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Verfall und Untergang des Römischen Reiches ? 5. Band ? Kapitel 37

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches ? 5. Band ? Kapitel 37 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typetractate
authorEdward Gibbon
titleVerfall und Untergang des Römischen Reiches ? 5. Band ? Kapitel 37
publisherprojekt.gutenberg.de
year2013
firstpub2013
translatorCornelius Melville
correctorreuters@abc.de
senderCornelius Melville
created20130214
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Edward Gibbon

Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 5. Band – Kapitel 37

 

© und Übersetzung:
Cornelius Melville

 

XXXVII

URSPRUNG, AUSBREITUNG UND EINFLUSS DES MÖNCHTUMS · BEKEHRUNG DER BARBAREN ZUM CHRISTENTUM UND DER ARIANISMUS · VERFOLGUNG DER VANDALEN IN AFRIKA · ERLÖSCHEN DES ARIANISMUS UNTER DEN BARBAREN · DIE JUDEN IN SPANIEN

DAS MÖNCHTUM

Der unauflösliche Zusammenhang zwischen staatlichen und kirchlichen Angelegenheiten hat mich dazu bestimmt, von der Ausbreitung, der Verfolgung, der Etablierung, der Aufspaltung, dem endlichen Triumph und der allmählichen Korruption des Christentums zu berichten. Mit Vorbedacht habe ich die Untersuchung zweier religionsgeschichtlicher Ereignisse verschoben, welche für das Studium der menschlichen Natur ebenso aufschlussreich sind wie für den Untergang des Römischen Reiches bedeutsam: I. Die Entstehung des Mönchtums Den Ursprung des Mönchtums haben Thomassin (Discipline de l'eglise, Band 1, p. 1419-1426) und Helyot (Histoire des ordres monasiques, Band 1, p. 1-66) besonders ausführlich erörtert. Diese beiden Autoren sind von fundierter Gelehrsamkeit und angemessener Wahrheitsliebe, und gerade durch ihre abweichenden Meinungen beleuchten sie den Gegenstand in seinem ganzen Umfang. Indessen mag der misstrauische Protestant, dem jede papistische Führung verdächtig ist, den siebten Band von Bingham's Christlichen Antiquitäten zu Rate ziehen. und II. Die Bekehrung der Barbaren des Nordens.

DIE ENTSTEHUNG DES MÖNCHTUMS

Wohlstand und Frieden verursachten die Trennung von gewöhnlichem und asketischem Christentum Siehe Eusebios, Demonstratio Evangelica, Buch 1, p. 20f. In seiner Kirchengeschichte, die zwölf Jahre nach seiner Demonstratio erschienen ist, verteidigt Eusebios das Christentum der Therapeuten (2,17); indessen scheint er nicht zu wissen, dass eine ähnliche Gruppierung in Ägypten tatsächlich wiederbelebt worden war. . Das Volk begnügte sich mit einem oberflächlichen und zwanglosen religiösen Ritual. Herrscher oder Beamter, Soldat oder Kaufmann: sie versöhnten ihren religiösen Eifer und damit zugleich ihren Glauben mit der Verfolgung ihrer weltlichen Interessen und individuellen Leidenschaften; indessen, die Asketen, welche die strengen Vorschriften des Evangeliums befolgten und missdeuteten, ließen sich von der archaischen Vorstellung leiten, die in den Menschen einen Verbrecher und in Gott einen Tyrannen sieht. Nachdrücklich kehrten sie den Vergnügungen und Geschäften der Welt den Rücken; schworen dem Genuss von Wein und Fleisch ab, blieben ehelos, kasteiten ihren Körper, töteten ihre Gemütsbewegungen ab und zahlten mit dieser Freudlosigkeit den Preis für ewige Seligkeit.

Unter der Herrschaft Konstantins flohen die Asketen aus einer verkommenen und profanen Welt in dauerhafte Einsamkeit oder religiöse Vereinigungen. Ähnlich wie die ersten Christen Jerusalems Cassianus (Collationes patrum 18,5) beansprucht dies zumindest für die Entstehung der Coenobiten, welche indessen allmählich verkamen und erst durch Antonius und seine Schüler erneuert wurden. verzichteten sie auf den Besitz oder die Verwendung von weltlichem Besitz; begründeten Gemeinschaften, deren Mitglieder von gleichem Geschlecht und vergleichbarer geistlicher Orientierung waren; und nahmen die Namen Eremiten, Mönche oder Anachoreten an, mit denen sie ihren Rückzug in die naturgegebene oder künstliche Einsamkeit kennzeichnen wollten.

Schon bald standen sie ausgerechnet bei der Welt in Respekt, die sie verachteten; und den lebhaftesten Beifall erhielt ihre GÖTTLICHE PHILOSOPHIE Ὠφελιμώτατον γάρ τι χρῆμα εἰς ἀνϑρώπους ἐλϑοῦσα παρὰ Θεοῦ ἡ τοιαύτη φιλοσοφία. (Das Nützlichste, was jemals von Gott zu den Menschen gekommen ist, ist diese Philosophie.) Das sind die deutlichen Worte von Sozomenos (1,12-14), der weitläufig und einleuchtend Ursprung und Entwicklung dieser Mönchs-Philosophie beschreibt. (Siehe Suicerus, Thesaurus ecclesiasticus, Band 2, p.1441. Einige neuere Autoren, Lipsius (Manuductum ad philosophia Stoica. Opera, Band 4, p. 448) und de la Mothe la Vayer (De la vertu des payens. Oeuvres, Band 9, p. 228-262) haben die Karmeliter mit den Pythagoreeren und die Kyniker mit den Kapuzinern verglichen., da sie ohne großen geistigen Kraftaufwand die verschiedenen griechischen Philosophenschulen übertraf. In der Tat durften sich die Mönche mit den Stoikern in der Verachtung des Schicksals, des Schmerzes und der des Todes vergleichen; das Schweigegebot und der Gehorsam der Pythagoreer lebten in ihren strengen Ordensregeln wieder auf; und kategorisch wie die Zyniker verachteten sie die Anstands- und Schicklichkeitsregeln der bürgerlichen Gesellschaft. Aber die Jünger dieser Göttlichen Philosophie strebten einem höheren und reineren Vorbild nach. Sie folgten den Spuren der Propheten, die sich in die Wüste zurückgezogen hatten Die Karmeliten leiten sich in direkter Linie von dem Propheten Elia ab. Siehe die Thesen von Beziers, A.D. 1682, in Bayle, Nouvelles de la République des Lettres, Oeuvres, Band 1, p. 82ff, und die ausufernde Ironie des anonymen Werkes ›Ordres Monastiques‹, Band1, p. l-433. Rom und die Spanische Inquisition brachten die weltlichen Einwände der flämischen Jesuiten auf ihre Weise zum Schweigen (Helyot, Histoire des Ordres Monastiques, Band 1, p. 282-300), auch ist die Staue von Elia dem Carmeliters in der Kirche von St. Peter aufgestellt worden. Pater Labat, Voyages, Band 3, p. 87.; und dort führten sie ein Leben der Betrachtung und Anbetung, wie es die Essener und Palästina und Ägypten vorgelebt hatten. Plinius' philosophischer Blick hatte mit Erstaunen ein isoliertes Volk wahrgenommen, das zwischen den Palmen am Toten Meer wohnte; welches ohne Geld auskam und das ohne Frauen zunahm an Zahl; und dem die Verachtung und der Tadel der Welt beständig neue Anhänger zuführte Plinius, Naturalis historia 5,15. Er verlegt sie genau dorthin, wo die negativen Einflüsse des Sees nicht mehr wirksam sind und nennt Engeddi und Masada als die nächsten Städte. Die Laura und das Kloster des hl. Sabas können nicht weit davon entfernt gewesen sein. Siehe Reland, Palästina, Bans 1, p. 295 und Band 2, p. 763, 874, 880 und 890..

ANTONIUS UND DIE ÄGYPTISCHEN MÖNCHE A.D. 305

Ägypten, die fruchtbare Brutkammer für jedwede Form des Aberglaubens, schenkt uns auch die ersten Beispiele mönchischen Lebens. Antonius Siehe Athanasios, Opera, Band 2, p. 450-505 und die Vitae patrum, p. 26-74, nebst Rosweydes Kommentaren. Das erste ist das griechische Original, das zweite eine uralte lateinische Übersetzung von Euagios, dem Freund des hl. Hieronymos., ein ungebildeter Jüngling Γράμματα μὲν μαϑεῖν οὐκ ἠνέσχετο. (Die Buchstaben konnte er nicht lernen). Athanasios, Vita Sancti Antonii. Opera, Band 2, p. 452.Viele Gelehrte des Altertums und der Gegenwart haben die Nachricht von seiner vollkommenen Unbelesenheit unbesehen übernommen. Durch ein Reihe von einleuchtenden Argumenten kann Tillemont aufzeigen (Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 666), dass Antonius in seiner Muttersprache, dem Koptischen, schreiben und lesen konnte, und dass ihm lediglich das griechische Alphabet unbekannt war. Der Philosoph Synesius bemerkt dazu (p. 51), dass eine Naturbegabung wie Antonius keiner Gelehrsamkeit bedürfe. aus dem unteren Thebais, verschenkte sein väterliches Erbe »Arurae autem erant ei trecentae uberes, et valde optimae.« (Er besaß dreihundert Aruren Ackerland, und zwar sehr fruchtbares). Vitae patrum, 1, p. 36.Wenn arurae einhundert ägyptische Quadratellen sind und die ägyptische Elle zu allen Zeiten zweiundzwanzig englischen Zoll entsprochen hat, dann ist eine arura drei Viertel eines englischen acre. Greaves, Works, Band 1, p.233., verließ Familie und Heimat und widmete sich seinen mönchischen Bußübungen mit verbissener und unerschütterlicher Hingabe. Nach einem langen und entbehrungsreichen Noviziat zwischen den sandverschütteten Ruinen einer aufgegebenen Stadt zog er guten Mutes in die einen Dreitagesmarsch östlich des Nil gelegene Wüste; entdeckte einen einsamen Flecken, der ihm immerhin Schatten und Wasser spendete; seine letzte Stätte begründete er am Colzim-Berg in der Nähe des Roten Meeres, wo noch heute ein antikes Kloster den Namen und das Gedächtnis an den Heiligen bewahrt Die Beschreibung des Klosters geben Hieronymus (Vita Hilarionis. Opera, Band 1, p. 248f.) und Pater Sicard (Missions de Levant, Band 5, p. 120-122). Ihre Befunde lassen sich nicht immer harmonisieren: der Kirchenvater greift auf seine Phantasie zurück, der Jesuit auf das, was er in Erfahrung bringen konnte.. Die aufdringliche Verehrung der Christen trieb ihn in die Einsamkeit der Wüste; und als er sich genötigt sah, in Alexandria vor Menschen zu erscheinen, beobachtete er die gehörige Würde und Distanz und mehrte so seinem Ruf. Er unterhielt Freundschaft zu Athanasius, und schloss sich seiner Lehre an; und eine respektvoll-höfliche Einladung von Kaiser Konstantin lehnte der ägyptische Bauer ebenso respektvoll-höflich ab.

Der ehrwürdige Patriarch – immerhin wurde er einhundertundfünf Jahre alt – blickte auf eine beträchtliche Schar von Nachfolgern, die er durch sein Vorbild und seine Lehre geformt hatte. Rasch vermehrte sich die Masse der Mönche in der Sandwüste Lybiens, den Felsen von Thebais und den Nilstädten. Im Süden von Alexandria bewohnten über fünftausend Anachoreten das Gebirge und die Neter-Wüste. Und noch heute kann der Reisende die Ruinen von über fünfzig Klöstern erforschen, die Antonius' Schüler auf jenem unfruchtbaren Boden errichtet hatten Hieronymus, ad Eustochian, Opera, Band 1, p. 148; Historia Lausiaca 7, in Vitae patrum, p. 712. Pater Sicard (Missions de Levant, Band 2, p. 29-79) hat diese Wüste besucht und beschrieben; es gibt in ihr vier Klöster und zwanzig bis dreißig Mönche. Siehe d'Anville, Description de l'Égypte, p. 74.. Im oberen Thebais belegte Pachomius mit vierzehnhundert Glaubensbrüdern die unbesiedelte Insel von Tabenne Tabennisi ist eine kleine Nilinsel in der Diözese Tentyra oder Dendera zwischen dem heutigen Girge und den Ruinen des antiken Theben (d'Anville, Description de l'Égypte, p. 194). Herr de Tillemont hat Zweifel, ob es sich tatsächlich um eine Insel handelt; ich möchte indessen – und zwar aus seinen eigenen Angaben – folgern, dass der ursprüngliche Name später auf das große Kloster Pabau oder Bau übertragen wurde. Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 678 und 688. mit Beschlag. Dieser heilige Abt begründete nacheinander neun Männer- und ein Frauenkloster; und zum Osterfest versammelten sich zuweilen fünfzigtausend aktive Gläubige, die seinen engelsgleichen Anordnungen sich fügten Siehe im Codex regularum das Vorwort des hl. Hieronymus zu seiner lateinischen Übersetzung der Regel des Pachomios, Band 1, p. 61..

Die reiche und bevölkerungsstarke Stadt Oxyrhinchos, eine Stätte christlicher Orthodoxie, hatte ihre Tempel, öffentlichen Gebäude, ja sogar noch die Wehrgänge dem frommen Nutzen und wohltätigen Gebrauch zur Verfügung gestellt; und der Bischof, der in immerhin zwölf Kirchen predigen konnte, schätzte, dass zehntausend Frauen und zwanzigtausend Männer ein mönchisches Dasein führten Rufinus 5, in Vita Patrum, p. 459. Er nennt sie »civitas ampla valde et populosa« (eine sehr weitläufige und volkreiche Stadt) und kommt auf zwölf Kirchen. Strabo (17,1,40) und Ammianus (22,16) taten der Stadt Oxyrhinchos ehrenhafte Erwähnung, deren Einwohner einen kleinen Fisch in einem prächtigen Tempel ehrten.. Die Ägypter neigten der Auffassung zu, dass die Zahl der Mönche der Zahl der übrigen Bewohner gleichkam »Quanti populi habentur in urbibus, tantae pene habentur in desertis multitudines monachorum.« (Bei ihnen wohnen so viele Menschen in Städten wie sich Mönche in der Wüste aufhalten.) schreibt Rufinus (c. 7, in Vitae Patrum, p. 461) und freut sich dieser glücklichen Veränderung.; und die Nachwelt mochte dann wohl das Scherzwort wiederholen, das Vorher auf das heilige Getier jenes Landes bezogen war, das es nämlich leichter sein, in Ägypten einen Gott als einen Menschen anzutreffen.

AUSBREITUNG DES MÖCHTUMS IN ROM – A.D. 341

Athanasius machte Rom mit der Praxis des Klosterlebens bekannt; und die Jünger des Antonius eröffneten eine Schule für diese neue Disziplin, die ihre Vorrangstellung aus ihrer räumlichen Nähe zum Vatikan ableitete. Das fremdartige und ungeordnete Aussehen dieser Ägypter rief zunächst Abscheu und Verachtung auf, schließlich aber Beifall und eifrige Nachahmung. Die Senatoren und mehr noch die Matronen machten aus ihren Palästen und Villen Stätten der Anbetung; und die kleine Institution der sechs Vestalinnen verschwand hinter der Masse der Klöster, die sich in den Ruinen der alten Tempel und selbst noch auf dem Forum ansiedelten Hieronymus erwähnt die Einführung des Mönchtums in Rom und Italien (Opera, Band 1, p. 119f und 199.).

HILARION IN PALÄSTINA A.D. 328 – BASILEIOS IN PONTOS A.D. 360

Angeregt durch das Vorbild des Antonius bezog ein syrischer Jüngling mit Namen Hilarion Siehe die Vita des Hilarion vom hl. Hieronymus (Opera, Band 1, p. 241 und 252). Die Erzählung von Paul, Hilarion und Malchus werden von ihm anschaulich dargestellt; der einzige Nachteil dieser erbaulichen Kompositionen ist ihr Mangel an Wahrheit und Stimmigkeit. in einer Landschaft etwa sieben Meilen von Gaza entfernt, zwischen Strand und Sumpf seinen trostlosen Wohnsitz. Die außerordentlich strenge Buße, der er sich dann in den nächsten fünfundvierzig Jahren unterzog, regte vergleichbaren Enthusiasmus an; so folgten dem heiligen Manne zwei- bis dreitausend Menschen, wann immer er eines der ungezählten Klöster Palästinas aufsuchte. In der Geschichte des östlichen Mönchwesens ist der Name des Basileios Er lebte zunächst zurückgezogen am Ufer der Iris unfern von Neo-Caesarea. Die zehn oder zwölf Jahre seines Mönchtums wurden durch die häufigen und längerdauernden Abberufungen gestört. Einige Gelehrte haben sogar die Echtheit seiner Asketen-Regeln angezweifelt; aber der äußere Augenschein hat einiges Gewicht und eigentlich können sie nur nachweisen, dass die Schrift von einem tatsächlichen oder auch nur eingebildeten Schwärmer verfasst wurde. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 9, p. 636-644, und Helyot, Ordres monastiques, Band 1, p. 175-181. unsterblich. Mit einem Verstand, der von der Gelehrsamkeit und Eloquenz Athens gekostet hatte und einem Ehrgeiz, der sich mit dem Erzbischofssitz von Caesarea noch nicht zufrieden gab, zog sich Basileios in die wilde Einsamkeit des Pontus zurück; wo er sich eine Zeitlang dazu herabließ, den von ihm an der Küste des Schwarzen Meeres gegründeten zahlreichen Gemeinden Gesetze zu geben.

MARTIN IN GALLIEN A.D. 370

Im Westen begründete der Krieger, Eremit, Bischof und Heilige Martin von Tours Siehe seine Biographie und die drei Dialoge von Sulpicius Severus (Dialog1,16), der uns berichtet, dass die Buchhändler Roms entzückt waren von dem raschen und vollständigen Ausverkauf seiner volkstümlichen Schriften. die Klöster Galliens. Zweitausend seiner Schüler folgten ihm zu seinem Grabe; und sein redegewandter Biograph fordert die Wüsten von Tebais auf, in ihrem günstigeren Klima einen Meister mit vergleichbaren Tugenden hervorzubringen.

