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Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 38

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 38 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches - 5. Band - Kapitel 38
publisherprojekt.gutenberg.de
year2013
firstpub2013
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20130214
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 5. Band – Kapitel 38

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XXXVIII

REGIERUNG UND BEKEHRUNG DES CHLODWIG · SEINE SIEGE ÜBER DIE ALAMANNEN, BURGUNDER UND WESTGOTEN · DIE FRANZÖSISCHE MONARCHIE WIRD IN GALLIEN ETABLIERT · DIE GESETZGEBUNG DER BARBAREN · DIE WESTGOTEN IN SPANIEN · BRITANNIEN VON DEN SACHSEN EROBERT DIE ARTHUSSAGE

DIE LAGE GALLIENS

Den Galliern In diesem Kapitel werde ich überwiegend aus den Recueil des Historiens des Gaules et de la France zitieren. Der Fleiß von Dom Bouquet und anderen Benediktinern hat sämtliche verfügbaren Originaldokumente bis zum Jahr 1060 chronologisch geordnet und mit gelehrten Fußnoten versehen. Ein solches nationales Unternehmen, das bis auf das Jahr 1500 fortgeführt werden sollte, stände auch uns trefflich an., die das römische Joch nur murrend getragen hatten, wurde von einem der Generäle des Vespasian eine unvergessene Lehre zuteil, dessen inhaltsschweren Sinn das Genie eines Tacitus in veredelter Form zum Ausdruck gebracht hat Tacitus, Historien 4, 73 und 74. Es mag in der Tat verwegen erscheinen, die Gedanken eines Tacitus nur in verkürzter Form mitzuteilen¸ aber es liegt mir daran, die allgemeinen Ansichten darzustellen, welche sich auf den gegenwärtigen und zukünftigen Zustand von Gallien beziehen.: »Der Schutz durch die Republik hat Gallien von seinen internen Auseinandersetzungen und vor äußeren Feinden bewahrt. Ihr habt den Verlust eurer nationalen Selbständigkeit gegen den Namen und die Vorrechte von Römischen Bürgern eingetauscht. Zusammen mit uns genießt ihr der dauerhaften Segnungen einer zivilen Verwaltung; und infolge eurer abgeschiedenen Lage seid ihr nur noch wenig den Zufälligkeiten der Tyrannei ausgesetzt. Anstelle nun das Recht der Sieger an euch zu exekutieren, gaben wir uns damit zufrieden, euch solche Tribute aufzuerlegen, die für euer eigenes Wohlergehen erforderlich sind. Ohne Waffen ist Frieden unmöglich; und Waffen müssen nun einmal durch das Volk bezahlt werden. Für euch, nicht für uns schirmen wir den Rhein gegen den Übermut der Germanen, die schon so oft versucht haben und auch künftig versuchen werden, die Einsamkeit ihrer Wälder und Sümpfe mit dem Wohlstand und der Fruchtbarkeit Galliens zu vertauschen. Roms Untergang wäre für die Provinzen tödlich; und euch selbst würden die Trümmern dieses gewaltigen Gebäudes erschlagen, das die Staatsklugheit von achthundert Jahren errichtet hat. Eure eingebildete Freiheit würde von einem unfügsamen Herrscher beleidigt und unterdrückt werden; und auf die Vertreibung der Römer würde ewige Feindschaft mit den barbarischen Eroberern folgen Tacitus, Historien 4, 73f.: »Eadem semper causa Germanis transcendendi in Gallias, libido atque avaritia, et mutandae sedis amor; ut relictis paludibus et solitudinibus suis, fecundissimum hoc solum vosque ipsos possiderent...Nam pulsis Romanis quid aliud quam bella omnium inter se gentium exsistent?« (Die Germanen dringen immer aus denselben Gründen in Gallien ein: Begehrlichkeit, Habgier, Lust am Wechsel des Wohnsitzes, um nach der Aufgabe ihrer Sümpfe und Einöden diesen wertvollen Boden und euch selbst in Besitz zu nehmen;... Denn nach der Vertreibung der Götter – die die Götter verhüten mögen – was bleibt dann anderes als ein Krieg aller gegen alle?)

Dieser heilsame Rat wurde angenommen, und seine befremdlichen Vorhersagen erfüllten sich sämtlich. Innerhalb von vierhundert Jahren nach der Unterwerfung der kriegsgewohnten Gallier durch Caesars Armeen verschmolzen sie unmerklich zu einer graue Masse von Bürgern und Untertanen; das Westreich löste sich auf; und nach der Überquerung des Rheines durch die Germanen kämpften diese verbissen miteinander um den Besitz Galliens und erregten die Verachtung und das Entsetzen seiner friedliebenden und kultivierten Einwohner. Ausgestattet mit jenem Selbstbewusstsein, das ein hoher Bildungsgrad und üppiger Luxus seinen Besitzern nur selten einzuflößen verfehlen, machten sie sich über die rauhaarigen und hochgewachsenen Wilden aus dem Norden lustig, über ihr rustikales Auftreten, ihre grobkörnigen Späße und ihr das Auge und den Geruchssinn in gleicher Weise beleidigendes, grässliches Erscheinungsbild. Die freien Künste wurden nach wie vor in den Schulen von Autun und Bordeaux gepflegt; und auch die Sprache Ciceros und Vergils war der gallischen Jugend vertraut. Fremdartig klang ihren Ohren dagegen der raue und unbekannte Dialekt der Germanen, und auf geistvolle Weise beklagten sie, dass die Muse bebend und hastend die Harmonien der burgundischen Leier verlassen habe. Alle Vergünstigungen, die Kunst und Natur verschenken können, standen den Galliern zu Gebote; da es ihnen aber an Mut gebrach, sie auch zu verteidigen, waren sie zu Recht genötigt, den siegreichen Barbaren zu gehorchen, ja, ihnen sogar zu schmeicheln, deren Barmherzigkeit sie einen wenn auch nur ungesicherten Besitz ihres Vermögens und Lebens zu danken hatten Sidonius Apollinaris macht sich mit affektiertem Witz und allerlei Scherzen über die Misslichkeit dieser Situation lustig. (Carmina 12)..

EURICH KÖNIG DER WESTGOTEN A.D. 476 – 485

Sobald Odoaker das Reich im Westen aufgelöst hatte, suchte er um die Freundschaft der mächtigsten Barbaren nach. So überließ der neue Herr über Italien dem Westgotenkönig Eurich alle römischen Eroberungen jenseits der Alpen zwischen Rhein und Atlantik Siehe Prokopios, De bello Gothico 1,12. Die Gewissenhaftigkeit von Grothius bestimmt mich zu der Annahme, dass er Rhein für Rhone gesetzt hat, nicht ohne durch einige mss. dazu autorisiert worden zu sein. (Historia Gothorum p. 175); und der Senat durfte diese Schenkung mit ein paar Machtdemonstrationen und ohne einen tatsächlichen Verlust an Einkommen oder Landbesitz bestätigen. Die Berechtigung von Eurichs Ansprüchen gründete sich auf Erfolg und Ehrgeiz; und sogar auf die Herrschaft über Gallien und Spanien durften die Westgoten sich Hoffnungen machen. Arles und Marseilles ergaben sich Eurichs Waffen; die Auvergne ward niedergeworfen; und der Bischof erklärte sich bereit, seine Rückkehr aus dem Exil durch eine gerechtfertigte, wenn auch widerwillig erteilte Ehrung zu erkaufen.

Sidonius wartete vor den Palasttoren inmitten einer Menge von Gesandten und Bittstellern; und ihre unterschiedlichen Aufträge am Hof von Bordeaux bezeugten Ruhm und Macht des Westgotenkönigs. Die Heruler vom fernen Atlantik, die ihre nackten Körper mit dessen blauer Farbe bemalten, baten um seinen Schutz; und die Sachsen respektierten die Meeres-Provinzen eines Herrschers, der über keinerlei maritime Streitkräfte verfügte. Auch die hochgewachsenen Burgunder beugten sich ihm; und die gefangenen Franken entließ er erst, nachdem er diesem kriegerischen Volke einen Diktatfrieden auferlegt hatte. Die Vandalen Afrikas pflegten die für sie nützliche Freundschaft mit ihm; und noch die Ostgoten aus Pannonien erhielten von ihm schlagkräftige Hilfe gegen die Bedrängungen der benachbarten Hunnen. Der Norden (dies die erhabenen Töne der Dichtung) wurde durch einen Wink Eurichs aufgestört oder beschwichtigt; Persiens Großkönig befragte das Orakel des Westens; und die betagte Gottheit des Tibers wurde von dem emporstrebenden Genius der Garonne beschirmt Sidonius 8, Epistulae 3,0; Jordanes, Getica 47. Im gewissen Umfang bestätigt Jordanes dieses Portrait des gotischen Helden..

Oft genug hing das Schicksal von Nationen von Zufälligkeiten ab; und so mag Frankreich seine Größe auf den vorzeitigen Tod des Gotenkönigs zurückführen, welcher starb, als sein Sohn Alarich ein hilfloses Kleinkind und sein Gegner Chlodwig Ich verwende die bekannte Form Clovis (Chlodwig), abgeleitet vom lateinischen Chlodovechus oder Chlodovaeus. Das Ch gibt lediglich den germanischen Aspiration wieder, und der eigentliche Name bedeutet nichts anderes als »Luduin« oder »Lewis« (Ludwig). Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 20, 1755, p. 68. ein ehrsüchtiger und mutiger Jüngling war.

CHLODWIG KÖNIG DER FRANKEN A.D. 481 – 512

Während Childerich, der Vater Chlodwigs, im germanischen Exil lebte, fand er bei der Königin und dem König Thüringens freundliche Aufnahme. Nach seiner erneuten Thronbesteigung floh Basina aus dem Bette ihres Gatten in die Arme ihres Geliebten, indem sie frei heraus erklärte, wenn sie einen Mann, schöner, weiser oder stärker als Childerich kennen würde, dieser der Gegenstand ihrer Neigung werden solle Gregor von Tours 2,12. Aus Basina spricht die Natur: die Franken, die sie als Jugendliche gesehen hatten, mochten mit Gregor über sie sprechen, als sie im vorgerückten Alter war; und dem Bischof von Tours konnte nicht daran gelegen sein, die Gattin des ersten christlichen Königs zu diffamieren.. Die Frucht dieser freiwilligen Vereinigung war schließlich Chlodwig; er folgte nach dem Tode seines Vaters diesem im Alter von noch nicht fünfzehn Jahren auf den Thron des Salierstammes. Sein kleines Königreich Der Abbé Dubos (Histoirecritique, Band 1, p. 630-650) darf für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, die Grenzen des ursprünglichen Reiches von Chlodwig und die Zahl seiner Untertanen genau bestimmt zu haben. beschränkte sich auf die Insel der Batavier mit den antiken Diözesen Tournay und Arras »Ecclesiam incultam ac negligentia civium Paganorum praetermissam, veprium densitate oppletam, etc« (...die Kirche, verkommen und infolge der Gleichgültigkeit der heidnischen Bevölkerung zerfallen und völlig mit Dornengewächsen durchwuchert). Vita St. Vedasti, in: Historiens de la France, Band 3, p. 372. Diese Schilderung setzt voraus, dass noch viele Jahre vor der Taufe des Chlodwig Arras im Besitz der Heiden war.; und die Zahl seiner Krieger kann zur Zeit seiner Taufe die Fünftausend kaum überschritten haben. Die befreundeten Frankenstämme, die ihrerseits an den belgischen Flüssen siedelten, der Schelde, der Maas, der Mosel und dem Rhein, wurden von unabhängigen Gaukönigen aus dem Hause der Merowinger regiert; sie waren bisweilen gleichgestellte Verbündete des salischen Herrschers, mitunter auch seine Feinde.

Aber die Germanen, die in Friedenszeiten der erblichen Gerichtsbarkeit ihrer Könige unterstanden, besaßen auch die Freiheit, sich der Fahne eines volkstümlichen und siegreichen Generals anzuschließen; und so zogen Chlodwig überlegene Fähigkeiten den Respekt und die Ergebenheit der Verbündeten seines Volkes auf sich. Als er zum ersten Male zu Felde zog, hatte er weder Gold und Silber in seinen Truhen noch Wein und Korn in seinen Magazinen Gregor von Tours (2,12) stellt die Armut des Chlodwig dem Reichtum seiner Enkel gegenüber. Noch Remigius erwähnt sein paternas opes (väterliches Vermögen), das hinreichte, Kriegsgefangene auszulösen.; aber er eiferte dem Vorbild Caesars nach, welcher in demselben Lande Reichtum durch das Schwert erworben und Soldaten mit den Früchten seiner Siege an sich gezogen hatte. Nach jeder erfolgreichen Schlacht und jedem Feldzug wurde die gesamte Beute auf einen Haufen geworfen; jeder Krieger erhielt den ihm zustehenden Anteil und die königlichen Vorrechte mussten hinter dem militärischen Gleichheitsprinzip zurück treten.

Auch lernte das wildwüchsige Gemüt der Barbaren empirische den Vorteil einer straffen Disziplin zu würdigen Siehe Gregor von Tours 2,27 und 2,37. Die berühmte Geschichte mit der Vase von Soisson beleuchtet beides, die Macht und den Charakter des Chlodwig. Als Streitgegenstand wurde sie von Boulainvilliers, Dubos und anderen politischen Altertumskundlern auf befremdliche Weise verzerrt.. Bei der jährlichen Musterung im Monat März wurden ihre Waffen sorgfältig inspiziert; und wenn sie ein friedliches Land durchquerten, durfte nicht ein Grashalm geknickt werden. Chlodwigs Rechtsprechung war unerbittlich; und an gleichgültigen oder ungehorsamen Soldaten wurde unverzüglich die Todesstrafe exekutiert. Es wäre wohl überflüssig, den Mut eines Franken zu rühmen; aber der Mut des Chlodwig wurde zusätzlich durch kühle und vollendete Klugheit angeleitet Der Duke von Nivernois, ein Staatsmann von Adel, der bedeutende und heikle Verhandlungen geführt hat, beschreibt des politische System Chlodwigs auf geistreiche Weise. Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 20, 1755, p. 147-184.. Bei allen Geschäften wusste er Interessen, Leidenschaften und Meinungen genau abzuschätzen; und so wurden seine Maßregeln zuweilen durch das aufbrausende Temperament der Germanen bestimmt und dann wieder durch die mildere Wesensart der Römer und Christen beschwichtigt. Er wurde mitten auf seiner Siegesbahn zu Fall gebracht, denn er starb schon in seinem fünfundvierzigsten Jahr; aber in nur dreißig Jahren Herrschaft hatte er die fränkische Monarchie in Gallien gefestigt.

CHLODWIGS SIEG ÜBER SYAGRIUS

Den ersten Sieg errang Chlodwig über Syagrius, den Sohn des Aegidius; und es ist möglich, dass in diesem Falle ein privater Zwist den Krieg zwischen den Völkern verursacht hat. Der Ruhm seines Vaters war den Merowingern nach wie vor ein Ärgernis: die Vormachtstellung des Sohnes konnte da den eifersüchtigen Ehrgeiz des Frankenkönigs nur anstacheln. Syagrius hatte als väterliches Erbe Stadt und Diözese von Soisson erhalten: der heruntergekommene Rest von Belgien, Reims und Troyes, Beauvais und Amiens hätten sich naturgemäß diesem comes oder patricius unterstellt Herr Biet hat (in einer Anbhandlung, die ihm den Preis der Akademie von Soissons eingebracht hat) Lage und Natur des Königreiches des Syagrius und seines Vaters exakt nachgezeichnet (p. 178-226); aber die schwächlichen Beweise von Herrn Dubos, die er übernimmt (Histoire critique, Band 2, p. 54-57), reichen aus, ihm Beauvais und Amiens fortzunehmen.; und nach dem Untergang Westroms hätte er, versehen mit dem Titel oder doch wenigstens mit den Befugnissen eines römischen Königs, seine Herrschaft ausüben können Ich erlaube mir hier festzuhalten, dass Fredegarius in seinen Epitomen aus den Werken des Gregor von Tours (Historiens de la France, Band 2, p. 398) klüglich die Bezeichnung patricius für den unmöglichen Titel Rex Romanorum eingesetzt hat.. Als Römischer Bürger hatte er die freien Künste der Rhetorik und der Jurisprudenz studiert; aber aus verschiedenen privaten Gründen pflegte er auch das ihm wohlvertraute germanische Idiom. Die Barbaren trafen bei Gerichtsfällen auf einen Fremden, der die einzigartige Fähigkeit besaß, ihnen in ihrer Sprache die Notwendigkeit von Vernunftgründen und Billigkeit zu vermitteln. Die Leutseligkeit und Korrektheit ihres Richters machten ihn populär, der Weisheit seiner Urteile beugten sie sich aus freien Stücken, und so belebte sich unter der Herrschaft des Syagrius über die Burgunder und Franken erneut die herkömmliche Idee der bürgerlichen Gesellschaft Sidonius (5, Epistulae 5), der ihn den Solon und den Amphion der Barbaren nennt, begrüßt diesen sagenhaften König wie einen Freund und Gleichberechtigten. Mit Hilfe einer solchen Vermittlung hatte sich einst der listenreiche Deioces auf den Thron der Meder emporgeschwungen (Herodot 1, 96-100)..

Inmitten dieses friedlichen Tuns erhielt Syagrius Nachricht von Chlodwigs Ungehorsam und zeigte sich entschlossen, ihm kühn zu begegnen; dieser wiederum kam seinem Gegner an Geist und Sprache der Ritterlichkeit nahezu gleich und ließ ihm die Wahl von Ort und Zeitpunkt der Schlacht »Campum sibi praeparari jussit.« (Er gab die Anweisung, das Feld für ihn vorzubereiten) Herr Biet (p. 226-251) hat das Schlachtfeld mit viel Sorgfalt ausfindig gemacht, welches bei Nogent liegt, einer Benediktinerabtei zehn Meilen nördlich von Soissons. Der Boden war durch einen Ring mit heidnischen Gräbern gekennzeichnet; die umliegenden Länder, Leuilly und Coucy, schenkte Chlodwig der Kirche von Reims.. Zu den Zeiten Caesars hätte Soisson fünfzigtausend Reiter bereitgestellt; und diese Streitmacht wäre mit Schilden, Panzern und Kriegsmaschinen der drei städtischen Arsenale wohlversehen gewesen Siehe Caesar, Bellum Gallicum 2,4 und die Notitia dignitatum p. 126. Die drei Waffenmanufakturen von Soisson waren eine Scutaria, Balistaria und Clinabaria. Die letztgenannte war für die vollständige Ausrüstung der schweren Panzerreiter zuständig.. Aber mutige gallische Jugend gab es schon lange nicht mehr in genügender Zahl; und die paar ungeordneten Freiwilligen oder Söldner, die sich unter Syagrius Standarte versammelt hatten, waren denn doch nicht imstande, es mit dem versammelten Kampfkraft der Franken aufzunehmen. Es wäre armselig, ohne genauere Kenntnis seiner Mannschaftsstärke und Hilfsquellen Syagrius wegen seiner hastigen Flucht zu verurteilen, als er nach verlorener Schlacht zu der fernen Residenz in Toulouse entwich. Auch konnten Alarichs unterlegene Kräfte dem glückverlassenen Flüchtling weder Schutz noch Hilfe gewähren; die kleinherzigen Dieses Epitheton muss man im Kontext verstehen: die Geschichtsschreibung kann jedenfalls nicht der Auffassung Gregors (2,27) beitreten, »ut Gothorum pavere mos est.« (...dass Goten gemeinhin vor Angst beben.) Goten ließen sich von Chlodwigs Drohungen beeindrucken; und so ward der römische König nach kurzer Gefangenschaft dem Henker übergeben. Auch die Städte Belgiens kapitulierten vor dem König der Franken; und sein Herrschaftsbereich vergrößerte sich nach Osten durch die Übernahme der großen Diözese von Tongres; was im zehnten Jahre seiner Regentschaft geschah Dubos (Histoire critique, Band 1, p. 277-286) hat mich mit dem Hinweis beruhigt, dass Gregor von Tours, seine Kopisten oder seine Leser immer mal wieder das germanische Königreich Thuringia jenseits des Rheins mit der gallischen Stadt Tongria an der Mosel verwechselten, welches früher zum Lande der Eburonen und gegenwärtig zur Diözese von Lüttich gehört..

ALAMANNEN WERDEN BESIEGT UND UNTERWORFEN A.D. 496

Der Name der Alamannen hat man albernerweise von ihrem angeblichen Siedlungsgebiet, dem Lac Leman abgeleitet »Populi habitantes juxta ›Lemannum‹ lacum, ›Alemanni‹ dicuntur.« (Die in der Nähe des Genfer Sees siedelnden Völker werden Alamannen genannt) Servius zu Virgil. Georgica 4,278. Dom Bouquet (Band 1, p. 817) hat lediglich den späteren und verfälschten Text des Isidor von Sevilla angeführt.. Jenen gesegneten Landstrich zwischen dem See und dem Jura hatten vielmehr die Burgunder zu Eigen Gregor von Tours (Historiens de la France France Band 1, p. 648) schickt den heiligen Lupicinus »inter illa Iurensis deserti secreta, quae, inter Burgundiam Alamanniamque sita, Aventicae adiacent civitati.« (in jene abgelegenen und einsamen Siedlungsgebiete des Jura, zwischen Burgund und Alamannien gelegen, in der Nähe der civitas Aventica (Avenches)). Herr de Watteville hat die Grenzen der Alamannenherrschaft in Helvetien und des transjurassischen Burgund genau bestimmt. Sie decken sich mit den Diözesen von Konstanz und Lausanne und unterscheiden sich in der modernen Schweiz außerdem durch den Gebrauch der deutschen bzw. französischen Sprache.. Das nördliche Helvetien wurde in der Tat von den kriegerischen Alamannen unterworfen, die dann allerdings eigenhändig die Früchte ihrer Eroberung ruinierten. So wurde eine Provinz, vormals veredelt durch römische Kultur, erneut in einen archaischen Zustand zurückgeworfen; und ein paar Spuren des stattlichen Vindinossa kann man noch heute im fruchtbaren und dicht besiedelten Tal der Aar auffinden Siehe Guillimann, De rebus Helveticis, p. 11f. Auf dem Gebiet des antiken Vindinossa haben nacheinander ein Schloss der Habsburger, die Abtei Königsfeld und die Stadt Bruck gelegen. Der philosophisch veranlagte Reisende mag sich die Denkmäler der römischen Eroberung, der österreichischen Tyrannei, des mönchischen Aberglaubens und der bürgerlichen Fleißes beschauen. Ist er ein rechter Philosoph, dann wird er den verdienten Glücksumständen seiner eigenen Zeit seinen Beifall nicht versagen.. Von den Rheinquellen bis zum Zufluss von Mosel und Main beherrschten die grimmigen Horden der Alamannen beide Seiten des Flusses, sei es aufgrund alter Vorrechte oder neuerer Eroberungen. Bis nach Gallien, in die heutigen Provinzen von Elsass und Lothringen, hatten sie sich ausgebreitet; und ihre Invasion in das Königreich von Köln rief den Herrscher der Salier seinen ripuarischen Verbündeten zur Hilfe. Chlodwig trat den Eindringlingen auf der Ebene von Tolbia (Zülpich) entgegen, etwa vierundzwanzig Meilen von Köln entfernt; und da nun brachten sich die beiden mutigsten Stämme Germaniens gegenseitig in Kampfesstimmung durch die Erinnerung an frühere Siege und die Aussicht auf künftige Größe. Die Franken räumten nach hartnäckigem Kampf das Feld; die Alamannen stimmten das Siegesgeheul an und drängten ihnen ungestüm nach. Indessen, der Kampf wurde erneut aufgenommen infolge des persönlichen Mutes, des Auftretens und vielleicht auch wegen der Gottesfurcht Chlodwigs; und so entschied der blutige Tag für alle Zeiten über Herrschaft und Knechtschaft. Der letzte Alamannenkönig deckte das Feld, seine Leute wurden erschlagen oder verfolgt, bis sie endlich die Waffen fortwarfen und sich der Gnade des Siegers ergaben.

Ohne straffe Führung waren sie außerstande, sich auch nur zu sammeln; Mauern und Befestigungen, die ihnen im Notfall hätten nützlich sein können, hatten sie verachtungsvoll eingerissen; und so verfolgte sie ihr Feind noch bis in ihre eigenen Wälder und ging dabei nicht weniger energisch und furchtlos zu Werke wie sie selbst. Der große Theoderich beglückwünschte Chlodwig, dessen Schwester Albofleda der König von Italien erst kürzlich geheiratet hatte, zu seinem Sieg; aber mit gelindem Nachdruck legte er sich zusammen mit seinem Bruder für die Flüchtlinge und Bittsteller ins Mittel, die ihn um seinen Schutz angefleht hatten. Die gallischen Territorien im Besitze der Alamannen wurden zur Siegesbeute ihrer Bezwinger; und das stolze Volk, das Roms Waffen erfolgreich getrotzt hatte, unterwarf sich nun den merowingischen Königen, die ihnen gnädig gestatteten, an ihren Sitten und Einrichtungen festzuhalten, regiert zunächst von gleichsam amtlichen und später erblichen Herzögen. Nach der Eroberung der westlichen Provinzen waren die Franken Alleinherrscher jenseits des Rheins. Ein Volk nach dem anderen besiegten und kultivierten sie bis hin zur Elbe und den böhmischen Bergen; und solange Germanien gehorchte, war der Frieden in Europa gesichert Gregor von Tours (2,30 und 2,37), die Gesta Francorum (Historiens de la France, Band 2, p. 551) und der Brief Theoderichs (Cassiodor, Variae 2,41) berichten von der Niederlage der Alamannen. Einige ihrer Stämme siedelten unter dem Schutz Theoderichs in Rhätien; dessen Nachfolger Land und Leute an den Enkel Chlodwigs abtreten musste. Zur Situation der Alamannen unter den Merowingern siehe Mascov (History of the old Germans, Buch 11, c.8 und Fußnote 36) und Guillimann (De rebus Helveticis, p. 72-80)..

DIE BEKEHRUNG CHLODWIGS – A.D. 496

Bis in sein dreißigstes Lebensjahr fuhr Chlodwig fort, die Gottheiten seiner Väter anzubeten Clotilda, (Chrodechilde) oder eher wohl doch Gregor nimmt an, das Chlodwig die Gottheiten der Griechen und Römer verehrte. Dies ist völlig unglaubwürdig, und der Irrtum zeigt eigentlich nur, wie vollkommen in weniger als einem Jahrhundert die Religion der Franken abgeschafft und sogar vergessen worden ist.. Da er das Christentum nicht bekannte, es sogar gering schätzte, mochte es ihm leicht fallen, auf feindlichen Gebieten Kirchen zu plündern. Aber seine gallischen Untertanen erfreuten sich der freien Religionsausübung, und die Bischöfe des Landes setzten größere Hoffnungen auf den Götzenanbeter als auf die Häretiker. Der Herrscher der Merowinger war eine glückhafte Liaison mit der schönen Clotilda eingegangen, der Nichte des Burgunderkönigs, welche inmitten eines arianischen Hofes in katholischem Glauben aufgebracht worden war. Es war ihr Interesse, eigentlich sogar ihre Pflicht, die Bekehrung Gregor von Tours berichtet von Chlodwigs Hochzeit und Bekehrung (2,28-31). Selbst Fredegarius oder den unbekannten Kompilatoren (Historiens de la France Band 2, p. 398-400), den Verfasser der Gesta Francorum (a.a.O., p- 548-552) und Aimoin selbst (1,12, a-a-O-, Band ) mag man hier ohne Geringschätzung lesen. Sicherlich hat die Überlieferung manch bemerkenswerten Begleitumstand dieses wichtigen Ereignisses bewahrt. ihres heidnischen Gatten zu betreiben; und so hörte Chlodwig teilnahmslos die Stimme der Liebe und der Religion. Er erklärte sich (vielleicht hatte man es vorher sogar abgesprochen) mit der Taufe seines ältesten Sohnes einverstanden; und obwohl der unerwartete Tod des Kindes einige abergläubische Bedenken in ihm wachgerufen haben mag, ließ er sich ein zweites Mal zur Wiederholung des heiklen Experimentes bereden. In der Gefahr der Schlacht von Tolbiac rief Chlodwig lauthals den Gott Clotildas und der Christen an. Und der Sieg vermochte ihn, mit anerkennender Dankbarkeit den beredten Ein Reisender, der von Reims in die Auvergne zurückkehrte, hatte dem Sekretär oder einem Buchhändler eine Kopie dieser Deklamationen des schlichten Erzbischofs gestohlen (Sidonius 9, Epistulae 7). Vier auf uns gekommene Briefe des Remigius (Historiens de la France, Band 4, p. 51ff.) passen allerdings nicht zu dem prunkvollen Lob des Sidonius. Bischof von Reims, Remigius Einer der Nachfolger des Remigius, Hincmar (A.D. 845-882) hat sein Leben beschrieben (Historiens de la France, Band 3, p. 373-380). Die Zuverlässigkeit einiger alter mss. der Kirche von Reims ist geeignet, unser Vertrauen zu wecken, welches indessen durch die missgünstigen und dreisten Märchen Hicmars erschüttert wird. Es ist doch schon recht bemerkenswert, dass Remigius, der im Alter von zweiundzwanzig Jahren getauft wurde (A.D. 457), vierundsiebzig Jahre lang auf dem Bischofsthron gesessen haben soll. (Paga critica, Band 2, p. 384 und 572)., anzuhören, welcher ihm eindringlich die metaphysischen und weltlichen Vorteile seiner Bekehrung darlegte. Der König seinerseits gab sich mit der Wahrheit des katholischen Glaubens zufrieden; und die politischen Rücksichten, die ihn von einem öffentlichen Glaubensbekenntnis abgehalten haben mochten, zerstreuten die Franken durch frommen oder treuergebenen Beifall, wobei sie sich in gleicher Weise vorbereitet erzeigten, ihrem heldenhaften Anführer auf das Schlachtfeld oder zum Taufstein zu folgen.

