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Venus und Tannhäuser

Aubrey Beardsley: Venus und Tannhäuser - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorAubrey Beardsley/Franz Blei
titleVenus und Tannhäuser
editorFranz Blei
publisherPaul Steegemann Verlag
yearo.J.
firstpub1920
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140217
projectid4cf8b22e
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Das vierzehnte Kapitel, welches vom Besuche des Tannhäuser bei Sholeros berichtet

Der Chevalier traf den pergamentgelben Sholeros versenkt in Betrachtung eines stachligen Kaktus an, und des ethischen Kanonikers üppige Lippen wandten sich fromm in sich selber, so daß sie messerdünn und demütig in dem zerwühlten Gesichte des Mannes sich kaum öffnend standen, als er, die etwas verquollenen Augen nicht abwendend von der stachligen Walze mit der roten Wachsblume, das folgende sprach:

»Wenn es eine durch ihren Duft wollüstige und berauschende Blume, also eine ganz perfide gibt, so ist es die Lilie, in welcher unbedachte Moralisten schwächlicher Observanz das Symbol vollkommener jungfräulicher Keuschheit verehren, jener, welche sich Gott darbringt. Kann man aber die reinste Reine mit dem Bilde intensivster Lust darstellen als welche jene ist, welche unmittelbar durch den Geruch, den am wenigsten vergeistigten Sinn, zu uns spricht? Es ist vielmehr eine Blume, konform der Idee der Keuschheit zu finden, die in sich das Mindestmögliche der Konkupiszenz enthält und weniger verliebt stirbt als Rose oder Lilie. Ich möchte die Eintagsblüte des Kaktus vorschlagen als die reinste und keuscheste Blume. Weiß oder blaßrosafarben erschließt sie sich, lebt einen Tag, verwelkt und stirbt. Nichts bleibt von ihrer Schönheit, nicht die Spur eines Duftes haucht sie in ihre Umgebung aus. Sie ist von Stacheln umgeben, die sie vor jeder Kosung schützen, und sie verschwindet, nachdem sie ihre niedere Rolle im zarten Leben der Pflanzen erfüllt hat, ohne vielleicht zu wissen, welches ihre Schönheit sei. Der Kaktus ist ganz Wissen und ganz Weisheit. Mit Wasser gefüllt, wenn die andern Vegetabilien von der Dürre leiden, holt er Leben und Glück aus sich selber. Er besitzt in seiner Häßlichkeit so viel Stärke, wie das Veilchen, wie die Orchidee Schwäche in ihrer Schönheit besitzen. Er gleicht nicht jenen Revolutionären des Glaubens, die sich vor keiner Kontingenz zu beugen erklären und doch damit enden, alle Kontingenzen hinzunehmen. Der Kaktus setzt den Sollizitationen der äußern Welt einen sanften, friedlichen, aber hartnäckigen Widerstand entgegen. Seine Haltung ist Beispiel und Lehre für unsere Haltung. Der Kaktus ist ein symbolisches Beispiel für unsern Glauben.«

Die Blüte neigte sich wie dankend ihrem Lobredner zu und minderte in ergreifender Bescheidenheit welkend ihren Umfang um gut zwei Drittel. Sholeros zeigte lächelnd gelbliche starke Zähne, als er nun zu seinem Gast aufschaute. Es entwickelte sich anschließend an diese Intronisation des Kaktus als Blume der Keuschheit lebhafteste Wechselrede, in welcher die logizistische Zugespitztheit des Kanonikers nicht zu selten das allzu Gespitzte ihrer Argumente an der Haltung des Chevaliers zerbrach, den dieser sokratische Geist mehr unterhielt als des Herrn von Pâris Wechsel zwischen Erschlaffung und Frenesie.

Man sprach davon, daß die Kirche eine Neigung und mehr noch als diese zeige, Gott in der schönen Form nicht zu verehren, sondern nur in deren Verkümmerung oder Verfall. Wodurch man zu einer sekunderen, künstlichen Form und deren Verehrung gekommen sei, nämlich zu den Künsten, die das Häßliche, weil Leidvolle, eines am Kreuze Blutenden und Sterbenden mit den trügenden Mitteln von Farben, Worten, Tönen uns als schön vorstellen, womit ein Ungläubiger selbst gefangen werde, der mit dem Kunstschönen nun hinnehme, was ihn als Gegenstand überhaupt oder solche des Glaubens, den er nicht besitze, widerlich erscheine. Woher den Ikonoklasten als wahrhaft Gläubigen Recht zu geben sei, die um des Glaubens willen dessen Verbilligung in Kunstwerken verabscheuen. Denn es führe die Bilddarstellung des unsichtbaren Gottes entweder von Gott weg zu Götzenverehrung, indem das Bildwerk für Gott genommen werde, oder führe von Gott weg zur Menschenverehrung des Talentes oder Genies oder der Farbenwirkung. Oder es brächte den Gläubigen ständiger vertrauter Umgang mit den abgebildeten Glaubensinhalten zu deren mythologischer Hinnahme als einem nun einmal so Seienden und entziehe ihn solcher Art seiner wirklichen religiösen Aufgabe: Glauben wirklich zu machen um den Preis selbst des Martyriums. Der Chevalier schloß: »Wir sind verdammt. Das Leben ist ein Tal der Tränen. Erlösung von diesem Leben gibt nur der Verzicht auf es. Das Leben ist vom Bösen vergiftet. Es ist häßlich. Nichts, weder Lehre noch Kunst, soll uns zu täuschen versuchen. Jedes Erliegen einer Täuschung bezahlen wir mit dem Verluste der ewigen Seligkeit. So heißt es doch?«