Die Ausbreitung des Mönchtums war nicht weniger schnell und allgemein wie die des Christentums. Jede Provinz und schließlich jede Stadt des Reiches füllte sich mit ihnen; und selbst die kahlen und unfruchtbaren Inseln von Lerins bis Lipari wählten sich die Anachoreten als Ort für ihr freiwilliges Exil. Ein bequemer und zuverlässiger Verkehr war zwischen allen Provinzen des Reiches möglich; und das Leben des Hilarius zeigt uns die Leichtigkeit, mit der auch ein unbemittelter Eremit Ägypten durchqueren, nach Sizilien übersetzen, nach Epirus entkommen oder sich endlich auf Zypern niederlassen konnte Als Hilarion von Paraetonium nach Kap Pachynus absegelte, bot er statt der Bezahlung für die Überfahrt ein Evangelienbuch. Der gallische Mönch Posthumian, der Ägypten besucht hatte, fand ein Handelsschiff, das von Alexandria nach Marseille absegelte und dies auch in dreißig Tagen vollendete (Sulpicius, Dialog 1,1). Athanasios, der seine Lebensbeschreibung des Heiligen Antonius den Mönchen des Auslandes widmete, musste sich bei der Abfassung sputen, auf dass er es bis zur Abfahrt der Flotte fertig stelle (Band 2, p. 451).. Die lateinischen Christen bedienten sich der religiösen Einrichtungen Roms. Die Pilger, die Jerusalem besucht hatten, ahmten noch in den entferntesten Weltgegenden eifrig den Glaubensentwurf der Mönche nach. Die Schüler des Antonius breiteten sich über den Wendekreis und über das christliche Äthiopien Siehe Hieronymus, Band 1, p. 126; Assemani, Biblioteca Orientalis, Band 4, p. 92, p. 857-919; Geddes, Church History of Ethiopia, p. 29, 30, 31. Die Mönche Abessiniens halten noch sehr streng an der ursprünglichen Institution fest. aus. Das Kloster von Banchor in Flintshire Camden, Britannia, Band 1, p. 666f. mit über zweitausend Glaubensbrüdern gründete unter den irischen Alles, was die Wissenschaft aus dem Schutt der dunklen Jahrhunderte hervorziehen kann, ist von Bischof Usher in seiner Britannicarum Ecclesiarum Antiquitates, p. 425-503, in aller Breite dargestellt worden. Barbaren eine starke Kolonie; und Iona, eine der Hebriden, die von irischen Mönchen besiedelt war, spendete der nördlichen Finsternis den ersten schwachen Lichtstrahl von Wissenschaft und Aberglauben Der kleine, aber durchaus nicht kahle Flecken Iona, Hy oder Columbkill, zwei Meilen lang und eine Meile breit, ist ausgezeichnet durch 1. Das Kloster des heiligen Columban, gegründet A.D. 566, dessen Abt eine außerordentliche Gerichtsbarkeit über die Bischöfe von Caledonien ausübte; 2. die klassische Bücherei, die sogar Hoffnungen auf einen vollständigen Livius-Text erweckte; 3. die Grabmale von sechzig schottischen, irischen und norwegischen Königen; die in diesem heiligem Boden begraben liegen. Usher (Antiquitates p.311, 360-370) und Buchanan (Rerum Scoticarum Historiae, Band 2, p. 15)..

AUSBREITUNG DES MÖNCHWESENS

Diese unglückselige Selbst-Ausgrenzung von jedem sozialen Leben ist ein Produkt jenes dunklen und unausrottbaren Genius, den man Aberglauben nennt. Gegenseitig befeuerten sich dabei Millionen beiderlei Geschlechts, jeden Alters und aus allen Schichten; und jeder Proselyt, der die Pforten eines Klosters durchschritt, vermeinte, von nun an ganz gewiss den steilen und dornenreichen Weg zur ewigen Seligkeit zu wandeln Chrysostomos (Erster Band der Benediktiner-Ausgabe) hat alleine drei Bücher dem Lob und der Verteidigung des Klosterlebens gewidmet. Das Beispiel der Arche Noah bestimmt ihn zu der Auskunft, dass niemand denn die Erwählten (gemeint sind die Mönche) wahrhaft gerettet werden könnten (1, p.55). An anderer Stelle (3, p.83ff) indessen wird er gnadenreicher und lässt verschiedene Abstufungen des Herrlichkeit zu, wie etwa den von Sonne, Mond und Sternen. In einem anschaulichen Vergleich eines Königs mit einem Mönch unterstellt er (wenig freundlich), dass der König wohl eher nicht gerettet und strenger bestraft werde.. Aber der Wirkmächtigkeit dieser religiösen Leitgedanken setzten persönliche Befindlichkeiten und die allgemeine Weltlage schon bald Grenzen. Vernunfterwägungen mochten ihren Einfluss zurückdrängen und Leidenschaften sie ganz aufheben, die durchschlagendste Wirkung hatten sie indes auf die ungefestigten Gemüter der Frauen und Kinder; verstärkt wurden die Motive noch durch heimliche Reue und zufälliges Missgeschick; und auch weltliche Motive wie Eitelkeit und persönliche Interessen mochten eine Rolle spielen. Die Vermutung war allgemein verbreitet, dass fromme und demütige Mönche, die von der Welt um ihres Seelenheiles willen Abschied genommen hatten, für die geistliche Anleitung der Christen am tüchtigsten waren. Also saß der Eremit, er mochte wollen oder nicht, unter dem Beifall der Menge auf dem Bischofssitz; die Klöster Ägyptens, Galliens und des Westens lieferten regelmäßig Heilige und Bischöfe; und schon bald wurden auch die heimlichen Wege zu Reichtum und Ehrenstellen ausgespäht Thomassin (Discipline de l'Eglise, Band 1, p. 1426-1469) und Mabillon (Euvres Posthumes, Band 2, p. 115-158). Mönche wurden im Laufe der Zeit zum Bestandteil der Kirchenhierarchie..

Populäre Mönche, deren Ansehen mit dem ihres Ordens untrennbar verbunden war, strebten mit Eifer danach, die Zahl ihrer Mitgefangenen zu vermehren. Sie schlichen sich in adlige oder wohlhabende Familien ein; und mit den artigsten Schmeichel- und Verführungskünsten machten sie Proselyten, von denen sie Reichtum und Ansehen für ihr Gewerbe erhoffen durften. Möglich, das ein empörter Vater den Verlust des einzigen Sohnes zu beklagen hatte Dr. Middleton (Works, Band 1, p. 110) verurteilt freimütig die Aufführungen und die Schriften des Chrysostomos, der einer der überzeugungsstärksten und erfolgreichsten Werber für das Mönchstum war.; Eitelkeit vermochte die leichtgläubige Jungfrau, die Gesetze der Natur zu verleugnen; und die wackere Matrone strebte nach höheren Stufen der Vollkommenheit, indem sie die Segnungen des häuslichen Lebens drangab. Paula gab den wirkungsvollen Einflüsterungen der Hieronymus nach Hieronymus' ergebene Matronen nehmen einen nicht unbeträchtlichen Anteil in seinem Werk ein: die Abhandlung, die die »Grabinschrift für Paula« nennt (Epistulae 108, Opera Band 1, p. 169-192)), ist eine detailliert ausgearbeitete Lobrede. Die Einleitung ist auf lächerliche Weise aufgebläht: »Und wären auch alle Teile meines Körpers Zungen und hätten alle meine Glieder der menschlichen Sprache, so vermöchte ich doch nicht...«; und der vorwitzige Titel einer Schwiegermutter Gottes »Socrus dei esse coepisti.« Hieronymus, Band 1, p. 140, ad Eustochium. Rufinus (Apologia in Hieronymum Opera, Band 4, p. 223), Der mit Recht aufgebrachte Rufinus fragt seinen Gegner, bei welchem heidnischen Dichter er sich diese gottlose und abwegige Metapher erschnappt habe. bestimmte die berühmte Witwe, die Jungfräulichkeit ihrer Tochter Eustochium dem Himmel zu widmen. Auf Anraten ihres geistlichen Beistandes und in seiner Begleitung ließ Paula Rom und ihren unmündigen Sohn hinter sich; zog sich in das heilige Dorf Bethlehem zurück; begründete ein Hospital und vier Klöster; und erwarb mit ihren Almosen und Bußübungen eine überragende Rangstufe innerhalb der katholischen Kirche.

Solcherart leuchtende Bußfertigkeit wurde als Zierde und Ruhm der Zeit gefeiert; die Klöster indessen füllten sich mit Massen von obskuren und erbärmlichen Plebejern »Nunc autem veniunt ›plerumque‹ ad hanc professionem servitutis Dei, et ex conditione servili, vel etiam liberati, vel propter hoc a Dominis liberati sive liberandi; et ex vita rusticana, et ex opificum exercitatione, et plebeio labore.« (Jetzt abe kommen nicht eben wenige zu diesem Beruf als Diener Gottes, aus dem Sklavendasein, Freigelassene oder solche, die zu diesem Zweck eigens freigelassen wurden oder sollten; auch Leute vom Lande kommen, Handwerker oder Hilfsarbeiter.) Augustinus de Opere Monachorum 22 bei Thomassin, Discipline de l'Église, Band 3, p. 1094. Der Ägypter, der Arsenius Vorhaltungen macht, räumt allerdings ein, dass man als Mönch ein bequemeres Leben führe als ein Hirte. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 14, p. 679., die in den Abteien bedeutend mehr erreichten, als sie in der Welt verloren hatten. Bauern, Sklaven und Handwerker mochten so aus der Armut und Verachtung zu einer sicheren und ehrbaren Existenz gelangen, deren offenkundige Härten durch Gewohnheit, den Beifall der Öffentlichkeit und die heimliche Lockerung der Disziplin ihren Schrecken verloren Ein Dominikanermönch (Pater Labat, Voyages, Band 1, p.16), der in Cadiz in einem Konvent bei seinen Glaubensbrüdern logierte, bemerkte schon bald, dass ihr Schlummer niemals durch Andachten zur Nachtzeit aufgestört wurde. »quoiqu'on ne laisse pas de sonner pour l'edification du people.« (zumal man sie nicht zur Erbauung des Volkes hören ließ).. Roms Untertanen, die mit ihrem Vermögen und ihrer Person für die ungleichen und erdrückenden Abgaben haften mussten, entzogen sich den kaiserlichen Bedrückungen; und die verzärtelte Jugend zog eine strenge Klosterdisziplin der militärischen allemal vor. Die Provinzbewohner, die vor den Barbaren hatten fliehen müssen, fanden Schutz und Beistand; ganze Legionen gruben sich in den Heiligtümern ein; und das, was dem Einzelnen die Not linderte, lähmte andererseits die Stärke und Schlagkraft des Reiches. Siehe das sehr einsichtige Vorwort von Lukas Holstenius zum Codex Regularum. Die Kaiser versuchten durchaus, private und staatliche Verpflichtungen auszugleichen; aber diese schwachen Schutzwälle wurden von der Flut des Aberglaubens hinweg gerissen; und Justinian überbot sogar noch die heißesten Wünsche der Mönche. Thomassin, Discipline de l'Église, Band 1, p. 1782-1799 und Bingham, Christian antiquities, p. 253.

DIE KLOSTERDISZIPLIN

Der Beruf eines Mönches im Altertum Die Beschaffenheit des Mönchtums zumal Ägyptens um das Jahr 400 werden von vier neugierigen wie auch frommen Reisenden beschrieben: Rufinus (Vitae Patrum, p. 424-536), Posthumianus (Sulpicius, Dialog. 1), Palladius (Historia Lausiaca, in Vitae Patrum, p. 709-863) und Cassianus: die ersten vier Bücher seiner ›Collationes Patrum‹ oder Konferenzen im 7. Band der Bibliotheca maxima patrum. war ein Akt freiwilliger Unterwerfung. Der wankelmütige Fanatiker sah sich der ewigen Rache seines Gottes ausgesetzt, den er verraten hatte; aber für die Reue hatte jedes Kloster eine offene Pforte. Jene Mönche hingegen, deren Gewissen durch Einsicht oder Leidenschaft gefestigt war, hatten die Freiheit, erneut die Rolle von Männern oder Bürgern zu geben; selbst noch die Lebensgefährten Christi durften die Umarmungen eine weltlichen Liebhaberin empfangen as Beispiel des Malchos (Hieronymus, Opera, Band 1, p. 256) und die Pläne eines Cassianus und seine Freundes (Collationes 24,1) sind der unwiderlegbare Beweis für ihre Freiheit; wie es bei Erasmus in seiner Biographie sehr anschaulich beschrieben ist. Siehe Chardon, Histoire des sacramens, Band 4, p. 279-300.. Allerlei Skandale indessen und um sich greifender Aberglauben ließen irgendwann größere Vorsicht geraten erscheinen. Deshalb wurde nach hinreichender Probezeit die Glaubensstärke des Novizen durch einen feierlichen und unverbrüchlichen Eid bekräftigt; und die Gesetze von Kirche und Staat machten seinen Eintritt in das Kloster unwiderruflich. Ein Flüchtling wurde verfolgt, verhaftet und in sein lebenslängliches Gefängnis zurückgebracht; und die Einmischung der Magistrate verringerte die Freiheit und das angebliche Verdienst, die andernfalls die niedere Sklaverei ihres Mönchdaseins erleichtert haben mochten Siehe Justinians Gesetze,Novellae 123, Nr. 42 und die Ludwigs des Frommen (in Historiens de la France, Band 6, p. 427) sowie die heute gültige französische Jurisprudenz, bei Denisart, Décisions, Band 4, p. 855 ff..

Die Tätigkeiten eines Mönches, sein Reden und selbst noch sein Denken wurden durch starre Regeln Der alte ›Codex Regularum‹, den Benedictus Anianinus, der Reformer des Mönchwesens, zu Beginn des neunten Jahrhunderts zusammengetragen und Lucas Holstenius im siebzehnten herausgegeben hat, enthält dreißig verschiedene Regelwerke für Männer und Frauen. Von diesen wurden sieben in Ägypten, eines im Osten, eines in Kappadokien, eines in Italien, vier in Spanien, acht in Gallien und eines in England abgefasst. oder einen launischen Vorgesetzten in rigider Weise eingegrenzt; das geringste Vergehen wurde mit Ungnade oder Gefängnis bestraft, mit zusätzlichen Fasten und blutigem Geißeln; Ungehorsam, Widerworte oder Verspätungen zählten zu den abscheulichsten Vergehen Die Regel des für den Westen so einflussreichen Columbianus setzt einhundert Hiebe für ganz leichte Vergehen fest; in der Zeit vor Karl dem Großen gefielen sich die Äbte darin, ihre Mönche nachgerade zu verstümmeln oder ihnen die Augen auszustechen: welche Strafe allerdings deutlich milder war als das furchtbare vade in pace (das unterirdische Einkerkern oder Begraben), das man später erfand.. Die blinde Unterwerfung unter die Befehel eines Abtes, mochten sie auch noch so idiotisch sein oder sogar kriminell erscheinen, war die erste Regel und die höchste Tugend ägyptischer Mönche; und oft wurde ihre Geduld durch die ausgesuchtesten Prüfungen auf eine harte Probe gestellt. So mussten sie etwa einen gewaltig schweren Felsblock entfernen; einen abgestorbenen Zweig eifrig bewässern, damit er nach drei Jahren wie ein Baum blühe und Frucht trage; einen glühenden Schmelzofen betreten; oder ihr eigenes Kind in einen tiefen Tümpel werfen: und mehrere Heilige oder Irre haben sich durch ihren bedingungs- und furchtlosen Gehorsam Unsterblichkeit in der Geschichte des Mönchtums erworben Sulpicius Severus, Dialog 1,12 und 13; Cassianus, De Institutis 4,26 und 27. »Praecipua ibi virtus et prima est obedientia.« (Vorrangigste und erste unter den Tugenden ist alldort der Gehorsam). Von den ›Verba seniorum‹ (Vitae patrum, Buch 5, p. 617) betrifft das vierzehnte Buch den Gehorsam; und der Jesuit Rosweyde, der diesen umfänglichen Band zum Gebrauch in den Klöstern herausgegeben hat, hat alle verstreuten Passagen in zwei üppigen Indizes versammelt..

Die Freiheit des Geistes, die Voraussetzung für jedes vernunftgemäße Denken, wurde durch die allgemeine Leichtgläubigkeit und die Praxis des blinden Gehorsams außer Kraft gesetzt; und der Mönch, der den Unterwerfungsvertrag unterschrieben hatte, folgte ergeben den Glaubensvorstellungen seines Kirchen-Tyrannen. Der Friede der Ostkirche wurde aufgestört durch einen Schwarm von Fanatikern, die für Furcht, Vernunft oder die Gebote der Menschlichkeit unempfänglich waren; und die kaiserlichen Soldaten erröteten nicht darüber einzugestehen, dass sie es lieber mit den wildesten Barbaren als mit solchen aufnehmen wollten Dr. Jortis (Remarks on ecclesiastical history, Band 4, p. 161) hat den empörenden Einfluss der kappadokischen Mönche bemerkt, welcher sich etwa in der Verbannung des Chrysostomos dokumentierte..

TRACHT DER MÖNCHE LEBENSUMSTÄNDE

Aberglauben hat oftmals den seltsamen Gewandungen der Mönche den äußeren Rahmen und die eigentliche Weihe verliehen Cassianus (De Institutis 1) hat die Tracht der ägyptischen Mönche in schlichter und ausführlicher Weise dargestellt, denen Sozomenos (3,14) eine solche allegorische Bedeutung und Tugendhaftigkeit beigelegt hat.; aber ihre Auffälligkeit entwickelte sich aus einer schlichten Einheitstracht, die infolge des schwankenden Modegeschmacks den Menschen albern vorkam. Der Vater der Benediktiner verwirft ausdrücklich jede Vorstellung von Wahlfreiheit oder Vorzug und mahnt seine Schüler mit nüchternem Kopf dazu, sich der Kleidung zu bedienen, die dem jeweiligen Lande angemessen seien Regula Benedicti, Nr. 55, im Codex regularum, Teil 2, p. 51.. Die Mönchstrachten des Altertums änderten sich je nach Klima und Lebensform; und so bedienten sie sich mit gleich bleibender Gefasstheit der Schafsfelle der ägyptischen Fellachen oder der Talare der griechischen Philosophen. Sie gestatteten sich in Ägypten leinene Umhänge, wo sie wohlfeil und landesüblich waren, und verwarfen sie im Westen als einen teuren, ausländischen Luxus Siehe die Regel des Ferreolus, Bischofs von Uzès (Nr. 31 im Codex regularum, Teil 2, p. 136) und Isidors, Bischofs von Sevilla (Nr. 13, ebd, p. 214).. Es war Brauchtum unter den Mönchen, sich die Haare zu scheren oder zu schneiden; sie hüllten ihr Haupt in eine Kapuze, um weltlicher Dinge nicht ansichtig zu werden; Füße und Beine waren nackt, ausgenommen bei bitterer Winterkälte; und den langsam und zaghaft Schreitenden begleitete ein langer Wanderstab. Der Anblick eines sortenreinen Anachoreten war ein Schrecknis und bot Abscheu; alles, was Menschen widerwärtig war, müsse, so dachte man, Gott wohlgefällig sein; und die Klosterregel von Tabenne verdammte die heilsame Sitte, den Körper zu waschen und zu ölen Für Hände und Füße gewährte man partielle Begünstigung. »Totum autem corpus nemo unguet nisi causa infirmitatis, nec lavabitur aqua nudo corpore, nisi languor perspicuus sit.« (Es salbe niemand den ganzen Körper ein außer im Falle einer Krankheit, noch wasche er sich nackt, außer im Falle einer Erschlaffung). Regula Pachomii 92. Codex regularum, Teil 1, p. 78.. Der asketischen Mönche schliefen auf dem nackten Boden, einer harten Matte oder einer rauen Decke; und dasselbe Bündel aus Palmblättern diente ihnen tagsüber zum Sitzen und nachts als Kopfkissen; ihre Zellen waren ursprünglich enge, niedrige Hütten, gebaut aus dem hinfälligsten Materialien; diese bildeten, in regelmäßiger Ordnung angelegt, ein großes Dorf mit zahlreichen Einwohnern, das eine Kirche mit einbegriff, ein Krankenhaus, am Ende sogar eine Bibliothek, einige unverzichtbare Läden, einen Garten und eine Quelle oder ein Sammelbecken für Wasser. Dreißig oder vierzig Brüder bildeten jeweils eine abgesonderte Gemeinschaft mit eigener Klosterdisziplin und Nahrungsvorschrift; und in den großen Klosteranlagen Ägyptens gab es dreißig bis vierzig solcher Familien.

