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Venus und Tannhäuser

Aubrey Beardsley: Venus und Tannhäuser - Kapitel 19
Quellenangabe
typenovelette
authorAubrey Beardsley/Franz Blei
titleVenus und Tannhäuser
editorFranz Blei
publisherPaul Steegemann Verlag
yearo.J.
firstpub1920
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140217
projectid4cf8b22e
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Das siebenzehnte Kapitel, welches berichtet, was dem Chevalier zu tun auferlegt war

Dem mystischen Zuzweit gibt die Erbsünde keine Dauer, als welche der Wurm in der Frucht ist, die lieblich vom Baume gepflückt Moder wird nach dem ersten Biß. Dem vernünftigen Zusamt regnet es ins Haus, denn es fehlt ihm das der Vernunft widerstreitende und darum von ihr abgedeckte Dach, als welches Gott ist. Vor dem einbrechenden Regen, Hagel und Sonnenglut sich zu schützen ist Kampf aller gegen alle, um Schlupfwinkel darbender Leiber, Weib, Metaphern, Begriffe: ein Tollhaus der Rasenden. Jenseits der Grenze dieses Lebens, des relativ wahren, im absoluten Zustand der Lüge wie der Schriftsteller zu leben, dazu bedarf es der Sprungfeder der Gnade, denn man kann in dieser Welt der Lüge nicht Gast sein, sondern muß sie mit seiner Existenz sie schaffend erfüllen, sie erfüllend erschaffen. Der bloße Wunsch prallt ab von stählerner Mauer. Tannhäuser lag hingeschleudert am Strande, den einen Weg und nur ihn mehr vor sich, der das Zurück bedingte, denn es war der katholische Weg, der durch alles führt, um in der Verlöschung zu enden, die Gott heißt. Hände formten greifend sich um das Kreuz, die einzige Substanz, die ihnen Gewißheit ihrer selbst gab, denn alles, was sie sonst gegriffen hatten war entweichende Luft gewesen, daß die Nägel sich in Handteller gruben, und später dann Finger sich zu Faust gar nicht recht schlössen, denn die Erschütterung, nichts darin zu halten, war wie Tod in entsetzlichen Krämpfen gewesen. Also legten sich die endgültig degantierten Hände um das Holz und waren so wieder da, wenn auch nur um dieses einen willen. Und legten das Kreuz auf die Schulter, die sich beugte mit dem Haupte unter lautloser Last. Das war nicht Flucht in das Letztgebliebene. Das war nicht Verzweiflung nach Niederlagen. Denn was zu tun vor ihm lag, war ja das Schwerste von allem –, begann es doch im ersten Schritt schon damit, das Kreuz zu tragen, das Schwerstes der Welt in seine Arme genagelt hatte.

Der Weg ging durch das Zurück. Als ob er die unsichtbar bewegte Barke zöge, flog, kaum vom Ufer abgetrieben, ein vielfarbiger schöner Vogel vor ihm her und sang einen süßen Ton aus der weitgestreckten Kehle. Da man aber in die Mitte des Sees kam, verstummte der Vogel, und sein Gefieder wurde grau. Und nun, da Tannhäuser am Ufer der Venus ans Land stieg, war der Vogel ein Stein geworden, der grauenvoll flog und dem er folgen mußte wie einem Wegweiser durch das entsetzliche Inferno, in welches das Paradies sich gewandelt hatte. Blattlos streckten Bäume, deren Stamm faulendes Gewürm war, knöcherne Finger in eine nach faulen Fischen stinkende Luft. Gelblicher, glitschiger Schleim rann über den Weg, der nun über eine kochende rote Ebene mit endlosem Horizonte lief, dann wieder eng durch felsiges, tropfendes Gemäuer, daran der fliegende Stein zuweilen mit krächzendem Geräusche stieß und weckte was geschlafen haben mußte oder verborgen war. Denn das kam vor, lehnte an die Felsen, machte schmaler noch den Weg, streckte Grinsen aus augenlosen Gesichtern nach dem Kreuzträger, oder Hände, deren Finger abfielen, oder Armstümpfe, die spitz ausliefen. Lumpen verhüllten schlecht schrecklichen Aussatz, der sich der Berührung weiterschenken wollte. Alle diese Verstümmelten lärmten lautlos, daß ein entsetzliches Getöse in dem Felsenweg war wie Echo vom aufschlagenden Krächzen des fliegenden Steines. Da unten lagen die Gärten und hinunter führte der Stein und der Weg, der nun zur Leiter wurde, von schlafender Schlangen Leiber gebildet, die gleitender Tritt nicht zu wecken versuchte, und doch wurde immer die kaum vom Fuß verlassene Stufe lebendig, stieß den Kopf vor, aus dessen zahnborstigem Rachen spitzdolchige Zunge nach dem Fliehenden fuhr, der abwärts glitt, stürzte, sich erhob mitten in noch sich rührendem Aas, jenem, an dessen lebendigen Exerzitien er, wann war es doch? teilgenommen hatte. Da schnappte Öffnung des Geschlechts mit eitertriefenden Lefzen, aufgesperrt bis unter die Brust, allein noch zuckend, umgeben von totem zerfallenden Rand des übrigen Leibes. Ragte aus fliegenbedecktem Kadaver der Phallus, rotglühend und zuckend die Spitze wie Feuer eines Leuchturmes. Fuhr Dampf aus einer exkrementalen Öffnung, als ob zerfallenes Gedärm noch verdaute. Hügel zweier Brüste lagen auf blanken Rippen wie auf einem Rost. Reichgestecktes Haar türmte über einem gelben Schädel, aus dem noch ein Auge kokett blinzelte. Knöcherne Finger spektakelten wie Blechtrommeln, indem sie Karten hinschlugen, nach denen sich Augen aus Schädeln renkten, die unter den Tischer lagen. Aus Blumenkelchen tropfte Teer, rann Asche. Fetzen Gewandes, zerrissene Schleier, Flicken Seide bewegten sich wie Schmetterlinge, wie Fledermäuse flatternd, einzeln, zu Haufen in einer Luft, die zitterte vom Brodem der Verwesung, über Boden der wellte und in Rissen sich klüftete aus denen fahles Zwielicht mit Armen griff und was es an noch Zuckendem packen konnte hinunterschlang.

Weiß stand das Grauen auf Tannhäusers Stirn, riß ihm die Augen vor, preßte ihm die Kinnbacken in Starre, hockte sich ihm auf die keuchende Brust, hing sich ihm an die Knie. Aber er hielt das Kreuz fest und taumelte weiter und über Aas weg durch die flatternden Schwärme, dem fliegenden Steine vor ihm her folgend, mit unablässigen Augen. So sah er die lächelnde Göttin nicht, hoch, nackt auf einer Säule, vorgestreckt das Geschlecht, mit ungebrochenen Kniekehlen, mit den kleinen Händen die Brüste pressend, aus denen zwei haardünne Strahlen milchigen Blutes in der Luft zu feinem Regen zerstäubten, infernalisches Leben dem gebend, was schon Aas werden wollte.

Tannhäuser stürzte ans Tor, das sich öffnete. Davor saß auf einem Steine Ekart und schlief. Wald und Berge nahmen den Pilger auf.

 

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