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Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 40

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 40 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 40
publisherprojekt.gutenberg.de
year2013
firstpub2013
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20130514
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 40

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XL

JUSTINUS D.Ä. WIRD KAISER – HERRSCHAFT JUSTINIANS: I KAISERIN THEODORA · II DIE ZIRKUSPARTEIEN – TUMULT IN KONSTANTINOPEL · III SEIDENHANDEL UND SEIDENMANUFAKTUREI · IV STEUERN FINANZEN · V JUSTINIANS BAUTÄTIGKEIT – DIE HAGIA SOPHIA – FESTUNGEN UND GRENZANLAGEN DES OSTREICHES – DAS VERBOT DER SCHULE VON ATHEN UND DES RÖMISCHEN KONSULATS DURCH JUSTINIAN

GEBURT JUSTINIANS 5.MAI 482 ODER 11. MAI 483

Kaiser Justinian wurde in der Nähe der Ruinenstadt Sardica, des heutigen Sophia geboren Bezüglich seines Gebutsdatums gibt es einige Unstimmigkeiten (Ludevig, Vita Justiniani, p.125), nicht aber, über seinen Geburtsort. Es ist das Dorf Taureium im Bezirk Bederiana, dem er in späteren Jahren mit seinem Namen Glanz verlieh (d'Anville, Histoire de l'Academie &c., Band 31, p. 287 – 292)., stammte aus einer unbedeutenden Barbaren Ludewig (p.127 – 135) versucht, die anikischen Namen Justinians und Theodoras zu beweisen und sie in Verbindung mit einer Familie zu bringen, aus der aus welcher das Haus Österreich (Austrien) abgeleitet ist.-Familie Die Namen dieser dardanischen Bauern sind gotisch, nachgerade englisch: Justinian ist eine Übersetzung von uprauda (upright, aufrecht); seine Vater Sabatius (im graeco-barbarischen stipes, Holzklotz, Baumstamm, übtr. dummer Mensch) wurde in seinem Dorf istock (stock, Stamm) zubenannt; und der Name seiner Muter Bigleniza wurde zu Vigilantia (die Wachsame) abgemildert., Bewohnern eines unwegsamen und gottverlassenen Landstriches, dem nacheinander die Bezeichnung Dardania, Dacia oder Bulgarien angeheftet ward. Seine Inthronisierung hatte sein unternehmender Onkel Justin in die Wege geleitet, welcher zusammen mit zwei anderen Bauern des Dorfes das nutzbringende Gewerbe eines Landwirtes oder Schäfers Siehe Prokopios, Anekdota (6) nebst den Anmerkungen Alemannus. Der Satiriker würde durch Zonaras' unbestimmte und dezente Benennung ›Bauer‹, ›Rinderhirte‹ und ›Sauhirt‹ nicht herabgestuft worden sein. Warum also sind diese Namen schimpflich? – und welcher deutsche Baron wäre nicht stolz darauf, von (dem Sauhirten) Eumaios aus der Odyssee abzustammen? aufgegeben hatte zugunsten einer Karriere unter Waffen. Zu Fuß, einen geringen Vorrat Trockenbrot im Rucksack, zogen die drei jungen Männer entlang der Heerstraße nach Konstantinopel, wo sie wegen ihrer kräftigen Statur schon bald in die Leibwache von Kaiser Leo aufgenommen wurden. Unter den beiden nachfolgenden Herrschern gelangte der glückbegünstigte Bauer zu Reichtum und Ehre; und dass er sich mehrfach aus Lebensgefahr retten konnte, wurde später dem Schutzengel zugeschrieben, welcher über das irdische Dasein von Königen wacht. Sein langer und löblicher Dienst in den persischen und isaurischen Kriegen hätte nun allerdings den Namen Justin nicht vor der Vergessenheit bewahrt; immerhin rechtfertigte er sein militärisches Avancement, das er im Laufe von fünfzig Jahren treuen Dienens durchlief: den Rang eines Tribunen, eines comes, eines Generals und schließlich des Kommandeurs der Palastwache, den er während der Krise innehatte, als Kaiser Anastasius von dieser Welt abtrat.

ERHEBUNG UND REGIERUNG SEINES OHEIMS JUSTIN 518 – 527

Die mächtigen Verwandten, die er gefördert und bereichert hatte, waren von der Thronnachfolge ausgeschlossen; und der Eunuch Amantius, der Herrscher über den Palast, war mit sich übereinkommen, das Diadem dem gehorsamsten seiner Kreaturen aufs Haupt zu stülpen. Ein großzügiges Geldgeschenk, das die Wahlentscheidung der Palastwachen beeinflussen sollte, wurde zu eben diesem Zwecke ihrem Kommandanten verabfolgt. Indessen: diese gewichtigen Argumente setzte Justin in bübischer Weise ein, seine eigenen Ziele zu fördern; und da niemand eine eigene Bewerbung auszusprechen sich erkühnte, wurde der dakische Bauer mit dem Purpur angetan, einstimmig von den Soldaten begrüßt, die ihn als tapfer und gerecht kannten, vom Klerus und vom Volk, die ihn als rechtgläubig einschätzten und von den Provinzialen, die sich bedingungslos jeder Willensäußerung der Hauptstadt unterwarfen. Justin der Ältere, der durch diese Benennung von einem anderen Herrscher gleichen Namens und aus derselben Familie zu unterscheiden ist, bestieg den Thron von Byzanz im Alter von achtundsechzig Jahren; und hätte er sich in den folgenden neun Jahren nur seinen Eingebungen überlassen, so hätte er in jeder Stunde seiner Regentschaft seinen Untertanen bewiesen, wie untauglich ihre Wahl gewesen war. Er war ebenso ungebildet wie Theoderich; und so ist es denn bemerkenswert, dass in einem Zeitalter, das durchaus nicht bildungsfeindlich war, gleich zwei Herrscher noch nicht einmal lesen und schreiben gelernt hatten. Aber die Möglichkeiten Justins waren weit unter denen des Gotenkönigs; seine Erfahrungen als Soldat hatten ihn nicht zur Führung eines mächtigen Reiches qualifiziert; und wenn er auch persönlich sehr mutig war, so sorgte das Wissen um seine eingeschränkten Möglichkeiten naturnotwendig für Misstrauen, Zweifel und Ängste. Die Geschäfte des Staates besorgte mit vieler Gewissenhaftigkeit der treuergebene Quästor Proclus Procopius rühmt seine Tugenden (Persica 1,11): Der Quaestor Proclus war Freund des Justinian und Gegner jeder anderen Adoption.: und der betagte Herrscher stellte die Talente und den Ehrgeiz seines Neffen Justinian in seine Dienste, eines emporstrebenden jungen Mannes, den sein Onkel aus der ländlichen Einsamkeit Dakiens nach Konstantinopel geholt hatte, wo er ihn erziehen ließ, zum Erben und auf lange Sicht zu seinem Thronnachfolger.

JUSTINIAN WIRD ADOPTIERT UND NACHFOLGER A.D. 520 – 527

Da der Eunuch Amantius um sein Gold betrogen war, wurde es notwendig, ihm auch das Leben zu nehmen. Dies war schnell vollbracht mit Hilfe der Anklage wegen einer tatsächlichen oder auch nur erfundenen Verschwörung; seine Schuld, so wurde den Richtern eingeflüstert, vergrößerte sich durch seine heimliche Sympathie mit der manichäischen Ketzerei Manichäisch bedeutet hier eutychianisch. Man höre die stürmische Zustimmung von Konstantinopel und Tyros; die erstgenannte nicht einmal sechs Tage nach dem Tod von Anastasius. Diese verursachte den Tod des Eunuchen, die zweitgenannte jauchzte Beifall (Baronius, A.D. 518, Teil 2. No. 15. Fleury, Histoire Eccles. Band 7, p. 200, 205, aus den Konsilien, Band 5, p. 182, 207.); Amantius wurde geköpft; drei seiner Gefährten, führende Hofdiener allesamt, wurden hingerichtet oder exiliert; und ihr unglücklicher Gegenkandidat wurde in ein tiefes Verließ geworfen, mit schweren Steinen überhäuft und sein Leichnam ohne Begräbnis ins Meer geworfen. Die Beseitigung von Vitalianus erwies sich als schwieriger und gefährlicher. Dieser gotische Stammeshäuptling hatte einige Popularität durch einen Bürgerkrieg erworben, den er um des rechten Glaubens willen gegen Anastasius wagte und war nach einem vorteilhaften Friedensschluss an der Spitze eines siegreichen und kampfentschlossenen Barbarenheeres in der Nähe von Konstantinopel geblieben. Unter dem wanken Schutz eidlicher Versicherungen verließ er seine vorteilhafte Stellung und begab sich in eine Stadt, deren Bewohner, insbesondere die blaue Faktion, mit schlauer Berechnung gegen ihn aufgehetzt worden waren, indem man die Erinnerung selbst an seine frommen Feindseligkeiten wach gehalten hatte. Der Kaiser und sein Neffe umarmten den treuen und unschätzbaren Freund von Kirche und Staat; und in dankbarer Anerkennung verliehen sie ihrem Günstling den Titel Konsul und General; im siebenten Monat seines Konsulates jedoch starb Vitalianus an siebzehn Wunden, die ihm auf einem königlichen Bankett beigebracht wurden Sein Machtstellung, sein Charakter und seine Absichten werden von Count de Buat vorzüglich dargestellt (Band 9, p. 54 – 81). Er war der Urenkel von Aspar, dem Erbprinzen von Klein-Skythien und comes der gotischen foederati von Thrakien. Die Bessi, auf die er Einfluss hatte, sind die bei Jordanes (51) erwähnten Goti minores.; und Justinian, dem die Beute zufiel, wurde des Mordes an einem Bruder im Geiste geziehen, dem er erst kürzlich feierlich angelobt hatte, sich mit ihm in die Geheimnisse des Christentums zu teilen »Justiniani patricii factione dicitur interfectus fuisse.« (Es hieß, er sei von Justinians Patrizier-Faktion getötet worden) (Victor Tu nunensis, Chron. in Thesaur. Temp. Scaliger, Teil 2, p. 7.) Prokopios (Anecdota 7) macht ihn zum Tyrannen, erkennt aber seine Zuverlässigkeit an, was Alemannus wohl erläutert..

Nach dem Sturz seines Rivalen wurde er ohne jeden weiteren militärischen Dienst zum Heermeister der östlichen Armeen ernannt, die er gegen die Feinde des Staates ins Feld zu führen hatte In seiner frühesten Jugend (plane adolescens) war er einige Zeit als Geisel bei Theoderich gewesen. Zum Beleg für diese merkenswette Tatsache zitiert Alemannus (ad Procop. Anecdot. 9, p. 34) die handschriftlich überlieferte Geschichte des Justinian aus der Hand seines Lehrers Theophilus. Ludewig (p. 143) möchte aus ihm einen Soldaten machen.. Leicht hätte Justinian bei der Jagd nach Ruhm seine Herrschaft über seines Onkels Alter und Hinfälligkeit verlieren können; und anstelle sich durch Triumphe über die Perser oder Skythen populär zu machen, bemühte er sich klugbedacht um das Wohlwollen von Kirche, Zirkus und Senat zu Konstantinopel. Die Katholiken fühlten sich zu Justins Neffen hingezogen, welcher zwischen den Häresien der Nestorianer und Eutychianer den engen Pfad der fanatischen und starren Rechtgläubigkeit wandelte Justinians Beziehungen zur Kirche werden wir später kennen lernen. Man sehe Baronius (A.D. 518; 521) und den umfänglichen Artikel ›Justinianus‹ im Register des 8. Bandes seiner Annalen.. In den ersten Tagen der neuen Regentschaft bediente er das populäre Vorurteil gegen den verstorbenen Herrscher. Nach einem Schisma von vierunddreißig Jahren konnte er den hochfahrenden, zürnenden Sinn des römischen Pontifex besänftigen und unter der lateinisch sprechenden Bevölkerung den Anschein von frommer Ergebenheit gegenüber dem Thron Petri verbreiten.

Die Bischofssitze des Ostens wurden an katholische Bischöfe verliehen, die seine Interessen vertraten, Klerus und Mönche machte er sich durch Freigebigkeit geneigt, und das Volk lernte, für seinen zukünftigen Souverän zu beten, diese Hoffnung und Säule der wahren Religion. Justinians hoher Rang wurde durch den überbordenden Pomp seiner öffentlichen Auftritte unterstrichen, welche Ereignisse in den Augen der Bevölkerung an Bedeutung und Ehrwürde hinter dem nikäischen oder chalkedonischen Glaubensbekenntnissen durchaus nicht zurückstanden; die Ausgaben während seines Konsulates wurden auf zweihundertundachtundachtzigtausend Goldstücke geschätzt; zwanzig Löwen und dreißig Leoparden wurden zur selben Zeit im Amphitheater zur Schau gestellt, und ungezählte Pferde mit wertvollem Geschirr wurden an siegreiche Zirkus-Wagenlenker verschenkt.

Während Justins Neffe so das Volk von Konstantinopel verwöhnte und die Ergebenheitsadressen ausländischer Könige entgegen nahm, pflegte er zugleich eifervoll die freundschaftlichen Beziehungen zum Senat. Die Mitglieder dieser Versammlung waren durch den ehrachtbaren Name ihrer Einrichtung hinreichend qualifiziert, den Willen der Nation zu bekunden und die Thronnachfolge zu regeln; unter dem energielosen Anastasius war die kaiserliche Regierungsgewalt ihrer Form und ihrem Wesen nach zu einer Art Aristokratie verkommen; und Generäle, die den Senatorenrang erworben hatten, umgaben sich mit einer privaten Leibwache, einem Haufen von Veteranen, deren Waffen oder Gelärme allein in einem unübersichtlichen Augenblick das Diadem des Ostens neu verleihen mochten. Der Staatsschatz wurde verschwendet, die Stimmen der Senatoren zu sichern, und ihr einhelliger Wunsch, dass er doch den Justinian als Kollegen annehmen möge, wurde dem Kaiser vorgetragen.

Aber diese Bitte, die ihn denn doch etwas zu deutlich an sein nahendes Ende erinnerte, war dem eifersüchtigen Gemüt des betagten Herrschers widrig, ihm, der die Macht in Händen behalten wollte, ob er gleich sie auszuüben außerstande war; und so riet Justin ihnen, den Purpur fest im Griff, einen älteren Kandidaten zu wählen, wenn denn die Wahl selbst ein so profitables Unternehmen sei. Ungeachtet dieser Weigerung ging der Senat daran, Justinian mit dem königlichen Epitheton nobilissimus zu schmücken; und sein Onkel unterfertigte ihr Dekret, sei es aus Zuneigung, sei es aus Furcht. Einige Zeit später machte die körperliche und geistige Mattigkeit, in die ihn eine unheilbare Wunde am Oberschenkel versetzte, die Anwesenheit einer Aufsicht unverzichtbar. Er ließ den Patriarchen und den Senat zusammenrufen; und in ihrer Gegenwart krönte er seinen Neffen feierlich mit dem Diadem, welcher daraufhin vom Palast zum Zirkus geleitet wurde, von den lauten und fröhlichen Jubelrufen des Volkes eskortiert. Justin hatte noch vier Monate zu leben, aber von dem Moment der Zeremonie an galt er für tot, denn ab jetzt wurde Justinian, der in seinem fünfundvierzigsten Jahre stand, als der eigentliche und rechtmäßige Herrscher des Ostreiches angesehen Die Regierung von Justin d.Ä. findet man beschrieben in den drei Chroniken des Marcellinus, Victor und Johannes Malala (Band 2, p. 130-150), von welchen der letzte (trotz Hody, Prolegomena Nr. 14, 39, ed. Oxon.) kurz nach Justinian lebte (Jortins Remarks &c Band 6, p 383); in der Kirchengeschichte des Euagrios, (4,1-3, 9,) in den Excerpta des Theodorus Lector, (No. 37), bei Cedrenus, (p. 362 – 366,) und Zonaras, (14, p. 58 – 61,), welchem man für einen Originalautoren durchgehen lassen kann..

JUSTINIANS HERRSCHAFT 1. APRIL 527 – 14. NOVEMBER 565 – PROKOPIOS

Von seiner Erhebung bis zu seinem Tod herrschte Justinian achtunddreißig Jahre, sieben Monate und dreizehn Tage über das römische Reich. Die Ereignisse seiner Regierung, deren Bedeutung und bunte Vielfalt unsere Neugierde und Aufmerksamkeit erregen, sind von einem Sekretär Belisars mit aller Sorgfalt aufgezeichnet worden, von einem Manne, dessen Eloquenz ihm den Rang eines Senators und Präfekten von Konstantinopel eingebracht hatte. So, wie Mut und Kleinsinn, Gunst und Elend höchst wechselhafte Größen sind, so schrieb Prokopios Zu Charakter des Prokopios und Agathias lese man La Mothe (Band 8, 144-174); Vossius, (de Historicis Graecis, 2, 22,) und Fabricius, (Bibliot. Graec. 5,5 5, Band 6, p. 248 – 278.) Ihre religion, ein achtbarer Gegenstand, verrät zuweilen Kirchenkonformität und zuweilen heimliche Sympathien zu Heidentum und Philosophie. nacheinander eine Geschichte, einen Panegyrikos und eine Satire über seine Zeit. Die acht Bücher über die Kriege gegen die Perser, Vandalen und Goten, welche ihre Fortsetzung in den fünf Büchern des Agathias finden, verdienen unsere besondere Wertschätzung als eine sorgfältige und geglückte Darstellung In den ersten sieben Büchern (zwei für den Perser-, zwei für den Vandalen- und drei für den Gotenkrieg) übernimmt Prokopius von Appian die Einteilung der Provinzen und die Chronologie; das achte Buch trägt zwar auch den Namen ›Gotenkrieg‹, ist aber eine vermischte Sammlung und allgemeine Ergänzung bis in das Frühjahr 553, von wo Agathias es dann bis in das Jahr 559 fortsetzt. (Pagi critica A.D. 579, Nr. 5) nach dem Vorbild der attischen oder doch wenigstens der asiatischen Schriftsteller des antiken Griechenland. Die Tatsachen hat dieser Soldat, Staatsmann und Reisende aus eigener Wissenschaft und aus frei geführten Unterhaltungen zusammengetragen; sein Stil ist stets und oft mit Erfolg um Straffheit und Eleganz bemüht; seine Reflexionen, die er in den allzu häufig eingestreuten Reden unterbringt, verraten einen reichen Fundus von politischen Erfahrungen; und der Historiker, der durch die Aussicht, die Nachwelt zu unterhalten und zu belehren sichtlich beflügelt ist, erübrigt für volkstümliche Vorurteile und höfische Schmeichelrede nur Verachtung.

Unter seinen Zeitgenossen wurden die Schriften des Prokopios Prokopios' literarisches Schicksal muss glücklos genannt werden. 1: Sein Buch vom Gotischen Krieg wurde von Leonard Aretin gestohlen und unter dessen eigenem Namen veröffentlicht (Fulginii, 1470, Venet. 1471, apud Janson. Mattaire, Annal. Typograph. Band 1, edit. posterior, p. 290, 304, 279, 299); siehe Vossius de Hist. Lat. 3.5 und die dürftige Verteidigung des Venezianischen Giornale de Letterati, Band 19, p. 207. – 2: Seine Schriften wurden durch die ersten lateinischen Übersetzer Christoph Persona, (Giornale, Band 19. p. 340-348,) und Raphael de Volaterra, (Huet, de Claris Interpretibus, p. 166,) verstümmelt, die noch nicht einmal die mss der Vatikanischen Bibliothek eingesehen haben, deren Aufseher sie doch waren. (Alemannus, Praefation Anecdot.) 3 – Das griechische Original lag nicht vor 1607 im Druck vor (Hoerschelius in Augsburg; s. Dictionnaire de Bayle,, Band 2, p. 782). 4 – Die Pariser Ausgabe wurde von Claude Maltret nur unvollständig besorgt, einem Jesuiten aus Toulouse (1663) fernab von der Presse des Louvre und den mss. des Vatikan, von wo er jedoch einige Ergänzungen empfing.. Die von ihm versprochenen Kommentare sind nie erschienen. Der Leidener Agathias (1594) wurde von dem Pariser Herausgeber weislich neu gedruckt, zusammen mit der lateinischen Fassung von Bonaventura Vulcanius, einem gelehrten Übersetzer. (Huet, p. 176) gern gelesen und erhielten viel Beifall Agathias in Praefat. p. 7f. und 4, p. 137. Evagrios, 4,12. Siehe auch Photios, cod. 63, p. 65; aber obgleich er sie alleruntertänigst auf die Stufen des Thrones legte, dürfte Justinians Eitelkeit dennoch verletzt worden sein durch das Lob eines Helden, der beständig den Ruhm seines untätigen Herrschers in den Schatten stellte. Das Bewusstsein würdiger Unabhängigkeit wurde durch die Hoffnungen und Sorgen einer Sklavenseele zurück gedrängt; und so zeigte sich Belisars Sekretär um Nachsicht und spätere Anerkennung bemüht durch die sechs Bücher De aedificiis. Klugbedacht hatte er sich einen Gegenstand von außerordentlicher Leuchtkraft erwählt, durch die er den Genius, die Großartigkeit und die Frömmigkeit eines Herrschers berühmen konnte, der als Kriegsherr und Gesetzgeber die knabenhaften Bemühungen eines Themistokles und Cyrus bei weitem übertraf Die Kyropädie, sagt er (Praefatio ad Anecdota 1f., 5) ist nichts als ein Wortspiel. In diesen fünf Büchern ist Prokopios um einen christlichen wie auch einen höfischen Stil bemüht.. Die Zurücksetzung mag den Schmeichler zu heimlicher Rache bestimmt haben; der erste königliche Gunst-Strahl vermochte ihn dann wieder, eine Schmähschrift Prokop verrät sich selbst (Praefat. ad Anecdota c. 1f., 5,), und die ›Anekdota‹ wurden für das neunte Buch der Suidas gezählt (Band 3, p. 186, edit. Kuster.). Das Schweigen des Evagrius ist da nur ein schwacher Einwand. Baronius (A.D. 548, No. 24) bedauert den Verlust dieser Geheimgeschichte: sie befand sich jedoch in der Bibliothek des Vatikans in seiner eigenen Obhut und wurde erste sechzehn Jahre nach seinem Tod veröffentlicht, zusammen mit den gelehrten, wenn auch gehässigen Anmerkungen von Nicholas Alemannius (Lugdini 1623). zu unterdrücken, in welcher der Römer Cyrus zu einem fluch- und verachtungswürdigen Tyrannen mutiert, und in welchem der Kaiser und sein Gespons Theodora als zwei Ungeheuer dargestellt werden, welche die Gestalt von Menschen angenommen hätten, eben diese zu verderben Justinian ein Esel – völlige Gleichheit mit Domitian (Anekdota 8) – Theodoras Beischläfer von eifersüchtigen Dämonen aus ihrem Bett gescheucht – ihre Ehe mit einem großen Dämon wird vorausgesagt – ein Mönch sah den Fürsten aller Dämonen anstelle von Justinian auf dem Thron – die wachhabenden Sklave hatten hernach ein Gesicht ohne irgendwelche erkennbaren Züge gesehen, einen Körper, der ohne Kopf einher ging &c, &c. Prokopios erklärt dazu, dass er und seine Freunde an diese Spukgeschichten glaubten. (c.12).. Solcherlei Opportunismus muss zweifellos die Reputation des Prokop beflecken und seine Glaubwürdigkeit beschädigen; hat man aber erst einmal den Giftatem der Bösartigkeit sich verflüchtigen lassen, wird das, was übrig bleibt von den Anekdota und sogar noch die unerfreulichsten Fakten, auf die er in seiner offiziellen Geschichte mit viel Zartsinn hingedeutet hat, bestätigt durch ihre innere Evidenz und viele authentische Zeitzeugnisse Montesquieu (Considerations sur la Grandeur et la Decadence des Romains, c. 20) schenkt diesen Anekdoten Glauben, da sie 1. zur Schwäche des Imperium passen und 2. zu den unbeständigen Gesetzen Justinians..

Mit Hilfe dieser umfänglichen Materialien will ich nun das Leben Justinians beschreiben, welches Unterfangen einen beträchtlichen Raum verlangt und auch erhalten soll. Das vorliegende Kapitel soll den Aufstieg und den Charakter der Theodora beschreiben, ferner die Zirkusparteien und die auf die Erhaltung des Friedens gerichtete Administration des Ost-Kaisers. In den drei folgenden Kapiteln will ich dann von den Kriegen berichten, durch welche Afrika und Italien zurück erobert wurden; ich werde dem Siegesläufen Belisars und Narses' folgen und die Vergeblichkeit ihrer Triumphe ebenso wenig verhehlen wie feindliche Kampfestaten gotischer oder persischer Helden. Diese und das nachfolgende Kapitel befassen sich dann mit der Religions- und Rechtspolitik dieses Herrschers; die Glaubenskämpfe und Sekten, die heute noch die Kirche des Ostens spalten; und endlich die Reformation des Römischen Rechtes, welches von den Staaten des heutigen Europas befolgt oder doch wenigstens beachtet wird.