VERGNÜGEN IST SÜNDE

Vergnügen und Schuld sind in der Sprache der Mönche Synonyme; und aus eigener Erfahrung wussten sie, dass strenge Fasten und karge Kost die besten Schutzmittel gegen die unreinlichen Begierden des Fleisches sind Hieronymus erläutert in ebenso starken wie törichten Worten den hohen Nutzen des Fastens: »Non quod Deus universitatis Creator et Dominus, intestinorum nostrorum rugitu, et inanitate ventris, pulmonisque ardore delectetur, sed quod aliter pudicitia tuta esse non possit.« (Nicht, weil Gott, der Schöpfer und Herr des Alls an dem Murren unserer Eingeweide, der Leere des Magens oder dem Brennen unserer Lunge seine Freude hätte, sondern weil nur so die Keuschheitbewahrt werden kann.) Ad Eustochium, Opera, Bnad 1, p. 137. Siehe Cassianus, Collationes 12 (De castitate) und 22 (De illusionibus nocturis).. Die Enthaltsamkeitsregeln, denen sie sich unterwarfen, waren nun durchaus nicht immer die gleichen und unabänderlich: das liebliche Pfingstfest stand im Kontrast zu der außerordentlich strengen Fastenzeit; auch kühlte sich die Glaubensglut neuer Klostergründung unmerklich; und der schwer kontrollierbare Appetit der Gallier konnte dem leidensfähigen und geduldigen Maßhalten der Ägypter nicht nacheifern »Edacitas in Graecas gula est, in Gallis natura.« (Bei den Griecghen gilt Esslust als Gefräßigkeit, bei den Galliern als naturgegeben.) Dialog 14. Cassianus gibt offen zu, dass die Gallier dem Vorbild der Abstinenz wegen der »aerum temperies (milde Luft)« und der »qualitas nostrae fragilitatis« (der uns eigenen Hinfälligkeit) nicht gewachsen seien. De institutis 4,2. Unter den westlichen Regeln ist von Columba die härteste; er ist in irischer Armut aufgewachsen und ebenso enthaltsam und unbeugsam wie die Ägypter. Die mildeste Regeln stellt Isidor von Sevilla auf: er erlaubt selbst an Feiertagen den Genuss von Fleisch.. Die Schüler des Antonius und Pachomius begnügten sich mit karger Kost »Die, welche sich mit Wasser begnügen und keiner nährenden Flüssigkeit bedürfen, sollten wenigstens ein und ein halbes Pfund Brot (24 Unzen) an jedem Tage erhalten.« (Howard, State of Prisons, p. 40)., zwölf Unzen Brot – oder besser: Zwieback Cassianus, Collationes 2, 19-21 Die kleinen Brotlaibe von sechs Unzen wurden Paximacia genannt (Rosweyde, Vitae patrum, Onomasticon, p. 1045). Pachomius gestand seinen Mönchen indessen gewisse diätetische Freiheiten zu. Allerdings mussten sie umso mehr arbeiten, je mehr sie aßen. Palladios, Historia Lausiaca 38 und 39, in Vitae patrum, Bich 8, p. 736f. – pro Tag, die sie in zwei frugale Portionen, eine für den Nachmittag und eine für den Abend, teilten. Das für das Refektorium vorgesehene gekochte Gemüse zu verschmähen hielt man für eine Tugend, fast schon für eine Schuldigkeit; aber in Anwandlungen von außerordentlicher Großherzigkeit gestattete ihnen der Abt gelegentlich den Luxus von Käse, Früchten, Salat und kleinen gedörrten Nilfischen Siehe das Gastmal, zu dem Cassianus (Collationes 8,1) von dem ägyptischen Abt Serenus eingeladen war.. Im Laufe der Zeit wurden auch größere Mengen von See- oder Nilfisch erlaubt; Fleisch indessen wurde noch sehr lange nur den Kranken oder den wandernden Mönchen zugebilligt; und als sich dieses in den Klöstern Europas mit weniger strenger Observanz allmählich durchsetzte, wurde eine einzigartige Unterscheidung eingeführt; als ob nämlich Vögel, zahm oder wildlebend, weniger weltlich gewesen wären als die starkleibigen Tiere des Feldes. Für die Mönche der ersten Stunde war Wasser das Getränk der reinen Unschuld; und der Gründer des Benediktinerordens bereute die tägliche Ration von einer halben Pinte Wein, die die Maßlosigkeit der Zeit ihm abgenötigt hatte Siehe die Benediktinerregel Nr 39 und 40 (Codex regularum, Teil 2, p. 41): » Licet legamus vinum omnino monachorum non esse, sed quia nostris temporibus id monachis persuaderi non potest.« (Mönche, so lesen wir, sollen Wein überhaupt nicht bekommen, aber gegenwärtig können sie davon nicht überzeugt werden). Er gesteht ihnen deshalb eine römische ›hemina‹ zu, welche Menge (0,273L, ein ›Viertelchen‹) aus Arbunot's Tafelwerk verifiziert werden kann.. Italiens Weinberge mochten für dieses Zugeständnis bequem aufkommen; und so verlangten seine siegreichen Jünger nach dem Überqueren der Alpen, des Rheines oder der Ostsee anstelle von Wein nach einer entsprechenden Menge von Starkbier oder Apfelwein.

KÖRPERLICHE ARBEIT WOHLSTAND

Der Novize, der dem Ideal der evangelischen Armut nacheiferte, musste der Vorstellung, ja sogar dem Wort vom persönlichen und abgesonderten Besitztum abschwören Ausdrücke wie mein Buch, mein Gewand, meine Schuhe (Cassianus, de Institutis 4,13) waren unter den Mönchen im Westen nicht weniger streng verpönt (Codex regularum, Teil 2, p. 174, 235 und 288): die Regel des Columbianus sah sechs Peitschenhiebe dafür vor. Der Verfasser der ironischen Ordres Monastiques, der sich über die pedantische Genauigkeit der modernen Konventikel amüsiert, scheint zu übersehen, dass die antiken von vergleichbarer Sinnlosigkeit waren.. Die Brüder sollten von ihrer Hände Arbeit leben; und die Verpflichtung zur Arbeit wurde ernstlich empfohlen als eine Buße, als eine Übung und als ein überaus löbliches Mittel, den Lebensunterhalt zu gewinnen Zwei bedeutende Kenner der Kirchengeschichte, der Pater Thomassin (Discipline de l'Eglise Band 3. p. 1090-1139) und der Pater Mabillon (Etudes Monastiques, Band 1 p. 116-155) haben über die körperliche Arbeit der Mönche umfangreiche Untersuchungen angestellt, wobei der Erstere in ihr eine Verdienst und der Zweite eine Pflicht gesehen hatte.. Die Gärten und Felder, die die Mönche den Wäldern und Sümpfen abgerungen hatten, wurden von ihnen sorgfältig gepflegt. Ohne Murren übernahmen sie die niederen Arbeiten von Sklaven und Knechten; und die verschiedenen Erwerbungen, die sie im Interesse ihrer Kleidung, Alltagsgegenstände und Unterkünfte tätigen mussten, fanden sämtlich im Weichbild der großen Klöster statt.

Die Studien in den Klöstern haben den Nebel des Aberglaubens zumeist noch verstärkt, anstatt ihn zu zerstreuen. Aber die Neugierde oder der Eifer einiger gelehrter Einzelgänger haben den kirchlichen und sogar den weltlichen Wissenschaften ein Fundament gegeben; und dankbar muss die Nachwelt anerkennen, dass griechische und römischen Literaturdenkmäler durch ihre unermüdlichen Schreibstifte gerettet und vermehrt worden sind Mabillon (Etudes Monastiques, Band 1 p. 47-55) hat viele erstaunliche Tatsachen gesammelt, welche die Mühen seiner Vorgänger im Westen und Osten belegen. In den alten ägyptischen Klöstern wurden Bücher abgeschrieben (Cassianus, Institutiones 4,12), ebenso von den Jüngern des St. Martin (Sulpicius Severus, Vita Martini 7, p. 473. Cassiodor hat seinen Mönchen das Studium in weitem Umfang ermöglicht. Und wir sollten uns nicht erregen, wenn ihre Feder zuweilen von Chrysostomos und Augustinus zu Homer und Vergil wandert.. Der etwas anspruchslosere Fleiß zumal der ägyptischen Mönche begnügte sich mit der Herstellung von Holzsandalen oder aus Palmblättern geflochtenen Matten und Körben, welche Tätigkeit eine gewisse stille Sesshaftigkeit mit sich bringt. Mit den Überschüssen, die nicht dem Eigenbedarf dienten, deckten sie auf dem Tauschwege die Bedürfnisse der Gemeinschaft. Die Boote von Tabenne und anderen Abteien aus Thebais fuhren den Nil bis nach Alexandria hinab; und auf einem von Christen besuchten Markt mochte das heiligmäßige Leben der Hersteller den inneren Wert der Ware erhöhen.

IHRE REICHTÜMER

Aber der Notwendigkeit zu handwerklicher Arbeit wurde man allgemach überhoben. Dem Novizen brachte man es nahe, seinen Besitz dem Heiligen zu überlassen, in dessen Gesellschaft den Rest seines Lebens zu verbringen er sich soeben anschickte; und die bösartige Großzügigkeit der Gesetze gestatteten ihm, inskünftige Erbschaften und Legate zum Besten des Klosters anzunehmen Thomassin (Discipline de l'Eglise Band 3. p. 118, 145f., 171-179) hat die Umgestaltungen des bürgerlichen, kanonischen und allgemeinen Rechtes untersucht. Das Frankreich der Gegenwart bestätigt den (bürgerlichen) Tod, den sich die Mönche selbst auferlegt haben und spricht ihnen folgerichtig jede Erbfähigkeit ab.. Melania stiftete dreihundert Pfund Silbergeschirr und Paula verschuldete sich zu Gunsten ihrer Lieblingsmönche bis über die Ohren; welche im Gegenzug die Wirkung ihrer Gebete und Bußübungen der reichen und großzügigen Sünderin zuteil werden ließen Siehe Hieronymus, Opera 1, p. 176 und 183. Der Mönch Pambo gab der Melania, die den Wert ihrer Stiftung genau spezifiziert wissen wollte, die hehre Antwort: »Ist die Gabe für mich oder Gott bestimmt? Wenn sie für Gott ist, der Berge auf einer Waagschale emporheben kann, kümmert ihn das Gewicht deiner Silberschalen nicht.« Palladios, Historia Lausiaca 10, in Vitae Patrum, 8, p. 715.). Die Zeit verging, und selten nahm der Grundbesitz der Klöster, der sich über die Nachbargebiete und -städte ausdehnte, durch irgendwelche Unglücksfälle Schaden; und für das erste Jahrhundert nach ihrer Stiftung bemerkte der glaubensferne Zosimos einigermaßen bösartig, dass die christlichen Mönche zum Wohle der Armen den Großteil der Menschheit zu Bettlern gemacht hätten Τὸ πολὺ μέρος τῆς γῆς ᾠκειώσαντο, προφάσει τῶν μεταδιδόναι πάντα πτωχοῖς, πάντας (ὡς εἰπεῖν) πτωχοὺς καταστήσαντες. (Der größere Teil des Landes gehört ihnen; unter der Ausflucht, alles den Armen zu geben, machen sie (wie sie sagen) alle zu Bettlern) Zosimos 5,23. Allerdings wurde der Reichtum der orientalischen Mönche von dem der Benediktiner bei weitem übertroffen..

Solange sie jedoch ihre ursprüngliche Gesinnung beibehielten, bewährten sie sich als gläubige und wohltätige Verwalter der ihnen zu frommen Gebrauche anvertrauten Güter. Aber der Wohlstand korrumpierte ihre Seelenverfassung: allmählich wurden sie stolz auf ihren Reichtum und endlich glaubten sie sich auch kostspielige Ausgaben schuldig zu sein. Ihren zur Schau getragenen Luxus mochte man rechtfertigen mit den üppigen Ausstattungs-Gottesdiensten und der achtbaren Notwendigkeit, einer für die Unsterblichkeit bestimmten Gesellschaft eine dauerhafte irdische Wohnstatt zu einzurichten. Gleichwohl hat noch jede Epoche der Kirchengeschichte den verkommenen Mönchen ihre Liederlichkeit vorgeworfen, die ihrer Ursprünge leichfertig vergessen hatten, die die müßigen und sinnlichen Vergnügungen der von ihnen verachteten Welt Die sechste allgemeine Synode (Quinisextum in Trullo, Kanon 47, bei Beveridge, Pandectae ecclesiae graecae Band 1, p. 213) verbietet den Weibern, sich nachts in ein Männerkloster und Männern, in ein Frauenkloster zu schleichen. Die siebente Generalsynode (2. Nikäische, Kanon 20, bei Beveridge Band 1, p. 325) untersagt die Stiftung von Klöstern mit beiderlei Geschlecht; Balsamon lässt allerdings durchblicken, dass das Verbot nicht eben wirkungsmächtig war. Über sitten- und regelwidrige Vergnügungen und Ausgaben des Klerus siehe Thomassin, Discipline, Band 3, p. 1334-1368. genossen und in schamloser Weise die Reichtümer missbrauchten, welche die strenge Tugenden ihrer Begründer eingefahren hatten Ich habe irgendwo das offene Eingeständnis eines Benediktiner-Abtes gelesen oder gehört: »Mein Armutsgelübde bringt mir einhunderttausend Kronen pro Jahr; mein Gehorsamsgelübde hat aus mir einen unumschränkten Alleinherrscher gemacht.« – Die Folgen seines Keuschheitsgelübdes sind mir entfallen.. Die naturnotwendige Flucht vor solcherlei beschwerlichen und heiklen Tugenden zu den allgemein-menschlichen Lastern wird indessen im Geiste eines Philosophen nur wenig zu Kummer oder Empörung Anlass geben.

LEBEN IN BUSSE UND EINSAMKEIT

Das Leben der Mönche war ursprünglich Buße und Einsamkeit, ungestört von den verschiedenen Verpflichtungen, welche die Zeit und die Arbeitskraft normaler sozialer Lebewesen in Anspruch nehmen und aufzehren. Wann immer ihnen Erlaubnis wurde, das Weichbild ihres Klosters zu verlassen, wurden ihnen zwei argwöhnische Begleiter beigegeben, das Tun der jeweils anderen zu überwachen und belauern; und nach ihrer Rückkehr wurden sie dazu verurteilt, alles, was sie etwa von der Welt gesehen haben mochten, zu vergessen oder doch wenigstens zu verdrängen. Fremde, die den orthodoxen Glauben bekannten, wurden gastfreundlich, aber eben doch in einem abgesonderten Gebäude beherbergt; und das risikoreiche Gespräch mit ihnen wurde nur einigen älteren Brüdern von bewährter Diskretion und Glaubensstärke zugestanden. Und nur in deren Gegenwart durfte der niedere Klosterangehörige Besuch seiner Freunde oder Verwandten empfangen; und galt als besonders verdienstlich, wenn er seiner zartfühlenden Schwester oder seinen bejahrten Eltern keinen Blick und kein Wort gönnte Pior, ein ägyptische Mönch, verstatte seiner Schwester, ihn – immerhin – zu besuchen: aber während ihres ganzen Besuches hielt er die Augen geschlossen. Vitae patrum, Buch 3, p. 504. Es gibt viele solcher Beispiele..

Die Mönch lebten ihr Leben ohne persönliche Bindung in einer Menge dahin, welche ihre Entstehung dem Zufall dankte und die in diesem Gefängnis durch Gewalt oder Vorurteile zusammengehalten wurde. Bei vereinsamten Eiferern ist die soziale Kompetenz nur schwach ausgebildet; eine Sondererlaubnis ihres Abtes legte Zeitpunk und Dauer ihrer Familienbesuche fest; und bei ihren gemeinschaftlichen schweigsamen Mahlzeiten blieben sie in ihre Kapuzen gehüllt, unzugänglich und für die anderen so gut wie unsichtbar Der 7., 8., 29., 30., 31., 34., 57., 60., 86. und 95. Artikel aus der Regel des Pachomius enthält nachgerade unerträgliche Schweige- und Selbsterniedrigungs gesetze.. Geistige Arbeit ist der Nährboden für Einsamkeit; die Handwerker und Bauern jedoch, die die Mönchsgemeinschaften bevölkerten, waren nach Erziehung oder Neigung für das Studium der freien Künste ungeeignet. Sie konnten gewiss arbeiten; aber das eitle Streben nach geistiger Vollkommenheit hatte die Verachtung körperlicher Anstrengung zur Folge, und Arbeit wird monoton und ermüdend, wenn hinter ihr keinerlei persönliche Anteilnahme steht.

HINGABE UND VISIONEN

Den Vorgaben ihres Glaubens und Eifers folgend, verbrachten die Mönche den Tag über in ihren Zellen im stummen oder gesprochenen Gebet; am Abend versammelten sie sich und des Nachts wurden sie geweckt, um anzubeten. Der genaue Zeitpunkt wurde durch die Sterne vorgegeben, welche unter Ägyptens strengem Himmel nur selten hinter Wolken verborgen sind; und ein Horn oder eine Trompete von grobem Klang unterbrachen zweimal in der Nacht das große Schweigen der Wüste Die Tages- und Nachtgebete der Mönche werden in Cassians dritten und vierten Buch seiner ›De institutis coenobiorum‹ ausführlich diskutiert; und besonderen Vorzug gibt er der Liturgie, welche ein Engel dem Kloster von Tabennisi diktiert hatte.. Selbst der Schlaf, die letzte Zuflucht aller Glückverlassenen, wurde nur in Maßen zugeteilt; ohne Inhalt schlichen die leeren Stunden des Mönchs gemachsam dahin; und noch vor Tagesende hatte er mehrfach den schleppenden Lauf der Sonne bejammert Cassianus hatte aus eigener Wissenschaft die acedia oder Lustlosigkeit von Körper und Geist beschrieben, der der Mönch für gewöhnlich ausgesetzt war, wenn er sich danach sehnte, für sich allein zu sein. »Saepiusque egreditur et ingreditur cellam, et Solem velut ad occasum tardius properantem crebrius intuetur.« (Oftmals ging er in seine Zelle hinein und wieder hinaus, und wie die Sonne beim Untergang langsamer vorangeht, so schaute er häufiger dorthin.) De institutis 10,1..

