich oftmals in einer Wildnis, die einen sächsischen oder polnischen Reiseführer erfordert. lagen über Russland und Polen verstreut, und ihre Hütten waren ohne Sorgfalt aus unbearbeitetem Holz gezimmert in einem Lande, in welchem es weder Steine noch Eisen gab. Ihre Hütten waren in tiefen Wäldern, an Flussufern oder am Rande von Sümpfen errichtet – oder wohl eher: versteckt –, und wir können sie ohne zu schmeicheln mit der Architektur einer Biberburg vergleichen, der sie durch einen doppelten Ausgang zu Lande und zu Wasser glichen und seinen wilden Bewohnern die Flucht ermöglichte, welcher weniger reinlich, weniger fleißig und weniger sozial veranlagt war als jene wundervoller Vierfüßler. Eher die Fruchtbarkeit des Bodens als der Fleiß der Bewohner versorgten die Slawen mit ländlichem Überfluss. Ihre Schafe und das Hornvieh waren zahlreich und groß, und die Felder, auf denen sie Hirse und Buchweizen Panicum millicum L. Siehe Columella, 2,9, p. 430, edit Gesner; Plin, Mat. Hist. 18,23 und 25. Die Sarmaten fertigten einen Hirsebrei, vermengt mit Stutenmilch oder Blut. Bei dem Reichtum unserer gegenwärtigen Landwirtschaft dient Hirse zur Ernährung von Hühnern, nicht von Helden. Man sehe die Wörterbücher von Bomare und Miller. anbauten, lieferten statt des Brotes eine grobe und weniger nahrhafte Speise. Die ewigen Räubereien ihrer Nachbarn zwangen sie dazu, diese Schätze zu vergraben; ließ sich aber ein Fremder sehen, so wurde ihm reichlich davon abgegeben, und zwar von Leuten, deren unvorteilhafte Charakterisierung durch Epitheta wie Keuschheit, Geduld und Gastfreiheit geadelt wurde.

Als höchste Gottheit beteten sie einen unsichtbaren Donnergott an. Flüsse und Nymphen wurden als nachgeordnete Gottheiten verehrt, und die Gottesdienste des Volkes bestanden aus Gelübden und Opfern. Den Slawen widerstrebte es, einem Despoten, einem Herrscher oder wenigstens einer Obrigkeit zu gehorchen; und ihre Erfahrungen waren zu beschränkt und sie selbst zu halsstarrig, als dass sie ein allgemeines und gleiches Gesetzes- und Verteidigungssystem aufgestellt hätten. So etwas wie freiwilligen Respekt zollten sie allenfalls dem Alter und der Tapferkeit; aber alle Stämme oder Dörfer existierte wie eigenständige Republiken, und da sich keiner zwingen ließ, musste jeder überredet werden. Sie kämpften zu Fuß, fast nackt und, abgesehen von einem ungeheuren Schild, ohne Verteidigungswaffen. Ihre Angriffswaffen waren ein Bogen, ein Köcher mit kleinen und vergifteten Pfeilen und ein langer Strick, den sie aus der Entfernung mit viel Geschick warfen und so ihren Gegner in einer laufenden Schlinge verwickelten. Im Feld war das slawische Fußvolk schnell, wendig, kühn und dadurch gefährlich; sie schwammen, tauchten und blieben unter Wasser, wobei sie durch ein Rohr Luft holten; oft genug nämlich war ein See oder ein Fluss der Schauplatz ihrer plötzlichen Überraschungsangriffe. Aber dies waren nur die Taten von Spähbuben und Schlusslichtern. Die gehobene Kriegskunst war den Slawen fremd, ihr Name unbedeutend und ihre Eroberungen ruhmlos Zu Namen, Volk, Sitten und Vorkommen der Slawen sehe man die Originalzeugnisse des VI Jahrhunderts, bei Prokopios (Got. 2,26; 3,14) und dem Kaiser Mauritius (Strategem. 2,5 bei Mascov Annot. 31). Die Strategemata des Mauritius sind, soweit ich weiß, nur einmal verlegt worden, und zwar im Anhang von Scheffers Arrian-Ausgabe zur Taktik, Upsala 1664. (Fabric. Bibliothec. Graec 4,8, Band 3, p. 278), ein seltenes Buch übrigens, das ich bisher noch nicht auftreiben konnte..

DIE SLAVENEINFÄLLE

Ich habe die Siedlungsgebiete der Slawen und Bulgaren in schwachen und nur ungefähren Linien skizziert, ohne dabei zu versuchen, ihre zwischenzeitlichen Grenzen zu bezeichnen, welche die Barbaren selbst nicht genau kannten geschweige denn respektierten. Ihre Bedeutung ergab sich aus ihre Nähe zum Reich, und das Flachland von Moldau und Walachei hielt der Slawenstamm der Anten »Antes eorum fortissimi.... Taysis qui rapidus et vorticosus in Histri fluenta furens devolvitur,« (Die Antes sind die Stärksten von ihnen...die Thais, welche sich schnell und strudelnd in die reißende Strömung der Flüsse Istriens herabwälzt (Jordanes, c. 5, p. 194, edit. Murator. Procopius, Goth. l. iii. c. 14, et de Edific. l iv. c. 7.). Inzwischen erwähnt derselbe Prokopios die Goten und Hunnen als Anwohner der Donau (de Edific. 4, 1). besetzt, welcher die Zahl der Ehrentitel Justinians um den einen ihrer Unterwerfung vermehrte Die Bezeichnung ›Antes‹ in Justinians Gesetzen und Inschriften haben seine Nachfolger übernommen, und der fromme Ludewig hat's gerechtfertigt. (Vita Justin. P. 515). Allerdings hat er die Zivilrechtler des Mittelalters sehr verwirrt.. Gegen diese Anten legte er an der Niederdonau Festungswerke an; und zugleich war er bemüht, mit einem Volk eine stabile Allianz zu bilden, welches seine Wohnsitze auf einer geraden Strecke von zweihundert Meilen zwischen Siebenbürgen und dem Schwarzen Meer entlang des geraden Strömungsbettes der nordischen Überschwemmungen genommen hatte.

Aber den Anten fehlte die Handhabe und die Neigung, diesen Einbrüchen zu begegnen, und leichtbewaffnete Slawen aus hundert verschiedenen Stämmen folgten der bulgarischen Reiterei mit nahezu gleicher Geschwindigkeit. Für ein Goldstück pro Soldat konnte man einen ungefährlichen und bequemen Rückzug durch das Gebiet der Gepiden sicherstellen, welche den Übergang über die obere Donau beherrschten Prokopios, Got. 4,25.. Die Erwartungen oder Sorgen der Barbaren; ihre innere Zerrissenheit oder Einigkeit; ein zufällig zugefrorener oder ausgetrockneter Fluss; die Erwartung der Ernte oder Weinlese; Wohlstand oder wirtschaftliche Not bei den Römern: dieses alles waren Ursachen für die jährlich wiederholten Besuche Prokopios sieht einen Zusammenhang zwischen diesem Hunneneinbruch und einem Kometen, vielleicht dem aus dem Jahre 541 (Pers. 2,4) Agathias entlehnt von seinem Vorgänger einige ältere Tatsachen (5, p. 154f.)., deren Erzählung so eintönig wie ihr Ergebnisse desaströs waren.

Dasselbe Jahr und vermutlich sogar derselbe Monat, in welchem Ravenna sich ergab, waren auch durch einen Hunnen- oder Bulgareneinfall merkwürdig, so fürchterlich, dass er fast die Erinnerung an frühere Überfälle löschte. Sie überschwemmten von Konstantinopels Vororten bis zum Ionischen Meerbusen, löschten Potidäa aus, welche Stadt Athen gebaut und Philipp belagert hatte, und zogen sich wieder über die Donau zurück mit einhundertundzwanzigtausend Untertanen Justinians, die sie an den Fersen ihrer Pferde verschleppten. Während des nächsten Überfalles durchbrachen sie den Wall der thrakischen Chersones, metzelten die Einwohner nieder und zerstörten die Siedlungen, setzten tolldreist über den Hellespont und kehrten dann, mit der Beute Asiens beladen, zu ihren Gefährten zurück. Eine andere Streif-Abteilung, die den Römern allerdings wie eine unermessliche Schar erschien, rückte ohne Widerstand von den Thermopylen bis zum Isthmus von Korinth, aber diese letzte Verwüstung Griechenlands dünkte der Historiographie ein Gegenstand zu sein, der unwürdig ihrer Aufmerksamkeit war. Die Befestigungen, die der Kaiser zum Schutze seiner Untertanen – und natürlich auch auf ihre Kosten – aufführen ließ, dienten lediglich dazu, den morbiden Zustand einiger ganz besonders stark vernachlässigter aufzudecken; und so wurden die Wallanlagen, die die Stimme der Schmeichelei mit der Eigenschaft der Unüberwindbarkeit belegt hatte, entweder von den Garnisonen sofort aufgegeben oder von den Barbaren überwunden. Dreitausend Slawen, die sich spaßeshalber in zwei Banden aufteilten, entdeckten die Schwäche und das Elend einer Regierung, die mit ihren Triumphen prahlte. Sie überquerten Donau und Hebrus, rannten die römischen Feldherren über den Haufen, die sich ihnen entgegenzustellen wagten und plünderten ungestraft die die Städte Illyriens und Thrakiens, die allesamt Waffen und Mannschaft genug besaßen, ihre schäbigen Angreifer zu zermalmen.

Wie viel rühmliche Erwähnung auch die Kühnheit der Slawen verdienen mag, sie wird gleichwohl besudelt durch die vorsätzliche und ausgesuchte Grausamkeit, die sie an ihren Gefangenen, so der Vorwurf, begangen hatten. Ohne Unterschied des Standes, des Alters oodeer Geschlechtes: sie wurden gepfählt, bei lebendigem Leibe gehäutet oder, zwischen vier Pfosten aufgehängt, mit Knüppeln zu Tode geprügelt; oder in ein geräumiges Gebäude eingesperrt und mitsamt dem Vieh, welches den Zug dieser Sieger hätte hemmen können, lebendig verbrannt Die Grausamkeiten der Slawen erzählt und übertreibt Prokopios (Got. 3, c.29, 38). Das etwas jüngere Zeugnis Kaiser Mauritius' weist auf ein milderes und edleres Betragen gegenüber ihren Gefangenen hin (Strategem. 2,5).. Vielleicht könnte eine objektivere Erzählung die Zahl oder die Schwere dieser Verbrechen abmindern; zuweilen waren sie wohl auch durch die grausamen Rache-Gesetzte bedingt. Während der Belagerung von Topirus Topirus lag in der Nähe von Philippi in Thrakien, oder Makedonien, gegenüber der Insel Thaso, zwölf Tagesreisen von Konstantinopel entfernt (Cellarius, Band 1, p. 676, 840)., deren hartnäckige Verteidigungsanstrengungen die Wut der Slawen erregt hatte, ermordeten sie fünfzehntausend Männer, während sie Frauen und Kinder verschonten. Gefangene von hohem Wert wurden immer zu Arbeiten oder

zur Auslösung zurückgestellt; die Sklaverei war erträglich und die Auslösung war weder besonders langwierig noch unbezahlbar. Aber Justinians Untertan oder vielmehr Historiker fauchte seinen gerechten Unwillen hierüber in der Sprache der Vorhaltung und der Klage aus; und mit Bestimmtheit hat Prokopios versichert, dass in einer zweiunddreißigjährigen Regierung jeder der jährlichen Raubzüge zweihunderttausend Einwohner des römischen Imperiums kostete. Die Gesamtbevölkerung der europäischen Türkei, die ziemlich genau mit Justinians Provinz übereinstimmt, dürfte außerstande sein, diese sechs Millionen Menschen – das Endergebnis dieser unglaublichen Schätzung – bereitzustellen Folgt man der schlimmsten Schätzung der Anekdota (c.18), hatten diese Einfälle die Provinzen südlich der Donau zu einer skythischen Einöde gemacht..

DIE TÜRKEN – URSPRUNG UND MONARCHIE SEIT A.D. 545

Inmitten dieser dunklen Drangsale wurde Europa von der Schockwelle einer Revolution erfasst und auf diese Weise zum ersten Male mit dem Namen und dem Volk der Türken bekannt. Ähnlich wie Romulus wurde der Begründer dieser kriegerischen Nation durch eine Wölfin geatzt, was ihn später zum Stammvater einer zahllosen Nachkommenschaft machte; das Bild dieser Kreatur auf den Fahnen der Türken bewahrte das Andenken, oder gab vielmehr den Stoff zu der Fabel, die die Schafhirten von Latium und Skythiens ohne gegenseitige Kenntnis erdichtet hatten. Im jeweils gleichen Abstand von zweitausend Meilen vom Kaspischen Meer, dem Eismeer, dem Bengalischen Meer und dem Chinesischen Meer ragt eine Bergkette empor, der Mittelpunkt und vielleicht sogar der höchste Berg Asiens, welcher in der Sprache der verschiedenen Völker Imaus, Caf Von Caf zu Caf; dies würde eine vernunftorientiertere Erdkunde auslegen würde ›vom Imbus bis zum Atlas.‹ Gemäß der Religionsphilosophie der Muslims ruht der Berg Caf auf einem Smaragd, und die reflektierten Strahlen verursachen das Blau des Himmels. In seinen Wurzeln oder Nerven ist der Berg Empfindungen versehen, und auf den Befehl Gottes verursacht er Erdbeben. (d'Herbelot, p. 230, 231). oder Altai benannt wird, dann auch noch Goldener Berg und Gürtel der Erde. Die Flanken der Berge liefern Erz; und die Eisenschmieden Das sibirische Eisenerz ist das beste und reichhaltigste der Welt; und in den südlichen Bergwerken werden gegenwärtig etwa 60 Minen von russischem Fleiß ausgebeutet. (Strahlenberg, Hist. of Siberia, p. 342, 387. Voyage en Siberie, par l'Abbe Chappe d'Auteroche, p. 603–608, edit in 12mo. Amsterdam. 1770). Die Türken boten auch Eisen zum Verkauf, aber die römischen Gesandten bestanden mit befremdlicher Verbohrtheit darauf, dass alles nur Lug und Trug sei und dies Land keines erzeuge (Menander in Excerpt. Leg. p. 152). wurden zu Kriegszwecken von den Türken betrieben, den am meisten verachteten Sklaven des Großkhans von Geougen.

Aber ihre Knechtschaft konnte nur solange Bestand haben, bis ein Anführer sich erhob, kühn und beredt, seine Landsleute zu überreden, dass die gleichen Waffen, die sie ihren Herren schmiedeten, in ihren Händen ein treffliches Werkzeug für ihre Freiheit und ihren Frieden sein müssten. So stürmten sie denn von ihren Bergen herab Von Irgana-Kon (Abulghazi Khan, Hist. Genealogique des Tatars, P ii. c. 5, p. 71–77, c. 15, p. 155.) Die Überlieferung der Mogulen, von den 450 Jahre im Gebirge, fügt sich zu den chinesischen Geschichtsperioden der Hunnen und Türken (De Guignes, tom. i. part ii. p. 376,) und den 20 Generationen von ihrer Wiederherstellung bis zu Dschingis-Khan.; ein Szepter ward ihm zum Lohn für seinen Rat; und die alljährliche Zeremonie, während der ein Stück Eisen im Feuer geglüht und dann vom Herrscher und den Großen der Krone nacheinander bearbeitet wurde, hielt für alle Zeiten die Erinnerung an den demütigenden Sklavendienst und den vernunftgegründeten Stolz der türkischen Nation lebendig. Bertezena, ihr erster Anführer, setzte in einigen erfolgreichen Gefechten gegen benachbarte Horden Zeichen von seiner und seiner Krieger Stärke; da er aber so keck war, die Tochter des Großkhans zu freien, wurde dieses dreiste Begehren eines Sklaven und Handwerkers mit Verachtung zurückgewiesen. Diese Schmach wurde durch eine edlere Hochzeit mit einer chinesischen Prinzessin abgebüßt; und die Entscheidungsschlacht, in der das Volk der Geougen fast untergegangen wäre, begründete in der Tatarei das junge und mächtige Reich der Türken. Sie beherrschten den Norden; aber ihre treue Anhänglichkeit an den Berg ihrer Väter verriet ihre Einsicht in die Eitelkeit allen Eroberns: Selten nur verlor das königliche Lager das Altaigebirge aus dem Auge, wo der Irtisch entspringt und die üppigen Weidegründe der Kalmücken In der Genealogical History, p. 521–562 wird das Land der Türken, jetzt der Kalmücken wohl beschrieben. Die interessanten Anmerkungen des französischen Übersetzers sind vermehrt und im 2. Band der Übersetzung eingefügt. bewässert, welche die größten Schafe und Ochsen weltweit ernähren. Der Boden ist fruchtbar und Klima milde und gemäßigt; glückliches Land, das Erdbeben und Pest nicht kannte; der Thron der Herrschers war nach Osten gerichtet, und ein goldener Wolf auf einer Lanzenspitze schien den Zelteingang zu bewachen. Einer von Berzebas Nachkommen ließ sich von Chinas Luxus und Aberglauben einlullen; doch sein Vorhaben, auch noch Städte und Tempel zu erbauen, wurde durch die schlichte Weisheit eines barbarischen Ratgebers abgetan:

»Die Türken,« sprach er, »sind an Zahl den Chinesen hundertfach unterlegen. Wenn wir dennoch ihrer Macht die Waage halten und die ihrer Armee sogar übertreffen, dann deshalb, weil wir ohne feste Behausung sind und Krieg und Jagd ausüben. Sind wir stark, dann so rücken wir vor und siegen; sind wir schwach, ziehen wir uns zurück und verbergen uns. Sollten sich die Türken jedoch in die Mauern von Städten einsperren, dann wäre der Verlust einer Schlacht gleichbedeutend mit dem Verlust des Reiches. Die Bonzen lehren nur Geduld, Unterwerfung und Weltentsagung. Dies, o mein König, ist nicht die Religion für Helden!«

Die Lehren Zarathustras allerdings nahmen sie mit weniger Widerstreben an; aber das Volk beließ es mehrheitlich ohne viel Nachforschen bei den Bräuchen ihrer Altvordern. Die Opfer blieben den höchsten Gottheiten aufgehoben; in misstönigen Hymnen anerkannten sie ihre Verpflichtungen gegenüber Luft, Feuer, Erde und Wasser, und die Priester bezogen ein Zusatzeinkommen aus divinatorischen Künsten. Ihre ungeschriebenen Gesetze waren streng und unparteilich; bei Diebstahl wurde zehnfacher Ersatz geleistet, Ehebruch, Mord und Verrat waren todeswürdige Vergehen, und für das seltene und unsühnbare Verbrechen der Feigheit ließ sich keine Strafe ausdenken, die zu hart gewesen wäre. Da die unterworfenen Völker unter türkischer Fahne marschierten, so wurde irgendwann ihre Reiterei, Mann und Ross, nach Millionen gezählt; eine ihrer wirklichen Armeen bestand aus viermal hunderttausend Mann, und in weniger als fünfzig Jahren waren sie mit den Römern, Persern und Chinesen in Krieg und Frieden bekannt geworden. In ihren nördlichen Gebieten finden sich bei Kamtschatka Spuren eines Jäger und Fischervolkes, deren Schlitten von Hunden gezogen und deren Wohnungen in die Erde versenkt werden.