DIE UNTUGENDEN DER KAISERIN THEODORA

I. Die erste Amtshandlung Justinians bei der Ausübung seiner kaiserlichen Macht war, sie mit einer geliebten Frau zu teilen, der hochberüchtigten Theodora Über Leben und Sitten der Kaiserin Theodora sehe man die Anekdoten, besonders die Kapitel 1.5; 10-17 nebst den gelehrten Fußnoten des Alemannius, welcher Hinweis sich jederzeit von selbst versteht., deren befremdlicher Aufstieg nicht als der Triumph weiblicher Tugenden bejubelt werden darf. Unter der Herrschaft des Anastasius war die Pflege der wilden Tiere, eine Sache der grünen Partei Konstantinopels, dem Acacius anvertraut, der aus Zypern stammte und seines Amtes halber Bärenmeister zubenannt wurde. Dieser edelachtbare Posten wurde nach seinem Tode einem anderen Bewerber übergegeben, ungeachtet der planenden Vorsorge seiner Witwe, die sich bereits um einen neuen Gatten und Nachfolger gekümmert hatte. Acacius hatte drei Töchter hinterlassen, Comito Comito wurde hernach mit Sittas, dem comes von Armenien, verheiratet, dem möglichen Vater – zumindest mochte Comito die Mutter sein – der Kaiserin Sophia. Zwei Neffen der Theodora waren wohl die Söhne von Anastasia (Alemannus, p. 30-31)., THEODORA, und Anastasia, welche – sie war die Erstgeborene – damals nicht älter als sieben Jahre alt war. Aus Anlass eines hohen Feiertages wurden diese hilflosen Waisen von ihrer verzweifelten und empörten Mutter im Gewande von Bittstellern in die Mitte des Theaters geschickt; die Grüne Partei nahm sie mit Verachtung auf, die Blaue zeigte Mitleiden; und dieser Unterschied, den Theodora niemals vergaß, machte sich noch viele Jahre später in der Verwaltung des Reiches bemerklich. Als die drei Schwestern zunahmen an Jahren und Schönheit, wurden sie in Byzanz eine nach der anderen als öffentliche und private Freudenspenderin installiert; und nachdem Theodora der Comito auf die Bühne gefolgt war, im Gewand einer Sklavin und mit einem Hocker auf dem Kopf, durfte sie endlich mit ihren ureigensten Talenten wuchern. Sie tanzte nicht, sang nicht und blies nicht auf der Flöte; sie war eine hochbegabte Pantomimin; sie glänzte in komischen Rollen, und immer wenn sie komödiantisch die Wangen blähte und sich, kindisch im Tonfall und Gestik, über die empfangenen Backenstreiche beklagte, johlte das ganze Theater von Konstantinopel und klatschte stürmischen Beifall. Die Schönheit der Theodora Ihre Statue wurde in Konstantinopel auf einer Porphyrsäule errichtet. Siehe Prokopios (De aedificiis 1,11) entwirft in den Anekdota (10) ihr Portrait; Alemannus schildert sie nach einer musivischen Arbeit in Ravenna, das mit Perlen und Juwelen überladen und dennoch sehr anmutig ist. war nun allerdings Gegenstand eines gesitteteren Lobes und die Quelle feinerer Genüsse. Ihre Gesichtszüge waren zierlich und ebenmäßig; ihre Hautfarbe, wiewohl etwas blass, hatte einen naturgegebenen Teint; jede Gefühlsbewegung fand ihren Ausdruck in ihren lebhaften Augen; ihre leichter Gang verriet eine kleine, aber anmutige Figur; und selbst Liebe oder Schmeichelei mussten bekennen, dass Dichtkunst und Malerei außerstande seien, ihre unvergleichliche Schönheit angemessen darzustellen. Aber eben diese Schönheit wurde entwertet durch die Beliebigkeit, mit der sie der öffentlichen Neugier preisgegeben und jedem unzüchtigen Begehren zur Verfügung gestellt wurde. Ihren käuflichen Liebreiz dürfte eine ungezählte Menge von Einheimischen und Fremden jedweder Rangstufe und Glaubensbekenntnisses ihr Eigen genannt haben; der erfolgreiche Freier, dem eine genussreiche Nacht in Aussicht gestellt worden war, wurde oft von einem stärkeren oder reicheren Kunden aus dem Bett gescheucht; und wenn sie durch die Stadt ging, wechselten alle diejenigen die Straßenseite, denen ein Skandal oder die Versuchung ungelegen gewesen wären. Die historische Satire errötete nicht darüber Ein etwas zu nacktes Fragment der Anekdoten (9) hatte Alemannus unterdrückt, obschon es sich in der Handschrift des Vatikans befand.; auch in der Pariser oder Venezianischen Ausgabe ist die Lücke nicht geschlossen. La Mothe le Vayer (Band 8, p.155) wies zuerst auf diese merkwürdige und echte Textstelle hin (Jortin, Remarks, Band 4, p. 366), welche er aus Rom erhalten hatte und die danach in der Menagiana (Band 3, p. 254-259) mit einer lateinischen Fassung veröffentlicht wurde., die Nackt-Szenen zu beschreiben, die Theodora im Theater aufführte Prokopios fährt fort, nachdem er einen dünnen Gürtel erwähnt hatte (denn völlig nackt durfte niemand auf der Bühne erscheinen): »So bekleidet lag sie rücklings ausgestreckt auf dem Boden...Einige Bühnenarbeiter streuten ihr über den Schoß Gerste, welche abgerichtete Gänse mit ihren Schnäbeln einzeln aufpickten.« Ich habe davon gehört, dass ein gelehrter, mittlerweile verstorbener Prälat diese Stelle in Gesellschaft gerne zitierte.. Nachdem sie sich in den sinnenfrohen Künsten erschöpft hatte Theodora übertraf noch die Crispa des Ausonius (Epigramm 71), welche den capitalis luxus der Frauen von Nola nachmachte. (Siehe Quintilian Institut. 8, 6, und Torrentius ad Horat. Sermon. Sat 1, 2, v. 101). Bei einer erinnerungswürdigen Abendgesellschaft warteten dreißig Sklaven an der Tafel auf, und zehn junge Männer speisten mit Theodora. Ihre Menschenliebe war allumfassend. »Et lassata viris, necdum satiata, recessit.« (Und von Männern ermattet, nicht gesättigt, zog sie sich zurück)., murrte sie höchst undankbar wider den Geiz der Natur »Obwohl sie ihr Gewerbe mit drei Öffnungen ausübte, machte sie der Natur Vorhaltungen, dass diese ihr nicht auch die Brüste so geformt habe, um damit noch eine weitere Art von Beischlaf halten zu können.« Sie wünschte sich einen vierten Altar, auf dem sie dann dem Liebesgott Trankopfer spenden könnte. Anekdota 9.; aber ihr Murren, ihre Freuden und ihre so genannte Kunstfertigkeit müssen sich hinter dem Schleier einer gelehrten Sprache verborgen halten.

Nachdem sie eine Weile so ihr Szepter geschwungen hatte, der Hauptstadt zu Lust und Ärger, wählte sie sich Ecebolus aus Tyrus zum ständigen Begleiter, welcher die Verwaltungsgeschäfte in der afrikanischen Pentapolis ausgeübt hatte. Aber diese Beziehung war von hinfälliger Natur und kurzer Dauer; Ecebolus stieß die teure und ungetreue Beischläferin schon bald wieder von sich; in Alexandria geriet sie deshalb in eine bittere Notlage; bei ihrer hastigen Rückkehr nach Konstantinopel jedoch rechtfertigte die Schöne aus Zypern in jeder Stadt des Ostens ihre Herkunft von der Insel der Venus und sorgte allerorten für Bewunderung und Freuden. Theodoras weit gefächerter geschlechtlicher Umgang und die geschmackswidrigsten Vorkehrungen bewahrten sie vor der einzigen Gefahr, die sie zu fürchten hatte: einmal, ein einziges Mal wurde sie Mutter. Das Kind wurde in Arabien von seinem Vater aufgenommen und erzogen, der ihm auf dem Sterbebett mitteilte, dass er der Sohn einer Kaiserin sei. Von ehrgeizigen Hoffnungen beflügelt, eilte er nach Konstantinopel in den Palast und erhielt tatsächlich Audienz bei seiner Mutter. Danach ward er niemals wieder gesehen, selbst nach dem Tode der Theodora nicht, und so steht sie unter dem dringenden und bösen Verdacht, mit seinem Leben zugleich ein ihrer kaiserlichen Würde abträgliches Geheimnis ausgelöscht zu haben.

THEODORAS HEIRAT MIT JUSTINIAN

Als ihre Vermögensverhältnisse und ihr Ruf schwer beschädigt völlig darnieder lagen, flüsterten einige liebliche Gesichte des Schlafes oder der Phantasie Theodora ein, dass es ihr bestimmt sei, einst die Gattin eines hochmögenden Herrschers zu werden. Erfüllt von ihrer inskünftigen Größe, kehrte sie von Paphlagonien nach Konstantinopel zurück; wechselte nach der Art einer gereiften Schauspielerin ins Charakterfach; verdiente sich ehrbar durch löbliches Wollspinnen ihren Lebensunterhalt; und führte ein Leben in Züchten und Stille in einem Hause, welches sie später einmal zu einem großartigen Tempel umwidmete Anonym. de Antiquitat. C. P. 3,132, in Banduri Imperium Orient. Band 1, p. 48. Ludewig (p. 154) wendet vernünftigerweise ein, dass Theodora wohl kaum ein Bordell verewigt haben würde; ich jedoch beziehe diese Tatsache auf ihren zweiten, keuscheren Konstantinopel-Aufenthalt.. Ihre Schönheit – Planung oder Zufall mögen hierbei mitgeholfen haben – zog schon bald die Aufmerksamkeit des Patricius Justinian auf sich, nahm ihn gefangen und ließ ihn nicht mehr los; dies geschah zu einem Zeitpunkt, als er bereits im Namen seines Onkels die absolute Herrschaft ausübte. Vielleicht brachte sie es fertig, den Wert ihrer natürlichen Gaben zu steigern, die sie allzu oft an die Geringsten unter den Menschen vergeudet hatte; vielleicht aber entzündete sie auch, zunächst durch schüchterne Koketterie und dann durch sinnlichere Signale, die Wünsche eines Liebhabers, den die Natur zu langen Nachtwachen und karger Diät bestimmt hatte.

Nachdem sich seine erste Hitze abgekühlt hatte, behielt sie dennoch Gewalt über ihn, wenn auch durch zuverlässigere Mittel wie Charakter und Gemüt. Justinian gefiel es, das Objekt seiner Zuneigung zu veredeln und zu bereichern; die Schätze des Ostens wurden ihr zu Füßen geschüttet; und schließlich fühlte sich Justins Neffe bestimmt, vielleicht infolge religiöser Skrupel, seiner Beischläferin den heiligen und gesetzmäßigen Titel einer Ehefrau zu verleihen. Indessen: die Gesetze Roms untersagten ausdrücklich die Hochzeit zwischen einem Senatoren und jedweder Frau, welche ehrlos war infolge ihrer Herkunft aus dem Sklavenstand oder einer Tätigkeit als Schauspielerin; die amtierende Kaiserin Lupicina oder Euphemia, eine Barbarin, von derben Sitten zwar, aber auch von unbestrittener Tugend, weigerte sich rundheraus, eine Buhldirne als Nichte anzuerkennen; und selbst Justinians abergläubische Mutter Vigilantia, die nicht unempfänglich war für Theodoras Witz und Schönheit, äußerste sich dahingehend voller Besorgnis, der flatterhafte Sinn jener ränkereichen Geliebten möchte der Frömmigkeit und Seelenruhe ihres Sohnes abträglich sein.

Doch diese Hindernisse räumte Justinian entschlossenen Sinnes beiseite. Geduldig wartete er auf den Tod der Kaiserin; für die Tränen seiner Mutter erübrigte er nur Verachtung, welche denn ja auch schon bald unter der Last ihres Kummers zusammen brach. Auch ward im Namen Justins ein Gesetz verkündet, welches die starre Rechtsprechung der Alten verwarf. Eine köstliche Reue (dies waren die Worte des Erlasses) wurde den unglückseligen Frauen anheim gestellt, welche sich im Theater entehrt hatten, und dann wurde ihnen erlaubt, mit den berühmtesten Römern einen ganz legalen Ehekontrakt einzugehen Siehe das alte Gesetz im Codex Justinianus (Buch 5, tit. 5. leg. 7, tit. 27, leg. 1), vom Jahre 336 und 454. Das neue Edikt vom Jahre 521 oder 522, Alemannus p. 38, 96) widerruft sehr ungeschickt nur die Klausel von den »mulieres scenicae, libertinae, tabernariae.« (Frauen vom Theater, Freigelassene und aus Kneipen). Siehe die Novellen 89 und 117 und einen Bescheid von Justinian an die Bischöfe. (Alemannus, p. 41). Im Anschluss an diesen Erlass wurde nachgerade hastig die feierliche Trauungszeremonie zwischen Justinian und Theodora anberaumt und vollzogen; ihre Würde nahm allgemach zu mit der ihres Liebhabers; und als Justin seinem Neffen den Purpur angelegt hatte, setzte der Patriarch von Konstantinopel dem Kaiser und der Kaiserin des Ostens je und je das Diadem auf das Haupt. Aber die üblichen Ehrerweisungen, die die strengen Römischen Sitten für die Frauen der Herrscher vorsahen, konnten weder Theodoras Ehrgeiz noch Justinians naive Zuneigung zufrieden stellen. Er gab ihr ihren Platz auf dem Thron als einer gleichberechtigten und unabhängigen Kollegin seiner Herrschaft, und den Provinzstatthaltern wurde ein Treueid abverlangt, welcher auf ihrer beider Namen, Justinian und Theodora, geleistet werden musste »Ich schwöre beim Vater &c, bei der Jungfrau Maria, bei den vier Evangelien, quae in manibus teneo (die ich in den Händen halte), und bei den heiligen Erzengeln Michael und Gabriel, puram conscientiam germanumque servitium me servaturum, sacratissimis DDNN (=Dominis nostris) Justiniano et Theodorae coniugi eius, (dass ich ein reines Gewissen und wahren Dienst beobachten werde, den Allerheiligsten DDNN Justinian und seiner Gattin Theodora)« (Novella 8, tit. 3.) Wäre dieser Eid auch zugunsten der Witwe bindend gewesen? Alemannus p. 47f.. Die Welt des Ostens fiel in den Staub vor dem Genie und dem glücklichen Schicksal der Tochter des Acacius. Die Hure, die in Anwesenheit ungezählter Gaffender das Theater von Konstantinopel beschmutzt hatte, wurde nunmehr als Königin derselben Stadt verehrt, von ehrwürdigen Magistraten, rechtgläubigen Bischöfen, siegreichen Feldherren und gefangenen Monarchen »Lass Größe von ihr Besitz ergreifen, und sie ist nicht länger eine Elende«. Ohne Warburtons kritische Sicht hätte ich niemals – bei diesem allgemeinen Bild des siegreichen Lasters – irgendwelche Anspielungen auf Theodora ausmachen können..

IHRE MÄNGEL WERDEN ÜBERTRIEBEN DARGESTELLT

Wer glaubt, dass das Gemüt einer Frau wegen mangelnder Keuschheit naturnotwendig zugrunde gehen muss, wird mit Lust allen diesen Beschuldigungen glauben, mit welchen privater Neid oder öffentliche Empörung die Tugenden der Theodora beworfen, ihre Laster übertrieben und mit Strenge die freiwilligen oder erkauften Sünden einer jugendlichen Liebesdienerin verurteilt haben. Oftmals waren ihr die Huldigungen der Masse beschämend oder widerwärtig, und so floh sie die verhassten Lichter der Großstadt und verbrachte den größten Teil des Jahres in den Palästen und Gärten, welche so lieblich an der Küste der Propontis und des Bosporus lagen. Ihre Mußestunden widmete sie der Förderung ihrer Geistesgaben und ihrer Schönheit, den Genüssen der Tafel und des Bades und dem langen Schlummer zwischen Abend und Morgen. Ihre Geheimappartements waren besetzt von ihren Freundinnen und Eunuchen, deren Interessen und Leidenschaften sie auf Kosten des Rechtes dienlich war; die berühmtesten Mitbürger des Reiches saßen in einem stickigen und finsteren Vorzimmer gedrängt, und wenn sie dann nach ewiger Wartezeit die Füße der Theodora küssen durften, erlebten sie je nach Stimmung der Kaiserin ihr arrogantes Schweigen oder das neckische Gealbere einer Schauspielerin.

Ihre ans Räuberische grenzende Habsucht mochte durch die Sorge vor ihres Gatten vorzeitigem Tode begründet sein, der ihr keine Alternative zwischen Thron oder Untergang gelassen hätte; und Furcht ebenso gut wie Ehrgeiz können Theodora gegen zwei Generäle aufgebracht haben, welche bei einer Erkrankung des Kaisers etwas zu vorschnell erklärt hatten, dass sie nicht geneigt seien, bei der Wahl der Hauptstadt Stillschweigen zu beobachten. Der Vorwurf der Grausamkeit jedoch, der so wenig zu ihren anderen, sanfteren Lastern passen will, bleibt als ein unauslöschlicher Makel an Theodoras Gedächtnis haften. Ihre zahllosen Spione hinterbrachten ihr mit Eifer jede Handlung, jedes Wort, jeden Blick, der ihrer königlichen Gebieterin abgünstig sein mochte. Wen immer sie auch anklagten, er wurde in ein besonderes Gefängnis Ihre Verliese, ein Labyrinth und Tartarus befanden sich unter dem Palast (Anekdota 4); Finsternis ist der Grausamkeit förderlich, ist aber auch vergleichsweise der Verleumdung und den Gerüchten günstig. geworfen, welches den formellen Untersuchungen der Gerechtigkeit unzugänglich war; und es gingen Gerüchte, dass die Folterung mit der Peitsche oder auf dem Gestell in Gegenwart einer Tyrannin vollzogen wurde, sie sich taub stellte gegenüber der Stimme des Mitleids oder des Flehens Ein noch fröhlicheres Auspeitschen wurde über Saturninus verhängt, welcher sich zu der Bemerkung hatte hinreißen lassen, dass er seine Frau, eine Vertraute der Kaiserin, nicht mehr für jungfräulich befunden habe.. Einige dieser unglücklichen Opfer verstarben in den Tiefen schauriger Kerkerhöhlen, während andere in die Welt zurückkehren durften, mit verstümmelten Gliedmaßen, dem Verlust ihres Vermögens oder ihres Verstandes, und so eine lebendiges Mahnmal für ihre Rachsucht abgaben, die sich meist noch auf die Kinder derjenigen ausdehnte, die sie vorher verdächtigt oder denen sie Unrecht getan hatte. Der Senator oder Bischof, dessen Tod oder Exil Theodora beschlossen hatte, wurde einem vertrauenswürdigen Beamten ausgeliefert, und dessen Pflichtbewusstsein wiederum wusste sie durch eine finstere Drohung aus eigenem Munde zu befeuern: »Wenn du bei der Vollstreckung meiner Befehle versagen solltest, dann schwöre ich bei dem der ewig lebt, dass man dir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen wird.« »Per viventem in saecula excoriari te faciam.« Anastasius de Vitis Pont. Roman. in Vigilio, p. 40.

THEODORAS TOD A.D. 548

Wenn Theodoras Glaubensfestigkeit durch keinen Gedanken an Häresie befleckt gewesen wäre, würde nach Auffassung der Zeitgenossen ihre vorbildliche Gotteshingabe für ihren Hochmut, ihre Habgier und ihre Grausamkeit gesühnt haben. Wenn sie indessen darauf hinwirkte, den gnadenlosen Zorn ihres Gebieters zu stillen, dann wird auch unsere Gegenwart ihrer Religiosität einiges Verdienst zusprechen und ihr die spekulativen Irrwege nachsehen Ludewig, p. 161-166. Ich will ihm glauben für diesen menschenfreundlichen Versuch, obgleich er selbst nicht viel davon an sich hat.. Der Name Theodora wurde gleichberechtigt bei allen frommen und mildtätigen Stiftungen Justinians genannt; und die wohltätigste Einrichtung seiner ganzen Regierungszeit mag dem Mitleiden der Kaiserin mit ihren weniger glücklichen Schwestern zuzuschreiben sein, welche beide, verführt oder genötigt, ihrem früheren Gewerbe der Prostitution oblagen. Ein Palast auf der asiatischen Seite des Bosporus wurde zu einem respektablen, weiträumigen Kloster umgewidmet und für fünfhundert Frauen ein kostenloser Aufenthalt bereitgestellt, nachdem man sie in den Straßen und Bordellen Konstantinopels aufgelesen hatte. In dieser heiligen und sicheren Klausur sollten sie für dauernd weggeschlossen werden; und die Verzweiflung der Wenigen, die sich kopfüber ins Meer stürzten, wog nichts gegen die Dankbarkeit der vielen Bußfertigen, die diese hochherzige Wohltäterin aus Elend und Sünde befreit hatte Man vergleich die Anekdoten (17) mit dem Werk de adificiis (1,9) – wie unterschiedlich kann ein und dieselbe Tatsache dargestellt werden! Johannes Malala (Band 2, p. 174f) merkt dazu an, dass bei dieser oder einer vergleichbaren Gelegenheit sie die Mädchen freiließ und neu einkleidete, welche sie zuvor für 5 aureos pro Stück(!) aus den Badestuben gekauft hatte..

Theodoras Klugheit wird sogar von Justinian selbst gerühmt; und seine Gesetze schrieb er nur noch der Weisheit seiner hoch verehrten Gattin zu, die er als ein Gottesgeschenk Novella 8, 1. Eine Anspielung auf den Namen Theodora (›Gottgeschenkt‹). Ihre Feinde lesen hier den Namen Daemonodora (Dämonengeschenk). Alemannus, p. 66. empfangen habe. Inmitten des Volksgelärmes und der Furcht des Hofes bewährte sie ihren Mut. Ihre Keuschheit, die sie von dem Augenblick ihrer Eheschließung mit Justinian beobachtete, wird selbst von ihren unversöhnlichsten Feinden nicht angezweifelt; und wenn die Tochter des Acacius auch in Liebesdingen ein wenig satt geworden sein mag, so verdient doch jene Gemütsfestigkeit einigen Respekt, welche die höheren Genüsse der Pflicht0 den Leibesfreuden vorzieht. Theodoras gebar allen Gebeten und Wünschen zum Trotz keinen gesetzlichen männlichen Erben, und eine minderjährige Tochter, die einzige Frucht dieser Ehe, musste sie begraben St. Sabas weigerte sich, für Theodora um einen Sohn zu beten, könnte er doch ein Ketzer werden, schlimmer noch als selbst Anastasius selbst. (Cyril in Vit. St. Sabae, apud Aleman. p. 70, 109)..

Ungeachtet dieser Enttäuschungen blieb ihre Herrschaft absolut und unangefochten; Justinian blieb ihr dauerhaft gewogen; und ihre scheinbaren Zwistigkeiten waren eigentlich nur für die Höflinge verhängnisvoll, die sie für echt hielten. Vielleicht hatte sie durch ihre ausschweifende Jugend ihre Gesundheit angegriffen; aber die war schon immer etwas heikel gewesen, und so empfahlen ihr die Ärzte die warmen pythischen Bäder. Auf dieser Reise begleiteten sie der Prätorianerpräfekth, der Schatzmeister, diverse comes und patricii, sowie viertausend Bedienstete; bei ihren Herannahen wurde die Straßen instand gesetzt; ein Palast zu ihrer Bequemlichkeit erbaut; und als sie durch Bithynien zog, verteilte sie an Kirchen, Klöster und Hospitäler großzügige Almosen, auf dass sie den Himmel anflehten um die Wiederherstellung ihrer Gesundheit Siehe Johannes Malala, Band 2, p. 174. Theophanes, p. 158. Prokopios de Aedific. 5,3.. Schließlich, im vierundzwanzigsten Jahr ihrer Ehe und dem zweiundzwanzigsten ihrer Regierung verstarb sie an Krebs »Theodora Chalcedonensis synodi inimica canceris plaga toto corpore perfusa vitam prodigiose finivit.« (Theodora, die Gegnerin der Synode von Chalcedon, beendete, von einem Krebsleiden am ganzen Körper überzogen, auf unheimliche Weise ihr Leben). Victor Tununensis in Chron. Bei solcher Gelegenheit ist ein orthodoxes Gemüt gegen Mitleiden immun. Alemannus (p. 12f.) hält Theophanes' ›in Gott entschlafen‹ für eine Höflichkeitsfloskel, die weder Frömmigkeit noch Reue einbegreift; allerdings wurde zwei Jahre nach ihrem Tod St. Theodora von Paul Silentiarius gerühmt. (in proem. 5, 58-62); diesen unersetzlichen Verlust beweinte ihr Gatte, welcher an Stelle einer Theaterhure die reinste und edelste aller Frauen des Ostens hätte haben können Als sie den Päpsten nachstellte und ein Konzil ablehnte, schöpft Baronius die Möglichkeiten der Namen Eva, Dalila, Herodias &c aus und greift dann auf sein Wörterbuch der Hölle zurück: civis inferni – alumna daemonum – satanico agitata spiritu – oestro perdica diaboloco etc, etc. (Bewohnerin des Inferno – Zögling von Dämonen – gehetzt vom Geiste des Satans – gejagt von teuflischer raserei. A.D. 548, Nr. 24..

DIE ZIRKUSPARTEIEN

II. Die Wettspiele der Antike zeigen uns einen fundamentalen qualitativen Unterschied: die berühmtesten Griechen waren aktive Teilnehmer, die Römer waren mehrheitlich nur Zuschauer. Das Stadion in Olympia stand den Reichen, Berühmten und Ehrgeizigen offen; und wenn die Wettkämpfer sich auf ihre Fähigkeiten verlassen konnten, dann konnten sie sogar den Spuren eines Menelaos und Diomedes folgen und ihre eigenen Pferde beim Wagenrennen zum Einsatz bringen Man lese und koste hierzu den 23. Gesang der Ilias, der uns ein lebendiges Bild von den Gebräuchen, Leidenschaften und der Durchführung solcher Wagenrennen vermittelt. Die Abhandlung von West über die Olympischen Spiele (Sectio 12-17) bietet manche kurzweilige und zuverlässige Information.. Zehn, zwanzig, vierzig Wagen durften zusammen starten; für den Sieger gab es als Trophäe eine Krone aus Laub; und sein Ruhm und damit zugleich der seiner Familie und seines Landes wurden in Siegesliedern besungen, welche noch dauerhafter waren als jedes Denkmal aus Erz oder Marmor. Ein Senator indessen oder auch nur ein schlichter Bürger: sie wären im Bewusstsein ihrer Würde darüber errötet, sich oder ihre Pferde im Zirkus von Rom preiszugeben. Die Spiele wurden auf Kosten des Staates, der Magistrate oder der Kaiser veranstaltet: die Zügel aber lagen in dienstbaren Händen; und wenn die Gagen beliebter Wagenlenker oftmals über den Einnahmen eines Anwaltes lagen, so muss man dies als das Resultat einer volkstümlichen Ausschweifung ansehen.

Das Rennen war ursprünglich eine schlichte Wettfahrt zwischen zwei Wagen, deren jeweilige Lenker durch ein weißes und rotes Gewand unterschieden wurden; zwei weitere Farben, ein helles grün und ein Himmels blau wurden später eingeführt; und da es an einem Tage bis zu fünfundzwanzig Wettfahrten gab, mehrten bis zu einhundert Wagen an einem Tage den Glanz des Zirkus. Schon bald eigneten sich diese vier Parteien gleichsam gesetzlichen Status und einen geheimnisvollen Ursprung an; und ihre wunderlichen Farben wurden hergeleitet von natürlichen Erscheinungen der vier Jahreszeiten: der rote Hundsstern des Sommers, der Schnee des Winters, die dunklen Schatten des Herbstes und das fröhliche, frische Grün des Frühjahres Die vier Farben, albati, russati, prasini, veneti vertreten die vier Jahreszeiten, wenn man Cassiodor folgen darf, der auf dieses Theater-Geheimnis viel Witz und Beredsamkeit verschwendet (Var 3, 51). Die ersten drei dieser Farben kann man problemlos mit weiß, rot und grün übersetzen. Venetus wird mit caeruleus wiedergegeben, welche Benennung indessen unscharf und mehrdeutig ist: es ist vermutlich die Himmelsfarbe, die sich im Meer spiegelt; man hat sich darauf verständigt, dass venetus blau bedeutet. (Robertus Stephanus sub voce. Spence's Polymetis, p. 228.). Eine andere Interpretation zieht die vier Elemente den vier Jahreszeiten vor, so dass etwa der Wettkampf zwischen Grün und Blau den Konflikt zwischen Wasser und Erde repräsentierte; Ihr jeweiliger Sieg kündigte dann eine üppige Ernte oder eine glückhafte Seefahrt an, und so wurden die Feindseligkeiten zwischen Land- und Seeleuten um ein Kleines weniger absurd als der blinde Fanatismus der römischen Bevölkerung, welche ihr Vermögen und nachgerade ihr Leben ihrer Lieblingsfarbe widmeten. Herrscher von Verstand verachteten derlei Torheiten, ließen sie aber zu; doch Caligula, Nero, Vitellius, Verus, Commodus, Caracalla und Elegabal waren bekennende Anhänger der blauen oder grünen Zirkuspartei; sie besuchten des Öfteren die Pferdeställe, jauchzten ihren Stars zu, schmähten deren Gegner und machten sich volkstümlich, indem sie deren Gewohnheiten annahmen. Dieser blutig-lärmende Wettkampf blieb ein Ärgernis, bis in Rom endlich das Zeitalter der Spiele zu Ende ging; und Theoderich warf einmal – sei es aus Gerechtigkeitssinn, sei es aus Fanatismus – seine gesamte Autorität in die Wagschale, um die Grünen vor den Willkürmaßnahmen eines Konsuls und eines Patricius zu schützen, welche ihrerseits leidenschaftliche Anhänger der Blauen waren Siehe Onuphrius Panvinius de Ludis Circensibus, 1,10f.; die 18. Annotation zu Mascous History of the Germans; und Alemannus zu c.7..