Diese hochwichtige Zeremonie wurde in der Kathedrale von Reims vollzogen, und zwar mit allem Pomp und Ernst, die geeignet waren, in den Seelen seiner rohen Proselyten bleibenden religiösen Eindruck zu erzeugen Ein Fläschchen (die Sainte Ampoulle) mit heiligem, ja himmlischen Öl wurde eigens zur Taufe Chlodwigs von einer weißen Taube hernieder gebracht; sie wird bei der Krönung der französischen Könige noch heute verwendet und erneuert. Hincmar (er bemühte sich um den Primat von Gallien) hat diese Fabel als erster erzählt (Historiens de la France, Band 3, p.377), deren zerbrechliche Grundlage der Abbé de Vertot (Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 2, p. 613-633) unterminiert hat, natürlich mit allem Respekt und ausgesuchtester Gewandtheit.. Der neue Konstantin ward unverzüglich getauft und mit ihm dreitausend seiner kriegerischen Untertanen; ihrem Beispiel folgten die verbliebenen sanften Barbaren, welche im Gehorsam gegen den siegreichen Prälaten nunmehr das Kreuz verehrten, das sie zuvor verbrannt, und die Götzenbilder verbrannten, die sie zuvor verehrt hatten »Mitis depone colla, Sicamber: adora quod incendisti, incende quod adorasti.« (Beuge ergeben den Nacken, Suganbrer: Bete an, was du verbrannt hast und verbrenne, was die angebetet hast.) Gregor von Tours 2,31.. Chlodwigs Gemüt war für vorübergehende religiöse Aufwallungen durchaus empfänglich: der dramatische Bericht vom Leiden und Sterben Christi stimmte ihn zornig; und mit unkontrollierter Wut rief er aus und erwog nicht die heilspendenden Folgen jenes Mysteriums: »Wäre ich dort gewesen an der Spitze meiner braven Franken, ich wollte ihn für das erlittene Unrecht schon gerächt haben »Si ego ibidem cum Francis meis fuissem, iniurias eius vindicassem.« Dieser Ausbruch, den Gregor taktvoll verschweigt, wird von Fredegarius (Epitome 21), Aimoin (1,16, Historiens de la France, Band 3, p. 40) und den Chroniken von St. Denis (1,20, a.a.O., Band 3, p. 71) als ein bewundernswertes Beispiel christlichen Glaubenseifers gerühmt.

Andererseits war der rohe Besieger Galliens außerstande, die Beweise für eine Religion kritisch zu würdigen, welche von der mühsamen Untersuchung historischer Zeugnisse und spekulativer Theologie abhängig ist. Noch viel weniger war er allerdings imstande, etwas von dem milden Einfluss der Evangelien zu erfühlen, welcher das Herz den wahrhaft bekehrten ergreift und reinigt. Sein von Ehrgeiz getriebene Regierungstätigkeit war eine einzige Verletzung christlicher Moral und Pflichten; im Friedens- wie in Kriegszeiten waren seine Hände blutbesudelt; und kaum, dass Chlodwig eine Synode der gallikanischen Kirche entlassen hatte, ließ er in aller Stille sämtliche Prinzen aus dem Hause Merowinger ermorden Nachdem Gregor (2,40-43) recht gelassen von Chlodwigs Mehrfach-Verbrechen sowie von seiner erheuchelten Reue berichtet hatte, schließt er, vielleicht absichtslos, mit einer Moral, die Ehrgeiz niemals hören mag: »His ita transactis … obiit.« (Als dieses getan war... starb er).. Doch der Frankenkönig dürfte den Christengott ganz aufrichtig verehrt haben, der ein Wesen sein musste, großartiger und mächtiger als seine National-Gottheiten; und der alles entscheidende Sieg bei Tolbiac vermochte Chlodwig, auch inskünftig Schutz und Beistand vom Herren der himmlischen Heerscharen zu erwarten.

Martin, von allen Heiligen der volkstümlichste, hatte den Westen erfüllt mit den Berichten von den Wundern, welche an seinem heiligen Grabe zu Tours nicht aufhörten sich zu ereignen. Mit sichtbaren und unsichtbaren Hilfeleistungen förderte er die Sache eines rechtgläubigen und freigebigen Herrschers; und die erdnahe Anmerkung Chlodwigs, dass St. Martin ein recht kostspieliger Freund Nach dem Sieg über die Goten brachte Chlodwig der Kirche St. Martin zu Tours üppige Opfer dar. Er wollte sein Schlachtross gegen 100 Goldstücke auslösen, aber das verhexte Pferd war außerstande, den Stall zu verlassen, bis der Preis verdoppelt wurde. Dieses ›Wunder‹ veranlasste den König zu dem Ausruf, »Vere B. Martinus est bonus in auxilio, sed carus in negotio.« (...dass St. Martin ein guter Bundesgenosse und ein überteuerter Geschäftspartner sei. Gesta Francorum, Historiens de la France, Band 2, p. 554, 555.) sei, darf jedenfalls nicht als Anzeichen für einen festgegründeten oder vernunftgeleiteten Skeptizismus ausgelegt werden. Aber Erde und Himmel frohlockten über die Bekehrung der Franken. An dem denkwürdigen Tage seiner Taufe beanspruchte er, und zwar als Einziger in der Welt der Christenheit den Titel und die Prärogative eines katholischen Königs. Denn der Kaiser Anastasius war in einigen gefährlichen Irrtümern hinsichtlich der Natur der göttlichen Inkarnation befangen, und die Barbaren Italiens, Afrikas, Spaniens und Galliens waren in der Arianischen Ketzerei befangen. Der älteste, oder besser gesagt: der einzige Sohn der Kirche wurde vom Klerus als sein gesetzmäßiger Herrscher oder ruhmreicher Befreier anerkannt; und mit Eifer und Freude unterstützte die katholische Faktion die Waffen Chlodwigs Hierzu das Schreiben von Papst Anastasius an den königlichen Proselyten (Historiens de la France, Band 4, p. 50). Avitus, Bischof von Vienne, schreibt Chlodwig in derselben Sache an (p. 49), und viele Bischöfe des Westens versicherten ihn ihrer Freude und Anhänglichkeit..

UNTERWERFUNG VON ARMORICA – A.D. 497

In den Zeiten des Römischen Imperiums waren die Bischöfe allemal geachtet und zuweilen sogar gefährlich gewesen infolge ihres Reichtums, ihrer Jurisdiktion, ihrer geheiligten Persönlichkeit und ihres immerwährenden Amtes, ihrer zahlreichen Untergeordneten, ihrer volkstümlichen Beredsamkeit und der Provinzialsynoden. Ihr Einfluss wuchs noch in dem Maße, wie sich der Aberglauben ausbreitete, und die Stiftung des französischen Königtums kann wohl in gewissem Umfang der festen Allianz von ein paar Hundert Prälaten zugeschrieben werden, welche in den entweder unzufriedenen oder autonomen Städten Galliens das Regiment führten. Die armorikanische Republik stand auf schwachem Fundament und wurde wiederholt erschüttert oder sogar zum Wanken gebracht; aber immer noch verteidigte dasselbe Volk seine Freiheit; hielt die Ehre des römischen Namens aufrecht; und widerstand tapfer den wiederholten räuberischen Überfällen von Chlodwig, welcher den Umfang seiner Eroberungen von der Seine bis zur Loire auszudehnen bemüht war.

Ihre erfolgreiche Gegenwehr gab Anlass für eine ehrenhafte Vereinigung unter Gleichberechtigten. Die Franken zeigten sich beeindruckt vom Mut der Armorikaner Anstelle der Ἀρβορύχοι, einer unbekannten Volksgruppe, die im Text von Prokopios erscheinen, hat Hadrian de Valois den korrekten Namen Ἀρμορύχοι wiederhergestellt; dieser geringfugige korrigierende Eingriff ist jetzt allgemein anerkannt. Ein Leser ohne Vorurteile wird naturgemäß vorschlagen, dass Prokopios einen germanischen, mit den Römern verbündeten Stamm bezeichnen will; und nicht eine Konföderation gallischer Städte, welche sich vom Imperium losgesagt hatte., und die Armorikaner zeigten sich versöhnt durch die Religion der Franken. Die zur Verteidigung Galliens aufgestellte militärische Macht belief sich auf einhundert verschiedene Kavallerie- und Infanterieabteilungen. Und diese Truppen, die den Namen und die Vorrechte von römischen Soldaten innehatten, wurden durch einen ununterbrochenen Zustrom der barbarischen Jugend ergänzt. Diese nun verteidigten diese abgelegensten Festungen und isolierten Vorposten des Imperiums mit aussichtslosem Mute. Doch in ihrer exponierten Lage waren sie abgeschnitten, die Kommunikation erwies sich als undurchführbar: sie wurden von den griechischen Kaisern Konstantinopels preisgegeben und wiesen glaubensstark jede Verbindung mit den arianischen Angreifern Galliens von sich. Sie akzeptierten ohne Scham oder Widerstreben die Kapitulation, die ein katholischer Held vorgeschlagen hatte; und so wurden diese unechten Nachfahren römischer Legionen in künftigen Zeiten merkwürdig durch ihre Bewaffnung, ihre Feldzeichen, ihre Kriegstrachten und ihre Gebräuche; Die Stärke der Nation wurde so diese mächtigen und freiwilligen Beitritte erhöht, und die benachbarten Königreiche bebten vor der schieren Anzahl und vor dem Kampfesmut der Franken.

Die Unterwerfung der gallischen Nordprovinzen wurde nicht in einer einzigen Entscheidungsschlacht herbeigeführt, sondern ist offenkundig durch beides, Krieg und Vertrag, erreicht worden; und Chlodwig erwarb jedes Objekt seines Ehrgeizes mit genau den Anstrengungen oder Zugeständnissen, die ihrem tatsächlichen Wert entsprachen. Sein brutaler Charakter und die Tugenden eines Henry IV. bezeichnen die äußersten Gegensätze menschlicher Gesittung; und doch mag man gewissen Ähnlichkeiten in den Handlungsmustern dieser beiden Herrscher entdecken, die beide Frankreich durch ihre Stärke, ihr Politik und eine verdienstliche und rechtzeitige Konversion eroberten Dieser wichtige Exkurs bei Prokopios (De bello Gothico 1,12) schildert die ersten Anfänge der französischen Monarchie. Ich muss indessen feststellen, 1. dass der griechische Historiker eine unentschuldbare Unkenntnis in der Geographie des Westens offenbart und 2. dass diese Verträge und Privilegien, die doch einige Spuren hinterlassen haben sollten, bei Gregor von Tours, in den salischen Gesetzen und anderswo völlig unsichtbar geblieben sind..

KRIEG GEGEN DIE BURGUNDER ? A.D. 499

Das Königreich der Burgunder, dessen Grenzen zwei gallische Flüsse, Saône und Rhone, bildeten, erstreckte sich von den Vogesen bis zu den Alpen und bis an das Meer bei Marseilles »Regnum circa Rhodanum aut Ararium cum provincia Massiliensi retinebant.« Gregor von Tours 2,32. Die Provinz von Marseilles wurde später an die Ostgoten abgetreten; und die Unterschrift von fünfundzwanzig Bischöfen haben vermutlich das burgundische Königreich vertreten (A.D. 519, Concilium Epaoni, Historiens de la France, Band 4, p.104). Indessen würde ich Vindonissa ausnehmen. Der Bischof, welcher inmitten der paganen Alamannen lebte, dürfte sich naturgemäß zu den Synoden des nächsten Königreiches begeben haben. Mascov hat seinen ersten vier Anmerkungen viele Einzelheiten der burgundischen Monarchie dargelegt.. Das Szepter war in den Händen von Gundobald. Dieser brutale und ehrgeizige Herrscher hatte die Zahl der Thronaspiranten vermindert durch den Tod zweier Brüder, deren einer der Vater der Clotilda Mascov (History of the Germans, Buch 11, c.10), der aus unmittelbar einleuchtenden Gründen dem Zeugnis des Gregor von Tours misstraut, hat eine Passage aus Avitus herangezogen zum Beweis dafür, dass Gundobald dieses tragische Ereignis nur Schein-Tränen entlockte und seinen Untertanen nur Schein-Beifall. war; aber in seiner Einfalt hatte er seinem jüngeren Bruder Godegesil gestattet, über das abhängige Königreich von Genf zu herrschen. Dieser Monarch arianischen Bekenntnisses war zu Recht aufgeschreckt durch die Genugtuung und aufkeimenden Hoffnungen, die seinen Klerus nach der Taufe des Chlodwig sichtlich belebte; und so versammelte Gundobald zu Lyon seine Bischöfe, um dort, wenn es denn möglich sein sollte, ihre politischen und religiösen Differenzen auszusöhnen. Ein müßiger Meinungsaustausch zwischen den beiden Faktionen fand nun statt. Die Arianer warfen den Katholiken die Verehrung von drei Göttern vor; die Katholiken verfochten ihre Sache mit theologischen Haarspaltereien; und die gewöhnlichen Argumente, Einwürfe und Gegenreden wurden mit viel Geräusch vorgetragen, bis der König endlich seine eigentlichen Sorgen durch eine unerwartete, aber entscheidende Frage offenbarte:

»Wenn ihr den wahren Christenglauben bekennt, warum weist ihr dann nicht den Frankenkönig in seinen Schranken? Er hat mir den Krieg erklärt und schmiedet Allianzen mit meinen Feinden, mich zu vernichten. Ein blutdürstiges und habgieriges Gemüt ist kein Anzeichen für eine aufrichtige Bekehrung: er möge seinen Glauben mit seinen Werken erweisen!« Avitus von Vienna, der im Namen seiner Glaubensbrüder sprach, gab die Antwort, und er gab sie mit der Stimme und Miene eines Engels: » Unkundig sind wir der Beweggründe und Absichten des Frankenkönigs; aber die Schriften lehren uns, dass Königreiche, die das göttliche Gesetz missachten, sehr häufig vor den Fall kommen; und dass denen, so Gott zu ihrem Widersacher machen, von allen Seiten Feinde erwachsen. So kehre denn mitsamt deinem Volke zu Gottes Gesetz zurück, und er wird dir und deinem Lande Frieden schenken.« Der König der Burgunder, der sich nicht vorbereitet fand, die Bedingungen zu akzeptieren, die die Katholiken als unabdingbar für einen Vertrag ansahen, verschob die Kirchenversammlung und entließ sie endlich; nicht ohne vorher den Bischöfen Vorhaltungen zu machen, dass Chlodwig, ihr Freund und Proselyt, heimlich die Treue seines Bruders versucht hatte Über diese Zusammenkunft siehe Historiens de la France, Band 4, p. 99-102). Avitus, der Hauptdarsteller und vermutlich auch der Sekretär des Treffens, war Bischof von Vienne. Eine kurze Nachricht zu Leben und Werk dieses Mannes kann man bei Dupin finden, Bibliothèque ecclesiastique, Band 5, p. 5-10..

SIEG CHLODWIGS – A.D.500

Die Treue seines Bruders war bereits versucht; und der Gehorsam von Godegesil, der der königlichen Standarte mit den Truppen aus Genf beitrat, beförderte den Erfolg der Verschwörung umso nachdrücklicher. Während Franken und Burgunder mit gleichen Kräften rangen, entschied seine rechtzeitige Desertation den Ausgang der Schlacht; und da Gundobald von den missgünstigen Galliern nur schwache Hilfe zuteil ward, wich er vor Chlodwigs Waffen zurück und verließ in Eile die Wahlstatt, welche wir zwischen Langres und Dijon vermuten dürfen. Er traute der Stärke von Dijon nicht, einer quadratischen Festung, von zwei Flüssen umflossen und mit einer Mauer von immerhin dreißig Fuß Höhe und fünfzehn Fuß Breite umgeben, wohl versehen ferner mit vier Toren und dreiunddreißig Wehrtürmen Gregor von Tours (3,19) scheint dieser Beschreibung von Dijon zu erfreuen, wenn er nicht bei einem eloquenteren Vorgänger abgeschrieben hat; die Festung verdiente sich allmählich die Bezeichnung einer Stadt, war den Bischöfen von Langres bis in das XII. Jahrhundert Gehorsam schuldig und wurde danach zur Hauptstadt des Herzogtums Burgund. Longuerue, Description de la France, Teil 1, p. 280.; er überließ Chlodwigs Beutegier die wichtigen Städte Lyon und Vienna; dann floh Gundobald übereilt bis nach Avignon, das etwa zweihundert Meilen vom Ort des Geschehens entfernt lag. Eine lange Belagerung und eine ränkereiche Verhandlung erinnerten nun allerdings den Frankenkönig an das Gefährliche und Ungewisse seines Unternehmens. Er legte dem Burgunderkönig einen Tribut auf sowie die Verpflichtung, den Verrat seines Bruder zu vergeben, gar noch zu belohnen, und kehrte anschließend in erhöhter Stimmung in seine Residenz zurück, mit Beute und Gefangenen aus den südlichen Provinzen reichlich versehen.

Dieser glanzvolle Triumph indessen wurde schon bald verdunkelt durch die Nachricht, dass Gundobald diese jüngst eingegangenenVerpflichtungen vergessen habe und dass der glückverlassene Godegisel, der mit fünftausend Franken Diese Zahl stammt vom Verfasser einer Epitome aus Gregors Schriften (Historiens de la France, Band 2, p. 401); er beeilt sich allerdings hinzuzufügen, dass Gundobald sie niedermachen ließ. Die besonnenen Burgunder schonten indessen die Mannen Chlodwigs und schickten sie gefangen zum König der Westgoten, welcher sie seinerseits in der Gegend von Toulouse ansiedelte. in Vienna Garnison bezogen hatte, von seinem unmenschlichen Bruder angegriffen, überrumpelt und massakriert worden sei. Eine solche Freveltat hätte das Gemüt noch des friedfertigsten Königs erbittert; aber der Bezwinger Galliens verschloss die Augen, erließ die Tributzahlung und nahm Bündnis und militärische Dienste des Burgunderkönigs an. Chlodwig hatte die Vorteile eingebüßt, die ihm in dem soeben beendeten Krieg den Erfolg garantiert hatte; und sein Gegner, durch Not klug geworden, fand neuerliche Hilfsquellen in der Zuneigung seines Volkes. Die Gallier und Römer begrüßten die milde und unparteiische Gesetzgebung Gundobalds, die ihnen fast dieselben Rechte gab wie ihren Besiegern. Mit den Bischöfen söhnte man sich aus; auch mochten sie sich mit der Aussicht auf seine baldige Konversion schmeicheln, welcher Hoffnung er kunstvoll Nahrung gab; und wenn er auch bis zu seinem letzten Atemzug ihrer Durchführung aus dem Wege ging, so stellte seine Mäßigung doch den Frieden im Königreich Burgund sicher und verzögerte dessen Untergang Bei der Darstellung dieses Burgundischen Krieges bin ich Gregor von Tours (2,32f.) gefolgt, dessen Erzählung derart unvereinbar mit der von Prokopios (De bello Gothico 1,12) zu sein scheint, das manche Forscher von zwei verschiedenen Kriegen ausgehen. Der Abbé Dubos (Histoire critique, Band 2, p. 126-162) hat Ursache und Ablauf mit wünschenswerter Klarheit erzählt..

ENDGÜLTIGE UNTERWERFUNG DER BURGUNDER DURCH DIE FANKEN A.D. 532

Es verlangt mich dringlich darnach, der unwiderruflichen Niederwerfung der Burgunder nachzuspüren, die sich unter Gundobalds Sohn, König Sigismund vollendete. Sigismund, ein Katholik, gelangte in die Ehrenstellung eines Heiligen und Märtyrers Siehe seine Vita bzw. die Legende in Historins de la France, Band 3, p. 402) Ein Märtyrer! Wie sehr ist dieses Wort seinem ursprünglichen Sinne eines Glaubenszeugen entfremdet. St. Sigismund leistete Großes bei der Bekämpfung von Fieber.; aber an der Hand dieses königliche Heiligen klebte das Blut seines unschuldigen Sohnes, den er in unmenschlicher Weise dem Hochmut und dem Hass einer Stiefmutter opferte. Schon bald wurde er seines Irrtums inne und beweinte den unverzeihlichen Fehler. Während Sigismund noch den Leichnam des unglückseligen Kindes umarmte, wurde ihm von einem der Bediensteten eine ernstliche Vermahnung zuteil: »Es ist nicht seine Lage, o König, die Mitleid und Tränen verdient, sondern die deine.« Die Schuldvorwürfe seines Gewissens indessen erleichterte ihm seine großzügigen Schenkungen an das Kloster zu Agaunum, oder St. Moritz in Vallais; welche er selbst zu Ehren der fiktiven Märtyrer der thebäischen Legion begründet hatte Noch vor dem Ende des V. Jhdts. war Agaunum wegen der Kirche von St. Moritz und seiner Theaischen Legion zu einem beliebten Ziel für Pilger geworden. Eine ungeordnete Gemeinschaft aus beiden Geschlechtern hatte mehrere schlimme Bräuche ausgebildet, was erst durch das offizielle Kloster des Sigismund (A.D. 515) abgestellt wurde. Noch nicht fünfzig Jahre Klosterleben später veranstalteten seine Engel des Lichts eine nächtliche Exkursion, ihren Bischof und seinen Klerus zu ermorden. Siehe die Bibliothèque raisonnée Band 36, p. 435-438) mit den lesenswerten Bemerkungen eines gelehrten Bibliothekars aus Genf.. Einen kompletten Chor für ununterbrochenes Psalmodieren stiftete der fromme König; freudig unterwarf er sich den strengen Regeln der Mönche; und es war sein demütig geäußerter Wunsch, der Himmel möge ihn für seine Sünden hienieden bestrafen.

Dieser Wunsch ward erhört, die Rächer waren zuhanden und die burgundischen Lande von einem Schwarm siegreicher Franken überschwemmt. Nach einer Schlachtenniederlage zog sich Sigismund, der nur am Leben bleiben wolle, um seine Buße zu verlängern, in frommer Gewandung in eine entlegene Ödnis zurück, bis ihn seine Untertanen aufstöberten und verrieten, war es ihnen doch augenblicklich nur um die Gunst ihrer neuen Herren zu tun. Der gefangen gesetzte König wurde mitsamt seiner Frau und seinen zwei Kindern nach Orleans verbracht und dort auf das Geheiß von Chlodwigs Söhnen in einer tiefen Grube lebendig begraben; deren Grausamkeit sich allenfalls durch das beispielgebende Brauchtum jenes verrohten Zeitalters erklären ließe. Ihr Ehrgeiz, die Eroberung Burgunds zu vollenden, wurde durch die dem Vater geschuldete Pietät entflammt oder doch wenigstens als solche ausgegeben; und Clotilda, deren Vorstellung von Frömmigkeit jedenfalls nicht das Vergeben erlittenen Unrechtes einbezog, bedrängte sie, die Ermordung ihres Vaters an der Familie der Attentäter zu rächen. Die aufsässigen Burgunder, die ihre Ketten zu lösen versuchten, durften, wenngleich als Tribut- und Dienstpflichtige, ihr eigenen Gesetze behalten; und die Merowingerkönige herrschten friedlich über ein Reich, dessen Ruhm und Größe zum ersten Male durch Chlodwigs Waffen niedergestreckt worden war Der Bischof von Avenche, Marius (Chronica, Historiens de la France, Band 2, p. 15), hat die Daten bestimmt und Gregor von Tours (3,5 f.) hat die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Sigismunds und von der Eroberung Burgunds geschildert. Prokopios (De bello Gothico 1,12) und Agathias (Band 2, p. 49) verraten hier nur mäßige und unvollständige Kenntnisse..

DIE URSACHEN DES GOTENKRIEGES A.D. 507

Der erste Sieg Chlodwigs hatte die Goten an ihrer Ehre gepackt. Sie verfolgten seinen raschen Machtzuwachs mit Neid und Abgunst; und der noch jugendfrische Ruhm Alarichs wurde durch den überlegenen Genius seines Gegners in den Schatten gestellt. Unausweichlich gab es um einige Bezirke ihrer benachbarten Herrschaftsgebiete Streitigkeiten; so dass nach einigen ergebnislosen Verhandlungen ein persönliches Gespräch zwischen den beiden Königen vorgeschlagen und vereinbart wurde. So wurde also auf einer kleinen Insel in der Loire nahe Amboise die Konferenz zwischen Chlodwig und Alarich abgehalten. Man umarmte sich, hielt vertraute Zwiesprache und tafelte üppig; und trennte sich endlich mit den nachdrücklichsten Friedens- und Gunstversprechungen. Aber hinter diesen demonstrativen Vertrauensbezeigungen verbargen sich finstere, feindliche und verräterische Entwürfe. Und ihre gegenseitigen Beschwerden erheischten eine schiedsrichterliche Entscheidung, umgingen sie, lehnten sie ab. In Paris, welche Stadt Chlodwig mittlerweile als seinen Regierungssitz ansah, erklärte er einer Versammlung von Kriegern und Heerführern die scheinbaren und die tatsächlichen Gründe für einen Krieg gegen die Goten: »Es schmerzt mich zu sehen, dass die Arianer nach wie vor den schönsten Teil Frankreich ihr Eigen nennen; so lasst uns denn mit Gottes Hilfe gegen sie marschieren; und nach einem Sieg über die Ketzer werden wir ihre fruchtbaren Provinzen in Besitz nehmen und unter uns aufteilen Gregor von Tours (2,37) nimmt diese kurze, aber nachdrückliche Rede Chlodwigs in seinen Text auf, der Autor der Gesta Franccorum (Historiens de la France Band 2, p. 553) fügt noch das geschraubte Beiwort ›optimam‹ (den allerschönsten (Teil)) hinzu.

Die Franken, beseelt von alt ererbter Kampfbegier und jüngst erworbener Glaubensglut, jauchzten den noblen Entwürfen ihres Königs Beifall; bekundeten ihre Bereitschaft, zu siegen oder unterzugehen, da Sieg oder Tod für sie seit neuestem gleich gewinnträchtig waren; und gelobten, sich nicht den Bart zu scheren, bis sie der Sieg von diesem schnurrigen Eide entbinden würde. Befördernd auf dieses Unternehmen, und zwar im privaten und im öffentlichen Rahmen wirkte darüber hinaus Clotilda. Sie erinnerte ihren Gatten daran, wie günstig ein paar fromme Stiftungen die Gottheit und seine Diener stimmen müssten; und der christliche Held, warf seine Schlachtaxt mit geübter, nervichter Hand und sprach: »Dort, an jener Stelle, an der meine Francisca zu Boden kommen wird, werde ich eine Kirche zu Ehren der Heiligen Apostel begründen »Tunc rex projecit a se in directum Bipennem suam quod est ›Francisca‹,...« (Dann warf der König die Francisca, seine Doppelaxt, geradeaus von sich.). Gesta Francorum, Historiens de la France, Band 2, p.554. Form und Anwendung dieser Waffe beschreibt Prokopios mit großer Genauigkeit. Beispiele für ihre verschiedenen ›nationalen Benennungen‹ im Lateinischen und Französischen finden sich in Glossarium des Du Cange und in großen Dictionnaire de Trévoux..« Diese zur Schau getragene Frömmigkeit gab der Anhänglichkeit der Katholiken, mit denen er heimlich in Verbindung stand, Zuversicht und Rechtfertigung; und ihre innigen Wünsche reiften allgemach zu einer bedrohlichen Verschwörung heran. Das Volk von Aquitanien schreckte empor beim unüberlegten Tadel ihrer gotischen Herrscher, die ihnen ganz zu Recht vorwarfen, dass sie eine Herrschaft der Franken der ihren vorzögen; und ein eifriger Förderer ihre Sache, der Bischof von Rodez Es ist ein einzigartiger Umstand, dass einige wichtige und authentische Tatsachen in einer Lebensbeschreibung des Quintianus zu finden sind, abgefasst in Reimen und in der alten Bauersprache ( Patois) von Rouerge. Dubos, Histoire critique, Band 2, p. 179., Quintianus, predigte in seinem Exil mit größerem Eifer als jemals in seiner heimischen Diözese. Diesen heimischen und ausländischen Feinden zu begegnen, sammelte Alarich seine Truppen, die denen des Chlodwig an Zahl weit überlegen waren. Die Westgoten nahmen die Waffen wieder auf, deren Handhabung sie in langer und behaglicher Friedenszeit vernachlässigt hatten »Quamvis fortitudini vestrae confidentiam tribuat parentum vestrorum innumerabilis multitudo; quamvis Attilam potentem reminiscamini Visigotharum viribus inclinatum; tamen quia populorum ferocia corda longa pace mollescunt, cavete subito in aleam mittere, quos constat tantis temporibus exercitia non habere.« (Wenn auch die große Zahl eurer Eltern auf eure Tapferkeit vertraut; wenn auch, wie ihr euch erinnert, die Macht der Westgoten den mächtige Attila gebeugt hat; so hütet euch dennoch davor, – sind doch die kühnen Herzen der Völker durch lange Friedenszeit ermüdet – diejenigen plötzlich auf's Spiel zu setzen, die ganz gewiss in diesen Zeiten keine Kampferfahrung gesammelt haben.) Dies der heilsame, aber fruchtlose Rat, den die Stimme der Vernunft, des Friedens und Theoderichs hören ließen. Cassiodor, Epistelae 1.; ausgesuchte Sklaven von robuster und tapferer Wesensart unterstützten ihre Herren bei ihrer Unternehmung Montesquieu (Esprit des lois 15,14) erwähnt und billigt das Gesetz der Westgoten (9,2), das alle Herren verpflichtet, ein Zehntel ihrer Sklaven auszurüsten und ins Feld zu führen.; und auch die Städte Galliens mussten Hilfe leisten, wenn sie auch von zweifelhaftem Wert war und nur widerstrebend geleistet wurde. Der König der Ostgoten, Theoderich, der in Italien residierte, hatte viel Mühe aufgewandt, die Ruhe in Gallien aufrecht zu erhalten; und so übernahm er auch in diesem Falle die Rolle des unparteischen Vermittlers, oder tat zumindest so. Denn in Wahrheit graute dem scharfblickenden König vor Chlodwigs emporstrebender Macht, weshalb er fest entschlossen war, die Sache der Goten aus religiösen und nationalen Gründen zu fördern.

CHLODWIGS SIEG ? A.D. 507

Die zufälligen oder auch mit Vorbedacht veranstalteten Vorzeichen, die Chlodwigs Feldzug schmückten, wurden von dem abergläubigen Zeitalter als handgreifliche Bekundungen göttlichen Wohlwollens gedeutet. Von Paris brach er auf; und als er mit der gebührenden Andacht durch die heilige Diözese von Tours zog, vermochte seine Besorgnis ihn, den Schrein von St. Martin aufzusuchen, Galliens heilige Stätte und Orakel. Seinen Boten schärfte er ein, sorgfältig auf den Wortlaut des Psalms zu achten, welcher genau in dem Augenblick gesungen würde, da sie das Gotteshaus beträten. Diese Worte nun berichteten aufs passendste vom Sieg und Triumph himmlischer Helden, und leicht ließ sich ein Bezug zu dem neuen Josua, dem neuen Gideon herstellen, welche in den Streit gegen die Feinde des Herrn gezogen waren Diese Methode der Weissagung, die ersten unter besonderen Umständen gehörten oder gesehenen heiligen Worte als ein Omen aufzufassen, hatte man den Heiden abgeschaut; und an die Stelle der Dichtungen eines Vergil oder Homer waren jetzt die Psalter und die Bibel getreten. Vom vierten bis zum vierzehnten Jahrhundert wurden diese so genannten sortes sanctorum wiederholt in Konzilsbeschlüssen verdammt und wiederholt von Königen, Bischöfen und Heiligen in der Praxis geübt. Siehe Abbé du Resuel in: Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 19, p. 287-310.. Orleans stellte den Franken eine Brücke über die Loire zur Verfügung; aber etwa vierzig Meilen von Poitiers entfernt trat die Vigenna oder Vienne gewaltig über ihr Bett und hielt ihren Vormarsch auf; und am anderen Ufer lagerten die Westgoten in Massen. Ein solcher Verzug ist für Barbaren, die sich nur aus dem Land ernähren, welches sie heimsuchen, immer sehr heikel; und hätte Chlodwig die Zeit und die technischen Möglichkeiten gehabt, wäre es ihm gleichwohl unmöglich gewesen, eine Brücke zu schlagen oder angesichts eines weit überlegenen Feindes den Übergang zu erzwingen.