Astronomie war den Türken unbekannt; aber die von einem gelehrten Chinesen mit einem Acht-Fuß-Gnomon vorgenommene Messung platziert das königliche Lager auf 49 Grad Breite und bestimmt ihr weitestes Vorrücken auf drei oder wenigstens zehn Grad des Polarkreises Visdelou, p. 141, 151. Die Tatsache als solche kann hier erwähnt werden, auch wenn sie genau genommen einem abhängigen und nachgeordnetem Stamm zuzuschreiben ist.. Unter ihren südlichen Eroberungen kann man als die bedeutendste die Nephthaliten oder weißen Hunnen zählen, eines kriegerischen und zugleich kultivierten Volkes, dem die Handelsstädte Bochara und Samarkand gehörten, das den Persischen Großkönig besiegt hatte und dann seine siegreichen Waffen an den Ufern des Indus und vielleicht sogar bis zu dessen Mündung vorangetragen hatten. Im Westen drang die türkische Reiterei bis an den Mäotischen See vor. Sie überquerten diesen See auf dem Eis. Der Khan, der am Fuß des Altaigebirges siedelte, gab Befehl zur Belagerung von Bosphorus Prok. Persic. 12; 2,3 setzt die Entfernung zwischen Caffa und dem alten Bosphorus auf 16 Tatarische Meilen., welche Stadt sich Rom freiwillig unterworfen hatte und deren Herrscher vormals die Freunde von Athen Man sehe in einer Abhandlung von Herrn de Boze (Mem. de l'Academie des Inscriptions, Band 6, p. 549–565) die alten Könige und Medaillen vom kimmerischen Bosporus; und Athens Dankbarkeit in der Rede des Demosthenes gegen Leptines. (in Reiske, Orator. Graec. Band 1, p. 466, 187). gewesen waren. Nach Osten fielen die Türken in China ein, wann immer die Energie der Regierung ermattete: auch habe ich gehört, dass in der Geschichte jener Zeiten zu lesen sei, dass sie ihre geduldigen Feinde niedermähten wie Hanf oder Gras und dass die Mandarine die Weisheit eines Herrschers rühmten, da dieser die Barbaren mit goldenen Lanzen zurücktreiben wollte. Dieses Ausmaß seiner Herrschaft bestimmte den türkischen Monarchen, drei gehorsamspflichtige Fürsten aus seiner Familie zu installieren, welche indessen schon bald nicht mehr auf die Stimme der Treupflicht oder wenigstens der Dankbarkeit hörten. Die Eroberer wurden vom Luxus entkräftet, was immer verhängnisvoll ist außer bei umtriebigen Völkern; die chinesische Politik bewog die unterworfenen Völker, ihre Unabhängigkeit wieder zu erkämpfen, und so blieb die Macht der Türken auf eine Periode von zweihundert Jahren beschränkt. Das Wiedererstarken ihres Namens und ihrer Herrschaft sind Ereignisse späterer Zeiten; und die Herrscherhäuser, die in ihren heimatlichen Reichen nachfolgten, mögen im Vergessenen dahinschlummern, denn mit dem Zerfall und Untergang des Römischen Reiches hat ihre Geschichte nichts zu schaffen Die chinesischen Einzelheiten betreffend den Ursprung und die ersten Umwälzungen des türkischen Reiches sind entlehnt aus de Guignes (Hist. des Huns, Band P. 2, p. 367–462) und Visdelou, (Supplement a la Bibliotheque Orient. d'Herbelot, p. 82–114.). Hinweise bei Römern oder Griechen sind gesammelt in Menander (p. 108–164) und Theophylact Simocatta, (7,7 und 8.).

DIE AWAREN FLIEHEN VOR DEN TÜRKEN UND BEDROHEN DAS REICH

In ihrem raschen Eroberungslauf griffen die Türken auch das Volk der Ogoren oder Varchoniten an und unterwarfen sie in ihren Siedlungen an den Ufern des Flusses Til, der von seinem dunklen Wasser oder den finsteren Uferwäldern den Beinamen »der Schwarze« erhalten hatte Der Fluss Til oder Tula ist nach den geographischen Angaben von De Guignes, (Band1, Teil 2, p. 58 und 352) ein kleiner, obschon lieblicher Wüstenfluss, der in den Orhon Selinga mündet. Siehe Bell, Journey from Petersburg to Pekin, (Band 2, p. 124). Aber seine eigenen Beschreibung des Keat, den er bis zum Oby hinabgesegelt ist, weist Namen und Eigenschaften eines schwarzen Flusses auf (p. 139). Der Khan der Ogoren ward zusammen mit dreihunderttausend seiner Untertanen erschlagen, und ihre Leichen lagen auf einer Fläche von vier Tagesreisen verstreut. Die Überleben anerkannten die Stärke und die Gnade der Türken an; doch ein kleiner Haufe von zwanzigtausend Kriegern zog das Exil der Knechtschaft vor. Sie folgten dem wohlbekannten Wolgalauf, gönnten den Völkern den Irrtum, der sie mit den Awaren verwechselte; sie verbreiteten sogar noch den Schrecken, der diesem falschen, aber berüchtigten Namen innewohnte, wenn er allerdings seine wahren Besitzer auch nicht vor dem Türkenjoch bewahrt hatte Theophylaktos, 7, 7 und 8. Und dennoch sind seine echten Avaren dem Auge des Herrn de Guignes unsichtbar; und war kann noch berühmter sein als die falschen? Das Recht der flüchtigen Ogoren an dieser Benennung wird ihnen auch von den Türken zugestanden. (Menander, p. 108). Nach langen und siegreichen Zügen gelangten diese neuen Awaren am Fuße des Kaukasus in der Gegend der Alanen Die Alanen findet man noch heute in der Genealogical History of the Tartars, (p. 617,) und in d'Anvilles Karten. Sie stellten sich dem Marsch von Dschingis Khans Generälen längs des Kaspischen Meeres in den Weg und wurden in einer großen Schlacht überwältigt. (Hist. de Gengiscan, 4, 9, p. 447.) und Cirkassier an, wo sie zum ersten Male überhaupt von Glanz und Schwäche des Römischen Reiches vernahmen. In aller Bescheidenheit baten sie ihren Konföderierten, den König der Alanen, ihnen den Weg zu der Quelle dieser Reichtümer zu weisen; und ihr Abgesandter ward mit Permiss des Statthalters von Lazica über das Schwarze Meer nach Konstantinopel gebracht.

DIE GESANDTSCHAFT DER AWAREN IN KONSTANTINOPEL A.D. 558

Die ganze Stadt kam herausgeströmt, um mit schaudernder Neugier den Auftritt dieses fremden Volkes zu erleben: ihr langen Haar, das geflochten über den Rücken hing, war artig mit Bändern zusammen gebunden, im übrigen aber erinnerte ihr Aufzug doch sehr an den der Hunnen. Als sie vor Justinian gelassen waren, sprach Kandisch, der erste ihrer Gesandtschaft, den Kaiser an in folgenden Worten: »Vor dir siehst du, mächtiger Fürst!, die Vertreter des stärksten und größten Volkes, der unbesiegbaren und unwiderstehlichen Awaren: wir sind willens, uns deinem dienst zu weihen; und wir sind imstande, alle die Feinde anzugreifen und zu vernichten, die jetzt noch deine Ruhe stören. Doch erwarten wir als Preis für unser Bündnis und Belohnung für unsere Tapferkeit jährliche Zuwendungen und fruchtbares Land.« Um die Zeit, da diese Gesandtschaft auftrat, hatte Justinian dreißig Jahre regiert und fünfundsiebzig Jahre gelebt; körperlich und seelisch war er erschöpft und kraftlos; und so begehrte der Eroberer Afrikas und Italiens, unbekümmert um die bleibenden Interessen seines Volkes, nur dies Eine noch, seine Tage im Schoße selbst eines unrühmlichen Friedens zu beschließen. In einer einstudierten Rede setzte er den Senat von seinem Entschluss in Kenntnis, die Kränkungen der Awaren zu überhören und ihre Freundschaft zu kaufen; und geschlossen jubelte der ganze Senat – vergleichbar den Mandarinen Chinas – der unvergleichbaren Weisheit und Voraussicht ihres Herrschers Beifall. Unverzüglich wurden die Werkzeuge des Luxus bereitgestellt, um die Barbaren für sich einzunehmen: Seidenkleider, weiche und prächtige Betten, Halsbänder und Schmuckketten mit Gold ausgelegt. Die Botschafter, durchaus zufrieden mit einer solch freigebigen Aufnahme, reisten von Konstantinopel ab, und aus der kaiserlichen Leibwache wurde ein gewisser Valentin mit einem ähnlichen Auftrag zum Lager am Fuß des Kaukasus entsandt.Da ihr Untergang oder ihr Erfolg für das Imperium in gleicher Weise vorteilhaft sein musste, überredete er sie, Roms Feinde anzugreifen; und leicht waren sie durch Geschenke und gute Worte beredet, ihre vorherrschenden Bedürfnisse gefällig zu sein.

Die Flüchtlinge, die vor den türkischen Waffen flohen, überquerten Tanais und Borysthenes und drangen verwegen bis in die Mitte Polens und Germaniens vor, verletzten dabei jedes Menschenrecht und pervertierten das Vorrechte der Sieger. Noch vor Ablauf von zehn Jahren hatten sie sich an Donau und Elbe niedergelassen, waren viele bulgarische und slawische Namen von der Erde getilgt, und was von ihren Stämmen übrig war, fand sich wieder als Vasall und Tributpflichtiger unter der Fahne der Awaren. Der Chagan (dies der ihrem König eigene Titel) gab immer noch vor, die Freundschaft zu Justinian zu pflegen, und Justinian seinerseits ging mit dem Plan um, sie in Pannonien dauerhaft anzusiedeln, um so die übermächtigen Langobarden zu neutralisieren. Jedoch, die Tugend – oder der Verrat – eines Awaren offenbarte die geheime Feindschaft und die ehrgeizigen Entwürfe seiner Landsleute, und diese beklagten sich über die zaghafte und misstrauische Politik, welche ihre Gesandtschaft zurückhielt und ihnen sogar die Waffen vorenthielt, welche man ihnen in der Hauptstadt des Reiches zu kaufen gestattet hatte Über die Gesandtschaften und die ersten Eroberungen der Awaren lese man: Menander, (Excerpta Legat. p. 99, 100, 101, 154, 155,) Theophanes, (p. 196,) the Historia Miscella, 16, p. 109, und Gregor von Tours, (4, 23 und 29, in den Historians of France, Band 2, p. 214, 217..

GESANDTSCHAFTEN DER TÜRKEN UND RÖMER A.D. 569 –582

Vielleicht lässt sich ja die offenkundige Veränderung in der kaiserlichen Gesinnung den Gesandtschaften zuschreiben, welche sie von den Überwindern der Awaren empfingen Theophanes (Chron. p. 204,) und die Hist. Miscella, (16, p.110) wie De Guignes sie versteht, (Band 1. part 2, p. 354,) scheinen von einer türkischen Gesandtschaft an Justinian selbst zu sprechen; aber die von Maniach im 4. Jahre seine Nachfolgers Justin ist mit Sicherheit die erste, die bis Konstantinopel kam. Menander, p. 108.. Die ungemessene Entfernung, welche einer direkten Begegnung ihrer Waffen entgegenstand, konnte ihre Rachegefühle nicht dämpfen: die türkischen Gesandten folgten der Spur der Besiegten bis an den Jaik, die Wolga, den Kaukasus, das Schwarze Meer und endlich Konstantinopel, um vor dem Nachfolger Konstantins aufzutreten und ihm nahe zu legen, sich nicht auf die Seite von Aufständischen und Flüchtlingen zu schlagen. Selbst der Handel hatte einigen Anteil an diesem bemerkenswerten Treffen: die Sogdoiten, die nunmehr den Türken abgabepflichtig waren, packten die günstige Gelegenheit beim Schopfe, um nördlich des Kaspischen Meeres einen neuen Handelsweg zum Import chinesischer Seide in das Römische Reich zu etablieren. Die Perser, die den Seeweg über Ceylon favorisierten, hatten die Karawanen von Buchara und Samarkand aufgehalten und ihre Seide verachtungsvoll verbrannt; auch starben einige türkische Gesandte in Persien unter Umständen, die den Verdacht der Vergiftung nahe legten; und schließlich erlaubte der Großkhan seinem getreuen Vasallen Maniach, dem Fürsten der Sogdoiten, am Hofe zu Byzanz auf eine Allianz gegen den gemeinsamen Feind hinzuwirken. Ihr prächtiger Aufzug und ihre üppigen Geschenke – Früchte des orientalischen Luxus – zeichneten Maniach und seine Begleiter wohltuend vor den groben Kerlen den Nordens aus: ihre Briefe, abgefasst in skythischer Schrift und Sprache, kündigten ein Volk an, das sich mittlerweile die Anfangsgründe der Wissenschaft angeeignet hatte Die Russen haben am Irtisch und Jennisei Schriftzeichen, ungefüge Hieroglyphen, auf Münzen, Grabsteinen, Götzenbildrn, Felsen, Obelisken u.a. gefunden (Stralenberg, Geschichte von Sibirien, p. 324, 346, 406-429. Dr. Hyde (de Religione Veterum Persarum p. 521ff) hat zwei Alphabete von Tibet und von den Eggurn gegeben. Ich habe lange Zeit vermutet, dass alle skythische und einiges, vielleicht sogar viel von der indischen Wissenschaft von den Griechen aus Baktrien herstammt.; sie zählten die Eroberungen der Türken auf und boten ihre Freundschaft und militärische Hilfe an; und für ihre Aufrichtigkeit verbürgten sie sich durch die grässlichsten Verwünschungen, die sie auf ihr und ihres Gebieters Disabul Haupt herabbeschworen, sollten sie der Lüge schuldig werden. Der griechische Fürst bewirtete die Abgesandten eines fernen und mächtigen Herrschers mit artiger Gastfreiheit; der Anblick der Seidenwürmer und der Webespulen jedoch erstickte die Hoffnungen der Sogdoiten; der Kaiser verzichtete auf die flüchtigen Awaren oder schien es zumindest, aber er genehmigte das Bündnis mit den Türken; und so wurde der Vertrag am Fuße des Altaigebirges von einem römischen Staatsdiener ratifiziert.

Unter Justinians Nachfolgern wurde die Freundschaft der beiden Völker durch häufigen und sogar herzlichen Austausch gepflegt; den am stärksten begünstigten Vasallen wurde es gestattet, dem Beispiel des Großkhans zu folgen, und einhundertundsechs Türken, welche aus unterschiedlichen Gründen Konstantinopel aufgesucht hatten, kehrten zu gleicher Zeit in ihre Heimat zurück. Die Dauer einer solchen Reise vom Hof in Byzanz zum Altaigebirge wird nicht genau mitgeteilt; es muss wohl recht schwierig gewesen sein, eine Straße zu bezeichnen, die mitten durch namenlose Ödeneien, Gebirge, Flüsse und Sumpfland führte; doch ist ein lesenswerter Bericht von der Aufnahme einer römischen Gesandtschaft im königlichen Lager auf uns gekommen.

Nach ihrer Reinigung mit Hilfe von Feuer und Weihrauch – welche Praxis noch unter den Söhnen des Dschingis Khan üblich war – wurden sie bei Disabul vorgelassen. In einem Tal des Goldenen Gebirges fanden sie den Großkhan in seinem Gezelte sitzend auf einem Stuhl mit Rädern, dem bei Bedarf ein Pferd vorgespannt werden konnte. Sobald sie ihre Geschenke zu Händen eines dafür qualifizierten Beamten abgeliefert hatten, trugen sie in sprudelnder Rede die Wünsche des römischen Kaisers vor, dass nämlich Sieg die türkischen Waffen begleiten, ihre Herrschaft lang und segensreich sein und ein enges Bündnis ohne Neid und Arg die beiden mächtigsten Nationen der Erde für immer verbinden möge. Disabuls Antwort harmonierte mit diesen Freundschaftsbekundungen, und die Gesandten saßen während eines ganztägigen Bankettes an seiner Seite: das Zelt war mit Seidenvorhängen umzirkt, und ein Tataren-Getränk ward bei Tafel gereicht, welches mit dem Wein zumindest die berauschende Wirkung gemein hatte. Die Bewirtung des anderen Tages fiel noch üppiger aus; in die Seidenvorhänge des zweiten Zeltes waren verschiedentlich Figuren eingearbeitet, und der Sitz des Königs, die Trinkgefäße und übrigen Geschirre waren von lauterem Golde. Ein drittes Zelt endlich wurde von vergoldeten Holzsäulen, und ein Bett von reinem und massivem Gold von vier Pfauen aus demselben Metall emporgehoben; vor dem Zelteingang waren Schüsseln, Becken und Bildsäulen aus massivem Silber pompös auf Wagen gestapelt, Zeugen eher des Heldenmutes als des Kunstsinnes.