In solch freudloser Situation setzte der Aberglauben seinen von Gott verlassenen Anhängern besonders nachdrücklich zu Die Versuchungen und die Qualen des Stagirius erzählt dieser unglückliche Jüngling seinem Freunde St. Chrysostomos. Siehe Middleton, Works, Bnad 1, p. 107-110. Etwas Vergleichbares findet sich bei jedem Heiligen am Anfang seiner Lebensbeschreibung; und hier mag der berühmte Inigo oder Ignatius, der Gründer des Jesuitenordens, als besonders einprägsames Beispiel dienen. Bouhours, Vie d'Inigo de Guipozcoa 1, p. 29-38.. Die Ruhe, die sie im Kloster gesucht hatten, wurde gestört durch späte Reue, irdische Zweifel oder sündhaftes Begehren; und während sie jede noch so naturgemäße Regung als unverzeihliche Sünde ansahen, dünkten sie sich beständig am Rande eines alles verschlingenden lodernden Abgrundes.

Aus diesen krankhaften, verzweiflungsvollen Kämpfen wurden die bedauernswerten Opfer zuweilen durch Wahnsinn oder Tod erlöst; und im sechsten Jahrhundert wurde zu Jerusalem ein Hospital für jene strengen Büßer eröffnet, die ihrer Sinne vollständig verlustig gegangen waren Fleury, Histoire ecclésiastique, Band 7, p. 46. Ich habe irgendwo in den Vitae Patrum gelesen, kann die Stelle aber nicht wieder finden, dass einige, ich meine sogar: viele Mönche, die ihre Verfehlungen nicht dem Abt enthüllt hatten, Selbstmord begangen hatten.. Ihre Visionen hatten, bevor sie an diese äußerste und anerkannt dem Wahnsinn benachbarte Grenze geraten waren, sich ausführlich im Übernatürlichen bewegt. Es war ihre unerschütterte Überzeugung, dass die Luft, die sie atmeten, von unsichtbaren Feinden bevölkert sei; mit ungezählten Dämonen, die jede Gelegenheit abpassten und auf alle Kniffe sannen, ihre, der Mönche ungeschützte Tugend zu erschrecken und, schlimmer noch, zu versuchen. Vorstellungskraft und Sinne wurden durch solche Trugbilder eines krankhaften Fanatismus getäuscht. Und der Einsiedler, dessen mitternächtliche Gebete durch unfreiwilligen Schlummer unterbrochen wurden, mochte wirklich durch die Schreckens- und Lustgestalten verwirrt werden, die seine Wachträume und seinen Schlaf begleitet hatten Siehe hierzu die 7. und 11. Collation von Cassianus, welcher eingehend untersucht, warum es seit den Zeiten des heiligen Antonius weniger zahlreiche und weniger aktive Dämonen gebe; Rosweydes ausführlicher Index zu den Vitae Patrum liefert eine Fülle von höllischen Szenen. Besonders entsetzlich waren die Teufel in weiblicher Gestalt..

COENOBITEN ANACHORETEN

Die Mönche wurden in zweierlei Klassen unterteilt: Die Coenobiten, die unter gemeinsamer Regel und Disziplin lebten; und die Anachoreten, welche sich einen gemeinschaftsfernen, individuellen Fanatismus schuldig zu ein glaubten Zur besseren Unterscheidung von ›Koinibiten‹ und ›Eremiten‹ namentlich in Ägypten siehe Hieonymus (Ad Rusticum, Opera Band 1, p. 45), den 1. Dialog des Sulpicius Severus, Rufinus (22, in Vitae Patrum, Buch 2, p. 478), Palladios (7,69 in Vitae Patrum p. 712 und 758) und vor allem die Collationes 18 und 19 des Cassianus. Diese Autoren decken bei ihrer Vergleichung des gemeinsamen und einsamen Mönchslebens Missbrauch und Gefährdung des letzteren auf.. Die hingebungsvollsten, ehrgeizigsten dieser geistlichen Brüder verschmähten die Gemeinschaft, so wie sie auch die Welt verschmähten. In ihrer Blüte waren die Klöster Ägyptens, Palästinas und Syriens von einer Laura Suicerus, Thesaurus ecclesiasticus, Band 2, p. 205 und 218. Thomassin (Discipline de l'Eglise, Band 1, p. 1501f.) gibt von diesen Zellen eine anschauliche Darstellung. Als Gerasimus sein Kloster in der Wildnis am Jordan gründete, entstand anschließend eine Laura von siebzig Zellen. umgeben, Zellen, die in einiger Entfernung kreisförmig angelegt waren; und die Einsiedler konnten sich mit ihren verschärften Bußübungen des Beifalles und der Nachahmung sicher sein Theodoret hat in einem seitenstarken Band (Philothetos Historia, in Vitaepatrum, Buch 9, p. 793-863) Leben und wunderbare Bewandtnisse der Anachoreten aufgezeichnet. Evagrius (1,12) rühmt in gebotener Kürze die Mönche und Einsiedler von Palästina.. So sanken sie unter dem Gewicht von Kreuzen und Ketten zusammen; und ihre ausgezehrten Gliedmaßen wurden eingehüllt von Halseisen sowie Armbändern, Panzerhandschuhen und Fußpanzern aus massivem Eisen. Alles, was an überflüssig war an Kleidung, hatten sie verachtungsvoll abgeworfen; es gab sogar Heilige beiderlei Geschlechts von verwildertem Habit zu bestaunen, deren nackte Körper einzig durch langen Haare bedeckt wurden.

Ihr Ziel war es, sich bis zu dem Zustand zu erniedrigen und zu verringern, in welchem der Mensch kaum noch von den ihm nahe stehenden Tieren zu unterscheiden ist; und nicht wenige Anachoreten machten sich einen Namen dadurch, dass sie auf den Weiden Mesopotamiens zusammen mit dem gewöhnlichen Vieh auf der Weide grasten Sozomenos 6,33. Der große St.Ephrem hat diesen ß?óêïé oder grasenden Mönchen ein Loblied gewidmet. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 292.. Oft beschlagnahmten sie auch die Wohnhöhlen wilder Tiere, denen sie auf diese Weise ähnlich werden wollten; oder sie verbargen sich in dämmerigen Höhlen, welche die Natur oder Menschenkraft in Felsen geschlagen hatten; und die Marmorsteinbrüche von Thebais tragen noch heute die schriftlichen Spuren ihrer Bußtätigkeit Staunend und ehrfurchtsvoll hat Pater Sicard (Missions de Levant, Band 2, p. 217-233) die Höhlen der unteren Thebais untersucht. Die Inschriften sind in altsyrischen Schriftzeichen verfasst, welche bei den Christen Abessiniens in Gebrauch waren.. Die erfahrensten Einsiedler sollen viele Tage ohne Essen, viele Nächte ohne Schlaf und viele Jahre ohne eine Lautäußerung zugebracht haben; den größten Ruhm indessen erwarb sich der Mann (man sehe mir die missbräuchliche Verwendung des Namens in diesem Zusammenhang nach), der sich eine Hütte oder Sitzgelegenheit ersann, welche so konstruiert war, dass sie ihn in möglichst unbequemer Stellung allen Widrigkeiten des Klimas aussetzte.

DIE SÄULENHEILIGEN – SIMEON STYLITES 395 - 451

Unter diesen Helden des Mönchslebens haben der Name und der Genius des Säulenheiligen Simeon Stylites Siehe Theodoretos (Vitae Patrum, 9, p. 848-854), Antonius (Vitae Patrum, 1, p. 170-177), Cosmas (Assemani, Biblioteca Orientalalis, Band 1, p. 239-253), Evagrius (1,13 und 14) und Theodoret (in Vit. Patrum, l. ix. p. 848-854), Antony (in Vit. Patrum, 1. i. p. 170-177), Cosmas (in Asseman. Bibliot. Oriental. tom. i. p. 239-253), Evagrius (1. i. c. 13, 14) und Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 15, p. 347-392. durch die einzigartige Erfindung einer luftigen Bußübung Unsterblichkeit errungen. Im Alter von dreizehn Jahren gab der junge Syrer den Beruf eines Ziegenhirten auf und begab sich in die Obhut eines Klosters von strenger Observanz. Nach langer und schmerzensreicher Probezeit, in welcher Simeon mehr als nur einmal von frommer Selbsttötung abgehalten werden musste, bezog er seinen Wohnsitz dreißig oder vierzig Meilen östlich von Antiochia auf einem Berge. In der Mitte eines Mandra oder Steinkreises, in welchem er sich durch eine schwere Kette festmachte, kletterte er auf eine Säule, welche nach und nach von neun auf sechzig Fuß über den Erdboden emporragte Der knappe Umfang von nur drei Fuß, welche Evagrius für die Spitze der Säule angibt, passt weder mit sachlichen Erwägungen zusammen, noch mit den Tatsachen und schon gar nicht mit den Regeln der Baustatik. Das Volk, das ihn nur von unten zu sehen bekam, mochte hier wohl leicht einer Täuschung unterliegen.. Auf dieser seiner letzten, luftigen Station verblieb der syrische Anachoret dreißig heiße Sommer und ebenso viele kalte Winter. Gewohnheit und Übung vermochten ihn, in seiner heiklen Lage ohne Furcht und Schwindel auszuhalten und nacheinander in den unterschiedlichen Stellungen anzubeten. Zuweilen betete er mit ausgestreckten Armen, so dass er wie ein Kreuz aussah; aber seine liebste Übung bestand darin, sein abgemagertes Knochengerüst vom Kopf bis zu den Füßen hinab zu biegen; und ein neugieriger Zuschauer gab nach zwölfhundertundvierundvierzig Wiederholungen endlich das Zählen auf. Ein fortschreitendes Geschwür an seinem Oberschenkel Ich darf an dieser Stelle nicht ein antikes Skandälchen verhehlen, da es die Herkunft von diesem Geschwür betrifft. Es wird berichtete, dass der Teufel, diesmal in der Gestalt eines Engels, ihn aufgefordert habe, wie einst Elia ein feuriges Gefährt zu besteigen. Allzu schnell hob der Heilige seinen Fuß, und der Satan nutzte den Augenblick, ihn für seine Eitelkeit büßen zu lassen. mochte sein himmlisches Leben vielleicht abkürzen, konnte es aber durchaus nicht stören; und der leidensfähige Eremit starb, und er war von seiner Säule nicht herabgestiegen.

Einen Herrscher, der aus einer Laune heraus solche Foltern anzuordnen sich einfallen ließe, würde jeder einen Despoten nennen; aber es läge außerhalb der Möglichkeiten jedes Tyrannen, den widerstrebenden Opfern seiner Grausamkeit solche ausdauernden und elenden Verpflichtungen aufzuzwingen. Dieses freiwillige Martyrium muss allmählich jede körperliche und geistige Empfindung abgetötet haben; und die Annahme ist verfehlt, dass Fanatiker, die sich selbst quälen, für den Rest der Menschheit irgendwelche lebendige Zuneigung empfinden. Eine gefühlsrohe Gemütslage hat Mönche aller Zeiten und Weltgegenden ausgezeichnet: ihre starre Gleichgültigkeit, die durch persönliche Freundschaft nur selten gemildert wird, nährt sich von religiös bedingtem Hass; und ihren gnadenlosen Fanatismus haben sie schließlich in den Dienst der Heiligen Inquisition gestellt.

WUNDERTATEN UND VEREHRUNG DER MÖNCHE

Die Klosterheiligen, die einem philosophischen Gemüt eigentlich nur Verachtung und Mitleiden verursachen, wurden vom Volk und den Herrschern respektiert, ja angebetet. In Massen erteilten Pilger aus Gallien und Italien der himmlischen Säule des Simeon ihre Reverenz; die Stämme der Sarazenen bekriegten sich nachgerade um seinen Segen; die Königinnen Arabiens und Persiens schrieben ihm übernatürliche Tugenden zu; und in hochwichtigen Staats- und Kirchenangelegenheiten erholte sich Theodosius in jüngeren Jahren Rats bei dem göttlichen Einsiedler. Was von ihm sterblich war, wurde in feierlicher Prozession vom Berge Telenissa fortgetragen; hierzu fanden sich ein der Patriarch, der Heermeister des Ostens, sechs Bischöfe, einundzwanzig comes und sechstausend Soldaten; und Antiochia verehrte seine Gebeine als glorreiche Zierde und unüberwindliche Wehr der Stadt. Selbst der Ruhm der Apostel und Märtyrer wurde von diesen neuerlichen volkstümlichen Anachoreten in den Schatten gestellt; die Christenheit fiel vor ihren Gräbern anbetend in den Staub; und die ihren Gebeinen zugeschriebenen Wunder übertrafen möglicherweise noch an Zahl und Wirkung die geistlichen Heldentaten ihres irdischen Lebens.

Aber die goldenen Lebens-Legenden Ich weiß nicht recht, nach welchen Gesichtspunkten ich die ungezählten Wunder aus den Vitae Patrum von Rosweyde auswählen oder ordnen soll, da ihre Zahl die tausend Seiten des Werkes noch deutlich übertrifft. Ein lesenswertes Stück findet sich in den Dialogen des Sulpicius Severus und seiner Lebensbeschreibung von St. Martin. Er verehrt die Mönche Ägyptens; aber er kränkt sie mit der Bemerkung, dass sie niemanden von Tode auferweckt hätten; während doch der Bischof von Tours, Martin, drei Toten das Leben wiedergegeben habe. wurden durch die berechnete Leichtgläubigkeit ihrer Glaubensbrüder noch weiter ausgeschmückt; und ein argloses Zeitalter war leicht davon zu überzeugen, dass noch die geringste Laune eines ägyptischen oder syrischen Mönches die ewigen Naturgesetze außer Kraft setzen könne. Die Günstlinge des Himmels konnten gewohnheitsmäßig unheilbare Krankheiten durch bloßes Berühren, durch ein Wort oder eine ferne Botschaft heilen; und noch die bösartigsten Dämonen zum Verlassen der von ihnen besetzten Körper oder Seelen bestimmen. Mit den Löwen und Schlangen der Wüste hatten sie vertrauten Umgang oder befehligten sie wohl auch; ein abgestorbener Baumstamm schmückte sich auf ihre Veranlassung mit frischem Grün; Eisen schwamm auf der Wasseroberfläche; auf dem Rücken eines Krokodils überquerten sie den Nil, und sie selbst erfrischten sich inmitten eines glühenden Schmelzofens.

Diese ausschweifenden Fabeln, die den Erfindungsreichtum eines Dichters ohne dessen Geist offenbaren, haben den Verstandeskräften, dem Glauben und der Moral der Christen ernsthaft zugesetzt. Ihre Leichtgläubigkeit hat ihre Verstandeskräfte verderbt und auf Abwege geführt; und Aberglauben hat das ihm widrige Licht der Philosophie und Wissenschaft verdrängt. Jedwede Art von Ritual, das diese Heiligen praktiziert hatten, jede geheimnisvolle Doktrin, an die sie glaubten, war durch göttliche Offenbarung geheiligt, und alle männlichen Tugenden gingen durch das unterwürfige Regiment der Mönche zuschanden. Wäre es möglich, den Abstand zwischen Ciceros philosophischen Schriften und Theodorets Heiligenlegenden zu bemessen, zwischen dem Charakter eines Cato und dem eines Simeon, dann könnten wir die Umwälzungen ermessen, die sich im Römischen Reich innerhalb von fünf Jahrhunderten ereignet hatten.

II. BEKEHRUNG DER BARBAREN

Die Ausbreitung des Christentums ist durch zwei berühmte und entscheidende Erfolge manifestiert: den über die gebildeten und prachtliebenden Bürger Roms und den über die kriegerischen Barbaren Skythiens und Germaniens, welche das Reich der Römer unterworfen und ihre Religion angenommen hatten. Die Goten waren die ersten dieser barbarischen Proselyten; und zu danken hatte dieses Volk seine Bekehrung einem Landsmann oder besser: einem Untertanen, der es verdient hat, unter die Erfinder der nützlichen Künste gerechnet zu werden und der des ehrenvollsten Gedächtnisses der Nachwelt sicher sein darf. Die Goten hatten auf ihren Raubzügen in Kleinasien in der Zeit des Kaisers Gallienus viele römische Provinzialen entführt; viele dieser Gefangenen waren christlichen Bekenntnisses und gehörten zum eigentlichen Klerus. Diese Missionare wider Willen arbeiteten von nun an, verteilt auf die Dörfer Dakiens, mit viel Erfolg an der Seelenrettung ihrer Herren. Der Samen, den sie gesät hatten, die evangelische Lehre, breitete sich allmählich aus; und schon vor dem Ende des Jahrhunderts war durch Wulfilas Wirken – seine Vorfahren waren aus einem kleinen Dorf in Kappadokien an die Donau gekommen - das fromme Werk vollendet.

WULFILA, DER APOSTEL DER GOTEN – 360

Wulfila, der Bischof und Apostel der Goten Über Wulfila und die Bekehrung der Goten sehe man: Sozomenos, 6,37; Sokrates, 4,33; Theodoretos, 4,37; Philostorgios 2,5. Die Häresie des Philostorgios scheint ihm besseren Quellenzugang ermöglicht zu haben., erwarb sich die Zuneigung und Verehrung dieses Volkes durch seine untadelige Lebensführung und seinen unermüdlichen Eifer; und mit unbedingtem Vertrauen nahmen sie die Wahrheits- und Tugendlehren an, die er ihnen predigte und vorlebte. Er unterzog sich der mühevollen Aufgabe, die Schriften in ihre Muttersprache, einen germanischen Dialekt, zu übersetzen; aber klugbedacht ließ er die vier Bücher der Könige aus, da sie die grimmige und blutdurstige Gemütsverfassung der Barbaren aufzureizen geeignet schienen. Das rohe und unfertige Soldaten- und Hirtenidiom, zum Transport von Jenseitsvorstellung so ganz und gar ungeeignet, gewann durch sein Genie an Geschmeidigkeit und Ausdruckskraft; aber bevor Wulfila seine Fassung niederlegen konnte, musste er zunächst ein Alphabet aus vierundzwanzig Buchstaben entwerfen; vier davon waren seine Neuerfindung, mit denen er besondere Laute ausdrückte, für die es im Lateinischen und Griechischen keine Entsprechungen gab Eine beschädigte Abschrift der vier Evangelien in gotischer Sprache wurde 1665 herausgeben und gilt als das älteste Dokument des Germanischen, obschon Wetstein durch ein paar frivole Konjekturen Wulfila den Ruhm streitig machen möchte. Zwei der neuerfundenen Buchstaben stehen für das W und unser (englisches) th. Siehe Simon Histoire Critique du Nouveau Testament, Band 2, p. 219-223. Mill, Prolegomena, p. 151 und Wetstein, Prolegomena, Band 1, p. 114..

Aber nicht lange blühte die gotische Kirche; Krieg und Zwietracht im Inneren und die religiösen und persönlichen Interessen der Stammeshäuptlinge trugen zu ihrer Schwächung bei. Fritigern, ein Römerfreund, wurde Wulfilas Anhänger; während der stolze Athanerich das römische Joch ebenso verschmähte wie das der Evangelien. Eine erste Probe für die Glaubensfestigkeit der Neubekehrten waren die von ihm veranlassten Verfolgungen. Ein Wagen, der das formlose Ebenbild Thors oder vielleicht auch Wotans trug, wurde in feierlichem Zug durch die Straßen des Lagers gezogen; und die Abtrünnigen, die sich weigerten, den Gott ihrer Väter anzubeten, wurden auf der Stelle mitsamt ihren Familien in ihren Zelten verbrannt.

