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Venus und Tannhäuser

Aubrey Beardsley: Venus und Tannhäuser - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorAubrey Beardsley/Franz Blei
titleVenus und Tannhäuser
editorFranz Blei
publisherPaul Steegemann Verlag
yearo.J.
firstpub1920
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140217
projectid4cf8b22e
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Das sechste Kapitel, welches berichtet von dem Liebeszweikampf zwischen Venus und Tannhäuser

Venus und der Chevalier hatten sich in den entzückenden Pavillon zurückgezogen, den Le Con auf der ersten Terrasse für die Göttin gebaut und eingerichtet hatte und von dem aus man auf die Wäldchen und Gärten köstlichen Ausblick genoß. Das Boudoir war ein entzückender Raum in Seide und weichen Kissen. Von seinen acht Wänden glänzten Spiegel und Leuchter auf üppige Bildwerke, und die Kuppel der Decke dämmerte dreißig Fuß hoch vergoldet durch den warmen Schleier des Kerzenlichtes. Zierlich lächelten geputzte Statuettchen aus Wachs, grimmig blickten groteske Figuren aus Chinaporzellan, bleich schimmerten auf vergoldeten Hügelchen blaßgrüne Vasen, in kleinen, nach einer Seite offnen Kästchen spielten zwerghafte chinesische Figuren die Szene eines Stückes, und eine Welt von merkwürdigen Kostbarkeiten füllte die gewundenen Schränke an den Wänden. In einer Ecke des Raumes standen sechs allerliebste Kartentischchen mit zierlichsten Stühlen darum geordnet, wonach doch etwas Wahres an dem Verse des Mr. Theodore Watts sein dürfte:

»Ich spielte mit der Königin der Liebe ein Piquet.«

Das hübscheste im Pavillon waren aber die zusammenklappbaren Wandschirme, von de la Pine mit Claudeschen Landschaften bemalt, bei deren Anblick man hinschmilzt, vor denen man zu zweit Stunden und Stunden verweilen kann, und die einen ganz vergessen machen, wie kunstvoll und faszinierend die Natur oft sein kann. Vier solche Paravants gab es in diesem Boudoir der Liebe, es begrenzend und neue Räume in dem Räume schaffend.

Mächtige Ranken roter Rosen mengten ihren Duft mit dem weichen, den Kissen und Pfühlen entströmenden aufreizenden Parfüm, von Chateline höchst sekret hergestellt und Eau Lavante getauft.

Wer Venus nur aus dem Louvre, aus dem British Museum, aus Florenz, Rom oder Neapel kennt, der hat nicht die geringste Vorstellung davon, wie verlockend und voller Grazie sie war, als sie in dem allerliebsten Boudoir neben Tannhäuser auf rosenfarbner Seide lag.

Cosmés Kunstbau von Löckchen, Wellen und Bändern war schon gegen Ende des Soupers in völlige Unordnung geraten; nun fielen gelöste Locken des schwarzen Haares verirrt über die Lider, die müden, leichtgeschwollenen. Zartestes Hemd und zierlichstes Höschen waren zerrissen und feucht geworden, daß sie fast am schimmernden Leibe klebten, dessen Waden nach Liebe gierten. Die festgeschlossenen Schenkel schienen alles umfassendes Abbild des Kleinods zu sein, das sie zwischen sich verwahrten. Die herrlichen Tétons du derrière waren so rund und prall wie die Wangen einer Jungfrau und versprachen Genüsse tief wie die Geheimnisse der rue Vendôme, und der Flaum unter dem Nabel erreichte die gekräuselte Fülle eines cherubinischen Lockenköpfchens.

Bleich und wortlos war Tannhäuser. Er ließ seine edelsteingeschmückte Hand fiebrig über die königlichen Glieder gleiten, riß da Hemd und Höschen und Strümpfe weg und seiner eigenen wenigen Kleider bereits ledig, warf er sich mit einem tiefen Ausatmen auf die prachtvolle Dame.

Mir ist die Gewohnheit der Romanschreiber nicht unbekannt, Helden darzustellen, die ihrer Dame an zwanzig mal und öfter in einer Nacht die Beweise ihrer Kraft geben. Tannhäuser zeichnete solche gargantuanische Unermüdlichkeit mit nichten aus, und er fühlte sich nach einer Stunde sehr erleichtert, als Priapusa, Doricourd und noch ein paar betrunken in den Pavillon taumelten und Venus für sich verlangten. Bald war das Boudoir übervoll von einer lautlärmenden Menge, die sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Es waren ein paar von den Schauspielern darunter, und einer von ihnen, Lesfesses, der den Fanfreluche so meisterhaft dargestellt, wandte, noch in Kostüm und Rolle, Tannhäuser seine schreckliche Aufmerksamkeit zu. Außerhalb der Bühne fand ihn aber der Chevalier ganz uninteressant, weshalb er sich erhob und den Platz räumte, auf den sich die Maniküre bei Venus nieder ließ.

»Der arme Kleine sieht erschöpft aus,« sagte Priapusa, »soll ich ihn in sein Bettchen bringen?« – »Ist er so schläfrig wie ich,« gähnte Venus, »dann tu's.« Da hob die fette Alte ihre Herrin vom Lager und trug sie zärtlich und mütterlich in ihre Arme gebettet davon. Und sagte: »Kommt, Kinderchen, es ist Zeit für euch beide ins Bett.«

 

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