Aber die ihm gewogenen Bauern, welche begierig waren, ihren Befreier zu begrüßen, konnten ihm leicht eine unbekannte oder unbewachte Furt verraten; verdienstlicher wurde diese Entdeckung noch infolge eines rechtzeitigen Wunders; ein weißer Hirsch, einzig an Größe und Schönheit, erschien, den Vormarsch der katholischen Armee zu führen und zu beleben. Die Maßnahmen der Westgoten waren unentschlossen und nur vereinzelt. Ein Trupp kampfeslüsterner, nachgerade vermessener Krieger, die vor dem germanischen Räuberhaufen zu fliehen keine Neigung zeigte, riefen Alarich auf, sich mit seinen Waffen des Namens und Blutes von Roms Bezwinger würdig zu erweisen. Häuptlinge von bedächtigerer Gemütsverfassung rieten dringlich, der ersten Kampfeswut der Franken auszuweichen und im südlichen Gallien auf die Veteranen der Ostgoten zu warten, die der König Italiens bereits zu ihrer Unterstützung in Marsch gesetzt hatte.

Den entscheidenden Moment jedenfalls verfehlten sie durch sinnloses Zuwarten; die Goten räumten, vermutlich überstürzt, eine vorteilhafte Stellung; und die Gelegenheit zu einem geordneten Rückzug wurde durch langsame und unkoordinierte Truppenbewegungen vertan. Nachdem nun Chlodwig die Furt, die heute noch den Namen des Hirschen trägt, durchquert hatte, stürmte er in kühnen Eilmärschen vorwärts, die Flucht des Feindes abzuschneiden. Ein leuchtender Meteor wies ihm seinen nächtlichen Weg und stand über der Kathedrale von Poitiers stille. Und dieses Zeichen, das möglicherweise mit dem rechtgläubigen Nachfolger des heiligen Hilarius zuvor abgestimmt worden war, gemahnte an die Feuersäule, welche den Israeliten den Weg durch die Wüste gewiesen hatte. In der dritten Stunde des Tages, zehn Meilen hinter Poitiers, überholte Chlodwig die gotische Armee und griff sie unverzüglich an; deren Niederlage sich schon durch Auflösung und Unruhe vorbereitete. Doch noch einmal konnten sie sich sammeln, und besonders die kriegerische Jugend, die schon zuvor lautstark nach Kämpfen verlangt hatte, weigerte sich, in Schanden fortzuleben. Die beiden Könige begegneten einander im Einzelkampf. Alarich fiel von der Hand seines Gegners; und den siegreichen Franken rettete nur sein vorzüglicher Brustpanzer und sein schnelles Pferd vor den Speeren zweier zu allem entschlossener Goten, die wie rasend gegen ihn vorstürmten, den Tod ihres Herren zu rächen.

Der unbestimmte Ausdruck vom ›Berg der Erschlagenen‹ weist auf ein grausames, aber unentschiedenes Gemetzel hin; aber Gregor hat mit Genauigkeit vermerkt, dass sein tapferer Landsmann Apollinaris, der Sohn des Sidonius, sein Leben an der Spitze der Edlen aus der Auvergne verloren habe. Vielleicht waren diese als unzuverlässig geltenden Katholiken mit bösartiger Berechnung den heftigsten Angriffswellen der Feinde ausgesetzt worden; oder es trat der Einfluss der Religion doch zurück hinter persönlicher Anhänglichkeit oder militärische Ehrgefühl Nach der Korrektur -und der Entschuldigung für den Fehler – in Prokopios' Text, der die Niederlage Alarichs in die Nähe von Carcassonne verlegt, dürfen wir aus den von Gregor, Fortunatis und dem Verfasser der Gesta Francorum folgern, dass die Schlacht in campo Vocladensi stattgefunden hat, etwa zehn Meilen südlich von Poitiers. Chlodwig überholte und attackierte die Westgoten bei Vivonne, und die Entscheidung fiel bei einem Dorf, das noch heute Champgné St. Hilaire heisst. Siehe Abbé le Boeuf, Dissertationes, Band 1, p. 304-311..

FRANKEN EROBERN AQUITANIEN A.D. 508

Das Herrschaft Fortunas (wenn wir denn unsere Unwissenheit mit diesem populären Namen eskamotieren dürfen) ist derart beschaffen, dass sie beides fast gleich unmöglich macht, den Ausgang eines Krieges vorher zu sagen oder seine unterschiedlichen Folgen. Bisweilen hat ein blutiger und vollständiger Sieg zu nichts mehr geführt, als dass das Feld behauptet wurde; und bisweilen reichte der Tod von zehntausend Mann hin, an einem einzigen Tage das Werk von Generationen zu auszulöschen. Auf die Entscheidungsschlacht von Poitiers folgte die Unterwerfung von Aquitanien. Alarich hatte einen unmündigen Sohn hinterlassen, außerdem einen Thronaspiranten von unbestimmter Herkunft, einen zerstrittenen Adel und ein illoyales Volk; und die verbliebenen gotischen Heeresteile waren entweder infolge der allgemeinen Verwirrung handlungsunfähig oder mit internen Streitigkeiten befasst. So konnte der siegreiche Frankenkönig sich ohne Verzug an die Belagerung von Angoulême machen. Beim Klange der Kriegshörner eiferten die Mauern der Stadt dem Vorbild von Jericho nach und stürzten ohne Verzug zu Boden: wahrlich ein Wunder, zu dessen Erklärung die Annahme sinnvoll scheint, dass einige geistliche Baumeister die Fundamente der Mauern heimlich unterminiert hatten Angoulême liegt auf dem Weg von Poitiers nach Bordeaux; und obgleich Gregor die Belagerung später ansetzt, neige ich eher der Annahme zu, dass er die Chronologie der Ereignisse verwechselt hat als dass Chlodwig die Regeln der Kriegskunst missachtet hätte..

In Bourdeaux, das sich widerstandslos ergeben hatte, bezog Chlodwig das Winterquartier; und mit kluger Berechnung ließ er den Königsschatz aus Toulouse entfernen, welcher dort, in der Hauptstadt der Monarchie, verwahrt lag. Siegreich drang er bis an die Grenze zu Spanien Bei Ririco heißt es, »Pyrenaeos montes usque Perpinianum subiecit« (er unterwarf die Pyrenäen bis Perpignan), was sich auf ein jüngeres Datum bezieht; denn Perpignan hat nicht vor dem zehnten Jahrhundert existiert. Marca, Hispanica, p. 458. Dieser redselige und phantasievolle Schreiber (vielleicht ein Mönch aus Amiens, siehe Abbé le Boef in den Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 17, p. 228-245) erzählt hinter der allegorischen Maske eines Hirten die allgemeine Geschichte der Franken, seiner Landsleute, bricht aber mit dem Tod Chlodwigs ab. vor; brachte die katholische Kirche neuerlich zu Ehren; machte Aquitanien zu einer fränkischen Provinz Der Verfasser der Gesta Francorum versichert nachdrücklich, dass Chlodwig in der Saintogne und in Bourdelois Franken in großer Zahl angesiedelt habe; und Rorico folgt ihm hier durchaus nicht unkritisch, »electos milites atque fortissimos, cum parvulis, atque mulieribus.« (...ausgesucht starke Soldaten mit Kinden und Frauen). Es scheint jedoch, dass sie sich schon bald mit dem römischen Bevölkerungsteil Aquitaniens vermischten, bis dann Karl der Große eine größere und stärkere Kolonie anlegte. Dubos, Histoire critique, Band 2, p.215.; und delegierte an seine Generäle die anspruchlose Aufgabe, die Westgoten zu unterwerfen oder gegebenenfalles auszulöschen. Indessen: die Westgoten hatten den mächtigen und klugen König Italiens zum Alliierten; als der Kampf noch unentschieden war, hatte Theoderich möglicherweise den Vormarsch seiner Ostgoten verzögert; aber mit ihrer geballten Heeresmacht konnten sie sich Chlodwigs Ehrgeiz erfolgreich in den Weg stellen; und so musste die Armee der Franken und der verbündeten Burgunder unter Verlusten von angeblich dreißigtausend Mann die Belagerung von Arles aufheben. Diese Rückschläge bestimmten Chlodwigs kriegerisches Gemüt, in einen für ihn durchaus noch vorteilhaften Friedensvertrag einzuwilligen. Die Westgoten durften sich in Septamia ansiedeln, einem schmalen Streifen Landes an der Küste zwischen Rhone und Pyrenäen; aber die bedeutende Provinz Aquitanien, die zwischen der Loire und jenen Bergen liegt, war unwiderruflich in das fränkische Königreich einverleibt Zur Darstellung des Gotenkrieges habe ich folgende Materialien – unter gebührender Berücksichtigung ihres ungleichen Wertes – konsultiert: Die vier Briefe Theoderichs, Königs von Italien (Cassiodor 3, Epistulae 1-4), Prokopios (de Bello Gothico 1,12); Gregor von Tours (2, 35 – 37); Jordanes (de Rebus Geticis 58); Venantius Fortunatus (Vita St. Hilarii, Historiens de la France, Band 3); Isidor von Sevilla (Historia de regibus Gothorum, ebd, Band 2); Epitome auf Gregor von Tours (ebd.); der Author der Gesta Francorum (ebd); Fredegarius, Fragmente (ebd.), Aimoin 1,20 (ebd); und Rorico 4 (ebd)..

CHLODWIGS KONSULAT A.D. 510

Nach seinem Erfolg im Gotenkrieg nahm Chlodwig die Ehrenstellung eines römischen Konsuls an. Kaiser Anastasius stattete mit berechnendem Ehrgeiz den ärgsten Rivalen des Theoderich mit dem Titel und den Insignien dieser hochwichtigen Würde aus; doch aus uns unbekannten Gründen fehlt der Name Chlodwigs in den fasti des Ostens und des Westens Die fasti Italiens werden naturgemäß keinen Konsul aufgenommen haben, der zugleich der Feind ihres Herrschers war; aber jede noch so ausgeklügelte Theorie, die das Schweigen von Konstantinopel und Ägypten (die Chronik von Marcellinus und das Chronikon paschale) erklären könnte, wird hinfällig durch das vergleichbare Schweigen des Marius, Bischofs von Avenche, der fasti für das Königreich Burgund vorgelegt hat. Wären die Beweise Gregors weniger gewichtig und zuverlässig (2,38), dann könnte ich beinahe glauben, Chlodwig wie Odoaker hatte lediglich den Dauer-Titel eines patricius erhalten. Pagi, Critica, Band 2, p. 474 und 492.. An jenem Tag der Freude wurde der König von Gallien, der sich selbst das Diadem auf das Haupt setzte, in der Kirche von St. Martin investiert, angetan mit Tunika und Purpurmantel. Von dort zog er zu Pferde nach Tours in die Kathedrale; als er durch die Straßen ritt und mit eigener Hand Münzen von Gold und Silber unter die Menge warf, jauchzte diese ihm unentwegt ihr consul und Augustus zu. In der gegebenen Situation konnte sich Chlodwig von der konsularischen Würde allerdings keinen Machtzuwachs erhoffen. Es war nur ein leerer Titel, ein Schatten, eine sinnloses Schauspiel; und wenn der Sieger gehofft haben mochte, irgendwelche althergebrachten Prärogative aus diesem hohen Amte herleiten zu können, so mussten sie doch nach Ablauf eines Jahres erlöschen. Aber die Römer zeigten Neigung, in der Person ihres Herrschers den alten Titel zu verehren, den die Kaiser anzunehmen geruhten; dem Barbar jedoch schien es eine heilige Pflicht zu sein, die Majestät des Staates zu ehren; und die Nachfolger des Theodosius verziehen stillschweigend, ja billigten nachgerade den Raub Galliens, indem sie um seine Freundschaft nachsuchten.

DIE FRÄNKISCHE MONARCHIE IN GALLIEN BEGRÜNDET – A.D. 536

Fünfundzwanzig Jahre nach Chlodwigs Tod erhielt dieses Einverständnis in einem Vertrag zwischen seinen Söhnen und Kaiser Justinian eine etwas offiziellere Form. Die Ostgoten aus Italien, zur Verteidigung ihrer abgelegenen Provinz außerstande, hatten die Städte Arles und Marseilles an die Franken abgetreten: Arles, welches noch heute der Sitz eines Reichspräfekten ziert, und Marseilles, in der sich Seehandel und Schifffahrt begegnen Auch unter den Merowingern importierte Marseilles Papier, Wein, Öl, Leinen, Seide, Edelsteine, Gewürze &c; die Gallier oder Franken trieben Handel bis nach Syrien, und die Syrier hatten Niederlassungen in Gallien. Siehe M. de Guignes in den Mémoires de l'Académie des inscriptions, Band 37, p. 471-475.. Dieses Abkommen wurde durch das Wort des Kaisers bestätigt; und Justinian, der den Franken großherzig die Herrschaft über die Provinz jenseits der Alpen überließ, in denen sie ohnedies die Macht besaßen, entließ die Provinzialen aus ihren Bündnisverpflichtungen; und stellte den Thron der Merowinger dadurch auf eine wo nicht rechtmäßige, so doch wenigstens solidere Machtgrundlage Οὐ γάρ ποτε ᾤοντο Γαλλίας ξὺν τῷ ἀσφάλει κεκτήσϑαι Φράγγοι, μὴ τοῦ αὐτοκράτορος τὸ ἔργον ἐπισφραγίσαντος τοῦτο γε. (Die Franken glaubten damals nämlich, nur dann im dauernden Besitz von Gallien zu sein, wenn ihnen der Kaiser dieses verbindlich zugesagt hatte). Diese nachdrückliche Erklärung von Prokopios (De bello Gothico 3,33) sollte hinreichen, den Abbé Dubos zu rechtfertigen.. Seit der Zeit genossen sie des Rechts, zu Arles Zirkusspiele abzuhalten; und infolge eines ähnlichen Privilegs – das sogar dem persischen Monarchen verwehrt wurde – wurde die Goldmünze, das ihren Namen und ihr Porträt trug, zu einem offiziellem Zahlungsmittel im Reich Die Franken, die vermutlich Münzstätten in Treves, Lyons und Arles unterhielten, nahmen das Prägungswesen der römischen Herrscher zum Vorbild, in welchem zweiundsiebzig solidi (oder Goldstücke) einem Pfund Gold entsprachen. Da aber die Legierungen der Franken Gold und Silber nur im Verhältnis von eins zu zehn enthielten, dürften zehn Schilling einem Goldsolidus an Wert entsprechen. Dies war der übliche Münzstandart der Barbaren, und enthielt vierzig denarii, oder silberne Threepence. Zwölf dieser denarii ergaben einen solidus oder Shilling, ein Zwanzigstel eines livre oder Silberpfundes, welche im Frankreich der Gegenwart so sehr an Wert verloren hat. Siehe le Blanc, Traite Historique des Monnoyes de France, p. 37.43..

Ein griechischer Historiker aus jenen Tagen hat die individuellen und staatlichen Tugenden der Franken gerühmt, mit einer parteiischen Begeisterung, die in ihren eigenen Annalen keinen rechten Rückhalt findet Agathias in: Historiens de la france, Band 2, p. 47. Gregor von Tours entwirft ein deutlich abweichendes Sittengemälde. Es dürfte schwer halten, innerhalb ein und derselben geschichtlichen Epoche mehr Laster und weniger Tugend zu entdecken. Wir sind beständig entsetzt durch das Miteinander von verrohten und korrupten Handlungsweisen.. Er feiert sie wegen ihrer Höflichkeit und Bildung, ihrer intakten Regierung und ihrer Rechtgläubigkeit; und er versteigt sich sogar zu der kühnen Behauptung, man könne diese Barbaren von den Römern eigentlich nur aufgrund ihres Idioms und ihrer Kleidung unterscheiden. Vielleicht entwickelten die Franken schon damals jene soziale Begabung und anmutige Lebhaftigkeit, die zu allen Zeiten ihre Laster verborgen, zuweilen aber auch ihre inneren Werte verdeckt hielten. Vielleicht aber waren Agathias und die Griechen auch nur von ihren raschen Kriegserfolgen beeindruckt und von dem Ruhm ihres Reiches.

Denn die Eroberung von Burgund und Gallien mit Ausnahme der gotischen Provinz von Septimania war das unbestrittene Verdienst von Chlodwigs Söhnen. Sie hatten das germanische Königreich Thuringia niedergeworfen, und ihr Reich dehnte sich mittlerweile über den Rhein bis in ihre heimischen Wälder. Die Alamannen und Bavarier, die immerhin die römischen Provinzen Rhätien und Noricum bis über die Donau hinaus besetzt hatten, bekannten sich als die demütigsten Vasallen der Franken; und auch die Alpen bildeten gegen ihre weitgreifende Ehrsucht nur eine schwächliche Barriere. Als Chlodwigs letzter überlebender Sohn die eroberten und ererbten Lande der Merowinger vereinte, war sein Königreich beträchtlich größer als das moderne Frankreich. Dafür übertrifft das moderne Frankreich an Wohlstand, Bevölkerung und Macht das ebenso weitläufige wie öde Herrschaftsgebiet von Lothar oder Dagobert bedeutend Herr de Foncemagne hat in einer genauen und lesenswerten Abhandlung in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions (Band 8, p. 505-528) Umfang und Grenzen des französischen Königreiches beschrieben..

POLITISCHE GEGENSÄTZE

Die Franken oder Franzosen sind das einzige Volk Europas, welches eine ununterbrochene Thronfolge bis zu den Eroberern des römischen Westreiches vorweisen kann. Allerdings folgten auf ihre Eroberung Galliens zehn Jahrhunderte der Unordnung und Unwissenheit. Nach der Wiedergeburt der Gelehrsamkeit hatten die Adepten, die in den Schulen von Rom und Athen aufgebracht worden waren, für ihre ungelehrten Altvordern nur Verachtung übrig; und lange Zeit musste vergehen, bis durch mühsame Arbeit das Material bereit gestellt war, das die Neugierde aufgeklärter Epochen zufrieden stellen oder doch wenigstens anregen konnte Der Abbé Dubos (Histoire critique, Band 1, p. 29-35) hat den schleppenden Fortschritt dieser Studien dargestellt und angemerkt, dass vor dem Jahre 1560 Gregor von Tours nur einmal im Druck erschienen war. Heineccius beklagt (Opera, Band 3, Sylloge 3, p. 248ff.), dass Deutschland die Gesetzesbücher der Barbaren, die Herold, Lindenbrog & al ediert hatten, nur zögernd und widerstrebend aufgenommen habe. Gegenwärtig sind jene Gesetze (soweit sie Gallien betreffen), die Geschichte des Gregor von Tours und die Dokumente der Merowingerzeit in vorzüglicher Ausgabe als die ersten vier Bände der Sammlung der französischen Historiker erschienen..

Schließlich wandte die gelehrte Welt und Philosophie sich auch der Vergangenheit Frankreichs zu; doch selbst die Philosophie war gegen Vorurteil und Leidenschaft nicht immun. Die extremen und sich sich gegenseitig auscchließenden Vorstellungen von der Knechtschaft der Gallier oder ihrer gleichberechtigten und feiwillige Allianz mit den Franken wurden vorschnell begrüßt und zäh verteidigt; und in der Hitze der Diskussion beschuldigten sich die Kombattanten gegenseitig der Verschwörung gegen die Vorrechte der Krone, die Ehre des Adels und die Freiheit des Volkes. Immerhin jedoch war diese scharfe Kontroverse eine nützliche Übung für Bildung und Genialität, diese gegensätzlichen Kräfte; und beide Parteien, siegreich und dann auch wieder unterlegen, gaben ein paar liebgewordene Irrtümer auf und freundeten sich mit einigen neuen, aufregenden Wahrheiten an. Ein unparteiischer Fremdling, kundig ihrer Entdeckungen, Debatten und selbst ihrer Irrtümer, kann, aus denselben Quellen schöpfend, den Zustand der römischen Provinzen beschreiben, nachdem Gallien sich den Waffen und den Gesetzen der Merowingerkönige unterworfen hatte In einem Zeitraum von ca. dreißig Jahren wurde dieser Gegenstand von den freisinnigen Geiste des Comte de Boulainvilliers (Memoires Historiques sur l'Etat de la France, vor allem Band 1, p. 15-49) behandelt, ferner von dem geschulten Scharfsinn des Abbé Dubos (Histoire Critique de l'Etablissement de la Monarchie Francoise dans les Gaules), von dem allseitig genialen Präsidenten Montesquieu (Esprit des lois, zumal c. 28, 30 und31) und von dem gesunden Menschenverstand des Abbé de Mably (Observations sur l'Histoire de France)..

DIE GESETZGEBUNG DER BARBAREN

Noch die primitivste menschliche Gesellschaft ist einigen unveränderlichen und allgemein gültigen Regeln unterworfen. Als Tacitus die archaische Anspruchslosigkeit der Germanen beschrieb, notierte er einige dauerhafte Grundregeln oder Gebräuche des privaten und öffentlichen Lebens, welche bis zur Einführung der Schrift und der lateinischen Sprache getreulich bewahrt worden waren Ich habe viel Belehrung aus zwei klugen Abhandlungen von Heineccius gezogen, der Geschichte und den Elementen der germanischen Gesetze. In einem gründlichen Vorwort zu den ›Elementen‹ bespricht er die Mängel der barbarischen Jurisprudenz und versucht sie zu entschuldigen.. Bevor die Merowinger zu Königen gewählt worden waren, hatte der mächtigste Stamm, die Franken, vier angesehene Häuptlinge eingesetzt, das Salische Recht zusammen zu stellen Das Salische Gesetz scheint ursprünglich in lateinischer Sprache geschrieben worden zu sein. Es wurde vermutlich zu Beginn des fünften Jahrhunderts abgefasst, noch vor der Ära des fabulösen oder auch historischen Pharamundus (A.D. 421). Das Vorwort erwähnt die vier Kantone, denen die vier Gesetzgeber entstammten; und viele Provinzen, Franken, Sachsen, Hannover, Brabant &c. haben haben sie zu den Ihrigen gerechnet. Siehe auch die tadellose Abhandlung des Heineccius, De lege Salica. Opera, Band 3, Sylloge 3, p. 247-267.; ihre Bemühungen wurden in drei aufeinander folgenden Volksversammlungen von Volk gebilligt. Nach seiner Taufe verbesserte Chlodwig einzelne Artikel, die ihm mit dem Christentum unvereinbar schienen. Einige Zusätze erfuhr das Salische Recht noch durch seine Söhne; und schließlich, unter der Regentschaft von Dagobert, etwa einhundert Jahre nach Errichtung der französischen Monarchie, wurde das Rechtsbuch noch einmal revidiert und in seiner heute vorliegenden Fassung verkündet. Während dieser Zeit wurden auch die Rechtsbräuche der Repuarianer aufgeschrieben und veröffentlicht; und selbst noch Karl der Große, der Gesetzgeber seiner Epoche und seines Landes, hatte die beiden unter den Franken noch gültigen Gesetze gründlich studiert Eginhard, in: Vita Caroli Magni 29.Die meisten Gelehrten verstehen unter diesen zwei Gesetzen das Salische und Ripuarische. Das erstgenannte galt zwischen dem Carbonarischem Wald und der Loire (Historiens de la France, Band 4, p. 151), das zweite Gesetz galt zwischen demselben Wald bis zum Rheinufer (ebd., p. 222)..

Die gleiche Sorgfalt wandte man auch für ihre Vasallen auf; und die Autorität der Merowingerkönige sammelte und bestätigte die grobkörnigen Einrichtungen der Alamannen und Bavarier. Die Westgoten und Burgunder, deren Eroberung Galliens der der Franken vorausging, zeigten sich weniger ungeduldig, eine der wichtigsten Segnungen der Zivilisation anzunehmen. Eurich war der erste Herrscher der Goten, die Gebräuche und Sitten seines Volkes aufzuschreiben; und die Sammlung des burgundischen Rechtes war eher der Politik als dem Recht geschuldet: das Joch ihrer gallischen Untertanen zu erleichtern und ihre Zuneigung zurück zu gewinnen Man ziehe die alten und modernen Vorreden (Band 4 der Historiens de la France) zu den einzelnen Codices zu Rate. Der Prolog zum Salischen Gesetz drückt (wenn auch in einer Fremdsprache) den ursprünglichen Geist der Franken viel nachdrücklicher aus als die zehn Bücher des Gregor von Tours.. Und so geschah es, dass infolge eines einzigartigen Zufalles die Germanen ihren ungehobelten Einrichtungen den ersten Schliff verliehen, als das römische Recht vor seiner Vollendung stand.

Im Salischen Recht und in den Pandekten Justinians können wir die die Weistümer der Zivilisation in ihren ersten Anfängen und in ihrer vollen Reife direkt miteinander vergleichen; und welche vorgefasste Meinung man auch immer zu Gunsten des Barbarentums äußern mag, ruhiges Nachdenken wird den Römern nicht nur einen Vorsprung in Wissenschaften und Philosophie, sondern auch in der Humanität und der Rechtsprechung zuerkennen. Allerdings wurden die Gesetze den Bedürfnissen, den Vorstellungen und dem Fassungsvermögen der Barbaren angepasst; und sie alle trugen dazu bei, den Frieden zu erhalten und die Lebensbedingungen der Gesellschaft zu verbessern, zu deren Nutzen sie ursprünglich eingerichtet wurden.

Anstelle dass die Merowinger ihren verschiedenen Untertanen ein einheitliches Verhaltensreglement auferlegt hätten, gestatteten sie jeder einzelnen Person und jeder einzelnen Familie in ihrem Reich, ihre jeweiligen Gebräuche zu pflegen Das Ribuarische Gesetz erklärt und legt diese Nachsicht zugunsten des Klägers fest (Titel 31); die gleiche Toleranz ist stillschweigend oder expressis verbis in allen Codices – der Westgotische in Spanien ausgenommen – enthalten. »Tanta diversitas legum (so Agobard im IX Jahrhundert) quanta non solum in [singulis] regionibus, aut civitatibus, sed etiam in multis domibus habetur. Nam plerumque contingit ut simul eant aut sedeant quinque homines, et nullus eorum communem legem cum altero habeat.« (So groß ist der Unterschied in den Gesetzen, dass man ihn nicht nur zwischen Bezirken oder Städten findet, sondern sogar zwischen vielen Häusern. Denn oft ist es so, dass dass fünf Männer zusammen leben oder wohnen und keiner hat dieselben Rechte).Historiens de la France, Band 6, p. 356. Er ist einfältig genug, die Einführung der Gleichartigkeit aller Gesetze und Glaubensrichtungen vorzuschlagen.; auch die Römer waren von den Segnungen dieser allgemeinen Gesetzes-Toleranz nicht ausgenommen »Inter Romanos negotia causarum Romanis legibus praecipimus terminari.« (Rechtsangelegenheit sollen nach unserem Beschluss auf römische Gesetze beschränkt bleiben). So ist in einer allgemeinen Verordnung (um 560) von Chlothar, Chlodwigs Sohn und Alleinherrscher der Franken, zu lesen.. Die Kinder übernahmen die Gesetze ihrer Eltern, die Frau die das Mannes, der Hörige die des Patrons; und überall da, wo die Parteien von unterschiedlicher Volkszugehörigkeit waren, musste sich der Kläger nach den Gesetzen des Angeklagten richten, welcher in allen Fällen die Unschuldsvermutung für sich beanspruchen durfte. Ein noch größerer Spielraum ergab sich für jeden Bürger, wenn er in Gegenwart eines Richters zu Protokoll gab, nach welchem Gesetz er zu leben begehrte und welcher Ethnie er zugerechnet werden wollte. Eine solche Großzügigkeit hätte die Unterschiede zwischen Siegern und Besiegten gemildert, und die römischen Provinzialen hätten sich allgemach in ihr hartes Los dareingefunden; denn es lag allein an ihnen, die Privilegien von Barbaren zu erwerben, wenn sie nur den Mut besessen hätten, sich deren freie und kriegsfreudige Wesensart anzueignen Diese Wahlfreiheit hatte man zutreffend aus einer Konstitution von Chlothar I. (Leges Langobardorum 2,57, in Lindenbrogs Codex legum, p. 664) abgeleitet (Montesquieu, Esprit de lois 28,2), obgleich das Beispiel noch neu und speziell ist. Aus einer strittigen Lesart des Salischen Gesetzes (Titel 44, Not 45) hat der Abbé de Mably (Observations, Band 1, p. 290-293) gefolgert, das zunächst nur Barbaren und danach jeder Mann (und folglich auch ein Römer) nach Fränkischem Recht leben dürfe. Ich bedaure, diese erfindungsreiche Konjektur durch die Feststellung aushebeln zu müssen, dass die engere Bedeutung ( Barbarum) in der überarbeiteten Abschrift von Karl dem Großen zu finden ist, wie er auch durch die königliche und die Wolfenbütteler Handschrift bestätigt wird. Die großherzige Interpretation ( hominem) ist nur in der Fuldaer Handschrift belegt, welcher auch Heroldus Ausgabe zugrunde liegt. Siehe die vier Originaltexte des SalischenGesetzes in Historiens de la France, Band 4, p. 147, 173, 196 und 220..

GELDSTRAFEN FÜR MORD

Da das Recht ohne Ausnahme die Todesstrafe für Mord vorsieht, hat jeder Bürger die Gewissheit, dass die Gesetze, die Behörden und die Bürgerschaft in ihrer Gesamtheit über seine persönliche Unversehrtheit wachen. In der gelockerten Gesellschaftsformation der Germanen indessen galt Blutrache als ehrbar, oftmals sogar als verdienstlich; der freie Krieger bestrafte erlittenes Unrecht mit eigener Hand; zu fürchten hatte er dabei nur die Rachegelüste der Söhne und Verwandten des Feindes, der seinen Nachstellungen zum Opfer gefallen war. Der Richter versuchte im Bewusstsein seiner Ohnmacht nur zu vermitteln, nicht zu bestrafen; und er war's bereits zufrieden, wenn es ihm gelang, die streitenden Parteien zu bewegen, wo nicht zu nötigen, die äußerst maßvolle Geldstrafe zu zahlen bzw. anzunehmen, die für vergossenes Blut festgelegt worden war In der archaischen Heldenzeit Griechenlands wurde die Schuld eines Mörders durch eine Geldbuße an die Familie des Ermordeten gesühnt (Feithius, Antiquitates Homericae.2,8). In seiner Vorrede zu den »Elementen des germanischen Rechtes« weist Heineccius überzeugend nach, dass in Rom und Athen Mord lediglich mit dem Exil bestraft wurde; wohl wahr, aber das Exil war für einen Bürger Athens oder Roms die schlimmste Strafe.. Die streitsüchtige Gemütsverfassung der Franken hätte sich strengeren Urteilen widersetzt; zugleich verachtete sie diese wirkungslose Zügelung; und als dann ihre archaischen Bräuche durch das Wohlleben Galliens verdorben wurden, wurde der öffentliche Frieden durch vorschnelle und vorsätzliche Delikte beständig verletzt.