Wulfilas Persönlichkeit empfahl sich dem Hof von Konstantinopel, wo er zweimal in Friedensmissionen vorstellig wurde; er nahm sich der Sache der bedrängten Goten an und bat Valens um Schutz; und selbst der Name Moses fiel im Zusammenhang mit ihm, da er sein Volk über die Tiefen der Donau in ein gelobtes Land geführt habe Philostorgios verlegt diese Flussüberquerung irrtümlich in die Zeit des Konstantin; ich neige indessen der Auffassung zu, dass sie der großen Wanderung voranging.. Das anhängliche Hirtenvolk, das ihm zugetan war und auf ihn hörte, blieb in seinem Siedlungsgebiet am Fuße der Mäsischen Berge, in einem Lande voller Wälder und Weiden, die ihren Herden genug Nahrung gab und ihnen darüber hinaus ermöglichte, Getreide und Wein aus anderen Provinzen dazu zu kaufen. So lebten diese harmlosen Barbaren in stiller Zurückgezogenheit und christlichem Glauben Wir sind Jordanes für eine kurze und bildstarke Beschreibung dieser Goten verpflichtet (Getica 51): »Gothi minores, populus immensus, cum suo Pontifice ipsoque primate Wulfila.« (Die ›Kleingoten‹, ein gewaltiges Volk, mit ihrem Pontifex und eigenem Herren Wulfila). Wenn die letzten Worte nicht eine reine Tautologie sind, beinhalten sie auch eine zeitweilige Jurisdiktion..

GOTEN UND VANDALEN WERDEN CHRISTLICH – A.D. 400

Ihre streitlustigen Brüder, die furchtbaren Westgoten, nahmen geschlossen den Glauben der Römer an, mit denen sie sich im beständigen kriegerischen wie freundschaftlichen Austausch befanden. Auf ihrem langen und siegreichen Marsch von der Donau bis zum Atlantik bekehrten sie ihre Verbündeten; auch belehrten sie die nachwachsende Generation in diesem Sinne; und die religiöse Richtung im Lager des Alarich oder am Hof in Toulouse hat dann wohl auch die Paläste zu Rom oder Konstantinopel erfreut oder geärgert »At non ita Gothi non ita Vandali; malis licet doctoribus instituti, meliores tamen etiam in hac parte quam nostri.« (Nicht so die Goten, nicht so die Vandalen; wenn auch von schlechteren Lehrern unterwiesen, sind sie dennoch hierin besser als wir.) Salvianus, de gubernatione Dei 7,9.. Es nahmen zu dieser Zeit fast alle die Barbarenstämme das Christentum an, welche auf den Trümmern des weströmischen Imperiums ihre Reiche errichteten; die Burgunder in Gallien, die Sueben in Spanien, die Vandalen in Afrika, die Ostgoten in Pannonien sowie die diversen Miettruppen, die Odoaker in Italien auf den Thron erhoben hatten. Lediglich die Franken und Sachsen verblieben zunächst halsstarrig im heidnischen Glauben; aber die Herrschaft über Gallien errangen die Franken erst, als sie dem Beispiel des Clovis folgten, und die sächsischen Eroberer Britanniens wurden durch römische Missionare von ihrem grausamen Aberglauben bekehrt. Danach legten diese Proselyten einen ebenso unkontrollierbaren wie erfolgreichen Bekehrungseifer an den Tag. Die Merowingischen Könige und ihre Nachfolger, Karl der Große und die Ottonen, erweiterten durch Gewalt und Gesetze die Herrschaft des Kreuzes. Aus England selbst stammte der Apostel der Germanen; und so verbreite sich das Licht des Evangeliums Licht allgemach vom Rheinland zu den Völkern an der Elbe, der Weichsel und der Ostsee Mosheim hat die Ausbreitung des christlichen Glaubens im Norden für das vierte bis zum vierzehnten Jahrhundert sorgfältig nachgezeichnet. Der Gegenstand bietet Stoff genug für eine Kirchen- und selbst noch eine Philosophiegeschichte..

GRÜNDE FÜR IHREN GLAUBENSENTSCHEIDUNG

Es ist nicht ohne weiteres auszumachen, welche Verstandes- oder emotionalen Gründe die Bekehrung der Barbaren bewirkten. Sie waren oftmals launenhaft und unüberlegt; ein Traum, ein Zeichen, die Nachricht von einem Wunder, das Vorbild eines Priesters oder Helden, der Zauber, der von einem gläubigen Weib ausging und vor allem: der glückhafte Ausgang einer gefährlichen Lage, in welcher man sich mit einem Gebet oder Gelübde an den Christengott gewandt hatte Einer solchen Ursache hatte Sokrates (7,30) die Bekehrung der Burgunden zugeschrieben, deren christliche Frömmigkeit Orosius rühmt (7,19).. Frühe erziehungsbedingte Vorurteile hielten dem täglichen, vertrauten Umgang nicht stand; die moralischen Vorschriften der Evangelien waren bei den Mönchen wohl aufgehoben; und das jenseitsbezogene Element der Theologie fand seine Stütze in der sichtbaren Macht der Reliquien und im Pomp der Gottesdienste. Aber die kalkulierte und ingeniöse Überzeugungsarbeit, die ein Bischof aus Sachsen Vergleiche hierzu den lesenswerten Brief von Daniel, dem ersten Bischof von Winchester (Beda, Historiae ecclesiasticae Anglorum 5,18) an den heiligen Bonifatius, der das Evangelium unter den Wilden aus Hessen und Thüringen predigte. Epistulae Bonifatii 67, in der Bibliotheca maxima patrum, Band 13, p. 93. einem damals volkstümlichen Heiligen anempfahl, wurde wohl zuweilen auch von den Missionaren geleistet, welche sich an der Bekehrung der Ungläubigen abarbeiteten.

»Gönne ihnen doch alles,« so der scharfsinnige Gottesmann, »was ihnen an fabulösen, fleischlichen oder genealogischen Aspekten ihrer Götter und Göttinnen am Herzen liegt, welche alle voneinander abstammen. Von diesem Ausgangspunkt kommst du dann auf ihre unvollkommene Natur und menschlichen Unzulänglichkeiten, mache ihnen klar, dass sie (die Gottheiten) geboren wurden und demnach wohl auch irgendwann sterben müssen. Wann, auf welche Weise, aus welcher Ursache sind sie denn entstanden, ihre ältesten Götter und Göttinnen? Leben sie fort oder haben sie aufgehört zu sein und sich fortzupflanzen? Wenn ja, dann lasse deine Widersacher antreten und dir den Grund für diese befremdliche Neuerung erklären. Wenn sie indessen damit fortfahren, dann muss die Zahl der Götter ja mittlerweile gegen Unendlich gewachsen sein; und riskieren wir nicht, wenn wir eine nachgeordnete Gottheit anbeten, den Zorn einer eifersüchtigen, mächtigeren? Der sichtbare Himmel und die Erde, das ganze All, soweit wir es überhaupt erfassen können, ist es nun erschaffen oder ewig? Wenn es erschaffen war: wie oder wo könnten die Götter vor die Schöpfung existiert haben? Wenn es ewig war: wie soll man sich dann eine davon unabhängige, bereits existierende Welt vorstellen? Trage dies alles bedachtsam und bescheiden vor; lass dann zu gegebener Zeit und in wohlberechneten Abständen die Wahrheit der christlichen Erlösungslehre durchblicken; und unternimm es, die Ungläubigen zu beschämen, ohne sie zu erbittern.«

Der metaphysische Gehalt, der für das Verständnis der barbarischen Germanen möglicherweise zu subtil war, fand gleichwohl handfeste Stützen in obrigkeitlicher Autorität und allgemeiner Akzeptanz. Die Aussicht auf irdische Vorteile hatte die Reihen der Heiden gelichtet und der christlichen Sache neuen Anhang zugeführt. Die Römer selbst, von allen Völkern jener Zeit mächtig und aufgeklärt wie keine zweite, hatten dem Aberglauben ihrer Vorfahren abgeschworen; und wenn der Niedergang ihres Reiches die Wirkmächtigkeit des neuen Glaubens verdächtig machte, so war dieses Ärgernis durch die Bekehrung der siegreichen Goten fast schon wieder aufgehoben. Die tapferen und glücklichen Barbaren, die sich den Westen unterworfen hatten, nahmen sich hier ein erbauliches Vorbild. Vor der Zeit Karls des Großen konnten sich die christlichen Nationen Europas daran genug tun, dass ausschließlich ihnen jene fruchtbaren und milden Landstriche gehörten, welche Getreide, Wein und Öl hervorbrachten, während die unbekehrten Götzenanbeter und ihre hilflosen Götzen bis an die Randbezirke der Welt abgedrängt waren, zu den Ländern aus Eis und Finsternis im Norden Das Schwert Karls des Großen gab diesen Argumenten ferneres Gewicht; als jedoch Daniel diesen Brief schrieb (A.D. 723), hätten die Mohammedaner, die von Indien bis Spanien herrschten, dasselbe gegen die Christen vorbringen können..

DIE FOLGEN IHRER BEKEHRUNG

Das Christentum, das den Barbaren die Pforten des Himmels öffnete, hatte auch auf ihre moralischen und politischen Verhältnisse einen nachhaltigen Einfluss. Sie lernten den Gebrauch der Schrift, was für eine Religion, deren Lehren in heiligen Büchern enthalten sind, eine nachgerade unverzichtbare Voraussetzung ist, und zu gleichen Zeit, da sie die göttlichen Wahrheiten studierten, begannen sie unmerklich, Geschichte, Natur, Kunst und Gesellschaft mit anderen Augen zu sehen. Durch die Übertragungen der Schriften in ihre heimische Mundart, was ihre Bekehrung noch zusätzlich beschleunigte, wurde unter ihrer Priesterschaft das Interesse an den Originaltexten erweckt, um die heilige Liturgie der Kirche begreifen und in den Schriften der Kirchenväter die kirchliche Tradition verfolgen zu können. Diese geistlichen Geschenke waren nur in der lateinischen und griechischen Sprache aufbewahrt, die damit zugleich den Zugang zu den unschätzbaren Dokumenten der antiken Gelehrsamkeit eröffneten. Die den christianisierten Barbaren zugänglichen unsterblichen Schriften Vergils, Ciceros und Livius' vermittelten so eine stillschweigende Gemeinschaft zwischen der Zeit des Augustus und Karls des Großen.

Die Erinnerung an eine bessere Vergangenheit stiftete unter der Menschheit einen stillschweigenden Wettbewerb zwischen den Zeiten; und das Feuer der Wissenschaft brannte fort, die alternde westliche Welt zu wärmen und zu erleuchten. In dem verkommensten Staat der ganzen Christenheit konnten die Barbaren aus den Gesetzen Gerechtigkeit und aus den Evangelien Gnade erlernen; und reichte ihr Pflichtbewusstsein nicht hin, sie bei ihrem Handeln anzuleiten oder ihren Leidenschaften zu gebieten, so hielt sie wenigstens ihr geändertes Bewusstsein zurück, und häufig packte sie wohl auch Reue.

Aber noch wirkungsvoller als die direkte Einflussnahme der Religion war die fromme Gemeinschaft, die sie mit ihren christlichen Mitbrüdern in spiritueller Freundschaft verband. Die Einwirkung dieser Gefühle festigte ihre Diensttreue und ihre Anhänglichkeit zu Rom, milderte die Schrecken des Krieges und bewirkte, dass Roms Name noch im Untergang achtbar blieb. In den Tagen des Heidentums beeinflussten gallische und germanische Priester das Volk und die Rechtsprechung der Magistrate; und ein vergleichbares, womöglich noch weitergehendes Maß an Hingabe sprachen glaubenseifrige Proselyten den Priestern des christlichen Glaubens zu. Der geheiligte Charakter der Bischöfe wurde durch ihre weltlichen Besitztümer womöglich noch gemehrt; in den gesetzgebenden Versammlungen der Soldaten und Freigeborenen saßen sie an ehrenhafter Stelle; und es war in ihrem Interesse und damit ihre Pflicht, durch moderierendes Eingreifen den ungestümen Eifer der Barbaren zu dämpfen. Der beständige briefliche Austausch des lateinischen Klerus, die häufigen Pilgerreisen nach Rom und Jerusalem und die wachsende Autorität der Päpste festigten den Zusammenhalt der Christenrepublik und bildeten allmählich diejenige allgemein übliche Denkungsart und die gemeinsame Rechtsauffassung, welche die unabhängigen Völker des modernen Europa vor den übrigen Nationen auszeichnen.

IHRE VERWICKLUNG IN DIE ARIANISCHE KETZEREI

Jedoch wurde der gleichmäßige Fortgang dieser Ereignisse aufgehalten und verzögert durch ein unglücklichseliges Vorkommnis, welches in den Becher der Erlösung ein tödlich wirkendes Gift geträufelt hatte. Mit welchen Entwürfen auch immer Wulfila umgegangen sein mochte, seine Verbindungen zum Imperium und zur Kirche bildeten sich zu der Zeit, als die arianische Ketzerei auf ihrem Zenit stand. Der Apostel der Goten unterzeichnete das Glaubensbekenntnis von Rimini; bekannte sich freiwillig und womöglich sogar aufrichtig dazu, dass der SOHN mit dem VATER Ulfilas und der Goten Auffassung hatten Ähnlichkeit mit dem Semi-Arianismus, da sie nicht davon sprachen, dass der Sohn ›geschaffen‹ sei, obzwar sie andererseits mit denen Gemeinschaft hielten, die bei dieser Häresie blieben. Für ihren Apostel stellte sich die ganze Auseinandersetzung als eine müßige Frage dar, die nur der Streitlust des Klerus zu danken sei. Theodoretos 4,37. nicht gleich oder gleichen Wesens sei; trug diese Irrtümer Volk und Klerus vor; und steckte so die Welt der Barbaren mit einer Häresie Der Arianismus der Goten wurde dem Herrscher Valens zur Last gelegt: »Itaque iusto Dei iudicio eum vivum incenderunt, qui propter eum etiam mortui, vitio erroris arsuri sunt.« (Und so verbrannten ausgerechnet diejenigen nach Gottes gerechtem Urteil den bei lebendem Leibe, welche wegen ihres Irrtums noch als Tote brennen werden). Orosius 7,33. Dieser grausame Ausspruch wird von Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p. 604-610) bestätigt, welcher mit Herzenskühle bemerkt: »un seul homme entràina dans l'enfer on nombre infini de Septemtrionaux.« (Ein einziger Mensch zieht eine endlose Zahl von Menschen aus dem Norden nach sich). Salvianus beklagt und entschuldigt ihren unwissentlichen Irrtum (De Gubernatione Dei 5,2). an, die Theodosius in seinem Herrschaftsbereich verboten und getilgt hatte.

Ihre Veranlagung und Denkgewohnheiten machten die neuen Proselyten untauglich für Metaphysik; aber das, was sie mit gläubigen Herzen als die wahre und unverfälschte Lehre des Christentums für sich anerkannt hatten, bewahrten sie mit Eifer. Der Vorteil, die Schriften in der teutonischen Sprache predigen und auslegen zu können, war dem Bekehrungswerk des Wulfila und seiner Nachfolger entschieden förderlich; daneben ordinierten sie bereits eine hinreichende Zahl von Bischöfen und Presbytern, die benachbarten Völker zu bekehren. Die Ostgoten, Burgunder, Sueben und Vandalen, welche der Beredsamkeit des lateinischsprachigen Klerus gelauscht hatten, zogen den leichter verständlichen Vortrag ihrer einheimischen Lehrer vor Orosius (7,41) versichert, dass im Jahre 416 die christlichen Kirchen (der Katholiken) von Hunnen, Sueben, Vandalen und Burgundern besucht wurden.. Und so wurde der Arianismus zum Nationalglauben jener kriegsgewohnten Konvertiten, welche auf den Trümmern des westlichen Imperiums heimisch wurden.

Dieser unversöhnliche Gegensatz wurde zu einer dauernden Quelle von Missgunst und Hass; und der Vorwurf, ein Barbar zu sein, wurde noch durch das viel üblere Epitheton häretisch verschärft. Die Helden aus dem hohen Norden, die sich mit einigem Widerwillen darein gefunden hatten, dass alle ihre Vorfahren zur Hölle gefahren seien Der Friesenkönig Radbok wurde durch diese vorschnelle Äußerung eines Missionars so aufgebracht, dass er seinen Fuß zurückzog, nachdem er bereits in die Taufquelle gestiegen war. (Und dabei erklärte: »Wo so viele wackere Männer sind, will ich auch sein.« A.d.Ü.) Fleury, Histoire ecclésiastique, Bnad 9, p. 167., hörten nunmehr mit Erstaunen und Verdruss, dass auch für sie nur die Art ihrer Ewigen Strafe sich geändert habe. Anstelle des freundlichen Beifalles, dessen sich die christlichen Könige von Seiten ihrer treuen Prälaten sicher sein durften, gab es an den arianischen Höfen Opposition durch die rechtgläubigen Bischöfe und ihre Kleriker; und oft war ihre eifernde Gegnerschaft geradezu kriminell und bedrohlich Die Briefe von Sidonius, Bischofs von Clermont an die Westgoten und von Avitus, Bischofs von Wien an die Burgunder, legen, wenngleich zuweilen nur in dunklen Andeutungen, die allgemeine Weltsicht der Katholiken dar. Die Geschichte von Clovis und Theoderich wird noch einige besondere Einzelheiten bieten.. Von der Kanzel, jenem heiligen und gesicherten Ort für alle Art von Aufwiegelung, erklangen die Namen Pharao und Holofernes Vermittels der unnachsichtigen Strenge, mit der Geiserich auf solche Äußerungen reagierte, gab er zu erkennen, dass ihm derlei unhöfliche Anspielungen nicht entgangen waren. Victor Vitensis 7, p. 10.; die Hoffnung oder das Versprechen auf Erlösung verstärkte den öffentlichen Unmut; und die Heiligen selbst waren eifrig bemüht, die Erfüllung ihrer Prophezeiungen einzuleiten.

ALLGEMEINE DULDUNG

Dieser Herausforderungen ungeachtet genossen die Katholiken Galliens, Spaniens und Italiens unter der Herrschaft der Arianer einer ungestörten Ausübung ihres Glaubens. Ihre hochfahrenden Herren schonten den Glaubenseifer der Vielen, die entschlossen waren, am Fuße ihrer Altäre zu sterben; und diese Vorbilder hingebungsvoller Frömmigkeit wurde von den Barbaren selbst bewundert und nachgeahmt. Außerdem entgingen die Sieger dem schimpflichen Vorwurf – oder Eingeständnis – der Furcht, indem sie ihre Toleranz freisinnigen Vernunftmotiven und ihrer Menschlichkeit zuschrieben; und indem sie so die Sprache des Christentums im Munde führten, wurden sie unmerklich auch von dessen echtem Geist erfüllt.