Der im Zitieren gewandte Sholeros versäumte nichts, von Johannes Chrysostomus bis auf Max Scheler, den starren Schluß des Chevaliers zu lockern, der ihm die Starre übrigens nur gab, um Sholeros daran sich wund stürmen zu lassen. In seinem Hintergedanken bereitete er schon eine Wendung vor, die er anbrachte, als der Theologe gerade wieder den Chrysostomus zitierte. Der Chevalier sagte: »Wenn der Satz Ihres Kirchenvaters richtig ist, daß die Wollust dem Tode nahe sei, und die Blumen, die uns meist verführen, auf Grabhügeln wüchsen, ist es dann nicht wahrer christlicher Heroismus, von der Wollust und in ihr zu leben wie es die Trappisten vom Tode tun?

Es ist eine Lust für die reine christliche Seele, alles hinzugeben, um in der Armut des Herrn zu leben, in sie zu versterben.

Die Sintflut der Gnaden, die sich durch die Verdienste von Jesu vergossenem Blute seitdem über die Seelen ergossen, trieb eine große Zahl von ihnen, ihrerseits ihr Blut für den Herrn hinzugeben. Lächelnd in Seligkeit ertrugen sie alle Grausamkeit, welche menschlicher Geist erfinden konnte. Ihre Standhaftigkeit siegte. Der Schmerz verzerrte nicht die Heiterkeit ihres Antlitzes, noch verwirrte er die Ruhe ihrer Seele. Als ob sie einem vergnüglichen Spektakel beiwohnten, sahen sie zu, wie ihnen die Brüste abgeschnitten, die Hände abgehackt, die Beine abgesägt, der Leib geschunden und geröstet wurde oder im Öle gesotten. Als ob sie einen andern Leib hätten, der nicht fühlte, duldeten diese heiligen Leiber.«

Hier sagte Sholeros: »Jeder äußerste Befolg eines sittlichen religiösen Gebotes enthält menschlich etwas Unmenschliches und darum wohl Göttliches, denn Gott ist der Un-Mensch, dem sich der Mensch opfert. Als Mensch unter Menschen lebend ist der unbedingt Gläubige immer menschlich eine Gefahr für seine Mitmenschen, wenn wir von der Menschheit her denken. Es besteht da immer die Möglichkeit, daß das im göttlichen Sinne Gute das im menschlichen Sinne Böse werde. Und umgekehrt.«

»Und löst sich diese Antinomie?« fragte Tannhäuser.

»Es gibt einen Kompromiß, welcher ›Leben‹ heißt,« antwortete Sholeros.

»Und gegen den sich die neueren Heiligen nicht schwierig machen, so wenig wie die andersgläubigen Tyrannen. Möglich auch, daß der Blutdurst Gottes gestillt ist. Vielleicht dienen heute Gott jene besser, welche, so gut sie nur können, den Kalvarienberg des mondänen Lebens erklimmen, dessen jede Freude für einen wahren Christen ein Leid ist. Jedenfalls ist freiwillige Armut ein so besonderes Opfer nicht mehr, wo so viele unfreiwillig arm sind, und Blutzeugen erlebt man schon für das Dümmste.«

»Der Wille zum Martyrium ist das Martyrium selber,« sagte der Kanoniker und schien ganz Wille. Aber es täuschte den Chevalier nicht, daß hier einer nur dachte. Darum sagte er: »Solchem Martyrium fehlen die Blüten.« »Sie sind an die Wand gemalt,« bemerkte Sholeros. »Dann also tot?« – »Lebendig wie die Gedanken,« sprach Sholeros den Schluß dieser Unterhaltung, welche nicht die einzige war, die der Chevalier mit ihm führte. Einmal sprach man von der Nomenklatur der Selbstpeinigung anläßlich des Lebens der heiligen Gertrude, welche den kapriziösen Einfall hatte, die eisernen Nägel ihres Kruzifixes durch Gewürznelken zu ersetzen und zu welcher Christus vom Kreuze stieg, sie in die Arme nahm und sagte:

»Amor meus continuus,
Tibi languor assiduus,
Amor tuus suavissimus
Mihi sapor gratissimus ...«

und man suchte den zweiten Sinn in diesen Versen. Sholeros war darin sehr gewandt, weshalb er auch, um Genuß an dieser Gewandtheit seines Denkens zu haben, dieses am liebsten mit theologischen Problemen beschäftigte, wodurch er gläubig war; denn anders wären sie keine Probleme für ihn gewesen, sondern Silbenrätsel. Und er war der Materie des Lebens nach zu sehr teilnehmend verbunden, als daß er sich mit Anagrammen hätte beschäftigen können. Sinn im Sinnlosen zu suchen war er noch nicht heilig genug.

 

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