JUSTINIAN IST ANHÄNGER DER BLAUEN

Konstantinopel übernahm wenn schon nicht Roms Tugenden, so doch seine Torheiten; und die gleichen Faktionen, die schon im Zirkus für Krawall gesorgt hatten, verdoppelten im Hippodrom ihren Einsatz. Unter Anastasius wurde diese kollektive Geisteskrankheit noch zusätzlich durch religiöse Motive verstärkt; und so massakrierten die Grünen, die in heimtückischer Weise Steine und Dolche in Obstkörben versteckt hatten, während eines hohen Festes dreitausend ihrer blauen Feinde Marcellinus in Chron. P. 47. Anstelle des umgangssprachlichen veneta benutzt Marcellinus den erleseneren Terminus caerulea und cerealis. Baronius (A.D. 501, Nr. 4-6) ist's zufrieden, dass die Blauen rechtgläubig waren; hierüber nun ärgert sich Tillemont und mag keine Märtyrer in einer Sportstätte leiden. (Histoire des empereurs, Band 6, p. 554).. Von der Hauptstadt breitete sich diese Pest in die Städte des Ostens aus, und allein die farbliche Unterscheidungen zweier Sportmannschaften veranlasste die Bildung zweier großer und unversöhnlicher Faktionen, welche imstande waren, die Basis einer schwächelnden Regierung zu erschüttern Siehe Prokopios, Persic. 1,24. Zur Beschreibung der Untaten dieser Faktionen und der Regierung steht der Verfasser der öffentlichen Geschichte gleichberechtigt neben dem der geheimen. Alamannus (p. 26) hat eine lesenswerte Passage aus Gregor von Nazianz zitiert, in der nachgewiesen, wie unausrottbar dieses Übel ist.. Unruhen in der Bevölkerung, deren Ursache sehr handfeste Interessen oder heilige Wallungen waren, hatten kaum das Ausmaß dieser wahllosen Auseinandersetzungen, welche den Familienfrieden aufstörte, Freunde und Brüder entzweite und die Frauen vermochte – wenngleich man sie im Zirkus nur selten zu sehen bekam – ihre Liebhaber zu ermutigen oder sich ihren Gatten zu verweigern. Jedwedes göttliche und menschliche Recht ward niedergetrampelt, und solange eine Partei die Oberhand hatte, kümmerten sich ihre übergeschnappten Anhänger weder um private noch um staatliche Kalamitäten.

In Antiochia und Konstantinopel lebte die Demokratie – wenn auch ohne die ihr eigenen Freiheiten – wieder auf, und für jeden Kandidat eines Kirchen- oder Staatsamtes war die Unterstützung einer der Faktionen unabdingbar. Den Grünen wurde eine heimliche Nähe zu der Familie oder Sekte des Anastasius nachgesagt; die Blauen waren eifrige Anhänger von Justinians Orthodoxie Diese Parteilichkeit Justinians zu den Blauen (Anecdota, c.7) wird von Evagrius (Hist. eccl.4, 32) bestätigt; von Johannes Malala (Band 2, p. 138f.) für Antiochia im besonderen sowie von Theophanes (p. 142)., und fünf Jahre lang hielt ihr großmütiger Patron seine schützende Hand über diese krawallselige Truppe, deren sporadische Ausbrüche den Palast, den Senat und die Hauptstädte des Ostens beunruhigten. Ermutigt durch die Großmut ihrer Majestät, erfrechten sich die Blauen, durch eine ausgesucht barbarische Kostümierung, lange Haare nach Art der Hunnen, enge Ärmel, weite Mäntel und eine sonore Stimmlage ein allgemeines Schrecknis zu erregen. Tagsüber hielten sie ihre zweischneidigen Dolche wohlverborgen, aber zur Nacht versammelten sie sich nach Banden sortiert, zu jeder Gewalttätigkeit und Räuberei entschlossen. Ihre Gegner von den Grünen und selbst noch friedliche Bürger wurden auf diesen nächtlichen Streifzügen beraubt, oft sogar ermordet, und es wurde nachgerade gefährlich, irgendwelche goldenen Knöpfe oder Gürtel am Leibe zu führen oder sich zu später Stunde in den Straßen der friedlichen Residenzstadt blicken zu lassen. Durch Straflosigkeit groß gemacht, griff der Geist Tollkühnheit sogar die Wachen von Privathäusern an; es wurde Feuer gelegt, um den Überfall zu erleichtern oder die Spuren des Verbrechens zu verwischen. Kein Ort war ihnen heilig oder vor ihren Räubereien sicher. Aus Habgier oder Rachsucht vergossen sie auch das Blut Unschuldiger; Kirchen und Altäre waren von Mord besudelt; und es war der Stolz dieser Verbrecher, dass sie die tödliche Wunde mit einem einzigen Hieb ihres Schwertes zufügen konnten. Konstantinopels verwahrloste Jugend legte die blaue Tracht des Aufruhrs an; die Gesetze schwiegen, und die gesellschaftlichen Übereinkünfte waren beurlaubt; Gläubiger wurden gezwungen, von ihren Forderungen zurückzutreten; Richter, ihre Urteilssprüche aufzuheben; Herren, ihren Sklaven das Wahlrecht zu verleihen; Väter, die Überspanntheiten ihrer Söhne zu finanzieren; Matronen von Adel wurden ihrer Dienerschaft zur Lustbarkeit angedient; schöne Knaben wurden den Armen ihrer Mütter entrissen; und Frauen wurden in Anwesenheit ihrer Gatten vergewaltigt, sofern sie nicht einen freiwilligen Tod vorzogen Ein Weib, so Prokopios, das von einem Blaurock gepackt und fast vergewaltigt wurde, stürzte sich in den Bosporus. Die Bischöfe des Zweiten Syriens (Alemannus p. 26) bejammern diesen einen ähnliche Suizid, die Schuld oder die Ehre weiblicher Keuschheit, und sie nennen die Heldin beim Namen..

In ihrer Bedrängnis sannen die Grünen, verfolgt von ihren Feinden und im Stich gelassen von den Magistraten, auf Selbsthilfe, vermutlich auch auf Rache; aber die Überlebenden wurden zur Hinrichtung geschleppt und die glückverlassenen Flüchtlinge, die in die Wälder oder Höhlen entkommen konnten, stellten der Gesellschaft, die sie ausgeschlossen hatte, ohne Gnade nach. Diejenigen Justizbeamten jedoch, die den Mut besaßen, die Verbrechen der Blauen zu ahnden und sich ihrem Irrsinn entgegen stellten, wurden Opfer ihres Unbedachts. Ein Präfekt von Konstantinopel Prokops zweifelhaftes Zeugnis (Anecdota 17) wird durch den weniger parteiischen Euagrios bestätigt, der Tatsache und Namen bestätigt. Das tragische Schicksal des Stadtpräfekten von Konstantinopel wird von Johannes Malala erzählt (Band 2, p. 139). floh als Schutzflehender zum Heiligen Grab, ein comes des Ostens wurde schmählich ausgepeitscht, und der Statthalter von Kilikien wurde auf Weisung Theodoras am Grabe zweier Totschläger erhängt, weil er die beiden für die Ermordung seines Stallknechtes und der Bedrohung seines eigenen Lebens verurteilt hatte.

Ein ehrgeiziger Kandidat mochte da wohl versucht sein, aus dieser öffentlichen Konfusion seinen Vorteil zu schlagen, aber es steht im wohlverstandenen Interesse eines Herrschers, nein, es ist geradezu seine Pflicht, den Gesetzen Respekt zu verschaffen. Das erste Edikt Justinians, gern wiederholt und zuweilen sogar ausgeführt, kündete von seiner festen Entschlossenheit, die Unschuldigen zu schützen und die Schuldigen zu züchtigen, gleichgültig von welcher Religion oder Farbe sie auch sein mochten. Indessen, die Waage der Justiz neigte sich allzu oft zugunsten der Blauen, was den heimlichen Vorlieben, den Gewohnheiten und den Ängsten des Herrschers zu danken war. Sein Gerechtigkeitssinn unterwarf sich nach kurzem Widerstand bedingungslos Theodoras unversöhnlichen Hassgefühlen, die das Unrecht, das man der Schauspielerin angetan hatte, niemals vergaß oder vergab. Beim Amtsantritt des jüngeren Justin geriet die Proklamation einer gleichen und strengen Justiz zu einem Tadel der Parteilichkeit der vorangegangenen Regierung. »Ihr Blauen, Justinian ist nicht mehr! Ihr Grünen, er ist noch am Leben Noch Johannes Malala (Band 2, p. 147) weiß von Justinians Zuneigung zu den Blauen. Die offenkundige Zwietracht zwischen dem Kaiser und Theodora sieht Prokop wohl mit etwas zuviel Eifersucht und Delikatesse. (Anecdota, 10; Alemannus, Praefatio 6)

AUFRUHR IM HIPPODROM

Ein Aufruhr, der Konstantinopel fast in Schutt und Asche gelegt hätte, wurde durch eben diesen Hass der beiden Faktionen sowie eine vorübergehende Versöhnung ausgelöst. Im fünften Jahre seiner Herrschaft beging Justinian das schöne Fest der Iden des Januar: und schon wurden die Spiele gestört durch dass misstönende Lärmen der Grünen; bis hin zum zweiundzwanzigsten Rennen beobachtete der Kaiser dennoch würdiges Stillschweigen; schließlich aber obsiegte seine Ungeduld und er ließ sich, in abgehackten Sätzen und mit der Stimme eines Ausrufers, zu dem merkwürdigsten Gespräch Dieses Gespräch, das uns Theophanes überliefert hat, zeigt uns die Sprache so gut wie die Gebräuche des Volkes von Konstantinopel aus dem sechsten Jahrhundert. Ihr Griechisch ist mit vielen fremden und barbarischen Ausdrücken untermengt, für welche Ducange nicht immer die Bedeutung noch die Herkunft finden kann. herbei, das je ein Herrscher mit seinen Untertanen geführt hatte. Zunächst trugen sie ihre Klagen mit allem gebotenem Respekt vor; sie ziehen die nachgeordneten Minister der Unterdrückung und fügten ihre Wünsche für ein langes und siegreiches Leben des Kaisers an. »Übt euch in Geduld und Aufmerksamkeit, ihr verwahrlosten Krakeeler!« schrie Justinian; »schweigt stille, ihr Juden, Samaritaner und Manichäer!« Noch versuchten die Grünen, sein Mitleiden zu erregen. »Arm sind wir, unschuldig und verfolgt; kaum wagen wir uns auf die Straße: wir und unsere Farbe werden überall verfolgt. So lass uns denn sterben, o Kaiser! Aber lass uns sterben für dich und in deinen Diensten.«

Durch die Wiederholung solcher Schmähungen und Anklagen setzten sie nach ihrer Meinung die kaiserliche Majestät herab; sie kündigten die Loyalität zu einem Herrscher auf, welcher seinem Volk sein Recht verweigerte; verfluchten den Tag, an welchem Justinians Vater geboren war; und belegten den Sohn mit solchen Ekelnamen wie Mörder, Esel und verworfener Tyrann. »Ihr seid eures Lebens müde?« schrie der Monarch in Empörung: die Blauen erhoben sich daraufhin übelgemut von ihren Sitzen; ihr feindliches Geschrei erfüllte das Hippodrom; ihre Gegner flohen den ungleichen Kampf und verbreiteten anstelle dessen in Konstantinopels Straßen Furcht und Schrecken. In diesem kritischen Augenblick wurden sieben vom Präfekten verurteilte Mörder beider Faktionen durch die Stadt gefahren und dann zu der Richtstätte von Pera gebracht. Vier wurden sofort geköpft; der fünfte wurde aufgehängt; als aber an den beiden letzten die gleiche Strafe exekutiert werden sollte, riss der Strick, sie fielen lebend zur Erde nieder, das Volk johlte Beifall, und die Mönche von St. Conon, die den unfernen Konvent verlassen hatten, brachten beide in einem Boot zu der Asylstätte der Kirche Zu dieser Kirche nebst Kloster sehe man Ducagne, C. Christiania 4, p. 182.

Da nun einer dieser Verbrecher von den Grünen und einer von den Blauen war, fühlten sich die beiden Parteien von der Undankbarkeit ihres Patrons beziehungsweise von der Grausamkeit ihres Unterdrückers in gleicher Weise herausgefordert; ein kurzer Waffenstillstand ward vereinbart, bis sie die Gefangenen befreit und ihre Rache befriedigt haben würden. Der Palast des Präfekten, der den Wogen des Aufruhrs widerstand, wurde ohne Verzug in Brand gesteckt, Offiziere und Wachen wurden ermordet, die Gefängnisse gewaltsam geöffnet, und es wurde denen die Freiheit zurück gegeben, die sie nur zur Zerstörung der öffentlichen Ordnung zu verwenden wussten. Einer militärischen Einsatztruppe, die den zivilen Magistraten zur Hilfe kommen sollte, stellte sich eine bewaffnete Volksmasse entgegen, deren Zahl und Kühnheit beständig zunahmen; die Heruler, die kühnsten Barbaren im Dienste des Reiches, überwältigten im Handumdrehen die Priester und mitsamt ihren Reliquien, welche sich aus frommem Grund zwischen die Konfliktparteien gestellt hatten.

Infolge dieses Sakrilegs wurde der Tumult erst richtig angeheizt, das Volk kämpfte mit Hingab für die Sache Gottes; Frauen ließen von den Dächern und aus den Fenstern Steine auf die Köpfe der Soldaten prasseln, welche ihrerseits Brandpfeile gegen die Häuser abschossen; und schon sprangen die Flammen unkontrolliert auf die ganze Stadt über. Von diesem Brand wurden auch die Kathedrale der Heiligen Sophia erfasst, die Bäder des Zeuxippus, der Teil des Palastes zwischen Eingang und Marsaltar und schließlich noch der lange Portico zwischen dem Palast und dem Konstantinforum; ein großes Hospital mitsamt der Patienten wurde ein Raub der Flammen; viele Kirchen und städtische Gebäude wurden zerstört, und ein unermesslicher Gold- und Silberschatz wurde eingeschmolzen oder ging verloren. Wer von der Bürgern klug und reich genug war, floh vor diesem Entsetzen über den Bosporus zum asiatischen Ufer; und fünf Tage lang war Konstantinopel den beiden Faktionen ausgeliefert, deren Kampfparole NIKA, siege! diesem denkwürdigen Aufruhr den Namen gegeben hat Der Verlauf des Nika-Aufstandes ist ausgezogen aus Marcellinus (in Chronico), Prokopios, (Persic. 1,26), Johannes Malala, (Band 2, p. 213 – 218), Chron. Paschale, (p. 336 – 340), Theophanes, (Chronographi p. 154 – 158) und Zonaras, (14, p. 61 – 63)..

NIKA JUSTINIANS NOTLAGE

Solange die Faktionen gegeneinander standen, schienen die siegreichen Blauen und die resignierenden Grünen mit vergleichbarer Gemütsruhe auf die Unordnung in der Stadt zu schauen. Sie waren sich einig in dem Glauben, eine verderbte Justiz und Finanzpolitik zu bestrafen; und die beiden verantwortlichen Minister, der ränkefreudige Tribonian und der habgierige Johannes von Kappadokien wurden lauthals als die eigentlichen Urheber der öffentlichen Misere benannt. Friedliches Muren des Volkes hätte man überhört: nun die Stadt in Flammen stand, hörte man sie mit Respekt; der Quästor und der Präfekt wurden unverzüglich ihres Amtes enthoben und durch zwei Senatoren von unbeflecktem Leumund ersetzt. Nach diesen volkstümlichen Zugeständnissen begab sich Justinian erneut in das Hippodrom, um seine eigenen Irrtümer zu bekennen und zugleich die Reuebekundungen seiner dankbaren Untertanen zu vernehmen; aber sie misstrauten seinen Versicherungen, ob sie gleich feierlich auf die heiligen Evangelien abgelegt wurden; und der Kaiser seinerseits wurde durch diesen Argwohn in Alarmstimmung versetzt und hastete hinter die dicken Mauern seines Palastes.

Nunmehr wurde eine geheime und umfassende Verschwörung als Ursache des Krawalls ausgemacht, und der Verdacht wurde gehegt, dass die Empörer, insonders aber die Grünen, von Hypatius und Pompeius mit Waffen und Geld versorgt worden seien, zwei Patriziern, welche nicht vergessen konnten und auch gar nicht wollten, dass sie die Neffen des Kaisers Anastasius waren. Der König hatte ihnen je nach Stimmung vertraut, misstraut und vergeben, bis sie schließlich als die loyale Diener des Thrones vor dem Kaiser erschienen waren; und während des fünftägigen Tumultes als wichtige Geiseln festgehalten wurden; bis schließlich, als Justinians Furcht stärker wurde als seine Staatsklugheit, er die beiden Brüder für Spione, ja Mörder hielt und sie mit Strenge des Palastes verwies. Nachdem sie vergebens dargelegt hatten, dass ihr Gehorsam zu unfreiwilligem Hochverrat führen könne, zogen sie sich in ihr Wohnhaus zurück; am Morgen des sechsten Tages wurde Hypatius vom Volk eingekreist und festgehalten, welches, seines Widerstandes und der Tränen seines Weibes ungeachtet, ihren Auserwählten auf das Konstantinforum brachten und ihm anstelle des Diadems ein reichgeschmücktes Halsband aufs Haupt drückten. Wenn der Thronräuber, der hinterher sein Widerstreben zu seinen Gunsten anführte, den Rat des Senates befolgt und die Menge weiter aufgehetzt hätte, dann würde schon der erste Ansturm seine bebenden Rivalen vernichtet oder aus dem Palast gejagt haben. Der Palast von Byzanz hatte freien Zugang zur See; Schiffe lagen seeklar an den Treppen des Gartens; und in aller Heimlichkeit war bereits der Beschluss gefasst worden, den Kaiser mitsamt Familie und Vermögenswerten in ein sicheres Versteck fern der Hauptstadt zu verbringen.

THEODORA ZEIGT FESTEN SINN

Justinian wäre verloren gewesen, wenn nicht die Hure, die er aus dem Theater zu sich empor gehoben hätte, neben den Tugenden ihres Geschlechtes nicht auch die Furchtsamkeit abgelegt hätte. Im Verlaufe einer Zusammenkunft, in der auch Belisar zugegen war, ließ einzig Theodora so etwas wie Heldengeist erkennen; unbesorgt um seinen etwaigen späteren Hass war sie alleine imstande, den Herrscher aus seiner gegenwärtigen Notlage und von seiner würdelosen Furcht zu befreien. »Wenn die Flucht,« so sprach Justinians Gefährtin, »das einzige Auskunftsmittel für Sicherheit ist, würde ich die Flucht dennoch für verächtlich halten. Da wir leben, müssen wir auch sterben; wer aber einmal regiert hat, sollte den Verlust seiner Würde und seiner Herrschaft nicht überleben; ich flehe den Himmel an, dass ich niemals, nicht einen Tag lang, ohne Diadem und Purpur zu sehen bin; und dass ich aufhöre, das Licht zu sehen, wenn ich einmal nicht mehr mit meinem Königsnamen gegrüßt werde. Wenn du dich zur Flucht entschließt, o Caesar, dann hast du Schätze dafür; siehe das Meer: du hast die Schiffe; aber bebe bei dem Gedanken, ob nicht dein Klammern am Leben dir ein schmachvolles Exil und erbärmlichen Tod bescheren wird. Ich für meine Person halte es da eher mit dem Wahlspruch der Alten, dass der Thron ein ehrenvolles Grab ist.«

Das entschlossene Auftreten des Weibes erhöhte den Anwesenden den Mut und die Tatkraft, und dieser Mut entdeckte ihnen schon bald einen Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage. Es war die simple, aber alles entscheidende Maßnahme, der Feindschaft zwischen den Faktionen neues Leben einzuhauchen. So wurde den Blauen Erstaunen eingeflößt ob ihrer eigenen Schuld und Torheit, dass nämlich ein läppisches Unrecht ihnen eingeben haben sollte, mit ihren unversöhnlichsten Feinden gegen ihren großmütigen und freigebigen Wohltäter vorzugehen; so riefen sie Justinian neuerlich zum Kaiser aus, und die Grünen blieben mitsamt ihrem neureichen Kaiser alleine im Hippodrom. Die Zuverlässigkeit der Wachen war noch nicht erprobt; aber die Truppen Justinians, dreitausend Mann stark, waren durch die Kriege gegen Perser und Illyrer gestählt und diszipliniert.

Unter dem Kommando von Belisar und Mundus marschierten sie getrennt und in aller Heimlichkeit durch enge Gassen zwischen verlöschenden Feuer und zusammenstürzenden Häusern und öffneten gewaltsam und in einem Augenblick von zwei verschiedenen Seiten die Tore des Hippodrom. Auf diesem beengten Platz war die verängstigte und ungeordnete Menge außerstande, einem von zwei Seiten vorgetragenen, regulären Angriff zu widerstehen; die Blauen hingegen ließen die Tiefe ihrer Reue an ihrer Mordlust erkennen: mehr als dreißigtausend Menschen, so wurde gezählt, verloren bei diesem gnadenlosen Gemetzel ihr Leben. Hypathius wurde von seinem Thron gestoßen und zusammen mit seinem Bruder Pompeius vor die Füße des Kaisers gezerrt; sie flehten um seine Gnade; aber ihr Verbrechen war offenkundig, ihre Unschuld nicht erwiesen, und Justinian hatte viel zu viel Angst ausgestanden, um jetzt noch vergeben zu können.

Am nächsten Morgen wurden die beiden Neffen des Anastasius zusammen mit achtzehn angesehenen Gefährten von senatorischem oder konsularischem Rang von Soldaten heimlich hingerichtet; ihre Leichen wurden in das Meer geworfen, ihre Paläste zerstört und ihre Vermögen beschlagnahmt. Das Hippodrom war für viele Jahre zu trübseliger Ruhe verurteilt; mit der Wiederaufnahme der Spiele wurden die Krawalle neuerlich belebt; und die Blauen und Grünen fuhren fort, Justinian und seiner Regierung beschwerlich zu fallen und den Frieden des Ostreiches zu stören Marcellinus sagt nur allgemein, dass ungezählte Menschen im Zirkus ihr Leben verloren hätten; Prokopios zählt 30 000 Opfer; und die 35 000 des Theophanes werden bei dem jüngeren Zonaras zu 40 000 aufgebläht. Dies ist der übliche ansteigende Weg, auf dem die Übertreibung wandelt..

LANDWIRTSCHAFT UND GEWERBE

III. Nachdem Rom unter die Herrschaft der Barbaren geraten war, waren die Völker jenseits der Adria bis zu den Grenzen Persiens und Äthiopiens dem Ostreich nach wie vor untertänig. Justinian lenkte vierundsechzig Provinzen und neunhundertundfünfunddreißig Städte Hierokles, ein Zeitgenosse Justinians, schrieb noch vor dem Jahr 535 eine Synekdemos oder Übersicht über die Provinzen und Städte des Ostens, (Wesseling, in Praefat. et Not. ad p. 623f.).; sein Reich war gesegnet durch die Fruchtbarkeit des Bodens, die günstige Lage und das vorteilhafte Klima; und die Fortschritte in den menschlichen Techniken hatten sich beständig entlang der Mittelmeerküste und den Nilufern, vom antiken Troia bis zum ägyptischen Theben ausgebreitet. Abraham Vergleiche hierzu die Genesis (12,10) und Josephs Amtsführung. Die Annalen der Griechen und Hebräer berichten übereinstimmend von der frühen Hochkultur der Ägypter; aber dieses Altertum setzt eine lange Reihe von Fortschritten voraus. Und Warburton, der von der Chronologie der Hebräern nahezu erstickt wird, ruft hier laut nach der Chronik der Samariter. (Divine Legation, Band 3, p. 29ff.) hatte von dem berühmten Überfluss Ägyptens genossen; und eben dieses Land, eigentlich nur ein schmaler, dicht besiedelter Streifen Landes, war nach wie vor in der Lage, jährlich zweihundertundsechzigtausend Quartier Weizen nach Konstantinopel zu exportieren Immerhin acht Millionen römische Modii und ferner eine Abgabe von 80 000 Goldstücken für den Transport über See, von dem die Untertanen generös entpflichtet waren. Siehe das 13. Edikt des Justinianus. Die Zahlen sind infolge der Übereinstimmung zwischen griechischem und lateinischen Text beurkundet und zuverlässig.; und ferner war die Hauptstadt Justinians mit Erzeugnissen sidonischer Provenienz versehen, nachdem sie bereits fünfzehn Jahrhunderte zuvor Homer in seinen Gedichten gerühmt hatte Ilias 6, 289. Diese »erfindungsreich gestickten Gewebe« waren das Werk sidonischer Frauen. Die Passage bei Homer ist allerdings eher ein Ruhmesblatt für die Hersteller als für die Seefahrt Phöniziens, von wo aus sie in phrygischen Schiffen nach Troia importiert wurden.. Die Kräfte der Vegetation wurden dadurch, dass sie jährlich zweitausendfache Frucht trugen, durchaus nicht erschöpft, sondern durch geschicktes Wirtschaften, reichlichen Dünger und rechtzeitige Ackerruhe noch verstärkt. Die Zucht von Haustieren ging ins Ungemessene. Durch den Fleiß von Generationen wurden Äcker, Gebäude und die anderen Hilfsmittel der Arbeit und des Luxus, welche dauernder sind als das Leben eines Menschen, bewahrt und angehäuft. Ursprüngliche Arbeitsmethoden wurden getreulich bewahrt und allgemach verbessert; die Gesellschaft kam durch Arbeitsteilung und Warenverkehr zu Wohlstand; und so hatte jeder Römer durch den Fleiß von tausend Händen ein Dach über dem Kopf und wurde genährt und gekleidet. Die Erfindung des Webstuhls und der Spindel hatte ein frommer Sinn den Göttern zugeschrieben; zu allen Zeiten hatte eine Vielfalt von tierischen und pflanzlichen Produkten, von geschickt verarbeiteten Häuten, Haaren, Wolle, Flachs, Baumwolle und endlich der Seide des Menschen Blöße bedeckt und seinen Leib geziert; durch dauerhafte Färbung erhielten sie zusätzliches Gepränge. In der Wahl dieser Farben Siehe hierzu bei Ovid (Ars amandi, 3,269ff.) die dichterisch ausgestaltete Liste der zwölf Farben, die den Blumen, den Elementen &c entlehnt ist. Aber es ist schlechterdings unmöglich, mit Worten alle die schönen und unterschiedlichen Abstufungen zu beschreiben, die Kunst und Natur hervorgebracht haben., die den Schönheiten der Natur nacheiferten, waren dem Geschmack und der Mode keine Grenzen gesetzt; aber das dunkle Purpur Seit der Entdeckung des Cochenillefarbstoffes übertreffen wir die Farbstoffe der Alten bei weitem. Ihr Königspurpur roch nicht gut und glänzte dunkel wie Ochsenblut – obscuritas rubens (sagt Cassiodor Var. 1,2) nigredo sanguinea. Goguet (Origine des Loix et des Arts, Teil 2, 2,2 p. 184 – 215) wird seine Leser unterhalten und zufrieden stellen. Ich zweifle allerdings, ob sein Buch, zumal in England, so bekannt ist, wie es dies wohl verdient hätte., das die Phönizier aus einer Meeresschnecke gewannen, blieb ausschließlich dem Palast und der geheiligten Person des Herrschers aufgehoben; und wenn ein ehrgeiziger Untertan die farblichen Gerechtsame des Thrones für sich in Anspruch nahm, wurde er nach den Gesetzen für Hochverrat behandelt Historisch tragfähige Beweise für diese königliche Eifersucht sind gelegentlich beigebracht worden und dürften durch zusätzliche vermehrt werden; aber den Willkürakten des Despotismus gingen ernste und allgemeine Gesetzes-Verkündigungen voran (Codex Theodosianus 10, tit. 21, leg. 3. Codex Justinianus 11, tit. 8, leg. 5.) Eine unrühmliche Ausnahme und notwendige Einschränkung wurde bei den mimae (Tänzerinnen) gemacht. Codex Theodosianus 15, tit. 7, leg. 11..