ARIANSCHE VERFOLGUNG DER VANDALEN

Indessen, der Frieden der Kirche wurde zuweilen doch aufgestört. Die Katholiken verhielten sich unüberlegt, die Barbaren wurden ungeduldig; und die strengen, vom arianischen Klerus empfohlenen Maßnahmen der Grausamkeit wurden durch die orthodoxen Autoren noch weiter vergrößert. Die Schuld für diese Verfolgungen mag man Eurich, dem König der Westgoten, zuschieben; denn er untersagte die Ausübung von klerikalen oder doch wenigstens bischöflichen Aufgaben und bestrafte die populären Bischöfe von Aquitanien mit Gefängnis, Exil und Vermögensbeschlagnahme Jedenfalls sind dies die Klagen des zeitgenössischen Bischofs von Clermont, Sidonius (7,6). Gregor von Tours, der diesen Brief zitiert (2,25), versteigt sich zu der unverantwortlichen Behauptung, dass von den neun Vakanzen in Aquitanien einige durch bischöfliches Martyrium entstanden seien.. Aber das grausame und sinnlose Wagnis, den Glauben eines ganzen Volkes zu knechten, haben alleine die Vandalen begangen.

GEISERICH A.D. 429 – 477

Geiserich selbst hatte in früher Jugend sich geweigert, die orthodoxe Kommunion zu empfangen; und aufrichtige Vergebung konnte der Apostat seitdem nicht mehr erhoffen. Es empörte ihn, als er erleben musste, dass die Afrikaner, im Felde von ihm besiegt, es sich nicht verdrießen ließen, sich mit ihm auf Synoden und in Kirchen anzulegen; und ihm selbst waren Furcht oder Mitleiden fremd. Seinen katholischen Untertanen stellte er mit schikanösen Gesetzen und willkürlicher Bestrafung nach. Geiserichs Äußerungen selbst waren eine Frucht des Zornes und furchtbar; die Kenntnis seiner Absichten gab zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass; und den Arianern konnte man zahlreiche Hinrichtungen vorwerfen, die den Palast des Tyrannen besudelten. Aber der Ruhm der Waffen war nun einmal die beherrschende Leidenschaft dieses Königs der Meere.

HUNERICH A.D. 477

Und Hunnerich, sein unbedeutender Sohn, der nur seine kriminelle Energie geerbt zu haben schien, verfolgte die Katholiken mit der gleichen Grausamkeit, die schon seinem Bruder, seinen Neffen und den Günstlingen seines Vaters und selbst dem arianischen Patriarchen verhängnisvoll geworden war, welchen er mitten in Karthago bei lebendigem Leibe verbrennen ließ. Dem eigentlichen Religionskrieg ging ein trügerischer Waffenstillstand voraus und wurde von ihm gleichsam vorbereitet; der Hof der Vandalen widmete sich ganz der religiös motivierten Verfolgung; und die ekelhafte Krankheit, die Hunnerichs Ende beschleunigte, war zwar eine Art Rache für das von der Kirche erlittene Unrecht, beendete es aber nicht.

GUNTHAMUND A.D. 484

Zwei Neffen Hunnerichs bestiegen nacheinander den Thron Afrikas: Gundamund, der etwa zwölf, und Thrasimund, der siebenundzwanzig Jahre das Szepter über dem Lande fuchtelte. Ihre Regierungstätigkeit war gegenüber den Orthodoxen feindselig und willkürlich. Gundamund suchte seinem Onkel an Grausamkeit nachzueifern und übertraf ihn womöglich noch; und wenn ihn am Ende doch so etwas wie Mitleid übermannt und er die alte Freiheit des athanasischen Bekenntnisses wieder hergestellt haben sollte, so stahl nun sein frühzeitiger Tod die Segnungen dieses späten Erbarmens hinweg.

THRASAMUND A.D. 496

Sein Bruder Thrasamund war der bedeutendste und gebildetste der Vandalenkönige, die er sämtlich an Schönheit, Besonnenheit und Großherzigkeit übertraf. Aber dieser erlesene Charakter erlitt starke Einbuße infolge seines bornierten Glaubenseifers und seiner berechnenden Milde. Seine Werkzeuge waren nicht die Drohung und die Folter, sondern die sanfte, aber wirksame Kunst der Überredung. Geldgeschenke, Ehrenstellungen und die königliche Gnadensonne waren der Lohn, die für den Abfall vom Glauben mit freigebiger Hand ausgeschüttet wurden. Katholiken, die die Gesetze übertreten hatten, konnten im Gegenzug für die Verleugnung ihres Glaubens seiner Huld gewiss sein; und immer, wenn Thrasimund Pläne heckte, wartete er geduldig darauf, dass ihm irgendeine Unbedachtsamkeit seines Feindes die entscheidende Gelegenheit in die Hand spielte. Noch in der Stunde seines Todes war sein letztes Gefühl die Scheinheiligkeit; und seine Nachfolger mussten sich hoch und heilig vereiden, die athanasischen Sektierer nimmermehr zu dulden.

HILDERICH A.D. 523

Aber sein Nachfolger Hilderich, des rabiaten Hunnerich sanfter Sohn, fühlte sich eher an Recht und Menschlichkeit gebunden als an die leeren Formel eines gottlosen Eides; und so war seine Thronbesteigung rühmlich gekennzeichnet durch die Erneuerung des allgemeinen Friedens und der Freiheit.

GELIMER A.D. 530

Den Thron dieses tugendreichen, aber schwachen Herrschers riss sein Vetter Gelimer an sich, ein eifernder Arianer; aber bevor er seine Macht noch richtig ge- oder auch missbrauchen konnte, hatten Belisars Waffen das Vandalenreich zu Boden geworfen. Und die rechtgläubige Fraktion übte Rache für die erlittene Drangsal Die Darstellung der vandalischen Verfolgungen ist ursprünglich in den fünf Büchern Geschichte des Victor Vitensis enthalten (Historia persecutionis Vandalica), eines von Hunnerich verbannten Bischofs. Wir finden sie in der Lebensbeschreibung des hl. Fulgentius, der während der Verfolgung des Thrasimund Ruhm erwarb (Bibliotheca maxima patrum, Band 9, p. 4-16); und schließlich im ersten Buch des Vandalenkrieges des unparteiischen Prokopios (7 und 8). Der Herausgeber der jüngsten Victor-Ausgabe hat den ganzen Gegenstand mit einem materialreichen und gelehrten Apparat von Fußnoten und Ergänzungen ausgestattet..

ANMERKUNGEN ZU DEN VORGÄNGEN IN AFRIKA

Die leidenschaftlichen Klagen der Katholiken, unserer einzigen Gewährsleute dieser Verfolgung, bieten uns leider keine erkennbare Folge von Ursache und Wirkung und nicht eine einzige unparteiische Schilderung von beteiligten Personen oder Beschlüssen; immerhin aber lassen sich die wichtigsten Beleitumstände, die der Erwähnung und Würdigung wert sind, unter den folgenden Punkten zusammenfassen:

I. In dem Gesetz Victor Vitensis 4,2. Hunnerich verweigert den Homoousianer die Bezeichnung Katholiken. Er beschreibt als die ›veri Divinae Maiestatis cultores‹ (wahre Diener der göttlichen Majestät) nur seine eigene Fraktion, welche in der Synode zu Rimini und Seleukeia vor mehr als eintausend Bischöfen ihren Glauben bekannt habe. in seiner ursprünglichen, uns überlieferten Fassung erklärt Hunnerich ausdrücklich, und diese Erklärung scheint zuzutreffen, dass er die Vorschriften und Strafandrohungen der bisherigen kaiserlichen Edikte getreulich übernommen habe, soweit sie gegen die häretischen Bünde, den Klerus und das Volk gerichtet seien, wenn letzteres von der vorgeschriebenen Religion abweichen sollte. Bei recht verstandener Gewissensfreiheit hätten die Katholiken entweder von ihren früheren Aufführungen Abstand nehmen oder zu ihrem gegenwärtigen Ungemach schweigen müssen. Aber nach wie vor bestanden sie darauf, in dem von ihnen beanspruchten Irrtum zu verharren. Während sie noch selbst unter der Geißel der Verfolgungen litten, rühmten sie Hunnerichs löbliche Strenge, welche die Manichäer in großer Zahl verfolgt und verbannt hatte Victor Vitensis 2,1, » Laudabilior...videbatur.« In den Handschriften, in denen dieses Wort fehlt, wird die Stelle unverständlich. Siehe Ruinart, Anmerkung zu Victor, p. 164.: und dann bebten sie vor dem schmachvollen Kompromiss zurück, der die Jünger des Arius und Athanasius zu gegenseitiger Toleranz im Römer- und Vandalenreich bestimmt hätte Victor Vitensis 2,2. Der Klerus von Karthago nannte diese Bestimmungen »periculosae« (gefährlich). Und tatsächlich scheint es nur eine Falle gewesen zu sein, mit der man die katholischen Bischöfe fangen wollte..

II. Der Brauch, eine Versammlung einzuberufen, den die Katholiken schon oft geübt hatten, um hartnäckige Gegner zu dämpfen und zu bestrafen, wurde ihnen diesmal zum Verhängnis. Auf Anordnung von Hunnerich trafen sich vierhundertundsechsundsechzig rechtgläubige Bischöfe zu Karthago; als sie jedoch in der Versammlungshalle zusammen kamen, wurde ihnen das Ärgernis, den Arianer Cyrila auf dem Throne des Patriarchen sitzen zu sehen. Nach den üblichen vulgären Beschimpfungen trennte man die Disputanten Siehe den Konferenzbericht und die Behandlung der Bischöfe bei Victor Vitensis 2,12-18 und im gesamten 4. Buch. Das 3. Buch enthält ausschließlich ihre Rechtfertigung und das Bekenntnis ihres Glaubens.. Ein Märtyrer und ein Bekennender wurden von den katholischen Bischöfen abgetrennt; achtundzwanzig retteten sich durch die Flucht, achtundachtzig durch Gesinnungswandel, vierundsechzig wurden nach Korsika verbannt, um Holz für die königliche Marine zu gewinnen; und zweihundertunddrei wurden schließlich in die verschiedensten Winkel Afrikas verbannt, den Nachstellungen ihrer Feinde ausgesetzt und aller ihrer weltlichen und geistlichen Vorrechte gründlich entkleidet Siehe bei Victor Vitensis, de Persecutione p. 117-140 das Verzeichnis der afrikanischen Bischöfe sowie Ruinarts Anmerkungen p. 215-397. Der schismatische Name ›Donatus‹ kommt des Öfteren vor, und sie scheinen – ähnlich wie unsere Fanatiker des letzten Jahrhunderts – die frommen Benennungen ›Deodatus, Deogratias, Quidvultdeus, Habetdeum‹ &c angenommen zu haben..

Die Widrigkeiten einer zehnjährigen Verbannung müssen ihre Zahl deutlich gemindert haben; und hätte man dem Gesetz des Thrasimund gehorsamt und keine Bischofsweihen mehr vorgenommen, dann wäre die orthodoxe Kirche Afrikas wohl zusammen mit ihren Mitgliedern erloschen. Indessen, sie widersetzten sich; und dieser Ungehorsam wurde durch ein zweites Exil von zweihundertundzwanzig Bischöfen nach Sardinien bestraft; wo sie bis zur Thronbesteigung des gnadenreichen Hilderich fünfzehn Jahre dahinsiechten Vita Fulgentii 16-29. Thrasimund beanspruchte für sich ein Lob für seine Bescheidenheit und Gelehrsamkeit; und Fulgentius widmete dem arianischen Tyrannen, den er den »piisime Rex« (allerfrömmster König) nennt (Bibliotheca maxima patrum, Band 9, p. 41), drei Bücher seiner ›Kontroversen.‹ In der Vita des Fulgentius werden nur 60 exilierte Bischöfe namentlich benannt; bei Victor Tunenensis und Isidor wächst ihre Zahl auf 120; und 220 findet man schließlich in der Historia Miscella sowie in einer kurzen Zeitchronik. Siehe Ruinart zu Victor, p. 570 f.. Die beiden Inseln hatte die Bösartigkeit des arianischen Tyrannen mit Berechnung ausgewählt. Seneca hat aus eigener Anschauung den elenden Zustand Korsikas Vergleiche hierzu die abgeschmackten und trübsinnigen Epigramme des Stoikers, der das Exil auch nicht mit mehr Festigkeit ertrug als etwa Ovid. Korsika brachte wohl weder Wein noch Getreide noch Öl hervor; aber es mangelte nicht an Gras, Wasser und Feuer. beklagt, und Sardiniens Überfluss wurde zur Genüge ausgeglichen durch seine ungesunde Luft »Si ob gravitatem coeli interissent, ›vile‹ damnum.« (wenn sie durch das beschwerliche Klima zugrunde gingen, sei dies ein kleiner Verlust.) Tacitus, Annales 2,85. In diesem Zusammenhang hätte Thrasimund wohl der Lesart einiger Gelehrter »utile damnum« (nützlicher Verlust) zugestimmt..

III. Der Eifer Geiserichs und seiner Nachfolger, die Katholiken zu bekehren, muss aus ihnen zugleich besonders eifrige Wächter über die Reinheit des Glaubens der Vandalen gemacht haben. Bevor die Kirchen endgültig geschlossen wurden, galt es als Verbrechen, in der Kleidung der Barbaren aufzutreten; und wer das königlichen Mandat zu ignorieren sich erfrechte, wurde gröblich an seinen langen Haaren zurück gerissen Siehe die Vorspiele zu einer ›allgemeinen Verfolgung‹ bei Victor Vitensis 2,3f und 7 und die beiden Edikte Hunnerichs, ebd 2,13 und 3,2.. Die Palastoffiziere, die den Glauben ihres Herrschers zu bekennen sich weigerten, wurden in Schimpf und Schande aus ihren Ämtern gejagt, nach Sardinien oder Sizilien verbannt oder zu Sklavenarbeit auf den Latifundien von Utica verurteilt. In den Bezirken, die ausdrücklich den Vandalen zugeteilt worden waren, wurde die Ausübung des katholischen Ritus mit besonderem Nachdruck untersagt: und gegen beide, den Missionar und den Proselyten, wurden die unnachsichtigsten Strafen verhängt. Mit Hilfe dieser Kunstgriffe wurde der Glauben der Barbaren bewahrt und ihr Eifer angefacht; mit frommem Zorn übten sie die Ämter des Spitzels, des Angebers, des Henkers; und wann immer sie zu Pferde auf dem Plan erschienen, war es ihr Hauptvergnügen, die Kirchen zu besudeln und den Klerus der Gegenparteien zu beleidigen Siehe Prokopios, De bello Vandalico 1.7. Ein Mauren-Herrscher unternimmt es, sich den Christengott günstig zu stimmen, indem er die Spuren der vandalischen Sakrilegien beseitigt..

IV. Die Städter, von klein auf an den Luxus der römischen Provinz gewöhnt, wurden mit ausnehmender Grausamkeit den Mauren der Wüste ausgeliefert. Ein Zug ehrwürdiger Bischöfe, Presbyter und Diakone, denen viertausend und sechsundneunzig Treugläubige folgten, von deren konkreter Schuld wir nichts erfahren, wurde auf Anordnung von Hunnerich aus ihrer Heimat vertrieben. Während der Nacht saßen sie wie Vieh in ihrem eigenen Unrat zusammen gedrängt; tagsüber mussten sie durch den glühend heißen Sand ziehen; brachen sie unter der Hitze oder vor Erschöpfung zusammen, dann wurden sie von ihren Verfolgern geprügelt oder mitgeschleppt, bis sie endlich verschieden Diese Episode findet sich bei Victor Vitensis 2,8-12. Er beschreibt die Bedrängnis dieser Bekenner aus eigener Anschauung.. Als nun diese unglücklichen Exilanten die Hütten der Mauren erreichten, deren halbnomadisches Leben sie von nun an teilen mussten, mochten sie allenfalls das Mitleiden der Landeskinder zu erregen, deren Menschlichkeit weder durch Vernunftgründe gemehrt noch infolge von Fanatismus verkümmert war.

V. Denen, die solche Verfolgungen veranlassen, obliegt es, bereits im Vorfeld darüber nachzudenken, ob sie sie bis an die Grenzen des Möglichen ausführen wollen. Die Flamme, die auszutreten sie bemüht sind, wird jetzt eigentlich erst richtig entfacht; und schon bald sind sie genötigt, offene Widersetzlichkeiten wie die eigentlichen Vergehen der Schuldigen zu ahnden. Da diese die Strafe weder bezahlen können noch überhaupt wollen, sind sie der Strenge des Gesetzes unterworfen; und da ihm leichtere Strafen verächtlich sind, führt dies gleich zu schwerster Sühne. Hinter allerlei Euphemismen und Redensarten können wir erkennen, dass die Katholiken besonders unter der Herrschaft des Hunnerich den unnachsichtigsten und niederträchtigsten Verfolgungen ausgesetzt waren Sie das 5. Buch des Victor Vitensis. Seine bitteren Klagen finden Bestätigung durch Prokopios' nüchternes Zeugnis und die öffentliche Erklärung Kaiser Justinians (Codex 1,27). Achtbare Bürger, Matronen von Adel und heilige Jungfrauen wurden nackt ausgezogen und, durch Gewichte an den Füßen beschwert, an Rollen emporgezogen. In dieser schmerzensreichen Lage wurden ihre nackten Leiber ausgepeitscht oder mit glühenden Eisen an den empfindlichsten Stellen malträtiert. Das Abschneiden der Ohren, der Nase, der Zunge oder der rechten Hand: all dieses mussten sie durchleiden; und wenn auch die genaue Zahl nicht mehr festgestellt werden kann, so erwarben sich doch viele Gläubige, unter ihnen auch Bischöfe Victor Vitensis 2,18. und ein Proconsul die Märtyrerkrone Victor Vitensis 5,4. Sein Name war Victorianus, ein wohlhabender Bürger von Adrumetum, der das Vertrauen des Königs genoss und dessen Gunst ihm das Amt oder doch wenigstens den Titel eines Proconsuls von Afrika einbrachte.. Dieselbe Ehre wurde auch dem Gedächtnis des comes Sebastian zuteil, der unerschüttert zu dem Nicäischen Glaubensbekenntnis stand; und vermutlich hat Geiserich in dem tapferen und aufrechten Flüchtling den Ketzer verachtet, den er als Rivalen gefürchtet haben mochte Victor Vitensis 1,6. Nachdem er von dem beherzten Widerstand und der passenden Antwort des comes Sebastianus erzählt hatte, fügte er hinzu: » quare alius generis argumento postea bellicosum virum occidit.« (...weshalb er später aus einem anderen Grund den braven Krieger umbrachte)..

VI. Eine neue Art der Bekehrung wurde von den arianischen Ministern ersonnen, mit der sie die Schwachen niederwerfen und die Ängstlichen erschrecken mochten. Mit Drohungen oder Betrug nötigten sie zur Taufe; und dann bestraften sie die Abtrünnigkeit der Katholiken, wenn sich diese der verhassten und äußerlichen Zeremonie widersetzten, mit der ja in der Tat die Willensfreiheit und die Einmaligkeit des Sakramentes zerstört wurden Victor Vitensis 5,12 und 13; Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p. 603.. Zuvor hatten die sich befehdenden Sekten die Gültigkeit der jeweils anderen Taufen anerkannt; und die von den Vandalen so brutal vertretenen Neuerungen gingen in erster Linie auf das Betreiben und den Rat der Donatisten zurück.