Als Disabul seine Armeen an die persische Grenze führte, folgten seine römischen Bundesgenossen viele Tage dem Zuge des türkischen Lagers und wurden nicht eher entlassen, bis sie ihres Vorranges vor dem Gesandten des Großkönigs genossen hatten, dessen unziemliches und unmäßiges Lärmen die Würde des königlichen Bankettes störte. Die Macht und der Ehrgeiz des Persischen Großkönigs Chosroes trug dazu bei, das türkisch-römische Bündnis zu festigen, die von beiden Seiten an sein Herrschaftsgebiet angrenzten: diese entfernten, einander gleichgültigen Nationen fragten immer zuerst nach ihrem Eigeninteresse und vergaßen darüber die Verbindlichkeit von Eiden und Verträgen. Während der Nachfolger des Disabul die Totenfeier für seinen Vater beging, wurde er von den Abgesandten des Kaisers Tiberius begrüßt, welche eine Invasion Persiens vorschlugen und dabei mit Seelenstärke die zornigen und vermutlich berechtigten Vorwürfe des hochfahrenden Barbaren ertrugen.

»Ihr seht hier meine zehn Finger,« sprach der Großkhan und führte sie an den Mund. »Ihr Römer sprecht in ebenso vielen Sprachen, aber immer ist es die Sprache der Lüge und des Meineides. Anders redet ihr mit mir, anders mit meinen Untertanen; und die Völker werden durch eure listenreiche Beredsamkeit der Reihe nach betrogen. Ihr stürzt eure Verbündeten in Krieg und in Gefahr, freut euch über ihre Mühsal und vergesst darüber eure Wohltäter. Reist zurück in Eile und berichtet eurem Herren, dass ein Türke zu beidem unfähig ist, Falschheit zu begehen wie Falschheit zu vergessen und dass ihm schon bald die gebührende Züchtigung zuteil werden soll. Indes er mit öder Schmeichelrede um meine Freundschaft nachsucht, sinkt er zum Verbündeten meiner entlaufenen Varchoniten herab. Sollte ich mich darauf einlassen, gegen diese erbärmlichen Sklaven zu Felde zu ziehen, werden sie schon beim Knall unserer Peitschen erbeben. Sie werden wie ein Ameisenhaufen unter den Füßen meiner ungezählten Reiterei zermalmt werden. Ich kenne den Weg genau, den sie gezogen sind, in euer Reich zu gelangen; und auch die alberne Behauptung kann mich nicht täuschen, dass der Kaukasus die unüberwindliche Grenze der Römer sei. Ich kenne den Lauf von Dnjestr, Donau und Hebrus; die kriegstüchtigsten Nationen sind vor meinen Waffen geflohen. Vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne ist alles Erdreich mein Erbteil.« Dieser Drohrede ungeachtet, erneuerte schon bald das Bewusstsein für den gegenseitigen Vorteil das Bündnis zwischen Römern und Türken. Aber der Stolz des Großkhans war zählebiger als seine Abneigung; und wenn er seinem Freund, dem Kaiser Mauritius eine wichtige Eroberung mitzuteilen hatte, verlieh er sich selbst den Titel des Meisters der sieben Geschlechter und des Beherrschers der sieben Weltgegenden Alle diese Einzelheiten der Türkischen und Römischen Gesandtschaften, die für die Geschichte der menschlichen Bräuche so wichtig sind, sind den Auszügen des Menander entnommen (p. 106-110; 151-154; 161-164), in welchen wir oft den Mangel an Ordnung und Übersicht beklagen..

Oftmals gab es zwischen den Herrschern Asiens Streit um den Titel »König der Welt«; das Ergebnis zeigte jedwedes Mal, dass er keinem der Aspiranten zustehen könne. Das Königreich der Türkei wurde durch den Oxus oder Gihon begrenzt, und Touran wurde durch diesen großen Fluss von der rivalisierenden Monarchie Iran oder Persien getrennt, welche auf geringerer Fläche mehr Bevölkerung und Macht umfasste. Die Perser ihrerseits, die wechselweise die Türken oder Römer überfielen oder zurückschlugen, wurden nach wie vor von dem Hause Sassan beherrscht, welches dreihundert Jahre vor Justinian den Thron erklommen hatte. Sein Zeitgenosse Cabades oder Kobad war im Kriege gegen Kaiser Anastasios erfolgreich gewesen; aber Bürgerkrieg und religiöse Unruhen zerrütteten seine Regierung. Ein Gefangener seiner Untertanen, ein Verbannter unter den Feinden Persiens, erlangte er seine Freiheit wieder durch die Preisgabe der Ehre seiner Frau und eroberte sein Königreich zurück mit der heiklen Hilfe von gemieteten Barbaren, die seinen Vater erschlagen hatten. Seine Edeln hegten den Verdacht, dass Kobad weder den Betreibern seiner Verbannung noch denen seiner Wiedereinsetzung vergeben habe. Das Volk wurde durch die religiösen Wallungen des Mazdak Siehe D'Herbelot, (Bibliot. Orient. p. 568, 929;) Hyde, (de Religione Vet. Persarum, 21, p. 290, 291;) Pocock, (Specimen Hist. Arab. p. 70, 71;) Eutychius, (Annal. Band 2, p. 176;) Texeira, (in Stevens, Hist. of Persia 1,34.) verführt und berauscht, welcher Frauengemeinschaft Das Gerücht über die Weibergemeinschaft hatte sich sehr bald bis nach Syrien (Asseman. Bibliot. Orient. Band 3, p. 402) und Griechenland ausgebreitet (Procop. Persic. 1,5). propagierte und die Gleichheit der Menschen behauptete und zugleich die ergiebigsten Ländereien und schönsten Frauen für den Gebrauch seiner Sekte erheischte. Der Anblick dieser Unordnung, zu welcher seine Gesetze und sein Beispiel Er bot dem Propheten seine eigene Frau und Schwester an; aber Nuschirvans Bitten retteten seiner Mutter das Leben, und der unwillige Monarch vergab niemals die Demütigungen, zu welcher seine kindliche Frömmigkeit sich hatte hinreißen lassen. »pedes tuos deosculatus (sagte er zu Mazdak,) cuius foetor adhuc nares occupat.« (Er hat deine Füße geküsst, deren Geruch immer noch die Nase beschäftigt.) Pocock, Specimen Hist. Arab. p. 71. Anlass gaben, verbitterte die sinkenden Jahre des Monarchen; und seine Sorgen vergrößerten sich im Bewusstsein seiner geheimen Pläne, die naturgegebene und hergebrachte Erbfolge zugunsten seines dritten, geliebtesten Sohnes umzustoßen, der unter dem Namen Chosroes oder Nuschirvan zu so großer Berühmtheit gelangt ist.

Um diesen Jüngling achtbarer zu machen vor dem Angesicht der Völker, wünschte Kobad, dass der Kaiser Justin in adoptieren möge. Die Aussicht auf Frieden machte den Hof von Byzanz geneigt, diesem einmaligen Vorschlag beizutreten, und Chosroes hätte so möglicherweise einen Rechtstitel auf das Erbe seines römischen Vaters erhalten. Aber der Quaestor Proclus konnte künftiges Unheil durch seinen Rat abwenden: unvermittelt stand das Problem im Raume, ob diese Kindesannahme nach bürgerlichem oder militärischen Ritus solle vollzogen werden Prokopios, Pers 1,11. War Proclus nicht überklug? War die Gefahr nicht nur eingebildet? Die Ausflucht jedenfalls war eine Beleidigung für eine Nation, der die Wissenschaften nicht ganz fremd waren: ›Barbaren formen Kinder nicht durch Buchstaben, sondern durch Waffen.‹ Ob Kindesannahme in irgendeiner Form in Persien üblich war, bezweifle ich mit Nachdruck.; die Unterhandlung wurde daraufhin unvermittelt abgebrochen; und dieses Gefühl der Kränkung setzte sich tief in Chosroes Gemüt fest, der auf seiner Fahrt nach Konstantinopel bereits bis zum Tigris gekommen war. Sein Vater überlebte dieses Scheitern seiner Wünsche nicht lange: in der Versammlung der Edlen wurde das Testament des verewigten Monarchen verlesen, und eine starke Faktion, die auf diesen Fall vorbereitet und gleichgültig gegen Prioritätsansprüche war, erhob Chosroes auf den Thron der Perser. In einer durchweg glücklichen Epoche von achtundvierzig Jahre hatte er ihn inne Mit Prokopios und Agathias hat Pagi (Band 2, p. 5443 und 626) gezeigt, dass Chosroes im 6. Jahr Justinians (1. April 531-1. April 532) den Thron bestieg. Aber die wahre Chronologie, die mit der der Griechen und Orientalen zusammenpasst, wird von Johannes Malala (Band 2, p. 211) abgesichert. Cabades oder Kobad erkrankte (nach 43 Jahren und 2 Monaten Regierung) am 3. Und verstarb am 13, September A.D. 531 im Alter von 82 Jahren. Den Annalen des Eutychius regierte Chosroes oder Nurschivan 47 Jahre und 2 Monate, und folglich muss sein Tod in den März d.J. 579 gesetzt werden.; und die Gerechtigkeit des Nurschivan ist den Völkern des Ostens der Gegenstand unsterblicher Belobung.

Aber die Gerechtigkeit der Könige ist nach ihrer eigenen Auffassung und sogar der ihrer Untertanen vereinbar mit vieler Nachsicht gegen das Ausleben ihrer Emotionen und dem Streben nach persönlichen Vorteilen. Die Tugend Chosroes' war die eines Eroberers, welcher bei seinen Maßnahmen im Frieden und Krieg von Ehrgeiz angestachelt und von Besonnenheit geleitet wird; der die Größe einer Nation mit ihren Glücksgefühlen verwechselt und der seelenruhig das Leben von Tausenden dem Ruhm und selbst noch dem Vergnügen eines Einzigen aufopfert. Innenpolitisch verdienst Chosroes der Gerechte nach unseren Maßstäben den Beinamen eines Despoten. Seine beiden älteren Brüder waren gegen alles Recht ihrer Anwartschaft auf den Thron beraubt worden. Ihr künftiges Leben zwischen höchstem Rang und schlichten Untertanen war für sie selbst heikel und für ihren Herren zum Fürchten: Angst und Rachegelüste mochten sie zur Empörung reizen; der kleinste Anschein einer Auflehnung war eine Rechtfertigung für den Verursacher ihres Elends; und so wurde Chosroes' Ruhe erst durch den Tod dieser beiden unglückseligen Prinzen mitsamt ihrer Familien und ihrer Anhängerschaft wieder sichergestellt. Ein einziger schuldloser Jüngling wurde gerettet und in die Freiheit entlassen, weil ein altgedienter General Mitleid verspürt hatte; und dieser Akt der Humanität, die sein eigener Sohn offenbart hatte, konnte durch das Verdienst der Eroberung von zwölf Provinzen für die persische Krone nicht aufgewogen werden; dem Eifer und der Klugheit des Medobedes hatte Chosroes das Diadem zu verdanken. Aber er wollte der königlichen Vorladung nicht folgen, bis er eine militärische Musterung zu Ende gebracht hatte: prompt folgte der Befehl, er solle sich am eisernen Dreifuß einfinden, der am Palasttor Prokopios, Persic. 1,23 und Brisson, de regn. Pers, p. 494. Dieses Tor des Palastes zu Ispahan ist oder war doch wenigstens der Ort der Ungnade und des Todes. (Chardin, Voyage en Perse, Band 4, p. 312f. aufgestellt war und wo es Tod war, sich dem Opfer anzunähern oder ihm gar beizustehen. So schmachtete Mebodes einige Tage lang, ehe der unbeugsame Starrsinn oder der marmorkalte Undank von Kobads Sohn das Urteil gesprochen hatte.

Aber das Volk, das orientalische zumal, neigt dazu, das Unrecht zu verzeihen, sogar zu loben, wenn es überragende Persönlichkeiten trifft; jene Getriebenen ihres eigenen Ehrgeizes mithin, die sich aus freien Stücken dazu verurteilt haben, im Lächeln eines launischen Herrschers zu erblühen und durch ein Stirnrunzeln zu verderben. Doch durch die Exekution solcher Gesetzesvorschriften, die abzuschaffen er sich niemals unterfangen hätte, und durch die Bestrafung der Verbrechen, die seine eigen Würde und das Glück der Individuen antasteten, verdiente sich Nurschivan oder Chosroes entschieden den Beinamen der Gerechte.

Seine Regierung war streng, fest und überparteilich. Ihre erste Aufgabe war es, die brandgefährliche Theorie vom gemeinsamen oder gleichen Besitzes abzuschaffen: die Länder und Frauen, die die Sekte des Mazdak an sich gerissen hatten, wurden ihren rechtmäßigen Besitzern wiedergegeben; und die zurückhaltende Bestrafung der Fanatiker oder Betrüger festigte das bürgerliche Recht der Gesellschaft. Anstelle mit blindem Zutrauen einem einzigen Liebling zu lauschen, investierte er vier Wesire über die vier großen Provinzen seines Reiches, Assyrien, Medien, Persien und Baktria. Bei der Auswahl von Richtern, Präfekten und Ratgebern war ihm besonders daran gelegen, die Masken zu entfernen, die in Anwesenheit eines Herrschers immer angelegt werden: ihm lag daran, die zufällige Rangfolge der Geburt und des Vermögens gegen die naturgegebene Rangfolge der Begabung zu tauschen; in wohlgesetzten Worten machte er seinen Vorsatz kundig, die Männer vorzuziehen, die den Bedürftigen im Busen trügen, und die Korruption vom Sitze der Gerechtigkeit zu verbannen wie die Hunde aus dem Tempel der Magi. Der Gesetzestext des Artaxerxes ward neuerlich aufgelegt und der Obrigkeit als ihre Richtschnur bekannt gemacht; aber die sicherste Gewähr für ihre Tugend war die Gewissheit einer prompten Bestrafung. Tausend Augen beobachteten sie, tausend Ohren belauschten sie, geheime oder öffentliche Agenten der Krone. Und die Geschehnisse in den Provinzen zwischen Indien und Arabien wurde durch häufige königliche Visiten ausgeleuchtet, der beflissen war, mit seinem himmlischen Bruder auf seiner raschen und fruchtspendenden Reise zu wetteifern.

Erziehung und Ackerbau waren die Gegenstände, die seiner Aufmerksamkeit am würdigsten schienen. In jeder Stadt Persiens wurden Waisen und die Kinder der Armen auf Kosten der Gemeinschaft großgezogen und unterrichtet; die Töchter wurden mit den reichsten Bürgern ihres jeweiligen Standes verheiratet, und die Söhne entsprechend ihrer jeweiligen Begabung in Handwerksberufen oder auch ehrenträchtigerem Tun untergebracht. Verödete Dörfer wurden durch seine Fürsorge unterstützt; die Bauern und Meier, die außerstande waren, ihre Ländereien zu bearbeiten, erhielten von ihm Vieh, Saatgut und Ackergerät; und das seltene und unschätzbar wertvolle Gut, frisches Wasser, wurde sozusagen pedantisch bewirtschaftet und über Persiens trockenes Land verteilt In Persien ist der Oberaufseher über die Gewässer ein hoher Staatsbeamter. Die Zahl der Brunnen und unterirdischen Wasserläufe ist stark zurückgegangen und dadurch auch die Bodenfruchtbarkeit: 400 Quellen sind erst vor kurzem bei Tauris versiegt, und in der Provinz Korasan wurde ehedem ihre Zahl auf 42.000 geschätzt (Chardin, Band 3, p. 99f. Tarvernier, Band 1, p. 416). Der Reichtum dieses Landes war Folge und Beweis seiner Tugenden; sein Laster war orientalischer Despotismus, aber in der langen Auseinandersetzung zwischen Justinian und Chosroes waren Verdienst und Glück immer aufseiten der Barbaren Chosroes Charakter und seine Regierung sind zuweilen geschildert mit den Worten von D'Herbelot, (Bibliot. Orient. p. 680, aus Khondemir,) Eutychius, (Annal. Band 2, p. 179, 180, – sehr reichhaltig) Abulpharagius, (Dynast. 7, p. 94, 95, – sehr dürftig) Tarikh Schikard, (p. 144–150) Texeira, (in Stevens, 1,35) Asseman, (Bibliot Orient. Band 3, p. 404-410) und der Abbé Fourmont, (Hist. de l'Acad. des Inscriptions, Band 7, p. 325–334), welcher auch noch ein Testament von umstrittener Echtheit übersetzt hat..