DER GEBRAUCH DER SEIDE

Ich muss wohl nicht ausdrücklich erläutern, dass die Seide In der Naturgeschichte der Insekten, die weit wunderbarer ist als Ovids Metamorphosen, nimmt die Seidenraupe einen besonderen Platz ein. Bombyx von der Insel Ceos kann so, wie sie Plinius beschreibt (Hist. Nat. 11,26f. mit den Anmerkungen der gelehrten Jesuiten Hardouin und Gabriel Brotier), Ähnlichkeit mit einer vergleichbaren Art aus China aufweisen (Memoires sur les Chinois, tom. ii. p. 575 – 598;); aber sowohl unsere Seidenraupe wie der weiße Maulbeerbaum waren Theophrastus und Plinius unbekannt. ursprünglich von einer Raupe stammt und dass sie das goldene Grab ist, aus dem ein Wurm in Form eines Schmetterlings emporsteigt. Noch zu Justinians Zeiten kam die Seidenraupe, die sich von den Blättern des weißen Maulbeerbaumes ernährt, ausschließlich in China vor; die Raupen der Pinie, Eiche und Esche waren in den Wäldern Europas und Asiens verbreitet; da aber ihre Aufzucht heikler und ihr Ertrag ungewisser ist, kümmerte man sich nicht weiter um sie, mit Ausnahme der kleinen Insel Kos vor der attischen Küste. Aus ihren Gespinsten gewann man eine feine Gaze, und diese Handwerksarbeit von Kos, die eine Frau für Frauen erfunden hatte, war im Osten und in Rom für lange Zeit Gegenstand der Bewunderung. Was immer man auch über die Gewänder der Meder und Assyrer mutmaßen mag, Vergil ist der früheste Autor, welcher ausdrücklich die weiche Wolle erwähnt, welche man aus den Bäumen der Seres (»Seidenleute«) oder Chinesen Georgica 2,121. Serica quando venerint in usum planissime non scio: suspicor tamen in Iulii Caesaris aevo, nam ante non invenio, (Wann Seidengewänder in allgemeinen Gebrauch gekommen sind, weiß ich nicht; ich vermute, in den Zeiten von Iulius Caesar, denn frühere Angaben habe ich nicht gefunden), sagt Justus Lipsius, (Excursus 1 ad Tacit. Annal. 2,32.) Siehe Cassius Dio, ( 43, p. 358, edit. Reimar,) und Pausanius, (6, p. 519,) der Erste, der dieses Serische Insekt, wenn auch recht wunderlich beschrieben hat. haspelte; und dieser naturgeschichtliche Irrtum, der weniger wundersam ist als die eigentliche Wahrheit, wurde erst allmählich korrigiert, als man das schätzbare Insekt näher kennen lernte, den ersten Erzeuger dieses Luxus' für die Völker. Aber unter der Herrschaft von Tiberius, des ernstesten der Römer, war dieser seltene und elegante Luxus verpönt; und Plinius hat in schmerzlich bewegten und doch auch wieder starken Worten das Verlangen auf höherem Luxus verurteilt, der Anlass dazu gegeben hatte, noch die äußersten Grenzen der bekannten Welt zu bereisen zu dem einzigen Zweck, der lüsternen Öffentlichkeit den Anblick hauchdünner Gewänder und transparent bekleideter Matronen zu schenken Vergil, »Tam longinquo orbe petitur, ut in publico matrona transluceat...ut denudet foeminas vestis,« (Plin. 6,20 und 11,21). Varro und Publius Syrus hatten schon vordem gespöttelt über die Toga vitrea (Glastoga), ventus texilis (gewebter Wind) und nebula linen (gefärbter Nebel), Horat. Sermon. 1,2, 101, mit den Anmerkungen von Torrentius und Dacier..

Kleidung, welche die Bewegungen der Gliedmaßen und die Farbe der Haut zu erkennen gibt, mag ja der der Eitelkeit schmeicheln und Lüste erwecken; die Seide jedenfalls, die in China zu dichten Stoffen verwoben worden war, wurde immer mal wieder von Phönizierinnen aufgetrennt und das kostbare Material zu leichterem Gewebe mit eingeflochtenen Leinenfäden gestreckt Zu den Gewebetypen, Färbungen, Bezeichnungen von Seide, Halbseide und Leinengeweben lese man die grundlegenden, breit angelegten und schwer verständlichen Forschungsergebnisse des großen Salmasius (in Hist. August. p. 127, 309, 310, 339, 341, 342, 344, 388 – 391, 395, 513), welcher sich über die zu Dijon und Leyden vertretenen Gewerben bemerkenswerte Unkenntnis bewahrt hatte.. Zweihundert Jahre nach Plinius trugen ausschließlich Frauen reine oder mit Leinen gemischte Seide, bis sich schließlich die vermögende Römer und Provinzialen an dem Beispiel Elagabals orientierten, welcher als erster mit einer Weibertracht seine Würde als Herrscher und Mann der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Aurelian beschwerte sich darüber, dass in Rom ein Pfund Seide für nicht weniger als zwölf Unzen Gold verkauft wurde; aber das Angebot stieg mit der Nachfrage, und mit dem wachsenden Angebot sank der Preis. Wenn ein Unglück oder eine Monopolstellung gelegentlich den Preis über den von Aurelian genannten hochtrieb, so sahen sich die Fabrikanten von Tyros und Berytus aus denselben Ursachen genötigt, auch nur ein Neuntel dieser enormen Gewinnspanne zu akzeptieren Flavius Vopiscus in Aurelianum c. 45 in Historia Augusta p. 224. Siehe Salmasius ad Hist. Aug. p. 392 und Plinian. Exercitat. in Solinum, p. 694, 695. Die Anekdoten des Prokopios (25) setzen einen unvollständigen und einseitigen Seidenpreis für die Zeiten Justinians fest..

Ein Gesetz wurde für nötig erachtet, auf dass die Kleidung von Komödianten nicht mit der der Senatoren verwechselt werde; und von der Seide, die aus China exportiert wurde, blieb der Löwenanteil bei Justinians Untertanen hängen. Sie waren noch inniger vertraut mit einer im Mittelmeer heimischen Muschel mit dem Beinamen »Seidenraupe des Meeres«; die feine Wolle oder das Haar, mit dem sich diese Perlmuschel an Felsen heftet, wird heutzutage als Rarität und weniger zu praktischen Zwecken verarbeitet; und eine Robe aus diesem einzigartigem Stoff diente einmal einem römischen Kaiser als Geschenk für die armenischen Satrapen Prokopios de Aedific. 3,1. Diese »pinnae marinae« (Meerfedern) findet man bei Smyrna, Sizilien, Korsika und Minorka; und ein Paar Handschuhe, die aus ihrer Seide verfertigt waren, wurden einst Papst Benedikt XIV zum Geschenk gemacht..

DIE REISE VON SAMARKAND NACH SCHENSI

Eine kleine, aber wertvolle Fracht kann die hohen Kosten einer Handelsreise zu Lande amortisieren. Und so durchzogen Karawanen den ganzen asiatischen Kontinent von Chinesischen Meer bis zur Seidenküste Syriens in zweihundertunddreiundvierzig Tagen. Persische Kaufleute Prokopios, Persic. 1,20; 2,25; Gothic. 4,17. Menander in Excerpt. Legat. p. 107. Außerdem hat Isidor von Charax (in Stathmis Parthicis, p. 7, 8, in Hudson, Geograph. Minor. Band 2) die Heerstraßen des Pathischen oder Persischen Reiches verzeichnet und Ammianus Marcellinus (23,6, p. 400) die Provinzen aufgezählt., die die Messen in Armenien und Nisibis frequentierten, veräußerten die Seide dann unverzüglich an die Römer; doch kam dieser Handel, der schon während der Waffenstillstände durch Habgier und Eifersucht gestört wurde, während der langen Kriege zwischen den beiden Reichen völlig zum Erliegen. Der Großkönig mochte mit Stolz Sogdiana und selbst noch Serica unter die Provinzen seines Reiches zählen; aber die eigentliche Grenze war der Oxus, und der gewinnbringende Verkehr mit den Sogdoiten von der anderen Flussseite hing von den Launen ihrer Bezwinger ab, den weißen Hunnen und den Turkvölkern, welche nacheinander dieses fleißige Volk beherrschten. Doch noch die strengste Regierung hat die Landwirtschaft und den Handel in jener Region nicht auszurotten vermocht, welche berühmt war als eine der vier Gärten Asiens; die Städte Samarcand und Bochara liegen für den Warenverkehr günstig; und so erwarben denn ihre Kaufleute die Roh- oder weiterverarbeitete Seide von den Chinesen Die kritiklose Bewunderung der Jesuiten hat dazu geführt, dass sie die verschiedenen Epochen der chinesischen Geschichte durcheinander brachten. Herr de Guignes (Hist. des Huns Band 1, Teil 1 in den Tabellen, Teil 2 in der Geographie. Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 22, 36, 42, 43.) unterscheidet hier genauer, wenn er den allmählichen Fortschritt der Wahrheit in den chinesischen Annalen aufzeigt und die Monarchie bis zum Beginn der christlichen Zeitrechnung untersucht. Mit besonderer Aufmerksamkeit hat er die Begegnungen zwischen China und den Völkern des Westens verfolgt; aber diese Begegnungen sind zufällig, selten und bleiben folgenlos; auch die Römer kamen niemals auf den Gedanken, dass die Seres oder Sinae ein Reich besaßen, das dem ihren in Nichts nachstand., um sie dann weiter nach Persien zu veräußerten, von wo sie endlich in das Römische Reich gelangte. In Chinas pompöser Hauptstadt wurden die Karawanen aus Sogdiane aufgenommen wie freundschaftliche Gesandtschaften tributpflichtiger Königreiche; waren sie dann wohlbehalten zurückgekehrt, so war ihr kühnes Unternehmen reichlich belohnt.

Aber die schwierige und gefahrvolle Reise Samarcand zu Chinas erster Stadt dauerte nicht weniger als sechzig, achtzig oder hundert Tage; hatten sie den Jaxartes überquert, betraten sie die Wüste; und Nomadenstämme haben immer – bis sie denn irgendwann durch reguläre Truppen und Garnisonen gedämpft wurden – Bürger und Reisende als Objekte von Raubzügen angesehen, wofür sie eine Art Naturrecht reklamierten. Um den räuberischen Tartaren und den persischen Despoten zu entgehen, wichen die Seidenkarawanen auf südlichere Routen aus; sie überwanden die Berge Tibets, folgten den Lauf des Ganges oder Indus und warteten in den Hafenstädten Guzerat oder Malabar geduldig auf die jährliche Ankunft der Flotten aus dem Westen Die Routen von China nach Persien und Hindustan möge man in den Schilderungen der Botschafter von Sharockh, Hackluyt und Thévenot, bei Anthony Jenkins, dem Pater Jenkins u.a. nachlesen. Siehe auch Hanway, Travels, Band 1, p. 345-357. Die Verbindungswege durch Tibet wurden erst kürzlich von dem englischen Beherrscher Bengalens erforscht.. Aber die Gefahren der Wüste wurden weniger grausam empfunden als die Mühen, der Hunger und der Zeitverlust; der Versuch wurde nur selten wiederholt; und der einzige Europäer, der diese einsame Straße gezogen war, berühmt sich seines Eifers, so dass er bereits neun Monate nach seiner Abreise aus Peking bis zur Indusmündung vorgestoßen war.

Der Ozean indessen stand der Menschheit zu freiem Handel und Wandel offen. Von den großen Strömen bis zum Wendekreis des Krebses waren die Provinzen Chinas von den Herrschern aus dem Norden unterworfen und kultiviert worden; etwa zu Beginn der christlichen Ära waren sie mit Städten und Menschen reich versehen, ebenso mit Maulbeerbäumen nebst ihren wertvollen Bewohnern; und hätten die Chinesen, die im Besitz des Kompasses waren, auch den Unternehmungsgeist der Griechen oder Phönizier besessen, dann hätten sie gewiss die südliche Hemisphäre an ihren Erfindungen teilhaben lassen. Ihre Fernreisen zum Persischen Golf und zum Kap der Guten Hoffnung unbesehen zu glauben fehlt mir die Neigung, sie genauer zu untersuchen die Handhabe; aber ihre Vorfahren dürften an Mühe und Erfolg dem gegenwärtigen Geschlecht gleichkommen, und der von ihren Schiffen erkundete Bereich hat sich vermutlich von Japan bis zur Straße von Malacca erstreckt, den Säulen eines orientalischen Hekules sozusagen, wenn diese Namensgebung gestattet ist Zur Schiffahrt der Chinesen nach Malaca und Achin, vielleicht nach Ceylon, siehe Renaudot, (über die zwei muslimischen Reisenden, p. 8 – 11, 13 – 17, 141 – 157); Dampier, (Band 2, p. 136;) die Hist. Philosophique des deux Indes, (Band 1, p. 98,) und Hist. Générale des Voyages, (Band 6, p. 201.). Ohne dass das Land außer Sicht gekommen wäre, segelten sie entlang der Küste bis zu dem äußersten Vorgebirge von Achin, welches einmal im Jahr von zehn oder zwölf Schiffen aufgesucht wird, welche mit den Erzeugnissen des Landes und den Handwerks- und sogar den Kunstprodukten Chinas beladen waren; Sumatra und die gegenüber liegende Halbinsel werden nur ungenau als Gebiete des Goldes und des Silbers geschildert Die Kenntnisse oder besser wohl die Unkenntnisse von Strabo, Plinius, Ptolemäus, Arrian, Marcian &c bezüglich der Länder östlich von Kap Comorin werden von d'Anville (Antiquite Geographique de l'Inde, besonders die p. 161 – 198.) nachgewiesen. Die geographischen Kenntnisse von Indien haben nur infolge unseres Handels und unserer Eroberungen zugenommen. Die hervorragenden Karten und Beschreibungen von Major Rennel haben ein Übriges getan. Würde er seine Untersuchungen mit vergleichbarem Reichtum Kenntnissen und kritischem Gewissen noch weiter ausdehnen, dann würde er die führenden Geographen unserer Zeit übertreffen.; und die Handelsstädte, die in der Geographie des Ptolemäus genannt werden, geben einen Hinweis darauf, dass dieser Reichtum nicht ausschließlich den Minen geschuldet war.

Der kürzeste Weg von Sumatra nach Ceylon beträgt etwa dreihundert Meilen (league, ca 4,8 km) ; die chinesischen und indischen Navigatoren richteten sich nach dem Flug der Vögel und periodisch wiederkehrenden Winden, und so konnten sie den Ozean mit rechteckig gebauten Schiffen sicher überqueren, welche nicht mit Eisennägeln, sondern den starken Tauen aus Kokosnussfasern zusammen gehalten wurden. Ceylon, Sewrendib oder auch Taprobana wurde von zwei feindlichen Königen beherrscht; der eine besaß Elefanten, die Berge und den strahlenden Karfunkel; der andere genoss der handfesteren Reichtümer, die Gewerbefleiß im Inneren und Handel nach Außen gewährten; auch verfügte er über den große Hafen von Trinquemale, wo die Flotten aus Ost und West anlandeten und absegelten. Auf dieser gastfreien Insel, die von den jeweiligen Heimatländern gleich weit entfernt lagen (so hatte man jedenfalls berechnet) pflegten die Seidenhändler Chinas, die auf ihren Reisen Aloë, Gewürznelken, Muskat und Sandelholz aufgekauft hatten, mit den Anwohnern des Persergolfes einen unbeschränkten und einträglichen Warenaustausch. Die Untertanen des Großkönigs priesen seine Allmacht und Herrlichkeit, ohne Widerspruch zu fürchten; und der Römer, der sie in Verlegenheit brachte, indem er ihre dürftigen Münzen mit einer goldenen Medaille des Kaisers Anastasius verglich, war nach Ceylon auf einem äthiopischen Schiff als schlichter Passagier gekommen Das Taprobane des Plinius (6,24), Spolinus (53) und Salmas, Plinianae Exercitat., (p. 781, 782,) und der meisten antiken Autoren, die oft genug Ceylon und Sumatra verwechseln, wird erst durch Cosmas Indicopleustes genauer beschrieben. Doch selbst dieser christliche Topograph hat Ceylons Größe übertrieben. Seine Nachrichten über den Indien- und Chinahandel sind außergewöhnlich und bemerkenswert..

SEIDENWÜRMER IN HOHLEN WANDERSTÖCKEN NACH GRIECHENLAND GESCHMUGGELT

Als im Laufe der Zeit die Seide zu einem nachgerade unentbehrlichen Gebrauchsgut wurde, bemerkte Kaiser Justinian mit Abgunst, dass die Perser zu Lande und zu Wasser das Monopol auf dieses wichtige Handelsgut innehatten und mithin der Reichtum seiner Untertanen beständig in die Taschen eines feindlichen und dazu noch ungläubigen Volkes floss. Eine unternehmende Regierung hätte nun den Handel mit Ägypten und die Seefahrt auf dem Roten Meer wieder belebt; und die römischen Schiffe hätten dann um der Seide willen nach Ceylon, Malakka und selbst nach China segeln können. Justinian sann auf ein bescheideneres Auskunftsmittel und erbat die Hilfe seiner christlichen Verbündeten, der Äthiopier, die sich erst kürzlich die Kunst der Seefahrt, den Geist des Handels und den Seehafen Adulis Siehe Prokopios, Persic. 2,20. Cosmas hält einige interessante Details über den Hafen und die Inschriften von Adulis bereit (Topograph. Christ. 2, p. 138, 140 – 143) sowie über den Handel der Axumiten entlang der afrikanischen Küste (p. 138f.) bis Taprobane (11, p. 339). angeeignet hatten, den immer noch die Siegestrophäen eines griechischen Eroberers schmückten. Entlang der Küste Afrikas gelangten auf ihrer Suche nach Gold, Edelsteinen und Aromen bis fast zum Äquator; aber klugbedacht vermieden sie den ungleichen Wettbewerb, bei dem sie wegen der Nähe der Perser zu den Märkten Indiens stets im Nachteil waren. Der Kaiser schickte sich in diese Enttäuschung, bis seine Wünsche infolge eines unerwarteten Ereignisses neuerlich belebt wurden. Man hatte das Evangelium bereits in Indien verkündet: schon residierte ein Bischof über die Christen an der Pfefferküste von Malabar; eine Kirche ward in Ceylon gepflanzt; und Missionare folgten den Wegen des Handels bis ins äußerste Asien Zur christlichen Mission in Indien siehe Cosmas, (3, p. 178, 179, 11, p. 337,) und ziehe Asseman zu Rate. Bibliot. Orient. (Band 4, p. 413 – 548.). Zwei persische Mönche hatten lange Zeit in China gelebt, vielleicht sogar in der Kaiserstadt Nanking, dem Sitz eines Herrschers, den es heftig nach ausländischem Aberglauben dürstete und der damals eine Gesandtschaft aus Ceylon zu Gast hatte. Inmitten ihres frommen Wirkens erübrigten sie noch einen aufmerksamen Blick für Kleidung der Chinesen, die Seidenproduktion und die Myriaden von Seidenraupen, deren Aufzucht auf Bäumen oder in Häusern einst den Königinnen vorbehalten war Über die Erfindung, die Herstellung und die Verwendung der Seide in China möge man bei Duhalkde nachlesen (Description Generale de la Chine, Band 2, p. 165, 205 – 223). Die Provinz Chekian liefert heutzutage die meiste und beste Seide..

Schon bald entdeckten sie, dass es unmöglich sei, das kurzlebige Insekt zu transportieren, dass aber mit Hilfe von Eiern genügend Nachkommenschaft in ein entferntes Land verbracht und dort vermehrt werden könne. Religion oder persönliche Interessen hatten größeren Einfluss auf die persischen Mönche als ihre Heimatliebe: nach langer Fahrt kamen sie endlich in Konstantinopel an, trugen ihr Projekt dem Kaiser vor und wurden durch großzügige Geldgeschenke und Versprechungen Justinians zu ihrem Vorhaben ermutigt. Den Historikern jenes Herrschers war ein Feldzug an den Fuß des Kaukasusgebirges ein bedeutenderer Anlass für einen minutiösen Bericht als die Mühen jener Handels-Missionare, welche erneut nach China zogen und das eifersüchtige Volk täuschten, indem sie die Eier des Seidenspinners in einem ausgehöhlten Wanderstab verbargen und mit der Beute des Ostens im Triumph heimkehrten.

Unter ihrer Anleitung wurden sie zum gegebenen Zeitpunkt mit Hilfe der künstlichen Wärme von Dünger ausgebrütet; die Raupen wurden mit Maulbeerblättern gefüttert; so gediehen sie denn auch unter fremdem Himmel; es überlebten genügend Schmetterlinge, um den Fortbestand der Rasse zu gewährleisten; und Bäume wurden gepflanzt, um künftig heranwachsenden Generationen Nahrung zu liefern. Erfahrung und Nachdenken half über die Anfangsschwierigkeiten hinweg, und der Botschafter der Sogdoiten bemerkte nach Jahren, dass die Römer den Chinesen in der Aufzucht der Insekten und der Verarbeitung der Seide um Nichts nachständen Prokopios, (Gothic. 4,17), Theophanes Byzant. bei Photios, Cod. 84, p. 38. Zonaras, Band 2 14, p. 69. Pagi, Band 2, p. 602) verlegen diesen erinnerungswürdigen Import in das Jahr 552. Menander (Excerpt Legat, p. 107) erwähnt das Erstaunen der Sagdoiten; und Theophylaktos Simokatte (7,9) deutet die Rivalität der beiden Königreiche Chinas an, des Landes der Seide., in welchen Fertigkeiten China und Konstantinopel erst durch die Tüchtigkeit des modernen Europas übertroffen wurden. Ich persönlich bin durchaus nicht unempfänglich für die Wohltaten eines eleganten Luxus. Aber nicht ohne Schmerz muss ich daran denken, dass, hätten die beiden Seidenimporteure die bereits damals den Chinesen bekannte Buchdruckerkunst nach Europa gebracht, uns jetzt die Komödien des Menander und die vollständigen Dekaden des Livius in Ausgaben des sechsten Jahrhunderts vorliegen würden.

Und wenigstens hätte ein erweiterter geographischer Horizont einen Anstoß für die spekulativen Wissenschaften bedeutet, aber die Erdkunde der Christen war fest an die Vorgaben der Schriften gebunden, und das Studium der Natur war das zuverlässigste Indiz für ein ungläubiges Gemüt. Dem Rechtgläubige war nur ein Teil der Erde bewohnbar, die Erde selbst länglich, vierhundert Tagesreisen lang und zweihundert breit, vom Ozean umgeben und überwölbt von einem festen Himmelskristall Cosmas, zubenannt Indiopleustes oder der indische Seefahrer, machte seine Reise 522 und schrieb zwischen 535 und 547 in Alexandria seinen Bericht (Montfaucon, Praefat 1), in welchem er die gottlose Auffassung verwirft, dass die Erde eine Kugel sei; Photius hatte dieses Werk gelesen (Cod. 36, p. 9,10), in welchem die Vorurteile eines Mönches neben den Kenntnissen eines Kaufmannes zu finden sind; die besten Teile hat Melchisedec Thévenot (Relations Curieuses, Teil 1.) in französischer und griechischer Sprache herausgegeben, und das Gesamtwerk ist danach noch einmal in einer vorzüglichen Ausgabe von Père Montfaucon (Nova Collectio Patrum, Paris, 1707, 2 vols. Band 2, p. 113 – 346.veröffentlicht worden. Aber der Herausgeber, ein Theologe, möge darüber erröten, dass ihm die nestorianische Häresie des Cosmas entgangen war, die erst la Croze aufgestöbert hat. (Christianisme des Indes, Band 1, p. 40 – 56.).

JUSTINIANS HABSUCHT

IV. Die Untertanen Justinians waren übel zufrieden mit den Zeitläuften und ihrer Regierung. Europa war von Barbaren und Asien von Mönchen überschwemmt; die Armut des Westens boten dem Handel und Gewerbe des Ostens nur geringe Anreize; die Früchte ihrer Arbeit wurden von den nutzlosen Dienern der Kirche, des Staates und der Armee aufgebraucht; und besonders spürte man den Rückgang des fest angelegten und umlaufenden Kapitals, welches den Wohlstand eines Landes ausmacht. Die Haushaltsführung des Anastasius hatte der allgemeinen Not gesteuert, denn dieser umsichtige Herrscher hatte unmessbare Schätze angehäuft und zugleich das Volk von den übelsten und hassenswertesten Steuern befreit. Den meisten Beifall brachte ihm die Abschaffung des » Goldes der Trübsal«, eine individuelle Abgabe für kleine Handwerker Evagrius (2,39f.) ist sehr kenntnisreich und fühlt sich Zosimos verpflichtet, wenn er ihm auch zürnt, da er den großen Konstantin schmäht. Beim Aufstöbern aller möglichen Urkunden und Dokumente über die Steuern entwickelte der menschenfreundliche Anastasius' Lust und Erfindung: Väter waren genötigt, ihre Töchter zur Prostitution zu zwingen (Zosim. Hist. l. ii. c. 38, p. 165, 166). Thimotheus von Gza nahm ein solches Vorkommnis zum Handlungsrahmen einer Tragödie (Suidas, Band 3, p. 475), was immerhin zur Abschaffung dieser Steuer beitrug (Cedrinus, p. 35) – ein erfreuliches Beispiel für die Wirkungsmöglichkeiten des Theaters, wenn diese hübsche Geschichte denn wirklich wahr ist., die aber eher aus formellen als aus inhaltlichen Gründen in Verruf stand, weil beispielsweise die blühende Stadt Edessa innerhalb von vier Jahren nur ganze einhundertvierzig Pfund Goldes von zehntausend Handwerkern aufbrachte Siehe Josua Stylites in der Bibliotheca Orientalis von Asseman, (Band 1, p. 268.) In der Chronik von Edessa wird diese Kopfsteuer nur nebenher erwähnt.. Doch war die Sparsamkeit, die dieser freigebigen Gesinnung gegenüber stand, von der Art, dass Anastasius nach siebenundzwanzig Regierungsjahren von seinen jährlichen Einkünften die unfassbare Summe von dreizehn Millionen Sterling oder dreihundertundzwanzigtausend Pfund Gold zurückgelegt hatte Prokopios (Anekdota 19) entnimmt diese Angaben den Originalberichten der Schatzmeister. Tiberius hatte vicies ter millies; aber sein Reich war von ganz anderem Zuschnitt als das des Anastasius.. Sein Beispiel machte indessen keine Schule, und der Neffe Justins verschleuderte alles. Die Reichtümer Justinians waren rasch erschöpft durch milde Gaben und Bauten, ehrgeizige Kriege und schlichte Unterschlagungen. Bald schon waren seine Einkünfte seinen Ausgaben nicht mehr gewachsen. Jeder Kunstgriff wurde versucht, das Gold und Silber den Leuten wieder abzupressen, welches er zwischen dem Frankenreich und Persien mit lockerer Hand unter das Volk gebracht hatte; Evagrios (4,30) aus der folgenden Generation war da maßvoller und besser unterrichtet, und Zonaras (14,61) im XII. Jh. war frei von Vorurteilen; aber sie malen in fast ebenso düsteren Farben wie die Anekdoten. seine Regentschaft war vor allem dadurch ausgezeichnet, dass Raubgier und Habsucht, Glanz und Elend sich beständig abwechselten oder besser: im Wettstreit miteinander standen. Seine Mittel galten für unausschöpflich Prokopios (Anekd. 30) berichtet von den haltlosen Spekulationen seiner Zeitgenossen; der Tod, so unser geheimer Historiker, wird schon Justinians Reichtum oder seine Armut zutage fördern., und seinem Nachfolger überließ er dann die Begleichung der Schulden Siehe Corippus de Laudibus Justini Augusti 2, 260ff. und 384f. »Plurima sunt vivo nimium neglecta parenti, Unde tot exhaustus contraxit debita fiscus." (Zu Lebzeiten des Vorfahren wurde das meiste zu sehr vernachlässigt, weshalb in der erschöpften Staatskasse die Schulden wuchsen). Centenarien Goldes wurden von starken Männern ins Hippodrom gebracht: »Debita persolvit, genitoris cauta recepit.« (Die Schulden löste er ein, die Bürgschaften des Vaters übernahm er)..

Zu Recht haben Mit- und Nachwelt diesen Herrschertyp verurteilt; aber leichtgläubig ist die öffentliche Meinung, kühn hingegen die private Bosheit. Und wer die Wahrheit liebt, wird die einschlägigen Anekdoten des Prokopios mit entsprechender Vorsicht genießen. Der Verfasser der Geheimgeschichte berichtet ausschließlich von Justinians Verfehlungen, und diese Laster werden von seiner boshaften Feder noch zusätzlich eingefärbt. Ehrgeizigen Taten werden die niedersten Motive unterstellt; ein Irrtum wird mit Schuld gleichgesetzt, Zufall mit Vorsatz, und Gesetze mit deren Missbrauch. Vorsätzliches Unrecht eines Augenblicks wird mit viel Geschick zur Maxime einer zweiunddreißigjährigen Regierungszeit erhoben; der Kaiser allein ist verantwortlich für alle Fehlgriffe seiner Generäle, für die unruhigen Läufte und die Verderbtheit seiner Untertanen; und selbst noch Naturkatastrophen wie Seuchen, Erdbeben oder Überschwemmungen werden dem Fürsten der Finsternis angelastet, welcher voller Schadenfreude die Gestalt Justinians angenommen hatte Die Anekdoten des Prokopios (11-14, 18 und 20-30) liefern viele Fakten und noch mehr Gejammer..