VII. Der arianische Klerus übertraf an religiöser Grausamkeit womöglich noch den König und seine Vandalen; aber er war außerstande, den geistigen Weinberg zu kultivieren, an dessen Besitz ihm so sehr gelegen war; ein Patriarch Der eigentliche Titel des Bischofs von Karthago war Primas; den Namen Patriarch gaben die Sekten und Völker ihren geistlichen Oberhäuptern. Thomassin, Discipline de l'église, Band 1, p. 155 und 158. mochte seinen Sitz auf dem Stuhl von Karthago haben; einige Bischöfe mochten in den wichtigsten Städten die Positionen ihrer Gegner innehaben; aber ihre kleine Anzahl und ihre Unkenntnis der lateinischen Sprache Der Patriarch Cyrilia bekannte öffentlich seine Unkenntnis der lateinischen Sprache (Victor Vitensis 2,18): »nescio latine«; er konnte sich einigermaßen geläufig in der Sprache unterhalten, war aber einem ernsthaften Disput oder einer Predigt in dieser Sprache nicht gewachsen. Sein Klerus vandalischer Herkunft verstand sich hierauf noch weniger; und auf die Afrikaner seines Gefolges war auch nur wenig Verlass. disqualifizierten die Barbaren zur Führung eines ausgedehnten kirchlichen Gemeinwesens; und die Afrikaner waren nach dem Verlust ihrer Hirten der Möglichkeit beraubt, das Christentum öffentlich auszuüben.

VIII. Die Herrscher waren naturgemäß auch die Hüter der homousischen Glaubensrichtung; und Afrikas gläubige Bürger zogen - als Römer und als Katholiken – ihren rechtmäßigen Herrscher dem Thronraub der barbarischen Ketzer vor. Während einer Friedens- und Vertragsperiode ließ Hunnerich die Kathedrale von Karthago zurückgeben; dies geschah auf Veranlassung von Zeno, dem Kaiser des Ostens und von Placidia, der Tochter und Witwe von Kaisern und der Schwester der Vandalenkönigin Victor Vitensis 2,1 und 2.. Aber diese milde Rücksichtnahme war nur von kurzer Dauer; seine Verachtung für die Religion des Reiches offenbarte der hochfahrende Herrscher, indem er wohlbedacht an allen Straßen, durch die der römische Botschafter auf seinem Wege zum Palast kommen musste, bluttriefende Werkzeuge der Verfolgung arrangierte Victor Vitensis 5,7. Er richtete sich direkt an den Botschafter mit Namen Uranius.. Den in Karthago versammelten Bischöfen wurde ein Eid abverlangt, dass sie Nachfolge seines Sohnes Hilderich unterstützten und sich aller ausländischer oder transmariner Korrespondenz enthielten. Dieser Verpflichtung, die mit ihren moralischen und religiösen Pflichten ersichtlich harmonierte, verweigerten sich die scharfsichtigeren Versammlungsmitglieder Die astutiores; Victor Vitensis 4,4 lässt durchblicken, dass das Wort des Evangeliums »Non iurabitis in toto« (Ihr sollt überhaupt nicht schwören) sich lediglich auf den Gehorsam gegenüber unbequemen Eidesleistungen bezog. Die vierundsechzig Bischöfe, die den Eid verweigerten, wurden nach Corsica verbannt; die dreihundertundzwei, die geschworen hatten, wurden auf die afrikanischen Provinzen verteilt.. Ihre Weigerung, durch den Vorwand nur schwach beschönt, dass einem Christenmenschen ein Eid übel anstehe, musste naturgemäß das Misstrauen des argwöhnischen Tyrannen wecken.

DIE ERFINDUNGEN DER ORTHODOXEN THEOLOGEN

Die von königlicher und militärischer Macht verfolgten Katholiken waren ihren Gegnern an Zahl und Gelehrsamkeit unermesslich überlegen. Mit den gleichen Waffen, mit denen die griechischen Fulgentius, der Bischof von Ruspae aus der Provinz Bycacene stammte aus senatorischer Familie und hatte eine kunstsinnige Erziehung erhalten. Er konnte geläufig Homer oder Menander zitieren, bevor ihm das Studium des Lateinischen, seiner Muttersprache, gestattet wurde (Vita Fulgentii 1). Viele afrikanische Bischöfe verstanden das Griechische, und viele griechische Theologen wurden ins Lateinische übertragen. und lateinischen Kirchenväter bereits in der arianischen Kontroverse obsiegt hatten, brachten auch sie die ungestümen und illiteraten Nachfolger Wulfilas zum Schweigen. Das Bewusstsein ihrer eigenen Überlegenheit hätte sie möglicherweise der Ränke und Leidenschaften religiöser Kriegsführung überhoben. Anstelle sich aber zu diesem ehrbaren Stolz zu bekennen, ließen sich die rechtgläubigen Theologen in Vertrauen auf die zugesicherte Straflosigkeit zum Abfassen fiktionalen Schrifttums hinreißen, das sich die Epitheta des Trugs und der freien Erfindung redlich verdienten. Ihre Polemiken schmückten sie mit den ehrbarsten Namen des frühen Christentums; so wurden Athanasius und Augustinus missbräuchlich von Vigilius und seinen Schülern Vergleiche die beiden Vorreden zum Dialog des Vigilius von Thapsus (p.118f. ed. Chiflet). Seine gelehrten Leser hat er wohl durch seine naiven Täuschungen nur amüsiert; aber eigentlich war der Gegenstand zu gewichtig und die Afrikanischen Leser zu arglos. mit Beschlag belegt; und das berühmte Glaubensbekenntnis, in dem das Geheimnis der Trinität und der Inkarnation so einleuchtend ausgelegt werden, stammt nach aller Wahrscheinlichkeit aus dieser afrikanischen Schule Pater Quesnel hat diese günstig aufgenommene Meinung als erster aufgebracht. Aber die drei folgenden Wahrheiten, so überraschend sie auch klingen mögen, werden heutzutage allgemein anerkannt (Voss, Opera, Band 6, p. 512-522; Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 667-671): 1 St. Athanasius ist nicht der Verfasser dieses so häufig in der katholischen Kirche zitierten Glaubensbekenntnisses; 2 Noch ein Jahrhundert nach seinem Tode hat es nicht existiert; 3 Es war ursprünglich in lateinischer Sprache abgefasst und folglich in des westlichen Provinzen im Umlauf. Gennadius, Patriarch von Konstantinopel, wurde von diesem außerordentlichen Werk derart beeindruckt, dass er es für die Schrift eines Betrunkenen hielt. Petavius, Dogmata theologica, Band 2, p. 687.. Sogar die Heilige Schriften entweihten sie mit frevler, hurtiger Hand.

Der bemerkenswerte Text, welcher die Einheit der DREI bekräftigt, die da Zeugnis ablegen im Himmel 1. Johannesbrief, 5,7; Siehe auch Simon, Histoire Critique du Nouveau Testament, Teil 1, c. 18, p. 203-218 und Teil 2, c. 9, p. 99-121 sowie die ausführlichen Vorreden und Anmerkungen von Dr. Mill und Wetstein zu ihren Ausgaben des griechischen Testamentes. Im Jahre 1689 war der Papist Simon bestrebt, frei zu sein, 1707 begehrte der Protestant Mill ein Sklave zu sein. 1751 machte der Arminianer Wetstein Gebrauch von der Freiheit seiner Zeit und seiner Sekte., wird von den rechtgläubigen Kirchenvätern gemeinsam durch Schweigen verurteilt, desgleichen durch antike Fassungen und authentische Handschriften Von allen auf uns gekommenen Manuskripten - vierzig Stück insgesamt – sind einige älter als 1200 Jahre (Wetstein ad loc). Die ›orthodoxen‹ Abschriften des Vatikan (mit Robert Stephen als Herausgeber), die der complutensischen Editoren und von Robertus Stephanus sind gegenwärtig unsichtbar; und die beiden Manuskripte aus Dublin und Berlin sind zu verderbt, um als Ausnahme zu gelten. Siehe Emyln, Works Band 2, p. 227-255, 269-299; und Herr de Missys vier scharfsinnige Briefe im Band 8 und 9 des Journal Britannique.. Er wurde zuerst von den Bischöfen angeführt, welche Hunnerich nach Karthago zitiert hatte Genauer: von den vier Bischöfen, welche das Glaubensbekenntnis im Namen ihrer Brüder verfassten. Sie charakterisieren diesen Text als luce clarius (heller als Licht). Victor Vitensis 3,11. Bals darauf zitieren ihn die afrikanischen Polemiker Vigilius und Fulgenius.. Eine allegorische Auslegung, vielleicht in Form einer Marginalnotiz, fand Eingang in die lateinischen Bibeln, welche dann im Laufe von zehn dunklen Jahrhunderten erneuert und nachgebessert wurden Im XI und XII Jahrhundert wurde die Bibel von Lafranc, Erzbischof von Canterbury, und Nicolas, einem Kardinal und Bibliothekar der römischen Kirche, »secundum orthodoxam fidem« (nach den Maßstäben der Rechtgläubigkeit) verbessert. Wetstein, Prologomena p. 84 f. Dieser Korrekturen ungeachtet fehlt die Passage weiterhin in fünfundzwanzig lateinischen MSS, und zwar in den ältesten und zugleich besten; welche beiden Eigenschaften sich nur selten und eigentlich nur in Handschriften vereinigt finden.. Nach der Erfindung des Buchdruckes Die von den Deutschen erfundene Kunst wurde in Italien dazu verwendet, die römischen und griechischen Autoren unter das Volk zu bringen. Etwa um diese Zeit (A.D. 1514, 1516, 1520) wurde das Neue Testament im griechischen Original durch den Fleiß des Erasmus und die Freigebigkeit des Kardinals Ximenes herausgegeben. Die Polyglotte von Complutum kostete genannten Kardinal 50000 Dukaten. Siehe Mataire in den Annales typographicae, Band 2, p. 2-8 und Wetstein, Prologomena p. 116-127. verfehlten auch die Herausgeber griechischer Bibeln nicht, ihre oder ihrer Zeit Vorurteile zu publizieren Die drei Zeugen fanden Eingang in unsere Ausgaben des griechischen Testaments dank Erasmus' Umsicht; der ehrbaren Bigotterie der Complutensischen Herausgeber; der typographischen Fehlleistung des Robert Stephanus, der eine Klammer gesetzt hatte; und der berechneten Fälschung oder dem befremdlichen Missverständnis des Theodor Beza.; und so wurde der fromme Betrug, dessen man sich in Rom und Genf mit gleichem Eifer bediente, in jeder Sprache und in jedem Land des modernen Europa unendlich vervielfacht.

GROSSE WUNDER IN AFRIKA

Derlei betrügliche Täuschung muss unseren Argwohn erregen; und so sollten die Wunderzeichen, mit denen die afrikanischen Katholiken die Wahrheit und das Recht ihrer Sache verteidigt haben, mit besseren Gründen ihrem Erfindungsreichtum als dem wirkmächtigen Eingreifen himmlischer Mächte zugeschrieben werden. Der Historiker indessen, der auf diesen religiösen Konflikt mit unparteiischem Gemüt zu schauen gehalten ist, mag sich – immerhin denn doch – dazu bereit finden, von wenigstens einem übernatürlichen Vorkommnis zu künden, welches den Andächtigen zu erbauen und den Ungläubigen zu überraschen geeignet scheint.

Tipasa Plinius, Naturalis Historia 5,1; Wesseling, Itineraria p. 15; Cellarius, Geographia Antiqua Band 2, Teil 2, p. 127. Diese Tipasa, das nicht mit einem anderen in Numidien verwechselt werden sollte, war eine einigermaßen bedeutsame Stadt, da Vespasian ihr das latinische Recht verliehen hatte., eine am Meer gelegene Kolonie Mauretaniens, sechzehn Meilen östlich von Caesarea gelegen, zeichnete sich seit alters und zu jeder Zeit durch den besonderen Glaubenseifer seiner Bewohner aus. Mutig hatten sie dem Zorn der Donatisten die Stirne geboten Optatus von Mileve, De schismata Donatistarum 2,38.; die Tyrannei der Arianer waren sie entgegen getreten oder hatten ihrer gespottet. Bei Herannahen eines häretischen Bischofs wurde die Stadt aufgegeben: die Mehrheit der Einwohner, die es sich erlauben konnte, floh zu Schiff nach Spanien; und die unglücklichen Zurückgebliebenen, die mit dem Räuber jeden Kontakt verweigerten, hielten nach wie vor ihre frommen, wenngleich illegalen Zusammenkünfte ab. An ihrer Widersetzlichkeit entzündete sich Hunnerichs Grausamkeit. Von Karthago wurde ein militärischer Befehlshaber nach Tipasa entsandt; er ließ die Katholiken auf dem Forum zusammenkommen und den Schuldigen in Gegenwart der ganzen Kolonie die rechte Hand und die Zunge gewaltsam amputieren. Doch die heiligen Bekenner fuhren fort, auch ohne Zungen zu reden; und dieses Wunder wird von Viktor bezeugt, welcher als Afrikanischer Bischof zwei Jahre später von den Verfolgungen berichtete Victor Vitensis 5,6; Ruinart, De persecutione Vandalica p. 483-487..

»Sollte irgendjemand«, heißt es bei Viktor, »an der Wahrheit zweifeln, so möge er nach Konstantinopel gehen und die störungsfreie und klare Sprache des Restitutus anhören, eines Subdiakons, eines dieser ruhmbedeckten Dulder, nunmehr im Palast des Kaisers Zeno wohnt und die Verehrung der Kaiserin genießt. In Konstantinopel finden wir zu unserem Erstaunen einen Zeugen, besonnen, gelehrt, frei von Vorurteilen und Voreingenommenheit. Aeneas von Gaza, ein Philosoph der platonischen Schule, hat seine eigenen Beobachtungen festgehalten, die er an den afrikanischen Glaubenszeugen gemacht hatte. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen: ich habe sie sprechen gehört: ich habe sorgfältig nachgeforscht, auf welche Weise eine solcherart artikulierte Sprache ohne Sprechwerkzeug zustande gekommen sein mochte; ich habe ihnen den Mund geöffnet und gesehen, dass die Zunge vollständig und gewaltsam herausgerissen worden war, welche Brutalität nach Aussage der Ärzte für gewöhnlich tödlich endet Aeneas von Gaza, Theophrastus, in: Bibliotheca maxima patrum, Band 8, p. 664f. Er war ein Christ und verfasste einen Dialog (Theophrastus) über die Unsterblichkeit der Seele und die körperliche Auferstehung; daneben noch 25 Briefe, die auf uns gekommen sind. Siehe Cave, Historia literaria, p. 297 und Fabricius, Bibliotheca graeca, Band 1, p. 422.

Dieses Zeugnis des Aeneas von Gaza wird nachdrücklich bekräftigt durch eine Daueredikt des Kaisers Justinian; durch die Chronik des comes Marcellinus; und die Aussage von Papst Gregor I., als dieser noch ein Mitarbeiter des Römischen Pontifex war Codex Justinianus, 1,27; Marcellinus, Chronica p. 45, in: Scaliger, Thesaurus Temporum; Prokopios, de Bello. Vandalico 1,7; Gregororius Magnus, Dialogi 3,32. Keiner dieser Gewährsleute hat die genaue Zahl der Glaubenszeugen mitgeteilt; in einem alten Heiligenkalender wird die Zahl sechzig genannt (bei Ruinard, p. 486). Zwei verloren ihre Sprache durch Unzucht,; aber es vergrößert sich das Wunder durch den Fall eines Kindes, das, bevor ihm die Zunge herausgeschnitten wurde, niemals ein Wort gesprochen hatte.. Sie alle lebten innerhalb eines Jahrhunderts; und sie alle verbürgen sich mit eigener Wahrnehmung oder der öffentlichen Allbekanntheit für die Wahrheit dieses Wunders, welches auf den größten Theatern der Welt mehrfach zur Aufführung gelangte und mehrere Jahre hindurch der ruhig-sachlichen Überprüfung durch die Sinnesorgane unterzogen werden konnte. Diese übernatürliche Fähigkeit der afrikanischen Bekenner, die ohne Zungen zu reden vermochten, wird die Zustimmung von denen, und nur von denen erhalten, welche bereits glauben, dass ihre Sprache rein und rechtgläubig war. Aber der unbelehrbare Sinn eines Ungläubigen wird von einem geheimen und unverbesserlichen Argwohn und Vorbehalt getrübt; und der Arianer oder Sozinianer, der die Doktrin von der Trinität für sich ablehnt, wird noch so einleuchtende Beweise von dem athanasianischen Wunder unerschüttert überstehen.

NIEDERGANG DES ARIANISMUS A.D. 500-700

Die Vandalen und Ostgoten blieben dem Arianischen Bekenntnis treu, bis endlich die von ihnen gegründeten Königreiche in Afrika respektive Italien untergegangen waren. Die Barbaren Galliens unterwarfen sich der fränkischen Orthodoxie; und Spanien fand durch die freiwillige Konversion der Westgoten zum Katholizismus zurück.

REVOLTE UND MARTYRIUM DES HERMENGILD IN SPANIEN – A.D. 577-548

Diese heilsbringende Kehrtwendung Vergleiche auch die beiden Verfasser einer allgemeinen Geschichte Spaniens, Mariana (Historia de Rebus Hispaniae, Band 1, p.182-194) und Ferreras (Histoire d'Espagne, Band 2, p. 206-247, französische Übersetzung). Mariana vergisst über seinem Bemühen, den Stil und den Geist der römischen Klassik einzufangen, beinahe, dass er ein Jesuit ist; und Ferreras, eine fleißiger Kompilator, überdenkt die Fakten und berichtigt die Chronologie. wurde durch das Vorbild eines Märtyrers aus königlichem Geblüte beschleunigt, obschon ein wägender Sinn ihn eher einen undankbaren Rebellen genannt haben würde. Leovigild, der gotische König von Spanien, hatte sich den Respekt seiner Feinde genau so redlich verdient wie die Zuneigung seiner Untertanen: die Katholiken erfreuten sich großherziger Duldung, und seine arianischen Synoden zeigten sich, wenngleich nicht eben erfolgreich bemüht, ihre Skrupel durch Abschaffung der wenig populären zweiten Taufe zu beruhigen. Sein ältester Sohn Hermenegild, dem sein Vater das Königsdiadem aufgesetzt hatte, und das liebliche Fürstentum Baetica schlossen eine ehrenhafte und rechtgläubige Allianz mit einer merowingischen Prinzessin, welche die Tochter des austrasischen Königs Sigibert und der berühmten Brunhild war. Die liebreizende Ingundis, welche nicht älter als dreizehn Jahre alt war, wurde am arianischen Hof zu Toledo freundlich aufgenommen, hochgeschätzt und verfolgt; und die Gotenkönigin Goisvintha setzte ihrer Glaubensfestigkeit abwechselnd mit freundlicher Zurede und Gewaltandrohung zu, so dass sie ihre mütterliche Stellung gleich zweifach missbrauchte Goisvintha heiratete nacheinander zwei westgotische Könige: Athanagild, dem sie Brunhild gebar, die Mutter der Ingundis; und Leovigild, dessen zwei Söhne Hermenegild und Recared einer früheren Ehe entstammten.. Erbost durch soviel Widersetzlichkeit, packte Goisvintha die katholische Prinzessin endlich an ihren langen Haaren, warf sie brutal zu Boden, trat auf sie ein, bis sie blutüberströmt war und gab endlich den Befehl, sie in einen Fischteich zu werfen »Iracundiae furore succensa, adprehensam per comam capitis puellam in terram conlidit, et diu calcibus verberatam, ac sanguine cruentatam, jussit exspoliari, et piscinae immergi.« Gregor von Tours 5,39. Seine ›Historia Francorum gehört zu unseren besten Quellen dieses Teils der Geschichte.‹.