Dem Rufe der Gerechtigkeit fügte Nurschivan noch den der Gelehrsamkeit hinzu; und die sieben Griechischen Weisen, die seinen Hof besuchten, wurden durch die seltsame Zusicherung angelockt und – getäuscht, dass auf dem Throne Persiens ein Schüler Platos sitze. Erwarteten sie etwa, dass ein Fürst, der ununterbrochen mit Fragen der Kriegsführung oder der Verwaltung eingespannt war, mit einer ihnen ebenbürtigen geistigen Beweglichkeit die schwer verständlichen und grundlegenden Fragen durchdenken werde, mit der sich die Schulen von Athen die Mußestunden vertrieben? Konnten sie wirklich darauf rechnen, dass Lehrer der Philosophie den Lebensentwurf eines Despoten formen und seine Leidenschaften lenken würden, dem man von Kindheit an eingetrichtert hatte, seinen wankelmütigen Willen bedingungslos als die einzige moralisch verbindliche Richtlinie anzusehen Eintausend Jahre vor seiner Geburt hatten die Richter Persiens feierlich die Auffassung verkündet, »dass es dem König von Persien freigestellt sei, zu tun, was ihm beliebe.« (Herodot 3,31). Auch ist dieser Verfassungsartikel niemals als eine nutzlose oder sinnlose Theorie aufgegeben worden.? Die Studien Chosroes waren nur Schaugewerbe und oberflächlich: aber sein Vorbild ließ die Neugierde seines ingeniösen Volkes aufleben, und so verbreitete sich das Licht der Wissenschaft über die persischen Lande Über die Literatur in Persien, über die griechischen Varianten, Philosophen, Sophisten und die Kenntnisse bzw. Unkenntnisse von Chosroes enthüllt Agathius (2,66-77) viel Sachkunde und deftige Vorurteile.. Zu Gondi Sapor nahe der Königsstadt Susa wurde eine Medizinische Hochschule begründet, welche unmerklich zu einer freisinnigen Schule der Dichtkunst, Philosophie und Rhetorik erblühte Asseman. Bibliot. Orient. Band 4, p. 745, 6,7.. Die Annalen der Monarchie Das Schah Nameh oder Königsbuch ist vielleicht die echte Geschichtsurkunde, übersetzt ins Griechische vom Dolmetscher Sergius (Agathias, 5,141), nach der Eroberung durch Muslime aufbewahrt und im Jahre 994 von dem Nationaldichter Ferdussi in Verse gesetzt. Siehe D'Anquetil (Mem. de l'Academie, Band 31, p. 379) und Sir William Jones, (Hist. of Nadir Shah, p. 161). wurden geschrieben; und während die neuere und belegbare Geschichtsschreibung für den König und sein Volk nutzbringende Lehren bereithielten, bevölkerten Riesen, Drachen und die üblichen Sagenhelden das prähistorische Dunkel der orientalischen Märchenwelt Im V. Jhdt. war der Name Rostan – ein Heros mit der Stärke von zwölf Elefanten – in Armenien populär (Moses Chorenensis, Hist. Armen. 2,7, p- 96). Zu Beginn des VII. Jhdts. fand der persische Roman von Rostam und Isfendiar in Mekka viel Anklang (Sale's Koran, 31, p. 335). Aber diese Schilderung des Ludicrum novae historiae (des Spaßigen der neuen Geschichtsschreibung) stammt nicht von Maracci (Refutat. Alcor. P. 544-548)..

Jeder gebildete Fremdling mit offenen Sinnen fühlte sich bereichert durch des Königs Güte und bestrickt durch seine Gesprächskultur: großherzig belohnte er einen griechischen Arzt durch die Entlassung von dreitausend Gefangenen Prokopios, Got. 4,10. Kobad hatte einen griechischen Leibarzt, Stephanos von Odessa (Persic. 2,26). Die Methode war althergebracht; und Herodot ( 3, p. 125-137) berichtet die ERlebnisse des Democedes von Crotona.. Und die Sophisten, die um seine Gunst warben, ärgerten sich an dem Reichtum und dem Hochmut ihres erfolgreicheren Rivalen Uranius. Nurschivan glaubte oder respektierte doch zumindest die Religion der Magi; auch lassen sich für seine Regierungszeit einige Hinweise auf Verfolgungen entdecken Siehe Pagi, Band 2, p. 626. In einen der Verträge wurde ein honrabler Artikel eingerückt, der Duldung und Begräbnisse der Katholiken betraf (Menander, in excerpt. Legat. p. 142). Nuschizad, ein Sohn Nurschivans war Christ, folglich ein Rebell und Märtyrer (D'Herbelot, p. 682). Doch erkeckte er sich, die Lehrsätze der einzelnen Religionen vorbehaltlos zu vergleichen; und die theologischen Streitigkeiten, bei den er oft selbst den Vorsitz führte, minderten das Ansehen der Gottesmänner und erleuchteten den Geist des Volkes. Auf seine Anordnung hin wurden die angesehensten Autoren Griechenlands und Indiens ins Persische übersetzt; eine geschmeidige und anmutige Sprache, die Mohammed für den Gebrauch im Paradies empfahl, selbst wenn die Ignoranz und der Hochmut des Agathias sie grob und unmusikalisch schalt Zur persischen Sprache und ihre drei Dialekte sehe man d'Anquetil (p. 339-343) und Jones (p. 153-185). »Eine rohe und völlig unmusikalische Sprache«, so charakterisiert Agathias das Idiom, die im Orient wegen ihrer poetischen Sanftheit gerühmt wird.. Zu Recht durfte sich da der griechische Historiker verwundern, wie es denn möglich wäre, Plato und Aristoteles vollständig in eine Fremdsprache zu übertragen, die nicht danach gebaut war, den Geist der Freiheit und die Subtilitäten der Philosophie in Worte zu fassen. Und wenn die Vernunftgründe des Stagiriten in allen Sprachen gleich dunkel oder gleich einleuchtend sein mochten, so scheinen die dramatische Kunst des Sokrates-Schülers Agathias nennt hier ausdrücklich den Gorgias, Phaidon, Parmenides und Timäus. Renaudot (Fabricius, Bibliot. Graec. Band 12, p. 246–261) lässt diese barbarische Aristotelesübersetzung unerwähnt. und seine Beweisführungen mit Worten notwendig an die Eleganz und Vollkommenheit seines Attischen geknüpft zu sein.

Auf seiner Suche nach ewiger Weisheit erfuhr Nurschiwan davon, dass die moralischen und politischen Fabeln des Pilpay, eines alten Brahmanen, mit gleichviel Ehrfurcht wie Eifersucht unter den Schätzen der Könige von Indien verwahrt wurden: So wurde der Arzt Perozes insgeheim mit der Weisung an den Ganges entsandt, um zu jedem Preis nachrichten von diesem unschätzbaren Werk einzuholen. Sein Geschick brachte ihn in den Besitz einer Abschrift, mit gelehrter Gründlichkeit besorgte er eine Übersetzung, und die Fabeln des Pilpay Von diesen Fabeln habe ich drei fassungen in drei unterschiedlichen Sprachen zu Gesicht bekommen: 1. In Griechisch, von Simeon Seth (A.D. 1100) aus dem Arabischen übersetzt und bei Starck 1697 in Berlin herausgegeben; 2. Im Lateinischen, aus dem Griechischen übersetzt, Sapientia Indorum von Pater Poussin, im Anhang seiner Pachymer-Ausgabe (p 547-620). 3. Im Französischen, aus dem Türkischen, im Jahre 1540 dem Sultan Solyman gewidmet. Contes et Fables Indiennes de Bidpai et de Lokman, par Mm. Galland et Cardonne, Paris, 1778, 3 Bd. Mr. Warton (History of English Poetry, Band 1, p. 129–131). Herr Warton nimmt sich größere Freiheiten. wurden in der Versammlung Nurschivans und seiner Edlen vorgelesen und bewundert. Das indische Original und die persische Kopie sind uns längst verloren; doch hat die Wissbegierde eines arabischen Kalifen dieses ehrwürdige Denkmal bewahrt, und in das moderne Persisch, Türkisch, Syrisch, Hebräisch und Griechisch herübergerettet, von wo aus es in schrittweisen Übersetzungen in die modernen europäischen Sprachen Europas vorgedrungen ist. In ihrer vorliegenden Gestalt sind uns der spezifische Charakter, die Bräuche und die Religion der Hindus vollkommen unkenntlich, und die inneren Werte der Fabeln des Pilpay stehen der gedrängten Eleganz des Phädrus und der natürlichen Anmut des La Fontaine deutlich nach. Fünfzehn moralische und politische Sinnsprüche werden in einer Reihe von Fabeln erörtert, aber die Anlage ist unübersichtlich, die eigentliche Erzählung weitschweifig und die Moral banal und unergiebig. Die Brahmanen können jedoch für sich in Anspruch nehmen, als Erste eine genießbare Literaturgattung erfunden zu haben, welche den Anblick der nackten Wahrheit lieblicher und die Direktheit der Sittenlehre für königliche Ohren erträglicher macht. In der vergleichbaren Absicht, Könige daran zu erinnern, dass sie immer nur stark sind, wenn auch ihre Untertanen stark sind, erdachten die gleichen Inder das Schachspiel, das ebenfalls unter Nurschiwans Regierung in Persien eingeführt wurde Siehe die Historia Shahiludii von Dr. Hyde, (Syntagm. Dissertat. Band 2, p. 61–69.).

KRIEG UND FRIEDEN MIT DEN RÖMERN A.D. 533–539

Kobads Sohn fand sein Reich verwickelt in einen Krieg mit Konstantins Nachfolger; und da seine innenpolitische Lage heikel war, war er geneigt, auf den Waffenstillstand einzugehen, den Justinian zu erkaufen dringlich beabsichtigte. Zu seinen Füßen erblickte Chosroes die römischen Abgesandten. Den Preis von elftausend Pfund Gold für einen ewigen oder wenigstens auf unbestimmte Zeit geschlossenen Frieden ließ er sich gefallen Der ewige Friede (Prokopios, Pers. 1,21) wurde im 6. Regierungsjahr und 3. Konsulat Justinians (A.D. 533). Pagi benutzt in seiner Chronik die Bezeichnungen ›Meder‹ oder ›Perser‹.: zugleich wurden einige Tauschgeschäfte vereinbart. Persien übernahm die Bewachung der Kaukasuspässe, und der Abriss der Feste Dara wurde unter der Bedingung vertagt, dass sie niemals zum Quartier des orientalischen Feldherren werden dürfe. Dem Kaiser war an dieser Ruhepause sehr gelegen gewesen, und er nutzte sie mit Eifer; die afrikanischen Eroberungen waren die erste Frucht des persischen Abkommens; und Chosroes Habgier wurde durch einen fetten Anteil an der Beute von Karthago ruhiggestellt, welche seine Gesandten in scherzhaftem Tone und hinter der Maske der Freundschaft einforderten Prokopios, Pers. 1,26..

Aber Belisars Triumphe wirkten sich nachteilig auf die großkönigliche Nachtruhe aus, denn er hörte mit Staunen, Missgunst und Schrecken, dass auch Sizilien und Italien in drei schnellen Feldzügen unter Justinians Botmäßigkeit gezwungen waren. Unerfahren in der Kunst, Verträge zu brechen, griff er anstelle dessen auf seinen kühnen und durchtriebenen Vasallen Almondar zurück. Diese Sarazenenhäuptling, der zu Hira Almondar, König von Hira, wurde von Kobad ab- und von Chosroes neuerlich wieder eingesetzt. Seine Mutter schmückte ihrer Schöne halber der Beiname › Himmlisches Wasser‹, welche Benennung erblich und einer edleren Ursache halber (Großzügigkeit in Hungersnöten) auf die arabischen Fürsten Syriens ausgedehnt wurde. (Pocock, Specimen Hist. Arab. p. 69, 70). residierte, war in den allgemeinen Friedensschluss nicht miteinbezogen und führte immer noch einen nichterklärten Krieg gegen Arethas, seinen Feind, Häuptling des Stammes Gassan und Bundesgenosse des Imperiums. Gegenstand ihres Zwistes war eine ausgedehnte Schafweide in der Wüste südlich von Palmyra. Ein in unfürdenklichen Zeiten erhobener Tribut für die Weiderechte schien Almandars Position zu stärken, während sich der Gassanite auf den lateinischen Namen Strata berief, eine gepflasterte Straße, die einen unwiderlegbaren Beweis für die römische Oberherrschaft und Tätigkeit abgab Prokopios, Pers. 2,1. Ursprung und Zweck dieser Strata sind uns unbekannt, eines gepflasterten und zehn Tagesreisen langen Weges von Auranitis nach Babylon. Man sehe die lateinische Anmerkung in Delisles Karte des Orients. Wesseling und d'Anville schweigen.. Beide Monarchen traten der Sache ihrer jeweiligen Vasallen bei; und der persische Araber wartete gar nicht erst den zweifelhaften Ausgang eines langwierigen Schiedsverfahrens ab, sondern rüstete sein wanderndes Lager mit der Beute und den Gefangenen Syriens auf. Anstelle nun diese Verstärkung zurückzudrängen, suchte Justinian Almondars Treue zu lockern, indem er aus den äußersten Weltenden die Äthiopier und Skythen aufrief, in die Staaten seines Gegners einzufallen. Allein, auf die Hilfe von solchen entfernten Alliierten konnte man nicht unbedingt rechnen, und als dann dieses feindselige Einverständnis offenkundig wurde, waren auch die Klagen der Goten und Armenier gerechtfertigt, die fast zur gleichen Zeit Chosroes um Hilfe baten.

Die Nachfahren des Arsaces, in Armenien immer noch zahlreich vertreten, waren ermuntert worden, die letzten Reste von nationaler Freiheit und erblicher Rangstufung zu bewahren; und die Abgeordneten des Witiges hatten in geheimer Mission das Imperium durchquert und die drohende und unausweichliche Gefahr auszumalen, in welcher sich das Königreich Italien befand. Ihre Darstellung war schlicht, eindrucksvoll und wirkmächtig. »Wir stehen vor deinem Thron, die Sachwalter deines Interesses ebenso wie des unseren. Der ehrgeizige und ungetreue Justinian schickt sich an, der Alleinherrscher der Welt zu werden. Seit dem ewigen Frieden, welcher die Freiheit der ganzen Menschheit verriet, hat dieser Herrscher, dein Freund in Worten und Feind in Taten seine Freunde und Feinde gleichermaßen gekränkt, die Erde zerrüttet gestürzt und mit Blut durchtränkt. Hat er nicht die Vorrechte Armniens, die Unabhängigkeit von Kolchis und die urwüchsige Freiheit Tzanianischen Gebirge geschändet? Hat er nicht mit vergleichbarer Habgier die Stadt Bosporus am gefrorenen Mäotis und das Palmental am Roten Meer an sich gerissen? Die Mauren, die Vandalen, die Goten wurden nacheinander unterworfen, und jedes dieser Völker hat beim Untergang seines Nachbarn kalt und lässig zugeschaut. Packe, o König, die günstige Gelegenheit beim Schopfe! Der Osten ist ohne Verteidigung, und die Waffen Justinians und seines weitberühmten Generals im fernen Westen festgehalten werden. Zögerst du weiterhin, verweilst gar, dann werden Belisars Truppen schon bald vom Tiber an den Tigris zurückkehren, und Persien mag sich damit trösten, als das letzte der Länder von dem Römern verschlungen worden zu sein Ich habe die beiden Reden der Arsakiden von Armenien und der gotischen Gesandten zu einer kurzen Ansprache zusammengefasst. Prokopios hat das Gefühl und vermittelt in seiner öffentlichen Geschichte auch uns dieses Gefühl, dass Justinian der wahre Urheber dieses Krieges war. (Pers. 2,2 und 3).« Durch Argumente dieser Art war Chosroes leicht überredet, ein Beispiel nachzumachen, das er im Grunde verabscheute:; aber der Perser, nach Feldherrenruhm dürstend, verachtete die zögerliche Kriegsführung eines Gegners, der seine mordlustigen Befehle aus dem sicheren Hoflager zu Byzanz erteilte.

EINFALL CHOSROES' IN SYRIEN A.D. 540

Auf welche Art Chosroes auch immer herausgefordert worden sein mochte, so missbrauchte er doch das Vertrauen, das man in Verträge setzen können muss, und die gerechtfertigten Vorwürfe der täuschend geübten Verstellung konnten allenfalls durch den Glanz seiner Siege überdeckt werden Der Überfall auf Syrien, die Zerstörung von Antiochia &c. werden in aller Ausführlichkeit von Prokopios dargestellt (Pers 2, 5-14). Kleine Hilfestellungen findet man bei den Autoren des Orients, aber nicht sie sollten schamrot werden, sondern d'Herbelot (p. 680), wenn er ihnen vorwirft, dass sie Justinian und Nurschiwan zu Zeitgenossen machen. Was die Geographie des Krieges betrifft, so ist D'Anville (l'Euphrate et le Tigre) hinreichend und zufrieden stellend.. Die Persische Armee, welche sich in den Ebenen um Babylon gesammelt hatte, vermied weislich die festen Städte Mesopotamiens und rückte am westlichen Euphratufer voran, bis schließlich die kleine, aber volksstarke Stadt Dura so keck war, sich den Fortschritten des Großkönigs entgegen zu stellen. Verrat und Überrumpelung sprengten die Stadttore auf, und sobald Chosroes seinen Krummsäbel im Blute der Einwohner befleckt hatte, entsandte er Justinians Botschafter, seinem Herren zu künden, an welchem Ort er die Feinde Roms verlassen habe. Immer noch erheuchelte der Eroberer den Ruhmestitel für die eine edle Frau mit ihrem Kinde rüde über die Erde geschleift wurde, Humanität und Gerechtigkeit; und als er sah, wie eine edle Frau mit ihrem Kinde rüde über die Erde gezerrt wurde, seufzte er, weinte gar und beschwor die Gerechtigkeit des Himmels dem Urheber dieser Not aufs Haupt. Indessen – eine Menschenmenge von zwölftausend Gefangenen wurde für zweihundert Pfund Gold freigegeben; der Bischof der Nachbarstadt Sergiopolis verbürgte sich für die Bezahlung: und im folgenden Jahr bestand die gefühlsrohe Habsucht auf der Entrichtung einer Schuld, die zu übernehmen edelmütig und die abzutragen unmöglich war.