Unter jeder intakten Regierung wird für die Tötung eines Bauern oder eines Königs dieselbe Strafe verhängt oder doch wenigstens ausgesprochen. Aber die ethnische Ungleichbehandlung in der Kriminalgerichtsbarkeit durch die Franken war der äußerste Willkürakt, war Unrecht des Siegers Dieses Verhältnis ist durch das Salische (Titel 44, Historiens de la France, Band 4, p,147) und das Ripuarische Recht (Titel 7,11 und 26, ebd, p. 237 und 241) festgelegt; aber das letztgenannte macht keinen Unterschied innerhalb der Römer. Der Klerus ist oberhalb der Franken angesiedelt, und die Burgunder und Alamannen stehen zwischen den Franken und Römern.. In den ungestörten Augenblicken der Gesetzgebung verkündeten sie kühlen Herzens, dass dem Leben eines Römers ein geringerer Wert beizumessen sei als dem eines Barbaren. Der so genannte Antustrion Die »antrustiones, qui in truste Dominica sunt, leudi, fideles,« (die in Hausgefolgschaft stehen, die Freien, die Vasallen) stellen ohne Zweifel die oberste Schicht der Franken dar; es ist indessen zweifelhaft, ob dieser Status persönlich oder vererbt war Der Abbé de Mably (Observations 1, p.334-347) ist durchaus einverstanden damit, den Stolz der Abkunft (Montesquieu, Esprit des lois 30,25) zu kränken und die Entstehung des französischen Adels auf die Zeit Chlothars II (A.D. 615) zu datieren., welche Bezeichnung bei den Franken die edelste und achtbarste Abstammung anzeigte, wurde auf die Summe von sechshundert Goldstücken festgelegt; während ein einfacher Adliger, der immerhin zur Tafel es Königs Zutritt hatte, zum Preis von dreihundert Stücken erschlagen werden konnte. Für einen gewöhnlichen Franken hielt man zweihundert für hinreichend, während ein ordinärer Römer bereits für hundert und wohl auch schon mal fünfzig Goldstücke in Gefahr des Leibes und Lebens gebracht werden durfte.

Wären diese Gesetze von irgendwelchen Gleichheits- oder Vernunftsprinzipien bestimmt gewesen, dann hätte die staatliche Fürsorge entsprechend der Machtstellung des Einzelnen Schutz gewährt; aber der Gesetzgeber hatte das Leben eines Kriegers und eines Sklaven nicht mit den Maßstäben der Gerechtigkeit, sondern der Politik gewogen; und so wurde das Haupt eines dreisten und räuberischen Barbaren durch eine schwere Geldbuße geschützt; und den wehrlosesten Untertanen wurde entsprechend die geringste Hilfe zuteil. Im Laufe der Zeit verringerte sich der Hochmut der Sieger und der Langmut der Besiegten; und die Erfahrung lehrte den Bürger, dass er deutlich mehr Unrecht zu erleiden hatte, als er jemals zu begehen imstande sein würde. Als nun die Aufführungen der Franken sanfter wurden, wurden ihre Gesetz umso strenger; und auch die Könige der Merowinger zeigten sich bestrebt, der unbestechlichen Strenge der Westgoten und Burgunder nachzueifern Vergleiche hierzu die burgundischen Gesetze (Titel2, Historiens de la France, Band 4, p. 257), den codex der Westgoten (6,5 ebd, p. 384) und die constitutio des Childebert nicht von Paris, sondern Austrasien (ebd. p.112) Ihre archaische Strenge war zuweilen überstürzt und ausufernd. Childebert verurteilte nicht nur Mörder, sondern auch Räuber; »quomodo sine lege involavit, sine lege moriatur« (so, wie er ohne Recht raubte, soll er auch ohne Recht sterben); und selbst ein nachlässiger Richter verfiel dieser Strafe. Die Westgoten lieferten einen erfolglosen Arzt der Familie des verstorbenen Patienten aus, »ut quod de eo facere voluerint habeant potstatem.« (...um mit ihm machenzu können, was sie wollten) 11,1, ebd. P. 435.. Unter Karl dem Großen wurde Mord unterschiedslos mit dem Tode bestraft; und die Verhängung der Todesstrafe ist in der Rechtsprechung des heutigen Europa auf viele Tatbestände ausgedehnt worden Siehe im 6. Band der Werke des Heineccius die Elementa Juris Germanici, Buch 2, Teil 2, No. 261, 262, 280-283. Allerdings haben sich Spuren der finanziellen Beilegung von Mordklagen in der Rechtsprechung Deutschlands bis in das sechzehnte Jahrhundert nachweisen lassen..

MISSBRAUCH DER GOTTESURTEILE

Die militärischen und zivilen Aufgabenbereiche, die Konstantin seinerzeit getrennt hatte, wurden durch die Barbaren erneut vereint. Der rauhtönenden teutonischen Bezeichnungen erhielt durch die lateinischen Benennungen comes, dux und praefectus einen milderen Klang; und ein und derselbe Beamte übte innerhalb seines Distriktes die militärische Befehlsgewalt und die oberste Justizverwaltung aus Heineccius hat den Gegenstand des germanischen Rechtes und seiner Richter ausführlich behandelt (Elementa Juris civilis, Buch3, No. 1-72). Ich kann nicht die Spur eines Beweises dafür finden, dass unter den Merowingern die scabini oder Assessoren durch Volkswahl bestimmt wurden.. Ein Stammeshäuptling hingegen, illiterat und von grober Wesensart, zeigte sich den Pflichten eines Richters nur selten gewachsen, welche ein philosophisches Gemüt voraussetzen, das durch Erfahrung und lange Studien mühsam herangebildet worden sein muss; und deshalb sah sich dessen bäurische Unwissenheit genötigt, handgreifliche und leicht einsichtige Methoden der Wahrheitsfindung anzuwenden.

In jeder Religion flehte man die Gottheit an, die Wahrheit eines von Menschen abgelegten Zeugnisses zu bekräftigen oder dessen Falschheit zu bestrafen; aber infolge der Einfalt der germanischen Gesetzgeber wurde dieses machtvolle Instrument missbraucht und korrumpiert. Die angeklagte Partei mochte dann vor dem Gericht eine Reihe wohlwollender Zeugen antreten lassen, die alle feierlich ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen, dass er unschuldig sei. Die Anzahl dieser compurgatores (Reinigungszeugen) stieg proportional zur Schwere der Anklage; zweiundsiebzig Mann waren erforderlich, einen Mörder oder Brandstifter freizuschwören; und wenn die eheliche Treue der Frankenkönigin zum Gegenstand des Zweifels wurde, dann schworen nötigenfalles dreihundert ritterliche Adlige ohne Zögern, dass der unmündige Prinz ganz gewiss von ihrem dahingegangenen Ehemanne gezeugt worden sei Gregor von Tours 8,9. Montesquieu (Esprit des lois 28,13) bemerkt hierzu, dass das Salische Recht diese negativen Beweise nicht kannte, die in den Rechtsbüchern der Barbaren sonst allgemein verbreitet waren. Aber die unbekannte Beischläferin (Fredegundis), die zur Frau von Chlodwigs Enkel wurde, muss dem Salischen Recht unterworfen gewesen sein.. Der infolge zahlreicher Meineide manifeste Missbrauch bestimmte die Magistrate, dieses gefährliche Verfahren abzustellen; und die Unzulänglichkeiten menschlicher Zeugenaussagen durch die berühmte Feuer- und Wasserprobe zu ersetzen. Diese außerordentlichen Gerichtsverhandlungen waren derart willkürlich zustande gebracht, dass in manchen Fällen die Schuld und in anderen die Unschuld nur durch ein Wunder erwiesen werden konnte. Betrug und Leichtgläubigkeit sorgten schnell für solcherlei Wunder; noch die kompliziertesten Fälle wurden durch diese einfache und unfehlbare Methode gelöst; und die radaufreudigen Barbaren, welche die Entscheidung eines Magistrates mit Verachtung abgetan haben mochten, schwiegen andächtig stille vor diesem Urteil Gottes Muratori hat in seinen Antiquities of Italy zwei Beispiele solcher Gottesurteile erörtert (38 und 39). Es wurde erwartet, dass Feuer den Unschuldigen nicht verbrennen würde; und dass das reine Wasser dem Schuldigen niemals gestatten würde, in seinem Schoße zu versinken..

WAHRHEITSFINDUNG DURCH ZWEIKAMPF

Aber die Urteilsfindung durch den Zweikampf erlangte im Laufe der Zeit mehr Ansehen und Glaubwürdigkeit unter einem kriegsgewohnten Volk, welches nicht glauben konnte, dass ein tapferer Mann verderben und ein Feigling leben durfte Montesquieu (Esprit des lois 28,17) hat sich dazu verstanden, diese »manière de penser de nos peres« (die Denkweise unserer Väter) vor Gericht zu erklären und zu entschuldigen. Er verfolgt dieser merkwürdigen Institution von der Zeit Gundobalds bis auf Ludwig den Frommen; und oft lässt der Philosoph dem Rechtshistoriker den Vortritt.. In Zivil- und in Kriminalprozessen mussten der Ankläger, der Verteidiger oder selbst der Zeuge auf eine Herausforderung auf Leben und Tod durch den Prozessgegner gefasst sein, wenn dieser keine gültigen Beweise beibringen konnte; und ihnen blieb jetzt nur die Wahl, ihre Sache verloren zu geben oder ihre Ehre durch den Kampf zu verteidigen. Der Kampf fand zu Fuß oder zu Pferde statt, ganz nach den Gepflogenheiten des jeweiligen Stammes In einem berühmtem Zweikampf zu Aachen (A.D. 820) vor den Augen Ludwigs des Frommen fand der Kampf, wie sein Biograph anmerkt, »secundum legem propriam, utpote quia uterque Gothus erat, equestri pugna congressus est« (nach dem landeseigenen Gesetz und damit zu Pferde statt, da ja beide Goten waren). Vita Hludovici Pii, c. 33, Historiens de la France, Band 6, p. 103). Ermoldus Nigellus (Panegyricus, ebd. P. 48-50), der uns den Kampf beschreibt, bewundert die ars nova des Kampfes zu Pferde, die den Franken bis dahin unbekannt war.; und die durch das Schwert oder die Lanze herbeigeführte Entscheidung war gültig durch die Dazwischenkunft des Himmels und durch den Spruch des Richters und des Volkes. Eingeführt in Gallien wurde dieses mörderische Gesetz durch die Burgunder; auf die Beschwerden und Einwände seines Untertan Avitus ließ sich ihr Gesetzgeber Gundobald In einem Edikt, A.D. 501 in Lyon veröffentlicht, führt Gundobald das Rechtsmittel der gerichtlichen Zweikämpfe ein (Leges Burgundionum, Titel 45, Historiens de la France,, Band 2, p. 267f.). Dreihundert Jahre später fleht der Bischof von Lyon, Agobard, Ludwig den Frommen, dieses Gesetz eines arianischen Tyrannen abzuschaffen (ebd, Band 6, p. 356-358). Dazu berichtete er von der Unterredung zwischen Gundobald und Avitus. wie folgt vernehmen: »Stimmt es denn nicht,« so der Burgunderkönig zu dem Bischof, »dass der Ausgang von Kriegen zwischen den Völkern und von privaten Fehden durch Gottes Willen entschieden wird? Und dass durch diese Vorsehung der Sieg sich stets der besseren Sache zuneigt?«

Aufgrund solcher durchaus gängigen Argumente setzte sich diese unsinnige und grausame Praxis der Zweikämpfe, die ursprünglich nur eine Besonderheit einiger Germanenstämme gewesen war, in allen Monarchien von der Ostsee bis Sizilien durch. Nach fast eintausend Jahren war diese Form der legalen Gewaltanwendung noch immer nicht vollständig ausgemerzt; und der ohnmächtige Tadel von Heiligen, Päpsten und Synoden scheint zu beweisen, dass der Einfluss des Aberglaubens sich erst dann abschwächt, wenn er sich auf eine widernatürliche Allianz mit Vernunft und Humanität einlässt. Die Prozesse waren besudelt mit dem Blut von möglicherweise unschuldigen und angesehenen Bürgern; das Gesetz, das in unseren Zeiten die Reichen unterstützt, war damals den Starken förderlich; und die Alten, Schwachen und Hinfälligen waren gezwungen, entweder auf ihre noch so berechtigten Ansprüche und Besitztümer zu verzichten, sich den Gefahren eines Kampfes mit ungewissem Ende auszusetzen »Accidit (spricht Agobard), ut non solum valentes viribus, sed etiam infirmi et senes lacessantur ad [certamen et] pugnam, etiam pro vilissimis rebus. Quibus feralibus certaminibus contingunt homicidia injustas et crudeles ac perversi eventus judiciorum.« (Es geschah durchaus, dass nicht nur körperlich Starke, sondern auch Kranke und Alte zum Kampf gefordert wurden, selbst aus den nichtigsten Anlässen. Diese gerichtlich verfügten Kämpfe hatten rechtwidrige Tötungen zur Folge sowie pervertierte und grausame Prozessergebnisse). Wie ein kluger Redner auch übergeht er das gestzliche Recht, einen Kämpfer zu bezahlen. oder auf die ungewisse Hilfe eines angemieteten Kämpfers zu vertrauen. Diese brutale Rechtsprechung war allen Bewohnern der gallischen Provinzen auferlegt, welche sich denn auch über jede Form von Unrecht beklagten, das ihnen oder ihrem Eigentum widerfahren war. Wie stark und mutig der Einzelne auch sein mochte, die Barbaren handhabten ihre Waffen besser und hingebungsvoller; und der besiegte Römer war fatalerweise genötigt, mit seiner eigenen Person den blutigen Zweikampf zu wiederholen, der doch vorher schon längst zuungunsten seines Landes entschieden worden war Herr Montesquieu( Esprit des lois 28,14), welcher versteht, warum bei den Burgundern, Ripuariern, Alamannen, Baiern, Lombarden, Thüringern, Friesen und Sachsen der gerichtliche Zweikampf zugelassen war, ist zufrieden damit, dass das Salische Gesetz es verbietet. Aber zumindest in Fällen von Verrat wird dieser Brauch von Ermoldus Nigellus (Panegyricus 3,543 in Historiens de la France, Band 6, p. 48) und dem anonymen Biographen von Ludwig dem Frommen (46, ebd., p.112) erwähnt als »mos antiquus Francorum, more Francis solito,« (alter Frankenbrauch; übliche Sitte bei den Franken), welche Ausdrücke zu allgemein gefasst sind, als dass sie ausgerechnet die edelsten Volksstämme ausgeschlossen hätten..

AUFTEILUNG DES LANDES DURCH DIE BARBAREN

Einstmals hatte eine alles verschlingende Flut von über einhundertundzwanzigtausend Germanen unter der Führung von Ariovist den Rhein überquert. Ein Drittel des fruchtbaren Siedlungsgebietes der Sequaner wurde ihnen zugewiesen; schon bald wiederholte der Sieger seine erpresserische Forderung nach dem anderen Drittel, um dort weitere vierundzwanzigtausend Barbaren anzusiedeln, die er geladen hatte, an Galliens üppiger Fruchtbarkeit teilzuhaben Caesar, Bellum Gallicum 1,31.. Nach fünfhundert Jahren nun rächten die Westgoten und Burgunder die Niederlage von Ariovist und besetzten dieselben ungleichen zwei Drittel des besiegten Landes. Aber diese Landzuweisung erstreckte sich nun keineswegs auf die ganze Provinz, sondern klugbedacht nur auf die Distrikte, in denen sich die Sieger aus eigenem Antrieb oder infolge der Politik ihrer Anführer niedergelassen hatten. In diesen Distrikten war jeder Barbar schon bald durch die Bande der Gastfreundschaft mit einem römischen Siedler verbunden. An diesen nicht-geladenen Gast musste der Eigentümer dann zwei Drittel seines väterlichen Erbes abtreten; aber der Germane, seines Gewerbes Schäfer oder Jäger, begnügte sich bisweilen wohl mit einem weitläufigen Waldstück oder einer Weide und überließ den kleinsten, aber wertvollsten Anteil dem Fleiß des Landwirtes Die verstreuten und versteckten Hinweise auf Landteilung in den Gesetzen der Burgunden (Titel 54, Nr. 1 und 2, Historiens de la France, Band 4, p. 271f.) und Westgoten (Buch 10, Titel 1, Nr. 8f. und 16, ebd., p. 428ff.) werden durch Herrn Montesquieu sorgfältig erläutert (Esprits des lois 30,7ff.). Ich möchte nur noch hinzufügen, dass bei den Goten die Teilung durch die Nachbarn bezeugt wurde; dass die Barbaren oftmals das verbleibende Drittel an sich rissen; und dass die Römer wieder in ihre Rechte eintreten konnten, falls nicht die gesetzliche Verjährung nach fünfzig Jahren sie hinderte..

Das Schweigen der antiken Zeugen und Urkunden hat die Meinung begünstigt, dass der Raubsucht der Franken durch kein Gesetz oder auch nur den Schein eines Gesetzes Mäßigung auferlegt war; dass sie sich ungeordnet und unkontrolliert über die gallischen Provinzen ergossen; und dass jeder der siegreichen Räuber nach Maßgabe seiner Wünsche, seiner Habsucht und seiner Körperkräfte mit seinem Schwert die Grenzen seines neuen Besitzes absteckte. In einiger Entfernung von ihrem Herrscher mochten die Barbaren allerdings zu solcher Willkür sich versucht fühlen; aber die entschlossene und umsichtige Politik eines Chlodwig musste eine solche Raubgesinnung an die Kandare nehmen, weil anders das Elend der Besiegten in gleichem Maße gewachsen wäre wie der Machtmissbrauch und die Zwietracht unter den Siegern. Die denkwürdige Vase von Soisson ist ein Denkmal und ein Unterpfand zugleich für die die reguläre Aufteilung der gallischen Beute. Es war die Pflicht Chlodwigs und es lag wohl auch in seinem Interesse, Belohnungen für seine siegreiche Armee und Siedlungsland für die Vielen bereit zu stellen; und zwar, ohne den königstreuen Katholiken Galliens allzu viel Unrecht anzutun. Die gewaltigen Einkünfte aus der Königsdomäne, herrenlosem Land und wohl auch gotischem Raub, die er mit vollem Recht für sich beanspruchte, mochte die Notwendigkeit zu Konfiskation und Beschlagnahme verringern; und die einfachen Siedler würden sich bei gleichmäßiger und korrekter Verteilung der Lasten leichter mit ihrem Los abfinden Es ist eigenartig, dass Herr Montesquieu (Esprits des lois 30,7). und der Abbé de Mably (Observations, Band 1, p. 21) dieser befremdenden Art von willkürlichem und unkontrolliertem Raub zustimmen. Der Count de Boulainvilliers (E'tat de la France, Band 1, p.22) zeigt ein untypisches Verständnis, das durch eine Wolke von Unkenntnis und Vorurteilen hindurchschimmert..

DOMÄNEN UND LEHEN DER MEROWINGER

Der Reichtum der Merowingischen Herrscher bestand wesentlich in ihrem ausgedehnten Landbesitz. Nach der Eroberung Galliens hatten sie nach wie vor Freude an der rustikalen Schlichtheit ihrer Vorfahren; die Städte überließ man sich selbst und ihrem Verfall; ihre Münzen, ihre Pacht und ihre Synoden sind nach wie vor mit den Namen der Landhäuser oder ländlichen Paläste versehen, in denen sie nacheinander residierten. Einhundertundsechzig dieser Paläste, welche Bezeichnung in uns nicht die unpassende Vorstellung von überbordender Prachtentfaltung evozieren sollte, waren über die Provinzen ihres Reiches verstreut; und wenn einige von ihnen den Rang einer Festung in Anspruch nehmen konnten, so waren die meisten doch nur als große und profitable Bauernhöfe anzusehen. Die Herrenhäuser für die langhaarigen Könige waren von geeigneten Höfen und Stallungen für Vieh und Geflügel umgeben; in den Gärten wurde nutzbringendes Gemüse gepflanzt; der Handel, die Mühen des Landbaus und selbst Jagd und Fischfang wurden von diensteifrigen Helfern geübt, auf dass der Herrscher seinen Gewinnst habe; seine Magazine füllten sich mit Getreide und Wein zu eigenem Gebrauch oder zu Handelszwecken; und die gesamten Administration war von den strengsten haushälterischen Grundsätzen geleitet Vergleiche hierzu den Land-Erlass (besser wohl: codex) von Karl dem Großen, in welchem siebzig verschiedene und detaillierte Bestimmungen dieses großen Mannes enthalten sind (Historiens de la France, Band 5, p. 652-657); er verlangt exakten Bericht über die Hörner und Felle der Ziegen, gestattet den Verkauf von Fisch und legt mit Genauigkeit fest, dass die größeren Landhäuser ( capitaneae) einhundert Hühner und dreißig Gänse halten dürften, die kleineren ( mansionales) indessen nur fünfzig Hühner und zwölf Gänse. Mabillon hat die Namen, die Anzahl und die Lage der merowingischen Landsitze erforscht..

Diese weitläufigen Patrimonien reichten für die Bewirtung von Chlodwig und seinem zahlenstarken Anhang sowie seiner Nachfolger aus, warfen auch manche Belohnung für bewährte Treue ihrer Begleiter ab, die ihnen in Kriegs- und Friedenszeiten dienend zur Seite standen. Anstelle eines Pferdes oder einer Rüstung erhielt jeder dieser Begleiter je nach Rang, Verdienst oder Nähe zum Herrscher ein Lehen, oder beneficium, was die ursprüngliche Bezeichnung und Rechtsform des Feudalbesitzes war. Diese Schenkungen konnte der Herrscher nach Gutdünken wieder an sich nehmen; und so festigte er durch seine Freigebigkeit ein wenig seine geringen Vorrechte. Aber allmählich wurden diese unsicheren Besitzansprüche von Frankreichs unabhängigem und beutefreudigem Adel ganz abgeschafft Aus einer Passage in den Burgundischen Gesetzen (Titel 1, Historiens de la France, Band 4, p. 257) geht deutlich hervor, dass ein würdiger Sohn erwarten durfte, das Land zu übernehmen, welches sein Vater von Gundobald als königliches Geschenk erhalten hatte. Die Burgunder beharrten nachdrücklich auf ihren Privilegien und dürften so die anderen Lehnsmänner Frankreichs ermutigt haben., der für seine Lehen ein dauerhaftes und erbliches Besitzrecht durchsetzte: eine Wende, durchaus heilsam für das Land, welches vordem von seinen ungesicherten Besitzern vernachlässigt oder herunter gewirtschaftet worden war Diese Änderung der Lehens- und Besitzverhältnisse hat Abbé de Mable mit aller Klarheit aufgezeichnet. Seine präzise Unterscheidungen der historischen Zeiten macht ihn so verdienstvoll, dass selbst ein Montesquieu dahinter zurücktritt.. Neben diesen königlichen und Lehensgütern wurde bei der Aufteilung Galliens viel Land als Allodial- oder Salisches Land ausgewiesen; es war nicht abgabepflichtig und wurde unter den männlichen Nachkommen der Franken gleichmäßig aufgeteilt Siehe die Salischen Gesetze (Titel 62, Historiens de la France, Band 4, p. 156). Ursprung und Eigenschaften dieser Salischen Güter, die man in dunklen Zeiten durchaus kannte, verwirren gegenwärtig unsere klügsten und scharfsinnigsten Forscher..

BESITZANEIGNUNG AUF PRIVATER EBENE

Als das Haus der Merowinger unter vielem Blutvergießen und stillem Zerfall unterging, bildete sich in den Provinzen eine neue Form von Alleinherrschern heraus, die unter der Bezeichnung Senioren das Recht an sich gerissen hatten, die Untertanen ihrer jeweiligen Territorien zu beherrschen und zu unterdrücken. Ihrem Ehrgeiz wurde erst dann ein Ziel gesetzt, wenn ein gleichmächtiger sich ihnen feindlich in den Weg stellte: aber die Gesetze galten nicht mehr; und die raublüsternen Barbaren, welche sogar den Zorn eines Heiligen oder Bischofs herauszufordern wagten Viele der zweihundertundsechs Wunder des heiligen Martin (Gregor von Tours, in: Bibliotheca maxima patrum, Band 11, p. 896-932) wurden wiederholt vollbracht, um Kirchenraub zu ahnden. »Audite haec omnes« (ruft der Bischof von Tours) »potestatem habentes,« (Höret alle, was diese für eine Macht besitzen) nachdem er erzählt hatte, wie ein paar Pferde durchgegangen waren, die auf kircheneigenem Grasland gegrast hatten., dürften nur in Ausnahmefällen die Besitzgrenzen eines weltlichen und wehrlosen Nachbarn respektiert haben. Die allgemeinen oder Naturrechte Heiniccius, Elementa iuris civilis, Buch 2, Teil1, Nr. 8., die die römische Rechtsprechung zu allen Zeiten geheiligt hatte, wurden durch die germanischen Sieger massiv beschnitten, da deren Vergnügen oder besser wohl: Leidenschaft die Jagd war. Die Herrschaft über das gewaltige Reich der wilden Bewohner der Erde, des Wassers und der Luft, das die ganze Menschheit errungen hatte, durfte nur noch von einigen glückverfolgten Individuen der menschlichen Rasse ausgeübt werden. Gallien war erneut von Wäldern bedeckt; und die Tiere, die für den Nutzen oder das Vergnügen der Herrscher aufgehoben waren, mochten straflos die Äcker der dienenden Vasallen verwüsten. Die Jagd war die heilige Gerechtsame des Adels und seines Anhangs. Übertraten Plebejer diese Grenze, wurden sie aufgrund dieses Gesetzes ausgepeitscht und eingekerkert Jonas, Bischof von Orléans (A.D. 821-826), verurteilt diese legale Adels-Despotie: »Pro feris, quas cura hominum non aluit, sed Deus in commune mortalibus ad utendum concessit, pauperes a potentioribus spoliantur, flagellantur, ergastulis detruduntur, et multa alia patiuntur. Hoc enim qui faciunt, 'lege mundi' se facere juste posse contendunt.« (Für das Wild, das nicht durch menschliche Fürsorge am Leben ist, sondern die Gott allen Sterblichen zur Nutzung gegeben hat, werden die Armen von den Mächtigen beraubt, ausgepeitscht, eingesperrt, und erleiden noch vieles andere. Denn die, welche so handeln, bestehen darauf, nach ›allgemeinem Recht‹ so zu handeln.) De Institutione Laicorum, 2, 23, in: Thomassin, Discipline de l'Église, Band 3, p. 1348.; doch zu einer Zeit, in der das erste städtische Leben aufkam, war es sogar ein todeswürdiges Verbrechen, einen Hirsch oder einen Auerochsen in königlichen Forsten zu töten Nur auf den bloßen Verdacht hin wurde Chundo, ein Kammerdiener des Burgunderkönigs Chuntram zu Tode gesteinigt (Gregor von Tours, 10,10); Johann von Salisbury (Policraticus 1,4) macht an dieser Stelle das Naturrecht geltend und attackiert die grausame Praxis des XII. Jahrhunderts. Siehe auch Heineccius, Elementa iuris civilis Buch 2, Teil 1, Nr. 51-57..

SKLAVEREI

Nach den Kriegsgesetzen des Altertums hatte der Sieger das unbeschränkte Verfügungsrecht über den Feind, den er besiegt und geschont hatte Erst im XIII. kam man unter dem vorherrschenden Einfluss der christlichen Werte endgültig von der Übung ab, Kriegsgefangene zu versklaven; es kann jedoch aus Passagen bei Gregor von Tours u.a. nachgewiesen werden, dass sie noch unter den Merowingern obwaltete; und selbst Grotius (DE iure belli et pacis3,7) und sein Kommentator Barbeyrac haben mit vielem Aufwand versucht, sie mit den Natur- und Vernunftgesetzen in Einklang zu bringen.; die in langen Friedenszeiten von den Römern fast abgeschaffte individuelle Sklaverei wurde durch die unablässigen feindlichen Übergriffe der Barbaren wieder belebt und noch vermehrt. Der Gote, Burgunder und Franke schleppte auf der siegreichen Rückkehr von einem Feldzug einen langen Tross von Schafen, Ochsen und menschlichen Gefangenen mit sich, die er allesamt mit der gleichen verächtlichen Brutalität behandelte. Jugendliche von angenehmem Äußeren wurden als Haussklaven ausgesondert: eine durchaus heikle Situation, da er jetzt den erfreulichen oder verhängnisvollen Folgen der Leidenschaft ausgesetzt war. Geschickte Handwerker wie Schmiede, Zimmerer, Schneider, Schuhmacher, Köche, Gärtner, Färber und Gold- und Silberschmiede stellten ihre Fertigkeiten in den Dienst ihrer Herren. Die römischen Gefangenen indessen, denen es an Talent, wenn auch nicht am Willen zur Arbeit mangelte, mussten unbeschadet ihrer früheren Stellung das Vieh der Barbaren hüten und ihr Land bestellen. Die Zahl der erblichen Sklaven in Gallien wuchs auf diese Weise beständig an; und ihr Los erleichterte sich zuweilen infolge des nahezu gefährlichen Wohlwollens ihrer Besitzer, viel öfter jedoch verschlimmerte es sich aufgrund eines willkürlichen Despotismus Die Stellung, Gewerbe &c. der germanischen, italienischen, und Gallischen Sklaven im Mittelalter werden erläutert von: Heineccius (Elementa Juris civilis, Buch 1, Nr. 28-47), Muratori (Dissertazioni 15 und 16). Du Cange (Glossarium, Lemma ›Servi‹), und the Abbé de Mably (Observations, Band 2 p. 3ff. und p. 237 ff.).. Ihre Herren besaßen die uneingeschränkte Macht über Leben und Tod; und wenn sie ihre Töchter verheirateten, dann wurde ein Zug arbeitsfähiger Sklaven an den Wagen gekettet, – dies sollte ihre Flucht verhindern – und als Mitgift in eine ferne Stadt verbracht Gregor von Tours (6,45) erzählt ein erinnerungswürdiges Beispiel von Missbrauch persönlicher Macht durch Chilperich. Viele Familien, die zu seinem domus fiscalis bei Paris gehörten, wurden zwangsweise nach Spanien umgesiedelt..