Liebe und Ehrgefühl bestimmten Hermenegild, dieser unmenschlichen Misshandlung seiner Braut zu widerstehen; und endlich gelangte er zu der Überzeugung, dass Ingundis für die Sache des wahren Gottes litt. Ihre stillen Vorwürfe und die gewichtigeren Argumente von Leander, Erzbischofs von Sevilla, vollendeten seine Bekehrung; und so ward der gotische Thronerbe mit feierlichem Firmungsritual dem nicäischen Bekenntnis zugeführt Die Katholiken, die die Taufe von Ketzern zuließen, wiederholten diesen Ritus, oder, wie man später sagte, das Sakrament der Firmung, dem sie viele mystisch-wunderbare Vorzüge der sichtbaren und unsichtbaren Art zuschrieben. Siehe Chardon, Histoire des Sacramens, Band 1, p. 405-552.. Doch fand sich dieser vorschnelle Jungmann infolge von Glaubenseifer oder Ehrgeiz rasch bereit, seine Sohnes- und Untertanenpflichten zu verletzen; und wenn sich Spaniens Katholiken auch über keinerlei Nachstellungen beklagen durften, fand der fromme Aufstand gegen den häretischen Vater doch ihren Beifall.

Der ausbrechende Bürgerkrieg zog sich infolge der langandauernden und hartnäckigen Belagerung von Merida, Cordoba und Sevilla dahin, da sie sich der Sache des Hermenegild mit vieler Hingabe angenommen hatte. Dann lud er die rechtgläubigen Barbaren, Sueben und Franken ein, sein eigenes Land zu verwüsten; er bat selbst die Römer um ihre nicht unbedenkliche Hilfestellung, denen damals Afrika und ein Teil der spanischen Küste gehörten; und sein heiliger Botschafter, der Erzbischof Leander, verhandelte in eigener Person und erfolgreich mit dem Hof von Byzanz. Aber die Hoffnungen der Katholiken wurden zu Staub angesichts eines Königs, der über die Truppen und die Schätze seines Landes verfügte und beides zu nutzen verstand; und der schuldbeladene Hermenegild, dem weder die Flucht noch der Widerstand geglückt waren, fand sich endlich genötigt, sich seinem erbosten Vater auf Gnade und Ungnade zu ergeben.

In Leovigild obsiegten die familiären Gefühle; und so wurde dem Rebellen gestattet, sich in einem achtbaren Exil der katholischen Religion zu widmen. Schließlich aber brachte er den Gotenkönig durch ebenso häufigen wie erfolglosen Verrat gegen sich auf; und das Todesurteil, welches er mit erkennbarem Widerstreben ausgesprochen hatte, wurde im Gefängnis von Sevilla in aller Heimlichkeit vollstreckt. Die verstockte Hartnäckigkeit, mit der er das arianische Bekenntnis als Preis für sein Leben anzunehmen sich weigerte, sind der Grund für die Verehrung, die man dem Andenken des heiligen Hermenegild widmete. Sein Weib und seine Kinder wurden von den Römern in schmachvoller Haft einbehalten; und diese familiären Schicksalsschläge verdunkelten den Glanz von Leovigilds Nachruhm und verbitterten ihm seinen Lebensabend.

KONVERSON DES REKKARED UND DER WESTGOTEN IN SPANIEN A.D. 586 – 589

Sein Sohn und Nachfolger Recared, der erste katholische König Spaniens, hatte seines glücklosen Bruders Glauben angenommen und bewahrte ihn mit mehr Umsicht und mehr Erfolg. Anstelle sich gegen seine Vater zu erheben, wartete er geduldig auf die Stunde seines Todes. Anstelle eine damnatio memoriae auszusprechen, verbreitete er die fromme Lüge, dass der Monarch noch auf dem Sterbebett der arianischen Irrlehre abgeschworen und seinem Sohne die Bekehrung des Gotenvolkes anempfohlen habe. Zu diesem heiligen Ende berief Recared eine Versammlung des arianischen Klerus und Adels ein, bekannte sich öffentlich zum Katholizismus und ermunterte die Anwesenden, dem Beispiele ihrer beiden Herrscher zu folgen.

Die mühselige Ausdeutung zweifelhafter Textstellen und die Debatte metaphysischer Gegenstände hätte eine endlose Kontroverse hervorgerufen; und so legte der Monarch in aller Vorsicht seiner ungebildeten Zuhörerschaft zwei handfeste und begreifliche Argumente vor: das Zeugnis des Himmels und der Erden. die Erde habe sich dem nicäischen Glaubensbekenntnis unterworfen: die Römer, die Barbaren und Spaniens Einwohner hätten sich einmütig demselben orthodoxen Glauben angeschlossen; nur die Westgoten blieben nahezu als einzige in ihrem Gegensatz zur Einheit aller Christenmenschen. Die übernatürlichen Heilungserfolge, die die Raffinesse oder die Tüchtigkeit des katholischen Klerus zu inszenieren verstanden hatten, als ein Zeugnis des Himmels anzuerkennen, fand sich die abergläubige Zeit nur zu gerne bereit; oder die Taufwasser-Quellen von Osset in Baetica Osset oder Julia Constantia lag Sevilla gegenüber, am Nordufer des Baetis (Guadalquivir). Plinius, Naturalis Historia 3,3. Die authentische Darstellung des Gregor von Tours (Historia Francorum 6,43) verdient mehr Glauben als der Name von Lusitanien (De gloria Martyrum 24), welche die eitlen und abergläubigen Portugiesen angenommen hatten. Ferreras, Histoire d'Espangne, Band 2, p. 166., die sich in jedem Jahre zu den Ostervigilien neuerlich aus eigenem Antriebe mit Wasser füllten An diesem Wunder wurde mit aller Sorgfalt gearbeitet. Ein arianischer König versiegelte die Tore, zog einen tiefen Graben um die Kirche und war dennoch nicht imstande, die österliche Ergänzung des Taufwassers zu hintertreiben.; oder der wundersame Schrein des St. Martin von Tours, der bereits den Herrscher der Sueben und das Volk von Galizien bekehrt hatte Ferreras (Band 2, p. 168-175, A.D. 550). Hat die Probleme hinsichtlich des korrekten Zeitpunktes und der Begleitumstände bei der Bekehrung der Sueben dargetan. Erst kurz zuvor hatte Leovigild sie zu der gotischen Monarchie von Spanien geeint..

Allerdings blieben dem katholischen Herrscher bei dieser wichtigen Umgestaltung der nationalen Religion ein paar Schwierigkeiten nicht erspart. Eine von der Königs-Witwe veranstaltete Verschwörung bedrohte sein Leben; und in Gallia Narbonensis rebellierten zwei comes gegen ihn. Indessen: Recared entwand den Verschwörern die Waffen, besiegte die Rebellen und exekutierte harte Strafjustiz; was die Arianer ihrerseits mit dem Makel der Glaubensverfolgung belegten. Acht Bischöfe, deren Namen ihre Herkunft von den Barbaren verraten, schworen ihren Irrtümern ab; und alles arianische Schrifttum ging in Flamen auf, zusammen mit den Häusern, in denen man sie mit Fleiß gesammelt hatte. Alles, was Westgote oder Suebe war, wurde dem katholischen Glauben mit List oder Gewalt zugeführt. Der Glaube zumindest der erblühenden nächsten Ggeneration war von glühender Aufrichtigkeit; und mit frommer Freigebigkeit machten die Barbaren die Kirchen und Klöster Spaniens reich. Siebzig im Konzil von Toledo versammelte Bischöfe nahmen die Unterwerfung ihrer Eroberer entgegen; und so trug der spanische Glaubenseifer zur Verbesserung des nicäischen Glaubensbekenntnisses bei, indem er erklärte, dass der Heilige Geist vom Sohn wie auch vom Vater ausgehe: ein gewichtiger Punkt innerhalb der Glaubensdoktrin, welcher später einmal zum Schisma zwischen lateinischer und griechischer Kirche Anlass gab Dieser Zusatz zum nicäischen oder besser: dem konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis erfolgte auf dem achten Konzil von Toledo (A.D. 653); aber es gab der populären Vorstellung Ausdruck. Vossius, de tribus symbolis. Opera, Band 6, p. 527..

Der königliche Proselyt erwies unverzüglich Papst Gregor, der Große zubenannt, seine Aufwartung und erholte sich Rats bei diesem gelehrten und heiligen Prälaten, dessen Regierung sich auszeichnete durch den Übertritt zahlloser Häretiker und Ungläubiger. Recareds Botschafter legten an der Pforte des Vatikans mit allem Respekt ihre üppigen Gold- und Edelstein-Geschenke nieder; ihm Gegenzug erhielten sie als willkommene Gabe die Haare von Johannes dem Täufer, ein Kreuz, und welchen ein kleiner Splitter vom wahren Holze eingelegt war sowie einen Schlüssel, der ein paar Eisenpartikel enthielt, die von der Kette von St. Petrus abgeschabt worden waren Siehe Gregor der Große,7, Epistulae 126, bei Baronius, Annales ecclesiastici, A.d. 599,Nr. 25 und 26..

BEKEHRUNG DER ITALIENISCHEN LOMBARDEN A.D. 600

Derselbe Gregor, der schon Britannien geistlich überwunden hatte, ermutigte auch die fromme Lombardenkönigin Theodelinda, das nicäische Glaubensbekenntnis auch jenen siegreichen Wilden nahe zu bringen, die ihr erst kürzlich angenommenes Christentum durch die arianische Häresie besudelten. Ihre hingebungsvollen Bemühungen hatten für die erfolgreiche Arbeit künftiger Missionare noch viel Raum gelassen; und noch viele Städte Italiens wurden von gegnerischen Bischöfen geistlich okkupiert. Aber die Sache des Arianismus unterlag allgemach dem Druck der Wahrheit, der Interessengruppen und der erfolgreichen Vorbilder; und die Kontroverse, die Ägypten der Schule des Platonismus zu danken hatte, wurde nach mehr als dreihundert Jahren heftiger Auseinandersetzungen durch die Bekehrung der Lombarden Italiens beendet Paulus Diaconus, De gestis Langobardorum 4,44, lässt den Arianismus allerdings bis in die Regierungszeit von Rotharis (A.D.636-652) existieren. Der fromme Diakon versucht den Zeitpunkt der Bekehrung nicht festzulegen, sie war aber noch vor dem Ende des siebenten Jahrhunderts abgeschlossen..

VERFOLGUNG DER JUDEN IN SPANIEN A.D. 612 – 712

Die ersten Missionare, die den Barbaren das Evangelium predigten, machten Vernunftgründe geltend und betonten die Segnungen der Toleranz »Quorum fidei et conversioni ita congratulatus esse rex perhibetur, ut nullum tamen cogeret ad Christianismum...Didicerat enim a doctoribus auctoribusque suae salutis, servitium Christi voluntarium non coactitium esse debere.« (Es wird berichtet, dass der König höchlich erfreut war über deren Glauben und Bekehrung und dass er dennoch niemand dazu zwang...Er hatte nämlich von den Lehrern und Bringern seines Heils erfahren, dass der Dienst an Christus freiwillig sein müsse und nicht erzwungen). Beda, Historia ecclesiasticae 1,26.. Indessen, kaum war die neue geistliche Herrschaft fest begründet, als sie auch schon die christlichen Könige dringlich ermahnten, ohne Gnade alle Überreste des römischen und barbarischen Aberglaubens zu tilgen. Die Nachfolge des Chlodwigs bestraften ihre Bauern mit einhundert Peitschenhieben, wenn sie sich weigerten, ihre Götzenbilder zu zerstören. Noch schwerer – mit Gefängnis und Enteignung – bestraften die Gesetze der Angelsachsen Opfer an die Dämonen; und selbst Alfred der Weise beugte sich den strengen mosaischen Riten Siehe die Historiens de la France, Band 4, p. 114; und Wilkins, Leges Anglo-Saxonicae, p. 11 und 31. »Siquis sacrificium immolaverit praeter Deo soli morte moriatur.« (Wenn jemand ein Opfer bringt außer alleine Gott, soll er des Todes sterben).. Aber das Delikt und seine Bestrafung verloren sich allmählich unter den Christenmenschen; die Dispute der verschiedenen theologischen Schulen verloren sich in behaglicher Ahnungslosigkeit; und der Geist der Intoleranz, dem nunmehr Götzenanbeter und Ketzer fehlten, verlegte sich auf die Verfolgung der Juden. Dieses exilierte Volk hatte mehrere Synagogen in den Städten Galliens begründet; aber seit den Zeiten Hadrians hatten sie vor allem in Spanien zahllose Kolonien Die Juden selbst gaben vor, dass sie auf den Schiffen Salomons und mit Hilfe der Waffen Nebukadnezars nach Spanien gelangt seien; dass Hadrian vierzigtausend Familien von Stamme Judah und zehntausend vom Stamme Benjamin verbracht habe &c. Basnage, Histoire des juifs, Band 7, p. 240-256.. Der Reichtum, den sie durch Handel und Geldgeschäfte erworben hatten, erregte den frommen Neid ihrer Herren; und ohne Gefahr hätten man sie niederhalten können, da ihnen der Gebrauch, ja selbst die Erinnerung an Waffen abhanden gekommen war. Sisebut, ein Gotenkönig zu Beginn des siebenten Jahrhunderts, ging unvermittelt bis an die äußerste Grenze mit seinen Nachstellungen Isidor, zu jener Zeit Erzbischof von Sevilla, erwähnt, missbilligt und lobt zugleich den Glaubenseifer des Sisebut.(Historia de regibus Gothorum, p. 728). Baronius (Annales ecclesiastici, A.D. 614, Nr. 41) beruft sich bei seiner Zahlenangabe auf Aimoin von Fleury (6,22); aber die Angabe ist nicht stichhaltig, und ich selbst war außerstande, die Angabe zu bestätigen. Historiens de la France, Band 3, p. 127.. Neunzigtausend Juden wurden zwangsweise getauft; der Besitz der hartnäckig im Unglauben verharrenden wurde konfisziert und sie selbst gefoltert; und es scheint zweifelhaft, ob sie nicht wenigstens ihre Heimat verlassen durften. Solcherart unkontrollierten Glaubensaufwallungen des Königs stellte sich sogar der spanische Klerus moderierend entgegen, indem er feierlich und folgewidrig verkündete: dass die Sakramente niemandem gewaltsam auferlegt werden dürften; aber dass die zwangsgetauften Juden zur höheren Ehre der Kirche auch gezwungen sein sollten, die äußeren Handlungen der Religion auszuüben, die sie nicht glaubten und sogar verachteten.

Die ungezählten Fälle von Glaubensverrat veranlassten endlich einen der Nachfolger Sisebuts, das ganze Volk aus dem Reiche zu verbannen; und ein Konzil in Toledo verfügte, dass ein jeder Gotenkönig einen Eid darauf ablegen sollte, diese heilsame Maßnahme fortzusetzen. Indessen: die Tyrannen entließen nur widerstrebend ihre Opfer, an deren Folterung sie ihre Freude hatten und mit denen sie fleißige und für sie höchst einträgliche Sklaven entlassen hätten. Die Juden indessen blieben in Spanien, in gleicher Weise belastet durch bürgerliche und kirchliche Gesetzgebung, die dann man in eben diesem Lande getreulich in den Codex der Inquisition übertragen hat. Im Laufe der Zeit entdeckten die Gotenkönige und die Bischöfe, dass Unrecht Hass erzeugt und dass der Hass auf eine Gelegenheit zur Rache lauert. Ein Volk, dass offene oder heimliche Feindschaft gegen das Christentum in sich trug, wurde in seiner Knechtschaft und Bedrängnis größer und größer; und dem stürmischen Vordringen der arabischen Eroberer wurde in der Tat durch die Ränke der Juden Vorschub geleistet Basnage (Histoire des juifs, Band 8, p. 388-400) stellt den Zustand der Juden getreulich dar; aber er hätte noch zahlreiche kuriose Einzelheiten aus der spanischen und westgotischen Gesetzgebung hinzufügen können, die für seinen Gegenstand von Bedeutung, für meinen jedoch ohne Belang gewesen wären..

DIE HÄRESIE DER ARIANER VERSCHWINDET - SCHLUSSFOLGERUNGEN

Sobald die Barbaren ihre schützende, starke Hand zurückgezogen hatten, war die verhasste Häresie der Arianer nur noch verächtlich und geriet in Vergessenheit. Nur die Griechen bewahrten sich ihre scharfsinnige und debattierfreudige Disposition; die Errichtung einer noch so abwegigen Doktrin warf neue Fragen auf und verursachte neue Streitigkeiten; und allemal war es im Bereich der Möglichkeiten eines ehrgeizigen Prälaten oder fanatischen Mönches, den Frieden der Kirche, ja, des ganzen Reiches zu stören. Dem Historiker der Reichsgeschichte mögen solche Auseinandersetzungen entgehen, da sie sich meist nur in der Enge einer Schule oder Synode ereigneten. Die Manichäer, die sich darum bemühten, die Lehren Christi und Zoroasters zu versöhnen, waren heimlich in die Provinzen eingesickert; aber schon bald waren diese ausländischen Sektierer in die landesweiten Zänkereien der Gnostiker verwickelt, und die öffentliche Missgunst exekutierte die kaiserlichen Gesetze an ihnen. Die vernunftgelenkten Auffassungen der Pelagianer breiteten sich zwischen Britannien bis Rom, Afrika und Palästina aus, und erst in einem abergläubischen Zeitalter verschieden sie in aller Stille. Der Osten zerfleischte sich an den nestorianischen und eutychischen Kontroversen; in ihnen wurde der Versuch unternommen, das Mysterium der Inkarnation Christi zu erklären mit dem Ergebnis, dass das Christentum in seinem Ursprungsland vorzeitig zugrunde ging. Zum ersten Male wurde dieser Streit unter dem jüngeren Theodosius ausgetragen; aber seine Folgen gehen weit über den Gegenstand des vorliegenden Bandes hinaus. Die metaphysische Kette von Argumenten, der kirchenpolitische und politische Einfluss auf den Niedergang des byzantinischen Reiches: dies macht bereits eine hochinteressante und lehrreiche Darstellung erforderlich, die von den ökumenischen Konzilien von Ephesos und Chalkedon bis zu den Eroberungszügen von Mohammeds Nachfolgern reicht.








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