FINANZWESEN

Nach diesen Warnungen im Vorwege möchte ich kurz Anekdoten von seiner Habgier und Raffsucht unter den folgenden Überschriften berichten:

I. SCHÄDLICHE SPARSAMKEIT Justinian war so verschwenderisch, dass er zu eigentlicher Freigebigkeit außerstande war. Wenn militärische oder zivile Amtsinhaber in den Palastdienst übernommen wurden, erhielten sie einen einfachen Rang und ein karges Entgelt; ihrem Dienstalter entsprechend gelangten sie allmählich zu Wohlstand und Behaglichkeit; die jährlichen Pensionen, von denen Justinian die der angesehensten Klassen bereits abgeschafft hatte, verschlangen vierhunderttausend Pfund; und selbst diese Sparmaßnahme wurde von korrupten oder mittellosen Höflingen als äußerste Freveltat an der Majestät des Reiches angesehen. Die Poststationen, die Arzthonorare und die nächtlichen Beleuchtungen waren Gegenstand grundsätzlicher Erwägungen; und zu Recht mochten sich die Städte beklagen, dass er den Gemeinden die Einkünfte vorenthielt, die diesen nutzbringenden Einrichtungen vorbehalten waren. Selbst die Soldaten blieben nicht verschont; und so verkümmert war mittlerweile die soldatische Gesinnung, dass dies ohne Folgen geschah. Der Kaiser verweigerte die Zahlung von fünf Goldstücken, die üblicherweise alle fünf Jahr fällig war, brachte seine Veteranen an den Bettelstab und ertrug es, dass seine Legionen in den Italien- und Perserkriegen unbesoldet, wie sie waren, sich nachgerade auflösten.

II. ZAHLUNGEN Seine Vorgänger hatten in glücklichen Läuften rückständige Tributzahlungen aus menschlichen Erwägungen immer mal wieder ganz erlassen; und sie waren geschickt genug, sich diesen Verzicht auf ihre Ansprüche, die einzulösen ohnehin unmöglich war, zum Verdienst anrechnen zu lassen. »Justinian war in seinem zweiunddreißigsten Lebensjahr zu solcher Großzügigkeit vollkommen außerstande; und viele seiner Untertanen verzichteten von sich aus auf den Besitz von Land, deren Erträge niemals den Ansprüchen der Krone genügt hätten. Den Städten, die unter feindlichen Einfällen leiden mussten, hatte Anastasius Steuerbefreiung für sieben Jahre gewährt: die Provinzen Justinians waren von Persern, Arabern und Hunnen heimgesucht worden; aber seine dürftigen und nachgerade albernen Steuerbefreiungen von nur einem Jahr galten nur für die Orte, die der Feind tatsächlich genommen hatte.« So die Nachricht des Verfassers der Geheimgeschichte, der übrigens ausdrücklich verneint, dass Palästina nach dem Aufstand der Samariter auch nur ein einziger Nachlass gewährt worden war: eine falsche und verleumderische Behauptung, widerlegt durch eine authentische Aufzeichnung, welche den Erlass von zweiundfünfzigtausend Pfund Gold bestätigt, die St. Sabas durch seine persönliche Fürsprache für diese geschundene Provinz durchgesetzt hatte Eine Centenarie für Scythopolis, die Hauptstadt des zweiten Palästina, und zwölf für den Rest der Provinz. Diese Tatsache hat Alemannus (p. 59) einem Manuskript der vatikanischen Bibliothek mit dem Leben des heiligen Sabas entnommen, die sein Schüler Cyril abgefasst hat und die anschließend von Cotelerius herausgegeben wurde..

III. STEUERN Prokop hatte keinerlei Neigung gezeigt, uns das Steuersystem zu erklären, welches wie Hagelschlag auf das Land niederprasselte, wie eine Pest kam, seine Bewohner zu verschlingen; aber wir würden uns zum Komplizen seiner Verleumdungen machen, wenn wir Justinian allein für das altbewährte, wenn auch brutale Prinzip verantwortlich machen würden, dass nämlich eine ganze Provinz für den Vermögensverlust einzelner Personen aufkommen müsse. Die Annona oder Kornlieferung für die Armee und die Hauptstadt war eine bittere und ungerechte Eintreibung, welche die Möglichkeiten der Bauern um ein Vielfaches überforderte; und ihre Not wurde noch vergrößert durch falsche Gewichte und den beschwerlichen und teueren Transport in entfernte Gegenden. In Zeiten knapper Lebensmittel wurden den benachbarten Provinzen Thrakien, Bythinien und Phrygien zusätzliche Abgaben auferlegt; aber die Gutsbesitzer erhielten nach mühseliger Land- und gefahrvoller Schiffsreise einen derart kümmerlichen Ausgleich, dass sie sich eher dafür entschieden haben würden, beides, Getreide und Bezahlung, vor den Toren der Kornspeicher abzuliefern.

Alle diese Maßnahmen mögen ja auf eine zärtliche Sorge für das Wohlergehen der Hauptstadt hindeuten; doch auch Konstantinopel entkam nicht Justinians räuberischem Despotismus. Bis zum Beginn seiner Herrschaft waren Bosporus und Hellespont für Handel und Verkehr offen, und alles war gestattet außer dem Export von Waffen für die Barbaren. Nun wurde an jeder dieser Passagen ein Prätor postiert, der Diener der königlichen Habgier; den Schiffen und ihrer Ladung wurde ein schwerer Zoll auferlegt; dies wurde naturgemäß an die wehrlosen Käufer weitergegeben; die künstliche Knappheit und die Teuerung trafen vornehmlich die ärmeren Schichten, welche, gewöhnt an die Freigebigkeit ihres Herrschers, zuweilen sogar den Mangel von Wasser und Brot beklagten Johannes Malala (Band 2, p. 232) erwähnt die Brotknappheit und Zonaras (14,63) die Bleirohre, welche Justinian oder seine Handlanger aus den Aquädukten schlichtweg gestohlen hatten.. Die Abgaben in Bargeld, für die es keine Bezeichnung, kein Gesetz und kein bestimmtes Objekt gab, war eine jährliche Schenkung von einhundertundzwanzigtausend Pfund, die der Kaiser von den Reichspräfekten einforderte; und die Mittel, wie diese Summe aufgebracht wurde, blieb dem Fingerspitzengefühl dieser allmächtigen Beamten überlassen.

IV. MONOPOLE Aber selbst diese Steuern waren noch erträglich im Vergleich zu den Privilegien von Monopolgesellschaften, welche den ehrlichen Wettbewerb zwischen den Herstellern behinderten und um eines kleines und schmutzigen Vorteils willen die Bedürfnisse ihrer Untertanen mit einer willkürlichen Abgabe belegten. »Sobald nun (ich übertrage hier die Geheimgeschichte) die kaiserlichen Finanzverwalter das ausschließliche Verkaufsrecht für Seide an sich gerissen hatten, fiel ein ganzer Bevölkerungsteil, die Produzenten aus Tyrus und Berytus, in bittere Armut und mussten nahezu verhungern oder ins feindliche Persien fliehen.« Eine Provinz mag unter dem Niedergang des Handwerkes leiden, aber in diesem Falle – der Seidenmanufakturei – hatte Prokop vorsätzlich die unschätzbaren Vorteile übersehen, welche das Reich aus der Neugierde des Justinian zog. Die Aufwertung von Kupfermünzen um ein Siebentel ihres Wertes, die er veranlasste, sollte man mit der gleichen Unbefangenheit würdigen; denn diese wohldurchdachte Abänderung blieb folgenlos; weder minderte noch erhöhte er den Wert der Goldmünze Für einen Aureus, ein Sechstel einer Unze Gold, gab er anstelle 210 nur 180 Unzen Kupfer. Dieser Kurs der Münze unter seinem Marktwert musste bald zu einer Knappheit an kleinen Münzen führen. In England würden zwölf Pence in Kupfer sich nicht für mehr als sieben Pence verkaufen lassen. (Adam Smith, Inquiry into the Wealth of Nations, vol. i. p. 49.) Hinsichtlich der Goldmünzen von Justinian siehe Evagrius, (4,30)., des eigentlichen gesetzlichen Maßes und Zahlungsmittels.

V BESTECHLICHKEIT Die umfangreiche Rechtsprechung, die die Steuerpächter zur Deckung ihrer Investitionen in die Wege leiteten, erscheint in einem abstoßenden Licht, so als hätten sie von ihrem Kaiser die Verfügungsgewalt über Leben und Vermögen seiner Untertanen gekauft. Und im Palast wurde noch unverfroren um Ehrenstellen und Ämter geschachert, und zwar mit ausdrücklichem oder doch wenigstens stillschweigendem Einverständnis von Justinian und Theodora. Verdienste oder wenigstens Protektion waren hierbei unerheblich, und so verstand es sich schon fast von selbst, dass der beherzte Glücksritter, der sich den Magistrat gekauft hatte, nun auch auf reichen Gewinn hoffen dürfe für die Schande, die Mühe und die Schulden, die er auf sich genommen hatte und die gewichtigen Interessen, für die er stand. Das Schandbare und Erbärmliche dieses fortwährenden Schacherns müssen schließlich die in Justinian schlummernden guten Anlagen aufgestöbert haben; und so schickte er sich denn an, durch Strafandrohungen und Eidesleistungen Dieser Eid ist in den grässlichsten Worten abgefasst (Novellae 8, tit 3). Hierbei beschwor man auf sich selbst herab, quicquid habent telorum armamentaria coeli (was die Rüstkammern des Himmels alles an Geschossen bereithalten mochten): die Strafen Judas', die Lepra von Giezi, das Grausen Kains, irdischen Strafen noch gar nicht mitgerechnet. die Integrität seiner Regierung sicher zu stellen; aber nach Ablauf eines Jahres voller Falscheide wurde sein strenger Erlass begraben, und die Korruption erblühte, neubelebt.

VI. DAS TESTAMENT DES EULALIUS Das Testament des Haushofmeisters Eulalius erklärte den Kaiser zu dessen Alleinerben, zu der Bedingung jedoch, dass er seine Schulden begleichen und seinen drei Töchtern ein angemessenes Auskommen zusichern möge und jeder von ihnen zu ihrer Hochzeit zehn Pfund Gold schenke. Aber Eulalius' großes Vermögen hatten die Flammen verzehrt; und eine Bestandsaufnahme ergab, dass er an Bargeld die karge Summe von fünfhundertundvierundsechzig Goldstücken besaß. Ein vergleichbares Vorkommnis aus der griechischen Geschichte erinnerte den Kaiser an die ehrenhafte Rolle, die nunmehr ihm zufiel. Er überhörte das eifersüchtige Murmeln der Schatzmeister, rühmte das Vertrauen seines Freundes, beglich dessen Schulden, ließ die drei Jungfrauen unter Theodoras Aufsicht großziehen und verdoppelte die Mitgift, die ihres Vaters sorgender Sinn für angemessen gehalten hatte Von einem ähnlichen Akt der Freundschaft erzählt Lukian (in Toxare, 22f., Band 2, p. 530): Eudamidas von Korinth gab dadurch sogar Anlass für eine witzige, wenn auch farblose Komödie von Fontenelle..

Die Humanität des Herrschers (denn großzügig können Herrscher nicht sein) verdiente einiges Lob; doch selbst in dieser tugendreichen Tat können wir die unausrottbare Neigung erkennen, die gesetzlichen oder natürlichen Erben zu verdrängen, was Prokop der Herrschaft des Justinian vorwirft. Zum Beweis für seinen Vorwurf kann er berühmte Namen und skandalöse Beispiele anführen; Witwen und Waisen ließ man nicht aus; und in der Kunst, Testamente zu erschleichen, zu erpressen oder zu fälschen brachten es die Agenten des Palastes zur Meisterschaft. Dieser erbärmliche und verruchte Missbrauch machte vor dem Frieden der Heime nicht Halt; und hat ein Monarch erst einmal Appetit auf Mehr bekommen, dann kommt er wohl auch in Versuchung, den Augenblick der Nachfolge vorzuverlegen, Gesundheit als Beweis für Schuld auszulegen und von dem Anspruch auf eine Erbschaft überzugehen zur Zwangsmaßnahme des Konfiskation.

VII. Es möge einem Philosophen gestattet sein, auch die Beschlagnahme des Vermögens eines Ungläubigen oder Häretikers zum Vorteile der wahrhaft Gläubigen unter die Spielarten des Raubes zu rechnen; in den Zeiten Justinians wurde dieser heilige Diebstahl indessen nur von den betroffenen Sektierern verurteilt, wenn sie zum Opfer rechtgläubiger Geldgier geworden waren Johannes Malala, Band 2, . p. 101, 102, 103..

JUSTINIANS MINISTER

So muss dann auf Justinians Charakter der Schatten der Ehrlosigkeit fallen; aber viel Schuld und noch mehr Gewinn fiel den Ministern zu, welche nur selten aufgrund ihrer Tugenden befördert und durchaus nicht immer wegen ihrer Vorzüge berufen wurden Einer von ihnen, Anatolius, ging bei einem Erdbeben zugrunde – ein Gottesurteil ohne jeden Zweifel! Die Klagen und Beschwerden des Volks von Agathias (5, p.146f.) passen genau zu dieser Anekdote. Und auch die aliena pecunia reddenda (Rückzahlung der Schulden) des Corippus (2,381f.) ist dem Andenken des Justinian nicht günstig.. Die Verdienste des Quästors Tribonianus um die Reform des römischen Rechtes sollen später gewogen werden; aber die wirtschaftliche Lage des Ostens hing von dem Reichspräfekten ab, und allein durch das Portrait, das Prokop von dem verhassten Johannes von Kappadokien entwirft, hat er die Herausgabe seiner Anekdoten gerechtfertigt Zu Geschichte und Charakter des Johannes von Kappadokien siehe Procopius. (Persic, 1,24-25; 2,30. Vandal. 1,13; Anecdota 2, 17 und 22.). Seine Kenntnisse hatte er keiner Schule »Nichts anderes hatte er bei häufigen Besuchen in der Elementarschule gelernt, als Buchstaben – und diese fehlerhaft und schlecht – zu schreiben.« – ein derber Tadel. abgeborgt, und sein Stil war so gut wie unlesbar; aber er besaß von Natur aus eine überragende Begabung, noch in den ausweglosesten Lagen die klügsten Ratschläge und trefflichsten Auskunftsmittel zu finden. So herzlos er war, so rasch war doch seine Auffassungsgabe. Obwohl er der Zauberei und Häresie verdächtig wurde, kannte er weder Gottesfurcht noch Menschentadel; und sein Vermögen wuchs, während Tausende starben, Millionen verarmten, Städte bankrott gingen und Provinzen verödeten.

Von der Morgendämmerung bis zum Abendessen sann er darauf, sich selbst und seinen Herren auf Kosten der Römischen Welt zu bereichern; den Rest des Tages widmete er sinnlichen oder ordinären Vergnügungen; und die Stille der Nacht wurde aufgestört durch die beständige Angst vor Meuchelmördern. Seine Fähigkeiten und vermutlich erst recht seine Laster empfahlen ihn der dauernden Freundschaft Justinians; nur ungern gab der Kaiser dem Volkszorn nach; hatte er die Oberhand, zeigte er dies an, indem er unverzüglich ihren Feind einsetzte; und er ließ sie zehn Jahr hindurch spüren, dass er sich in seiner Finanzpolitik von Rache leiten ließ und nicht von Gedanken an das Wohlergehen des Volkes. Ihr Murren machte Justinian in seinen Entschlüssen nur noch starrsinniger; aber im Bewusstsein seiner hohen Protektion brachte der Präfekt Theodora gegen sich auf und verachtete ihre Machstellung, vor der noch jeder das Knie beugte und versuchte anstelle dessen, die Saat der Zwietracht zwischen den Herrscher und seine geliebte Gefährtin zu sähen.

Doch selbst Theodora musste Verstellung üben und erst einen günstigen Moment abwarten, um Johannes von Kappadokien in einer kunstvoll gesponnenen Verschwörung zum Werkzeug seines eigenen Unterganges werden zu lassen. Zu der Zeit, als Belisar sich als Rebell hätte erweisen müssen, wenn nicht ein Helden gewesen wäre, berichtete seine Frau Antonia, eine geheime Vertraute der Kaiserin Theodora, der Euphemia, des Reichspräfekten Tochter, von seiner angeblich feindlichen Gesinnung; und schon berichtete die Jungfrau in ihrer Arglosigkeit ihrem Vater von seiner bedenklichen Lage; und Johannes, dem das Gewicht von Eiden und Versprechen bekannt gewesen sein dürfte, wurde dazu gebracht, sich zu nächtlicher Stunde und unter verschwörerischen Umständen mit Belisars Weib zu treffen.

Wachen und Eunuchen hielten sich auf Weisung Theodoras im Hintergrund verborgen; mit gezückten Schwertern stürmten sie herzu, den schuldigen Minister zu ergreifen, gar zu bestrafen; die Treue seiner Begleiter rettete ihn; anstelle aber an die Gnade seines Souveräns zu appellieren, der ihm insgeheim vor der drohenden Gefahr gewarnt hatte, floh er ängstlich-eilig in das Allerheiligste der unfernen Kirche. Um des häuslichen und wohl auch Ehefriedens willen wurde der kaiserliche Günstling geopfert; aus dem Reichspräfekten wurde ein Priester, nach welcher Metamorphose er seinen Ehrgeiz begraben musste; immerhin erleichterte die Freundschaft des Kaisers sein Los, und so durfte er in sein mildes Exil in Kyzikos einen Großteil seines Reichtums mitnehmen.

Diese Rache war unvollständig und konnte deshalb Theodoras unversöhnliches Gemüt nicht ruhig stellen; die Ermordung seines alten Feindes, des Bischofs von Kyzokos, lieferte da einen schicklichen Vorwand; und so wurde Johannes von Kappadokien, der für den Tod von Tausenden verantwortlich war, schließlich für einen Mord verurteilt, an dem er mit Sicherheit unschuldig war. Ein mächtiger Minister, der mit der Konsulatswürde ausgezeichnet worden war, wurde durchgeprügelt wie der letzte Buschräuber; ein zerfetztes Gewand war die einzige Erinnerung an seinen früheren Wohlstand; mit einer Barke wurde er zum Ort seines Exils verbracht, Antinopolis in Oberägypten, und in Städten, die einst bei seinem Namen gebebt hatten, musste er sich sein Brot erbetteln. Die sieben Jahre seines Exils dehnte und vergällte Theodora ihm noch zusätzlich mit ihren perfiden Nachstellungen; und als ihr Tod es dem Herrscher ermöglichte, einen Diener zurück zu rufen, den er nur mit Widerstreben aufgegeben hatte, musste sich der Ehrgeiz des Johannes von Kappadokien mit einem schlichten Priesteramt zufrieden geben. Seine Nachfolger überzeugten die Untertanen Justinians davon, dass der Kunst der Unterdrückung durchaus keine Ende gesetzt sei; die Betrügereien eines syrischen Bankiers wurden von der Finanzverwaltung übernommen; und das Vorbild des Präfekten wurde mit aller Sorgfalt vom Quästor, dem amtlichen Schatzmeister, den Provinzstatthaltern und den wichtigsten Magistraten des Ostens kopiert Prokops Chronologie ist lückenhaft und dunkel; aber mit der Hilfe von Pagi kann ich soviel feststellen, dass Johannes im Jahre 530 zum Reichspräfekt des Ostens ernannt wurde; dass er im Januar 532 zurückkehrte; vor Juni 533 wieder im Amt und Würden war; 541 verbannt wurde; und zwischen Juni 548 und dem 1. April 549 zurück gerufen wurde. Alemannus (p.96,97) nennt zehn seiner Nachfolger – eine schnelle Abfolge unter einem einzigen Herrscher..

ARCHITEKTUR UNTER JUSTINIAN

V. Der Zement für die Gebäude Justinians waren das Blut und das Geld seines Volkes; scheinbar allerdings waren diese Prachtbauten ein Zeichen für den Wohlstand des Ostreiches und tatsächlich bewiesen sie die hohe Kunstfertigkeit ihrer Baumeister. Unter dem Schutz der Kaiser wurde beides gepflegt, die Theorie und Praxis der Künste, auf die Mathematik und eine entwickelte Mechanik angewiesen sind; Proclus und Anthemius konnten es mit Archimedes aufnehmen; und wenn verständige Zeugen von ihren Wundern berichtet hätten, würden sie dadurch den Naturphilosophen mehr zu forschen aufgeben anstelle deren Misstrauen zu mehren. Eine hartnäckige Überlieferung besagt, dass Roms Flotte im Hafen von Syrakus mit Hilfe der Brenngläser des Archimedes zu Asche wurde Lucian (in Hippia 2) und Galen (de Temperamentis Band 1, p. 81) geben im zweiten Jahrhundert Hinweise auf diesen Brand. Tausend Jahre später wird er durch Zonaras (9, p. 424) förmlich bekräftigt, der sich auf Cassius Dio stützt, und durch Tzetzes (Chiliad 2, 119), Eustatius (ad Iliad 5, p. 338), und eine Scholie zu Lukian. Siehe hierzu auch Fabricius (Bibliot. Graec. 3,22, Bd.2, p. 551, 552,), dem ich für diese Hinweise mehr oder weniger verpflichtet bin.; und dann wird noch bekräftigt, dass Proclus mit einem ähnlichen Unterfangen die Schiffe der Goten im Hafen von Konstantinopel zu zerstören und seinen Wohltäter Anastasius gegen die verwegenen Übergriffe des Vitalian zu schützen trachtete Zonaras (14, p.55) behauptet dies, allerdings ohne die Spur eines Beweises.. Ein Apparat wurde auf der Mauer der Stadt montiert, der einen sechseckigen Spiegel aus poliertem Messing trug und zusätzlich viele kleinere, bewegliche Polygone, mit denen die südliche Sonne aufgefangen und reflektiert werden konnte; und fast zweihundert Fuß weit schlug die verzehrende Flamme Tzetzes beschreibt die Raffinesse dieser Brenngläser, von denen er, vermutlich ohne ausgebildeten Sachverstand, in einer mathematischen Abhandlung des Anthemius gelesen hatte. Diese Abhandlung wurde später von Herrn Dupuys, einem Gelehrten und Mathematiker, herausgegeben, übersetzt und erläutert. (Memoires de l'Academie des Inscriptions, tom xlii p. 392 – 451.).

Die Wahrheit dieser beiden außergewöhnlichen Vorkommnisse wird allerdings durch das Schweigen der zuverlässigsten Historiker in Zweifel gezogen Für die Belagerung von Syracus durch das Schweigen des Polybios, Plutarch und Livius; für die Belagerung von Konstantinopel durch das Schweigen des Marcellinus und vieler Zeitgenossen des VI. Jahrhunderts.; und zum Angriff auf oder zur Verteidigung von Ortschaften wurden Brenngläser auch künftig nicht verwendet. Aber die staunenswerten Experimente eines französischen Naturphilosophen Ohne vorherige Kenntnis des Tzetzes oder Anthemius ersann und baute der unsterbliche Buffon einen Satz von Brenngläsern, mit denen er Holzbohlen in 200 Fuß Entfernung entzünden konnte (Supplement a l'Hist. Naturelle, Band 1, 399 – 483, quarto edition.). Welche Wunder hätte sein Genie nicht noch für die Öffentlichkeit vollbringen können, wenn er auf Kosten der Krone und in der heißen Sonne von Syrakus hätte arbeiten dürfen? haben immerhin die Möglichkeit eines solchen Spiegels bewiesen; und da er nun einmal möglich ist, bin ich eher bereit, an die Kunstfertigkeit der größten Mathematiker des Altertums zu glauben als den trüben Gespinsten eines Mönches oder Sophisten zu vertrauen. Nach einer anderen Darstellung benutzte Proclus Schwefel zur Zerstörung der gotischen Flotte Hiervon berichtet Johannes Malala (Bd.2 p.120ff); allerdings scheint er Proklos und Marinus zu verwechseln.; wir Gegenwärtigen denken bei dem Wort Schwefel augenblicklich an Schießpulver, und diese Assoziation wird noch durch die Geheimkunst seines Schülers Anthemius genährt Agathias, 5, p. 149-152). Die Verdienste des Anthemius als Architekt werden von Prokopios (de Aedific. 1,1) und Paulus Silentiarius (Teil 1, 134ff.) besonders hervorgehoben..

opEin Bürger aus Tralles in Asien hatte fünf Söhne, die sich alle durch Können und Erfolg in ihrem jeweiligen Beruf auszeichneten. Olympius war ein ausgewiesener Kenner des Römischen Rechtes. Discorus und Alexander wurden zu gelehrten Ärzten; aber während der Erstgenannte seine Fähigkeiten in den Dienst seiner Mitbürger stellte, suchte sein ehrgeiziger Bruder Verdienst und Ruhm in Rom. Der Ruf von Metrodorus, des Grammatikers und von Anthemius, des Mathematikers und Architekten, erreichte gar das Ohr des Kaisers Justinian, der sie daraufhin nach Konstantinopel einlud; und während der eine die nachwachsende Generationen durch die Schulen der Beredsamkeit führte, zierte der andere die Hauptstadt und die Provinzen mit den stabileren Monumenten seiner Kunst. In einem belanglosen Gespräch über Mauern oder auch Fenster ihrer benachbarten Häuser besiegte ihn die Mundfertigkeit seines Nachbars Zeno; aber der Redner seinerseits ward übermannt durch die bösartigen, wenngleich harmlosen Kniffe des Baumeisters, von denen uns Agathias in seiner Unkenntnis nur ein ungenaues Bild vermittelt.

In einem tiefer gelegenen Raum stellte Anthemius mehrere Gefäße oder Kessel mit Wasser auf, die jeweils mit dem weiten Ende eines Lederschlauches bedeckt waren, welche sich zu einer schmalen Spitze verengten und mit viel Raffinesse zwischen die Balken und Sparren des Nachbarhauses praktiziert wurden. Nun ward um die Kessel herum ein Feuer entzündet; der Dampf des kochenden Wassers stieg in den Schläuchen empor; das Haus erbebte unter den Anstrengungen der eingesperrten Luft, und ihre zitternden Einwohner mochten sich wohl gewundert haben, wie die Stadt von dem Erdbeben, das sie soeben durchlebt hatten, nichts bemerkt haben sollte.

Ein anderes Mal wurden die Freunde Zenos, die bei ihm tafelten, durch ein unerträgliches Licht geblendet, welches ihnen durch die Spiegel des Anthemius in die Augen blitzte; und sie waren erstaunt über den Lärm, den er durch das Zusammenprallen bestimmter kleiner Klangkörper erzeugte; und mit tragischem Sprachduktus erklärte der Redner dem Senat, dass ein einfacher Sterblicher abdanken müsse vor der Macht eines Gegners, welcher die Erde mit Neptuns Dreizack erschüttern und Jupiters Blitzen und Donnern nachahmen könne. Das Genie eines Anthemius und seines Kollegen Isidor von Milet nahm nun also der Kaiser in seine Dienste, dessen Vorliebe für die Baukunst zu einer schädlichen und teuren Leidenschaft verkommen war. Seine Lieblingsarchitekten legten Justinian ihre Entwürfe vor, schilderten ihm ihre Schwierigkeiten und bekannten in aller Bescheidenheit, wie sehr doch ihr angestrengtes Bemühen von den leichtfüßigen Gedankenblitzen und himmlischen Eingebungen eines Herrschers übertroffen werde, der darüber hinaus sein Augenmerk stets auf das Wohl seines Volkes, den Ruhm seiner Regierung und das Heil seiner Seele richte Prokopios (de Aedificiis, 1,1-2; 2,3) berichtet von einem Zusammentreffen von Traumgesichten, welches den Verdacht des Betrugs bei Justinian oder seinem Architekt nahe legt. Beide sahen in einer Vision denselben Plan zur Abwehr einer Überschwemmung in Dara. Ein Steinbruch bei Jerusalem ward dem Kaiser entdeckt (5,6); und ein Engel wurde durch List dazu bestimmt, für ewig die Hagia Sophia zu bewachen..