Das Römische Recht in seiner Majestät schützte die Freiheit eines jeden Bürgers gegen die unmittelbaren Folgen einer persönlichen Notlage; aber die Untertanen der merowingischen Könige mochten ihre individuellen Freiheit veräußern; und dieser Akt des allgemein üblichen legalen Selbstmordes wird mit Begriffen bezeichnet, die mit der Menschenwürde durchaus unvereinbar sind »Licentiam habeatis mihi qualemcumque volueritis disciplinam ponere; vel venumdare, aut quod vobis placuerit de me facere.« (Ihr habt die Freiheit, mir jede Buße aufzuerlegen, mich zu verkaufen oder was euch sonst einfällt). Marculfi Formululae 2,28, Band 4, p. 497. Die 'Formula' von Lindenbrogius (Codex legum, p. 559), und von Anjou (p. 565, ebd.) verfolgen den gleichen Zweck. Gregor vonTours (7,45) spricht von vielen Menschen, die sich selbst in großen Hungersnöten für Brot verkauften.. Das Beispiel der Armen, die ihr Leben fristeten, indem sie alles drangaben, was das Leben lebenswert macht, wurde nach und nach von den Schwachen und Frommen nachgeahmt, die in Zeiten öffentlicher Unordnung verzagten und Schutz suchten unter dem Schirm eines mächtigen Stammeshäuptlings oder an dem Schrein eines volkstümlichen Heiligen. Diese weltliche beziehungsweise geistige Elite nahm ihre Unterwerfung bereitwillig an; und diese voreilige Handlung legte ihren und ihrer nächsten Nachkommen Status unwiderruflich fest.

Von Chlodwigs Zeiten an wurde in den folgenden fünf Jahrhunderten die Institution der Sklaverei gefestigt und sogar noch ausgedehnt. Die verschiedenen Läufte der Zeit ließen die vermittelnden Abstufungen der gesellschaftlichen Klassen in Vergessenheit geraten und ließen nur noch einen ungeklärten und schmalen Abstand zwischen dem Adel und den Sklaven bestehen. Aus dieser willkürlichen und neuen Einteilung machten Borniertheit und Vorurteil eine nationale Unterscheidung, die für die ganze Nation konstituierend war und die die Merowinger mit Waffengewalt und Gesetzgebung etabliert hatten. Der Adel, der seine tatsächliche oder auch nur fabulöse Herkunft von den siegreichen und unabhängigen Franken herleitete, hat für sich das unveräußerliche Recht beansprucht und entsprechend missbraucht, über eine niedergeworfene Sklaven- und Volksmasse zu herrschen, die nach ihrer Vorstellung mit Schmach bedeckt war, da sie gallischer oder römischer Herkunft war.

DAS BEISPIEL DER AUVERGNE

Der allgemeine Zustand und die Umwälzungen in Frankreich, welcher Name auf die Sieger zurückgeht, kann am Beispiel einer Provinz, einer Diözese oder einer senatorischen Familie veranschaulicht werden. Die Auvergne hatte vordem zu Recht eine hervorragende Stellung unter Galliens unabhängigen Städten und Provinzen. Ihre zahlreichen tapferen Einwohner besaßen eine unschätzbare Trophäe: das Schwert von Caesar persönlich, der es verloren hatte, als er vor den Mauern von Gergovia besiegt wurde Da Caesar es zu sehen bekam, schlug er ein Gelächter auf (Plutarch, Caesar 26); allerdings: von der erfolglosen Belagerung Gergovias berichtet er mit geringerer Offenheit, als wir es von einem bedeutenden Feldherren erwarten würden. Wenigstens gesteht er ein, dass er bei einem einzigen Angriff vierundsechzig Centurionen und siebenhundert Mann verloren habe. (Bellum Gallicum 6,44-53).. Als Nachfahren der Troianer beanspruchten sie die brüderliche Allianz der Römer »Audebant se quondam fratres Latio dicere, et sanguine ab Iliaco populos computare.« (Sie waren einst so dreist, sich Brüder Latiums zu nennen und rechneten sich für ein Volk trojanischen Geblütes.) Sidonius Apollinaris 7, Epistula 7. Von den Abstufungen und ferneren Umständen dieses fabulösen Stammbaumes habe ich indessen keine Kenntnis.; und hätten die anderen Provinzen dem Mut und der Loyalität der Auvergne nachgeeifert, dann wäre der Untergang des Westreiches verhindert oder doch wenigstens verzögert worden. Sie hielten die Treue, die sie den Westgoten nur widerstrebend geschworen hatten; nachdem aber die Blüte ihres Adels in der Schlacht bei Poitiers gefallen war, unterwarfen sie sich ohne weiteren Widerstand dem siegreichen katholischen Herren. Diesen leichten und folgenschweren Sieg errang der älteste Sohn des Chlodwig, Theoderich; aber die entlegene Provinz war von seinen austrasischen Gebiet durch die dazischen gelegenen Königreiche von Soisson, Paris und Orleans getrennt, welche nach dem Tod ihres Vaters seine drei Brüder geerbt hatten. Den König von Paris, Childebert, reizte die Schönheit der nahegelegenen Auvergne Childebert hat Berry entweder bei der ersten oder zweiten Teilung unter Chlodwigs Söhnen erhalten (Gregor von Tours, 3,12). »Velim (sagte er), Arvernam 'Lemanem', quae tantae jocunditatis gratia refulgere dicitur, oculis cernere.« (Ich möchte einmal mit eigenen Augen die Limagne in der Auvergne sehen, die so überaus anmutig und liebreizend sein soll). Der Anblick des Landes war durch dichten Nebel verhüllt, als der König von Paris in Clermont einzog.. Das Oberland, welches sich nach Süden bis in das Chevennengebirge erstreckt, ist ein reiches Wald- und Weideland; die Hügel sind mit Weingärten übersät; und auf jeder Anhöhe findet sich eine Burg oder ein Landhaus. In der Niederauvergne fließt die Allier durch die anmutige und ausgedehnte Ebene der Limagne; und die unausschöpfliche Fruchtbarkeit des Bodens erbrachte und erbringt noch heute Jahr für Jahr und ohne Brache gleich große Ernten Die Beschreibung der Auvergne sehe man bei: Sidonius (4 Epistula 21), mit den Anmerkungen von Savaron und Sirmond (p. 279 und 51 ihrer jeweiligen Ausgaben); Boulainvilliers (Etat de la France, Band 2, p. 242-268), und der Abbé de la Longuerue (Description de la France, Teil 1, p. 132-l 39)..

Auf die falsche Nachricht von der Niederlage und dem Tod ihres gesetzmäßigen Herrschers verriet der Enkel des Sidonius Apollinaris die Stadt und Diözese der Auvergne. Childebert erfreute sich seinen erschlichenen Sieges; und die freien Untertanen Theoderichs drohten, seine Fahne zu verlassen, wenn er seinen privaten Rachegelüsten frönen sollte, solange das Land in den Krieg mit den Burgundern verstrickt war. Aber schon bald unterlagen die Franken von Austrasien der wirkmächtigen Eloquenz ihres Königs: »Folgt mir,« sagte Theoderich, »in die Auvergne; ich werde euch in eine Provinz führen, wo ihr alles bekommen könnt, was ihr euch nur wünscht, Gold, Silber, Sklaven, Vieh und wertvolle Kleidung. Ich wiederhole mein Versprechen: ich überlasse Euch die Menschen und ihren Besitz zur Beute; und ihr mögt sie nach Gefallen in euer Land mitnehmen.« Durch die Einlösung seines Versprechens verlor Theoderich zu Recht die Loyalität eines Volkes, dessen Untergang er beschlossen hatte. Seine Truppen, verstärkt noch durch die grimmigsten germanischen Barbarenstämme »Furorem gentium, quae de ulteriore Rheni amnis parte venerant, superare non poterat.« (Die Raserei der Stämme, die von jenseits des Rheinstroms einbrachen, konnten sie nicht dämpfen.) Gregor von Tours, 4,50. So lautete die Entschuldigung eines anderen austrasischen Herrschers (A.D. 574) wegen der Verwüstungen, die seine Truppe nahe Paris angerichtet hatten., verbreiteten Not und Jammer über die Auvergne; und nur zwei Orte, eine feste Burg und ein Heiligengrab blieben vor ihrer Zerstörungswut bewahrt.

Die Festung Meroliac Aufgrund seines Namens haben die benediktinischen Herausgeber des Gregor von Tours (Band 2, p. 192) diese Festung an einen Platz mit dem Namen Castel Merliac verlegt, der zwei Meilen von Mauriac entfernt in der Oberen Auvergne liegt. In dieser Beschreibung übersetze ich ›infra‹, als stände dort ›intra‹. Gregor oder die Kopisten verwechseln diese beiden Präpositionen ständig, sodass der Sinn über die Lesart entscheiden muss. erhob sich auf einem ragenden Felsen, der sich mehr als hundert Fuß über der Ebene emporragte; ein großes Wasserreservoir und sogar bestellbares Land lag innerhalb seiner Befestigungsanlagen; die Franken sahen mit Abgunst auf diese uneinnehmbare Feste; aber sie griffen eine Gruppe von fünfzig Nachzüglern auf; und da sie von der Zahl ihrer Gefangenen ohnehin beschwert wurden, setzten sie ein geringes Lösegeld auf ihre bedauernswerten Gefangenen, die zu massakrieren sie keine Bedenken tragen würden, wenn die Garnison kein Entgegenkommen zeigen sollte.

Ein zweites Detachement drang bis nach Brivas (oder Brioude) vor, wo sich die Bewohner samt ihren Wertsachen in das Heiligtum von St. Julian geflüchtet hatten. Die Kirchentore widerstanden dem ersten Ansturm; aber ein kühner Krieger drang durch ein Chorfenster und öffnete seinen Kameraden den Zugang. Klerus und Kirchenvolk, heilige und weltliche Beute, alles wurde brutal vom Altar fortgerissen; und unfern von Brivas wurde dann die gotteslästerliche Beute-Teilung vollendet. Aber diese Ruchlosigkeit ward von Chlodwigs frommen Sohne streng gezüchtigt. Die Hauptschuldigen ließ er hinrichten; überließ die heimlichen Komplizen der Strafe St. Julians; entließ die Gefangenen; leistete Ersatz für das Geraubte; und erweiterte den Asylbereich auf fünf Meilen rund um das Grab des Heiligen Zu diesen Umwälzungen und Kriegen in der Auvergne sehe man Gregor von Tours (2,37; 3,9 und 12f. De Miraculis St. Juliani 13). Häufig gibt er eine außerordentliche Heimatliebe zu erkennen..

DIE GESCHICHTE VON ATTALUS UND LEO

Bevor sich nun die austrasische Armee aus der Auvergne zurückzog, versorgte Theoderich sich mit ein paar Sicherheitsgarantien für die künftige Loyalität des Volkes, dessen berechtigter Hass nur durch Angst einzudämmen war. Mehrere Jugendliche von Adel, Söhne von einflussreichen Senatoren, wurden dem Sieger als Gewähr für die Treue Childeberts und seiner Landsleute ausgeliefert. Auf das erste unbestätigte Kriegs- oder Verschwörungsgerücht hin wurden diese unschuldigen Minderjährigen zu Sklaven gemacht; und einer von ihnen, Attalus Die folgende Erzählung von Attalus stammt von Gregor von Tours (3,16). Sein Herausgeber, Pater Ruinart, verwechselt diesen Attalus, der im Jahre 532 ein Jugendlicher (puer) war, mit einem Freund des Sidonius gleichen Namens, der fünfzig bis sechzig Jahre zuvor comes von Autun war. Ein derartiger Irrtum, den man nicht der Unwissenheit zuschreiben kann, entschuldigt sich gewissermaßen durch seine eigene Größe., dessen Abenteuer uns bis in die Einzelheiten berichtet werden, musste in der Diözese von Trier die Pferde seines Herren pflegen. In dieser unwürdigen Stellung wurde er dann nach langer und mühsamer Suche von den Emissären seines Großvaters Gregor, Bischofs von Langres aufgefunden; aber sein Freikauf-Angebot wurde von der Habgier des Barbaren brüsk zurück gewiesen, welcher die ausschweifende Summe von zehn Pfund Gold für die Freiheit seines adligen Gefangenen verlangte.

Erst die Kühnheit und die List von Leo, einem Küchenknecht im Dienste des Bischofs von Langres Dieser Gregorius, der Urgroßvater des Gregor von Tours (Historiens de la France, Band 2, p. 197 und 490), wurde zweiundneunzig Jahre alt, von denen er vierzig als comes von Autun zubrachte und zweiunddreißig als Bischof von Langres. Folgt man dem Dichter Venatius Fortunatus, dann erwarb er sich auf beiden beruflichen Stationen vergleichbare Verdienste: »Nobilis antiqua decurrens prole parentum,/ Nobilior gestis, nunc super astra manet./Arbiter ante ferox, dein pius ipse sacerdos,/Quos domuit judex, fovit amore patris.« (Edel aus altem Geschlecht der Vorfahren stammend, edler noch durch Taten, ist er nun jenseits der Sterne. Beherzter Herrscher vordem, dann selbst ein braver Priester, und welche er als Richter dämpfte, heilte er in väterlicher Liebe.), brachten ihm die Freiheit. Ein uns unbekannter Helfer führte ihn problemlos in die Familie ein. Der Barbar kaufte Leo für zwölf Goldstücke; und war erfreut zu hören, dass er in Fragen des Tafel-Luxus unfassende Kompetenz besitze. »Am nächsten Sonntag«, sprach der Franke, »werde ich meine Nachbarn und Freunde einladen. Biete all deine Kunst auf und nötige sie zu dem Geständnis, das sie noch niemals, selbst in des Königs Palast, derlei Köstlichkeiten gesehen oder geschmeckt hätten.« Leo bekräftigte, dass er, bei ausreichenden Mengen an Geflügel, seinen Wünschen ohne weiteres willfahren könne. Der Hausherr nahm das Lob, mit dem seine verfressenen Gäste den Koch überhäuften, für sich in Anspruch und sah seinen Ruhm als Meister der raffinierten Tafel groß werden; und geschickt und unauffällig erwarb sich Leo die Stellung eines Vertrauten und Hauswirtschafters.

Nach Ablauf eines ganzen geduldig ertragenen Jahres weihte er Attalus vorsichtig in sein Vorhaben ein und wies in an, sich für die nächste Nacht zur Flucht bereit zu halten. Zu mitternächtlicher Stunde erhoben sich die Gäste nach üppigem Mahle; und der Schwiegersohn des Franken, dem Leo noch einen Schlummertrunk in sein Zimmer brachte, machte leutselige Scherze über die Leichtigkeit, mit der er seine Vertrauensstellung missbrauchen könne. Der Sklave ertrug mit Seelenstärke diese heikle Neckerei, betrat das Schlafgemach seines Herren, räumte Speer und Schild beiseite, führte in aller Stille die besten Renner aus dem Stall, öffnete die massiven Tore und ermahnte Attalus, sein Leben durch unablässige Schnelligkeit zu bewahren. Am Ufer der Maas Da alle beide, Herr de Valois und Pater Ruinart, die Mosella des Textes zu Mosa verändert haben, läge es mir ob, zu dieser Abänderung zu schweigen. Nach eingehender Prüfung der Topographie könnte ich allerdings einiges zugunsten der herkömmlichen Lesart anführen. mussten sie ihre Pferde notgedrungen zurücklassen; sie durchschwammen den Fluss, wanderten drei Tage durch die benachbarten Wälder und ernährten sich lediglich von einigen zufällig aufgefundenen wilden Pflaumenbäumen. Als sie einmal tief verborgen in einem Gebüsch lagen, hörten sie das Getrappel von Pferden; sie entsetzten sich über die wutverzerrte Miene ihres Herren und hörten bänglich seine grässlichen Schwüre, er werde den einen, sobald er ihrer nur habhaft werde, in Stück hauen und den anderen am Galgen aufhängen.

Endlich jedoch erreichten Attalus und der getreue Leo das gastliche Haus eines Presbyters zu Reims, der ihre schwindenden Kräfte mit Wein und Brot restaurierte, sie vor den Nachstellungen ihres Feindes verborgen hielt und sie schließlich sicher und außerhalb der Grenzen von Austrien zum Bischofspalais zu Langres eskortierte. Mit Tränen der Freude umarmte Gregor sein Enkelkind, entließ Leo und seine ganze Familie dankbar in die Freiheit und schenkte ihm ein Bauerngut, wo er bis zum Ende seiner Tage in Glück und Freiheit gelebt haben mochte. Vielleicht hat Attalus dieses Abenteuer, das so viele Züge von Wahrheit enthält, seinem Neffen oder Cousin erzählt, dem ersten Geschichtsschreiber der Franken. Gregor von Tours Die Eltern von Gregor (Gregorius Florentius Georgius) waren von adliger Herkunft (natalibus … illustres) und besaßen große Landgüter (latifundia) in der Auvergne und im Burgundischen. Er wurde 539 geboren, 573 zum Bischof von Tours geweiht und starb 593 oder 595 kurz nach Vollendung seines Geschichtswerkes. Seine Biographie bei Odo, Abt von Cluny (Historiens de la France, Ban 2, p. 129-135), sowie eine Vita aus neuerer Zeit in den Memoires de l'Academie ds Inscriptions, Band 26, p. 598-637. wurde etwa sechzig Jahre nach dem Tode des Sidonius Apollinaris geboren; ihre Stellung war durchaus vergleichbar, denn beide stammten aus der Auvergne und waren Senator und Bischof. Der Unterschied in ihrem Stil und in ihren Meinungen bringt daher den Niedergang Galliens zum Ausdruck und zeigt deutlich auf, wie sehr doch in so kurzer Zeit der menschliche Geist von seiner Energie und seiner Klarheit verloren hatte »Decedente atque immo potius pereunte ab urbibus Gallicanis liberalium cultura literarum,...« (Weil die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens vernachlässigt, schier untergegangen ist...) Vorrede zu Band 2, p. 137. Diesen Niedergang, den auch Gregor beweint, bestätigt er an seinem eigenen Werk nur allzu deutlich. Seinem Stil fehlt jede Eleganz und ebenso jede Einfachheit. An wichtigen Stellen fehlt ihm das Verständnis für seine Zeit und sein Land; und in dem wortreichen Werke (die letzten fünf Bücher schildern die letzten zehn Jahre) hat er fast alles weggelassen, was die Nachwelt erfahren möchte. Infolge meiner mühseligen Lektüre habe ich mir das Recht zu diesem ungünstigen Urteil redlich erworben..

THEODODIANISCHE UND BARBARISCHE JURISPRUDENZ

Wir sind nunmehr imstande, die widersprüchlichen und möglicherweise vorsätzlich überzeichneten Darstellungen über die Lage der gallischen Römer unter den Merowingern in zutreffender Weise zu interpretieren. Die Sieger hatte niemals irgendein allgemeingültiges Edikt in Bezug auf Sklaverei und Enteignung erlassen; aber ein degeneriertes Volk, welches seine Schwäche hinter solchen Niedlichkeiten wie Bildung und Friedfertigkeit verbarg, war den Waffen und der Gesetzgebung der Barbaren ausgeliefert, wenn diese Hand anlegten an ihren Besitz, ihre Freiheit, ihre Sicherheit. Das Unrecht, das sie individuell erlitten, war willkürlich und zufällig; aber die Mehrheit der Römer überstand die Umwälzungen und hatte nach wie vor die Eigentumsrechte und Privilegien von Bürgern. Ein Großteil ihres Landes wurde für die Benutzung durch die Franken eingezogen; das, was übrig war, durften sie jedoch behalten, der Abgaben ledig Der Abbé Mably (Observations, Band 1, p. 247-267) hat diese Auffassung des Präsidenten de Montesquieu (Esprit des lois 30,13) fleißig bekräftigt.; und dieselbe unwiderstehliche Gewalt, die gallische Kunst und Gewerbe fortgefegt hatte, warf auch das ausgeklügelte und aufwendige Herrschaftssystem der kaiserlichen Herrschaft zu Boden. Die Provinzialen werden häufig genug über die grobschlächtige salische oder ripurarische Rechtspflege geklagt haben; aber ihr privates Leben, insbesondere wichtige Institutionen wie etwa Eheschließungen, Testamentsfragen und Erbrecht, wurde immer noch durch den Codex Theodosianus geregelt; und ein missgestimmter Römer mochte immerhin zur Stellung eines Barbaren streben oder zu ihr herabsteigen. Die Ehrenstellungen des Staates standen seinem Ehrgeiz offen; ihr Erziehungshintergrund qualifizierte die Römer insbesondere für Ämter im Zivil- und Verwaltungsbereich; und sobald sich ihre Leidenschaft für militärische Belange auf dem Wege des Wettbewerbs neuerlich entzündet hatte, durften sie in gehobenen Dienstgraden und sogar an der Spitze der siegreichen Germanenheere Dienst tun.

Ich werde jetzt nicht dazu übergehen, die zahlreichen Generäle und Richter zu benennen, deren Namen Siehe Dubos, Histoire critique, Band 2, Buch 6, c. 9 und 10. Französische Gelehrte erheben es nachgerade zum Prinzip, dass man Römer und Barbaren an ihren Namen unterscheiden könne. In der Tat begründen Namen eine sinnvolle Mutmaßung; doch bei meiner Lektüre des Gregor von Tours habe ich einen Gondulphus senatorischer oder sogar römischer Herkunft (6,11) entdeckt sowie einen Barbaren mit Namen Claudius (7,29). allein diese liberale Politik der Merowinger belegen. Die oberste Kommandogewalt Burgunds wurde unter der Bezeichnung patricius nacheinander drei Römern anvertraut; und der letzte und zugleich einflussreichste, Mummolus Eunius Mummolus wird von Gregor vom 4. (c.42) bis zum 7. (c. 40) Buch mehrfach genannt. Seine Einschätzung mit Hilfe von Talenten ist schon einmalig; aber wenn Gregor diesem verschollenen Wort überhaupt eine Bedeutung beimisst, das muss das Vermögen des Mummolus 100.000 Pfund Sterling überschritten haben., der abwechselnd die Monarchie rettete und in Bedrängnis brachte, hatte seinen Vater aus der Position eines comes von Autun verdrängt und zugleich ein Vermögen von dreißig Talenten Gold und zweihundertundfünfzig Talenten Silber hinterlassen. Die ungehobelten und illiteraten Barbaren waren mehrere Generationen lang von kirchlichen Würdenstellungen ausgeschlossen Siehe Fleury, Discours sur l'Histoire Ecclesiastique 3.. Galliens Klerus setzte sich fast ausschließlich aus Einheimischen zusammen; und die hochfahrenden Franken fielen ihren Untertanen zu Füßen, wenn sie denn die Bischofswürde besaßen; so erlangten sie mit Hilfe des Aberglaubens die Macht und den Reichtum wieder, der ihnen im Kriege verloren gegangen war Der Bischof von Tours pesönlich hatte diese Klage von Chilperich, Chlodwigs Enkel, aufgezeichnet (6,46): »Ecce pauper remansit fiscus noster; ecce divitiae nostrae ad ecclesias sunt translatae: nulli penitus nisi soli Episcopi regnant.« (Siehe, unsere Kasse steht leer; siehe, unser Reichtum gehört den Kirchen; niemand denn die Bischöfe allein herrschen)..

In allen weltlichen Angelegenheiten war der Codex Theodosianus für den Klerus bindendes Gesetz; doch auch die Jurisprudenz der Barbaren hatte in spendabler Weise für ihre persönliche Sicherheit Sorge getragen: ein Sub-Diakon galt zwei Franken; auch der Antrustion und der Priester würden ähnlich geschätzt; und der Wert eines Bischofs lag mit neunhundert Goldstücken deutlich über dem allgemeinen Preis für ein Menschenleben Siehe die Lex Ribularia, Titel 36. Das Salische Recht trägt für die Sicherheit des Klerus keine Sorge, und so können wir zugunsten dieses höher kultivierten Stammes nur vermuten, dass sie ein derartiges Verbrechen wie den Mord an einem Priester nicht vorhergesehen hatten. Indessen wurde der Erzbischof von Rouen, Prätextatus, im Auftrage der Königin Fredegundis vor dem Altar ermordet (Gregor onTours, 8,31).. Die Römer vermittelten ihren Bezwingern die christliche Religion und die lateinische Sprache Herr Bonamy (Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 24, p. 582-670) hat nachgewiesen, dass die Lingua Romana Rustica sich auf dem Wege über das Romanische allmählich zu dem heutigen Französisch verfeinert hat. In der Karolingerzeit konnten die Könige und Adligen Frankreichs immer noch den Dialekt ihrer germanischen Vorfahren verstehen.; aber Sprache und Religion hatten von der schlichten Reinheit aus der Zeit des Augustus und der Apostel viel verloren. Das Fortschreiten des Aberglaubens und der Barbarei war allumfassend; die Verehrung der Heiligen machten dem Volk den Christengott unsichtbar; und der erdnahe Dialekt der Bauern und Soldaten wurde durch eine teutonische Wortwahl und Aussprache verfälscht. Indessen hob dieser Wechselverkehr von Heiligem und Profanem den Unterschied von Geburt und Sieg wieder auf. Und allmählich wurden alle Volksstämme Galliens unter dem gemeinsamen Namen der Franken ununterscheidbar.

ANARCHIE UNTER DEN FRANKEN

Nachdem sich die Franken mit ihren gallischen Untertanen vermischt hatten, hätten sie sich das wertvollste aller menschlichen Güter, eine durch die Verfassung geregelte Freiheit, zum Geschenk machen können. Unter einem Erbkönig mit kontrollierten Befugnissen hätten Stammeshäuptlinge und Ratgeber zu Paris im Palast der Caesaren ihre Debatten führen können; auf den unfernen Feld, wo die Könige ihre Söldnertruppen zu mustern pflegten, hätte sich eine gesetzgebenden Zusammenkunft von Freien und Kriegern treffen können; und die Staatsklugheit der Römer hätte das unfertige Vorbild aus den Wäldern Germaniens »Ce beau système a été trouvé dans les bois.« (Dieses schöne System wurde in den Wäldern erfunden.) Montesquieu, Esprit des lois 11,6. sicherlich verbessert und ihm den letzten Schliff gegeben. Aber die Barbaren achteten im Bewusstsein ihrer persönlichen Freiheit die Mühen des Regierens nur gering; die jährlichen Treffen im März wurden im Laufe der Zeit stillschweigend eingestellt; die Eroberung Galliens hatte die Nation nachgerade zerteilt und aufgelöst Siehe den Abbé de Mably, Observations, Band 1, p. 34-56.Es scheint, dass die Einrichtung einer Nationalversammlung, welche etwa so alt ist wie die französische Nation, niemals zu ihrem Volkscharakter gepasst hat..

Die Monarchie blieb sich selbst überlassen ohne geregelte Einrichtungen für Justiz, Heer und Steuern; den Nachfolgern Chlodwigs gebrach es an Kraft und Entschlossenheit, die legislativen und exekutiven Möglichkeiten umzusetzen, auf die das Volk verzichtet hatte. Nur durch ihren größeren Umfang zu Raub und Mord zeichneten sich die königlichen Prärogative aus; und die Freiheitsliebe, welche privater Ehrgeiz ebenso oft gestärkt wie missbraucht hatte, verkam unter den widersetzlichen Franken zu einer Art Abneigung gegen Ordnung und zum Wunsch nach Straffreiheit.

Fünfundsiebzig Jahre nach dem Tod von Chlodwig schickte sein Enkel, der Burgunderkönig Guntram, eine Armee in die gotischen Besitzungen von Septimania oder Languedoc. Die Hoffnung auf Beute brachte die Armeen von Burgund, der Auvergne und umliegender Länder in Bewegung. Sie marschierten ohne straffe Ordnung unter gallischen und germanischen comes; ihre Angriffe waren matt und erfolglos; aber die befreundeten und feindlichen Provinzen überzogen sie mit unterschiedloser Grausamkeit. Getreidefelder, Dörfer, ja selbst die Kirchen verzehrten die Flammen; die Bewohner wurden wahllos umgebracht oder in die Sklaverei geführt; und auf dem ungeordneten Rückzug kamen fünftausend dieser entmenschten Wilden ums Leben, sei es infolge von Hunger, sei es, weil sie sich gegenseitig massakrierten. Als aber der gottesfürchtige Guntram das schuldhafte Verhalten und die Nachlässigkeit der Heerführer rügte und nicht mit einer Gerichtverhandlung, sondern mit willkürlichen Hinrichtungen drohte, erhoben sie Klage über die allgemeine und unheilbare Verderbnis des Volkskörpers.

»Niemand,« so sagten sie, »fürchtet noch respektiert seinen König, seinen dux, seinen comes. Jeder Mann gefällt sich in Missetaten und frönt seinen kriminellen Gelüsten. Das geringste Gegensteuern verursacht Lärm, und der unbedachte Häuptling, der einzugreifen sich erkühnt, kommt oftmals kaum mit dem Leben davon Gregor von Tours (8,30) erzählt voller Herzenskühle von den Verbrechen, dem Vorwurf und der Rechtfertigung: »Nullus Regem metuit, nullus Ducem, nullus Comitem reveretur; et si fortassis alicui ista displicent, et ea, pro longaevitate vitae vestrae, emendare conatur, statim seditio in populo, statim tumultus exoritur, et in tantum unusquisque contra seniorem, saeva intentione grassatur, ut vix se credat evadere, si tandem silere nequiverit.« (Niemand fürchtet den König, keiner verehrt den Herzog oder Grafen. Und sollte dies vielleicht jemandem missfallen, und er wollte versuchen, dem um eures Wohles und langen Lebens abzuhelfen, dann bricht im Volk sofort Aufruhr aus, Empörung gar; und so sehr wütet ein jeder in seinem Hass auf seine Oberen, dass er kaum glauben kann, davon zu kommen, wenn er nicht endlich zu schweigen vermag.).« Es blieb eben dieser Nation vorbehalten, den grässlichsten Missbrauch der Freiheit auszuüben; und deren Verlust durch jenen Geist der Humanität und der Ehre zu ersetzen, mit der sie nunmehr ihren Gehorsam gegenüber einem absoluten Sovereign adeln.

DIE WESTGOTEN IN SPANIEN

Die Westgoten hatten an Chlodwig den Großteil ihrer gallischen Besitzungen abgetreten; aber der Verlust wurde mehr als nur wettgemacht durch die leichte Eroberung und bequeme Ausbeutung der spanischen Provinzen. Diese gotische Monarchie, die bald darauf auch die suebische Herrschaft über Galizien in sich begriff, dient den modernen Spaniern noch heute als Quelle für nationale Eitelkeiten; aber der Historiker des Römischen Imperiums ist weder eingeladen noch genötigt, den verworrenen und unsicheren Wegen ihrer Geschichte nachzuspüren Spanien ist es in diesen dunklen Jahrhunderten besonders übel ergangen. Die Franken hatten ihren Gregor von Tours; die Angelsachsen einen Beda; die Lombarden einen Paulus (Diaconus), Warnefrid, &c. Aber die Geschichte der Westgoten in Spanien ist nur ein kurzer und oberflächlich behandelter Abschnitt in den Chroniken des Isidor von Sevilla und John Biclaro.. Die Goten in Spanien waren vom Rest der Menschheit durch die emporragenden Gebirgszüge der Pyrenäen getrennt; Brauche und Einrichtungen, soweit sie denn gemeingermanischer Herkunft sind, haben wir bereits erörtert. Ich habe im vorigen Kapitel die wichtigsten kirchengeschichtlichen Ereignisse vorweg genommen, den Untergang des Arianismus und die Judenverfolgungen; und so bleibt nur noch übrig, einige interessante Umstände anzumerken, welche sich auf die bürgerliche und kirchliche Verfasstheit Spaniens beziehen.