Er drang in das Innere von Syrien vor, aber einschwacher Feind, der bei seiner Annäherung die Flucht ergriff, betrog ihn um die Ehre eines Sieges; und da der persische König nicht darauf hoffen konnte, hier eine auerhafte Herrschaft zu begründen, so entwickelte bei diesem Einfall immerhin seine niederen und räuberischen Talente. Hierapolis, Berrhaea oder Aleppo, Apamea und Chalcis, wurden nacheinander belagert: sie erkauften sich ihre Rettung durch ein Lösegeld von Silber oder Gold, das ihrer jeweiligen Stärke und ihrem Wohlstand entsprach; und je nach Stimmungslage erschwerte ihr neuer Herrscher die Kapitulationsbedingungen, ohne sie selbst zu halten. Auferzogen in der Religion der Magi übte er ohne Skrupel das einträgliche Gewerbe eines Tempelräubers: nachdem er von einem Stück des wahren Kreuzes das Gold und die Edelsteine geraubt hatte, gab er großmütig den Christen von Apamea die Reliquie zu Andachtszwecken zurück.

ZERSTÖRUNG VON ANTIOCHIA

Noch nicht vierzehn Jahre waren vergangen, seit Antiochia durch ein schweres Erdbeben zerstört worden war. Aber die Königin des Orients, das neue Theopolis war mit Hilfe von Justinians Freigiebigkeit aus dem Schutt hervorgeblüht; die emporwachsenden Gebäude und die zunehmende Bevölkerung ließen die Erinnerung an jene vergangene Katastrophe verblassen. Die Stadt war auf der einen Seite von Bergen gedeckt, auf der anderen durch den Fluss Orontes, und die zugänglichste Stelle wurde von einer ragenden Anhöhe beherrscht. Die geeigneten Hilfsmittel wurden verworfen aus der albernen Furcht, man würde so dem Feinde des Ortes Blöße verraten; und des römischen Kaisers Neffe, Germanus, weigerte sich, seine Würde und seine Person den Mauern einer Stadt anzuvertrauen. Antiochias Bevölkerung verfügte immer noch über den leichtfertigen und bissigen Geist seiner Altvorderen und eine plötzliche Verstärkung von 6000 Mann erhöhte ihnen den Mut, trotzig lehnten das Angebot zu einer glimpflichen Kapitulation ab, und ihr ungehörige Gejohle von den Wällen empfand die Majestät des Großkönigs wie Hohn. Vor seinen Augen machten sich Myriaden mit Sturmleitern zum Angriff bereit, die römischen Miettruppen flohen durch das entgegenliegende Daphne-Tor, und der edel- und heldenmütige Widerstand der Jugend Antiochias bewirkte lediglich, dass das Elend ihrer Stadt sich vergrößerte. Als Chosroes in Begleitung des römischen Gesandten den Berg hernieder stieg, hub er an, mit erheucheltem Gejammer den Starrsinn und den Untergang der Stadt zu beweinen; das Gemetzel aber ward mit unverminderter Brutalität fortgesetzt, und schließlich wurde die Stadt auf das Geheiß eines Barbaren den Flammen preisgegeben. Zwar entging die Kathedrale der Vernichtung, wenn auch nicht wegen der Frömmigkeit, sondern wegen der Habgier des Eroberers. Eine honorigere Ausnahme wurde noch für die Kirche des heiligen Julian und das Diplomatenviertel gemacht; einige Straßen wurden gerettet, da der Wind sich drehte, und auch die Mauern standen weiterhin, um ihre neuen Einwohner zu beschützen und bald auch wieder zu verraten. Der Fanatismus hatte die Anmut von Daphne zerstört, aber Chosroes atmete gleichwohl eine reinere Luft unter ihren Hainen und Quellen. Und einige Götzendiener durften ungestraft den Nymphen dieses lieblichen Refugiums opfern.*****

Achtzehn Meilen unterhalb von Antiochia mündet der Orontes in das Mittelmeer. In erhöhter Stimmung suchte der Perser das Ziel seiner Begierden auf, und nach einem Bad im Meer brachte er der Sonne oder vielmehr dem Schöpfer der Sonne, welchen die Magi anbeten, ein feierliches Dankopfer dar. Falls den Ressentiments der Syrer dieser Akt des Aberglaubens anstößig gewesen sein sollte, so gefiel ihnen seine höfliche und vielleicht sogar echte Anteilnahme, mit der er den Zirkusspielen zusah; und da Chosroes davon gehört hatte, dass Justinians Zuneigung der blauen Partei gehörte, so stellte er mit einem strengen Befehl den Sieg des grünen Wagenlenkers sicher. Nachhaltigeren Trost allerdings schöpfte das Volk aus der gefestigten Disziplin des Militärlagers; vergeblich schlugen sie sich für einen Soldaten ins Mittel, welcher den Räubereien Chosroes des Gerechten etwas zu genau nachgeeifert hatte.

Ermüdet, aber noch längst nicht satt vom syrischen Raube, rückte er schließlich gegen den Euphrat vor, ließ eine Behelfsbrücke schlagen und setzte die knappe Frist von drei Tagen für den Übergang des gesamten Heeres fest. Nach seiner Rückkehr begründete er in der Entfernung von einer Tagesreise von Ktesiphon eine neue Stadt, welche die beiden Namen von Chosroes und Antiochia vereinte und verewigte. Die syrischen Kriegsgefangenen erkannten in der Anlage und Architektur ihre alte Heimstätte wieder: es wurden Bäder und ein Circus für sie angelegt, und eine Wohnsiedlung von Musikanten und Wagenlenkern ließ in Assyrien die Freuden einer griechischen Großstadt wiedererstehen. Durch die Großzügigkeit des königlichen Stifters verfügten diese glücklichen Exilierten über ein anständiges Auskommen und genossen darüber hinaus das Vorrecht, den Sklaven die Freiheit zu verschaffen, die sie als ihre Verwandten anerkannten. Palästina und Jerusalems großer Reichtum waren die nächsten Ziele, die Chosroes Aufmerksamkeit oder vielmehr Raubgier auf sich zogen. Selbst Konstantinopel und der Kaiserpalast schienen nicht länger unüberwindlich oder zu abgelegen zu sein; und in seiner ausgreifenden Phantasie bedeckten seine Heere schon längst Kleinasien und seine Flotten das Schwarze Meer.

BELISAR VERTEIDIGT DEN OSTEN

Diese Hoffnungen hätten erfüllt werden können, wäre der Eroberer Italiens nicht rechtzeitig zur Verteidigung des Ostens abberufen worden Prokopios, Pers. 2, 16, 18, 19, 20,21, 24-28. Mit einigen kleinen Ausnahmen dürfen wir unsere Ohren tunlich gegen die boshaften Einflüsterungen der Anekdota verschließen. (c.2 und 3, wie üblich mit Alemannus' Anmerkungen.). Während Chosroes seinen ehrgeizigen Plänen am Ufer des Schwarzen Meeres nachjagte, bezog Belisar an der Spitze einer Armee ohne Disziplin und ohne Sold innerhalb von sechs Meilen von Nisibis ein Lager. Er ging mit dem Plan um, die Perser mittels einer geschickten Operation aus ihrer uneinnehmbaren Festung herauszulocken, dann diesen Vorteil auszubeuten und ihnen entweder den Rückzug abzuschneiden oder zusammen mit den fliehenden Barbaren durch die Tore einzudringen. Er rückte einen Tagesmarsch weit in persisches Gebiet vor, bezwang die Festung Sisaurana und sandte den Statthalter mitsamt achthundert Elitereitern ab, um den Kaiser auf seinem Italienfeldzug zu unterstützen. Er schickte Arethas und seine Araber nebst einer Begleitung von eintausendzweihundert Römern ab, den Tigris zu überqueren und die Ernte Assyriens zu verheeren, welche fruchtbare Provinz schon lange keinen Krieg mehr durchlitten hatte.

Aber Belisars Entwürfe wurden von Arethas' unlenkbarem Innenleben durchkreuzt, indem er weder zum Lager zurückkehrte noch Belisarn irgendwelche Nachrichten von seinen Maßnahmen zukommen ließ. So blieb der römische Feldherr in unruhiger Erwartung an einen Ort gefesselt; die Zeit des Handelns verfloss, die glühende Sonne des Zweistromlandes erhitzte das Blut der Krieger Europas zu Fieberglut und die in Syrien stationierten Mannschaften und Offiziere gaben sich den Anschein, als bangten sie um die Sicherheit ihrer schutzlosen Hauptstadt. Doch hatten diese Ablenkungsmanöver immerhin soviel bewirkt, dass Chosroes mit Verlusten und in Eilmärschen zurückkehren musste; und hätten der Kriegserfahrung Belisars die Disziplin und die Kampfstärke der Truppe gleichwertig assistiert, dann hätte er wohl auch die hochfliegenden Erwartungen des Publikums bedienen können, welche nach der Eroberung Ktesiphons und der Freilassung der Gefangenen Antiochias durch ihn verlangten.

Gegen Ende des Feldzuges rief ihn ein schnöder Hof nach Konstantinopel zurück, aber die Gefahren im bevorstehenden Frühjahr verhalfen ihn zu dem Kommando zurück; und so wurde der Held praktisch ohne Begleitung mit hurtigen Postpferden abgefertigt, um eine Invasion in Syrien allein durch die Wirkung seines Namens und seiner Anwesenheit zurück zu werfen. Er fand die römischen Generäle – unter ihnen auch der Neffe Justinians – durch ihre eigene Furcht gefesselt und eingeschlossen in der Festung von Hieropolis. Aber anstatt auf ihre verzagten Ratschläge zu hören, wies Belisar sie an, ihm nach Europus zu folgen, wo er seine Truppen sammeln und anschließend das ausführen wollte, was immer Gott ihm gegen den Feind zu tun eingeben mochte.

Seine feste Stellung am Euphratufer hielt Chosroes davon ab, weiter gegen Palästina vorzurücken; und er empfing bei dieser Gelegenheit die königlich-persischen Abgesandten – genauer wohl: Spähbuben – zuvorkommend und berechnend. Die Ebene zwischen Hieropolis und dem Fluss war mit Reiterschwadronen übersät, mit sechstausend Jägern, groß und stark, die ihr Wild ohne Angst vor dem Feind jagten. Am entgegengesetzten Ufer gewahrten die Späher eintausend armenische Reiter, die den Euphratübergang zu bewachen schienen. Belisars Zelt war von gröbstem Linnen, die schlichteste Ausfertigung für die Krieger, die den orientalischen Luxus verachteten. Thraker und Illyrer standen in der Frontlinie, Heruler und Goten im Zentrum, Vandalen und Mauren versperrten die weitere Aussicht, auch schien ihre lockere Aufstellung ihre Zahl noch zu vergrößern. Ihre Kriegstracht war leicht und bequem; ein Soldat führte eine Peitsche, ein anderer das Schwert, der Dritte den Bogen und der Vierte vielleicht eine Streitaxt, und der Anblick insgesamt war Ausdruck für die Unerschrockenheit der Krieger und die Umsicht ihres Anführers. Chosroes wurde durch Belisars Gewandtheit getäuscht und in ehrfürchtigem Schrecken versetzt. Mit den Fähigkeiten seines großen Gegners war er vertraut, wie ihm seine augenblickliche Stärke unbekannt war, und so schreckte er vor einer Entscheidungsschlacht in fremder Erde zurück, von der nicht ein Perser zurückkehren mochte, die traurige Mär zu künden. Da eilte der Großkönig über den Euphrat zurück; und Belisar beschleunigte seinen Rückzug, indem er sich stellte, eine Maßnahme zu verhindern, die für das Reich so wichtig war und die selbst ein Heer von hunderttausend Mann kaum hätte abwehren können. Der Neid mochte der Ignoranz und der Borniertheit einreden, dass man den Feind des Reiches habe entkommen lassen; dennoch sind die Siege in Afrika und Italien weniger ruhmvoll als dieser unblutige und unanfechtbare Triumph, in welchem weder das Glück noch die Tapferkeit der Krieger einen Teil des Feldherrenruhmes fortnehmen können.

Die zweite Abberufung Belisars vom persischen auf den italienischen Kriegsschauplatz offenbarte das Ausmaß seiner persönlichen Verdienste, denn sie allein hatten den Mangel an Mut und Zucht des Heeres ausgeglichen oder gar ersetzt. Fünfzehn Generäle führten ohne Abstimmung und Kriegserfahrung über die Gebirge von Armenien eine Armee von dreißigtausend Mann, unbekümmert um Signale, Marschordnung oder Feldzeichen. Viertausend im Lager von Dubis verschanzte Perser besiegten fast ohne Kampf diesen unsortierten Haufen; ihre nutzlosen Waffen lagen längs des Weges verstreut, und ihre Pferde brachen unter ihnen zusammen, erschöpft von der panischen Flucht. Nur die Araber auf römischer Seite siegten über ihre Brüder, die Armenier kehrten zur Treue zurück, Dara und Edessa widerstanden einem plötzlichen Angriff und einer regelgerechten Belagerung; und die Nöte des Krieges wurden durch die der Pest abgelöst. Ein stillschweigendes oder förmliches Abkommen zwischen beiden Herrschern stellte jedenfalls die Ruhe in den östlichen Grenzmarken wieder her; und Chosroes' Truppen waren verwickelt in den kolchischen oder lazischen Krieg, der von den Historikern jener Zeiten mit etwas zu viel Pedanterie beschrieben worden ist Der Lazische Krieg zwischen Rom und Persien am Phasis zieht sich ermüdend durch allerlei Seiten des Prokopios (Persic. 2,15, 17, 28, 29, 30.) Gothic. (4,7–16) und Agathias, (2-4, p. 55–132, 141.).

Die größte Länge des Schwarzen Meeres Der Periplus, die Umschiffung des Schwarzen Meeres wurde im Lateinischen von Sallust beschrieben und im Griechischen von Arrian. 1. Das erstgenannte Werk existier nicht mehr und wurde mit einzigartiger Sorgfalt von Herrn de Brosses, des ersten Präsidenten des Parlamentes von Dijon, wieder hergestellt (Hist. de la Republique Romaine, Band 2, 3, p. 199–298), der allerdings so keck ist, sich den Charakter des römischen Historikers zuzulegen. Seine Beschreibung des Schwarzen Meeres ist wohlüberlegt aus allen Fragmenten des Originals und allen Griechen und Lateinern zusammengestellt, von denen Sallust abgeschrieben hat oder die von ihm hätten abschreiben können; die geglückte Durchführung entschädigt für das seltsame Unterfangen. 2. Der Periplus des Arrian ist Kaiser Hadrian gewidmet (in Geograph. Min. Hudson, Bd. 1), und enthält alles, was der Gouverneur von Trapezunt bis Dioscurias beobachtet hatte; was er zwischen Dioscurias bis zur Donau gehört hatte; was er von de Donau bis Trapezunt wusste. – von Konstantinopel bis zur Phasismündung – lässt sich auf eine Neun-Tages-Reise oder siebenhundert Meilen berechnen. Vom Iberischen Kaukasus, den höchsten und schroffsten Gebirge Asien, stürzt dieser Fluss mit einer derartigen Geschwindigkeit talwärts, das auf kurzer Strecke über hundertzwanzig Brücken über ihn geschlagen wurden. Auch wird der Fluss nicht ruhiger und schiffbar, bevor er die Stadt Sarapana erreicht hat, fünf Tagesreisen vor dem Cyros, der aus demselben Gebirge, aber aus anderen Richtungen dem Schwarzen Meer zufließt. Die Nachbarschaft dieser Flüsse hat die Praxis etabliert, Indiens kostbare Waren den Oxys hinab, dann über das Kaspische Meer, den Cyros aufwärts und auf dem Phasis in das Schwarze und Mittelmeer zu transportieren.

BESCHREIBUNG VON KOLCHIS ODER MINGRELIEN

Da der Phasis nacheinander die Ströme der Kolchis-Ebene aufnimmt, wird er zwar mächtiger, aber zugleich auch langsamer. An der Mündung ist er sechzig Faden tief und eine halbe Seemeile breit, aber eine kleine Insel liegt zumitten des Flusslaufes. Sobald nun das Wasser ein erdiges, metallhaltiges Sediment abgelagert hat, schwebt es oberhalb der Meereswellen und ist keiner weiteren Verderbnis mehr ausgesetzt. Auf einer Strecke von hundert Meilen, von denen vierzig für die Großschiffahrt geeignet sind, zerteilt der Phasis die berühmte Region von Kolchis Neben den vielen verstreuten Winken von Dichtern, Historikern &c.. der Antike sollten wir auch die geographischen Beschreibungen von Strabo (11, p. 760–765) und Plinius, (Hist. Natur. 6,5 und 19ff.) benutzen. oder Mingrelia Ich muss drei von mir benutzte moderne Beschreibungen von Migrelia und den angrenzenden Ländern nennen: 1: Des Pater Archangeli Lamberti, (Relations de Thevenot, Teil 1 p. 31-52, nerbst Karte); 2: Des Chardia, (Voyages en Perse, Band 1, p. 54, 68-168). Seine Anmerkungen sind durchdacht, und seine Erlebnisse in dem Lande sind belehrender als seine Beobachtungen. 3: Des Peyssonel, (Observations sur les Peuples Barbares, p. 49, 50, 51, 58 62, 64, 65, 71, &c.. und eine neuere Abhandlung Sur le Commerce de la Mer Noire, Band 2, p. 1–53. Er hatte lange in Caffa als französischer Konsul residiert; und seine Gelehrsamkeit ist weniger wert als seine Erfahrungen., welche von drei Seiten durch die Iberianischen und Armenischen Berge gesichert sind und deren Seeküste sich über zweihundert Meilen von Trapezunt nach Dioscurias und die Grenzen von Circassia erstreckt. Sowohl der Boden wie auch das Klima werden durch die übermäßige Feuchtigkeit beeinträchtigt: achtundzwanzig Flüsse zusätzlich zum Phasis und seinen Nebenflüssen führen Wasser in den See; und die Aushöhlungen des Bodens scheinen unterirdische Kanäle anzuzeigen.