GRUNDSTEINLEGUNG DER HAGIA SOPHIA

Die Hauptkirche, welche der Gründer Konstantinopels der Ewigen Weisheit oder Hagia Sophia geweiht hatte, war zweimal durch Feuer verzehrt worden: nach dem Exil des Johannes Chrysostomos und während der Nika der blauen und grünen Zirkusparteien. Kaum hatte sich der Krawall beigelegt, da reute die Christenmenschen auch schon ihr gotteslästerlicher Unbedacht; aber vermutlich hätten sie sich dieses Unglücksfalles sogar gefreut, wenn sie die Pracht des neuen Tempels hätten vorhersehen können, dessen Errichtung die Frömmigkeit Justinians nach Ablauf von vierzig Tagen energisch voranzutreiben begann Aus der Masse der antiken und modernen Autoren, die die Architektur der Hagia Sophia gerühmt haben, will ich mich halten an: 1 Vier Augenzeugen und Historiker, Prokopios (de Aedific 1,1), Agathias (5,p.152), Paulus Silentiarius (in einem Gedicht mit 1026 Hexametern: calcem Annae Commen. Alexiad.), und Evagrius (4,31).– 2 Zwei legendäre Griechen aus späterer Zeit: Georg Codinus (de Origine C.P. p. 64-74) und den unbekannten Verfasser von Banduri, (Imp. Orient. tom. i. l. iv. p. 65 – 80.)– 3 Den großen Byzanzfachmann Ducange (Comment. ad Paul Silentiar. p. 525 – 598, und C. P. Christ. 3, p. 5 – 78.)– 4 Zwei französische Reisende, Peter Gyllius aus dem 16 Jhdt und Grelot (Voyage de C. P. p. 95 – 164, Paris, 1680); er bietet sogar Pläne, Gesamt- und Innenansichten der Hagia Sophia. Und seine Pläner, obwohl in kleinerem Maßstab gehalten, scheinen genauer zu sein als die von Ducange. Ich habe die Maße von Grelot übernommen und zurückgerechnet; aber da gegenwärtig kein Christ den Dom besteigen darf, habe ich die Höhenangabe von Evagrius übernommen und mit Gyllius, Greaves und dem orientalischen Geographen verglichen.. Die Trümmer wurden fortgeräumt, eine größere Baufläche wurde ausgewiesen und, da das Einverständnis der Vorbesitzer erforderlich schien, zu den üppigsten Preisen erworben, um die drängenden Wünsche und das ängstliche Gewissen des Kaiser ruhig zu stellen. Anthemius lieferte einen Entwurf und leitete mit seinem Organisationsgenie die Arbeit von zehntausend Bauarbeitern, die auf ihre Bezahlung in Form von Münzen aus reinem Silber niemals über den Abend hinaus warten mussten. Der Kaiser, gekleidet in eine Leinentunika, überzeugte sich täglich von den raschen Fortschritt ihrer Arbeit und ermunterte sie mit seiner Leutseligkeit, seinem Glaubenseifer und seinen Trinkgeldern. Fünf Jahre, elf Monate und zehn Tage nach der Grundsteinlegung weihte der Patriarch von Konstantinopel die Hagia Sophia; und inmitten der heiligen Handlung rief Justinian in frommer Eitelkeit: »Ehre sei Gott, der mich dieses große Werk vollenden ließ; ich habe dich noch übertroffen, o Salomon! Der Tempel Salomos war von Höfen, Säulengängen &c umgeben; aber das eigentliche Gotteshaus war nicht mehr als 55 Fuß hoch, 36 Fuß breit und 110 Fuß lang – eine bessere Pfarrkirche, wie Prideaux sagt (Connection, Band 1, p.144, folio;); aber nur wenige Heiligtümer waren vier oder fünf Millionen Pfund Sterling wert!« Aber der Stolz dieses römischen Salomon ging vor Ablauf von zwanzig Jahren infolge eines Erdbebens zu Schanden, welches den Ostteil des Doms zum Einsturz brachte. Die Hartnäckigkeit desselben Herrschers errichtete ihn zu altem Glanze; und im sechsunddreißigsten Jahre seiner Herrschaft feierte Justinian die zweite Weihe des Tempels, welcher heute, nach zwölf Jahrhunderten, ein einzigartiges Denkmal seines Ruhmes ist. Gegenwärtig ist die Hagia Sophia die Hauptmoschee, wurde von türkischen Sultanen oft nachgebaut und erregt die zärtliche Bewunderung der Griechen und die eher rationale Neugierde der europäischen Reisenden.

BESCHREIBUNG DER HAGIA SOPHIAKIRCHE

Der Betrachter ist etwas irritiert durch den regellosen Anblick von Gewölben und schrägen Dächern; der Westfront, dem eigentlichen Zugang, fehlt es an Schlichtheit und Großartigkeit; und an schierer Größe hat so mancher lateinische Dom die Hagia Sophia übertroffen. Aber der Architekt, der erstmalig das luftige Kuppelgewölbe vollendet hatte, verdient Ruhm für beides, den kühnen Entwurf und die meisterliche Ausführung. Das von vierundzwanzig Fenstern ausgeleuchtete Gewölbe der Hagia Sophia hat eine so enge Kreisführung, dass seine Tiefe nur ein Sechstel des Durchmessers beträgt; welcher einhundertfünfzehn Fuß misst; und das himmelwärts strebende Zentrum, wo mittlerweile ein Halbmond das Kreuz verdrängt hat, ragt einhundertundachtzig Fuß über den Fußboden. Der Kreis, welcher die Schirmkuppel nach unten begrenzt, ruht gleichsam schwebend auf vier gewaltigen Bögen, und sein Gewicht wird zuverlässig von vier massiven Pfeilern getragen, deren Stärke auf der Nord- und Südseite von vier Säulen aus ägyptischem Granit abgestützt wird.

Die Form des Gebäudes ist ein von einem Quadrat umschriebenes Griechisches Kreuz; die genaue Breite beträgt zweihundertunddreiundvierzig Fuß, und neunundsechzig Fuß ist der größte Abstand zwischen dem Sanctuarium im Osten und den neun Toren im Westen, welche in das Vestibulum und von dort zum narthex oder äußeren Portico führen. Dieses Portico war den armen Sündern zum demütigen Verweilen vorbehalten. Im Kirchenschiff selbst versammelten sich die braven Gläubigen; aber die zwei Geschlechter blieben fein säuberlich getrennt, und nur die beiden Galerien waren den Frauen zu stiller Andacht aufgespart. Hinter den Säulen der Nord- und Südseite trennte eine Balustrade, die jeweils durch den Thron des Kaisers bzw. des Patriarchen begrenzt wurden, das Schiff vom Chor; und den Raum bis zu den Altarstufen hatten Klerus und Sänger inne. Der Altar, – einen Benennung, welche den Ohren eines Christen allgemach vertraut wurde – , stand in einer Nische im Osten des Raumes und besaß die Form eines kunstreich entworfenen Halbzylinders; und dieses Sanktuarium stand durch mehrere Türen mit der Sakristei in Verbindung, dem Baptisterium und den übrigen Einrichtungen, die der festlichen Erhöhung der heiligen Handlungen dienten oder den persönlichen Bedürfnissen der Diener der Kirche.

Die unverblasste Erinnerung an die jüngsten Kalamitäten vermochte Justinian zu der umsichtigen Anordnung, dass mit Ausnahme der Türen kein hölzernes Baumaterial für das neue Gebäude verwendet werden dürfe; und tatsächlich fügte sich das Material trefflich zu der Strenge, der Klarheit oder der Schönheit der jeweiligen Bauteile. Die massiven Säulen, welche die Kuppel trugen, waren aus gewaltigen Sandsteinblöcken zusammengesetzt, die man zu Würfeln oder Dreiecken geschlagen, mit Eisenbändern verstärkt und durch Verfugen mit flüssigem Blei und Ätzkalk standfest gemacht hatte; aber auch das Gewicht der Kuppel war durch die Wahl eines geeigneten Materials gemindert worden, da man entweder Bimsstein verbaut hatte, welcher sogar auf Wasser schwimmt, oder Ziegel von Rhodos, welche fünfmal leichter sind als die handelsüblichen Sorten. Der ganze Rohbau bestand aus Ziegelstein; aber dieser banale Werkstoff wurde hinter einer Marmorschicht verbogen gehalten; und im Inneren erfreute die Hagia Sophia sogar das Auge von Barbaren durch die vielfältigen Aspekte, die ihre beiden großen und sechs Nebenräume, ihre Wände, ihre hundert Säulen und ihr Fußboden gewährten.

Ein Dichter Paul Silentiarius beschreibt in dichterisch-dunkler Wortwahl die verschiedenen Stein- und Marmorsorten, die man in die Hagia Sophia verbaut hatte (Teil 2, p. 129-133): 1. Der karystische-blass, mit Eisen-Adern. 2. Der phrygische – zweierlei Sorten, beide rosig angehaucht; der eine mit weißen Schattierungen, der zweite purpurn mit Silberblumen. 3 Porphyr aus Ägypten – mit kleinen Sternen. 4. Grüner Marmor aus Lakonien. 5 Der karische – vom Mons Iassis mit schräger, weißer und roter Äderung. 6. Der lydische – blass mit rötlicher Zeichnung. 7. Der afrikanische oder mauretanische – mit goldenem Farbton. 8. Der keltische – schwarz mit weißer Äderung. 9. Der bosphorische – weiß mit schwarzen Kanten. Außerdem der Proconesische für den Fußboden; und endlich der Marmor aus Thessalien und Molossos, dessen Zeichnung weniger charakteristisch ausfällt., welcher die Hagia Sophia in ihrem ursprünglichen Glanze gesehen hatte, nennt uns die Farben, die Schattierungen und die Zeichnungen von zehn oder zwölf Sorten von Marmor, Jaspis und Porphyr, welche die Natur in großer Reichhaltigkeit zur Verfügung gestellt hatte und die gegeneinander gesetzt und miteinander gemischt waren wie von einem wackeren Maler. Der Triumph Christi ward durch die letzten verbliebenen Beutestücke des Heidentums ausgeschmückt, aber der größte Teil dieser Kostbarkeiten stammte aus den Steinbrüchen Kleinasiens, dem griechischen Festland und den Inseln, Ägypten, Afrika und Gallien. Acht Porphyrsäulen, die Aurelian einst im Sonnentempel hatte aufstellen lassen, schenkte der fromme Opfersinn einer römischen Matrone; weitere acht aus grünem Marmor waren das Geschenk des ehrgeizigen Glaubenseifers des Magistrates von Ephesos: beider Gaben sind wegen ihrer Größe und Pracht bemerkenswert, aber jeder architektonische Ordnungssinn wird ihre phantastischen Kapitelle zurückweisen.

Verschiedene Ornamente und Figuren waren als musivische Arbeit ausgeführt; und die Bilder von Christus, der Jungfrau, der Heiligen und der Engel, welche der türkische Fanatismus entstellt hat, waren auch in gefährlicher Weise dem Aberglauben der Griechen ausgesetzt. Je nach dem Grad der Heiligkeit des jeweiligen Gegenstandes waren die verwendeten Edelmetalle nur in dünnen Schichten aufgetragen oder als massive Stücke. Die Chorbalustrade, die Säulenkapitelle, der Türschmuck, die Galerie waren aus vergoldeter Bronze; die Kuppel fesselte den Betrachter durch ihren Glanz; das Sanktuarium enthielt vierzigtausend Pfund Silber; und die heiligen Gefäße und Tücher des Altares bestanden aus lauterem Gold, angereichert nur durch Edelgestein von unschätzbarem Wert. Der Bau war noch nicht zwei Ellen in die Höhe gewachsen, als auch schon vierundvierzigtausendzweihundert Pfund aufgebraucht waren; die Gesamtkosten beliefen sich auf dreihundertundzwanzigtausend: es möge jeder Leser nach Maßgabe seiner Leichtgläubigkeit ihren Wert in Silber oder Gold abschätzen; aber noch die zurückhaltendste Schätzung liegt bei einer Millionen Pfund Sterling.

Ein so herrlicher Tempel ist ganz gewiss ein Denkmal für den Geschmack und die Rechtgläubigkeit eines Volkes, und der Glaubenseifrige, der das Heiligtum der Hagia Sophia betritt, mag zu der Annahme versucht sein, es handle sich hier um den Wohnsitz, wo nicht gar ein Werk der Gottheit. Indessen: wie plump ist die Kunst und wie unzureichend die Mühe, wenn man dieses alles mit dem Bauplan des geringsten Insektes vergleicht, welches an der Wand dieses Tempels empor kriecht!

LAGE UND AUSFÜHRUNG ANDERER GEBÄUDE

Eine so detailfreudige Beschreibung eines Gebäudes, dessen Bedeutung auch die Zeit nicht zu mindern vermochte, mag wohl auch eine Bestätigung für die Berechtigung und zugleich eine Entschuldigung liefern die geringere Bedeutung der ungezählten Gewerke sein, die Justinian in der Hauptstadt und den Provinzen in geringerer Größe und Gediegenheit aufführen ließ Die sechs Bücher »Über die Bauten« sind eingeteilt wie folgt: Das Erste behandelt nur Konstantinopel; das zweite umfasst Mesopotamien und Syrien; das dritte Armenien und Euxinos; das vierte Europa; das fünfte Kleinasien und Palästina; das sechste Ägypten und Afrika. Italien haben der Kaiser oder der Historiker vergessen, welcher dieses sein Jubelwerk vor dem Zeitpunkt von dessen endgültigen Eroberung (A.D. 555) herausgegeben hatte.. In Konstantinopel und den Vororten allein ließ er fünfundzwanzig Kirchen erbauen, zu Ehren Christi, der Jungfrau und der Heiligen: zumeist waren diese Kirchen mit Marmor und Gold ausgeschmückt; und ihren Standort hatte man vorher sorgfältig ausgesucht, sei es an einem volkreichen Platz oder in einem anmutigem Hain, an entlegener Küste oder an erhabener Stelle, wo man Europa und Asien zugleich sehen konnte. Der Apostelkirche zu Konstantinopel und St. Johannes zu Ephesos scheint der gleiche Entwurf zugrunde zu liegen: ihre Kuppel sind Nachbildungen der Hagia Sophia; aber der Altar war wohlüberlegt genau unterhalb des Kuppelzentrums aufgestellt, dort, wo sich vier mächtige Porticos trafen, wodurch das griechische Kreuz besser abgebildet wurde.

Möglich, dass die Jungfrau von Jerusalem im Tempel ihres kaiserlichen Gönners an äußerst undankbarer Stelle emporjubelte, welche für den Architekten weder Raum noch Material übrig ließ. Aus der Tiefe eines Tales ließ man eine bergeshohe Ebene aufwachsen. Die Felsen aus einem benachbarten Steinbruch wurden zu regulären Körpern zugehauen; jeder dieser Blöcke wurde auf einer Lastkarre von vierzig starken Ochsen fortgezogen, und die Wege wurden eigens für diese gewaltigen Lasten erweitert. Der Libanon steuerte seine höchsten Zedern als Bauholz bei; und die rechtzeitige Entdeckung eines Vorkommens von rotem Marmor erlaubte die Errichtung ihrer schönen Säulen, von denen zwei, die Träger des äußeren Portico, für die größten der Welt gehalten wurden.

Die fromme Freigebigkeit des Kaisers sprach sich im ganzen Heiligen Land herum; und wenn unser Verstand auch Justinians Stiftung oder Instandsetzung von Klöstern für beiderlei Geschlecht verwirft, so muss ihm die Gottesfurcht doch für die vielen Brunnen und die Herbergen dankbar sein, die er erbauen ließ, auf dass sich der erschöpfte Pilgersmann erholen konnte. Ägyptens schismatische Gesinnung war bei der königlichen Freigebigkeit übel angeschrieben, aber Syrien und Afrika empfingen mancherlei Unterstützung nach erlittenen Kriegen und Erdbeben, und in Karthago und Antiochia Einmal stiftete Justinian Antiochia nach einem Erdbeben Gold im Wert von 180,000£. Malala, Bd. 2, p.146ff., die erneut aus den Ruinen auferstanden, war der Name ihres großherzigen Förderers sicherlich gesegnet. Fast jeder Heilige, der im Kalender vorkam, erhielt einen eigenen Tempel zugewiesen; fast jede Stadt im Reich erfreute sich der handfesteren Vorteile, die Brücken, Spitäler und Aquädukte mit sich bringen; aber die spendenfreudige Verfassung des Monarchen gönnte seinem Volk den beliebten Luxus des Theaters und der öffentlichen Bäder durchaus nicht.

Während Justinian so die Wohlfahrt des Landes mehrte, vergaß er darüber nicht seine eigene Würde und Bequemlichkeit. Der Palast zu Byzanz, der während der Unruhen in Flammen aufgegangen war, ward errichtet zu neuer Pracht; von dem architektonischen Konzept des Gebäudes wird man sich am besten mit Hilfe der Halle eine Vorstellung machen können, da sie in Anspielung auf ihre Bedachung oder vielleicht auch ihre Türen chalce oder die erzene genannt wurde. Das die geräumige Grundfläche überspannende Gewölbe stand auf vier massiven Säulen; Fußboden und Wände waren mit bunten Marmor verkleidet – smaragdgrüner aus Lakonien, feuerroter und weißer aus Phrygien wechselten mit solchen, die meergrün überhaucht waren; die musivischen Arbeiten im Haus und den Nebengebäuden erzählten von den Triumphen in Afrika und Italien. Am asiatischen Ufer der Propontis etwas östlich von Chalkedon wurde der aufwendige Palast nebst Lustgärten von Heraeum Über das Heräum, den Palast der Theodoora siehe Gyllius (de Bosphoro Thracio, 3,11), Aleman. (Not. ad. Anec. p. 80, 81), der viee Zitate aus der Anthologie beibringt, und Ducange, (C. P. Christ. 4,13, p. 175, 176.) für Justinians und besonders für Theodoras Sommeraufenthalt hergerichtet. Die Dichter jener Zeit haben das einmalige Zusammenspiel von Natur und Kunst, die Harmonie zwischen den Hainnymphen, Quellen und Meereswogen gerühmt; die Masse der Bediensteten und das Hofgefolge beschwerte sich über ihre unbequemen Unterkünfte Vergleiche in den Aedificiis 1,11, Anekdota 8 und 159 den unterschiedlichen Ton von Schmeichelei und Übelwollen; befreit vom Schmutz, scheint das Objekt ziemlich dasselbe zu sein., und auch die Nymphen entsetzten sich allzu oft von dem berüchtigten Porphyrio, einem Wal von zehn Ellen in der Breite und dreißig in der Länge, der eines Tages in der Mündung des Flusses Sanguarius strandete, nachdem er länger als ein halbes Jahrhundert den Gewässern um Konstantinopel ein Schrecknis gewesen war Prokopios 8, 29. Höchstwahrscheinlich ein seltener Irrgast, da im Mittelmeerraum keine Wale vorkommen. Balaenae quoque in nostra maria penetrant, (Wale dringen auch in unser (Mittel-)Meer ein.) Plin. Hist. Natur. 9,2. Die Wale zwischen dem Polargebiet und den Wendekreisen werden 50, 80 und sogar 100 Fuß groß. (Hist. des Voyages, Band 15, p. 289. Pennant, British Zoology, Band 3, p. 35.).

FESTUNGSBAUTEN IN EUROPA UND ASIEN

Die Festungsbauten Europas und Asiens wurden von Justinian verstärkt und vermehrt; aber einem philosophischen Gemüt offenbart die häufige Wiederholung dieser ängstlichen und fruchtlosen Maßnahme den Niedergang des Reiches Montesquieu (Band 3, p. 503, Considerations sur la Grandeur et la Decadence des Romains, c.20) merkt an, dass Justinians Reich sich in dem gleichen Zustand befand wie Frankreich während der Normannenüberfälle – das Land war nie so schwach, als da jedes Dorf eine Festung war.. Von Belgrad bis zum Zusammenfluss der Save mit der Donaumündung waren achtzig befestigte Plätze entlang dieses gewaltigen Stroms eingerichtet. Alleinstehende Wachtürme waren zu geräumigen Zitadellen ausgebaut; hinter leerstehenden Wallanlagen, die die Ingenieure der Beschaffenheit des Bodens entsprechend verengt oder erweitert hatten, wurden Garnisonen stationiert; eine starke Festung schützte die Ruinen der Trajansbrücke Prokopios (4,6) versichert uns, dass die Donau durch die Ruinen der Brücke in ihrem Lauf aufgehalten wurde. Hätte der Architekt eine Beschreibung seines Werkes hinterlassen, dann hätte die Wundererzählung von Cassius Dio (18, p. 1129) durch eine Originalzeichnung eine Richtigstellung erfahren. Die Trajansbrücke bestand aus zwanzig oder auch zweiundzwanzig Steinpfeilern und hölzernen Verbindungsbögen; der Fluss ist flach, die Strömung gemäßigt und die Gesamtbreite nicht mehr als 443 (Reimar. Ad Dion) oder 515 (d'Anville Géographie ancienne, Band 1, p. 306) toises., und einige Vorposten trugen den Ruhm des römischen Namen noch über die Donau hinaus. Aber dieser Name war schon lange seines Schreckens entkleidet; bei ihren jährlichen Überfällen zogen die Barbaren an diesen sinnfreien Bollwerken vorbei und voller Geringschätzung wieder zurück; und die Bewohner der Region konnten sich nicht unter den Schutz einer allgemeinen Landesverteidigung zurück ziehen, sondern waren genötigt, mit stetig erhöhter Wachsamkeit ihre entlegenen Ländereine selbst zu verteidigen.

Die alten Städte, welche ihre Bewohner längst aufgegeben hatten, wurden neuerlich besiedelt; die neuen Siedlungen, die Justinian anlegen ließ, erhielten, vielleicht etwas vorschnell, die schmückenden Epitheta »volkreich« und »unbesiegbar«. Und der glückselige Ort seiner Geburt zog das besondere Wohlwollen dieses eitelsten aller Herrscher auf sich. Unter dem Namen Justinia Prima wurde das obskure Kaff Tauresium Sitz eines Erzbischofs und eines Präfekten, deren Rechtsprechung sieben kriegsfähige illyrische Provinzen Es waren dies die beiden Dakia, Dardania, Praevalitana, das zweite Moesien und das zweite Makedonien. Siehe Justinian (Novell. 11); er spricht von seinen Garnisonen jenseits der Donau und von Menschen, »bellis sudoribus inherentes« (an denen stets der Schweiß des Krieges klebte). unterstellt waren. Noch heute weist die verderbte Bezeichnung Guistendil zwanzig Meilen südlich von Sophia auf die Residenz eines türkischen Sanjaken hin Siehe D'Anville, (Memoires de l'Academie, &c.,Band 31, p. 280, 299,) Rycaut, (Present State of the Turkish Empire, p. 97, 316,) Marsigli, (Stato Militare del Imperio Ottomano, p. 130). Der Sanjak von Guistendil ist einer der Zwanzig, die unter dem Beglerbegh von Rumelien stehen, und sein Regierungsbezirk ist 48 zaim und 588 timariot groß.. Zum Gebrauch durch des Kaisers Landsleute wurden in Eile eine Kathedrale, ein Palast und Aquaedukt aufgeführt; öffentliche und Privatgebäude erhielten eine Größe, die zu einer Kaiserstadt gepasst hätte; und die dicken Mauern widerstanden, zumindest zu Lebzeiten Justinians, den kunstlosen Angriffen der Hunnen und Slavonen.

Ihr Vormarsch stockte bisweilen und ihre Hoffnung auf Beute wurde zuschanden angesichts der ungezählten Festungswerke, die in Dakien, im Epirus, in Thessalien, in Makedonien und in Thrakien die Erde gleichsam zu bedecken schienen. Sechshundert dieser Festungen ließ der Herrscher in Stand setzen oder neu erbauen; man sollte jedoch dem Gedanken Raum geben, dass diese Festungen in ihrer Mehrzahl lediglich ein Turm aus Stein oder Ziegel war, der auf einem freien Platz stand, der seinerseits von Graben und Mauer umgeben war und im Augenblick der Gefahr dem Landvolk aus den Nachbardörfern und dem Vieh einigen Schutz bieten mochte Man kann diese Festungen mit den Schlössern in Mingrelia vergleichen (Chardin, Voyages en Perse, Band 1, p. 60, 131) – ein Gemälde der Natur.. Aber die berechtigten Sorgen Justinians und seiner europäischen Untertanen konnten diese militärischen Bauten, die letztlich nur den Staatsschatz erschöpften, nicht beseitigen. Die Thermalbäder von Anchalius in Thrakien wurden auf diese Weise ebenso sicher wie heilkräftig; aber auf dem reiche Grünland von Thessaloniki fouragierte die skythische Kavallerie; im lieblichen Tempetal Das Tal der Tempe liegt entlang des Peneus zwischen den Höhen des Ossa und Olympus: es ist nur fünf Meilen lang und bisweilen nicht breiter als 120 Fuß. Seine grünende Schönheiten hat Plinius (Nat. his. 4,15) in anmutiger und Aelian (Var. His. 3,1) in breit angelegter Weise beschrieben. – dreihundert Meilen von der Donau entfernt – ertönte beständig Kriegslärm; und kein unbefestigter Flecken, wie abgelegen oder einsam er auch liegen mochte, konnte sich der Segnungen des Friedens erfreuen.

Der Thermopylenpass, der für Griechenlands Sicherheit bürgen soll und sie so oft enttäuscht hatte, wurde durch Justinians Tatkraft befestigt. Von der Meeresküste, durch Wälder und Täler bis auf die Höhen von Thessalien wurde ein starkes Mauerwerk gezogen, welches jeden erdenklichen Zugang verwehrte. Anstelle der üblichen Landbevölkerung bezogen zweitausend Soldaten an dieser Schanze Garnison; Getreidehäuser und Wasservorräte wurden für sie bereitgestellt; und dieselbe Vorsicht, die genau die Feigheit begünstigte, die sie vorausgesehen hatte, hatte auch Rückzugsfestungen errichtet. Die Mauern von Korinth, die ein Erdbeben zertrümmert hatte und die hinfälligen Bollwerke von Athen und von Plataeae wurden sorgfältig instand gesetzt; die Aussicht auf langwierige und erfolglose Belagerungen benahm den Barbaren den Mut; und die ungeschützten Städte der Peloponnes fanden Deckung hinter den Festungen am Isthmus von Korinth. Eine andere Halbinsel am äußersten Ende von Europa, die thrakische Chersones, ragte eine Dreitagereise weit in die See und bildete mit den nahen Küsten Asiens die Meerenge des Hellesponts. Zwischen elf bevölkerungsreichen Städten lagen Wälder, Weiden und Ackerland; und der Isthmus von siebenunddreißig Stadien Länge war von einem spartanischen General über neunhundert Jahre vor Justinians Regierungszeit befestigt worden Xenophon, Hellenica 3,2. Wie erfrischend sind doch, nach ewig langer und ermüdender Lektüre der byzantinischen Hof-Deklamatoren, die Wahrheit, die Schlichtheit und die Eleganz der attischen Autoren!.

Ist ein Land frei und stark, dann mag noch die unbedeutendste Wallanlage für eine Überraschung gut sein; Prokopios jedoch scheint des Gefühls für die Überlegenheit der Vorzeit zu ermangeln, wenn er die solide Anlage und die doppelte Brustwehr der Mauern rühmt, deren lange Arme an beiden Seiten bis zum Meer reichte; aber zum Schutz der Chersonnes war die Stärke unzureichend, so stand zu befürchten, wenn nicht auch jede Stadt, und insbesondere Gallipoli und Sestus, durch ihre eigenen Festungsanlagen geschützt worden wären. Die lange Mauer, wie sie prahlerisch genannt wurde, war ein Bauwerk, ebenso beschämend als Vorhaben wie beachtlich in der Ausführung.