GESETZGEBENDE VERSAMMLUNGEN IN SPANIEN

Nachdem die Franken und Westgoten die Häresie oder die Götzenanbetung aufgegeben hatten, zeigten sie die Neigung, sich mit gleicher Hingabe der nur gelegentlich wohltätigen Torheit des Aberglaubens zu widmen. Aber die Prälaten der Franken waren schon lange vor dem Untergang des Hauses der Merowinger zu kämpfenden und jagenden Barbaren ausgeartet. Der Besuch von Synoden war ihnen ganz zuwider; das Mäßigungs- und Keuschheitsgebot war ihnen entfallen; und so widmeten sie sich dem privaten Luxusleben mit deutlich mehr Einsatz als den Pflichten ihres geistlichen Amtes So jedenfalls die Klagen von Bonifatius, dem Apostel Germaniens und Reformator Galliens (Historiens de la France, Band 4, p. 94). Die achtzig Jahre Gesetzlosigkeit und Korruption, die er moniert, legen den Schluss nahe, dass die Barbaren um das Jahr 660 zum Klerus zugelassen wurden.. Die Bischöfe Spaniens indessen hatten vor sich großen Respekt und wurden vom Volk in gleicher Weise respektiert; ihr unauflöslicher Zusammenhalt verbarg ihre Laster und festigte ihre Macht; und die anerkannte Kirchendisziplin versah die staatliche Ordnung mit Frieden und Verlässlichkeit.

Zwischen der Regierung Recareds, des ersten katholischen Königs, bis zu Witiza, dem direkten Vorgänger des glückverlassenen Roderich, wurden sechzehn nationale Kirchenversamlungen in Folge einberufen. Die sechs Metropolitanbischöfe von Toledo, Sevilla, Merida, Braga,Taragona und Narbonne präsidierten entsprechend ihres jeweiligen Dienstalters; die Versammlung wurde gebildet aus ihren Suffraganbischöfen, welche in Person erschienen oder Bevollmächtigte sandten; und auch dem reichsten oder heiligsten spanischen Abt blieb ein Sitz vorbehalten. Während der ersten drei Tage, in denen Fragen der Kirchenpolitik, des Dogmas und der Disziplin erörtert wurden, blieben die Laien ausgeschlossen von der Debatte, welche mit angemessenem Ernst geführt wurden. Am Morgen des vierten Tages jedoch flogen die Tore auf, um die Großen der Krone einzulassen, die Provinzfürsten, die Richter und den gotischen Adel; und die Beschlüsse des Himmels erhielten höhere Bestätigung durch die Stimme des Volkes.

Vergleichbare Regularien wurden bei den Provinzialversammlungen beobachtet, jährlichen Synoden, die das Recht hatten, Beschwerden anzuhören und Missständen abzuhelfen; und tatkräftig unterstützte der spanische Klerus die jeweilige rechtmäßige Regierung. Die Bischöfe zeigten sich bei allen Wendungen der Politik vorbereitet, dem Sieger gefällig zu sein und den Besiegten zu demütigen; auch war sie mit ebensoviel Umsicht wie Erfolg darum bemüht, die Fackel der Verfolgung zu entzünden und die Mitra noch über die Krone zu erheben. Doch hatten die Nationalversammlungen von Toledo, in welchen das ungebändigte Barbarengemüt durch die Politik der Bischöfe gedämpft und geleitet wurde, einige klugbedachte Gesetze zum gemeinsamen Nutzen von König und Volk erlassen.

Stand der Thron verwaist, dann schritten Klerus und Pfalzgrafen zur Wahl; und nach dem Erlöschen der Linie Alarichs blieb die Königswürde weiterhin dem gotischen Adel vorbehalten. Der Klerus, der seinen rechtmäßigen König salbte, empfahl stets und übte wohl auch zuweilen selber Loyalität: und alle geistlichen Strafen wurden herab beschworen auf das Haupt jener gottlosen Untertanen, welche sich seiner Autorität widersetzten oder gar die Keuschheit seiner Witwe durch unsittliche Annäherung bedrohten. Bestieg der König dann den Thron, wurde er durch einen Eid vor Gott und seinem Volk verpflichtet, getreulich seine hohe Aufgabe zu exekutieren. Fehler seiner Administration waren der Zensur eines mächtigen Adels unterworfen; und die Bischöfe und Pfalzgrafen selbst waren durch ein einmaliges Privileg geschützt, dass sie weder abgesetzt, eingesperrt, gefoltert noch zu Tode verurteilt, verbannt oder enteignet werden durften, es sei denn durch den freien und öffentlichen Spruch ihrer Standesgenossen Die Akten des Konzils von Toledo sind nach wie vor die zuverlässigsten Quellen zu Kirche und Verfassung Spaniens. Von besonderem Interesse sind die folgenden Textpassagen: 3,17 und 18; 4, 75; 5,2-5 und 8; 6,11-14 und 17-18; 7,1; 13,2-3 und 6. Außerdem waren mir Maskov (History of the ancient Germans 15,29 nebst den Anmerkungen 26 und 33) und Ferreras (Histoire generale de l'Espagne, Band 2) sehr nützlich und zuverlässig..

DER CODEX DER WESTGOTEN

Eine dieser gesetzgebenden Versammlungen von Toledo überprüfte und ratifizierte das Konvolut aller Gesetze, welche sich unter den Gotenkönigen angehäuft hatten, angefangen beim ungestümen Eurich bis zu dem milden Egica. Solange die Westgoten sich mit dem kruden Brauchtum ihrer Väter zufrieden gaben, ließen sie ihre Untertanen in Aquitanien und Spanien unter den Fittichen des Römischen Rechts. Als sich aber im Laufe der Zeit ihre Gesittung, ihre Politik und endlich auch ihre Religion veredelten, fassten sie auch den Mut, diese ausländische Einrichtung nachzuahmen, endlich zu übernehmen und einen Codex der Kriminal- und Zivilgesetze zum Gebrauch für ein mächtiges und einiges Volk zusammen zu stellen. Dieselben Rechte und Pflichten galten auch für die Volksstämme Spaniens: und die Eroberer, die allgemach ihr teutonisches Idiom ablegten, unterwarfen sich den Forderungen der Gleichheit und forderten auch die Römer zur Teilhabe an der Freiheit auf.

Die Lage in Spanien unter den Westgoten mehrte das Verdienstliche dieser Politik. Die Einwohner der Provinz waren für lange Zeit von ihren arianischen Herren infolge unüberbrückbarer religiöser Gegensätze getrennt gewesen. Nachdem die Konversion Recareds die Vorurteile der Katholiken beseitigt hatte, waren die Mittelmeer- und Atlantikküste nach wie vor im Besitz des orientalischen Kaisers; welche in aller Heimlichkeit das unzufriedene Volk dazu aufreizte, sich gegen das Joch der Barbaren zu erheben und den Namen und die Rechte römischer Bürger einzufordern. Die Ergebenheit unzuverlässiger Untertanen wird in der Tat am zuverlässigsten sichergestellt durch ihre eigene Überzeugung, dass sie durch einen Aufstand mehr aufs Spiel setzen als sie von einer Umwälzung der Lage erhoffen können; es scheint indessen nachgerade naturgegeben, die zu unterdrücken, die man hasst und fürchtet, dass das umgekehrte Vorgehen sich das Lob der Weisheit und Mäßigung verdient Don Bouquet hat den Codex der Westgoten, in zwölf Bücher unterteilt, in einer zuverlässigen Ausgabe herausgegeben (Historiens de la France, Band 4, p. 273-460). Präsident de Montesquieu hat sie mit unübertrefflicher Präzision untersucht. Mir persönlich missfällt der Stil; den Aberglauben verabscheue ich; aber ich erkühne mich zu der Behauptung, dass das bürgerliche Recht ein günstigeres Bild von dieser Gesellschaft entwirft als von der burgundischen oder lombardischen..

VERHÄLTNISSE IN BRITANNIEN

Während in Gallien und Spanien sich die Königreiche der Franken bzw der Westgoten etablierten, vollendeten die Sachsen die Eroberung Britanniens, der dritten großen Diözese in der Präfektur des Westens. Da Britannien sich bereits vom Römischen Imperium losgesagt hatte, könnte ich ungetadelt eine Geschichte unterdrücken, welche noch den illiteratesten meiner Leser wohlbekannt und noch dem kundigsten geheimnisvoll ist. Die Sachsen, wohlgeübt im Gebrauch der Ruder und der Streitaxt, verstanden sich nicht im Geringsten auf die Kunst, mit welcher allein sie dem Ruhm ihrer Eroberung hätten Dauer verleihen können. Die Briten fielen zurück in die Barbarei und unterließen es, den Untergang ihres Landes schriftlich festzuhalten; und die fragwürdige mündliche Tradition war fast erloschen, als die Missionare Roms das Licht der Wissenschaft und des Christentums neuerlich entzündeten. Die Gesänge Gildas, die Bruchstücke und Fabeln des Nennius, die dunklen Andeutungen in den sächsischen Gesetzen und Chroniken sowie die kirchlichen Geschichten des Beda Venerabilis Siehe Gildas, De Excidio Britannit,11-25; Nennius, Historia Britonum, 28 und 35-65; Beda, Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum, 1,12-16 und 22; Chronica Saxonicum, p. 11-23. Die Gesetze der Angelsachsen wurden von D. Wilkins und die Leges Wallicae von Wotton und Clarce herausgegeben. sind durch den Fleiß nachfolgender Schreiber erläutert und zuweilen auch ausgeschmückt worden, und diese zu zensieren oder zu übersetzen verspüre ich keine Neigung Der fleißige Mr. Carte und der gelehrte Mr. Whitaker sind zwei Autoren der Gegenwart, denen ich zuvörderst verpflichtet bin. Der Autor einer Geschichte von Manchester nimmt sich unter dieser einengenden Bezeichnung eines Gegenstandes an, der fast so umfangreich ist wie eine allgemeine Geschichte Englands.. Doch kann der Historiker versucht sein, die Vorgänge in einer römischen Provinz zu verfolgen, bis sie außer Sicht gerät; und ein Engländer wird sicher mit einiger Neugier den Weg der Barbaren verfolgen, von denen er seinen Landesnamen, seine Gesetze und vielleicht sogar seine Abstammung herleitet.

LANDUNG DER SACHSEN A.D. 449 – HENGIST UND HORSA

Vierzig Jahre nach der Auflösung der römischen Regierung scheint Vortigern die oberste, wenngleich unsichere Befehlsgewalt über die Fürsten und Städte Britanniens inne gehabt zu haben. Dieser unglückselige Monarch wurde nahezu einhellig für seine kraftlose Politik verdammt, die ihn vermochte, einen furchtbaren Fremden anzuwerben, um sich der lästigen Übergriffe eines inneren Feindes erwehren zu können Diese ›Einladung‹, die durch die beiläufigen Bemerkungen von Gildas und Beda an Glaubwürdigkeit gewinnt, ist von dem sächsischen Mönch Widukind von Corvey aus dem X Jahrhundert in eine regelrechte Erzählung eingebaut worden. (Cousin, Histoire de l'Empire d'Occident, Band 2, p. 356). Rapin und selbst noch Hume haben von diesem instabilen Zeugnis Gebrauch gemacht, ohne die präzise und glaubhafte Feststellung des Nennius zu berücksichtigen: »Interea venerunt tres Chiulae a Germania ›in exilio pulsae‹, in quibus erant Horsa et Hengist.« (Mittlerweile landeten drei Langschiffe aus Germanien, auf denen Hengist und Horsa waren, die man in die Verbannung getrieben hatte.). Noch die ernsthaftesten Historiker lassen seine Botschafter an die Küsten Germaniens absegeln; sie richten einen eindringlichen Appell an die Volksversammlung der Sachsen, und jene kriegerischen Barbaren beschließen, mit Flotte und Heeresmacht den Bittstellern von einer fernen und unbekannten Insel beizustehen. Wäre Britannien den Sachsen tatsächlich so unbekannt gewesen, dann wäre das Ausmaß seiner Not weniger vollständig gewesen. Aber Roms Stärke reichte nicht hin, jederzeit die Küsten der fernen Meeresprovinz gegen germanische Seeräuber zu schützen; so waren die unabhängigen Einzelstaaten ihren Angriffen ausgesetzt; und es mochten sich die Sachsen zuweilen mit den Picten und Scoten im stillschweigenden oder ausdrücklichen Raub- und Plünderungsbündnis zusammen getan haben.

Vortigern konnte lediglich versuchen, zwischen den verschiedenen Übel, die von allen Seiten gegen seinen Thron und sein Volk anbrandeten, ein Gleichgewicht herzustellen; und seine Politik kann man entweder loben oder tadeln, wenn er ein Bündnis mit denjenigen Barbaren suchte, deren Stärke zur See sie zu den schlimmsten Feinden und diensteifrigsten Verbündeten machen konnte. Als Hengist und Horsa mit drei Schiffen an der Ostküste entlang kreuzten, wurden sie durch umfassende Versprechungen bestimmt, die Verteidigung Britanniens zu übernehmen; und tatsächlich befreiten sie mit ihren furchtlosen Angriffen Britannien schon bald von den kaledonischen Eindringlingen. Die fruchtbare und abgelegene Insel Thanet wurde den germanischen Alliierten als Siedlungsland zugesprochen, und vertragsgemäß erhielten sie zusätzlich umfangreiche Proviant- und Ausrüstungslieferungen.

Diese günstige Aufnahme ermutigte fünftausend Krieger und ihre Familien, auf siebzehn Schiffen die noch recht geringe Streitmacht von Hengist zur rechten Stunde zu vergrößern. Der machtvolle Barbar überzeugte Vortigern von dem offenkundigen Vorteil einer dauerhaften Niederlassung von getreuen Verbündeten in den Grenzmarken zu den Picten; eine dritte Flotte mit nunmehr vierzig Schiffen unter dem Kommando ihres Sohnes und Neffen segelte aus Germanien ab, verheerte die Orkney-Inseln und landete mit einer neuen Armee an der Küste von Northumberland oder Lothian am anderen Ende des verheißenen Landes. Das, was jetzt kommen würde, war leicht vorher zu sehen und unmöglich abzuwenden. Beide Völker waren schon bald entzweit und voll Missgunst gegeneinander. Die Sachsen vergrößerten alles, was sie zugunsten eines undankbaren Volkes geleistet und gelitten hatten, während die Briten ihre Freigebigkeit bereuten, welches die Habgier ihrer hochfahrenden Söldner niemals würde zufrieden stellen können. Aus Furcht und Hass erwuchs ein unversöhnlicher Streit. Die Sachsen flohen zu den Waffen; und als sie ein niederträchtiges Massaker während einer festtäglichen Waffenruhe verübt hatte, zerstörten sie zugleich jenes gegenseitige Mindestvertrauen, welches für jeden Umgang in Krieg und Frieden Voraussetzung ist Nennius beschuldigt die Sachsen des Mordes an dreihundert britischen Stammeshäuptlingen; welches Verbrechen mit ihren sonstigen gewalttätigen Gepflogenheiten harmoniert. Deshalb müssen wir aber nicht glauben (siehe Geoffrey of Monmouth 8,9-12), dass Stonehenge ihr Monument ist, das die Giganten zunächst aus Afrika nach Irland geschleppt hatten und welches dann auf Befehl von Ambrosius und mit Hilfe von Merlins Künsten nach Britannien zurück gebracht worden war..

ERRICHTUNG DER SÄCHISCHEN HEPTARCHIE A.D. 455 – 582

Hengist fasste den kühnen Plan, nunmehr ganz Britannien zu erobern und ermunterte seine Landsleute, diese ruhmträchtige Gelegenheit zu nutzen: in lebhaften Farben entwarf vor ihnen das Bild einer bequem erreichbaren, großräumigen Insel, deren Küsten der sächsischen Invasion überall offen ständen, deren Bewohner von ängstlicher Gemütsverfassung seien und deren Boden sich als durchaus fruchtbar erwiesen habe. Die Kolonisten, welche nacheinander im Laufe eines Jahrhunderts von der Elbe-, Weser- und Rheinmündung aufbrachen, stammten wesentlich von drei germanischen Stämmen: den Jüten, den älteren Sachsen und den Angeln. Den Jüten unter der Fahne von Hengist kommt das besondere Verdienst zu, dass sie ihren Landsleuten auf der Ruhmesbahn voraneilten und in Kent das erste unabhängige Königreich errichteten. Den Ruhm für das Gelingen des Unternehmens ernteten die Sachsen. Und die Gesetze und die Landessprache der Sieger wurden nach dem Namen des Volkes benannt, welche nach Ablauf von vier Jahrhunderten die ersten Könige in Südengland hervorbrachten. Diese Angeln ragten durch ihre Zahl und ihre Erfolge hervor; und sie beanspruchten die Ehre, dem Lande, von dem der größte Teil ihnen gehörte, seinen dauernden Namen gegeben zu haben.

Die Barbaren, welche die Hoffnung auf Beute zu Lande und auf See hierher verschlagen hatte, verloren sich allmählich in dieser dreifachen Konföderation: die Friesen, die schon die Nähe zur britischen Küste gelockt haben mochte, bildeten wohl für kurze Zeit ein Gegengewicht zu der Übermacht der einheimischen Sachsen; von den Dänen, Pruzzen und Rugiern gibt es nur undeutliche Kunde; und gewiss ist auch so mancher abenteuernder Hunne, der sich bis an die Ostsee verirrt hatte, an Bord eines germanischen Schiffes gegangen, eine neue Welt zu erobern Alle diese Stämme werden von Beda ausdrücklich erwähnt (1,15 und 5,9), und wenn ich auch Herrn Whitakers Kommentare wohl bedacht habe (History of Manchester, Band 2, p. 538-543), entdecke ich gleichwohl nichts Abwegiges in der Annahme, die Friesen und andere hätten sich mit den Angelsachsen durchmischt.. Aber hinter diesem mühevollen Unterfangen stand keinerlei gebündelte nationale Kraft. Jeder halbwegs unternehmungslustige Stammeshäuptling versammelte entsprechend seinem Ansehen und seinen Möglichkeiten Gefolgsleute um sich. Rüstete eine Flotte von drei oder meinethalben sechzig Schiffen; suchte einen geeigneten Landeplatz; und führte alle nachfolgenden Maßnahmen aus, wie es der Kriegsverlauf oder seine persönlichen Interessen geboten.

Während der Eroberung Britanniens wurden viele Helden besiegt und getötet; doch nur sieben siegreiche Häuptlinge erhielten oder behaupteten den Titel eines Königs. Sieben unabhängige Throne, die sächsische Heptarchie, wurden von den Eroberern gestiftet, und sieben Familien, von denen eine durch weibliche Erbfolge bis auf unseren gegenwärtigen Herrscher hinabreicht, leiten sich in gleicher und heiliger Weise von Wotan, dem Kriegsgott ab. Man hat angenommen, dass diese Republik von Königen durch eine allgemeine Versammlung und einen obersten Thronrat gelenkt wurde. Aber ein solches Kunstgebilde verträgt sich nur sehr bedingt mit dem rohen und tumultuarischen Gemüt der Sachsen; ihre Gesetze schweigen; und ihre unvollständigen Annalen geben nur einen schemenhaften Einblick in ihre blutigen inneren Auseinandersetzungen Beda hat sieben Könige aufgezählt, zwei Sachsen, einen Jüten und vier Angeln, die nacheinander eine unbeschränkte Macht in der sächsischen Heptarchie ausübten. Aber ihre Herrschaft war das Ergebnis nicht der Gesetze, sondern ihrer erfolgreichen Eroberung; auch stellt er fest, dass einer von ihnen die Insel Man und Anglesey unterwarf; und dass ein anderer die Picten und Scoten tributpflichtig machte. Historia ecclesiastica 2,5..

DIE BRITEN

Ein Mönch, welcher in enzyklopädischer Unkenntnis des menschlichen Lebens sich unterfangen hatte, das Amt eines Historikers auszuüben, hat vom Zustand Britanniens zur Zeit seiner Loslösung vom römischen Westreich ein bemerkenswert falsches Bild entworfen. Gildas Gildas, De excidio Britanniae 1. beschreibt in blumiger Terminologie das Emporblühen der Landwirtschaft, den auswärtigen Handel, der mit jeder Flut in die Themse und den Severn strömte, und die feste und emporstrebende Architektur privater und öffentlicher Gebäude; das Volk der Briten zeiht er des sündigen Luxus'; dasselbe Volk übrigens, welches nach der Mitteilung desselben Autors zu den einfachsten Verrichtungen außerstande war und ohne die Hilfe der Römer weder für Mauern noch Waffen zur Verteidigung ihrer Heimat sorgen konnte Herr Witaker (History of Manchester, Band 2, p. 503 und 516) hat auf diese offenkundige Absurdität hingewiesen, welche den anderen Geschichtsschreibern entgangen ist, da es sie sichtlich nach interessanteren und wichtigeren Ereignissen verlangte..

Unter der langen Kaiserherrschaft hatte sich Britannien unmerklich die elegante aber unterwürfige Lebensform einer römischen Provinz angeeignet, deren Sicherheit einer auswärtigen Macht anvertraut war. Die Untertanen des Honorius schauten mit Überraschung und Entsetzen auf ihre neue Freiheit; sie verfügten über keine militärische oder zivile Verfassung; und ihrer schwächelnden Regierung gebrach es an der Fähigkeit, der Bereitschaft oder dem Ansehen, die Streitkräfte gegen den gemeinsamen Feind zu führen. Als sie die Sachsen ins Land holten, offenbarten sie dadurch ihre Schwäche, und König und Volk gerieten in eine beschämende Lage. Ihre Ratlosigkeit vergrößerte ihre Gefahr, das Fehlen jeder Einheit schwächte ihre Schlagkraft und die verschiedenen Faktionen waren in ihrer Verbohrtheit eher bereit, die Übelstände, welche sie ihren Gegnern zur Last legten, zu ahnden als ihnen abzuhelfen. Aber die Briten waren im Gebrauch und in der Herstellung von Waffen durchaus nicht unkundig, sie konnten es gar nicht sein: die zahlreichen ungeordneten Überfälle der Sachsen ermöglichten es ihnen, sich von ihrer Überraschung zu erholen und die Wechselfälle des Krieges zur Stärkung und Disziplinierung ihrer eigenen Streitkräfte umzusetzen.

WIDERSTAND

Während sich Europa und Afrika fast widerstandslos den Barbaren ergaben, fochten die Briten allein und ohne Bundesgenossen einen langen, blutigen, wenn am Ende auch erfolglosen Kampf gegen die fürchterlichen Krieger, welche fast zeitgleich die Küsten im Norden, Osten und Süden anfielen. Städte, welche mit einiger Umsicht befestigt worden waren, verteidigten sich mit Heldenmut; dazu nutzten die Einheimischen die Vorteile, die ihnen der Boden, die Hügel, die Wälder und Sümpfe boten; jeder Fußbreit Boden wurde mit Blut erkauft; und die häufigen Niederlagen der Sachsen werden durch das diskrete Stillschweigen ihrer Chronisten bestätigt. Hengist mochte wohl gehofft haben, ganz Britannien zu erobern; aber nach fünfunddreißig Jahren angestrengten Regierens musste es sich mit der Herrschaft über Kent begnügen; und die bevölkerungsstarke Kolonie, die er im Norden gepflanzt hatte, wurde durch das Schwert der Bretonen vertilgt. Es bedurfte der ununterbrochenen Anstrengungen dreier kriegstüchtiger Generationen, um die Macht der West-Sachsen zu etablieren.

Cerdic, einer der tapfersten Söhne Wotans, verlor sein Leben beim Kampf um Hampshire und die Insel Wight; und die Verluste, die er in der Schlacht bei Mt. Badoun erlitten hatte, brachten ihm eine Stellung ruhmloser Ruhe ein. Kenrich, sein mutiger Sohn, drang in die Grafschaft Wiltshire vor; er belagerte Salisbury, welche Stadt damals auf einer strategisch beherrschenden Anhöhe lag; und er besiegte die Entsatzarmee. In der folgenden Schlacht von Marlborough Bei Beran-Birig oder Barbury Castle in der Nähe von Marlborough. Die Sachsenchronik überliefert uns Namen und Datum. Camden (Britannia, Band 1, p.128) bestätigt die geographische Lage; und Henry of Huntington (in: Scriptores post Bedam, p. 314) berichtet Einzelheiten aus dieser Schlacht. Sie haben einige Wahrscheinlichkeit für sich; und die Historiker aus dem XII Jahrhundert haben möglicherweise Quellen konsultiert, die heute nicht mehr zuhanden sind. offenbarten seine britischen Gegner ihre militärischen Fähigkeiten. Ihre Armee wurde in drei Linien aufgestellt; jede Linie bestand wiederum aus drei verschiedenen Truppenkörpern, Kavallerie, Bogenschützen und Lanzenkämpfern, aufgestellt nach den Regeln der römischen Kampfkunst. Die Sachsen griffen mit einer einzigen gewaltigen Heeressäule an, nahmen mit ihren Kurzschwertern kühn den Kampf mit den britischen Lanzen auf und hielten das Gefecht bis zum Sonnenuntergang offen. Zwei entscheidende Siege, der Tod von drei britischen Königen und die Zerstörung von Cirencester, Bath und Gloucester begründeten Ruhm und Vormachtstellung von Ceaulin, Cerdics Enkel, der mit seinen Truppen bis zum Ufer des Severn vordrang.

FLUCHT IN DIE BERGE VON WALES

Nach hundert Jahren Krieg hielten die Briten immer noch die gesamte Westküste in ihrer Hand, beginnend beim Antoniuswall bis zu den äußersten Vorgebirgen von Cornwall; und auch die wichtigsten Städte im Landesinneren leisteten den Barbaren nach wie vor Widerstand. Aber der Widerstand erlahmte in dem Maße, in welchem die Aggressivität der Feinde stärker wurde. Mit zähen und blutigen Anstrengungen bahnten sich die Angeln und Sachsen und ihre diversen Verbündeten ihren Weg von Norden, Osten und Süden, bis sie sich endlich siegreich im Zentrum des Landes vereinten. Bis Jenseits des Severn bewahrten die Briten die ihre nationale Freiheit, welche die Heptarchie, ja sogar die Königszeit der Sachsen überlebte. Die tapfersten Krieger, welche das Exil der Sklaverei vorzogen, fanden in den Bergen von Wales sichere Zuflucht; die Unterwerfung des widerspenstigen Cornwall wurde auf lange Zeit verschoben Die endgültige Unterwerfung von Cornwall gelang erst Athelstan (A.D. 927-941), der eine englische Kolonie in Exeter begründete und zugleich die Briten bis über die Tamar zurückdrängte. Siehe William von Malmesbury, Buch 2, in den Scriptores post Bedam, p. 50. Die Ritter Cornwalls hatten in der Knechtschaft allen Mut verloren; und in dem Roman von Sir Tristram kann man sehen, dass ihre feige Gesinnung nahezu sprichwörtlich wurde.; und eine Gruppe von Flüchtlingen erwarb in Gallien Siedlungsland, sei es nun aus eigener Kraft oder dank der Großherzigkeit der Merowingerkönige Die Landnahme der Briten in Gallien wird von Prokop für das VI Jhdt, von Gregor von Tours, dem zweiten Konzil von Tours (A.D. 567) und den unverdächtigsten Chroniken und Hagiographien belegt. Die Teilnahme eines britischen Bischofs am ersten Konzil von Tours (A.D. 461, eher wohl 481), die Armee von Riothamus und die etwas unbestimmten Anmerkungen von Gilda »alii transmarinas petebant regiones« (andere strebten zu überseeischen Gebieten, 25, p. 8) weisen eher auf eine Emigrationswelle in der Mitte des V Jhdts. hin. Vor dieser Zeit finden sich die Briten lediglich in Dichtungen; und ich bin überrascht, dass Mr. Whitaker (Genuine history of the Britons p. 214-221) die groben Schnitzer von Carte so blauäugig übernommen hat, nachdem er zuvor seine lässlichen Fehler noch gnadenlos gerügt hatte..

Der Westen von Armorica erhielt die neue Bezeichnung Cornwall und das Untere Britannien; und in das unbesiedelte Land der Osismier drängte sich fremdes Volk, welches, beherrscht von ihren Bischöfen und comes, die Gesetze und Sprache ihrer Vorfahren bewahrte. Die Bretonen von Armorica verweigerte den heruntergekommenen Nachfahren des Chlodwig und Karls des Großen den Gehorsam und Tribut, unterwarfen die Nachbardiözesen Vannes, Rennes und Nantes und bildeten einen mächtigen, wenngleich nicht unhängigen Staat, welcher mit der Krone Frankreichs vereint wurde Die Altertümer der ›Bretagne‹, die sogar Gegenstand politischer Kontroversen waren, wurden dargstellt von: Hadrian Valesius (Notitia Galliarum, sub voce ›Britannia Cismarina‹, p. 98-100), M. d'Anville (Notice de l'Ancienne Gaule, 'Corisopiti, Curiosolites, Osismii, Vorganium', p. 248, 258, 508, 720 und Etats de l'Europe, p. 76-80), Longuerue (Déscription de la France, Band 1, p. 84-94), und vom Abbé de Vertot (Histoire Critique de l'Etablissement des Bretons dans les Gaules). Ich darf das Verdienst für mich reklamiereen, die von ihnen beigebrachten Originalzeugnisse geprüft zu haben..

DIE SAGE VON KÖNIG ARTUS

Im Verlaufe eines wohl nicht ununterbrochen, aber doch mit viel Erbitterung geführten hundertjährigen Krieges müssen für die Verteidigung Britanniens viel Tapferkeit und einiges Geschick mobilisiert worden sein. Wenn die Erinnerung an ihre Helden mittlerweile nicht mehr lebendig ist, soll uns dieses nicht verdrießen; denn jede Epoche, mag sie auch noch so sehr der Vernunft oder der Tugend ermangeln, läuft über mit Blut-Taten und Waffenruhm. Das Grab von Vortimer, des Sohnes von Vortigern, befand sich an einem Küstenvorsprung, welcher den Sachsen furchtbar war, da er sie hier, in den Gefilden von Kent, dreimal besiegt hatte. Ambrosius Aurelianus stammte aus adliger römischer Familie Beda, der in seiner Chronik p. 28 Ambrosius' Lebenszeit in die Regentschaft von Zeno (A.D. 474-491) verlegt, bemerkt, das seine Eltern »purpura inducti« (in hohe Würden eingeführt) seien, was er in seiner Kirchengeschichte mit »regium nomen et insigne ferentibus« (im Besitz von königlichem Namen und Insignien) erklärt (1,16). Nennius benutzt einen noch eigentümlicheren Ausruck: »Unus de consulibus gentis Romanicae et pater meus.« (Einer aus römischem Konsulargeschlecht und mein Vater)., sein bescheidenes Auftreten harmonierte mit seinem Mut, und sein Mut wurde, bis zu seiner letzten Heldentat Nach der übereinstimmenden, wenngleich anfechtbaren Konjektur unserer Altertumsforscher wird Ambrosius mit Natanleod verwechselt, welcher (A.D. 508) in der Schlacht gegen Cerdich, den Westsachsen, sein Leben zusammen mit fünftausend seiner Untertanen verlor. Chronicon Saxonicum, p. 17f., mit glänzenden Erfolgen gekrönt.

