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Venus und Tannhäuser

Aubrey Beardsley: Venus und Tannhäuser - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorAubrey Beardsley/Franz Blei
titleVenus und Tannhäuser
editorFranz Blei
publisherPaul Steegemann Verlag
yearo.J.
firstpub1920
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140217
projectid4cf8b22e
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Das siebente Kapitel, welches erzählt, wie Tannhäuser erwachte und sein Morgenbad im Venusberge nahm

In einem fremden Schlafzimmer zu erwachen hat immer etwas Köstliches. Die unbekannten Tapeten, die unvertrauten Bilder, die Lage der Türen und Fenster – man hat das alles des Nachts nur ganz vage erfaßt – zeigen sich nun mit allen Reizen des Neuen beim Augenaufschlagen am andern Morgen.

Es war schon gegen elf, als Tannhäuser erwachte. Er streckte sich behaglich in dem weißen Daunenbett, hing seinen munterwerdenden Gedanken nach und starrte dabei zu dem seltsam verzierten Betthimmel hinauf. Er war völlig zufrieden mit seinem Schlafzimmer, das ihn an die üppigen Interieurs des graziösen wollüstigen Baudouin erinnerte. Durch geblümter Vorhangs schmalen Spalt sah des Chevaliers Blick ein Stück sonniger Wiese, eine silbernde Fontäne, Blumenbeete und Gärtner bei der Arbeit. »Entzückend, ganz entzückend,« monologisierte er und drehte sich, um die Seidenkissen aufzuschütteln. »Und wie höchst scharmant die Bilder,« sagte er weiter, das Auge von Tafel zu Tafel führend, die an den rosenstreifigen Wänden hingen. In den sehr delikat ausladenden Rahmen hatten die anmutigen und lockenden Gestalten Dorat's und seiner Schule Leben bekommen: schlanke Kinder in Cape und Maske gab es, entzückend lachend, erlesene Lüstlinge lehnten sich an die Schultern liebenswürdiger puppenhafter Damen und taten weiter nichts, fratzenhafte Pierrots, die sich wie Frauen hielten und auf irgendwas außerhalb des Bildes deuteten, etwas unheimliche Narren und absonderliche Weiber, die in einem Räume vor sich totflackerndem Kamin und in riesigem Schatten an Wand und Decke geheimnisvoll ineinander vergehen. Auf einem Bilde, das den Chevalier etwas verblüffte, spielte ein alter Marquis seine Fünffingerübung, während vor ihm seine Geliebte die heiße Mitte ihrer Hinterbacken einem heftigen Pudel darbot.

Der Chevalier war aus dem Bette gestiegen. Er ließ sein dünnes Nachtkleid fallen und stellte sich elegant vor einen hohen Spiegel, sich selbst genießend. Nun beugte er sich vor, jetzt legte er sich zu Boden, dann stellte er sich auf ein Bein und ließ das andere lose schleifend, daß er aussah, wie von einem italienischen Primitiven gezeichnet. Jetzt legte er sich, dem Spiegel den Rücken zugekehrt, auf den Boden und schaute über die Schulter weg verliebt sein Bild. Dann wieder wand er eine weiße Seidenschärpe auf hundert reizende Arten um seinen Leib. Er war so verliebt in sein Spiegelbild, so ganz damit beschäftigt, daß er den Eintritt einiger dienenden Knaben gar nicht merkte, die bewundernd und voller Respekt in einiger Entfernung auf die Entgegennahme seiner Morgenwünsche warteten. Als sie der Chevalier erblickte, lächelte er liebenswürdig und bat um die Bereitung des Bades. Die Salle aux bains war das größte, vielleicht auch schönste Appartement unter des Chevaliers prachtvollen Gemächern. Der bekannte Kupfer von Lorette, den er als Frontispice für Millevoye's Architecture du XVIII e siècle gestochen hat, gibt eine bessere Vorstellung von Bau und Ausgestaltung dieses Baderaumes, als meine Worte es könnten. Nur scheint mir das in die Mitte eingelassene Bad selber auf Lorette's Stich ein wenig zu klein zu sein.

Einen Augenblick verweilte der Chevalier und besah wie Narciß sein Spiegelbild in dem duftenden Wasser. Dann rührte er mit der Fußspitze die glatte Fläche, stieg mit elegantem Schwung in das laue Bassin und durchschwamm es mit Grazie.

Ob sie ihm nicht Gesellschaft leisten wollten? wandte er sich an die hübschen Jungen, die mit gewärmtem Leinenzeug und Parfüm bereit standen. Rasch warfen sie auf die Frage ihre leichten Morgenkleider ab und sprangen ins Wasser, den Chevalier in einem lachenden Reigen umkreisend. »Spritzt mich nur an, immerzu!« rief er, was nun auch die Buben mit solchem Eifer besorgten, daß dem Tannhäuser ganz heiß wurde vor Erregung. Er fing sich den Hübschesten, packte ihn und küßte ihn, daß es dem armen Jungen aufsprudelte wie einem Karmeliter. Zum Angriff überzugehen fehlte dem Knaben offenbar der Mut, weshalb Tannhäuser mit gnädiger Geschicklichkeit die Abwehr spielte, ein Zug solcher Großmut, daß er ihm die Herzen seiner Valets de bain oder seiner reizenden Fischlein gewann, wie er sie nannte, da sie um ihn herum und besonders gern zwischen seinen Beinen durchschwammen. Das Vergnügen am Bade selber ist lange nicht so groß wie das am Abgetrocknetwerden, wenn es mit Geschick gemacht wird, und Tannhäuser war mehr als zufrieden mit der Geschicklichkeit, die seine kleinen Diener bei dieser Arbeit zeigten, die man fast ein Liebesamt nennen konnte. Die allerzärtlichste Fürsorge, die sie den heimlichen Teilen seines Leibes erwiesen, weckte in ihm Empfindungen auf, für die er dankbar war, und nach also beendetem Kult war jede Spur früher gespürten Heimwehs vollkommen verschwunden.

Während der ausruhenden Erholung trank der Chevalier seine Schokolade. Nun trat er in den Ankleideraum. Hier waren Daucourt, sein Kammerdiener, Chenille, der Perückenmeister und Barbier nebst zwei entzückenden Jungen mit Rat und Tat zu seinen Diensten. Nach dem Rasieren befahl Daucourt den beiden Jungen, mit den Kleidern vorzutreten, aus denen die Wahl zu treffen Tannhäusern oblag. Die glückliche Entscheidung traf einen brillanten Rock aus zartrosaroter Seide, lose liegend um die Hüften, aber gut anliegend an des Chevaliers vollendetem Hinterteil; Pantalons aus schwarzer Spitze, weich wie ein Jupon gefältelt und bis an die Knie reichend; das Hemd aus weißem Musselin mit Goldflitter. Unter Daucourts Anleitung, und mit größter Ehrfurcht vor dem Nackten, verrichteten ohne Hast die beiden Pagen ihr Werk an Tannhäusers verständnisvoll gewürdigten, eigentümlich schönen Körperformen.

 

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