Der Reichtum der Hauptstadt versickerte in den Ländereien der Nachbarschaft, und das Stadtgebiet von Konstantinopel, von der Natur reich gesegnet, schmückte sich mit den Prachtgärten und Landhäusern der Senatoren und wohlhabenden Bürger. Aber eben dieser Reichtum erweckte die Aufmerksamkeit und die Begehrlichkeiten beutegieriger Barbaren; die adligsten Römer wurden in die skythische Gefangenschaft geführt, und ihr König mochte wohl von seinem Palast aus die feindlichen Feuerbrände bemerken, welcher in ungehöriger Weise in die kaiserliche Stadt geworfen wurden. Nur vierzig Meilen entfernt sah sich Anastasius genötigt, eine letzte Grenze einzurichten; seine lange Mauer, sechzig Meilen lang zwischen Propontis und Euxenos, ließ die Ohnmacht seiner Waffen deutlich erkennen; und als die Gefahr noch bedrohlicher wurde, ließ Justinian in nimmer rastender Voraussicht fernere Befestigungen hinzufügen Zum langen Wall sehe man Evagrios 4,38. Dieser Artikel stammt in seiner Gesamtheit aus dem 4. Buche de aedificiis, ausgenommen Anchialus. (3,7).

SICHERHEIT NACH DER NIEDERWERFUNG DER ISAURIEN

Kleinasien blieb nach der Unterwerfung der Isaurier Man lese im ersten Bande dieses Werkes nach. Im Laufe dieser Darstellung habe ich die unvermittelten Einfälle der Isaurier bisweilen erwähnt, viel öfter jedoch mit Verachtung übergangen. ohne Feinde und ohne Festungen. Zweihundertunddreißig Jahre lebten diese ungezähmten Wilden, die es verschmäht hatten, Untertanen des Gallienus zu sein, ein räuberisches Leben in Freiheit. Selbst die mächtigsten Herrscher bebten vor den Bergen und der Entschlossenheit ihrer Bewohner zurück; bisweilen gelang es, sie mit Geschenken milde zu stimmen, zuweilen aber half nur Gewaltanwendung; und inmitten der römischen Provinz schlug ein militärischer Befehlshaber mitsamt drei Legionen – schandbar genug – ein festes Lager auf Trebellius Pollio in Hist. August. p. 107, der unter Diocletian oder Constantin lebte. Siehe außerdem Pancirolus ad Notit. Imp. Orient c. 115, 141. Siehe Cod. Theodos. 9, tit. 35, leg. 37 nebst den ausufernde Anmerkungen von Gothofred Band 3, p. 256, 257.. Aber kaum war die Wachsamkeit ermattet oder abgelenkt, als auch schon leichtbewaffnete Schwadronen von den Höhen herabstürmten und sich über Asiens friedliche Fülle hermachten. Die Isauerier, die weder durch besondere Körperkraft oder Verwegenheit ausgezeichnet waren, machten Not und Erfahrung, die sie auf ihren kriegerischen Raubzügen gesammelt hatten, sie geschickt und verwegen. Dörfer und ungeschützte Städte griffen sie blitzschnell und aus dem Verborgenen an; zuweilen gelangten sie mit ihren Detachements bis an den Hellespont, den Pontos Euxinos und bis vor die Tore von Tarsus, Antiochia und Damaskus Zum ganzen Umfang ihrer Einfälle sehe man Philostorgios (Hist. eccles. 11,8) und Gothofreds gelehrten Kommentar.; und lange, bevor die römischen Truppen auch nur Weisungen empfangen hatten oder die entlegenen Provinzen ihre Verluste gezählt hatte, war ihre Beute in den unzugänglichen Gebirgen verborgen.

Da es sich um Räuberei und Rebellion handelte, waren sie vom Kriegsrecht ausgenommen; und ein Edikt unterwies die Magistrate dahingehend, dass die Verurteilung oder Bestrafung eines Isauriers sogar zum heiligen Osterfest einen verdienstlichen Akt der Gerechtigkeit und Frömmigkeit darstelle Codex Justinianus 9, tit. 12, leg 10. Die Bestrafung waren hart – eine Buße von einhundert Pfund Gold, Degradierung und sogar die Todesstrafe. Die öffentliche Ruhe und Ordnung mochten Vorwände liefern, aber im Grunde beanspruchte Zeno die Tapferkeit und den Dienst der Isaurier ausschließlich für sich.. Wurden die Gefangenen zu Sklaverei verurteilt, standen sie, mit Schwert oder Dolche versehen, mit ihren Herren im privaten Konflikt; und man hielt es im Interesse der öffentlichen für ausreichend, den Dienst solcher gefährlichen Gefolgsleute zu untersagen. Als ihr Landsmann Tarcalissaeus oder Zeno den Thron bestieg, übernahm er einen getreuen und fürchterlichen Haufen Isaurier in seine Dienste, welche Stadt und Land drangsalierten und die er darüber hinaus noch mit einem jährlichen Betrag von fünftausend Pfund päppelte. Aber die Hoffnung auf Reichtum entvölkerte die Berge, Luxus ließ Körper und Geist erschlaffen, und je mehr sie sich mit der übrigen Menschheit vermischten, umso mehr ging ihnen die Neigung zu einem Leben in Armut und Freiheit verloren.

Nach Zenos Tod stellte sein Nachfolger die Zahlungen ein, überließ sie den Rachegelüsten der übrigen Bevölkerung, verbannte sie aus Konstantinopel und setzte einen Krieg fort, dessen Ausgang nur Sieg oder Sklaverei sein konnte. Ein Bruder des letzten Kaisers usurpierte den Augustus-Titel, und es standen ihm für seine Sache die Waffen, die Kriegskasse und die Magazine zur Verfügung, die sein Bruder Zeno angesammelt hatte; und unter den einhundertundfünfzigtausend Barbaren, die er unter seiner Fahne gesammelt hatte – welche zum ersten Male von einem kämpfenden Bischof gesegnet worden war – war der geringste Teil isaurisch. Sie wurden, ungeordnet wie sie waren, auf den phrygischen Ebenen von der disziplinierten Stärke der Goten aufgerieben; aber an dem Krieg von sechs Jahren Dauer (492-498) erschöpfte sich doch allmählich der Mut des Herrschers Der Krieg mit den Isauriern und der Triumph des Anastasius werden kapp und unverständlich dargstellt von Johannes Malala (Band 2, p. 106, 107); Evagrius, (3,35); Theophanes (p. 118 – 120) und im Chronikon des Marcellinus.. Die Isaurier zogen sich in ihre Berge zurück; ihre Festungen wurden nacheinander belagert und zerstört; die Verkehrswege an die See wurden gesperrt; ihre tapfersten Häuptlinge starben in Waffen; die überlebenden Häuptlinge wurde vor ihrer Hinrichtung in Ketten durch das Hippodrom geführt; ihre Jugend wurde in Thrakien angesiedelt und die übrigen unterwarfen sich der römischen Oberherrschaft. Aber es vergingen noch einige Jahre, bis sie endgültig in den Zustand der Sklaverei abgesunken waren. Zunächst füllten sich die bevölkerungsreichen Dörfer des Taurus mit Reitern und Bogenschützen; sie verweigerten Tributzahlungen, aber stellten für Justinians Armee Mannschaften; und seine zivilen Magistrate, der Prokonsul von Kappadokien, der comes von Isaurien und die Prätoren von Lycaonia und Pisidia hatte die Vollmacht und die militärischen Möglichkeiten, dem gesetzlosen Treiben, Mord und Raub, entgegen zu treten »Forte ea regio« (so Justinian) »viros habet, nec in ullo differt ab Isauria« (Vielleicht gibt es in dieser Gegend ja Männer, aber sie unterscheidet sich in Nichts von Isaurien), obwohl Prokop einen grundlegenden Unterschied zwischen ihren militärischen Fähigkeiten ausmacht; schon in früheren Zeiten hatten die Lycaonier und Pisider ihre Freiheit gegen den Großkönig verteidigt (Xenophon, Anabasis,3,2). Justinian täuscht hier in lächerlicher Weise falsche Gelehrsamkeit über das alte Reich der Pisider und Lycaons vor, welcher – lange Zeit vor Äneas – Rom besucht hatte und Lycaonien ein Volk und einen Namen gegeben hatte. Novell. 24, 25, 27, 30..

FESTUNGSANLAGEN VOM EUXINOS NACH PERSIEN

Wenn wir nun unseren Blick vom Wendekreis zur Tanaismündung schweifen lassen, bemerken wir einerseits, dass Justinian ängstlich bemüht war, die kriegslüsternen Äthiopier Prokop Peric. 1,19. Der Altar der nationalen Eintracht, der jährlichen Opfer und der Gelübde, den Diokletian auf der Insel von Elephantine hatte errichten lassen, wurde von Justinian mit wenig Hirn und viel Glaubenseifer zertrümmert. zu dämpfen und anderseits die langen Festungsmauern an der Krim, welche die befreundeten Goten – eine Kolonie von etwa dreitausend Hirten und Kriegern – schützen sollte Procopius de Edificiis, 3,7; Hist. 8,3 und 4. Diese wenig ambitionierten Goten hatten sich geweigert, weiter der Fahne Theoderichs zu folgen. Bis in das XV. und XVI Jahrhundert kann man Spuren dieses Volkes zwischen Cafa und der Straße von Asow bemerken (D'Anville, Memoires de l'academie, Band 30, p. 240.). Die forschende Neugier des Busbequius (p. 321-326) war an ihnen nicht verloren, scheinen aber in den jüngeren Berichten der Levantemissionen (Band 1) etc. nicht mehr vorzukommen.. Von jener Halbinsel bis nach Trapezunt war die östliche Meeresküste des Euxinos gesichert von Festungen, Bündnisverträgen und Religion; und der Besitz von Lazika, das Kolchos der alten und Mingrelia der modernen Geographie, wurde schon bald zum Gegenstand eines heftigen Krieges. Trapezunt, hernach der Sitz eines romantischen Reiches, war der Freigebigkeit Justinians verpflichtet, der ihnen eine Kirche, ein Aquädukt und eine Festung erbaut hatte, deren Gräben in den blanken Fels gehauen waren. Von dieser Hafenstadt kann man eine Grenzlinie von fünfhundert Meilen bis nach Circesium ziehen, welche Festung der letzte römische Vorposten am Euphrat ist Zur Geographie und Architektur dieses armenischen Grenzabschnittes sehe man Prokopios, pers. Krieg und Gebäude, 2,4-7; 3,2-7..

Unmittelbar nördlich von Trapezunt und fünf Tagesreisen nach Süden erstehen dunkle Wälder und unwegsame Gebirge, ebenso unfügsam wie die Alpen, wenn auch von geringerer Höhe. In diesen widrigen Breiten Tournefort hat dieses Land beschrieben (Voyage au Levant, Band 3, lettre 17 und 18. So hat dieser scharfsichtige Botaniker schon bald die Pflanze entdeckt, welche den Honig verdirbt (Plinius 21, 44f.); er merkt an., dass die Truppen des Lucullus über die Kälte allerdings in Erstaunen geraten konnten, da auf der Ebene von Erzerum sogar noch im Juni Schnee fällt und die Ernte selten vor September eingebracht wird. Die Höhen von Armenien liegen unterhalb des vierzigsten Breitengrades; aber in dem Lande, in welchem ich gegenwärtig lebe, ist es wohlbekannt, dass ein Anstieg von einigen Stunden den Wanderer vom Klima des Languedoc nach Norwegen bringt, und so hat sich hier die Auffassung gebildet, dass noch unter einer Höhe von 2400 toises die Kälte des Polarkreises herrscht. (Remond, Observations sur les Voyages de Coxe dans la Suisse, Band 2, p. 104., in denen der Schnee selten schmilzt und die Früchte holzig und geschmacksarm sind, ist selbst der Honig unbekömmlich; der rührigste Ackerbau blieb auf ein paar mildere Täler begrenzt; und nur karg wird der Speiseplan dieser Hirtenvölker durch das Fleisch und die Milch ihres Vieh ergänzt. Die Chalybier Über die Chalybier oder Chaldäer möge man bei Strabo (12, p. 825f.), Cellarius, (Geograph. Antiq. Bd.2, p. 202 – 204) und Freret, (Mem. de Academie, Band 4, p. 594). Xenophon (Cyropäd. 3) hält sie in seiner Darstellung für dieselben Barbaren, die ihm bei seinem Rückzug zusetzten (Anabasis 4). leiten ihre Gemütsverfassung und ihren Namen von der eisenharten Beschaffenheit ihres Bodens her; und seit den Tagen von Kyros hinterlassen sie unter den unterschiedlichen Benennungen – Chaldäer oder Zanier – eine ununterbrochene Spur von Raub und Krieg.

Unter Justinians Herrschaft anerkannten sie den Gott und den Kaiser der Römer, und sieben Festungen wurden an leicht zugänglichen Pässen erbaut, dem Ehrgeiz des persischen Monarchen zu begegnen Procopios, Persic. 1,15. De Edific. 3,6.. Die Hauptquelle des Euphrat entspringt den chalybischen Bergen und fließt scheinbar westlich in das Schwarze Meer; dann, nach einer Süd-West-Kurve, strömt der Fluss an den Mauern von Satala und Melitene vorbei (welche Justinian als Bollwerk Armeniens restaurieren ließ) und nähert sich allgemach dem Mittelmeer; endlich jedoch, zurückgewiesen vom Taurusgebirge »Ni Taurus obstet in nostra maria venturus« (Wenn nicht der Taurus sich auf dem Wege zu unserem Meer entgegenstellt) Pomponius Mela, 3,8. Plinius, Naturforscher und zugleich Dichter (5,20), personifiziert Fluss und Berg und schildert ihren Kampf. Zum Verlauf von Euphrat und Tigris sehe man die vorzügliche Abhandlung von d'Anville., wendet er seinen Lauf nach Südost in Richtung auf den Persischen Golf. Unter den römischen Neugründungen jenseits des Euphrat sind zwei, die nach Theodosius und Märtyrer-Reliquien benannt sind sowie zwei Hauptstädte, Amida und Edessa, beide ruhmreich zu allen Zeiten.

Entsprechend ihrer exponierten Lage ließ Justinian sie beträchtlich aufrüsten. Graben und Palisade mochten gegen die regellosen Angriffe der skythischen Reiterei hinreichen; gegen die Heeresmacht des Großkönigs und eine nach den Regeln der Kriegskunst durchgeführte Belagerung jedoch waren Gewerke von anderem Zuschnitt erforderlich. Seine tüchtigen Ingenieure verstanden sich auf das Anlegen tiefer Minen und hoher Wehrgänge; ihre Belagerungsmaschinen brachten die stärksten Mauerzinnen ins Wanken, und manchmal trugen sie ihre Angriffe sogar mit einer Reihe von Kampftürmen auf den Rücken von Elefanten vor. In den großen Städten des Ostens wurde die Nachteile, die die geographische und strategische Lage mit sich brachten, durch den Eifer der Bevölkerung wettgemacht, welche den Garnisonen bei der Verteidigung ihres Landes und ihrer Religion behilflich war; und die märchenhafte Prophezeiung des Gottessohnes, dass Edessa nimmer fallen werde, erfüllte die Bürger mit glühender Zuversicht, und Zweifel und Bangigkeit umfröstelten die Belagerer Prokop (Persic. 2,12) übernimmt die Geschichte von Herodot mit einem Gemisch aus Skepsis und Aberglauben. Unter den durchsichtigen Lügen des Eusebius findet sich dieses Versprechen nicht, vielmehr stammt es wenigstens aus dem Jahre 400; und eine dritte Lüge, die Veronica, wurde schon bald auf den ersten beiden errichtet (Euagrios 4,27). Nachdem nun Edessa gefallen war, musste Tillemont dieses Versprechen in Abrede stellen. (Mem. Eccles. Band 1, p. 362, 383, 617.).

Auch die weniger wichtigen Städte Mesopotamiens wurden sorgfältig befestigt, und Stellungen, die in irgendeiner Weise Gelände oder Gewässer beherrschten, wurden mit Festungen versehen, die handfest aus Steinen oder hastig aus Erdreich und Ziegeln erbaut wurden. Justinian inspizierte jeden Flecken; und vielleicht zog seine übergroße Vorsicht den Krieg gerade in solche einsamen Täler, deren friedliebende Bewohner, die Handel und Verschwägerung miteinander verbunden hatte, von nationaler Zwietracht und Regenten-Zwist nichts wussten. Westlich des Euphrat erstreckt sich über sechshundert Meilen eine Sandwüste bis an das Rote Meer. Hier hatte die Natur eine gähnende Ödenei zwischen den Ehrgeiz zweier rivalisierender Imperien ausgebreitet; die Araber waren bis zum Erscheinen Mohameds nur als Räuber furchtbar; und in dem stolzen Sicherheitsgefühl, das der Frieden verleiht, wurden Syriens Festungen an ihrer verletzlichsten Seite vernachlässigt.

TOD DES PERSERKÖNIGS PEROZES 498 – DER PERSERKRIEG 502 – 505

Aber die nationalen Feindseligkeiten oder doch zumindest ihre Auswirkungen waren durch einen Waffenstillstand für vierzig Jahren aufgehoben. Ein Gesandter Zenos begleitete den unbedachten und glücklosen Perozes auf seinem Feldzug gegen die Nepthaliten oder weißen Hunnen, deren Eroberungen mittlerweile von Kaspischen Meer bis nach Indien reichten, deren Königsthron mit Smaragden ausgeschmückt war Erworben hatte man sie von Kaufleuten von Adulis, die mit Indien Handel trieben (Cosmas, Topograph. Christ. 11, p. 339); in der Wertschätzung der Edelsteine nahm der skythische Smaragd die erste Stelle ein, der baktrische die zweite und der äthiopische nur die dritte (Hill, Theophrastus, p. 61ff. und 92). Über Bergbau, Gewinn und Herstellung der Smaragden ist Dunkel gebreitet; und ebenso zweifelhaft ist es, ob wir im Besitze einer der zwölf Sorten sind, die den Alten bekannt waren (Goguet, Origine des Loix, Teil 2, 2,2, art. 3. Bei diesem Kriege gewannen die Hunnen – oder verlor zumindest Prozess – die schönste Perle der Welt, über die Prokop noch ein albernes Märchen erzählt. und deren Kavallerie von zweitausend Elefanten unterstützt wurde Die Herrschaft der Indo-Skythen dauerte von der Zeit des Augustus (Dionys. Perieget. 1088, mit dem Kommentar von Eustathius, in: Hudson, Geograph. Minor. Band 4) bis zu der des älteren Justin (Cosmas, Topograph. Christ. 11, p338f.). Zu Herkunft und Eroberungen siehe d'Anville, (sur l'Inde, p. 18, 45ff. 69, 85, 89.) Im II. Jh. waren sie die Herren von von Larice oder Guzerat.. Die Perser wurden zweifach eingekesselt und gerieten in eine Lage, in welcher Gegenwehr sinnlos und Flucht unmöglich waren; und darüber hinaus war der Sieg der Hunnen die Frucht der Kriegskunst. Sie entließen ihren königlichen Gefangenen, nachdem er sich der Majestät der Barbaren unterworfen hatte; und kaum, dass er diese Demütigung durchgestanden hatte, belehrten die Magi den König mit kasuistischer Kümmelspalterei, dass er seine Verehrung der aufgehenden Sonne zuwenden möge. Der in seiner Ehre beleidigte Nachfolger des Kyros vergaß Gefahr und Dankbarkeit: er ließ neuerlich und mit verdoppelter Wut angreifen und verlor beides, Heer und Leben Das Schicksal des Phirouz oer Perozes und die Folgen findet man bei Prokopios Persic. 1,7-9, was mit den Fragmenten der orientalischen Geschichte verglichen werden kann (d'Herbelot, Bibliot. Orient. p. 351, und Texeira, History of Persia, übersetzt oder gekürzt von Stephens, 1,32, p. 132 – 138.) Die Chronologie hat Assemani gekonnt berichtigt. (Bibliot. Orient. Band 3, p. 396 – 427).. Perozes Tod lieferte Persien seinen inneren und äußeren Feinden aus; zwölf Jahre der Wirrnis vergingen, bevor sein Sohn und Nachfolger Cabades oder Kobad neue Eroberungs- oder Rachepläne hecken konnte.

Die untunliche Sparsamkeit des Anastasius gab den Anlass oder doch wenigstens den Vorwand für den Krieg gegen Rom Den Perserkrieg unter der Regierung von Anastasius und Justin kann man studieren bei: Prokopios, (Persic. 1,7, 8, 9), Theophanes (in Chronograph. p. 124 – 127,) Evagrius, (3,37) Marcellinus, (in Chron. p. 47,) und Josue Stylites, (apud Asseman. Band 1, p. 272 – 281).; Hunnen und Araber marschierten unter persischer Fahne; die Befestigungsanlagen Armeniens und Mesopotamiens befanden sich zu jener Zeit in einem hinfälligem oder halbfertigen Zustand. Und so sprach der Kaiser den Befehlshabern und dem Volk von Martyropolis seinen Dank aus für die prompte Kapitulation der Stadt, die nicht mehr zu halten war, wie denn auch das brennende Theodosiodiepolis die Aufführungen ihrer einsichtigen Nachbarn rechtfertigte. Amida erlebte eine lange, mörderische Belagerung: nach drei Monaten stand dem Tod von fünfzigtausend Kriegern des Cabades keine nennenswerte Aussicht auf Erfolg gegenüber, und vergeblich geschah es, dass die Magi eine ehrenvolle Sieges-Prophezeiung aus der Schamlosigkeit der Weiber auf den Wällen ableiteten, nachdem diese den Augen der Belagerer ihre attraktivsten Geheimnisse enthüllt hatten. Schließlich erklommen sie in einer stillen Nacht den am leichtesten zugänglichen Turm, der nur von ein paar Mönchen bewacht wurde, die ihrerseits nach dem pflichtgemäßen Feiern eines Festes von Wein und Schlaf übermannt waren. In der Morgendämmerung wurden die Sturmleitern in Stellung gebracht; Cabades persönliche Anwesenheit, seine entschiedenen Befehle und sein gezogenes Schwert trieben die Perser zum Sieg; und als er es wieder in die Scheide steckte, hatten vierzigtausend Bürger für das vergossene Blut gebüßt.

Nach der Belagerung von Amida dauerte der Krieg noch drei Jahre fort, und die glückverlassenen Grenzmarken hatten unter seiner Not am stärksten zu leiden. Zu spät bot Anastasius Gold; bald überstieg die Zahl seiner Generäle die seiner Mannschaften; das Land lag menschenleer; und Lebende wie Tote waren den wilden Tieren der Wüste ausgeliefert. Der zähe Widerstand von Edessa und das Ausbleiben von Beute machte Cabades zum Frieden geneigt; er hatte für seine Eroberungen einen unnennbar hohen Preis bezahlt; und dieselbe Grenzlinie wie vorher trennte beide Reiche, diesmal aber war sie von Verwüstung und Tod entstellt. Um einer Wiederholung vorzubeugen, beschloss Anastasius die Gründung einer neuen Kolonie, so stark, dass sie der Macht Persiens entgegentreten konnte und so weit nach Assyrien vorgeschoben, dass die auf Dauer stationierten Truppen die Provinz mit der Androhung eines Angriffskrieges verteidigen konnten. Zu diesem Zweck wurde die Stadt Dara Weitläufig und doch genau beschreibt Prokopios die Stadt Dara (Persic. 1,10; 2,13. De Edific. 2,1-3; 3,5). Zur Lage siehe auch d'Anville, (l'Euphrate et le Tigre, p. 53-55), obwohl er offenbar die Entfernung zwischen Dara und Nisibis zu verdoppeln scheint., nur vierzehn Meilen von Nisibis und vier Tagesreisen vom Tigris entfernt, neu bevölkert und ausgestattet; Anastasius' überstürztes Vorgehen wurde durch Justinians bedächtigere Maßnahmen vervollkommnet; und so dürfen ohne Seitenblick auf kleinere Städte die Befestigungen von Dara als repräsentativ für die Militärarchitektur jener Tage gelten.

Die Stadt war von zwei Mauern umgeben, und der Zwischenraum, fünfzig Schritt groß, bot dem Vieh der Belagerten Unterkunft. Die innere Mauer war ein Denkmal für Stärke und Schönheit: sie war sechzig Fuß hoch, die Türme maßen einhundert Fuß; klein, aber zahlreich waren die Schießscharten, aus denen heraus man den Feinden mit Geschossen begegnen konnte; unter dem Schutz einer doppelten Galerie waren die Soldaten auf den Wällen postiert; und über den Türmen befand sich noch eine dritte Plattform in sicherer Höhe. Der äußere Mauerring scheint weniger hoch, dafür aber massiver gewesen zu sein; und jeder Turm war zusätzlich durch ein rechteckiges Bollwerk geschützt. Der harte, felsige Boden widerstand allen Minenarbeiten, und im Südosten, wo der Boden weicher war, wurde der Angriff durch ein neues, halbmondförmig vospringndes Gewerk aufgehalten. Die doppelt und dreifach angelegten Gräben füllten sich mit Strömen von Wasser; und bei der Umleitung es Flusses war alle Kunst aufgewandt, die Bewohner zu unterstützen, die Belagerer zu entmutigen und die Folgen einer natürlichen oder künstlichen Überschwemmung abzuwenden. Mehr als sechzig Jahre genügte Dara den Ansprüchen seiner Gründer und ärgerte die Perser, die sich fortwährend beschwerten, dass diese uneinnehmbare Festung eigens zu dem Zwecke errichtet sei, den Frieden zwischen den beiden Reichen vorsätzlich zu verletzen.

DIE KASPISCHEN ODER IBERISCHEN PFORTEN

Die Länder von Kolchos, Iberien und Albanien zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer werden von den Ausläufern des Kaukasus in allen Richtungen durchschnitten; und die beiden wichtigsten Pässe oder Pforten in Nord-Süd-Richtung werden von den Geographen der Antike und der Gegenwart beständig verwechselt. Der Name kaspische oder albanische Pforte geht zu Recht an Derbend Über die Stadt und den Pass Derband lese man d'Herbelot, (Bibliot. Orient. p. 157, 291, 807); Petit de la Croix. (Hist. de Gengiscan, 4,9); Histoire Genealogique des Tatars (Band 1, p. 120) Adam Olearius (Voyage en Perse, p. 1039 – 1041) und Corneille le Bruyn, (Voyages, Band 1, p. 146, 147). Man sollte seine Ansicht mit dem Plan des Olearius vergleichen, welcher sich vorstellt, dass die Mauern aus Muscheln und Kies erbaut seien, die sich im Laufe der Zeit verfestigt hätten., welche auf einem kleine Abhang zwischen Gebirge und Meer liegt; wenn wir der lokalen Überlieferung denn trauen dürfen, waren Griechen die Gründer dieser Stadt; und dieser gefährdete Zugang wurde auf Veranlassung des Großkönigs mit einer Doppelmauer und Eisentoren gesichert. Die iberische Pforte Prokop nennt sie fortwährend, aber nicht ganz irrtumsfrei, die kaspische Pforte (Persic. 1,10). Der Pass wird heute Tatartopa genannt, der Tataren-Pass (d'Anville, Geographie Ancienne, Band 2, p. 119, 120.) ist eine sechs Meilen lange, enge Passage durch den Kaukasus, welche von der Nordseite Iberiens oder Georgiens eine Verbindung herstellt zu der Ebene, die sich bis zur Tanais und Wolga erstreckt. Eine Festung, die Alexander oder einer seiner Nachfolger hatten errichten lassen, um die Kontrolle über diesen wichtigen Pass zu gewinnen, befand sich als Kriegsbeute oder Erbteil in den Händen eines Hunnenherrschers, der sie dem Kaiser zu einem maßvollen Preis zum Kauf anbot; aber während Anastasius die Verhandlung unterbrach, um furchtsamen Herzens die Kosten und die Entfernung zu überschlagen, mischte sich ein wachsamerer Mitbewerber ein, und bald hatte Cabades die Pässe des Kaukasus gewaltsam an sich gerissen.