Aber jeder britische Name verblasst hinter dem Namen von ARTUS Da ich mit walischen Barden Myrdhin, Llomach und Taliessin nicht vertraut bin, ruht mein Glaube an die schiere Existenz und die Taten von König Artus auf dem schlichten und umständlichen Zeugnis von Nennius (Historia Bretonum 62 und 63). Mr. Whitaker (History of Manchester, Band 2, p. 31-71) hat einen lesenswerten und plausiblen Bericht von König Artus Kriegen abgeliefert; wenngleich seiner Tafelrunde keinerlei Realität zukommen dürfte., dem Erbkönig der Silurer aus Südwales und gleichzeitigem Wahlkönig und Oberbefehlshaber des ganzen Volkes. Glaubt man den am besten begründeten Berechnungen, besiegte er in zwölf aufeinander folgenden Schlachten die Angeln im Norden und die Sachsen im Westen; aber seine sich neigenden Jahre wurden ihm durch die Undankbarkeit des Volkes und häusliche Unglücksfälle verbittert. Die Ereignisse seines Lebens sind von geringerem Interesse als das Auf und Ab seines Nachruhmes. Fünfhundert Jahre lang wurde die Geschichte seiner Taten bewahrt und durch die rohe Kunstfertigkeit obskurer walisischer und armorikanischer Barden ausgeschmückt, welche die Sachsen hassten und vom Rest der Menschheit nichts wussten. Der Beifall und das Interesse der normannischen Eroberer bestimmten sie, in der alten Geschichte Britanniens nachzugraben: mit liebevoller Neugierde horchten sie auf die Sage von Artus und geizten nicht mit Beifall für einen Herrscher, der die Sachsen, den gemeinsamen Feind, besiegt hatte. Seine Geschichte, die im Latein eines Jeffrey von Monmouth vorlag und später in den jeweiligen Modejargon übersetzt wurde, schmückte man mit verschiedenen widersprüchlichen Zutaten aus, welche für die Erfahrungen, die Vorstellungskraft und den Bildungsstand des 12. Jhdts. kennzeichnend waren.

Die Wanderung eines phrygischen Volkes vom Tiber an die Themse ließ sich leicht der Sage von Äneas nachbilden; und die königlichen Vorfahren von Artus stammten gar von Trojanern ab und beanspruchten ihrerseits Bündnispartnerschaft mit den Caesaren. Zu seiner Beute gehörten eroberte Provinzen und Kaisertitel; und seine Siege in Dänemark waren die Rache für jüngst erlittenes Unrecht seines Landes. Das höfische Benehmen und der Aberglaube dieses britischen Helden, seine Feste und Turniere und insbesondere die Tafelrunde wurden von der herrschenden Ritterkultur begierig aufgegriffen und nachgeahmt; und die sagenhaften Unternehmungen von Uthers Sohn erscheinen weniger unglaublich als die Abenteuer, die der zupackende Mut der Normannen ausgestanden haben will. Pilgerfahrten und Kreuzzüge brachten Kunde von arabischer Zauberkunst nach Europa. Feen und Riesen, fliegende Drachen und verzauberte Paläste fanden Eingang in die schlichteren Erzählformen des Westens; und so hing das Schicksal Britanniens unvermittelt an der Kunstfertigkeit und den Weissagungen eines Merlin. Jede Nation griff auf die populäre Sage von Artus und seiner Tafelrunde zurück und schmückte sie aus; noch in Griechenland und Italien wurde sein Name gerühmt; und die Könige und der Adel studierten die umfangreichen Geschichten von Sir Lancelot und Sir Tristram umso lieber, als sie an den echten Helden des Altertums keinerlei Interesse hatten. Irgendwann aber wurde das Licht der Wissenschaft und der Vernunft neuerlich angezündet; der Talisman zerbrach, das Truggebilde löste sich in Luft auf; und gegenwärtig ist eine naturgemäße, wenn auch ungerechtfertigte Umkehr der öffentlichen Meinung ernstlich gemeint, sogar die Existenz von Artus anzuzweifeln Die Entwicklung des Liebesromans und den Bildungsstand im Mittelalter hat Mr. Thomas Wharton geschildert, geschmackvoll wie ein Dichter und von der pedantischen Genauigkeit eines Altertumsforschers. Ich habe viel aus den zwei gelehrten Vorreden zum ersten Band seiner »History of Englsh Poetry« gelernt..

EROBERUNG UND VERWÜSTUNG ENGLANDS

Wenn Widerstand das Leid der Niederlage von einem Volke nicht abwenden kann, dann vergrößert er es. Und niemals war der Sieg in schlechteren Händen als der Sachsen, welche den Mut ihrer Feinde hassten und fürchteten, welchen Verträge nichts galten, und welche bedenkenlos alle Stätten christlicher Gottesfurcht zerstörten. In nahezu jedem Bezirk fanden sich Knochenberge auf den Schlachtfeldern; die Trümmer eroberter Städte waren mit Blut besudelt; die letzten Briten wurden ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht »Hoc anno (490) Aella et Cissa obsederunt Andredes-Ceaster; et interfecerunt omnes qui id incolerent; adeo ut ne unus Brito ibi superstes fuerit.« Chronicon Saxonicum, p. 15. (In diesem Jahr 490 belagerten Aella und Cissa Andredes-Ceaster und brachten alle, die darin wohnten, ums Leben, so dass nicht ein einziger Brite übrigblieb. In ihrer Schlichtheit sind diese Worte viel schrecklicher als alle unbstimmten und ermüdenden Klagelieder des britischen Jeremias). in den Ruinen von Anderida Andredes-Ceaster oder Anderida wird von Camden (Britannia 1, p. 258) nach Newenden in das Marschland von Kent verlegt, das früher von der Nordsee bedeckt sein mochte, und an die Ausläufer des großen Waldes (Anderida), welcher weite Teile von Hampshire und Sussex bedeckt hatte. massakriert; und unter der Heptarchie der Sachsen wurden solche Fälle nachgerade zur Gewohnheit. Künste und Religion, Gesetze und Sprache, die die Römer einst so sorgsam gepflanzt hatten, wurden von ihren barbarischen Nachfolgern ausgemerzt.

Nach der Zerstörung der Hauptkirchen zogen sich die Bischöfe, die die Märtyrerkrone für ihre Person abgelehnt hatten, mit ihren heiligen Reliquien nach Wales und Armorica zurück; ihre Herde blieb zurück und ermangelte jedweder geistlichen Nahrung; die Ausübung des Christentums und selbst die Erinnerung daran wurden eingestellt; und nur die ewige Verdammnis der götzendienerischen Fremden mochte dem britischen Klerus einige Herzenslabe bereitstellen. Die Könige Frankreichs beharrten auf den Vorrechten ihrer römischen Untertanen; aber die grimmigen Sachsen trampelten auf die Gesetze der Römer und der Kaiser. Die Fortschritte der Zivil- und Kriminaljustiz, Ehrentitel, Ämter, gesellschaftliche Stellung und sogar das Heirats- und Erbrecht wurden von Grund auf unterdrückt; und die gleichgestellten plebejischen oder adligen Sklaven wurden nach dem Gewohnheitsrecht behandelt, das schon den Schäfern und Seeräubern Germaniens einen groben Rahmen gesetzt hatte. Auch die Sprache der Wissenschaft, des Geschäfts und des Umgangs, das einst die Römer eingeführt hatten, ging in dieser allgemeinen Auflösung unter. Eine gewisse Anzahl lateinischer oder keltischer Ausdrücke mochten sich die Germanen angeeignet haben, um ihre neuartigen Wünsche oder Vorstellungen auszudrücken Dr. Johnson bestätigt, dass nur wenige englische Wörter britannischen Ursprungs seien. Mr. Whitaker hat mehr als dreitausend entdeckt und veröffentlicht gegenwärtig eine lange und reichhaltige Liste (History of the Brittons, Band 2, p. 235-329). Es ist indessen denkbar, dass viele dieser Wörter aus dem Lateinischen oder Sächsischen in das Idiom der Britannier Eingang gefunden haben.; aber für sich selbst behielten die illiteraten Heiden ihren nationalen Dialekt bei und setzten ihn durch Zu Beginn des VII Jhdts. verstanden die Franken und Angelsachsen noch die jeweils andere Sprache, die beide auf dieselbe germanische Wurzel zurückgehen (Beda 1,25).. Nahezu jeder Name, der in der Kirche oder im Staat von Bedeutung war, verrät seine teutonische Herkunft Nach der ersten Generation italienischer oder schottischer Missionare nahmen die sächsischen Proselyten die wichtigsten Stellungen in der Kirchenhierarchie ein.; und die Geographie von England erhielt vollends ausländischen Buchstaben und Benennungen. Beispiele für eine derartig schnelle und vollständige Umwälzung werden sich so schnell nicht beibringen lassen; aber sie wird der Vermutung Vorschub leisten, dass die Gebräuche Roms weniger fest verwurzelt waren als in Gallien oder Spanien; und dass die Kulturlosigkeit des Landes und seiner Bewohner nur mit einen Hauch von italienischer Sitte verhüllt gewesen war.

LEIBEIGENE BETREIBEN DIE LANDWIRTSCHAFT

Diese einzigartige Neuerung hat viele Historiker und sogar Philosophen zu der Annahme bestimmt, dass die Provinzen Britanniens vollständig untergegangen seien; und dass das leerstehende Land durch dauernden Zustrom und rasches Erblühen germanischer Kolonisten wieder besiedelt wurde. Dreihunderttausend Sachsen, so heißt es, folgten Hengist' Ruf Carte (History of England, Band 1, p. 195) zitiert hier britische Historiker; ich befürchte indessen sehr, dass Geoffrey von Monmouth (6,15) sein einziger Gewährsmann ist.; zu Bedas Zeiten galt das Leerstehen ihres Heimatlandes als Beweis für die Auswanderungsbewegung der Angeln Beda, Historia ecclesiasticae 1,15. Diese Tatsache hat einige Wahrscheinlichkeit für sich und ist gut bezeugt; indessen war der lose Zusammenhalt unter den germanischen Stämmen von der Art, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt auf das Gesetz der Angeln und Variner aus Germanien stoßen. Lindenbrog, Codex legum p. 479-486.; und auch wir kennen für unsere Zeit aus eigener Anschauung die Ausbreitung des Menschengeschlechtes, wenn es denn eine fruchtbare Wildnis vorfindet, in der es sich überallhin bewegen kann und wo seine Versorgung sichergestellt ist. Die sächsischen Staatsgebilde boten alle Merkmale jüngst entdeckter und neu gegründeter Königreiche; die Städte waren klein und die Dörfer lagen weit auseinander; die Landwirtschaft wurde schleppend und wenig kenntnisreich betrieben; vier Schafe hatten den Wert von einem Morgen besten Landes Siehe Dr. Henrys ebenso nützliche wie schwierige History of Great Britain, Band 2, p. 388.; riesige Flächen von Sumpf und Wald wurden wieder an die übermächtige Natur abgetreten: das heutige Bistum Durham, das ganze Gebiet zwischen Tyne und Tees fielen den ursprünglichen Zustand eines verlassenen Urwaldes zurück »Quicquid,« so Johannes von Tinemouth, »inter Tynam et Tesam fluvios extitit, sola eremi vastitudo tunc temporis fuit, et idcirco nullius ditioni servivit, eo quod sola indomitorum et silvestrium animalium spelunca et habitatio fuit.« (Was zwische den FlüssenTyne und Tees noch vorhanden war, wurde Wüste, war niemandem zu Eigen und bot allein den Tieren der Wildnis und des Waldes Höhlen und Zuflucht.) Carte, Band 1, p. 195. Von Bischof Nicolson, English historical libraries, p. 65 und 98, erfahre ich, dass zuverlässige Abschriften von Johannes von Tynemouth üppigen Sammlungen in den Bibliotheken von Oxford und Lambert verwahrt sind..

Englische Kolonisten mochten eine für einige Generationen eine so schwache Bevölkerung liefern; aber weder Vernunftgründe noch Tatsachen können die naturwidrige Vermutung stützen, dass die Sachsen in Britannien alleine in der von ihnen unterworfenen Ödnis zurückgeblieben wären. Nachdem die mörderischen Barbaren ihre Besitzungen abgesteckt und ihre Rache genommen hatten, verfolgten sie nur das eine Interesse, nämlich die Bauern und das Vieh des eroberten Landes für sich zu erhalten. Nach jeder Umwälzung wird die geduldige Herde zum Eigentum der neuen Herren; und das heilsame Bündnis von Brot und Arbeit wird, da beide unumgänglich sind, stillschweigend neu geschlossen. Wilfried, der Apostel von Sussex Zur Missionstätigkeit des Wilfrid und anderer siehe Beda, Historia ecclesiastica 4, 13 und 16., erhielt von seinem königlichen Konvertiten die Halbinsel Selsey bei Chichester als Geschenk, die Bewohner und ihr Eigentum inklusive, welche sich damals auf siebenundachtzig Familien beliefen. Er entließ sie sogleich aus ihrer geistlichen und weltlichen Abhängigkeit; und zwölfhundertfünfzig Sklaven beiderlei Geschlechtes wurden von ihrem nachsichtigen Herren getauft. Das Königreich Sussex, das vom Meer bis zur Themse reichte, bewohnten siebentausend Familien; zwölfhundert sollen es auf der Insel Wight gewesen sein; und wenn wir diese vagen Angaben hochrechnen, dann dürfte Englands Boden von einer Millionen Sklaven oder Hörigen bebaut worden sein, die den Gütern ihrer jeweiligen zufälligen Herrschaft zugeteilt wurden. Die mittellosen Barbaren sahen sich oftmals genötigt, ihre Kinder oder sich selbst in dauernde und sogar ausländische Knechtschaft zu verkaufen Die übereinstimmenden Zeugnisse von Beda (2,1) und William von Malmsbury (bei Carte, History, Band 3, p. 102) machen es wahrscheinlich, dass die Angelsachsen von Beginn an bis zum Ende diese unnatürliche Praxis pflegten; auf den Märkten in Rom wurde ihre Jugend öffentlich verkauft.; aber die Sonderregelungen, die für eingeborene Sklaven Sie durften nicht nach Übersee verkauft werden, bestimmten die Gesetze von Ina. erdacht wurden, machen hinreichend deutlich, dass es von ihnen deutlich weniger gab als etwa von den Fremden und Gefangenen, die ihre Freiheit oder infolge der kriegerischen Zufälligkeiten ihren Herren verloren hatten. Als die Einflüsse von Zeit und Religion das stürmische Gemüt der Angelsachsen zur Milde herabgestimmt hatten, wurden die Praxis der Freilassung auch durch Gesetze gefördert; und ihre Untertanen walisischer oder kambrischer Herkunft fügten sich in die achtbare Stellung eines einfachen Freigelassenen mit Landbesitz und allen gesellschaftlichen Rechten Das Leben eines Wallus, oder Cambricus homo, welcher eine Hufe Land besaß, wird auf 120 Schillinge festgesetzt durch dieselben Gesetze (des Ina, Titel 32, in Leges Anglo-Saxonicae, p. 20), die für einen freien Sachsen 200 und 1200 für einen Thanen (Gefolgsadligen) angeben (a.a.O., p. 71). Wir bemerken, dass diese Gesetzgeber, die Westsachsen und Mercier, ihre Eroberung Britanniens auch nach ihrer Christianisierung fortsetzten. Die Existenz britannischer Untertanen indessen liegt unter dem Horizont der Gesetze der vier Könige von Kent.. Durch derlei zuvorkommende Behandlung mochte die Loyalität eines kriegerischen Volkes gewonnen worden sein, das erst unlängst an den Grenzen zu Wales und Cornwall niedergeworfen worden war. Der weise Ina, Gesetzgeber von Wessex, vereinte beide Völker in einer Allianz; und vier britische Lords von Somersetshire haben sich am Hofe eines Sachsenkönigs ehrenhaft ausgezeichnet Siehe Carte, History of England, Band 1, p. 278..

BRAUCHTUM DER BRITEN

Im Zustand der Unabhängigkeit scheinen die Briten in den archaischen Zustand der Barbarei zurückgefallen zu sein, über den sie sich, mühsam genug, emporgearbeitet hatten. Getrennt von ihren Feinden und dem Rest der Welt, wurden sie für die katholische Welt schon bald ein Ärgernis und Schrecknis In der Schlussbetrachtung seiner Geschichte (A.D. 731) beschreibt Beda die Lage der Kirche auf der Insel und rügt den ebenso unversöhnlichen wie ohnmächtigen Hass der Briten gegen die Engländer und die katholische Kirche.. Zwar ward in den Bergen von Wales das Christentum nach wie vor bekannt; aber die groben Schismatiker leisteten hartnäckigen Widerstand gegen den römischen Pontifex, einmal durch die Form Tonsur und außerdem durch das Datum des Osterfestes. Die lateinische Sprache verschwand allmählich, und die Briten verlernten die Künste und die Bildung, welche Italien seinen sächsischen Proselyten vermittelt hatte. In Wales und Armorica wurde das Keltische, das eigentliche Idiom des Westens, nach wie vor gesprochen und gepflegt; und die Barden, die vormals die Begleiter der Druiden gewesen waren, standen bis in das sechzehnte Jahrhundert unter dem gesetzlichen Schutz von Königin Elisabeth.

Der oberste Barde, ein angesehener Würdenträger am Hofe von Pengwern, Aberfraw oder Cærmarthaen, begleitete des Königs Männer in den Krieg; die britische Monarchie, die er vor Beginn der Schlacht besang, brachte ihren Mut in Wallung und rechtfertigte zugleich die nachfolgenden Plünderungen; und als rechtmäßige Belohnung für diesen Waffengesang beanspruchte der Sänger die schönste Färse aus der ganzen Beute für sich. Die ihm untergeordneten Barden, die Meister und die Schüler der Sangeskunst und Instrumentalmusik, suchten in ihren jeweiligen Bezirken die Wohnstätten des Adels und des Volkes auf, und die vom Klerus ohnehin schon erschöpfte öffentliche Armut verschlimmerte sich noch durch die dreisten Forderungen der Barden. Ihre Stellung und ihr Ansehen wurden durch allerlei feierliche Prüfungen gefestigt, und der wirkmächtige Glaube an übernatürliche Eingebungen brachte die Phantasie der Sänger und ihres Publikums in Wallungen Mr. Pennants Reise durch Wales (p. 426-449) hat mich mit einem merkwürdigen und interessanten Umstand hinsichtlich der walisischen Barden bekannt gemacht. Im Jahre 1568 wurde auf Geheiß der Königin Elisabeth in Caerwys ein Sängertreffen abgehalten, und fünfundfünfzig Minnesänger erhielten regelrechte Grade für Gesang und Instrumentalspiel. Den Preis – eine silberne Harfe – erhielt die Familie Mostyn..

Die letzten Rückzugsgebiete der keltischen Freiheit, Randgebiete in Britannien und Gallien, waren weniger für Acker- als für Weidewirtschaft geeignet; der Reichtum der Briten bestand in ihren Schaf- und Rinderherden; Milch und Fleisch waren ihre Hauptnahrung; Brot wurde gelegentlich geschätzt, meist aber als ausländischer Luxus abgelehnt. Freiheitssinn hatte zur Besiedlung der Berge von Wales und der Sümpfe von Armorica geführt; nur Bösartigkeit vermochte die hohe Bevölkerungsdichte einer unsittlichen Neigung zur Polygamie zuzuschreiben; die Häuser dieser sinnenfrohen Barbaren seien, so hieß es, mit zwölf Weibern und über fünfzig Kindern gefüllt »Regio longe lateque diffusa, milite, magis quam credibile sit, referta. Partibus equidem in illis miles unus quinquaginta generat, sortitus more barbaro denas aut amplius uxores.« (Die weite, breite Landschaft ist mehr als glaublich mit Soldaten vollgestopft. In einigen Gegenden zeugt ein einzelner Soldat vierzig Nachkommen, verteilt, wie es bei den Barbaren guter Brauch ist, auf zehn oder mehr Weiber). Diesem Vorwurf des Wilhelm von Poitiers (Historiens de la France, Bnad 11, p. 88) treten die benediktinischen Herausgeber alledings entgegen.. Von Charakter waren sie auffahrend und cholerisch Giraldus Cambrensis schreibt diese Gabe der raschfließenden Beredsamkeit den Römern, Franzosen und Briten zu. Dieser hinterlistige Waliser insinuiert dadurch, dass die Schweigsamkeit der Engländer das Ergebnis ihrer Knechtschaft unter den Normannen sei.; im Reden und Handeln waren sie mutig; und da sie ungeschickt zum Frieden waren, kultivierten sie ihre Leidenschaft abwechselnd in Kriegen untereinander oder mit Dritten. Die Kavallerie von Armorica, die Lanzenkämpfer von Gwent und die Bogenschützen von Merioneth waren jede auf ihre Weise gleich furchtbar; wegen ihrer Armut konnten sie sich nur selten Schilde oder Helme leisten; auch wäre deren ungewohntes Gewicht der Geschwindigkeit und Beweglichkeit ihrer sporadischen Angriffe hinderlich gewesen. Einer der bedeutendsten Könige Englands wurde einst gebeten, die Neugier eines griechischen Kaisers hinsichtlich des Zustandes Britanniens zufrieden zu stellen; und Heinrich II konnte ihm aus eigener Wissenschaft bestätigen, dass Wales von einer Rasse nackter Krieger bewohnt war, welche furchtlos die Verteidigungsanlagen ihrer Feinde angriffen Das Bild der walischen und armoricanischen Bräuche haben Giraldus (Descriptio Cambriae 6-15, in Camden, Scripta, p. 886-891) sowie die Autoren gezeichnet, die der Abbé de Vertot zitiert hat (Histoire critique, Band 2, p. 259-266)..

FABULÖSER ZUSTAND BRITANNIENS

Die Umwälzungen in Britannien verkleinerten die Grenzen des Römischen Reiches und die des Wissens. Die dunklen Wolken, die zuerst die phönizischen Entdecker durchdrungen und endlich die Waffen Caesars zerstreut hatten, senkten sich wiederum über die Antlantikküsten, und neuerlich versank eine römische Provinz hinter den sagenhaften Inseln des Meeres. Einhundertundfünfzig Jahre nach der Herrschaft des Honorius beschreibt der seriöseste Historiker seiner Zeit Prokopios, De bello Gothico 4,20. Der griechische Historiker ist wegen der Wunder, von denen er berichtet, derart verwirrt, dass er nur hilflose Versuche unternimmt, die Inseln Brittia und Britannien auseinander zu halten, deren Gleichheit er zuvor durch so viele einigende Begleitumstände aufgezeigt hatte. die Wunder einer entlegenen Insel, deren östliche und westliche Hälfte durch einen antiken Wall getrennt seien, einer Grenze zwischen Leben und Tod, oder besser gesagt: zwischen Wahrheit und Märchen. Der Osten ist ein liebliches Land, bewohnt von kultivierten Menschen: die Luft ist gesund, das Wasser rein und reichlich, und der Boden schenkt regelmäßige und üppige Erträge.

Im Westen hingegen, jenseits dieses Walles, ist die Luft verseucht und todbringend; die Erde von Schlangen wimmelnd; und diese schauerliche Einsamkeit ist nun die Heimat der Geister von Dahingeschiedenen, welche von den Küsten des Festlandes in Booten von Holz und mit lebenden Ruderern herangeschafft werden. Einige Fischerfamilien, Untertanen der Franken, sind ihrer Abgaben ledig in Ansehung des geheimnisvollen Dienstes, den diese Charons des Ozeans versehen. Jeder wird der Reihe nach aufgerufen zur Stunde der Mitternacht, die Stimen und sogar die Namen der Geister zu vernehmen; er spürt ihr Gewicht, und er selbst fühlt sich von einer unbekannten, aber unwiderstehlichen Macht angetrieben. Nach dieser phantastischen Fabel lesen wir dann mit Erstaunen, dass der Name dieser Insel Brittia laute; dass sie der Rheinmündung gegenüber und weniger als dreißig Meilen vom Festland entfernt liege; dass drei Völker auf ihr lebten, die Friesen, die Angeln und die Briten; und dass einige dieser Angeln im Gefolge des französischen Botschafters am Kaiserhof zu Konstantinopel erschienen seien.

Von diesen Botschaftern mag Prokop dann auch ein einzigartiges, wenngleich unwahrscheinliches Abenteuer vernommen haben, welches eher vom Geist als der Empfindsamkeit einer englischen Heldin kündet. Sie war Radiger, dem König der Varni, versprochen, welcher germanische Stamm am Ozean und Rhein siedelte; aber den perfiden Verlobten zog es aus politischen Gründen zu seines Vaters Witwe, der Schwester des Frankenkönigs Theodebert Theodebert, Enkel von Chlodwig und König von Austrasien, war der mächtigste und kriegerischste Herrscher seiner Epoche, und diese erinnerungswürdige Geschichte mag sich zwischen 534 und 547 ereignet haben, den beiden Eckdaten seiner Regierung. Seine Schwester Theudechildis zog sich nach Sens zurück, wo sie Klöster gründete und Almosen verteilte (Siehe die Fußnoten der benediktinischen Herausgeber der Historiens de la France, Band 2, p.216). Wenn wir den Lobliedern des Fortunatus (6,5, a.a.O., p. 507) glauben dürfen, hatte Radiger eine äußerst liebenswerte Ehefrau verloren.. Die verschmähte Königin der Angeln beweinte nun nicht etwa ihre Schmach, sondern rächte sie. Ihre kriegsbereiten Untertanen sollen sich mit Pferden nicht ausgekannt, ja, noch nicht einmal gewusst haben, wie sie überhaupt aussahen. Sie aber segelte kühn aus Britannien zur Rheinmündung mit einer Flotte von vierhundert Schiffen und einer Armee von einhunderttausend Mann. Nach einer Niederlage in der Schlacht erflehte der gefangene Radiger die Gnade seiner siegreichen Braut, welche seine Kränkung großherzig verzieh, ihre Rivalin entließ und den König der Varni zwang, sich von seinen Pflichten als treuer Ehemann loszusagen Vielleicht war sie die Schwester eines der Herrscher oder Stammeshäuptlinge der Angeln, welche im Jahre 527 und noch später zwischen Humber und Themse landeten und die Königreiche von Ost-Angeln und Mercia gründeten. Die englischen Autoren wissen nichts von ihrem Namen oder ihrer Existenz; aber Prokopios hat möglicherweise Mr. Rowe den Charakter und die Lebensumstände von Rodugunde für die Tragödie The Royal Convert vorgegeben.. Dieser Feldzug um der Liebe willen ist offenbar das letzte angelsächsische Unternehmen zur See. Die Kunst der Seefahrt, die ihnen zur Herrschaft über Britannien und das Meer verholfen hatte, wurde von den Barbaren schon bald vergessen, welche träge aller Handelsvorteile ihrer Insellage vergaßen. Sieben unabhängige Königreiche rieben sich in beständiger Zwietracht auf; und zwischen Britannien und den Völkern des Festlandes bestand im Krieg und im Frieden nur selten irgendeine Verbindung In der umfänglichen Geschichte des Gregor von Tours können wir keinerlei Hinweise auf feindlichen oder freundschaftlichen Austausch zwischen Frankreich und England ausmachen, ausgenommen (9,26) die Hochzeit der Tochter des Pariser Königs Caribert, »quam in Cantia regis ›cuiusdam‹ filius matrimonio copulavit« (welche sie (die Witwe) in Kent einem Königssohn vermählt hatte). Der Bischof vonTours beendete seine Darstellung und sein Leben unmittelbar vor der Bekehrung von Kent..

DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES IM WESTEN

Ich habe nunmehr das mühevolle Unternehmen vollendet, die Geschichte vom Zerfall und Untergang des Römischen Reiches zu schildern, angefangen mit den glücklichen Zeiten eines Trajan und den Antoninen bis hin zu seiner völligen Auflösung im fünften nachchristlichen Jahrhundert. Zu dieser Zeit fochten die Sachsen mit den Einwohnern Britanniens um den Besitz der Insel; Gallien und Spanien hatten die beiden mächtigen Königreiche der Franken und der Westgoten sowie die abhängigen Reiche der Sueben und Burgunder unter sich aufgeteilt; Afrika war den grausamen Nachstellungen der Vandalen und der rohen Willkür der Mauren ausgeliefert; Rom und Italien bis hin zur Donau litten unter fremden Söldnertruppen, auf deren gesetzloses Wüten die Regierung des Ostgoten Theoderich folgte.

Alle Untertanen des Reiches, die eigentlich nur noch durch den Gebrauch der lateinischen Sprache den Namen und die Rechte von Römern beanspruchen konnten, litten unter den Bedrückungen ausländischer Eroberer; und diese germanischen Sieger etablierten ein neues Regierungssystem und neue Bräuche in den westeuropäischen Ländern. Rom Größe war nur noch matt vertreten durch die Schattenkaiser Konstantinopels, die kraftlosen und bornierten Nachfolger eines Augustus. Immerhin regierten sie über die Länder des Ostens, von der Donau bis zum Nil und Euphrat; das Königreich der Goten in Italien und der Vandalen in Afrika wurden von Justinians Macht unterworfen, und so mag dann die Geschichte der griechischen Kaiser eine lange Folge interessanten Lehrstücke und hörenswerter Ereignisse bereithalten.

ALLGEMEINE BEMERKUNGEN ZUM UNTERGANG DES WESTRÖMISCHEN REICHES

Nachdem ihr Land zu einer römischen Provinz geworden war, setzten die Griechen Roms Triumph nicht auf Rechnung der Tüchtigkeit, sondern des Glückes der römischen Republik. Diese flatterhafte Göttin, welche ihre Gunst so launisch verteilt und entzieht, hatte sich nunmehr entschlossen, (so jedenfalls die Stimmen, in denen sich Schmeichelei und Scheelsucht mengten) ihr unstetes Wesen abzulegen, von ihrer Kugel herabzusteigen und von nun an und für alle Zeiten am Tiber ihren unverrückbaren Wohnsitz zu nehmen Soweit die bilderreiche Sprache Plutarchs (Opera, ed. Weichel, Band 2, p. 318), dem ich nach dem Zeugnis seines Sohnes Lamprias (Fabricius, Biblitheca Graeca, Band 3, p. 341) bedenkenlos die bösartige Anhandlung påñ? ô?ò ?ùìá?ùí ô?÷çò (»Über das Gluck der Römer«) zuschreiben möchte. Ähnliche Meinungen waren bereits zweihundertundfünfzig Jahre vor Plutarch unter den Griechen verbreitet; und deren Widerlegung ist die erklärte Absicht des Polybios (1,63).. Ein nachdenklicher und philosophischer Grieche, Verfasser der denkwürdigen Geschichte seiner Zeit, entzog seinen Landsleuten diesen bequemen Selbstbetrug und öffnete ihnen den Blick für die tieferen Gründe von Roms Größe Siehe die unschätzbaren Fragmente des sechsten Buches von Polybios und viele andere Teile seiner allgemeinen Geschichte, insonders seinen Exkurs (18, 12-15), in welchem er Phalanx und Legion vergleicht..