Dort, wo Gersten oder Weizen gesät werden sollen, ist der Boden zu weich für den Druck des Pfluges; dafür ist der Gom, ein kleines Korn ähnlich dem Hirse- oder dem Koriandersamen, das gewöhnliche Volksnahrungsmittel, während der Verzehr des Brotes dem Fürsten und seinen Edlen vorbehalten ist. Indessen: die Weinlese fällt üppiger aus als die Getreideernte; und die Größe der Weinstöcke sowie die Qualität des Weines geben Hinweise auf Naturkräfte, die der Mensch nicht unterstützen kann. Diese Kräfte wirken auch beständig dahin, dass die Landesoberfläche von dichten Waldungen beschattet wird. Das Holz aus den Bergen und der Flachs aus den Ebenen liefern dauerhaft Überfluss an Schiffbau-Materialien. Die wilden und die zahmen Tiere, Pferd, Rind und Schwein sind bemerkenswert fortpflanzungsfreudig, und der Name des Fasans erinnert uns an seine ursprüngliche Heimat an den Ufern des Phasis. Die Goldminen südlich von Trapezunt, die noch immer mit hinreichendem Gewinn ausgebeutet werden, waren ein Streitobjekt zwischen Justinian und Chosroes; und es gibt gute Gründe zu der Vermutung, dass eine Ader des kostbaren Metalles gleichsam durch den ganzen Gebirgskreis hindurchläuft, nur, dass diese Kostbarkeiten aus Trägheit von den Mingreliern vernachlässigt oder aus kluger Berechnung verborgen werden. Die Gewässer, in denen Goldpartikel suspendiert sind, werden sorgfältig durch Schafshäute oder Felle gefiltert; aber dieses Verfahren, das vielleicht zu einem wundersamen Märchen Anlass gegeben hat, liefert doch nur einen schwachen Abglanz von dem Reichtum, den die alten Könige in ihrer Betriebsamkeit dem Schoße der jungfräulichen Erde abgerungen haben.

Ihre silbernen Paläste und goldenen Kammern überstrapazieren unsere Gutgläubigkeit; aber das Gerücht von ihrem Reichtum muss die Habgier der Argonauten Plinius, Nat. His. 33,15. Die Gold- und Silberminen von Kolchis haben die Argonauten angelockt, Strabo, 1, p.77. Der scharfsichtige Chardin konnte Gold oder Silber weder in Bergwerken noch in Flüssen entdecken, noch sonst wo. Doch ein Migrelier verlor eine Hand und einen Fuß, weil er in Konstantinopel einige Proben von gediegenem Gold vorgezeigt hatte. aufgereizt haben. Mit einigem Anschein von Vernunft hat die Überlieferung bekräftigt, dass Ägypten am Phasis eine gebildete wohlgesittete Kolonie gestiftet habe Herodot, 2,104f; Diodor. Sicul. 1, p. 33, edit. Wesseling; Dionys. Perieget. 689, und Eustath. ad loc. Scholast ad Apollonium Argonaut. 4,282-291, welche Leinwand webte, Schiffe baute und Landkarten entwarf. Der schöpferische Geist der Neuern hat die Landbrücke zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer mit blühenden Städten und Nationen bevölkert Montesquieu, Esprit des Loix, 21, 6. L'Isthme... couvero de villes et nations qui ne sont plus.; und ein phantasievoller Autor hat infolge der Ähnlichkeit der natürlichen Verhältnisse und, so seine Vorstellung, des Handels keine Bedenken getragen, Kolchis das Holland des Altertums zu nennen Bougainville, Memoires de l'Academie des Inscriptions, tom. xxvi. p. 33, über Hannos Afrikareise und den Handel in der Antike..

Aber Kolchis' Reichtum ist durch den Nebel von Mutmaßung und Tradition nur ungefähr zu bestimmen, und seine wahre Geschichte bietet nur ein trübseliges Schauspiel aus Verrohung und Armut. Wenn auf dem Markt von Dioskurias Ein griechischer Historiker, Thimostenes, versichert uns, dass »in eam ccc. nationes dissimilibus linguis descendere« (dass dort 300 Nationen mit verschiedenen Sprachen zusammenkämen), während der bescheidenen Plinius sich zufrieden gibt, wenn er et »postea a nostris cxxx. interpretibus negotia ibi gesta,« (dass dort anschließend von unseren 130 Dolmetschern Geschäfte getätigt wurden, Nat His.6,5) hinzufügen kann. einhundertunddreißig Sprachen gesprochen wurden, so waren dies nur die unausgebildeten Dialekte ebenso vieler wilder Stämme oder Klans, die abgeschieden für sich in den Tälern das Kaukasus hausten und die infolge ihrer Isolation die Zahl ihrer unbedeutenden Hauptstädte vermehrten, wie sie deren Bedeutung verminderten. Bei der gegenwärtigen Verfassung Migreliens ist ein Dorf eine Ansammlung von Hütten innerhalb einer hölzernen Umzäunung; tief im Walddickicht liegen Festungen verborgen; die Fürstenstadt Cita oder Cotatis besteht aus zweihundert Häusern, und ein steinernes Haus wird lediglich der Größe des Herrschers zugebilligt.

Zwölf Schiffe und sechzig Barken aus Konstantinopel, beladen mit den Früchten des Gewerbefleißes der Bewohner, gehen einmal im Jahr an der Küste vor Anker, und seit der Zeit muss sich die Liste der Ausfuhrartikel nach Kolchis beträchtlich vergrößert haben, da diese nur Sklaven und Tierhäute anbieten konnten im Austausche gegen Korn und Salz, das sie von Justinians Untertanen kauften. Von den Künsten, Kenntnissen oder der Nautik der alten Kolchier hat sich nicht eine Spur finden lassen, wenige Griechen wagten oder wünschten den Spuren der Argonauten zu folgen, und bei näherem Zusehen verlieren sich sogar die Anzeichen für eine ägyptischen Kolonisierung. Das Beschneidungsritual ist nur bei den Muslims am Schwarzen Meer gebräuchlich, und das krause Haar und die dunkle Hautfarbe Afrikas entstalten nicht länger diese schönste aller Menschenrassen. In den unfernen Landschaften Mingrelien, Georgien und Cirkassien hat die Natur, wenigstens nach unseren Maßstäben, mit der Ausformung der Gliedmaßen, der Hautfarbe, den ausgewogenen Gesichtszügen und der harmonischen Haltung das Muster für menschliche Schönheit erstellt Buffon (Hast. Nat. Band 3, p. 433-437) trägt die übereinstimmenden Urteile der Naturkundler und Reisendenzusammen. Waren sie zu Herodots Zeiten wirklich »dunkelfarbig« und »wollhaarig« (und er hatte sie sorgfältig studiert), dann ist diese wichtige Nachricht ein Beispiel für den Einfluss des Klimas auf eine ausländischen Kolonie.. Der Bestimmung der beiden Geschlechter gemäß scheinen die Männer zum Handeln und die Frauen zur Liebe gemacht, und der ununterbrochene Zustrom von Frauen aus dem Kaukasusgebirge hat das Blut der südasiatischen Völker gereinigt und ihre Rasse vollkommen gemacht. Der eigentliche Bezirk von Mingrelien, nur ein Teil des antiken Kolchis, hat lange einen jährlichen Abgang von zwölftausend Sklaven verkraftet. Die Zahl der Gefangenen und Kriminellen hätte dieser Anforderung nicht Genüge tun können; aber das gewöhnliche Volk befindet sich gegenüber seinen Herren in einem Zustand der Rechtlosigkeit; Betrug und Menschenraub bleiben ungesühnt in dieser gesetzlosen Staatsform; und so besteht auf dem Sklavenmarkt durch den Missbrauch elterlicher oder zivilrechtlicher Gewalt beständig eine reichhaltiges Angebot.

Ein derartiger Handel Der Gesandte Mingreliens kam in Konstantinopel mit 200 Personen an. Aber er fraß (verkaufte) sie Tag für tag, bis sein Gefolge auf einen Sekretär und zwei Bediente zusammengeschmolzen war (Tavernier, Band 1, p. 365). Um sich eine Geliebte zu kaufen, verkaufte ein Mingrelischer Edelmann(?) zwölf Priester und seine Frau an die Türken (Chardin, Band 1, p. 66)., der die Menschen auf die gleiche Stufe stellt wie die Rinder, kann darauf hinauslaufen, die Zahl der Ehen und der Bevölkerung zu mehren, da die Anzahl der Kinder niederträchtige und unmenschliche Eltern bereichert. Doch muss Reichtum, der auf derart gewissenlose Weise erworben wurde, unvermeidlich den Volkscharakter vergiften, das Gefühl für Ehre und Tugend ersticken und endlich alle natürlichen Instinkte ertöten. Die Christen von Mingrelien und Georgien sind die sittenlosesten unter den Menschen, und ihre Kinder, die schon im zarten Alter in die Sklaverei verkauft werden, haben zuvor die Habsucht ihres Vaters und die Unzucht der Mutter angenommen. Doch selbst inmitten dieser rohesten Unwissenheit besitzen die fortgeschritteneren Eingeborenen eine sonderbare körperliche und geistige Gewandtheit; und wenn ihre Uneinigkeit und Disziplinlosigkeit sie ihren überlegeneren Nachbarn ausliefert, hat doch ein kühner und unerschrockener Geist die Kolchier zu allen Zeiten beseelt.

In der Armee des Xerxes dienten sie in der Infanterie; ihre Waffen waren ein Dolch oder ein Wurfspieß, ein hölzerner Helm und ein Schild aus ungegerbter Tierhaut. In ihrer Heimat jedoch war der Einsatz der Reiterei üblicher; noch der geringste der Bauern achtete das Laufen für Schande; die Edlen besaßen bis zu zweihundert Pferde und im Gefolge des mingrelischen Fürsten zählte man ihrer fünftausend. Die Regierung von Kolchis war immer eine reine Erbmonarchie gewesen, und die Autorität des Herrschers wird allenfalls durch die Unbotmäßigkeit seiner Untertanen eingeschränkt. Waren diese gehorsam, dann konnten sie auch eine schlagkräftige Armee ins Feld stellen; aber es gehört ein ziemlich robuster Glaube dazu, jetzt anzunehmen, dass der einzelne Stamm der Suanier aus hunderttausend Kriegern bestand, oder sich Mingreliens Bevölkerung sich auf vier Millionen beläuft Strabo, 11, p. 765. Lamberti, Relation de la Mingrelie. Wir sollten und jedoch vor dem entgegengesetzten Extrem des Chardin hüten, welcher für einen jährlichen Sklavenexport von 12.000 nicht mehr als 20.000 Einwohner angibt; diese Schätzung ist eines so urteilssicheren Reisenden unwürdig..

VERÄNDERUNGEN IN KOLCHIS

Es war immer der Stolz der Kolchier gewesen, dass ihre Vorfahren den Siegeslauf des Sesostris gehemmt hatten, und in der Tat möchte man diese Niederlage des Ägypters eher glauben als sein siegreiches Vordringen bis an den Rand des Kaukasus. Sie erlagen ohne besondern Aufwand Cyrus' Waffen; folgten auch in späteren Kriegen der Fahne dieses Großkönigs und brachten ihm alle fünf Jahre einhundert Jungen und ebenso viele Mädchen zum Geschenk, dem schönsten Erzeugnis des Landes Herodot, 3,97. Siehe zu ihrer Bewaffnung und ihrem Dienst in Xerxes' Feldzug gegen Griechenland 7,79.. Ebenso wie diese empfing er auch das Gold und Elfenbein aus Indien, Wohlgerüche Arabiens oder Sklaven und Ebenholz aus Äthiopien: die Kolchier waren keinem Satrapen unterworfen und sie erfreuten sich de jure und de facto auch weiterhin ihrer nationalen Unabhängigkeit Xenophon, der mit den Kolchiern auf seinem Rückzug zusammenstieß (Anabasis 4, p. 320, 343, 348 ed. Hitchinson) nennt sie »Autonome«; vor der Eroberung durch Mithridates nannte Appian sie ein »tapferes Volk« (de Bell. Mithr., 15, Band 1, p. 661 der letzten und besten Ausgabe von Johann Schweighaeuser, Lipsiae 1785).. Nach dem Fall des Perserreiches reihte Mithradates, der König des Pontus, Kolchis in den umfänglichen Kreis seiner Eroberungen am Schwarzen Meer ein; und als die Eingeborenen sich unterfingen, sich seinen Sohn zum Herrscher über ihr Land auszubitten, da schlug er den ehrgeizigen Jüngling in Bande aus Gold und setzte an seiner Stelle einen Diener ein. Als die Römer Mithradates nachsetzten, drangen sie bis an die Phasisufer vor, und ihre Galeeren fuhren solange stromaufwärts, bis sie das Lager von Pompeius und seinen Legionen erreichten Die Eroberung von Kolchis durch Mithradates und Pompeius wird auch von Appian erwähnt (Bell. Mithr.) sowie von Plutarch (Vita Pompeii).. Aber ein hoher Senat und nach ihm die Kaiser waren nicht geneigt, dieser fernen und nutzlosen Eroberung in den Rang einer Kolonie zu erheben. So wurde es in der Zeit zwischen Marcus Antonius und Nero der Familie eines griechischen Redners gestattet, über Kolchis und die anliegenden Königreiche das Szepter zu führen; und nach dem Untergang des Hauses Polemo Der Entstehung und dem Untergang der Familie Polemo können wir nachspüren bei: Strabo, (11, p. 755; 12, p. 867); Cassius Dio, oder Xiphilin, (p. 588, 593, 601, 719, 754, 915, 946, edit. Reimar) Suetonius, (in Nero, 18; Vespasian, 8) Eutropius, (7,14); Josephus, (Antiq. Judaic. 20,7, p. 970, edit. Havercamp) und Eusebius, (Chron. mit Scaligers Anmerkg, p. 196). dehnte sich das östliche Pontus, das seinen Namen beibehielt, nicht weiter als bis in die Nähe von Trapezunt. Jenseits dieser Grenzen wurden die Festungswerke von Hyssus, Apsarus, am Phasis, Dioscurias oder Sebastopolis, und von Pityus mit ausreichenden Mannschaften zu Pferde und zu Fuß; und sechs Fürsten von Kolchis erhielten ihr Diadem von hohen Offizieren der Caesaren.

ARRIANUS' REISE A.D. 130

Einer dieser Legaten, der rhetorisch und philosophisch versierte Arrianus, erforschte und beschrieb die Schwarzmeerküste während Hadrians Regierungszeit. Die Garnison an der Phasismündung, die er näher in Augenschein nahm, hatte als Besatzung vierhundert ausgewählte Legionäre; die gemauerten Wälle und Türme, ein zweifacher Graben und die Kriegsmaschinerie auf den Wallanlagen machte diesen Platz für die Barbaren schier unüberwindlich; aber auch die neuen Vorstädte, angelegt von Kaufleuten und Veteranen, bedurften nach Auffassung Arrians einiger Verteidigungsanlagen Zu Prokopios' Zeiten gab es an der Phasis keine Festungsanlagen. Pityus und Sebastopolis wurden schon aufgrund eines Perser-Gerüchtes geräumt (Goth. 4,4), aber letztere wurde später wieder von Justinian instand gesetzt (de Aedif. 4,7).. Da aber des römischen Reiches Macht allmählich sank, wurden die am Phasis stationierten Römer entweder abgezogen oder vertrieben; und der Volksstamm der Lazier Zu den Zeiten des Plinius, Arrianus und Ptolemäus waren die Lazier ein eigenständiger Stamm an der Nordgrenze von Kolchos (Cellarius, Geograph. Antiq. Band 2, p. 222). In Justinians Zeiten lebten sie über das ganze Land ausgebreitet, beherrschten es zumindest. Gegenwärtig sind sie längs der Küste gegen Trapezunt gewandert, und sie sind heute ein seefahrendes Volk von groben Bräuchen und mit eigenem Idiom (Chardin, p. 149. Peyssonel p. 64)., deren Nachfahren mit einen fremden Zungenschlag reden und mittlerweile an der Küste bei Trapezunt siedeln, zwang dem alten Königreich von Kolchis ihren Namen und ihre Herrschaft auf. Ihre Unabhängigkeit wurde aber schon bald von einem grässlichen Nachbarn bedrängt, der sich mit Waffengewalt und Verträgen die Herrschaft über Iberia angeeignet hatte. Der vom persischen Monarchen abhängige König von Lazika empfing sein Szepter aus dessen Hand, und Konstantins Nachfolger schwiegen zu dieser haltlosen Anmaßung, welche als ein seit undenklichen Zeiten etablierter Rechtsanspruch behauptet wurde.

Zu Beginn des VI Jahrhunderts wurde ihr Einfluss durch die Einführung des Christentums erneuert, zu welchem sich die Mingrelier noch heute mit angemessenem Glaubenseifer bekennen, ohne die Lehren ihrer Religion zu verstehen oder sich nach ihren Geboten zu richten. Nach seines Vaters Tod wurde Zathus durch des Großkönigs Gunst zu königlichen Würden erhoben; aber der fromme Knabe schauderte zurück vor den Zeremonien der Magi und erbat im Palast zu Konstantinopel eine Taufe nach rechtgläubigem Ritus, eine Gemahlin von Adel und die Allianz mit Kaiser Justinus. Feierlich ward der König von Lazika mit dem Diadem umwunden, und sein Mantel und die Tunika von weißer Seide mit Goldrand zeigten üppig bestickt das Bildnis seines neuen Schutzherren; welcher die Verärgerung des persischen Hofes beilegte und die Empörung von Kolchos entschuldigte durch die altehrwürdigen Namen der Gastfreundschaft und Religion. Das gemeinsame Interesse der beiden Reiche legte den Kolchiern die Verpflichtung auf, die Kaukasuspässe zu bewachen, wo auch heute noch ein Wall von sechzig Meilen Länge durch den monatlichen Dienst der Musketiere Mingreliens verteidigt wird. Johannes Malala, Chron. Band 2, p. 134–137. Theophanes, p. 144. Hist. Miscell. 15, p. 103. Die Tatsache ist authentisch, aber das Datum ist wohl zu jung. Die Lazier, Zeitgenossen Justinians, bedienen sich, wenn sie von ihrem Bündnis mit den Persern reden, der altertümlichsten Ausdrücke. Passt dies zu einer Verbindung, die zwanzig Jahre Bestand gehabt hatte?