Die albanische und iberische Pforte waren für die skythischen Reiter die Zugänge zu den kürzesten und bequemsten Heerwegen, und die ganze Gebirgsfront war abgeschirmt durch den Wall des Gog und Magog, jene große Anlage, die die Neugierde eines arabischen Kalifen Die virtuelle Wallanlage des Gog und Magog, die ein Kalif des IX Jhdts. ganz ernsthaft erforscht und geglaubt hatte, scheint den Toren des Kaukasus oder einer unbestimmten Kunde von der chinesischen Mauer entsprungen zu sein. (Geograph. Nubiensis, p. 267-270. Memoires de l'Academie, Band 31, p. 210 – 219.) und eines russischen Eroberers Man sehe die gelehrte Abhandlung von Baier, de muro Caucaseo, in Commentar. Academ. Petropol anno 1726, Band 1, p. 425-463); es fehlt allerdings eine Landkarte oder ein Grundriss. Als Zar Peter I. 1722 die Herrschaft über Derbend antrat, wurde die Größe des Walles gemessen mit 3285 russischen Orgyae oder Faden, was beides sieben englischen Fuß entspricht; insgesamt also etwas mehr als vier Meilen Länge. erregt hatte. Folgt man einer jüngst veröffentlichten Beschreibung, dann sind gewaltige Steine von sieben Fuß Dicke und einundzwanzig Fuß Höhe bzw Länge ohne Eisenbänder oder Zement miteinander verfugt und bilden einen Wall, der mehr als dreihundert Meilen von der Küste bei Derbend über die Berge und durch die Täler von Dagesthan und Georgien verläuft. War dieses Werk ohne weitreichende Absicht geschehen, so dürfte sie auf die Politik des Cabades zurückzuführen sein; war sie ohne wundertätige Hilfe geschehen, so hat sie sein Sohn vollbracht, der den Römern unter dem Namen Chosroes so fürchterlich und den Orientalen unter der Benennung Nushirwan so lieb geworden ist. So hielt denn der persische König den Schlüssel zu Krieg und Frieden in seinen Händen; aber in jedem Vertrag bedingte er sich aus, dass sich Justinian an den Kosten der gemeinsamen Grenze beteiligen möge, die die beiden Reiche in gleicher Weise von den Überfällen der Skythen schützte Über die Befestigungen und Abhandlungen des Chosroes oder Nushirwan siehe Procopius (Persic. 1,16, 22) und d'Herbelot, (p. 682.).

DIE SCHULE VON ATHEN WIRD VERBOTEN

VII. Justinian löste die Schule von Athen und die Institution des römischen Konsulates auf, die der Menschheit so viele Weise und so viele Helden geschenkt hatten. Beide Einrichtungen hatten vieles von ihrem ursprünglichen Glanz verloren; dennoch verdienen die Habgier und die Eifersucht eines Herrschers zu Recht einigen Tadel, der diese beiden ehrwürdigen Ruinen völlig eingerissen hatte.

Nach dem Sieg über die Perser übernahm Athen die Ionische Naturphilosophie und die Rhetorik Siziliens; und diese Studien wurden das erbliche Eigentum einer Stadt, deren Einwohner, etwa dreißigtausend Männer, im Laufe eines einzigen Menschenlebens das Genie von Generationen und Millionen verdichteten. Unsere Auffassung vom Menschenadel erhöht sich allein bei dem schlichten Gedanken, dass Isokrates Isokrates lebte vom 1. Jahr der 86. Olympiade bis zum 3. Jahr der 110 Olympiade (436 – 338 v.Chr.). Siehe Dionys. Halicarn. Band 2, p. 149f.; Plutarch (sive anonymus) in Vit. X. Oratorum, p. 1538 – 1543). ein Zeitgenosse Platos und Xenophons gewesen ist; dass er, vielleicht mit der Unterstützung des Historikers Thukydides, die Uraufführung des Ödipus von Sophokles oder der Iphigenie des Euripides ermöglichte; dass seine Schüler Aischines und Demosthenes um die Krone für Patriotismus rangen, dies in Anwesenheit von Aristoteles, dessen Schüler Theophrastos in Athen zusammen mit den Begründern der stoischen und epikureischen Philosophenschule lehrte Die Schulen von Athen werden von Meursius umständlich, aber in gdrängter Kürze dargestellt (Fortuna Attica, c.8, p. 59 – 73, Band 1. Opp.) Den Zustand der Stadt und ihrer Künste sehe man das erste Buch von Pausanias und eine Abhandlung von Dicaearchus im 2. Band von Hudson, Geograph. Minores, welcher um die 117 Olympiade schrieb. (Dodwells Dissertia sect. 4).. Die hochbegabte Jugend Athens genoss der Vorteile ihrer heimischen Erziehung, an der man ohne Neid die rivalisierenden Städte teilhaben ließ. Zweitausend Schüler hörten Vorlesungen des Theophrast Diogen Laert. de Vit. Philosoph. 5, segm. 37, p. 289.; die Rhetorenschulen müssen noch stärker besucht worden sein als die der Philosophen; und viele rasch aufeinander folgende Studentengenerationen verbreiteten den Ruhm ihrer Lehrer bis in den äußersten Winkel, wo überall die griechische Sprache und der griechische Name etwa bekannt sein mochten. Diese Grenzen wurden durch Alexanders Siegeslauf noch erweitert; die Kultur Athens überlebte seine Freiheit und sein Reich; die griechischen Kolonien, die die Makedonier in Ägypten gründeten und über Asien verstreuten, unternahmen lange und häufige Wanderungen, um die Musen in ihren Lieblingstempeln am Ilissos zu verehren. Die Sieger aus Latium hörten voller Respekt auf die Instruktionen ihrer Untertanen und Kriegsgefangenen; die Namen Cicero und Horaz fand sich eingetragen auf den Schullisten Athens; und nach der endgültigen Etablierung des Römischen Reiches tauschten sich die Eingeborenen Italiens, Afrikas oder Britanniens in den Hainen der Akademie mit ihren Kommilitonen aus den östlichen Provinzen aus.

Das Studium der Philosophie und der Beredsamkeit fügt sich vorzüglich zu einem volkreichen Staat, der die Freiheit des Denkens fördert und der sich nur der Kraft der Gründe unterwirft. In Griechenland und Rom war die Kunst der Rede die Triebfeder des Patriotismus und des Ehrgeizes; und so ergoss sich aus der Schule der Beredsamkeit ein beständiger Strom von Politikern und Gesetzgebern. Ist die Freiheit der öffentlichen Rede unterdrückt, so mag der Redner in dem ehrbaren Beruf des Advokaten sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen; er mag seine Talente auch zu dem einträglicheren Gewerbe des Panegyrikers einsetzen; genauso fuhr derselbe Lehrer fort, die phantasievollen Deklamationen der Sophisten und die reinlichen Schönheiten historischer Reden vorzutragen. Die Systeme, die sich anheischig machten, die Natur Gottes, des Menschen und des Universums darzulegen, gaben der Neugier des philosophisch veranlagten Studenten Nahrung; und entsprechend seiner Neigung mochte er mit Skeptikern zweifeln oder mit den Stoikern entscheiden, mit Plato spekulieren oder mit Aristoteles ernsthaft schlussfolgern. Der Stolz der rivalisierenden Schulen waren unerreichbare Standards von Moral und Glück; aber der Wettbewerb war heilsam und ehrenhaft; sie Schüler Zenos und sogar noch die des Epikur lernten zu handeln und zu erleiden; und der Tod des Petronius war nicht weniger als der von Seneca geeignet, einen Tyrannen zu demütigen, da er seine Ohnmacht entdeckte.

Das Licht der Wissenschaft konnte naturgemäß nicht nur in Athen leuchten. Ihre unvergleichlichen Autoren wandten sich an die ganze Menschheit; ihre Meister wanderten noch zu ihren Lebzeiten nach Italien oder Asien aus; so widmete man sich in Berytus in späterer Zeit dem Studium der Rechte; Astronomie und Physik wurden in Alexandria betrieben; aber die Rhetoren- und Philosophenschulen von Athen behielten vom Ende des Peloponnesischen Krieges bis in die Zeiten Justinians ihren überragenden Einfluss. Athen lag zwar auf einem unfruchtbaren Boden, besaß aber reine Luft, frei Schifffahrt und Denkmäler vergangener Kunst. Nur selten wurde dieser stille Winkel durch den Lärm der politischen oder Handelsgeschäfte aufgestört; und noch der letzte Athener zeichnete sich aus durch lebhaften Witz, ein unverdorbenes Geschmacksurteil, korrekte Sprache, soziale Kompetenz und – zumindest im Diskurs- Restbestände vom Genie seiner Vorfahren. In den Vororten der Stadt wurden die Akademie Platos, das Lyceum der Peripatiker, der Portico der Stoiker, und der Garten des Epikur mit Bäumen und Denkmälern ausgeschmückt; und die Philosophen selbst verkrochen sich nicht hinter Klostermauern, sondern unterwiesen ihre Schüler auf langen und genussreichen Spaziergängen, welche zu ihren Stunden der Stärkung von Geist und Körper gewidmet waren. Noch fand sich der Genius der Gründer in jenen ehrbaren Stätten; durchaus war der Ehrgeiz lebendig, den Meistern der menschlichen Vernunft nachzufolgen; und wenn ein Stuhl verwaist stand, entschied die freie Wahl eines aufgeklärten Volkes über die Verdienste der Kandidaten.

Bezahlt wurden die Lehrer zu Athen vom Geld ihrer Schüler; entsprechend ihren Ansprüchen und Fähigkeiten scheint die Entlohnung sich zwischen einer Mine und einem Talent bewegt zu haben; und Isokrates selbst, der sich doch über die Habgier der Sophisten mokiert, verlangte in seiner eigenen Schule für Rhetorik von jedem seiner hundert Schüler etwa dreißig Pfund. Belohnung für Fleiß ist gerechtfertigt und hat nichts Unehrenhaftes, und doch vergoss der nämliche Isokrates Tränen, als er zum ersten Male ein solches Schulgeld empfing; der Stoiker mochte darüber erröten, wenn er gegen Bezahlung von der Verächtlichkeit des Geldes sprach; und ich selbst würde nur ungern davon hören müssen, dass Aristoteles und Plato sich vom Vorbild des Sokrates entfernt und Wissen gegen Gold getauscht hätten. Aber ein gewisser Immobilienbesitz konnte in Übereinstimmung mit dem Gesetz erworben werden, ebenso einige Legate und Schenkungen verstorbener Freunde der Philosophen auf dem Lehrstuhl zu Athen. Epikur hinterließ seinen Schülern die Gärten, die er zum Preis von achtzig Minen oder zweihundertundfünfzig Pfund erworben hatte, wozu noch ein Stiftungsvermögen kam, dass ihnen ein frugales Auskommen und ihre monatlichen Feiern sicherstellte Siehe das Testament des Epikur bei Diogenes Laertius 10, segm, 16 – 20, p. 611f. Ein einziger Brief (Cicero ad Fam. 13,1) enthüllt uns die Ungerechtigkeit des Areopag, die Treue der Epikureer, die glatte Höflichkeit eines Cicero und die Gemengelage aus Verachtung und Wertschätzung, die die römischen Senatoren für griechische Philosophie und Philosophen aufbrachten.; und Platos Erbschaft warf eine jährliche Rendite ab, die in achthundert Jahren allmählich von drei auf eintausend Goldstücke anwuchs Damascius, in Vit. Isidor. apud Photium, cod. 262, p. 1054..

Die weisesten und tüchtigsten Herrscher Roms hielten über die Schule von Athen ihre schützende Hand. Die Bibliothek, die Hadrian gestiftet hatte, war in einem Portico untergebracht, welcher mit Gemälden, Statuen und einem weißen Dach aus Alabaster ausgeschmückt war und der von einhundert Säulen aus phrygischem Marmor getragen wurde. Das großherzige Gemüt der Antonine stellte eine Besoldung aus der Staatskasse sicher; und so erhielt jeder Dozent für Politik, Rhetorik, platonische, peripatetische, stoische und epikureische Philosophie ein jährliches Salär von zehntausend Drachmen, was mehr als dreihundert Pfund ist Siehe Lucian (in Eunuch. Band 2, p. 350 – 359, edit. Reitz); Philostratus (in Vit. Sophist. 2,2) und Dion Cassius, oder Xiphilin, (71, p. 1195mit ihren Herausgebern Du Soul, Olearius und Reimar und vor allen Salmasius, (ad Hist. August. p. 72). Ein scharfsinniger Denker (Adam Smith, Wealth of Nations, Band 2, p. 340 – 374) zieht die freiwilligen Abgaben der Studenten einem festen Lehrergehalt vor.. Nach dem Tod von Marcus Aurelius wurde diese großherzige Überlassungen an den Thron der Wissenschaft abgeschafft, erneut eingeführt, gekürzt oder erhöht; auch unter den Nachfolgern des Konstantin finden sich Andeutungen von königlicher Freigebigkeit; wenn sie gelegentlich einen unwürdigen Kandidaten bestimmten, mochten die Philosophen Athens mit Bedauern an die Tage der Unabhängigkeit und Kargheit zurückdenken Brucker, Hist. Crit. Philosoph. Band 2, p. 310. Es ist bemerkenswert, dass die Antonine ihre Gunst den vier konkurrierenden Philosophenschulen widmeten, die sie als gleich nützlich oder vielleicht auch nur als gleich harmlos schätzten. Früher hatte Sokrates seinem Land Ruhm und Vorwürfe eingebracht; und die ersten Lehrstunden der Epikureer waren den frommen Ohren der Athener ein solcher Skandal, dass sie nur durch seine und seiner Gegner Exilierung jede fernere Diskussion über die Natur der Götter zum Schweigen zu bringen vermeinten. Aber schon im folgenden Jahr hoben sie ihren vorschnellen Beschluss auf, erteilten der Schule Lehrfreiheit und hielten sich, bestätigt durch die Erfahrung von Generationen, überzeugt davon, dass der moralische Charakter eines Philosophen unter der Vielfalt theologischer Debatten keinen Schaden nehmen kann Das Geburtsjahr des Epikur wird auf das Jahr 342 (Olympiade 109,3) gelegt; und seine Schule in Athen wurde in der Olympiade 118,3 (306) eröffnet. Das genannte intolerante Gesetz (Athenaeus, 13, p. 610); Diogenes Laertius (5, s. 38. p. 290); Julius Pollux (9.5) wurde im selben oder folgenden Jahr erlassen (Sigonius, Opp. Band 5, p. 62. Menagius ad Diogen. Laert. p. 204. Corsini, Fasti Attici, Band 4, p. 67, 68.). Theophrastos, der Vorsitzende der Schule der Peripatetiker und Schüler des Aristoteles, wurde aufgrund desselben Gesetzes ins Exil geschickt..

DAS CHRISTENTUM BESCHLEUNIGT IHREN UNTERGANG

Die gotischen Horden wirkten sich auf die Schulen von Athen weniger verheerend aus als der Sieg der neuen Religion, deren Diener den Gebrauch der Vernunft absetzten, jedes Problem mit einem Glaubensartikel lösten und den Ungläubigen oder Skeptiker den ewigen Flammen überantworteten. In zahlreichen dickleibigen Schriften legten sie die Unzulänglichkeit menschlichen Erkennens dar, die Verderbnis seines Herzens, beleidigten die Weisen der Vorzeit, meinten damit die Menschennatur und brachen den Stab über jedes philosophische Bemühen, das jedweder Doktrin oder doch wenigstens dem Gemüt des schlichten Gläubigen entgegengesetzt ist. Die noch existierende Sekte von Platonikern, die ernst zu nehmen Plato sich geschämt hätte, ersann eine geheimnisvolle Theorie, in der sich Aberglauben und praktizierte Magie vereinten; und da sie inmitten der Christenheit isoliert blieben, hegten sie heimliche Bitternis gegen die Kirchenfürsten und Staatenlenker, deren Strenge sie noch nicht zu spüren hatten.

Etwa hundert Jahre nach dem Tod Julians Diese Zeitrechnung beruht nicht auf Phantasie: die Heiden zählen die Jahre ihres Jammers seit dem Tode ihres Helden. Proklos, dessen Geburtstag mit Hilfe seines Horoskops berechnet werden kann (8.II.412, Konstantinopel) starb 124 Jahr nach Julians Regentschaft, also A.D. 485. (Marin. in Vita Procli 36.) war Proclos Marinus, Das Leben des Proclus wurde von Fabricius 1700 in Hamburg herausgegeben, et ad calcem Bibliot. Latin. Lond. 1703. Siehe Suidas, (Band3, p. 185f.); Fabricius, (Bibliot. Graec. 5,26 p. 449 – 552,) und Brucker, (Hist. Crit. Philosoph. Band 2, p. 319 – 326) Lehrer und zugleich Vorsitzender der Akademie, und derart ergiebig war sein Fleiß, dass er bis zu fünf Mal am Tage Stunde hielt und zugleich siebenhundert Zeilen zu Papier brachte. Sein scharfsinniger Geist lotete die tiefsten Fragen der Moral und Metaphysik aus, und er wagte es, achtzehn Argumente gegen die christliche Schöpfungsdoktrin ersinnen. In den Pausen zwischen seinen Studien pflegte er persönlichen Umgang mit Pan, Aeskulap, und Minerva, in deren Mysterien er heimlich initiiert war und deren gestürzte Standbilder er anbetete; dies geschah in der Überzeugung, dass ein Philosoph, der zugleich Weltbürger ist, auch der Priester seiner verschiedenen Götter sein sollte. Eine Sonnenfinsternis kündigte von seinem bevorstehen den Ende; und sein Leben liefert zusammen mit dem seines Schülers Isidor Das Leben Isidors wurde von Damascius beschrieben (apud Photium, sod 262 p. 1028 – 107). Siehe auch zu den letzten Jahren der heidnischen Philosophie Bruckner, Band 2, p-.341-351. – zwei ihrer gelehrtesten Adepten haben Biographien hinterlassen – ein bejammernswertes Bild von der zweiten Kindheit der menschlichen Vernunft.

Aber die goldene Kette der Nachfolger Platos, wie man sie trefflich genannt hatte, gab es noch vierundvierzig Jahre nach Proklos' Tod bis zu jenem Edikt Justinians Die Unterdrückung der Schule von Athen wird von Johannes Malala beschrieben (Band 2, p. 187, sub Decio Cos. Sol) und in einer anonymen vatikanischen Chronik (bei Alemann. p. 106)., das der Schule von Athen ewiges Schweigen gebot und das die wenigen verbliebenen Bekenner griechischer Wissenschaft und Aberglaubens empörte und betrübte. Sieben Freunde und Philosophen, Diogenes und Hermias, Eulalius und Priscian, Damascius, Isidor und Simplicius, die die Religion ihres Souveräns nicht teilten, entschlossen sich, im Ausland die Freiheit zu suchen, die ihnen in ihrem Heimatland verwehrt wurde. Sie hatten davon gehört und mit einer gewissen Arglosigkeit des Herzens geglaubt, dass in der persischen Despotie eine platonische Republik errichtet werde und ein patriotischer König über die glücklichsten und tugendreichsten Völker herrsche. Aber schon bald machten sie zu ihrem Erstaunen die banale Entdeckung, dass Persien sich in nichts von den anderen Nationen dieser Welt unterschied; dass Chosroes, der den Namen Philosoph für sich in Anspruch nahm, eitel, grausam und anmaßend war; dass die Magi in erster Linie bigott und intolerant waren; dass der Adel borniert, die Höflinge servil und die Magistrate korrupt waren; dass die Schuldigen fast immer entkamen und die Unschuldigen fast immer bestraft wurden.

Die Enttäuschung machte die Athener blind für die wirklichen Tugenden der Perser; besonders empörten sie sich – vermutlich mehr, als sie zu erkennen gaben – über die Vielweiberei, inzestuöse Eheschließungen und den Brauch, menschliche Leichen den Hunden und Geiern zum Fraß vorzuwerfen anstelle sie zu begraben oder zu verbrennen. Ihren Abscheu bekundeten sie durch eine überstürzte Abreise, und sie erklärten für jeden vernehmlich, dass sie eher im elenden Winkel an den Grenzen des Reiches verderben wollten, als von diesen Barbaren Geld oder Gunst zu empfangen. Indessen, sie brachten von dieser Reise ein Andenken mit, das den wahren Charakter Chosroes im hellsten Licht erstrahlen lässt. Er forderte, dass die sieben Weisen, die den persischen Königshof besucht hatten, von den Strafgesetzen ausgenommen sein sollten, die Justinian gegen alle seine heidnischen Untertanen in Umlauf gebracht hatte; und diese Forderung, die sogar ausdrückliche Bedingung eines Friedensvertrages war, wurde durch die Wachsamkeit eines einflussreichen Vermittlers Agathias (2, p. 69-71) erzählt diese schnurrige Geschichte. Chosroes bestieg 531 den Thron und schloss 533 zum ersten Male mit den Römern Frieden, welches Datum gut zu seinem noch jungen Ruhm und Isidors hohem Alter passt. (Asseman. Bibliot. Orient, Band 3, p. 404; Pagi, Band 2 p. 543, 550). durchgesetzt.

Simplicius und seine Freunde starben in Frieden und Vergessenheit; und da sie keine Schüler hinterließen, beschließen sie die lange Liste der griechischen Philosophen, die man, ihrer Fehler ungeachtet, als die weisesten und tugendhaftesten Männer ihrer Zeit bezeichnen darf Cassiodor. Variarum Epist. 6,1. Jordanes, c. 57, p. 696, edit. Grot. »Quod summum bonum primumque in mundo decus dicitur.« (Dass das höchste und erste Gut in der Welt sittliche Würde genannt wurde.). Die Schriften des Simplicius sind auf uns gekommen. Seine Kommentare zu den physikalischen und metaphysischen Schriften des Aristoteles entsprechen dem Zeitgeschmack und sind verloren; aber seine moralphilosophischen Erörterungen zu Epiktet gehören als Klassiker zur Weltliteratur, denn sie sind hervorragend geeignet, den Willen zu stärken, das Herz zu erheben und das Verständnis von Gott und Mensch zu festigen.

DAS ENDE DES RÖMISCHEN KONSULATS

Etwa um die Zeit, als die ersten Pythagoreer sich den Titel Philosoph ersannen, begründete in Rom der ältere Brutus die Freiheit und das Konsulat. Der Wandlungen des konsularischen Amtes, das man sich nacheinander als Wensenheit, als Schatten und als bloßen Namen vorstellen mag, wurden im Laufe unserer Darstellung verschiedentlich Erwähnung getan. Die ersten Magistrate wurden von Volk gewählt, um die Friedens- und Kriegskräfte zu stärken, die in späteren Zeiten den Kaisern übertragen wurden. Die althergebrachte Würde des Amtes ward von Römern und Barbaren noch lange in Ehren gehalten. Ein gotischer Historiker nennt das Konsulat von Theoderich den Höhepunkt aller weltlichen Ehren Siehe hierzu die Verordnung Justinians (Novell. 105), gegeben am 5. Juli zu Konstantinopel und adressiert an Strategius, des Reiches Schatzmeister.; der König von Italien seinerseits rühmt die jährlichen Glückskinder, welche die Freuden des Thrones ohne dessen Lasten genießen durften; am Ende von eintausend Jahren richteten die Herrscher von Rom und Konstantinopel sogar zwei Konsulate ein, einzig zu dem Zweck, das Jahr zu benennen und dem Volk einen Grund zum Feiern zu geben. Aber die Kosten dieser Festivitäten, in denen die Reichen und die Eitlen ihre Vorgänger zu übertreffen suchten, erhöhten sich allgemach zu der ungeheuerlichen Summe von vierzigtausend Pfund; die klügeren unter den Senatoren suchten sich dem Amt zu entziehen, das ihre Familien unweigerlich in den Ruin gestürzt hätte; ich würde die häufigen Lücken in den konsularischen fasti auf Rechnung dieser Weigerungen setzen.

Die Vorgänger Justinians griffen den weniger begüterten Kandidaten mit öffentlichen Mitteln unter die Arme; der Geiz des letztgenannten Herrschers zog wohlfeilere Methoden vor. Auf sieben begrenzte er in einem Erlass die Anzahl der Pferde- und der Wagenrennen, der Kampfsportveranstaltungen, der Musikaufführungen und Pantomimen und der Tierhetzen; und in aller Stille ersetzten silberne Münzen die Goldmünzen, welche, wenn sie von freigebiger Hand unter das Volk geworfen wurden, regelmäßig zu Krawall und Trunkenheit Anlass gaben. Dieser Vorsichtsmaßnahmen und seines eigenen Vorbildes ungeachtet erlosch dieses Institut im dreizehnten Regierungsjahr Justinians, dessen auf Alleinherrschaft gerichtetes Gemüt heimliche Genugtuung empfunden haben mochte beim Untergang eines Amtes, das die Römer beständig an ihre verlorene Freiheit erinnerte Prokopios, in Anecdotis 26. Aleman. P 106. Im achtzehnten Jahr nach dem Konsulat des Basilius wurde nach den Berechnungen des Marcellinus, Victor, Mauris &c die Geheimgeschichte verfasst und nach Ansicht Prokops das Konsulat endgültig abgeschafft.. Dennoch lebte das jährliche Konsulat im Gedächtnis des Volkes fort; mit Ungeduld warteten sie auf seine baldige Wiederherstellung; sie sparten nicht mit Beifall, als die nachfolgenden Herrscher in ihren ersten Regierungsjahren gnädig ein solches Unterfangen gestatteten; und noch drei Jahrhunderte mussten nach Justinians Tod vergehen, bis diese obsolete Würde, die schon längst vergessen war, auch von Gesetzes wegen abgeschafft wurde Durch Leo, den Philosophen (Novell. 94. A.D. 886-911). Siehe Pagi (Dissertat. Hypatica, p. 325 – 362) und Ducange, (Gloss. Graece p. 1635, 1636). Sogar der Titel wurde herabgewürdigt: »consulatus codicilli ...vilescunt«, (Die Konsulatspatente...verlieren an Wert) sagt der Kaiser selber.. Die unbehilfliche Art, ein Jahr nach dem Namen seiner obersten Magistrate zu benennen, wurde ersetzt durch den Bezug auf ein Datum, das für die Ewigkeit stand: der Erschaffung der Welt, so wie sie in der Septuaginta geschildert wurde, bildete für die Griechen den Ausgangspunkt ihrer Zählung Folgt man Julius Afranius u.a., dann wurde die Welt am 1 September, 5508 Jahre, drei Monate und 25 Tage vor der Geburt Christi erschaffen (See Pezron, Antiquite des Temps defendue, p. 20 – 28); und diese Zählung wurde benutzt von den Griechen, den Christen im Ostreich, und selbst noch von den Russen bis zur Zeit von Peter I. Wie strittig sie auch sein mag, die Zählung ist eindeutig und handlich. Von den 7296 Jahren, die seit der Schöpfung vergangen sind, wären dann 3000 Jahre Dunkelheit und Unwissenheit; 2000 in mystisches Dunkel gehüllt; 1000 wären Geschichte des Altertums, beginnend mit dem Perserreich, Athen und Rom; 1000 vom Untergang des Römischen Reiches bis zur Entdeckung Amerikas; und die verbleibenden 296 sind dann fast drei Jahrhunderte europäische Staatengeschichte. Es ist schade, dass diese Chronologie außer Gebrauch gekommen ist, die doch so deutliche Vorzüge vor unserer doppelten, verwirrenden Vorwärts- und Rückwärtszählung hat.; und die Römer rechneten seit den Zeiten von Karl dem Großen in Jahren seit Christi Geburt Im Osten war ab dem sechsten allgemeinen Konzil (A.D. 681) die Zeitzählung seit der Schöpfung maßgebend. Im Westen verfiel man auf die christliche Zählung zuerst im VI Jhdt. Der Beda Venerabilis schrieb und eiferte für sie im VIII Jhdt. Aber erst im X. Jhdt. wurde sie allgemein üblich und erlangte schließlich Gesetzeskraft. Siehe l'Art de Veriner les Dates, Dissert. Preliminaire, p. iii. xii. Dictionnaire Diplomatique, tom. i. p. 329 – 337, das Werk einer fleißigen Gesellschaft von Benediktinermönchen..








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