Die Treue der Bürger gegenüber ihrem Staat und ihren Mitbürgern wurde durch Erziehung und religiöse Strenge vermittelt. Ehre war ebenso wie Tapferkeit die Grundlage des Staates; Ehrgeiz bestimmte die Bürger, sich die feierlichen Ehrungen eines Triumphzuges zu verdienen. Und die Begeisterung der römischen Jugend wurde zuverlässig immer dann zur tätigen Nachahmung angestachelt, wenn sie der Bildnisse ihrer Vorfahren ansichtig wurde Sallust (Bellum Iugurthinum 4). Dies waren die freimütigen Bekenntnisse eines P. Scipio und Q. Maximus. Der römische Historiker hat jedoch Polybios, ihren Zeitgenossen und persönlichen Freund, gelesen und schreibt nun höchstwahrscheinlich von ihm ab.. Die maßvollen Parteikämpfe zwischen Plebejern und Patriziern hatten schließlich zu einem stabilen und ausgewogenen Kräftegleichgewicht in der Verfassung geführt; in ihm vereinigte sich die Unabhängigkeit der Volksversammlungen mit der Machtfülle und Weisheit des Senates und der Exekutivgewalt der königlichen Magistrate. Als die Konsuln das Banner der Republik entrollt hatten, verpflichtete sich jeder Bürger eidlich, sein Schwert für die Sache seines Landes zu ziehen, bis er sich dieser heiligen Pflicht durch einen zehnjährigen Militärdienst entledigt hatte. Infolge dieser klugen Einrichtung zogen die nachwachsenden Generationen der freien Bürger und Soldaten ins Feld; und vermehrt wurde ihre Zahl durch die kriegerischen und bevölkerungsstarken Stämme Italiens, welch nach tapferem Widerstand vor Roms Stärke kapituliert hatten und ihrer Allianz beigetreten waren.

Der weise Historiker, der die Tugend des jüngeren Scipio weckte und Zeuge von Karthagos Untergang wurde Während Karthago in Flammen stand, zitierte Scipio zwei Zeilen aus der Ilias, in der der Untergang Trojas vorweggenommen wird und bemerkte dabei zu Polybios, seinem Freund und Praeceptor (in den Exzerpten De virtutibus et vitiis, Polybios 39,9), dass er, während er sich die Wechselfälle der menschlichen Dinge vor Augen hielt, sie innerlich auch auf künftige Notfälle Roms bezog (Appian, Punica 82)., hat das römische Militärsystem mit Genauigkeit geschildert; die Einberufung, ihre Bewaffnung, ihr Exerzieren, die Disziplin, die Märsche und das Lagerleben; und schließlich die unbesiegten Legionen, deren Schlagkraft der makedonischen Phalanx eines Philipp und Alexander überlegen war. Von diesen Einrichtungen für Friedens- und Kriegszeiten schloss Polybios auf den Charakter und die Erfolge eines Volkes, das Furcht nicht kannte und Ruhe nicht ertrug. Ehrgeizige Eroberungspläne, die eine rechtzeitig vereinte Menschheit hätte zunichte machen können, wurden entworfen und erfolgreich ausgeführt; und die beständige Rechtverletzung fand seine Fortsetzung in politischen Tugenden wie Staatsklugheit und Entschlossenheit. Die Waffen der Republik, gelegentlich in der Schlacht, aber niemals im Kriege besiegt, drangen in Eilmärschen bis zum Euphrat, zur Donau, zum Rhein und zum Atlantik; und Bildnisse aus Gold, Silber oder Bronze, die dienlich sein mochten, Völker und ihre Könige zu verkörpern, wurden eines nach dem anderen von Roms eiserner Monarchie zerschlagen Siehe Daniel, 2,31-40. »Das vierde Königreich wird hart sein wie eisen. Denn gleich wie Eisen alles zumalmet und zuschlegt, ja wie eisen alles zubricht, Also wird es auch alles zumalmen vnd zubrechen« (nach Luher). Der Rest dieser Prophezeiung (die Ton-Eisen-Mischung) erfüllte sich nach St. Hieronymus in seiner eigenen Zeit: »Sicut enim in principio nihil Romano Imperio fortius et durius, ita in fine rerum nihil imbecillius: quum et in bellis civilibus et adversus diversas nationes, aliarum gentium barbararum auxilio indigemus.« (So wie nämlich zu Beginn nichts stärker und härter war als das Römische Reich, so war es am Ende schwächlicher als alles andere. Denn sowohl in Bürgerkriegen wie auch gegen verschiedene auswärtige Feinde haben wir fremde Hilfe nötig.) Opera, Band 5, p. 572..

Der Aufstieg einer Siedlung zu einem Weltreich ist ein einmaliges, wunderbares Vorkommnis und verdient durchaus, dass ein philosophisches Gemütes ihm nachsinnt. Der Niedergang Roms indessen war die natürliche und unausweichliche Folge seiner maßlosen Größe. Sein Wohlstand begünstigte den Zerfall; die Ursachen der Auflösung mehrten sich mit jedem Sieg; und sobald die Zeitläufte oder auch nur der Zufall die Stützpfeiler entfernten, brach das ganze gewaltige Gebäude unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Die Geschichte seines Sturzes ist schlicht und einfach; und anstelle der Frage nachzugehen, warum das Römische Reich unterging, sollten wir uns vielmehr wundern, dass es so lange überdauert hat.

Die siegreichen Truppen, die in ihren Kriegen in fernen Ländern die Untugenden von Fremden und Söldnern angenommen hatten, raubten zuerst der Republik ihre Freiheit und beleidigten später die kaiserliche Majestät. Die Herrscher, die um ihre persönliche Sicherheit und den öffentlichen Frieden besorgt waren, mussten schließlich die Disziplin schleifen lassen, wodurch die Truppen beiden furchtbar wurden, ihren Herrschern und ihren Feinden; die Strenge der militärischen Führung wurde lasch und durch Constantins willkürliche Verfügungen schließlich außer Kraft gesetzt; und eine Sintflut von Barbaren überschwemmte das Römische Reich.

Oftmals wurde Roms Untergang der Verlegung des Regierungssitzes zugeschrieben; aber diese Darstellung hat bereits dargelegt, dass die Kräfte der Regierung geteilt und nicht abgezogen wurden. Der Thron Konstantinopels war im Osten bereits errichtet, als im Westen ganze Herrschergenerationen regierten, welche ihren ererbten Anspruch auf Legionen und Provinzen für sich reklamierten. Diese ungute Lage halbierte die Kräfte und förderte die Gebrechen der Doppelherrschaft; die Werkzeuge der Unterdrückung in Willkürsystemen vervielfachte sich auf diese Weise; und unter den verkommenen Nachfolgern eines Theodosius wurde die Nachahmung des hohlen Hof-Pomps, nicht seiner Verdienste Brauchtum. Notlagen, die die Kräfte eines freien Volkes bündeln, bringen die Faktionen eines niedergehenden Reiches gegeneinander auf. Die verfeindeten Günstlinge eines Honorius und Arcadius verrieten den Staat an den gemeinsamen Feind; und der Hof zu Byzanz gewahrte mit Gleichmut und möglicherweise sogar mit heimlicher Freude Roms Not, Italiens Kalamitäten und den Verlust des Westens. Unter den nachfolgenden Herrschern wurde die Allianz der beiden Reiche erneuert; aber die Hilfeleistung der Oströmer war spät, ungewiss und wirkungslos; und der Riss zwischen Römern und Griechen vertiefte sich noch infolge der verschiedenen Sprachen, Gebräuche, Interessenlagen und sogar der Religionen. Aber der glückliche Ausgang rechtfertigte zunächst Konstantins Maßnahmen. Während einer langen Zeit des Niederganges schlugen die unüberwindlichen Mauern seiner Stadt die siegreichen Barbarenhorden zurück, behüteten Asiens Wohlstand und beherrschten in Friedens- und Kriegszeiten die Meeresstraßen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer. Konstantins Gründung trug mehr zur Erhaltung des Ostens bei als der Ruin des Westens.

Da die Glückseligkeit in einem künftigen Leben der eigentliche Gegenstand der Religion ist, hören wir ohne Überraschung oder Befremden, dass die Etablierung des Christentums oder wenigstens sein Missbrauch den Niedergang und Fall des Römischen Reiches beschleunigt haben. Der Klerus predigte die Glaubenssätze von der Geduld und Demut, und er tat es mit Erfolg; aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben war verpönt; und was etwa an militärischer Tugend sich erhalten haben mochte, vergrub sich hinter Klostermauern; ein gerütteltes Maß an privatem und öffentlichem Wohlstand ward mildtätigen Zwecken aufgespart; und der Sold für Soldaten wurde für die nutzlosen Massen beiderlei Geschlechtes verschwendet, die für sich lediglich Abstinenz und Keuschheit als Verdienst anführen konnten. Glaube, Glaubenseifer, Neugier und die ganz und gar irdischen Bösartigkeit und Ehrgeiz gaben den Stoff für theologischen Zank; die Kirche und selbst noch der Staat waren durch religiöse Faktionsbildung zerrissen, deren Konflikte bisweilen blutig, immer aber unversöhnlich waren; die Herrscher verloren ihr Interesse am Lager und wandten es den Synoden zu; die Römische Welt wurde durch eine neue Art von Tyrannei bedrängt; und die verfolgten Sekten wurden so zu den heimlichen Feinden ihres Landes.

Doch der Geist der Parteienbildung, wie verderblich oder abwegig er auch immer sein mag, gehört zu einem geeinten ebenso wie zu einem zerstrittenen Staatswesen. Von achtzehnhundert Kanzeln predigten die Bischöfe die Gehorsamspflicht gegenüber einer rechtmäßigen und rechtgläubigen Obrigkeit; ihre zahlreichen Versammlungen und ihr beständiger brieflicher Gedankenaustausch hielten die Verbindung zwischen den entferntesten Kirchen aufrecht: und so stärkte und begrenzte zugleich die Allianz des Katholizismus den Geist der Evangelien. Der heilige Müßiggang der Mönche wurde von einem knechtsinnigen und verweichlichten Zeitalter mit Ergebenheit geduldet; allerdings: hätte nicht der Aberglauben diesen klammheimlichen Rückzug ermöglicht, dann hätte die gleiche Verkommenheit unwürdige Römer aus anderen, niederen Motiven bestimmt, die Fahne der Republik zu verlassen. Es ist leicht, religiösen Vorschriften zu folgen, wenn sie den naturgegebenen Neigungen ihrer Bekenner entgegen kommen und ihnen schmeicheln; der wahre und echte Einfluss des Christentums kann daher an seiner segensreichen, wenn auch unvollkommenen Wirkung auf die barbarischen Proselyten des Nordens abgelesen werden. Wenn die Bekehrung Konstantins tatsächlich den Fall des Römischen Reiches beschleunigt hat, dann hat seine siegreiche Religion zugleich die Wucht des Sturzes abgefedert und den Zorn der Sieger gemäßigt.

Diese gewaltige Revolution kann auch unserer Gegenwart zur Lehre dienen. Es ist Patriotenpflicht, die Interessen und den Ruhm seines eigenen Landes zu fördern; aber ein philosophisches Temperament darf sich einen umfassenderen Blick gestatten und Europa als einen großen Staat ansehen, dessen verschiedene Völker mittlerweile den gleichen Stand an Kultur und Herzensbildung erreicht haben. Es wird beständig ein schwankendes Gleichgewicht zwischen den Mächten geben, und der Wohlstand unseres oder eines benachbarten Königreiches wird wechselseitig emporblühen oder welken; aber alle diese vorübergehenden Ereignisse können unmöglich unserem Glückszustand, unseren Künsten, dem Gesetzeswesen oder unseren Bräuchen etwas anhaben, durch die sich Europa und seine Kolonien so vorteilhaft vom Rest der Menschheit unterscheidet. Die wilden Völker dieser Erde sind die gemeinsamen Feinde der zivilisierten Gesellschaften; und wir dürfen uns mit besorgter Neugier fragen, ob denn nicht Europa von einer Wiederholung jener Katastrophen bedroht ist, welche vormals Roms Waffen und Einrichtungen niedergeworfen hatten. Vielleicht können ja einige Überlegungen den Fall jenes mächtigen Imperiums beleuchten und zugleich die möglichen Gründe für unsere gegenwärtige Sicherheit erhellen.

I. I. Die Römer waren sich der Größe ihrer Gefahr überhaupt nicht bewusst und hatten keine Vorstellungen von der Zahl ihrer Feinde. Jenseits von Rhein und Donau waren die Weiten Europas bevölkert mit ungezählten Hirten- und Nomadenstämmen, arm, unbändig und stürmisch; waffenkühn und beutegierig. Die Welt der Barbaren drehte sich nur um Krieg; und die Umwälzungen im fernen China erschütterten den Frieden in Italien und Gallien. Die Hunnen wandten sich auf ihrer Flucht vor einem übermächtigen Fein nach Westen und der Strom schwoll an durch den stetigen Zufluss von Gefangenen und Verbündeten. Die Stämme, die vor den Hunnen wichen, entwickelten ihrerseits Eroberungsgelüste. Mit wachsendem Druck stemmte sich dieser endlose Strom gegen das Römische Reich; und waren die vordersten aufgerieben, so folgten andere, die Lücke der Angreifer zu schließen. Heute sind derlei fürchterliche Auswanderungen aus dem Norden nicht zu gewärtigen; und die lange Zeit der Ruhe, die man auf Rechnung der abnehmenden Bevölkerung setzen wollte, ist die erfreuliche Folge einer verbesserten Landwirtschaft. Anstelle von ein paar strukturlosen Dörfern, die zufällig im Wald oder Sumpf verstreut lagen, kann Deutschland heutzutage eine Liste von zweitausenddreihundert befestigten Städten vorweisen; die Königreiche von Dänemark, Schweden und Polen haben sich nacheinander etabliert; und die Kaufleute der Hanse haben zusammen mit den Rittern ihre Kolonien entlang der Ostseeküste bis nach Finnland ausgedehnt. Von dort bis zum Ozean im Osten dehnt sich Russland, groß und mächtig. An den Ufern der Wolga, des Ob und der Lena kennt und nutzt man den Pflug, den Webstuhl, den Amboss; und noch die wildesten Tartaren mussten lernen, zu beben und zu gehorchen. Selbständige Barbarenreiche sind nun auf einen winzigen Raum zusammengedrängt; und die Überbleibsel der Kalmücken und Usbeken, deren Krieger rasch abgezählt sind, taugen nicht, die Ängste der großen Reiche Europas zu erregen Die französischen und englischen Herausgeber der Genealogical History of the Tartars haben ihr eine interessante, aber unvollständige Beschreibung ihres gegenwärtigen Staates beigefügt. So könnten wir etwa die Unabhängigkeit der Kalmücken infrage stellen, seitdem sie von den Chinesen besiegt wurden, welche 1759 das kleine Bucharia besiegten und in das Land Badachschan bis an die Quellen des Oxus gelangten (Mémoires sur les Chinois, Band1, p. 325-400). Aber diese Eroberungen sind nur vorübergehender Natur, und ich trage Bedenken, mich für den Bestand des chinesischen Reiches zu verbürgen.. Aber diese offenkundige Sicherheit sollte uns nicht dazu verführen, Feinde und unbekannte Gefahren zu vergessen, die möglicherweise in einem unbekannten Volk entstehen könnten, das sich noch irgendwo auf der Weltkarte verliert. Die Araber und Sarazenen, deren Eroberungen von Indien bis nach Spanien reichen, waren arm und verachtet, bis Mohammed in die Körper dieser Wilden die Seele des Enthusiasmus hauchte.

II. II. Das Römische Reich gewann seine Stärke durch die einzigartige und vollständige Verbindung seiner Teile. Die unterworfenen Völker, welche die Hoffnung und sogar den Wunsch nach Unabhängigkeit aufgegeben hatten, wurden zu Römischen Vollbürgern; und nur widerwillig gab man die Provinzen des Westens den Barbaren preis Der bedachtsame Leser möge selbst entscheiden, inwieweit diese allgemeine Feststellung abgeschwächt wird etwa durch den Aufstand der Isaurier, die Unabhängigkeit Britanniens und Armoricas, die Maurenvölker und die gallischen und spanischen Bagauden (siehe die Kapitel X, XXXI, XXXIII und XXXV).. Aber diese Allianz war mit dem Verlust der Freiheit und der Kriegstüchtigkeit bezahlt worden; und folglich erwarteten die unterworfenen Provinzialen ihre Sicherheit von Miettruppen und Gouverneuren, welche ihrerseits an die Weisungen eines weit entfernten Hofes gebunden waren. Das Lebensglück von einhundert Millionen hing von den individuellen Fähigkeiten von ein oder zwei Männern ab, Kindern am Ende, deren Gemüt durch Erziehung sowie unkontrollierte Macht korrumpiert war. Die tiefsten Wunden wurden dem Reich während der Minderjährigkeit von Theodosius' Söhnen und Enkeln geschlagen; und als diese unfähigen Herrscher in das Mannbarkeitsalter zu kommen schienen, verschenkten sie die Kirche an die Bischöfe, den Staat an die Eunuchen und die Provinzen an die Barbaren.

III. Heutzutage zerfällt Europa in zwölf mächtige, wenn auch ungleiche Königreiche und drei ansehnliche sowie zahlreiche kleine, aber unabhängige staatliche Gebilde; die Aussicht auf eine königliche oder ministerielle Begabung wächst alleine schon durch die schiere Anzahl der Herrscher; ein Julian oder eine Semiramis mag im Norden regieren, während auf einem Thron im Süden Arcadius und Honorius neuerlich süßen Schlummers pflegen. Gegenseitige Furcht zeigen dem Machtmissbrauch durch Tyrannen die Grenzen; die Republiken haben Ordnung und Stabilität erlangt; Monarchien haben immerhin die Prinzipien der Freiheit oder doch wenigstens der Mäßigung zur Kenntnis genommen; und der Geist der Zeit hat selbst den fehlerhaftesten Verfassungen Ansätze von Würde und Gerechtigkeit eingehaucht. In Friedenszeiten wird der Fortschritt von Wissen und Gewerbe durch zahlreiche Wettbewerber befeuert; im Kriege werden die Armeen Europas zu begrenzten und niemals endgültigen Kämpfen verwendet. Sollte ein tollkühner Eroberer aus den Wüsten der Tartarei aufbrechen, so müsste er nacheinander die kräftigen Bauern Russlands besiegen, die zahlreichen Armeen Deutschlands, die stattlichen Adligen Frankreichs und die furchtlosen Freien Britanniens: welche sich alle zu gemeinsamer Verteidigung verbünden könnten. Und sollten die siegreichen Barbaren dennoch Verderben und Sklaverei bis an den Atlantik bringen, dann würden tausende von Schiffen die Reste der zivilisierten Gesellschaft fortbringen; und Europa würde in Amerika neuerlich ausleben und blühen, ist es doch heute schon mit seinen Kolonien und Einrichtungen erfüllt Gegenwärtig wohnen in Amerika sechs Millionen Menschen europäischer Herkunft; und ihre Zahl steigt beständig, zumindest im Norden. Welche Veränderungen das von ihnen praktizierte politische System auch immer durchmachen wird, die Gebräuche Europas werden sie beibehalten müssen; und die Vorstellung erfüllt uns mit einem gewissen Vergnügen, dass die englisch Sprache sich über einen riesigen und bevölkerungsreichen Kontinent ausbreiten wird..

IV. III. Kälte, Armut und ein an Gefahren und Anstrengungen reiches Leben mehren Kraft und Mut von Barbaren. Zu allen Zeiten haben sie die kultivierten und friedfertigen Völker Chinas, Indiens und Persiens gedämpft, welche damals wie heute diesen naturgewollten Mächten durch eine Steigerung ihrer eigenen militärischen Stärke entgegenzutreten verabsäumten. Die kriegsgewohnten Völker der Antike, Griechenland, Makedonien und Rom, zogen sich eine Soldatenkaste heran; schulten sie, machten sich ihren Mut dienstbar, erhöhten ihre Schlagkraft durch kunstgerechte Evolutionen, und schmiedeten das Erz, das sie besaßen, zu schweren, aber handhabbaren Waffen. Aber unmerklich verkam diese Überlegenheit zusammen mit ihren Gesetzen und Bräuchen; und die nachgiebige Politik eines Konstantin und seiner Nachfolger bewaffnete und drillte zu des Reiches Verhängnis die rohen Barbarensöldner. Die Kunst der Kriegsführung hat einen grundlegenden Wandel erst mit der Erfindung des Schießpulvers erfahren, denn diese verleiht dem Menschen die Herrschaft über die zwei mächtigsten Agenzien der Natur, Luft und Feuer. Mathematik, Chemie, Mechanik: alle hat man herangezogen, die Kriegskunst zu fördern; und tatsächlich begegnen sich die feindlichen Parteien mit den raffiniertesten Verteidigungs- und Angriffsmethoden. Historiker mögen indigniert notieren, dass mit den Kosten einer Belagerung eine ganze Kolonie gegründet und unterhalten werden kann »On avoit fait venir« (für die Belagerun Turins) »140 pièces de canon; et il est à remarquer que chaque gros canon monté revient a environ 2000 ecus: il y avoit 100,000 boulets; 106,000 cartouches d'une facon, et 300,000 d'une autre; 21,000 bombes; 27,700 grenades, 15,000 sacs a terre, 30,000 instruments pour la pionnage; 1,200,000 1ivres de poudre. Ajoutez à ces munitions le plomb, le fer, et le fer-blanc, les cordages, tout ce qui sert aux mineurs, le souphre, le salpètre, les outils de toute espece. II est certain que les frais de tous ces preparatifs de destruction suffiroient pour fonder et pour faire fleurir la plus nombreuse colonie.« (Man hat 140 Geschütze auffahren lassen – und dabei ist zu beachten, dass jedes grobe Geschütz mit völliger Ausrüstung ungefähr 2000 Taler kostet! Es waren 100.000 Stückkugeln, 106.000 Patronen von einer Größe und 300.000 von einer anderen, 21.000 Bomben, 27.700 Granaten, 15.000 Erdsäcke, 30.000 Schanzgräberwerkzeuge1.200.000 Pfund Puver vorhanden. Zu dieser Munitionkam noch Blei, Eisen, Weißblech, Seile, der gesamte Bedarf der Minengräber, Schwefel, Salpeter und Werkzeuge aller Art. Die Kosten dieses Gerätes zur Zerstörung würden sicherlich zur Gründung und Erhaltung der stärksten Kolonie ausreichen.) Voltaire, Siecle de Louis XIV, c. 20.; aber uns empört es durchaus nicht, dass zur Unterwerfung einer Stadt Mühe und Kosten erforderlich sind oder dass ein gewerbefleißiges Volk durch solche Künste geschützt wird, welche den Niedergang militärischer Tugenden überleben und sie ersetzen. Kanonen und Festungsanlagen bilden heutzutage eine unüberwindliche Barriere gegen das Tartarenpferd; künftige Barbareneinfälle muss Europa nicht fürchten; denn bevor sie siegen, müssen sie aufhören, Barbaren zu sein. Dann aber würde die allmähliche Verbesserung ihrer Kriegskunst, wie wir an dem Beispiel von Russland sehen können, mit einer beständigen Verbesserung ihrer politischen Verfassung einhergehen; und sie selbst würden einen Platz unter den fortgeschrittenen Nationen einnehmen, welche sie doch erobern wollten.

V. Sollten jemand diese Spekulationen für anfechtbar oder falsch halten, so gibt es eine andere, schlichtere Quelle des Trostes und der Hoffnung. Die Entdeckungen antiker und moderner Seefahrer und die Überlieferung noch der aufgeklärtesten Nationen lehren uns die Person des menschlichen Wilden, an Leib und Seele nackt, unbekannt mit Gesetzen, Kunst, Ideen und beinahe noch der Sprache Es wäre ein leichtes, aber langwieriges Unterfangen, die verschiedenen Dichter als Autoritäten beizubringen; Ich will mich deshalb damit begnügen, das durchschlagende und authentische Zeugnis des Diodorus Siculus (1,8 und 14f.) aufzuführen. Die Ichtyophagen (»Fischfresser«), die zu seiner Zeit an den Küsten des Roten Meeres vagabundierten, lassen sich nur mit den Eingeborenen von Neu-Holland vergleichen (Dampier, New Voyage, Band 1, p. 464-469). Die Phantasie oder Vernunfterwägungen können sicherlich einen Naturzustand bezeichnen, welcher weit unter dem dieser Wilden liegt, welche immerhin über einige Werkzeuge und Fertigkeiten verfügen.. Von diesen archaischen Zuständen, der vielleicht den allgemeinen Urzustand der Menschheit darstellt, hat er sich allgemach erhoben, um den Tieren zu gebieten, den Boden urbar zu machen, den Ozean zu überqueren und den Himmel zu vermessen. Seine Fortschritte bei der Verbesserung seiner Körper- und Geisteskräfte waren ungleichmäßig Siehe das gelehrte und kluge Werk des Präsidenten Goguet, ›De l'Origine des Loix, des Arts, et des Sciences‹. Er entwickelte aus Tatsachen un Vermutungen (Band 1, p. 147-337) die ersten, schwierigsten Schritte der Erfindungen des Menschen ab., unmessbar langsam zu Beginn, um dann allmählich zu verdoppelter Geschwindigkeit anzuwachsen; auf Zeiten eines mühevollen Anstieges folgten Momente des jähen Sturzes; und viele Weltgegenden haben die Unbeständigkeit von Licht und Dunkelheit erfahren. Aber die Erfahrungen von viertausend Jahren sollte unsere Hoffnung mehren und unsere Besorgnisse verringern; wir können nicht ermessen, zu welchen Höhen die menschliche Species auf ihrem Wege zur Vollkommenheit sich zu erheben mag; aber es kann als sicher gelten, dass kein Volk, die Natur würde denn ihr Gesicht grundlegend umgestalten, in ihren ursprünglichen, barbarischen Zustand zurückfallen wird.

VI. Unter einem dreifachen Aspekt lassen sich die Fortschritte der Menschheit betrachten. 1: Die Schilderung einer Zeit und eines Landes durch einen Dichter oder Philosophen sind die Leistungen eines einzelnen Geistes; aber diese gewaltigen Taten des Verstandes oder der Phantasie sind seltene und eigenständige Leistungen, und der Genius eines Homer, Cicero oder Newton würde weniger Bewunderung erregen, wenn ihre Werke durch einen Herrscherbefehl oder als Folge von Schullektionen hätten entstehen können. 2. Die Segnungen von Gesetz und Politik, Handel und Handwerk, Künsten und Wissenschaften sind gegründeter und dauerhafter. Und viele Menschen können durch Erziehung und Ausbildung qualifiziert werden, um auf ihrem jeweiligen Posten die Interessen der Gemeinschaft zu befördern. Aber dies ist die Frucht von Wollen und Können; und die komplizierte Maschine kann sich mit der Zeit abnutzen oder durch Gewalt Schaden nehmen. 3. Zum Glück für die Menschheit können die nutzbringenden oder zumindest notwendigen Verrichtungen auch ohne überragende Talente oder Völker-Unterwerfung ausgeführt werden; ohne die Machtausübung eines Einzigen oder die gemeinsame Anstrengung vieler. Jedes Dorf, jede Familie, jeder Einzelne muss fähig und willens sein, Kenntnisse zum Gebrauch des Feuers Es steht fest, auch wenn es eigenartig klingt, dass viele Völker den Gebrauch des Feuers nicht kannten. Selbst die klugen Eingeborenen von Otaheite (Tahiti), die kein Metall kennen, haben keinerlei irdene Gefäße ersonnen, um mit Hilfe des Feuers Flüssigkeiten in ihnen zu erhitzen. und der Metalle weiter zu geben; der Zucht und Ausbildung der Haustiere; der Jagd und Fischereitechniken; der Anfangsgründe der Navigation; des – unvollkommenen – Anbaus von Korn und anderem Futtergetreide; und einfacher handwerklicher Arbeiten. Persönliche Begabung und allgemeiner Fleiß kann ausgelöscht werden; aber diese zähen Pflanzen überstehen solche Stürme und senken eine dauernde Wurzel noch in den widrigsten Boden. Die hellen Tage eines Augustus oder Trajan wurden von Wolken der Unbildung verdunkelt; und die Barbaren zerstörten die Gesetze und Paläste Roms. Aber die Sense, die Erfindung und das Attribut Saturns Plutarch, Quaestiones Romanae, Opera, Band 2, p. 275; Macrobius, Saturnalia 1,8. Die Ankunft Saturns (Einführung seiner religiösen Verehrung) auf einem Schiff kann andeuten, dass Latiums wilde Küste zuerst von den Phönikiern entdeckt und zivilisiert wurde. fuhr fort, im Jahresrhythmus die Wiesen Italiens zu mähen; und die Gelage der Lästrygonen sind an der Küste Campaniens niemals wieder ins Leben gerufen worden Im neunten und zehnten Buch der Odyssee hat Homer die Fabeln angstvoll-abergläubischer Seeleuten erzählt und verschönert, die aus den Kannibalen Italiens und Siziliens Riesenmonster gemacht haben..

Seitdem die erstmalige Erfindung der Künste, Krieg, Handel und Religion unter den Wilden der Alten und Neuen Welt diese unschätzbaren Fertigkeiten verbreitet haben, wurden sie erfolgreich weiter gegeben: sie können nun niemals mehr verloren gehen. Wir können uns deshalb mit dem erfreulichen Gedanken beruhigen, das jedes Zeitalter auf dieser Erde den wahren Reichtum, das Glück, die Kenntnisse und vielleicht sogar die Tugendhaftigkeit der menschlichen Rasse vermehrt hat und immer noch vermehrt Das einer Entdeckung innewohnende Verdienst war allzu oft befleckt durch Habsucht, Grausamkeit und Fanatismus; und die Konkurrenz unter den Völkern hat Krankheiten und Vorurteile verbreitet. Eine Ausnahme hiervon findet sich in unserer Zeit und in unserem Lande. Die fünf großen Entdeckungsreisen, die auf Geheiß seiner gegenwärtigen Majestät unternommen wurden, wurden eingegeben von der reinen und uneigennützigen Liebe zur Wissenschaft und zur Menschheit. Derselbe Herrscher (Georg III), der seine Wohltaten der jeweiligen gesellschaftlichen Stufe der Beschenkten anpasste, hat eine Schule für Malerei in seiner Hauptstadt begründet und auf die Inseln der Südsee Nutzpflanzen und -tiere einführen lassen..








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