EMPÖRUNG UND UMKEHR DER KOLCHIER 542 – 549

Aber diese ehrenvolle Allianz wurde schon bald durch römische Habgier und Ehrsucht vergiftet. Sobald sie den Rang eines Bundesgenossen eingebüßt hatten, wurden die Lazier zu jedem Augenblick durch Worte und Taten an ihre abhängige Lage erinnert. In der Entfernung einer Tagesreise jenseits des Asparus erblickten sie die emporstrebende Festung von Petra Die einzige Spur der Festung Petra hat in den Schriften des Procopios und Agathias überdauert. Die meisten Städte und Festungen von Lazica kann man durch den Vergleich der Namen und der Lage auf der Karte von Mingrelia bei Lamberti auffinden., welche die Küste südlich des Phasis beherrschte. Statt durch die Tapferkeit fremder Söldner beschützt zu werden, wurden die Kolchier durch deren Zügellosigkeit drangsaliert. Der Segen des freien Handels wurde in ein quälendes und bedrückendes Monopol verwandelt. Und Gubazes, der eingeborene Landesfürst, wurde durch die nachdrückliche Einwirkung der Beauftragten Justinians zu einem Puppenkönig.

Getäuscht in ihren Erwartungen, die sie in die Tugenden von Christenmenschen gesetzt hatten, setzten die empörten Lazier einiges Zutrauen in den Gerechtigkeitssinn eines Ungläubigen. Nachdem sie insgeheim die Zusicherung erhalten hatten, dass ihre Gesandten nicht den Römern sollten ausgeliefert werden, warben sie öffentlich um Freundschaft und Beistand von Chosroes. Augenblicklich erkannte der scharfsinnige Monarch Nutzen und Bedeutung von Kolchis und entwarf einen Eroberungsplan, wie er eintausend Jahre später von Schah Abbas, dem klügsten und mächtigsten seiner Nachfolger, neu aufgelegt wurde Siehe die unterhaltsamen Briefe von Pietro della Valle, dem Romfahrer, (Viaggi, Band 2, 207, 209, 213, 215, 266, 286, 300; Band 3, p. 54, 127). In den Jahren 1618, 1619 und 1620 pflog er mit Schah Abbas Umgang und förderte mit allen seinen Kräften ein Vorhaben, welchen Persien und Europa gegen ihren gemeinsamen Feind, den Türken, vereint haben würde.. Sein Ehrgeiz wurde zusätzlich durch die Hoffnung befeuert, eine persische Flotte aus dem Phasis auslaufen zu lassen, Handel und Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer zu beherrschen, die Küsten des Pontus und Bythiniens zu verheeren und Konstantinopel beschwerlich zu fallen, es am Ende sogar anzugreifen und endlich die Barbaren Europas dafür zu gewinnen, seine Waffen und Entwürfe im Kampf gegen den Feind der Menschheit zu unterstützen.

Unter dem Vorwand eines Krieges gegen die Skythen führte er seine Truppen in aller Heimlichkeit an die Grenze Iberiens; die kolchischen Wegeskundigen standen bereit, sie durch die Waldungen und an den Abgründen des Kaukasus entlang zu führen, und ein Trampelpfand wurde in mühseliger Arbeit zu einer sicheren und breiten Straße für Reiter und selbst Elefanten umkonstruiert. Gubazes legte sich und sein Diadem vor dem persischen König auf den Boden nieder, seine Kolchier taten ihm hierin gleich; und nachdem die Mauern von Petra gewankt hatten, wandten die Römer nur durch eine Kapitulation den drohenden Sturm des letzten Angriffs ab.

Aber schon bald dämmerte es den Laziern auf, dass ihre Ungeduld sie vermocht hatte, ein weitaus größeres Übel zu wählen als die, denen sie zu entkommen getrachtet hatten. Das Salz- und Getreidemonopol wurde durch den Verlust dieser wertvollen Waren nachhaltig aufgehoben. Auf das Übergewicht eines römischen Gesetzgebers folgte die Arroganz eines orientalischen Despoten, der auf die von ihm erhobenen Sklaven ebenso verächtlich herabsah wie auf die Könige, die vor dem Fußschemel seines Thrones in den Staub gesunken waren. Auch wurde in Kolchos auf Betreiben der Magi die Feueranbetung etabliert: ihre Unduldsamkeit rief den religiösen Eifer des Christenvolkes auf den Plan; und die naturgegebenen und anerzogenen Vorurteile wurden durch die gottlose Sitte beleidigt, die Leichname ihrer verstorbenen Eltern auf hoher Tumspitze den Krähen und Geiern auszusetzen Siehe Herodotus, (1,140) der misstrauisch bleibt; Larcher, (Band 1, p. 399–401, Notes sur Herodote) Prokopios, (Persic. 1,11) und Agathias, (2, p. 61, 62). Diese Praxis, die mit dem Zend-Avesta zusammenpasst (Hyde, de Relig. Pers. c. 34, p. 414–421), beweist, dass die Beerdigung der persischen Könige (Xenophon, Cyropaid. 8, p. 658) eine griechische Fabel ist und dass ihre Gräber nichts weiter als Kenotaphe waren.. Im Bewusstsein des anschwellenden Hasses, der geeignet war, die Ausführung seiner großen Entwürfe zu verzögen, hatte Naschirvan der Gerechte heimlichen Befehl gegeben, den König der Lazier zu ermorden, das Volk in ein fernes Land umzusiedeln und eine treu ergebene und kriegsbereite Kolonie an den Ufern des Phasis zu pflanzen. Das wachsame Missvertrauen der Kolchier sah das bevorstehende Verderben voraus und wendete es ab. Nicht Milde, sondern Berechnung veranlasste Justinian, ihre Reue zu akzeptieren. Und so beorderte er den Dagisteus, mit siebentausend Römern und tausend Zaniern die Perser von der Schwarzmeerküste zu verjagen.

BELAGERUNG VON PETRA 549 – 551

Die Belagerung von Petra, welche der römische Feldherr mit der Unterstützung der Lazier jetzt ohne Verzug unternahm, zählt zu einem der denkwürdigsten Ereignisse jener Zeiten. Die Stadt lag auf einem steilen, rauen Felsen, der über dem Meer hing und mit dem Land nur durch einen steilen, engen Pfad verbunden war. Schon der Anstieg war schwierig, da mochte der eigentliche Angriff unmöglich sein: der persische Eroberer hatte darüber hinaus auch noch die Festung Justinians verstärkt und die zugänglichsten Stellen mit neuen Bollwerken gesichert. Im wachsamen Vorbedacht hatte Chosroes in dieser wichtigen Festung ein Magazin mit Abwehr- und Angriffswaffen angelegt, das für die fünffache Zahl nicht nur der Besatzung, sondern auch der Angreifer ausgereicht hätte. Die Vorräte an Mehl und eingesalzenen Lebensmitteln war für fünf Jahre berechnet, der Mangel an Wein wurde durch Essig ausgeglichen und durch ein aus Korn gezogenes starkes Getränk, und eine dreifache Wasserleitung täuschte die Aufmerksamkeit des Feindes und sogar noch seinen Argwohn.

Aber die wirksamste Verteidigung von Petra war die Tapferkeit der 1.500 Perser, welche den Attacken der Römer widerstanden, während diese in einem weicheren Erdboden insgeheim eine Mine vorantrieben. Die Mauer, die an jener Stelle von schwachen Stützen notdürftig getragen wurde, hing gleichsam schwankend in der Luft; aber Dagisteus zögerte den Sturmangriff noch hinaus, bis er sich einer individuellen Belohnung versichert hatte; doch noch vor der Rückkehr seines Boten aus Konstantinopel hatten die Perser die Stadt entsetzt. Ihre Garnison war bis auf vierhundert Mann zusammengeschmolzen, und noch nicht fünfzig von diesen waren unverletzt oder gesund. Aber so unerschüttert und beharrlich hatten sie ausgehalten, dass sie ihre Verluste dem Feind verhehlt und den Anblick und den Geruch ihrer elfhundert toten Waffengefährten ohne Murren ausgehalten hatten. Nach ihrer Befreiung wurden die Schäden in der Mauer in Eile mit Sandsäcken verstopft, die Mine mit Erde aufgefüllt, eine neue Mauer auf einem robusten Balkengestell aufgeführt und eine neue Besatzung von dreitausend Mann in Petra gelegt, die den Mühen einer neuen Belagerung widerstehen sollten. Beides, Angriff und Verteidigung, wurde mit geplanter Hartnäckigkeit durchgeführt, und beide Parteien hatten aus den Fehlern der Vergangenheit ihre Lehren gezogen.

Man konstruierte einen Mauerbrecher in Leichtbauweise, aber von verheerender Wirkung; er wurde von vierzig Soldaten gezogen und bedient; und sobald die Mauersteine durch seine wiederholten Rammstöße gelockert waren, wurden sie mit langen Eisenhaken herausgerissen. Ein Hagel von Pfeilen prasselte von diesen Mauern bei jedem Angriff auf die Stürmenden hinab; aber stärker noch wurden die Schutzwehren durch eine Mischung aus Schwefel und Erdpech beschädigt, welche man – für Kolchis nicht unpassend – das Öl der Medea nennen mochte. Von den sechstausend Römern, die auf den Sturmleitern emporstiegen, war ihr Feldherr Bassas der erste, ein tapferer Veteran von siebzig Jahren; sein Mut, sein Fall und seine akute Lebensgefahr spornten seine Truppe zu unwiderstehlichen Anstrengungen; und ihre massive Überzahl erdrückte die Stärke der Perser, ohne ihren Kampfgeist zu überwinden.

Das Schicksal dieser braven Männer verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Siebenhundert waren während der Belagerung ums Leben gekommen, zweitausenddreihundert überlebten, um die Bresche zu verteidigen. Eintausendundsiebzig kamen beim letzten Angriff durch Feuer und Schwert um; und als man siebenhundertunddreißig zu Kriegsgefangenen machte, so waren nur achtzehn Mann ohne die Ehrenzeichen ruhmvoller Wunden darunter. Die überlebenden Fünfhundert entkamen in die Zitadelle, welche sie ohne die geringste Hoffnung auf Hilfe behaupteten und von der aus sie die großzügigsten Übergabebedingungen und Dienstangebote zurückwiesen, bis sie endlich allesamt in den Flammen umkamen. Sie starben im Gehorsam gegen den Befehl ihres Herrschers; und solche Beispiele von Treue und Tapferkeit waren geeignet, ihre Landsleute zu vergleichbaren Taten des verzweifelten Mutes, aber glücklicheren Ausgangs anzuspornen. Der sofortige Abriss der Festung Petra durch die Sieger war ein Eingeständnis seiner Angst und Bestürzung.

DER KOLCHISCHE ODER LAZISCHE KRIEG 549 – 556

Ein Spartaner hätte die Tugend dieser Heldensklaven sicherlich gerühmt und zugleich bedauert; aber die monotone Kriegsszenerie und die wechselseitigen Erfolge der persischen oder römischen Waffen kann die Aufmerksamkeit der Nachwelt nicht an den Fuß des Kaukasus fesseln. Zahlreicher und glanzvoller waren die Erfolge von Justinians Truppen, aber die Heeresmacht des Großkönigs erhielt ununterbrochenen Zustrom, bis sie sich auf acht Elefanten und 70.000 Mann einschließlich 12.000 skythischer Verbündeter belief, sowie mehr als dreitausend Dilemiten, welche aus eigenem Antrieb die Hügel Hyrcaniens herabgekommen waren und die im Nahkampf ebenso furchtbar waren wie im Distanzgefecht. Die Belagerung von Archaeopolis (welchen Namen die Griechen entweder erfunden oder verderbt hatten) wurde vorschnell und mit einigen Verlusten aufgegeben; aber die Perser besetzten die iberischen Pässe, hatten durch ihre Festungen und Besatzungen Kolchis im Würgegriff, raubten dem Volk die tägliche Nahrung, und der Fürst der Lazier entfloh ins Gebirge. Im Römerlager waren Zuverlässigkeit und Disziplin unbekannte Größen, und die freischaffenden Truppenführer, die sämtlich mit identischen Befugnissen ausgestattet waren, standen untereinander im harten Wettbewerb um die Krone des Lasters und des Amtsmissbrauchs.

Die Perser ihrerseits gehorchten ohne zu Murmeln den Befehlen eines einzigen Oberkommandierenden, welcher wiederum bedingungslos den Weisungen eines allerhöchsten Kriegsherren folgte. Ihr Feldherr war unter den Helden des Orients ausgezeichnet durch seine Weisheit im Kriegsrat und seine Tapferkeit im Felde. Das fortgeschrittene Alter des Mermeroes und seine beiden gelähmten Füße konnten seiner geistigen Beweglichkeit und selbst noch der körperlichen keinen Abbruch tun. Und wenn er sich in einer Sänfte vor den Schlachtreihen herumtragen ließ, flößte er dem Feind Schrecken ein, seinen eigenen Truppen aber, die unter seinem Panier noch stets gesiegt hatten, gegründetes Zutrauen. Nach seinem Tod aber fiel der Oberbefehl dem Nacoragan in die Hände, einem pompösen Satrapen, der in einer Verhandlung mit den kaiserlichen Befehlshabern sich zu der Prahlerei verstiegen hatte, dass er über den Sieg genauso uneingeschränkt verfüge wie über den Ring an seinem Finger. Diese Blasiertheit war naturgegebene Ursache und Vorläufer einer schandbaren Niederlage. Die Römer waren im Kriegsverlauf allmählich an die Küste zurückgedrängt worden, und ihr letztes Lager auf den Ruinen der griechischen Kolonie Phasis war von allen Seiten geschützt durch starke Verschanzungen, den Fluss, das Schwarze Meer und eine Galeerenflotte. Verzweiflung einte ihre Entscheidungen und gab ihren Waffen Stärke: sie widerstanden den persischen Angriffen, und Nacogaras entfloh, entweder schon vor oder erst nach der Niedermetzelung von zehntausend seiner tapfersten Krieger. Den Römern entwischte er, fiel aber dafür in die Hand eines unnachsichtigen Herren, der zugleich seinen eigenen Irrtum bestrafte: dem glückverlassenen General wurde bei lebendigen Leibe die Haut abgezogen, diese wurde zu einer Menschengestalt ausgestopft und auf einem Berge ausgestellt, all denen zur fürchterlichen Warnung, welchen in Zukunft Persiens Ruhm und Glück anvertraut werden sollte Das Häuten bei lebendigem Leibe als qualvolle Todesstrafe konnte nicht durch Sapor nach Persien gekommen sein (Brisson, de Regn. Pers. 2, p. 578), noch konnte es von der törichten Fabel des Marsyas, des phrygischen Flötenspielers, abgeschaut worden sein, wie Agathias (4, p. 132, 133) es völlig haltlos vermutet..

Inzwischen aber neigte die Besonnenheit Chosroes' einer Beendigung des kolchischen Krieges zu in der vernünftigen Erwägung, dass man auf Dauer ein weit entferntes Volk nicht gegen dessen Wünsche und Anstrengungen unterjochen oder wenigstens halten könne. Die Treue des Gubazes bewährte sich noch bei strengster Prüfung. Mit Geduld ertrug er die Mühseligkeiten eines unsteten Lagerlebens, und mit Verachtung verweigerte er sich den Lockungen des persischen Hofes. Der König der Lazier war in der christlichen Religion auferzogen, seine Mutter war eine Senatorentochter und während seiner Jugend hatte er zehn Jahre als Geheimschreiber im byzantinischen Palast zugebracht Im Kaiserpalast von Konstantinopel gab es dreißig solcher Silentiarii (Geheimschreiber), welche hastati ante fores cubiculi (»Lanzenträger vor den Türen des Schlafzimmers«) genannt wurden, ein Ehrentitel, welcher den Rang, wenn auch nicht die Pflichten eines Senators bezeichnete. (Cod. Theodos. 6, tit. 23. Gothofred. Comment. Band 2, p. 129.; für fernere Dienstreue – und Beschwerden – garantierten die Gehaltsrückstände. Aber die lange Fortdauer seines Ungemachs zwang ihm endlich eine Darstellung der nackten Wahrheit ab, und die nackte Wahrheit kam einem tödlichen Schimpf über die Stellvertreter Justinians gleich, welche während der Stockungen eines verheerenden Krieges seine Feinde geschont und auf seinen Alliierten herumgetrampelt hatten. Mit ihren bösartigen Verleumdungen machten sie dem Kaiser weis, dass sein ungetreuer Vasall mittlerweile auf einen zweiten Abfall sann; man erschlich sich eine Anordnung, und er ward als Gefangener nach Konstantinopel verbracht. Eingefügt war noch eine heimtückische Klausel, dass er im Falle einer Widersetzlichkeit mit allem Recht getötet werden dürfe; und also wurde Gubazes erstochen, als er während eines freundschaftlichen Gespräches unbewaffnet und ohne den geringsten Argwohn war.

In ihrer ersten Wut und Verzweiflung hätten die Kolchier ihr Land und ihre Religion darangegeben, um ihre Rachgier zu beruhigen. Aber das Ansehen und die Überredungskünste der wenigen Besonnenen bewirkten einen heilsamen Aufschub: der Sieg am Phasis stellte den Schrecken der römischen Waffen wieder her, und auch der Kaiser war nun darauf bedacht, seinen Namen von dem Vorwurf einer so niederträchtigen Mordtat freizuwaschen. Ein Richter von senatorischem Rang erhielt den Auftrag, über die Gebarungen und den Tod des Lazierkönigs Nachforschungen anzustellen. Er bestieg, geleitet von den Dienern der Gerechtigkeit und der Strafe, ein hohes Tribunal: in Gegenwart beider Völker wurde dieser außerordentliche Fall verhandelt, den Formen eines Strafprozesses gemäß, und einige Genugtuung ward dem beleidigten Volke gewährt durch die Verurteilung und Hinrichtung dieser gewöhnlichen Verbrecher An die Gerichtsreden verschwendet Agathias (3, p. 81-89; 4, p. 108-119) 18 Seiten unechter und blumenreicher Rethorik. In seiner Unkenntnis oder Sorglosigkeit übergeht er das stärkste Argument gegen den König von Lazia: seine vorangegangene Empörung..

VERHANDLUNGEN UND VERTRÄGE ZWISCHEN JUSTINIAN UND CHOSROES A.D. 540 – 561

Im Frieden suchte der persische König beständig nach Vorwänden zu einem Friedensbruch; kaum, dass er dann zu den Waffen gegriffen hatte, so gab er seine Sehnsucht nach einem ehren- und dauerhaften Frieden zu erkennen. Noch während der verbissensten Auseinandersetzung pflogen die zwei Monarchen arglistige Unterhandlungen; und so sehr war hier Chosroes überlegen, dass er für seine Gesandten am Kaiserhof beispiellose Ehrerweisungen einforderte, während er den römischen Beamten verächtlich und schnöde begegnete. Der Nachfahre des Cyrus beanspruchte für sich die Majestät der Sonne des Orients, verstattete aber gnadenreich seinem kleinen Bruder Justinian, mit dem fahlen und erborgten Schimmer des Mondes über den Westen zu herrschen. Dieser gigantomane Stil fand noch in der Prunk-Beredtsamkeit des königlichen Kammerdieners Isdigun eine wirkmächtige Assistenz. Seine Gemahlin und seine Töchter begleiteten mit einem Tross von Eunuchen und Kamelen den Zug des römischen Gesandten: zwei Satrapen mit Golddiademen zählte man unter dem Gefolge: er selbst ward behütet von fünfhundert Reitern, Persiens Tapfersten; und der römische Statthalter von Dara besaß Umsicht genug, nicht mehr als zwanzig Mann aus dieser kriegerischen, ja feindseligen Karavane in die Stadt zu lassen.

Nachdem Isdigun den Kaiser begrüßt und seine Geschenke abgeliefert hatte, ließ er zehn Monate in Konstantinopel verstreichen, ohne eine einzige ernsthafte Verhandlung zu führen. Anstelle dass man ihn im Palast festhielt und mit dem Nötigsten versorgte, durfte der persische Gesandte ohne Aufpasser und Spione in der Hauptstadt spazieren gehen. Die Freiheit des Umgangs und Handels, derer sich seine Hausbediensteten erfreuten, verstieß sichtlich gegen die Vorurteile einer Zeit, in welcher das Recht der jeweiligen Völker mit Nachdruck, aber ohne jede Art der Vertraulichkeit oder Artigkeit beobachtet wurde. Prokopios erzählt von der Praxis am Hof der Goten zu Ravenna (Goth, 1,7). Mit vergleichbarer Scheeläugigkeit und Kälte wurden ausländischen Botschafter auch behandelt in der Türkei, (Busbequius, epist. 3, p. 149, 242, &c..,) Russland, (Voyage D'Olearius) und China, (Narrative of A. de Lange, in Bell's Travels, Band 2, p. 189–311. Infolge einer beispiellosen Nachlässigkeit wurde sein Dolmetscher, ein Diener – tief unter dem Wahrnehmungshorizont einer römischen Magistratsperson angesiedelt – an Justinians Tafel neben seinen Herren platziert. Eintausend Pfund Gold für Reise- und Unterhaltskosten wurden ihm angewiesen. Dennoch konnten Isdiguns wiederholte Bemühungen nur einen einseitigen und unvollkommenen Waffenstillstand zustande bringen, der immer wieder von der byzantinischen Schatzkammer gekauft und auf Drängen des Kaiserhofes erneuert werden musste. Es vergingen mehrere Jahre mit sinnlosen Verwüstungen, bis Justinian und Chosroes, durch Erschöpfung endlich geeint, auf das Ruhebedürfnis ihrer sinkenden Jahre Rücksicht nahmen. Bei einer grenznahen Konferenz entwickelte jede Partei ohne große Hoffnung, tatsächlich Glauben zu finden, ein Bild von der Macht, der Gerechtigkeit und den friedensfördernden Absichten ihres jeweiligen Herrschers; aber die bittere Notwendigkeit und die Interessenlage diktierte den Friedensvertrag, der für fünfzig Jahre Gültigkeit haben sollte und der, sorgfältig in griechischer und persischer Sprache abgefasst, durch das Siegel von zwölf Dolmetschern beglaubigt wurde.

Handels- und Religionsfreiheit wurden festgesetzt und gewährleistet; die Verbündeten des Kaisers bzw. des Großkönigs traten in dieselben Privilegien und Verpflichtungen ein; und die skrupulöseste Maßregeln wurden getroffen, um zufälligen Grenzkonflikten vorzubeugen oder gegebenenfalles beizulegen. Nach zwanzig Jahren eines verheerenden Abnutzungskrieges blieb der Grenzverlauf unverändert; und Chosroes fand sich darein, seine heiklen Besitz- oder wenigstens Herrschaftsansprüche in Kolchis aufzugeben. Reich von den aufgehäuften Schätzen des Orients, nötigte er den Römern eine jährliche Zahlung von dreißigtausend Goldstücken ab, und die Geringfügigkeit dieser Leistung enthüllte die Beleidigung, die in diesem Tribut verborgen lag, in ihrer ganzen, nackten Hässlichkeit.

In einer früheren Unterredung hatte ein kaiserlicher Minister, dem nicht entgangen war, dass die Zerstörung von Antiochia und anderer syrischer Ortschaften den Hochmut und den Ehrgeiz der Barbaren ins Unermessliche gesteigert hatte, den Wagen des Sesostris und das Glücksrad der Fortuna ins Gespräch gebracht. »Du irrst,« erwiderte der Perser mit Bescheidenheit, »mit Verachtung blickt der König der Könige und Herrscher der Welt auf derlei geringfügigen Zuerwerb nieder, und von den zehn Nationen, die seine unbezwingbaren Waffen niedergeworfen haben, gelten ihm die Römer als die mindest furchtbare. Die Verhandlungen und Verträge zwischen Chosroes und Justinian werden in aller Ausführlichkeit behandelt von: Prokopious, (Persie, 2,10, 13, 26, 27 und 28. Gothic. 2,11 und 15) Agathias, (4, p. 141, 142) und Menander, (in Excerpt. Legat. p. 132–147) Barbeyrac, Hist. des Anciens Traites, Bd. 2, p. 154, 181–184, 193–200.« Nach den Angaben der Orientalen dehnte sich das Reich Nurschiwans von Ferganah in Transoxiana bis Yemen oder Arabia Faelix. Er unterdrückte die Rebellion von Hyrkanien, bezwang die Provinzen von Kabul und Zablestan am Indusufer, brach die Macht der Euthaliten, beendete mit einem ehrenvollen Friedensschluss den Krieg wider die Türken und reihte die Tochter des Großkhans in die Zahl seiner gesetzlichen Eheweiber ein. Siegreich und geehrt unter Asiens Fürsten gewährte er in seinem Palast zu Madain oder Ktesiphon den Botschaftern der Welt Audienz. Unterwürfig wurden am Fuße seines Thrones ihre Geschenke oder auch Tributzahlungen dargebracht, Waffen, kostspielige Gewänder, Edelsteine, Sklaven oder wohlriechende Spezereien; und auch ließ er sich herbei, von dem König Indiens zehn Zentner Aloeholz in Empfang zu nehmen, eine Jungfrau mit der Größe von sieben Unterarmlängen, und einen Teppich, weicher als Seide, gefertigt angeblich aus der Haut einer besonderen Schlange D'Herbelot, Bibliot. Orient. p. 680, 681, 294, 295..

EROBERUNGEN DER ABESSINIER 522

Man hat Justinian das Bündnis mit den Äthiopiern vorgehalten, gleichsam, als hätte er versucht, ein Volk wilder Neger in das System der Zivilgesellschaft einzufügen. Aber die Freunde des römischen Reiches, die Axumiten oder Abessinier, sollte man stets von den eigentlichen Ureinwohnern Afrikas unterscheiden Siehe Buffon, Hist. Naturelle, Band 3, p. 449. Dieses arabische Gepräge der Gesichtszüge und der Hautfarbe, welches sich über 3400 Jahr in der Kolonie von Abyssinien gehalten hat, (Ludolph. Hist. et Comment. Aethiopic. 1,4), rechtfertigt die Vermutung, dass Rasse und Klima dazu beigetragen haben müssen, die Neger der benachbarten ähnlich beschaffener Regionen auszublden.. Die Formkräfte der Natur haben die Nasen der Afrikaner breit angelegt, ihre Köpfe mit buschiger Wolle bedeckt und ihrer Haut ein angeborenes und untilgbares Schwarz gegeben. Aber die Olivenfarbe der Abessinier, ihrer Haare, ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge stellen sie erkennbar als arabische Abkömmlinge dar, und diese Herkunft wird noch durch die Ähnlichkeit von Sprache und Sitte, durch die Sage einer uralten Einwanderung und die Nähe zum Roten Meer unterstrichen. Das Christentum hatte dieses Volk weit über den Standart der afrikanischen Barbaren erhoben Die portugisischen Missionare Alvarez, (Ramusio, Bd.1, fol. 204, rect. 274, vers.) Bermudez, (Purchas's Pilgrims, Bd. 2; 5,7, p. 1149–1188) Lobo, (Relation, &c.., par M. le Grand, with 15 Dissertations, Paris, 1728,) und Tellez (Relations de Thevenot, Teil 4) konnten nur vom modernen Abessinien das berichten, was sie persönlich gesehen oder gefunden hatten. Die Forschungen von Ludolphus, (Hist. Aethiopica, 1681. Commentarius, 1691. Appendix, 1694) in 25 Sprachen konnten zu seiner alten Geschichte nur wenig beitragen. Aber der Ruhm des Caled oder Ellistaeus, Eroberers von Jemen, wird in Nationaldichtungen und Legenden besungen.: ihr Verkehr mit Ägypten und den Nachfolgern Konstantins Die Verhandlungen Justinians mit den Axumiten oder Äthiopiern haben Prokopios (Persic. 1,19 und 20) und Johannes Malala, (Band 2. p. 163–165, 193–196) aufgezeichnet. Der Historiker von Antiochia führt den Bericht des Gesandten Nonnonius im Original an, Photius (Bibliot., Cod 3) gibt einen lesenswerten Auszug davon. hatte ihnen die Zugangswege zu Kunst und Wissenschaft geöffnet; ihre Handelsschiffe fuhren bis zur Insel Ceylon Den Indien-, Ceylon- und Afrikahandel der Axumiten beschreibt Cosmas Indicopleustes, (Topographia Christiania 2, p. 132, 138, 139, 140; 11, p. 338, 339)., und sieben Königreiche schuldeten dem Negus oder obersten Herrscher Abessiniens Gehorsam.

Die Unabhängigkeit der Homeriten, welche in Arabia Felix herrschten, wurde zum ersten Male von einem äthiopischen Eroberer verletzt: er leitete seine erblichen Ansprüche von der Königin von Saba Ludolph. Hist. et Comment. Aethiop. 2, 3 her, und sein Ehrgeiz wurde zusätzlich noch durch religiöse Wallungen geadelt. Die Juden, in ihrem Exil einflussreich und nicht untätig, hatten das Gemüt Dunaans, des Fürsten der Homeriten, verführt. Sie ermunterten ihn, die von den kaiserlichen Gesetzen angeordnete Verfolgung ihrer unglücklichen Glaubensbrüder zu vergelten: einigen römischen Kaufleuten erging es übel, und mehrere Christen aus Negra Die Stadt Negra oder Nag'ran in Jemen ist von Palmen umzirkt und liegt an der Straße zwischen Saana, der Hauptstadt, und Mekka; von jener ist sie zehn, von dieser zwanzig Tagesetappen einer Kamelkarawane entfernt. (Abulfeda, Descript. Arabiae p. 52.) verdienten sich die Märtyrerkrone Das Märtyrertum von St. Arethas, des Fürsten zu Negra, sowie dreihundertundvierzig seiner Gefährten findet sich in den Legenden des Metaphrastes und Nicephorus Callistus, übernommen von Baronius, (A. D 522, No. 22–66, A.D. 523, No. 16–29) und wird mit ominöser Gründlichkeit von Basnage (Hist. des Juifs, Band 8, 12,2, p. 333–348) zurückgewiesen, als er den Lage der Juden in Afrika und Äthiopien untersucht.. Die Kirchen Arabiens flehten um den Schutz des abessinischen Monarchen: der Negus durchquerte das Rote Meer mit Flotte und Heer, raubte dem jüdischen Proselyten Krone und Leben und löschte ein Geschlecht von Herrschern aus, welches seit mehr als zweitausend Jahren über das abgelegene Gebiet geherrscht hatte, wo Myrrhe und Weihrauch gedeihen. Der Eroberer verkündet ohne Verzug den Sieg des Evangeliums, erbat sich einen rechtgläubigen Patriarchen und ließ eine so innige Freundschaft zum Römischen Reich erkennen, dass Justinian sich mit der berechtigten Hoffnung schmeicheln durfte, den Seidenhandel durch den Kanal von Abessinien umlenken zu können und außerdem noch die Streitkräfte Arabiens gegen den Perserkönig zu stacheln.

Nonnonus, Spross einer alten Diplomatenfamilie, wurde vom Kaiser mit dieser schwierigen Mission betraut. Weislich vermied er den kürzeren, aber gefährlicheren Weg durch die Nubische Sandwüste, segelte nilaufwärts, schiffte sich am Roten Meer ein und landete glücklich in dem afrikanischen Hafen Adulis. Von Adulis bis zur Königsstadt Axume sind es in direkter Linie nicht mehr als fünfzig Stunden; aber die windungsreichen Bergpässe hielten unseren Botschafter vierzehn Tage auf, und auf seinem Weg durch die Wälder beobachtete und zählte er kurzhin fünftausend wilde Elefanten. Groß und volkreich war nach seinen Angaben die Hauptstadt, und das Dorf Axume ist immer noch sehenswert wegen seiner christlichen Tempelruinen, der Kaiserkrönungen und der sechzehn oder siebzehn Obelisken mit griechischen Inschriften Alvarez (in Ramusio, Band 1, fol. 219, vers. 221, vers.) sah die Stadt Axume 1520 in ihrer Blüte stehen. Im gleichen Jahrhundert wurde sie durch die Türken zerstört; noch nicht 100 Häuser blieben stehen; aber die Erinnerung an die vergangene Größe wird lebendig gehalten durch die Königskrönungen (Ludolph. Hist. et Comment. 2,11).. Aber der Negus hielt Audienz auf offenem Felde, thronend auf einem hohen Wagen, dieser wiederum gezogen von vier herrlich aufgeputzten Elefanten, eingerahmt von Musikern und den Großen der Krone. Kleidung und Kopfbedeckung waren von Leinen, auch trug er einen Schild und zwei leichte Wurfspieße; und wenn auch seine Blöße nicht vollständig bedeckt war, so prangte er dennoch barbarisch-pompös mit Goldketten, Hals- und Armreifen, die mit Perlen und Edelgestein reichlich versehen waren. Justinians Botschafter war niedergekniet; der Negus half ihm auf, umarmte Nonnosus, küsste das Siegel, las den Brief durch, akzeptierte das Bündnis mit den Römern, und erklärte, indem er seine Waffen schwenkte, den Feueranbetern ewigen Krieg. Bezüglich des Seidenhandels hielt er sich bedeckt; und trotz der Versicherungen und vielleicht sogar der Wünsche der Abessinier verpufften diese kriegerischen Drohungen ohne Wirkung.

Die Homeriten zeigten keine Neigung, ihre wohlriechenden Haine zu verlassen, Sandwüsten zu durchziehen und nach solchen Anstrengungen auch noch ein schreckliches Volk zu bekriegen, durch das sie noch nie irgendein Unrecht erlitten hatten. Der König von Äthiopien war kaum imstande, seine Besitztümer zu verteidigen geschweige denn sie zu erweitern. Abraha, der Sklave eines römischen Kaufmanns aus Adulis, eignete sich das Szepter der Homeriten an; das üppige Klima hatte die Truppen Afrikas verführt, und Justinian bewarb sich um die Freundschaft dieses Thronräubers, der wiederum durch einen kleinen Tribut die Oberhoheit seines Fürsten ehrte. Endlich, nach langandauerndem Wohlergehen wurde Abrahas Macht vor den Toren Mekkas überwunden und seine Kinder von dem persischen Eroberer beraubt und Äthiopien für alle Zeiten vom asiatischen Kontinent verdrängt. Die Erzählung dieser dunklen und fern liegenden Ereignisse ist nicht ungewöhnlich für das sinkende und zerfallende römische Reich. Hätte sich eine christliche Macht in Arabien gehalten, so wäre Mohammed schon in der Wiege erdrückt worden, und Abessinien hätte eine Umwälzung verhindert, die die politische und religiöse Befindlichkeit der Erde verändert hat Die Umwälzungn im Jemen des VI Jahrhunderts muss man sich zusammensuchen von Prokopios (Persic. 1,19 und 20), Theophanes Byzant. (apud Phot. cod. 63, p. 80), St. Theophanes (in Chronograph. p. 144, 145, 188, 189, 206, 207, der voll mit befremdlichem Plunder ist), Pocock (Specimen Hist. Arab. p. 62, 65), D'Herbelot, (Bibliot. Orientale, p. 12, 477,) und Sale's Preliminary Discourse and Koran, (c. 105). Abrahas Empörung findet bei Prokopios Erwähnung, und sein Sturz ist eine historische Tatsache, auch wenn sie durch allerlei Wunder verdunkelt ist..








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.